Superhelden

Wonder Woman: die 10 besten Comics (Buchtipps, Lesereihenfolge, Empfehlungen)

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Batman und Superman haben seit 50 Jahren immer wieder neue TV-Serien und Kinofilme. Ihre Städte, Gegner, Liebes- und Vorgeschichten sind bekannt. Wonder Woman (1941) ist fast genauso alt – doch wieder und wieder wird ihr Hintergrund verändert: eine tolle Figur – der oft die tollen Autor*innen fehlen.

Hier sind meine persönlichen Empfehlungen: lesenswerte Comics – für Einsteiger und Fans.

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01 – DC Helden

Superman Batman DC Helden

[Link] …von Paul Dini, Zeichnungen (nein: Gemälde!) von Alex Ross:

Fünf großformatige, kurze, bildlastige Helden-Portraits als wunderbarer Sammelband. Je eine – recht menschliche, gefühlvolle – Begegnung mit Superman, Batman, Wonder Woman, Captain Marvel/Shazam, dazu ein Abenteuer der Justice League und eine Handvoll weiterer Helden-Kurzbiografien. Ein Bilderbuch. Ein Coffee Table Book. Ein Buch zum Kennenlernen, Verschenken – und Staunen. [Hier die US-Ausgabe.]

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02 – Trinity

superman batman trinity

[Link] …von Matt Wagner:

Eine recht kurze, etwas simple/kindische Geschichte über die ersten Begegnungen von Superman, Wonder Woman und Batman. 50er-Jahre-Atmosphäre – charmant, für Kinder und Kindsköpfe. Im Gegensatz zu Tipp 1 kein Buch, für das ich viel Geld ausgeben würde. Im selben Stil, sehr lesenswert; aber mit einer recht kleinen Rolle für Wonder Woman: „The New Frontier“ von Darwyn Cooke.

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03 – A League of One / The Hiketeia

[Link] …von Christopher Moeller

Ein charmantes Kinder- und Märchenbuch über Wonder Womans Versuch, eine unterirdische Zivilisation vor einem Drachen zu retten: kindlich, harmlos, kurz und recht naiv… aber toll zum Vorlesen oder als Gute-Nacht-Lektüre, macht Lust auf die Figur. Etwas erwachsener, aber genauso schnell gelesen: „The Hiketeia“, eine Kurzgeschichte, in der Batman und Wonder Woman in Gotham City kämpfen. „The Hiketeia“ ist die Eröffnung eines viel längeren, komplexeren Wonder-Woman-Epos von Autor Greg Rucka, das ich sehr mag. Doch für sich allein funktioniert das Buch gut als… Häppchen zum Kennenlernen. [Link]

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04 – Wonder Woman: The True Amazon

[Link] …von Jill Thompson

2002 bis 2006 schrieb Greg Rucka moderne, sehr politische „Wonder Woman“-Comics. 2011 bis 2014 schuf Brian Azzarello ein blutiges, aber originelles Fantasy-Epos über Wonder Womans Krisen mit Zeus und Hera. Wer klagt, es gäbe kaum gute Geschichten über die Amazonen-Prinzessin, irrt. Was bisher aber schmerzlich fehlte: Bücher für Kinder im Grundschulalter. Jill Thompson zeigt in fast naiven Aquarellen, wie Diana als verwöhnte, hochmütige junge Thronerbin um die Bewunderung der Amazonen aus dem Hofstaat ihrer Mutter kämpft – doch an Stallmeisterin Alethea scheitert. 120 Seiten lang glauben wir, zu lesen, wie aus Diana eine Heldin, Diplomatin und „True Amazon“ wird. Tatsächlich aber nimmt die Geschichte, wie in einem archaischen Märchen, eine existenzielle, überraschend kraftvolle Wendung. Als Kind hätte mich das Buch über Jahre begeistert und schockiert. Noch heute, mit 34, kann ich die Fortsetzung nicht erwarten. Harmlose Bilder. Doch die allergrößten Fragen, Themen, Konflikte.

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05 – Wonder Woman (1987)

Batman v Superman, Wonder Woman Perez

[Link] …von George Perez (Text und Zeichnungen):

Ein Klassiker – zeitlos, aber unfassbar achzigerjahrig. In vier Sammelbänden (…und Fortsetzungen, mit neuer Zeichnerin, die ich noch nicht kenne) erzählt George Perez die Anfänge, ersten Schritte von Diana jenseits ihrer Amazonen-Heimat. Alles ist überfrachtet, pomadisiert, verschnörkelt, barock. Und trotzdem so charmant, sich-selbst-und-seine-Figuren-ernst-nehmend, dass man bis heute mit Genuss lesen kann.

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06 – Sensation Comics (Sammelband 3)

[Link] …von verschiedenen Zeichner*innen und Autor*innen

Kurzgeschichten zwischen 10 und 30 Seiten, erst digital veröffentlicht, dann als Heftreihe und Sammelband. Ich mochte Sammelband 2 der „Superman“-Kurzgeschichtensammlung „Adventures of Superman“, und Sammelband 3 der folgenden „Wonder Woman“-Sammlung: sympathische Vignetten, Episoden und Experimente, leider oft recht konventionell/zweitklassig gezeichnet. Ein schöner Weg, viele Facetten der Figur kennen zu lernen und zu sehen, wie unterschiedliche Autor*innen kurze, manchmal originelle Fragestellungen an die Heldin tragen.

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07 – The Legend of Wonder Woman

Batman v Superman, Legend of Wonder Woman

[Link] …von Renae de Liz, Zeichnungen von Ray Dillon:

Manchmal sind Comics halbkompetent geschrieben, erzählt – doch laugen mich nach wenigen Seiten aus: Figuren aus “The Walking Dead” sagen zu viele Dinge dreimal. Ihre Sprechblasen sind überfüllt, die Dialoge hölzern. Auch “The Legend of Wonder Woman” krankt an solchen unpräzisen, öden Geschwätzigkeiten. Alle Frauen hier sehen aus wie Disney-Prinzessinnen. Doch kindgerecht ist die Geschichte über Dianas erste Jahre als Kriegerin und Diplomatin trotzdem nicht: Kein Kind hätte Nerven für so langatmiges Geblubber. Solide Geschichte, toll für Leser*innen ab ca. 9. Aber: uff. Kürzt diese Paraphrasen!

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08 – Wonder Woman, “Identity Crisis”, “Infinite Crisis”

Batman v Superman, Identity Crisis

[Link] …von Greg Rucka (meinem Lieblings-Comicautor), Geoff Johns und vielen anderen:

Seit 2003 war Wonder Woman vor allem Diplomatin. Trotzdem musste sie hin und wieder in den Hades steigen, oder in einem Footballstadium wie eine Gladiatorin gegen Medusa kämpfen. Eine moderne, kultivierte Frau – in archaischen Rollen, tragischen globalen und persönlichen Konflikten. Rucka schrieb zur selben Zeit auch “Superman”-Comics, und beide Reihen mündeten in einem (großartigen) Justice-League-Crossover, “Identity Crisis” und, 2006, “Infinite Crisis”. Ich habe hier [Link, Punkt: ‘Identity Crisis, 2005’] aufgeschrieben, in welcher Reihenfolge diese fünf bis ca. 15 Bände am meisten Spaß machen. Lesereihenfolge am besten:

(1) Wonder Woman: Down to Earth, 160 Seiten, DC Comics 2004
(2) Wonder Woman: Bitter Rivals, 128 Seiten, DC Comics 2004
(3) Wonder Woman: Eyes of the Gorgon, 192 Seiten, DC Comics 2005
(4) Brad Meltzer: Identity Crisis, 288 Seiten, DC Comics 2005
(5) Wonder Woman: Land of the Dead, 128 Seiten, DC Comics 2006
(6) Batman: The OMAC Project, 256 Seiten, DC Comics 2005
(7) Superman: Sacrifice, 192 Seiten, DC Comics 2006
(8) Wonder Woman: Mission’s End, 208 Seiten, DC Comics 2006
(9) Geoff Johns, Phil Jimenez, George Perez: Infinite Crisis, 264 Seiten, DC Comics 2006

…und dann gern weiter zu „52“ (vier Bände)

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09 – Wonder Woman (New 52, Band 1 bis 6)

Batman v Superman, Wonder Woman

[Link: 6 Bände] …von Brian Azzarello, Zeichnungen von Cliff Chiang:

Diana muss eine junge Schwangere beschützen – vor dem Zorn der Götter, sechs Sammelbände lang. Simple, aber stilsichere Zeichnungen. Kluge, schnippische Dialoge und Figuren. Nur Wendungen hat diese Odyssee durch London und die antike Unterwelt fast keine; und zwischen den pompösen griechischen Gottheiten wirkt Diana zu oft wie eine machtlose, zufällige Randfigur. Ich kenne keine zweite Mainstream-Comicreihe aus den letzten Jahren, die 30 Hefte lang auf gleichbleibend hohem Niveau eine schlüssige, anspruchsvolle Geschichte erzählte. Respekt! Doch der letzte Funke… fehlt.

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10 – Batman 66 meets Wonder Woman 77

[Link] …von Jeff Parker und Marc Andreyko, Zeichnungen von David Hahn:

Ein kindlicher, aber nie alberner Retro-Comic, der Figuren aus der „Batman“-TV-Serie von 1966 und der „Wonder Woman“-TV-Serie von 1977 zusammen bringt und zeigt, wie Diana (unsterblich) und Bruce Wayne (im zweiten Weltkrieg: ein Grundschüler) das späte 20. und frühe 21. Jahrhundert erleben. Schwungvoll erzählt, toll designt/gestaltet, ein Wohlfühl-Comic, der viele Fragen übers Altern und Sich-Verändern aufwirft und mit originellen Wendungen überrascht.

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bedingt zu empfehlen: für Fans

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„Wonder Women: Earth One“

Grant Morrison (…mit dessen Comics und dessen Fans ich oft große Probleme habe) erzählt Wonder Womans Geschichte neu – und unterstreicht dabei alle Aspekte, die besonders skurril oder absurd wirken. Das Ergebnis wirkt an vielen Stellen wie plumpe Sexploitation… aber trifft durchaus den Geist der frühen Comics von 1941.

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„Wonder Woman“ von Phil Jimenez

Ein schwuler Autor und Zeichner, der Fan der George-Perez-Serie von 1987 war und die Figur vergöttert, füllte mehrere Sammelbände mit feministischen und engagierten, doch oft sehr trägen, überfrachteten Geschichten: Scheitern, auf hohem Niveau. Ein lesenswertes Einzelkapitel, das alles, was gut und schlecht an Jimenez‘ Zeichen- und Erzählweise ist, bündelt: Das Treffen von Wonder Woman und Lois Lane in „Wonder Woman“ 170.

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„Wonder Woman“ von Gail Simone

Fünf Sammelbände, in denen eine große Geschichte… erst viel zu langsam in Fahrt kommt… und dann enttäuschend verpufft. Wer langen Atem mitbringt, wird besonders Simones zweite und dritte Sammlung trotzdem mögen.

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„Wonder Woman“ von Greg Rucka (2016 bis 2017)

25 Hefte, vier Sammelbände: Ein ambitionierter „Wonder Woman“-Neustart auf zwei Zeitebenen und mit zwei tollen Zeichnerinnen, Nicola Scott und Bilquis Evely, in dem sich Diana, Cheetah, Steve Trevor und Veronica Cale jahrelang quälen, den Kopf zerbrechen und gegenseitig im Weg stehen. Die Geschichte mäandert, jeder Sieg entpuppt sich als Niederlage, und ein weiterer Zeichner, Liam Sharp, bleibt viel zu düster und heavy-metal-albumhaft: Hier fehlen Erzählfreude und Schwung.

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keine Empfehlung:

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„Wonder Woman: The Greatest Stories ever told“

Eine Best-of-Sammlung, die leider zeigt, wie wenig gute Geschichten es bis ca. 2002 gab: skurril – aber langatmig, trübselig, deprimierend.

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„Who is Wonder Woman?“

Autor Allan Heinberg schrieb auch das Drehbuch zum WW-Kinofilm von 2017. Seine Comics aber sind mau. Auch die ihm folgende Autorin, Bestseller-Star Jodi Picoult, bietet wenig Lesenswertes: Massenware.

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„Amazons Attack“

Interessante Idee – mit banaler Wendung/Erklärung: Durch eine plumpe Intrige erklärt Königin Hippolyta den USA den Krieg, und verwüstet Washington. Antiklimax, undurchdacht.

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„Wonder Woman: Odyssey“

Zwei banale, schleppende Sammelbände vom (oft tollen) „Babylon 5“-Autor J. Michael Straczynski: Ein böser Zauber ließ Wonder Woman vergessen, dass sie eine Amazone ist. Gefangen in einem Paralleluniversum prügelt sie sich zurück in die Realität.

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„Wonder Woman 77“

Viel zu knappe, apolitische, harmlose und läppische Kurzgeschichten für Fans der 1977 produzierten „Wonder Woman“-TV-Serie.

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„Injustice: Gods Among Us“

Ein sehr langer, politischer/dystopischer Comic über eine Zukunft im DC-Universum, in der Superman glaubt, die Welt durch mehr Kontrolle und Überwachung sicherer machen zu können, während Batman als Widerstandskämpfer untertaucht. „Year One“ und „Year Two“ sind sehr lesenswert und emotional – doch Wonder Woman hat eine recht dümmliche, eindimensionale Rolle als martialische Schreckschraube an Supermans Seite: Autor Tom Taylor wird Diana nicht gerecht.

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„Odyssey of the Amazons“

Trost- und freudlose Fantasy-Saga über Amazonen aus Themyscira, die in der Vorzeit martialische/nichtssagende Begegnungen mit u.a. Wikingern haben.

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„Super Hero Girls“

Die DC-Heldinnen als junge Schülerinnen, für Leser*innen ab sechs Jahren, im Stil der „Disney Princesses“: Figuren und Zeichnungen fehlt Biss und Witz, die Geschichten bleiben arg simpel, alles wirkt püppchenhaft-sexualisiert. Besonders in Sammelband 3, „Summer Olympus“, steht Wonder Woman im Mittelpunkt. [Um Welten besser, für Leser*innen ab ca. 11: „Supergirl: Being Super“]

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„Super Powers“

Comic für Vor- und Grundschüler, das als Geschichte um Batman, Superman und Wonder Woman beginnt… doch sich zu schnell in einer (enttäuschend witzlosen) Anspielungs- und Gastauftritts-Parade verliert. Ich mochte, vom selben Zeichner-/Autoren-Team: „Tiny Titans“ und, besonders, „Superman Family Adventures“.

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„Bombshells“

Was, wenn es kaum Männer mit Superkräften gäbe – sondern alle DC-Heldinnen prägend waren: schon ab den 40er Jahren, im zweiten Weltkrieg? „Bombshells“ ist ein feministischer und sehr sexualisierter Remix der DC-Figuren. Viele Heldinnen sind lesbisch oder queer, und alle lassen es möglichst dramatisch krachen. Trotz vieler Fans und guter Kritiken hat mich die Reihe bisher nicht gekriegt: zu wenig Politik, zu viel Spice-Girl-haft-nichtssagende „Girl Power“.

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„Superman/Wonder Woman“

Von 2011 bis 2016 waren Superman und Wonder Woman ein Liebespaar. Der Beziehung selbst fehlt Tiefe und Charme, und der gemeinsame Comic „Superman/Wonder Woman“ bietet wenig Interessantes: Klar könnte man interessant/lesenswert erzählen, was sich ändert, wenn zwei der mächtigsten und wichtigsten Figuren im DC-Universum eine Beziehung führen. Fünf Sammelbände lang erzählte diese Reihe leider… nicht viel.

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„Superman, Batman, Wonder Woman: Trinity“

längere Kritik von mir hier [Tagesspiegel, Link]: Sehr lange, schleppende Geschichte über eine Helden-Welt, aus der Batman, Superman und Wonder Woman plötzlich entfernt werden. Das heißt: Statt über die drei Titel-Figuren zu erzählen, geht es vor allem darum, wo und wie sie fehlen. Schade!

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zum aktuellen Kinofilm:

Wonder Woman ist eine interessante – weil widersprüchliche – Figur. Ich glaube, der Kinofilm ist so erfolgreich und beliebt, WEIL er die Widersprüche der Figur einem großen Publikum zeigt: spannende Frau, spannende Grundsatzfragen zu Krieg und Pazifismus.
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In den Comics – und besonders auch im Film – geht es viel um die Frage, wie man für Frieden KÄMPFT. Ob man Kriege mit Gewalt stoppen kann. Und welche Menschen „verdienen“, dass man sich für sie opfert: Nach dem Superman-Film „Man of Steel“ (2013) und „Batman v. Superman“ (2016) zeigt auch „Wonder Woman“ (2017), wie Helden*innen scheitern – an einer komplexen Welt.
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grundsätzlich:
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  • Wonder Woman wurde 1941 erfunden. Autor William Moulton Marston war Professor, Psychologie, Feminist, Fan von Bondage und „lustvoller Unterwerfung“, in einer polyamourösen Beziehung mit zwei Frauen… und der Erfinder des Lügendetektors. All diese Aspekte prägten die Figur – sorgen aber auch dafür, dass fast alle Comics, die vor 1987 erschienen, recht hanebüchen/skurril sind.
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  • Dem Mainstream-Publikum die Figur bekannt, weil sie a) als eine der ersten weiblichen Heldinnen gegen die Nazis kämpfte, b) 1972 auf der Erstausgabe von Gloria Steinems feministischem „Ms.“-Magazin abgebildet war, c) 1977 eine bei Kindern populäre TV-Serie hatte.
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  • Seit 1986 gibt es mehrere recht gute, bis heute lesenswerte WW-Comicreihen: Wonder Woman, Batman und Superman sind die drei wichtigsten und bekanntesten Figuren des Verlags „DC Comics“; alle drei arbeiten in den Comics oft eng zusammen. Meist erscheinen Comics ein- bis zweimal im Monat als 20seitiges Heft, ca. sechs Hefte erzählen als Sammelband eine zusammenhängende Geschichte. Pro Monat gibt es meist sechs oder sieben parallele „Batman“-Reihen, doch höchstens zwei bis drei „Wonder Woman“-Reihen. Insgesamt also: weniger Material, und immer wieder Phasen, in denen jahrelang keine besonders guten Hefte/Sammelbände erscheinen.
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  • 1984 floppte der Heldinnenfilm „Supergirl“ (DC). 2004 und 2005 floppten die Antiheldinnen-Comicverfilmungen „Catwoman“ (DC) und „Elektra“ (Marvel). Seit 2008 hat Marvel Comics großen Erfolg mit Heldenfilmen (Iron Man, The Avengers, Captain America, Thor, Guardians of the Galaxy… doch bisher kein Film über eine weibliche Figur in der Hauptrolle); und seit 2013 versucht DC eine ähnliches „Cinematic Universe“ aus verknüpften Filmen (2013 „Man of Steel“, 2016 „Batman v. Superman“ und „Suicide Squad“, Ende 2017 „Justice League“, später „Aquaman“, „The Flash“ etc.)
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  • Der „Wonder Woman“-Kinofilm ist wichtig, weil er nach über zehn Filmen mit männlichen Hauptfiguren in den letzten Jahren der erste Versuch war, einer heroischen HeldIN einen großen Blockbuster zu widmen (…auch Regie führte eine Frau, Patty Jenkins; das Drehbuch ist von einem Mann). Es gibt eine Handvoll erfolgreicher Heldinnen-TV-Serien seit 2015: „Agent Carter“ und „Jessica Jones“ (beide Marvel) und „Supergirl“ (DC). Doch „Wonder Woman“ war der… Testballon, ob solche Figuren einen Kinofilm tragen können. Viele Fans und Kritiker mochten bereits Wonder Womans kurze Szenen in „Batman v. Superman“ (2016).
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  • Tatsächlich übertraf „Wonder Woman“ (2017) die Erwartungen, hat die besten Heldenfilm-Kritiken seit Jahren, wird von Feministinnen gefeiert und… darf jetzt als Beweis/Beruhigung dienen: Leute WOLLEN starke Frauen sehen. Große Erleichterung!
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„Falls du einen Asteroiden stoppen willst, rufst du Superman. Wenn du ein Verbrechen aufklären willst, Batman. Um einen Krieg zu beenden, Wonder Woman“, sagt WW-Autorin Gail Simone.
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Wonder Woman wird in den Comics immer wieder als umsichtige und intelligente Diplomatin gezeigt, die zeigt und reflektiert, dass jeder Mensch für viele Dinge steht: Sie selbst eben als Frau mit Superkräften, die in einem Matriarchat groß wurde. Es gibt großartige Comics über die Diplomatin, Menschenrechtlerin, Spokesperson, Feministin, Staatsfrau Wonder Woman.
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Doch es gibt auch die wütende Kriegerin mit blutbespritztem Schwert und Korsage, die leichthin Gegner abschlachtet. Fast alle Comic-Autor*innen wollen Wonder Woman als „starke Frau“ zeigen und an ihrem Beispiel erklären, was für sie eine „starke Frau“ ausmacht – doch das Ergebnis variiert von Sammelband zu Sammelband: archaische Kriegsprinzessin? Modische, bisexuelle Pop-Feminismus-Ikone? Blutrünstiges Pin-up-Girl?
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Der Film zeigt, wie Prinzessin Diana von Themyscira ihre Insel verlässt und den ersten Weltkrieg beenden will – weil sie glaubt, dass Kriegsgott Ares den Krieg angezettelt hat und es ihre Aufgabe als Amazone sei, ihn zu stoppen, mit einem Schwert namens „Godkiller“. Die große Stärke des Films: dass er die richtigen Fragen stellt… statt vorschnell Antworten zu schustern: Man schaut mit Kopfschmerzen und schlechtem Bauchgefühl, und überlegt „Jetzt will sie Frieden bringen – indem sie einen Gott ermordet?“ und „Was, wenn statt Ares einfach nur die Schlechtheit der Menschen Grund ist für den Weltkrieg?“ etc.
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Faszinierende Fragen und Widersprüche, die den Film lebendig und halbwegs spannend machen – auch, wenn die Antworten am Ende des Films dann doch recht unterkomplex ausfallen.
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Ich denke bei allen DC-Held*innenfilmen seit „The Dark Knight“ (2008) oft ans Sprichwort „Wenn du nichts anderes hast als einen Hammer, sieht jedes Problem für dich aus wie ein Nagel.“
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Wonder-Woman-Comics erzählten schon immer viel von Kriegen – weil Kriegsgott Ares einer der wichtigsten Antagonisten im Comic ist.
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Bisher aber wurde die (unsterbliche) Heldin noch nie im 1. Weltkrieg gezeigt: Das Setting macht Spaß, weil die Figur (jung, unerfahren, sah noch nie einen Mann und weiß nichts über die Moderne) und der Krieg (nihilistisch, diplomatisch verworren) schlecht zueinander passen. Im Superman-Film „Man of Steel“ bricht der unerfahrene Superman einem Gegner das Genick, weil er sich nicht anders zu helfen weiß. Seine Adoptiveltern raten ihm den ganzen Film über, die Menschheit sich selbst zu überlassen und sich ums private Glück zu kümmern: „Du schuldest diesen Leuten nichts.“
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Auch Wonder Woman hört im ersten Weltkrieg von allen Seiten kritische bis zynische Fragen: Haben die Menschen/Männer eine Heldin und Retterin verdient?
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Ich finde die Frage harsch, unsympathisch und unheroisch (…weil ich will, das idealistische Helden wie Superman und Wonder Woman GERN helfen)… doch ich freue mich, dass sie einen Nerv trifft, weil wir uns als Gesellschaft gerade ständig fragen: Wo schauen wir weg? Wessen Sorgen nehmen wir ernst? Kann die westliche Welt Weltpolizei spielen? Und: Wird etwas besser, durch militärische Stärke/Druck?
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Der Kinofilm hat, wie gesagt, keine guten Antworten. Doch erstmal sitzt man zwei Stunden im Kino und denkt „Oha. Diese Frau… kann sich selbst einsetzen wie einen Hammer. Doch all die Probleme, vor die sie im Film gestellt wird, sind doch gar keine Nägel. Was jetzt?“
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Das ist klug/spannend. Denn es passt zu einer… allgemeinen politischen Ratlosigkeit, wenn wir aktuell über Kriege, Macht, globale Verantwortung und Gerechtigkeit sprechen. „Wonder Woman“ hat Humor. Doch es ist kein Wohlfühl-Film: Weil er fast nur Probleme zeigt, die eine Kriegs-Amazone nicht ändern kann, spontan, mit einem Schwert.
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…und dann, Spoiler: 
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mein größtes Problem.
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Ich kann zwar viele „Wonder Woman“-Comics grundsätzlich empfehlen – doch es gibt zwei Elemente ihrer Geschichte, die immer wieder verändert werden: a) Hat sie einen mächtigen Vater, z.B. Zeus? und b) Ist sie moralisch stark, weil oder obwohl sie auf einer Amazonen-Insel aufwuchs?
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Die Amazonen leben auf der Insel Themyscira, abgeschottet vom Rest der Welt. Weil Amazonen-Königin Hippolyta ein Kind will, formt sie eine Figur aus Lehm/Ton. Eine Göttin hat Mitleid und haucht der Figur Leben ein: Diana/Wonder Woman ist das einzige Kind der Insel. Hippolyta ist eine weise Regentin, die Amazonen haben fortschrittliche Technologie und eine tolle Kultur – der Comic zeigt eine matriarchale, feministische Utopie (und: oft sind Hippolyta und/oder Wonder Woman selbst lesbisch oder bisexuell). So war das, schon seit 1941.
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Doch jedes Mal, wenn ein neuer Autor (fast immer sind es Männer) die Comicreihe übernimmt, ändert sich etwas:
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  • 1987 neu: die Götter schenkten den Amazonen die Insel, weil Herkules Hippolyta vergewaltigt hatte. Später aber verzeiht Hippolyta dem Vergewaltiger und verliebt sich neu in ihn. Uff.
  • 2011 neu: Die Amazonen sorgen heimlich für Nachwuchs, indem sie Matrosen auf die Insel locken, vergewaltigen, ermorden, und die männlichen Kinder verstoßen. Hippolyta wusste das und hielt es vor Wonder Woman geheim. Uff.
  • 2012 neu: Wonder Woman ist nicht aus Ton, sondern entstand beim Sex zwischen Zeus und Hippolyta. Uff.
  • 2016 neu, in „Earth One“: Wonder Woman ist die Tochter von Vergewaltiger Herkules. Uff.
  • 2016 neu, in „The Lies“ / „The Truth“: Wonder Woman darf ihre Mutter und die Amazonen-Insel nie wieder sehen oder betreten. Uff.
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Auch im Kinofilm sind die Amazonen a) krass gestrig und insgesamt eher fragwürdig/eine sterbende Kultur, und b) merkt Diana, dass ihre Mutter sie belogen hat: Zeus ist ihr leiblicher Vater.
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Das klingt wie eine Kleinigkeit/ein Detail. Doch ich finde es SO bezeichnend, schlimm, traurig, dass es seit Jahren fast keine „Wonder Woman“-Geschichte/-Version mehr gab, in der a) die Amazonen eine echte Utopie verkörperten und b) Wonder Woman wegen einer starken Mutter und einer starken Kultur zur starken Heldin wurde – nicht, weil sie in Wirklichkeit von einem besonderen Gott/Mann gezeugt wurde.
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„Wonder Woman“ (2017): tolle Frau, gute Comics, schlechter Film [Deutschlandfunk Kultur]

meine Lieblings-Zeichnung, von Maris Wicks

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heute nochmal, ganz kurz, zum Film:

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Seit 1941 fasziniert Wonder Woman in Comics. Die Verfilmung ihrer Abenteuer scheitert – doch macht Lust aufs Lesen.

„Du schuldest dieser Welt gar nichts“, warnt eine Mutter ihren Sohn – und hofft, dass er stumm bleibt, sich nicht einmischt, unter die Räder kommt. Sie heißt Martha Kent. Ihren Sohn nannte sie Clark: Er stammt vom Planeten Krypton. Der Film hieß „Man of Steel“, und war 2013 Grundstein für eine zynische, oft deprimierende Helden-Filmreihe, die auch mit „Wonder Woman“ (2017) nicht viel besser, schwungvoller, sehenswerter wird.

Am Ende von „Man of Steel“ brach Superman, der in den Comics seit Jahrzehnten versucht, niemals zu töten, einem Gegner das Genick. Ich hoffte damals, dass dieser Totschlag in einer Fortsetzung besprochen, durchdacht, in Frage gestellt wird. Stattdessen war „Batman v. Superman“ (2016) noch missmutiger, solipsistischer: Männer, die es hassen, Held zu sein und ihren Job nur machen, um Schlimmeres zu verhindern, schlagen voller Paranoia aufeinander ein. Wer will ich sein? Was habe ich der Welt zu geben? Wie kann ich helfen, sie zu gestalten?

„Wonder Woman“-Comics stellen diese Fragen seit 1941. Autoren und Autorinnen wie George Perez (ab 1987), Greg Rucka (ab 2002), Brian Azzarello (ab 2011) und Jill Thompson (2016) finden immer wieder große, politische, wunderbare Antworten. Ich habe zehn Comic-Empfehlungen hier im Link gesammelt: https://stefanmesch.wordpress.com/2017/06/15/wonder-woman-die-10-besten-comics-buchtipps-lesereihenfolge-empfehlungen/

Vom Kinobesuch rate ich ab. Denn „Wonder Woman“ ist ein besserer Film als alle DC-Comic-Verfilmungen seit „The Dark Knight“ (2008). Doch damit immer noch leider: kein guter. Prinzessin Diana lebt als einziges Kind auf der geheimen Amazonen-Insel Themyscira. Als der Spion und Pilot Steve Trevor auf der Insel notlandet und vom großen Krieg erzählt, der die Welt seit 1914 heimsucht, sind sich die Frauen einig: Kriegsgott Ares steckt dahinter. Diana, die nie zuvor einen Mann sah, zieht mit Steve in die Schützengräben Belgiens.

„Falls du einen Asteroiden stoppen willst, ruf Superman. Wenn du ein Verbrechen aufklären musst, Batman. Und um einen Krieg zu beenden, Wonder Woman“, erklärt Comicautorin Gail Simone die oft verwirrenden Mehrfachrollen der Figur: eine Prinzessin, die keine Hierarchien mag. Eine Vordenkerin aus einer vormodernen Zivilisation. Eine Diplomatin, die mit dem Schwert kämpft.

„Wonder Woman“ scheitert erst in den letzten zehn Minuten: Als die Heldin von Liebe spricht, nachdem sie Gegner zerhackte. Als sich der Weltkrieg tatsächlich beenden lässt, indem ein Kriegsgott verdroschen wird. Und als klar wird: Diese Frau ist nicht (nur) körperlich oder moralisch stark, weil sie in einer utopischen Gender-Blase aufwuchs, die Frauen stärkte und ernst nahm. Sondern (mindestens: auch), weil sie eine heimliche Tochter von Zeus ist.

Nach „Man of Steel“ war unklar, welche Lehren Superman ziehen würde. Kaum welche, zeigte erst die Fortsetzung „Batman v. Superman“. Nach „Wonder Woman“ stehen ähnliche Fragen im Raum: Was tut diese enttäuschend martialische Kriegsprinzessin in den Jahren 1918 bis 2016? Wie handelt sie im zweiten Weltkrieg? Bleibt sie unentdeckt – statt Menschen auf der ganzen Welt zu inspirieren, das 20. Jahrhundert zu prägen? Ist die Moral erneut nur ein myopisches „Du schuldest dieser Welt gar nichts“?

Wenn ein einzelner Heldenfilm wie „Ant-Man“ (2015) nur mäßig erfolgreich ist, fragt sich Hollywood nur: Investieren wir in eine Fortsetzung? Oder lieber nicht? Als der Heldinnenfilm „Supergirl“ (1984) floppte, entschied Hollywood dagegen pauschal: Superheldinnen funktionieren nicht im Kino. Lieber keinen großen Versuch mehr wagen, die nächsten 30 Jahre.

Deshalb: Wunderbar, dass „Wonder Woman“ fast nur gute Kritiken erhielt, international erfolgreich ist. Der Film macht Lust auf die Figur und ihre vielen Comics, Geschichten und Widersprüche. Er macht Lust auf weitere Filme von Regisseurin Patty Jenkins und Hauptdarstellerin Gail Gadot. Und er macht Lust auf viel mehr Blockbuster, in denen Frauen Männer retten, nicht umgekehrt. Über Krieg und Verantwortung, Unterdrückung, Moderne und Matriarchat, fremde Kulturen und das 20. Jahrhundert aber hat „Wonder Woman“ erschreckend wenig zu sagen.

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wonder woman league of one moeller

Superman: Rebirth – Dan Jurgens, Peter Tomasi, neu bei Panini

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am 10. Januar sprach ich über die neuesten „Superman“-Comics in Deutschland, als Studiogast bei Deutschlandradio Kultur:

Text von mir und Link zur Audio-Datei, Deutschlandradio Kultur

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Wer Comics auf Englisch kauft und liest:

Seit Juni 2016 sind die „Superman“-Reihen besser als seit Jahrzehnten.

Mein Tipp:

Erst „Lois & Clark“ lesen (10 Hefte, ein US-Sammelband), dann die beiden parallelen Reihen „Action Comics“ und „Superman“ (erscheinen je zweimal im Monat). Auch „Trinity“ und „Superwoman“ (einmal im Monat) machen Spaß. Im Februar beginnt zudem „Super-Sons“.

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Wer Comics auf Deutsch lesen will:

„Lois & Clark“ erscheint in zwei Bänden bei Panini Comics: Band 1 (Link), Band 2 (Link, 7. Februar).

Dann – 18. April 2017 – „Superman: Sonderband 1“.

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Immer wieder landen langjährige Heldencomics in erzählerischen Sackgassen – und räumen auf, indem ein komplizierter Zwischenfall (Zeitschleifen, Dimensionslöcher, parallele Welten) neue, simplere Zustände schaffen soll. 2011 hieß das: Superman und seine große Liebe Lois Lane werden ersetzt, durch jüngere Versionen, in einer neuen Welt. Jene Doppelgänger waren nie verheiratet, sind schroffer und pragmatischer; ein neuer Lex Luthor ist eher Antiheld als Schurke. 2015 strandete der vorige, ursprünglichere Superman in dieser neuen Gegenwart – in Dan Jurgens Reihe „Lois & Clark“: Er hat jetzt einen Sohn im Grundschulalter und lebt mit seiner Lois heimlich auf einer Farm.

2016, im nicht lesenswerten „The Final Days of Superman“ starb der jüngere Superman. Seitdem übernimmt die ältere Version die Hauptrolle. In vier verknüpften, oft exzellenten Heftreihen – „Action Comics“, „Superman“, „Superwoman“ und „Trinity“ – wird dieses Durcheinander durchdacht, von allen Seiten. Es gibt zwei Lois Lanes. Kann man Lex Luthor trauen? Ein Fremder ohne Kräfte behauptet, Clark Kent zu sein. Supermans Sohn will selbst Held werden. Zu viele ermüdende Kämpfe, mittelmäßige Zeichnungen. Doch tolle Figurenarbeit, Rätsel, Ensembles und Intrigen.

Wirres Chaos? Nein: Ein Helden-Mosaik, so stimmig, herzlich, menschlich wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

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gut gezeichnet, aber keine Empfehlung: die Vorgeschichte "Die letzten Tage von Superman", ab 21. Februar 2017 bei Panini

gut gezeichnet, aber keine Empfehlung: die Vorgeschichte „Die letzten Tage von Superman“, ab 21. Februar 2017 bei Panini

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für die Deutschlandradio-Redaktion und meine Moderatorin fasste ich alles in folgenden Stichpunkten zusammen:

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Es geht um das Comic „Superman: Lois & Clark“, das am 3. Januar auf Deutsch bei Panini erschien.

…und es geht darum, wie der Verlag „DC Comics“ seit 2011 mit der Figur Superman umging.

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Die Figur Superman hatte in den Comics drei große Phasen:

1) 1986 bis 2011
2) 2011 bis 2016
3) heute

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1) grundsätzlich (ab 1986):

– Es gibt zwei große Superhelden-Verlage in den USA: Marvel Comics und DC Comics. Beide veröffentlichen ca. 50 monatliche (oder, neu: zweiwöchentliche) ca. 20seitige Heftreihen über verschiedene Heldinnen und Helden. Fast alle Marvel-Heftreihen spielen im „Marvel-Universum“, fast alle DC-Heftreihen im „DC-Universum“.

– Fünf bis sechs monatliche Hefte werden danach meist als Sammelband veröffentlicht. Auf Deutsch erscheinen diese Sammelbände bei Panini Comics. „Superman: Lois & Clark“ sammelt Hefte, die in den USA von Dezember 2015 bis Sommer 2016 veröffentlicht wurden.

– Die Figur Superman ist nicht nur Hauptfigur in einem alle zwei Wochen erscheinenden Comic namens „Superman“, sondern auch in einer parallelen Reihe namens „Action Comics“, in „Justice League“, in „Trinity“ etc., und hat Gastauftritte in weiteren Reihen wie „Supergirl“, „Super-Sons“ usw.: Wer will, kann monatlich fast 200 Seiten lesen über das Leben dieser Figur – verfasst von mehreren Autoren/Zeichnern, aber alle zusammenhängend/verknüpft.

– Von 1986 bis 2011 erzählten fast alle DC-Heftreihen eine große, zusammenhängende Geschichte: Batman und Superman wurden Freunde, Batman wurde Vater, The Flash hat geheiratet usw.: Figuren sind in ca. 25 Jahren ca. 10 Jahre gealtert. Einige haben Kinder bekommen, alle wurden etwas reifer, besonnener, bürgerlicher. Superman enttarnte sich vor Lois Lane und heiratete sie. Viele dieser Comics sind recht gut, die Figur ist überzeugend gewachsen.

– Bis 2011 aber wurden solche Hintergrund- und Vorgeschichten so lang und kompliziert, dass DC Comics sagte: „Niemand sollte ein Comic von 1986 kennen müssen, um ein Comic von 2011 verstehen zu können. Wir machen einen Neustart.“ Dieser Neustart betraf alle Reihen: In einer Zeitreise-Geschichte verursachte der Superheld The Flash versehentlich ein Paradox… und plötzlich begann vieles von vorne, in 50 Heftreihen, in einem neuen Universum.

[dieser Reboot hieß „The New 52“. ich habe 2011 u.a. hier darüber geschrieben.]

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Superman Batman DC Helden

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2) Superman ab 2011: „The New 52“

– Seit 2011 erzählen alle DC-Heldencomics neue Geschichten… in einem neuen Erzähluniversum… mit den alten Heldinnen und Helden… die aber jetzt verjüngt sind und denen Teile ihrer Vorgeschichte fehlen:

– Superman und Lois Lane sind Redaktionskollegen beim „Daily Planet“, aber waren nie ein Paar. Superman ist jünger, ungestüm, fühlt sich missverstanden und macht viele Fehler. Er verliebt sich in Wonder Woman. Alles ist jugendlicher, frischer, weniger bürgerlich.

– Aber: viele Ehen wurden nie geschlossen, viele Kinder nie gezeugt, vielen Figuren fehlen Tiefe, Vorgeschichte, Erfahrung, Format: Statt den bekannten Helden, Mitte 30, liest man jetzt die Abenteuer von Figuren, die genau so aussehen – doch kaum Mitte 20 sind. Sie sind jünger, naiver, feindseliger, aggressiver. Viele Helden stehen am Anfang und sind einander sehr fremd. Misstrauen, Anfängerfehler, Aggression.

– Dieser 2011er-Neustart war umstritten. Heftreihen wie „Batman“ und „Green Lantern“ kamen gut zurecht. Doch der neue Superman wirkte wie ein traurig naiver Abklatsch der alten Figur: Kritiken, Auflage und Fan-Reaktionen waren schlecht.

– Von 2011 bis 2016 erschien fast kein „Superman“-Comic oder -Sammelband, den ich empfehlen würde. Mir persönlich fehlt auch die Liebesgeschichte mit Lois Lane sehr: Ich lernte Superman in den 90er Jahren kennen, durch die TV-Serie „Superman: Die Abenteuer von Lois & Clark“. Dort spielt der Redaktionsalltag im Daily Planet eine große Rolle, und Lois ist gleichwertige Hauptfigur. Dass sie in den Comics, besonders ab 2011, oft nur eine Randfigur mit Mini-Auftritten bleibt, missfällt mir.

– 2015, in einem (recht schlechten) Comic namens „Convergence“, wurde einigen neuen Helden klar, dass ihre Vorläufer (also: z.B. der Superman von 1986 bis 2011, ich nenne ihn fortan Superman86) entführt und gefangen gehalten wurden, auf einem Planeten: Zum ersten Mal seit vier Jahren sahen wir die alten Figuren wieder. Die „alte“ Lois Lane war schwanger.

– Viele dieser alten Versionen konnten sich retten und befreien… und Superman86 strandete zusammen mit Lois Lane und dem Sohn Jon in der Welt der neuen Figur.

– Der Comic „Lois & Clark“ zeigt diese beiden alten Figuren… die jetzt heimlich in der neuen Welt leben: Seit 2015 gibt es also zwei Lois Lanes, zwei Supermans. Die neuen Versionen wussten aber nichts von den alten: „Lois & Clark“ erzählt, wie sich Superman86 in Kalifornien versteckt, heimlich den Menschen hilft, aber nicht vom neuen, jüngeren Superman entdeckt werden will.

– Dann, 2016, starb der neue Superman plötzlich (…in Geschichten, die ebenfalls gerade bei Panini erscheinen, 2017: „The Final Days of Superman“… die aber nicht besonders gut oder empfehlenswert sind), und DC Comics wagte einen neuen, zweiten Neustart:

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batman vs Superman lois clark

3) 2016: die alte Figur, gestrandet in der neuen Welt: „DC Rebirth“

– Das Sonderheft „DC Rebirth“ erscheint am 28. Februar bei Panini. Es zeigt: Viele Figuren, die 2011 aus der Welt gefallen sind, kommen plötzlich zurück, auf mysteriöse Weise. Alte Geschichten (erschienen vor 2011) werden plötzlich wieder relevant. die neuen Comics, die alle ab diesem Frühling auf Deutsch erscheinen, sind optimistischer, oft besser verständlich, romantischer… Der Verlag versucht, nach dem düsteren Neustart von 2011, jetzt vieles wieder heller zu gestalten, und greift dabei auf alte Figuren und Vorgeschichten zurück.

– In Heftreihen wie „Batman“ ist das gar kein richtiges Thema: Die Geschichten gehen, mehr oder weniger, ungefähr so weiter. Um „Batman“ zu lesen, muss man nichts über diese Paralleluniversen, Zeitreisen, Paradoxien und Doppelgänger wissen. [Die Reihe „Batman“ von Autor Tom King ist nicht besonders gelungen. Aber die Reihe „Detective Comics“ von James Tynion. Empfehlung!]

– Die Superman-Heftreihen dagegen machen all das SEHR zum Thema; und bisher ist das ein großer Gewinn, erzählerisch: Es gibt zwei Lois Lanes. Die „alte“ Hauptfigur trifft neue Versionen ihrer alten Bekannten und Bezugspersonen, die sie von 1986 bis 2011 gut kannte (Batman, Lex Luthor, Wonder Woman etc.) – doch diese Bezugspersonen kannten ihrerseits nur die jüngere (und: jetzt verstorbene) Version von 2011 bis 2016: Superman86 lernt viele Figuren neu kennen, die aussehen wie seine vertrauten Freunde und Gegner… doch andere Rollen spielen. Das Mit- und Gegeneinander mit z.B. dem neuen Lex Luthor ist aktuell ein großes erzählerisches Vergnügen, weil beide Figuren nur eine jeweils andere Version von sich kannten, bisher.

– Supermans Sohn Jon ist fast zehn Jahre alt und entwickelt eigene Kräfte. Von 2011 bis 2016 erzählten die Comics das Leben eines wütenden, unbeholfenen Single-Supermans. Jetzt, seit „Lois & Clark“, geht es um eine glückliche Familie – Superman86, Lois Lane86, Sohn Jon -, die in einer neuen Welt neu durchstartet. Auch diese Lois hat eine interessantere Rolle als seit Jahren – weil Lois86 Mutter ist, aber die jüngere Lois plötzlich Superkräfte entwickelt… und nichts von Lois86 weiß.

– So verwirrend und barock all das klingt: Aktuell sind die Superman-Heftreihen, die alle in den nächsten Monaten neu bei Panini erscheinen, auf Deutsch, ein toller Einstieg. schöne alte Figuren, desorientiert in einer neuen Welt… doch optimistisch und einsteigerfreundlich erzählt. „Lois & Clark“ ist dabei der einfachste und süffigste Einstieg: Wir lernen Sohn Jon kennen, wir erfahren, was Superman86 heimlich/inkognito/undercover in der neuen Welt leistet, und mit dem Ende von „Lois & Clark“ (zwei Sammelbände, Band 2 erscheint am 7. Februar) starten dann mehrere weitere Erzählstränge, in denen man diesen Figuren folgen kann:

– Weil die Heftreihen in den USA schon seit Juni 2016 laufen und ich die Originalcomics las, weiß ich: die Reihen „Superman“, „Action Comics“, „Trinity“ und „Superwoman“ sind einen Blick wert. Als nächstes startet in den USA dann „Super-Sons“, über Supermans Sohn Jon und Batmans Sohn Damian.

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– Verlegerisch und erzählerisch, auf einer Meta-Ebene, geht es hier um Tonfall, Zielgruppen und Zugänglichkeit:

2011 dachte DC Comics: Wir müssen jünger werden, einfacher, härter/jugendlicher/aggressiver – und junge Leser wollen sich nicht mit alten oder verheirateten Helden identifizieren. Weg mit den Vorgeschichten!

2016 wird das korrigiert: Superman und Lois Lane sind ca. 40 Jahre alt, glückliche Eltern, und die Wärme, Besonnenheit, das Miteinander und Vertrauen machen die Comics sympathischer (und: kinderfreundlicher) als seit Jahren.

Mich persönlich freut, dass der Verlag es sich hätte einfach machen können und durch eine WEITERE Zeitreise- und Paralleluniversums-Geschichte alles viel schneller oder sauberer hätte auflösen können. Stattdessen gibt es diesen großen Doppelgänger-Kuddelmuddel… und bisher sorgt der Kuddelmuddel für lesenswerte, aufregende Comics und Konflikte. Alles etwas barock und verwirrend. Aber: sonnig, trotz allem einsteigerfreundlich – und genuin spannend.

Wer die Figuren aus Filmen und Serien ein wenig kennt, doch sich bisher nicht an die Comics traute: „Lois & Clark“ ist der ideale Einstieg.

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batman v superman, superman american alien

ebenfalls lesenswert, steht ganz für sich: „Superman: American Alien“ von Max Landis

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meine Bilanz, bisher:

„Action Comics“ wird ab Sammelband 2 besonders gut; „Superman“ ist ebenfalls ab Sammelband 2 gelungen. „Trinity“ (toll gezeichnet, aber nur ca. jede zweite Ausgabe) und „Superwoman“ (langsam erzählt, etwas träge) sind keine Meisterwerke, aber machen mir Spaß. „New Super-Man“ langweilt mich und spielt bisher keine große Rolle, auch die aktuelle „Supergirl“-Serie ist konventionell, langweilig, zweitklassig. Einen Blick wert: „Supergirl: Being Super“ (keine Verknüpfungen zu den anderen Reihen). Die „Justice League“-Reihen ab „DC Rebirth“ habe ich noch nicht angelesen. Und, wie gesagt: „Detective Comics“ ist großartig.

 

Die besten Comics & Graphic Novels 2016: meine Empfehlungen bei Deutschlandradio Kultur

Deutschlandradio Kultur - Comic-Empfehlungen 2016, Stefan Mesch.PNG

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bei Deutschlandradio Kultur empfehle ich meine 20 Comics des Jahres:

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schon 2015 stellte ich 20 aktuelle Reihen vor, hier (Link).

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20. Black Magick
Autor: Greg Rucka, Zeichnerin: Nicola Scott
Image Comics, Oktober 2015 bis Februar 2016.
5+ Hefte in 1+ Sammelbänden, wird Mitte 2017 fortgesetzt.

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Wer nie ein aktuelles US-Comic las, findet im Mystery-Thriller „Black Magick“ einen simplen, geradlinigen Einstieg: Greg Rucka ist mein Lieblings-Comicautor, Nicola Scott eine der beliebtesten Zeichnerinnen. „Black Magick“ zeigt Rowan Black, Ermittlerin in Portland, Oregon und Mitglied eines geheimen heidnischen Kults: Rowan ist eine Hexe. Sie hat okkulte Kräfte, wird in eine Geiselnahme verwickelt, muss Ritualmorde aufklären – ohne, sich vor Kollegen zu enttarnen.

Eine etwas altbackene Idee, in Band 1 noch nicht anspruchsvoller erzählt als in TV-Einerlei wie „Charmed“ oder „Constantine“. Auch Rowans Vokuhila-Frisur lässt viele Szenen gestrig wirken. Doch Rucka ist Experte für Polizeiarbeit, liebt feministische, komplexe Ensembles, und Nicola Scott hat ein Auge für Lichtstimmung und Grusel. 2016 waren beide mit einer (leider steifen) Neuauflage von „Wonder Woman“ ausgelastet. Doch 2017 geht „Black Magick“ weiter.

Bisher kein dichter, raffinierter Comic. Aber ein einladender! Wer Rucka kennt, weiß: Seine Reihen werden schnell tiefer, klüger, dunkler.

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19. Arcadia
Autor: Alex Paknadel, Zeichner: Eric Scott Pfeiffer
Boom! Studios, Mai 2015 bis Februar 2016.
8 Hefte in einem Sammelband, abgeschlossen.

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„The Matrix, but better“, lobten Kritiker dieses Polit- und Cyberpunk-Drama über eine Familie, zerrissen zwischen der Kunstwelt Arcadia und der verwüsteten Erde: Ein Virus tötete sieben Milliarden Menschen – doch das Bewusstsein von vier Milliarden davon konnte in ein Netzwerk übertragen werden. Dort lebt die Oberschicht wie in einem grenzenlos bizarren Videospiel, mit Superkräften und allen Gestaltungsmöglichkeiten. Arbeiter dagegen haben nicht einmal genügend Rechenleistung, um sich Gesichter und Haut animieren zu lassen.

Lee Pepper sah seine Familie sterben; und bewacht seitdem ein Rechenzentrum für Arcadia-Daten in Russland. Während diplomatischer Machtspiele droht die lebendige Minderheit, „The Meat“, Arcadia den Stecker zu ziehen. Das Netzwerk aber hat eigene Druckmittel – und Lee und seine digitalisierte Frau, Tochter, Sohn stehen zwischen den Fronten. Leider sind die Zeichnungen von Eric Scott Pfeiffer freudlos, karg: Grandios versponnene Ideenwelten von Autor Alex Paknadel werden sinnlos nüchtern aufgemalt. Figuren und Konzept faszinierten mich wochenlang. Doch ein Lesespaß ist dieser holprige, graustichige Comic selten.

Ich hoffe, der Autor findet bessere Zeichner. Oder aus „Arcadia“ wird eine elegante TV-Reihe: Herz, Talent, Ideen? Alles hier, im Überfluss. Jetzt fehlen noch Farbe, und liebevolle Details.

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18. The Violent
Autor: Ed Brisson, Zeichner: Adam Gorham
Image Comics, Dezember 2015 bis Juli 2016.
5 Hefte in einem Sammelband, in sich geschlossen – aber könnte fortgesetzt werden.

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Viele der besten Comics wollen beim Erzählen immer auch beweisen, was Comics leisten können – als eigene Kunstform. „The Violent“ dagegen könnte auch ein Film sein, ein düsterer TV-Mehrteiler, Theaterstück oder sozialrealistischer Roman. Mason und Becky haben eine dreijährige Tochter, leben an der Armutsgrenze und tun alles, um nicht weiter abzurutschen. Becky war drogensüchtig, Mason saß im Gefängnis. Nichts soll je wieder schief gehen. Natürlich geht alles schief, sofort.

Ed Brisson zeigt ein beklemmend banales Drama um einen Mann auf Bewährung, der alle Risiken eingeht, um seiner großen Liebe zu beweisen: Wir schaffen das. Zeichner Adam Gorham hält viele nichtssagende Straßen und Wohnungen Vancouvers sympathisch nichtssagend fest. Ein Comic, der an keiner Stelle allergrößte Kunst sein will. Doch der gerade deshalb überzeugt:

Einfach, packend, ohne künstlerische Eitelkeiten, Schrullen. Ein großer, kleiner Wurf!

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17. Monstress
Autorin: Marjorie Liu, Zeichnerin: Sana Takeda
Image Comics, seit November 2015.
8+ Hefte, bisher ein Sammelband, wird fortgesetzt.

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Eine recht konventionelle Fantasy-Saga. Mit Kostümdesign und Architektur, so kunstvoll, dass alle Stärken der Reihe daneben zu Schwächen werden: Figuren? Plot? Solide. Doch erst die vielen Details (Zeichnerin: Sana Takeda) machen „Monstress“ lesenswert. Einzelgängerin Maika trägt ein Monster in sich. Zwei reiche Hochkulturen führen Krieg. Beide halten sich für moralisch überlegen, aber sind zu jedem Tiefschlag fähig. Während Maikas Gegner für sich entscheiden: „Der Zweck heiligt die Mittel“, versucht die Außenseiterin, auch die schwächsten, taktisch unwichtigsten Leben zu schützen.

Ich brauchte gut 100 Seiten, um die Geschichte unter den barocken Steampunk- und Jugendstil-Klischees ernst zu nehmen. Zu viele Ideen hier wirken altbekannt. Der Rest zu oft verzweifelt möchtegern-originell. Tolle Kostüme und Architektur allein werden nicht entscheiden können, ob sich die Reihe lohnt: Wie klug, wie bitter werden Maikas Zwickmühlen weiter gedacht?

Politisch, psychologisch, grandios detailverliebt – oder doch nur Schauwerte, Kitsch, Effekte? Ich schwanke.

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16. Prez
Autor: Mark Russell, Zeichner: Ben Caldwell
DC Comics, Juni bis Dezember 2015.
Als zwölfteilige Heftreihe geplant, doch nach sechs Heften (in einem Sammelband) abgesetzt; sehr gute Kritiken, deshalb steht die Möglichkeit einer Fortsetzung im Raum.

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Ein Teenager als US-Präsident: 1973 zeigte ein albernes DC-Comic im „Richie Rich“-Stil fünf kurze Hefte lang, wie ein frecher Schüler das Establishment düpiert. 2015 gab es ein Remake über die junge Fast-Food-Angestellte Beth Ross, die via Twitter versehentlich zum Star wird, dann durch parteipolitische Intrigen Präsidentin. Trotz bester Kritiken las ich die Reihe erst im November, nach Trumps Wahlsieg – und war bestürzt, begeistert, fassungslos: der Comic der Stunde, schon wieder abgesetzt, wegen schlechter Verkaufszahlen.

„Prez“ nutzt Klischees über die Generation Y, setzt raffinierte Spitzen gegen die Macht von Konzernen, US-Außenpolitik, Erregungs- und Populismus-Dynamiken im Netz – fast alles klüger, bissiger, subversiver als die besten taz-Artikel. Doch besonders Menschen über 40 fühlen sich wohl: So frisch und jugendlich die Reihe wirkt, ihr Blick erinnert an Satiriker der Generation X, Douglas Coupland, „Die Simpsons“. Auch charmant – doch etwas harmloser: Autor Mark Russels kapitalismuskritische „Familie Feuerstein“-Neuauflage von 2016.

Abgründig, schmerzhaft, unvergesslich: Ich kenne kaum dichtere, smartere Satire.

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15. Action Comics
Autor: Dan Jurgens; wechselnde Zeichner, v.a. Patrick Zircher und Tyler Kirkham
DC Comics, erscheint seit Juni 2016 zweimal im Monat; Heft 1 heißt „Action Comics 957“.
14+ Hefte in 3+ Sammelbänden, wird fortgesetzt. Parallel lesen: die Reihen „Superman“, „Trinity“ und „Superwoman“.

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Immer wieder landen langjährige Heldencomics in erzählerischen Sackgassen – und räumen auf, indem ein komplizierter Zwischenfall (Zeitschleifen, Dimensionslöcher, parallele Welten) neue, simplere Zustände schaffen soll. 2011 hieß das: Superman und seine große Liebe Lois Lane werden ersetzt, durch jüngere Versionen, in einer neuen Welt. Jene Doppelgänger waren nie verheiratet, sind schroffer und pragmatischer; ein neuer Lex Luthor ist eher Antiheld als Schurke. 2015 strandete der ursprünglichere Superman in dieser neuen Gegenwart – in Dan Jurgens Reihe „Lois & Clark“: Er hat jetzt einen Sohn im Grundschulalter und lebt mit seiner Lois heimlich auf einer Farm.

2016, im nicht lesenswerten „The Final Days of Superman“ starb der jüngere Superman. Seitdem übernimmt die ältere Version die Hauptrolle. In vier verknüpften, oft exzellenten Heftreihen – „Action Comics“, „Superman“, „Superwoman“ und „Trinity“ – wird dieses Durcheinander durchdacht, von allen Seiten. Es gibt zwei Lois Lanes. Kann man Lex Luthor trauen? Ein Fremder ohne Kräfte behauptet, Clark Kent zu sein. Supermans Sohn will selbst Held werden. Zu viele ermüdende Kämpfe, mittelmäßige Zeichnungen. Doch tolle Figurenarbeit, Rätsel, Ensembles und Intrigen.

Wirres Chaos? Nein: Ein Helden-Mosaik, so stimmig, herzlich, menschlich wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

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14. Harrow County
Autor: Cullen Bunn, Zeichner: meist Tyler Crook
Dark Horse Comics, seit Mai 2015.
18+ Hefte in 4+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Provinz und Außenseitertum, Pubertät und das Erwachen von Zauberkräften, Feminismus und Hexerei – all das passt zeitlos gut zusammen, und wird aktuell z.B. im feministischen Hexen-Comic „Sabrina“ souverän erzählt. „Harrow County“ dagegen ist eine Klasse für sich: Statt ältere Comic-Käufer anzusprechen, können Ton, Blick, Zeichnungen hier auch Zwölf- bis Achtzehnjährige erreichen. Toll kindlich-zeitloses Design, toll jugendliche Ängste, toll erwachsene Psychologie.

In Band 1 wird Emmy klar, dass sie die Wiedergeburt einer Hexe ist – und am 18. Geburtstag geopfert werden soll. Band 2 bis 4 werden, trotz schlimmer Ausgangslage, immer warmherziger, differenzierter, heimeliger: Wie findet man seine Rolle – am Ort, an dem man leben muss oder will? Was kann man der Gemeinschaft geben – doch was dürfen Familie und Nachbarn auf keinen Fall verlangen? Ein Grusel- und Coming-of-Age-Märchen über Heimat, Armut, Rassismus, weibliche Selbstverwirklichung während der Weltwirtschaftskrise.

Schaurige Nostalgie, meisterhaft schlicht gezeichnet und koloriert. Einfach – aber niemals kindisch!

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13. Detective Comics
Autor: James Tynion IV, Zeichner: meist Eddie Barrows oder Alvaro Martinez
DC Comics, seit Juni 2016 zweimal im Monat; Heft 1 heißt „Detective Comics 934“.
13+ Hefte in 2+ Sammelbänden (und einem Crossover-Band namens „Night of the Monster Men“, der übersprungen werden kann), wird fortgesetzt.

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Kate Kane ist Batwoman. Tim Drake war Robin. Cassandra Cain und Stephanie Brown kämpften als Batgirl. Wer nur die Batman-Filme kennt, ist überrascht, wie viele Unterstützer*innen Bruce Wayne im Comic um sich schart – eigensinnige Stimmen in Gotham City, mit interessanten Konflikten, Weltanschauungen, Dynamik. Weil Batman selbst meist wortkarg, kalt, paranoid bleibt, leuchten solche Konstrastfiguren. Doch in den großen monatlichen Heftreihen, „Batman“ und „Detective Comics“, werden sie meist ignoriert, und ihre eigenen Serien (Ausnahme: „Batwoman“ und Stephanie Browns „Batgirl“) bleiben zu oft zweitklassig, nebensächlich.

Autor James Tynion liebt die „Bat-Family“, gab vielen Figuren schon in „Batman Eternal“ eine bessere Bühne. Sein Neustart bei „Detective Comics“ ist ein Fest, ein Schachspiel, ein Charakter-Drama, in dem nicht nur Bruce glänzen darf, sondern endlich auch die vielen heimlichen oder unbekannteren Helden.

Große Auftritte – und ein Miteinander, das ich mir als Fan seit fast zehn Jahren wünsche!

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12. The Fix
Autor: Nick Spencer, Zeichner: Steve Lieber
Image Comics, seit April 2016.
6+ Hefte in mindestens 2 Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Bitter wie „Fight Club“, und zynischer, unverschämter als jede Hochstapler- oder Buddy-Cop-Komödie, die ich kenne: Roy und Mac sind die lustlosesten, nachlässigsten Polizisten der Welt. Nebenher schmuggeln sie Drogen, überfallen Rentner. Doch auch das bemerkenswert schlampig, lapidar. Immer wieder sterben Menschen. Besonders tragisch, dringlich, spannend wird das nie. Fressen oder gefressen werden? Leben und leben lassen? Egal: Wozu groß reflektieren?

„The Fix“ warf mich um. Weil Krimis die Ermittler oft als Idealisten zeigen, die Gauner als virtuose, ehrenvolle Künstler. Roy und Mac sind Stümper, die einfach keinen Bock haben, sich Mühe zu machen mit anderen Menschen – doch die dafür von Autor Nick Spencer nie besonders in die Ecke gedrängt oder bestraft werden: „The Fix“ fragt nicht nach Moral, Verpflichtung. Sondern zeigt, wie man arbeitet – sobald man jeden Ehrgeiz verloren hat.

Krimi? Nein. Ein aggressiv lässiges Portrait zweier Nihilisten, denen ganz Los Angeles am Arsch vorbei geht.

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11. Nailbiter
Autor: Joshua Williamson, Zeichner: Mike Henderson
Image Comics, seit Mai 2014.
27+ Hefte in 5+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Geniale Autorinnen und Autoren? Unbezahlbar! Doch was ist mit den nüchtern kompetenten Genre-Handwerkern, Story-Ingenieuren, Fließband-Erzählern, Routiniers? Seit 25 Heften liebe ich die simple, packende Erzählweise von Joshua Williamson – an dessen Arbeit nichts besonders tief, markant, klug, ambitioniert wirkt. Doch bei dem alles wunderbar spannend, kompetent vor sich hin schnurrt: knallige Cliffhanger, schnippische Dialoge, klare Figuren.

Es geht um Buckaroo, einen kleinen Ort im regnerischen Oregon, aus dessen Bevölkerung aus unerklärten Gründen immer neue Serienmörder hervortreten. Ein FBI-Ermittler, ein weiblicher Sheriff und ihr Ex-Freund, der als Killer „Nailbiter“ überführt wurde, stolpern durch immer blutigeren, absurderen, surrealen Irrsinn. „Akte X“, mit schnelleren Antworten. „Twin Peaks“, doch ohne jeden Anspruch, Kunst zu sein. Ein glatte, souveräne Reihe – ohne „Das Schweigen der Lämmer“-Ambitionen.

Viele Psycho-Thriller scheitern, weil sie schwülstige Thesen zur Natur des Menschen suchen. „Nailbiter“ hält den Ball viel flacher. Doch trifft dabei fast jedes Mal!

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10. Gute Nacht, Punpun
Autor und Zeichner: Inio Asano.
Shogagukan, 2007 bis 2013.
147 monatliche Kapitel, gesammelt in 13 Sammelbänden, abgeschlossen (2016 auf Deutsch).

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Wir kennen die Klischees: junge Männer, die sich über Monate ins Zimmer sperren. Schülerinnen in Uniform – fetischisiert, aber angefeindet. Japans Jugend, zerfleischt oder deformiert durch Prüderie, Erfolgsdruck, „toxic masculinity“.

Inio Asano zeichnet toll fotorealistische Hintergründe – doch tragisch hässliche, rotznasige Kinder. Deshalb wirkt „Punpun“ die ersten drei, vier Bände lang wie eine patzig parodistische Mischung aus Rotz und Zuckerwatte: die Grundschulzeit eines Außenseiters, seine Tagträume, eine große Liebe. Die mittleren Bände zeigen Einsamkeit auf Mittel- und Oberschule, und sind betörend klug, hart, melancholisch. Im letzten Drittel sind Verlierer Punpun und seine Flamme Aiko am Ende – ruiniert von schlimmen Eltern, Pädagogen, dem System. Asanos Comic ist ein dunkler, epischer Bildungs- und Fehlbildungs-Roman, an vielen Stellen grell oder sentimental. Aber auf jeder Seite: dringlich, packend, wahr.

Ach so – und während hier fast jeder sonst konventionelle Manga-Körper hat, sieht sich Punpun selbst als läppisches Cartoon-Vögelchen.

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9. Wonder Woman: The True Amazon
Autorin und Zeichnerin: Jill Thompson
DC Comics, September 2016
als Buch erschienene Graphic Novel, 128 Seiten; hat ein recht offenes Ende: Fortsetzung sehr wahrscheinlich.

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2002 bis 2006 schrieb Greg Rucka moderne, sehr politische „Wonder Woman“-Comics. 2011 bis 2014 schuf Brian Azzarello ein blutiges, aber originelles Fantasy-Epos über Wonder Womans Krisen mit Zeus und Hera. Wer klagt, es gäbe kaum gute Geschichten über die Amazonen-Prinzessin, irrt. Was bisher aber schmerzlich fehlte: Bücher für Kinder im Grundschulalter.

Jill Thompson zeigt in fast naiven Aquarellen, wie Diana als verwöhnte, hochmütige junge Thronerbin um die Bewunderung der Amazonen aus dem Hofstaat ihrer Mutter kämpft – doch an Stallmeisterin Alethea scheitert. 120 Seiten lang glauben wir, zu lesen, wie aus Diana eine Heldin, Diplomatin und „True Amazon“ wird. Tatsächlich aber nimmt die Geschichte, wie in einem archaischen Märchen, eine existenzielle, überraschend kraftvolle Wendung. Als Kind hätte mich das Buch über Jahre begeistert und schockiert. Noch heute, mit 33, kann ich die Fortsetzung nicht erwarten.

Harmlose Bilder. Doch die allergrößten Fragen, Themen, Konflikte.

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8. The Vision
Autor: Tom King, Zeichner: Gabriel Hernandez Walta
Marvel Comics, November 2015 bis November 2016.
12 Hefte in zwei Sammelbänden, abgeschlossen.

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Viele Marvel-Helden haben seit den 40er, 50er, 60er Jahren monatliche Auftritte in einer oder mehreren Heftreihen – und deshalb heute absurd barocke Vorgeschichten. Die Kunst der zwölfteiligen, abgeschlossenen Reihe „The Vision“? Für Band 1 (Heft 1 bis 6) spielt das Vorleben der Figur keine Rolle. Und in Band 2 (Heft 7 bis 12), sobald wir den melancholischen Roboter, sein Umfeld, alle akuten Konflikte verstehen, spannt Autor Tom King dann doch plötzlich große Bögen durch Jahrzehnte Marvel- und „Avengers“-Historie.

The Vision ist ein Kunstmensch, der sich spontan eine eigene Familie konstruiert, in die Vorstadt zieht, Alltag im „Mad Men“- oder Norman-Rockwell-Stil durchleben will. Sein herbstliches Idyll zerbricht – und was mit alten, simplen Roboter-Fragen wie „Haben Androiden-Kinder echte Liebe, Androiden-Nachbarn echten Respekt verdient?“ beginnt, wird in Band 2 zu einem überraschend reifen Liebes-Drama (und: Superhelden-Duell).

Autor Tom King tut gern besonders tiefgründig, avantgardistisch. Oft gaukelt er Komplexität eher vor – durch Zeitsprünge, Montagen. Hier aber wirklich: Treffer!

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7. Billy Bat
Autor und Zeichner: Naoki Urazawa
Kodansha, Oktober 2008 bis August 2016.
165 monatliche Kapitel, gesammelt in 20 Sammelbänden, abgeschlossen (auch auf Deutsch fast vollständig).

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Rätsel-Serien wie „Lost“ beantworten eine Frage, doch werfen dabei zwei neue auf – und lange vor dem Finale haben viele Fans alle Geduld verloren. Der Historien-Thriller „Billy Bat“ zeigt eine geheimnisvolle Fledermaus, die über Jahrhunderte immer neuen Menschen immer Neues bedeutet – als Totem und Symbol, als Comic-Held und Maskottchen. Und als verborgene Stimme im Kopf, die u.a. das Attentat auf John F. Kennedy vorherzusagen scheint. Naoki Urazawa erzählt eine Kulturgeschichte von Zeichenkunst und Comic, von Groschenheften, Vergnügungsparks, Perfektionisten wie Walt Disney. „Billy Bat“ fragt, was eine Figur bedeuten kann, über Generationen und Grenzen hinweg. Und, wo sich Comic-Kultur und Kulturimperialismus überschneiden – besonders zwischen Japan und den USA.

Ein warmherziges, überraschendes Geflecht aus liebevollen, meist klugen japanischen und amerikanischen Leben: Künstler und Strategen, Zyniker und Fans, Kapitalisten, Idealisten, Kinder, Kindsköpfe… und viele ältere Männer, die zurück schauen auf die großen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts.

Schwer und verkopft? Nein: „Billy Bat“ erzählt ein Riesen-Epos – in überraschenden, optimistischen Häppchen. (Nur bitte nächstes Mal: mehr Frauen!)

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6. Injection
Autor: Warren Ellis, Zeichner: Declan Shalvey
Image Comics, seit Mai 2015, nach jeweils 5 Heften längere Pause.
10+ Hefte in 2+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Oft schreiben Comics schon schwarze Zahlen, sobald 5.000 Menschen ein Heft kauften. Deshalb können sie kantiger, seltsamer erzählen als Filme. Leider stammt Warren Ellis‘ Verständnis von „kantig und seltsam“ aus den 80er oder 90er Jahren: Paganismus, Cyberpunk, Hexerei, Verschwörungen, experimentelle Drogen… kein Ellis-Thema ist so crazy, mutig, originell, wie Ellis selbst zu glauben scheint – und darum war Band 1 von „Injection“ ein zwar kluger, sympathischer globaler Ensemble-Fantasy-Techno-Thriller… aber eben: kein restlos origineller, gewitzter.

Die Reihe zeigt fünf brilliante (und großteils queere, bisexuelle) Forscher und Kollegen, die eine Erfindung – die Injection – in die Welt entließen, doch heute mit zunehmend monströsen Folgen ringen. Band 2 stellt Vivek in den Mittelpunkt, Millionär, Snob, Detektiv oder Exorzist (?) in Manhattan. Eine hochbegabte Sherlock-Holmes-Figur, bei der ich zum ersten Mal seit Jahren dachte: „Ja! Hier zeigt ein mindestens kongenialer Autor Methoden und Einfallsreichtum eines echten Genies.“

Ellis‘ Versatzstücke, Puzzleteile sind oft nah am Klischee. Doch Ellis‘ Gesamtbild und die Erzählweisen hier? Einzigartig. Unerhört originell!

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5. Die Stadt, in der es mich nicht gibt
Text und Zeichnungen: Kei Sanbe
Kadokawa, Juni 2012 bis März 2016.
44 monatliche Kapitel, gesammelt in 8 Sammelbänden, abgeschlossen (auch bald auf Deutsch). Fünfteiliger Epilog im Dezember 2016 abgeschlossen.

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„Vertraute Fremde“, ein Mainstream-Bestseller von Jiro Taniguchi, folgte einem Mann über 50, plötzlich zurück im Körper seines 14jährigen Ich. Kei Sanbe zeigt ein ähnlich melancholisches Zeitreise- und Kindheits-Drama – aber als Krimi: Pizzabote Satoru, Ende 20, wird in der Zeit zurück geworfen, oft nach kleineren Unfällen oder Verletzungen, und hat meist wenige Minuten Zeit, sie zu verhindern. Als seine Mutter ermordet wird, erlebt er einen drastischeren Zeitsprung: Er ist zurück im kalten Hokkaido, im Winter seines zehnten Lebensjahrs, über Monate gestrandet. Eine Mitschülerin wurde damals ermordet; der Täter wurde nie gefasst.

Lange wirken die Zeichnungen zu schlicht, naiv. Band 1 dreht sich banal im Kreis. Erst spät wird klar: Hier wird eine Mutter-Sohn-Geschichte über Courage, Vertrauen, soziales Engagement gezeigt, mit vielen starken, komplexen Frauen, Wärme, Lebensweisheit und einem raffinierten Katz-und-Maus-Spiel durch mehrere Zeitschleifen und -stränge. Ich hoffe, Autor (oder Autorin?) Kei Sanbe wird noch weiter über die verzweigenden Lebensläufe und schweren Entscheidungen der Figuren erzählen.

Simple Grundidee – doch endlos interessante Abzweigungen, Chancen, Varianten. Ab Band 2 wird das zum kleinen Wohlfühl-Meisterwerk.

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4. Darth Vader
Autor: Kieron Gillen, Zeichner: Salvador Larroca
Marvel Comics, Februar 2014 bis Oktober 2016.
26 Hefte (und das gelungene Crossover „Vader Down“), gesammelt in 4 (+1) Sammelbänden, wird mit der Spin-Off-Reihe „Doctor Aphra“ fortgesetzt.

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Seit 2014 erzählen „Star Wars“-Romane und -Comics neue, offizielle Geschichten mit den alten Figuren. Jason Aarons Heftreihe „Star Wars“ blieb hölzern. Doch Kieron Gillens „Darth Vader“ wurde zum unerwarteten Highlight (…auch einen Blick wert: die Reihen „Han Solo“ und „Poe Dameron“). Zeichner Salvador Larroca liebt Blaupausen, filigrane Technik; Autor Gillen herben Sarkasmus, dramatische Ironie, Realpolitik.

Dr. Aphra, eine gerissene Archäologin, kam so gut an, dass sie Ende 2016 ihre eigene Reihe erhielt. Auch die blutrünstigen Droiden BT-1 und 0-0-0 fanden Fans. Doch trotz zahlloser Szenen, die nur die Niedertracht, Kaltschnäuzigkeit aller Figuren ausstellen, bleibt schwarzer Humor kein Selbstzweck: Wie lebt, laviert, paktiert man als wichtiges, aber unbeliebtes Zahnrad in einem totalitären System?

Statt Vader zu vermenschlichen oder zu feiern, zeigen fünf kluge, knallige Bände, wie autoritäre Despoten allen schaden – den Machtlosen, der Welt, sich selbst.

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3. The Fade Out
Autor: Ed Brubaker, Zeichner: Sean Phillips
Image Comics, August 2014 bis Januar 2016.
12 Hefte, gesammelt in 3 Sammelbänden, abgeschlossen.

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Ed Brubaker ist großer Krimi-Liebhaber und -Experte, und will in seinen Comics oft Stimmungen und Ton einer vergessenen Ära oder Vorlage treffen. Zwei Bände lang wirkt „The Fade Out“ wie eine solche Hommage – auf den Film Noir der späten 40er Jahre, „Sunset Boulevard“ und Raymond Chandler, auf bittere Verlierer im Sündenbabel Hollywood, die spät begreifen, dass sie für immer Spielfiguren bleiben zwischen Studiobossen, Mafiosi, Femmes fatales.

Dass Brubaker hier nicht nur aufwärmt, spielt, wird im finalen Band 3 beglückend offensichtlich: Was als guter Comic für Nostalgiker begann, wächst zu einem Stück Kunst, das wirklich jeder mit Gewinn lesen kann. Denn statt Figuren nur als Kanonenfutter hin und her zu schieben, zeigt Brubaker die großen Archetypen der McCarthy-Ära in einer Tiefe, Wärme, Farbigkeit, auf die ich nicht vorbereitet war. Ein Denkmal an mutige, gebrochene Menschen im LA der Studio-Ära.

Gewann den Eisner Award 2016. Freut jeden, der alte Krimis mag. Und verführt jeden, der Krimis nie sehr mochte!

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2. Invisible Republic
Text: Corinna Bechko und Gabriel Hardman, Zeichnungen: Gabriel Hardman
Image Comics, seit März 2015.
13+ monatliche Hefte in 2+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Verwaschene Farben. Ein passiver, hasenfüßiger Reporter ohne Esprit, Geist, Witz. Die arg pompöse Grundidee: Revolution auf einer fernen Kolonie der Erde, und eine Gegenrevolution, 40 Jahre später. Straßenschluchten, Nieselregen, brutalistische Betonbauten – als hätte man „Blade Runner“ ohne großes Budget in einer Hertie-Filiale in Stuttgart gefilmt, im November 1980. „Invisible Republic“ startet freudlos. Nie wirkte epische Science-Fiction prosaischer.

Doch meine Gewissheit, hier etwas ganz Besonderes, Einmaliges zu lesen, wächst: In jeder Geschichte, die auf historisch realen Freiheits- oder Klassenkämpfen fußt, schwingt Pathos oder linke Heldenverehrung, Parteilichkeit, Patriotismus. „Invisible Republic“ kann das umschiffen – durch das besondere Setting: Wären all diese Partisanen und Agitatoren, Rebellen, Linksterroristen und Whistleblower in Prag, auf Kuba oder in Ost-Berlin, zu viele Menschen würden beim Lesen säuseln: „Prag! Kuba! Ost-Berlin! Schon auch eine schöne, hoffnungsvolle Zeit!“

Der blutige Freiheitskampf einer Kolonie. Und 40 Jahre später: das Ende einer Diktatur. So analytisch, pathosfrei, reflektiert erzählt, wie bei einer Erden-Nation niemals möglich.

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1. Panter
Autor und Zeichner: Brecht Evens.
Deutsch bei Reprodukt.
120 Seiten, abgeschlossen.

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Sollen wir das putzig finden? Christine ist traurig, weil ihre Katze starb – und entdeckt plötzlich einen neuen besten Freund: ein wilder, farbenfroher, charismatischer Panther springt aus ihrer Kinderzimmmer-Kommode und überredet sie, zu albern, zu kuscheln und zu flirten. Tier und Mensch, Alt und Jung, Groß und Klein – so innig wie Otto und Benjamin Blümchen, Calvin und Hobbes, Pete und das Schmunzelmonster.

Was aber wollen diese aggressiv drolligen Gestalten eigentlich von Kindern? Welche Balus wünschen sich einen Mogli – und wozu? „Panter“ ist eine viel zu bunte, kuschelige, munter-bezaubernd-manipulative Graphic Novel über ein Kind, das umworben wird – von einem kunter-tupfig-lustig-bunten, allerliebsten… Raubtier.

Freundschaft? Nein. Der Belgier Brecht Evens zeigt die Dynamiken von Grooming, Missbrauch, sexueller Gewalt.

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und:

Gefeierte US-Reihen wie „Saga“, „Lazarus“, „Ms. Marvel“ und „Southern Bastards“ veröffentlichten auch 2016 neue Hefte und Sammelbände, auf gewohnt hohem Niveau. Auch der Manga „I am Hero“ überzeugt seit Jahren.

Batman v Superman: Buchtipps, Comic-Tipps, empfohlene Graphic Novels

batman vs. superman, graphic-novel-empfehlungen, buchtipps

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Am 22. März spreche ich bei Deutschlandradio Kultur über Batman versus Superman:

Im Magazin ‚Lesart‘, kurz nach 10 Uhr – auch zum Nachhören auf der Website.

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Heute: Comics zu Batman, Superman, der Justice League und Wonder Woman.

Klassiker und Geheimtipps, aktuelle Bestseller – und Ideen für Neueinsteiger.

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drei überraschend gute Listicles/Klickstrecken zum Einstieg:

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DC- (und Marvel-)Comics erscheinen meist als monatliche Serien. Ein Heft hat 20 bis 30 Seiten; und einige Monate später erscheinen die Handlungsbögen als Sammelband/Trade Paperback/“Graphic Novel“ noch einmal gebunden – meist etwa sechs Hefte. Solche 8 bis ca. 20 Euro teuren Bände stehen oft (halbwegs) für sich allein und erzählen eine (recht) geschlossene Geschichte.

Die „ganze“ Geschichte versteht man erst, wenn man alle denkbaren Heftreihen parallel liest – über 50 pro Monat. Doch niemand hat diesen Komplett-Überblick, und weil die Reihen und ihre Sammelbände oft überraschend schwanken (z.B. auch, weil Zeichner*innen und Autor*innen oft wechseln), will/kann ich keine Aussagen machen wie „‚Wonder Woman‘ ist eine gute Serie. Lest die ‚Wonder Woman‘-Sammelbände!“

Band 1 bis 6 sind sehr gut. Band 7 und 8 nicht mehr.

Viele der folgenden Empfehlungen haben Vorgänger- und Nachfolge-Bände und -Kapitel. Nicht alles erklärt sich sofort, und fast jede Geschichte hat diverse Vorgeschichten und Verweise auf frühere Verwicklungen. Neueinsteiger werden manchmal rätseln. Schlingern. Stolpern. Das gehört dazu – und macht oft Spaß. Im Notfall gibt es Fan-Seiten. Und sehr ausführliche Wikipedia- und TV-Tropes-Einträge zu allen Figuren und bisherigen Plots.

Ist der jeweilige Heft-Autor klug, sind auch Superman, Batman, Wonder Woman klug, sympathisch, überraschend komplex. Bei schlechten Autoren wird es schnell platt, brutal und plakativ.

Mitunter aber werden diese Figuren meisterhaft erzählt.

Hier sind Klassiker, Neuerscheinungen und persönliche Highlights:

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Es gibt gute Kinder-Comics wie „Superman Family Adventures“. Gute Jugend-Trickserien wie „Young Justice“. Guten Comedy-All-Ages-Quatsch wie „Teen Titans Go“, „Tiny Titans“ und „Little Gotham“. Und es gibt – wenige – Graphic Novels und Bildbände, die man mit Neun-, Zehn-, Elfjährigen lesen kann. Einfache, in sich geschlossene Geschichten, in denen Helden vorgestellt und stimmig inszeniert werden. Meine Favoriten:

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1 – DC Helden

Superman Batman DC Helden

[Link] …von Paul Dini, Zeichnungen (nein: Gemälde!) von Alex Ross:

Fünf großformatige, kurze, bildlastige Helden-Portraits als wunderbarer Sammelband. Je eine – recht menschliche, gefühlvolle – Begegnung mit Superman, Batman, Wonder Woman, Captain Marvel/Shazam, dazu ein Abenteuer der Justice League und eine Handvoll weiterer Helden-Kurzbiografien. Ein Bilderbuch. Ein Coffee Table Book. Ein Buch zum Verschenken – und Staunen. [Hier die US-Ausgabe.]

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2 – Trinity

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[Link] …von Matt Wagner:

Eine recht kurze, etwas simple/kindische Geschichte über die ersten Begegnungen von Superman, Wonder Woman und Batman. 50er-Jahre-Atmosphäre – charmant, für Kinder und Kindsköpfe. Im Gegensatz zu Tipp 1 kein Buch, für das ich viel Geld ausgeben würde.

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3 – Superman for all Seasons …und Batman: The Long Halloween

Superman Batman Superman for all Seasons

Superman: Link

Batman: Link

…von Jeph Loeb, Zeichnungen von Tim Sale:

Atmosphäre! Details! Charakter-Szenen! Jeph Loeb, später Autor bei der zunehmend schrecklichen TV-Serie „Heroes“, ist manchmal überdeutlich, langsam, dumpf-vorgestrig. Doch diese beiden abgeschlossenen Geschichten aus den Anfangsjahren von Superman und Batman reißen mit… und rühren. Keine Vorkenntnisse nötig.

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Landei gegen Milliardär. Alien gegen Mensch. Kraft gegen List. Licht gegen Schatten. Superman und Batman haben viel gemeinsam – doch entscheidende Unterschiede. Drei Comics, die solche Unterschiede und die komplizierte Freundschaft der beiden Helden genauer beleuchten – mal psychologisch, mal nur als große Keilerei:

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4 – Superman/Batman: Supergirl

Batman v Superman, Supergirl

[Link] …von Jeph Loeb, Zeichnungen von Michael Turner:

Eine Jugendliche strandet in einer Rettungskapsel in Gotham City… und sagt, sie sei Supermans Cousine. Clark Kent ist hingerissen. Bruce Wayne misstrauisch. Eine simple, aber sehr schmissige Mainstream-Geschichte, die sich viel Zeit nimmt, die Unterschiede zwischen Bruce und Clark zu beleuchten. Ein Minuspunkt: Supergirl sieht aus wie Paris Hilton – die Zeichnungen wirken schäbig, oversexed. Und obwohl die von Jeph Loeb begonnene „Superman/Batman“-Heftreihe zwölf Sammelbände füllt… ist das hier der einzige (halb-)gute.

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5 – The Dark Knight Returns

Batman v Superman, Dark Knight Returns

[Link] …von Frank Miller, Zeichnungen von Klaus Janson

Ein düsterer, medienkritischer, energisch gezeichneter Klassiker von 1986: Batman als alternder, einsamer Kämpfer. Superman als tumber amerikanischer Hurrapatriot, eine Marionette der neoliberalen Regierung. Bombenhagel, Straßenschlachten, Punks, Slums, zynische Talkshows. Autor Frank Miller ist heute Islamhasser/Rechtspopulist. Sein Batman ist ein Wutbürger, der drischt und knurrt. Ich mochte den Comic – und kann verstehen, warum er als Klassiker gilt. Doch ich glaube, „Meisterwerk“ jubeln hier nur Sechzehnjährige, die glauben, alles über dumme Medien, dumme Wähler, die scheinbar gar-so-dumme Welt verstanden zu haben: Sozialkritik auf dem Niveau der „Robocop“-Fime. [Seit Herbst 2015 erscheint eine (weitere) Fortsetzung, „The Dark Knight 3: The Master Race“.]

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6 – JLA: Tower of Babel

Batman v Superman, Tower of Babel

[Link] …von Mark Waid, Zeichnungen von Howard Porter:

Die „JLA“-Comics ab 1997 waren große Bestseller und sind bis heute absurd beliebt. Ich las die Reihe 2008 – und bereits damals schien der Tonfall gestrig: simple Figuren (jeder hat nur ein, zwei Charakterzüge), unterkomplexe Debatten. Der einflussreichste Band zeigt, wie Batmans Erzfeind Ra’s al Ghul alle Helden erfolgreich attackiert. Bis Batman klar wird: R’as benutzt geheime Strategien, die Batman selbst erarbeitet hat – um im Notfall all seine Freunde vernichten zu können. Batmans Paranoia wird zur Gefahr fürs Team. [Ein wichtiger Moment. Doch die Idee ist besser als ihre flaue Umsetzung.]

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Superman, Batman, Wonder Woman, The Flash, Green Lantern, Aquaman und andere Helden sind – schon seit 1960 – die Justice Leage: ein Superheldenteam mit komplizierter Geschichte und, Seite für Seite: zu vielen Köchen, Kräften, Baustellen, Erzählfäden. Justice-League-Comics sind selten gelungen. Denn auf 20 monatlichen Seiten ist Platz, drei, vier Figuren zu beleuchten. Doch keine sieben und mehr. Und alle Gegner. Im schlimmsten Fall sind „Justice League“-Comics ein fades, flaches Durcheinander. Im besten Fall: ein überfrachtet überambitioniertes, wahnwitziges, tolles Durcheinander. Highlights… mit viel zu vielen Helden. Zu vielen Bällen, wild und wirr jongliert:

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7 – Injustice: Gods among us, Jahr 1

Batman v Superman, Injustice - Gods Among Us

[Link] …von Tom Taylor und wechselnden Zeichnern.

Als der Joker Metropolis zerstört, verliert Superman alle Beherrschung – und sein Vertrauen in die Welt: Er wird Despot und sorgt für Frieden durch Überwachung und Kontrolle. Batman, Green Arrow und viele überraschende Figuren wie Harley Quinn versuchen, Superman ins Gewissen zu reden. Doch im Lauf von fünf Jahren schaukelt sich der Konflikt immer weiter hoch. Jahr 1 (von 5) ist wundervoll – eine intelligente, düstere, politische Was-wäre-wenn-Geschichte, von Tom Taylor überraschend witzig, warmherzig und liebevoll erzählt. Ab Jahr 3 wechselt der Autor, und die Schachzüge, Tricks zwischen Batmans und Supermans Gefolge werden recht beliebig. Trotzdem: die unterhaltsamste und klügste Team-Reihe der letzten Jahre!

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8 – Justice League: The Injustice League

Batman v Superman, Injustice League

[Link] …von Geoff Johns und wechselnden Zeichnern, u.a. Doug Mahnke:

Seit dem DC-Neustart von 2011 gehört Geoff Johns‘ „Justice League“ zu den größten Publikumserfolgen. Doch erst Band 6 nimmt sich viel Zeit für Figurenentwicklung, Mit- und Gegeneinander, Grundsatzdebatten: Lex Luthor ist (nach den Ereignissen des nicht-lesenswerten Crossovers „Forever Evil“) Teil der Liga und inszeniert sich als Retter.  Schon in Band 7 wurde mir alles wieder… zu haudrauf. Doch hätte ich mit 13 „Injustice League“ gelesen, ich hätte wochenlang nachgedacht – über diese geheimnisvollen, verwirrenden Helden, und ihre komplizierten Konflikte.

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9 – Smallville

Batman v Superman, Smallville

[Link] …von Bryan Q. Miller, wechselnde Zeichner:

Auch hier: Ein überraschend liebevolles, witziges, charakterstarkes Mainstream-Helden-Epos. Die „Smallville“-TV-Serie habe ich nie verfolgt. Egal. Nicht nötig! Ich mag, wie viel Zeit sich Miller für Wortwitz und schöne Freundschafts- und Romantik-Momente lässt und las die ersten sechs Sammelbände (Tiefpunkt: Band 2, Highligh: Band 5), doch verlor später, kurz vor Ende der Reihe, das Interesse: Statt Lois, Clark, Lex Luthor tauchen bald alle denkbaren DC-Helden und -Schurken auf – viel zu wahllos, viel zu schnell. Eine Parallelwelt zu den gängigen DC-Reihen… die sich zu schnell an diese gängigen Reihen annähert. Nein: anbiedert.

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Seit 2011 erschienen leider kaum noch gute Superman-Comics. Batman-Reihen dagegen werden beliebter – und haben die besseren Zeichner und Autoren. Die Serien „Detective Comics“ und „The Dark Knight“ blieben holprig; auch „Batman & Robin“ hat immer wieder Mühe. Doch Scotts Synders Projekte – „Batman“, „Batman Eternal“, „Batman & Robin Eternal“ – sowie „Batgirl“, „Batwoman“ und „Gotham Academy“ zeigen: Nie geschah so viel Interessantes in Gotham, so schnell, für so viele interessante Figuren. Mich stört nur, dass Bruce Wayne immer plumper als Genie und Übermensch gezeigt wird: Muss er über alles triumphieren? Immer?

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10 – Batman: The Court of Owls

Batman v Superman, Court of the Owls

[Link] …von Scott Snyder, Zeichnungen von Greg Capullo:

Ein Blockbuster – dramatisch, düster, voller Superlative, High-Tech-Waffen, überlebensgroßen Heldentaten und wahnsinnigen Super-Super-Superschurken: Band 1 und 2 erzählen den Kampf Batmans gegen einen Geheimbund mitten in Gotham City. Band 3, 6 und 7 drehen sich um den Joker – und langweilten mich: viel Nervenkitzel, viel Blut, aber kein stimmiges Ende. Band 4 und 5 sind besonders einsteigerfreundlich: Sie zeigen die Zeit, in der Bruce Wayne zu Batman wird – und seine ersten Abenteuer in Gotham. Deshalb: 1, 2, 4, 5. Oder 4, 5, 1, 2. Und: nicht zu lange nachdenken, warum Bruce Wayne in jedem Sammelband ca. drei Gespräche über bahnbrechenden High-Tech-Gadget-Prototypen-Unsinn führen muss. #sinnlosesuperlative #sinnloseshightech

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11 – Batman: Superheavy

Batman v Superman, Batman Superheavy

[Link] …von Scott Snyder, Zeichnungen von Greg Capullo:

Band 8 derselben Reihe stellt alles auf den Kopf. Commissioner Gordon rasiert sich den Schnurrbart ab, geht trainieren und wird zu Batman, in einer Roboter-Rüstung [im Stil von ‚Iron Man‘]. Die Idee ist hanebüchen, sympathisch frech und irritierend – und ich dachte lange: Wenn ich alle anderen Batman-Comics vorher lese/aufarbeite, die Vorgeschichte hierzu sehr gut kenne, überrumpelt mich das weniger. Doch es überrumpelt so oder so. Deshalb: Einfach los! Ohne Googeln, Vorbereitungen, lange Recherche: ein seltsames, frisches, originelles Kapitel.

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12 – Batman Eternal

Batman v Superman, Batman Eternal

[Link] …von u.a. Scott Snyder, James Tynion IV und wechselnden Zeichnern:

Seit 2006 versucht DC immer wieder wöchentliche Heftreihen. Doch bisher überzeugte mich nur die erste, „52“. „Batman Eternal“ zeigt eine (schein-)komplexe, überfrachtete Verschwörung, die sich durch alle Figurengruppen Gothams zieht. Solide Dialoge, viel Abwechslung, oft überraschend gut gezeichnet: ein Mainstream-Batman-Comic, der alle Aspekte von Batmans Welt anreißt… aber kaum etwas überzeugend auserzählt. Für fünf, sechs Hefte am Stück fühle ich mich immer blendend unterhalten. Dann denke ich wieder: eine Aufzählung, Reihung, Gebetsmühle – Namedropping, Anspielungen, Cameos. Drei Schritte seitwärts. Zwei zurück. Macht süchtig – wie eine nicht-sehr-gute, aber rasante Soap.

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Batman und Superman hatten mehrere TV-Serien und Kinofilme. Ihre Städte, Gegner, Liebes- und Vorgeschichten sind bekannt. Wonder Woman ist genauso alt – doch immer wieder wird ihr Hintergrund verändert: eine tolle Figur – der oft die tollen Autoren fehlen. Anders als Superman aber, mit dem sie ab 2012 liiert war, hat sie auch in den letzten Jahren gute Geschichten. Für Einsteiger, nur zwischendurch: Band 3 von „Sensation Comics“ – charmante, kurze Episoden. Die drei maßgeblichen „Wonder Woman“-Autoren und Sammelband-Reihen:

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13 – Wonder Woman (New 52, Band 1 bis 6)

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[Link: 6 Bände] …von Brian Azzarello, Zeichnungen von Cliff Chiang:

Diana muss eine junge Schwangere beschützen – vor dem Zorn der Götter, sechs Sammelbände lang. Simple, aber stilsichere Zeichnungen. Kluge, schnippische Dialoge und Figuren. Nur Wendungen hat diese Odyssee durch London und die antike Unterwelt fast keine; und zwischen den pompösen griechischen Gottheiten wirkt Diana zu oft wie eine machtlose, zufällige Randfigur. Ich kenne keine zweite Mainstream-Comicreihe aus den letzten Jahren, die 30 Hefte lang auf gleichbleibend hohem Niveau eine schlüssige, anspruchsvolle Geschichte erzählte. Respekt! Doch der letzte Funke… fehlt.

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14 – Wonder Woman (1987)

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[Link] …von George Perez (Text und Zeichnungen):

Ein Klassiker – zeitlos, aber unfassbar achzigerjahrig. In bisher vier Sammelbänden (mehr Material muss noch neu aufgelegt werden) erzählt George Perez die Anfänge, ersten Schritte von Diana jenseits ihrer Amazonen-Heimat. Alles ist überfrachtet, pomadisiert, verschnörkelt, barock. Und trotzdem so charmant, sich-selbst-und-seine-Figuren-ernst-nehmend, dass man bis heute mit Genuss lesen kann.

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15 – Wonder Woman, „Identity Crisis“, „Infinite Crisis“

Batman v Superman, Identity Crisis

[Link] …von Greg Rucka (meinem Lieblings-Comicautor), Geoff Johns und vielen anderen:

Seit 2003 war Wonder Woman vor allem Diplomatin. Doch musste trotzdem hin und wieder in den Hades steigen, oder eine Medusa duellieren. Eine moderne, kultivierte Frau – in archaischen Rollen, tragischen globalen und persönlichen Konflikten. Rucka schrieb zur selben Zeit auch „Superman“-Comics, und beide Reihen mündeten in einem (großartigen) Justice-League-Crossover, „Identity Crisis“ und, 2006, einem Knall namens „Infinite Crisis“. Ich habe hier [Link, Punkt: ‚Identity Crisis, 2005‘] aufgeschrieben, in welcher Reihenfolge diese fünf bis ca. 15 Bände am meisten Spaß machen.

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Einige Reihen unterhalten, interessieren, begeistern mich seit einer Weile – haben aber noch keinen Abschluss. Vier Tipps, zu denen ich mir noch kein abschließendes Urteil bilden kann. Schade, dass diese Bände nicht schon jetzt, zum Filmstart, komplett in Buchläden bereit liegen:

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16 – Superman: Earth One

Batman v Superman, Earth One

[Link] …von J. Michael Straczynski, Zeichnungen von Shane Davis (Band 1 und 2) und Ardian Syaf (Band 3):

Die „Earth One“-Buchreihe erzählt abgeschlossene Geschichten in einer neuen, alternativen Realität. Weil Clark Kent auf dem Cover von Band 1 einen Hoodie trägt, rechneten Zyniker mit einem „‚Twilight-Clark‘, ‚Emo-Clark‘, ‚Boygroup-Clark'“ – doch tatsächlich ist „Earth One“ eine konventionelle, souveräne Origin Story. Wer Superman mag, wird diese Parallelwelt-Version gerne akzeptieren. Wer nichts über Superman weiß, findet sich sofort zurecht. Nicht progressiv. Aber angenehm professionell, besonders im Vergleich zu vielen monströs schlechten Superman-Sammelbänden der letzten Jahre. [„Batman: Earth One“ ist ebenfalls solider, zugänglicher Mainstream – doch langweilte mich schneller. Grant Morrisons“Wonder Woman: Earth One“ erscheint im April 2016 – aber hat furchtbare erste Kritiken.]

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17 – Superman: American Alien

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[Link] …von Max Landis; der Zeichner wechselt mit jedem Heft/Kapitel:

Max Landis, Sohn von Horror-Regisseur John Landis, ist ein sympathischer Nerd und Schwätzer, der u.a. 2012 ein unterhaltsam polemisches Video drehte über die „Death and Return of Superman“-Storyline Anfang der 90er Jahre. Seitdem schreibt er gelegentlich für DC – mit Respekt vor den Figuren, Talent und Lust, Erwartungen zu überrumpeln. Von sieben Heften „Superman: American Alien“ sind bislang fünf erschienen. Alle haben einen anderen Zeichenstil und eine radikal andere Grundstimmung – aber alle machen Spaß. Mich stört nur, dass in jedem Heft zwei, drei Figuren genauso selbstverliebt und langatmig palavern… wie Landis selbst. Max? Dein Lex Luthor klingt wie jemand, der Youtube-Videos über Heldencomics dreht.

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18 – The Legend of Wonder Woman

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[Link] …von Renae de Liz, Zeichnungen von Ray Dillon:

Manchmal sind Comics halbkompetent geschrieben, erzählt – doch laugen mich nach wenigen Seiten aus: Figuren aus „The Walking Dead“ sagen zu viele Dinge dreimal. Ihre Sprechblasen sind überfüllt, die Dialoge hölzern. Auch „The Legend of Wonder Woman“ krankt an solchen unpräzisen, öden Geschwätzigkeiten. Alle Frauen hier sehen aus wie Disney-Prinzessinnen. Doch kindgerecht ist die Geschichte über Dianas erste Jahre als Kriegerin und Diplomatin trotzdem nicht: Kein Kind hätte Nerven für so langatmiges Geblubber. Solide Geschichte. Aber: uff. Kürzt diese Paraphrasen!

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19 – Lois and Clark

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[Link] …von Dan Jurgens, Zeichnungen von Lee Weeks:

Altmodische Zeichnungen, altmodische Rollenbilder, ein altmodischer – und deutlich älterer – Superman, glücklich verheiratet mit Lois Lane, Vater eines Sohnes: Zwischen 1986 und 2011 erlebten alle DC-Figuren wichtige Entwicklungen. Doch seit 2011, mit dem Neustart-Slogan „The New 52“, sind viele dieser Geschichten hinfällig/nie passiert. Lois und Clark waren (in der Realität der Comics seit 2011, auch rückwirkend) nie ein Liebespaar – und leben heute in den Reihen „Superman“ und „Action Comics“ spröde nebeneinander her. Autor Dan Jurgens aber bringt ihre alten Versionen, das Liebespaar von 86 bis 2011, in die New-52-Realität. Geschichten im alten Stil – in der kühleren, schrofferen Erzählgegenwart. Simpel, aber mit viel Herz. Mich stört nur, wie verhältnismäßig schwach Lois Lane agiert – als Provinz-Mutti statt Pulitzer-Journalistin.

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Es gibt zwei Dutzend weitere aktuelle Heftreihen/Sammelbände, die auf den Kinofilm einstimmen könnten: „Aquaman“ und „Cyborg“, „Superman/Wonder Woman“, „Batman/Superman“, „Superman“, „Action Comics“, etliche „Batman“-, Team- und „Justice League“-Reihen… doch nichts davon las ich seit 2011 mit besonderer Freude. Tom Taylors „Earth 2“ hatte zwei Sammelbände lang sehr gute Kritiken (1) (2), doch der konventionelle Zeichenstil stieß mich ab.

 

Batman vs. Superman: The Greatest BattlesIm Dezember 2015 erschien der Sammelband „Batman vs. Superman: The Greatest Battles“ – eine solide Auswahl und, wie alle DC-Themen-Sammelbände, grundsätzlich empfehlenswert. Persönlich werde ich schnell müde beim Lesen solcher Comic-Anthologien: Die alten Comics, 40er bis 70er Jahre, sind kindisch und träge. Und die Kapitel, die man neueren Story-Arcs entrissen hat, wirken wie Stückwerk, zusammenhanglos: Ich lese das – und möchte jedes Mal ganze Sammelbände öffnen. Statt von Fragment zu Fragment, Episode zu Episode zu springen. Trotzdem: vorsichtige Empfehlung – zumal nur Szenen ab 1986 nachgedruckt wurden.

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Schwule und lesbische Superhelden: Graphic Novels zur Comic-Ausstellung „SuperQueeroes“ (Schwules Museum, Berlin)

Bara-Manga von Gengoroh Tagame, ausgestellt im Schwulen Museum

„My brother’s Husband“, Manga von Gengoroh Tagame, ausgestellt im Schwulen Museum

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Seit 2008 lese ich Graphic Novels und Superhelden-Sammelbände; gelegentlich auch Manga. Ich gebe aktuelle Empfehlungen, schreibe fürs Comic-Ressort des Berliner Tagesspiegel und spreche bei Deutschlandradio Kultur. Mich freut, dass ich 2008 nur zum Vergnügen, vor allem beim Bahnfahren, „Superman“-Comics las – doch heute die Feuilletons und Redaktionen, für die ich arbeite, immer wieder sagen: „Spannendes Thema! Mehr davon.“

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Wordpress Kate Kane Renee Montoya Greg Rucka The Question Batwoman

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vom 22. Januar bis zum 26. Juni 2016, im Schwulen Museum Berlin (Lützowstraße 73):

SuperQueeroes – Unsere LGBTI*-Comic-Held_innen

„Zum ersten Mal widmet sich in Deutschland ein Museum dem vergleichsweise neuen Thema „queere“ Comics: also Comics mit LGBTI*-Charakteren. Der Fokus liegt dabei auf „Superheld_innen“, womit nicht nur die gängigen Supermänner und -frauen gemeint sind, die im US-amerikanischen Mainstream-Comic in den letzten Jahren Coming-out-Geschichten erlebt haben. Vielmehr geht es auch darum zu zeigen, wie heroisch Alltags-Storys von LGBTI*-Menschen sein können, die sich in einer heteronormativen Welt – auch einer von Zensur und Codes dominierten Comic-Welt – durchsetzen mussten bzw. immer noch müssen.

[…die Ausstellung zeigt] sowohl in Europa bekannte Künstler_innen wie Tom of Finland, Alison Bechdel, Ralf König, Wolfgang Müller, Gengoroh Tagame, Nazario oder Howard Cruse, als auch Künstler_innen wie Megan Rose Gedris, Erika Moen und Kylie Summer Wu.

Kurator_innenteam: Michael Bregel, Kevin Clarke, Natasha Gross, Hannes Hacke, Justin Hall, Markus Pfalzgraf, Mario Russo.  Ausstellungsdesign: Matthias Panitz“

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Schwules Museum Berlin, lgbt comics

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Am Montag stellte Kurator und Politikjournalist Markus Pfalzgraf in einem knapp einstündigen Vortrag große Pioniere, persönlichere Fundstücke und internationale aktuellere Cartoons, Projekte und Reihen vor:

Pfalzgraf ist Autor von „Stripped: The Story of Gay Comics“ (Bruno Gmünder, 2012)

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Ein sympathischer, ausgewogener, gut präsentierter Querschnitt. Pfalzgraf sprach recht nüchtern-kuratorisch – als Literaturkritiker dachte ich an vielen Stellen: „Sag nochmal laut, wie toll, komplex oder blöd-sexistisch viele dieser Titel sind. Mehr Leidenschaft, mehr Wertung, mehr Kritik!“ Wir haben unterschiedliche… Betriebstemperaturen.

Ich bin gewohnt, dass immer wieder „Wer will das lesen?“-Debatten ausbrechen um queere Figuren, Minderheiten, Repräsentation, Sichtbarkeit im Mainstream: Jede Woche lese ich neue Essays und Artikel über… einen schwarzen Spider-Man, eine muslimische Ms. Marvel, Frauen in Videospielen und „Star Wars“, transsexuelle Figuren in US-Serien, schwarze Preisträger*innen bei den Oscars. Immer wieder fragen Laien, Freunde, konservative Kritiker*innen: Was ändert das? Wem hilft das? Warum ist das wichtig?

Ich bin gewohnt, dass jede nicht-weiße, nicht-heterosexuelle Figur eine solche Grundsatzdebatte eröffnet – und war überrascht, dass Vortrag und Ausstellung im Schwulen Museum stattdessen recht nüchtern zeigen: Früher gab es kaum queere Figuren. Heute langsam immer mehr.

Die Hintergründe, Debatten, Marktmechanismen, Widerstände, die großen Sinnfragen – „Was ‚bringt‘ eine lesbische Batwoman?“, „Warum wandten sich Superhelden-Comics lange Zeit vor allem an weiße, junge, heterosexuelle Männer?“ etc. – sind für mich täglich so präsent… ich wünschte, die Ausstellung würde mehr über Protest und (Selbst-)Zensur, Angst und Widerstand, Verlage und Zielgruppen erzählen.

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Vielleicht passiert das während Führungen. Die nächsten Termine:

  • Samstag, 13. Februar um 16 Uhr Führung zu „Superqueeroes“
  • Donnerstag, 18. Februar um 18 Uhr
  • Samstag, 27. Februar um 16 Uhr Führung zu „Superqueeroes“

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schwules museum berlin, markus pfalzgraf

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Ich kenne das Schwule Museum seit letztem Sommer und einer Lesung von Freund, Autor, Disability-Experte Kenny Fries. Helle Räume, engagierte Mitarbeiter. Das „SuperQueeroes“-Veranstaltungsplakat stieß mich ab: amateurhafte Figuren, 90er-Jahre-Copy-Shop-Ästhetik. Doch die Ausstellung selbst ist einladend, professionell.

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Spielfiguren des Marvel-Superhelden-Teams "Alpha Flight"

Spielfiguren des Marvel-Superhelden-Teams „Alpha Flight“

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europäische LGBT-Graphic-Novels

europäische LGBT-Graphic-Novels

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Superheld*innen-Aufsteller von Imke Schmidt und Ka Schmitz

Superheld*innen-Aufsteller von Imke Schmidt und Ka Schmitz

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Text zum Mainstream-Superhelden-Bereich der Ausstellung

kuratorischer Text zum Mainstream-Superhelden-Bereich der Ausstellung […alle Schilder und Beschriftungen sind zweisprachig.]

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nur kurz, als Liste:

LGBT-Graphic-Novels, die ich empfehlen kann:

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ALISON BECHDEL: „Fun Home“ (autobiografische Graphic Novel, 2006)

HOWARD CRUSE: „Stuck Rubber Baby“ (autobiografische Graphic Novel, 1996)

JUDD WINNICK: „Pedro and Me“ (autobiografische Graphic Novel, 2000)

SARAH LEAVITT: „Tangles: A Story about Alzheimer’s, my Mother, and me“ (autobiografische Graphic Novel, 2010. Deutscher Titel „Das große Durcheinander“)

DAVID SMALL: „Stitches“ (autobiografische Graphic Novel, 2009)

Fun Home. A Family Tragicomic: Eine Familie von Gezeichneten  Stuck Rubber Baby  Pedro and Me: Friendship, Loss, and What I Learned  Tangles: A Story About Alzheimer's, My Mother, and Me  Stitches: A Memoir

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GREG RUCKA: „Gotham Central: Half a Life“ (Batman-Comic mit lesbischer Polizistin)

…und die „Batwoman“-Reihe: Band 1 bis 4 sind besonders gelungen. Band 0 war etwas hakelig/mühsam.

Gotham Central, Vol. 2: Half a Life  Batwoman, Vol. 1: Hydrology  Batwoman, Vol. 2: To Drown the World  Batwoman, Vol. 3: World's Finest  Batwoman, Vol. 4: This Blood Is Thick

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solide, aber mit deutlichen Schwächen:

NICOLE J. GEORGES: „Calling Dr. Laura“ (autobiografische Graphic Novel, 2013)

ELLEN FORNEY: „Marbles: Mania, Depression, Michelangelo and me“ (autobiografische Graphic Novel, 2012)

Calling Dr. Laura: A Graphic Memoir  Marbles: Mania, Depression, Michelangelo, and Me

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überbewertet, keine Empfehlung:

TERRY MOORE: „Strangers in Paradise“ (halb Thriller, halb Seifenoper, viel Comedy: zwei ungleiche Freundinnen und ihre ständig wechselnden Gefühle füreinander)

MATT FRACTION: „Sex Criminals“ (heterosexuelles Paar merkt, dass sie beim Sex die Zeit anhalten können: sympathischer Comedy-Thriller – doch nicht halb so alternativ, originell oder tiefgreifend, wie sich Autor Matt Fraction das wohl wünscht/vorstellt.)

JULIE MAROH: „Blue is the warmes Colour“ (platte Figuren, einfallslose Konflikte: wirkt wie aus den 80ern.)

NOELLE STEVENSON: „Lumberjanes“ (Kinder-Comic über junge, teils queere Pfadfinderinnen und allerlei Geheimnisse. Viele Fans, aber einfallsloser und oft sehr kitschiger magischer Realismus, viel seichtes „Girl Power“-Gerede)

Strangers in Paradise, Pocket Book 1  Sex Criminals, Vol. 1: One Weird Trick  Le bleu est une couleur chaude  Lumberjanes, Vol. 1: Beware the Kitten Holy

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heterosexuelle Figuren – aber ein recht queerer, alternativer Blick auf die Welt:

YUKI KODAMA: „Sakamichi no Apollon“ (Manga-Reihe, 10 Bände, 2008 bis 2012, längere Empfehlung hier)

DANIEL CLOWES: „Ghost World“ (Graphic Novel, 1998)

Sakamichi No Apollon: 1  Ghost World

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Snapshots der anderen aktuellen Ausstellungen im Schwulen Museum:

schwules Museum Berlin

Best Graphic Novels 2014

underdog literature october 2014
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Here are 20 monthly comic book series that caught my interest lately.

Off-beat, quirky or curious titles that might deserve more attention…

all published and / or collected in trade paperback collections in 2014.

 

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01: RICK REMENDER (writer): „Deadly Class“

ongoing high school thriller / mystery series, Image Comics

Deadly Class, Vol. 1: Reagan Youth

02: MARK MILLAR (writer): „Jupiter’s Legacy“

10-issue ongoing mini-series about the children of super-heroes, Image Comics

Jupiter's Legacy Volume 1

03: CLAUDIO SANCHEZ (writer): „Translucid“

philosophical and experimental super-hero tale, Evil Ink Comics

Translucid

04: KEL SYMONS (writer), „The Mercenary Sea“

adventure and espionage, set in 1938, Image Comics

The Mercenary Sea Volume 1

05: KELLY SUE DeCONNICK, „Pretty Deadly“

ongoing horror / fantasy western, Image Comics

Pretty Deadly, Vol. 1: The Shrike

06: LARIME TAYLOR (writer), „A Voice in the Dark“

ongoing horror / serial killer drama, Image Comics

A Voice in the Dark, Volume 1

07: ALES KOT (writer), „Zero“

ongoing spy thriller, Image Comics

Zero, Vol. 1 An Emergency

08: KYLE HIGGINS (writer), „C.O.W.L.“

ongoing period drama about Chicago’s super-hero labor union, Image Comics

C.O.W.L. Volume 1: Principles of Power

09: JOSHUA WILLIAMSON (writer), „Nailbiter“

ongoing horror / serial killer small town drama, Image Comics

Nailbiter Volume 1: There Will Be Blood

10: J. MICHAEL STRACZYNSKI (writer), „Ten Grant“

ongoing supernatural demon-hunter urban fantasy drama, Image Comics

Ten Grand Volume 1

11: JIM ZUB (writer), „Disney Kingdoms: Figment“

limited all ages fantasy mini-series about theme park Disney characters, Marvel Comics

Disney Kingdoms: Figment #1

12: ED BRUBAKER (writer), „The Fade Out“

ongoing noir crime drama set in Hollywood in 1948, Image Comics

The Fade Out #1

13: CHRIS MISKIEWICZ, „Thomas Alsop“

ongoing superatural urban fantasy drama – might be whimsical and melancholic. BOOM! Studios

Thomas Alsop #1

14: SIMON SPURRIER (writer), „Six Gun Gorilla“

ongoing sci-fi western action comedy (?), BOOM! Studios

Six-Gun Gorilla

15: CHARLES SOULE (writer), „Letter 44“

ongoing science fiction thriller about astronauts making first contact, Oni Press

Letter 44 Volume 1: Escape Velocity

16: RICK REMENDER, „Black Science“

ongoing crazy sci-fi adventure, Image Comics

Black Science, Vol.1: How to Fall Forever

17: MARK MILLAR (writer), „Starlight“

ongoing (?) golden-age style space opera, Image Comics

Starlight #1

18: GREG RUCKA (writer), „Veil“

Urban Fantasy / horror ongoing, Dark Horse Comics

Veil

19: KIERON GILLEN (writer), „The Wicked + The Divine“

ongoing supernatural drama about deities, reborn as hipsters, Image Comics

The Wicked + the Divine Volume 1

20: JOE KEATINGE, „Shutter“

ongoing Young Adult science fiction adventure, Image Comics

Shutter, Vol. 1: Wanderlost

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I’m shocked that so many Image Comics titles made the cut: Image has launched a lot of new series, and reviews / reception has been great for most.

I’m also curious about Brian Michael Bendis‘ mob drama „The United States of Murder“ and Jason Aaron’s „Southern Bastards“.

Bonus:

5 ongoing older (but still recent) series that I want to read soon:

Revival, Vol. 1: You're Among Friends Bedlam, Vol. 1 The Black Beetle in No Way Out Nowhere Men, Vol. 1: Fates Worse Than Death Storm Dogs Vol. 1 TP
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…and all recent ongoing series that I read and enjoy:

Velvet, Vol. 1: Before the Living End Lazarus, Vol. 1: Family High Crimes The Massive, Vol. 1: Black Pacific Saga #1

Afterlife with Archie: Escape from Riverdale MIND MGMT, Vol. 1: The Manager Alex + Ada, Volume 1 Ms. Marvel, Vol. 1: No Normal The Private Eye, Volume One

She-Hulk, Vol. 1: Law and Disorder Hawkeye, Vol. 1: My Life as a Weapon Injustice: Gods Among Us, Vol. 1 Smallville Season 11, Volume 1: Guardian Wonder Woman, Vol. 1: Blood

I’m also curious about Geoff John’s „Superman“, Cameron Stewart’s „Batgirl“ and Becky Cloonan’s „Gotham Academy“.

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related Posts:

and:

Superman: „Man of Steel“ – Comic-Empfehlungen

superman book recommendations man of steel, stefan mesch wordpress.

Seit 2008 las ich knapp 100 „Superman“-Sammelbände. Clark Kent ist einer meiner Lieblingsmenschen, Lois Lane eine der sympathischsten, spannendsten Frauen der Popkultur… und obwohl viele „Superman“-Comics Probleme, Hänger, Schwächen haben, fand ich in 75 Jahren „Superman“ einige große Klassiker, Highlights und Geheimtipps.

Heute, zum Kinostart von „Man of Steel“:

10 Empfehlungen für Neueinsteiger.

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Superman for all Seasons (1998)

Ein Findelkind aus einem abgestürzten Raumschiff. Die schläfrige Nostalgie einer Landjugend in Smallville, Kansas. Ein junger Mann mit ungeheuren Kräften, plötzlich alleine in der großen Stadt. Und eine Reporterin, Rivalin, forsche Kollegin – umworben von einem zwielichtigen Milliardär:

Keine Helden-(Vor-)Geschichte wird so oft neu erzählt wie Clark Kents Jugend und Erwachsenwerden, Clarks Sprung von Smallville nach Metropolis, erste Konflikte mit Lex Luthor und Lois Lane. Doch Charme, Schwung, erzählerische Eleganz solcher “Wie alles begann”-Comics waren nie größer als in “Superman for all Seasons”, einem zeitlosen, schlichten Vierteiler: Die wenigsten Heldencomics machen auch ohne Vorwissen großen Spaß, scheren sich um Einsteiger, neue Leser. “Superman for all Seasons” will neue Leser hofieren. Hinreißen. Anfixen. Verführen! Große Empfehlung.

wer zeichnet / schreibt? Tim Sale zeichnet im Noir-Stil der vierziger Jahre: tiefe, suggestive Schatten, Art-Deco-Wolkenkratzer, Clark stiernackig und aufgebläht, Lois Lane als kindliche Femme Fatale. Bis Mitte der Nuller-Jahre veröffentlichten Sale und Autor Jeph Loeb gemeinsam eine ganze Reihe moderner Klassiker (Empfehlungen bei DC Comics: “Batman: The Long Halloween”, “Catwoman: When in Rome”). Erst heute ist Loeb – u.a. als Marvel-Fließbandschreiber und Produzent der biederen TV-Serie “Heroes” – recht verhasst: Die Luft ist raus. Der Charme ist fort.

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mehr davon:

Grant Morrisons “All-Star Superman” (2005) hat einen ähnlichen Breitbild-Stil, will Leser Staunen machen und verwundern – war mir persönlich aber viel zu angestrengt, wirr, gernegroß.

In “Superman: Kryptonite” (2007) zeigen Darwyn Cooke und Tim Sale eine etwas behäbige, dröge Monster-Geschichte: die selbe Optik, aber erzählerisch banaler.

Auch Mark Waids “Superman: Birthright” (2004) zeigt Clarks Jugend und die ersten Abenteuer in Metropolis: viel Lois Lane, viele kluge Fragen, gut gezeichnet. Solide!

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Superman: Secret Identity (2004)

“Clark Kent? Aus Kansas?” Alle lachen über den High-School-Außenseiter, dessen Eltern ihn nach einem Comic-Trottel tauften. Denn “Secret Identity” spielt nicht in der gewohnten DC-Welt von Batman, Wonder Woman, Superman usw., sondern in “unserer” Realität: Ein junger Mann, benannt nach Supermans geheimem Ich, hadert mit den Erwartungen, die der Name “Clark Kent” mit sich bringt – und muss entscheiden, welche Rolle er in einem Alltag spielen will, der anderen Gesetzen gehorcht als in den Superhelden-Comics.

“Superman: Secret Identity” hat alle Wucht, Herz und Idealismus der Filme von Frank Capra. Ein Alltagsmärchen übers Held-Sein und Erwachsenwerden, persönliche Vorbilder und erste, unerhörte Schritte: Für diese abgeschlossene, klug (!) sentimentale Graphic Novel ist kein Vorwissen nötig. Eine stille, zeitlose Liebes- und Familiengeschichte; Denkmal zur Doppelrolle Clark / Superman. Ein Comic über Comics. Ihre Helden. Und ihre Leser.

wer zeichnet / schreibt? Zeichner Stuart Immonem hatte anderswo (z.B. in Marvels “Nextwave”) mehr Schwung. Autor Kurt Busiek dagegen war nie so gut wie hier: Seit 20 Jahren schreibt er hin und wieder “Superman”-Geschichten. Immer mit dem Herz am rechten Fleck, gutem Verständnis der Figuren. Schade, dass sein größter Wurf trotzdem eine Anomalie blieb: in Busieks Karriere. Und im Verlagsprogramm von DC.

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mehr davon:

Kurt Busieks “Superman: Up, up and away” (2007) ist ein normaler Helden-Comic, kompetent gezeichnet und erzählt, einsteigerfreundlich, charmant… aber ohne tiefere erzählerische Ambition.

Steven T. Seagles autobiografische Alltags-Graphic-Novel “It’s a Bird…” (2004) fragt, was Superman kulturell bedeutet. Wofür er steht. Leider bleibt ein halbgares, unfertiges, dümmliches Buch – voll trüber, nahe liegender Antworten.

Kansas-Kitsch, High-School-Herzschmerz, amerikanische Farmer-Nostalgie? Geoff Johns’ “Superboy: The Boy of Steel” (2011) wäre Comic-Massenware. Doch Zeichner Francis Manapul holt das Äußerste aus dem Setting: ein Zwischendurch-Comic, der große Sehnsucht macht – nach Maisfeldern, Apfelkuchen, Teenager-Sein.

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The Superman Chronicles: Volume 1 (1938 / 39)

Für Batman wollen Autoren oft nur aller-allergrößtes Kino: gebrochene Helden! Vertrackte Psychologie! Masken/Rollen als Metapher! Die höchste denkbare Fallhöhe: Wer Batman besser machen will, setzt immer noch einen drauf. Legt weiter nach. Ein Melodram. Oder, falsch dosiert: Kitsch, Parodie. Eine Operette.

Sucht Superman neue Leser, denken Autoren meist umgekehrt: Sie nehmen den Fuß vom Gas. Erzählen simpler. Fangen immer wieder ganz von vorne an, reduziert aufs Wesentliche („You’ll believe a man can fly!“). Deshalb gibt es mehr gute, griffige “Superman”-Neustarts. Doch deshalb sind auch viele der besten Superman-Geschichten immer irgendwie: für Kinder. Ein Tick zu schlicht. Harmlos. Naiv.

Wer 75 Jahre nach Erscheinen von „Action Comics“ Nr. 1 Clarks erste, je 11 Seiten lange Abenteuer liest, stößt auf erwartbare Schlichtheit und Naivität. Dazwischen aber blitzen Kanten, die vielen neuen Superman-Versionen fehlen: Superman ist nassforsch, dreist, spielt seine Macht genüsslich gegen Unterdrücker und Bonzen aus. Um als Reporterin zu glänzen, nutzt Lois Lügen, Tiefschläge, dreiste Haurück-Manöver. Und Clark hat größten Spaß daran, sie dreist anzustacheln, zu belügen: Hassliebe. Geschlechterkampf. Brutalster Schlagabtausch! So viel der Mythos mit den Jahren gewann, so viel ging zwischenzeitlich auch verloren: Was wurde aus diesem frechen, krassen Aktivisten? Der schamlosen, unbeherrschbaren Frau? „Superman“ als fiebrige, überspannte Farce – überraschend leidenschaftlich. Forsch. Dreist. Frisch!

wer zeichnet / schreibt? Zeichner Joe Shuster starb 1992, Autor Jerry Siegel 1996. Ich las vom Superman-”Geburtshaus” in Cleveland. Vom kulturellen Erbe als junge Außenseiter und Juden. Von Shusters Sado-Maso-Zeichnungen, Brad Meltzers Mystery-Bestseller über den Tod von Siegels Vater, den jahrelangen Zerwürfnissen und Prozessen gegen DC Comics: zwei übervolle, dramatische Leben – die ich noch immer kaum verstehe / überblicke.

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mehr davon:

Mit John Byrnes „Superman: Man of Steel“ (1986) begann eine 25 Jahre lange, durchgängige Saga über Clark (und Lois). Die frühen Sammelbände sind altbacken gezeichnet. Konflikte werden naiv gelöst. Doch Figuren und Charme leuchten bis heute – entspannter, altmodischer Spaß!

Geoff Johns‘ „Superman: Secret Origin“ (2009) scheint für ca. Zwölfjährige gezeichnet und erzählt. Ein leichter, grundsympathischer „Superman“-Grundkurs – doch künstlerisch / literarisch flach.

„Superman: The Greatest Stories ever told“ erschien in Deutschland 2005, als Teil der Comic-Klassiker-Bibliothek der FAZ: ein dichter, faszinierender Querschnitt, vom ersten Auftritt bis zum (empfehlenswerten!) Action Comics 775 (2001).

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Superman: Red Son (2004)

Soft. Abgehoben. Passiv. Langweilig. Obrigkeitshörig. Waschlappig. Zu sauber und stark – und nur mit kleinen Keilereien beschäftigt, statt endlich mal für immer aufzuräumen, im Land! 1986 zeigten Alan Moores „Watchmen“ und Frank Millers „The Dark Knight Returns“ einen Gegenentwurf zum weichen, vorsichtigen Superman: kaputte, zynische Männer, die über Leichen gehen. Eigene Gesetze schreiben. Niemandem Rücksicht oder Rechenschaft schulden wollen. Miller und Moore entwarfen diese Antihelden als Warnung. Doch Leser feierten Rorschach, Lobo, Spawn usw. als kantige, moderne Nicht-lange-Herumfackler.

„Superman: Red Son“ ist ein Lieblingscomic vieler Flegel, die Superman zu trüb und dösig finden. Statt in Amerika landet die Raumkapsel aus Krypton in der Ukraine, und aus dem Super-Waisenkind wird ein Handlanger Stalins und Leitfigur des Kommunismus. Als moralisches / politisches Gedankenspiel macht „Red Son“ großen Spaß. Als düsterer, dreckiger Alptraum sowieso. Doch wie jede andere DC-Fantasie, die alte Helden in neue, blutige Rollen stößt („Flashpoint“, „Injustice: Gods Among Us“) kommt nach viel Schock und Irritation doch nur die etwas abgeschmackte Behauptung, den Helden läge das Gute schon im Blut – und edle Erbanlagen übertrumpfen jede Fehl-Erziehung. Zuerst also „verbotener“ Kitzel: klassische Figuren als zügellose Mörder. Als Feigenblatt, ganz kurz vor Schluss, dann die Beschwichtigung: „Egal, wie weit unsere Helden gehen… am Ende drehen sie brav wieder um!“ Die große Wutkinder-Sehnsucht, einen Auge-um-Auge-Superman zu sehen, der gnadenlos die Sau rauslässt, wird in „Red Son“ halbwegs klug befriedigt. Doch „Meisterwerk!“ rufen vor allem jene Aggros, die sich für Wolverine eine Kettensäge wünschen, für Batman Schusswaffen – und für Catwoman eine Geschlechtskrankheit.

wer zeichnet / schreibt? In „Stormwatch“ / „The Authority“ entwarf Provokateur Warren Ellis einen dunklen Spiegel zur DC-Gerechtigkeitsliga: Aus Batman wird der mörderische Midnighter, sein Liebhaber, ein Superman-Gegenpart, heißt Apollo. „Red Son“-Autor Mark Millar ist Ellis‘ Nachfolger: Er mag Politik, Zynismus, vertrackte Fragen – und exzessive Gewalt. Ein Quentin Tarantino der Comicwelt (mittelmäßig: „Kick-Ass“, 2008).

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mehr davon:

Mark Waids Dystopie „Kingdom Come“ (1996) stellt die bedächtigen DC-Helden gegen eine neue, wütende Generation. Toll gezeichnet von Alex Ross – doch etwas bieder / abgehackt erzählt.

Brian Azzarellos „Lex Luthor: Man of Steel“ (2006) zeigt Superman als Bedrohung, durch Lex Luthors Augen. Ein gutes Konzept, ähnlich beliebt / gefeiert wie „Red Son“… aber in der Ausführung recht nichtssagend und flach.

In „JLA: Tower of Babel“ (2001) fragte Mark Waid, wie weit Helden gehen dürfen, um sich gegenseitig zu stoppen. Auch hier ist das Konzept leider klüger als die Ausführung. Trotzdem: lesenswert!

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The Death and Life of Superman (1993)

Zwischen 1991 und 2002 erschienen vier parallele „Superman“-Heftserien pro Monat: Je 22 Seiten, von je vier Autor-und-Zeichner-Teams, eng genug verzahnt für einen gemeinsamen, immer komplexeren Plot. Ende 1992 wurde Superman von einem „Doomsday“ genannten Monster getötet. Mitte 1993 tauchten mehrere Unbekannte auf, die seine Rolle in Metropolis übernehmen wollten. Der wuchtige (trotz allem aber: gekürzte) Comic-Sammelband „The Death and Return of Superman“ erzählt dieses – kommerziell erfolgreiche, literarisch recht gelungene – „Superman“-Kapitel auf 784 Seiten.

Wer auf zwanzig Jahren alten Zeichenstil (und: schlimme Frisuren!) verzichten kann, liest die Geschichte besser in der Roman-zum-Comic-Fassung von Roger Stern – auch deutsch billig erhältlich, als „Superman: Die packende Geschichte seiner Abenteuer“. 1986, mit „Crisis on Infinite Earths“, erlebten viele DC-Figuren einen neuen Anfang. Supermans Tod, sechs Jahre später, erlaubt einen stimmigen, ersten Querschnitt durch Figuren und Stärken des Verlags: Guy Gardner? Booster Gold? John Henry Irons? In einer Welt ohne Superman haben solche Freunde, Feinde, Kollegen neuen Raum – und so wird der Roman zu einer doppelten Liebeserklärung: an Clark. Und an die Welt um ihn herum.

wer zeichnet / schreibt? Einer der besten Superman-Autoren und -Zeichner, Dan Jurgens, entwickelt sich seit 1992 leider kaum weiter: Er arbeitet bis heute für DC – doch je aktueller seine Comics, desto fader, simpler ihr Gesamteindruck. Trotzdem hat „Death and Life of Superman“ ein recht hohes Niveau. Das schwächste Glied ist Zeichner John Bogdanove.

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mehr davon:

„Superman: Exile“ (1989), „Superman: They Saved Luthor’s Brain!“ (1992) und (selbst noch nicht gelesen:) „Superman: Panic in the Sky“ (1992) sind beliebte, klassische Vorgänger-Bände aus den frühen 90er Jahren.

Lesenswert, direkt im Anschluss, auch der „Green Lantern“-Band „Emerald Twilight / New Dawn“ (1994).

1999, nach einem Erdbeben, wurde Batmans Heimatstadt Gotham City zum „Niemandsland“ erklärt. Auch hier führt die Geschichte durch 80 Einzelhefte – oder eine Romanfassung: Der Autor heißt Greg Rucka, schreibt Comics und Thriller. Und gehört in beiden Medien zu den größten Talenten.

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Identity Crisis (2005)

Dass sich Wonder Woman (oft: Fantasy), Batman (oft: Krimi/Thriller), Green Lantern (meist: Science Fiction) etc. die selbe Erzählwelt teilen, bringt viel Verwirrung – doch selten echten Mehrwert. Erst 2005 und 2006, unter der Leitung von Geoff Johns, gelang eine große erzählerische Kettenreaktion, in der Superman und Wonder Woman die besten Rollen spielen: „Identity Crisis“ zeigt einen Mord im Umfeld der Gerechtigkeitsliga / Justice League und fragt, was Helden dürfen, wollen, verändern können. Für sich alleine ist dieser Helden-Krimi spannend und gut verständlich. Als Mosaikstein einer größeren Geschichte wird er zur Superman-Pflichtlektüre:

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Fast alle Reihen dieser Liste (selten aber: einzelne Bände) sind auch für sich alleine lesenswert. Zusammen zeigt sich ihre größere Thematik: Wie Batmans Überwachungswahn, Supermans Vorsicht, Wonder Womans Pragmatismus und schiefe, zähe Entscheidungsfindungen der Justice League die Welt oft besser, dieses Mal aber katastrophal schlechter machen. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht Action und Verwüstung – sondern Figuren, Ideale und Weltanschauung: Charakterfragen statt Story-Knalleffekte.

wer zeichnet / schreibt? Greg Rucka mag Spionage und politische Intrigen, schreibt tolle Frauenfiguren und recherchiert gründlicher als fast jeder Kollege: Seine Arbeit an „Wonder Woman“ ist ein Meilenstein, sein „Superman“-Plot nur Durchschnitt – doch im Zusammenspiel entwickelt sich große erzählerische Wucht. Geoff Johns wuchs mit den kindlicheren DC-Comics der 60er Jahre auf und denkt naive oder schrullige Konzepte gerne zeitgemäß zu Ende: zitatfreudige, bunte, oft etwas übervolle Comics. Erzählerisch gehört „Identity Crisis“ und das – gut orchestrierte – Vorher, Nachher, Drumherum zu den Sternstunden amerikanischen Helden-Mainstreams: Auf Tausenden Seiten darf man staunen wie ein Kind – und durch erwachsene, kluge Konflikte grübeln.

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mehr davon:

Komplexe, viele Erzählfäden verwebende Helden-Comics, bei DC? „Green Lantern“ und „Green Lantern Corps“ erzählen seit zehn Jahren eine kompliziert-bunt-triviale Space Opera: kindlich, knallig – und oft großes Kino.

Nach „Crisis on Infinite Earths“ (1986) und „Infinite Crisis“ (2006) schrieb Grant Morrison 2009 die Quasi-Fortsetzung „Final Crisis“. Doch sein hysterisches Untergangs-Kuddelmuddel macht keinen Sinn. Und keinen Spaß.

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Superman: Last Son (2007)

Aktuelle, monatliche DC-Heftreihen über Batman und seine Vertrauten? 15. Aktuelle, monatliche DC-Heftreihen über Superman? 4 bis 5. Beide Figuren kennt jedes Kind – doch während in Gotham City seit Jahren Raum für zeichnerische und konzeptuelle Experimente bleibt, taugen „Superman“ und „Action Comics“ oft nur als Resterampe / Abstellgleis für mittelgute, mittelfrische Nummer-Sicher-Autoren.

Auch „Superman: Last Son“ ist kein besonderes Prestige- oder Vorzeige-Projekt: Ein kleiner Junge mit Superkräften irrt durch Metropolis. Als Clark und Lois helfen wollen, folgt eine Armee brutaler Kriegsverbrecher aus Krypton, geführt von General Zod. Zum Kinostart von „Man of Steel“ legte der Verlag „Last Son“ (zusammen mit der schwächeren Fortsetzung „Brainiac“) als Sammelband neu auf. Vielleicht, weil Zod im Film zentraler Gegner ist. Vielleicht auch nur, weil in den letzten 10 Jahren kein anderes „Superman“-Comic so viel so unverkrampft richtig machte: Ein schwungvoller Zeichner und eine klare, griffige Geschichte, statt Durcheinander (minimaler) Tiefgang, statt Pathos (ein Mindestmaß an) Emotion. Warum nicht vier, fünf solcher Sammelbände im Jahr? „Last Son“ sollte Standard sein. Statt einsame, gefeierte Sternstunde.

wer zeichnet / schreibt? Autor Geoff Johns liefert gewohnt solide Arbeit, hier unterstützt von Richard Donner, Regisseur des „Superman“-Kinofilms von 1978. Zeichner Adam Kubert überzeugt auch in „Whatever happened to the Caped Crusader?“ (2009) und „Flashpoint“ (2011).

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mehr davon:

Geoff Johns, Kurt Busiek und James Robinson legten ab 2007 Grundbausteine für einen größeren „Superman“-Plot, „New Krypton“. Viele erste Sammelbände sind Mittelmaß und können ignoriert / übersprungen werden: „Back in Action“, „Camelot Falls“, „Redemption“, „Escape from Bizzaro World“, „The Coming of Atlas“.

Empfehlenswert dagegen, auch für sich allein: Johns‘ „Superman and the Legion of Super-Heroes“ (2008) und (bereits erwähnt) „Superman: Up, up and away“ (2006).

Überraschend gelungen – doch nur als dünnes Heft veröffentlicht, nie als eigener Sammelband: Nick Spencers „Jimmy Olsen“-Kurzgeschichten von 2010.

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Superman: New Krypton (2009 bis 2011)

Um ein breites Publikum zu kitzeln und zu packen, brauchen Geschichten Widersprüche, Lücken, innere Gegensätze – behauptet John Fiske, mein liebster (Pop-)Kulturtheoretiker: Ist Superman eine Leitfigur… oder ein Weichei? Muss sich Amerika den Launen fast allmächtiger Besucher fügen? Sollen sich Außenseiter integrieren – oder helfen Schutzräume, eigene Staaten, Ghettos? Dürfen Helden Nationen und ihre Politiker gegeneinander ausspielen?

Fast 100.000 Landsleute Supermans überlebten (als Geiseln des Despoten Brainiac) die Zerstörung Kryptons. Als neue Siedler auf der Erde entwickeln sie Superkräfte – und Clark steht zwischen allen Fronten: In über 100 Einzelheften und aus der Perspektive von Helden wie Supergirl, Mon-El, „Guardian“ Jim Harper sowie Jimmy Olsen und mehreren neuen Figuren puzzelt „New Krypton“ ein vertracktes Panorama – zerfasert, widersprüchlich, hochpolitisch. Komplexität und Anspruch des über 15 Sammelbände langen Epos sind für DC-Verhältnisse beispiellos – doch oft machen smarte Einzel-Plots und Fragen mehr Sinn als das windschiefe, finale Gesamtbild: Auch nach 100 Kapiteln bleibt das Gefühl, 100 andere, geheime Kapitel verpasst zu haben. Lücken, Widersprüche, offene Fragen, die noch nach Monaten kitzeln: Ist das ein Reiz von Heldencomics? Oder ihre größte Schwäche?

empfohlene Reihenfolge (Details u.a. hier):

wer zeichnet / schreibt? Unter vielen recht talentierten Zeichnern fallen Brian Wood und Renato Guedes besonders auf. Bei den Autoren sind es „Supergirl“-Autor Sterling Gates und (nach ein paar schlechten ersten Versuchen) James Robinson. Greg Ruckas Kapitel, besonders „Nightwing and Flamebird“, bleiben schleppend, langweilig und überflüssig: Nach Abschluss von „New Krypton“ beendete Rucka die Zusammenarbeit mit DC.

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mehr davon:

„New Krypton“ fiel bei Lesern und Kritikern durch: Sterling Gates‘ „Supergirl“-Folgebände sind beliebt. Doch in den beiden Haupt-Heftreihen „Action Comics“ und „Superman“ selbst ignorierte man 2010 und 2011 alle Ereignisse und Figuren aus „New Krypton“.

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Smallville: Guardian (2012)

Zehn Staffeln lang, von 2001 bis 2011, erzählte „Smallville“ eine Kitsch-, Spar-, Soapversion der Jugendjahre von Clark Kent, ohne besonderen Esprit und Anspruch. Am Ende von trägen 217 Episoden tritt Clark (endlich) als Superman an die Öffentlichkeit. Lex Luthor erklärt dem neuen Helden den Krieg. „Green Arrow“ Oliver Queen und seine Verlobte, Chloe Sullivan, spielen tragende Nebenrollen: Ähnlich wie bei „Buffy“ wird die – an sich: beendete – TV-Handlung als Comic-„Season“ fortgesetzt. Doch selbst als billiger wöchentlicher 10-Seiten e-Comic hat „Smallville“ kaum finanziellen Spielraum: öde Farben, einfallslose Bildsprache, Figuren wie Gliederpuppen und Vogelscheuchen. B-Ware. Ausschuss. Ramsch.

Egal! Alle „wichtigen“ Superman-Reihen seit 2011 schlingern umher wie sinkende Schiffe: Clark bleibt ein mürrischer Einzelgänger. Seine Eltern sind tot, der Alltag trist, Lois eine bloße Kollegin – auch ein Techtelmechtel mit Wonder Woman brachte weder Spaß noch Tiefgang. „Smallville“ läuft außer Konkurrenz zu diesen „wichtigen“, aber misslungenen Comics, bespielt eine eigene Nische – und hat trotz schäbiger Optik Hirn. Herz. Charme! Die (einzige?) aktuelle „Superman“-Reihe, die ihre eigene Richtung kennt. Low-budget. Aber auf gutem Kurs.

wer zeichnet / schreibt? Zeichner Pere Pérez trat nach 120 Seiten ab. Doch Autor Bryan Q. Miller bleibt: Er schrieb einige „Smallville“-Drehbücher für die letzten drei TV-Staffeln und überzeugte 2009 bis 2011 mit einem jungen, sarkastischen „Batgirl“-Neustart – so klug wie witzig. Ein Autor für die A-Liga, dem smarte Figurendynamik (mindestens) so wichtig ist wie laute Kämpfe.

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mehr davon:

J. Michael Straczynski („Babylon 5“) startete 2010 eine Reihe abgeschlossener „Superman“-Abenteuer, „Earth One“. Band 1 (und Geoff Johns‘ „Batman“-Gegenstück) blieb Mittelmaß. Band 2 macht Spaß – als Einstieg oder Zwischendurch-Lektüre. Kein Vorwissen nötig.

Ganz neu, im Sommer 2013, und mit guten ersten Kritiken: die monatlichen Reihen „Superman unchained“ (Scott Snyder und Jim Lee) und „Batman/Superman“ (Greg Pak, Jae Lee) sowie die lose Kurzgeschichtensammlung „Adventures of Superman“. Beliebt war auch der Kinder-Comic „Superman Family Adventures“ (Art Baltazar, Franco); trocken / fade dagegen eine digitale Reihe über Superman als Witwer / alter Mann, „Superman Beyond“ (J.T. Krul).

Die beiden größten monatlichen Reihen, „Action Comics“ und „Superman“, sind seit 2011 recht schlecht. Im Moment verfasst Scott Lobdell alle Geschichten – ein unbeholfener, gehetzter Fließband-Autor.

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DC Helden / The World’s Greatest Super-Heroes (1998 bis 2003)

Ein Comic? Oder ein Bilderbuch? Paul Dini schrieb seit 1992 Drehbücher für „Batman: The Animated Series“ (und viele späteren TV-Serien von DC) und hat bis heute einen verspielten, sehr humanen Blick auf Helden und Schurken in Gotham City. Sein Sammelband „DC Helden“ zeigt in fünf kurzen, großformatigen Text-und-Bild-Geschichten – halb Comic, halb Essay/Lobrede – bekannte DC-Figuren und ihre Werte/Prinzipien: „Superman: Peace on Earth“, „Batman: War on Crime“, „Wonder Woman: Spirit of Truth“, „Shazam!: Power of Hope“ und „JLA: Liberty and Justice“ sind keine komplizierten Helden-Sagas. Sondern prachtvoll gezeichnete, schlicht erzählte (zeitlose!) Portraits.

Bei Marvel Comics sind Ensembles, Gruppen und Heldenteams wie X-Men und Avengers bewährte Bestseller. DCs Versuche, sechs, sieben, fünfzehn Superhelden auf 20 Seiten zu jonglieren, verraten oft viel zu wenig über einzelne Figuren: In Reihen wie „Justice League“, „Teen Titans“, „Earth 2“ herrscht buntes Durcheinander. Namedropping. Langeweile. Chaos. „DC Helden“ ist ein dringender Lichtblick: Weil Dini entspannt das Neben- und Miteinander von Batman, Superman usw. zeigt. Die Helden vorstellt. Lust auf mehr macht! Oft bleiben Team-Geschichten literarische B-Klasse. Die Team-Mitglieder aber – zeigt dieser Sammelband charmant und selbstbewusst – sind A-Liga.

wer zeichnet / schreibt? In den 50er Jahren malte Lynette Ross Mode-Illustrationen für Katalog- und Versandhäuser. Seit 1990 zeichnet ihr Sohn Alex im selben Stil – luzid, farbstark, pausbackig-amerikanisch – einige der attraktivsten Helden-Posen (z.B. „Marvels“, 1994). Autor Paul Dini überzeugt bis heute bei Batman-Figuren wie Catwoman, Harley Quinn, Zatanna: Für etwas fortgeschrittene „Batman“-Leser empfehlen sich „Heart of Hush“ und „Gotham City Sirens“ (besonders Band 2).

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mehr davon:

Darwyn Cookes „The New Frontier“ zeigt die Helden der Justice League im Amerika der späten 50er: wunderbarer Retro-Space-Age-Kitsch, toll gezeichnet und überraschend politisch. Doch auf den letzten Metern bricht der Sechsteiler – wie viele andere „Justice League“-Geschichten – unter dem eigenen Gewicht zusammen.

Jim Krueger zeigt in „Justice“ ein recht banales Duell zwischen den DC-Helden und einer riesigen Gruppe Schurken. Auch hier überzeugt leider nur die erste Hälfte. Und Alex Ross‘ Mal- und Zeichenkunst.

Letzte „Superman“-Empfehlungen, zum Weiterlesen? „Superman/Batman: Supergirl“ (2004), Alan Moores klassische Kurzgeschichten „For the Man who has everything“ (1985) und „Whatever happened to the Man of Tomorrow?“ (1986) und die nett-kitschigen, Superman-typischen Weihnachts- und Silvestergeschichten „Superman 97“ (1995) und „Action Comics 810“ (2004).

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mehr Comic-Empfehlungen:

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Bonus – nur kurz, als Liste:

Die 10 schlechtesten „Superman“-Bände: