schwule Comics

„Heartstopper“ [LGBTQ-Comic, Alice Oseman]

Am 18. Januar 2021 sprach ich auf Deutschlandfunk Kultur über Alice Osemans Jugend-Comic „Heartstopper“:

Gespräch mit mir im Link: Audio, 6 Minuten

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Als Bonus im Blog: eine Kurz-Rezension – und meine Notizen zum Radio-Gespräch.

Ein schwules Traumpaar – für Frauen?
„Heartstopper“ ist der erfolgreichste queere Comic. Ein Erfolg für Schwule?

Als die Autorin Alice Oseman 16 war, boten Verlage sechsstellige Summen auf ihre Roman-Projekte. 2014 erschien das Jugendbuch „Solitaire“: Osemans Debüt mit 19. Drei weitere Romane und viele Novellen wurden Bestseller – doch der größte Erfolg der Britin ist ein Comic-Projekt, das sie seit fast sechs Jahren schreibt, zeichnet und gratis im Netz veröffentlicht: „Heartstopper“, die Liebesgeschichte zwischen den Schülern Nick und Charlie, ist der erfolgreichste und bekannteste Comic mit queeren Hauptfiguren weltweit.

Auf Englisch ist die Geschichte online zu lesen oder in bisher vier von fünf geplanten Sammelbänden. Weil 2021 auch eine Netflix-Serie produziert wurde, die bald erscheinen soll, liegt Band 1 jetzt in deutscher Übersetzung vor: „Heartstopper: Boy trifft Boy“. Ein softer, sehnsuchtsvoller, freundlicher Comic für Menschen ab 12, über die erste große Liebe und zunehmend auch die Frage, wie man in einer Partnerschaft respektvoll, gewaltfrei und stärkend miteinander spricht.

Die Hintergründe der Schwarzweiß-Zeichnungen sind oft lieblos rudimentär: Besonders Busse und Autos wirken hingeschludert, unfreiwillig komisch. Erst ab ca. Band 3 ist „Heartstopper“ zeichnerisch über Amateur-Niveau. Ob das Erzählte, die Figuren und der Plot gelungen sind, hängt von eigenen Präferenzen ab, von Vorurteilen und der Sozialisation:

Wer Romance-Romane und ihre Formeln und Strickmuster mag. Wer japanische Boys-Love-Mangas unterstützt, in denen Grenzen zwischen „Verliebtheit“ und Stalking verschwimmen. Wer Fan-Fiction mag, in der ein Schul-Sportler, den man für heterosexuell hält, die Hand des schwulen Außenseiters streift, ihn tröstet, ihm durchs Haar wuschelt, ihn vor Freude durch die Luft wirbelt und nach 280 Seiten sagt: „Ah, ich bin wohl bisexuell. Auch schön“. Pauschal: Wer Genres toleriert, in denen oft Autorinnen schwules Leben für ein vorwiegend weibliches Publikum stilisieren und verkürzen. Und wer versteht, hinter wie vielen Angriffen auf diese Genres trotzdem vor allem Sexismus und Frauenfeindlichkeit stehen:

Band 1 von „Heartstopper“ ist wie ein Kessel, in dem alte Klischees noch einmal lauwarm und wässrig blubbern. Charlie ist 14, nervös, scheu, still, und wurde vor einem Jahr unfreiwillig an der Schule als schwul geoutet. Nick ist 16, Rugbyspieler, treu und gutmütig wie ein Klischee-Hund. In Osemans Roman „Solitaire“ sind die zwei seit einem Jahr zusammen und spielen Nebenrollen. Der Comic „Heartstopper“ will auf ca. 1.500 Seiten das Vorjahr erzählen, im gemütlichen, herzerwärmenden Tonfall wohlig-kuscheliger „Cozy“- und „Cottagecore“-Romantik.

Ein recht ähnliches Jugendbuch über das Coming-Out eines soften und angepassten Schülers, „Love, Simon“ (2015, verfilmt 2018) stand vereinzelt in der Kritik, weil hier keine „Own Voices“-Stimme authentisch Literatur schöpfte aus der eigenen, gelebten Queerness, sondern – warf man Autorin Becky Albertalli vor – wohl eine Hetero-Autorin für ein Hetero-Publikum unpolitische Wohlfühl-Schwule in einem Wohlfühl-Tonfall inszenierte. Erst Jahre später sprach Albertalli darüber, dass sie beim Schreiben ihrer queeren Romane die eigene Queerness entdeckte.

Alice Oseman ist genderqueer: „Sie“ und „Autorin“ ist treffend, doch auch das englische Pronomen „they“. Osemans Roman „Loveless“ (im Februar 2022 auf Deutsch) über Georgia, die asexuell und aromantisch ist, hat autobiografische Momente. Auch Nebenfiguren in „Heartstopper“ sind queer, trans – und alle Gruppen- und Freundeskreis-Szenen machen überdeutlich, wie respektvoll und bemüht hier Vielfalt gefeiert, aber auch erklärt und didaktisch vermittelt werden soll.

Trotzdem bleibt eine Grundstimmung wie in z.B. Hanya Yanagiharas Kitsch- und Trauma-Bestseller „Ein wenig Leben“. Ein Buch, das platt herzensgute queere Männer ins unverdiente Unglück stieß. Charlie entschuldigt sich reflexhaft und zunehmend verzweifelt, und was sich in Band 3 von „Heartstopper“ noch liest wie ein Lern-Comic („Wie respektiert man die Grenzen eines scheuen, introvertierten Teenagers?“) wird bald konkreter, psychologischer: Alice Oseman erklärt Therapieformen und selbstverletzendes Verhalten, und will ein junges Publikum ermutigen, um Hilfe zu bitten und Hilfe anzunehmen.

Das macht den Comic trotz der Klischees, Flachheiten und des schludrigen Starts zunehmend lesenswerter, dringlicher. Gesehen, empowert, gestärkt aber fühle ich mich als bisexueller Leser nicht: Ein Bubi wie ein scheues Kätzchen. Ein Sportler wie ein treuer Hund. Zwei queere Jugendliche, an denen politisch und weltanschaulich fast gar nichts queer, provokant oder wütend ist. „Heartstopper“ ist eine muffige Flickendecke, die mich nicht wärmt – und die ich mit 14 nur hätte fortstoßen und zerreißen wollen. Wie brav, wie weich darf etwas sein – bevor es automatisch reaktionär wird?

Alice Oseman: „Heartstopper. Band 1: Boy trifft Boy“

aus dem Englischen von Vanessa Walder

Loewe, 288 Seiten, 15 EUR.

Das „Heartstopper“-Paar ist ganz rechts. In der Mitte: die schwulen „Young Avengers“-Figuren Hulkling und Wiccan; links: Mikey aus „Disneys Große Pause“ und Supermans Sohn Jonathan Kent

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1) Nick und Charlie – das sind zwei Jugendliche auf einer Oberschule bei London.

Ja – das sind Allerwelts-Figuren; weiß, Mittelschicht, ganz freundliche, angepasste, normative Boys next Door. Auch ganz vereinfacht gezeichnet, in Schwarzweiß. Charlie ist 14 und Schlagzeuger. Vor einem Jahr hat er einem Kumpel anvertraut, dass er schwul ist – der Kumpel wiederholt das etwas zu laut auf dem Schulflur, und für ne Weile wird Charlie gemobbt. Nick ist 16, ein Rugby-Spieler, die zwei sind in der selben Lerngruppe, und weil Nick so gern Zeit mit Charlie verbringt, kapiert Nick: Auch gut – dann bin ich bisexuell. „Heartstopper“ zeigt dann auf 1200 Seiten bisher ein Jahr der Beziehung. Erzählt nach… allen klischeehaften 08/15-Regeln.

2) Das klingt jetzt nicht besonders.

Na ja: Geschichten über Liebe gibt es viele. Doch die Romanzen aus dem Genre „Romance“ – also: die kommerziellen Love Stories – haben oft klare Formeln. in „Heartstopper“ kommt GANZ viel zusammen, das immens erfolgreich, erprobt und erwartbar ist: wir haben zwei angepasste, freundliche Bubis. Charlie wie ein nervöses Kätzchen. Nick ist der Ruhepol – treu wie ein Golden Retriever. in ganz kurzen Kapiteln ist die Pointe, der Effekt IMMER, dass wir rufen: „Hach. Die zwei. Wie lieb die wieder sind!“ Spaziergänge, Herbstlaub, Kuschelpullis, Nick hat zwei putzige Hunde. ich denke an „Gilmore Girls“, Wohlfühl-Tage in der Provinz, „Cottagecore“ ist der Name dafür. das ist die Atmosphäre.

und der Aufbau, den kenne ich aus Fanfiction – dein Schwarm streift deinen Handrücken, und du zitterst dreieinhalb Kapitel vor Wonne. japanische „Boys love“-Mangas lieben das: Geschichten über Schul-Jungs, die zelebrieren, wie du vor Begehren zerfressen wirst, und DANN zelebrieren, wie sich dieses Begehren erfüllt. oft ist das schmierig. und obwohl das Strickmuster meist von Frauen ist und von Frauen gekauft und gehypt wird, finde ich es oft frauenfeindlich.

3) Frauenfeindlich, weil solche schwulen Geschichten auf Frauen verzichten?

So halb: Mit 14 oder 16 rauszufinden „Wie bin ich ein Mann, wie bin ich maskulin?“, das ist schwer – und wir BRAUCHEN mehr Kunst, in der Figuren damit hadern. doch ich glaube, „Weiblichkeit“ ist nochmal was, bei dem man VIEL schneller irritieren kann: es gibt KEINE Art, eine junge Frau zu sein – also: Weiblichkeit zu zeigen, zu leben, zu performen – bei der Leute nicht sagen: „Das ist eine Tussi.“ oder „Jetzt ist sie aber zu stark“ und dann gleich wieder „JETZT ist sie schwach. Stell dich nicht so an!“

männliche Normalo-Figuren in schwulen Liebesgeschichten, diese Allerwelts-Leute: DIE dürfen sich „anstellen“, 1000 Seiten lang, denn wir sind SO frauenfeindlich als Gesellschaft – mit diesen Jungs haben wir viel mehr Geduld. die nerven uns nicht so schnell. die dürfen auch weinen und klammern; und wenn die verletzt sind, werden sie oft bemuttert und fetischiert: schwule Bestseller-Romanzen sind zu oft wie ein Spielplatz, eine Projektionsfläche für Leute, die keine Frauen mögen. und darum war ich bei „Heartstopper“, auf diesen ersten 280 Seiten, Band 1, fast NUR wütend.

4) Alice Oseman ist kein schwuler Mann – ist das Ihr Problem oder Ihr Vorwurf an den Comic?

Alice Oseman ist genderqueer… und sie ist aromantisch und asexuell: im Februar kommt auf Deutsch ihr Roman „Loveless“, über Georgia, der Sex und Romantik nichts geben. ich sage niemanden: du, sind deine Hauptfiguren queer, dann musst DU auf genau die selbe Art und Weise authentisch queer sein, sonst glaube ich dir deine Geschichte nicht. aber: ich war nie groß von Armut betroffen: vielleicht kann ich ne Teenie-Liebesgeschichte über arme Figuren schreiben. an manchen Stellen sagen meine Figuren dann: „DAS passiert mir, weil ich arm bin“ und an anderen „HIER spielt mein Armsein keine Rolle“ – doch ich weiß: ich läge da SO OFT daneben. und Alice Oseman liegt, finde ich als bisexueller Mann – für mich grotesk daneben: Wut, Abgrenzung, die Politisierung queerer Leute? das Bewusstsein mit 12, 14, 16: „HIER gehöre ich nicht dazu – und was bedeutet das, diese gesellschaftliche Abwertung, für den Rest meines Lebens in dieser Gesellschaft?“ dazu hat „Heartstopper“ nichts, finde ich, zu sagen. außer halt: seid alle nett zueinander. jeder ist gleich viel wert.

5) Trotzdem sagen Sie, der Comic sei „pädagogisch“.

ja – weil nach diesem lustlosen, anfängerigem Band 1 wird der Fokus enger, seichter – aber: didaktischer. man lernt rücksichtsvolle Kommunikation. es wird ein plakativer – aber recht guter! – sehr schematischer Lern-Comic: Nick und Charlie müssen in vielen kurzen Kapiteln immer neu ausloten, WAS man jetzt am besten sagt. sie geben sich Raum. lassen sich Zeit. respektieren Grenzen. es geht um Einvernehmen, Nachfragen – und die Zeichnungen werden besser: so ab Band 3 finde ich, ist das ein professioneller Comic.

6) Wenn dieser Comic so seicht beginnt… woher kommt dann die Tiefe, später?

Ich verrate eine Wendung, Achtung: Charlie hat eine Essstörung und verletzt sich selbst – in Band 4 wird plakativ, aber hilfreich gezeigt: was ist eine stationäre Therapie? was kannst du tun, als Freund? was müssen Profis übernehmen? ich sage nicht: „Ah, es wird tiefgründig, denn der Schwule hat ein Trauma“ – ich finde, der Bestseller „Ein wenig Leben“ ist so: Kitsch und Trauma und leidende, perfekte Schwule. oft geht sowas ins Auge. am Comic ist toll, wie sehr er später auf simple, primitive Lern-Kapitel setzt: „Was hilft nervösen und verunsicherten Leuten?“ ich finde das lieb und wichtig. jeder ab 12 nimmt da was mit!

nur keiner sollte „Heartstopper“ kaufen und sagen: „Jetzt verstehe ich queere Teenager ein Stück besser.“ ich verstehe da nur besser, was man, wenn man VIEL Geld verdienen will, für Romantik- und für Schnulzen-Fans hinwerfen muss, damit diese Fans rufen: „Oh, meine allerliebsten kleinen harmlosen kostbaren Normalo-Mäuse-Jungs.“ und ich hoffe sehr, es gibt keinen einzigen queeren 14jährigen, der glaubt, DIESE Rolle erfüllen zu müssen, um Wertschätzung und Applaus zu kriegen. denn: wie bedrohlich findest du queere Menschen – wenn dir SO wichtig ist, zu loben und zu feiern, wie HARMLOS manche queere Menschen sein können? Kuck mal, wie lieb die sind. Kuck mal, wie gut die rein passen!

die Moral hier ist: „Schwule, die ALLES tun, um niemanden zu stören, die sollten echt: niemanden mehr stören.“ das macht mir keinen Mut.