schwules Buch

Ralf König: „Vervirte Zeiten“ [Comic-Rezension, Deutschlandfunk Kultur]

Am Samstag, 20. Februar, sprach ich bei Deutschlandfunk über Ralf Königs „Konrad und Paul im Lockdown-Alltag“-Comicsammlung „Vervirte Zeiten“:

Audio-Gespräch im Link, 5 Minuten.

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Schwule Liebe im „Cockdown“
Ralf Königs Corona-Comics „Vervirte Zeiten“

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Konrad Stubenburg ist Mitte 60 und gibt Klavierunterricht – ab März 2020 via Webcam. Paul Niemöser, sein etwas jüngerer Partner, ist Autor der Trash- und Fetisch-Romanreihe „Barry Hoden“. Als die Pandemie die Welt des Kölner Paars auf Wohnungsgröße schrumpft, werden Telefonate und Video-Calls immer wichtiger. Und: die täglichen Besuche bei Rewe. Denn der Filialleiter dort ist so behaart und bärtig, dass Paul am liebsten schreien würde: „Setz dich auf mein Gesicht!“

Seit 1980 zeichnet Ralf König Comics – oft alltäglich, liebevoll-satirisch, meist mit schwulen Hauptfiguren, und immer mit Körpern, irgendwo zwischen bewusst lächerlicher Karikatur und genuin sexy „Bären“- und „Beefcake“-Look. Konrad und Paul sind schon seit 1990 Hauptfiguren vieler Strips und Sammelbände; und im März 2020 beschloss König, tägliche 4-Bild-Episoden über den Pandemie-Alltag der beiden zu teilen: auf Facebook und Instagram.

„Ich spitzte gerade die Griffel für den nächsten Rowohlt-Comic“, erklärt König im Vorwort, „in dem es um kontroverse Themen gehen sollte, „wie Political Correctness, gendergerechte Sprache, Querelen in der queeren Szene und verabscheuungswürdige alte weiße Männer.“ Stattdessen erscheinen jetzt fast 200 Momente Konrads und Pauls aus dem Corona-Frühling bis Wintter 2020.

„Vervirte Zeiten“ hat viel Herz und Charme, oft literarische Dialoge (viel punktgenauer, feiner, als zum Treffen der Pointen nötig wäre) und funktioniert als kurzer täglicher Bildwitz ebenso gut wie als längere Geschichte übers Zusammenbleiben eins Paars, bei dem ein Partner immer wieder über seine Lust und Impulskontrolle stolpert: eine glückliche offene Beziehung, doch viele überdrehte Momente über schlechten Webcam-Sex und Macht- und Altersgefälle beim Flirten.

Alle Frauenfiguren bleiben stereotyp – oft Schrullen oder Spielverderberinnen. Eine Figur feiert, dass durch die Corona-Vorschriften immerhin die nervige Mutter fort bleibt. Und Millie, die einzige Frau of Color, will erklären, was übergriffig, gewaltsam und völlig unromantisch daran ist, wenn sie Fotos der Penisse fremder Menschen geschickt bekommt, ungefragt. Paul sagt, ihn machen unerbetene Fotos an. Und Millie wird dann seitenlang zur Heuchlerin oder Schwätzerin, weil sie begeistert durch Pauls Fotoalben voller Dickpics und Selfies stöbert.

Nach jedem Interview, Podcast und Portrait über Ralf König denke ich: „Das ist einer von den Guten.“ (Empfehlung: Sebastian Goddemeiers Text im Berliner Tagesspiegel, https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/die-vielen-coming-outs-des-zeichners-ralf-koenig-die-leute-haben-angst-vor-sex/26925134.html ). Doch seit ein Wandbild mit queeren Figuren, das er 2015 fürs „Rainbow House“ in Brüssel entwarf, 2019 kritisiert wurde (eine Schwarze Figur wirkt wie eine rassistische Karikatur; und eine saloppe Drag Queen wie die transfeindliche Karikatur einer trans Frau), lässt König oft hilflose (oder patzige?) Sätze fallen wie “ Ich nehme in Kauf, wenn sich Leute empören, weil sie etwas sehen oder sehen wollen, was ich gar nicht so gemeint habe. Darauf Rücksicht zu nehmen hieße, den Stift zur Seite zu legen.“

„Vervirte Zeiten“ wirkt spöttisch, aber liebevoll. Besonders frisch, emanzipatorisch, empowernd, feministisch wirkt es auf mich nicht. Wenn die Männer von allen Straßennamen Kölns ausgerechnet die M*hrenstraße erwähnen oder Konrad über „politisches Meinungsgezetere“ im Netz klagt, bin ich skeptisch, ob Ralf König bald Kluges, Frisches, Witziges zu sagen hat über „Political Correctness, gendergerechte Sprache, Querelen in der queeren Szene und verabscheuungswürdige alte weiße Männer.“

Aktuell arbeitet er an einem „Lucky Luke“-Band im König-Stil. In einem Radio-Interview sagte er, dass auch Native Americans vorkommen, und dass er zuckt, wenn sie im Text „Ind*aner“ genannt werden – doch nicht weiß, wie man sie halt sonst nennen soll. Dann frag! Sprich mit Aktivist*innen! Von einem Comic-Künstler, der geschätzt wird, weil er genau hinhört, hinschaut und einige schwule Subkulturen genau beschreiben kann, erwarte ich da mehr.

Ralf König: „Vervirte Zeiten“
192 Seiten, Rowohlt Verlag, Februar 2020. 24 EUR.

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Für Deutschlandfunk-Gespräche schreibe ich vorher einen Leitfaden – mit allen Infos und Vorschlägen, wie der*die Moderatorin fragen, nachhaken, das Gespräch gliedern kann. Manchmal halten wir uns sehr an dieses Skript. Manchmal fast gar nicht. Weil mein Gespräch am Samstag sehr frei war: Hier noch der Leitfaden (…doppelt sich teilweise mit dem Text oben.)

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Ralf König (*1960) wollte einen Comic-Sammelband über Political Correctness schreiben – doch fing dann im März 2020, im Lockdown, an, tägliche Comics auf Facebook und Instagram zu posten, über die Figuren Konrad und Paul, die  – wie er selbst – in Köln leben, als schwules Paar.

Diese täglichen Alltags-Comics (jeweils 4 Panels, mit End-Pointe und gut für sich verständlich; doch mit fortlaufender Handlung) erzählen die Zeit von März 2020 bis November (…einige Epilog-Seiten zeigen noch Weihnachten und Neujahr) und erscheinen jetzt gesammelt als „Vervirte Zeiten“ bei Rowohlt:

Seit 40 Jahren zeichnet Ralf König Comics – oft über den schwulen Alltag seiner Generation. 1994 wurde „Der bewegte Mann“ verfilmt, mit Til Schweiger, und schon seit 1990 gibt es Geschichten über Konrad und Paul, ein schwules Paar – heute in einer gemeinsamen Wohnung, aber einer offenen Beziehung.

Was Konrad und Paul seit Beginn der Pandemie erleben, zeigte Ralf König in kurzen täglichen Comics, geteilt auf Facebook und Instagram. Jetzt erscheinen diese Alltags-Cartoons als Sammelband, „Vervirte Zeiten“.

Sind das Cartoons – kurze Bildwitze – oder eine zusammenhängende Geschichte?

Beides: es sind pro Seite jeweils 4 Bilder – immer kurze Gespräche oder Begegnungen, Telefonate und Video-Calls – und immer mit Pointe und für sich genommen verständlich. ich musste – kein Witz – sehr an die „Garfield“-Cartoons denken. Zum einen, weil Garfield auch oft den beengten Alltag, den Alltagstrott, das Mit- und Gegeneinander im Haus zeigt. Zum anderen, weil Paul – ein Science-Fiction-Autor der „Perry Hoden“-Sex-Romane – so wild auf Sex ist wie… Garfield auf Lasagne. triebgesteuert, phlegmatisch, klein und rundlich… das ist ein ganz ähnlicher Humor wie in den 80ern. 

Aber es ist… sex-positiv und queer.

Es ist *sehr* sex-positiv, salopp und.. deftig, ja: Ich finde auch recht schwer, sprachlich nicht zu vulgär zu werden, weil die Figuren echt auf jeder Seite über z.B. „Schwanzfotos“ sprechen – und ich das nicht hier im Radio verdruckst umschreiben will mit „Freizügige, eindeutige Selfies… im Adamskostüm werden hier verschickt und empfangen“. Nein – es ist schon derb und direkt, und das hat immer noch was Subversives, auch nach 40 Jahren:

Auf Pointe getrimmte Alltags-Szenen über einen sehr, sehr lüsternen 56-Jährigen, der viele Potenzmittel braucht, dauernd Sexdates will, doch sich am Ende dann immer doch mit Skype-Verabredungen begnügt. In einer Szene sagt das Paar auch „Mein Penis hat Cockdown“ (statt „Lockdown“) und mein Verdacht ist, dass das auch der Arbeitstitel fürs Buch war. Sex-positiv ist es also! „Queer“ finde es nicht – sondern wirklich *eine* schwule Welt, *ein* Milieu, in dem z.B. Vielfalt keine große Rolle spielt.

Ist das nicht bei jedem Buch so – besonders, wenn es auf engem Raum spielt, mit wenigen Figuren?

Ich ging recht misstrauisch in die Lektüre, weil ich z.B. die Frauenfiguren sehr abfällig finde: eine humorlose Frau namens „Igitte“, dann Pauls Schwester mit dickem Make-Up und viel ignorantem Gerede, die meint „Ohne meine Kosmetikerin sehe ich aus wie ne Ente“ – dann sagt Paul „Tja, Enten kriegen kein Corona“… Ich musste auch die „Werner“-Comics denken, oder an Walter Moers‘ „Das kleine Arschloch.“ mit 13, 1996, kamen wir uns SO cool vor, wenn wir uns diese „erwachsenen“ Comics gegenseitig zum Geburtstag schenkten, aber…

Im Comics sagt die einzige wichtige recht sympathische Frau, Millie, sie will keine Penisfotos geschickt bekommen. Solche Fotos sind strafbar, und viele Feminist*innen erklären seit Jahren, dass es da um Einschüchterung und Machtgesten geht. das kommt im Comic aber nicht vor – dort sagt Paul nur „Ich druck die Fotos, die man mir schickt, aus und sammle sie in einem Album: willste sehen?“ und Millie sagt begeistert ja.

Aber Sie empfehlen die Lektüre?

Ja. ich fands supercharmant gezeichnet, pointiert geschrieben…

Ich fragte mich nur an vielen Stellen, ob das einfach etwas gestrig ist – oder schon bewusst reaktionär. Das wird sich zeigen, wenn Ralf Königs Sammlung über – oder gegen – Political Correctness erscheint: Er zeichnete 2015 ein Wandbild in Brüssel, mit queeren Figuren, und eine schwarze Frau sieht… aus wie ein rassistisches Klischee (Wulstlippen etc.), eine dreitagebärtige Drag Queen wirkt wie… eine transfeindliche Karikatur einer trans Frau. Ralf König ist einerseits jemand, der dann 2019, als die Kritik kam, sagt „Tja, wenn sie keine Freude an dem Wandbild haben, können sie es auch übermalen.“

Andererseits regen sich die Figuren im Comic über „politisches Meinungsgezetere“ auf, König fühlt sich „belehrt“…

Privat wäre ich, glaube ich, gerne mit ihm befreundet einfach, weil er z.B. in Radiointerviews sehr nett klingt, nie… rechts-trotzig-abfällig. Doch dann sagt er (hier, Link), er zeichnet grade einen Lucky Luke-Comic, und klar kommen dort Western-Figuren vor, die… in Wigwams wohnen. Also: Ind***er. Das Wort schreibt er dann aus, weil: Wie soll man die auch sonst nennen?

Und ich denke: ja, recherchier halt, welche Nation du meinst, und schreib „Apache“ oder „Cheyenne“!

Es kann deshalb gut sein, dass nächstes Jahr ein… Anti-Cancel-Culture- und Anti-Sprachpolizei-Comicmanifest von Ralf König erscheint und er sagt „Zeichenkunst, Comickunst darf KEIN Tabu kennen!“ usw.: Das ist, glaube ich, auch eine Generationenfrage. Queerfeministisch ist „Vervirte Zeiten“ nicht – sondern schon eher: bräsig, altersgeil… ein bisschen denkfaul.

Marlon Bundo, John Oliver, Mike Pence und… schwule und „ideologisierte“ Kinderbücher

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morgen – Mittwoch, 21. März, gegen 14 Uhr im Kulturmagazin „Kompressor“ – spreche ich auf Deutschlandfunk Kultur über zwei konkurrierende Kinderbücher:

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John Oliver ist Comedian und hat seit 2014 eine wöchentliche Late-Night-Polit-Show auf HBO, „Last Week Tonight“. Er ist 40, Brite, und war seit 2006 Außenreporter / Correspondent bei Jon Stewarts Polit-Comedy „Tonight Show“.

US-Vizepräsident Mike Pence, 58, wuchs streng katholisch auf und saß ab 2001 im Repräsentantenhaus für Indiana (Midwest, Red State). Für seine Frau Karen konvertierte er in eine Freikirche. Die beiden haben drei Kinder.

Karen war Grundschullehrerin und malt mit Wasserfarben, vor allem Gebäude und Landschaften. Eine gemeinsame Tochter, Charlotte, ist 24. Charlotte hat Film studiert und kaufte für ein Filmprojekt einen Hasen.

mehr zu Charlotte: Link, Heavy.com

Charlottes Hase heißt Marlon Bundo – weil Charlotte ihn via Craigslist kaufte und sich beim Kauf ein „Was wollen Sie dafür?“-Dialog entspannt, der sie an eine Dialogzeile Marlon Brandos in „Der Pate“ erinnerte. Charlotte Pence ist u.a. auf Twitter aktiv und möchte Abtreibungen unter Strafe stellen – Retweet zum „March for Life“-Auftritt ihres Vaters (Link).

Sie hat unter 3000 Follower und ist keine sehr öffentliche Person.

Doch Marlon Bundo hat einen Instagram-Account mit über 20.000 Followern: Link

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Seit Oktober 2017 steht fest, dass Mutter und Tochter gemeinsam ein Kinderbuch produzieren – über Marlon Bundo, „BOTUS“ [Bunny of the United States], der seinen „Grampa“ Mike Pence durch den Tag begleitet, u.a. ins Weiße Haus.

Karen Pence zeichnet, Tochter Charlotte schreibt die Texte (simple Verse in Reimen, jeweils vierzeilig).

Ziel des Buchs ist, zu vermitteln, wie der Arbeitstag des Vizepräsidenten aussieht.

Hier im Video, bei der Nachmittagstalkshow „The View“ mit u.a. Whoopie Goldberg, erzählt Charlotte, „proud mother of Marlon“ [uff. kein Witz: steht in ihrer Autorinnen-Bio] ein wenig: Link

Mike Pence unterstützt bis heute „Focus on the Family“ – eine christliche Lobby-Organisation, die u.a. gegen Queerness und Homosexuellenrechte protestiert und deren Gründer glaubt, Homosexualität sei heilbar.

Pence sagt, dass queere Menschen im US-Militär nichts zu suchen haben. Als Gouverneur von Indiana erließ er ein Gesetz, das Gewerbetreibenden erlaubt, queere Leute „aus religiösen Gründen“ nicht zu bedienen, den „Religious Freedom Restoration Act“. Erst seit einem Amendment 2015 kann/darf das Gesetz kein Vorwand mehr sein, um gegen queere Menschen zu diskriminieren: Link

Charlotte Pences Buch erschien am Montag: „Marlon Bundo’s Day in the Life of the Vice President“. Ein typisches US-Bilderbuch mit ca. 32 Seiten Textteil.

Am Abend zuvor verkündete John Oliver in einem 20-Minuten-Beitrag über Mike Pences Homophobie, dass er ein eigenes Buch über Marlon Bundo produzieren ließ – ebenfalls ca. 32 Seiten, im selben Look und für die selbe Zielgruppe (Kinder ab ca. 3): „A Day in the Life of Marlon Bundo“ (Text: Jill Twiss, Zeichnungen: E.G. Keller)

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Im Oliver-Buch ist Marlon Bundo schwul, verliebt sich in einen anderen Hasen, Wesley, will ihn heiraten…

…was eine Stink Bug / Baumwanze, die aussieht wie Mike Pence, verbietet. Die Stink Bug ist „in charge“, deshalb müssen die anderen Tiere (u.a. eine Schildkröte, eine Maus, ein Igel, ein Dackel) gehorchen. Die Stink Bug sagt, „different“ sei schlecht, und „Boy Bunnies marry Girl Bunnies. Girl Bunnies marry Boy Bunnies. This is the way it has always been.“ – doch die anderen Tiere finden, jede*r von ihnen sei „different“, auf seine Art, und beschließen, eine Wahl abzuhalten, mit den Wahlmöglichkeiten „Who’s in Charge? A: The Stink Bug, B: Not the Stink Bug“. Als alle außer der Stink Bug für B stimmen, kann die Hochzeit gefeiert werden: eine lesbische Katzen-Pfarrerin traut die beiden Hasen.

Die Überraschung: Das Oliver-Buch ist *richtig* gut.

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Keine Verse/Kinderreime, sondern kurzer, sympathischer Fließtext, und anthropomorphisierte, ausdrucksstarke Figuren wie in u.a. „Zoomania“ und anderen Disney-Filmen. Es gibt ein paar Popkultur-Anspielungen wie Cameos der CNN-Moderatoren Anderson Cooper (als Hase) und Wolf Blitzer (als Wolf). Menschen tauchen nur am Rand auf: Wir sehen die Hosenbeine von Politikern („very boring meetings with very boring people“); dass Marlon im Haus von „Grampa“ Mike Pence lebt, spielt keine große Rolle: „This story isn’t about him, because he isn’t very fun. This story is about me, because I’m very, very fun.“

Es gibt eine Audio-Version des Buchs, bei dem schwule Stars wie Jim Parson („Big Bang Theory“), Jesse Tyler Ferguson („Modern Family“) und RuPaul Rollen einsprechen. Der Erlöse werden vollständig ans Trevor Project gespendet – einer Hilfsorganisation, die queere Jugendliche vor dem Selbstmord bewahren soll – und an AIDS United.

Marlon trägt im Buch eine bunte Fliege: Charlotte Pence hatte den Hasen an Halloween verkleidet und mit Fliege auf Instagram gepostet.

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Das Original-Buch ist nüchterner: Ich-Erzähler Marlon ist ein naturalistischer Hase ohne besondere Mimik oder Ausdruckskraft, der, wie ein Hündchen, „Grampa“ Mike Pence passiv durch den Tag folgt. Auch hier werden Menschen nur als u.a. Arm oder Hosenbein gezeigt.

Fokus liegt auf der Architektur, Lichtstimmung und Geschichte der verschiedenen Büros, Verwaltungsräume und Einrichtungen, die Pence (mit Marlon im Schlepptau) besucht: Das Haus, in dem der Vice President lebt, gehört der US Navy und hat ein eigenes Teleskop/Observatorium: Pence lässt Marlon durchs Fernrohr sehen. Pro Doppelseite gibt es eine Zeichnung, die jeweils Architektur/Umgebung zeigt… und irgendwo am Rand hoppelt unmotiviert ein kleiner, etwas trostloser Hase: Das Buch sieht aus, als habe Karen Pence Fotos aus Knöchelhöhe geschossen und die dann – künstlerisch recht uninspiriert – abgetuscht.

Das Buch ist keine Katastrophe – aber IRRSINNIG random: Wir erfahren nichts über Mike Pence‘ Charakter, Stärken oder Familiendynamik, und auch nur die oberflächlichsten Abläufe seines Jobs: Er fährt hierhin und dorthin, und zu jedem Ort gibt es ein, zwei Stücke beliebiger Trivia. Zum Beispiel, dass Mitglieder der US Navy Pence den guten-Morgen-Kaffee kochen. Oder, dass in der Einfahrt eine digitale Zeitanzeige im Gebüsch steht. Oder, dass in Pences Büro im weißen Haus ein Bild eines Landschaftsmalers aus Indiana, T.C. Steele, hängt.

Der einzige „Witz“ im Buch ist eben Marlons „BOTUS“, für „Bunny of the United States“ [der US-Präsident wird oft POTUS genannt].

Am unsympathischsten: Die Behauptung, dass Pence jeden Abend (gemeinsam mit dem Hasen) aus der Bibel liest und betet.

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Es gibt fünf Seiten Fußnoten / Appendix, die ich recht interessant finde – die aber KEIN drei- bis fünfjähriges Kind interessieren werden. Nichts an diesem Buch erklärt seine Existenz / schafft eine Existenzberechtigung.

Eine Freundin nennt die Amateur-Kunst reicher Frauen „Arztgattinnenkunst“: Karen Pence zeichnet in einem solchen Ist-doch-okay-für-einen-Amateur-Stil, Charlotte Pence schreibt lieblose, drittklassige Reime. Ein Teil des Erlöses wird kranken Kindern gespendet, und einer Organisation, die sich gegen Menschenhandel einsetzt.

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Mein Fazit: Bilderbücher in den USA wollen oft Erwachsene ansprechen. Sie sind raffinierter, witziger, eleganter als deutsche Kinderbücher, und oft verkaufen sich Titel, nur, weil Eltern sie witzig finden, z.B. „Get the Fuck to Sleep“. Zu meiner Überraschung ist Olivers „Better Bundo Book“ KEIN solches Buch – sondern tatsächlich ein ernst zu nehmendes, lohnendes, sehr professionelles und lesenswertes Plädoyer für Vielfalt, Demokratie und Selbstbewusstsein. Ich bin etwas genervt, dass Marlon seinen Wesley schon nach EINEM Tag Bekanntschaft heiraten will.

Und ich glaube, dass John Olivers Polemik einen falschen Eindruck vermittelt: „Buy it for the children, for any child you know… or please: Just buy it because you know it would annoy Mike Pence. You’d be doing a nice thing in a really dickish way.“

Mike Pence hat noch nicht auf Oliver reagiert; er tweetete nur, dass er stolz auf seine Tochter ist. Charlotte Pence tweetete, dass sie sich freut, dass Olivers Buch für einen guten Zweck ist.

[Beide Bücher sind in Deutschland als E-Book erhältlich; und beide erschienen in „echten“ Verlagen: Das Oliver-Buch bei Chronicle Press, und das Pence-Buch in einem konservativen Verlag, der u.a. mit Sarah Palins Büchern Geld macht, Regnery. Die Print-Erstauflage des Oliver-Buchs ist ausverkauft – weil alle vom Erfolg recht überrascht sind.]

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Zur Buchmesse erschien im rechtskonservativen Wutbürger-Magazin „Cicero“ ein dummer Artikel darüber, dass Grüne etc. Kinder indoktrinieren wollen, durch Kinderbücher über z.B. Veganismus oder Flucht. Der „Cicero“ wünscht sich, dass es z.B. auch Kinderbücher gibt, in denen gezeigt wird, wie sich ein deutsches Dorf fürchtet durch all die Geflüchteten und fragt sich, warum die AfD keine Stiftung hat, die Kindern Buchtipps gibt.

Ich werde den Artikel nicht verlinken – mir ist das zu hasserfüllt und kurz gedacht.

Stattdessen fragte ich auf Facebook, welche deutschen Bilderbücher mit queeren Figuren empfohlen werden können.

Freund Linus empfiehlt aktuell des trans-Bilderbuch „Teddy Tilly“. Ich finde es zu konfliktfrei und hätte mir mehr Tiefe gewünscht (z.B., mindestens, ein Gespräch über Pronomen!):

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Ich mag „Du gehörst dazu. Das große Buch der Familien“ und „Der verliebte Koch“. Aber in beidem spielt Homosexualität keine RICHTIG große Rolle: Sie ist selbstverständlich, aber eine Nebensache.

  • Jo im roten Kleid
  • Zwei Papas für Tango
  • König & König
  • Komm ich zeig dir meine Eltern
  • Joscha und Mischa, diese zwei
  • Luzie Libero und der süße Onkel
  • („…und wahrscheinlich gibt es noch einige andere. Auffällig finde ich das fehlen von weiblicher Homosexualität im Bilderbuch“, schreibt ein Freund).

Freundin P. ergänzt: „In „Das Zebra unterm Bett“ von Markus Orths hat Hanna zwei Väter, was nicht alle in ihrer Schule so einfach akzeptieren können. Geht wahrscheinlich nicht als Bilderbuch durch, fällt mir gerade auf, wird aber auch schon von Vierjährigen geliebt.“

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schwule deutsche Literatur, schwule deutschsprachige Autoren

schwule Literatur, deutschsprachig

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Einmal pro Monat suche ich 20 neue oder unbekannte Bücher aus einem Themenfeld oder Genre.

Queere US-Autor*innen – auch Jugendbücher, Graphic Novels – sind leicht zu finden:

Doch schon seit Januar suche ich nach deutschsprachiger Literatur – mit schwulen Themen oder Figuren.

…und finde kaum etwas.

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Statt – wie bisher – 150 bis 300 Bücher zu jedem Thema anzulesen, dabei meine 20, 25 Favoriten zu finden (und die anderen Titel der Vorauswahl zu ignorieren/nicht weiter zu erwähnen, hier im Blog)…

…habe ich bei deutschsprachiger schwuler/queerer Literatur schon Mühe, überhaupt 50 bis 60 literarische Titel zu finden – und viele von ihnen sind verlagsvergriffen/nur noch antiquarisch erhältlich, oder haben keine Online-Leseprobe. Deshalb diesen Monat: keine Auswahl meiner Favoriten. Sondern eine allgemeinere, viel unkritischere Übersicht:

Bücher seit den ca. 70er Jahren, erschienen auf Deutsch, mit wichtigen schwulen Figuren oder Bezügen.

[Einige Autoren sind bi- oder heterosexuell. Andere machen keine Angaben. Insgesamt wird recht wenig über eigene Homo- (oder Hetero-)sexualität gesprochen, im Vergleich zu US-Autor*innen.]

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gelesen und gemocht:

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schwule literatur hubert fichte joachim helfer christian kracht.

  • Hubert Fichte: intelligente, autobiografische, oft wagemutig montierte, avantgardistische Hamburg-Romane über das Erwachsenwerden kurz nach dem zweiten Weltkrieg. „Die Palette“ ist am bekanntesten, mein Favorit ist „Detlefs Imitationen: Grünspan“; Fichtes Debüt „Das Waisenhaus“ erzählt von seiner unglücklichen Kindheit. Einer meiner deutschsprachigen Lieblingsautoren. Manchmal sperrig – aber immer klug, dicht, lebendig.
  • Joachim Helfer: Ein schwuler deutscher Autor und ein heterosexueller Kollege aus dem Libanon schreiben über Homosexualität und die arabische Welt. Beide versuchen sich an Theorien, Urteilen, Psychologisierungen – und hauen oft schlimm daneben: kein kluges Buch. Aber eins, dessen – oft viel zu pauschale – Aussagen mich staunen, schaudern, lachen und in viele Richtungen neu denken ließen.
  • Christian Kracht: Die Hauptfigur aus „Faserland“ wird oft als schwul/bisexuell interpretiert. Die Hauptfiguren aus „1979“ (für mich: der bessere, weil überraschendere, wildere Roman) sind offen schwul. In beiden Büchern ist Homosexualität eher eine bittere Pointe/Schrulle – kein Schwerpunkt, und nicht besonders klug oder komplex thematisiert. Trotzdem: lesenswerte Bücher – über interessante-aber-absurde reiche Schnösel.

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deutsche schwule literatur, Matthias Hirth, Kristof Magnusson, Max Goldt

  • Matthias Hirth: gerade gelesen. Rezension: kommt! 736 aufregende, intelligente, oft aber etwas schwerfällig-theoretisierende Seiten über Macht, Autonomie, schwule und queere Hookups, Intimität, Pornografie. Ein schwerer Brocken – den ich empfehle.
  • Kristof Magnusson: Sein Debüt „Zuhause“ las ich 2006. Rezension hier. Das Buch hat Kanten, Schwächen, einige dramaturgische Hänger – doch ich halte viel von Magnusson… und seinen Figuren [mehr im Link]. Auch eine der drei Haupftiguren aus Magnussons zweitem Roman, „Das war ich nicht“, ist schwul – doch kam mir nicht besonders nahe.
  • Max Goldt ist ein großartiger Kolumnist (und Moralist), schwul… doch spricht/schreibt kaum darüber. Einer der Autoren, die ich am häufigsten verschenke. Nur „schwule Literatur“ wollen seine Bücher (und Comics) nicht sein: Dazu fehlt Tiefgang, Perspektive.

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weitere Bücher und Autoren:

deutsche schwule literatur, hans pleschinski, alain claude sulzer, christoph geiser

  • Hans Pleschinksi
  • Alain Claude Sulzer
  • Christoph Geiser

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schwule literatur poschenrieder tim staffel fabian hischmann

  • Christoph Poschenrieder
  • Tim Staffel [„Rauhfaser“ gelesen: hat seine Momente – aber auch viele Popliteratur-Klischees]
  • Fabian Hischmann (bisher nur „Am Ende schmeißen wir mit Gold“)

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schwule literatur arnold stadler josef winkler michael roes

  • Arnold Stadler (…nur „Komm, gehen wir“?)
  • Josef Winkler
  • Michael Roes

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schwule literatur yesilöz bittner kirchhoff

  • Yusuf Yesilöz (…nur „Hochzeitsflug“?)
  • Karl Heinz Bittel (…nur „Eine Art Verrat“?)
  • Bodo Kirchhoff (nur „Eros und Asche“!)

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deutsche schwule literatur, Hans Scherer, J. Walther, Roland M. Schernikau

  • Hans Scherer
  • Jana [!] Walther [geändert, 2019: eine Autorin, kein Autor.]
  • Ronald M. Schernikau

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deutschsprachige schwule literatur, Philipp Tingler, Gunther Geltinger, Jürgen Bauer

  • Philipp Tingler [keine Empfehlung!]
  • Gunther Geltinger
  • Jürgen Bauer (…nur „Das Fenster zur Welt“?)

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deutsche schwule literatur, Sacha Sperling, Simon Froehling, Jannis Plastargias

  • Sacha Sperling (…nur „Ich dich auch nicht“?)
  • Simon Froehling (…nur „Lange Nächte Tag“?)
  • Jannis Plastargias

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deutsche schwule literatur, reiner schürmann, hans mayer, joachim campe

  • Reiner Schürmann
  • Hans Mayer
  • Joachim Campe [Anthologie, vergriffen]

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Sachbücher/Memoirs:

schwule sachbücher, marko martin, daniel schreiber, mario wirz

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neu erschienen, Unterhaltung:

schwule neue bücher, Tobias Rebisch, Julian Mars, Volker Surmann

  • Julian Mars
  • Volker Surmann
  • Tobias Rebisch

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Jugendbücher (…die mich nicht überzeugten:)

schwule jugendbücher andreas steinhöfel günter ohnemus vera kissel

  • Andreas Steinhöfel
  • Günter Ohnemus (…nur „Alles, was du versäumt hast“: Hauptfigur hat queere Eltern)
  • Vera Kissel (…nur „Was die Welle nahm“: Hauptfigur hat toten, schwulen Vater)
  • Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ ist empfehlenswert, doch Homosexualität völlig nebensächlich.

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Tagebücher und queere Sachtexte:

deutsche schwule Biographien, Tagebücher, Erinnerungen Fritz J. Raddatz, Rosa von Praunheim, Roland M. Schernikau Matthias Frings, Martin Büsser

  • Fritz J. Raddatz
  • Rosa von Praunheim
  • Matthias Frings‘ Biografie Ronald M. Schernikaus
  • Martin Büsser (Musikjournalist: Texte über Musik und Politik)

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deutsche Graphic Novels:

deutsche schwule und queere Graphic Novels Martin Büsser, Martina Schradi, Ralf König

  • Martin Büsser: „Der Junge von Nebenan“ – sehr kurz, skizzenhaft, lapidar: keine Empfehlung
  • Martina Schradi: „Ach, so ist das?!“ – sympathische, aber klar didaktische Edutaiment-Comics, die Vorurteile abbauen sollen.
  • Ralf König

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deutsche Geschichte:

deutsche Geschichte der Homosexualität, Heinz Heger, Lutz van Dijk, Wolfgang Ehmer

  • Heinz Heger – über die Schwulenverfolgung und -morde der Nazis
  • Lutz van Dijk – über eine Liebe im zweiten Weltkrieg
  • Wolfgang Ehmer – über Strafverfolgungen Homosexueller in den 50er Jahren

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Literatur bis in die 60er Jahre ist oft bekannter: Thomas Bernhard, Hans Henny Jahnn, Klaus Mann, Thomas Mann, Hermann Hesse, Christopher Isherwood, Stefan George, Joseph Breitbach, Wolfgang Koeppen. […mehr auch hier, Link.]

Freundin E. suchte für ihre Magisterarbeit nach Romanen mit schwulen Figuren. Ihre Liste: Joachim Helfer: Cohn & König, PatMcCraw: Duocarns-Reihe, Kristof Magnusson: Zuhause, Jana Walther: Im Zimmer wird es still, Peter Nathschläger: Im Palastdes schönen Schmetterlings, Jan Stressenreuter: Haus voller Wolken, Christoph Wildt: Anleitung zum Mord, Wolfgang Koeppen; Tod in Rom, Joseph Breitbach: Bericht über Bruno, Petra Morsbach: Der Cembalospieler, Juan Santiago/Celine Blue: Schattenspiele, Albert Rausch: Jonathan, Steffen Marciniak: Hylas, Christian Kracht: 1979; Freund C. empfiehlt „Barfuß als Prinz“ von Knut Koch; Freundin A. empfiehlt Michael Sollarz; Freund K. „Ein gutes Leben ist die beste Antwort“ von Friedrich Dönhoff und „Der Friseur“ von Christian Schünemann; Freundin K. das Programm des Konkursbuch Verlags. Vielen Dank!

An „Gay Romances“ und M/M-Liebesromanen habe ich kein Interesse.

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schwule Verlage: Querverlag  |  Männerschwarm  |  Bruno Gmünder

schwule Buchhandlungen: Löwenherz (Wien)  |  Eisenherz (Berlin)

schwule Literatur …bei Queer.de  |  …im Blog SchwuleLiteratur.de

tägliche Presseschau über Artikel mit LGBTQ-Thematik: lsvd.de

…und: das Beratungszentrum Sub München (Link) hat eine recht gut sortierte öffentliche Bibliothek.

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zehn persönliche Favoriten (nicht-deutsch, gelesen, sehr zu empfehlen):

Fun Home. A Family Tragicomic: Eine Familie von Gezeichneten Two Boys Kissing The Amazing Adventures of Kavalier & Clay Ask the Passengers The Vast Fields of Ordinary

Stuck Rubber Baby The Lost Language Of Cranes Pedro and Me: Friendship, Loss, and What I Learned This Book Is Gay Natural Order