Verlagsgutachten

„Männer mit Erfahrung“, Castle Freeman: Provinz-Thriller für ‚Fargo‘-Fans

Männer mit Erfahrung, Castle Freeman

.

2008, als Praktikant bei Klett-Cotta, las ich Castle Freemans Provinz-Thriller „Go with me“.

Erst jetzt erscheint der Roman auf Deutsch:

.

Castle Freeman jr.: “go with me” / „Männer mit Erfahrung“

Steerforth, Januar 2008 / Nagel & Kimche, 22. Februar 2016

160 / 176 Seiten.

.

Eine Frau sitzt im Auto, in der Hand ein Obstmesser, und bittet den Sheriff, sie vor Blackway zu beschützen. Blackway hat ihre Katze ermordet. Blackway hat ihren Lebensgefährten aus dem Bundesstaat gejagt. Blackway ist der brutale, von allen gefürchtete Einzelgänger, dem die Bewohner des Dorfes aus dem Weg gehen – ein Provinz-Bösewicht, archetypischer bully und boogey man von mythologischen Ausmaßen.

Der Sheriff schickt die Frau – Lillian – fort. Sie holt sich Hilfe in einer alten Sägemühle, wo sich die Rentner und Arbeitslosen der kleinen Ortschaft sammeln. Der Wirt rät Lillian, sich an Scott zu wenden. Vielleicht könne Scott ihr helfen, sich Blackway vom Leib zu halten. Doch Scott ist nicht da.

Irgendwie – eher zufällig, eher hilflos – ist Lillian plötzlich auf einer Kopfjagd, im Pickup durch verschiedene Stationen des kleinen Dörfchens – ein schmieriges Motel, eine verlassene Rodung usw. – gemeinsam mit dem alten, wortkargen Les [Typ: Locke aus „Lost“] und dem großen, ein wenig zurückgebliebenen Nate.

.

Blackway was a bad guy. He was big around here because there wasn’t nothing he wouldn’t do and he made sure everybody knew it. He thought he was the only guy like that. That’s why he walked into our business here tonight. Blackway never thought nobody would go as far as him.”

Lillian, Les und Nate müssen entscheiden, ob sie moralisch verpflichtet sind, sich gegen Blackway zu wehren. Und, ob der Zweck die Mittel heiligt. Dazwischen zeigt Autor Freeman immer wieder die Saufkumpanen im Sägewerk und ihre – alkoholbedingt recht rammdösigen – Gespräche über die Region und ihre Alters- und Abstiegs-Sorgen: ein griechischer Chor, der alles kommentiert.

.

2008 urteilte ich für Klett-Cotta:

go with me“ ist ein Roman, angesiedelt in einer skurrilen „Twin Peaks“-Hinterwäldler-Welt: Sägemühlen, endlose Wälder, kauzige alte Männer, Armut; bevölkert von Figuren wie in einem Film der Coen-Brothers: inkompetente Dorfpolizisten, wortkarge Barkeeper, plappernde Saufkumpane und eine schöne Frau, ursprünglich von außerhalb.

Ein kurzes Buch über Macht, Einschüchterung, Kontrollverluste, sehr verknappt, skurril und schnell. Der Plot ist gewollt schlicht, die Figuren in recht groben Strichen gezeichnet, alles bleibt parabelhaft: pointierte Dialoge, aber kaum Beschreibungen. 

Ich musste an Theaterstücke denken: immer drei, vier Figuren auf der Bühne, ein Schlagabtausch in einfacher, provinzieller Alltagssprache.

  • ein ähnlicher Tonfall wie Nicholson Bakers (alberner) Dialogroman „Checkpoint“
  • thematisch arg nah an Lars von Triers’ Das-Dorf-als-Hexenkessel-Film „Dogville“
  • simpler, aber witziger und parabelhafter als Daniel Woodrells „Winters Knochen“

Am Ende des Tages stellt das Trio Blackway. Und muss entscheiden, ob sie auf ihn feuern wollen: Hilft es, den Weg zum Ende zu gehen [„go with me“], den Tod dieses Mannes zu verantworten? Fressen, um nicht gefressen zu werden?

.

Castle Freeman, Zsolnay Verlag

.

Autor & Themen: Freeman ist Kolumnist beim Farmers’ Alamanac und lebt in Vermont. In den 80ern und 90ern zwei Romane, eine Kurzgeschichtensammlung und eine Sammlung von Essays [Kleinverlage]. Ein graumelierter, freundlicher Herr mit Spazierstock. Interview / Podcast über „go with me“ (Lokaljournalismus: Vermont): http://www.vpr.net/news_detail/79239/

1997 erschien sein erster Roman, “Judgement Hill”: “A decade after his story collection, The Bride of Ambrose, Freeman returns with an insightful, down-to-earth debut novel, this also set in the imaginary town of Ambrose, Vermont. Here, local logging and the appearance of a pretty Texas drifter coincide to disturb the equilibrium of the village’s first citizen.”

2009, 2011 und 2015 drei weitere Bücher. Vielleicht ist der Vermont-Thriller „All that I have“ (2009) einen Blick wert.

Die großen durchgängigen Themen sind offenbar Provinz (Vermont), ungelernte Arbeiter, Verfall von Traditionen: ein recht altmodischer Thornton-Wilder-/Sherwood Anderson-Blick auf den Niedergang der kleinen Ortschaften.

.

Urteil: Ein schnelles, gut gelauntes Buch, das nur drei, vier Stunden braucht. Der Anfang wirkt zu konstruiert – das Hin und Her zwischen dem simplen „drei ungleiche Dorfbewohner auf der Jagd nach dem Finsterling“-Plot und den theatralen Dialogen im Sägewerk. Doch beide Stränge funktionieren recht gut: simpel, aber wirkungsvoll.

[wie gesagt: ich schrieb das 2008, als Gutachten/Einschätzung:] „Go with me“ ist nicht markant und clever genug fürs Imprint Tropen. Es ist – in seiner schlichten Sprache, und weil’s nach 160 Seiten wieder um ist, kurz vor dem Punkt, an dem diese Geschichte hätte WIRKLICH hässlich und klug werden können – nicht atmosphärisch dicht, kunstvoll genug erzählt für Klett-Cotta: Ein kleiner, rundum vergnüglicher Roman ohne besonderen Anspruch, gut aufgehoben bei btb oder in der Paperbackreihe des Berlin Verlag.

Letztendlich will Freeman – auf 160 Seiten, und in der unspektakulären Beschreibung eines Dörfchens und ein paar schlicht gestrickter Figuren – so wenig… Ich finde es nicht angezeigt, mit solchen Häppchen einen „richtigen“ Programmplatz zu blockieren. Oder 14, 18 Euro für ein Hardcover zu verlangen.

nebenbei: Kenneth Cooks Australien-Roman „In Furcht erwachen“ (aus den 70ern, 2005 neu aufgelegt bei C.H. Beck) spielt ein ähnliches Spiel – im Outback.

Go With Me

Geoff Dyer: Sex in Venedig, Tod in Varanasi

Geoff Dyer: “Jeff in Venice / Death in Varanasi. A Diptych.”
Canongate Books, 2009.

Original: englischsprachig
Roman, 296 Seiten.

.

Der folgende Text ist von 2008:

Ein schnelles, sachliches Gutachten zu Geoff Dyers „Sex in Venedig, Tod in Varanasi“. Keine Rezension, kein akademisches Essay. Sondern ein nüchterner, kurzer… Gebrauchstext.

Achtung: Spoiler! / Details zum Ende des Buches.

.

Autor & Themen: Geoff Dyer, geboren 1958, lebt als Essayist, Reiseschriftsteller und Journalist in London und hat seit 1985 neun Bücher veröffentlicht – zumeist essayistische Arbeiten, u.a. Monografien über D.H. Lawrence und John Berger.

