Twitter

„Junge Freiheit“, „Achse des Guten“, „Tichys Einblick“, AfD: Sprache & Vokabeln

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Ich würde niemandem, der schreibt, er seit Minimalstaatler oder Freilerner, er liebe seine Heimat oder er sei gegen Zensur, vorwerfen:

Dann bist du rechts – keine Frage.

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Auf Twitter aber sehe ich immer wieder eine Blase, einen politischen Kosmos, der mich abstößt und der mir Angst macht.

Hier kurz gesammelt: die Phrasen, Codes, Signalworte, Floskeln und Stichworte, die dort IMMER wieder auftauchen.

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abmerkeln | Altparteien | Anarchokapitalist | Anpassungsmoralismus, Virtue Signalling | Antiantifa | Armenimport | Asylindustrie | aufrecht | Besatzung durch die USA | besorgte Bürger | betreutes Denken, Erziehungsmedien | bin im Shadowban | Blockwart | braver Steuerzahler | ceterum censeo | das Volk wird ausgetauscht | demografischer Terror | Demokratur | Denkverbot | denkende Bevölkerung, (klar) denkender Teil der Bevölkerung | deutscher Michel, deutsche Lemminge | direkte Demokratie | eigentümlich frei | einer, der schon länger hier lebt | Einzelfall | Einzeltäter | entbrüsseln | Erhalt der Heimat | EUdssr | Festung Europa | Flintenuschi | Flüchtlingsproblematik | frei sozial national | Freilerner | Freiwilligkeit | Frühsexualisierung | für Meinungsfreiheit und direkte Demokratie | gab.ai, #gabfam, #deutschfam | Gedankenpolizei | Gefährder | (der Islam u.a.) gehört nicht zu Deutschland | Geldsystemkritiker | Gendergaga | Genderismus | Gender-Mainstreaming | Genderterror | Genosse | Germany first | Gesinnungsterror | gesundes Volksempfinden | gleichgeschaltet, Gleichschaltung | Gutmensch | „Heerlager der Heiligen“ | Heimat verteidigen! | heimatbewusst, Heimatschutz | herrschaftsfrei | Herz am rechten Fleck | heterophob | Homolobby | Ich bin kein Rassist, aber | Ich bin Patriot | Ich liebe mein Land | identitär | gegen Identitätspolitik | illegale Migranten | Immigrationskritik | Invasorenwelle | ISlam | Islamisierung | Islamnixgut | Kartellparteien | kartoffeldeutsch | Kekistan | Kinderfickersekte | Klartext, Tacheles, unbequem, Querdenker, Mund verbieten, gegen Zensur | Klimalüge | konservativ-freiheitlich | Koppverlag | Köterrasse | Krimigranten, Migrassoren | Kulturbereicherer | Kulturtaliban | Kuscheljustiz | Landeshochverrat | lieber stehend sterben als kniend leben | linke Hetze | linke Zecke | Linksextremismus | Linksfaschismus | Linksmaden | Linksnicker | Lügenpresse | Machtelite | Machtwechsel | Männerrechtler, Männerbeauftragter, Maskulist, MRA | Maulkorb, mundtot, Stasi | mehr Freiheit – weniger Staat! Freiheit statt Sozialismus! | (Legalisierung der) Mehrfachehe, Kinderehe | Meinungsdiktat, Meinungsdiktatur, Mediendiktatur | Merkel wählen, Leichen zählen | Merkelei | Merkelregime | Migrationswaffe | Minimalstaat | Mut zur Wahrheit! | Nafri | nationalkonservativ | national-liberal | Nationalstolz | Neger, Bimbo | neokonservativ, alt-right | Neusprech | NWO, New World Order | Opferindustrie, Opfer-Abo, Schuldkult | Pack, Deplorable, #ichbinpack | Pizzagate | politisch inkorrekt | Propagandaschau | Quotenneger | Realitätsverweigerer | rechte Ecke | Redpill | Remigration, Rückführungshelfer | Scheinasylant | Schleiereule | schweigende Mehrheit | Selbstabschaffung, Selbstviktimiserung | sozial-libertär | Sozialparadies, Sozialschmarotzer, Sozialtourist | Sprachpolizei | Steuerstaat, Superstaat | Steuern sind Raub | Stiftung der Schande | systemkonform, Bevormundung, Systemgünstlinge | systemkritisch | Systempresse | Teuro | think blue, blaues Wunder | Toleranzdiktatur | Trigger-Warning, Safe Space, Snowflake | Tugendterror | Tugendwächter | Überfremdung | Umerziehung | Umvolkung, Volkstod | unkontrollierte Einwanderung, Zuwanderung, Masseneinwanderung | unsere Heimat | Untergang, zugrunde richten, schafft sich ab | Unterwerfung | Untertanengeist | vaterländisch, Vaterland | Verabschiedungskultur | Verfassungspatriot, „Ich liebe das Grundgesetz“ | Verschwulung | völkisch | Volkspädagogik, volkspädagogische Kampagne, Umerziehung | Volksverräter, Volksbetrug | Volksthumsleugnung | Voluntarismus | „wer halb Kalkutta aufnimmt“ | wertkonservativ | wertvoller als Gold; Goldjunge, Goldstücke | Wirtschaftsflüchtling | Zensurland, Verbotspartei, Verbotskultur, Tabu, Klartext | zuwanderungskritisch | Zwangsgebühren | zwei (volks-)deutsche Eltern, vier (volks-)deutsche Großeltern

#achgut
#afdwaehlen
#alllivesmatter
#alternativemedien
#antisystem
#banislam
#bluehand
#dankeerikasteinbach
#defendeurope, #defendgermany
#deraustausch
#endgov
#fakerefugees
#fckislm
#freekolja
#gegenlinks
#gegenzecken
#grueneversenken
#ichbinpack
#islambeiuns
#jungefreiheit
#merkelmussweg
#multikultitötet
#PCkills
#proborders
#propolizei
#refugeesnotwelcome
#taxationistheft
#thewestisbest
#tichyseinblick
#traudichdeutschland

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Stimmen auf Facebook, denen ich nicht folge und denen ich wenig Einfluss und Erfolg wünsche:

Monika Maron, Matthias Matussek, Cora Stephan, Wolfgang Herles

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Freunde – oder Trolle? Widerspruch & Journalismus.

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19. November: Trump-Anhänger zeigen den Hitlergruß und rufen „Heil“ oder „Hail“.

22. November: Geschichts-Student sagt auf Twitter: „Als jemand, der Geschichte studiert, erinnere ich daran: the Nazis were bad.“

zwei Stunden später: jemand antwortet: „Aber dann kann man ja auch gleich sagen: Alle Leute aus Nordkorea sind „bad“. Nein. Einer von vielleicht 300 Nazis war ‚bad‘. Die restlichen machten eben ihren Job. Was für eine undifferenzierte und geschichtsvergessene Aussage!“

Ich mag die Diskussionskultur meiner Facebook-Freund*innen:

Wir bleiben meist sachlich, respektvoll, konstruktiv, offen, und bei jedem Posting von mir gibt es Zwischenfragen, Einwände, Links und neue Ideen, aus denen ich lerne und an denen ich mich, im besten Sinn, reibe. Gespräche auf Facebook – auch und besonders: über Politik – bringen mir fast immer viel. Danke dafür!

Doch ich merke auch:

Es ist viel zu einfach für eine einzelne Person, für EINEN Troll oder Provokateur, uns alle stundenlang in Diskussionsthreads an den Rand unserer Kräfte zu bringen…

…mit ein paar Zwischenfragen, mit „Oha: Was soll das heißen?“-Vergleichen oder mit Aussagen wie: „Ihr alle seht das so? Tja. Überzeugt mich nicht. Ich sehe das anders. Deal with it.“

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Richard Gutjahr schreibt:

„Die Menschen von heute sind quasi vor dem Fernseher geboren worden, haben jeden Abend 15 Minuten aus der Welt vorgespielt bekommen und dachten, dass sei die Wirklichkeit. Jetzt plötzlich erkennen sie, dass sie nur Schattenspiele an der Wand beobachtet haben und dass die Welt da draußen sehr viel größer und komplexer ist als das, was sie aus Zeitung und Fernsehen kannten. Und wie bei Platon ist das Publikum erstmal geschockt und orientierungslos. Das grelle Licht außerhalb der Höhle blendet und tut in den Augen weh, die Menschen suchen nach Halt und Orientierung. Genau in dieser Phase kommen dann Vereinfacher wie Donald Trump oder Frauke Petry und bieten scheinbar einfache Antworten. Ich glaube gar nicht, dass jeder ihrer Anhänger ihnen 100-prozentig glaubt. Das Problem ist eher: Die Menschen wollen nicht zurück in die Höhle und zu den alten Schattenspielern, denn von denen fühlen sie sich ein Stück weit betrogen, weil sie ihnen suggeriert haben, dass das, was sie sendeten, wahr und die ganze Welt sei. Jetzt hat man 1000 andere Quellen und Möglichkeiten, auf die bekannten Wahrheiten zu schauen und plötzlich merkt man, dass diese nicht immer das ganze Bild gezeigt haben.

Man tut uns Journalisten und Medien Unrecht, wenn man daraus schlussfolgert, dass da absichtlich gelogen wird. Aber viele Leute empfinden das so. Und so stehen wir, die Medien, teilweise zu Recht in der Diskussion, auch wenn wir nicht alleine Schuld sind an dieser Situation. Jetzt geht es darum, das verlorene Vertrauen bei jedem einzelnen wieder zurück zu gewinnen.“ [Quelle: hier.]

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Selbst eine Aussage wie „The Nazis were bad“ wird hinterfragt.

Das finde ich erstmal gut.

Doch ich merke: Die Aussage wird meist von genau jenen Leuten hinterfragt, die damit sagen wollen „Tja: Ihr Journalist*innen seid schlimme Vereinfacher, und ihr denkt in Schubladen!“

Für mich bedeutet das, dass ich als Journalist – auch auf Facebook, in meinem privaten Profil – einen Satz wie ‚The Nazis were bad‘ gar nicht mehr schreiben würde.

Weil ich wüsste: Es gibt zehn, fünfzehn Facebook-Freunde von mir, die das kommentieren würden mit „Was für eine pauschale Aussage. Stefan? So kann man das nicht sagen.“

Und weil solcher Widerspruch so schnell kommt, im Moment, bei egal welcher Aussage, verstricke ich mich zu oft in Relativierungen:

„Ich persönlich finde, nach allem, was ich weiß, dass die Nazis ja größtenteils – sicherlich nicht als Einzelpersonen, für sich, doch auf jeden Fall aber als politische Kraft – eher schlecht als gut waren. Aber: Ich will damit jetzt nicht z.B. Stalin verharmlosen, oder irgendwen verteufeln. Und: ICH habe nicht Geschichte studiert. Ich bin sicher, da gibt es Grautöne.“

Uff.

Ich fürchte, jene Handvoll „kritischer“ Kommentarschreiber, die in solchen Momenten sofort widersprechen, schimpfen, mich zu mehr „Sachlichkeit“ anhalten, werden das IMMER tun. Egal, wie differenziert ich formuliere, und egal, wie sehr ich mich vor Schubladen hüte. Sind das „Freunde“? Oder sind das Trolle?

Ich glaube nicht, dass sie Einspruch erheben, weil sie sich wirklich um Differenzierung sorgen, oder um die journalistische Qualität meiner Texte.

Mich haben Philosophie, Rhetorik und Logik-Spiele nie besonders interessiert. Ich arbeite mich selten daran ab, ob und wie ich einem konkreten Satz widersprechen könnte/müsste. Falls jemand postet „Heute ist ein schöner Tag“, kommentiere ich nicht: „Für dich. Das kann man nicht allgemein sagen“ oder „Wie bitte definierst du ’schön‘? Die Aussage bleibt wertlos!“ oder „Ist der ‚Tag‘ schön oder nur dein persönlicher Eindruck von diesem Tag? Du verallgemeinerst.“

Aber: Leute, die Spaß an solchen Kämpfen haben, kommentieren eben besonders gern – und sie können mir mit fünf, sechs Fragen oder Rhetorik-Ermahnungen irrsinnig viel Zeit und Energie nehmen.

Zu oft in letzter Zeit merke ich: Das sind die Leser*innen, die ich zuerst im Kopf habe. DAS sind die Menschen, für die ich formuliere und an die ich zuerst denke, bei jedem Wort, das ich abwäge.

Ich weiß nicht, ob das meine Texte besser macht.

Oder, ob ich damit Leuten mehr Einfluss, Raum, Bühne gebe, als sie verdienen.

Ist die Lektion für mich „Sei noch differenzierter: Sichere dich nach allen Seiten ab, rhetorisch, damit man dich nicht falsch versteht!“…?

Oder „Wer dich falsch verstehen will, wird IMMER etwas finden“…?

Zu oft reicht ein einzelner Provokateur oder Rhetorik-Trickser, um mich und eine Handvoll Mit-Kommentator*innen für Stunden zu beschäftigen. Ist das den Aufwand wert? Muss ich auf viele Einwände eingehen – als guter Journalist?

Mich macht traurig, dass selbst ein Satz wie „Die Nazis waren schlimm“ so viel Gegenwind, so viel Argwohn weckt. Ich habe Angst, zu hören „Du bist undifferenziert!“. Doch ich frage mich seit ein paar Wochen täglich: „Wünschen sich die Leute, die mir das oft vorwerfen, wirklich Differenzierung? Oder hoffen sie nur, dass ich mich verzettele? Und zugebe: Ich weiß eigentlich gar nichts. Nicht einmal, ob die Nazis ’schlimm‘ waren.“

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nazis-were-bad

Screenshot: @Michael1979, auf Twitter.

Besondere Romane: Buchtipps, Geschenktipps, Geheimtipps

buchtipps weihnachten

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Seit Ende November gebe ich auf Twitter kurze Buchtipps zu Weihnachten.

Knappe Literaturkritik – in Stichworten, als Adventskalender.

Die ersten 11 Buchtipps habe ich auch gebloggt: Link

Heute: 21 weitere Titel. Geschenktipps, persönliche Empfehlungen, Lieblingsbücher – denen ich ein breites Publikum wünsche. Mehr u.a. hier:

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twitter tschechow

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frühes 20. Jahrhundert – mein Lieblings-Dramatiker:
russisches Bürgertum: neurotisch, tragisch, verpeilt
Verwicklungen – bissig, aber sehr warmherzig.
Reiche Menschen stehen sich selbst im Weg.

Kirschgarten, Möwe, Onkel Wanja, 3 Schwestern, Ivanov: viele Theaterklassiker sind eitel, überdreht, gehässig zu den Figuren. Tschechow ist Humanist: kaputte, lächerliche, SUPERliebenswerte Rollen. Groß!

„Die großen Dramen“, Anton Tschechow

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twitter sherriff

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vergriffen – aber in toller dt. Übersetzung von 1959:
Eine einfache britische Familie macht Urlaub.
Spießer, Hausfrau, 2 fast erwachsene Kinder,
2 Wochen Ferien in einer billigen Pension am Meer.

Stiller Klassiker von 1931; liebe- und respektvoller Blick aufs Reihenhaus- und Kleingarten-Milieu, kein Spott, keine Satire. Spröde Alltagsmenschen und ihre oft verzweifelten Versuche, glücklich zu sein.

„Septemberglück“, R.C. Sherriff

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twitter kristof

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3 sehr verschiedene Romane. Trilogie über Krieg:
Zwillingsbrüder bei einer bettelarmen Großmutter.
Stoische, verbissene Kinder. Osteuropa? Zweiter Weltkrieg?

Band 1: schlichtes, dunkles Dorfmärchen, Parabel. Ein Erzähl-Experiment: beginnt als ultrabrutale, nihilistische Kindergeschichte über Entsagung und Besatzung – und wird in Buch 2 und 3 immer postmoderner, melancholisch-klüger, ambitionierter.

„Das große Heft“, „Der Beweis“, „Die dritte Lüge“, Agota Kristof

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twitter maron

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Abrechnung mit der DDR – und schlechtem Journalismus:
Reporterin reist nach Bitterfeld; und ist schockiert.
Dreck, Fabriken, Vertuschung: Wie berichten?
Marons Debüt: komplex, autobiografisch, relevant.

Ein „Unrechtstaat“ zeigt sich im großen Horror – und in den täglichen Widersprüchen, Ängsten, Machtstrukturen. Marons Roman bleibt Alltag: leise, klein – und dennoch: unerträglich beklemmend.

„Flugasche“, Monika Maron

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twitter semple
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verschroben, humorvoll, klug, überraschend:
sehr „Gilmore Girls“ (hey, Chick-Lit-Fans!)
sehr „Infinite Jest“ (hey, Schnösel & Nerds!)
Unterhaltung – auf hohem Niveau, leicht lesbar.

Die brillante Frau eines Microsoft-Managers bringt ihre hochbegabte Tochter in Gefahr, als sie wichtige Mutti-Jobs nach Indien outsourct, an eine Assistentin. Schenkt das hier… ALLEN! Wild, smart, toll.

„Wo steckst du, Bernadette?“, Maria Semple

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twitter kleist.

Nur selten Graphic Novels gelesen? Idealer Einstieg:
Simple Tuschezeichnungen, klarer Plot,
aber packend und relevant.
Auch toll als Schullektüre oder fürs alte FAZ-Publikum.

Samia Jusuf Omar vertrat 2008 Somalia als 100-Meter-Sprinterin in Peking. Sie wird Letzte – doch will danach von Afrika nach Europa, illegal, übers Meer. Portrait/Biografie über Flucht & Chancengleichheit.

„Der Traum von Olympia“, Reinhard Kleist
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twitter haslinger.

Vierköpfige Wiener Familie im Tsunami 2004:
Josef Haslinger, Leiter der Schreibschule Leipzig,
erlebt im Thailand-Urlaub die Flutkatastrophe
und hält alle Details fest, nüchtern, packend.

Distanzierte, recht ignorante reiche Feriengäste… plötzlich ausgeliefert, überfordert, traumatisiert. Sachlich-schlicht, aber nah und sehr persönlich zeigt H., was diese Tage aus Ort & Leuten machten.

„Phi Phi Island. Ein Bericht“, Josef Haslinger
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twitter toews.

Miriam Toews‘ Vater beging Selbstmord.
Toews schreibt süßliche, nicht-sehr-kluge Schmöker:
Mainstream-Humor, „verrückte“ Mennoniten,
Oft brav-kanadisch-abgeschmackt und bieder.

Hier aber, in der Erinnerung an ihren gläubigen, manisch-depressiven Vater, gelingt die Balance: Gefühl und Witz, Existenzielles und Dorf-Schrullen. Die Autorin macht mir kaum Respekt. Das Buch sehr.

„Mr T., der Spatz und die Sorgen der Welt“, Miriam Toews
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twitter honigmann.

jüdisch-deutsche Ex-DDR-Autorin, bis heute toll:
Honigmann schreibt meist autobiografisch,
manchmal zu vorsichtig, bürgerlich, verhuscht,
doch hier: nah, packend, selbstkritisch.

Eine junge Berliner Dramaturgin arbeitet an einem Provinztheater, verheddert sich in einer Affäre und im DDR-Apparat. Brief-, Künstler-, Liebesroman, authentisch, traurig, intelligent!

„Alles, alles Liebe“, Barbara Honigmann
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twitter erpenbeck.

Asylrecht, Flucht, Ausgrenzung, Behörden-Irrsinn:
Erpenbeck erzählt so kunstlos-sachlich,
meist klingt dieser Roman nur nach Report/Bericht.
Ein etwas steifes, didaktisches Buch.

Aber: NIE habe ich schneller mehr gelernt über Geflüchtete in Deutschland. Im Ruhestand will ein Professor spontan helfen. Sein ignoranter, naiver Blick kommt schnell ins Wanken. Must-Read 2015!

„Gehen, ging, gegangen“, Jenny Erpenbeck
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twitter miller.

New York 1945, Bürohengste wie aus „Mad Men“:
Mit seiner neuen Brille wirkt Spießer Newman plötzlich „irgendwie jüdisch“.
Er verliert Ansehen, Job, Respekt aller Nachbarn.

Ein Kleingeist und Rassist als Opfer von Rassismus: Das könnte Satire, platte Parabel bleiben. Doch es wird sehr schnell überraschend komplex, rasant, psychologisch, hässlich. Packend und aktuell!

„Fokus“/“Im Brennpunkt“, Arthur Miller
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twitter joe hill.

Horror, Abenteuer, Herz: meine Lieblings-Comicreihe
6 Bände lang zeigt Joe Hill, Stephen Kings Sohn,
drei Geschwister in einem Spukhaus
voller magischer Schlüssel:

„The Shining“ trifft „Harry Potter“ trifft „Maniac Mansion“: Intelligenter, raffinierter, warmherziger Grusel mit tollen Zeichnungen, Figuren, Twists: 800+ Seiten wie aus einem Guss. Moderner Klassiker!

„Locke & Key“, Joe Hill und Gabriel Rodriguez
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twitter haushofer.

Survival-Thriller – oder feministische Sinnsuche?
Eine Biowaffe. Eine unsichtbare Barriere.
Und eine Frau, allein in den Bergen:
Als einzige Überlebende, isoliert auf Alm und Hütte.

Ich stellte mir diesen Klassiker viel softer, blumiger vor: Natur, Katze, Menopause. Eine österreichische Robinsonade. Doch „Die Wand“ ist so beklemmend, hart wie McCarthys „Straße“. Atemberaubend!

„Die Wand“, Marlen Haushofer
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twitter dirks.

sperrig, dunkel, brutal, bitter, schwer:
Liane Dirks erzählt die Lebensgeschichte
ihres monströsen Vaters.
Ein Koch aus Hamburg, der sie missbrauchte.

Schnöselige Drogisten in den 1930ern. Ein junger Koch in Russland, später dann auf Schiffen in der ganzen Welt. Grandios literarische Zeitgeschichte – und Psychogramm dreier Generationen. Hart.

„Vier Arten, meinen Vater zu beerdigen“, Liane Dirks
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twitter sakamichi.

nur online lesbar, als Fan-Übersetzung auf Englisch:
Japan, Ende der 60er, Provinz:
Eine Jazzband. Ein neuer Schüler (Streber).
Und zwei Kindheitsfreunde: Raufbold und Mädchen.

Manga, 10 Bände – still, sonnig, starke Figuren. Freundschaft statt Romance, sympathisch schlichte Retro-Zeichnungen. Coming-of-Age, Politisierung, Zeitgeschichte – zum Heulen schön!

„Sakamichi no Apollon“, Yuki Kodama

…längerer Empfehlungstext hier: die 20 besten Graphic Novels 2015
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twitter hedges.

Den Film sah ich nie. Die Romanvorlage? Großartig!
Nach der High School muss Gilbert bleiben:
Der Vater ist tot, ein Bruder behindert,
die Mutter depressiv.

Keine Komödie. Aber auch kein Pathos, Selbstmitleid: Geschwister, gestrandet in der Provinz, wütend, ratlos, hungrig, lebendig. Gute Übersetzung – aber gerade vergriffen. Fantastisch… empathisch!

„Gilbert Grape. Irgendwo in Iowa“, Peter Hedges
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twitter drakulic

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Bosnische Frauen im Krieg… und danach:
Ein schlichtes, kluges, alptraumhaftes Buch
über die Psychologie des Krieges
und sexuelle Gewalt.

Die ersten und die letzten 10 Seiten: Klischee und Kitsch. Dazwischen aber: Ein Text, der mich seit Monaten nicht loslässt. Einfache Sprache, brillante Gedanken. Pogrome, Lager, Asyl. Kontrollverlust.

„Als gäbe es mich nicht“, Slavenka Drakulić
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twitter Capote.

Reportage von 1965: erster großer „True Crime“-Text
Zwei junge Männer überfallen eine Farm in Kansas
und ermorden die komplette Familie.
Capote recherchiert, interviewt, rekonstruiert.

Vielleicht ist vieles hier gebogen, dramatisiert – doch erstmal lese ich, atemlos: Kein schauerlicher Real-Life-Krimi. Sondern Milieus, Figuren, ein Land, toll erfasst. Ein Buch, das nachwirkt. Große Kunst!

„Kaltblütig“, Truman Capote
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twitter toulme.

Trisomie 21 aus Sicht eines Vaters:
Autobiografische Graphic Novel aus Frankreich,
persönlich, nah, sympathisch, schlicht.
Gute Einführung in Comics – und Behinderung.

Ich finde besser, wenn Behinderte sprechen – statt immer nur Eltern ÜBER sie. Und: Viele Comics sind komplexer, literarischer. Aber: Alles hier ist so herzig, einladend, einfach – als Einstieg erstmal toll.

„Dich hatte ich mir anders vorgestellt…“, Fabien Toulmé
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twitter baldwin

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dt.: „100 Jahre Freiheit ohne Gleichberechtigung“
James Baldwins politisches Manifest von 1963.
Leidenschaftlich, kurz, komplex. Bis heute relevant.
Schwarze in Amerika: Scham & Unterwerfung.

Wäre das ein Online-Text 2015 – er ginge sofort viral: Aufstiegschancen und Polizeitgewalt, Angst und Bildung, Identity Politics und Akitivsmus: die heute noch großen Themen, klug & klar verhandelt.

„The Fire next Time“, James Baldwin
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twitter archie.

Sieht aus wie ein billiger Scherz…?
„Peanuts“: Grundschule. „Archie“: High School.
Der harmlos-biedere Cartoon-Klassiker seit 1941
…als blutiger Zombie- und Survival-Horror?

Die braven US-Kinderfiguren neu erzählt – viel literarischer, psychologischer… und auf der Flucht vor Zombies. Erst dachte ich: Pubertäre Parodie? Aber: Nein! Spektakulär atmosphärisch. Gruselig klug.

„Afterlife with Archie“, R. Aguirre-Sacasa, F. Francavilla

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11 weitere Titel hier:

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twitter draper twitter levithan twitter winnemuth twitter algernon twitter lazarus twitter wiesenhaus twitter marseille twitter updike twitter klüger twitter tornius twitter deutsch ist es

Lena Dunham’s „Not That Kind of Girl“: Everything you need to know.

dunham kind of girl

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I’m a fan of Lena Dunham’s „Girls“ (Link), so I bought her 2014 memoir „Not That Kind of Girl“ to review it for ZEIT Online. While reading the ebook, I marked some passages and live-tweeted them here (Link).

I didn’t enjoy the book, overall, because a lot of the essays seemed listless or haphazard. „Girls“ has a lot of energy. Lena herself seems passionate and smart… but „Not That Kind of Girl“ felt like a school assignment, a piece of homework. Not enough urgency. Not enough drive.

There are LOTS of tweet-sized gems in these 300 pages, though, and I want to collage them: Please go read 20 or 30 of these quotes. They encapsulate what’s great about Lena (witty! acerbic!). But they also show the bumpiness, flunkiness, hit-and-miss meandering of this book project:

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„Not That Kind of Girl“… told in 115 quotes:

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„I’ve been obsessed with death since I was born.“

„Until I was about twelve my grandmother was my best friend. […] I called her every day at 4:00 P.M.“

„I shared a bed with my sister, Grace, until I was seventeen years old.“

„my dad painted huge pictures of penises for a job“

„I was born here, and New York is so alien: she is in my gut like an old sickness“

„both my parents have therapists“

„none of the pants ever fit me, unless I head into the maternity section“

„My nickname in high school was Blow-Job Lena, but because I gave NO blow jobs!“

„I wanted memories so powerful they made you cry.“

„my Brazilian babysitter Flavia“

„my mother, who looks like her normal self when she dresses as a witch for Halloween.“

„we didn’t have to worry about much except what gallery to go to on Sunday…“

„The best news I ever could have received would have been that my parents had decided to homeschool me“

„I was a quitter: of play dates, of dance class, of Hebrew school.“

„I demanded a series of tuck-in rituals so elaborate that I’m shocked my parents never hit me (hard).“

„I was sure I had already broken my hymen in high school in pursuit of a cat that didn’t want to be rescued.“

„my parents discovered I had been stuffing all my unfinished homework under my bed for half the school year.“

„a successful seventh-grade year in which I had […] gotten my hair highlighted by a licensed beautician named Beata.“

„Everything I saw as a child, from 90210 to The Bridges of Madison Country, had led me to believe that sex was a cingey, warmly lit event“

„Angela Chase seemed pretty messed up by her experience at that flophouse where high school kids went to copulare.“

„I haven’t been to London since age 14, when I was angry my mother forced me to ride a Ferris wheel and even angrier because I liked it.“

„being in possession of a gay sister, I find the term ‚girl crush‘ slightly homophobic.“

„I haven’t had a crush on a woman since, unless you count my confusing relationship with Shane from The L Word“

„I had no issue with gay people. I just didn’t want to be one. I was fourteen. I didn’t want to be anything yet.“

„I had been telling my parents, sister, grandma – anyone who would listen, really – about my desires from an early age.“

„I gained weight like it was a viable profession.“

„I don’t think I met a Republican until I was nineteen.“

„I went to my first Women’s Action Coalition meeting at age three.“

„Barbie’s disfigured. It’s fine to play with her just as long as you keep that in mind.“

„His arms were as muscly as a Ken doll’s but also as small.“

„I pull down my tights to pee, and he jams a few of his fingers inside me, like he’s trying to plug me up.“

„I was, once again, just a B- or even C-level member of the classroom ecology.“

„I wasn’t obese, but a senior did tell me I looked ‚like a bowling ball with a hat on.'“

„I’ll never be this young again. Or this lonely. Or this hairy.“

„While my veganism began as a deeply felt moral position, it soon morphed into a not-very-effective eating disorder.“

„we were finding our own New York, which looked a lot like the New York of our parents“

„at my new school, I was cool. […] I had a denim jacket and a novelty pin that said who lit the fuse on your tampon?“

„I wrote poems, sprawling epics with curse words and casual mentions of suicide that didn’t get me sent to the school psychologist.“

„my mother’s psychic Dmitri, who smelled of essential oils and walked around our house investigating ‚energies'“

„Waiting for my parents to get home because I’d lost my keys and pissing in someone’s potted plant.“

„This is what camp is all about! I thought. Meeting other, slightly different kinds of white girls!“

„I told him I went to school in Brooklyn and he said he didn’t know where that was because he wasn’t ’so good at geometry'“

„even three mornings a week [at a child psychiatrist] isn’t enough to stop the terrible thoughts.“

„When I gave you a blow job (MY FIRST) on the day my cat died, you should have called.“

„Throughout the day I often ask myself, Could I fall asleep right now? and the answer is always a resounding yes.“

„Drunk emotions aren’t real emotions.“

„Later in the summer your grandfather dies, and you’re secretely glad. You have a place to put all your sorrow now“

„that syrupy terror that characterized summer nights as a nine-year-old sometimes lasts for days now“

„Every sexual encounter has felt like a first visit with a new general practioner. Awkward, burdensome, a little chilly.“

„the first person you give a blow job to. You won’t finish, just administer one horrified lick, and he won’t talk to you again“

„Only when I got to college did it dawn on me that maybe my upbringing hadn’t been very ‚real‘.“

„Oberlin being a liberal haven where opposition was king, the coolest clique was a group of rugby-playing, neon-wearing lesbians.“

„I’m 20. […] I choose to wear a banana-printed belly shirt and pink leggings to the Vatican and religious tourists gawk and turn away.“

„The conversation at college is making me insane: politically correct posturing by people without real politics.“

„I am determined not to tell anyone I vomited. But sharing is my first instinct.“

„And there I am, drunk on a spring night, yanking my tampon out and hurling it into a bush outside the church.“

„I became the most combative girl in every writer’s workshop“

„I had been ambitious once. In college, all I seemed to do was found literary magazines with inexplicable names.“

„I wrote porn reviews (‚Anal Annie and the Willing Husbands‘ is weird because the lead has a lisp).“

„I’ve never talked to anyone my own age abou anything beyond ambition. Technique, passion, philosophy, we don’t touch any of that.“

„he saw me for who I felt I was: achingly brilliant, misunderstood, full of novellas and poems and well-timed jokes.“

„We went to his neighbor’s funeral and sat on the back row and got the giggles, sprinted out.“

„I’m the kind of person who should probably date older guys, but I can’t deal with their balls.“

„I had ill-advised intercourse with a petite poet-mathematician who, afterward, removed the condom, placed it under his pillow, and wiped his penis clean on his own curtains.“

„He kissed me like it was a boring job given to him by his parole officer.“

„he looked at me a long moment, like he was preparing to eat something he wasn’t sure he would like.“

„Over time, my belief in many things has wavered: marriage, the afterlife, Woody Allen. But never motherhood.“

„college was a wonderful gig, thousands of hours to tend to yourself like a garden“

„Soon, my life as a student will be as far behind me as summer camp.“

„we fucked in the blue light of a documentary about police brutality. we didn’t speak for a year.“

„You used to own the night and put it to good use“

„Upon graduation I had felt a heavy sense of doom, a sense that nothing would ever be simple again.“

„I can’t find a goddamn fucking job and I’m too fat to be a stripper.“

„The story of children of the art world trying (and failing) to match their parents‘ successes, unsure of their own passions, but sure they wanted glory“

„a haze of warm beer, Xanax bits, and poorly administered cocaine“

„He takes me on a day trip up the coast that should be romantic but feels like a hostage situation.“

„I boarded a Greyhound to Ithaca to see a college friend, the kind of purposeless trip you will never take again after age 25.“

„the 350 milligrams of medication I take every night“

„so much of what I love – gossip and furniture and food and the Internet“

„calling a cab in a haze of pills and getting home at 6 am only to realize you’ve left all your valuables at the home of a guy who doesn’t wake up until 2“

„my first postcollege job in a downtown restaurant…“

„What followed was two years of on-and-off ambigous sex hangouts […] often involving prescrition drugs from […] my parents‘ oral surgeries.“

„If I was writing this then, I would have glamorized the whole story for you“

„I thought of myself as some kind of spy, undercover as a girl with low self-esteem, bringing back detailled intelligence reports…“

„I was dressed like a hooker dressed like an insurance broker.“

„I walked out into the street the next day bare legged and reeling, not sure whether I’d been ruined or awoken.“

„my e-mails were long and overwrought, trying to show him how dark my sense of humor was (I can make an incest joke!)“

„I still make joke after joke, but my tears are betraying me.“

„I broke up with him for a Puerto Rican named Joe with a tattoo that said mom in Comic Sans.“

„I bought my wallet while high off my ass on legal prescription drugs in the Hamburg airport.“

„Advil, Lexapro, Mucinex, Klonopin, and Tamiflu, for emotional security. If you have any spare pills, I will take those, too.“

„I worked at the baby store for nine months. Just recently graduated, I had stormed out of my restaurant job on a whim.“

„Once my boss yelled at me for giving Gwyneth Paltrow the wrong size in baby legging“

„going to Physique 57 class even though the women there are all engaged to be married and mean.“

„The time we took ecstasy and, right before it hit, he asked me what my thoughts on open relationships were.“

„If someone doesn’t answer your email within six hours, it means they hate you.“

„We went to a bar afterwards, and a DJ gave me his business card in a way that could have been sexual.“

„I Googled him and ‚rape‘ autofills after his name.“

„I’ve always believed that it turns people on to get made fun of, and the art world was no exception“

„We took the videos we had made together off the Internet, embarrassed by the things we had once thought so profound.“

„And yes, it was broad, amateurish, a little vulgar.“

„My body was simply a tool to tell the story.“

„By the time I emerged from his home on Friday morning, we had essentially performed the first year of a relationship in 5 days.“

„And so I stayed, for five months, calling it growth.“

„Back in the city, I kissed him goodbye, then texted him a few minutes later ‚don’t come over later, or ever.‘ We do what we can.“

„the time I sat with a director in his hotel suite while he told me girls love it when you ‚direct‘ their blow jobs.“

„Women in Hollywood were treated like the paper thingies that protect glasses in hotel bathrooms – necessary but infinitely disposable.“

„I wasn’t going to be anyone’s protégée, pet, private fan club, or eager plus-one.“

„I loved that he’d never have to see a more successful person than himself at a party.“

„Later, we will find out that he was simultaneously courting an actress from The West Wing and that he bought her a cactus.“

„And I decided then that I will never be jealous. I will never be vengeful. I won’t be threatened by the old, or by the new.“

„You don’t need to be flamboyant in your life to be flamboyant in your work.“

„I hadn’t showered in four days and I still have a boyfriend last I checked.“

„The next morning he rolled toward me and not away. […] It was like a miracle.“

„You’ve learned a new rule and it’s simple: don’t put yourself in situations you’d like to run away from.“

„you ask your friend Jeminma one day as she’s painting you nude on her couch“

„I can’t wait to be eighty. So I can have an ‚oeuvre‘ – or at least a ‚filmography‘.“

„I’ll be eighty and, quite possibly, the owner of seventeen swans.“

„How could someone whose biggest health scare was a coffee-induced colon infection know what the end of life looks like?“

„Last summer my vagina started to sting.“

„My OCD isn’t completely gone, but maybe it never will be.“

„You’ll think, Stuff like this only happens to characters played by Jennifer Garner, right?“

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Stephan Porombka: 100 Fragen

stp titel - Bildrechte bei Stephan Porombka

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Ende 2013 postete ich, dass ich zwei wichtige persönliche Texte fertig habe:

Text 1 war mein Interview mit Maximilian Mosher über die Geldprobleme, Ängste, Schwierigkeiten als freier Kulturjournalist (Link).

Text 2 war eine Überraschung – die ich erst jetzt noch einmal teilen / bloggen kann:

Von 2003 bis 2008 lebte ich in Hildesheim. Studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus. Und lernte bei / schrieb für / arbeitete mit einem der besten und radikalsten Dozenten jenseits von Hogwarts:

Stephan Porombka (Details) war von 2003 bis 2013 Professor für Literaturwissenschaft und Kulturjournalismus.

Ich besuchte…

  • Ethnographisches Schreiben (SS 2007/08)
  • Literaturtheorie (WS 2006/07)
  • Literatur und Arbeitswelt (SS 2006)
  • Schreiben für lit-radio/lit05 (SS 2005/06)
  • Das erzählende Sachbuch (SS 2005)
  • Kultur, Literatur, Journalismus. (WS 2004/05)
  • Autobiographie (WS 2004/05)
  • Literatur und Radio (SS 2004)
  • Jetztzeit. Einführung in die Kulturwissenschaften (WS 2003/04)
  • Kriminalliteratur (WS 2003/04)
  • Einführung in den Kulturjournalismus (WS 2003/04)

…und arbeitete an zahllosen studentischen Buch-, Verlags-, Radio- und Netzprojekten.

Seit Sommersemester 2013 lehrt Stephan als Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der UdK Berlin (Link)… und nach Abschied aus Hildesheim starteten Freunde, Ex-Studierende und Kollegen ein kleines Buchprojekt mit persönlichen Abschieds- und Erinnerungstexten.

Ich selbst schrieb im Oktober 2013 den folgenden Text – fast eine Woche lang, in New York: nostalgisch, euphorisch, nervös.

Stephan ist der Lehrende, der mir am meisten beibrachte. Und dessen Haltung als Denker / Schreibender / Akademiker und Netz-Jetztzeit-Gegenwarts-Beobachter mir plausibler wurde / näher kam als die jedes anderen deutschen Journalisten.

Viele sagen: Stephan Porombka ist das Beste, das Twitter zu bieten hat.

Für mich ist dieser Twitter-stp noch der langweiligste Teil.

Obwohl: die Selfies sind toll. Und die habe ich – zur Illustration dieses Blog-Posts – auch reichlich geklaut. Also: alle Bildrechte aller hier geposteten Fotos liegen weiterhin bei Stephan Porombka.

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stp 01 - Bildrechte bei Stephan Porombka

Lieber Stephan,

001 Wann wurdest du zuletzt bedroht, beleidigt oder ausgelacht?

002 Wofür würdest du gerne gelobt oder bewundert werden?

003 Wenn du als Gauner, Ganove leben müsstest – welche Sorte Verbrechen wäre dein Tagesgeschäft?

004 Sind Schuhe das Kleidungsstück, bei dem du dir am meisten Mühe gibst?

005 In welchem Alter hast du dein erstes Tattoo stechen lassen: erst Ende 30, Anfang 40?

006 Verkleidest du dich gern? Was war das aufwändigste Kostüm, das du je trugst?

007 Gibt es wichtige platonische Frauen in deinem Leben?

008 Wo hast du Selbstironie gelernt?

009 Reißt du absichtlich die Augen auf, sobald man dir Fragen stellt / du angestrengt zuhörst?

010 Du wurdest 1967 geboren, in Salzgitter. Wann klafften Zeitgeist und dein eigenes Leben am weitesten auseinander…? Welches dieser 45, 46 Jahre passte bisher am wenigsten zu dir?

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stp 02 - Bildrechte Stephan Porombka
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011 Hast du Brüder oder Schwestern? Ich wäre überrascht, falls es eine große, prägende Porombka-Sippe gibt.

012 Was mich sonst wundern würde: Du spielst ein Instrument. Du opferst Zeit für Videospiele. Du kochst gerne und ambitioniert. Du hast ein Herz für Katzen, Pflanzen, Fische. Du unterhältst dich lebhaft mit älteren Frauen. Du bist Fan einer Sportmannschaft, gläubig oder in gemeinnützigen Vereinen aktiv.

013 Warum fährst du kein Auto?

014 Tanzt du? Ich sehe dich als energischen, zu konzentrierten Tänzer.

015 Hast du vor Jahren auf Facebook ein Foto geteilt, das dich bei der Partnerwahl einer Tanzschule zeigt? Falls ja: Hast du als Schüler einen Tanzkurs, aber keinen Führerschein gemacht? Wozu?

016 Welchem Menschen bist du am meisten schuldig?

017 Wer ist dir ebenbürtig und kann dich gut verstehen?

018 Du hast zu Schulzeiten einen Band Gedichte veröffentlicht, „Eisblock“. Wann hast du aufgehört, Gedichte zu schreiben? Hast du erreicht, was du mit ihnen erreichen wolltest?

019 Wolltest du Gedichte schreiben – oder Dichter sein?

020 Gibt es Trends oder Haltungen aus deiner Kindheit, die heute verkümmert sind, dir fehlen? Lebst du in einer fundamental anderen Zukunft, als du als Jugendlicher hofftest?

stp 03 - Bildrechte Stephan Porombka.

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021 Hast du eine große, enttäuschte Liebe oder aufgehört, Fan eines Regisseurs, Künstlers, Autors zu sein?

022 Du stehst mit Popper-Frisur und hochnervösem Blick circa neunzehnjährig auf dem Cover eines Nostalgie-Buchs namens „Bohlweg-Zeiten – Die 80er in Braunschweig“. („Es war eine großartige Zeit. Braunschweig war groß genug, einer Jugend alles zu bieten. Und klein genug, dass man alles, auch das ganze seltsame Zeug, wirklich mitnehmen konnte.“) Wie bist du auf das Buch geraten? Falls diese Phase deines Lebens ein Buch wert war – warum haben es andere geschrieben, nicht du?

023 Wann hast du eine Psychoanalyse begonnen? Was hast du dir davon erhofft?

024 Hättest du gerne an einer Schreibschule wie Hildesheim studiert?

025 Als Erwachsener hast du Slam-Poetry, literarische Performances, Video-Slams gemacht; 2002 warst du als Nachwuchsautor beim Klagenfurter Literaturkurs. Hast du seitdem literarisch gearbeitet? Kommt da noch was?

026 Liegst du seit 35 Jahren abends mit einem Buch im Bett?

027 Liest du Bücher noch langsam und komplett – oder springst du hin und her, brichst ab, suchst Perlen?

028 Wie wichtig sind dir Raubkopien?

029 Wie hat dich das Internet verändert?

030 Wie hat es dir geschadet?

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stp 04 - Bildrechte Stephan Porombka

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031 Passen deine Geschwindigkeit, die Geschwindigkeit deines Berufs und das Tempo, mit der sich die Gesellschaft deinen Themen und Vorlieben nähert (oder, öfter: sich von ihnen entfernt) zusammen?

032 Du hast Germanistik, Theaterwissenschaft und Politikwissenschaften an der Berliner FU studiert. Wie gelangweilt, frustriert, wie fehl am Platz, allein und unterfordert warst du an dieser Uni?

033 Als Nebenjob hast du Deutschkurse geleitet, für Migranten. Wie humorvoll, charmant, wie überdreht, verspielt, motiviert warst du vor diesem Publikum?

034 1999 hast du über Hypertext promoviert. Anfang der 90er, für kurze Zeit, wurden solche Textformen von allen Seiten beachtet und bestaunt. Später kuckte man auf sie zurück wie auf Marusha, Bauchnabelpiercings oder das Wort „Datenautobahn“: Einerseits bist du Experte für diese frühe (literarische) Aufbruchs-Euphorie im Netz. Andererseits schien es später, als hättest du auf eine falsche Karte gesetzt, in Sackgassen geforscht, Knallfrösche gejagt. Und heute? Lohnt sich der Blick zurück? Waren Hypertexte prägend? Willst du das alles nochmal aufarbeiten, mit uns teilen?

035 Hältst du deinen Beruf für wichtig?

036 Was denkt deine acht- oder neunjährige Tochter über deine Arbeit?

037 Wie reagierst du, falls sie in zehn Jahren sagt: „Ich möchte irgendwas mit Kultur machen. Einfach irgendwas! Am besten, ich probiere mich an einer verschlafenen Uni wie Hildesheim ein paar Semester lang aus…“?

038 Bis vor zehn Jahren hast du an der Berliner Humboldt-Universität gelehrt. Als Juniorprofessor im Herbst 2003, in meinem ersten / deinem zweiten Hildesheimer Semester, hast du ein Seminar über Krimis geleitet; 2005 ein Seminar über Autobiografien. Interessieren dich Krimis? Autobiografien? Oder interessiert dich, die Regelhaftigkeit und Kniffe verschiedener Formen aufzuschlüsseln?

039 Musst du dich oft mit den Eltern von Studenten auseinandersetzen? Fühlst du dich dabei den Eltern oder den Studierenden näher?

040 Sagst du „Studenten“ oder „Studierende“? Werden Feministen wütend, wenn du „Studenten“ sagst?

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stp 04 - Bildrechte Stephan Porombka

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041 Ich kenne keinen Moment aus den letzten zehn Jahren, zu dem du Deutschland verlassen hast: Gehörst du hierher? Möchtest du (allein) in diesem Kulturraum schreiben, leben, sterben?

042 Gehörst du nach Berlin? Bist du Berliner? Wenn nicht: Was fehlt dir noch?

043 Andererseits hast du Salzgitter, Braunschweig: Du hast das Magazin der Autostadt Wolfsburg betreut und in Hildesheim absurde Mengen journalistischer Projekte mit lokalem Fokus forciert – Snapshots und Alltagstexte, ganz nah am (profanen) Leben der Stadt. „Hildesheim schön trinken“ über teilnehmende Beobachtungen in Kneipen, die „Fahrtenschreiber“-Protokolle über das Busliniennetz, wöchentliche Powerpoint-Präsentationen mit je 100 Fotos aus dem Straßenbild: Was bedeuten dir die Provinz und ihre kleinen, abgewirtschafteten Städte?

044 Gibt es Glamour in deinem Leben?

045 Warst du schon in dem Alter, das am besten zu dir passt – oder denkst du, es kommt noch?

046 In welchem Alter mochtest du dich am meisten?

047 Wir beide fotografieren uns oft selbst. Ich tue das nicht, weil ich mich mag – sondern, weil ich bei Fotos aus seltsamen Perspektiven oft denke „Oh. Aus DIESEM Winkel geht es, eigentlich…“ Gefällst du dir? Magst du deinen Körper?

048 Zu Beginn meines Studiums hatten deine Vorlesungen oft Show-Einlagen: Kurzfilme, eine Band, Live-Musiker, Verlosungen, Wettbewerbe… Zitate aus Theater oder Samstagabend-TV. Für viele Leute bist du der Professor, der den Moonwalk tanzt und in seiner Antrittsvorlesung „Rhetorik Reloaded“ ein Dutzend Lacher, Pointen platziert. An wem hast du dich dabei orientiert? Wovon hast du gelernt?

049 Was macht einen guten Lehrer aus?

050 Die Leute, die am meisten Angst vor dir hatten oder dich irgendwann hassten, waren Typen, die klare Strukturen wünschten: Wer Regeln wollte, war verwirrt oder verärgert.

051 (Ich selbst wollte keine. Und bin für die „Los: Macht! Sucht eine Richtung – und versucht, so weit / tief wie möglich vorzudringen!“-Freiheit vieler deiner Projekte sehr, sehr dankbar.)

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stp 05 - Bildrechte Stephan Porombka

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052 Gibt es Leute, von denen du nicht gemocht oder verstanden werden willst?

053 Gibt es Literaturbetriebs-Gestalten, mit denen du auf Kriegsfuß stehst?

054 Die meisten deiner (universitären) Buch-, Web-, Seminarprojekte haben eine Doppelspitze – du arbeitest mit Annett Gröschner, Steffen Martus, Guido Graf usw., und oft schaffen diese Zweier-Teams eine sympathische Dynamik. Meist herrscht die Aufteilung „guter Bulle / Quatschkopf-Bulle“. Aber: Möchtest du nicht mal NICHT „der Verrückte“ sein?

055 Du exponierst dich stärker als Mathias Mertens – ein oft zurückhaltender, bedachter Hildesheimer Medien-Professor – und führst dich selbst mit großem Genuss und Sarkasmus vor. 2009 begann Mathias, über Performanz beim Luftgitarre-Spielen zu forschen, gründete eine Luftrock-Band und nahm an Deutschland- und Weltmeisterschaften teil. Alle riefen: „Charmant. Wie mutig!“ Hättest du auf solchen Bühnen stehen können, wollen? Ich denke, der Backlash wäre härter gewesen: „Typisch Stephan. Heute also Luftgitarren-Clown. Was will er sich beweisen?“

056 Auf meine Frage, warum du nicht ständig im Fernsehen bist, bei „Kulturzeit“ o.ä., hast du recht karg geantwortet: „Das musst du das Fernsehen fragen, nicht mich.“

057 Andererseits bist du auf dem besten Weg, ein Star auf Twitter zu werden. Mich macht es müde, Tweets zu schreiben, kurze Einwürfe, Wortspiele, Aphorismen. Ich überlege mich dusslig. Du feuerst das so raus: Kommt diese Kurzform deinem Denken, Tempo, Kommunikationsbedürfnis am nächsten?

058 Sind deine Tweets allein für heute, jetzt? Sammelst du sie irgendwo, für ein Projekt – oder sollen sie flüchtig bleiben, verpuffen?

059 Auf deiner Website zitierst du Andy Warhol: „Besorgen Sie sich für jeden Monat einen Karton, werfen Sie dort alles hinein und kleben Sie ihn am Ende des Monats zu. Dann datieren Sie ihn und schicken ihn nach New Jersey rüber. Versuchen Sie, ihn im Auge zu behalten, aber wenn das nicht klappt und er verloren geht, ist das auch okay, denn dann gibt es weniger Sachen, über die Sie nachdenken müssen, und Sie sind eine weitere geistige Bürde los. Ich habe auch mit Schrankkoffern und überzähligen Möbelstücken angefangen, aber dann ging ich auf die Suche nach etwas Besserem, und jetzt tue ich alles in gleich große braune Pappschachteln mit einem farbigen Aufkleber an der Seite für den Monat des betreffenden Jahres.“ Sind Tweets und Facebook-Postings eine Möglichkeit für dich, „geistige Bürden“ auszusondern?

060 Du magst Quantified-Self-Projekte, Self-Tracking, Archive, Zettelkästen; protokollierst deine Bücher öffentlich via Goodreads, deine Songs via Spotify, deine Jogging-Routen via Runtastic. Welche Informationen, Bilder, privaten Standpunkte willst du auf keinen Fall im Internet gefunden wissen?

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stp 06 - Bildrechte Stephan Porombka

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061 2011 warst du ein halbes Jahr lang nicht auf Facebook, um (wem… dir selbst?) zu zeigen, dass das klappt. Warum hast du nie einen Text über diese Offline-Zeit geschrieben?

062 Warum schreibst du nicht dauernd Texte – über alle möglichen Medien-Erfahrungen und -Routinen? Dein Lese-Verhalten, dein Buchkauf-Verhalten, deine Sammel- und Archiv-Strategien entsprechen fast nie der Masse: Erklär uns, wie du Bücher findest / Zeitung liest / Bookmarks setzt / Zitate sammelst / Ideen ordnest…!

063 Würdest du auf eine Demonstration gehen? Skandieren?

064 Würdest du anders leben und arbeiten, wenn du kein Geld verdienen müsstest?

065 Würdest du lieber gegen eine Ente kämpfen, die groß ist wie ein Pferd – oder gegen hundert Pferde in Enten-Größe?

066 Die Enten-Frage wurde im Nerd-Forum Reddit diskutiert – und ich bin sicher, dass auch du sie längst gefunden, durchdacht, besprochen, neu verdreht hast: Ist dir dieses kulturelle Voraus-Sein, Bescheidwissen wichtig?

067 Hast du deine Uni-Kollegen und Altersgenossen abgehängt – oder überrumpeln dich Zukunft und Alltag noch genau so oft wie uns?

068 Du bist Experte für das Nächste: die nächsten Schreibformen, die nächsten „Schriftkulturen“. Bist du ein Hahn („Der Tag bricht an! Der Himmel stürzt ein!“) oder eine Eule („Noch ist es Nacht: Macht euch nicht verrückt!“)…?

069 Gibt es Dinge, deren Sterben / Verfall dir grade das Herz bricht?

070 Hast du Angst um die Verlagslandschaft, den Qualitätsjournalismus, die Kunstform Roman, die Künstlersozialkasse, Deutschlands kulturelle Vielfalt, regionale Zeitungen, kleine Buchhandlungen, Literatur-Literatur, Autorenkino, den Bachmannpreis, die Netzneutralität, die freie Theaterszene, die Haptik des guten alten Hardcovers und / oder die Schreib-Zukunft und das finanzielle Auskommen z.B. deiner Ex-Studentin Vea Kaiser, deren Roman „Blasmusikpop“ raubkopiert und von Buch-Piraten zum Download angeboten wird (Vea: „Was ihr hier macht, ist nichts anderes als Diebstahl. Und ihr schämt euch nicht einmal. […] Ist euch bewusst, dass ihr damit die Autoren versklavt?“)…?

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stp 07 - Bildrechte Stephan Porombka

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071 Denkst du, es läuft – so generell, im Wesentlichen, in der Kultur?

072 Kannst du dir vorstellen, ein Magazin oder ein Verlags-Imprint zu leiten und es richtig krachen zu lassen?

073 Schaust du mit deiner Tochter hippe All-Ages-Serien wie „Adventure Time“, „My Little Pony“ und „Yo Gabba Gabba“?

074 Fühlst du dich in der Geisteswelt der Weimarer Republik daheim? Salons? Flaneure? „Menschen am Sonntag“? Walter Benjamin? Egon Erwin Kisch?

075 Strengt es dich an, immer neuen Menschen ähnliche Sachen von vorne zu erklären? Wer sind deine idealen Zuhörer: Leute, die bei Null starten – oder Leute, die schon in den Diskursen drin sind? Erstsemester? Alte Hasen? Amateure? Experten?

076 Mit Texten / Büchern erreichst du viel mehr Menschen, als wenn du ein Seminar für 30 oder 40 Studierende gibst: Warum reißt du dir Beine aus – vor einem so kleinen, flüchtigen Kreis?

077 Stört dich, dass viele Uni-Projekte, die du betreut hast, in Kleinverlagen wie Glück & Schiller und der Edition Pächterhaus erschienen sind und schon nach zwei, drei Jahren vergriffen waren? Hatten diese Bücher ihren Zweck, zu ihrer Zeit – oder glaubst du, sie sollten online, als ebook usw. ein zweites Leben führen? Und, im Blick auf diese vielen Hildesheimer Selbstvergewisserungs- und Reflektions-Projekte: War dein Studium ähnlich prägend / aufreibend wie meines?

078 Viele deiner Monografien und eigenständigen Publikationen handeln davon, mit welchen Kniffen Menschen einen bestimmten (falschen) Eindruck erwecken wollen: „Felix Krulls Erben. Die Geschichte der Hochstapelei im 20. Jahrhundert.“ (2001), „Böse Orte. Stätten nationalsozialistischer Selbstdarstellung heute“ (2006). Welche Trickser, Inszenierungen stehen dir näher – die souveränen / erfolgreichen? Oder die gescheiterten?

079 Was ist der Kniff, der Clou, der große Trick an der Persona „Stephan Porombka, Professor für Kulturjournalismus“…?

080 Wenn dir Individualität so wichtig ist – warum fasziniert dich das Leben in Ameisenkollektiven?

stp 08 - Bildrechte Stephan Porombka.

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081 Im Frühsommer 2004, im zweiten Semester, fuhren wir nach Berlin, um mit Steffen Martus und Studenten der Humboldt-Universität am Web-Magazin www.lit04.de zu arbeiten. Ich hatte damals Angst, für ein Studium an der „Schreibschule“ Hildesheim viel zu wenig gelesen und verstanden zu haben: Du ludst uns in deine Wohnung, zu Kuchen, Fladenbrot und Hummus – und das größte Zimmer hatte eine fast zehn Meter breite, sehr hohe Altbau-Wand, verstellt von Büchern. Ich war entsetzt, erschlagen. Eingeschüchtert. Große Werkausgaben, Journalismus, Fachliteratur, neue Pop-Romane, ein Spider-Man-Sammelband, „Akira“, alle Sorten Klassiker und Exoten. Zwei Jahre vorher hatte ich Simone de Beauvoirs „Sie kam und blieb“ gelesen – und sogar DAS stand hier, in einem kleinen Bücherschrank, abseits, im Nebenzimmer. „Sie kam und blieb“ ist ein zerquälter, verkopfter, angestrengt psychologischer Roman über eine Künstler-Dreiecksbeziehung. Ich fand ihn toll – aber hätte schon damals fragen sollen: DU liest das? Du liest DAS? Warum dieses Buch? Die anderen 4000 Bücher in deiner Wohnung habe ich verstanden. Dieses eine nicht.

082 In Episode 20 von „Ally McBeal“ übernimmt Richard Fish die Verteidigung eines französischen Bistros, das einen Kellner wegen Heterosexualität gefeuert hat. Richard hält es für sinnvoll, dass Bistros gezielt schwule Kellner anwerben – weil Schwule kultivierter sind: „In ihrer Jugend sitzen sie die ganze Zeit herum und überlegen, warum sie schwul sind. Dann lesen sie Bücher. Das viele Lesen macht sie kultiviert.“ Warum hast DU so viel gelesen? Und welche persönliche Frage trieb dich in deiner Jugend um – und brauchte viel Zeit, beantwortet zu werden?

083 Ich kann recht gut mit einem Professor leben, der 20 Prozent cooler ist als ich. Doch deine Kalauer stacheln ständig Zweit- und Drittesemester-Gockel zu verzweifelten, schwitzigen „Herr Professor! Lass uns Buddies werden!“-Kampagnen an: Nerven dich all die Windhosen / Wirbelstürme aus angestrengter, gernegroßer Witzischkeit um dich herum? Jungs, die sich dir beweisen wollen?

084 Kannst du in Berlin auf die Straße kotzen, ohne Angst zu haben, dass ehemalige Hildesheimer zusehen?

085 Kannst du dir vorstellen, eine 11 oder 12 Jahre ältere Frau zu heiraten?

086 Du selbst hast Lehrbücher wie „Kritiken schreiben“ und „Werkstattgespräche mit Theaterkritikern“ verfasst, veröffentlichst selbst aber keine (kaum?) solcher Texte. Warum nicht?

087 Du trägst sehr auffällige Ringe, an beiden Händen. An einen (zusätzlichen) Ehering kann ich mich nicht erinnern – sind Ringe für DICH dir wichtiger als ein Ring für ein WIR?

088 Schreiber, Journalisten, Erzähler generell sind für dich Beobachter: Leute, die hinsehen, sich auf Fremdes einlassen. Wirst du wütend, wenn sich Autoren stattdessen Sachen aus dem Arsch ziehen? Dinge schönfärben, verdrehen, hübsch arrangieren?

089 Ich würde dich gerne als Reporter auf Hip-Hop-Konzerte, Liverollenspiele, Piraten-Parteitage, auf Elternabende, Jugendgottesdienste, zum Börsenverein des deutschen Buchhandels schicken: Welche Soziotope würdest du gerne als teilnehmender Beobachter besuchen / beschreiben?

090 Es gibt sehr viele Fotos, auf denen du Brotscheiben arrangierst, mit Sirup bemalst, dekorierst und verformst: Wärst du bildender Künstler – wäre Brot eins deiner Lieblingsmedien?

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stp 09 - Bildrechte Stephan Porombka
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091 Hast du das Gefühl, ich nehme dich mit diesen Fragen in die Mangel?

092 Wünschst du dir, ich würde dich stärker in die Mangel nehmen?

093 Würdest du lieber lesen, wie ich einer anderen Person Fragen stelle?

094 Ich war von 2003 bis 2008 in Hildesheim und habe über 20 deiner Seminare, Vorlesungen, Übungen besucht: „Jetztzeit“, „Der Literaturbetrieb“, „Ethnographisches Schreiben“, „Grundkurs Kulturjournalismus“, „Literatur und Arbeitswelt“, „Poetik des Sachbuchs“, „lit.radio“… Du selbst warst danach noch bis 2013 an der Uni. Wie liefen diese letzten fünf Jahre für dich weiter – eine Studenten-Generation, die ich höchstens von Facebook kenne? Hat sich das Bleiben gelohnt?

095 Warum wurdest du Vizepräsident der Uni? So viele Hildesheim-Bürohengste, mit denen du dich umgeben musstest, haben mich in ihrer schmierig-provinziellen Art an Autohändler erinnert. Was wolltest du bei diesen Menschen?

096 Im Januar 2013, in deinen letzten Wochen in der Stadt, stand ein Holzschnitt in deinem Büro: „Radikalität ist Menschenpflicht“. Das stand dort, weil…?

097 Ich brauchte fünf Jahre, um mich meiner Diplomprüfung zu stellen. 2008 hatte ich zu Ende studiert. Aber erst 2013 wollte ich Hanns-Josef Ortheil und dir mein Romanprojekt zur Bewertung vorlegen, „Zimmer voller Freunde“. Meine größte (akademische) Angst in diesen Jahren war, dass einer von euch sagt: „Wie abgeschmackt.“ Im ersten Semester, Anfang Februar 2004, nanntest du einen Text von mir „Trash“ – und ich kann Uni-Textwerkstätten über Prosa von Freunden erinnern, nach denen diese Freunde sagten: „Ich werde keine Prosa mehr schreiben. Das ist nicht meine Zukunft. Ich habe mich geirrt.“ Hast du Angst, dass deine Kritik Leute dazu bringt, ihr Schreiben aufzugeben? Und umgekehrt: Glaubst du, es ist deine Aufgabe als Professor, Studierende beim Schreiben zu halten? Ihnen Gründe zum literarischen Erzählen zu geben, wenn ihnen selbst keine mehr einfallen?

098 Die Website der Universität der Künste, wo du seit April 2013 unterrichtest, sagt, du bist jetzt Professor im Bereich „Verbale Kommunikation“. Was ist DAS für ein Eso-Selbsthilfe-Ausdruck…?

099 Gibt es Putzfrauen, Hausmeister, Busfahrer o.ä. aus zehn Jahren Hildesheim, die du sehr mochtest und vermisst?

100 Spielen? Kämpfen? Oder Arbeiten? Ich tippe – trotz allem – auf Arbeiten.

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stp - Bildrechte irgendwelche udk-kiddies
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verwandte Links:

[Interview] Wovon lebst du eigentlich…?

ab hier kultur 2013 wordpress

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Zwei Kulturjournalisten. Zwei Kontinente. Die gleichen Niedriglöhne und Existenzängste:

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Die Redaktion von „Kultur 2013“, dem Alumni-Magazin der Universität Hildesheim und ihrer kulturwissenschaftlichen Studiengänge, bat mich im Herbst 2013, einen Text zum Thema „Geld oder Liebe“ zu schreiben: Herzens-Projekte versus Auftrags-Arbeiten, schnöde Jobs versus Schreib- und Lebensziele, Pragmatismus versus Ideale. Der Text – ein langes Gespräch mit Kulturjournalist / Freelancer / Lieblingsmensch Max Mosher – erschien im Dezember 2013 (Link).
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Stefan Mesch (30) studierte in Hildesheim und schreibt heute für ZEIT Online und den Berliner Tagesspiegel. Er wohnt bei seiner Mutter auf dem Land und arbeitet an seinem ersten Roman, “Zimmer voller Freunde”. Max Mosher (28) liefert einem Stadt- und Kulturportal in Toronto seit Herbst 2012 wöchentlich drei lange Artikel über Mode und Kultur. Um Miete und Krankenversicherung zu finanzieren, jobbt er vier Tage pro Woche als Barista. Beide hadern mit prekären Perspektiven – bis Max die Taktik ändern will: ein Facebook-Chat über Ansprüche, Angst, enttäuschte Erwartungen.

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[Max] Ich überlege, ob ich den Absprung mache.

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[Stefan] Absprung von was?

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[Max] Freelance. Freier Journalismus. Die AIDS-Hilfe sucht jemanden für PR- und Öffentlichentlichkeitsarbeit: Pressetexte zu Studien, Social-Media-Zeug usw.

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[Stefan] Eine feste Stelle. Wenn das dein Ziel sein soll – okay. Aber denk dran, woher ich komme: Fast alle meine Hildesheim-Freunde stehen mittlerweile im Beruf. Ich kucke seit fünf Jahren zu, wie JEDER ein paar Monate lang versucht, sich als freier Autor durchzukämpfen… und dann “den Absprung macht”. Statt endlich Texte zu schreiben, die er immer schreiben wollte.

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[Max] Die Hürden sind zu hoch. Für freie Autoren ist alles zäh und unsicher.

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[Stefan] Ich kenne 50 tolle Schreiber / Journalisten. Von denen vielleicht… fünf (!) noch regelmäßig schreiben. Wie absurd ist das? Der Kulturjournalist, der grade am meisten und besten publiziert, kommt aus Toronto. Nicht aus meiner Schreib-Schule!

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[Max] Wenn ich Ideen für Artikel an Zeitungen pitche, kriege ich meist nicht mal Antwort. Nach einer Weile hören Leute eben auf, sich anzubieten. Trotz Talent.

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[Stefan] Wäre ich sauer auf jeden, der eine feste Stelle am Schreibtisch sucht, hätte ich keine Freunde mehr. Aber dass viele ganz aufhören, zu schreiben? Sich mit Büro- und Orga-Arbeit abfinden? Das ist doch beschissen!

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[Max] Ob ich mit Schreiben aufhöre, kann ich mir offen halten. Ich würde vor allem aufhören, meine drei wöchentlichen Mode-Texte an mein Online-Portal zu liefern.

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[Stefan] Falls du den Schreibtischjob bekommst: Wie viele Tage pro Woche wären übrig? Für dein Schreiben, deine Projekte? Ein oder zwei? Dann mach das AIDS-Ding. Aber “ab und zu, abends und am Wochenende”? Das klappt bei keinem, den ich kenne.

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[Max] Sie bieten eine Vollzeitstelle. Also Schreiben nur nach Feierabend. Aber Stefan? Das ist jetzt schon so: Ich arbeite meine drei Texte pro Woche ab und stehe im Café, für Mindestlohn. Ein fester Job wäre keine Hiobsbotschaft. Viel Zeit für Eigenes bleibt nie!

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[Stefan] Dann sprich mit Leuten, die solche Schreibtisch-Stellen besetzen: Haben sie noch Zeit für eine Autoren- oder Journalistenkarriere? Lohnt sich das, langfristig?

[Max] Hätte ich direkt mit 24 angefangen, frei zu schreiben, wäre ich wahrscheinlich etwas weiter. Aber ich wollte den Master, machte Praktika, wohnte daheim… und jetzt, mit 28, will ich mir diese Unsicherheit nicht mehr viel länger geben.

[Stefan] Ich muss immer an Erin denken und ihre Bier-Sache: Das darf dir nicht passieren.

[Max] Ich bin nicht Erin.

[Stefan] Na ja. Fast 10 Jahre lang studiert und jobbt sie auf der ganzen Welt. Jetzt fand sie diesen Brauerei-Job. Und hat plötzlich jeden Tag Angst, dass man sie feuert. Das scheint ein riesiger, persönlicher Kampf zu sein: Sie will um jeden Preis eine tolle Bier-Vertreterin werden. Aber wenn es klappt, was ist sie dann? Eine Super-Vertretin. Keine Super-Erin. Kämpft sie, um die Person zu werden, die SIE sein will? Oder wird sie nur die Sorte Handlanger, die am bequemsten und billigsten ist… für den Brauereikonzern?

[Max] Bitte hör auf, mich mit Erin zu vergleichen.

[Stefan]Okay – aber warum? Du magst sie. Ihr habt ähnliche Wünsche. Ihr seid ähnlich nervös, weil eure Arbeitgeber viel fordern.

[Max] Erin ist neurotisch.

[Stefan]Erin will, dass endlich jemand kommt und sagt: „Auf dich habe ich gewartet! DU hast mir gefehlt.“ Ein Mann. Oder ein Chef. Und tatsächlich kommen Leute. Aber sie sagen: „Ich liebe dich – wenn du anders wirst!“ oder „Pass dich gut an – DANN loben wir dich!“ Ich will, dass Leute anfangen, Erin zu mögen. Nicht Erins wachsende Bereitschaft, für alle genau das zu werden, was sie von ihr verlangen: Hauptsache, irgend jemand lobt sie. Für irgendwas.

[Max] Ich hoffe, von mir denkst du das nicht.

[Stefan]Du bist weniger gefallsüchtig. Weniger willig, dich zu verbiegen. Aber ihr wollt beide passen. Endlich dazugehören.

[Max] Die meisten von uns haben weniger Glück mit Auftraggebern und Redaktionen als du: Wir brauchen feste Jobs, um unsere Rechnungen zu zahlen. Meist sagen wir “Augen zu und durch!” und arbeiten irgendwo.

[Stefan] So viel “Glück” hatte ich nicht. Ich hänge hier in der Provinz und schlafe in meinem alten Kinderzimmer. Hätte ich große finanzielle Verpflichtungen wie ein WG-Zimmer in einer Stadt könnte ich nicht weiter schreiben, jeden Tag.

[Max] Auf jeden Fall würde mir die AIDS-Hilfe mehr zahlen als das Café. Ich könnte eine gute Sache unterstützen. Und notfalls kündige ich eben wieder.

[Stefan] Du hast bessere Umstände, besseren Lohn, ein besseren Alltag verdient: Du arbeitest wie verrückt, um finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. Du lebst erwachsener als ich.

[Max] Aber wie lange soll ich rumkrebsen? Ohne Aussicht auf Festanstellung oder regelmäßige Aufträge? Das Portal zahlt 200 Dollar für drei Texte. Davon kann keiner leben. Ich habe keine Zeit, jede Woche fremden Redakteuren fünf eigenständige Ideen zu recherchieren, anzubieten – und wenn die Absage kommt, zu schreiben: Toll: Dann schicke ich gleich drei andere, neue!” Die Zeit und Energie, die solche Pitches kosten, brauche ich zum Geldverdienen.

[Stefan] Meine Regel ist, fünf Sachen zu versuchen. Fünf Leute anzuschreiben. Ich werde erst weinerlich, wenn volle fünf Absagen zusammen sind.

[Max] Du hast neulich zugegeben, dass Redakteure auf den Großteil deiner Ideen anspringen.

[Stefan] Wenn ich fünf Sachen probiere, klappen drei davon, früher oder später.

[Max] Glückwunsch. Dann stell dir vor, du müsstest Zeitschriften, die dir oft unsympathisch sind, ständig neue Vorschläge machen – meist ohne jedes Feedback, immer vergebens. Wenn ich keine Kraft für diese Scharmützel habe, ist der Krieg verloren. Aber langsam merke ich, wie bitter und negativ ich werde: So war ich nie. So ticke ich nicht!

[Stefan] Überleg länger, was DU willst. Nicht, was andere Leute von dir wollen. Die AIDS-Hilfe braucht keinen Max Mosher. Deine Ziele und Ansprüche haben dort keine Priorität.

[Max] Torontos Stadtmagazine brauchen keinen Max Mosher. Flare und Elle brauchen keinen Max Mosher. Niemand will mich drucken – und bezahlen.

[Stefan] Braucht Max Mosher Max Mosher?

[Max] Du meinst: Braucht die Person den Autor?

[Stefan] Ja: Muss diese Person schreiben? Ein Autor sein? Ist das nötig?

[Max] Tja. Das zeigt sich dann wohl bald.

[Stefan] Ich würde am liebsten für sechs Monate nach Toronto fliegen, Privatsekretär spielen und dir Artikel sichern.

[Max] Das muss ich selbst schaffen.

[Stefan] Dann sprich mit Leuten, die für Flare, Elle usw. schreiben und dir Tipps geben: Manchmal reicht Ausdauer. Stehenbleiben. Viele Konkurrenten geben einfach auf, mit der Zeit. Und viele Ex-Hildesheimer sind genauso talentiert als Journalist oder Autor. Aber sie schreiben nicht. Weil sie schneller Geld und Sicherheiten brauchen, oder keine Geduld mehr haben: Ich war umgeben von… Sängern. Viele sangen besser als ich! Aber nach und nach hören fast alle auf: ein Chor, immer dünner, leiser. Mit immer weniger Stimmen.

[Max] Alle hier freuen sich über die AIDS-Sache und wünschen mir Glück für die Bewerbung.

[Stefan] Die erste Bewerbung wird nicht klappen. Aber die dritte. Oder die fünfte. Ich kenne keinen, der einen Bürojob fand und danach wieder (glücklicher!) Freelancer wurde. Trotzdem sind sie zufriedener als direkt nach dem Studium. Und reicher.Vielleicht vermisse ICH es mehr, regelmäßig Texte von ihnen zu lesen, als SIE es vermissen, solche Texte zu schreiben.

[Max] Du glaubst so sehr an mein Talent. Sorry, dass das hier klingt wie ein Streit.

[Stefan] Ich hatte diesen “Streit” so oft: Wärt ihr ab morgen alle Hedge-Fund-Manager, ich würde euch trotzdem lieben. Blöd nur: Wenn DU die Förderanträge für die AIDS-Hilfe nicht schreibst, schreibt sie halt irgendwer. Aber wenn du keine Reportagen, Essays schreibst… werden diese Texte nie geschrieben. Das fehlt. Mir fehlt es. Immer mehr. Und dir?

[am nächsten Tag:]

[Max] Die Stellenausschreibung galt nur bis vorgestern. Sie wollten Bewerber mit IT- und Programmier-Kenntnissen. Alles bleibt, wie es ist.

ab hier kultur 01.

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Stefan Mesch lebt seit 2009 drei Monate im Jahr in Toronto, als freier Autor und Übersetzer; und neun Monate im leerstehenden Haus seiner toten Großeltern, in der Provinz bei Heidelberg. Texte unter stefanmesch.wordpress.com

Maximilian Mosher schreibt über Film- und Modegeschichte, Politik und Alltagskultur, u.a. für WORN Fashion Journal. 2012 bis 2013 schrieb er 130 Mode-Artikel für ein Online-Portal in Toronto. Jetzt sucht er neue Auftraggeber. Twitter: @max_mosher_

.2013 ab.hier.kultur Max Stefan.

verwandte Links:

Was soll der #aufschrei, Mädels? Muss das sein…?

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Was soll der „#Aufschrei!“-Kram…?, mögen Skeptiker fragen.

Und ich verstehe die Frage: Sind ein PAAR blöde Sprüche, die man sich im Alltag halt so einfängt, als Frau… sooo eine Krise? Ist das einen „Aufschrei“ wert? Echt, jetzt…?

Ich glaube, schon.

Die Vorgeschichte ist HIER: „Während in den Medien die Sexismus-Vorwürfe gegen FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle thematisiert werden, veröffentlichen Twitter-Nutzerinnen seit dem späten Donnerstagabend ihre persönlichen Erfahrungen mit Alltagssexismus unter dem Hashtag #Aufschrei.“

Der Hildesheim-Bezug: „Eins steht fest: Die Diskussion ist in vollem Gange. Verantwortlich dafür ist Nicole von Horst, die unter dem Namen @vonhorst twittert. Sie verschickte den ersten Tweet zum Thema, prompt stieg eine andere Twitter-Nutzerin ein.“

..und der Blogpost (via: Bildblog / 6 vor 9), über den ich heute morgen auf die Aktion / Debatte aufmerksam wurde:

„Mädels, diese Opferrolle steht Euch nicht.“, schreibt ein Twitter-User. Und ich glaube, jeder von uns hat Bekannte, die mit den Augen rollen und sagen: „Echt, jetzt? DAS ist ein Aufschrei? DA fühlen sich Leute zu Opfern gemacht?“

…zum einen (Arschloch-Rhetorik!) fragen sich Skeptiker, ob Frauen „das nicht wollen, eigentlich“ – weil sie ja auch „ne Menge tun, um uns Männern zu gefallen! Kleidung, Gehabe etc.“ DIESES (Nicht-)Argument hat, zum Glück, endlich nen Namen. „Patriarchal Bargain“. Mehr hier. Lohnt sich:

Zum anderen aber gehts um Deutungshoheit: Schon WIEDER wer, der sich beschwert? Schon WIEDER wer, auf den wir Rücksicht nehmen sollen? Da könnte ja jeder kommen?! Sind die ALLE benachteiligt? Und wir müssen uns ändern – für DIE? Da geht’s doch nur um Macht. Kontrolle. Bevormundung! (Leserkommentare lesen – unbedingt!)

Privat / persönlich macht der „Aufschrei!“-Slogan für mich Sinn, ist die Debatte gerechtfertigt, weil hier „Microaggressions“ zusammengetragen und sortiert werden: Der kleine, alltägliche Scheiß. Der sich viel, viel zu schnell summiert.

Mehr hier. Kulturwissenschafts-Freunde? Benutzt den Begriff: nützlich und klug!

Und – zum Abschluss, von meiner Seite: Wenn ich als Leser / Zuschauer zwei, drei Sehrerfahrungen sammle, bei denen Frauen, Töchter, Mütter, Freundinnen eines Helden getötet werden, um die Handlung voran zu bringen, denke ich: „Tja. Okay – braucht mal halt manchmal: ein paar Opfer, um die Geschichte zu erzählen. DAS ist nicht gleich Sexismus.“

Wenn dasSELBE Konzept einen Namen kriegt… sortiert, geordnet und so benannt / definiert wird, dass in jedem Fall geprüft werden kann: „Musste Mausi nur sterben, damit der Held weiter Held sein kann?“ aber…

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…haben Gespräche – bei der nächsten toten Freundin im Fernsehen – ne andere Tiefenschärfe. Dass Aktivisten sagen: „DAS ist nicht ‚blöd gelaufen'“, „DAS ist nicht ’normal'“, „DAS ist nicht ‚halt so ne Kleinigkeit'“, sondern: „Freunde? DAS ist Alltagssexismus – und mir steht’s bis hier: #aufschrei“…“

..schärft unser Bewusstsein. Und „bringt“ auf jeden Fall was. So „läppisch“ die einzelnen Episoden vielleicht wirken, und so gerne viele Leute diese Debatte auch „hysterisch“ nennen würden.

Soweit von mir.

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mehr?

Dcnu / New 52: ALL new series, reviewed (updated)

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This September, DC Comics has relaunched their super-hero comic book line and started 52 new series (Link), with 52 easy-to-enter starting points.

On Twitter (Link to my profile, smeschmesch), I collected the buzz about each new series.

So here they are: very short Twiter statements about DC’s 52 new September comic books.

The surprises. The disappointments. And the must-reads!.

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Recommended:

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#dcnu #actioncomics: Liked ‚Smallville‘ and/or disliked normal, confident Supes? you’ll enjoy this. Clark = alienated, insecure, kinda jerk.

#dcnu #animalman: @JeffLemire might be DC’s best current writer. Buddy B. & family = great chars. Horror vibe, good art, great cliffhanger.

#dcnu #batgirl: @GailSimone has done it again: Interesting villain, nice psychology, sharp 1st issue. Old / new readers sound VERY pleased.

#dcnu #swampthing: everyone who’s ever cared about the horror concept or writer Scott Snyder sounds CRAZY happy/satisf. But buzz/new folks?

#dcnu #batwing: violent, gorgeous art, some complicated flashbacks… but lots of atmosphere & a good sense of Africa. Pleasant surprise!

#dcnu #staticshock: almost NO buzz about this: good art, nice concept, pleasant teen book. maybe comparable to ‚Blue Beetle‘?

#dcnu #batwoman: gorgeous art, tight narrative, lots of female chars: even with previous author @ruckawriter gone, hopes are VERY high. buy!

#dcnu #demonknights: medieval, good-natured, surprisingly funny. Colorful cast of chars, charming concept. Plus: cool females!

#dcnu #frankenstein: quirky, off-kilter, fun and exciting! more light-hearted than fan-favourite #animalman, but another @JeffLemire win.

#dcnu #greenlantern: BAM! interesting new conflict, good starting point, character development for hero Hal Jordan. everyone’s pleased.

#dcnu #resurrectionman: great writers, but not much buzz. old fans + nerdy readers loved it a LOT. so… very likeable. but not exciting?

#dcnu #greenlanterncorps: good art, smart writing, nice friendships and – Tomasi’s favorite – gore and horror. Not for kids. But excellent!

#dcnu #ivampire: vertigo-like, dark, smart and sexual. HUGE horror, but rooted in the DCU. not a girly or romantic or Twilight-like book.

#dcnu #allstarwestern: seamless transition for old fans of #jonahhex… AND one of the best books for new readers. atmosphere! charme! plot!

#dcnu #furyoffirestorm #firestorm: political! global! nerdy! violent! a cerebral, interesting reboot. plenty suspense (& race relations).

#dcnu #flash: tons of personality! AWESOME, lush retro art. some romance. some psychology. lots of charme. instant classic!

#dcnu #aquaman: ideal starting point, good writing/art. not very complex or original… but a rock-solid revamp. high expectations!

#dcnu #wonderwoman: great art, smart writing, break-out success: it’s a horror book with mythology, gods and gore. stylish & nightmarish!

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good, but some problems:

#dcnu #justiceleague: simplistic, boys-only, lots of inside jokes… but good art, dynamic banter and a cool first look at Superman.

#dcnu #justiceleagueinternational: old fans are happy / aflutter / enthusiastic; August General Iron has great scene. But new readers: meh.

#dcnu #menofwar: 2nd feature seems subpar. but everyone’s surprisingly engaged / happy with militaristic war comic. Deserves closer look.

#dcnu #hawkanddove: @SterlingGates did wonderful things with ‚Supergirl‘. High hopes! people annoyed over bad art + dorky concept, though.

#dcnu #superboy: new, fresh start/origin. clone drama! surprisingly well-written. and: new supporting chars from #gen13. problems: bad art.

#dcnu #grifter: dude comic about con man / old #wildstorm character running from alien conspiracy: fast-paced, violent, mediocre. no humor.

#dcnu #batmanandrobin: great creators (tomasi/gleason), fun psychology, fast start. but: gore + could be too convoluted for new readers.

#dcnu #legionofsuperheroes: no innovation. standard 30th century ensemble stuff, nice art, serviceable plot. could go either way. :-/

#dcnu #supergirl: pretty art, not much violence / exploitation and no need to know anything about the DCU. But too fast, flat, superficial.

#dcn #bop #birdsofprey: Katana? Ivy? Starling? what’s going on? big continuity riddles, much exposition/mystery. could still get good later.

#dcnu #batman: excellent author (Scott Snyder), but boring art and some crasser violence: it’s merely good – not excellent. still: hopes!

#dcnu #thedarkknight: style, motifs, twists AND atmosphere are SO similar to Scott Snyder’s new ‚Bat’series… feels like 2 parallel univ. ?

#dcnu #dcuniversepresents: Deadman story, mostly in continuity with ‚Brightest Day‘. seems stilted / 2nd rate. solid, but not very engaging.

#dcnu #nightwing: throwback to the Chuck Dixon era: good, straightforward, kinda childish Dick Grayson adventure. a little too bloody.

#dcnu #voodoo: amazing art, slow start, explosive cliffhanger. it’s well-written and deserves a look. but did heroine HAVE to be a stripper?

#dcnu #teentitans: no catastrophe (and solid #wondergirl), but not much happened + Marvel atmosphere + Superboy crossover. angry teens! meh.

#dcnu #superman: soft reboot, many character moments, likeable art, nice retro feel. FANS loved it. Newcomers found it dull and dated.

#dcnu #hawkman: painterly art, whiny hero, blood / gore, no Hawkgirl. Solid atmosphere & good set-up, but indeed very… savage + somber.

#dcnu #jldark #justiceleaguedark: eccentric, trippy, tons of cool characters. it’s a good start, but it’ll be a cult fav, no mainstream hit.

#dcnu #thedarkknight: style, motifs, twists AND atmosphere are SO similar to Scott Snyder’s new ‚Bat’series… feels like 2 parallel univ. ?

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mostly bad reviews:

#dcnu #tec #detectivecomics: business as usual, and not much love for writer Tony Daniels. Serviceable, but meh.

#dcnu #greenarrow: simplistic plot, Justin-Hartley-like de-aged Ollie, new supp. cast + more ‚Robin Hd‘ and ‚Million. Playboy‘ tropes: meh.

#dcnu #stormwatch: murky art, murky plot? new readers sound pretty insecure… but fans of @Paul_Cornell still have trust / high hopes.

#dcnu #misterterrific: VERY bad art, technobabble, murky. will change artist with 2nd issue, hasn’t found footing yet. #powergirl romance?

#dcnu #redlanterns: violent, silly, nonsensical. even #greenlantern fans not impressed. possible underdog / cult fav. bc of writer Milligan?

#dcnu #newguardians: weaker than GL & Corps. subpar art. not much plot: could get better later on… and #kylerayner still very likeable.

#dcnu #legionlost: murky, cookie-cutter, not very engaging. premise is good, execution isn’t. everyone: „will give it 1 or 2 issues, tops“

#dcnu #captainatom: okay art, okay concept. JTKrul is a simplistic, boyish, simpleminded writer, Atom a bland person. so… no sparks. 😦

#dcnu #bluebeetle: big disappointment. everything that was charming / unique about Jaime & friends now crass, shrewed, loud, flat, joyless.

#dcnu #catwoman: sex! sex! handjobs for Batman! nice art, but no taste, no style, no psychology. Selina deserves class & grace. trainwreck.

#dcnu #redhood: lovely colors, interesting team dynamics. But Starfire acts like hussy & there’s too much titilation / „totally radical“ bs.

#dcnu #blackhawks: #checkmate for stupid people! a covert ops team with a bright logo? eccentric, unprofessional soldiers? no humour. meh.

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sad and bad:

#dcnu #omac: big Kirby homage, much brawling/action + derivative art: seems like a 70ies comic. People disliked technobabble / Brother Eye.

#dcnu #deathstroke: worst comic so far? Slade is cruel, evil and snappy. art / writing / sensibility like bad 90ies book. crude. lazy. lame.

#dcnu #suicidesquad: inferior to #secretsix. bad writing. idiotic costumes. brain-dead changes. people feel embarassed: sub-par book.

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So that’s the collected buzz on Twitter and the comic book sites.

Please see my (more personal) recommendations of all new 52 books here (Link, TBA).

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in the meantime, please read: