schwule Literatur

HIV in den 80ern und 90ern: Buchtipps zum Welt-AIDS-Tag

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Promising people, who could have contributed much, dying young and dying unnecessarily. (Randy Shilts)

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Die AIDS-Krise ist 35 Jahre her. Ich bin 35. Die Menschen, die damals starben, forschten, aktivistisch arbeiteten, waren oft Mitte 30.

Im Juni 2018 las ich mehrere Sachbücher über HIV und AIDS in den 80er und 90er Jahren, für Deutschlandfunk Kultur.

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„Erst 1969 war Homosexualität im Rahmen der Großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger entkriminalisiert worden, nachdem über 50000 Bürger verurteilt worden waren.“

„Im Juli des Jahres 1979 fand der Homolulu-Kongress in Frankfurt am Main statt, das erste internationale Homosexuellentreffen, das zum Zündfunken für die Gründung vieler schwuler Initiativen in Westdeutschland wurde, darunter das Begegnungs- und Tagungshaus Waldschlösschen.“

„Christian von Maltzahn beteiligte sich an der Aktion »Wir sind schwul«, bei der sich im Oktober 1978 682 Männer im Stern outeten (angelehnt an die legendäre Aktion »Wir haben abgetrieben« von 1971). Daraufhin wurde er von der Familie verstoßen.“

„1980 zerschlug der Künstler und spätere Präsident des FC St. Pauli Corny Littmann einen Spiegel in der öffentlichen Toilette am Jungfernstieg, hinter dem sich ein Raum der Polizei befand. Von dort aus hatten Beamte bis dato durch ein Spezialglas die Urinale beobachtet, um Homosexuelle auf frischer Tat bei »sittenwidrigen Handlungen« ertappen zu können.“

„Die relative Freiheit, mit der sich Homosexuelle in der Bundesrepublik zu diesem Zeitpunkt bewegen konnten? In den Großstädten gab es eine ausdifferenzierte Szene, allein in Westberlin mehr als fünfzig Kneipen, zwei schwule Verlage und mehrere Saunen. Frank Ripplohs legendärer, auch international erfolgreicher »Film Taxi zum Klo« (1980) vermittelt etwas von der damaligen Atmosphäre.“

„Am Anfang war Aids nichts als ein »Schreck von drüben«, wie der Spiegel im Mai des Jahres 1982 schrieb.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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Ein wichtiges Buch.

Mit wuchtigem Titel: In „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“ will taz-Redakteur Martin Reichert 40 Jahre Krankheits-, Sozial-, Polit- und Kulturgeschichte bündeln, auf 270 knappen Seiten. Ein Buffet aus Fakten, Diskursen, offenen Fragen und persönlichen Anekdoten, das so viele Themen (und: Pioniere, Stimmen) streift, dass ich beim Lesen mehr Zeit bei Google, Wikipedia verbrachte als in Reicherts zugänglichem, doch oft kursorischem Text.

Das viel zu kurze Suhrkamp-Buch zeigt mir vor allem, wie vage und oberflächlich mein eigenes Verständnis und Wissen sind.

„Das Ende von AIDS haben sich die Vereinten Nationen fürs Jahr 2030 auf die Fahnen geschrieben, in Deutschland soll das Ziel schon 2020 erreicht sein. Bis dahin soll die Krankheit bei niemandem mehr ausbrechen. In Deutschland wird derzeit noch bei etwa tausend [HIV-positiven] Patienten jährlich das Vollbild diagnostiziert.“

Wie ausführlich, detailliert müssen Dokus und Sachbücher erzählen?

Wunderbare Graphic Novels wie Judd Winnicks „Pedro and me“ (2000, über Aktivist und MTV-Star Pedro Zamora) oder „Taking Turns“ (2017: ein „Graphic Medicine“-Doku-Comic der lesbischen Hospizpflegerin und Künstlerin M.K. Czweriec) bleiben bei engen Einzel-Aspekten der AIDS-Krise (Jugendkultur der 90er; Pflege und Hospiz): didaktisch, zugänglich, sympathisch.

Fehlt also immer noch ein großes Standard-, Grundsatzwerk über der Zeit von ca. 1978, als erste AIDS-Fälle dokumentiert wurden, und 1996 – seit HIV via „Medikamentencocktail“ meist gebändigt wird?

2017 erzählt David France in „How to survive a Plague“ auf über 600 holprigen Seiten, wie New Yorker Aktivistengruppen, z.B. ACT UP Ende der 80er gegen selbstsüchtige Forscher, korrupte Pharmafirmen und die Gleichgültigkeit der Presse und des Präsidenten, Ronald Reagan, agitierten. Ein verquastes, maßloses, oft provinzielles Buch. Tausend (oft interessante) Details. Ohne Gespür für Dramaturgie.

Hier stolpern auch Filme und Theaterstücke meist:

Tony Kushners unvergesslicher Broadway-Zweiteiler „Angels in America“ (1991) zeigt Stimmungen und Alpträume der New Yorker Community. Larry Kramers Lehrstück „The Normal Heart“ (1985) prangert das Polit-Versagen an, zusammen mit einer fiktiven, eher seichten Liebesgeschichte. Ryan Murphys HBO-Verfilmung von 2013 vermittelt kompakt, stilsicher, packend alle Oberflächen der Ära: Wie wurde vor 35 Jahren in Manhattan gesprochen, getanzt, gestritten? Gestorben?

Je mehr Sender und Portale im US-Serienmarkt auf Nischen setzen und eigensinnigen Ton – je mehr Produktionen nicht mehr allen, jeden vage gefallen, sondern lieber kleine, engere Zielgruppen komplett begeistern wollen – desto spezifischer, mutiger werden HIV und queerer Alltag erzählt. Zuletzt etwa in Ryan Murphys „Pose“ (2018). Ikonografie, die oft aufs Fremde und Vergangene setzt. Bilder, die zeigen: Das war eine ganz eigene Welt, zu einer ganz anderen Zeit.

Um die AIDS-Krise zu verstehen, brauche ich mehr als solche Momentaufnahmen – die immer wieder unterstreichen: “Das ist lange her. Das ist weit weg.”

Das für mich stärkste, wichtigste AIDS-Sachbuch stammt von Randy Shilts: einem der ersten offen schwulen Journalisten im Dienst großer US-Zeitungen.

“And the Band played on” erschien bereits 1987. Die deutsche Ausgabe, “Und das Leben geht weiter”, ist seit 25 Jahren vergriffen. Shilts stellt zwei große Fragen: “Was geschah?” Und, sobald klar wird, dass eine Geschichte von AIDS vor allem eine Geschichte von Versäumnissen, vermeidbarem Leid, sozialer Kälte, Hass, Homophobie ist: “Wie konnte das geschehen?”

Zeitlicher Abstand hilft beim Analysieren. Trotzdem bleibt “And the Band played on”, eines der frühesten und ältesten Bücher, eine Klasse für sich. Ein deutsches Pendant fehlt schmerzlich. Shilts selbst ließ sich während der Arbeit am Manuskript nicht auf HIV testen. Erst, als das Buch in Druck ging, sah er sich bereit, den eigenen Status zu erfragen. Er starb 1994, mit 43 Jahren, an AIDS.

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„Gab es damals in Hannover überhaupt Schwulenbars? »Natürlich, in der Nähe des Bahnhofs, eine sogar mit ›Dunkelraum‹«, erinnert Udo sich, »Klappen waren sowieso überall, in Paderborn sogar direkt unter dem Dom.« Man habe zu dieser Zeit nichts zu befürchten gehabt als schwuler Mann. Tripper, Syphilis und Filzläuse waren lästig, aber gut behandelbar.“

„Journalist Jan Feddersen, geboren 1957: »Aids ist ein Scheißdreck. Aids – da war ich so jung und lebenshungrig – so von wegen: Die Party namens Leben, die ich immer so ernst genommen habe, ging doch gerade erst los, nachdem ich den wesentlichen Schutt aus Kinder- und Jugendtagen weggeräumt hatte. Durch Aids konnte man seine Sexualität nicht mehr leben, und weil die ein zentraler Aspekt der schwulen Identität ist, konnte man auch die Identität nicht mehr leben.«“

„»In den achtziger Jahren war es nötig, eine andere Sprache zu finden – über Sexualität zu sprechen. Das Land hatte den Nationalsozialismus hinter sich, die fünfziger Jahre; es gab noch dieses Bild, dass die Menschen, die an Aids erkrankten, für ihre Sünden bestraft würden.« Die konservative, zutiefst christliche Politikerin Rita Süssmuth musste nun über Anal- und Oralverkehr sprechen – und vor allem über Kondome. Der Spiegel zeigte sie auf dem Titel, eingehüllt in ein Ganzkörperkondom.“

„Wir als Schwule haben uns gut geschlagen, die Gesellschaft hat – wenn man von Bayern absieht – einigermaßen fair reagiert. Aber eigentlich ging es eben nur darum, dass die Seuche nicht von der Randgruppe in die Mehrheitsgesellschaft dringt. Das, was Rita Süssmuth damals geleistet hat, hatte mehr mit merkelscher Pragmatik zu tun als mit Empathie.“

„Wie wurde noch der damalige Kurienkardinal Joseph Ratzinger in den achtziger Jahren zitiert, selbstverständlich im Spiegel: »Man muß nicht von einer Strafe Gottes sprechen. Es ist die Natur, die sich wehrt.«“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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Ich las & sah 2018:

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A (2018): Martin Reicherts „AIDS in der Bundesrepublik“, Suhrkamp

B (2016): David Frances‘ „How to survive a Plague. The Story of how Scientists and Activists tamed AIDS“, nicht auf Deutsch. 2014 drehte France eine gleichnamige Doku. Das 600-Seiten-Buch dokumentiert Networking, Politik und Widerstand, vor allem im New York der 80er.

C (2014): den Film „A Normal Heart“ (2014), nach Larry Kramers gleichnamigen Theaterstück von 1985, über Aktivismus in New York bis 1985. Kramer ist auch in (B) und (D) eine wichtige Figur.

D (1987): Randy Shilts „And the Band Played on. Politics, People and the AIDS Epidemic“ (dt. „Und das Leben geht weiter“, vergriffen), 800-Seiten-Doku darüber, warum alles so schleppend lief – behördlich, politisch, sozial etc.

E (2017): MK Czwerkieks Comic „Taking Turns. Stories from HIV/AIDS Care Unit 371“: autobiografischer Doku-Comic über Hospiz und Pflege ab 1994.

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Alle Titel sind empfehlenswert.

Doch man muss vorher entscheiden, was man selbst über HIV/AIDS wissen will – und erwartet:

Sortiert von „einsteigerfreundlich“ zu „großer Wurf“:

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E – Der Comic, „Taking Turns“: einfache Sprache, viele medizinisch und… sozialhistorische Infos, schöner Überblick. Das Buch, das ich am ehesten verschenken würde, falls jemand fragt: „Wie verläuft diese Krankheit, und warum war/ist sie gesellschaftlich eine große Sache?“

C – Ein 2-Stunden-Film, „The Normal Heart“, der in starken Bildern das Zeitgefühl der 80er vermittelt. Ich sah das mit Gewinn, doch finde unerträglich, dass Autor Larry Kramer sich selbst in jeder Szene als tollsten Hecht schildert / feiert. Ein narzisstischer und einseitiger Film, den man nur erträgt, wenn man ausklammert, dass hier ein super-umstrittener und ineffektiver Aktivist ein Denkmal für sich selbst baut, plump, arrogant und voll VIEL zu platter Monologe, die ich literarisch nicht ernst nehmen kann. Je weniger man über Kramer und die Realität weiß, desto sehenswerter ist der Film.

B – Wer sich für HIV interessiert und einen soliden, faktensatten und zeitgemäßen Überblick sucht: Bitte „How to survive a Plague“. Persönlich fand ich anstregend, dass der Autor mit vielen Aktivist*innen von damals befreundet zu sein scheint und sehr bauchpinselt. auf 600 Seiten in oft labbrigem, plapprigem Stil zu lesen, dass Harry ein toller Typ, Gary ein netter Kerl, Barry eine gute Seele ist – ohne, dass wir tief in diese Personen, ihre Psyche und Widersprüche steigen konnten… fand ich ermüdend. Und: journalistisch peinlich.

D – Wow. Schade, dass das beste Buch, auf das ich stieß, auch das älteste ist: „And the Band played on“

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1984: „Before AIDS, Paul had never believed that gays really were all that oppressed; now he was worrying about wholesale employment discrimination and quarantine camps.“

1983: „Czechoslovakia was the only communist nation to concede that AIDS could spread within socialist borders. Respresentatives of the Union of Soviet Socialist Republics stoically insisted that ‚We will not have any of these casis in the Soviet Union‘.“

1983: „Japan had reported its first two AIDS cases, making it the first Asian nation to be touched by the epidemic. The brothels, Turkish baths, and sex parlors in Tokyo’s famed Yushiwara District were refusing foreign visitors for fear that they might spread AIDS. Baths posted signs reading: ‚Japanese Men Only‘.“

1983: „The long incubation period for the virus had permitted it to spread for years before anyone even knew it existed. The mean period was 5.5. years. It appeared that some cases would take more than 11 years to incubate; although some people would come down with AIDS in as little as six months.“

1984, BRD: „In the second hardest-hit nation in Europe [after France], testing found that two-thirds of hemophiliacs, 20 percent of intravenous drug users and one-third of gay men carried HTLV-III antibodies. […] Under veneral disease laws, which were in force in nearly every northern European country, it was a crime for a person with a sexually transmitted disease to have sex.“

1983: „Nervous health officials and reporters had spent months talking about AIDS being spread through ‚bodily fluids‘. What they meant to say was semen and blood, but the term ’semen‘ is one that polite people don’t use in conversation, and blood banks still objected to the use of the term ‚blood‘. [So… public fears spread:] Saliva was a bodily fluid. Could AIDS be spread through coughing?“

[schreibt Randy Shilts in „And the Band Played On“]

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Warum genau jetzt / heute diese Bücher lesen?

– Weil die Bücher fragen „Wie konnte das passieren?“, und die Antworten interessant, komplex, lehrreich sind.

– Weil von 1980 bis ca. 1987 viele Dinge falsch liefen – politisch, sozial, psychologisch. AIDS war *eine* Herausforderung, auf die die Gesellschaft reagieren musste. ein guter Aufhänger für ein Sachbuch (weil: klare Chronologie, nicht zu viele handelnde Institutionen etc.)

– Wie schlecht, wie falsch, wie langsam die Gesellschaft reagiert hat und, wie wir daraus sehen, wie schlecht, langsam, falsch wir gesellschaftlich auf ALLES Neue immer wieder reagieren… diese Mechanismen werden in den Büchern erklärt. Deshalb für mich: eine Lektüre fürs Leben. Ich habe *sehr* viel gelernt.

– Weil in 35 Jahren ähnliche Bücher erscheinen werden über z.B. den Klimawandel oder die Diesel-Debatten. ich glaube nicht, dass man Bezug zu HIV oder Diesel braucht, um das mit Gewinn zu lesen.

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„Die Zeit der Aids-Krise von Mitte der achtziger bis Mitte der neunziger Jahre ist auch eine Zeit, in der sich die Kultur des Krankseins verändert. Damals hält das Leben paradoxerweise Einzug in die Krankenhäuser: »Auf einmal waren da jede Menge junge Leute – und die haben ja auch Besuch bekommen. Da wurde Musik gemacht und gelacht – das war eine neue Kultur. Vorher gab es nur streng geregelte Besuchszeiten und Blumenvasen.«“

„Bruno Gmünder hat viele Bekannte und Freunde sterben sehen. »Ein Freund von mir war positiv und hat sich noch Mitte der Neunziger umgebracht. Er war in der Modebranche tätig, in Süddeutschland – aber zur Behandlung ist er immer nach Berlin geflogen, seine Sekretärin durfte nichts davon wissen, niemand durfte etwas wissen. Dieser Druck, dieses Schweigen. Viele haben das mit Kokain überdeckt – eines Tages ist er dann vom Balkon gesprungen.«“

„Gmünder: »Aids, das hat eine ganze Generation verbogen. All diese deformierten, traumatisierten Menschen.«“

„Wieland Speck hat einen kleinen Altar aufgebaut, mit Bildern, Fotos, Erinnerungsstücken von Freunden, die er verloren hat, viele in den Jahren zwischen 1988 und 1996. »Zuvor hatte ich schon mehrere Sommer im Krankenhaus verbracht, bei sterbenden Freunden. Ich denke, Aids hat mich rund zehn Jahre meines Lebens gekostet. Und dann die Erschöpfung danach.«“

„Zum Zeitpunkt des Mauerfalls hatten sich offiziell 133 DDR-Bürger mit dem HI-Virus infiziert, bei 27 von ihnen war die Krankheit ausgebrochen. In der BRD waren damals 42000 Menschen HIV-positiv und mehr als 5000 an Aids erkrankt.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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„And the Band Played on“:

Shilts, Lokaljournalist in San Francisco, schrieb 1982 ein Buch über Harvey Milk, den schwulen Bürgermeister in San Francisco vor der AIDS-Krise: „The Mayor of Catro Street“. Die Verfilmung („Milk“) war 2009 für den Oscar nominiert, und ich fand Film und Buch 2009… solide und lokal. Nichts, das mir viel über die Welt erklärt – nur über ein (mich eher langweilendes) Milieu: oft biedere Lokalpolitik im San Francisco der 70er. Keine Empfehlung.

Doch ausgerechnet Shilts fragt in „And the Band Played on“ akribisch und umfassend „Wie konnte das passieren?“

Das Ergebnis ist wie… „Game of Thrones“: sehr kurze, pointierte Kapitel jeweils darüber, aus welchen Gründen EINE Person an EINEM Datum EINE strittige Entscheidung traf. Die Personen werden nicht ohne Wärme geschildert, doch Shilts spricht viel über Widersprüche, Neurosen, Unsicherheiten, persönliche Agenda. Es sind keine Sympathieträger*innen, sondern fast immer Leute, halb-informiert, nervös und mit dem Rücken zur Wand.

Ein Königreich wird von Frostzombies und ewigem Winter bedroht, die Herrschenden wissen davon… Doch niemand hat eine Strategie: Die Reihe lässt sich als Kommentar zum Klimawandel lesen oder zu sozialen, anderen Katastrophen – und zeigt die vielen politischen, psychologischen, wirtschaftlichen Verkettungen und Zahnräder, die dafür sorgen, dass ein großes Problem, das alle sehen, nicht gelöst wird. So, wie bei „A Song of Ice and Fire“ seit Band 1 klar ist: „Der Winter kommt“ …und trotzdem keiner auf die Bedrohung angemessen reagiert, zeigt „And the Band Played on“ nicht ohne Wärme und Empathie, doch eben SEHR kühl und klar: total überraschende… Kausalketten.

Auf die ich nie gekommen wäre.

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Dinge wie: Es gibt Herrensaunen / Gay Bathhouses – und Epidemologen ist früh klar, dass dort eine hohe Ansteckungsgefahr herrscht. gleichzeitig sind die Männer, die solche Saunen betreiben, oft die reichsten schwulen Unternehmer in jeder Stadt, und weil es ständig Probleme mit z.B. „Zoning Laws“ / Gewerberecht gibt, sind sie alle in der Lokalpolitik aktiv und vernetzt.

1983: „In Miami, Jack Campbell, owner of the Club baths chain of forty-two bathhouses, brushed of questions about the baths‘ role in the epidemic by insisting that most of Florida’s AIDS cases were Haitians, and it wasn’t a problem for gays. This was not accurate [but] most of the nation’s gay newspapers received substantial advertising revenue from the bathhouses and sex businesses. This assured that not only would few gay leaders support moving against the baths, but that the gay papers would unanimously support their advertisers. Potential bathhouse closure was not even to be discussed.“

Wie es dann – obwohl niemand was Böses will – von 1980 bis ca. 1984 braucht, bevor sich Politiker*innen und Aktivist*innen trauen, zu sagen „Die Saunen sind gefährlich“, weil niemand den politisch vernetzten Unternehmern das Wasser abgraben will, ist… entscheidend.

„And the Band Played on“ beschreibt NUR solche Mechanismen. Sehr elegant und überraschend – häppchenweise, Schritt für Schritt, ohne Überdramatisierung oder besserwisserische „DAS war fatal, und alle hätten es kommen sehen können!“-Wut: 1979 streitet sich eine Stadtteilinitiave. 1984 sterben Tausende von Menschen. Als direkte Folge.

Diese Kausalketten zu verstehen – zu begreifen, wie random und wie fragil sie sind, fand ich *immens* lesenswert.

Ich will nicht sagen „Dass es um AIDS geht, ist da fast egal“. Doch ich finde, jeder, der Politik verstehen will, oder die Haltung von Zeitungen, oder Gesetzesentwürfe, oder „die kollektive Psyche“ und diese oft bizarren Wechselwirkungen, Ursachen, Tabus und Konsequenzen, sollte 25 Stunden in dieses Buch investieren. Man muss sich nicht für die USA, Bürgerrechte, Medizin oder die 80er interessieren: Es ist völlig egal, wie nah oder fern man dem Thema „HIV in den 80ern“ steht.

„And the Band Played on“ zeigt aus… fünf Dutzend Perspektiven, wie sich diese Krankheit ausbreiten konnte.

Pointierte, ganz kurze, sehr klar formulierte… Vignetten / Episoden darüber, wie z.B. eine Tochter, deren Mutter nach einer Bluttransfusion krank wird, JAHRE braucht, um zu verstehen: „Meine fast 60jährige Mutter hat AIDS.“

Doch: Das beste Sachbuch, das ich kenne.

Weil es um Strukturen und Mechanismen geht – nicht um EIN Thema, das man „spannend“ oder „irrelevant“ finden kann.

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„Wie konnte man Menschen dazu bewegen, überhaupt Kondome zu benutzen? Hans Hütt: »Grauenhaft – die gab es unter dem Ladentisch und in seltsamen Automaten auf öffentlichen Toiletten. Man konnte sie nicht einfach im Drogeriemarkt kaufen. Auch kein Gleitgel, das machten die Leute damals selbst.«“

„Hans Hütt: »Es gab zwei einschlägige Hautarztpraxen in Berlin, dort ist man regelmäßig hingegangen. Das war einfach ein Teil der Libertinage, die Geschlechtskrankheiten. Ob man Feigwarzen hatte oder Syphilis, das wurde immer ganz offen kommuniziert. Das war in meiner Erinnerung ein verantwortungsbewusster Hedonismus. Und dann kam die Gegenaufklärung: Seit Aids ging man nicht mehr zum Arzt, man fürchtete, dass der ohne Absprache Bluttests macht.« Es gab Ärzte, die sich weigerten, Positive zu behandeln, und hysterisches Pflegepersonal. Man wusste nicht, wie man die Behandlungen verbuchen sollte, weil es noch keinen WHO-Schlüssel gab. »Die haben dann Krebs abgerechnet oder sonst was.«“

„Das Jahr 1985 aber war für schwule Männer von Angst und Unsicherheit im Umgang mit ihrer Sexualität geprägt, wie die Safer-Sex-Comics des Zeichners Ralf König illustrieren, die er in diesem Jahr erstmals für die AIDS-Hilfe zeichnete. Die Figuren mit den berühmten Knollennasen onanieren häufig gemeinsam zu Pornos – manchmal haben sie auch Analverkehr: mit Kondomen, deren Verwendung Ralf König seinen Lesern ans Herz zu legen versuchte.“

„1989: »Wir machten Werbung für Kondome – und weil die reißen können, wurden wir als Mörder beschimpft.« Gar keinen Sex mehr zu haben, das war eine Variante, die seinerzeit nicht nur konservative Politiker wie Peter Gauweiler propagierten; auch Schwulenaktivisten wie Rosa von Praunheim forderten angesichts des Sterbens zeitweilig sexuelle Abstinenz.“

„»Kondom« war gemeinsam mit »Aids« das Wort des Jahres 1987 in der Bundesrepublik – und es bedurfte einer Menge Arbeit, da – mit es so weit kommen konnte.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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Martin Reicherts „Die Kapsel“ braucht etwa 6 Stunden Lesezeit: ca. 10 Begegnungen mit Zeitzeugen, dazwischen kurze Grundsatz-Kapitel. Eine einsteigerfreundliche, süffige, doch etwas lose Sammlung von Eindrücken, Themenfeldern und Zeitgeschichte.

Auch hier fand ich die Ursache-Wirkungs-Ketten am interessantesten.

Zusammenhänge wie: Die deutsche Schwulenbewegung kam aus der Studentenbewegung und war deshalb eher konsum- und lustfeindlich, elitär; die US-Schwulenbewegung kam aus dem Civil-Rights-Movement, sah z.B. Leather Bars nicht als ‚oberflächlich‘ und hatte eher ein Hippie-Bild von Sex, Spiritualität, Selbstverwirklichung etc.

ca. 1979: „Die Trennung zwischen Politszene und der sogenannten Sub, also dem eher kommerziell und hedonistisch orientierten Teil der Schwulenszene, ist für Bruno Gmünder ein spezifisch deutsches Phänomen: »In Deutschland war die Schwulenbewegung an die Studentenbewegung angebunden, in den USA an die Bürgerrechtsbewegung.« Die Studenten seien eben verklemmt gewesen, während man in der Sub ungetrübt von Antiamerikanismus und voller Lebensfreude den Vorbildern aus San Francisco und New York nacheiferte.“

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In Reicherts Buch lernt man kompakt und flüssig alle wichtigen Namen, Stichpunkte, Debatten etc. kennen.

Martin Reichert ist taz-Redakteur und informiert über die gängigen queeren Diskurse seit den 80ern. „Die Kapsel“ handelt von einem Friedhof für Lesben in Berlin; Rosa von Praunheims Outings von u.a. Hape Kerkeling in der RTL-Sendung „Der heiße Stuhl“; der bundesweiten Präventionskampagne „Gib AIDS keine Chance“ und der Rolle, die Rita Süssmuths Engagement spielte, v.a. gegen Bemühungen von z.B. Peter Gauweiler in Bayern, HIV-Infizierte in Lagern zu sammeln. Ein kurzweiliges Buch, das viele Themen, von denen jede*r mal hörte, vertieft, pointiert nacherzählt, in Kontexte setzt.

Doch während Randy Shilts genau erklärt, wie alles passieren konnte und ineinander greift, kann ich nach der Lektüre von Reichert z.B. nicht beantworten, WARUM genau der „Spiegel“ ab 1983 sehr apokalyptische, hämische Artikel schrieb. Ich kann es mir zusammen reimen – „Ist halt der Spiegel“ -, doch es gibt zu viele Stellen in „Die Kapsel“, bei denen ich nur denke:

„Aha. Okay. Na ja. Ist halt Bayern. Ist halt Rosa von Praunheim. Ist halt Berlin. Waren halt die 80er“ usw.: Eine ferne Zeit, deren Mechanismen ich nicht mehr verstehe.

Eine Kleinigkeit: Der Titel, „Die Kapsel“, klingt groß und programmatisch. Geht es um eine Pille? Geht es darum, dass die BRD wie eine Kapsel funktionierte? Reichert sagt, viele Überlebende hätten sich nach 1996, als durch medizinische Durchbrüche klar war, dass HIV kein Todesurteil mehr ist, „abgekapselt“. Warum? Warum in Deutschland? Warum so? etc.

Das beantwortet das Buch nicht im Detail. Ich kann damit leben. Doch direkt nach der Shilts-Lektüre denke ich: „Und wo bleiben jetzt die 400 zusätzlichen Seiten, die alle URSACHEN und komplexen gesellschaftlichen Wechselwirkungen explizit beschreiben?“

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„Für die Aktivisten der ersten Stunde gab es bereits zu Beginn auch ganz konkrete Gründe, sich zu engagieren. Die wenigen Patienten waren einer diskriminierenden Behandlung ausgesetzt, zum Teil wurden sie regelrecht als Versuchskaninchen benutzt. So kam es bereits im Jahr 1983 zu einem Akt zivilen Widerstands, einer »Act-Up-Aktion ›avant la lettre‹« (Michael Bochow): Ein Aids-Patient, der in einem Berliner Universitätsklinikum im Sterben lag, sollte aus Gründen wissenschaftlicher Neugierde hirnoperiert werden – Aids-Aktivisten blockierten die Tür zum OP.“

„Zwar erklärt die Bundesregierung 1983 Aids in einer Pressemitteilung erstmals zu einem nationalen Problem […] Die Behörden blieben jedoch – aus heutiger Sicht – erstaunlich untätig, und das bis 1985.“

1983: „Manche glauben, sich vor der Erkrankung schützen zu können, indem sie sich von bestimmten Personengruppen fernhalten: In der New Yorker Szene misstraut man den Haitianern, in deutschen Großstadtszenen wähnt man sich sicher, wenn man Sex mit Amerikanern meidet.“

1986: In einem Ableger der linken Zeitschrift Konkret, der Sexualität konkret, war im Jahr zuvor ein offener Brief Martin Danneckers an den Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein erschienen, der mit den Worten endet: »Im ›Spiegel‹ wird seit nunmehr vier Jahren ein antihomosexueller und minderheitenfeindlicher Fortsetzungsroman veröffentlicht. Von diesem haben sich Abertausende in ihrem Selbstgefühl beleidigt und in ihrer Angst bestätigt gefühlt. Ein solches Stück, so haben Sie anläßlich der Diskussion um das Schauspiel von Fassbinder geschrieben, dürfe nicht gespielt werden. Bitte sorgen Sie in Ihrem eigenen Haus für das Absetzen der menschenfeindlichen Berichte über die von Aids so schrecklich gebeutelten sozialen Minderheiten.«“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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Georg Zipp empfahl mir im Juni via Twitter:

  • David Wojnarowiczs autobiographische Graphic Novel „7 Miles a Second“
  • Wojnarowiczs „Close to the Knives: A Memoir of Disintegration“ und „Waterfront Journals“
  • Allan Gurganus: „Plays Well With Others“
  • Pier Vittorio Tondelli: „Camere Separate“
  • Hervé Guibert: „À l’ami qui ne m’a pas sauvé la vie“ (fiktionalisierter Roman über Michel Foucault).
  • Norwegische Kurzserie aus dem Jahr 2012: „Don’t Ever Wipe Tears Without Gloves“
  • Subkultureller Kultroman: „Tim and Pete“ von James Robert Baker.
  • Kinderbuch aus dem Jahr 1989: „Losing Uncle Tim“
  • „Ich glaub, bei Hubert Fichte gab’s da auch was… Dazu dann noch vielleicht ein bisschen Susan Sontag…“
  • Aus der Perspektive, wie sich HIV und AIDS plötzlich in das Leben schlichen: Die komplette „Tales of the City“-Reihe von Armistead Maupin.
  • Für eine südafrikanische Post-Apartheid-Perspektive: Phaswane Mpe, „Welcome to Our Hillbrow“
  • Noch nicht gelesen: „Body Counts: A Memoir of Politics, Sex, AIDS, and Survival“ von Sean Strub.
  • Australien, und auch neulich als Film: „Holding the Man“ von Timothy Conigrave.
  • Versuch eines Mainstream-Autors, sich an das Thema zu wagen: Louis Begley, „As Max Saw It“.
  • Leo Bersanis großartiger Theorietext aus dem Jahr 1987, „Is the rectum a grave?“
  • und dann vielleicht noch als letztes ein Mainstream-Roman von letztem Jahr: „Tin Man“ von Sarah Winman

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„Laut der Epidemiologischen Kurzinformation des Robert Koch-Instituts, Stand Ende 2015, leben in Deutschland geschätzte 84 700 Menschen mit HIV/ Aids, 72000 davon mit Diagnose, 12 700 ohne. Die Infektion erfolgte in 54 100 Fällen durch Sex zwischen Männern, in 10700 durch heterosexuellen Kontakte, in 7700 durch Drogengebrauch und in 440 durch Blutprodukte. geschätzte Gesamtzahl der Neuinfektionen in Deutschland lag bei 3900. Im Jahr 2015 starben in Deutschland 460 Menschen an den Folgen von Aids,144 seit Beginn der Epidemie waren es insgesamt 28 100.“

„Dass die meisten Positiven, die in diesem Buch zu Wort kommen, ihren Namen nicht nennen möchten, spricht für sich.“

ca. 1985: „Die schwedische Regierungspolitik erlaubte im Folgenden auch die Absonderung – Positive, die sich »uneinsichtig« zeigten und sich weigerten, Kondome zu benutzen, konnten für mindestens drei Monate interniert werden. Nachdem zunächst einige (wenige) Infizierte per Gerichtsbeschluss in ein Hospital zwangseingewiesen worden waren, regte sich Widerstand in den Krankenhäusern, deren Mitarbeiter nicht ohne Weiteres bereit waren, polizeiliche mit therapeutischen Aufgaben zu vermengen. So kam es zur Einrichtung des berühmt-berüchtigten Stenby-Hofes auf der Schäreninsel Adelsö rund fünfundzwanzig Kilometer westlich von Stockholm. Das »Lager« erlangte weltweite Berühmtheit.“

1987: „Peter Gauweiler schaffte es mit dem Thema 1987 sogar auf den Titel des Spiegel: »Einer gegen Aids«, indem er unter anderem die »Absonderung« von Infizierten forderte. […] Ein gewisser Horst Seehofer, seinerzeit ein kleiner, aufstrebender CSU-Abgeordneter, forderte die Unterbringung Infizierter in »speziellen Heimen«. Der bayerische Kultusminister Hans Zehetmair bezeichnete 1987 Homosexualität im Bayerischen Fernsehen als »contra naturam«, es handle sich um ein naturwidriges und »im Grunde in krankhaftes Verhalten«; man müsse »endlich wieder den Schutz der vielen in der Bevölkerung als zentrales Ziel im Auge sehen«, statt sich zu fragen, »wer am Rand noch besser verstanden werden kann. Dieser Rand muss dünner gemacht, er muss ausgedünnt werden«.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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ich empfehle:

_Wer nichts über die medizinischen und sozialen Kontexte weiß, kriegt in der Graphic Novel „Taking Turns“ viele Grundlagen vermittelt, in sehr einfachen Bildern und klarer Sprache. MK Czerwiecz war (lesbische) Krankenschwester in einem AIDS-Hospiz in Chicago, Mitte der 90er Jahre. Ihre Zeichnungen sind oft unterkomplex, ZU schlicht. Die Figuren wirken durch ihre Playmobil-artigen Gesichter z.B. oft kindisch oder töricht. Doch in Sachen Tiefgang / Wissenschaft / Details hat der Comic genau die richtige Dichte, Länge – einen sehr angenehmen Schwierigkeitsgrad.

_Ryan Murphys Film „The Normal Heart“ (auch auf Deutsch, 2014) zeigt in toller Ausstattung und mit charismatischen Schauspieler*innen wie Mark Ruffalo (Hulk aus den „Avengers“) und Julia Roberts… wie sich all das ANFÜHLTE: die Oberflächen, die Mode, der Ton, die Farben, die Stimmung der 80er. Ich mag, in zwei Stunden, sehr konzentriert, diese Texturen vermittelt zu kriegen. Das Licht. Den Look. Ein kleineres Problem nur, wie gesagt: dass Autor Larry Kramer in „And the Band Played on“ und „How to survive a Plague“ ausführlichst beschrieben wird – als unsachlicher, aufbrausender, oft Dinge-schlechter-machender Schimpf-Aktivisit. Während sein Alter Ego hier im Film NUR die klügsten Dinge sagt. (Rein als Literatur / Theaterstück ist Tony Kushners AIDS-Stück „Angels in America“ viel besser… doch deutlich weniger dokumentarisch etc.)

_“How to survive a Plague“ erzählt auf den ersten 300 Seiten die exakt selbe Geschichte wie Randy Shilts, nur… a) viel labbriger, unfokussierter, langweilig-partikulärer, b) mit einem Fokus auf New York statt San Francisco, oft sehr provinziell („Kuckt! Wir haben AUCH tolle Leute!“): Kein schlechtes Buch. Doch 30 Jahre nach Shilts finde ich DAS zu wenig: enttäuschend.

_Die Graphic Novels „Pedro and me“ (großartig!) und „Blue Pills“ (solide) erzählen aus der Perspektive von (heterosexuellen) Angehörigen.

_Kenny Fries schreibt in „In the Province of the Gods“ über Behinderung & Krankheit in Japan und seine HIV-Diagnose Mitte der Nullerjahre. Auf Electric Literature empfiehlt er weitere Bücher (Link).

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„Taking Turns“

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„In Central Africa, AIDS was simply called ‚The horror sex disease‘.“

1984: „AIDS continued to embarass people. From the start, it had made people uncomfortable, whether they were in government or media, in public health or prominent universities. AIDS was about homosexuals and anal intercourse, and all kinds of things that were just plain embarrassing.“

1982: „There was a doctor from New York University who had written an extensive study on the apparent infection of the central nervous system, but he refused to tell the report from the American Medical Association journal about his work because he had submitted his paper to a neurological journal where it had been accepted for publication. The neurological journal might throw out the story if he publicly discussed his findings with the press, and that would hurt the doctor’s career in the publish-or-perish world of academic medicine. It was science as usual, and the Journal of the American Medical Association would just have to wait until the research was published in six months.”

1985: „In the strangest twist to Englisch AIDS history, the guide to British aristocracy, ‚Burke’s Peerage‘, announced that, in an effort to preserve ‚the purity of the human race‘, it would not list any family in which any member was known to have AIDS.“

1983: „Television actor Robert ‚Benson‘ Guillaume was about the only big name who would associate himself with AIDS. Most other stars, including many who had built their careers on their gay followings, were not inclined to get involved with a disease that was not… fashionable.“

[schreibt Randy Shilts in „And the Band Played On“]

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„Axel Schock: »Mein Freund wollte auf dem Alten St.-Matthäus-Friedhof in Berlin beerdigt werden, aber er wurde dann in seiner Heimatstadt in Norddeutschland beigesetzt.« Sobald er tot war, wurde die schwule Geschichte annulliert. »Ab jetzt ist Schluss«, hatte sein Vater verkündet und das Testament, in dem Axel berücksichtigt war, vernichtet. »›Wir haben kein Testament‹, sagte er lapidar.« […] »Zu der Beerdigung bin ich mit einer gemeinsamen Freundin gefahren. Der Pfarrer erweckte in seiner Trauerrede den Eindruck, als wäre sie seine Lebensgefährtin gewesen. Und dass er an Krebs gestorben sei.«“

„Selbst im liberalen Westberlin streikte 1990 das Personal eines öffentlichen Bades, weil dort ein Positivenschwimmen stattfinden sollte. Ein Fall, der damals auch medial für einiges Aufsehen sorgte. In der ganzen Republik weigerten sich Zahnärzte, positive Patienten zu behandeln. Gefängnisbeamte beantragten ihre Versetzung, um nicht mit positiven Häftlingen in Kontakt zu kommen, Kollegen forderten die Entlassung positiver Mitarbeiter.“

„Mehr als 90 Prozent der gemeldeten HIV-Positiven waren Männer. Einer Erhebung von 1987 zufolge waren zu diesem Zeitpunkt 15 bis 40 Prozent der Schwulen infiziert, allerdings sind solche Schätzungen schwierig, weil es aus guten Gründen keine genauen Zahlen zum Anteil der Homosexuellen in der Bevölkerung gab.“

ein Berliner Arzt, auf HIV spezialisiert, 2017: „»Ich habe Patienten aus Brandenburg, die bringen ihre leeren Pillendosen mit nach Berlin, damit die Nachbarn sie nicht im Müll finden. Die würden auch nie zu einer Apotheke bei sich zu Hause gehen. Das Risiko, dass einer quatscht, ist ihnen zu hoch.«“

„»Von den jährlich rund 3000 Neuinfektionen, die wir in Deutschland verzeichnen, sind etwa ein Drittel im Aids-Stadium. Das ist enorm.« Das Aids-Stadium, das Vollbild, es existiert noch immer, auch in der Bundesrepublik: »Gerade heute war ein Kameruner hier mit zerebraler Toxoplasmose – aber es sind auch viele über Sechzigjährige dabei, die sich vor Jahren angesteckt haben. Männer, die im Thailand-Urlaub waren, oder Frauen, die sich beim Trommel-Workshop in Kenia angesteckt haben.«“

„Hepatitis C ist dreihundertmal leichter übertragbar, anders als bei HIV ist sogar getrocknetes Blut noch infektiös – in Deutschland gibt es wahrscheinlich 200000 verborgene Hep-C-Träger.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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Ein kalifornischer Universitätsrektor, Mitte der 80er: „At least with AIDS, a lot of undesirable people will be eliminated.“

1983: „Nearly half of the AIDS casualties were men between the ages of 30 and 39. Another 22 percent were men in their twenties.“

1983: „Prisoners at a New York State prison in Auburn started a hunger strike because the cafeteria’s eating utensils had been used by an inmate who had died of AIDS a week earlier.“

1983: „All forty-four cases of AIDS reported in West Germany as of March 31, 1983, were either among people who had traveled to Haiti or Africa, or among gay men who recently had vacationed in Florida, California, or most commonly, New York.“

„Between June 1982 and June 1985, the San Francisco Chronicle printed 442 staff-written AIDS stories, of which 67 made the front page. In the same period, The New York Times ran 226 stories, only 7 of which were on page one. From mid-1983 on, the coverage of the Chronice focused on public policy aspects of the epidemic, while the Times covered AIDS almost exclusively as a medical event, with little emphasis on social impact or policy. [The Chronicle] helped sustain a lvel of political pressure on local government and health officials to respond to the AIDS crisis.“

1987: „Virtually every major newspaper in the country now had a full-time AIDS reporter. The New York Times was on the verge of announcing that, at long last, it would allow the adjective „gay“ to be used when describing homosexuals.

[schreibt Randy Shilts in „And the Band Played On“]

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„Spätestens Ende der neunziger Jahre hatte Aids jeden Sensationswert verloren. Matthias Frings spricht von Aids-Müdigkeit: Als er für die seinerzeit beliebte Fernsehsendung Liebe Sünde einen Beitrag zum Thema Aids anmoderierte, schalteten 200000 Zuschauer weg – am Ende des Beitrags hatte die Sendung mehr als eine halbe Million Zuschauer verloren.“

„Die nachfolgende Generation schwuler Männer reagierte auf ihre Weise auf das Erbe von Aids. Die Ästhetik der neunziger Jahre mit ihren in den Fitnessstudios trainierten und komplett rasierten Körpern spricht für sich. Es ging nun vor allem darum, Gesundheit darzustellen. Abzugrenzen galt es sich sowohl von den kranken Körpern der Positiven als auch von der Ästhetik der siebziger und achtziger Jahre, die von (Schnurr-)Bärten und Körperbehaarung geprägt war.“

„Es gibt in Deutschland keine Pflicht, Sexpartner oder -partnerinnen von der HIV-Infektion in Kenntnis zu setzen. […] Wer mit HIV infiziert ist und ungeschützten Geschlechtsverkehr betreibt, macht sich nach §§ 223 und 224 des Strafgesetzbuches der Körperverletzung schuldig. Strafbar ist bereits der Versuch. Seit 1987 wurden fünfunddreißig HIV-Positive wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Die Richter entscheiden höchst unterschiedlich und in jüngster Zeit immer häufiger unter Berücksichtigung der neuesten Erkenntnisse, nach denen eine Ansteckungsgefahr unter erfolgreicher Behandlung nicht mehr zwingend vorliegt.“

„Der letzte HIV-Test liegt bei 27 Prozent der Befragten mehr als ein Jahr zurück. 35 Prozent haben sich noch nie haben testen lassen.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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Queere Literatur: „Lutra Lutra“ (Matthias Hirth, 2016)

Portraitfoto Matthias Hirth: Nemetschek-Stiftung

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Schund und Sühne

Brillant – und pornografisch? Matthias Hirth seziert Begehren und Exzess der 90er Jahre.

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Geld verdirbt den Charakter. Wer konsumiert, verbraucht dabei auch Menschen. Was wird aus Nähe, Sex, Intimität, wenn eitle Player Marktzwänge und -logik ins Private tragen? Vor 20, 25 Jahren, in Satiren wie „American Psycho“, wurden solche Verrohungen klug auserzählt. Heute überrascht Matthias Hirth, geboren 1958, mit einem Nachzüglerroman, wie aus der Zeit gefallen: „Lutra lutra“, das sind 736 ironiefreie Seiten über einen Münchner Schnösel, „Fleck“ Fleckensteiner, Anfang 30, und die skrupellosesten Wochen seines Lebens – den Jahreswechsel 1999/2000.

Ein Buch über Ängste der 80er, den Hedonismus der 90er und einen weltmüden Nichtstuer, der so viel Geld erbt, dass er alle Tage, Nächte einer einzigen Frage widmen kann: „Was würdest du tun, wenn du etwas Böses tun wolltest?“

Flecks Freundin macht Schluss, treibt das gemeinsame Kind ab. Und aus gekränktem Stolz, Langeweile, Abenteuerlust probiert Fleck viele Männer, einige Frauen durch. Flirtet. Quält. Beobachtet sich selbst als Spieler, Kinkster, Lustobjekt. 

„Sein Dasein kommt ihm vor wie eine leere Fläche, in die er nach Belieben Dinge stellen kann, ein Ozean, in dem jeder Weg möglich ist. Ich bin frei, denkt er. Der jetzige Moment hat mit dem vorigen keinerlei Verbindung.“ Ein haltloser, reicher Mann sucht Wege, alles aufzusprengen: Privilegien, sexuelle Rollen, jede materielle oder moralische Abhängigkeit. Ein New-Economy-Klischee?

Drei Jahre lang erforschte Matthias Hirth in einem Think Tank Zukunftsmodelle und Science-Fiction-Utopien, für einen Autohersteller. Flecks Oberstufen-Existenzialismus wirkt dagegen kaum visionär: Warum die vielen Referenzen zu Dostojewskis „Schuld und Sühne“? Der lange Blick zurück ins Jahr des Fischotters (lat.: Lutra lutra), 1999? Mit ein paar Szenegängern, Strichern schlafen – über viele erste Seiten hinweg scheint weder Autor Hirth noch seiner Figur Fleck Klügeres, Wilderes, Drastischeres einzufallen.

Originell, markant und klug wird „Lutra lutra“ erst durch den Umfang: Hirth gönnt Fleck ein Ensemble zunehmend komplexer Gegner, Reibeflächen. Was ist mit HIV? Wo treffen sich Wegwerf-Sexpartner plötzlich wieder? Wurde Fleck „über Nacht“ schwul – wie ärgerlich viele schlecht geschriebene Figuren: Ignoriert das Buch Bisexualität? Nein. Fleck darf sich lustvoll, klug verrennen. Er findet eine Haltung. Zeit vergeht. Die Stimmung kippt. Er findet eine bessere Haltung. Doch wieder stellt ein wenig Zeit alles in Frage.

Autoren ordnen solche Haltungswechsel oft als Reife- und Lernprozess: In vielen Büchern münden Schlingerpartien in einer großen, finalen Erkenntnis. „Lutra lutra“ dagegen bleibt eine schmerzhaft offene, zunehmend raffinierte Langzeitbelichtung: Hirth nutzt jede Seite, um die romantischen und weltanschaulichen Wenden eines Mannes, der keinen Sinn mehr darin sieht, sich selbst am Marktwert seiner Partner zu messen, klug, rührend, emotional erwachsen immer grundsätzlicher zu hinterfragen.

Die Sprache bleibt schlicht und süffig. Sex darf hier sexy, Liebe lieblich, Verkopftes unglaublich verkopft, alles Obszöne krass obszön klingen. Ein bisschen kunstlos – manchmal auch nur: bollernd pornografisch. Das Psychogramm einer Figur, in Zeiten des Börsen-Booms so relevant wie heute. Überraschend weit gedacht. Und, in vielen Sexszenen: überraschend erregend.

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MATTHIAS HIRTH, “Lutra Lutra” 736 Seiten, Voland & Quist 2016.

“Worin besteht wirkliche Stärke? Wie erreicht Fleck, 32, die Ausstrahlung, die ihn für jede Frau und jeden Mann unwiderstehlich macht? Er kommt zu dem Schluss, dass es für ihn nur einen Weg zu vollkommener Selbstbestimmtheit gibt: mit sämtlichen Regeln der Gesellschaft zu brechen. Hirths Roman zeigt die Verbindung von Sex und Gewalt, Coolness und Terrorismus. Heimlicher Held ist das Jahr 1999, das Jahr des Fischotters (lat.: Lutra lutra), das Jahr vor dem Zusammenbruch der New Economy und der großen Arbeitslosigkeit – das letzte Jahr der guten alten Zeit.” [Klappentext, gekürzt]

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Lutra lutra

Queerness, Sex, Coming Out: Stefan Mesch & Antonio Capurro (Interview)

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A Peruvian journalist contacted me on Facebook:

He saw that I took part in the „Daily Portrait“ photo project in 2016 (article about my experience: here)…

…and wanted to know more about my ideas on queerness, privacy, and sexuality.

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The interview will be published in Spanish at La Revista Diversa.

For my blog, here’s the (long, unedited) English version.

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Tell us about your childhood: Where did you grow up?

I’m 34. I grew up in a wealthy, rural town in Southern Germany: less than 2000 people, no train station. Everyone has a car, most people own their house. My childhood was okay – but I missed culture, diversity, intellectual life. I often point out that I didn’t interact with lesbians until 2003, when I moved away for college. There were two or three boys who were whispered to be gay in my high school – but no visible queerness.

What did you study?

I studied Creative Writing and Cultural Journalism; because I wanted to be an author and a book critic. The „book critic“ part worked out great, and I’m finally finishing my first novel. There is so much culture – literature, journalism, comic books, TV shows, online projects – that’s important and relevant to me: I’m good at scouting, learning, judging and explaining, and I want to be a part of these larger cultural (and sometimes: political) conversations.

Growing up, did you enjoy being nude?

I’m not an outdoor person, nor a sports person, and I have no great memories about enjoying nudity as a child. Quite early, I often felt that nudity had to do with humiliation: Only powerless people were nude. So I tried to stay dressed and not let my guard down. I don’t tan well, my skin is quite pale, and as a teenager, I thought that people would dislike my nude body.

How did you discover your queerness?

I always liked queer characters or people who fought gender stereotypes. Also, my village was so rural and… tense about masculinity that I felt „queer“ and „strange“ just for reading books or being friends with girls.

Sexually, I’m more often attracted to men than to women. Romantically, I had more crushes on girls than men. I think that by the time I was 15, I understood that I was bisexual. But the first man that felt like a possible romantic partner only showed up when I was 18.

How was your first time having gay sex?

I had sex with 26, with my first boyfriend. The relationship was exhausting, but worthwhile. Our sexual mechanics never worked out that well. We have chemistry – but we didn’t have much sex.

How was your coming-out?

I was nervous about my dad and waited until 2014 (!) to tell him. He was the biggest hurdle – although in the end, he surprised me. I gradually started talking to friends and family members since I was 20. I did not enjoy coming out because it felt like I gave up power. I felt like I had to tell people: „Here’s something intimate and sexual about me that doesn’t really concern you. So: Are you okay with it? Or are you disgusted? Come on: You may now judge me.“

I came out before I had boyfriends. Today, I love to introduce my grumpy partner to people and say: „Look! He’s great, we’re happy, I’m bisexual!“ But before I had a partner, it always felt like saying: „Do you want to know if I fantasize about men and/or women every time I jerk off?“ I was passionate about diversity and visibility and talked about that a lot, long before being out to everyone. But my personal sexuality, for the longest time, began and ended with masturbation and some unrequited crushes.

Why did you take part in the „Daily Portrait“ photo project? Did you think a lot before you decided to pose for a nude photo?

In 2013, an awesome Berlin painter, Martina Minette Dreier, asked me if I wanted to model for an oil painting. I sat for the portrait in the nude, and it felt great. In 2016, I lost a lot of weight. I always thought that very soon, I would be a balding, sad and awkward man – but when I realized that I liked my current body, I decided to take part in the project.

It still took a long time – 7 months – because I thought about shame, exposure and my credibility as a cultural journalist… but I wrote about this at length elsewhere, in a longer essay: Link.

Why did you decide to start a blog where you post nude self portrait photos?

I love selfies and quick snapshots, and in 2016, I spent much energy and time on Instagram. I don’t know what „exhibitionism“ means: If you define that as „I want to surprise people by showing my penis publicly or unexpectedly“, I am not an exhibitionist at all. I would not undress in public, or annoy or shock people with nudity. To me, unsolicited dick picks are a form of sexual harrassment.

But I knew that online, in places like Tumblr and Reddit, people who like my body type sometimes LOVE nude pictures of people, quite similar to me. I have never felt very desired by friends at school. But I like myself right now, and I thought: „Here’s the target audience for your nude body.“ I enjoy posting pics to that very specific audience.

Do you like erotic photography?

Yes. I don’t like classic masculinity. Also, young bodies often make me uncomfortable. I dislike many standard poses, and anything with twinks/boyish men.

Do you enjoy porn?

I love amateurs, and any kind of person who shares or overshares online. But I dislike the porn industry, the clichés, the standardized bodies, the exploitation. Lots of it feels sexist, boring and crude.

Do you consider yourself very sexual?

I’m not very sensual, I’m not very cuddly, I don’t enjoy touching many people. Also, I don’t like one night stands and I have spent many years without any sex. So I don’t think I’m „very sexual“. I do enjoy having sex and making out, though – and if I talk to friends, I’m surprised that most of them want less sex or have less energy for sex than me.

Do you consider yourself sexy or attractive?

I only have to be attractive to the one person that I want to attract right now: my partner. He likes me, so all is well. Generally, I don’t think I’m particularly sexy. But I know how to write well: I’ve learned some techniques. I think that in photography and taking selfies, there are many similar techniques. So: I’m learning how to appear sexy in photos. And I think I’m getting better.

What was the most bizarre experience in your life?

Sexuality-wise? Nothing wild. But in a gay bar in 2013, someone tapped my shoulder and said: „Sorry. A stranger just tried to piss on your shoe.“ I was annoyed because it felt completely tactless and disrespectful. If you’re friendly and ask nicely (and if I have some extra shoes), I’m the person to say „Yeah – whatever gets you off. Okay.“ But to try that, without asking?

What kind of feedback do you get from followers on Twitter, Facebook or Instagram?

I love giving and getting book recommendations, I want to share ideas with many people: I love my profiles and my feeds in these networks. If you ask about nudity: People pay me compliments, and often, gay men from Spain or Spanish-speaking countries contact me to say „I wish I could be as brave“ or „I wish I had the confidence to show my body online“. So far, I’ve had these conversations with five or six men; and they’re all Spanish-speaking. Maybe it has to do with catholicism…?

Have you ever meet online friends in person?

Most of the literature and journalism people that I’ve met since finishing university in 2009 were my Facebook friends before I eventually met them in person, yes.

Have you ever blocked people who bother you because they were only looking for sex?

I’ve blocked two or three people on Facebook because of hate speech or personal/political attacks. I never had problems with sexual harrassment. I have met all three of my boyfriends on datings sites – but I don’t like chatting there, and I often dislike the tone that German people use in „kinky“ networks like Gayromeo or Scruff: To me, German „dirty talk“ often sounds too degrading and shame-centered. „Filthy Pig“, „Worthless Fag“, „Pussyboi with Boypussy“ etc.

But even though that tone makes me run, I never personally felt disrespected, no.

What do you do when you are not working?

I love reading – books and articles and graphic novels. But as a book critic, I still can count that as work: Ideally, I just spend 12 to 14 hours a day reading, talking, learning and writing. I love cheap food and very cheap restaurants. And for a while last summer, I was in love with „Pokemon Go“.

What do you think about the new ways to make journalism – like citizen journalism?

If people are paid, they have more time and energy to write. On the other hand, there are passionate experts in every field – who can often do much deeper work because they have much more knowledge. I enjoy book blogs, wikis, fanzines, social media and all other places where people who are not trained journalists still have a voice. But I think that selecting stuff is my personal super-power: You can send me to „messy“ sites like Reddit, and I will ignore the hate-speech, the conspiracy theories and the overall unpleasant atmosphere… and just focus on the good writing and the good ideas that are still there. Theodore Sturgeon said that 90 percent of everything is crap/crud. So of course, 90 percent of „citizen journalism“ is crap, too. I want to focus on the other 10 percent – in every field.

I’m worried that every artistic or journalistic outlet I know is constantly asking for money: There are so many crowdfunding campaigns and kickstarters and patreon links etc. that I sometimes fear that as a journalist and writer I will never find a publisher who will pay me decently. Instead, it will be our job to constantly ask all friends for money and spend more and more time and effort on these campaigns.

Which authors or writers do you admire and what genres do you prefer?

My favorite classic novelists are Vladimir Nabokov, Thomas Wolfe and John Cowper Powys. My favorite living novelist is Stewart O’Nan. I have a soft spot for Young Adult literature (here, my favorite writer is A.S. King) and graphic novels and super-hero books (Greg Rucka). My favorite German writer is Dietmar Dath. Generally, I admire people who get raw and personal. And I enjoy domestic fiction – books about grief, sadness or families, often set in suburbia.

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I took part in a queer photo project, and wrote an essay about it for the Berlin Tagesspiegel (Link). my photo for the article was taken by Mike Wolff.

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Do you remember a gay movie or gay role on TV or cinema?

There are some popular gay favorites that I don’t enjoy: Oscar Wilde, „Queer as Folk“, musicals and pop divas, and many boarding-school novels like „A Separate Peace“ or German queer-ish classics like „Unterm Rad“ by Hermann Hesse or „Katz und Maus“ by Günther Grass.

My favorite German soap opera, „Verbotene Liebe“, started when I was 12 and almost always had compelling and fun queer characters – particularly lesbians. I didn’t like their most famous gay couple, Christian and Olli, because they were both quite masculine and sporty bland characters. In 2006, I was hooked on „As the World Turns“, a US soap opera, and the (dramatic and self-obsessed) gay character Luke Snyder.

In my early teens, I liked lesbian or gender-nonconforming heroines in „Lady Oscar“ and „Sailor Moon“. Today, I love Batwoman and many lesbian or queer comic book characters, often written by author Greg Rucka.

„Ugly Betty“ is queer, cheery and has a diverse and fun cast. As a kid, I enjoyed dandyesque, foppish characters like John Steel in „The Avengers“, Elim Garak in „Deep Space Nine“ or anyone played by Peter Cushing. I liked „Brokeback Mountain“. HBO’s „Looking“ bores me. I have tons of favorite queer authors: Alison Bechdel, Marcel Proust, Hubert Fichte. I loved David Levithan’s „Two Boys Kissing“.

What is the most comfortable place in your house or outside to ne naked?

I need warmth to feel comfortable, and I need privacy to be nude. There is no warm AND private outside place where I can be nude. Inside, I enjoy taking baths or showers, and I love overheated rooms, botanical gardens, greenhouses and saunas.

Are you thinking of recording videos or to show more your butt?

I move quite awkwardly and can’t imagine filming myself stripping without having to laugh. I think my butt looks okay, but every time I try to shoot a decent photo of it, it looks pale and flabby. Celebrities often post butt pics. But my pictures never turn out like this.

What is the part of your body that men like most?

I’m not flirting a lot, and I don’t ask what men who see me in person like about me. People who see me online sometimes comment on my scruffiness/body hair. But then: hair is just a common fetish.

What is the part of your body that you like the most?

Most strangers seem to understand that I’m usually friendly and interested: I don’t think I’m super-charismatic. But somehow, my body language signals „I’m smart and alert and friendly“, and I like that. I also like my eyes, when I’m not too tired.

If a magazine offered you money to pose nude on the cover or centerfold, would you say yes?

The „money“ part sounds weird: I don’t know if I ever want to feel like my sexuality or body can be bought. But yeah – I would partake in nude art, or sex-related projects.

Is there any sexual fantasy you want to make happen?

Bondage. Also, I have never done anything sexual outside/in nature.

How do you see LGBT rights in your country and worldwide?

I think visibility matters: It’s important to see and hear queer people in public, in culture and in schools. I don’t think most people even CAN be „anti-gay“ once they meet so many queer people that „I’m anti-gay“ sounds like „I’m anti-brown-eyed-people“.

I’d love to think that things get better. But the tone, aggression and hate of all these current backlashes – ISIS and Russia, Trump and European xenophobia – shock me almost every day: We can’t take civilization for granted. Or democracy. Or tolerance.

Is there more acceptance in your country?

More than when I was a kid? I hope so. There is no marriage equality yet, and gay couples can’t adopt, and too many people still think that you can’t have „Christian values“ and, at the same time, openly talk about homosexuality in schools. German politicians and pundits talk about „Leitkultur“ (a cultural standard about what it should mean to be a proper, „real“ German) a lot, and I think that as a country, we are obsessed with being „normal“ and „regular“.

Every time queer people want to be aknowledged for NOT „being normal“, people get angry quickly: Ideally, queer people, non-white people etc. should just work hard to blend in, and not address discrimination; the idea seems to be that if everyone acts „normal“ enough and never complains, no one would be discriminated against, anyways. I admire people who stand out. Or complain. Or fight to be aknowledged. That’s why I love activists, rabble-rousers and politically queer people.

Have you ever been to a gay wedding?

No. I spent lots of time in Toronto from 2009 to 2013, I’m close friends with three gay or lesbian Canadian couples, but I met them after they were married or I wasn’t in Canada when they had their ceremony. I have one German gay friend who is getting married this summer, but I haven’t met his partner yet – we only became friends last year. I wish I had more queer real-life Berlin friends, and I wish I had more older queer role models.

Single? Looking? Dating?

Since summer of 2014, I’m in a relationship with a German florist. Most of the time, I live with him in his Berlin apartment. It’s not an open relationship, and we both hope that we’ll stay together for decades. Everything is more fun when he is around. We’re crazy happy to have each other.

What do you know about my country, Peru?

For a couple of weeks in 2001, my mom had an au-pair from Peru: a very, very shy girl who was too nervous, quiet and demure. We never really established a connection, and she switched to another family. It felt like having a maid – it was uncomfortable for everyone.

I sampled and liked „The Cardboard House“ by Martin Àdán. But I don’t even know any other Peruvian literature.

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Thorsten Dönges – Künstlerische Leitung des queeren Literaturfestivals „Empfindlichkeiten“, Literarisches Colloquium Berlin

Thorsten Dönges, Literarisches Colloquium Berlin, Foto von Mandy Seidler

Thorsten Dönges, Literarisches Colloquium Berlin, Foto von Mandy Seidler

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In all times men have been in love with men, women with women.

As E.M. Forster wrote: „There always have been people like me and there always will be“.

Christopher Isherwood called EM Forster the great prophet of our tribe. So have these people really aways been forming one tribe? One community? Or is it much more complicated?

I am glad that so many writers, scientists, translators, friends are joining our festival „Empfindlichkeiten“. In our times, there is maybe something many [queer] people might have in common. It is the experience of what we call Coming Out – and usually you don´t tell your Mama: „Listen, Mama, I am hetero, but don´t be sad or angry…”

Maybe these people even in our days are the people who know how it feels to look different or to walk hand in hand with another person and to be afraid of hostile reactions. There still is homophobia and there is transphobia – in Africa, Russia and Orlando. And in Europe, Germany and Berlin.

We have asked the participants of this festival, writers and scientists, to write short essays on our subject. Many of the essays we received reflect on political questions, on history and they think about which writers could be part of a kind of queer literary tradition. And there is the discussion, how integrated and normalized – or how dissident, subversive and radical queer life should be these days.

…and let me celebrate those who have made this festival possible, with their work, their enthusiasm, their help:
Thank you Samanta Gorzelniak. Christine Wagner, Laura Ott. Mandy Seidler. Samuel Matzner. Yann Stutzig. Ronny Matthes. Christian Schmidt. Thank you Florian Höllerer. Thank you, dear colleagues. Thank you Siegessäule for being our media partner! Thank you: JAK Slovenian Book Agency, Pro Helvetia. Canadian Embassy. Antidiskriminierungsstelle des Bundes. S Fischer Stiftung. Kulturstiftung des Bundes

Thorsten Dönges‘ opening speech – shortened version

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin. Foto von Tobias Bohm.

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin. Foto von Tobias Bohm.

.Th

Thorsten Dönges, geboren 1974 in Gießen, studierte Germanistik und Geschichte in Bamberg. Seit 2000 ist er Mitarbeiter des Literarischen Colloquiums Berlin, wo er im Programmbereich insbesondere für die neuere deutschsprachige Literatur zuständig ist.

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Ich habe das Literaturfestival „Empfindlichkeiten“ als Liveblogger begleitet; und sprach kurz vor Eröffnung mit Thorsten Dönges über Vorgeschichte und Ursprünge des Programms. Samanta Gorzelniak, Thorstens Partnerin in der Künstlerischen Leitung des Festivals, hat schriftlich auf meine Fragen geantwortet (Link hier). Mit Thorsten hatte ich ein zwangloses Gespräch. Hier ein – gekürztes – Protokoll/Transkript:

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Thorsten Dönges: Vor ein paar Jahren las ein Münchner Schriftsteller, Hans Pleschinski, hier am LCB aus seinem Thomas-Mann-Roman “Ludwigshöhe”. Es geht um alles Mögliche: Düsseldorf, die Aufarbeitung deutscher Vergangenheit… und eben auch: eine schwule Liebesgeschichte. Am nächsten Tag stand ich in der LCB-Küche. Und ein Kollege sagte, ganz freundlich: “Das war ja ein schwuler Abend, gestern.”

Da machte es Klack. Niemand würde nach einem Abend, bei dem ein Buch mit heterosexueller Liebesgeschichte vorgestellt wird, sagen: “Was für ein Hetero-Abend gestern. Schon spannend!” Mir wurde klar, dass die Rezeption einfach anders ist – und damit sicher auch der Schreibprozess. Autoren fragen sich: “Für wen schreibe ich das? Wer wäre vielleicht sogar dagegen, falls in meinem Roman ein Frauenpaar auftaucht?” Was macht das mit dem Text – mit der Produktion, und mit der Rezeption?

Es gab so viele Abstimmungen in den letzten Jahren: Ein Land führt die Ehe für alle ein. Andere lehnen sie ab. Schriftsteller beobachten das sehr wach. Sie nehmen daran teil – doch wie mischt man sich ein, als Autor? Dichter in Russland, deren Arbeit dann plötzlich als jugendgefährend gilt, als homosexuelle Propaganda… das sind so unterschiedliche Arbeits- und Schreib-Bedingungen…

„Autorentreffen“, das heißt: 20 oder 30 Leute sitzen um einen Tisch und sagen “Mir geht es folgendermaßen, als lesbische Autorin” – “Mir geht es anders. Ich will gar nicht so sehr als lesbische Autorin wahrgenommen werden.” – “Ich aber sehr wohl! Ich kämpfe total.” Das fand ich spannend – aber nicht spannend genug. Also sagten wir: Wir machen ein Festival. Wo dieser Austausch vorkommt. Aber eben auch: Performances, Musik, Lesungen – ein größerer Rahmen.

Hubert Fichte fragt in „Die zweite Schuld“: Gibt es einen Stil der homosexuellen Literatur? Henry James, dieses indirekte Sprechen… und das ist unser Aufhänger, als These und kleine Provokation. Klar, dass niemand antwortet „Zeig mir fünf Zeilen eines Schriftstellers und ich weiß: Sie ist lesbisch – oder eine Hetera mit acht Kindern.“ Doch als Gedankenspiel, um die Diskussion zu öffnen, fand ich Fichtes Frage interessant. Warum überhaupt Fichte? Ich weiß: Er wird selten übersetzt und hat international wenig Einfluss. Aber seine Geschichte mit dem LCB… in „Die zweite Schuld“ gibt es dieses große Interview mit Walter Höllerer. Er schreibt über die Anfänge des Hauses und die etwas niedliche Art, eine Schreibschule zu installieren.

Was mich herausforderte: Fichte liebt die Provokation – und denkt, die sind dort eigentlich alle… Fichte hatte überall diesen Homophobie-Verdacht: bei Grass und all den Lehrern hier. Er konfrontiert sie alle damit. „Wie haltet ihr es eigentlich so mit Arschfickern?“ Das wäre ein Satz, den er benutzt hätte, 1963. Und gerade das wieder hier ins Haus reinzubringen, fand ich sehr…

Ich hätte gern noch Alan Hollinghurst hier gehabt: Er schreibt an einem neuen Buch und sagte sehr britisch-freundlich ab. Genauso Ali Smith. Murathan Mungan, der wichtigste… ein enfant terrible in der Türkei. Meine Ko-Kuratorin Samanta Gorzelniak und ich haben uns gut ergänzt. Uns beiden lagen Autor*innen am Herzen, die der andere noch gar nicht kannte. Ich selbst mag Gunther Geltingers Bücher und freue mich sehr, dass er dabei ist. Antje Rávic Strubels aktuelles Buch, „In den Wäldern des menschlichen Herzens“, ist großartig. Aber das ist gemein: Wenn ich jetzt einzelne heraushebe.

Ich hatte noch nie vor einem Projekt so viel Respekt – denn irgendjemand fühlt sich immer ausgeschlossen. Oder alle sagen: „Kalter Kaffee: Wir haben doch schon Gleichgestellung.“ Doch die Reaktionen und die Essays und Statements der eingeladenen Autor*innen fand ich großartig – wie viel Herzblut. Und auch, 2016: wie viel Ratlosigkeit.

Wir wollten anfangs ein europäisches Festival. Asien, das wäre nochmal ein ganz anderes… das hätte mich überfordert. Aber dann weitete es sich aus: Wir wollten nach Russland schauen. So kam Masha Gessen ins Spiel – die aber in New York lebt. Dann Ricardo Domeneck – der aus Brasilien kommt, aber in Berlin lebt. Das waren finanzielle Grenzen. Am Anfang schrieben wir von „europäischen Autor*innen“. Jetzt sind wir international. Man könnte auch Michael Cunningham aus den USA einladen. Leute aus Vietnam, Thailand. Wäre sicher spannend – was Japaner zu unseren Fragestellungen sagen. Ob man überhaupt Leute findet, die gern kämen.“

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…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: “Empfindlichkeiten” Festival 2016:

Queere Literatur 2016: „Schrift“, „Maske“, „Körper“ – drei [neue] Diskussionspanels auf dem Literaturfestival “Empfindlichkeiten” (LCB Berlin)

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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Queere Literatur – aus Europa und der Welt: Vom 14. bis 16. Juli 2016 veranstaltet das Literarische Colloquium Berlin (LCB, am Wannsee) ein Festival zu Homosexualitäten – “Empfindlichkeiten” (mehr Infos in der Spex und auf der LCB-Website).

Ich begleite das Festival als Liveblogger.

Der Freitag Vor- und Nachmittag gehörte drei großen, knapp zweistündigen Diskussions-Panels: “Maske”, “Körper” und “Schrift” [Link zu Statements, Fotos und Infos].

Am Folgetag – Samstag, 16. Juli – starten drei weitere, einstündige Diskussions-Panels: „Schrift“, „Maske“, „Körper“. Fotos vom Festival-Fotografen Tobias Bohm:

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14.00 Uhr: Schrift. Statements und Diskussion – mit: 

Alain Claude Sulzer (Basel)
Dieter Ingenschay (Berlin)
Édouard Louis (Paris)
Raziel Reid (Vancouver)
Kristof Magnusson (Berlin)

Moderation: Nina Seiler

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Statements aus der Diskussion, die mir im Gedächtnis blieben – schnell mitgetippt:

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I think literature is still a perfect art form to negotiate ideas of sexual identity. You don’t have to finance a movie: Writing is fairly cheap – and that’s what makes it so easy to express utopian ideas. – Kristof Magnusson

Young people are building their identities through the internet: There are infinite resources and information. The value of YA literature, now, is really to give them a sense of belonging und a sense of being less alone. – Raziel Reid

Schreiben ist für mich ein ästhetisches Verlangen. Es geht um den perfekten Satz und nichts anderes. – Alain Claude Sulzer.

When we talk about literature, we talk about privileged people: people who have time and energy to read novels. So when we talk about literature, we should always talk about the problems and the failures of literature – the people that literature can’t reach. The words don’t always BUILD us – sometimes, they completely fail. – Edouard Louis

We are never a woman, we are never gay, we are never black – we always fail, and that’s why we suffer: These institutions don’t work. There’s always the gap between us and the language that we’re using. These [labels and standards, for example: the concept/ideal of ‚masculinity‘] never work. And maybe, the suffering comes from this failure, this distance. – Edouard Louis

…and, from the audience, Abdellah Taia remarked how often (supposed) „humour“ is used to belittle, shame and be aggressive against queer people. Taia: „Sometimes, the best thing you can do is to get naked in front of all of them and say: ‚Now you can laugh‘.“

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin

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Tobias Bohms Fotos vom zweiten Panel:

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15.00 Uhr: Maske. Statements und Diskussion – mit: 

Mario Fortunato (Roma)
Dmitry Kuzmin (Riga)
Suzana Tratnik (Ljubljana)
Luisge Martín (Madrid)

Moderation: Franziska Bergmann

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Statements aus der Diskussion, die mir im Gedächtnis blieben – schnell mitgetippt:

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Re-reading my own texts, I notice that in my writing, I’m revealing myself to myself in some ways that I never knew about. It’s like psychotherapy. – Suzana Tratnik

I’m a writer. I am absolutely gay. But I’m not an absolutely gay writer. I have plenty of other identities. – Luisgé Martin

To me, James Baldwin’s “Giovanni’s Room” is book about heterosexist normativities inherent to both the character and the author, damaging and ruining everything. – Dmitry Kuzmin

The very act of saying “clearly” is problematic. Who is saying that? How can he say that? – Dmitry Kuzmin

We live in this stupid society: The main part is: Expose yourself, be naked, go on television, do something completely stupid so people will talk about you. And writers are forced by the industry to get more and more on stage. Yesterday, an audience member asked us if our publishers ever censored us. But no, on contrary – they say: “Go on! Use strong words and be as vulgar as possible!” I’m sorry – I’m not interested in audiences. I have never in my life written one word thinking about my audience: I write because…. because… because… I don’t know. I like it, it’s interesting and it’s making me money, so I continue: It’s much better than working! Every time a book of mine comes out, I say: No – I don’t want to do any promotion for this book. I do refuse this industry. This kind of mass market. – Mario Fortunato

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin

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Tobias Bohms Fotos vom dritten Panel:

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17.00 Uhr: Körper. Statements und Diskussion – mit: 

Niviaq Korneliussen (Nuuk)
Masha Gessen (New York)
Izabela Morska (Gdańsk)
Ricardo Domeneck (São Paulo / Berlin)

Moderation: Dirk Naguschewski

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Statements aus der Diskussion, die mir im Gedächtnis blieben – schnell mitgetippt:

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I’m a 26-year old queer female writer from Greenland. Most other Greenlandic writers are male – and over 100. Very masculine writers who write about nature and being a proud Greenlander. Almost everyone in Greenland has read my book – and it’s not about being a proud Greenlander at all. It’s about being queer, and about finding home in countries other than Greenland. – Niviaq Korneliussen

It’s a privilege to talk about queer people openly, in the media. – Niviaq Korneliussen

People have a strange view of Brazil because women get naked there on five days a year. But it’s the biggest catholic country in the world: For women, for blacks and for homosexuals, it’s an extremely dangerous country. – Ricardo Domeneck

When I speak up and write, I often get messages that say: ‚Please don’t bring this disease of political correctness into Brazil‘ – and these messages are always from white heterosexual men. – Ricardo Domeneck

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: “Empfindlichkeiten” Festival 2016:

Queere Literatur 2016: Hans Hütt

Journalist und Autor Hans Hütt, 2016

Journalist und Autor Hans Hütt, 2016

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Queere Literatur – aus Europa und der Welt: Vom 14. bis 16. Juli 2016 veranstaltet das Literarische Colloquium Berlin (LCB, am Wannsee) ein Festival zu Homosexualitäten – “Empfindlichkeiten” (mehr Infos in der Spex und auf der LCB-Website).

Ich werde das Festival als Liveblogger begleiten… und stelle bis Sonntag mehreren Künstler*innen, Autor*innen und interessierten Besuchern kurze Fragen über Queerness, Widerstand und das Potenzial homosexueller Literatur.

Den Anfang machten Katy Derbyshire (Link)Kristof Magnusson (Link) und Angela Steidele (Link). Jetzt…

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Autor Hans Hütt (mehr hier).

Aufgewachsen am Niederrhein. Studium der Politikwissenschaft, Musikwissenschaft, Psychologie, Empirischen Kulturwissenschaft, Vergleichenden Literaturwissenschaften und Religionswissenschaft in Tübingen und Berlin. Von 1974 bis 1990 war Hans Hütt Ausstellungsmacher, Autor, Dramaturg, Kulturmanager, Lektor, Literaturkritiker, Moderator, Redakteur, Reporter, Übersetzer und Verleger – für Berliner Festwochen, Deutsche Welle, Deutscher Bücherbund, Deutscher Koordinierungsrat, Literaturzeitschrift Listen, Radio 100 in Berlin, Stadt Frankfurt am Main, Südwestfunk, AStA der Universität Tübingen, Art Journal Wolkenkratzer, Verlag rosa Winkel und ZDF. Aktuell schreibt Hütt oft für die FAZ (Link: Publikationen).

Hans Hütt auf Twitter  |  Hans Hütts Blog

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01_Eine eigene Arbeit, die mich vorstellt:

Für den Essay „Angst vor der Gleichheit“ erhielt ich im Oktober 2014 den Michael-Althen-Preis für Kritik. Inzwischen ist er in einer erweiterten Fassung mit Anmerkungen im Jahrbuch Sexualitäten 2016 im Wallstein Verlag erschienen. Hier der link zum Blogeintrag vom Juli 2014: http://www.anlasslos.de/?p=521

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02_Wenn mich jemand „homosexuelle(r) Autor*in“ nennt…

…dann hat derjenige, der mich so nennt, entweder keine Achtung vor mir als Autor oder vor der Tatsache, dass ich schwul bin. Die Ergänzung um das Adjektiv erzeugt ein Abseits, das mir keinen Platz bietet, sondern einen zuweist.

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03_Das Queerste, das ich in meiner Kindheit sah oder kannte…

In meiner Kindheit gab es weder den Begriff „queer“ noch seinen Superlativ. Aber ich hatte einen Mitschüler, der meinen Griechischlehrer gerne mit einer Karikatur auf der Tafel zeigte, wie er mit seinem unglaublich breit links und rechts nach unten gezogenen Mund eine Banane quer zu sich nahm.

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04_Ein queeres Buch, das mich beeinflusst hat…

„Die Laute“ von Michael Roes, den ich bei diesem Festival vermisse. Ich habe über „Die Laute“ eine Rezension für die taz geschrieben.

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05_Ein anderes Stück queerer Kultur, das mich beeinflusst hat:

Der Film „A un dios desconocido“ (An einen unbekannten Gott) von Jaime Chávarri, den ich 1978 bei der Berlinale sah. Er erzählt in Rückblenden die Ermordung Lorcas. Ein alt gewordener Zauberer erinnert sich an seine Kindheit. Die Erinnerung setzt eine Tonbandaufnahme in Gang. Auf dem Band hat er Locas „Ode an Walt Whitman“ eingesprochen. Sie bahnt der Erinnerung den Weg.

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06_Ich wünschte, ich hätte in Sachen Homosexualität früher gelernt/gewusst/erfahren, dass…

„In Sachen Homosexualität“ kann ich keine Auskunft geben. Das Wissen ist unteilbar da oder nicht. Verzögerung oder verfrühtes Wissen ändert daran kaum etwas. Allerdings gibt es eine inhärente Neugier, gespeist aus der Erfahrung, anders zu sein, diejenigen zu beobachten, denen diese Erfahrung fremd ist.

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07_Mich ehrt, wenn meine Arbeiten in einer Buchhandlung oder Ausstellung neben folgenen Autor*innen stehen:

Karsten Witte, Pier Paolo Pasolini, Pierre Guyotat, Didier Eribon, Michel Foucault.

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08_Zu viele Menschen denken bei „Homosexualität“ zuerst oder fast nur an schwule Männer. Ich wünschte, stärker in den Fokus rücken…

Warum sollen sie nicht an schwule Männer denken (wenn sie denn denken)? Warum sollte ich, und sei es nur durch wishful thinking, erziehungsdiktatorisch wirken wollen? Das Gedächtnis und der Assoziationsraum sind sehr individuell geprägt. Kulturelle Codierungen können daran nur wenig ändern.

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09_Ein queerer Moment in Berlin (oder in Deutschland), an den ich mich lange erinnern werde:

ein Schnappschuss, der mir im letzten Jahr am Rand einer Ausstellungseröffnung gelang. Ich nenne ihn „Pflanze Mensch“.

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pflanze mensch

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10_Folgende Expert*innen, Autor*innen, Aktivisit*innen, Orte, Institutionen, Diskurse haben mein (Selbst-)Verständnis beeinflusst oder geprägt:

Roland Barthes, die Essaysammlungen „Drei Milliarden Perverse“ und „Elemente einer homosexuellen Kritik“, die ich 1979 und 1980 als Lektor im Verlag rosa Winkel herausbrachte. Der Buchladen Prinz Eisenherz. Das Bali-Kino Manfred Salzgebers. Die frühen Panorama-Programme, die er für die Berlinale kuratierte. Die NGbK. In Erinnerung: Frank Wagner. Heute Johannes Kram. Neuerdings mein Mitbewohner Lavender Wolf.

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11_Folgende Expert*innen, Autor*innen, Aktivisit*innen, Orte, Institutionen, Themen verdienen mehr Aufmerksamkeit/Zuwendung:

Michael Roes, Pierre Guyotat, einige Bände der Zeitschrift „Semiotext(e), die Sylvère Lotringer gegründet hat, zB die Ausgabe „Polysexuality“. Die Anthologie „Now The Volcano“, eine Sammlung lateinamerikanischer schwuler Literatur, die Winston Leyland 1979 bei Gay Sunshine Press herausbrachte.

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12_Ein heterosexueller Ally/Verbündeter, dem ich dankbar bin und/oder den ich schätze:

Ich maß mir nicht an, irgendwelche Aussagen über die sexuelle Prägung von Autoren zu treffen, die ich gerne lese, weil sie klug sind. Zum Beispiel Nils Minkmar.

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13_Ein Gast beim „Empfindlichkeiten“-Festival, auf den ich mich besonders freue:

Abdellah Taïa, dessen Werk und Engagement ich bewundere und der mit seiner Eröffnungsrede zu „Empfindlichkeiten“ eine schwule Idee der Transsubstantion entwickelt hat.

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14_Eine politische oder öffentliche Figur, über die wir dringend mehr reden müssen. Und eine, über die wir weniger reden sollten:

Bei Figuren denke ich an Choreographien, also Bewegungsabläufe von Menschen. Figuren sind eine Zuschreibung mit leicht abschätzigem Unterton. Das Redenmüssen erscheint mir diskursiv im übrigen eher als eine zweifelhafte Figur. Mein Denken verdanke ich auch dem Umstand, dass ich öffentlichen Redegeboten immer zuwider gehandelt habe.

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15_Eine queere Figur, ein queerer Star oder eine queere Geschichte aus dem Mainstream, über deren Popularität/Strahlkraft ich mich freue:

Hildegard Knefs Schwester Irmgard.

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16_Ich wünschte, folgendes reaktionäre Vorurteil/Denkfigur würde endlich verschwinden/nicht immer wieder neu diskutiert werden:

Ernsthaft: es wird uns nicht gelingen, Emanzipation mit Verboten oder Ausschlüssen zu ermöglichen.

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17_Hubert Fichte bedeutet mir…

…seit der frühen Lektüre seines Buchs „Versuch über die Pubertät“ sehr viel.

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18_Leonore Mau bedeutet mir…

…infolge ihrer Fotobände über Brasilien sehr viel.

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19_Am Literarischen Colloquium Berlin…

…war ich, seit ich zum ersten Mal nach Berlin gezogen bin, sehr oft. Besonders gut in Erinnerung: das helle Lachen Walter Höllerers, der Sommer, in dem die Bennents hier wohnten (während der Dreharbeiten zu Schlöndorffs Blechtrommel-Verfilmung.

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20_Ein queeres literarisches Event, das ich mir wünsche:

eine lange Nacht der ermordeten schwulen Autoren: Lorca, Pasolini, Sénac uvm.

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21_Ein queeres guilty pleasure in meinem Leben:

I prefer pleasure without any sense of guilt.

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22_Ein Staat, eine Stadt, Region, Kultur oder eine Szene, aus der ich wichtige queere Impulse erhalte:

Ach, dann sage ich jetzt einfach mal Sousse und behalte das Geheimnis warum, für mich.

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23_Identität (und: Diskriminierung) wird immer öfter intersektionell beschrieben und diskutiert. Als queere*r Künstler*in interessiert mich aus dieser Perspektive besonders…

Mein Denken beginnt jenseits der Diskriminierung. Sich an ihr als gesellschaftlicher Tatsache festzuhalten, verlängert ihr Überleben. Identität ist, wie mein Lehrer Fritz Morgenthaler 1979/80 schrieb eher ein zweifelhafter Begriff, wenn es um die psychische Konstitution von Schwulen geht. Wichtiger wäre eine anschauliche Idee und Praxis von Autonomie.

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24_Der Mainstream räumt Queerness oft mittlerweile etwas mehr Platz ein. Räumt Queerness auch dem Mainstream mehr (zu viel?) Platz ein – in Fragen wie Familien- und Rollenbildern, Selbstdarstellung, Konsum und Politik? Wo reiben sich Queerness und „Normalität“? Reiben sie sich genug?

Ich kann mit dem Begriff Mainstream wenig anfangen. Wo fängt er an, wo auf?

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25_Wenn Universitäten und Akademiker auf queere Diskurse (und: Gender-Diskurse) blicken, denke ich…

…völlig entsetzt darüber, dass neuerdings, wenn es nach dem Willen studentischer Aktivisten ginge, Ovids Metamorphosen an der Columbia University nur noch mit Warnhinweisen gelesen werden dürfen. Es gibt infolge einer Institutionalisierung gewisser Teilschulen der gender-Diskurse Denkverbote und ästhetische Grenzziehungen, die ich intellektuell zweifelhaft finde.

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26_Ein Mensch (oder, abstrakter: eine Eigenschaft/ein Wesenszug), den ich sehr sexy finde:

Kitzligkeit an unerwarteten Stellen.

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27_Kulturvermittler*innen, Institutionen, Journalist*innen machen, nach meiner Erfahrung, im Umgang mit queerer Kultur manchmal folgenden Fehler:

none of my business mich hier als Schulmeisterlein zu betätigen.

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28_Wie/wo/wann profitierte ich künstlerisch von meiner eigenen Queerness? Und steht/stand sie mir je im Weg, war sie je eine Schwierigkeit für mich?

Sie stand mir (fast) nie im Weg, aber öffnete meinem Denken und Reden immer wieder neue überraschende Wendungen.

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29_Eine Video-Kampagne, die queere Jugendliche vom Selbstmord abhalten will, verspricht: „It gets better.“ DOES it get better? Wo und für wen? Wann/wie wurde es für dich besser? Was muss noch anders/besser werden?

Die Geschichte kennt den Fortschritt immer nur als linearen Prozess. Wichtiger wäre es, wenn die gute Idee von Dan Savage um das Bewusstsein erweitert würde, dass es auch Rückschläge gibt und damit die individuelle und kollektive Gabe fördert, dem zu widerstehen.

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all my 2016 interviews on Queer Literature:

…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: “Empfindlichkeiten” Festival 2016:

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Queere Literatur 2016: Kristof Magnusson

Kristof Magnusson, Foto von Gunnar Klack

Autor Kristof Magnusson. Foto: Gunnar Klack

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Queere Literatur – aus Europa und der Welt: Vom 14. bis 16. Juli 2016 veranstaltet das Literarische Colloquium Berlin (LCB, am Wannsee) ein Festival zu Homosexualitäten – „Empfindlichkeiten“ (mehr Infos in der Spex und auf der LCB-Website).

Ich werde das Festival als Liveblogger begleiten… und stelle bis Sonntag mehreren Künstler*innen, Autor*innen und interessierten Besuchern kurze Fragen über Queerness, Widerstand und das Potenzial homosexueller Literatur.

Den Anfang machte Katy Derbyshire (Link). Jetzt…

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…Kristof Magnusson – Autor, Übersetzer und, beim Festival „Empfindlichkeiten“:

  • am Samstag, 16. Juli, 14 Uhr auf dem Podium „Schrift“, mit Alain Claude Sulzer (Basel), Dieter Ingenschay (Berlin), Édouard Louis (Paris) und Raziel Reid (Vancouver); Moderation: Nina Seiler
  • danach, ab 19 Uhr: mit einer literarischen Kurzlesung auf der Gartenbühne

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Kristof Magnusson wurde 1976 in Hamburg geboren. Er machte eine Ausbildung als Kirchenmusiker und studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er übersetzt aus dem Isländischen, veröffentlichte die Romane „Zuhause“, „Das war ich nicht“ und „Arztroman“ und u.a. das Theaterstück „Männerhort“ und lebt in Berlin.

Kristof auf Wikipedia  |  Kristof auf Goodreads

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01_Eine eigene Arbeit, ein Text, Link oder Bild, der/das mich vorstellt und/oder der/das einen Blick wert ist:

Mein Roman „Zuhause“.

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02_Wenn mich jemand „homosexueller Autor nennt…

…dann ist das insofern relevant, als bei meiner Arbeit meine Person und meine persönlichen Erfahrungen eine Rolle spielen. Ich schreibe zwar nicht unbedingt biografisch gefärbte Texte, aber etwas mit mir und meinem – homosexuellen – Selbst hat das schon immer zu tun. Ja, es besteht eine Differenz zwischen Werk und Autor, aber es ist eine durchlässige Trennung mit vielen Abstufungen.

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03_Das Queerste, das ich in meiner Kindheit sah oder kannte, war…

Etwas aus der Popkultur, das ich schon als Kind eindeutig als queer wahrnehmen konnte, war sicher der Pop-Act Frankie Goes To Hollywood. Das war nicht kryptisch und verklausuliert, sondern für jeden erkennbar queer. In meinem persönlichen Umfeld gab es queere Bekannte meiner Eltern und meiner großen Schwester, der Queerste jedoch war sicher mein Onkel Níels aus Island, der ein Kino hatte, in der Freizeit isländische Briefmarken gestaltete und in den Sommerferien nach Kopenhagen fuhr, um Antiquitäten zu kaufen.

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04_Ein queeres Buch, das mich beeinflusst hat…

Michael Chabon, Die Geheimnisse von Pittsburgh

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05_Ein anderes Stück queerer Kultur [andere Kunstformen], das mich beeinflusst hat…

Bildende Kunst von Bruce Nauman, und die Shows in Corny Littmanns „Schmidt Theater“ auf der Reeperbahn.

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06_Ich wünschte, ich hätte in Sachen Homosexualität früher gelernt/gewusst/erfahren, dass…

…es so viele verschiedene queere Lebensweisen gibt. Viele meiner Ängste und Hemmungen hatten – und haben – damit zu tun, dass sich bestimmte falsche, medial verbreitete Bilder festgesetzt haben. Ich hätte gerne viel früher im Leben vielfältige und positiv dargestellte Beispiele für queere Lebensentwürfe gekannt. Und wäre es nur in Soap-Operas im Privatfernsehen gewesen.

[Stefan: nach meiner Wahrnehmung gab es queere Figuren selten in Privat-Soaps… aber durchgängig, 20 Jahre lang, in der öffentlich-rechtlichen „Verbotene Liebe“.]

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07_Zu viele Menschen denken bei „Homosexualität“ zuerst oder fast nur an schwule Männer. Ich wünschte, stärker in den Fokus rücken…

Ich kann ich nur zustimmend sagen, dass es tatsächlich ein Problem ist, dass der Blick auf Homosexualitäten oft verkürzt ist und bei schwulen Männern endet.

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08_Eine politische oder öffentliche Figur, über die wir dringend mehr reden müssen. Und eine, über die wir weniger reden sollten:

Das ist eine sehr schwierige Frage, denn wer ist „wir“? Wir als Gesellschaft insgesamt? Dann würde das ja ganz schnell in Richtung Medienkritik gehen (Talkshows, Zeitungen etc.). Oder wir als queere Community? Können wir überhaupt von den Gemeinsamkeiten einer Community ausgehen? Das ist sehr kompliziert.

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09_Eine queere Figur, ein queerer Star oder eine queere Geschichte aus dem Mainstream, über deren Popularität/Strahlkraft ich mich freue:

Der Mainstream-Erfolg von Ru Paul’s Drag Race ist doch sensationell, oder? Sicher nicht ganz unproblematisch, aber Großen und Ganzen doch ein Zeichen für gesellschaftlichen Fortschritt. Viel mehr als über einen weiteren queeren Star würde ich mich darüber freuen, wenn auch unter schwulen Männern das Bewusstsein dafür wachsen würde, dass queer in erster Linie Vielfalt bedeutet.

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10_Ich wünschte, folgendes reaktionäre Vorurteil/Denkfigur würde endlich verschwinden/nicht immer wieder neu diskutiert werden:

Ist es nicht frustrierend, dass die Denkfigur des „Natürlichen“ immer wieder hervorgekramt wird? Können sich nicht alle endlich einmal hinter die Ohren schreiben, dass „Natur“ genauso eine kulturelle Konstruktion ist wie quasi alles andere um uns herum?

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11_Ein queeres guilty pleasure in meinem Leben:

Jim Sharmans Rocky Horror Picture Show. So viele Filme enthalten parodistische Darstellungen von queeren Figuren, die unfair und gemein sind, aber trotzdem sehr witzig. Zählt das dann auch als queeres guilty pleasure?

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12_Queere Texte handeln oft von Sexualität, Identität/Selbstfindung und Diskriminierung. Andere Themen/Fragen, denen ich in queeren Texten mehr Gewicht wünsche:

Die in der Frage genannten Themen sind nach wie vor selbstverständlich relevant. Und viel mehr als andere Themen wünsche ich mir andere Sichtweisen: neben problemorientierten Darstellungen wünsche ich mir viel mehr positive Darstellungen queerer Lebensrealität. Queere Literatur bedeutet doch auch, queere Inhalte als selbstverständlich, gesund und normal darzustellen.

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13_Ein Staat, eine Stadt, Region, Kultur oder eine Szene, aus der ich wichtige queere Impulse erhalte (welche?) oder über die wir mehr sprechen müssen:

Reykjavik, wo jedes Jahr über 10 % der isländischen Bevölkerung der Gay Pride Parade zugucken.

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14_Identität (und: Diskriminierung) wird immer öfter intersektionell beschrieben und diskutiert. Als queere*r Künstler*in interessiert mich aus dieser Perspektive besonders…

Grundsätzlich halte ich eine möglichst diverse Bearbeitung queerer Themen für unbedingt notwendig. Ich selbst spreche als Autor aus der Perspektive eines weißen cis-Manns und möchte mir auch gar nicht anmaßen, qualifiziert über Probleme der Intersektionalität zu reden.

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15_Der Mainstream räumt Queerness oft mittlerweile etwas mehr Platz ein. Räumt Queerness auch dem Mainstream mehr (zu viel?) Platz ein – in Fragen wie Familien- und Rollenbildern, Selbstdarstellung, Konsum und Politik? Wo reiben sich Queerness und „Normalität“? Reiben sie sich genug?

Davon, dass der Mainstream der Queerness zu viel Platz einräumt kann kaum die Rede sein. Das lässt sich quantitativ einfach belegen. Wie viele Personen weichen auf die eine oder andere Art von der binären heterosexuellen Norm ab (viele), und wie sichtbar ist das im Alltag? (wenig)

Ich persönlich habe zum Glück einen Alltag, in dem wenig Reiberein an queeren Themen vorkommen. Der Literaturbetrieb ist ein grundsätzlich progressives und menschenfreundliches Metier. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich bin froh, dass ich – anders als viele andere – nicht in einer Branche arbeite, in der ich im Arbeitsalltag permanent Homophobie ausgesetzt bin.

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16_Wenn Universitäten und Akademiker auf queere Diskurse (und: Gender-Diskurse) blicken, denke ich…

…dass queere Themen genau so sehr in die Wissenschaft gehören wie alle anderen Bereiche des Lebens. Ich möchte, dass es über queere Themen genau so viel Forschung gibt wie über Politik, Geschichte, Medizin oder Teilchenphysik. Falls diese Frage darauf hinaus laufen sollte, wie ich zu den fachspezifischen Eigenheiten der Gender-Studies stehe, so kann ich die Frage nur mit Sprachkritik beantworten: Akademischer Jargon hat einfach seine Schrullen, da machen Gender-Studies keine Ausnahme.

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17_Kulturvermittler*innen, Institutionen, Journalist*innen machen, nach meiner Erfahrung, im Umgang mit queerer Kultur manchmal folgenden Fehler:

Mir fällt oft auf, dass mit einem gewissen Exotismus über queere Themen berichtet wird – so als gehöre man als queerer Mensch gleich einer anderen Spezies an. Bitte liebe Institutionen, Kulturvermittler und Journalisten, streicht diesen distanzierten, leicht überraschten Tonfall aus eurem Repertoire, wenn es um queere Themen und Personen geht. Ich habe übrigens bewusst die männliche Form verwendet. Es sind vor allem Männer, deren Sprache über queere Themen von Distanzierungs- und Exotismusformeln beherrscht ist. Eine geschlechterneutrale Darstellung würde Kulturvermittlerinnen und Journalistinnen unfair in Sippenhaft nehmen.

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18_Wie/wo/wann profitierte ich künstlerisch von meiner eigenen Queerness? Und steht/stand sie mir je im Weg, war sie je eine Schwierigkeit für mich?

Mich irritiert es, dass oft im Nachhinein in die Queerness hineingeheimnisst wird, dass das einem als Autor oder Künstler hilft. An dieser Stelle möchte ich gerne mal den anderen Aspekt in den Vordergrund stellen: Ja, es war schwierig, ja es stand mir oft im Weg. Die viele Zeit in der Jugend, die von Angst, Scham und Unsicherheit geprägt war, darauf hätte ich liebend gern verzichtet. Das Gefühl, dass die Welt eigentlich für andere gemacht ist, nicht für dich, das kann man im Nachhinein vielleicht verklären, weil es möglicherweise den künstlerischen Blick geschärft hat. Schön ist es aber nicht.

Kristof Magnusson, Foto von Gunnar Klack

Kristof Magnusson, Foto von Gunnar Klack

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…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: “Empfindlichkeiten” Festival 2016: