„Zimmer voller Freunde“

Erzählen / Schreiben mit „Buffy“

wordpress pokédath.

Freundin K. gehört auf jede Liste meiner Lieblingsmenschen. Eine Hauptrolle in der Oberstufe, eine Schlüsselrolle in der Gegenwart, tolle Gastauftritte im Studium, ein wichtiger Kurzbesuch in Toronto: K. ist eine Kritikerin, eine Reibefläche, eine skeptische, kluge, hochnervöse Frau, die alles richtig machen will – und sich in grimmige, tragische Schlamassel manövriert. Ein toller Mensch. Und, für Romane: eine tolle Figur.

In „Zimmer voller Freunde“ existiert sie nicht.

Weil Helena, Sassi, Stoff – als Clique, Trio – allen Raum einnehmen. Weil ich drei Frauen in Stefans Welt balancieren kann, aber vier chaotisch und beliebig wirken. Weil alles, was ich auf 420 Seiten erzählen will, bereits mit diesen drei Figuren (…und all den anderen zentralen Frauen – Käthe, Antje, Chrissy, Dani, Sonja, Carmen…) erzählt werden kann. Und: Weil K. eigene Nebenfiguren mit sich brächte. Figuren, die meinen Roman belasten, stören, verderben können.


Teen Dramas tun sich furchtbar schwer, in ihren Ensembles Platz zu schaffen für Mauerblümchen / Spätzünder und erfahrene, zynische, (sexuell) selbstbewusste Helden: Viele Hemmnisse / Unsicherheiten „behüteter“ Jugendlicher wirken lächerlich (Streberin Andrea, „Beverly Hills 90210“: „Guys? I’ve never been on a roller coaster before!“), doch viele Erwachsenen-Probleme haben kaum Bezug zur Lebensrealität der Zielgruppe. („90210“-Draufgänger Dylan, im selben Alter: Alkoholiker, Millionenerbe, Ärger mit Mafia-Buchmachern.)

Ich mag, bis heute, Lösung / Ordnung bei „Willkommen im Leben“:

  • Hauptfigur Angela ist mittelmäßig souverän / erfahren…
  • …folgt der „erwachsenen“, forschen Rayanne…
  • …und lässt dabei ihre biedere Grundschulfreundin Sharon zurück.

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Die drei männlichen Teenager spiegeln Angelas Konflikt:

  • Nachbar / Nerd Brian ist planlos, bieder, unerfahren…
  • Jordan Catalano hat eine Band, ein Auto, alle Freiheiten…
  • …und Rickie steht dazwischen – mittelmäßig souverän / erfahren.

[Sympathisch: Sowohl die „extremen“ Mädchen, Rayanne und Sharon, als auch die „extremen“ Jungs, Jordan und Brian, finden im Lauf der Staffel Gemeinsamkeiten und werden – hinter Angelas Rücken / ohne vermittelnde Instanz – Freunde.]

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K., K.s große Liebe und dessen Mutter würden, im „Zimmer voller Freunde“-Gefüge, ein umständliches, dummes Ungleichgewicht schaffen:

  • „erwachsene“ Männer? Levin und Frank.
  • Norm / Mittelmaß? Stefan und Fred.
  • naiv / behütet? Stäcy (und: Fred, in Stefans Wahrnehmung).
  • „erwachsene“ Frauen? Stoff und Käthe.
  • Norm / Mittelmaß? Antje und Sassi.
  • naiv / behütet? Helena (und: Sassi, in Stefans Wahrnehmung).

K. wäre die dritte – mittelmäßig souveräne / erfahrene – weibliche Hauptfigur. K.s. Partner, ein stoischer Footballspieler – pragmatisch, trocken, notorisch gelangweilt von den „Kindsköpfen“ der Clique – der dritte „erwachsene“ Mann. Selbst seine Mutter – K.s größte Kritikerin: kalt, spöttisch, blasiert, zwei Zentner schwer – müsste ich durch 400 Seiten Handlung schleppen… und mit K.s eigener Familie / Mutter kontrastieren.

Um K.s Geschichte stimmig zu erzählen, muss ich zur deutschen Football-Kultur recherchieren, zwei neue Hauptfiguren, vier zusätzliche Eltern, diverse Geschwister zueinander und zu allen anderen Figuren positionieren. Ich müsste die Unterschiede / Gemeinsamkeiten von K., Stoff, Sassi, Helena so zuspitzen, dass alle vier Mädchen eine distinkt eigene, unverwechselbare / zentrale Rolle / Funktion im Roman (…und der Dynamik der Clique) erfüllen. Und über Fragen schreiben, die K.s Leben beherrschten – und mir ganz ungefragt in meine eigene Geschichte rasselten:

regionale Sportvereine, eifersüchtige „Schwiegermütter“, Wehrdienst; Sprüche / Werte wie „Ich bin ein echter Mann – ich trinke Wodka pur!“ und die verzweifelte, tägliche Panik Siebzehnjähriger (!), bei einem Partner „aufs falsche Pferd gesetzt zu haben“.

Dieser Dreck hat meine Jugend sinnlos dominiert.

Dieser Dreck soll bitte, bitte nicht auch noch mein Buch überfluten:

Kein Platz für K., im „Freundeversum“.

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Das Ensemble von „Buffy – im Bann der Dämonen“ (1997 bis 2003 auf The WB / UPN, sieben Staffeln, 144 Episoden) hatte nach vier Jahren eine seltsame Schlagseite: zwei Partner von Buffy hatten die Serie verlassen, Buffys Schulfreunde fanden eigene Beziehungen, und menschlich / erzählerisch schien Buffy selbst das langweiligste Mitglied der Gruppe. „Restless“ (Link), die letzte Episode von Staffel 4, benannte / verschärfte das Problem, indem vier Hauptfiguren vier symbolische Tarotkarten zugewiesen wurden: Sophus für Mentor Giles, Animus für Kumpel Xander, Spiritus für Hexe Willow… und (gähn!) Manus für Buffy – das Mädchen fürs Grobe.

Über Nacht aber, zu Staffel 5, lebt eine Vierzehnjährige im Haushalt von Buffys Mutter: Buffys kleine Schwester, Dawn – eine Figur, die vier Jahre lang nicht existierte (Buffy war Einzelkind, Tochter einer alleinerziehenden Mutter), doch die fortan – Zauberei oder schlechtes Erzählen? – dazu gehört, als wäre sie schon immer Teil von Buffys (Wahl-)Familie und Clique.

„According to Buffy creator Joss Whedon, the introduction of Dawn in Season Five was partly so protagonist Buffy Summers could experience a ‚really important, intense emotional relationship‘ with someone other than a boyfriend“, erklärt Wikipedia (Link). Tatsächlich dachten viele Kritiker zuerst an Seifenopern, Heldencomics und andere mäandernde, wacklig erzähle Fließband- und Endlos-Narrative:

  • Papa Schlumpf war der älteste Schlumpf, bis (…zu Staffel 6 der Trickfilm-Serie) ein nie zuvor erwähnter „Opa Schlumpf“ „von einer 500 Jahre langen Reise um die Welt“ zurückkehrte.
  • Staffel 8 von „Dallas“ war ein einziger langer, „böser Traum“, der endete, als die (vermeintlich tote) Hauptfigur Bobby Ewing aus der Dusche stieg.
  • 1979, im ersten „Star Trek“-Kinofilm, hatten Klingonen eine fremdartigere, neue Gesichts- / Stirn-Struktur als in der „Star Trek“-Fernsehserie, 1966 bis 69. Erst 2005 dichteten „Star Trek“-Autoren eine Erklärung: Alle Klingonen der Ursprungs-Serie waren genetisch modifizierte Agenten / Hybriden.

„Retroactive Continuity“ heißt der – durchschaubare – Erzähl-Trick (Link), bei dem neue „Fakten“ Altbekanntem widersprechen, doch eine hanebüchene, nachgelieferte Erklärung postuliert, dass es doch „eigentlich“, „in Wirklichkeit“, „schon immer“ so war: Lex Luthor war ein Nachbarsjunge von Clark Kent. Soap-Helden haben Schwestern und Brüder, die für fünf oder zehn Jahre nie erwähnt werden – und andere Väter als gedacht, denn ihre Mütter, erfahren sie mit 20, 30, 40, hatten Affären.

In Staffel 3 von „Dawson’s Creek“ zog Jens geheimnisvolle Halbschwester Eve nach Capeside – und versuchte, mit Dawson zu schlafen. Als die Einschaltquoten fielen, verschwand Eve über Nacht… und wurde nie mehr erwähnt. In Staffel 4 begann Dawson dann eine Liebelei mit Gretchen – der bislang kaum erwähnten großen Schwester von Pacey.

Auch Buffys plötzliche Schwester wurde „erklärt“: Dawn ist ein mystischer, okkulter „Schlüssel“, dessen Blut die Barriere zwischen Dimensionen einreißen kann. Damit Buffy – in ihrer Funktion als auserwählter Slayer – alles tut, um diesen Schlüssel vor der Höllen-Göttin Glory zu beschützen, gaben ihm geheimnisvolle Mönche die Gestalt eines jungen Mädchens – und fälschten die Erinnerungen aller Menschen, die mit Buffy und ihrer Mutter in Berührung kamen.

Josss Whedons Erzähl- und Experimentierfreude ist zu verdanken, dass dieser – reichlich doofe – Erzähl-Kniff spannend, mutig, frisch und clever wirkt (statt planlos / verzweifelt / abgestanden, wie die meisten anderen Retcons):

  • „Lost“ wechselt die Perspektive: Das kleine Häuschen in der Vorstadt… steht mitten im Dschungel. Wir haben die Kamera bislang nur niemals auf die Türschwelle gerichtet, und auf die Welt hinter den Fenstern.
  • „Buffy“ wechselt das Gesamtbild: Bisher lebten Mutter und Tochter hier im Haus. Doch über Nacht kamen Zauber-Mönche, verhexten alle Freunde: Seitdem hat Buffy eine Schwester.
  • Joss Whedon, als Erzähler, wechselt die Parameter: Bisher war Buffy ein Einzelkind. Wir werden sehen, wie sich das gesamte Erzählgefüge wandelt, wenn wir ihr die Verantwortung für eine vierzehnjährige Schwester geben.

Im letzten Kapitel von „Zimmer voller Freunde“ wird keine plötzliche Freundin K. aus den Kulissen hüpfen – „Ich war schon immer hier, und voll dabei: Überraschung!“ Doch es erschien mir albern, billig, verbissen, unbeholfen, zu behaupten „Das ist die ‚Zimmer voller Freunde‘-Welt. Für eine K.-Figur ist hier kein Platz…“, und drei Erzähl-Instanzen eisern gleichzusetzen, von denen zweiund das weiß jeder, und mit diesem Wissen kann, in immer neuen Büchern, gespielt, probiert, gearbeitet werden!Kunstgriffe / Kunstfiguren sind:

  • Ich-Erzähler Stefan (A), 16 Jahre alt, erzählt „seine“ Kapitel mit allen perspektivischen Beschränkungen / Scheuklappen seines Milieus und Alters: Bekommt Frank in Kapitel 6 ein Handy geschenkt, denkt Stefan noch in Kapitel 7: „Das hat er sich wohl selbst gekauft, bestimmt“; und erst Kapitel aus Franks / Antjes Sicht sind „objektiver“ als die unzuverlässigen, tendenziösen Schilderungen Stefans.
  • „Stefan Mesch“, als Autor, Konstrukteur, Chronist (B), baut, circa 2008, aus seinen Tagebüchern / Erinnerungen und den Geschichten von Stoff, Sassi, Antje, Frank etc. ein „dramatisches, tiefgründiges Ensemble-Drama“ namens „Zimmer voller Freunde“ – doch ein Kapitel aus Franks / Antjes Sicht ist (…als Bauchredner-Trick, Gedankenspiel, literarische Emulation) noch fadenscheiniger als die tenziösen, aber wenigstens noch „selbst erlebten“ Kapitel Stefans.

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„’How I Met Your Mother’“, schreibt TV Tropes, „makes [retroactive continuity] part of its regular routine, as the show is framed as the recollections of an Unreliable Narrator; Ted is regularly shown to remember things that are out of order or skips over events and people that he deems unimportant to that particular story. A lot of events and characters are only mentioned when they actually become relevant.“

Hier ist es einfach:

  • A: (Hauptfigur) Ted in der Gegenwart.
  • B: (Ich-Erzähler) Ted in der Zukunft, sich erinnernd.
  • C: Drehuchautoren, die diesen beiden Ted-Kunstfiguren eine Stimme geben.
  • A: Stefan Mesch, 16 Jahre alt, erzählt.
  • B: „Stefan Mesch“, ca. 2008, baut ein „Ensemble-Drama“, erzählt übers Erzählen.
  • C: Stefan Mesch – ich, heute, mit allem Wissen, allen Tricks – schreibt den Roman.

Vor drei Wochen schrieb ich über Retcons / Perspektivwechsel und große, plötzliche Veränderungen in Thomas Wolfes Roman-Welt:

„Die Thomas-Wolfe-Figur (ob nun „Eugene Gant“ oder „George Webber“) und „Esther Jacks“ (im echten Leben: Alice Bernstein) sind authentisch. Alles andere steht wie auf Rollen auf der Bühne, und wird verschoben, neu arrangiert, wie es am besten passt.

„Ist das deine Familie?“, „Ist das wirklich passiert?“, „Du warst selbst dort? Du kennst das alles?“ sind Fragen, die eine immense Dynamik entfalten – Dringlichkeit, voyeuristische Spannung, einen „intimen“ Sog: Sie schaffen Nähe zwischen Leser und Autor, machen Romane zu „Berichten“ über „Menschen“ – statt bloßen Fiktionen, voller Figuren.

Mein Stoff ist nicht die Summe meiner spärlichen Kleinstadt-, Provinz- und Alltags-Erfahrungen. Oder die drei-, viertausend Seiten biografisches Material über mich und meine Freunde, die ich damals geschrieben und gesammelt habe.

Sondern – ganz wie bei Wolfe – die Frage, wie man mit solchen Stoffen lebt und schreibt.“

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„Alles andere steht wie auf Rollen auf der Bühne, und wird verschoben, neu arrangiert, wie es am besten passt“: Mal sehen, wann ich Freundin K. ins Spiel bringe. Vergessen ist sie nicht. „Verloren“ auf keinen Fall.

Und: Ich brauche keine Zauber-Mönche, um sie in zukünftige Romane zu schaffen.

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Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

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Erzählen / Schreiben… mit „Lost“

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Wer erzählt, erzählt auch vom Erzählen. Exponiert sich als Instanz, die Information auswählt und gewichtet – zeichnet keine „Wirklichkeit“, sondern das Selbstbild eines Menschen, der glaubt, Wirklichkeit sei darstellbar, in Sprache, und erzählens-wert, in dieser / jener Auswahl, Form, Gewichtung:

Jedes Foto stellt die Frage: Wer hält die Kamera? Wer und was fehlt, im Bild?

Jeder Text stellt die Frage: Wer schreibt das – wem? Glaubt dieser Mensch („Knallkopf“? „Hochstapler“?), Sprache sei… eine Kamera?

Lost“ (ABC, 2004 bis 2010, sechs Staffeln, 121 Episoden) hat mir sehr kurz sehr viel bedeutet: als eine Ensemble-Serie und pointierte Charakterstudie über Zäsuren und „zweite Chancen“. Obwohl die Hauptfiguren im Dschungel hausten, als Überlebende eines Flugzeugabsturzes, blieben die „Wir müssen Obdach finden, bevor es dunkel wird!“-Konflikte zweitrangig. Stattdessen wurde – in cleveren Rückblenden, Parallelgeschichten, Motivketten – über die Geworfenheit des Einzelnen sinniert, Rettung, Tilgung, Sühne, Wiedergutmachung… „Redemption„.

Jede Episode zeigt ein Mitglied des Ensembles als Perspektivträger: Alles, was ihm tagesaktuell, beim Überleben auf der Insel, widerfährt, wird konterkariert, ergänzt, in neues Licht gerückt durch Rückblenden ins Leben vor dem Absturz. Viele Taten, Ängste, Entscheidungen wirken paradox – bis parallel erzählte Rückblenden neue, überraschende Hintergründe öffnen: Er saß im Rollstuhl! Sie ist eine Kriminelle! Er hat gefoltert, beim Militär! etc.

„If there is a method of skewing the audience’s perception of events by rearranging the order of the scenes, LOST has used it“, erklärt TV Tropes. Doch verweist damit auch auf Probleme: In den banalsten, schlechtesten Zeiten erzählte „Lost“ keine Geschichte mehr… sondern häufte leere Andeutungen, Geraune, Taschenspielertricks zu einem möglichst hektischen Durcheinander in der Gegenwart – gespiegelt / gedoppelt durch neue, widersprüchliche Zusatz-Durcheinander in Rück-, Vor-, Seitwärts-Blenden:

Symbole, Figuren, Konflikte – so mehr-, viel-, doppeldeutig, dass sie bedeutungslos wurden. Komplexität als Selbstzweck. Vexierbilder. Beliebigkeit.

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Jedes „Zimmer voller Freunde“-Kapitel erzählt – räumlich begrenzt, recht linear – von einer Figur an einem Ort: Stefan steht im Wald, am Rand einer Grill- und Hüttenparty. Sassi hilft Fred, einen Getränkewagen voll Alkohol über Bordsteinkanten zu hieven. Frank verkauft Bier und Würstchen, auf dem Fußballplatz [Hörprobe]. Antje lauert an der Tür des IT-Raums und zweifelt, ob sie klopfen soll.

Fast immer sind diese szenischen, akuten Spannungsräume alltäglich, dörflich, jugendlich – eine Kragenweite, die u.a. „My so-called Life“ entspannt „realistisch“ wirken ließ: Wer holt uns ab? Wo fahren wir hin? Wen nehmen wir mit? Was denken die von mir? Wie komme ich heim? Figuren stehen auf der Schwelle und entscheiden, wie weit sie gehen wollen. Meine Aufgabe, als Erzähler? Für jede Szene so viele (im Zweifelsfall: gerade genug) Informationen liefern, dass die Tragweite ihrer Entscheidungen verständlich wird.

Zu viele Details? Geschwätzig, barock.

Zu wenige Eckdaten? Verwirrende Puzzles. Luftleerer Raum. Beliebigkeit.

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Link öffnen – [Link: Einbetten ist leider deaktiviert]

In Staffel 3 zeigt „Lost“ eine neue Figur – die überspannte Ärztin Juliet. Um ihre inneren Konflikte abzustecken, reichen 60 erste Sekunden: Juliet will Gäste empfangen, in ihrem kleinen Haus. Juliets Gesten und Routinen zeigen: Sie ist gewissenhaft und fleißig… aber unzufrieden mit sich selbst. Sie will das Richtige tun… doch handelt aus falschem Pflichtbewusstsein. Juliets Ansprüche, Wut und Energie laufen ins Leere.

Es braucht kein Vorwissen, um Spannung, Dringlichkeit dieses ersten Auftritts zu verstehen: Die Frau ist eine Ärztin? Unwichtig. Ihre Schwester hat Krebs? Egal. Das zählt erst später. (… aber: Ihr Lieblingsbuch ist „Carrie“, von Stephen King? Spannend! Eine mausige, überspannte Frau mag den Roman über ein mausiges, überspanntes Mädchen… das ihre gesamte High School tötet? Schlechtes Omen. Gutes Foreshadowing! Das darf gerne gezeigt / erzählt werden, in Juliets erster Szene…)

Erst sehr, sehr spät – Juliet ist als Figur gut positioniert, ihre inneren Konflikte sind klar (wenn auch, natürlich: lange nicht erklärt, benannt, ausgesprochen) – verlässt die Kamera Juliets enges, sauberes Häuschen. Und draußen, vor der Tür… beginnt der Dschungel. Juliet lebt auf der Insel! Sie gehört zur Gruppe der „Anderen“ – schweigsame, finstere Wilde, die in Staffel 1 und 2 in Lumpen und mit Kriegsbemalung durch die Büsche schlichen und Kinder entführten. Oh, the drama…!

Video 2: Fortsetzung der Szene: [Link öffnen – Einbetten ist leider deaktiviert]

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Als ich „Zimmer voller Freunde“ plante, fand ich drei Perspektivträger – Antje, Stefan, Frank –, sechs weitere Hauptfiguren… und glaubte, alles erzählen zu können – mit nur diesen neun Personen:

Ein Theaterstück, in dem neun Darsteller die Bühne betreten. Eine Welt, die keine Erwachsenen zeigt. Ein enger, diskreter Bildausschnitt – mit Leerstellen wie bei Charlie Brown: Die Kamera schwenkt nie bis vorne zur Tafel. Oder hinaus, zur Tür.

Wovon erzähle ich nicht?

Wo fängt mein „außen“ an?

Tatsächlich überraschte mich beim Schreiben des Romans immer wieder, wie schnell (und: endgültig) ich mich entscheiden muss – für Vorgeschichten, Details, feste Größen, Hintergründe – und wie verwirrend, leer, ambivalent jede Szene scheint, der solche Parameter / präzise Kontexte fehlen:

Jetzt, heute ist Freitag, der 20. Juni. Antje ist hier, in der Stadt. Sie kommt gerade…? Vom Schulhof. Sie will…? Zum Bus, der sie nach Hause bringt, ins Dorf. Zu ihrem Vater. Ihren Brüdern. Einem Kaninchen… namens Valentin. Und einem Hund. Doch der hat keinen Namen…

…weil in „Zimmer voller Freunde“ schon fünf andere Hunde wichtig sind – drei mit, zwei ohne Namen: Wer lebt in welchem Dorf? Wer hat Geschwister? Was arbeiten die Eltern? Kennt Stefan Helena seit Klasse 7 – oder seit Klasse 9? Wie heißt Franks Klassenlehrer? Wie viele Großeltern von Käthe sind am Leben? Nur zwei…?! Aha…! Wann und wie starben die übrigen…?!

„Es ist halb sieben, Sonntag Abend. Wir stehen vor Franks Sofa, wir stehen in diesem großartigen Haus, und durch die Gartentür leuchten die Scheiben des Terrariums durchs Laub. Herr Wagenmach fuhr eben nach Heilbronn, zum Nachtdienst. Franziska und Franks Mutter liegen oben auf der Couch, kucken „Charmed“. Und morgen früh ist wieder Schule. Es wird Zeit.“ („Zimmer voller Freunde“: Stefan, zu Beginn von Kapitel 9)

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  • Ein Romancier des 19. Jahrhunderts hätte solche Details / Verortungen / Vogelperspektiven-Fakten immer weiter abgespult – unfehlbar, altklug, selbstbewusst auktorial, als Herr seiner Erzählwelt.
  • Ein „Lost“-Autor hätte lange getrickst, verschwiegen, verschoben – Lücken, Fragen, Leerstellen ausgestellt, als Herr seiner Erzählwelt (Schock! Überraschung, nach 25 Kapiteln: Franks Vater ist Polizist!).
  • Mit 15, 16, in jährlich 200 Einträgen meines „Timers“, habe ich Briefe transkribiert, Freunde interviewt, Gasteinträge gesammelt, aus meiner Wirklichkeit, für eine (imaginäre) Leserschaft ein möglichst „dramatisches, tiefgründiges Ensemble-Drama“ montiert– als Herr meiner Erzählwelt.

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Erst heute, mit diesem Roman, muss ich entscheiden: Wollen wir – Autor und Leser, im Pakt, den wir für die Lektüre von „Zimmer voller Freunde“ eingehen – tun, als hätte ich alles hier im Griff… als virtuoser, kühler Autor?

Oder will ich Fehlbarkeiten, Bruchstellen, Beschränkungen ausstellen…?

„Das ist ja alles real…!“, schimpften Frauenrechtler über Alexander Maksiks Schul- und Parisroman „You deserve Nothing“ (2011): Ein eitler, selbstzogenener, narzisstischer US-Lehrer unterrichtet Philosophie in Paris, schläft mit einer 17jährigen Privatschülerin, unterstützt sie bei ihrer Abtreibung und wird gefeuert. Journalisten deckten auf, dass Maksik – als Lehrer in Paris – 2004 tatsächlich gefeuert wurde, weil er mit einer Schülerin schlief. Die junge Frau bereut die Affäre bis heute – und fühlt sich durch den Roman zusätzlich bloßgestellt.

„Das ist ja alles ganz verdreht…!“, schimpfte meine Mutter, als ich über meine Arbeit am Roman erzählte: „Du nennst den Berliner Ring im Buch ‚Südring‘? Der echte ‚Südring‘ liegt 200 Meter weiter südlich…! Du kannst das doch nicht einfach… biegen!“

„70 Prozent von ‚Feuchtgebiete‘ sind autobiografisch“, schnodderte Charlotte Roche (als blöde Reporter unbedingt „konkrete“ Zahlen hören wollten) – und ich stimme, für „Zimmer voller Freunde“, zu: Bisher erzählen 2 (!) von zwanzig Kapiteln von einem „echten“, realen biografischen Moment, der tatsächlich an genau diesem Tag, mit diesen Leuten „wirklich so geschah“: Tausend Details, Stimmungen, Konflikte (und: Wortwechsel / Tagebucheinträge) sind real. Doch jedes Mal wähle ich, im Zweifelsfall, die erzählerische Lösung, die meine „Wahrheit“ zeigt / erklärt – nicht die empirische, blanke, biografische Wirklichkeit.

„Lost“ sagt: DAS ist die Situation. Wir zeigen sie aus DIESER Perspektive.

Dann fährt die Kamera hinaus – und Juliets Häuschen steht im Dschungel.

Die Fahrt hinaus – die neue, erweiterte Perspektive – schafft neue Komplikationen.

Neuen Kontext. Neue Fragen. Komplexität.

Aber immer auch: Widersprüche. Durcheinander.

„Erzählen“ heißt, in solchen breiten, übervollen, latent unübersichtlichen Figuren- und Handlungsnetzen nicht, in eigener Sprache alles durchzupausen, das „es gab“. Sondern die besten Winkel, Perspektiven, Rhythmen, Schnittfolgen zu finden. Streichen. Auslassen. Strukturieren. Der echte Hund hieß „Ronja“ und gehörte im wahren Leben Antje – nicht ihrem kleinen Bruder. Für meinen Roman wäre das – erzählerisch – ein Fehlgriff: ein schiefes Motiv, ein schlechter Name.

Eine falsche Fährte. Totes Gewicht.



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Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

„Hier läuft doch noch was anderes…!“ [Erzählen, TV, Literatur]

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„Hier läuft doch noch was anderes…!“

Erzählen, TV, Literatur.

von Stefan Mesch [Bio]

zur Arbeit an: „Zimmer voller Freunde“ (Roman), 2009 bis 2012
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Ich studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, in Hildesheim.
Schreibe meinen ersten Roman, „Zimmer voller Freunde“.
…und begleitend: ein Making-of über Recherche, Planung. Erleben.

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Vorbilder? Referenzen? Inhalt:

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Zimmer voller Freunde 01.

Beverly Hills, 90210:

Erzählanlass (01)

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Mein Anlass, über Alltag, Jugend, Gegenwart zu schreiben, stammt aus „Beverly Hills, 90210“, der 293 Episoden / zehn Staffeln langen Jugendserie von Aaron Spelling, ausgestrahlt von Oktober 1990 bis Mai 2000; in Deutschland ab 1992, auf RTL:

  • das erste moderne „Teen Drama“

  • eine Ensemble-Serie mit sechs bis zehn befreundeten Hauptfiguren

  • ein (oft: didaktisches, moralisierendes) TV-Melodram, in dem weiße, privilegierte Schüler versuchten, mit fremden und eigenen Fehltritten / Schicksalsschlägen umzugehen.

Ab 1972 produzierten die US-Networks ABC, NBC und CBS „Afterschool Specials“ – schnelle, oft effekthascherisch inszenierte Lehrstücke über Schule und Alltag, mit Titeln wie „Me and Dad’s New Wife“, „She drinks a little“ oder „All the Kids do it“.

Ab 1984 folgte der Sparten- und „Frauensender“ Lifetime mit Rührstücken über Missbrauch, häusliche Gewalt, Essstörungen und anderen – aus Groschenheften, Kolportageromanen, Seifenopern und der Boulevardpresse bekannten – Vorstadt- und Hausfrauen-Ängsten.

Für das jüngste, kleinste und jugendlichste US-Network – FOX, gegründet 1986 – entwarf Aaron Spelling, in den 80er Jahren vor allem mit einstündigen „Night-Time Soaps“ wie „Der Denver-Clan“, „Die Colbys“ und „Hotel“ erfolgreich, eine Hybridform dieser beiden Formate: Eine wöchentliche, einstündige Serie über das freundliche, zuweilen naive High-School-Zwillingspaar Brandon und Brenda Walsh aus Minnesota, das seit dem Umzug der Eltern in den Nobel- und Villenbezirk Beverly Hills mit Versuchungen, Zwängen und Konflikten aus der Ober- und Unterschicht Los Angeles‘ konfrontiert wird – Kokain und Designerdrogen, „Date Rapes“, Esstörungen… ein Katalog der Vorstadt- und Mittelstands-Ängste der Neunziger, exerziert an einer Clique armer, reicher Jugendlicher und ihren hilflosen, willensschwachen, verkrachten Eltern, Freunden und Lehrern, Woche für Woche lose verknüpfte „Cautionary Tales“ – die biederen, tadelnden, halbherzig dramatisierten „issues“/Probleme oft nur unbefriedigend „gelöst“ und in folgenden Episoden vergessen, ignoriert.

Seit 20 Jahren stoße ich – im Leben und in meiner Arbeit – auf Nachwirkungen, Zitate, Klischees und kulturelle Folgeschäden dieser Serie; und seit 20 Jahren ist jede Seh-Erfahrung, jedes Foto, jeder Gedanke an sie eine neue, ewig frische kleine Enttäuschung: „Beverly Hills, 90210“, das ist eine Grundidee, die mir bis heute sinnvoll, tragfähig, packend scheint – 293 Episoden über die Schwierigkeit, Ausbildung, Erwachsenwerden und Alltag zu meistern, gemeinsam, als Clique und Wahlverwandtschaft –, erzählt als schiefes, staubiges, ignorantes California-(Schauer-)Märchen.

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90210 surfboardStraßenszene im Pilotfilm: Alltag in Los Angeles, 1990.

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Jede Figur, jede Frage, jeder Konflikt bebt vor Potential – doch alle Drehbücher, jede „Lösung“ enttäuscht in ihrer biederen, geföhnten, reaktionären Schlichtheit. Im Text von „Zimmer voller Freunde“, in Stefans Entscheidungen und Erzählgestus, wird diese Enttäuschung spürbar:

Sonne scheint, Frau singt, es gibt nur junge, kluge, wichtige Figuren […], 2000 Einwohner und jeden Tag Sonne. Wir haben Riesenträume und wir leben schneller als der Rest. Wir brechen uns die Herzen und wir lieben uns zu Brei. Drei Jahre bis zum Abitur: Ich schreibe unsere Geschichte.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

und – galliger, enttäuschter – im selben Kapitel:

„…keine Familie und Erwachsene – nur als Statisten, Randfiguren: Mein Vater hat jetzt eine prima neue Stelle in Hongkong, und meine Eltern packen den Koffer. Sie fahren zum Flughafen. Sie winken und verschwinden. Und trotzdem ist das Haus, in dem ich lebe, immer aufgeräumt und mein – mein! – Kühlschrank immer voll: Brandon Walsh, der Held aus „Beverly Hills, 90210“, ist in derselben Wohn- und Elternsituation.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Für Stefan – den Ich-Erzähler von „Zimmer voller Freunde“, 16 Jahre alt und in einer fundamental anderen Wohn-, Eltern-, Freundes-, Liebes- und Lebenssituation als Brandon Walsh – ist „Beverly Hills, 90210“ eine falsche Offenbarung, ein nutzloser Prophet, ein gebrochenes Versprechen aus der Kindheit: eine Verheißung, die nie wahr wurde. Eine Vorhersage, die sechs, sieben Jahre Zeit hatte, in Stefan (und mir selbst, im echten Leben) Wurzeln zu schlagen:

  • Beverly Hills, 90210“ versprach: Wir machen „deine“ „Wirklichkeit“ zum Thema – Alltag, Konflikte und alle denkbaren Schwierigkeiten von Sechzehn-, Siebzehnjährigen.
  • Beverly Hills, 90210“ versprach auch – und: deutlich lauter: Wir zeigen märchenhaft reiche, märchenhaft schöne Schüler, deren absurd sorgenfreies Leben in jeder Sekunde durch die absurdesten Schicksalsschläge vernichtet werden kann.

Dieses zweite Versprechen habe ich niemals hören wollen, und alle Reize, Signale, Warnungen, die ein Slogan wie „Leben auf der Überholspur“, so der deutsche Titel eines „90210“-Romans, erschienen 1993, setzte – Voyeurismus! Schadenfreude! Klassenkampf! Das tragisch-lustvoll auserzählte Zugrundegehen der Reichsten, Schönsten, Hochmütigsten, Behütetsten! – habe ich seit 20 Jahren überhört und ignoriert: „Beverly Hills, 90210“, das ist Flaubert und Proust, „Buddenbrooks“ und Fürstenroman, Hybris, Abstieg, böses Märchen, If there’s nothing missing in her life, then WHY do these tears come, at night? – aber für mich sind das nur störende Effekte, unnötige Zuspitzungen, Kitsch und Glitter, den ich übersehe:

  • Ich habe keine älteren Geschwister.

  • Ich habe bis heute Angst / Respekt vor Menschen, drei, vier Jahre älter.

  • Ich lese Bücher, Berichte, Interviews, um kommende, fremde Lebensabschnitte überblicken zu lernen.

Seit ich zehn Jahre alt bin, sollen Brendon, Brenda und ihre Freunde zeigen, wie man erfolgreich sechzehn, achtzehn, zweiundzwanzig Jahre alt ist, Cliquen knüpft, Freundschaften pflegt, auszieht, studiert, Geld verdient, lebt. Seit ich zehn Jahre bin, geben Brendon, Brenda und ihre Freunde vor…

„…was für mein Alter gut, gesund, normal und tolerabel ist. Ich lerne – ich lebe! – durch Filme und Serien.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Das Weltbild (…und das Erzähl-/TV-Verständnis) der „Zimmer voller Freunde“-Figur „Stefan Mesch“ fußen auf einer Serie, die – in jeder Szene, 10 Jahre lang – immer nur genau so lange Realismus inszeniert und erträgt, wie solcher Realismus die grellsten, wirkungsvollsten oder bequemsten Effekte / Lösungen brachte:

Mein Anlass, über Alltag, Jugend, Gegenwart zu schreiben, stammt aus „Beverly Hills, 90210“. Und Stefan Mesch, der 16 Jahre alte Ich-Erzähler des Romans, „versteht“ Realität in ständiger Reibung mit einer Serie, die nie ernsthaft versuchte, „Realität“ zu verstehen – oder verständlich zu machen. [mehr zum Roman: hier]

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Zimmer voller Freunde 02.

Thomas Wolfe:

Stoff (02)

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Seit Thomas Wolfes Kleinstadt-, Familien-, Autoren- und Bildungsroman „You can’t go home again“ / „Es führt kein Weg zurück“ – erschienen 1940, von mir gelesen 2011 – verstehe ich meinen Erzählstoff als meinen Stoff:
  • Ich führte Tagebuch, von 1997 bis 2004.

  • Ich sammelte Gasteinträge, Interviews, Briefe, Dialoge.

  • 2003 kam ich nach Hildesheim. Und fürchtete bald, nichts erlebt / zu sagen zu haben, das einen Roman „rechtfertigt“.

Im Grundstudium, bis 2006, schrieb ich knapp 40 Kurzgeschichten, für Jahrgangs- und Jahresanthologien, Literaturzeitschriften, Wettbewerbe, e-Zines, Schreibwerkstätten und Buchprojekte. Gelegentlich schrieb ich Kurzprosa, zwei, drei Science-Fiction-Texte, montierte Briefe und Zitate.

Doch „eigentlich“ schrieb ich – recht selbstbewusst, halbwegs stilsicher – nur Texte, in denen junge Erwachsene Entscheidungen über Freundschaften, Beziehungen, ihr Verhältnis zu Eltern oder Heimat treffen, erzählt aus wechselnden Perspektiven, oft mit Auslassungen, Rückblenden, überraschenden Schnitten: Puzzles über Abschied, Verlust, Flucht, Rivalität.

  • ein junges Paar trennt sich nach dem Unfalltod ihrer Tochter

  • eine Sex-Wette zwischen Oberstufen-Kumpels endet auf den Schienen der Stadtbahn

  • vier Bewohner einer WG verlieren, bei Nabelschau und Streit am Küchentisch, allen Bezug zur Welt vor ihren Fenstern

  • als Schülerin allein und unbeliebt, versucht eine Neunzehnjährige, im Medizinstudium alles besser zu machen

  • Grundschulfreunde, deren Eltern vor 15 Jahren eine Affäre hatten, treffen sich als Erwachsene

Viel zu lange – und: viel zu verkrampft – mischte ich solchen Texten Elemente bei, die ich mit Ach und Krach von Schreiber-Freunden erfragt, mir angelesen oder ergoogelt hatte: psychiatrische, sexuelle, historische „große“ Enthüllungen und Eskalationen: Fehlgeburten, Selbstmordversuche, Zeitsprünge um zwanzig, fünfzig Jahre, Kokain, Flugreisen ins außereuropäische Ausland, Geschlechtsverkehr, Tumore.

Die besten „jungen“, deutschsprachigen Texte, die mir im Rahmen des Studiums – meist von Kommilitonen, im BELLA triste-Kontext – empfohlen wurden, hatten einen Erfahrungsreichtum und, wichtiger, eine Nonchalance, die mich… schwindeln ließ:

Erzähler aus meiner Generation, geboren in den 70ern und 80ern, doch zwischen zwei Kulturen aufgewachsen oder in der DDR, hatten schon mit 14, 15 ein archaisches Land- oder (andersrum) ein schnelles, dreckiges Stadtleben in vielen Subkulturen und Geheimnissen durchdrungen und verstanden, ließen Figuren jeden Alters reisen, feiern, lieben, trinken, sich verletzen – mit ruhiger Hand, ohne Aufregung.

Alle Großeltern hatten Charisma und kraftvolle Flüchtlings-/Weltkriegs-Lebensläufe, alle Frauen routinierten, etwas schwermütigen Sex, jedes Bühnenbild und jeder historische Exkurs wurde so kundig und gelassen gespannt, wie ich keinen Gang durch einen Drogeriemarkt schildern könnte… ohne vorher drei Bücher über Drogeriemärkte zu lesen:

Romane von Freunden (und / oder: Altersgenossen), die ich nicht zu lesen wage… weil sie – in ihrer Stoffwahl – so viel Welt, so viel Bewegung und beherztes „Dem Thema bin ich gewachsen. Den Raum habe ich verstanden. Dem werde ich erzählerisch gerecht!“ voraussetzen:

Mein Timer hat 367 Einträge. Mein Notenschnitt ist 2,1. Ich bin 5989 Tage alt und war zweimal betrunken, doch nie bekifft. Ich habe noch nie – für Geld – gearbeitet. Ich rauchte nie und habe nie Hackfleischbällchen bei IKEA gegessen. Ich habe noch nie ein Tor geschossen. Ich weiß nicht, wie man einen Kopfsprung macht. Ich war noch nie auf einem echten Rave. Kein Mensch wollte mich je küssen […]“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

…schreibt Stefan Mesch, die 16 Jahre alte Hauptfigur aus „Zimmer voller Freunde“. Ihr 29 Jahre alter Autor hat viel geraucht, und fuhr Ende März 2009 zu IKEA, um Hackfleischbällchen zu probieren.

Sonst tat sich wenig.

Falls ich noch zwanzig Romane schreibe – „Dem Thema bin ich gewachsen. Den Raum habe ich verstanden. Dem werde ich erzählerisch gerecht!“ werde ich nur über eine Handvoll – häuslicher / privater – Milieus behaupten können: Fabulieren, und fünfzig Jahre weite Bögen spannen? Meine Hildesheimer Echokammern halten das für eine Grundvoraussetzung „großer“ Romane. Mir selbst misslang es, jahrelang. Die großen Romane über Danzig, Brahms, jüdische Flüchtlinge in Shanghai, besetzte Häuser in Hamburg… muss jemand anderes schreiben:

thomas wolfe: penguin cover

Thomas Wolfe wurde 1900 geboren, in Asheville, North Carolina. „You can’t go home again“ (1940) – ein Buch, das ich als Zwölftklässler, zum Warten auf den Bus, aus der Schulbibliothek stahl – ist sein letzter, vierter Roman, posthum veröffentlicht und erst von Wolfes Lektor in Romanform gebracht.

Ein junger Schriftsteller, der sich in New York mühsam über Wasser hält, kehrt für eine Trauerfeier zurück in die Kleinstadt seiner Kindheit – kurz nach Veröffentlichung seines ersten Romans, „Home to our Mountains“ und dem Börsencrash, bei dem seine Mutter Geld mit Immobilienspekulation verlor.

Die Feindseligkeit alter Freunde, Irritationen in der Familie und die Geworfenheit der Hauptfigur setzen sich draußen – in der Welt – fort: beim Umgang mit dem exzentrischem Lektor Foxhall Edwards (Wolfes Lektor Maxwell Perkins nachempfunden), einer misslungenen Soiree, veranstaltet von einem reichen Ehepaar, mit dessen weiblicher Hälfte, der Bühnenbildnerin Esther Jacks, Wolfes Hauptfigur eine Affäre hat, und im Besuch des Münchner Oktoberfests, umgeben von Pöbel, Kleinbürgern, Nazis.

Dringlich, kraftvoll, lesenswert werden diese – recht alltäglichen – Episoden, weil Wolfe nie große gedankliche Schritte abweicht vom Erfahrungshorizont seiner Figur: Provinzjunge „George Webber“ führt durch Räume und Milieus, die ihm am Herzen liegen und die er verstanden / durchdrungen hat.

Zu Literatur werden diese – sehr persönlichen – Berichte über Familie, Heimat, Freundschaft, weil eine authentische Figur authentische Räume beschreibt… in einem komplexen, artifiziellen Erzählgerüst:

  • Schau heimwärts, Engel“ (1929), Wolfes erster Roman, erzählt die ersten 19 Lebensjahre von Eugene Gant und seiner exzentrischen Familie im Bergstädtchen Altamont, Catawba.

  • Von Zeit und Strom“ (1935) beschreibt Gants Studienjahre und eine ausgedehnte Reise durch Europa. Am Ende des Romans sieht Gant den Dampfer zurück nach Amerika und verliebt sich in eine Passagierin: Bühnenbildnerin Esther Jack.

  • Es führt kein Weg zurück“ (posthum veröffentlicht, 1940), beschreibt, wie George Webber 1929, nach Veröffentlichung seines Romans „Home to our Mountains“ über das fiktive Bergstädtchen Old Catawba, zurück nach Libya Hill reist… und über die Zukunft mit Esther Jack, seiner langjährigen Affäre, entscheidet.

Hätte ich die Bücher chronologisch gelesen – vieles wäre mir geschwätzig, platt, unbeholfen erschienen. Doch (zufällig) am Höhepunkt zu beginnen, und diese Ebenen aus zusätzlichen, widersprüchlichen Fiktionalisierungen mit der Lektüre voriger Romane Stück um Stück zurückzwiebeln zu können, war ein großes – und: komplexes – Lesevergnügen:

Die Thomas-Wolfe-Figur (ob nun „Eugene Gant“ oder „George Webber“) und „Esther Jacks“ (im echten Leben: Alice Bernstein) sind authentisch. Alles andere steht wie auf Rollen auf der Bühne, und wird verschoben, neu arrangiert, wie es am besten passt.

Ist das deine Familie?“, „Ist das wirklich passiert?“, „Du warst selbst dort? Du kennst das alles?“ sind Fragen, die eine immense Dynamik entfalten – Dringlichkeit, voyeuristische Spannung, einen „intimen“ Sog: Sie schaffen Nähe zwischen Leser und Autor, machen Romane zu „Berichten“ über „Menschen“ – statt bloßen Fiktionen, voller Figuren.

Mein Stoff ist nicht die Summe meiner spärlichen Kleinstadt-, Provinz- und Alltags-Erfahrungen. Oder die drei-, viertausend Seiten biografisches Material über mich und meine Freunde, die ich damals geschrieben und gesammelt habe.

Sondern – ganz wie bei Wolfe – die Frage, wie man mit solchen Stoffen lebt und schreibt:

Wem schreibe ich das auf?

Wo ich gewesen bin. Wen es dort gab. Worauf wir warteten.

Wer wir sein wollten. Wer wir waren.

Wer uns fehlte.“

Für wen behält man das?“

[Zitate aus „Zimmer voller Freunde“]

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Zimmer voller Freunde 03.

Dawson’s Creek:

Format (03)

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Wenn ich meinen Freundeskreis und meine Jugend erklären will – und den Roman, den ich aus ihnen mache –, gibt es keinen besseren – schnellen, oberflächlichen – Vergleich als „Dawson’s Creek“…

eine US-Jugendserie (6 Staffeln, 1998 bis 2003), die mich im Jahr von „Zimmer voller Freunde“ (Juli 1999 bis Juli 2000: die 11. Klasse) beschäftigt, frustriert, entgeistert hat wie wenig sonst:

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Der Drehbuchautor Kevin Williamson erzählt mit Anfang 30 seine Jugend nach, als autobiografisches Ensemble-Drama. Er zeigt vier Freunde in unserem Alter – Jen, Joey, Pacey und Dawson. Dawson will Filmemacher werden: Er ist sehr klug und talentiert. Joey ist seine beste Freundin und bemerkt, dass sie ihn liebt. Pacey ist Dawsons abgebrühter Kumpel: Er schläft mit seiner Lehrerin und weiß nicht, was er aus sich machen soll. Und Jen ist neu in der Nachbarschaft: Sie lebt bei ihrer religiösen Großmutter, weil sie sich in New York mit vielen falschen Freunden eingelassen hat und dabei ihre sogar jungfräuliche Unschuld verspielte. Es kostet Dawson große Überwindung, Jen diese sexuellen Fehler zu verzeihen. Doch er ist trotzdem fasziniert – denn sie ist viel geheimnisvoller als seine hausbackene Joey.

In jeder Folge gibt es Diskussionen und Spaziergänge am Hafen: Coming of Age in Capeside, einem verschlafenen Nest an der US-Ostküste. Provinzsorgen, ein Kuss am Pier, narzisstische Krisen auf der Veranda. Dawson und seine Freunde kennen jeden Film und jede Serie. Sie schauen nachts zusammen fern und in der Schule drehen sie eigene Projekte. Sie streiten sich im Kino und sie jobben in der Videothek. Sie reden pausenlos, und nur über sich selbst: Sie reden so wie wir, wie Stoff und ich.

Wenn Stoff und ich noch reden würden.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

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Hinter allen – augenfälligen – Parallelen gibt es zwei tiefe Kerben, die mir „Dawson’s Creek“ ins Welt- und Serienverständnis riss:

  • DC“ funktioniert (als Jugendserie), weil [nach Staffel 1 oft nur noch: wenn] es realistische, kleinliche Freunde zeigt, in realistischen, kleinlichen Konflikten.

  • DC“ funktioniert (als Charakterstudie, dörfliches Ensemble-Drama), weil [nach Staffel 1 oft nur noch: wenn] es die Beschränktheit und Pedanterie der Freunde ausstellt, ihre Privilegien und Selbstbezogenheit, die pubertären Vorstellungen von Sex, Moral, Integrität.

1989 bis 1998 zeigte „Seinfeld“ Ennui und Neurosen vier schnöseliger Freunde aus Manhattan: eine Sitcom, die sich – trotzig, subversiv – als „show about nothing“ verstand, und deren treibende Konflikte keine realistischen Sorgen waren, sondern – Woody Allens Figuren denken ähnlich – das Gestotter und die Kleinlichkeit von Menschen, die alles analysieren und zergrübeln, doch ihre eigene Hybris / Arroganz ausblenden. Narzisstische, sorgenfreie Kindsköpfe, die alles durchschauen. Außer sich selbst.

1996 schrieb Kevin Williamson die Horrorfilm-Satire „Scream“: eine Clique (zynischer, übertrieben film- und medienkompetenter) Schüler, die mit den Slasher-Hororfilmen der 70er und 80er Jahre aufgewachsen sind, werden von einem kostümierten Schlitzer gejagt, der die Klischees, Tropen und Regeln „seines“ Filmgenres durchschaut, neu durchspielt, unterminiert.

Dawson’s Creek“ ist Fortsetzung und Coming-of-Age-Version dieser 90er-Jahre-Narrative: Die erste Generation von (Drehbuch-)Autoren, die mit Privatfernsehen, endlosen Syndication-Wiederholungen und Videotheken aufwuchs, erzählt von Figuren, für die jedes Trauma, jede Schwelle, jede neue Erfahrung in einem (vermeintlich: hilfreichen / vertrauten) Referenzrahmen aus vergleichbaren Film- und Fernsehszenen steht:

062

  • 2003 („Sie ist wach“), 2006 („Dirac“) und 2007 („Waffenwetter“) u.a. stellt Dietmar Dath halb-autobiografische Berichte über seine Breisburger Provinz- und Jugendfreunde neben Nacherzählungen / Schlüsselszenen aus US-High-School-Serien wie „Roswell“ (1999 bis 2002) und „Buffy – im Bann der Dämonen“ (1997 bis 2003).

  • 2007, in Thomas von Steinaeckers Roman „Wallner beginnt zu fliegen“, „rutschen“ Dialoge und Bilder aus Filmen wie „Lola rennt“ (1998), „Matrix“ (1999) und „American Beauty“ (1999) in (ansonsten: dem trockenen Alltags-Realismus von US-Erzählern wie John Updikes oder Jonathan Franzen verpflichtete) Gespräche der Figuren; ganz ohne „Achtung: Hier wird ein Filmzitat montiert!“-Markierungen.

Menschen, die ihr Leben „dramaturgisieren“. Eine Welt aus Wiederholungen, Klischees, medialer Nostalgie, Verweisen. Narzissmus / Hybris der Idee, man selbst sei Hauptfigur, umgeben von „Nebenrollen“, „Gaststars“ und „Statisten“. Eine erste Liebe – die man als vierzigste, fünfzigste „Liebe“ erlebt, im Referenzrahmen von teen dramas, Coming-of-Age-Romanen, Seifenopern, Musikvideos. Trost, Lernen, Identifikation, (geborgte) Lebenserfahrung – via Privatfernsehen. Selbst-Stilisierung. Tagebücher. Die Kluft zwischen „Wirklichkeit“ und „Wahrheit“.

Mit 17 empfand ich „Dawson’s Creek“ als faszinierende, doch weitgehend missglückte Serie:

  • weil „Sympathieträger“ wie Dawson und Joey oft selbstsüchtig, bigott, arrogant und altklug über Fremde, Erwachsene und Freunde urteilten?

  • weil jedes Nicht-Problem zerredet wird, doch sich alle Hauptfiguren „Spaß“, „Mut“ und allen spontanen, pubertären Exzessen verweigern?

Nein:

  • Die altkluge Sprache kenne ich aus meinen eigenen Tagebüchern / Filmkritiken, und finde sie – als ironisches, oft rührendes Stilmittel – in der Figurensprache vieler „gernegroßer“ Erzähler, z.B. in C.D. Paynes „Youth in Revolt“-Romanen (ab 1993) oder Judith Zanders „Dinge, die wir heute sagten“ (2010).

  • Unsympathische“ Hauptfiguren sind (oft auch) überraschende Hauptfiguren. Ich muss den biederen, unfairen Dawson und die verdruckste, arrogante Joey nicht mögen, um mich (sehr produktiv, mit großem Vergnügen) an ihnen abzuarbeiten.

  • …und dass in Capeside „nie etwas passierte“, schien mir sehr tröstlich:

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An einem ihrer ersten Tage in der Nachbarschaft, in Folge 4 von „Dawson’s Creek“, trat Jen ins Krankenzimmer ihres komatösen Opas. Griff seine Hand und sagte müde, aber nicht unglücklich: „Das war wieder eine heftige Woche in Capeside.“

Es war nichts Großes geschehen.

Doch sie hatte Recht.

Die knirschenden Gespräche. Die täglichen, trüben Sorgen.

Wahrscheinlich gibt es jedes Jahr nur drei, vier Tage, die wirklich heftig sind, heftig auf Leben-oder-Tod-Niveau. Der Rest der Zeit, aller Alltag, hat nur die zähflüssige, zweite Sorte heftig im Programm; ein Heftig in Schattierungen, die keine eigenen Namen tragen. Wie oft schleudern Drogendealer Brandsätze durchs Fenster…? Oft handelt „Dawson’s Creek“ von nichts als konkurrierenden Ideen zwischen Freunden. Den vagen Ängsten und Gefühlen einer Gruppe Schülern. So ernst und gut, als sei das legitim, als Thema einer Serie. Als seien solche Tage, nur für sich, bereits erzählenswert.

[Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

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  • Dawson’s Creek“ fragt, was Fiktion und Erzählen leisten können; für Menschen, nervös, befangen, unerfahren, in einem nicht-fiktionalen, nicht-glamourösen, unsauberen, vielstimmigen Alltag.

  • Dawson’s Creek“ fragt, ob Fiktion und Erzählen Sinn stiften – oder schaden, wenn Wissen als Second-Hand-Erfahrung, medial vermittelt, aus Hollywood- und Trash-Filmen abgegriffen wird.

Und „Dawson’s Creek“ scheitert.

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Weil die „reale Welt“, das Leben in Capeside, glatt, sauber, film-/romanhaft alle Klischees reproduziert, von denen sich „Dawson’s Creek“ abgrenzen will: Die Serie stellt vier bis sechs dynamische, komplexe Jugendliche (und eine freche, amüsante christliche Großmutter) einsam und plump zwischen flachen Eltern- und Lehrer-Figuren, lustlose Pappkameraden, schnell vergessenen Gaststars:

  • Dass Dawson lebt und handelt, als gäbe es drei, vier „wertvolle“ Personen – und sonst nur Pöbel und Statisten, ist eine irrwitzige, toll pubertäre, bigotte, verkrachte, großartige erzählerische Perspektive.
  • Dass Dawson in einer Serienwelt leben / handeln darf, in der es wirklich nur drei bis vier wertvolle Personen gibt, ist oft so schäbig, öde, flach, verkitscht und pointenlos wie das Gerede von Joey – oder den „Seinfeld“-Freunden:

In „Zimmer voller Freunde“ träumt Frank von häuslichen, munteren Muttis; Figuren aus Sitcoms wie „Hör mal, wer da hämmert“. Stefan will Breitbild, Orchester, Steadicam-Fahrten und Dolby Surround. Antje („Wir haben nur drei Programme. Mich interessiert das nicht.“) versucht, ohne Helden, Leitbilder auszukommen. Und Stoff macht keinen Unterschied – zwischen „Menschen“ und „Figuren“.

Wenn ich meinen Freundeskreis und meine Jugend erklären will – und den Roman, den ich gerade aus ihnen mache –, gibt es… auch auf den zweiten Blick… keinen besseren Vergleich als „Dawson’s Creek“.

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Zimmer voller Freunde 04.

„Willkommen im Leben“:

Ton (04)

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Du schreibst ein Buch über Schüler? Dorfjugend?“ – „Elftklässler, ja.“ – „Ein Jugendbuch?“ – „Ich… bin nicht sicher.“

  • Zugriff und Stil ähneln US-Erzählern wie John Updike, Stewart O’Nan.

  • Zielgruppe? Leser von 25 bis 40, meine „Generation“.

  • Doch meinen Ansprüchen wird „Zimmer voller Freunde“ erst gerecht, wenn Siebzehnjährige das Buch im Schwimmbad lesen – und in der Clique verleihen.

Passt „Jugendbuch“, als Etikett, auf den Roman? Nur, falls “Willkommen im Leben“ / „My so-called Life“ (1994/95 auf ABC, eine Staffel, 19 Episoden) eine „Jugendserie“ ist. Beides zeigt Alltag, Freundschaft, Familienleben. Macht Teenager zu Perspektivträgern, Erzählern. Doch steht jedes Format, das sich auf Lebenswelten Jugendlicher konzentriert, im Jugend-Genre?

  • 2007 produzierten Edward Zwick und Marshall Herskovitz „quarterlife“, eine (ABC-)Webserie über College-Absolventen, die sich zum ersten Mal auf dem Arbeitsmarkt behaupten.

  • 1999 bis 2002 produzierten Zwick und Herskovitz die ABC-Familienserie „Once and again“ („Nochmal mit Gefühl“) über eine geschiedene Frau Anfang 40, die mit ihrem Partner und je zwei Kindern zwischen 9 und 16 eine Patchwork-Familie wagt.

  • 1987 bis 1991 produzierten Zwick und Herskovitz eine ABC-Serie über junge Eltern und ihre ledigen Freunde, „thirtysomething“ („Die besten Jahre“). Werber, Journalisten, eine Fotografin und eine „Career Woman“, die Arbeit und Familie balancieren.

Willkommen im Leben“ zeigt Alltag (und altersgemäß „tiefsinnige“ Einsichten und Monologe) von Angela Chase, einer behüteten Fünfzehnjährigen aus einem Vorort Pittsburghs, die zum Start der zehnten Klasse Eltern und alte Freunde – Nerd-Nachbar Brian und die häusliche, „anständige“ Sharon – vor den Kopf stößt, als sie ihr Haar rot färbt und sich Punk-Mädchen Rayanne und Hispano-Außenseiter Rickie zuwendet.

19 Episoden erzählen vom Abnabelungsprozess zu ihren Eltern und Angelas erster, oft tragikomischer Beziehung mit Jordan Catalano, einem Fleecepulli-Jungen mit Gitarre, altem Cabrio und Lese-Rechtschreib-Schwäche.

  • Ich sah „Willkommen im Leben“ 1995/96, mit zwölf.

  • 1997 und 1999, mit 14 und 16, in Nachmittags-Wiederholungen.

  • 2009, mit 26, zur Vorbereitung von „Zimmer voller Freunde“.

Bei jedem Durchgang erschien mir Angelas Leben „authentisch“, „realistisch“, „persönlich“, „dringlich“ – ohne schrille Misstöne, Hysterie, Übertreibungen, Eskapismus und Melodrama, die bei „Beverly Hills, 90210“ oder „Dawson’s Creek“ schnell Überhand gewannen: Stewart O’Nan (Link: Text von mir) nennt seine (Vorstadt-)Romane „domestic fiction“ – und ich verstehe, wenn der Begriff falsche, staubige Assoziationen weckt: Muttis und Blumenbeete, Leben in der Spielstraße, Milch, Kekse, Schwangerschaftsstreifen – die Welt von Pinterest und Chefkoch.de. Eng. Apolitisch. Hohl.

Willkommen im Leben“ – und: O’Nan, Richard Yates, John Updikes „Rabbit“-Romane – sind Beispiele für gelungene „domestic fiction“: In einer Hierarchie menschlicher Bedürfnisse – z.B. in Maslovs Fünf-Stufen-Pyramide: physische Ansprüche, Sicherheit, sozialer Anschluss, Wertschätzung, Selbstverwirklichung – bleiben die Ziele von Thriller- und Fantasy-Figuren oft (langweilig, für mich uninteressant) auf der untersten Ebene: „Die Pferde brauchen Futter!“, „Wir müssen Obdach finden, bevor es dunkel wird!“, „Jemand muss rein – und meine Tochter da raus holen!“.

domestic fiction“ folgt Menschen, die grundsätzlich sicher sind: Kein anderes Genre kann so differenziert, zeitbezogen, offen Fragen zu Identität, Familie, Elternschaft, Sexualität, Lebenszielen, Gemeinschaft stellen. Und während die Ziel- und Altersgruppen der Zwick-/Herzskovitz-Serien ständig wechseln, bleibt die Arbeitsweise der jeweiligen Serien-Autoren dieselbe: eine Gruppe Schreiber sammelt „authentische“, „realistische“, „persönliche“, „dringliche“ Alltags-, Generations- und Lebenserfahrungen. Erlebnisse, so mundane, dass sie jeder (er-)kennt. Und – hier wird es Kunst und Kunstgriff – hängt diese Erkenntnis-Nuggets an Figuren und Figurensprache, so eigensinnig, dass sie einmalig / authentisch wirken:

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Im August 1994, am Ende des Pilotfilms von „Willkommen im Leben“, kommt Angela nach Mitternacht zurück nach Hause. Sie streift die Schuhe ab und steigt barfuß die Treppe hoch, um niemanden zu wecken. Von oben fällt Licht auf ihr rot gefärbtes Haar. Und vorne, im Schlafzimmer der Eltern, läuft der Fernseher: Ihre Mutter sitzt alleine auf dem Ehebett und schaut durch alte Alben oder Adressbücher. James Stewart, in schwarzweiß und ohne Ton, sagt auf dem Bildschirm seiner Tochter gute Nacht. Angela lehnt den Kopf an den Türrahmen. „Meine Mutter wurde adoptiert“, sagt sie im Off. „Eine Zeit lang hat sie ihre richtigen Eltern gesucht.“ Sie macht eine Pause. „Das tun wir wohl alle.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Als Teenager traf „Willkommen im Leben“ bei mir auf große, größte Resonanz:

  • Fast nichts passt / ereignet sich: Angela verbringt viel Zeit damit, still zu klagen, dass ihr Leben nur sehr langsam, schwerfällig Fahrt aufnimmt. Erwachsenwerden, das ist Warten, die Zähne zusammenbeißen, die Nerven behalten. („I thought, at least, that by the age of 15, I would have a love life. But I don’t even have a ‚like‘ life.“)

  • Oft missglücken Angela und ihren Nicht-Mehr- oder Noch-nicht-so-richtig-Freunden die banalsten Vorhaben (Tanzen gehen, ein Konzert besuchen, zu selbstbezogenen, nervösen Eltern durchdringen)… ohne, dass die Autoren dabei einladen, über Pech, Missgeschick und pubertäre Beschränktheit der Beteiligten zu lachen.

  • und, in den Worten des „TV Tropes“-Wikis: „Often, the show took a comic plot and subverted it by playing it for drama (and, arguable, realism) rather than for humor – and this was both much funnier and much more painful than it would have been as a comedy.“

Die tagesaktuellen, akuten „Klappt es? Misslingt es?“-Spannungsbögen einzelner „Zimmer voller Freunde“-Kapitel bleiben oft in dieser – sehr unspektakulären – Größenordnung:

  • Darf Antje die Wohnung ihrer Mutter sehen, hinter deren Rücken?

  • Soll Frank am 18. Geburtstag durch die Schule trotten?

  • Kann Stefan Stoff zur Rede stellen, bevor die Stadtbahn kommt?

Die größte Arbeit / Mühe an „Zimmer voller Freunde“ ist, 420 Seiten lang Spannung und Dringlichkeit zu schüren für eine lose Gruppe pubertärer Figuren, die – einerseits – stets ganz, ganz oben auf der Pyramide über Selbstbilder und Rollen philosophieren… aber – andererseits – vor jedem selbstbestimmten Schritt die dümmsten, dörflichsten „Hoffentlich hat Papa heute Abend Lust, uns in die Disko zu fahren!“-Konflikte lösen müssen:

Ich war zweimal in Sassis Flur.

[…] Ich war elfmal bei Stoff, gut fünfzigmal bei Fred, ich war dreihundertmal bei Frank und ich war viermal bei den Langs, viermal in 28 Monaten, denn Dawson hat den Führerschein, ein Ruder- und das Motorboot; und jedes Prolo-Kind in jeder Stadt hat Straßenbahnen, Züge, einen Nachtbus. Aber von meinem Dorf zu Helena sind es zwölf Kilometer. Hinter die Au, zu Fred, beinahe 15. Runter in Danis Dorf fast 19. Das ist doppelt so weit wie von der Bronx zum Central Park.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Der Ton, in dem „Willkommen im Leben“ von Jugend, Erwachsenwerden und den – manchmal: läppisch narzisstischen; manchmal: hochkomplexen, drastischen – Fragen ganz oben auf der Pyramiden-Spitze erzählt, ist „authentisch“, „realistisch“, „persönlich“ und „dringlich“. Als Elftklässler, Auf-den-Schulbus-Warter, Leser, Zuschauer half mir dieser Ton, eine artifizielle, oft sehr pointierte US-Serie sehr ernst und sehr persönlich nehmen zu können (ohne mich, wie bei „90210“ und „Dawson’s Creek“, ständig latent „betrogen“ und manipuliert zu fühlen). Als Autor, heute, hilft mir derselbe Ton, sehr persönliche, biografische Momente zugänglich, relevant, auf-der-Decke-im-Schwimmbad-lesefreundlich zu erzählen.

Jugendbuch“ ist (aus Gründen, die ich im nächsten Teil erläutere) kein guter Leit- und Sammelbegriff für meine Arbeit. „domestic fiction“ – so un-sexy, apolitisch und „Schatz? Da ist schon wieder Laub in unserer Regenrinne!“ das klingt – passt besser. Und greift tiefer:

[…a]ls mir in der Grundschule die Freunde fehlten, las ich „TKKG“.

Als ich kein Super-NES bekam, las ich die Spiele-Tests in Mega Fun oder Total!.

Als ich vor „Akte X“ zu Bett gehen musste, las ich den TeleVision-Episodenguide.

Und heute? Seit Sassis Zorn die beiden einzig nennenswerten Mädchen meiner Welt verstören (und fast verjagen…) konnte? Blicke ich auf Kunstfiguren wie Dawson, Joey, Jen. Denn alles, was ich fühlen und erleben will, wird irgendwo für mich beschrieben und erklärt. In einem Buch, in einer Serie, in Zeitschriften, in einem Song, im Netz. In den Erzählungen und Selbstzeugnissen fremder Menschen! Wann treffe ich geschlechtsreife, reale junge Frauen? Wo bleiben echte Kellys und Rayannes? Ich sprach noch nie mit einer richtigen Studentin. Ich saß noch nie bei einer echten Achtzehnjährigen im Auto. Vor einer wildfremden und dubiosen Chrissy, vor einer schwabbeligen Dani, vor einer stutenbissigen […] Nina […] habe ich oft beinahe… Angst. Denn ich weiß sehr genau, wie Major Kira oder Lois Lane agieren. Ich habe Miss Parker aus „Pretender“ weinen sehen! Doch keine einzige geglückte weibliche Figur im echten Leben. Weiß Stoff, wie man sich fühlt, wenn man allein über den Schulhof muss? Oder gezwungen ist, sich auszuziehen, vor einer Doppelstunde Sport? Oder am Rand von einer Party steht, auf der sich niemand freut, dass man gekommen ist?

Ich brauche die Teenager im Fernsehen (und, im Notfall: Frank) damit ich weiß, was für mein Alter gut, gesund, normal und tolerabel ist. Ich lerne – ich lebe! – durch Filme und Serien.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Willkommen im Leben“ war bis heute der beste dieser „Lehrer“. Und – fast 20 Jahre nach der ersten Ausstrahlung – weiterhin sehenswert.

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Zimmer voller Freunde 05.

„Mad Men“:

Verfremdung / Distanz (05)

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Der dümmste, schlimmste, widerlichste Satz, den ich 2012 las, stand auf der Facebook-Pinnwand einer Bekannten (und jungen Mutter):

Das Beste, was ein Vater für seine Kinder tun kann, ist, ihre Mutter zu lieben.“

Schlimm scheint mir dabei weniger die Aussage („Wenn Vatis Muttis ganz doll lieben, tut das der ganzen family gut!“), als das Männer-, Frauen-, Familien- und Rollenverständnis dahinter: Abgründe tun sich auf – allein, wenn ich mich frage, was geschehen wäre, hätten meine Eltern versucht, nach dieser Maxime zu leben. Ein kleiner, verkrachter, überspannter Satz, der – zu Ende gedacht, und an konkreten Menschen durchgespielt – einen monströsen Konflikt spannt.

Mad Men“ (AMC, seit 2007, bislang fünf Staffeln) ist das aktuellste Ensemble Drama, das mir auf ähnliche Weise – meist mit nur einer kurzen, brillant verkrachten Aussage – den Boden unter den Füßen entreißt. Eine ruhig erzählte, gediegen inszenierte Werber- und 60er-Jahre-Serie, in der oft 30, 35 Minuten am Stück nichts zu passieren scheint. Alle Figuren sind lauernd, zurückhaltend, gepflegt, voller Selbstbeherrschung und (vermeintlich: sicher) eingeschnürt ins Korsett ihrer Klasse, ihres Berufs und der historischen Ära.

Ich weiß, wie viele Leute ‘Mad Men’ mögen…”, seufzte ein Toronto-Freund im Frühling. “Aber jedes Mal, wenn es im Fernsehen läuft, schalte ich [gefühlt] in dieselbe Szene: eine Frau sitzt am Schreibtisch. Eine andere Frau tritt hinzu. Sie sagt: ‘Hier ist der… Tacker.’ Dann starren sich beide an – schweigend und ernst.”

Man spürt, als Zuschauer: Hier läuft noch etwas anderes. Noch im banalsten Dialog vollführen „Mad Men“-Figuren einen schmerzhaften, nie völlig überzeugenden Balanceakt: Sie täuschen einander – und sich selbst. Und jederzeit können diese Täuschungen scheitern. Dünnes Eis. Großes Risiko.

Die Elftklässler in „Zimmer voller Freunde“ sind zorniger, offener, leichtsinniger: Sie haben weniger zu verlieren, viel zu verbergen (aber amüsant wenig Übung / Routine, sich erfolgreich zu verstellen), und viele von ihnen genießen es, hässliche Wahrheiten auszusprechen, einander zu reizen: Das Milieu des Romans ist ähnlich nervös, die Figuren ähnlich empfindlich – doch die „Betriebstemperatur“ von „ZvF“ ist höher als beim unterkühlten, trockenen, oft scheinbar „ruhigen“ „Mad Men“:

„Mad Men can be difficult to watch if you aren’t into/accustomed to understated drama. Almost all of the show is dialogue and minute physical interactions with larger dramatic implications.“ [Zitat aus einer Diskussion im Webforum Reddit, Link]

Die (kleine) „Mad Men“-Taktik, dir mir in vielen „Zimmer voller Freunde“-Szenen hilft, Figuren in Position zu bringen, Konflikte zu schärfen, Spannungen zu schüren, sind „schlimme“, suggestive Sätze:

  • This never happened. You’ll be amazed how much this never happened“, der väterliche, gut gemeinte Rat, persönliche Schwächen unter den Teppich zu kehren, indem man lebt, als wäre nie etwas entgleist („Mad Men“, fünfte Episode der zweiten Staffel), hängt seit drei Staffeln beiden Figuren – dem Ratgeber und der Empfängerin – in jeder Szene als hässliches Echo nach: „Ja? Wirklich? Ist all das für dich nie passiert?“, will man als Zuschauer ständig fragen: „Ist es bewältigt – nur, weil du sagst: ‚Das ist vorbei’…?“

  • We’re dealing with the emotions of a child“, urteilte ein Psychologe (sehr früh: in Episode 7 von Staffel 1) über Betty Draper, Hausfrau und Mutter. Seitdem wirkt jede Handlung Bettys – als Ehefrau und Mutter, als Tochter und „Erwachsene“ – wie Teil eines heimlichen Experiments: Sind Bettys Handlungen erklär-, entschuld-, entschlüsselbar? Hilft uns die (überhebliche, boshafte) Betty-ist-ein-Kind-Behauptung, um ihre Taten und Urteile zu verstehen?

Diese Sätze – Zuschreibung oder Selbstaussage – müssen nicht korrekt sein oder eindeutig: Sie sind kein „Schlüssel“, um Figuren zu enträtseln. Im besten Fall schwingen sie – als offene Fragen und Verweise auf größere Themen – im Lauf der Serie immer weiter mit, und werden, in späteren Entscheidungen / Konflikten, aus immer neuen Perspektiven, zur Diskussion gestellt:

Mach du nur immer alles richtig, Maus. Mach bitte nie irgendwas falsch! In Ordnung? Gut? Habe ich dein Wort?“ …verlangt ein Vater in „Zimmer voller Freunde“.

Jedes Mal, wenn ich ein Mädchen sehe, wünsche ich mir, ich wäre mit ihr zusammen. Das ist das einzige, was ich wirklich will.“ …schreibt Frank.

Ich hasse sie. Ich hasse sie alle. Was für arme Menschen!“ …erklärt B, als eine mehrerer Figuren, die überall „Statisten“, „Figuren“, „Marionetten“ sehen.

Mein letztes Beispiel – über Bande gespielt: „Für ihre Tochter würden die beiden alles tun“, belächelt X die Eltern von Y. „Doch Y belügt sie, wo sie kann.“

Das spannt – für X und Y, und alle folgenden Kapitel – Fragen:

  • Was heißt „alles tun“: Bleibt Ys Familie bei allen Problemen und Zumutungen loyal? Was wird ihnen, im Lauf der Handlung, von Y abverlangt?

  • Wünscht sich X insgeheim solche Eltern? Haben Y und X „passende“ Eltern? Was wäre, wenn X mit Ys Eltern leben müsste?

  • Sind diese Eltern „stark“ oder „schwach“? „Gut“ oder „schlecht“?

  • Und: Falls Y tatsächlich „lügt, wo sie kann“, wie belastbar ist dann die Freundschaft zwischen X und Y?

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mad men unsympathetic characters.

Ich lese Bücher, um – in Ruhe, mit großer Konzentration, Intensität – einzelnen Erzählern, der Schönheit (oder: Absurdität) ihres Denkens zu folgen. Tolle Sprecher, tolle Stimmen, tolles Denken wie bei Ruth Klüger, Joan Didion, Marcel Proust, Nabokovs „Lolita“.

Doch sobald mehr als zwei Figuren im Zentrum stehen, sind Serien das reichere, besser entwickelte, erwachsenere Format: Sie haben…

  • Schauspieler (Charisma! Sex-Appeal! Nonverbale Kommunikation!).

  • eine Trickkiste aus Bildsprache, Schnitten, Ton, Musik.

  • und, idealerweise: sechs, sieben, acht Jahre Zeit, Figuren aufzubauen, einem Publikum vorzustellen, sie wachsen zu lassen oder zu zerstören, korrumpieren.

Gemeinhin gelten Romane als bestes Medium für Empathie, Identifikation, Sich-selbst-im-Geschehen-Verlieren: Wer eine Hauptfigur nicht sehen muss, reicht ihr schnell zutraulich die Hand und lässt sich führen. Kinder-Helden wie Charlie Brown und Romance-Ich-Erzählerinnen wie Bella Swan sind absichtlich so offen, schlicht, neutral wie möglich gestaltet; und „Tim & Struppi“ lockt mit Hintergründen / Szenerien, detailverliebt und realistisch, doch die Figuren bleiben simple Chiffren:

Projektionsflächen, Identifikationsangebote, so offen, locker, harmlos, dass man – ohne Reibung, Widerstände, Entfremdungen, „Wie ist der denn drauf?“-Irritationen – in die Beobachter- und Heldenrolle schlüpfen, sich mitreißen lassen, staunen kann.

Vor allem Genre-Romane [und: Jugendbücher] laden ein, sich der Hauptfigur und / oder dem Erzähler gemein zu machen: Identifikation. Empathie. Katharsis, wie sie Aristoteles forderte.

Seit etwa 15 Jahren entwickeln Serien wie „Mad Men“ [gelungen, meiner Ansicht nach: „Six Feet Under“, „Weeds“, „Enlightened“, „Girls“] eine eigene, gegenläufige Tradition: abschreckende Hauptfiguren. Stolper-Sätze. Verfremdung. „Wie ist der denn drauf?“

Im Juli 1993, in meinem letzten Sommer vor dem Gymnasium, besuchte ich alle Figuren meiner Grundschulklasse. Sogar die Türken und das Mädchen aus der DDR, das nur eine Dreizimmerwohnung hatte. Wir spielten Barbie oder Lego, ich fragte nach dem Weg zum Klo – und alle fanden mich erst später, im Hobbyraum oder Speicher. Doch niemand schien gekränkt. Einige Eltern wirkten fast… geschmeichelt, gaben eine Führung durch ihr Haus. Mehrere Kinder luden mich ein zweites Mal ein. Und mit zwei, dreien habe ich stundenlang gespielt – friedlich, in zwei getrennten Zimmern.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Mögen muss man solche Protagonisten nicht.

Doch es macht Spaß, sie zu beobachten – in ihrer Hybris und ihren Balanceakten. In ihren Selbsttäuschungen. In ihrem Korsett. Ihrer verkrachten Sprache.

Dünnes Eis. Großes Risiko. „Wie sind die alle drauf?“

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Zimmer voller Freunde 06.

„Neon Genesis Evangelion“:

Hauptfiguren (06)

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Viele Serien haben zwei, drei starke Schlüsselreize, mit denen sie Zuschauer locken, Programmnischen besetzen, Zielgruppen abstecken: ein Publikum an sich binden.

Sailor Moon“ – 1992 bis 1997, 200 Episoden, TV Asahi (Japan) – hat ungefähr dreihundert:

Freundschaft! Schulmädchen! Zauberei! Dämonen, Hexen, Reinkarnation! Slapstick! Science Fiction! Romantik! Achtklässler als Superheldinnen! Schleifen! Sternchen! Kätzchen! Zeitreisen! Ein stolzes, glückliches Lesbenpaar!

Das – von mir lange unterschätzte – Alleinstellungsmerkmal, das junge Frauen an die Serie (und den zugrunde liegenden Manga) band, war ihr Ensemble: erst fünf, dann zehn, am Ende dreizehn verschiedene Mädchen, die – als Freundinnen, als Kriegerinnen, als Team und in verschiedenen Paaren / Konstellationen – kämpfen, feiern, arbeiten, lernen und reisen. Freundschaft als Rückhalt, Band, Quelle innerer Kraft und Lebensmittelpunkt, stärker als der Tod, zäher als die Zeit – zwischen Mädchen unterschiedlichsten Charakters (und: mit den seltsamsten Haarfarben!).

Jedes Ensemble, in dem ein Mädchen / eine Frau Platz findet, macht – in Positionierung, Wertschätzung, Prioritäten, Erfolg oder Misserfolg dieser Frauen-Figur – Aussagen über Gewicht und Rolle der Frau „an sich“. Ensembles aber, die zwei oder mehr Frauen einbauen, zeigen (automatisch):

  • Frauen haben verschiedene Rollen, Chancen, Potenzial.

  • Frauen haben verschiedene Möglichkeiten, diese Rollen („erfolgreich“) zu füllen.

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Representation matters“, sagen Akademiker, Feministen, Zuschauer-Lobbys – und werfen Fragen auf wie:

  • Warum sind alle Frauen in den Comics des DC-Verlags schlank?

  • Warum waren bis vor 15 Jahren Sitcoms über schwarze Mittelklassefamilien Mainstream, doch heute nur Nischenprogramm auf Nischen-Sendern?

  • Warum finden im Ensemble von „Verbotene Liebe“, einer Soap mit 24 Hauptrollen, wenige Spanier, Latinos, Figuren aus Urlaubsländern Platz… doch in fast 20 Jahren keine Figur mit russischem, polnischem, türkischem Hintergrund?

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Bechdel-Test (Link): bestanden!

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Für „Zimmer voller Freunde“ habe ich kein Ensemble entworfen: Ich wollte ein Jahr meiner Jugend beschreiben, in dem Freundschaften zerbrachen, Konflikte eskalierten, Porzellan zerschlagen wurde. Ein Scharnier. Ein Kahlschlag. Ein Anfang: Stefan ist 16 und verlor – über Nacht, ohne Erklärung – den Anschluss an seinen Freundeskreis. Helena, Stoff, Sassi meiden ihn. Er will zurück in ihre Clique, um jeden Preis. Ein klarer Konflikt.

Eine Hauptfigur. Drei Frauen.

Kontrastiert, ergänzt, gestört wird dieser Plot durch Freund Frank – ein kluger, chronisch gelangweilter Oberstufen-Casanova, erfahrener, geschickter, hungriger, schneller, den Eltern, Partner und Lehrer ermahnen, dass er sich Zeit lassen soll: ein Kompromiss-Gebrauchtwagen, eine Kompromiss-Beziehung, drei letzte Kompromiss-Jahre, bevor er ausziehen, ein Erwachsenenleben führen darf – wäre das zu viel verlangt?

„Frank war am Freitag be Renault: Der Neuwagen, den er braucht, kostet 24.700 Mark. „Nur für ein Auto? Halt dein Geld zurück. Denk an die Zukunft!“, sagte Carmen.

Aber das ist die Zukunft!

„Ich bin fast 18 – soll ich warten, bis ich 40 bin?“

„Du brauchst kein Auto, Frank: Wir fahren dich überall hin. Bau einen Unfall, und dein Geld ist weg. Mach einen Fehler, und du hast alles verloren.“

[Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Zwei Perspektiven – und parallele, eigene Geschichten –, die ich seit (etwa) 2006 erzählen will, zwei Protagonisten, deren Welten, Prioritäten (und: Unterschiede) ich verstehe, aus dem Teil meiner Jugend / Gegenwart, von dem ich weiß:

  • Dem werde ich erzählerisch gerecht.

  • Das stand noch nicht in 15 anderen Romanen.

  • Falls ich (nur) Zeit habe, ein Buch zu schreiben, kreuzen sich hier, in diesen beiden Schüler-Leben, im Schuljahr 1999 / 2000, die Fragen, Konflikte, über die ich schreiben will.

Soviel zu allem, was ich „mitbringe“ – Rohmasse, Prägung, biografisches Material. Das Zeug, das „raus will“: Gruppen, Freundschaft, Rivalität. Heimat, Familie, Ambition. Kompromisse, Verlust. Sexualität. Fernsehen. Tagebücher. Zeitgeschichte.

Freundin A. hat eine – zwanglose, persönliche – Vorliebe für Gruppen: Oft schart sie „Herden“ um sich, ohne, es zu merken. Freunde treffen die Familie. Kinder spielen mit Hunden. Verwandte bringen Freunde mit… und plötzlich sitzen wir zu acht, zehnt, zwölft am Esstisch, „Suppe haben wir auch noch!“, „Bleibt gerne: Gleich kommen die anderen vorbei!“, „Wartet! Ihr da vorne – die kommen nicht hinterher!“.

Mein Ideal von sinnvoll / gut verbrachter Zeit sind Zweiter-Aktivitäten: Einem Gegenüber kann ich zuhören, einem Freund werde ich gerecht. Im Pulk verreisen, essen, spazieren, zu fünft Entscheidungen treffen, zu zehnt Prioritäten setzen, in einer Clique, Klasse, Großfamilie, Redaktion um Aufmerksamkeit betteln… menschlich ist mir das ungeheuer lästig.

Nur literarisch macht es ungeheuren Sinn:

Frank schreibt am 8. August 1999: Vorhin war ich mit Stefan und den Ridgebacks im Wald. […] Danach haben wir uns „Dawson’s Creek“ angetan. Die Kinder aus Creek nehmen jeden Scheiß ernst. Sie übertreiben sich und machen aus Sex einen Elefanten. Stefan hat mir mal einen Tag aus seinem Timer vorgelesen, um zu beweisen, dass er spannend ist. Sein Tag war drei Times-New-Roman-Seiten lang. Es stehen zwar Gedanken drin. Aber auch sehr viel Mist!

Ich habe noch nie in meinem Leben drei Seiten erlebt. So etwas gibt es nicht, wenn man 10.-Klässler ist.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Zimmer voller Freunde“ hätte ein hastiger, glatter Roman werden können über einen Außenseiter, Stefan Mesch, und seine Startschwierigkeiten mit Freundschaft (Stoff), Liebe (Helena), Konkurrenz (Frank):

Die Menschen in Stefans Welt wären dabei weniger Menschen – als rhetorische „Widerstände“: Stefan-Mesch-Kontraste, Stefan-Mesch-Sparringpartner, die, als Stefan-Mesch-Antipoden, helfen, die Stefan-Mesch-Geschichte möglichst effektiv, dramatisch zu erzählen. Eine Hauptfigur – und eine Welt aus Nebenrollen, die dieser Figur zuspielt.

2009 beschlich mich der Verdacht, dass ich ein… Jugendbuch (?) plane. 2010, vierzig Young-Adult-Romane später, konnte ich die Frage verneinen: Im YA-Genre läuft alles auf den Helden zu. Nicht jede Hauptfigur ist „glatt“, einfach und „offen“, lädt ein zur reibungslosen Identifikation. Doch oft bleiben Perspektive und Nebenrollen solipsistisch: Ein Teenager – und wie er seine Welt sieht.

  • Mitfiebern, Eintauchen: Identifikation

  • Nebenrollen, im Kreis oder sternförmig auf die Hauptfigur ausgerichtet

  • Ein Milieu, ein Konflikt; fast immer: nur eine Perspektive.

Zimmer voller Freunde“ stellt drei Figuren gegeneinander: Stefan (als Ich-Erzähler / Autoren-Ich), sein bester Freund (?) Frank und ein Mädchen aus dem Schulbus, das beide kaum kennen: Antje. Alle drei gehen in dieselbe Schule in der Kreisstadt. Und alle drei wollen – aus jeweils anderen Absichten und Gründen – Zugang zu einer kleinen Wohnung. Drei einzelne, zunächst getrennte Handlungsstränge. Und dann: ein Schuljahr voller Kollisionen.

Für „Zimmer voller Freunde“ habe ich kein Ensemble entworfen. Doch sehr lange malte ich Netze, Gitter, Pfeile, strich Freunde, Partner, Geschwister, Lehrer, schob Rollen in- und auseinander, im Mittelpunkt ein Protagonisten-Dreieck, Stefan-Antje-Frank, und das Bemühen, alle anderen Rollen so auszurichten, dass…

  • sie Stefan wie Frank etwas jeweils eigenes bedeuten.

  • augenfällig mehr sind als die Summe ihrer jeweiligen (Doppel-)Rollen / Funktionen.

  • Antje einen frischen, skeptischen, genuin dritten Blick werfen kann.

Mühevoll war nie, Konflikte dreier – jeweils auf eigene Weise: toll bekloppter – Protagonisten klug gegeneinander auszuspielen (Zopfdramaturgie (Link), unzuverlässige Erzähler (Link), Rashomon-Effekt (Link), bla blubb…), sondern, für all ihre Gegenüber stimmige, differenzierte Positionen zu schaffen. Am Ende – im Sommer 2008 – half mir ein Text (Link) über „Harry Potter“ und „Neon Genesis Evangelion“, eine Science-Fiction-Anime-Serie, 1995, 26 Episoden, TV Tokyo.

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evangelioncast trios geodeisic cast

nur ein Trio, das nicht nebeneinander steht: Ritsuko (ganz links) und Misato / Ryoji (ganz rechts, mit Kreuzen)

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Im Zentrum von „Evangelion“ (und „Harry Potter“, und „Zimmer voller Freunde“) steht ein „Power Trio“ (TV Tropes, Link), drei Figuren mit unterschiedlichem Blick und komplizierter Dynamik – eine gängige Helden-Konstellation: Kirk, Spock, McCoy („Star Trek“), Pippi, Thomas, Annika („Pippi Langstrumpf“), Luke Skywalker, Han Solo, Leia („Star Wars“), Ash, Rocko, Misty („Pokémon“), „Die drei Fragezeichen“, „Die drei Musketiere“, „Drei Engel für Chalie“ usw..

Das Besondere an „Harry Potter“ und „Evangelion“ ist, dass ihre (sehr großen, potenziell unübersichtlichen) Ensembles das zentrale Protagonisten-Trio spiegeln – und also: die Nebenrollen als eigene, kontrastierende Trios anordnen:

  • drei (14jährige) Protagonisten: Shinji, Rei, Asuka

  • drei (erwachsene) Mentoren: Misato, Ritsuko, Ryoji

  • ein Trio aus Mitschülern (Toji, Hikari, Kensuke), ein Trio aus Technikern (Makoto, Maya, Shigeru), ein Trio aus A.I.s / Computern (Caspar, Melchior, Balthasar), ein Trio aus UN-Organisationen (NERV, SEELE, GEHIRN).

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Zimmer voller Freunde“ benutzt eine eigene Variante:

  • drei Perspektivträger / Hauptfiguren: Stefan, Frank, Antje.

  • drei Menschen [rot markiert], die zwischen sie geraten / für jeweils zwei von ihnen sehr unterschiedliche Rollen / Bedeutungen einnehmen.

  • drei Figuren [blau markiert] als Gegenstimmen, Komplikation für jeweils eine Haupt- und eine „rote“ Figur.

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Figuren ZvFdrei Erzähler – und die sechs wichtigsten Figuren, die sie umgeben.

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In meinen Tagebüchern und Antjes, Franks und meinem realen Schuljahr 1999 / 2000 spielten 60, 80 Menschen ihre Rollen. In „Zimmer voller Freund“ sind es unter 30 – und sobald neun zentrale Figuren, in ihren Dreier-Konstellationen, gesetzt waren, fügte sich der Rest.

Ziel des Romans war nie, autobiografisch zu erzählen, möglichst perfekt abzubilden, was MIR vor beinahe 15 Jahren, auf einem Provinzgymnasium, mit einer Handvoll Freunden widerfuhr. „Zimmer voller Freunde“ ist… breiter:

  • Menschen haben verschiedene Rollen, Chancen, Potenzial.

  • Menschen haben verschiedene Möglichkeiten, diese Rollen („erfolgreich“) zu füllen.

Stefan Mesch, 16 Jahre alt, Protagonist und Ich-Erzähler, glaubt, er stünde – allein, stolz, kontrolliert und würdevoll – im Mittelpunkt seines Jugendbuchs, Bildungsromans, Ensemble-Dramas:

Ich schreibe Timer.

Ich schreibe zwei oder drei Seiten jeden Tag, 200 Einträge pro Jahr.

Es gibt zehntausend Dinge, die ich nicht kann oder nicht will – doch das kann ich: Ich schreibe auf, was uns passiert und mache daraus ein dramatisches, tiefgründiges Ensemble-Drama.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Stefan Mesch irrt.

Er ist einer von dreien. Einer von neun. Einer von beinahe 30.

und wie dieser Irrtum Stefan einholt / überrumpelt, ist eines meiner Haupt-Erzählvergnügen.

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Zimmer voller Freunde 07.

Babylon 5:

Spannungsbögen (07)

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Erzählerische Kniffe, Humor, Figuren von „Seinfeld“ wirken heute, über 20 Jahre nach den ersten Staffeln, recht angestaubt, konventionell: eine Alltags-Sitcom über misanthrope, weiße New Yorker Singles, verwöhnt und selbstbezogen. Moderne Zuschauer / Nachgeborene vergessen schnell (Link), wie viele Sitcom-Konventionen, -Standards erst in „Seinfeld“ ihre Form fanden:

Babylon 5“ (TNT / Warner, 1993 bis 1998, fünf Staffeln mit 110 Episoden, später mehrere Filme / Spin-Offs) zeigt Besatzung und Diplomaten / Botschafter einer Raumstation im Jahr 2258, die sich um Frieden zwischen Menschen und einem Dutzend fremder Völker bemüht. Eine Ensemble-Serie mit 20 zentralen Rollen, deutlich billiger inszeniert als die zeitgleich entwickelte „Star Trek“-Raumstation „Deep Space Nine“ (1993 bis 1999)…

aber mit Erzählfreude, langem Atem und der – damals: unerhörten – Ambition, einen komplexen, durchdachten, fünf Jahre langen „Story-Arc“ zu spannen:

  • Seinfeld“ prägte einen neuen Ton für Sitcoms / Comedy.

  • Babylon 5“ prägte Spannungsbögen, serialized Storytelling.

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Noch heute erzählen viele Serien „episodisch“ (in Deutschland: nahezu alle; in den USA: oft Produktionen des Konsens- und Berieselungs-Senders CBS). Statische Figuren, statische Konflikte, alle Fragen / Probleme zum Ende der jeweiligen Episode gelöst, bewältigt – ein schlichter, klarer, verlässlicher Status Quo, der acht, neun Jahre tragen kann, flexibel genug, um bockige Darsteller zu feuern / zu ersetzen, aber so simpel und einsteigerfreundlich, dass Episoden auch in falscher Reihenfolge oder mit großen Lücken verständlich bleiben.

Viele moderne (meist: einstündige) Drama-Serien dagegen versuchen sich seit „Babylon 5“ an einem durchgängigen Spannungsbogen: Jede Episode soll wichtig sein, Mosaikstein eines komplexen, sich langsam enthüllenden Gesamtbilds:

  • Grey’s Anatomy“, recht konservativ erzählt, plant zu Beginn eines Serien-Jahres Romanzen, Hochzeiten, Unfälle aller Figuren, „Character Arcs“ für jeweils 22 Episoden.

  • Lost“ hatte zwar zur ersten Staffel vage Ideen, was in Staffel 2 oder 3 geschehen kann. Doch erst im vierten Jahr, als ABC einen verbindlichen Endpunkt setzte (sechs Staffeln, 121 Episoden), planten die „Lost“-Autoren Abschluss, Auflösung, finale Dénouements.

  • Babylon 5“ ging einen Schritt weiter – mit einem konkreten Fünf-Jahres-Plan: 5 Staffeln, je 22 Episoden, verschlungene, von langer Hand geplante Routen, auf denen alle Völker, Figuren, Konflikte stimmige, oft tragische / überraschende Endpunkte erreichten.

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US-Schauspieler dürfen sechs Jahre lang für eine Serie unter Vertrag genommen werden – vor Staffel 7 beginnen neue, zähe Verhandlungen. Eine Stunde US-Prime-Time-TV hat fünf Werbeblocks – und viele Drama-Serien-Drehbücher damit fünf Akte und einen Teaser / Prolog. Ein Spielfilm-Drehbuch hat drei – ungleich große – Akte und in der Mitte einen zentralen Wendepunkt… oft also eine Art Vier-Akt-Struktur.

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Persönlich leuchten mir – seit „Babylon 5“, 1998 – Fünf-Akt-Strukturen ein:

  • Exposition: Figuren. Orte. Fragen. Rätsel. Ärger!

  • Steigerung: Böse Überraschungen. Hässliche Wahrheiten. Eskalation!

  • Peripetie: Lösungen, Ziele, Hoffnung? Nein: Alles ändert sich.

  • retardierendes Moment: Scheitern. Patts. Stolpern. Die Zeit rennt fort.

  • Katastrophe: Jeder weiß jetzt, was er tun muss. Wählt, kämpft. Zahlt seinen Preis. Konsequenzen!

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Trotz bester Absichten hatte „Babylon 5“ Schwierigkeiten: Fast 20 erste Episoden, die ein Gefühl falscher Sicherheit vermitteln wollten – aber nur langweilten. Ein Hauptdarsteller, Michael O’Hare, dessen Figur zur zweiten Staffel ersetzt werden musste, und drei zentrale Frauen – Lyta, Talia, Susan Ivanova –, deren Character-Arcs verschoben / auf Ersatz-Figuren übertragen wurden: Staffel 4 führte alle Konflikte hastig, überstürzt zu Ende, weil eine fünfte Staffel fraglich schien… und als Jahr 5 doch noch bewilligt wurde, fehlten dieser letzten („Post-Script“-)Season Überraschungen.

Staffel 2 und 3 von „Babylon 5“ aber sind eine atemblose, klug orchestrierte Parade, nein: Lawine hässlicher Wendungen, Katastrophen und unerhörter, das Macht- und Figurengefüge der Serie erschütternder „Wham-Episodes“ (Link) und „Nothing is the same anymore!“(Link)-Enthüllungen: Mit jeder Szene wird alles schlimmer, schneller, dunkler und globaler / epischer. Sog! Tempo! Dringlichkeit!

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Für „Zimmer voller Freunde“ halfen „Babylon 5“ (und / aber: auch viele misslungene Handlungsbögen, z.B. bei „Veronica Mars“, „Akte X“, „Battlestar Galactica“, „Lost“, „Avatar – Herr der Elemente“) auf mehreren Ebenen:

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Die Umbrüche / Katastrophen / Entscheidungen, die ich behandeln will, geschahen (biografisch) zwischen…

  • 1997 (…ich war 14, Ende der achten Klasse), und

  • 2003 (…ich war 20, fertig mit Zivildienst / FSJ, bereit, Heimat und Freunde zu verlassen.)

Mein letzter möglicher „Vorher“-Zeitpunkt – bevor Stoff, Antje, Helena, Sassi, Frank etc. kollidierten – war Spätherbst 1999, Klasse 11; der frühstmögliche Punkt, unsere Geschichten schlüssig zu beenden, das Abitur, Juni 2002: Idealerweise, wenn Leser / Finanzen und Gesundheit stimmen, setze ich „Zimmer voller Freunde“ sofort fort, mit einem Buch über 2000 / 2001, und einem Abschlussband, bis 2002.

Ein „Zimmer voller Freunde“-Kapitel…

  • hat 12 bis 19 Seiten.

  • wird aus der Perspektive von Antje, Stefan oder Frank erzählt.

  • und jeweils sechs Kapitel, ca. 85 Seiten, ergeben einen Akt.

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Anfangs schienen fünf Kapitel pro Akt stimmiger, „symmetrischer“ – doch dieser Fünfer-Rhythmus wird durchschaubar / monoton, weil er nur folgende Optionen / Einteilungen erlaubt:

  • 2 (selten: 1) Kapitel von Frank.

  • 2 (selten: 1) Kapitel von Stefan.

  • Kapitel von Antje… so viele wie möglich / übrig.

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Ich stellte Akt 1 eine kurze, griffige Eröffnungsszene voran – szenischer / linearer als gewöhnliche Kapitel: ein Prolog / Teaser, in dem Stoff eine überraschende Rolle spielt; und entschied, jeden Akt mit einer (kurzen, schnellen, suggestiven) sechsten Szene im selben Stil zu schließen:

  • Prolog, Juni 1999: Stoff, via Antje.

  • Akt 1, Juli 1999: Kapitel Stefan – Frank – Antje – Stefan – Frank.

  • sechste Szene, Juli 1999: Stoff, via Stefan.

  • Akt 2, September 1999: Kapitel Frank – Stefan – Antje – Stefan – Frank.

  • sechste Szene, September 1999: Stoff, via Sassi… etc.

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Das klingt abstrakt, verkopft – doch fügt sich schnell zu einem dynamischen, guten „Stundenplan“ – fünf Akte / „Wochentage“, je sechs Kapitel / „Fächer“ – flexibel genug, drei Handlungssträngen (Antje, Stefan, Frank) zu folgen, ohne, dass Leser sofort errechnen, welche Figur „als nächstes kommt“:

  • 30 Kapitel (und ein Prolog).

  • 5 Akte: Juli, September und Dezember 99, Mai und Juli 2000.

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Wordpress Romanplan.

Die Handlung des Romans beginnt so spät wie möglich (…keine 20 Kapitel „falsche Sicherheit“, kein langsames in-die-Gänge-Kommen) – doch alle Figuren starten an Orten, absichtlich weit entfernt von ihren jeweiligen Zielen: „Babylon 5“ zeigt einen Feigling, der fünf Jahre später seine Heimatwelt regiert, einen Terroristen, der zum Gelehrten / passiven Widerständler wird, Freundschaften, Gelöbnisse, Allianzen, die überraschend zerbrechen:

Erzähler, die solche Endpunkte schon zu Beginn mitdenken, können sich die jeweils klügste, dramatischste Route wählen, die jede Figur auf ihrem Character-Arc zurücklegen wird. Entsprechend viele Probleme, Ängste, Konflikte, die real / biografisch schon 1997, 1998 bewältigt wurden, bleiben bei „Zimmer voller Freunde“ in der Gegenwart – Sommer 1999 bis Sommer 2000: Ereignisse, Tagebücher, Entwicklungen von 1997 bis 2003 – das wären sechs langsame, getrogene Romane – oder eben: drei schnelle, furiose.

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Meine wichtigste Lektion aus „Babylon 5“ handelt vom Vertrag, den Leser und Autor zu Beginn einer Geschichte schließen:

The Coming Of Shadows” [Staffel 2, Episode 9] „…[is] a defining moment in the series’ run, a dividing line between what came before and everything after. […] This is a specific event where the rules that viewers thought would hold true for the entire series are no longer true. But this isn’t just an issue of unexpected plot twists. It’s the way those twists are portrayed via magnificent moments, like an instant of horrible luck destroying the possibility of peace. It’s the way a year of developing characters who seem to embody right and wrong is flipped entirely in a scene of impressive dramatic irony. Before the mid-’90s, television didn’t work this way. Babylon 5 was one of the series that opened the door to the possibility that good wouldn’t always defeat evil, when a space station devoted to peace ended up triggering a war.

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schreibt Rowan Kaiser auf AVClub.com (Link) – und zeigt: „Babylon 5“ wirkt so dynamisch, dramatisch, unerhört, weil Regeln, Gewichte und Strukturen, die sich die Serie zu setzen schien („Wer sind die Hauptfiguren?“, „Wer sind die Guten?“, „Was ist Funktion, Anspruch, Hoheitsgebiet dieser Station?“) Stück für Stück verdreht, ersetzt, auf den Kopf gestellt wurden:

Eine Welt / Konzept / Ensemble mit klaren Parametern…

die so rasant und tiefgreifend ersetzt / verwandelt werden…

bis sich, endlich zeigt:

Es ging – von Anfang an! – um eine andere, komplexere Welt, Parameter, die die handelnden Figuren lange nicht bemerkten oder begriffen.

Die Rollen, die jeder zu spielen glaubt, sind ganz anders als die, die er schlussendlich spielt.

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Zimmer voller Freunde“ (Link) handelt…

von Schulhof-Casanova Frank, der alles tut, um „eine liebe Freundin“ zu finden.

von Außenseiter Stefan, der alles tut, um seine Freundschaften mit Stoff (stolz, schnippisch) und Helena (schüchtern, verkopft) zu retten.

von Antje, allein, nervös, die alles tut, um neue Ordnung / Sicherheit in ihre Familie zu bringen.

Schwerpunkte, Helden, Lebensziele und Allianzen meines Romans sind leicht verständlich, klar benannt – eine süffige, leicht erzählte Geschichte mit Sympathieträgern und Gegnern, Freunden, Außenseitern, Rivalen, Schurken, klaren Zielen. Und / aber, dahinter: eine andere, größere Geschichte. Die nicht im Exposé steht. Oder im Klappentext:

Atemberaubend, unerhört an „Babylon 5“ waren nicht die Schlenker, Ausfallschritte und Saltos, die diese Serie fünf Jahre lang, in fünf dramaturgisch (meist / überraschend:) stimmigen Akten, schlug – sondern, wie Autoren jedes Jahr sehr überzeugend versicherten: „DAS wäre zuviel!“, „DAS ist nicht drin!“, „DIESE Leute sind sicher!“, „HIER ist die Grenze!“…

nur, um alle Grenzen – lustvoll, dramatisch, überraschend! – zu überschreiten.

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Zimmer voller Freunde 08.

„Ugly Betty“:

Gegner / Klischees (08)

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Ich ignoriere Sitcoms, Kabarett, Comedians, Satire, „Spaß“-Lieder und -Videos, Komödien und alle Menschen, die Witze erzählen; verlasse den Raum oder starre zu Boden, bis Schenkel geklopft, Beifall geheischt, alle Häme ausgeschüttet wurde:

Ich habe keinen Humor“, rechtfertige ich mich.

Doch das ist… Quatsch:

Ugly Betty“ (ABC, 2006 bis 2010, vier Staffeln, 85 Episoden) trifft meine Tempo-, Sarkasmus-, Dialoggefechts- und Irrwitz-Ideale, konnte mich – als Drama und Comedy – zwei Jahre lang unterhalten, und heute finde ich große „Betty“-Stilmittel, erzählerische Spurenelemente in Serien wie „Glee“, „Girls“, „Happy Endings“:

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  • Jede Szene zeigt einen Streit / harten Schlagabtausch.

  • Streitpunkte sind Ideologien: tiefe Unterschiede zwischen den Streitenden.

  • In einem Ensemble aus ca. 12 Figuren kann jeder jeden attackieren…

  • jeder (auch: Unsympathen / Antagonisten) kann jederzeit Recht haben

  • oder (auch: Helden / Sympathieträger) sich schlimm lächerlich machen.

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In all diesen Debatten, Streits, Konflikten wird – trotzdem – deutlich:

  • Figuren respektieren ihre (fundamentalen) Unterschiede.

  • Autoren legen Wert auf Spannbreite, soziale, kulturelle, sexuelle, ideologische Vielfalt der Stimmen und Standpunkte.

  • und das ständige, raue Mit- und Gegeneinander zeigt: Es gibt distinkt verschiedene Arten, „erfolgreich“ oder „schön“ zu sein, „gute Arbeit zu leisten“ usw. Jeder kann von jedem lernen. Doch jeder kann auch – von jedem anderen – in die Tasche gesteckt, verletzt, großer Lächerlichkeit preisgegeben werden.

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Ugly Betty“ ist ein Aschenputtel- und Großraumbüro-Märchen, zu gleichen Teilen inspiriert von „Der Teufel trägt Prada“ (Buch: 2003, Verfilmung: 2006) und der kolumbianischen Telenovela „Y Soy Betty, La Fea“ (1999 bis 2001, auch Vorbild von „Verliebt in Berlin“ auf Sat.1, 18 Monate älter / früher als „Ugly Betty“):

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Betty Suarez, eine idealistische [wenn’s dem Humor dient: naive], enthusiastische [überdrehte] Latina aus Queens, wird über Nacht zur Assistentin / Sekretärin von Daniel Meade, dem bübischen [dumpfen], verspielten [gefährlich unreifen / ahnungslosen] Herausgeber des MODE Magazine.

Schnell versteht Betty, dass sie nur eingestellt wurde, weil Daniel mit allen bisherigen Sekretärinnen schlief: Niemand glaubt an Bettys Fähigkeiten – und niemand glaubt an Daniels Qualifikation, denn seinem Vater gehört die Verlags-/Pressegruppe. Vier Staffeln / Jahre lang sind Betty (später: als Autorin, Redakteurin) und Daniel vor allem beschäftigt, gegenseitige Patzer, Fehltritte und Überreaktionen auszubügeln. Prinzen und Telenovela-Romantik fehlen – denn Integrität, Loyalität, Selbstverwirklichung („Stil lernen“ vs. „Einfach-man-selbst-Sein“) und Karriere sind für die „Ugly Betty“-Figuren wichtigere Ziele.

Trotz allem Tempo, Schwung hätte mich das dauer-aufgeregte Fräuleinwunder (Peggy Olsen mit „Kinderkanal“-Look und -Attitüde…) schnell gelangweilt; stünden Betty und Daniel als Sympathieträger alleine in einer Welt klischeehafter „Reich und schön“-Figuren:

Bettys müde Schwester (Friseursalon, halbwüchsiger Sohn, Pech mit den Männern im Viertel), der fürsorgliche papi („Ich habe gekocht“, „Morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus“ etc.), Empfangs-Dummchen Amanda, Lakai / Schoßhund Marc und Hexe / Drache / „Medusa“ Wilhelmina Slater (Vanessa Williams), die vor 30 Jahren selbst Assistentin war – und Bettys Oversharing, Overcaring usw. am schärfsten kritisiert:

Ich tue nichts anderes als Scheiße dosieren“, schrieb Flaubert über die Arbeit an „Madame Bovary“ […behauptet Stephan Porombka auf Twitter].

Das leuchtet ein – denn auch meine „Zimmer voller Freunde“-Gespräche fordern oft die schlimmsten, unbequemsten, verletzendsten Sätze, die zwei Figuren wechseln können:

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Mein Ziel ist nie

  • Kontrahenten als Widerlinge, Feinde, trashige „Monster“ zu inszenieren.

  • kalkuliertes Mitleid / Schadenfreude zu wecken, indem ich Außenseiter / Minderheiten möglichst originell beschimpfen, bloßstellen lasse.

  • eine Kluft zu ziehen zwischen „klugen, guten“ Figuren und dem „Pöbel“.

  • meine Erzählwelt einfacher zu machen, indem Figuren leichthin Zuschreibungen, Schubladen, Vorurteile nutzen.

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Ein Mädchen stakst über die Kieswege des Bahnhofswiesenparks. Sie trägt einen Trekkingrucksack, Hochwasserhosen und ein unmögliches Regencape. […] Auf ihre Doc Martens hat sie Hippieblümchen gemalt, mit blauem Plaka-Lack. An ihrem Armband hängen Kronkorken und Kreuze. Gesicht und Arme sind, wie jedes Jahr um diese Zeit, voll heller Sommersprossen. […]

Wenn alles, was ein Fremder von uns sieht – Kleidung, Haltung, die Summe unserer Äußerlichkeiten – eine Art sichtbare Grenze darstellt zum versteckten, komplizierteren Innenleben, das man erst später, als Freund oder Vertrauter, zu überblicken lernt, wie man als Reisender ein fremdes Land entdeckt… dann ist sie Belgien. Ein Streifen Welt, in dem es nichts zu sehen gibt. Ein überraschungsloses Stückchen Mensch. Eine Landkarte ohne weiße Flecken. Hundert Prozent Klischees und Langeweile.“

(Stefan, über Nicht-Freundin Sassi, Zitat aus „Zimmer voller Freunde“)

Niemand urteilt schneller, bräsiger, gehässiger als Teenager. Nie wieder klaffen Anspruch und eigene Leistungen so weit auseinander. Die Elftklässler in „Zimmer voller Freunde“ haben einen sehr genauen Blick für Fehler, Schwachstellen, Heuchelei – doch eine furchtbar dünne Haut, pubertäre Hybris und zahllose eigene Angriffsflächen.

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Lüg dich nicht an: Alle hängen dich ab. Jeder sortiert dich aus! Wenn ich dein Leben hätte – ich würde mich im Wald verstecken und heulen.“ (Frank, zu Stefan, „Zimmer voller Freunde“)

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Es gibt Neben- und Hauptfiguren.

Es gibt nur zwei bis drei bedeutungsvolle Menschen.

Es gibt Verlierer, die die Trost- und Sonderpreise kriegen.

Es gibt die Guten. Und den Rest.“ (Stefan, in Sortier-Laune, „Zimmer voller Freunde“)

.
‚„Der Frank ist ein ganz Lieber. Und anständig!“, sagt Carmens Mutter. „Ich finde, wir sind so richtig stolz auf den.“
Na ja…“, sagt Carmen.
Stolz? Auf was?“
Herlinde stockt. „Er ist…“ Sie überlegt.
Er hat ja schon…“, setzt Carmen an.
Dann wird sie still.
Sigrid gießt Kaffee fort. Man schweigt.‘

(die Frauen in Franks Familie, über Frank, „Zimmer voller Freunde“)

.

Jedes Urteil weckt zwei große Fragen, wirkt in zwei Richtungen: Es charakterisiert Opfer und Richter – und stellt beide zur Diskussion: Antje nennt viele Dinge „wertlos“. Frank benutzt „sinnlos“. Stefan „unwichtig“ – denn Antje sucht Werte, Sicherheiten. Frank Spielraum / Optionen. Stefan Pathos und Gewicht… Ich selbst, als Autor, überlege in jeder Szene: Was ist das Schlimmste, Unbequemste, das diese Figur jetzt hören könnte? Was macht das größte Fass auf? Was würde ein Erwachsener, in diesem Gespräch, für sich behalten?

  • Eins wollte ich dir seit Jahren sagen: Du bist ein richtig arroganter Sack!“, kläffte mich mit 15 ein Mathe-Lehrer an. Im Flur, drei Jahre, nachdem er mich zum letzten Mal unterrichtet hatte.

  • Sag nichts. Jedes Mal, wenn du den Mund aufmachst, kommt Scheiße raus“, riet mir mein Vater mit 14.

  • Du findest keine Freundin. Auch nicht mit 18 oder 19…!“, versprach Freund Frank – und war sicher genug, darauf Geld zu verwetten.

Bestimmt ließ ich selbst 100 Sätze fallen, die ebenso verletzend waren – und wäre „Zimmer voller Freunde“ ein Aufmarsch möglichst schlimmer Stimmen, Fehlverhalten, Machtspiele, Respektlosigkeiten, hätte ich Gesprächs- und Streitkultur von „Family Guy“ oder „Hausmeister Krause“ analysiert – nicht „Ugly Betty“: härter, hässlicher, gehässiger geht immer.

.

ub zvf.

Ugly Betty“ aber hat mir beigebracht…

  • mit möglichst klugem, präzisem Sticheln / Streiten Figuren (und ihre Unterschiede) möglichst dynamisch, klug, präzise szenisch auszustellen.

  • dass solche Streits besser werden, je klüger und gerechtfertigter alle Argumente, auf beiden Seiten, sind.

  • dass sich Figuren plump oder dreist verhalten können – ohne, Klischees zu bleiben.

.

Eine 42-minütige „Ugly Betty“-Episode braucht Bettys aufgekratzten Idealismus. Bübische Dummheiten von Daniel. Amanda als blondes Gift, Marc als gehässigen Clown, Wilhelmina als Hexe, Drache, Teufel in Prada. Und egal, wie viel Charakterentwicklung / Wachstum meine „Zimmer voller Freunde“-Teenager erfahren – Stefan ist altklug, forsch, verbohrt. Frank drückt leichthin auf jeden Knopf, der ihm begegnet. Antje findet jedes Jahr in jeder Suppe.

Brillant aber, wie „Ugly Betty“ diese „dicken Pinselstriche“ rechtfertigt, immer weiter denkt: Denn Daniel, Wilhelmina, Marc – zeigt sich sehr schnell – könnten auch anders. Sie wissen, was sie tun. Und alle senken die Masken – in überraschenden, überraschend plausiblen und oft: ziemlich rührenden / klugen – „Ich weiß schon, was ich tue!“-Momenten, gegen Ende einer Episode: Überzeichnungen, Klischees werden als bewusste Entscheidung gerechtfertigt / erklärt – weil sich diese Leute selbst zeichnen, absichtlich: „Klar bin ich bübisch / eine Hexe / Dummchen an der Rezeption: Das ist ja gerade der Clou…!“

In allen Machtspielen und Urteilen in Bettys Welt wird – passend für eine Serie über die Modebranche – nicht kritisiert, wer jemand IST… sondern stets, wie er sich präsentiert / gibt / inszeniert: Erfolg haben „Betty“-Figuren nicht, weil sie sind – sondern, weil sie sich bewusst (!) VERHALTEN, und wer in Fick-mich-Stiefel oder Jesuslatschen, Nerzmäntel oder „Guadalajara!“-Ponchos schlüpft, darf alle Privilegien nutzen, die mit solcher Kleidung / Auftritten kommen… doch muss alle Konsequenzen – und Kritik der restlichen Figuren – ertragen.

.

Die „Betty“-Schlaufe?

  • Eine (klischeehafte) Figur A bezichtigt eine (klischeehafte) Figur B der Klischeehaftigkeit.

  • B schießt – sehr klug – zurück, trifft wunde Punkte bei A…

  • erklärt / rechtfertigt ihr B-Verhalten überraschend plausibel…

  • und bringt A dazu, neu zu hinterfragen, ob / wie sie ihr A-Verhalten und ihre eigenen A-Klischees instrumentalisiert.

.

Künftig sehen Zuschauer – auch bei klischeehaften Auftritten von A oder B – einen Menschen, der sich entschieden hat, so aufzutreten. Und A und B können sich in neuen Streits – auf zwei Ebenen verhandeln: Sie können angreifen, wer sie sind. Und, wer sie scheinen / für wen sie sich zu sein entscheiden.

Braucht eine Szene Hexe, Clown oder Dummchen, liegen diese Archetypen – im „Ugly Betty“-Ensemble – griffbereit. Aber Zuschauer sehen statt der Hexe künftig eine Frau, die sich entschieden hat, Hexe zu sein. Verdoppelte Angriffsfläche. Verdoppelte Verwendungsmöglichkeiten. Neuer Text und neuer Subtext.

Doppelt komplex.

Aber, wenn’s denn sein muss: Immer noch (wunderbar) flach!

.

Ankucken – ein Bilderbuch-Beispiel aller Kinffe, die ich beschrieb:


.

Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

Erzählen / Schreiben… mit „Ugly Betty“

wordpress ugly betty.

Ich ignoriere Sitcoms, Kabarett, Comedians, Satire, „Spaß“-Lieder und -Videos, Komödien und alle Menschen, die Witze erzählen; verlasse den Raum oder starre zu Boden, bis Schenkel geklopft, Beifall geheischt, alle Häme ausgeschüttet wurde:

Ich habe keinen Humor“, rechtfertige ich mich.

Doch das ist… Quatsch:

Ugly Betty“ (ABC, 2006 bis 2010, vier Staffeln, 85 Episoden) trifft meine Tempo-, Sarkasmus-, Dialoggefechts- und Irrwitz-Ideale, konnte mich – als Drama und Comedy – zwei Jahre lang unterhalten, und heute finde ich große „Betty“-Stilmittel, erzählerische Spurenelemente in Serien wie „Glee“, „Girls“, „Happy Endings“:

.

  • Jede Szene zeigt einen Streit / harten Schlagabtausch.

  • Streitpunkte sind Ideologien: tiefe Unterschiede zwischen den Streitenden.

  • In einem Ensemble aus ca. 12 Figuren kann jeder jeden attackieren…

  • jeder (auch: Unsympathen / Antagonisten) kann jederzeit Recht haben

  • oder (auch: Helden / Sympathieträger) sich schlimm lächerlich machen.

.

In all diesen Debatten, Streits, Konflikten wird – trotzdem – deutlich:

  • Figuren respektieren ihre (fundamentalen) Unterschiede.

  • Autoren legen Wert auf Spannbreite, soziale, kulturelle, sexuelle, ideologische Vielfalt der Stimmen und Standpunkte.

  • und das ständige, raue Mit- und Gegeneinander zeigt: Es gibt distinkt verschiedene Arten, „erfolgreich“ oder „schön“ zu sein, „gute Arbeit zu leisten“ usw. Jeder kann von jedem lernen. Doch jeder kann auch – von jedem anderen – in die Tasche gesteckt, verletzt, großer Lächerlichkeit preisgegeben werden.

 .

Ugly Betty“ ist ein Aschenputtel- und Großraumbüro-Märchen, zu gleichen Teilen inspiriert von „Der Teufel trägt Prada“ (Buch: 2003, Verfilmung: 2006) und der kolumbianischen Telenovela „Y Soy Betty, La Fea“ (1999 bis 2001, auch Vorbild von „Verliebt in Berlin“ auf Sat.1, 18 Monate älter / früher als „Ugly Betty“):

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Betty Suarez, eine idealistische [wenn’s dem Humor dient: naive], enthusiastische [überdrehte] Latina aus Queens, wird über Nacht zur Assistentin / Sekretärin von Daniel Meade, dem bübischen [dumpfen], verspielten [gefährlich unreifen / ahnungslosen] Herausgeber des MODE Magazine.

Schnell versteht Betty, dass sie nur eingestellt wurde, weil Daniel mit allen bisherigen Sekretärinnen schlief: Niemand glaubt an Bettys Fähigkeiten – und niemand glaubt an Daniels Qualifikation, denn seinem Vater gehört die Verlags-/Pressegruppe. Vier Staffeln / Jahre lang sind Betty (später: als Autorin, Redakteurin) und Daniel vor allem beschäftigt, gegenseitige Patzer, Fehltritte und Überreaktionen auszubügeln. Prinzen und Telenovela-Romantik fehlen – denn Integrität, Loyalität, Selbstverwirklichung („Stil lernen“ vs. „Einfach-man-selbst-Sein“) und Karriere sind für die „Ugly Betty“-Figuren wichtigere Ziele.

Trotz allem Tempo, Schwung hätte mich das dauer-aufgeregte Fräuleinwunder (Peggy Olsen mit „Kinderkanal“-Look und -Attitüde…) schnell gelangweilt; stünden Betty und Daniel als Sympathieträger alleine in einer Welt klischeehafter „Reich und schön“-Figuren:

Bettys müde Schwester (Friseursalon, halbwüchsiger Sohn, Pech mit den Männern im Viertel), der fürsorgliche papi („Ich habe gekocht“, „Morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus“ etc.), Empfangs-Dummchen Amanda, Lakai / Schoßhund Marc und Hexe / Drache / „Medusa“ Wilhelmina Slater (Vanessa Williams), die vor 30 Jahren selbst Assistentin war – und Bettys Oversharing, Overcaring usw. am schärfsten kritisiert:

Ich tue nichts anderes als Scheiße dosieren“, schrieb Flaubert über die Arbeit an „Madame Bovary“ […behauptet Stephan Porombka auf Twitter].

Das leuchtet ein – denn auch meine „Zimmer voller Freunde“-Gespräche fordern oft die schlimmsten, unbequemsten, verletzendsten Sätze, die zwei Figuren wechseln können:

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Mein Ziel ist nie

  • Kontrahenten als Widerlinge, Feinde, trashige „Monster“ zu inszenieren.

  • kalkuliertes Mitleid / Schadenfreude zu wecken, indem ich Außenseiter / Minderheiten möglichst originell beschimpfen, bloßstellen lasse.

  • eine Kluft zu ziehen zwischen „klugen, guten“ Figuren und dem „Pöbel“.

  • meine Erzählwelt einfacher zu machen, indem Figuren leichthin Zuschreibungen, Schubladen, Vorurteile nutzen.

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Ein Mädchen stakst über die Kieswege des Bahnhofswiesenparks. Sie trägt einen Trekkingrucksack, Hochwasserhosen und ein unmögliches Regencape. […] Auf ihre Doc Martens hat sie Hippieblümchen gemalt, mit blauem Plaka-Lack. An ihrem Armband hängen Kronkorken und Kreuze. Gesicht und Arme sind, wie jedes Jahr um diese Zeit, voll heller Sommersprossen. […]

Wenn alles, was ein Fremder von uns sieht – Kleidung, Haltung, die Summe unserer Äußerlichkeiten – eine Art sichtbare Grenze darstellt zum versteckten, komplizierteren Innenleben, das man erst später, als Freund oder Vertrauter, zu überblicken lernt, wie man als Reisender ein fremdes Land entdeckt… dann ist sie Belgien. Ein Streifen Welt, in dem es nichts zu sehen gibt. Ein überraschungsloses Stückchen Mensch. Eine Landkarte ohne weiße Flecken. Hundert Prozent Klischees und Langeweile.“

(Stefan, über Nicht-Freundin Sassi, Zitat aus „Zimmer voller Freunde“)

Niemand urteilt schneller, bräsiger, gehässiger als Teenager. Nie wieder klaffen Anspruch und eigene Leistungen so weit auseinander. Die Elftklässler in „Zimmer voller Freunde“ haben einen sehr genauen Blick für Fehler, Schwachstellen, Heuchelei – doch eine furchtbar dünne Haut, pubertäre Hybris und zahllose eigene Angriffsflächen.

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Lüg dich nicht an: Alle hängen dich ab. Jeder sortiert dich aus! Wenn ich dein Leben hätte – ich würde mich im Wald verstecken und heulen.“ (Frank, zu Stefan, „Zimmer voller Freunde“)

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Es gibt Neben- und Hauptfiguren.

Es gibt nur zwei bis drei bedeutungsvolle Menschen.

Es gibt Verlierer, die die Trost- und Sonderpreise kriegen.

Es gibt die Guten. Und den Rest.“ (Stefan, in Sortier-Laune, „Zimmer voller Freunde“)

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‚„Der Frank ist ein ganz Lieber. Und anständig!“, sagt Carmens Mutter. „Ich finde, wir sind so richtig stolz auf den.“
Na ja…“, sagt Carmen.
Stolz? Auf was?“
Herlinde stockt. „Er ist…“ Sie überlegt.
Er hat ja schon…“, setzt Carmen an.
Dann wird sie still.
Sigrid gießt Kaffee fort. Man schweigt.‘

(die Frauen in Franks Familie, über Frank, „Zimmer voller Freunde“)

.

Jedes Urteil weckt zwei große Fragen, wirkt in zwei Richtungen: Es charakterisiert Opfer und Richter – und stellt beide zur Diskussion: Antje nennt viele Dinge „wertlos“. Frank benutzt „sinnlos“. Stefan „unwichtig“ – denn Antje sucht Werte, Sicherheiten. Frank Spielraum / Optionen. Stefan Pathos und Gewicht… Ich selbst, als Autor, überlege in jeder Szene: Was ist das Schlimmste, Unbequemste, das diese Figur jetzt hören könnte? Was macht das größte Fass auf? Was würde ein Erwachsener, in diesem Gespräch, für sich behalten?

  • Eins wollte ich dir seit Jahren sagen: Du bist ein richtig arroganter Sack!“, kläffte mich mit 15 ein Mathe-Lehrer an. Im Flur, drei Jahre, nachdem er mich zum letzten Mal unterrichtet hatte.

  • Sag nichts. Jedes Mal, wenn du den Mund aufmachst, kommt Scheiße raus“, riet mir mein Vater mit 14.

  • Du findest keine Freundin. Auch nicht mit 18 oder 19…!“, versprach Freund Frank – und war sicher genug, darauf Geld zu verwetten.

Bestimmt ließ ich selbst 100 Sätze fallen, die ebenso verletzend waren – und wäre „Zimmer voller Freunde“ ein Aufmarsch möglichst schlimmer Stimmen, Fehlverhalten, Machtspiele, Respektlosigkeiten, hätte ich Gesprächs- und Streitkultur von „Family Guy“ oder „Hausmeister Krause“ analysiert – nicht „Ugly Betty“: härter, hässlicher, gehässiger geht immer.

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ub zvf.

Ugly Betty“ aber hat mir beigebracht…

  • mit möglichst klugem, präzisem Sticheln / Streiten Figuren (und ihre Unterschiede) möglichst dynamisch, klug, präzise szenisch auszustellen.

  • dass solche Streits besser werden, je klüger und gerechtfertigter alle Argumente, auf beiden Seiten, sind.

  • dass sich Figuren plump oder dreist verhalten können – ohne, Klischees zu bleiben.

.

Eine 42-minütige „Ugly Betty“-Episode braucht Bettys aufgekratzten Idealismus. Bübische Dummheiten von Daniel. Amanda als blondes Gift, Marc als gehässigen Clown, Wilhelmina als Hexe, Drache, Teufel in Prada. Und egal, wie viel Charakterentwicklung / Wachstum meine „Zimmer voller Freunde“-Teenager erfahren – Stefan ist altklug, forsch, verbohrt. Frank drückt leichthin auf jeden Knopf, der ihm begegnet. Antje findet jedes Jahr in jeder Suppe.

Brillant aber, wie „Ugly Betty“ diese „dicken Pinselstriche“ rechtfertigt, immer weiter denkt: Denn Daniel, Wilhelmina, Marc – zeigt sich sehr schnell – könnten auch anders. Sie wissen, was sie tun. Und alle senken die Masken – in überraschenden, überraschend plausiblen und oft: ziemlich rührenden / klugen – „Ich weiß schon, was ich tue!“-Momenten, gegen Ende einer Episode: Überzeichnungen, Klischees werden als bewusste Entscheidung gerechtfertigt / erklärt – weil sich diese Leute selbst zeichnen, absichtlich: „Klar bin ich bübisch / eine Hexe / Dummchen an der Rezeption: Das ist ja gerade der Clou…!“

In allen Machtspielen und Urteilen in Bettys Welt wird – passend für eine Serie über die Modebranche – nicht kritisiert, wer jemand IST… sondern stets, wie er sich präsentiert / gibt / inszeniert: Erfolg haben „Betty“-Figuren nicht, weil sie sind – sondern, weil sie sich bewusst (!) VERHALTEN, und wer in Fick-mich-Stiefel oder Jesuslatschen, Nerzmäntel oder „Guadalajara!“-Ponchos schlüpft, darf alle Privilegien nutzen, die mit solcher Kleidung / Auftritten kommen… doch muss alle Konsequenzen – und Kritik der restlichen Figuren – ertragen.

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Die „Betty“-Schlaufe?

  • Eine (klischeehafte) Figur A bezichtigt eine (klischeehafte) Figur B der Klischeehaftigkeit.

  • B schießt – sehr klug – zurück, trifft wunde Punkte bei A…

  • erklärt / rechtfertigt ihr B-Verhalten überraschend plausibel…

  • und bringt A dazu, neu zu hinterfragen, ob / wie sie ihr A-Verhalten und ihre eigenen A-Klischees instrumentalisiert.

.

Künftig sehen Zuschauer – auch bei klischeehaften Auftritten von A oder B – einen Menschen, der sich entschieden hat, so aufzutreten. Und A und B können sich in neuen Streits – auf zwei Ebenen verhandeln: Sie können angreifen, wer sie sind. Und, wer sie scheinen / für wen sie sich zu sein entscheiden.

Braucht eine Szene Hexe, Clown oder Dummchen, liegen diese Archetypen – im „Ugly Betty“-Ensemble – griffbereit. Aber Zuschauer sehen statt der Hexe künftig eine Frau, die sich entschieden hat, Hexe zu sein. Verdoppelte Angriffsfläche. Verdoppelte Verwendungsmöglichkeiten. Neuer Text und neuer Subtext.

Doppelt komplex.

Aber, wenn’s denn sein muss: Immer noch (wunderbar) flach!

.

Ankucken – ein Bilderbuch-Beispiel aller Kinffe, die ich beschrieb:


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Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

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Erzählen / Schreiben… mit „Babylon 5“

wordpress babylon 5 story-arc.

Erzählerische Kniffe, Humor, Figuren von „Seinfeld“ wirken heute, über 20 Jahre nach den ersten Staffeln, recht angestaubt, konventionell: eine Alltags-Sitcom über misanthrope, weiße New Yorker Singles, verwöhnt und selbstbezogen. Moderne Zuschauer / Nachgeborene vergessen schnell (Link), wie viele Sitcom-Konventionen, -Standards erst in „Seinfeld“ ihre Form fanden:

Babylon 5“ (TNT / Warner, 1993 bis 1998, fünf Staffeln mit 110 Episoden, später mehrere Filme / Spin-Offs) zeigt Besatzung und Diplomaten / Botschafter einer Raumstation im Jahr 2258, die sich um Frieden zwischen Menschen und einem Dutzend fremder Völker bemüht. Eine Ensemble-Serie mit 20 zentralen Rollen, deutlich billiger inszeniert als die zeitgleich entwickelte „Star Trek“-Raumstation „Deep Space Nine“ (1993 bis 1999)…

aber mit Erzählfreude, langem Atem und der – damals: unerhörten – Ambition, einen komplexen, durchdachten, fünf Jahre langen „Story-Arc“ zu spannen:

  • Seinfeld“ prägte einen neuen Ton für Sitcoms / Comedy.

  • Babylon 5“ prägte Spannungsbögen, serialized Storytelling.

 .

Noch heute erzählen viele Serien „episodisch“ (in Deutschland: nahezu alle; in den USA: oft Produktionen des Konsens- und Berieselungs-Senders CBS). Statische Figuren, statische Konflikte, alle Fragen / Probleme zum Ende der jeweiligen Episode gelöst, bewältigt – ein schlichter, klarer, verlässlicher Status Quo, der acht, neun Jahre tragen kann, flexibel genug, um bockige Darsteller zu feuern / zu ersetzen, aber so simpel und einsteigerfreundlich, dass Episoden auch in falscher Reihenfolge oder mit großen Lücken verständlich bleiben.

Viele moderne (meist: einstündige) Drama-Serien dagegen versuchen sich seit „Babylon 5“ an einem durchgängigen Spannungsbogen: Jede Episode soll wichtig sein, Mosaikstein eines komplexen, sich langsam enthüllenden Gesamtbilds:

  • Grey’s Anatomy“, recht konservativ erzählt, plant zu Beginn eines Serien-Jahres Romanzen, Hochzeiten, Unfälle aller Figuren, „Character Arcs“ für jeweils 22 Episoden.

  • Lost“ hatte zwar zur ersten Staffel vage Ideen, was in Staffel 2 oder 3 geschehen kann. Doch erst im vierten Jahr, als ABC einen verbindlichen Endpunkt setzte (sechs Staffeln, 121 Episoden), planten die „Lost“-Autoren Abschluss, Auflösung, finale Dénouements.

  • Babylon 5“ ging einen Schritt weiter – mit einem konkreten Fünf-Jahres-Plan: 5 Staffeln, je 22 Episoden, verschlungene, von langer Hand geplante Routen, auf denen alle Völker, Figuren, Konflikte stimmige, oft tragische / überraschende Endpunkte erreichten.

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US-Schauspieler dürfen sechs Jahre lang für eine Serie unter Vertrag genommen werden – vor Staffel 7 beginnen neue, zähe Verhandlungen. Eine Stunde US-Prime-Time-TV hat fünf Werbeblocks – und viele Drama-Serien-Drehbücher damit fünf Akte und einen Teaser / Prolog. Ein Spielfilm-Drehbuch hat drei – ungleich große – Akte und in der Mitte einen zentralen Wendepunkt… oft also eine Art Vier-Akt-Struktur.

b5 aliens.

Persönlich leuchten mir – seit „Babylon 5“, 1998 – Fünf-Akt-Strukturen ein:

  • Exposition: Figuren. Orte. Fragen. Rätsel. Ärger!

  • Steigerung: Böse Überraschungen. Hässliche Wahrheiten. Eskalation!

  • Peripetie: Lösungen, Ziele, Hoffnung? Nein: Alles ändert sich.

  • retardierendes Moment: Scheitern. Patts. Stolpern. Die Zeit rennt fort.

  • Katastrophe: Jeder weiß jetzt, was er tun muss. Wählt, kämpft. Zahlt seinen Preis. Konsequenzen!

 .

Trotz bester Absichten hatte „Babylon 5“ Schwierigkeiten: Fast 20 erste Episoden, die ein Gefühl falscher Sicherheit vermitteln wollten – aber nur langweilten. Ein Hauptdarsteller, Michael O’Hare, dessen Figur zur zweiten Staffel ersetzt werden musste, und drei zentrale Frauen – Lyta, Talia, Susan Ivanova –, deren Character-Arcs verschoben / auf Ersatz-Figuren übertragen wurden: Staffel 4 führte alle Konflikte hastig, überstürzt zu Ende, weil eine fünfte Staffel fraglich schien… und als Jahr 5 doch noch bewilligt wurde, fehlten dieser letzten („Post-Script“-)Season Überraschungen.

Staffel 2 und 3 von „Babylon 5“ aber sind eine atemblose, klug orchestrierte Parade, nein: Lawine hässlicher Wendungen, Katastrophen und unerhörter, das Macht- und Figurengefüge der Serie erschütternder „Wham-Episodes“ (Link) und „Nothing is the same anymore!“(Link)-Enthüllungen: Mit jeder Szene wird alles schlimmer, schneller, dunkler und globaler / epischer. Sog! Tempo! Dringlichkeit!

 .

Für „Zimmer voller Freunde“ halfen „Babylon 5“ (und / aber: auch viele misslungene Handlungsbögen, z.B. bei „Veronica Mars“, „Akte X“, „Battlestar Galactica“, „Lost“, „Avatar – Herr der Elemente“) auf mehreren Ebenen:

 .

Die Umbrüche / Katastrophen / Entscheidungen, die ich behandeln will, geschahen (biografisch) zwischen…

  • 1997 (…ich war 14, Ende der achten Klasse), und

  • 2003 (…ich war 20, fertig mit Zivildienst / FSJ, bereit, Heimat und Freunde zu verlassen.)

Mein letzter möglicher „Vorher“-Zeitpunkt – bevor Stoff, Antje, Helena, Sassi, Frank etc. kollidierten – war Spätherbst 1999, Klasse 11; der frühstmögliche Punkt, unsere Geschichten schlüssig zu beenden, das Abitur, Juni 2002: Idealerweise, wenn Leser / Finanzen und Gesundheit stimmen, setze ich „Zimmer voller Freunde“ sofort fort, mit einem Buch über 2000 / 2001, und einem Abschlussband, bis 2002.

Ein „Zimmer voller Freunde“-Kapitel…

  • hat 12 bis 19 Seiten.

  • wird aus der Perspektive von Antje, Stefan oder Frank erzählt.

  • und jeweils sechs Kapitel, ca. 85 Seiten, ergeben einen Akt.

.

Anfangs schienen fünf Kapitel pro Akt stimmiger, „symmetrischer“ – doch dieser Fünfer-Rhythmus wird durchschaubar / monoton, weil er nur folgende Optionen / Einteilungen erlaubt:

  • 2 (selten: 1) Kapitel von Frank.

  • 2 (selten: 1) Kapitel von Stefan.

  • Kapitel von Antje… so viele wie möglich / übrig.

 .

Ich stellte Akt 1 eine kurze, griffige Eröffnungsszene voran – szenischer / linearer als gewöhnliche Kapitel: ein Prolog / Teaser, in dem Stoff eine überraschende Rolle spielt; und entschied, jeden Akt mit einer (kurzen, schnellen, suggestiven) sechsten Szene im selben Stil zu schließen:

  • Prolog, Juni 1999: Stoff, via Antje.

  • Akt 1, Juli 1999: Kapitel Stefan – Frank – Antje – Stefan – Frank.

  • sechste Szene, Juli 1999: Stoff, via Stefan.

  • Akt 2, September 1999: Kapitel Frank – Stefan – Antje – Stefan – Frank.

  • sechste Szene, September 1999: Stoff, via Sassi… etc.

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Das klingt abstrakt, verkopft – doch fügt sich schnell zu einem dynamischen, guten „Stundenplan“ – fünf Akte / „Wochentage“, je sechs Kapitel / „Fächer“ – flexibel genug, drei Handlungssträngen (Antje, Stefan, Frank) zu folgen, ohne, dass Leser sofort errechnen, welche Figur „als nächstes kommt“:

  • 30 Kapitel (und ein Prolog).

  • 5 Akte: Juli, September und Dezember 99, Mai und Juli 2000.

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Wordpress Romanplan.

Die Handlung des Romans beginnt so spät wie möglich (…keine 20 Kapitel „falsche Sicherheit“, kein langsames in-die-Gänge-Kommen) – doch alle Figuren starten an Orten, absichtlich weit entfernt von ihren jeweiligen Zielen: „Babylon 5“ zeigt einen Feigling, der fünf Jahre später seine Heimatwelt regiert, einen Terroristen, der zum Gelehrten / passiven Widerständler wird, Freundschaften, Gelöbnisse, Allianzen, die überraschend zerbrechen:

Erzähler, die solche Endpunkte schon zu Beginn mitdenken, können sich die jeweils klügste, dramatischste Route wählen, die jede Figur auf ihrem Character-Arc zurücklegen wird. Entsprechend viele Probleme, Ängste, Konflikte, die real / biografisch schon 1997, 1998 bewältigt wurden, bleiben bei „Zimmer voller Freunde“ in der Gegenwart – Sommer 1999 bis Sommer 2000: Ereignisse, Tagebücher, Entwicklungen von 1997 bis 2003 – das wären sechs langsame, getrogene Romane – oder eben: drei schnelle, furiose.

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Meine wichtigste Lektion aus „Babylon 5“ handelt vom Vertrag, den Leser und Autor zu Beginn einer Geschichte schließen:

The Coming Of Shadows” [Staffel 2, Episode 9] „…[is] a defining moment in the series’ run, a dividing line between what came before and everything after. […] This is a specific event where the rules that viewers thought would hold true for the entire series are no longer true. But this isn’t just an issue of unexpected plot twists. It’s the way those twists are portrayed via magnificent moments, like an instant of horrible luck destroying the possibility of peace. It’s the way a year of developing characters who seem to embody right and wrong is flipped entirely in a scene of impressive dramatic irony. Before the mid-’90s, television didn’t work this way. Babylon 5 was one of the series that opened the door to the possibility that good wouldn’t always defeat evil, when a space station devoted to peace ended up triggering a war.

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schreibt Rowan Kaiser auf AVClub.com (Link) – und zeigt: „Babylon 5“ wirkt so dynamisch, dramatisch, unerhört, weil Regeln, Gewichte und Strukturen, die sich die Serie zu setzen schien („Wer sind die Hauptfiguren?“, „Wer sind die Guten?“, „Was ist Funktion, Anspruch, Hoheitsgebiet dieser Station?“) Stück für Stück verdreht, ersetzt, auf den Kopf gestellt wurden:

Eine Welt / Konzept / Ensemble mit klaren Parametern…

die so rasant und tiefgreifend ersetzt / verwandelt werden…

bis sich, endlich zeigt:

Es ging – von Anfang an! – um eine andere, komplexere Welt, Parameter, die die handelnden Figuren lange nicht bemerkten oder begriffen.

Die Rollen, die jeder zu spielen glaubt, sind ganz anders als die, die er schlussendlich spielt.