Wichtig: Der Kritikerliebling „But Beautiful“ [Prosastücke über Jazz, 1991], der Roman „Paris, Trance“ [1998] und die Reisereportagensammlung „Reisen, um nicht anzukommen“ [2003]. Alle drei Titel sind auch auf Deutsch erschienen (Hardcover bei Argon, später Taschenbücher bei S. Fischer).

Dyers (vor)letztes Buch, „Yoga for People who can’t be bothered to do it“, ist noch nicht in Deutschland angekündigt. Im Moment [2008] arbeitet er an einem längeren Essay darüber, „im Laufe seines 50. Lebensjahres ein so guter Tennisspieler wie (jetzt noch) möglich zu werden.“

Ausführliche Sammlung von Pressestimmen und Links:

http://www.complete-review.com/authors/dyerg.htm

.

In einem Satz: Tourist sein und Fremder in einer morbiden, schwül-feuchten Stadt:

In zwei sommerlichen Prosastücken lässt Geoff Dyer zwei literarische Alter Egos durch Städte flanieren, überraschend ähnlich: Venedig (die Biennale, der Luxus, Liebeleien; das Älterwerden) und Varanasi (Totenverbrennungen am Ganges, die Armut, Spiritualität; das Loslassen).

.

Konzept: Tatsächlich. Das Buch ist ein klar getrenntes Diptychon: Der erste Teil, „Jeff in Venice“ schildert – in der dritten Person und munter Seitenhiebe austeilend gegen die Kunst- und Presseszene – die Biennale 2003 aus Sicht des inkompetenten und latent schmierigen britischen Journalisten Jeff Atman (Mitte 40, hat er sich grade zum allerersten Mal die Haare getönt).

Jeff interviewt eine kratzbürstige Künstlerin, schmuggelt sich auf alle wichtigen Partys, nimmt Drogen. Und hofft darauf, Zufallsbekanntschaft Laura noch einmal zu begegnen, eine schlagfertige Galeristin aus Amerika.

Nach 220 Seiten – Jeff hat Laura noch mehrmals getroffen. Sie hatten schmutzigen Sex. Gute Gespräche. Mehr schmutzigen Sex. Drogen. Und eine lose Verabredung, sich irgendwann wieder zu treffen, in einer anderen Stadt, mal sehen… – folgt ein zweiter, komplett unabhängiger Langtext:

„Death in Varanasi“ zeigt – als Ich-Erzählung und mit einem journalistischeren, weniger narrativen Blick – die indische Stadt Varanasi (ehemals Benares) während mehrerer Monate im Jahr 2004, betrachtet durch die Augen eines britischen Reise- und Kunstjournalisten (der aber, allen Indizien nach, NICHT deckungsgleich ist mit der der Jeff-Figur aus dem ersten Teil). Fasziniert, verstört und immer wieder deutlich angeekelt, lässt sich der Erzähler wochenlang treiben. Und wird schließlich (fast) zu einer Art Hindu/Hippie/Penner-Guru.

.

Verlauf „Jeff in Venice“: Ein Mann färbt sich die Haare. Fährt nach Venedig. Verliebt sich in eine deutlich jüngere Person. Ist fiebrig und berauscht. Und streift durch die Gassen, sucht nach ihr: „Jeff in Venice“ spielt mit Thomas-Mann-Motiven. Ganz ungezwungen; ohne gesuchte Gravitas, künstliche Schwere.

Taugenichts Jeff ergaunert sich eine Akkreditierung für die Biennale, steigt in den Billigflieger, kaum Lust auf seinen Interviewtermin mit Julia Berman, der Muse und Verflossenen eines toten 70er-Jahre-Künstlers (Typ: Jane Birkin). Am Mittwoch kommt Jeff an. Donnerstag Abend trifft er Laura, 31, Galeristin aus San Francisco. Eine starke, intelligente Frauenfigur, aber mit ersten Fluchttendenzen (Alaska? Oder Varanasi, diese Stadt in Indien? Laura lamentiert, dass irgendetwas fehlt in ihrem Leben. Jeff kennt das Gefühl.)

Jeff und Laura führen ein gutgelaunt-melancholisches Gespräch über das Älterwerden, doch Laura verabschiedet sich, ohne, ihm ihre Adresse zu nennen. Er verbringt das lange Wochenende in Venedig mit Ausstellungsbesuchen (Dyer baut Cameo-Auftritte vieler bekannter Fotografen und Künstler in den Text). Er streift durch Venedig mit der Sachlichkeit und dem „ruhigen“ Blick eines Dritt- oder Viert-Besuchers (kein übertriebenes Staunen, kein allzu großes Pathos).

Er interviewt Berman (die ihm einen Joint anbietet und dann ein flapsig-gutgelauntes Gespräch über das Älterwerden startet). Am Biennale-Freitagabend trifft er endlich, endlich auch Laura wieder. Hat tollen, gutgelaunt-entspannten Oralsex mit ihr. Und ein Frühstück. Funken fliegen, Jeff ist hin und weg.

.

Großmäulig, faul, frech und mit der eigenen Richtungslosigkeit kokettierend: Jeff ist eine Romanfigur, wie sie (in anderen Büchern) gerne, zum Ende hin (ganz wie z.B. Aschenbach bei Thomas Mann) gehörig demontiert wird. Laura und Jeff besuchen (oh je!) eine Privatparty auf einer Jacht. Schnupfen Kokain (das geht nicht gut aus!). Haben noch mehr Oralsex. Sie will, dass er sie fickt. Er nimmt sie erstmal von hinten, mit der Zunge. Dazu gibt’s Kokain. [Nicht allzu drastisch erzählt, das alles, doch mit dezent morbider Unterströmung: Eine Zufallsbekanntschaft, die tut, als gäbe es kein Morgen. Da wartet der Leser nur noch auf eines: den Morgen. Die Rechnung. Den Hammerschlag.]

Aber – wie schön: der Hammerschlag bleibt aus. Ohne dickes Ende, nur einen Tick melancholisch, blendet Dyer ab, nachdem Jeff sich von Laura (am Sonntagnachmittag) verabschiedet. Jeff, der in der Mittagshitze am Wasser steht. Sich das Hemd auszieht. Ein wenig schwermütig den Kopf in den Nacken legt und hoch schaut, in den Himmel, auf einen Kondensstreifen und wie er langsam, langsam in alle Richtungen zerstäubt.

Ein entspanntes Ende einer entspannten kleinen Erzählung/Novelle.

Ernsthaft: Wie schön!

.

Screenshot: http://www.dumont-buchverlag.de/buch/Geoff_Dyer_Sex_in_Venedig,_Tod_in_Varanasi/11414

.

Verlauf „Death in Varanasi“: Ein Ich-Erzähler, der als Reiseschriftsteller arbeitet, und – eher missmutig – nach Varanasi an den Ganges reist, die Stadt, die Laura schon in „Jeff in Venice“ als guten Platz zum Aussteigen und Untertauchen erwähnte:

Geoff Dyer spielt mit Leseerwartungen, lässt lange offen: Ist dieser neue, namenlose Ich-Erzähler Jeff, Protagonist aus Teil 1? Ist er hier, um Laura zu treffen? Und diesen neuen Tonfall, die Ich-Perspektive, nutzt für alles, was jetzt kommen mag? Das ZWEITE Treffen? Der Punkt, an dem es ernst wird zwischen den beiden?

Dyer beschreibt die Feuerbestattungen, den Straßenverkehr, die grellbunten Tempel, die Bettler. Dyer baut – aus ganz erwartbaren Indien-Beobachtungen, entlang dem gängigen Indien-Bild – eine stinkende, morbide Millionenstadt. Ehemals journalistische Texte, neu montiert zur Rollenprosa:

Vor dem Roman gab es eine „Varanasi“-Reportage, die Dyer für den Guardian schrieb. Dyer war, genau wie sein namenloser Erzähler, monatelang in der Stadt. Die Geografie, die Hotels und die Begebenheiten sind real. Und der fertige Roman(teil) „Death in Varanasi“ könnte noch immer gut als literarischer Reisebericht etikettiert werden.

Die ursprüngliche Reportage unter: http://www.guardian.co.uk/travel/2006/mar/26/india.travelbooks.observerescapesection

.

Vielleicht wäre diese Etikettierung, „Reportage“, recht sinnvoll: Nur kurz taucht (hier, im „Varanasi“-Teil) ein wirrer Mann auf, der früher Journalist war und jetzt die Straßen nach einer Frau durchsucht, die er hier treffen wollte. Doch diese Frau kam nie. Jetzt ist er Bettler.

Diese Szene, im hinteren Drittel des „Varanasi“-Teils, ist bloßes Augenzwinkern – keine ernst gemeinte „Auflösung“: „Death in Varanasi“ ist keine Fortsetzung der Jeff-und-Laura-Handlung, sondern eine 175 Seiten lange Aneinanderreihung von Reflektionen über die Stadt. Lebensraum als Erweiterung des Selbst’. Mythologie als Kultur, die sich selbst erzählt. Sterblichkeit, Selbstüberwindung, Rucksacktouristen, Identitität: mild philosophisch. Arg handlungsarm.

„Romanhaft“ wird Dyers’ Reise-Plauder-Tagebuch erst gegen Ende, als der Erzähler unverhofft ins Religiöse („Steppenwolf“-Weltschmerz, Sinnsuche… keine konkrete, handfeste Religion!) abgleitet, Sari und Fusselbart inklusive, auf den letzten vierzig, fünfzig Seiten des Buches. Doch das bleibt Versuch, Spielerei: Eine straffe Dramaturgie fehlt hier. Es geht um Meditationen. Kleine Notate über Alter, Tod, Identität und Kultur.

„It was a good picture and a quite ordinary one“ …fasst Dyer diesen Blick auf Varanasi zussammen, und damit auch die Poetik des Buches: Fallhöhen. Fabulierkunst. Gravitas. Gründlichkeit? Nicht hier. Darum geht es nicht.

„Aus der Welt des Fußballs“, schrieb die NZZ einmal über Max Goldts Kolumnen, „wissen wir, dass es viel schwieriger ist, einen Ball lässig ins Tor zu schlenzen, als ihn mit aller Gewalt hineinzudonnern. Max Goldt hat sich ganz aufs Schlenzen verlegt.“

Ich weiß nicht, woher diese Traditionslinie stammt (auch: Kracauer, Bruce Chatwin, die Reisereportagen Christian Kachts). Aber es macht Dyer spürbar Spaß, ihr zu folgen: Es geht ums Schlenzen. Essays, ganz altmodisch, als Versuche.

.

Motive und Besonderheiten / Stil: Venedig und Varanasi haben genug Substanz/Vertrautheit/kulturelle Belegungen, um Dyers Text für Leser relevant zu halten. Ein warmer, intelligenter Blick. Flanerie, geschickt vorbei an den gröberen Klischees des Reisejournalismus, „das pulsierende Herz von…“, „eine Stadt voller Gegensätze…“ usw.

Zwar schreibt auch Dyer manchmal über Äffchen, die Sonnenbrillen klauen. Und das in einer Sprache, die keine großen Sprünge macht. Aber Charme / Überraschungen / Ironie überwiegen:

„Everyone was waving. We were drowning in a sea of waves.“

Ein ganz alltäglicher Tonfall. Chatwin. Paul Theroux. Michael Palins Dokumentationen für die BBC. Die autobiografischen Sachen von Lily Brett. Und aber auch, im (ja: „perlenden“!!) Geplauder zwischen Jeff und Laura, „Before Sunset“. Steadicamfahrten durch die Stadt, zwei Schauspieler, die ihre Dialoge halb improvisieren.

 

Geoff Dyer kriegt es fertig, fünf, zehn Seiten zu füllen ohne EINEN einzigen besonders originellen Gedanken. Aber – und deshalb könnte das Buch auf Deutsch gut funktionieren, als gediegenes, elegantes Hardcover, ohne, eine Mogelpackung zu sein; und müsste nicht als x-beliebiges S.-Fischer-Taschenbuch aufs „Leichtes für den Sommer“-Tischchen…:

Geoff Dyer ist ein guter Leser-Führer, Dramaturg, ein gutgelaunter, sehr literarischer Guide: Er täuscht an. Und setzt dann, in virtuose geistigen Drehern, sehr überraschende, philophische denouèments.

.

„One morning I saw the dolphins which were rumored to live in the river. Two of them, black and sleek in their wet suits, surfacing and diving and with long smiles. It seemed hard to believe that they really existed but the fact that they did tells you something, about dolphins and the Ganges and existence generally. It tells you that there are dolphins in the Ganges and if there are dolphins here then there can be other creatures too, otters, for example, and not just here, but in other rivers also, and not just in rivers either.”

Tolle Sache!

.

Schwierigkeiten: Die Etikettierung ist ein Problem. Ein viel zu umständlicher Originaltitel, ein latent prätenziöses Grundkonzept… [als „Wendebuch“ zum Beispiel, mit zwei gleichwertigen Covern, einmal Venedig, einmal Varanasi, wäre viel klarer, dass hier etwas Leichtes erwartet werden darf, ein Spiel. Kein Puzzle, bei dem es gilt, Verbindungen zu finden zwischen den Städten, den Menschen. Und auch nichts, das auf eine Pointe/Auflösung/Geschlossenheit hinausläuft.]

„Venice/Vanasi“ würde sehr gut zum Duktus und der ironischen Haltung des SZ-Magazins passen. Oder (wobei ich die nur vom Blättern her kenne, keine Ahnung, wie sehr das in Tiefe geht!) den literarischen Reiseführern von Dumont, „Gebrauchsanweisung für…“. [Wie gesagt: Ich schrieb das 2008. Dass sich heute tatsächlich DuMont entschloss, das Buch nach Deutschland zu holen, freut mich sehr!]

Dyers Buch ist charmant und slick, intelligent. Und wird, glaube ich, in den Feuilletons gut aufgenommen: Farbenfroh. Eingängig geschrieben. Leicht vermarktbar. Gut zu verschenken. Nur muss – ganz wichtig – VÖLLIG klar sein, was drinnen steckt: Geplauder. Flanerie. Im „Varansi“-Teil, gegen Ende hin, auch etliche Verquastheiten. Dem Leser muss, durch die Gestaltung, plausibel sein, dass dieses Spielerische, Leichte, zur Qualität und Poetik des Buches gehört.

.

Wertung: „Jeff in Venice / Death in Varanasi“ ist kein Buch, das man lesen MUSS. Jeff Dyer knüpft (trotz allem Grübeln, Altern, Rumphilosophieren in beiden Teilen des Romans) keine sehr dringliche, existenzielle Erfahrung an die beiden Schauplätze. Das Buch ist ungezwungen. Und deshalb auch: nicht ZWINGEND.

Mir fehlt also, so angetan ich bin: eine unbedingte, flammende Begeisterung. Ich sehe nichts, um dessentwillen dieses Buch auf Deutsch veröffentlicht werden MUSS. Heidenreich würde es „pfiffig“ finden. Ein gutes Konzept. Ein gutes Segment. Eine tolle Sache. Kein Muss.

.

Links zu Amazon.de:

.

verwandte Links: