Theater

„FutureLovers“: erstes queeres Festival am Schauspiel Dortmund

für Deutschlandfunk Kultur besuchte ich das (digitale) „FutureLovers“-Festival am Schauspiel Dortmund.

Gespräch mit mir, im DLF-Magazin „Kompressor“, 29. Juni 2021:

Link (Audio, 8 Minuten)

Queer-Festival „FutureLovers“
Mehr Bühnen, Geld, Respekt für LGBT+

Vier Tage und gut 20 Programmpunkte – noch mindestens vier Wochen als Video gratis abrufbar: „FutureLovers“, das erste queere Festival am Schauspiel Dortmund, fand fürs Publikum vor allem online statt: im Theater-Blog.

Besonders die drei großen künstlerischen Beiträge überzeugen: Im Spielfilm „Futur Drei“ lernt Parvis, dessen iranische Eltern einen Edeka-Markt in Hildesheim führen, bei Sozialstunden mit Geflüchteten ein Geschwisterpaar aus dem Iran kennen. Im autofiktionalen Ein-Personen-Musical „Mwinda“ erzählt und singt Belendwja Peter bombastisch orchestriert und mit viel Witz, Trotz, Pathos von einer nicht-binären Schwarzen Person aus London, die wegen Armut und Behinderung obdachlos wird, Sexarbeit macht und später auch im Ruhrgebiet auf Ausgrenzung und Rassismen trifft.

Die Ballroom-Kultur, in der sich queere Menschen (oft: trans Frauen) of Color bei Laufsteg-, Tanz-, Posier-, Kostüm-Wettbewerben feiern und bestärken, kennen mittlerweile auch viele Deutsche durch die Netflix-Serie „Pose“ oder die Doku „Paris is burning“. Ein „Mini-Ballroom“ ohne Publikum auf der Hinterbühne des Schauspiel Dortmund zeigt zehn Kandidat*innen, drei Jury-Mitglieder, eine Ansage- und eine moderierende Person und wirkt anfangs etwas luftleer, nervös und simuliert. Doch in der zweiten Hälfte (und im tollen Begleit-Gespräch, das die Ballroom-Kultur ein wenig erklärt und kontextualisiert) wird viel klarer, wie widerständig, respektvoll, bitter nötig solche Shows und Rituale ums Vorzeigen, Gesehenwerden und Feiern von Körpern sind, die sich Geschlechts-Klischees und Zuschreibungen entziehen.

Georgina Leo Saint Laurent nennt sich „die Pionierin von Ballroom in Deutschland“ – doch macht erfrischend deutlich, dass man als Zaungast und Beobachter der Ballroom-Szene in New York vor allem lernt, noch mehr zu lernen, zuzuhören, sich über Traditionen und antirassistische Arbeit zu bilden. „Teil davon ist, dass der Lernprozess unangenehm ist. Ich habe nur gelernt, weil ich in super-vielen unangenehmen Situationen war und erkannte: Wow – du bist einfach nur ignorant gerade. Step up your game!“

„Ich finde, Ballroom ist eine Kultur, die beschützt werden muss – und sie ist nunmal nicht für jeden Menschen“, sagt Ria Saint Laurent, Tänzerin und trans Frau: „Man muss hinter dieser Kultur stehen. Man kann sich aus dieser Kultur nicht Dinge aussuchen – dies mag ich, das mag ich nicht. Du nimmst alles daran. Das heißt: auch den Aktivismus! Hinter trans Menschen zu stehen. In Medien trans Menschen Platz zu geben. Schwule cis Männer sind nicht die einzige Repräsentanz. Die LGBT+-Bewegung repräsentieren? Ballroom repräsentieren? Trans Menschen fingen diese Bewegungen an, und es wird jetzt langsam Zeit, dass sie im Fokus stehen!“

Als recht zugängliches, inklusives und barrierearmes Festival sammelt und zeigt „FutureLovers“ queere Stimmen – doch fragt sie überraschend wenig nach Queerness und Erfahrungen. Es geht kaum um Personen, die Dinge erlebten (etwa als queere und/oder behinderte und/oder rassifizierte Person) und jetzt das Anliegen haben Schmerz, Trauma, Verletzungen (oder Triumphe!) an ein Publikum zu tragen: in Kunst oder im persönlichen Bericht.

Stattdessen sprechen viele Eingeladene über Macht und Machtlosigkeit in ihren Rollen als Schnittpunkt oder Vermittelnde: Wer eine queere Literaturzeitschrift führt oder ein queeres Jugendprojekt, wer sich für Inklusion am Theater einsetzt, Workshops gibt oder mit Kunst einen recht normativen, feindlichen Raum betritt, berichtet bei „FutureLovers“ weniger vom eigenen Queersein und queeren Lebenswelten, als vor allem von Hürden, Vermittlung und Institutionen. Allen fehlt Wertschätzung, Respekt, Geld und nachhaltige Strukturen.

Eine sehenswerte Paneldiskussion, „Kunst als Praxis der Selbstermächtigung“, kippt überraschend in ein sehr feinteiliges Gespräch über die Unterschiede zwischen brasilianischen und deutschen Kunsthochschulen. Tänzer:in Black Pearl hört an deutschen Instituten viel „Beherrsche die Technik, bevor du dich auf Bühnen ausdrückst!“, während in Südamerika klar scheint: Alle haben etwas zu sagen und dürfen sich künstlerisch ausdrücken – Handwerk und Technik sind Mittel zum Zweck, an denen man unterwegs arbeitet. Keine Grund-Hürde oder -Bedingung!

Markant ist auch der künstlerische Monolog, mit dem  Shivā Āmiri das Panel „Theater als (Verun-)Möglichkeitsraum“ beschließt: „Ich komme rein und stelle aus: meine Kunst, meinen Schweiß, mein Ich, mich. Ich komme rein und falle auf: schräge Blicke, Fragezeichen, weiße Finger auf meinen Sachen. Alle starren. Kein Hallo. […] Es wird geredet und gewertet, verallgemeinert, diskutiert – nur unreflektiert. […] Weißsein füllt den Raum. Ich zitiere, argumentiere, diskutiere. Ich benenne. Unerhört!“

Fast alle Veranstaltungen des „FutureLovers“ sind noch bis mindestens Ende Juli im Blog des Schauspiel Dortmund zu sehen, als Video, meist mit Übersetzung in deutsche Gebärdensprache:

https://blog.schauspieldortmund.de/queer-festival/queer-festival/


„Das Schauspiel Dortmund“, sagt Intendantin Julia Wissert, „begreift sich als Ort, der unsichtbar gemachte Geschichten sichtbar und hörbar macht.“ Vier Tage – bis gestern – geschah das online: beim ersten queeren Festival am Schauspiel Dotmund, unter dem Motto „FutureLovers. The future is queer“.

1) „Unsichtbar gemachte Geschichten“ – wessen Geschichten sind sichtbar, im/auf dem digitalen Festival?

Es gibt drei große künstlerische Beiträge. Einen gabs nur per Voranmeldung, den kann man nicht nachholen: Den sehenswerten Spielfilm „Futur Drei“ über einen jungen queeren Deutsch-Iraner in Hildesheim. (kann man sich aber überall für 4 Euro ausleihen, digital).

Alles andere ist noch bis mindestens Ende Juli gratis online zu sehen: Ich mochte „Mwinda“ – ein autofiktionales Ein-Personen-Musical von Belendjwa Peter. Peter kommt aus Großbritannien, ist Schwarz, nichtbinär, neurodivers und studiert Musical an der Folkwang-Uni Essen. Peter fiel auf, dass Musicals oft diese Boy-meets-Girl Geschichten erzählen für ein weißes Publikum – bei Peter geht es um ne nichtbinäre Person, die keinen Job findet wegen ner Behinderung (also: Neurodiversität), vom Vater vor die Tür gesetzt wird und obdachloch zum Sexarbeitenden wird. das als… einstündige Performance, bombastisch orchestriert, witzig, intensiv, toll gespielt.

2) …und dann gab es noch einen dritten großen Programmpunkt: eine „Mini-Ballroom-Performance“ auf der Hinterbühne des Schauspielhaus.

Man kennt das mittlerweile vielleicht aus der Netflix-Serie „Pose“ oder aus der Doku „Paris is Burning“: seit den 60er Jahren haben rassifizierte queere Menschen, oft trans Menschen, sich in „Familien“ oder „Houses“ organisiert und dann diese Tanz-, Posier- und Laufsteg-Wettbewerbe abgehalten, die Balls. Ein echtes House hier aus Deutschland, das frühere House of Melody, heute Iconic House of St. Laurent und ein zweites House… oder ein Ableger-House, das habe ich nicht ganz verstanden, das Kiki House of Solar – diese beiden Gruppen, jeweils fünf Personen, messen sich in verschiedenen Kategorien: Wer läuft wie auf einem Laufsteg? Wer setzt sein oder ihr oder einfach DAS Gesicht in Szene? Wie wird ein Körper vorgezeigt und inszeniert, alles vor einer Dreier-Jury – aber ohne die toxischen Witze oder die Frauenfeindlichkeit, die ich z.B. von schwulen Clubs oder von Drag Shows kenne: Es geht darum, Körper zu feiern, Mode zu feiern, nicht-normative Inszenierungen von Geschlecht zu feiern, von und, glaube ich, auch vor allem FÜR Menschen of Color.

3) …unter Corona-Bedingungen, auf einer Dortmunder Hinterbühne?

Das ist eine kleine Gruppe, alle sind getestet, ich glaube, die Atmosphäre hat SEHR wenig mit einem echten Ballroom-Ball zu tun. Doch Crystal – die Person die moderiert – und Cosmo – die Person, die ansagt – und die Tanzenden haben so ne Energie: in der zweiten Hälfte dachte ich echt mehrmals „Was für ein Privileg, das ansehen zu dürfen.“ was ich Futur Drei (dem Film) am Musical UND an dieser Ballroom-Performance mochte, ist, dass es digitale Nachgespräche (oder Vorgespräche, wie man will) gab und diese Gespräche klar machen: Du – der nicht in dieser Kultur ist – wirst nicht alles verstehen, KANNST gar nicht alles verstehen: aber es ist ein Zeichen von Respekt, da zuzuhören und dich zu informieren.

4) Drumherum im Programm gab es viele Gespräche: Diskussions-Panels oder Interviews…?

…die man auch alle online nachholen kann. Ich fand ein Gespräch sehr gut, „Kunst als Praxis der Selbstermächtigung“. Da hat Black Pearl, eine Schwarze trans Frau aus Brasilien, drüber geredet, dass in Brasilien klar ist: Drück dich aus, auch durch Tanz – und dann such dir nen Mentor, ne Mentorin, und lern noch die Technik. Und wie im deutschen Hochschulwesen die Grundidee immer zu sein scheint: „Du kannst die Technik noch nicht perfekt – na DANN kannst du dich auch nicht ausdrücken, künstlerisch interessant.“ Ich fand auch alle anderen Panels sehr gut besetzt – aber eher… zerquält, inhaltlich.

5) „Zerquält“ – klingt jetzt aber nicht… empowernd.

Es kommt drauf an. Ich liebe das Festival dafür, dass es wirklich versucht, möglichst viel und möglichst divers abzubilden – alles wird in deutsche Gebärdensprache gedolmetscht, Behinderung wird oft mitgedacht, bei fast jeder Person, die da sprach, dachte ich: Es ist einfach ein… Geschenk dir zuhören zu dürfen. Es fehlt trotzdem wieder viel: Asexualität und Aromantik kamen, glaube ich, überhaupt nicht vor. Über Intersex gabs… zweidrei Sätze. Ich bin keine… Diversity-Polizei, die Kompetenz hätte, das abzuklopfen. Mich stört was anderes:

Wenn gesagt wird „Wir machen Geschichten sichtbar“ denke ich als Publikum, als Konsument „Ja super, Geschichten, her damit: Ich will das alles konsumieren!“ und merke dann aber, was das für ein Machtgefälle ist, wenn ich da am Computer sitze, mir diese Schwarzen oder nicht-weißen Körper ansehen kann, zuhören kann, wie Leute von ihren Traumatisierungen erzählen – alles, damit ICH was lerne, mitnehme, damit ICH weiter komme. deshalb verstehe ich auch den Unwillen von vielen Queeren, immer wieder superpersönliche Geschichten zu erzählen über Verletzungen. Fand ich gut: Dass es davon wenig gab.

Was es aber viel gab, dass strukturell gesagt wurde: „Du bist Künstler*in oder du machst Workshops und Angebote, und du kommst an eine Institution.“ Bei ALLEN Leuten, auf die das zutraf, war klar: „Die Institution schmückt sich mit mir. Die Institution ist eigentlich noch nicht bereit für mich, oder gewillt, mir mit dem Geld und dem Respekt zu begegnen, den ich verdiene – und es passieren dann ignorante und entwürdigende Dinge. Das kostet vor allem Kraft.“

Ich finde, es ging auf diesem gesamten Festival viel weniger um Queerness als um diese Kette, diese schlimme Hierarchie. Dass jede Stufe sagt: „Wir geben uns Mühe. Doch die über uns kosten uns NUR Kraft“. Das ist ne… Realität, für marginalisierte Menschen – ich habe da null Grund, das schönzureden oder abzusprechen. Doch das ist die EINE Sache, die ich an 4 Tagen überall mitgenommen habe: Das über dir saugt dich aus – und du AHNST eigentlich: Du selbst bist eine belastende Horrorgeschichte für die Leute unter dir. Für die Leute, die weniger sichtbar sind, und weniger Gehör finden.

„First Black Woman in Space“ von Simone Dede Ayivi (Mousonturm Frankfurt/FAZ)

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Theatermacherin Simone Dede Ayivi. Foto von Juliane Kremberg

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Durch das Raue, hoch zu den Sternen

Vorbilder, Kämpferinnen, der Traum von einer besseren Welt: Simone Dede Ayivi schreibt und inszeniert. Ihr neues Stück entsteht am Mousonturm für das Festival der „afropäischen Künste“

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von Stefan Mesch

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„First Black Woman in Space“ feiert die Durchbrüche und Pionierleistungen Schwarzer Frauen. Ein Abend über Aktivistinnen, Astronautinnen, erste und gemeinsame Schritte Richtung Zukunft.

Die erste Schwarze Frau im All war Mae Jemison, 1992. Astronautin zu werden – das wurde für sie denkbar, weil sie über 20 Jahre zuvor eine andere Schwarze Frau auf der Brücke eines Raumschiffs sah: Lieutenant Uhura in „Star Trek“. Aus solchen Schrittfolgen und Vorbildern wächst Zukunft, Utopien machen Mut. Science-Fiction kann Beschränkungen der Gegenwart in Frage stellen.

Simone Dede Ayivi stammt aus Hanau und lebt in Berlin. In ihren Shows und theatralen Performances steht sie oft selbst auf der Bühne – umgeben von Videos, Soundcollagen, Expertinnenstimmen und Statements. In „First Black Woman in Space“ zeigen Frauen of Color, wer sie inspirierte und in welcher Hinsicht sie selbst zur ersten Frau im Raum wurden. Doch es gibt immer mehr als eine Pionierin, eine Vorkämpferin.„Es geht um Schwesternschaft, Empowerment, die Kraft utopischer Orte. Es reicht nicht, nur auf einzelne Biografien zu blicken. Ich will fragen: Was wird möglich, sobald wir Zukunft ohne Rassismus und Sexismus denken?“

Ayivi und ihr Produktionsteam – neun Frauen – entwickeln das Stück während einer Residenz am Mousonturm. Sie machen die Bühne zur Kontrollstation, zum Raumschiff. Und zur utopischen Gedenkstätte. In „Performing Back“, mit dem sie Ende 2015 am Mousonturm gastierte, fragte Ayivi nach deutschen Kolonialverbrechen in Afrika, öffentlichem Vergessen, Verschweigen und Protest. Es gibt eine westafrikanische AdinkraDenkfigur: Sankofa. Lerne aus der Vergangenheit – um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft gestalten zu können.

„First Black Woman in Space“ blickt auf dieselben Fragen. Aber aus der Gegenrichtung: Welche Rollen spielen Schwarze Frauen in Utopien? Wie wirken Zukunftsbilder zurück aufs Heute? Ab wann verändern Vorstellungen davon, was möglich ist, persönliche und politische Gegenwart, Berufe und Normen?

Ayivis Shows sind vielstimmig, humorvoll, kritisch, verspielt  – und entspannt geistreich. Auf ihrem Schreibtisch stapeln sich Bücher zu Zeitreisen, schwarzem Empowerment, Physik und Afrofuturismus. US-Utopien drängen meist ins All – The Final Frontier. Afrikanische Science-Fiction dagegen spielt viel öfter auf der Erde. Science-Fiction sucht griffig mehrdeutige Bilder: „Aliens tauchen auf und transportieren dich auf Schiffen in eine neue Welt, gegen deinen Willen. Die Geschichte der Versklavung – eine Entführung durch Fremde.“

Oft meldet sich Ayivi auch in Essays zu Wort, in Theater- und politischen Debatten. Ihre Sachtexte sind leidenschaftlich, klar, couragiert – eine Aktivistin, die Probleme und Lösungen deutlich benennt. Ihre Arbeiten fürs Theater haben noch andere Stärken: Hier wird gespielt, verknüpft, assoziiert. Geistreich, respektvoll. Überraschend und witzig.

„Falls du aus einer marginalisierten Position heraus etwas erreichst, muss dir klar sein: Dass du diese Möglichkeiten hattest, ist nicht nur deine Leistung. Heute stehe ich auf der Bühne. Nicht, weil ich eine bessere Künstlerin bin als Schwarze Frauen vor mir. Sondern, weil Menschen feministische und antirassistische Arbeit machten. So lange kämpften, bis Barrieren mürbe wurden und aufbrachen.“

Die erste Person, die solche Barrieren überwindet und einen neuen Raum betritt, ist oft einsam. Nichelle Nichols, Uhuras Darstellerin, wollte „Star Trek“ nach einem Jahr verlassen. Doch Martin Luther King bat sie, zu bleiben. Damit Uhura sichtbar bliebe, für ein Millionenpublikum. Ayivis Stücke zeigen: Sich eine Bühne zu erobern, öffentlich gehört, gesehen, respektiert zu werden, verändert alles. Für die Frau auf der Bühne. Und für die Menschen im Publikum.

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„First Black Woman in Space“:

  • offene Probe: 17. September 2016, 18 Uhr, Mousonturm Frankfurt
  • Vorstellungen: Herbst 2016, in u.a. Berlin (Sophiensaele), Hannover (Freies Theater) und Frankfurt
  • 26. November 2016: Vorstellung am Mousonturm Frankfurt

Wer braucht… Kultur? [Eine Debatte auf Facebook]

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Manchmal (Link) entspinnen sich auf Facebook Dialoge in einer Länge und/oder Tiefgang, die einen zweiten, längeren Blick lohnen.

Heute Abend über Kulturförderung, Zielgruppen, Theater-Subventionen… und die – erschreckend schwammige – Frage, wo „Kultur“ anfängt und aufhört.

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Hier also – copy’n’paste, aus meinem privaten Facebook-Account – eine schnelle, wilde Debatte, ursprünglich zu DIESEM Zeit-Artikel (Link) über die Kulturarbeit des deutschen Goethe-Instituts im Ausland.

Gestern Nachmittag postete ich den Link auf Facebook. Und schrieb:

Stefan: „Politikfreunde? Helft mir mal: Für die Grünen ist Kultur(förderung) keine Priorität, höre ich ab und zu, weil… Joschka Fischer vor zehn Jahren das Goether-Institut „kaputtsparen“ wollte.

Auch hier [im Artikel] stehts wieder. Und daran interessiert mich weniger: das Goethe-Insitut und die Debatten DARÜBER…

‎…als die Frage: Stimmt das? Sind die Grünen desinteressiert bis feindselig, wenn’s um Kultur geht?“

Freund M.: „Grüne? Nie gehört.“

Freund M.: „ach ernsthaft: das klingt als wäre die darstellung zu simpel unverkürzt. und politische parteien… sogar die grünen… sind etwas komplexer.“

Stefan: „Ja, natürlich. darum frage ich ja: Hat jemand Informationen für mich?“

Freund S. …postete daraufhin einen Link zum Parteiprogramm der Grünen.

Meine – zynische – Antwort: „ALLE Informationen. Direkt von der Quelle. Tolle Sache! 🙂 „http://www.deutschebp.de/g​enericsection.do?categoryI​d=2012227&contentId=704395​6

Freund S.: „Freut mich, wenn man helfen kann, lieber Stefan. :-)“

Freund S.: „Aber: Ich habe immer so ein Problem mit offiziellen Quellen von Parteien. Wenn ich von den Grünen (auf jede andere Partei übertragbar) etwas lese, dann klingt es ja immer irgendwie gut. Die schießen sich ja nicht in’s eigene Bein. Und gerade Kultur – da verscherzt sich’s ja kaum wer, ist schließlich ein Thema, was jeder irgendwie gut findet, selbst wenn man weder produziert noch viel rezipiert.

Kulturinstitutionen abschaffen ist generell böse, auch wenn man sich selbst nicht mit ihnen auseinandersetzt.

Was ich damit sagen will: Natürlich haben die Grünen ein großes, positives Statement zur Kultur. Alles andere würde ihnen schaden. Wie komplex jedoch das ausgearbeitete Konzept ist und was die eigentlichen Taten in diesem Bereich sind, zählen tausendfach mehr als dieses ‚Thesenpapier‘.“

Stefan: „Volle Zustimmung, ja.“

Anschließend postete Freundin T. den Youtube-Clip einer Bundestagsrede der grünen Abgeordneten Agnes Krumwiede (Link) und wir sprachen kurz über Krumwiedes Auftritt.

Richtig zufrieden war ich mit den Links jedoch noch nicht.

Stefan: „Leute – die Diskussion macht Sinn. Und sie interessiert mich. Aber ich hatte gehofft, von euch mit Links bombardiert zu werden über konkretes Kulturzeugs aus den letzten Jahren: „Grüne retten das Theater in Unna.“, „Grüne: Subventionen für Suppenkuche… aber nicht für Rundfunkanstalt“, ‚Grüner Bürgermeister: Integration ist wichtiger als Oper‘ usw..“

Freund S.: „Es ist tatsächlich schwer etwas zu dem Thema zu finden.“

und Freundin S., abschließend: „dass eine partei heute ein statement wie „Integration ist wichtiger als Oper“ bringt ist recht unwahrscheinlich, ums mal euphemistisch auszudrücken. und auf den offiziellen bekenntnis-Seiten zu schauen.. da muss man wohl durch die archive. hilft dir jetzt zwar nicht unmittelbar, ist aber so.

daher kann ich dir trotz zeitmangels eine kleine einschätzung geben, die die kurzrecherche im diz ergab, da es mich selbst interessiert hat: die landeskoalitionen, in denen die grünen vertreten sind, sind im zuge der sparpakete des bundes natürlich auch oft auf kulturkastration, aber die frage, wer da die schlimmsten heuchler sind.. schwierig.

augenmerk auf die letzten heißen felder: hamburg (klar), vor allem altonaer museum und die theater.. und bonn. aber die theater: sie machen im ganzen land zu, da sind sich ausnahmsweise die parteien in ihrer richtung mal einig.“

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hier beginnt der interessante/grundsätzlichere Part:

Ich postete heute Abend einen Link zur Maslow’schen Bedürfnispyramide (Link) und erklärte:

Stefan: „Kultur… ist wichtig? Oder nicht? Ich bin heute aufgeschmissen, und brauche eure Meinung/Expertise:

Die Vorgeschichte ist mein Post von gestern, über die Grünen. Ich wollte von meinem Facebook-Freundeskreis wissen, ob Kultur für die Grünen Priorität hat, und wie sich diese Haltung zur Kultur in der grünen Tagespolitik niederschlägt: Würden die Grünen für ein Stadttheater kämpfen? Ist ihnen öffentlich-rechtlicher Rundfunk wichtig usw.?

Als Antwort bekam ich in den ersten paar Stunden aber nur einen Link zur offiziellen grünen Kulturpolitik: Ein Text, den ich als ziemlich schwammig/nutzlos empfand, weil JEDE große Partei so ein .pdf irgendwo liegen hat. Keine Volkspartei würde öffentlich sagen: „Kultur ist NICHT wichtig.“

Grade sprach ich mit einer Freundin, die meinen Post und meine gestrige Frage absurd fand. „Stefan? Warum hast du gefragt, ob Kultur eine Priorität für die Grünen ist? Was soll denn so eine Frage?“

Sie sagt: Kultur – jedenfalls ‚ästhetische Kultur, z.B. Theater und die ’schönen Künste‘ – sind sehr weit oben auf Maslows Bedürfnispyramide: Menschen müssen satt sein. Menschen müssen sich sicher fühlen. Erst DANN kann über Bedürfnisse wie „Selbstverwirklichung“ nachgedacht werden. Insofern ist Kultur ein… Riesenluxus, den sich die westliche Welt zu fördern leisten kann. Aber: Nichts, von dem eine Volkspartei sagen dürfte: „Ja, klar hat das für uns Priorität.“

Ich sage: Aber Kultur ist doch überall! Mir geht es nicht [nur] um Theater: Dinge wie… Seifenopern sind auch Kultur. Alle medialen Inhalte sind Kultur.

Sie sagt: Das meiste, ja. Also, wenn du noch ‚Unterhaltung‘ dazu nimmst… sicher. Das kann auch Kultur sein. Die künstlerische Seite eben – aber nicht z.B. Nachrichten.

Ich sage: Doch. Natürlich! Nachrichten sind doch auch Kultur. Aber unbedingt. Das wird von Redakteuren geordnet, beschrieben und erklärt. Das sind… Kuratoren, die Informationen für uns aufbereiten. Auf jeden Fall ist das Kultur.

Sie sagt: Die Nachrichten kommen von Nachrichtenagenturen. Dort wird gesammelt, was wichtig ist. Das ist kein künstlerischer Akt – das sind neutrale Sammler, die ihre Meldungen weiterleiten… und dann kommen ALLE Tageszeitungen/Medien und übernehmen diese Meldungen. Da wird nicht mehr viel ‚kuratiert‘.

Ich sage: Aber hallo! Die Welt, die… ‚Die Welt‘ zeichnet, ist doch eine grundsätzlich andere Welt als die Welt, die ‚Der Spiegel‘ zeichnet. Oder der ‚Focus‘.

Sie sagt: In einer ’normalen‘ Zeitung werden Meinungen von Nachrichten getrennt. In Lokalzeitungen gibt es SO viele Seiten, in denen NUR Sachverhalte geschildert werden… das ist Informationsmanagement. Nicht aber ‚Kultur‘.

Ich sage: Künstler suchen Inhalte… und verdichten sie dann in einer dazu passenden Form. Dasselbe tun Nachrichtenagenturen doch auch: Da sitzen Kuratoren – mit einem Weltbild, Prioritäten, kulturellen Werten usw. – und entscheiden, was berichtenswert ist. Und was nicht.

Sie sagt: Nein. Da sitzen Menschen und sagen: ‚Ein Flugzeug ist in das World Trade Center geflogen.‘ DAS ist die Nachricht. DAS kommt von der Nachrichtenagentur.

Ich sage: Und dieselbe Agentur sagt doch auch: ‚Ein Big Brother-Starlet präsentiert ihren neuen Dildo auf der Reeperbahn.‘ Wer entscheidet denn, das DAS eine Nachricht ist? Die Kuratoren und Kulturschaffenden IN diesen Agenturen.

Sie sagt: Promi-News ist eher eine Form der Politik. Im Moment finden 50 Kriege statt – aber wir hören nur höchstens von einem oder zweien in den Nachrichten. Warum? Weil die Poltik ein echtes Problem damit hätte, wenn Leute wirklich ALL den Irrsinn sehen, der durch unseren Konsum / unsere globale Ausbeutung verursacht wird. Es ist ja… staatstragend, wenn die Medien dort wegsehen.

Ich sage: Ja und nein. Ich glaube nicht, dass der Staat die Nachrichtenagenturen kontrolliert… aber es IST staatstragend, ja. Deshalb ist es ja auch Kultur.

Sie sagt: Nein – deshalb ist es Politik. Und jene Aktivisten, die sich GEGEN solche Verheimlichungen und Zensuren stellen – Julian Assange zum Beispiel – sind doch keine ‚Kulturschaffenden‘. Sondern Bürgerrechtler.

Ich sage: Wenn sie etwas veröffentlichen, SIND sie Kulturschaffende, doch. Aber genauso sind die PR-Experten und Spin Doctors der Parteien Kulturschaffende. Unbedingt.

Sie sagt: Stefan – wäre ALL das Kultur, dann gäbe es doch gar keine Partei, für die (deine komische Art von Allgemein-)’Kultur‘ KEINE Priorität hatte. ALLE Parteien haben doch PR-Berater.

Ich sage: Ja. Und all diese PR-Berater prägen die Kultur. Genau wie jeder… Industriedesigner. Und jeder, der ein Stück Seife entwirft.

Sie sagt: Aber die meiste Seife WIRD doch gar nicht ‚entworfen‘. Wo ist denn Gallseife ‚entworfen‘? Das sind wirtschaftliche Gesichtspunkte. Fragen der Fertigung. Form follows function.

Ich sage: Aber auch Gallseife kommt in einer Verpackung. Und auch diese Verpackung wird von jemandem entworfen. Und um DIESE Leute geht es mir – das sind nicht furchtbar viele: Gestalter, Kuratoren… alle Menschen, die einen Inhalt in eine Form geben. Das ist ein künstlerischer Akt. Und immer auch ein Stück Weltbild… ein politischer Akt.

Sie sagt: Ich bin Lehrerin. Wie viele Menschen präge ICH? T. ist Krankenpfleger: Wie viele Menschen prät ER? Das sind doch keine Kulturschaffenden! Und das ist nichts, das man explizit fördern oder nicht fördern kann. Das gehört dazu. Rechte Parteien fördern rechte Kultur. Linke Parteien fördern linke Kultur.

Ihre abschließende Haltung: Wundere dich nicht, dass gestern niemand deine Frage nach der Kulturpolitik der Grünen gut beantworten konnte. Dir scheint ja selbst nicht klar zu sein, ob es dir um die Förderung von Opernhäusern geht… oder um diese ‚Allgemeinkultur‘. ICH finde, Opernhäuser dürfen für KEINE Volkspartei die Priorität sein. Und dieses andere – die Allgemeinkultur – das ist dann eher Öffentlichkeitsarbeit, (Bildungs-)Politik und die Vermittlung der jeweiligen Werte, die eine Partei hat. Bei den Grünen z.B. die Protestkultur.“

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die Antworten, Reaktionen, Kommentare:

Freund J. schreibt: „das heisst ja erstmal nur, dass kultur eine art von luxusgut ist, sehr weitgefasst: wenn ich alle meine grundbedürfnisse befriedigt habe, erst dann ist es für mich wichtig, herauszufinden, warum genau ich diese grundbedürfnisse eigentlich befriedigt habe, was es eigentlich heisst, für mich, als person, grundbedürfnisse zu haben, herauszufinden, wie die welt um mich herum funktioniert, und was noch so alles geht.

oder anders gesagt: diese venus von willendorf (Link).

[Das ist] so wichtig, genau wie felszeichnungen, us. usf., weil sie anzeigen, dass da etwas passiert, das über das hinausgeht, was ich brauche, um zu überleben.

aber leben und überleben sind ja zwei paar schuhe. also: kultur ist wichtig.“

Freundin N.: „Klar ist Kultur wichtig. Und diese Diskussion um erst essen und dann Kultur hatte ich auch mal.

In den Niederlanden übrigens fördern Rechte Parteien keine Kultur. Sie schaffen sie ab. Es muss gespart werden und da spart man am Liebsten an den 1% des kompletten Budget, das für Kultur draufgeht, weil bestimmte Formen von Kultur eben keine messbaren, schnell Sichtbaren Ergebnisse bringt. Aber stimmt, Design ist in und Creative Industries sind in … aber fördern muss man sich trotzdem selber.“

Freundin J.: „So, ich habs jetzt nicht alles gelesen, das Ende nur überflogen. Aber was deine Freundin über die Nachrichtenagenturen bzw. Zeitungen sagt, ist absoluter Quatsch, und ich muss es wissen, weil ich alle Nachrichtenagenturen (die allesamt schon Nachrichten kuratieren und darstellen – es gibt zum Beispiel christliche Nachrichtenagenturen, die völlig andere Meldungen tickern als bzw. DPA) mitlese. Man kann keine Nachricht neutral darstellen mit allen Hintergründen, schon die Agenturen wählen aus und stellen verschieden dar. So, dann wird nochmal in den Zeitungen in den Konferenzen ausgewählt, welche Meldung für die spezifische Leserschaft Relevanz hat und wie groß und wie prominent diese Meldung gebracht wird. Deswegen ist ja die Gesellschafts- und Klatschseite immer weiter hinten in der Zeitung als Politik und Wirtschaft.“

…und fügt hinzu: „Und die Grünen rechnen Kultur zu dem Grundrechten und fordern eine Kulturflatrate – vor allem für Kinder aus kulturfernen Haushalten.

Was Dir als schwammig erschien, ist der Schutz davor, dass den Grünen vorgeworfen wird, sie seien eine Besserverdienerpartei.

Und Kultur (vor allem: Opernhäuser) wird in Hamburg übrigens aus ganz blöden Gründen gefördert – als Standortfaktor. Weil: Fachkräfte ziehen nur in Städte, wo ihnen etwas geboten wird.

siehe: Richard Florida.

http://de.wikipedia.org/wi​ki/Kreative_Klasse (Link)

[Freund J.] hat Recht. Leider ist es so, dass irgendjemand mal entschieden hat, was förderungswürdig (also anspruchsvoll und bedürftig) ist und welche Kultur sich selbst finanziert.

Lies das mal, Stefan: Das fasst Politik und Stadtförderung [in Hamburg] zur Zeit am besten zusammen.

http://nionhh.wordpress.co​m/about/ (Link)

…und zu meiner Beschreibung der Grünen Haltung: Das ist natürlich jetzt etwas sehr zusammengefasst. Aber die haben schöne Konzepte entwickelt, vor allem von Stadtteilskultur.“

Freund J.: „nun ja, solange es genug förderer gibt, die unterschiedlichste sachen fördern, ist ja alles in butter.

aber ich habe ein problem mit diesen leuten, die sich dagegen wehren, als standortfaktor bezeichnet zu werden, oder als marketinginstrument, obwohl sie das sicher aus den richtigen gründen tun – aber ich kann ja andererseits nicht rumlaufen und sagen, hui, ich mache jetzt kultur, aber keiner kommt, weils keinen interessiert. dann habe ich zwar ein paar nette bilder gemalt, oder wasauchimmer, aber kommuniziert habe ich mit niemandem. das kanns dann ja auch nicht sein.

schwierig.“

Freundin J. antwortet ihm: „Da hast Du total Recht, ihnen gehts es nur darum, dass sie sich fühlen, als würden sie wie Zootiere gehalten. So nach dem Motto: Wenn ihr hierher zieht und hier Geld ausgebt, bekommt ihr eine seltene Art zu sehen, die halten wir nämlich hier, extra für euch.

Es geht um das Problem mit den goldenen Käfigen und das die Ecken, die sie sich mal selbst gesucht hatten, abgerissen wurden für Bürobauten.“

Freund J. antwortet zurück: „ja, ich überflog den blog gerade. wobei ja gerade die flora sich auch in dieser gegenkultur-rolle gefällt, und sich darüber definiert. und das ja auch muss, und damit ja nicht unrecht haben. ich bin ja der erste sagt, dann asst doch den ganzen kram verwahrlost und billig, das wird besser, als alles, was sich irgendein stadtplaner oder marketingmensch ausdenken kann, mit sicherheit.“

Freund T.: „was parteien in einem kulturprogramm meinen, ist wahrscheinlich das, was die zeit diese woche als „hochkultur“ bezeichnet (übrigens wird da ein ähnlicher diskurs verhandelt: warum nochmal fördern wir opern, theater, museen, die auf dem freien markt keine woche überleben würden?). die allgemeinkultur dagegen.. verkörpern parteien einfach. alles andere wäre ja auch völliger irrsinn. du kannst 16 jahre kohl natürlich im damaligen industriedesign ablesen, aber wenn die cdu die richtlinien in einem grundsatzprogramm hätte festhalten wollen, wäre sie nie zum mauerfall gekommen. was ich nicht verstehe: warum soll keine volkspartei opernhäuser in die prioritätenliste aufnehmen dürfen? was spricht dagegen, einen weiten kulturbegriff zu haben, und trotz der selbstrentablen seifenoper auch puccini bewahren zu wollen?

hochkultur vs. allgemeinkultur vs. protestkultur. ick bin überfordert.“

Freund J.: „vergiss nicht: freie marktwirtschaft gegen – wie heisst das in der kultur? planwirtschaft?“

Stefan: „Freund T? Meine Freundin sagt, wir haben einfach größere Probleme. Und ich glaube, sie fände es auch sehr schäbig von mir, wenn ich eine ‚Künstlerpartei‘ für mich suche, die sich um MEINEN Vorteil schert. Schließlich wählt sie auch keine Mütter- oder Beamten-Partei.“

Freund T.: „oh, das führt alles ziemlich weit – aber ich glaube, dass kultur kein überflüssiger luxus ist, sondern eine komplexe kommunikationsform, die sogar zwingend notwendig ist, dafür, dass es vorwärts geht. und ob „vorwärts“ nun heißt, dass wir irgendwann nicht mehr in erste und dritte welt zerfallen, oder vielleicht auch nur, dass wir unseren demokratiebegriff mal wieder einer prüfung unterziehen: kultur ist wenigstens ein zentrales reflexionsmedium solcher diskurse. als solches politisch unentbehrlich. außerdem: hey. natürlich wähle ich die eine künstlerpartei, der hotelbesitzer wählt auch die fdp. wir haben beide unsere gründe.“

Stefan: „Zur ‚Planwirtschaft‘ noch: Als mir Freundin J. 2004 das Wort ‚Mischkalkulation‘ erklärte, hat sich in meinem Weltbild ALLES verändert. 🙂

Also, ernsthaft: Die Idee, dass Verlage nicht mit jedem einzelnen Titel Profit einfahren wollen, sondern es hinnehmen/fördern, wenn die großen Erfolge die Finanzierung von kleinen, unrentableren Nebenprojekten erst möglich machen.“

Freundin J: „Das machen die Verlage aber auch nur, weil sie nicht vorher wissen können, ob ein kleines, wahrscheinlich unrentables Buch voll die Bombe wird. Weil: Aller Mainstream entsteht auch Umbrüchen, daraus, dass mal jemand was gewagt hat, was erstaunlicherweise erfolgreich wurde und was dann totkopiert wird. Siehe neue deutsche Welle in der Musik. Ein Paradebeispiel. Trios Plattenfirma hat auch nicht aus gutem Willen DA DA DA rausgebracht, sondern weil sie die Hoffnung hatten, dass das ein Burner wird. Wurde es. Finanziert durch Schlagerplatten, die es schon vorher gab und die das Label finanziert haben. Mischkalkulation.“

Stefan: „und zu Freund Ts Idee – dass Kultur (besser: die ’schönen Künste‘) uns ‚vorwärts bringen‘?

Was entgegne ich jemanden [das ist jetzt Polemik, kein Zitat meiner Freundin!], der sagt: ‚Eine Turnhalle ist wichtiger als ein Theater.‘ oder ‚Der Markt wird das schon regulieren: Wozu Schreibern noch Geld geben?‘ oder ‚Die breite Masse konsumiert keine Kultur. Das sind doch nur Eliten, die durchgefüttert werden wollen?‘ Ich meine… Richard Florida klingt erstmal nett. Aber die Thesen sind recht umstritten – und ob Hamburg eine schillernde Metropole ist oder nicht, ist 700 Kilometer weiter südlich auch nicht mehr sooo wichtig. :-)“

Freundin J.: „Ich halte Floridas Ansatz auch für gefährlich – man darf nicht immer alles eins zu eins aufrechnen. Und man kann Kultur nicht dem Markt unterwerfen, weil sich das nicht selbst regulieren kann, weil schon der Einblick und Zugang nicht bei allen gegeben ist. Das heißt: Wenn Du ein kluges neues Format bei RTL plazierst, hat jeder die Chance, dass irgendwie mitzubekommen. Aber wenn im Theaterhaus ein kluges Stück gespielt wird, bekommen davon vielleicht 10 % der Hildesheimer mit und haben überhaupt die Wahl, reinzugehen.

Aber deswegen darf man das Angebot doch nicht kappen.“

Stefan: „Vielleicht brauche ich kein ‚kluges Stück‘ aus dem Theaterhaus? Und 90 Prozent der Menschen auch nicht?“

Freundin J.: „Deswegen, und da sind wir wieder bei grüner Politik, wollen die Grünen, wenn ich das richtig verstanden habe zu meinen Zeiten, als ich mich mehr damit beschäftigt habe, Kultur dadurch fördern, dass sie Zugang ermöglichen für alle.“

Freundin S. stößt neu zu uns: „dieses der-markt-wird-das-schon-regeln-argument hat ja mit der ganzen diskussion von kulturförderung nichts zu tun. es geht doch darum zu „fördern was es schwer hat“. es werden ja bewusst genau die bereiche des kulturbetriebs gefördert, die ohne förderung „aussterben“ oder gar nicht erst entstehen würden. also es gibt seit gefühlten 30 jahren cats, was sich wohl für irgendwen rentiert, braucht man daher nicht fördern und es gibt z.b. die performance-kunst die kein so breites publikum erreicht und genau deshalb gefördert werden muss. es gibt also zwei wege kultur zu finanzieren, entweder über massentauglichkeit und rentabilität oder eben über staatliche förderung. zum glück gibt es beide wege, denn ich will weder dass allein die politik, noch dass allein die wirtschaft ALLEIN darüber entscheidet was auf der bühne (der leinwand, dem papier, dem bildschirm) passiert.

@ stefan: dann brauchen es [das „kluge Stück im Theaterhaus“] 90% der menschen halt nicht, aber demokratie heißt ja angeblich auch immer minderheitenschutz. hab ich so gehört“

Freundin J.: „S? Super, danke. Besser hätte ich es nicht auf den Punkt bringen können.“

Freundin S.: „und zum glück sitzen zumindest bei den großen geldtöpfen für kulturförderung (und eigentlich auch bei den kleineren) keine politiker mit ihren machtinteressen, sondern WIR. die beiräte, die die verteilung der gelder regeln sind alle KollegInnen, die im betrieb sind und häufig wissen was sie tun. die haben natürlich auch ihre meinungen, einstellungen, vorlieben und manchmal auch parteinähe, aber meistens sind sie als reine expertInnen berufen und handeln dabei auch so.

deswegen muss ich auch freund j. widersprechen, ich würde nie nur fördern was ich mag, sondern auch darauf achten was es besonders schwer hat und dabei die vielfalt nicht vergessen. aber wieviel geld es zu verteilen gibt, dass bestimmt halt leider die parteienpolitik.“

Stefan: „aber dass es ‚große Geldtöpfe‘ gibt, das findest du angemessen?“

Freundin S.: „natürlich nicht! ich finde die töpfe niemals groß genug!“

Stefan: „ganz ehrlich: ich auch nicht. Ich hab durch die Kultur so viele Werte, Informationen, Bilder usw. vermittelt bekommen, SEIT meiner Kindheit und immer spottbillig bis umsonst, die man mir OHNE Kultur/Kunst nicht hätte zeigen können. (Und schon gar nicht: Auf RTL.) :-)“

Freundin S.: „aber schön, dass du auf’s fernsehn kommst! das rundfunksystem ist doch auch sowas. natürlich schimpfe ich auf rundfunkgebühren, aber ich kann doch nicht ohne das öffentlich rechtliche fernsehn sein, dass weniger darauf angewiesen ist durch werbung finanzierten, massentauglichen schrott zu senden. gleichzeitig fände ich es aber auch erschreckend, wenn es nur sender gebe, deren vorstände/intendantInnen nach parteibuch ausgesucht würden. dieses system erschwert eine monopolbildung in der verbreitung von meinungen.

ich würde nie auf die privatsender verzichten wollen. das wäre total elitär. ich kann nicht von jedem erwarten, dass er sicht gut genug im internet zurechtfindet und gut genug englich kann, um sich amerikanische serien im netz anzuschauen. dafür brauchen wir pro7 und rtl :-)“

Freund T.: „schön wäre, wenn das öffentlich-rechtliche dann auch gar nicht versuchen würde, den quoten der privatsender hinterher zu hecheln, indem sie fast jeden unsinn ein halbes jahr später, schlechter und mit einer grotesken anzahl fauler kompromisse nachproduzieren würden.

sie könnten alles mögliche mit dem riesenbudget an gebühren machen, das sie bekommen – sich als (hoch-)kultur-vermittler verstehen, serien produzieren, die hbo-standards erreichen, das spannendste aus dem europäischen kino kaufen. irgendwas jedenfalls, das mir nicht das gefühl gibt, dafür auf keinen fall zahlen zu wollen (eindringlich ausgenommen natürlich nachrichten und ein paar der politischen talk-formate).

und: ich glaube nicht, dass es bei der förderung marktuntauglicher kunstsparten um minderheitenschutz geht. die 90%, die lieber rtl gucken als la traviata, haben ja witzigerweise trotzdem eine extrem hohe meinung von allem, was kein trash-tv ist.

den kultur-teil der steuerabgaben möchte nur ein verschwindend geringer anteil der bevölkerung kürzen. warum der rest nicht in die museen, theater und literaturhäuser strömt, ist eine andere frage. aber die möglichkeit muss erhalten bleiben. über vermittlungsangebote, schnittstellen zur populärkultur, über imagewandel, eroberungsstrategien und ein „was-haben-wir-eigentlich-​wirklich-zu-sagen“ kann man sich dagegen gar nicht genug gedanken machen.“

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Ich glaube nicht, dass unser Polylog damit am Ende ist…

…aber breche, für heute, ab.

Ich weiß nicht, wie *andere* Leute Facebook benutzen…

…aber mich selbst macht es irrsinnig froh: diese offenen, mäandernden, kritischen, wirren, vielstimmigen Gespräche.

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