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Zimmer voller Freunde“ (Link) handelt…

von Schulhof-Casanova Frank, der alles tut, um „eine liebe Freundin“ zu finden.

von Außenseiter Stefan, der alles tut, um seine Freundschaften mit Stoff (stolz, schnippisch) und Helena (schüchtern, verkopft) zu retten.

von Antje, allein, nervös, die alles tut, um neue Ordnung / Sicherheit in ihre Familie zu bringen.

Schwerpunkte, Helden, Lebensziele und Allianzen meines Romans sind leicht verständlich, klar benannt – eine süffige, leicht erzählte Geschichte mit Sympathieträgern und Gegnern, Freunden, Außenseitern, Rivalen, Schurken, klaren Zielen. Und / aber, dahinter: eine andere, größere Geschichte. Die nicht im Exposé steht. Oder im Klappentext:

Atemberaubend, unerhört an „Babylon 5“ waren nicht die Schlenker, Ausfallschritte und Saltos, die diese Serie fünf Jahre lang, in fünf dramaturgisch (meist / überraschend:) stimmigen Akten, schlug – sondern, wie Autoren jedes Jahr sehr überzeugend versicherten: „DAS wäre zuviel!“, „DAS ist nicht drin!“, „DIESE Leute sind sicher!“, „HIER ist die Grenze!“…

nur, um alle Grenzen – lustvoll, dramatisch, überraschend! – zu überschreiten.

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Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

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Erzählen / Schreiben… mit „Neon Genesis Evangelion“

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Viele Serien haben zwei, drei starke Schlüsselreize, mit denen sie Zuschauer locken, Programmnischen besetzen, Zielgruppen abstecken: ein Publikum an sich binden.

Sailor Moon“ – 1992 bis 1997, 200 Episoden, TV Asahi (Japan) – hat ungefähr dreihundert:

Freundschaft! Schulmädchen! Zauberei! Dämonen, Hexen, Reinkarnation! Slapstick! Science Fiction! Romantik! Achtklässler als Superheldinnen! Schleifen! Sternchen! Kätzchen! Zeitreisen! Ein stolzes, glückliches Lesbenpaar!

Das – von mir lange unterschätzte – Alleinstellungsmerkmal, das junge Frauen an die Serie (und den zugrunde liegenden Manga) band, war ihr Ensemble: erst fünf, dann zehn, am Ende dreizehn verschiedene Mädchen, die – als Freundinnen, als Kriegerinnen, als Team und in verschiedenen Paaren / Konstellationen – kämpfen, feiern, arbeiten, lernen und reisen. Freundschaft als Rückhalt, Band, Quelle innerer Kraft und Lebensmittelpunkt, stärker als der Tod, zäher als die Zeit – zwischen Mädchen unterschiedlichsten Charakters (und: mit den seltsamsten Haarfarben!).

Jedes Ensemble, in dem ein Mädchen / eine Frau Platz findet, macht – in Positionierung, Wertschätzung, Prioritäten, Erfolg oder Misserfolg dieser Frauen-Figur – Aussagen über Gewicht und Rolle der Frau „an sich“. Ensembles aber, die zwei oder mehr Frauen einbauen, zeigen (automatisch):

  • Frauen haben verschiedene Rollen, Chancen, Potenzial.

  • Frauen haben verschiedene Möglichkeiten, diese Rollen („erfolgreich“) zu füllen.

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Representation matters“, sagen Akademiker, Feministen, Zuschauer-Lobbys – und werfen Fragen auf wie:

  • Warum sind alle Frauen in den Comics des DC-Verlags schlank?

  • Warum waren bis vor 15 Jahren Sitcoms über schwarze Mittelklassefamilien Mainstream, doch heute nur Nischenprogramm auf Nischen-Sendern?

  • Warum finden im Ensemble von „Verbotene Liebe“, einer Soap mit 24 Hauptrollen, wenige Spanier, Latinos, Figuren aus Urlaubsländern Platz… doch in fast 20 Jahren keine Figur mit russischem, polnischem, türkischem Hintergrund?

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Bechdel-Test (Link): bestanden!

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Für „Zimmer voller Freunde“ habe ich kein Ensemble entworfen: Ich wollte ein Jahr meiner Jugend beschreiben, in dem Freundschaften zerbrachen, Konflikte eskalierten, Porzellan zerschlagen wurde. Ein Scharnier. Ein Kahlschlag. Ein Anfang: Stefan ist 16 und verlor – über Nacht, ohne Erklärung – den Anschluss an seinen Freundeskreis. Helena, Stoff, Sassi meiden ihn. Er will zurück in ihre Clique, um jeden Preis. Ein klarer Konflikt.

Eine Hauptfigur. Drei Frauen.

Kontrastiert, ergänzt, gestört wird dieser Plot durch Freund Frank – ein kluger, chronisch gelangweilter Oberstufen-Casanova, erfahrener, geschickter, hungriger, schneller, den Eltern, Partner und Lehrer ermahnen, dass er sich Zeit lassen soll: ein Kompromiss-Gebrauchtwagen, eine Kompromiss-Beziehung, drei letzte Kompromiss-Jahre, bevor er ausziehen, ein Erwachsenenleben führen darf – wäre das zu viel verlangt?

„Frank war am Freitag be Renault: Der Neuwagen, den er braucht, kostet 24.700 Mark. „Nur für ein Auto? Halt dein Geld zurück. Denk an die Zukunft!“, sagte Carmen.

Aber das ist die Zukunft!

„Ich bin fast 18 – soll ich warten, bis ich 40 bin?“

„Du brauchst kein Auto, Frank: Wir fahren dich überall hin. Bau einen Unfall, und dein Geld ist weg. Mach einen Fehler, und du hast alles verloren.“

[Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Zwei Perspektiven – und parallele, eigene Geschichten –, die ich seit (etwa) 2006 erzählen will, zwei Protagonisten, deren Welten, Prioritäten (und: Unterschiede) ich verstehe, aus dem Teil meiner Jugend / Gegenwart, von dem ich weiß:

  • Dem werde ich erzählerisch gerecht.

  • Das stand noch nicht in 15 anderen Romanen.

  • Falls ich (nur) Zeit habe, ein Buch zu schreiben, kreuzen sich hier, in diesen beiden Schüler-Leben, im Schuljahr 1999 / 2000, die Fragen, Konflikte, über die ich schreiben will.

Soviel zu allem, was ich „mitbringe“ – Rohmasse, Prägung, biografisches Material. Das Zeug, das „raus will“: Gruppen, Freundschaft, Rivalität. Heimat, Familie, Ambition. Kompromisse, Verlust. Sexualität. Fernsehen. Tagebücher. Zeitgeschichte.

Freundin A. hat eine – zwanglose, persönliche – Vorliebe für Gruppen: Oft schart sie „Herden“ um sich, ohne, es zu merken. Freunde treffen die Familie. Kinder spielen mit Hunden. Verwandte bringen Freunde mit… und plötzlich sitzen wir zu acht, zehnt, zwölft am Esstisch, „Suppe haben wir auch noch!“, „Bleibt gerne: Gleich kommen die anderen vorbei!“, „Wartet! Ihr da vorne – die kommen nicht hinterher!“.

Mein Ideal von sinnvoll / gut verbrachter Zeit sind Zweiter-Aktivitäten: Einem Gegenüber kann ich zuhören, einem Freund werde ich gerecht. Im Pulk verreisen, essen, spazieren, zu fünft Entscheidungen treffen, zu zehnt Prioritäten setzen, in einer Clique, Klasse, Großfamilie, Redaktion um Aufmerksamkeit betteln… menschlich ist mir das ungeheuer lästig.

Nur literarisch macht es ungeheuren Sinn:

Frank schreibt am 8. August 1999: Vorhin war ich mit Stefan und den Ridgebacks im Wald. […] Danach haben wir uns „Dawson’s Creek“ angetan. Die Kinder aus Creek nehmen jeden Scheiß ernst. Sie übertreiben sich und machen aus Sex einen Elefanten. Stefan hat mir mal einen Tag aus seinem Timer vorgelesen, um zu beweisen, dass er spannend ist. Sein Tag war drei Times-New-Roman-Seiten lang. Es stehen zwar Gedanken drin. Aber auch sehr viel Mist!

Ich habe noch nie in meinem Leben drei Seiten erlebt. So etwas gibt es nicht, wenn man 10.-Klässler ist.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Zimmer voller Freunde“ hätte ein hastiger, glatter Roman werden können über einen Außenseiter, Stefan Mesch, und seine Startschwierigkeiten mit Freundschaft (Stoff), Liebe (Helena), Konkurrenz (Frank):

Die Menschen in Stefans Welt wären dabei weniger Menschen – als rhetorische „Widerstände“: Stefan-Mesch-Kontraste, Stefan-Mesch-Sparringpartner, die, als Stefan-Mesch-Antipoden, helfen, die Stefan-Mesch-Geschichte möglichst effektiv, dramatisch zu erzählen. Eine Hauptfigur – und eine Welt aus Nebenrollen, die dieser Figur zuspielt.

2009 beschlich mich der Verdacht, dass ich ein… Jugendbuch (?) plane. 2010, vierzig Young-Adult-Romane später, konnte ich die Frage verneinen: Im YA-Genre läuft alles auf den Helden zu. Nicht jede Hauptfigur ist „glatt“, einfach und „offen“, lädt ein zur reibungslosen Identifikation. Doch oft bleiben Perspektive und Nebenrollen solipsistisch: Ein Teenager – und wie er seine Welt sieht.

  • Mitfiebern, Eintauchen: Identifikation

  • Nebenrollen, im Kreis oder sternförmig auf die Hauptfigur ausgerichtet

  • Ein Milieu, ein Konflikt; fast immer: nur eine Perspektive.

Zimmer voller Freunde“ stellt drei Figuren gegeneinander: Stefan (als Ich-Erzähler / Autoren-Ich), sein bester Freund (?) Frank und ein Mädchen aus dem Schulbus, das beide kaum kennen: Antje. Alle drei gehen in dieselbe Schule in der Kreisstadt. Und alle drei wollen – aus jeweils anderen Absichten und Gründen – Zugang zu einer kleinen Wohnung. Drei einzelne, zunächst getrennte Handlungsstränge. Und dann: ein Schuljahr voller Kollisionen.

Für „Zimmer voller Freunde“ habe ich kein Ensemble entworfen. Doch sehr lange malte ich Netze, Gitter, Pfeile, strich Freunde, Partner, Geschwister, Lehrer, schob Rollen in- und auseinander, im Mittelpunkt ein Protagonisten-Dreieck, Stefan-Antje-Frank, und das Bemühen, alle anderen Rollen so auszurichten, dass…

  • sie Stefan wie Frank etwas jeweils eigenes bedeuten.

  • augenfällig mehr sind als die Summe ihrer jeweiligen (Doppel-)Rollen / Funktionen.

  • Antje einen frischen, skeptischen, genuin dritten Blick werfen kann.

Mühevoll war nie, Konflikte dreier – jeweils auf eigene Weise: toll bekloppter – Protagonisten klug gegeneinander auszuspielen (Zopfdramaturgie (Link), unzuverlässige Erzähler (Link), Rashomon-Effekt (Link), bla blubb…), sondern, für all ihre Gegenüber stimmige, differenzierte Positionen zu schaffen. Am Ende – im Sommer 2008 – half mir ein Text (Link) über „Harry Potter“ und „Neon Genesis Evangelion“, eine Science-Fiction-Anime-Serie, 1995, 26 Episoden, TV Tokyo.

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nur ein Trio, das nicht nebeneinander steht: Ritsuko (ganz links) und Misato / Ryoji (ganz rechts, mit Kreuzen)

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Im Zentrum von „Evangelion“ (und „Harry Potter“, und „Zimmer voller Freunde“) steht ein „Power Trio“ (TV Tropes, Link), drei Figuren mit unterschiedlichem Blick und komplizierter Dynamik – eine gängige Helden-Konstellation: Kirk, Spock, McCoy („Star Trek“), Pippi, Thomas, Annika („Pippi Langstrumpf“), Luke Skywalker, Han Solo, Leia („Star Wars“), Ash, Rocko, Misty („Pokémon“), „Die drei Fragezeichen“, „Die drei Musketiere“, „Drei Engel für Chalie“ usw..

Das Besondere an „Harry Potter“ und „Evangelion“ ist, dass ihre (sehr großen, potenziell unübersichtlichen) Ensembles das zentrale Protagonisten-Trio spiegeln – und also: die Nebenrollen als eigene, kontrastierende Trios anordnen:

  • drei (14jährige) Protagonisten: Shinji, Rei, Asuka

  • drei (erwachsene) Mentoren: Misato, Ritsuko, Ryoji

  • ein Trio aus Mitschülern (Toji, Hikari, Kensuke), ein Trio aus Technikern (Makoto, Maya, Shigeru), ein Trio aus A.I.s / Computern (Caspar, Melchior, Balthasar), ein Trio aus UN-Organisationen (NERV, SEELE, GEHIRN).

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Zimmer voller Freunde“ benutzt eine eigene Variante:

  • drei Perspektivträger / Hauptfiguren: Stefan, Frank, Antje.

  • drei Menschen [rot markiert], die zwischen sie geraten / für jeweils zwei von ihnen sehr unterschiedliche Rollen / Bedeutungen einnehmen.

  • drei Figuren [blau markiert] als Gegenstimmen, Komplikation für jeweils eine Haupt- und eine „rote“ Figur.

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Figuren ZvFdrei Erzähler – und die sechs wichtigsten Figuren, die sie umgeben.

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In meinen Tagebüchern und Antjes, Franks und meinem realen Schuljahr 1999 / 2000 spielten 60, 80 Menschen ihre Rollen. In „Zimmer voller Freund“ sind es unter 30 – und sobald neun zentrale Figuren, in ihren Dreier-Konstellationen, gesetzt waren, fügte sich der Rest.

Ziel des Romans war nie, autobiografisch zu erzählen, möglichst perfekt abzubilden, was MIR vor beinahe 15 Jahren, auf einem Provinzgymnasium, mit einer Handvoll Freunden widerfuhr. „Zimmer voller Freunde“ ist… breiter:

  • Menschen haben verschiedene Rollen, Chancen, Potenzial.

  • Menschen haben verschiedene Möglichkeiten, diese Rollen („erfolgreich“) zu füllen.

Stefan Mesch, 16 Jahre alt, Protagonist und Ich-Erzähler, glaubt, er stünde – allein, stolz, kontrolliert und würdevoll – im Mittelpunkt seines Jugendbuchs, Bildungsromans, Ensemble-Dramas:

Ich schreibe Timer.

Ich schreibe zwei oder drei Seiten jeden Tag, 200 Einträge pro Jahr.

Es gibt zehntausend Dinge, die ich nicht kann oder nicht will – doch das kann ich: Ich schreibe auf, was uns passiert und mache daraus ein dramatisches, tiefgründiges Ensemble-Drama.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Stefan Mesch irrt.

Er ist einer von dreien. Einer von neun. Einer von beinahe 30.

und wie dieser Irrtum Stefan einholt / überrumpelt, ist eines meiner Haupt-Erzählvergnügen.

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Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

Erzählen / Schreiben… mit „Mad Men“

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Der dümmste, schlimmste, widerlichste Satz, den ich 2012 las, stand auf der Facebook-Pinnwand einer Bekannten (und jungen Mutter):

Das Beste, was ein Vater für seine Kinder tun kann, ist, ihre Mutter zu lieben.“

Schlimm scheint mir dabei weniger die Aussage („Wenn Vatis Muttis ganz doll lieben, tut das der ganzen family gut!“), als das Männer-, Frauen-, Familien- und Rollenverständnis dahinter: Abgründe tun sich auf – allein, wenn ich mich frage, was geschehen wäre, hätten meine Eltern versucht, nach dieser Maxime zu leben. Ein kleiner, verkrachter, überspannter Satz, der – zu Ende gedacht, und an konkreten Menschen durchgespielt – einen monströsen Konflikt spannt.

Mad Men“ (AMC, seit 2007, bislang fünf Staffeln) ist das aktuellste Ensemble Drama, das mir auf ähnliche Weise – meist mit nur einer kurzen, brillant verkrachten Aussage – den Boden unter den Füßen entreißt. Eine ruhig erzählte, gediegen inszenierte Werber- und 60er-Jahre-Serie, in der oft 30, 35 Minuten am Stück nichts zu passieren scheint. Alle Figuren sind lauernd, zurückhaltend, gepflegt, voller Selbstbeherrschung und (vermeintlich: sicher) eingeschnürt ins Korsett ihrer Klasse, ihres Berufs und der historischen Ära.

Ich weiß, wie viele Leute ‘Mad Men’ mögen…”, seufzte ein Toronto-Freund im Frühling. “Aber jedes Mal, wenn es im Fernsehen läuft, schalte ich [gefühlt] in dieselbe Szene: eine Frau sitzt am Schreibtisch. Eine andere Frau tritt hinzu. Sie sagt: ‘Hier ist der… Tacker.’ Dann starren sich beide an – schweigend und ernst.”

Man spürt, als Zuschauer: Hier läuft noch etwas anderes. Noch im banalsten Dialog vollführen „Mad Men“-Figuren einen schmerzhaften, nie völlig überzeugenden Balanceakt: Sie täuschen einander – und sich selbst. Und jederzeit können diese Täuschungen scheitern. Dünnes Eis. Großes Risiko.

Die Elftklässler in „Zimmer voller Freunde“ sind zorniger, offener, leichtsinniger: Sie haben weniger zu verlieren, viel zu verbergen (aber amüsant wenig Übung / Routine, sich erfolgreich zu verstellen), und viele von ihnen genießen es, hässliche Wahrheiten auszusprechen, einander zu reizen: Das Milieu des Romans ist ähnlich nervös, die Figuren ähnlich empfindlich – doch die „Betriebstemperatur“ von „ZvF“ ist höher als beim unterkühlten, trockenen, oft scheinbar „ruhigen“ „Mad Men“:

„Mad Men can be difficult to watch if you aren’t into/accustomed to understated drama. Almost all of the show is dialogue and minute physical interactions with larger dramatic implications.“ [Zitat aus einer Diskussion im Webforum Reddit, Link]

Die (kleine) „Mad Men“-Taktik, dir mir in vielen „Zimmer voller Freunde“-Szenen hilft, Figuren in Position zu bringen, Konflikte zu schärfen, Spannungen zu schüren, sind „schlimme“, suggestive Sätze:

  • This never happened. You’ll be amazed how much this never happened“, der väterliche, gut gemeinte Rat, persönliche Schwächen unter den Teppich zu kehren, indem man lebt, als wäre nie etwas entgleist („Mad Men“, fünfte Episode der zweiten Staffel), hängt seit drei Staffeln beiden Figuren – dem Ratgeber und der Empfängerin – in jeder Szene als hässliches Echo nach: „Ja? Wirklich? Ist all das für dich nie passiert?“, will man als Zuschauer ständig fragen: „Ist es bewältigt – nur, weil du sagst: ‚Das ist vorbei’…?“

  • We’re dealing with the emotions of a child“, urteilte ein Psychologe (sehr früh: in Episode 7 von Staffel 1) über Betty Draper, Hausfrau und Mutter. Seitdem wirkt jede Handlung Bettys – als Ehefrau und Mutter, als Tochter und „Erwachsene“ – wie Teil eines heimlichen Experiments: Sind Bettys Handlungen erklär-, entschuld-, entschlüsselbar? Hilft uns die (überhebliche, boshafte) Betty-ist-ein-Kind-Behauptung, um ihre Taten und Urteile zu verstehen?

Diese Sätze – Zuschreibung oder Selbstaussage – müssen nicht korrekt sein oder eindeutig: Sie sind kein „Schlüssel“, um Figuren zu enträtseln. Im besten Fall schwingen sie – als offene Fragen und Verweise auf größere Themen – im Lauf der Serie immer weiter mit, und werden, in späteren Entscheidungen / Konflikten, aus immer neuen Perspektiven, zur Diskussion gestellt:

Mach du nur immer alles richtig, Maus. Mach bitte nie irgendwas falsch! In Ordnung? Gut? Habe ich dein Wort?“ …verlangt ein Vater in „Zimmer voller Freunde“.

Jedes Mal, wenn ich ein Mädchen sehe, wünsche ich mir, ich wäre mit ihr zusammen. Das ist das einzige, was ich wirklich will.“ …schreibt Frank.

Ich hasse sie. Ich hasse sie alle. Was für arme Menschen!“ …erklärt B, als eine mehrerer Figuren, die überall „Statisten“, „Figuren“, „Marionetten“ sehen.

Mein letztes Beispiel – über Bande gespielt: „Für ihre Tochter würden die beiden alles tun“, belächelt X die Eltern von Y. „Doch Y belügt sie, wo sie kann.“

Das spannt – für X und Y, und alle folgenden Kapitel – Fragen:

  • Was heißt „alles tun“: Bleibt Ys Familie bei allen Problemen und Zumutungen loyal? Was wird ihnen, im Lauf der Handlung, von Y abverlangt?

  • Wünscht sich X insgeheim solche Eltern? Haben Y und X „passende“ Eltern? Was wäre, wenn X mit Ys Eltern leben müsste?

  • Sind diese Eltern „stark“ oder „schwach“? „Gut“ oder „schlecht“?

  • Und: Falls Y tatsächlich „lügt, wo sie kann“, wie belastbar ist dann die Freundschaft zwischen X und Y?

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Ich lese Bücher, um – in Ruhe, mit großer Konzentration, Intensität – einzelnen Erzählern, der Schönheit (oder: Absurdität) ihres Denkens zu folgen. Tolle Sprecher, tolle Stimmen, tolles Denken wie bei Ruth Klüger, Joan Didion, Marcel Proust, Nabokovs „Lolita“.

Doch sobald mehr als zwei Figuren im Zentrum stehen, sind Serien das reichere, besser entwickelte, erwachsenere Format: Sie haben…

  • Schauspieler (Charisma! Sex-Appeal! Nonverbale Kommunikation!).

  • eine Trickkiste aus Bildsprache, Schnitten, Ton, Musik.

  • und, idealerweise: sechs, sieben, acht Jahre Zeit, Figuren aufzubauen, einem Publikum vorzustellen, sie wachsen zu lassen oder zu zerstören, korrumpieren.

Gemeinhin gelten Romane als bestes Medium für Empathie, Identifikation, Sich-selbst-im-Geschehen-Verlieren: Wer eine Hauptfigur nicht sehen muss, reicht ihr schnell zutraulich die Hand und lässt sich führen. Kinder-Helden wie Charlie Brown und Romance-Ich-Erzählerinnen wie Bella Swan sind absichtlich so offen, schlicht, neutral wie möglich gestaltet; und „Tim & Struppi“ lockt mit Hintergründen / Szenerien, detailverliebt und realistisch, doch die Figuren bleiben simple Chiffren:

Projektionsflächen, Identifikationsangebote, so offen, locker, harmlos, dass man – ohne Reibung, Widerstände, Entfremdungen, „Wie ist der denn drauf?“-Irritationen – in die Beobachter- und Heldenrolle schlüpfen, sich mitreißen lassen, staunen kann.

Vor allem Genre-Romane [und: Jugendbücher] laden ein, sich der Hauptfigur und / oder dem Erzähler gemein zu machen: Identifikation. Empathie. Katharsis, wie sie Aristoteles forderte.

Seit etwa 15 Jahren entwickeln Serien wie „Mad Men“ [gelungen, meiner Ansicht nach: „Six Feet Under“, „Weeds“, „Enlightened“, „Girls“] eine eigene, gegenläufige Tradition: abschreckende Hauptfiguren. Stolper-Sätze. Verfremdung. „Wie ist der denn drauf?“

Im Juli 1993, in meinem letzten Sommer vor dem Gymnasium, besuchte ich alle Figuren meiner Grundschulklasse. Sogar die Türken und das Mädchen aus der DDR, das nur eine Dreizimmerwohnung hatte. Wir spielten Barbie oder Lego, ich fragte nach dem Weg zum Klo – und alle fanden mich erst später, im Hobbyraum oder Speicher. Doch niemand schien gekränkt. Einige Eltern wirkten fast… geschmeichelt, gaben eine Führung durch ihr Haus. Mehrere Kinder luden mich ein zweites Mal ein. Und mit zwei, dreien habe ich stundenlang gespielt – friedlich, in zwei getrennten Zimmern.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Mögen muss man solche Protagonisten nicht.

Doch es macht Spaß, sie zu beobachten – in ihrer Hybris und ihren Balanceakten. In ihren Selbsttäuschungen. In ihrem Korsett. Ihrer verkrachten Sprache.

Dünnes Eis. Großes Risiko. „Wie sind die alle drauf?“

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Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

Erzählen / Schreiben… mit „My so-called Life“ / „Willkommen im Leben“

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Du schreibst ein Buch über Schüler? Dorfjugend?“ – „Elftklässler, ja.“ – „Ein Jugendbuch?“ – „Ich… bin nicht sicher.“

  • Zugriff und Stil ähneln US-Erzählern wie John Updike, Stewart O’Nan.

  • Zielgruppe? Leser von 25 bis 40, meine „Generation“.

  • Doch meinen Ansprüchen wird „Zimmer voller Freunde“ erst gerecht, wenn Siebzehnjährige das Buch im Schwimmbad lesen – und in der Clique verleihen.

Passt „Jugendbuch“, als Etikett, auf den Roman? Nur, falls “Willkommen im Leben“ / „My so-called Life“ (1994/95 auf ABC, eine Staffel, 19 Episoden) eine „Jugendserie“ ist. Beides zeigt Alltag, Freundschaft, Familienleben. Macht Teenager zu Perspektivträgern, Erzählern. Doch steht jedes Format, das sich auf Lebenswelten Jugendlicher konzentriert, im Jugend-Genre?

  • 2007 produzierten Edward Zwick und Marshall Herskovitz „quarterlife“, eine (ABC-)Webserie über College-Absolventen, die sich zum ersten Mal auf dem Arbeitsmarkt behaupten.

  • 1999 bis 2002 produzierten Zwick und Herskovitz die ABC-Familienserie „Once and again“ („Nochmal mit Gefühl“) über eine geschiedene Frau Anfang 40, die mit ihrem Partner und je zwei Kindern zwischen 9 und 16 eine Patchwork-Familie wagt.

  • 1987 bis 1991 produzierten Zwick und Herskovitz eine ABC-Serie über junge Eltern und ihre ledigen Freunde, „thirtysomething“ („Die besten Jahre“). Werber, Journalisten, eine Fotografin und eine „Career Woman“, die Arbeit und Familie balancieren.

Willkommen im Leben“ zeigt Alltag (und altersgemäß „tiefsinnige“ Einsichten und Monologe) von Angela Chase, einer behüteten Fünfzehnjährigen aus einem Vorort Pittsburghs, die zum Start der zehnten Klasse Eltern und alte Freunde – Nerd-Nachbar Brian und die häusliche, „anständige“ Sharon – vor den Kopf stößt, als sie ihr Haar rot färbt und sich Punk-Mädchen Rayanne und Hispano-Außenseiter Rickie zuwendet.

19 Episoden erzählen vom Abnabelungsprozess zu ihren Eltern und Angelas erster, oft tragikomischer Beziehung mit Jordan Catalano, einem Fleecepulli-Jungen mit Gitarre, altem Cabrio und Lese-Rechtschreib-Schwäche.

  • Ich sah „Willkommen im Leben“ 1995/96, mit zwölf.

  • 1997 und 1999, mit 14 und 16, in Nachmittags-Wiederholungen.

  • 2009, mit 26, zur Vorbereitung von „Zimmer voller Freunde“.

Bei jedem Durchgang erschien mir Angelas Leben „authentisch“, „realistisch“, „persönlich“, „dringlich“ – ohne schrille Misstöne, Hysterie, Übertreibungen, Eskapismus und Melodrama, die bei „Beverly Hills, 90210“ oder „Dawson’s Creek“ schnell Überhand gewannen: Stewart O’Nan (Link: Text von mir) nennt seine (Vorstadt-)Romane „domestic fiction“ – und ich verstehe, wenn der Begriff falsche, staubige Assoziationen weckt: Muttis und Blumenbeete, Leben in der Spielstraße, Milch, Kekse, Schwangerschaftsstreifen – die Welt von Pinterest und Chefkoch.de. Eng. Apolitisch. Hohl.

Willkommen im Leben“ – und: O’Nan, Richard Yates, John Updikes „Rabbit“-Romane – sind Beispiele für gelungene „domestic fiction“: In einer Hierarchie menschlicher Bedürfnisse – z.B. in Maslovs Fünf-Stufen-Pyramide: physische Ansprüche, Sicherheit, sozialer Anschluss, Wertschätzung, Selbstverwirklichung – bleiben die Ziele von Thriller- und Fantasy-Figuren oft (langweilig, für mich uninteressant) auf der untersten Ebene: „Die Pferde brauchen Futter!“, „Wir müssen Obdach finden, bevor es dunkel wird!“, „Jemand muss rein – und meine Tochter da raus holen!“.

domestic fiction“ folgt Menschen, die grundsätzlich sicher sind: Kein anderes Genre kann so differenziert, zeitbezogen, offen Fragen zu Identität, Familie, Elternschaft, Sexualität, Lebenszielen, Gemeinschaft stellen. Und während die Ziel- und Altersgruppen der Zwick-/Herzskovitz-Serien ständig wechseln, bleibt die Arbeitsweise der jeweiligen Serien-Autoren dieselbe: eine Gruppe Schreiber sammelt „authentische“, „realistische“, „persönliche“, „dringliche“ Alltags-, Generations- und Lebenserfahrungen. Erlebnisse, so mundane, dass sie jeder (er-)kennt. Und – hier wird es Kunst und Kunstgriff – hängt diese Erkenntnis-Nuggets an Figuren und Figurensprache, so eigensinnig, dass sie einmalig / authentisch wirken:

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Im August 1994, am Ende des Pilotfilms von „Willkommen im Leben“, kommt Angela nach Mitternacht zurück nach Hause. Sie streift die Schuhe ab und steigt barfuß die Treppe hoch, um niemanden zu wecken. Von oben fällt Licht auf ihr rot gefärbtes Haar. Und vorne, im Schlafzimmer der Eltern, läuft der Fernseher: Ihre Mutter sitzt alleine auf dem Ehebett und schaut durch alte Alben oder Adressbücher. James Stewart, in schwarzweiß und ohne Ton, sagt auf dem Bildschirm seiner Tochter gute Nacht. Angela lehnt den Kopf an den Türrahmen. „Meine Mutter wurde adoptiert“, sagt sie im Off. „Eine Zeit lang hat sie ihre richtigen Eltern gesucht.“ Sie macht eine Pause. „Das tun wir wohl alle.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Als Teenager traf „Willkommen im Leben“ bei mir auf große, größte Resonanz:

  • Fast nichts passt / ereignet sich: Angela verbringt viel Zeit damit, still zu klagen, dass ihr Leben nur sehr langsam, schwerfällig Fahrt aufnimmt. Erwachsenwerden, das ist Warten, die Zähne zusammenbeißen, die Nerven behalten. („I thought, at least, that by the age of 15, I would have a love life. But I don’t even have a ‚like‘ life.“)

  • Oft missglücken Angela und ihren Nicht-Mehr- oder Noch-nicht-so-richtig-Freunden die banalsten Vorhaben (Tanzen gehen, ein Konzert besuchen, zu selbstbezogenen, nervösen Eltern durchdringen)… ohne, dass die Autoren dabei einladen, über Pech, Missgeschick und pubertäre Beschränktheit der Beteiligten zu lachen.

  • und, in den Worten des „TV Tropes“-Wikis: „Often, the show took a comic plot and subverted it by playing it for drama (and, arguable, realism) rather than for humor – and this was both much funnier and much more painful than it would have been as a comedy.“

Die tagesaktuellen, akuten „Klappt es? Misslingt es?“-Spannungsbögen einzelner „Zimmer voller Freunde“-Kapitel bleiben oft in dieser – sehr unspektakulären – Größenordnung:

  • Darf Antje die Wohnung ihrer Mutter sehen, hinter deren Rücken?

  • Soll Frank am 18. Geburtstag durch die Schule trotten?

  • Kann Stefan Stoff zur Rede stellen, bevor die Stadtbahn kommt?

Die größte Arbeit / Mühe an „Zimmer voller Freunde“ ist, 420 Seiten lang Spannung und Dringlichkeit zu schüren für eine lose Gruppe pubertärer Figuren, die – einerseits – stets ganz, ganz oben auf der Pyramide über Selbstbilder und Rollen philosophieren… aber – andererseits – vor jedem selbstbestimmten Schritt die dümmsten, dörflichsten „Hoffentlich hat Papa heute Abend Lust, uns in die Disko zu fahren!“-Konflikte lösen müssen:

Ich war zweimal in Sassis Flur.

[…] Ich war elfmal bei Stoff, gut fünfzigmal bei Fred, ich war dreihundertmal bei Frank und ich war viermal bei den Langs, viermal in 28 Monaten, denn Dawson hat den Führerschein, ein Ruder- und das Motorboot; und jedes Prolo-Kind in jeder Stadt hat Straßenbahnen, Züge, einen Nachtbus. Aber von meinem Dorf zu Helena sind es zwölf Kilometer. Hinter die Au, zu Fred, beinahe 15. Runter in Danis Dorf fast 19. Das ist doppelt so weit wie von der Bronx zum Central Park.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Der Ton, in dem „Willkommen im Leben“ von Jugend, Erwachsenwerden und den – manchmal: läppisch narzisstischen; manchmal: hochkomplexen, drastischen – Fragen ganz oben auf der Pyramiden-Spitze erzählt, ist „authentisch“, „realistisch“, „persönlich“ und „dringlich“. Als Elftklässler, Auf-den-Schulbus-Warter, Leser, Zuschauer half mir dieser Ton, eine artifizielle, oft sehr pointierte US-Serie sehr ernst und sehr persönlich nehmen zu können (ohne mich, wie bei „90210“ und „Dawson’s Creek“, ständig latent „betrogen“ und manipuliert zu fühlen). Als Autor, heute, hilft mir derselbe Ton, sehr persönliche, biografische Momente zugänglich, relevant, auf-der-Decke-im-Schwimmbad-lesefreundlich zu erzählen.

Jugendbuch“ ist (aus Gründen, die ich im nächsten Teil erläutere) kein guter Leit- und Sammelbegriff für meine Arbeit. „domestic fiction“ – so un-sexy, apolitisch und „Schatz? Da ist schon wieder Laub in unserer Regenrinne!“ das klingt – passt besser. Und greift tiefer:

[…a]ls mir in der Grundschule die Freunde fehlten, las ich „TKKG“.

Als ich kein Super-NES bekam, las ich die Spiele-Tests in Mega Fun oder Total!.

Als ich vor „Akte X“ zu Bett gehen musste, las ich den TeleVision-Episodenguide.

Und heute? Seit Sassis Zorn die beiden einzig nennenswerten Mädchen meiner Welt verstören (und fast verjagen…) konnte? Blicke ich auf Kunstfiguren wie Dawson, Joey, Jen. Denn alles, was ich fühlen und erleben will, wird irgendwo für mich beschrieben und erklärt. In einem Buch, in einer Serie, in Zeitschriften, in einem Song, im Netz. In den Erzählungen und Selbstzeugnissen fremder Menschen! Wann treffe ich geschlechtsreife, reale junge Frauen? Wo bleiben echte Kellys und Rayannes? Ich sprach noch nie mit einer richtigen Studentin. Ich saß noch nie bei einer echten Achtzehnjährigen im Auto. Vor einer wildfremden und dubiosen Chrissy, vor einer schwabbeligen Dani, vor einer stutenbissigen  […] Nina […] habe ich oft beinahe… Angst. Denn ich weiß sehr genau, wie Major Kira oder Lois Lane agieren. Ich habe Miss Parker aus „Pretender“ weinen sehen! Doch keine einzige geglückte weibliche Figur im echten Leben. Weiß Stoff, wie man sich fühlt, wenn man allein über den Schulhof muss? Oder gezwungen ist, sich auszuziehen, vor einer Doppelstunde Sport? Oder am Rand von einer Party steht, auf der sich niemand freut, dass man gekommen ist?

Ich brauche die Teenager im Fernsehen (und, im Notfall: Frank) damit ich weiß, was für mein Alter gut, gesund, normal und tolerabel ist. Ich lerne – ich lebe! – durch Filme und Serien.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Willkommen im Leben“ war bis heute der beste dieser „Lehrer“. Und – fast 20 Jahre nach der ersten Ausstrahlung – weiterhin sehenswert.

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Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

Erzählen / Schreiben… mit „Dawson’s Creek“

prätenziös, mit 20, 2003.

Wenn ich meinen Freundeskreis und meine Jugend erklären will – und den Roman, den ich aus ihnen mache –, gibt es keinen besseren – schnellen, oberflächlichen – Vergleich als „Dawson’s Creek“…

eine US-Jugendserie (6 Staffeln, 1998 bis 2003), die mich im Jahr von „Zimmer voller Freunde“ (Juli 1999 bis Juli 2000: die 11. Klasse) beschäftigt, frustriert, entgeistert hat wie wenig sonst:

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Der Drehbuchautor Kevin Williamson erzählt mit Anfang 30 seine Jugend nach, als autobiografisches Ensemble-Drama. Er zeigt vier Freunde in unserem Alter – Jen, Joey, Pacey und Dawson. Dawson will Filmemacher werden: Er ist sehr klug und talentiert. Joey ist seine beste Freundin und bemerkt, dass sie ihn liebt. Pacey ist Dawsons abgebrühter Kumpel: Er schläft mit seiner Lehrerin und weiß nicht, was er aus sich machen soll. Und Jen ist neu in der Nachbarschaft: Sie lebt bei ihrer religiösen Großmutter, weil sie sich in New York mit vielen falschen Freunden eingelassen hat und dabei ihre sogar jungfräuliche Unschuld verspielte. Es kostet Dawson große Überwindung, Jen diese sexuellen Fehler zu verzeihen. Doch er ist trotzdem fasziniert – denn sie ist viel geheimnisvoller als seine hausbackene Joey.

In jeder Folge gibt es Diskussionen und Spaziergänge am Hafen: Coming of Age in Capeside, einem verschlafenen Nest an der US-Ostküste. Provinzsorgen, ein Kuss am Pier, narzisstische Krisen auf der Veranda. Dawson und seine Freunde kennen jeden Film und jede Serie. Sie schauen nachts zusammen fern und in der Schule drehen sie eigene Projekte. Sie streiten sich im Kino und sie jobben in der Videothek. Sie reden pausenlos, und nur über sich selbst: Sie reden so wie wir, wie Stoff und ich.

Wenn Stoff und ich noch reden würden.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

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Hinter allen – augenfälligen – Parallelen gibt es zwei tiefe Kerben, die mir „Dawson’s Creek“ ins Welt- und Serienverständnis riss:

  • DC“ funktioniert (als Jugendserie), weil [nach Staffel 1 oft nur noch: wenn] es realistische, kleinliche Freunde zeigt, in realistischen, kleinlichen Konflikten.

  • DC“ funktioniert (als Charakterstudie, dörfliches Ensemble-Drama), weil [nach Staffel 1 oft nur noch: wenn] es die Beschränktheit und Pedanterie der Freunde ausstellt, ihre Privilegien und Selbstbezogenheit, die pubertären Vorstellungen von Sex, Moral, Integrität.

1989 bis 1998 zeigte „Seinfeld“ Ennui und Neurosen vier schnöseliger Freunde aus Manhattan: eine Sitcom, die sich – trotzig, subversiv – als „show about nothing“ verstand, und deren treibende Konflikte keine realistischen Sorgen waren, sondern – Woody Allens Figuren denken ähnlich – das Gestotter und die Kleinlichkeit von Menschen, die alles analysieren und zergrübeln, doch ihre eigene Hybris / Arroganz ausblenden. Narzisstische, sorgenfreie Kindsköpfe, die alles durchschauen. Außer sich selbst.

1996 schrieb Kevin Williamson die Horrorfilm-Satire „Scream“: eine Clique (zynischer, übertrieben film- und medienkompetenter) Schüler, die mit den Slasher-Hororfilmen der 70er und 80er Jahre aufgewachsen sind, werden von einem kostümierten Schlitzer gejagt, der die Klischees, Tropen und Regeln „seines“ Filmgenres durchschaut, neu durchspielt, unterminiert.

Dawson’s Creek“ ist Fortsetzung und Coming-of-Age-Version dieser 90er-Jahre-Narrative: Die erste Generation von (Drehbuch-)Autoren, die mit Privatfernsehen, endlosen Syndication-Wiederholungen und Videotheken aufwuchs, erzählt von Figuren, für die jedes Trauma, jede Schwelle, jede neue Erfahrung in einem (vermeintlich: hilfreichen / vertrauten) Referenzrahmen aus vergleichbaren Film- und Fernsehszenen steht:

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  • 2003 („Sie ist wach“), 2006 („Dirac“) und 2007 („Waffenwetter“) u.a. stellt Dietmar Dath halb-autobiografische Berichte über seine Breisburger Provinz- und Jugendfreunde neben Nacherzählungen / Schlüsselszenen aus US-High-School-Serien wie „Roswell“ (1999 bis 2002) und „Buffy – im Bann der Dämonen“ (1997 bis 2003).

  • 2007, in Thomas von Steinaeckers Roman „Wallner beginnt zu fliegen“, „rutschen“ Dialoge und Bilder aus Filmen wie „Lola rennt“ (1998), „Matrix“ (1999) und „American Beauty“ (1999) in (ansonsten: dem trockenen Alltags-Realismus von US-Erzählern wie John Updikes oder Jonathan Franzen verpflichtete) Gespräche der Figuren; ganz ohne „Achtung: Hier wird ein Filmzitat montiert!“-Markierungen.

Menschen, die ihr Leben „dramaturgisieren“. Eine Welt aus Wiederholungen, Klischees, medialer Nostalgie, Verweisen. Narzissmus / Hybris der Idee, man selbst sei Hauptfigur, umgeben von „Nebenrollen“, „Gaststars“ und „Statisten“. Eine erste Liebe – die man als vierzigste, fünfzigste „Liebe“ erlebt, im Referenzrahmen von teen dramas, Coming-of-Age-Romanen, Seifenopern, Musikvideos. Trost, Lernen, Identifikation, (geborgte) Lebenserfahrung – via Privatfernsehen. Selbst-Stilisierung. Tagebücher. Die Kluft zwischen „Wirklichkeit“ und „Wahrheit“.

Mit 17 empfand ich „Dawson’s Creek“ als faszinierende, doch weitgehend missglückte Serie:

  • weil „Sympathieträger“ wie Dawson und Joey oft selbstsüchtig, bigott, arrogant und altklug über Fremde, Erwachsene und Freunde urteilten?

  • weil jedes Nicht-Problem zerredet wird, doch sich alle Hauptfiguren „Spaß“, „Mut“ und allen spontanen, pubertären Exzessen verweigern?

Nein:

  • Die altkluge Sprache kenne ich aus meinen eigenen Tagebüchern / Filmkritiken, und finde sie – als ironisches, oft rührendes Stilmittel – in der Figurensprache vieler „gernegroßer“ Erzähler, z.B. in C.D. Paynes „Youth in Revolt“-Romanen (ab 1993) oder Judith Zanders „Dinge, die wir heute sagten“ (2007).

  • Unsympathische“ Hauptfiguren sind (oft auch) überraschende Hauptfiguren. Ich muss den biederen, unfairen Dawson und die verdruckste, arrogante Joey nicht mögen, um mich (sehr produktiv, mit großem Vergnügen) an ihnen abzuarbeiten.

  • …und dass in Capeside „nie etwas passierte“, schien mir sehr tröstlich:

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An einem ihrer ersten Tage in der Nachbarschaft, in Folge 4 von „Dawson’s Creek“, trat Jen ins Krankenzimmer ihres komatösen Opas. Griff seine Hand und sagte müde, aber nicht unglücklich: „Das war wieder eine heftige Woche in Capeside.“

Es war nichts Großes geschehen.

Doch sie hatte Recht.

Die knirschenden Gespräche. Die täglichen, trüben Sorgen.

Wahrscheinlich gibt es jedes Jahr nur drei, vier Tage, die wirklich heftig sind, heftig auf Leben-oder-Tod-Niveau. Der Rest der Zeit, aller Alltag, hat nur die zähflüssige, zweite Sorte heftig im Programm; ein Heftig in Schattierungen, die keine eigenen Namen tragen. Wie oft schleudern Drogendealer Brandsätze durchs Fenster…? Oft handelt „Dawson’s Creek“ von nichts als konkurrierenden Ideen zwischen Freunden. Den vagen Ängsten und Gefühlen einer Gruppe Schülern. So ernst und gut, als sei das legitim, als Thema einer Serie. Als seien solche Tage, nur für sich, bereits erzählenswert.“ 

[Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

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  • Dawson’s Creek“ fragt, was Fiktion und Erzählen leisten können; für Menschen, nervös, befangen, unerfahren, in einem nicht-fiktionalen, nicht-glamourösen, unsauberen, vielstimmigen Alltag.

  • Dawson’s Creek“ fragt, ob Fiktion und Erzählen Sinn stiften – oder schaden, wenn Wissen als Second-Hand-Erfahrung, medial vermittelt, aus Hollywood- und Trash-Filmen abgegriffen wird.

Und „Dawson’s Creek“ scheitert.

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Weil die „reale Welt“, das Leben in Capeside, glatt, sauber, film-/romanhaft alle Klischees reproduziert, von denen sich „Dawson’s Creek“ abgrenzen will: Die Serie stellt vier bis sechs dynamische, komplexe Jugendliche (und eine freche, amüsante christliche Großmutter) einsam und plump zwischen flachen Eltern- und Lehrer-Figuren, lustlose Pappkameraden, schnell vergessenen Gaststars:

  • Dass Dawson lebt und handelt, als gäbe es drei, vier „wertvolle“ Personen – und sonst nur Pöbel und Statisten, ist eine irrwitzige, toll pubertäre, bigotte, verkrachte, großartige erzählerische Perspektive.
  • Dass Dawson in einer Serienwelt leben / handeln darf, in der es wirklich nur drei bis vier wertvolle Personen gibt, ist oft so schäbig, öde, flach, verkitscht und pointenlos wie das Gerede von Joey – oder den „Seinfeld“-Freunden:

In „Zimmer voller Freunde“ träumt Frank von häuslichen, munteren Muttis; Figuren aus Sitcoms wie „Hör mal, wer da hämmert“. Stefan will Breitbild, Orchester, Steadicam-Fahrten und Dolby Surround. Antje („Wir haben nur drei Programme. Mich interessiert das nicht.“) versucht, ohne Helden, Leitbilder auszukommen. Und Stoff macht keinen Unterschied – zwischen „Menschen“ und „Figuren“.

Wenn ich meinen Freundeskreis und meine Jugend erklären will – und den Roman, den ich gerade aus ihnen mache –, gibt es… auch auf den zweiten Blick… keinen besseren Vergleich als „Dawson’s Creek“.

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Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

Erzählen / Schreiben… mit Thomas Wolfe

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Seit Thomas Wolfes Kleinstadt-, Familien-, Autoren- und Bildungsroman „You can’t go home again“ / „Es führt kein Weg zurück“ – erschienen 1940, von mir gelesen 2011 – verstehe ich meinen Erzählstoff als meinen Stoff:

  • Ich führte Tagebuch, von 1997 bis 2004.

  • Ich sammelte Gasteinträge, Interviews, Briefe, Dialoge.

  • 2003 kam ich nach Hildesheim. Und fürchtete bald, nichts erlebt / zu sagen zu haben, das einen Roman „rechtfertigt“.

Im Grundstudium, bis 2006, schrieb ich knapp 40 Kurzgeschichten, für Jahrgangs- und Jahresanthologien, Literaturzeitschriften, Wettbewerbe, e-Zines, Schreibwerkstätten und Buchprojekte. Gelegentlich schrieb ich Kurzprosa, zwei, drei Science-Fiction-Texte, montierte Briefe und Zitate.

Doch „eigentlich“ schrieb ich – recht selbstbewusst, halbwegs stilsicher – nur Texte, in denen junge Erwachsene Entscheidungen über Freundschaften, Beziehungen, ihr Verhältnis zu Eltern oder Heimat treffen, erzählt aus wechselnden Perspektiven, oft mit Auslassungen, Rückblenden, überraschenden Schnitten: Puzzles über Abschied, Verlust, Flucht, Rivalität.

  • ein junges Paar trennt sich nach dem Unfalltod ihrer Tochter

  • eine Sex-Wette zwischen Oberstufen-Kumpels endet auf den Schienen der Stadtbahn

  • vier Bewohner einer WG verlieren, bei Nabelschau und Streit am Küchentisch, allen Bezug zur Welt vor ihren Fenstern

  • als Schülerin allein und unbeliebt, versucht eine Neunzehnjährige, im Medizinstudium alles besser zu machen

  • Grundschulfreunde, deren Eltern vor 15 Jahren eine Affäre hatten, treffen sich als Erwachsene

Viel zu lange – und: viel zu verkrampft – mischte ich solchen Texten Elemente bei, die ich mit Ach und Krach von Schreiber-Freunden erfragt, mir angelesen oder ergoogelt hatte: psychiatrische, sexuelle, historische „große“ Enthüllungen und Eskalationen: Fehlgeburten, Selbstmordversuche, Zeitsprünge um zwanzig, fünfzig Jahre, Kokain, Flugreisen ins außereuropäische Ausland, Geschlechtsverkehr, Tumore.

Die besten „jungen“, deutschsprachigen Texte, die mir im Rahmen des Studiums – meist von Kommilitonen, im BELLA triste-Kontext – empfohlen wurden, hatten einen Erfahrungsreichtum und, wichtiger, eine Nonchalance, die mich… schwindeln ließ:

Erzähler aus meiner Generation, geboren in den 70ern und 80ern, doch zwischen zwei Kulturen aufgewachsen oder in der DDR, hatten schon mit 14, 15 ein archaisches Land- oder (andersrum) ein schnelles, dreckiges Stadtleben in vielen Subkulturen und Geheimnissen durchdrungen und verstanden, ließen Figuren jeden Alters reisen, feiern, lieben, trinken, sich verletzen – mit ruhiger Hand, ohne Aufregung.

Alle Großeltern hatten Charisma und kraftvolle Flüchtlings-/Weltkriegs-Lebensläufe, alle Frauen routinierten, etwas schwermütigen Sex, jedes Bühnenbild und jeder historische Exkurs wurde so kundig und gelassen gespannt, wie ich keinen Gang durch einen Drogeriemarkt schildern könnte… ohne vorher drei Bücher über Drogeriemärkte zu lesen:

Romane von Freunden (und / oder: Altersgenossen), die ich nicht zu lesen wage… weil sie – in ihrer Stoffwahl – so viel Welt, so viel Bewegung und beherztes „Dem Thema bin ich gewachsen. Den Raum habe ich verstanden. Dem werde ich erzählerisch gerecht!“ voraussetzen:

Mein Timer hat 367 Einträge. Mein Notenschnitt ist 2,1. Ich bin 5989 Tage alt und war zweimal betrunken, doch nie bekifft. Ich habe noch nie – für Geld – gearbeitet. Ich rauchte nie und habe nie Hackfleischbällchen bei IKEA gegessen. Ich habe noch nie ein Tor geschossen. Ich weiß nicht, wie man einen Kopfsprung macht. Ich war noch nie auf einem echten Rave. Kein Mensch wollte mich je küssen […]“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

…schreibt Stefan Mesch, die 16 Jahre alte Hauptfigur aus „Zimmer voller Freunde“. Ihr 29 Jahre alter Autor hat viel geraucht, und fuhr Ende März 2009 zu IKEA, um Hackfleischbällchen zu probieren.

Sonst tat sich wenig.

Falls ich noch zwanzig Romane schreibe – „Dem Thema bin ich gewachsen. Den Raum habe ich verstanden. Dem werde ich erzählerisch gerecht!“ werde ich nur über eine Handvoll – häuslicher / privater – Milieus behaupten können: Fabulieren, und fünfzig Jahre weite Bögen spannen? Meine Hildesheimer Echokammern halten das für eine Grundvoraussetzung „großer“ Romane. Mir selbst misslang es, jahrelang. Die großen Romane über Danzig, Brahms, jüdische Flüchtlinge in Shanghai, besetzte Häuser in Hamburg… muss jemand anderes schreiben:

thomas wolfe: penguin cover

Thomas Wolfe wurde 1900 geboren, in Asheville, North Carolina. „You can’t go home again“ (1940) – ein Buch, das ich als Zwölftklässler, zum Warten auf den Bus, aus der Schulbibliothek stahl – ist sein letzter, vierter Roman, posthum veröffentlicht und erst von Wolfes Lektor in Romanform gebracht.

Ein junger Schriftsteller, der sich in New York mühsam über Wasser hält, kehrt für eine Trauerfeier zurück in die Kleinstadt seiner Kindheit – kurz nach Veröffentlichung seines ersten Romans, „Home to our Mountains“ und dem Börsencrash, bei dem seine Mutter Geld mit Immobilienspekulation verlor.

Die Feindseligkeit alter Freunde, Irritationen in der Familie und die Geworfenheit der Hauptfigur setzen sich draußen – in der Welt – fort: beim Umgang mit dem exzentrischem Lektor Foxhall Edwards (Wolfes Lektor Maxwell Perkins nachempfunden), einer misslungenen Soiree, veranstaltet von einem reichen Ehepaar, mit dessen weiblicher Hälfte, der Bühnenbildnerin Esther Jacks, Wolfes Hauptfigur eine Affäre hat, und im Besuch des Münchner Oktoberfests, umgeben von Pöbel, Kleinbürgern, Nazis.

Dringlich, kraftvoll, lesenswert werden diese – recht alltäglichen – Episoden, weil Wolfe nie große gedankliche Schritte abweicht vom Erfahrungshorizont seiner Figur: Provinzjunge „George Webber“ führt durch Räume und Milieus, die ihm am Herzen liegen und die er verstanden / durchdrungen hat.

Zu Literatur werden diese – sehr persönlichen – Berichte über Familie, Heimat, Freundschaft, weil eine authentische Figur authentische Räume beschreibt… in einem komplexen, artifiziellen Erzählgerüst:

  • Schau heimwärts, Engel“ (1929), Wolfes erster Roman, erzählt die ersten 19 Lebensjahre von Eugene Gant und seiner exzentrischen Familie im Bergstädtchen Altamont, Catawba.

  • Von Zeit und Strom“ (1935) beschreibt Gants Studienjahre und eine ausgedehnte Reise durch Europa. Am Ende des Romans sieht Gant den Dampfer zurück nach Amerika und verliebt sich in eine Passagierin: Bühnenbildnerin Esther Jack.

  • Es führt kein Weg zurück“ (posthum veröffentlicht, 1940), beschreibt, wie George Webber 1929, nach Veröffentlichung seines Romans „Home to our Mountains“ über das fiktive Bergstädtchen Old Catawba, zurück nach Libya Hill reist… und über die Zukunft mit Esther Jack, seiner langjährigen Affäre, entscheidet.

Hätte ich die Bücher chronologisch gelesen – vieles wäre mir geschwätzig, platt, unbeholfen erschienen. Doch (zufällig) am Höhepunkt zu beginnen, und diese Ebenen aus zusätzlichen, widersprüchlichen Fiktionalisierungen mit der Lektüre voriger Romane Stück um Stück zurückzwiebeln zu können, war ein großes – und: komplexes – Lesevergnügen:

Die Thomas-Wolfe-Figur (ob nun „Eugene Gant“ oder „George Webber“) und „Esther Jacks“ (im echten Leben: Alice Bernstein) sind authentisch. Alles andere steht wie auf Rollen auf der Bühne, und wird verschoben, neu arrangiert, wie es am besten passt.

Ist das deine Familie?“, „Ist das wirklich passiert?“, „Du warst selbst dort? Du kennst das alles?“ sind Fragen, die eine immense Dynamik entfalten – Dringlichkeit, voyeuristische Spannung, einen „intimen“ Sog: Sie schaffen Nähe zwischen Leser und Autor, machen Romane zu „Berichten“ über „Menschen“ – statt bloßen Fiktionen, voller Figuren.

Mein Stoff ist nicht die Summe meiner spärlichen Kleinstadt-, Provinz- und Alltags-Erfahrungen. Oder die drei-, viertausend Seiten biografisches Material über mich und meine Freunde, die ich damals geschrieben und gesammelt habe.

Sondern – ganz wie bei Wolfe – die Frage, wie man mit solchen Stoffen lebt und schreibt:

Wem schreibe ich das auf?

Wo ich gewesen bin. Wen es dort gab. Worauf wir warteten.

Wer wir sein wollten. Wer wir waren.

Wer uns fehlte.“

 

Für wen behält man das?“

[Zitate aus „Zimmer voller Freunde“]

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Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

Erzählen / Schreiben… mit „Beverly Hills, 90210“

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Mein Anlass, über Alltag, Jugend, Gegenwart zu schreiben, stammt aus „Beverly Hills, 90210“, der 293 Episoden / zehn Staffeln langen Jugendserie von Aaron Spelling, ausgestrahlt von Oktober 1990 bis Mai 2000; in Deutschland ab 1992, auf RTL:

  • das erste moderne „Teen Drama“

  • eine Ensemble-Serie mit sechs bis zehn befreundeten Hauptfiguren

  • ein (oft: didaktisches, moralisierendes) TV-Melodram, in dem weiße, privilegierte Schüler versuchten, mit fremden und eigenen Fehltritten / Schicksalsschlägen umzugehen.

Ab 1972 produzierten die US-Networks ABC, NBC und CBS „Afterschool Specials“ – schnelle, oft effekthascherisch inszenierte Lehrstücke über Schule und Alltag, mit Titeln wie „Me and Dad’s New Wife“, „She drinks a little“ oder „All the Kids do it“.

Ab 1984 folgte der Sparten- und „Frauensender“ Lifetime mit Rührstücken über Missbrauch, häusliche Gewalt, Essstörungen und anderen – aus Groschenheften, Kolportageromanen, Seifenopern und der Boulevardpresse bekannten – Vorstadt- und Hausfrauen-Ängsten.

Für das jüngste, kleinste und jugendlichste US-Network – FOX, gegründet 1986 – entwarf Aaron Spelling, in den 80er Jahren vor allem mit einstündigen „Night-Time Soaps“ wie „Der Denver-Clan“, „Die Colbys“ und „Hotel“ erfolgreich, eine Hybridform dieser beiden Formate: Eine wöchentliche, einstündige Serie über das freundliche, zuweilen naive High-School-Zwillingspaar Brandon und Brenda Walsh aus Minnesota, das seit dem Umzug der Eltern in den Nobel- und Villenbezirk Beverly Hills mit Versuchungen, Zwängen und Konflikten aus der Ober- und Unterschicht Los Angeles‘ konfrontiert wird – Kokain und Designerdrogen, „Date Rapes“, Esstörungen… ein Katalog der Vorstadt- und Mittelstands-Ängste der Neunziger, exerziert an einer Clique armer, reicher Jugendlicher und ihren hilflosen, willensschwachen, verkrachten Eltern, Freunden und Lehrern, Woche für Woche lose verknüpfte „Cautionary Tales“ – die biederen, tadelnden, halbherzig dramatisierten „issues“/Probleme oft nur unbefriedigend „gelöst“ und in folgenden Episoden vergessen, ignoriert.

Seit 20 Jahren stoße ich – im Leben und in meiner Arbeit – auf Nachwirkungen, Zitate, Klischees und kulturelle Folgeschäden dieser Serie; und seit 20 Jahren ist jede Seh-Erfahrung, jedes Foto, jeder Gedanke an sie eine neue, ewig frische kleine Enttäuschung: „Beverly Hills, 90210“, das ist eine Grundidee, die mir bis heute sinnvoll, tragfähig, packend scheint – 293 Episoden über die Schwierigkeit, Ausbildung, Erwachsenwerden und Alltag zu meistern, gemeinsam, als Clique und Wahlverwandtschaft –, erzählt als schiefes, staubiges, ignorantes California-(Schauer-)Märchen.

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90210 surfboardStraßenszene im Pilotfilm: Alltag in Los Angeles, 1990.

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Jede Figur, jede Frage, jeder Konflikt bebt vor Potential – doch alle Drehbücher, jede „Lösung“ enttäuscht in ihrer biederen, geföhnten, reaktionären Schlichtheit. Im Text von „Zimmer voller Freunde“, in Stefans Entscheidungen und Erzählgestus, wird diese Enttäuschung spürbar:

Sonne scheint, Frau singt, es gibt nur junge, kluge, wichtige Figuren […], 2000 Einwohner und jeden Tag Sonne. Wir haben Riesenträume und wir leben schneller als der Rest. Wir brechen uns die Herzen und wir lieben uns zu Brei. Drei Jahre bis zum Abitur: Ich schreibe unsere Geschichte.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

und – galliger, enttäuschter – im selben Kapitel:

„…keine Familie und Erwachsene – nur als Statisten, Randfiguren: Mein Vater hat jetzt eine prima neue Stelle in Hongkong, und meine Eltern packen den Koffer. Sie fahren zum Flughafen. Sie winken und verschwinden. Und trotzdem ist das Haus, in dem ich lebe, immer aufgeräumt und mein – mein! – Kühlschrank immer voll: Brandon Walsh, der Held aus „Beverly Hills, 90210“, ist in derselben Wohn- und Elternsituation.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Für Stefan – den Ich-Erzähler von „Zimmer voller Freunde“, 16 Jahre alt und in einer fundamental anderen Wohn-, Eltern-, Freundes-, Liebes- und Lebenssituation als Brandon Walsh – ist „Beverly Hills, 90210“ eine falsche Offenbarung, ein nutzloser Prophet, ein gebrochenes Versprechen aus der Kindheit: eine Verheißung, die nie wahr wurde. Eine Vorhersage, die sechs, sieben Jahre Zeit hatte, in Stefan (und mir selbst, im echten Leben) Wurzeln zu schlagen:

  • Beverly Hills, 90210“ versprach: Wir machen „deine“ „Wirklichkeit“ zum Thema – Alltag, Konflikte und alle denkbaren Schwierigkeiten von Sechzehn-, Siebzehnjährigen.
  • Beverly Hills, 90210“ versprach auch – und: deutlich lauter: Wir zeigen märchenhaft reiche, märchenhaft schöne Schüler, deren absurd sorgenfreies Leben in jeder Sekunde durch die absurdesten Schicksalsschläge vernichtet werden kann.

Dieses zweite Versprechen habe ich niemals hören wollen, und alle Reize, Signale, Warnungen, die ein Slogan wie „Leben auf der Überholspur“, so der deutsche Titel eines „90210“-Romans, erschienen 1993, setzte – Voyeurismus! Schadenfreude! Klassenkampf! Das tragisch-lustvoll auserzählte Zugrundegehen der Reichsten, Schönsten, Hochmütigsten, Behütetsten! – habe ich seit 20 Jahren überhört und ignoriert: „Beverly Hills, 90210“, das ist Flaubert und Proust, „Buddenbrooks“ und Fürstenroman, Hybris, Abstieg, böses Märchen, If there’s nothing missing in her life, then WHY do these tears come, at night? – aber für mich sind das nur störende Effekte, unnötige Zuspitzungen, Kitsch und Glitter, den ich übersehe:

  • Ich habe keine älteren Geschwister.

  • Ich habe bis heute Angst / Respekt vor Menschen, drei, vier Jahre älter.

  • Ich lese Bücher, Berichte, Interviews, um kommende, fremde Lebensabschnitte überblicken zu lernen.

Seit ich zehn Jahre alt bin, sollen Brendon, Brenda und ihre Freunde zeigen, wie man erfolgreich sechzehn, achtzehn, zweiundzwanzig Jahre alt ist, Cliquen knüpft, Freundschaften pflegt, auszieht, studiert, Geld verdient, lebt. Seit ich zehn Jahre bin, geben Brendon, Brenda und ihre Freunde vor…

„…was für mein Alter gut, gesund, normal und tolerabel ist. Ich lerne – ich lebe! – durch Filme und Serien.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Das Weltbild (…und das Erzähl-/TV-Verständnis) der „Zimmer voller Freunde“-Figur „Stefan Mesch“ fußen auf einer Serie, die – in jeder Szene, 10 Jahre lang – immer nur genau so lange Realismus inszeniert und erträgt, wie solcher Realismus die grellsten, wirkungsvollsten oder bequemsten Effekte / Lösungen brachte:

Mein Anlass, über Alltag, Jugend, Gegenwart zu schreiben, stammt aus „Beverly Hills, 90210“. Und Stefan Mesch, der 16 Jahre alte Ich-Erzähler des Romans, „versteht“ Realität in ständiger Reibung mit einer Serie, die nie ernsthaft versuchte, „Realität“ zu verstehen – oder verständlich zu machen. [mehr zum Roman: hier]

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Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

Literatur und Social Media: Lesung / Podium „Blog until you drop“ fürs Literaturhaus Köln

„Blue Shell“, Köln: Ich lese aus „Zimmer voller Freunde“. [Foto: Karla Paul]

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Literatur… und das Netz?

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Fürs Literaturhaus Köln sprach ich mit Karla Paul und Moderatorin Ines Dettmann übers Schreiben im Netz, „Freundschaften“ auf Facebook, Social Reading, eBooks und Selbstbilder / Risiken / Chancen für Autoren. Ein entspannter, kluger Abend unter Menschen / Freunden, die sich bislang nur online kannten.

  • Bringen Vernetzung, Lärm, Kritik und Ablenkung im Netz mein Schreiben weiter?
  • Welche literarischen Projekte, Formate, Nischen erlaubt ein Blog?
  • Twitter, Tumblr, Bonus-Material bei eBooks – wer liest das? Wem hilft das?
  • Lohnt sich der Aufwand?

Fünf Abende lang, Oktober bis Dezember, wird fürs Literaturhaus Köln – organisiert / kuratiert von Bettina Fischer und begleitet von Thorsten Krämer – über neue Literatur, veränderte Rezeption, Chancen und Risiken gesprochen.

„Unser Abend“ fand am 26. November statt, als Late-Night-Format, im Blue Shell: eine kurze Lesung aus „Zimmer voller Freunde“, ein Audio-Einspieler von Dana Buchzik, vor allem aber ein Gespräch, in dem Karla und ich, als Social-Media-Nutzer, erklärten, mit welchem Handwerkszeug und welchen Netzwerken wir unser Schreiben, Lesen und Leben im Netz aufbauen.

Der Ankündigungstext:

Wir befassen uns in der Veranstaltungsreihe „Zukunftsliteratur“ mit dem Wandel, den die technischen und medialen Veränderungen für die Literatur und die Buchbranche mit sich bringen. Wo findet sich dieser Wandel denn eigentlich? Natürlich im Netz! In literarischen Blogs und solchen, die sich mit der literarischen und kulturellen Welt befassen! Und auch auf der Bühne:

Für das Late Night-Format holen Stefan Mesch und Karla Paul ihre Arbeit aus dem Netz auf die Bühne des Blue Shell. Anders als in unserem Programmheft angekündigt, wird Dana Buchzik/Sophia Mandelbaum leider nicht dabei sein – ihr Blog wird aber mit einem von ihr selbst aufgenommenen Text kurz vorgestellt. Freuen Sie sich mit uns auf eine Late Night mit vielfältigen und lebendigen Texten, literarisch und literaturkritisch, begeisternd und aktuell.

Moderation: Ines Dettmann

Foto: Bettina Fischer, Literaturhaus Köln.

mein Eindruck / Fazit? 

Eine lebendige, kluge Moderation, eine sympathische Location und ein konzentriertes, gutes Publikum: Es war toll, Karla Paul nach über zwei Jahren Online-Kontakt persönlich zu treffen, und es macht mir Spaß, Kultur-, Sortier- und Scouting-Techniken, die zu meinem Schreiber-Alltag gehören, für ein interessiertes Publikum aufzuarbeiten: Wo findet man gute Bücher? „Lohnen“ sich Online-Freundschaften? Wo befruchten / befeuern sich Literatur und neue Medien?

Ich hatte ein paar „Zimmer voller Freunde“-Flickr-Fotos (Link) dabei und ließ sie während der Lesung im Hintergrund ablaufen… werde aber in Zukunft, glaube ich, gerne mehr Medien / Anschauungsmaterial  mitbringen.

Seltsam / kurios? Dass Karla und ich in vielen Netz- und Literaturthemen ähnliche Interessen / Kompetenzen haben. Und wir das Netz – in erster Linie, trotz aller Skepsis – richtig, richtig mögen. Ich hoffe, das Publikum hatte nicht den Eindruck, dass hier zwei Facebook-/Twitter-Fans über Handyfotos und virtuelle Buchtipps schwärmen… ohne, Probleme / Schattenseiten zu reflektieren.

Thorsten Krämer, Autor, Berater und Mitorganisator der „Zukunftsliteratur“-Reihe, mailt:

„Viele der genannten [netzkritischen / wirtschaftlichen] Punkte wurden tatsächlich nicht angesprochen. Dennoch hatte ich gestern während der Veranstaltung nicht den Eindruck, es würde etwas fehlen.

Das mag an der mitreißenden Leidenschaft gelegen haben, mit der Karla Paul und Stefan Mesch von ihrem Engagement für die Literatur berichtet haben.

So ergab sich, für mich zumindest, das etwas paradoxe Fazit, dass ausgerechnet der Abend der Reihe, der auf dem Papier sich am weitesten vom herkömmlichen Bild der Literatur hätte entfernen können, mit dem bislang schwungvollsten und optimistischsten Bekenntnis zur Literatur aufwarten konnte. Dass dieses Bekenntnis von vermeintlich Literatur-fernen Digital Natives vorgebracht wurde, war für mich die sehr erfreuliche Erkenntnis aus der Veranstaltung.“

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Die „Zukunftsliteratur“-Reihe im Überblick:

25.10.: „Die Zukunft der Buchbranche“ – Klaus Kluge (Bastei Lübbe), Jo Lendle (DuMont Buchverlag) und Helge Malchow (Kiepenheuer & Witsch) geben im Gespräch mit Thorsten Krämer Auskunft.

13.11.: „Die Reform des Urheberrechts und die möglichen Folgen für die Buchbranche“ – eine Diskussion zwischen Christian Sprang, Chef-Justiziar beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels, und Matthias Spielkamp, unter anderem Gründungsredakteur und Projektleiter von iRights.info, soll die unterschiedlichen Positionen verdeutlichen – und hoffentlich gute Lösungen aufzeigen. Moderation: Markus Brügge (WDR). Einmischen in die Diskussion werden sich auch Dr. Verena Hoene, Partnerin der Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek, und Mario Giordano, der als Auftakt des Abends seine Web-Novel ‚Apocalypsis‘ vorstellt.

22.11.: Lothar Müller: „Weiße Magie“ – Lothar Müller zeichnet in seinem aufschlussreichen Buch ‚Weiße Magie‘ die Geschichte des Papiers nach, das von China über die arabische Welt nach Europa kam.

6.12.: Ulf Erdmann Ziegler: „Nichts Weißes“ – Oliver Jungen (FAZ) spricht mit Ulf Erdmann Ziegler über die Generation, für die das »Hereinbrechen des Computerzeitalters identisch ist mit dem eigenen Erwachsenwerden«. Zudem wird ‚Zukunftsliteratur‘ begleitet von der Präsentation besonderer Publikationsprojekte. An diesem Abend: SuKuLTuR, vorgestellt von Marc Degens.

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Fotos aus älteren Blogposts von stefanmesch.wordpress.com

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meine Auftritte und Lesungen, Sommer / Herbst 2012:

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verwandte Links:

„Zimmer voller Freunde“: Lesung beim 20. Open Mike

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Ich bin Finalist beim 20. Open Mike der Literaturwerkstatt Berlin (Details / Infos / Vorgeschichte hier).

Wie war meine Lesung…?

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„Kuckst du ‚Mad Men‘?“, fragte ich einen Freund, im Frühling.

„Ich weiß, wie viele Leute ‚Mad Men‘ mögen…“, antwortete er. „Aber jedes Mal, wenn es im Fernsehen läuft, schalte ich in dieselbe Szene: eine Frau sitzt am Schreibtisch. Eine andere Frau tritt hinzu. Sie sagt: ‚Hier ist der… Tacker.‘ Dann starren sich beide an – schweigend und ernst.“

Ich bin auf Seite 300 eines Romans (Link) mit Dutzenden Figuren, Wendungen, Konflikten. Ich habe 15 Minuten Zeit für diese Lesung. Das reicht nicht, um ein Panorama aufzuspannen, alle Figuren zu erklären.

Wofür bleibt Zeit?

Für eine „Hier ist der… Tacker.“-Szene.

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  • Das Licht? Warm. Freundlich.
  • Das Publikum? Anspruchsvoll. Wach / konzentriert.
  • Mein Vortrag? Entspannt! (Huch? Kein Lampenfieber, kein Haspeln.)
  • Mein Text? 15 Minuten, ab Seite 220: Sonja und Frank. Stoffs Party-Zimmer. Ein schmutziger Pool. Ein „Tacker!“-Moment.

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  • …als Dritter gelesen, vor ausgeruhtem Publikum. Guter Zeitpunkt / Slot!
  • schwierig / unsympathisch: dass die Lektoren, die den Autor eingeladen haben, einleitende Worte sprechen. Den Autor vorstellen. Und Wendungen, Motive, Stimmungen des Texts benennen – noch bevor der Text gelesen wird.
  • großes Glück: dass Birgit Schmitz (Berlin Verlag), die „Zimmer voller Freunde“ auswählte, dem Text eine Hammer-Vorstellung schenkt, und die richtigen Fragen stellt: Ist das Pop? Oberfläche? Ironie? Namedropping?
  • „Hier läuft doch noch was anderes…“, knurrt ein Ermittler in „Salt“ [mit Angelina Jolie]. Birgit Schmitz sagt: Kuckt hin. Findet die Zwischentöne. Das andere. [Yeah! Danke!]
  • schade / verschenkte Chance: dass die Jury (Silke Scheuermann, Thomas von Steinaecker, Marcel Beyer) schweigen muss, und erst zur Verkündung der Gewinner kurz spricht.
  • die Freunde…? Loben mein „Tacker“-Intro und meinen Vortrag.
  • aber…: „Stefan? Pass auf: Kaum jemand konnte verstehen, dass Frank viel jünger ist als Sonja. Dass Sonja Maklerin ist. Wie Timo in die Szene passt, und Franks Eltern. Der Text hat Sog – aber diese Verrätselung braucht kein Mensch! Sag das nächste Mal klar: Sonja ist 37. Frank 18. Das muss sein!“

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und: Anika war hier! Sebastian. Simone. Kai. David! „Nimm erstmal Baldrian“, sagt Vea. „Du bist ganz durcheinander…!“

Ich bin fahrig. Glücklich. Umgeben von Freunden. Wach / aufgekratzt. In meinem Element.

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Finalist beim 20. Open Mike der Literaturwerkstatt Berlin

Ich bin Finalist beim 20. Open Mike der Literaturwerkstatt Berlin…

…und begleite den Wettbewerb zudem in kurzen, persönlichen Blog-Snapshots (Link).

Meine Blogposts / Einträge zum Wettbewerb, schon vorab:

und, zu mir selbst und meinem Roman „Zimmer voller Freunde“:

Was IST der „Open Mike“-Wettbewerb? Regeln, Geschichte usw. hier (Link)
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Stefan Mesch, geboren 1983 in Sinsheim (Baden), schreibt für die ZEIT und den Berliner »Tagesspiegel«. Er studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, war Mitherausgeber von «BELLA triste« und Mitveranstalter des Literaturfestivals PROSANOVA. Er veröffentliche Prosa und Essays in u. a. »Edit« und »Macondo« und lebt seit 2009 jeden Winter / Frühling als freier Lektor und Übersetzer in Toronto und jeden Sommer / Herbst in Eppingen (Baden), im leer stehenden Haus seiner toten Großeltern. «Zimmer voller Freunde« ist sein erster Roman. www.zimmervollerfreunde.tumblr.com

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Open Mike 2012 – Presse, Kritik, Diskurs (Vorjahre)

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Ich bin Finalist (und: Liveblogger) beim 20. open mike-Wettbewerb der Literaturwerkstatt Berlin, und lese am 10. und/oder 11. November aus meinem Roman „Zimmer voller Freunde“ (Link). (Heimathafen Neukölln, Eintritt frei – kommt vorbei! Details hier)

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Schon heute: Ein Pressespiegel / eine Montage über 20 Jahre „Open Mike“, und die großen Stärken, Schwächen, Probleme und Sternstunden des Wettbewerbs:

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“Alle waren sie da, und jedes Jahr werden es mehr. Für Verleger, Literaturagenten, Scouts und Medien gibt es im November einen denkbar effizienten Termin. Beim Lesewettstreit „Open Mike“ lässt sich in der Literaturwerkstatt […] an einem Wochenende ein repräsentativer Eindruck davon gewinnen, was landauf, landab gedacht und geschrieben wird.” Steffen Richter, Die Welt, 2001
„Sechs Lektoren aus renommierten deutschsprachigen Verlagen entschieden über die Finalisten, die an diesem Samstag und Sonntag in Berlin vor Jury und Publikum die Endrunde bestreiten. 15 Minuten hat jeder der 23 Autoren Zeit, seine Geschichte oder sein Gedicht vorzutragen.“ Maar, Lauterbacher Anzeiger, 2011
“Mitte der Neunziger begannen bei diesem Wettlesen die Karrieren von Karen Duve, Kathrin Röggla, Julia Franck oder Terézia Mora. 2001 war mit den Preisträgern Nico Bleutge und Tilman Rammstedt noch einmal ein großes Jahr. Danach aber blieb die Durchschlagskraft begrenzt […] Zum Teil mag es an der gesunkenen Nachfrage nach Debütanten liegen. Der Hype der jungen deutschen Literatur vor zehn Jahren war eben die Ausnahmesituation.” Wolfgang Schneider, FAZ, 2008
“Bei über 100.000 deutschsprachigen Neuerscheinungen jährlich ist die Konkurrenz beträchtlich, und so waren die diesjährigen Autoren vor allem darum bemüht, alles richtig zu machen. […] Beim literarischen Nachwuchs herrscht derzeit Innerlichkeit vor, die Beschäftigung mit der Vergangenheit und die Suche nach dem eigenen Weg. Gesellschaftskritik steht nur selten, politischer Protest leider gar nicht auf dem Programm.” Cornelius Wüllenkemper, Deutschlandradio, 2011
“Politische oder historische Themen vermisst man indes. Lektor Dirk Vaihinger würde das keinem der unter 35-jährigen vorwerfen: Die Jungautoren entwickeln noch ihren eigenen literarischen Ton. Die großen Themen kommen später.” Elena Phillipp, Die Welt, 2010
“Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – und der war hier spürbar. Man erlebte Talente, die noch keine Routinen ausgebildet haben, die ihr Formgefühl und Welt-Bild gerade erst entwickeln. Solche ersten Schwimmzüge sind etwas ganz Besonderes. Auch wenn den Beteiligten meist klar war: Das muss noch besser werden.” Wolfgang Schneider, FAZ, 2009
“In den besten Stunden des Open Mike kann man atemberaubend Zeuge werden, wie ein Schriftsteller die Welt betritt. Das sind 15 Minuten, die man nicht vergisst: als vor zwölf Jahren Karen Duve hier zum ersten Mal las, später Julia Franck oder Terézia Mora und zuletzt noch einmal fulminant, vor zwei Jahren, Kirsten Fuchs.” Jana Hensel, Die Welt, 2006

ZEIT online: Simon, ein Wort zu den anderen Teilnehmern: Konkurrenz oder Kollegen?

Simon Urban: Der Wettbewerb ist eine freundliche Angelegenheit. Natürlich befindet man sich in einer Konkurrenzsituation, aber es ist eine harmonische Konkurrenzsituation.

Kathrin Schadt, ZEIT Online, 2007

”Im Publikum drängten sich Lektoren, Literaturagenten und Talent-Scouts zu Dutzenden. Diejenigen, die ohne Preis nach Hause gehen mussten, können sich daher trotzdem zu den Gewinnern zählen. Im 19. Jahr seines Bestehens reicht oft schon die Teilnahme am „Open Mike“, um eine literarische Karriere zu beflügeln.” Vanja Budde, Deutschlandradio Kultur, 2011
Simon Urban: Der Open Mike ist natürlich ein Viehmarkt, aber es kann ja jeder selbst entscheiden, ob er zum Vieh gehören möchte oder nicht. Wer gelesen werden will, muss also auch mal das Vieh sein können. Außerdem macht das ja durchaus Spaß, vor so einer Kulisse. Kathrin Schadt, ZEIT Online, 2007
“Das Setting für die Lesungen ist hervorragend; das Bühnenlicht weich, das Publikum ist aufmerksam, klatscht sehr gerne und feiert – zu Recht – mehr Texte als es Preise gibt. Ich war ziemlich lange nicht mehr bei solchen Wettbewerben und wundere mich darüber, dass es keine Dissonanzen zu geben scheint, keine Fraktionierungen, keine Ablehnung des Betriebs etwa seitens der Autoren; dass das Etwas-toll-Finden nicht wie früher so oft von der entschiedenen Ablehnung eines anderen begleitet wird. Höchstens gibt es mal ein vorsichtiges Nichts-damit-anfangen-Können.” Detlef Kuhlbrodt, taz, 2011
“[Trichtert man etwa allen] Open-Mike-Teilnehmern [ein], dass man sich bei Wettbewerben keinesfalls bewegen darf, sondern seine Werke sitzend und in artigen, subtil intonierten Stimmlagen vorzutragen hat? […] Etwas mehr raumgreifende Rotzigkeit seitens der Lesenden wäre beim Publikum bestimmt prima ankommen.” Brigitte Preissler, Frankfurter Rundschau, 2010
“14 Uhr: Die letzten Lesenden stehen aufgeregt zwischen den Zuschauern, die wechselweise rauchen, herumstehen, Kaffee oder Wein trinken, diskutieren, Wetten abschließen. Dann wieder hinein ins Gedränge, der letzte Leseblock, überall schwappt das Adrenalin auf den Boden. Auf keinen der Vorträge kann ich mich richtig konzentrieren, ich verliere die Satzenden, stückele mir die Texte zusammen, nehme noch eine Schmerztablette, die Leute strömen nach der letzten Lesung wieder aus dem Saal, sibirische Kälte und Nieselregen setzen ein.” Anne Köhler, Süddeutsche Zeitung / jetzt.de, 2008
“Man muss es leider so konstatieren: Humor, Sprachgewalt, Mut und Bösartigkeit waren rar gesät im Teilnehmerfeld. […] Mut zum Risiko, experimentelle Schreibweisen, jede Form von Diskurswissen oder Weltgewandtheit, wie sie beispielsweise auf der Longlist zum diesjährigen Deutschen Buchpreis weithin vertreten war: Fehlanzeige. […] Wie das Publikum, so das Wettbewerberfeld: konzentriert, aufmerksam, brav und bieder. Jung und uninteressant.” René Hamann, taz, 2010
“Man könnte sagen, dass 20-jährige Deutsche noch nie auf einem breiten Niveau so gut schreiben konnten wie heute, aber so wenig mitzuteilen haben wie nie zuvor. Auch Maxim Biller klang im Schlusswort der Jury mutlos: „Es gab keine Geschichte, von der ich hätte wissen wollen, wie sie ausgeht.“” Jana Hensel, Die Welt, 2006
„Das muß wohl grausam sein: immer wieder Ich-Geschichten; offenbar ist die Bereitschaft, sich eine Figur auszudenken, bei den meisten Jungautoren nach wie vor gering ausgeprägt. Aber Lektoren lesen anders. Vor allem lesen sie mehr, als im Manuskript steht. Wo Kritiker nur die Mängel des fertigen Produkts sehen, nimmt der Lektor beglückt die Anfänge eines Autors wahr. Das Vergnügen des Lektors sind „Texte, die unterwegs sind“, wie Patricia Klobusiczky vom Rowohlt Verlag glaubhaft versicherte.“ Wolfgang Schneider, FAZ, 2004

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Teilnehmer 2012:

Verena Boos, Yevgeniy Breyger, Vera Buck, Thomas Dörschel, Sandra Gugic, Verena Güntner, Juan S. Guse, Ann-Christin Helmke, Alina Herbing, Joey Juschka, Sascha Kokot, Juliane Link, Nina Lörken, Stefan Mesch, Martin Piekar, Friederike Scheffler, Nadja Schlüter, Kerstin Schubert, Michael Spyra, Arne Vogelgesang, Linus Westheuser und Tristan Marquardt