Thomas Wolfe

Erzählen / Schreiben mit „Buffy“

wordpress pokédath.

Freundin K. gehört auf jede Liste meiner Lieblingsmenschen. Eine Hauptrolle in der Oberstufe, eine Schlüsselrolle in der Gegenwart, tolle Gastauftritte im Studium, ein wichtiger Kurzbesuch in Toronto: K. ist eine Kritikerin, eine Reibefläche, eine skeptische, kluge, hochnervöse Frau, die alles richtig machen will – und sich in grimmige, tragische Schlamassel manövriert. Ein toller Mensch. Und, für Romane: eine tolle Figur.

In „Zimmer voller Freunde“ existiert sie nicht.

Weil Helena, Sassi, Stoff – als Clique, Trio – allen Raum einnehmen. Weil ich drei Frauen in Stefans Welt balancieren kann, aber vier chaotisch und beliebig wirken. Weil alles, was ich auf 420 Seiten erzählen will, bereits mit diesen drei Figuren (…und all den anderen zentralen Frauen – Käthe, Antje, Chrissy, Dani, Sonja, Carmen…) erzählt werden kann. Und: Weil K. eigene Nebenfiguren mit sich brächte. Figuren, die meinen Roman belasten, stören, verderben können.


Teen Dramas tun sich furchtbar schwer, in ihren Ensembles Platz zu schaffen für Mauerblümchen / Spätzünder und erfahrene, zynische, (sexuell) selbstbewusste Helden: Viele Hemmnisse / Unsicherheiten „behüteter“ Jugendlicher wirken lächerlich (Streberin Andrea, „Beverly Hills 90210“: „Guys? I’ve never been on a roller coaster before!“), doch viele Erwachsenen-Probleme haben kaum Bezug zur Lebensrealität der Zielgruppe. („90210“-Draufgänger Dylan, im selben Alter: Alkoholiker, Millionenerbe, Ärger mit Mafia-Buchmachern.)

Ich mag, bis heute, Lösung / Ordnung bei „Willkommen im Leben“:

  • Hauptfigur Angela ist mittelmäßig souverän / erfahren…
  • …folgt der „erwachsenen“, forschen Rayanne…
  • …und lässt dabei ihre biedere Grundschulfreundin Sharon zurück.

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Die drei männlichen Teenager spiegeln Angelas Konflikt:

  • Nachbar / Nerd Brian ist planlos, bieder, unerfahren…
  • Jordan Catalano hat eine Band, ein Auto, alle Freiheiten…
  • …und Rickie steht dazwischen – mittelmäßig souverän / erfahren.

[Sympathisch: Sowohl die „extremen“ Mädchen, Rayanne und Sharon, als auch die „extremen“ Jungs, Jordan und Brian, finden im Lauf der Staffel Gemeinsamkeiten und werden – hinter Angelas Rücken / ohne vermittelnde Instanz – Freunde.]

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K., K.s große Liebe und dessen Mutter würden, im „Zimmer voller Freunde“-Gefüge, ein umständliches, dummes Ungleichgewicht schaffen:

  • „erwachsene“ Männer? Levin und Frank.
  • Norm / Mittelmaß? Stefan und Fred.
  • naiv / behütet? Stäcy (und: Fred, in Stefans Wahrnehmung).
  • „erwachsene“ Frauen? Stoff und Käthe.
  • Norm / Mittelmaß? Antje und Sassi.
  • naiv / behütet? Helena (und: Sassi, in Stefans Wahrnehmung).

K. wäre die dritte – mittelmäßig souveräne / erfahrene – weibliche Hauptfigur. K.s. Partner, ein stoischer Footballspieler – pragmatisch, trocken, notorisch gelangweilt von den „Kindsköpfen“ der Clique – der dritte „erwachsene“ Mann. Selbst seine Mutter – K.s größte Kritikerin: kalt, spöttisch, blasiert, zwei Zentner schwer – müsste ich durch 400 Seiten Handlung schleppen… und mit K.s eigener Familie / Mutter kontrastieren.

Um K.s Geschichte stimmig zu erzählen, muss ich zur deutschen Football-Kultur recherchieren, zwei neue Hauptfiguren, vier zusätzliche Eltern, diverse Geschwister zueinander und zu allen anderen Figuren positionieren. Ich müsste die Unterschiede / Gemeinsamkeiten von K., Stoff, Sassi, Helena so zuspitzen, dass alle vier Mädchen eine distinkt eigene, unverwechselbare / zentrale Rolle / Funktion im Roman (…und der Dynamik der Clique) erfüllen. Und über Fragen schreiben, die K.s Leben beherrschten – und mir ganz ungefragt in meine eigene Geschichte rasselten:

regionale Sportvereine, eifersüchtige „Schwiegermütter“, Wehrdienst; Sprüche / Werte wie „Ich bin ein echter Mann – ich trinke Wodka pur!“ und die verzweifelte, tägliche Panik Siebzehnjähriger (!), bei einem Partner „aufs falsche Pferd gesetzt zu haben“.

Dieser Dreck hat meine Jugend sinnlos dominiert.

Dieser Dreck soll bitte, bitte nicht auch noch mein Buch überfluten:

Kein Platz für K., im „Freundeversum“.

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Das Ensemble von „Buffy – im Bann der Dämonen“ (1997 bis 2003 auf The WB / UPN, sieben Staffeln, 144 Episoden) hatte nach vier Jahren eine seltsame Schlagseite: zwei Partner von Buffy hatten die Serie verlassen, Buffys Schulfreunde fanden eigene Beziehungen, und menschlich / erzählerisch schien Buffy selbst das langweiligste Mitglied der Gruppe. „Restless“ (Link), die letzte Episode von Staffel 4, benannte / verschärfte das Problem, indem vier Hauptfiguren vier symbolische Tarotkarten zugewiesen wurden: Sophus für Mentor Giles, Animus für Kumpel Xander, Spiritus für Hexe Willow… und (gähn!) Manus für Buffy – das Mädchen fürs Grobe.

Über Nacht aber, zu Staffel 5, lebt eine Vierzehnjährige im Haushalt von Buffys Mutter: Buffys kleine Schwester, Dawn – eine Figur, die vier Jahre lang nicht existierte (Buffy war Einzelkind, Tochter einer alleinerziehenden Mutter), doch die fortan – Zauberei oder schlechtes Erzählen? – dazu gehört, als wäre sie schon immer Teil von Buffys (Wahl-)Familie und Clique.

„According to Buffy creator Joss Whedon, the introduction of Dawn in Season Five was partly so protagonist Buffy Summers could experience a ‚really important, intense emotional relationship‘ with someone other than a boyfriend“, erklärt Wikipedia (Link). Tatsächlich dachten viele Kritiker zuerst an Seifenopern, Heldencomics und andere mäandernde, wacklig erzähle Fließband- und Endlos-Narrative:

  • Papa Schlumpf war der älteste Schlumpf, bis (…zu Staffel 6 der Trickfilm-Serie) ein nie zuvor erwähnter „Opa Schlumpf“ „von einer 500 Jahre langen Reise um die Welt“ zurückkehrte.
  • Staffel 8 von „Dallas“ war ein einziger langer, „böser Traum“, der endete, als die (vermeintlich tote) Hauptfigur Bobby Ewing aus der Dusche stieg.
  • 1979, im ersten „Star Trek“-Kinofilm, hatten Klingonen eine fremdartigere, neue Gesichts- / Stirn-Struktur als in der „Star Trek“-Fernsehserie, 1966 bis 69. Erst 2005 dichteten „Star Trek“-Autoren eine Erklärung: Alle Klingonen der Ursprungs-Serie waren genetisch modifizierte Agenten / Hybriden.

„Retroactive Continuity“ heißt der – durchschaubare – Erzähl-Trick (Link), bei dem neue „Fakten“ Altbekanntem widersprechen, doch eine hanebüchene, nachgelieferte Erklärung postuliert, dass es doch „eigentlich“, „in Wirklichkeit“, „schon immer“ so war: Lex Luthor war ein Nachbarsjunge von Clark Kent. Soap-Helden haben Schwestern und Brüder, die für fünf oder zehn Jahre nie erwähnt werden – und andere Väter als gedacht, denn ihre Mütter, erfahren sie mit 20, 30, 40, hatten Affären.

In Staffel 3 von „Dawson’s Creek“ zog Jens geheimnisvolle Halbschwester Eve nach Capeside – und versuchte, mit Dawson zu schlafen. Als die Einschaltquoten fielen, verschwand Eve über Nacht… und wurde nie mehr erwähnt. In Staffel 4 begann Dawson dann eine Liebelei mit Gretchen – der bislang kaum erwähnten großen Schwester von Pacey.

Auch Buffys plötzliche Schwester wurde „erklärt“: Dawn ist ein mystischer, okkulter „Schlüssel“, dessen Blut die Barriere zwischen Dimensionen einreißen kann. Damit Buffy – in ihrer Funktion als auserwählter Slayer – alles tut, um diesen Schlüssel vor der Höllen-Göttin Glory zu beschützen, gaben ihm geheimnisvolle Mönche die Gestalt eines jungen Mädchens – und fälschten die Erinnerungen aller Menschen, die mit Buffy und ihrer Mutter in Berührung kamen.

Josss Whedons Erzähl- und Experimentierfreude ist zu verdanken, dass dieser – reichlich doofe – Erzähl-Kniff spannend, mutig, frisch und clever wirkt (statt planlos / verzweifelt / abgestanden, wie die meisten anderen Retcons):

  • „Lost“ wechselt die Perspektive: Das kleine Häuschen in der Vorstadt… steht mitten im Dschungel. Wir haben die Kamera bislang nur niemals auf die Türschwelle gerichtet, und auf die Welt hinter den Fenstern.
  • „Buffy“ wechselt das Gesamtbild: Bisher lebten Mutter und Tochter hier im Haus. Doch über Nacht kamen Zauber-Mönche, verhexten alle Freunde: Seitdem hat Buffy eine Schwester.
  • Joss Whedon, als Erzähler, wechselt die Parameter: Bisher war Buffy ein Einzelkind. Wir werden sehen, wie sich das gesamte Erzählgefüge wandelt, wenn wir ihr die Verantwortung für eine vierzehnjährige Schwester geben.

Im letzten Kapitel von „Zimmer voller Freunde“ wird keine plötzliche Freundin K. aus den Kulissen hüpfen – „Ich war schon immer hier, und voll dabei: Überraschung!“ Doch es erschien mir albern, billig, verbissen, unbeholfen, zu behaupten „Das ist die ‚Zimmer voller Freunde‘-Welt. Für eine K.-Figur ist hier kein Platz…“, und drei Erzähl-Instanzen eisern gleichzusetzen, von denen zweiund das weiß jeder, und mit diesem Wissen kann, in immer neuen Büchern, gespielt, probiert, gearbeitet werden!Kunstgriffe / Kunstfiguren sind:

  • Ich-Erzähler Stefan (A), 16 Jahre alt, erzählt „seine“ Kapitel mit allen perspektivischen Beschränkungen / Scheuklappen seines Milieus und Alters: Bekommt Frank in Kapitel 6 ein Handy geschenkt, denkt Stefan noch in Kapitel 7: „Das hat er sich wohl selbst gekauft, bestimmt“; und erst Kapitel aus Franks / Antjes Sicht sind „objektiver“ als die unzuverlässigen, tendenziösen Schilderungen Stefans.
  • „Stefan Mesch“, als Autor, Konstrukteur, Chronist (B), baut, circa 2008, aus seinen Tagebüchern / Erinnerungen und den Geschichten von Stoff, Sassi, Antje, Frank etc. ein „dramatisches, tiefgründiges Ensemble-Drama“ namens „Zimmer voller Freunde“ – doch ein Kapitel aus Franks / Antjes Sicht ist (…als Bauchredner-Trick, Gedankenspiel, literarische Emulation) noch fadenscheiniger als die tenziösen, aber wenigstens noch „selbst erlebten“ Kapitel Stefans.

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„’How I Met Your Mother’“, schreibt TV Tropes, „makes [retroactive continuity] part of its regular routine, as the show is framed as the recollections of an Unreliable Narrator; Ted is regularly shown to remember things that are out of order or skips over events and people that he deems unimportant to that particular story. A lot of events and characters are only mentioned when they actually become relevant.“

Hier ist es einfach:

  • A: (Hauptfigur) Ted in der Gegenwart.
  • B: (Ich-Erzähler) Ted in der Zukunft, sich erinnernd.
  • C: Drehuchautoren, die diesen beiden Ted-Kunstfiguren eine Stimme geben.
  • A: Stefan Mesch, 16 Jahre alt, erzählt.
  • B: „Stefan Mesch“, ca. 2008, baut ein „Ensemble-Drama“, erzählt übers Erzählen.
  • C: Stefan Mesch – ich, heute, mit allem Wissen, allen Tricks – schreibt den Roman.

Vor drei Wochen schrieb ich über Retcons / Perspektivwechsel und große, plötzliche Veränderungen in Thomas Wolfes Roman-Welt:

„Die Thomas-Wolfe-Figur (ob nun „Eugene Gant“ oder „George Webber“) und „Esther Jacks“ (im echten Leben: Alice Bernstein) sind authentisch. Alles andere steht wie auf Rollen auf der Bühne, und wird verschoben, neu arrangiert, wie es am besten passt.

„Ist das deine Familie?“, „Ist das wirklich passiert?“, „Du warst selbst dort? Du kennst das alles?“ sind Fragen, die eine immense Dynamik entfalten – Dringlichkeit, voyeuristische Spannung, einen „intimen“ Sog: Sie schaffen Nähe zwischen Leser und Autor, machen Romane zu „Berichten“ über „Menschen“ – statt bloßen Fiktionen, voller Figuren.

Mein Stoff ist nicht die Summe meiner spärlichen Kleinstadt-, Provinz- und Alltags-Erfahrungen. Oder die drei-, viertausend Seiten biografisches Material über mich und meine Freunde, die ich damals geschrieben und gesammelt habe.

Sondern – ganz wie bei Wolfe – die Frage, wie man mit solchen Stoffen lebt und schreibt.“

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„Alles andere steht wie auf Rollen auf der Bühne, und wird verschoben, neu arrangiert, wie es am besten passt“: Mal sehen, wann ich Freundin K. ins Spiel bringe. Vergessen ist sie nicht. „Verloren“ auf keinen Fall.

Und: Ich brauche keine Zauber-Mönche, um sie in zukünftige Romane zu schaffen.

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Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

Erzählen / Schreiben… mit Thomas Wolfe

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Seit Thomas Wolfes Kleinstadt-, Familien-, Autoren- und Bildungsroman „You can’t go home again“ / „Es führt kein Weg zurück“ – erschienen 1940, von mir gelesen 2011 – verstehe ich meinen Erzählstoff als meinen Stoff:

  • Ich führte Tagebuch, von 1997 bis 2004.

  • Ich sammelte Gasteinträge, Interviews, Briefe, Dialoge.

  • 2003 kam ich nach Hildesheim. Und fürchtete bald, nichts erlebt / zu sagen zu haben, das einen Roman „rechtfertigt“.

Im Grundstudium, bis 2006, schrieb ich knapp 40 Kurzgeschichten, für Jahrgangs- und Jahresanthologien, Literaturzeitschriften, Wettbewerbe, e-Zines, Schreibwerkstätten und Buchprojekte. Gelegentlich schrieb ich Kurzprosa, zwei, drei Science-Fiction-Texte, montierte Briefe und Zitate.

Doch „eigentlich“ schrieb ich – recht selbstbewusst, halbwegs stilsicher – nur Texte, in denen junge Erwachsene Entscheidungen über Freundschaften, Beziehungen, ihr Verhältnis zu Eltern oder Heimat treffen, erzählt aus wechselnden Perspektiven, oft mit Auslassungen, Rückblenden, überraschenden Schnitten: Puzzles über Abschied, Verlust, Flucht, Rivalität.

  • ein junges Paar trennt sich nach dem Unfalltod ihrer Tochter

  • eine Sex-Wette zwischen Oberstufen-Kumpels endet auf den Schienen der Stadtbahn

  • vier Bewohner einer WG verlieren, bei Nabelschau und Streit am Küchentisch, allen Bezug zur Welt vor ihren Fenstern

  • als Schülerin allein und unbeliebt, versucht eine Neunzehnjährige, im Medizinstudium alles besser zu machen

  • Grundschulfreunde, deren Eltern vor 15 Jahren eine Affäre hatten, treffen sich als Erwachsene

Viel zu lange – und: viel zu verkrampft – mischte ich solchen Texten Elemente bei, die ich mit Ach und Krach von Schreiber-Freunden erfragt, mir angelesen oder ergoogelt hatte: psychiatrische, sexuelle, historische „große“ Enthüllungen und Eskalationen: Fehlgeburten, Selbstmordversuche, Zeitsprünge um zwanzig, fünfzig Jahre, Kokain, Flugreisen ins außereuropäische Ausland, Geschlechtsverkehr, Tumore.

Die besten „jungen“, deutschsprachigen Texte, die mir im Rahmen des Studiums – meist von Kommilitonen, im BELLA triste-Kontext – empfohlen wurden, hatten einen Erfahrungsreichtum und, wichtiger, eine Nonchalance, die mich… schwindeln ließ:

Erzähler aus meiner Generation, geboren in den 70ern und 80ern, doch zwischen zwei Kulturen aufgewachsen oder in der DDR, hatten schon mit 14, 15 ein archaisches Land- oder (andersrum) ein schnelles, dreckiges Stadtleben in vielen Subkulturen und Geheimnissen durchdrungen und verstanden, ließen Figuren jeden Alters reisen, feiern, lieben, trinken, sich verletzen – mit ruhiger Hand, ohne Aufregung.

Alle Großeltern hatten Charisma und kraftvolle Flüchtlings-/Weltkriegs-Lebensläufe, alle Frauen routinierten, etwas schwermütigen Sex, jedes Bühnenbild und jeder historische Exkurs wurde so kundig und gelassen gespannt, wie ich keinen Gang durch einen Drogeriemarkt schildern könnte… ohne vorher drei Bücher über Drogeriemärkte zu lesen:

Romane von Freunden (und / oder: Altersgenossen), die ich nicht zu lesen wage… weil sie – in ihrer Stoffwahl – so viel Welt, so viel Bewegung und beherztes „Dem Thema bin ich gewachsen. Den Raum habe ich verstanden. Dem werde ich erzählerisch gerecht!“ voraussetzen:

Mein Timer hat 367 Einträge. Mein Notenschnitt ist 2,1. Ich bin 5989 Tage alt und war zweimal betrunken, doch nie bekifft. Ich habe noch nie – für Geld – gearbeitet. Ich rauchte nie und habe nie Hackfleischbällchen bei IKEA gegessen. Ich habe noch nie ein Tor geschossen. Ich weiß nicht, wie man einen Kopfsprung macht. Ich war noch nie auf einem echten Rave. Kein Mensch wollte mich je küssen […]“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

…schreibt Stefan Mesch, die 16 Jahre alte Hauptfigur aus „Zimmer voller Freunde“. Ihr 29 Jahre alter Autor hat viel geraucht, und fuhr Ende März 2009 zu IKEA, um Hackfleischbällchen zu probieren.

Sonst tat sich wenig.

Falls ich noch zwanzig Romane schreibe – „Dem Thema bin ich gewachsen. Den Raum habe ich verstanden. Dem werde ich erzählerisch gerecht!“ werde ich nur über eine Handvoll – häuslicher / privater – Milieus behaupten können: Fabulieren, und fünfzig Jahre weite Bögen spannen? Meine Hildesheimer Echokammern halten das für eine Grundvoraussetzung „großer“ Romane. Mir selbst misslang es, jahrelang. Die großen Romane über Danzig, Brahms, jüdische Flüchtlinge in Shanghai, besetzte Häuser in Hamburg… muss jemand anderes schreiben:

thomas wolfe: penguin cover

Thomas Wolfe wurde 1900 geboren, in Asheville, North Carolina. „You can’t go home again“ (1940) – ein Buch, das ich als Zwölftklässler, zum Warten auf den Bus, aus der Schulbibliothek stahl – ist sein letzter, vierter Roman, posthum veröffentlicht und erst von Wolfes Lektor in Romanform gebracht.

Ein junger Schriftsteller, der sich in New York mühsam über Wasser hält, kehrt für eine Trauerfeier zurück in die Kleinstadt seiner Kindheit – kurz nach Veröffentlichung seines ersten Romans, „Home to our Mountains“ und dem Börsencrash, bei dem seine Mutter Geld mit Immobilienspekulation verlor.

Die Feindseligkeit alter Freunde, Irritationen in der Familie und die Geworfenheit der Hauptfigur setzen sich draußen – in der Welt – fort: beim Umgang mit dem exzentrischem Lektor Foxhall Edwards (Wolfes Lektor Maxwell Perkins nachempfunden), einer misslungenen Soiree, veranstaltet von einem reichen Ehepaar, mit dessen weiblicher Hälfte, der Bühnenbildnerin Esther Jacks, Wolfes Hauptfigur eine Affäre hat, und im Besuch des Münchner Oktoberfests, umgeben von Pöbel, Kleinbürgern, Nazis.

Dringlich, kraftvoll, lesenswert werden diese – recht alltäglichen – Episoden, weil Wolfe nie große gedankliche Schritte abweicht vom Erfahrungshorizont seiner Figur: Provinzjunge „George Webber“ führt durch Räume und Milieus, die ihm am Herzen liegen und die er verstanden / durchdrungen hat.

Zu Literatur werden diese – sehr persönlichen – Berichte über Familie, Heimat, Freundschaft, weil eine authentische Figur authentische Räume beschreibt… in einem komplexen, artifiziellen Erzählgerüst:

  • Schau heimwärts, Engel“ (1929), Wolfes erster Roman, erzählt die ersten 19 Lebensjahre von Eugene Gant und seiner exzentrischen Familie im Bergstädtchen Altamont, Catawba.

  • Von Zeit und Strom“ (1935) beschreibt Gants Studienjahre und eine ausgedehnte Reise durch Europa. Am Ende des Romans sieht Gant den Dampfer zurück nach Amerika und verliebt sich in eine Passagierin: Bühnenbildnerin Esther Jack.

  • Es führt kein Weg zurück“ (posthum veröffentlicht, 1940), beschreibt, wie George Webber 1929, nach Veröffentlichung seines Romans „Home to our Mountains“ über das fiktive Bergstädtchen Old Catawba, zurück nach Libya Hill reist… und über die Zukunft mit Esther Jack, seiner langjährigen Affäre, entscheidet.

Hätte ich die Bücher chronologisch gelesen – vieles wäre mir geschwätzig, platt, unbeholfen erschienen. Doch (zufällig) am Höhepunkt zu beginnen, und diese Ebenen aus zusätzlichen, widersprüchlichen Fiktionalisierungen mit der Lektüre voriger Romane Stück um Stück zurückzwiebeln zu können, war ein großes – und: komplexes – Lesevergnügen:

Die Thomas-Wolfe-Figur (ob nun „Eugene Gant“ oder „George Webber“) und „Esther Jacks“ (im echten Leben: Alice Bernstein) sind authentisch. Alles andere steht wie auf Rollen auf der Bühne, und wird verschoben, neu arrangiert, wie es am besten passt.

Ist das deine Familie?“, „Ist das wirklich passiert?“, „Du warst selbst dort? Du kennst das alles?“ sind Fragen, die eine immense Dynamik entfalten – Dringlichkeit, voyeuristische Spannung, einen „intimen“ Sog: Sie schaffen Nähe zwischen Leser und Autor, machen Romane zu „Berichten“ über „Menschen“ – statt bloßen Fiktionen, voller Figuren.

Mein Stoff ist nicht die Summe meiner spärlichen Kleinstadt-, Provinz- und Alltags-Erfahrungen. Oder die drei-, viertausend Seiten biografisches Material über mich und meine Freunde, die ich damals geschrieben und gesammelt habe.

Sondern – ganz wie bei Wolfe – die Frage, wie man mit solchen Stoffen lebt und schreibt:

Wem schreibe ich das auf?

Wo ich gewesen bin. Wen es dort gab. Worauf wir warteten.

Wer wir sein wollten. Wer wir waren.

Wer uns fehlte.“

 

Für wen behält man das?“

[Zitate aus „Zimmer voller Freunde“]

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Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

Sommerbücher …aus der Frankfurter Allgemeinen

Wenn meine Mutter sonntags Brötchen holt, kauft sie sich die Welt, weil sie „so ansprechend aussieht“.

Wenn ich sonntags Brötchen hole, kaufe ich ihr lieber die FAS.

Und diese Woche hat sich dieser Kauf auch für mich selbst gelohnt: „Der Sommer unseres Vergnügens“ – eine ganzseitige Liste mit 109 Buch-, Musik- und Filmempfehlungen von 14 FAZ-Kritikern/Redakteuren und Autoren.

Elf Männer, aber nur drei Frauen – von denen zwei, Julia Encke und Johanna Adorján – auch ausschließlich männliche Künstler empfehlen.  😦

Hier: 13 dieser 110 Empfehlungen, die mich selbst interessieren.

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MARK SEAL: ‚The Man in the Rockefeller Suit‘ (Sachuch/historisch, Empfehlung von Johanna Adorján)

WOLFGANG HERRNDORF: ‚Tschick‘ (Roman, Empfehlung von Johanna Adorján, Claudius Seidl und Maxim Biller)

DAVE EGGERS: ‚Zeitoun‘ (Roman über New Orleans/Katrina, Empfehlung von Julia Encke; letzte Woche bei Amazon bestellt)

MILAN KUNDERA: ‚Eine Begegnung‘, (Roman, Empfehlung von Andreas Kilb)

JAMES SALLIS: ‚Der Killer stirbt‘ (literarischer Krimi, Empfehlung von Peter Körte)

BRUNO TAUT: ‚Japans Kunst, mit europäischen Augen gesehen‘ (Bildband, Empfehlung von Peter Richter… das altbackene Cover erschreckt mich ein bisschen)

HANNELORE SCHLAFFER: ‚Die intellektuelle Ehe: Der Plan vom Leben als Paar‘ (Sachbuch/Kulturwissenschaft, Empfehlung von Tobias Rüther, viel Gutes gehört, steht schon seit Februar auf meiner Liste.)

DAVID GROSSMAN: ‚Eine Frau flieht vor einer Nachricht‘ (Roman, Empfehlung von Tobias Rüther)

DAVID THOMSON: ‚The whole Equation: A History of Hollywood‘ (Sachbuch, Empfehlung von Claudius Seidl, die Goodreads-Kritiker wirken leider nicht sehr euphorisch)

JOSEPH MITCHELL: ‚McSorley’s wonderful Saloon‘ (legendäre Reportagen, seit Frühjahr endlich auch in einer deutschen Neuauflage, Empfehlung von Harald Staun)

MARTHA GELLHORN: ‚Reisen mit mir und einem anderen. Fünf Höllenfahrten.‘ (Reportagen von der dritten Ehefrau Ernest Hemingways, Empfehlung von Volker Weidermann)

ERICH MÜHSAM: ‚Tagebücher‘ (das haben Freundinnen A., S. und V. 2003 im Germanistik-Grundstudium gelesen – seitdem verehren sie Mühsam, alle drei. Empfehlung von Volker Weidermann)

…und den Facebook-Thriller ‚Catfish‘ von 2010, über den ich nie sehr viel Gutes hörte – doch der nach wie vor auf meiner ‚ansehen!‘-Liste steht. Ein moderner Hitchcock-Film? Oder nur ‚Blair Witch Project‘, zehn Jahre später? (Empfehlung von Johanna Adorján)

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Niklaas Maak empfiehlt ‚Die Party bei den Jacks‘ von meinem Lieblingsautor THOMAS WOLFE. Das ist kein schlechtes Buch… aber nur EIN Teil des (riesigen und ungeordneten) Manuskripts, das auch unter dem Titel ‚Es führt kein Weg zurück‘ veröffentlicht wurde.

Meine Empfehlung: Das ganze Buch lesen – vielleicht sogar zuerst den Vorläufer ‚Von Stein und Fels‘ (die Vorgeschichte zur Liebesgeschichte)… oder, ganz chronologisch, mit den allerersten beiden Wolfe-Romanen beginnen, ‚Schau heimwärts, Engel‘ (1) und ‚Von Zeit und Strom: Eine Geschichte vom Hunger des Menschen in der Jugend‘ (2).

Hier wird, auf fast 4000 Seiten, eine Biografie erzählt. Einsteigen kann man überall – ich selbst habe auch mit Band 4 begonnen.

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Insgesamt: schöne Liste. Sympathisch abseitige Empfehlungen.

Aber: Fast ausschließlich Männer.

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