Schauspiel Dortmund

„FutureLovers“: erstes queeres Festival am Schauspiel Dortmund

für Deutschlandfunk Kultur besuchte ich das (digitale) „FutureLovers“-Festival am Schauspiel Dortmund.

Gespräch mit mir, im DLF-Magazin „Kompressor“, 29. Juni 2021:

Link (Audio, 8 Minuten)

Queer-Festival „FutureLovers“
Mehr Bühnen, Geld, Respekt für LGBT+

Vier Tage und gut 20 Programmpunkte – noch mindestens vier Wochen als Video gratis abrufbar: „FutureLovers“, das erste queere Festival am Schauspiel Dortmund, fand fürs Publikum vor allem online statt: im Theater-Blog.

Besonders die drei großen künstlerischen Beiträge überzeugen: Im Spielfilm „Futur Drei“ lernt Parvis, dessen iranische Eltern einen Edeka-Markt in Hildesheim führen, bei Sozialstunden mit Geflüchteten ein Geschwisterpaar aus dem Iran kennen. Im autofiktionalen Ein-Personen-Musical „Mwinda“ erzählt und singt Belendwja Peter bombastisch orchestriert und mit viel Witz, Trotz, Pathos von einer nicht-binären Schwarzen Person aus London, die wegen Armut und Behinderung obdachlos wird, Sexarbeit macht und später auch im Ruhrgebiet auf Ausgrenzung und Rassismen trifft.

Die Ballroom-Kultur, in der sich queere Menschen (oft: trans Frauen) of Color bei Laufsteg-, Tanz-, Posier-, Kostüm-Wettbewerben feiern und bestärken, kennen mittlerweile auch viele Deutsche durch die Netflix-Serie „Pose“ oder die Doku „Paris is burning“. Ein „Mini-Ballroom“ ohne Publikum auf der Hinterbühne des Schauspiel Dortmund zeigt zehn Kandidat*innen, drei Jury-Mitglieder, eine Ansage- und eine moderierende Person und wirkt anfangs etwas luftleer, nervös und simuliert. Doch in der zweiten Hälfte (und im tollen Begleit-Gespräch, das die Ballroom-Kultur ein wenig erklärt und kontextualisiert) wird viel klarer, wie widerständig, respektvoll, bitter nötig solche Shows und Rituale ums Vorzeigen, Gesehenwerden und Feiern von Körpern sind, die sich Geschlechts-Klischees und Zuschreibungen entziehen.

Georgina Leo Saint Laurent nennt sich „die Pionierin von Ballroom in Deutschland“ – doch macht erfrischend deutlich, dass man als Zaungast und Beobachter der Ballroom-Szene in New York vor allem lernt, noch mehr zu lernen, zuzuhören, sich über Traditionen und antirassistische Arbeit zu bilden. „Teil davon ist, dass der Lernprozess unangenehm ist. Ich habe nur gelernt, weil ich in super-vielen unangenehmen Situationen war und erkannte: Wow – du bist einfach nur ignorant gerade. Step up your game!“

„Ich finde, Ballroom ist eine Kultur, die beschützt werden muss – und sie ist nunmal nicht für jeden Menschen“, sagt Ria Saint Laurent, Tänzerin und trans Frau: „Man muss hinter dieser Kultur stehen. Man kann sich aus dieser Kultur nicht Dinge aussuchen – dies mag ich, das mag ich nicht. Du nimmst alles daran. Das heißt: auch den Aktivismus! Hinter trans Menschen zu stehen. In Medien trans Menschen Platz zu geben. Schwule cis Männer sind nicht die einzige Repräsentanz. Die LGBT+-Bewegung repräsentieren? Ballroom repräsentieren? Trans Menschen fingen diese Bewegungen an, und es wird jetzt langsam Zeit, dass sie im Fokus stehen!“

Als recht zugängliches, inklusives und barrierearmes Festival sammelt und zeigt „FutureLovers“ queere Stimmen – doch fragt sie überraschend wenig nach Queerness und Erfahrungen. Es geht kaum um Personen, die Dinge erlebten (etwa als queere und/oder behinderte und/oder rassifizierte Person) und jetzt das Anliegen haben Schmerz, Trauma, Verletzungen (oder Triumphe!) an ein Publikum zu tragen: in Kunst oder im persönlichen Bericht.

Stattdessen sprechen viele Eingeladene über Macht und Machtlosigkeit in ihren Rollen als Schnittpunkt oder Vermittelnde: Wer eine queere Literaturzeitschrift führt oder ein queeres Jugendprojekt, wer sich für Inklusion am Theater einsetzt, Workshops gibt oder mit Kunst einen recht normativen, feindlichen Raum betritt, berichtet bei „FutureLovers“ weniger vom eigenen Queersein und queeren Lebenswelten, als vor allem von Hürden, Vermittlung und Institutionen. Allen fehlt Wertschätzung, Respekt, Geld und nachhaltige Strukturen.

Eine sehenswerte Paneldiskussion, „Kunst als Praxis der Selbstermächtigung“, kippt überraschend in ein sehr feinteiliges Gespräch über die Unterschiede zwischen brasilianischen und deutschen Kunsthochschulen. Tänzer:in Black Pearl hört an deutschen Instituten viel „Beherrsche die Technik, bevor du dich auf Bühnen ausdrückst!“, während in Südamerika klar scheint: Alle haben etwas zu sagen und dürfen sich künstlerisch ausdrücken – Handwerk und Technik sind Mittel zum Zweck, an denen man unterwegs arbeitet. Keine Grund-Hürde oder -Bedingung!

Markant ist auch der künstlerische Monolog, mit dem  Shivā Āmiri das Panel „Theater als (Verun-)Möglichkeitsraum“ beschließt: „Ich komme rein und stelle aus: meine Kunst, meinen Schweiß, mein Ich, mich. Ich komme rein und falle auf: schräge Blicke, Fragezeichen, weiße Finger auf meinen Sachen. Alle starren. Kein Hallo. […] Es wird geredet und gewertet, verallgemeinert, diskutiert – nur unreflektiert. […] Weißsein füllt den Raum. Ich zitiere, argumentiere, diskutiere. Ich benenne. Unerhört!“

Fast alle Veranstaltungen des „FutureLovers“ sind noch bis mindestens Ende Juli im Blog des Schauspiel Dortmund zu sehen, als Video, meist mit Übersetzung in deutsche Gebärdensprache:

https://blog.schauspieldortmund.de/queer-festival/queer-festival/


„Das Schauspiel Dortmund“, sagt Intendantin Julia Wissert, „begreift sich als Ort, der unsichtbar gemachte Geschichten sichtbar und hörbar macht.“ Vier Tage – bis gestern – geschah das online: beim ersten queeren Festival am Schauspiel Dotmund, unter dem Motto „FutureLovers. The future is queer“.

1) „Unsichtbar gemachte Geschichten“ – wessen Geschichten sind sichtbar, im/auf dem digitalen Festival?

Es gibt drei große künstlerische Beiträge. Einen gabs nur per Voranmeldung, den kann man nicht nachholen: Den sehenswerten Spielfilm „Futur Drei“ über einen jungen queeren Deutsch-Iraner in Hildesheim. (kann man sich aber überall für 4 Euro ausleihen, digital).

Alles andere ist noch bis mindestens Ende Juli gratis online zu sehen: Ich mochte „Mwinda“ – ein autofiktionales Ein-Personen-Musical von Belendjwa Peter. Peter kommt aus Großbritannien, ist Schwarz, nichtbinär, neurodivers und studiert Musical an der Folkwang-Uni Essen. Peter fiel auf, dass Musicals oft diese Boy-meets-Girl Geschichten erzählen für ein weißes Publikum – bei Peter geht es um ne nichtbinäre Person, die keinen Job findet wegen ner Behinderung (also: Neurodiversität), vom Vater vor die Tür gesetzt wird und obdachloch zum Sexarbeitenden wird. das als… einstündige Performance, bombastisch orchestriert, witzig, intensiv, toll gespielt.

2) …und dann gab es noch einen dritten großen Programmpunkt: eine „Mini-Ballroom-Performance“ auf der Hinterbühne des Schauspielhaus.

Man kennt das mittlerweile vielleicht aus der Netflix-Serie „Pose“ oder aus der Doku „Paris is Burning“: seit den 60er Jahren haben rassifizierte queere Menschen, oft trans Menschen, sich in „Familien“ oder „Houses“ organisiert und dann diese Tanz-, Posier- und Laufsteg-Wettbewerbe abgehalten, die Balls. Ein echtes House hier aus Deutschland, das frühere House of Melody, heute Iconic House of St. Laurent und ein zweites House… oder ein Ableger-House, das habe ich nicht ganz verstanden, das Kiki House of Solar – diese beiden Gruppen, jeweils fünf Personen, messen sich in verschiedenen Kategorien: Wer läuft wie auf einem Laufsteg? Wer setzt sein oder ihr oder einfach DAS Gesicht in Szene? Wie wird ein Körper vorgezeigt und inszeniert, alles vor einer Dreier-Jury – aber ohne die toxischen Witze oder die Frauenfeindlichkeit, die ich z.B. von schwulen Clubs oder von Drag Shows kenne: Es geht darum, Körper zu feiern, Mode zu feiern, nicht-normative Inszenierungen von Geschlecht zu feiern, von und, glaube ich, auch vor allem FÜR Menschen of Color.

3) …unter Corona-Bedingungen, auf einer Dortmunder Hinterbühne?

Das ist eine kleine Gruppe, alle sind getestet, ich glaube, die Atmosphäre hat SEHR wenig mit einem echten Ballroom-Ball zu tun. Doch Crystal – die Person die moderiert – und Cosmo – die Person, die ansagt – und die Tanzenden haben so ne Energie: in der zweiten Hälfte dachte ich echt mehrmals „Was für ein Privileg, das ansehen zu dürfen.“ was ich Futur Drei (dem Film) am Musical UND an dieser Ballroom-Performance mochte, ist, dass es digitale Nachgespräche (oder Vorgespräche, wie man will) gab und diese Gespräche klar machen: Du – der nicht in dieser Kultur ist – wirst nicht alles verstehen, KANNST gar nicht alles verstehen: aber es ist ein Zeichen von Respekt, da zuzuhören und dich zu informieren.

4) Drumherum im Programm gab es viele Gespräche: Diskussions-Panels oder Interviews…?

…die man auch alle online nachholen kann. Ich fand ein Gespräch sehr gut, „Kunst als Praxis der Selbstermächtigung“. Da hat Black Pearl, eine Schwarze trans Frau aus Brasilien, drüber geredet, dass in Brasilien klar ist: Drück dich aus, auch durch Tanz – und dann such dir nen Mentor, ne Mentorin, und lern noch die Technik. Und wie im deutschen Hochschulwesen die Grundidee immer zu sein scheint: „Du kannst die Technik noch nicht perfekt – na DANN kannst du dich auch nicht ausdrücken, künstlerisch interessant.“ Ich fand auch alle anderen Panels sehr gut besetzt – aber eher… zerquält, inhaltlich.

5) „Zerquält“ – klingt jetzt aber nicht… empowernd.

Es kommt drauf an. Ich liebe das Festival dafür, dass es wirklich versucht, möglichst viel und möglichst divers abzubilden – alles wird in deutsche Gebärdensprache gedolmetscht, Behinderung wird oft mitgedacht, bei fast jeder Person, die da sprach, dachte ich: Es ist einfach ein… Geschenk dir zuhören zu dürfen. Es fehlt trotzdem wieder viel: Asexualität und Aromantik kamen, glaube ich, überhaupt nicht vor. Über Intersex gabs… zweidrei Sätze. Ich bin keine… Diversity-Polizei, die Kompetenz hätte, das abzuklopfen. Mich stört was anderes:

Wenn gesagt wird „Wir machen Geschichten sichtbar“ denke ich als Publikum, als Konsument „Ja super, Geschichten, her damit: Ich will das alles konsumieren!“ und merke dann aber, was das für ein Machtgefälle ist, wenn ich da am Computer sitze, mir diese Schwarzen oder nicht-weißen Körper ansehen kann, zuhören kann, wie Leute von ihren Traumatisierungen erzählen – alles, damit ICH was lerne, mitnehme, damit ICH weiter komme. deshalb verstehe ich auch den Unwillen von vielen Queeren, immer wieder superpersönliche Geschichten zu erzählen über Verletzungen. Fand ich gut: Dass es davon wenig gab.

Was es aber viel gab, dass strukturell gesagt wurde: „Du bist Künstler*in oder du machst Workshops und Angebote, und du kommst an eine Institution.“ Bei ALLEN Leuten, auf die das zutraf, war klar: „Die Institution schmückt sich mit mir. Die Institution ist eigentlich noch nicht bereit für mich, oder gewillt, mir mit dem Geld und dem Respekt zu begegnen, den ich verdiene – und es passieren dann ignorante und entwürdigende Dinge. Das kostet vor allem Kraft.“

Ich finde, es ging auf diesem gesamten Festival viel weniger um Queerness als um diese Kette, diese schlimme Hierarchie. Dass jede Stufe sagt: „Wir geben uns Mühe. Doch die über uns kosten uns NUR Kraft“. Das ist ne… Realität, für marginalisierte Menschen – ich habe da null Grund, das schönzureden oder abzusprechen. Doch das ist die EINE Sache, die ich an 4 Tagen überall mitgenommen habe: Das über dir saugt dich aus – und du AHNST eigentlich: Du selbst bist eine belastende Horrorgeschichte für die Leute unter dir. Für die Leute, die weniger sichtbar sind, und weniger Gehör finden.