Rezension

Selbsthilfe & Helden der Kindheit: „Die Winnetou-Strategie“, Frank Behrendt

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Am 23. Oktober bespreche ich im Kulturmagazin „Kompressor“ bei Deutschlandfunk Kultur das… vielleicht schlechteste Buch, das ich seit 10 Jahren las:

einen Lebenshilfe- und Management-Ratgeber von PR-Berater, „Winnetou“-Fan und Stern-Kolumnist Frank Behrendt:

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„Die Winnetou-Strategie. Werde zum Häuptling deines Lebens.“

Gütersloher Verlagshaus / Random House, Oktober 2017. 224 Seiten, 17.99 EUR

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„Frank Behrendt, »Guru der Gelassenheit«, ließ sich in vielen Lebenslagen von Karl Mays stolzem Apachen-Häuptling inspirieren. Auch von Persönlichkeiten im echten Leben lernte er viel. Ihre Haltung, Klugheit und Weisheit hat er übernommen und für seinen eigenen Weg erfolgreich adaptiert. Selbstbestimmt und selbst-entschieden zu leben: In unterhaltsamen Geschichten erzählt Behrendt an konkreten Beispielen, wie ihn die Helden seiner Kindheit nachhaltig beeinflussten. Eine Inspiration und ein flammender Appell, Ausschau zu halten nach den Helden am Wegesrand – den fiktionalen und den realen.“

[Klappentext, gekürzt.]

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Ich bin Diplom-Kulturwissenschaftler und hatte im Studium (Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus, Hildesheim) u.a. wöchentliche Seminare über Feminismus bei „Alien“ & „Akte X“ (2004), Fan-Fiction bei „Xena, die Kriegerprinzessin“ (2003) und, über Heroismus seit der Antike, „Das Leid der Superhelden“ (2003).

Der Idealismus, die Strahlkraft und die Inspiration durch Helden und Antihelden ist ein Thema, über das ich immer wieder spreche und schreibe:

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Entsprechend große Lust hatte ich auf Behrendts Ratgeber:

Wir sollten alle öfter und präziser darüber sprechen, welche Figuren, Rollen, Plots etc. uns inspirieren, Vorbild sind, überraschen.

Frank Behrendt, geboren 1963, verbrachte seine Kindheit in Rio de Janeiro und seine Jugend in Ottensen an der Nordsee. Er arbeitete in der PR- und Kommunikationsabteilung von u.a. Henkel und RTL, war Geschäftsführer von Karussell (Polygram) und aktuell Serviceplan (München), und berät z.B. Fußballer bei Social-Media-Auftritten.

2015 postete er zehn Tipps für gute Work-Life-Balance, die viral gingen (Link).

2016 wurde daraus ein Buch bei Random House, „Lebe dein Leben und nicht deinen Job. 10 Ratschläge für eine entspannte Haltung“

Er wohnt mit seiner zweiten Frau und mehreren Kindern in Köln, ist großer Karl-May-Fan und war u.a. Komparse im „Winnetou: Der Mythos lebt“-Remake (RTL, 2016) und Gast beim „Wer wird Millionär“-Winnetou-Special.

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  • „Gefragt sind heute Menschen, die teilen und vertrauen können.“
  • „Ein lockerer Spruch bricht den Bann.“
  • „Du musst ein Feeling für deine Mannschaft entwickeln.“
  • „Meine hohe Performance-Erwartung erwies sich als meine Achillesverse.“
  • „Ein guter Spirit ist keine Garantie für das Gelingen.“
  • „Der neue Impuls machte mich richtig happy.“
  • „Heute bin ich Fanboy Nummer 1 meines kleinen Gerätes mit dem angeknabberten Apfel.“
  • „Nach dem Säen darfst du das Ernten nicht vergessen.“
  • „Endlich checkte ich, dass der Sinn des Lebens nicht darin bestehen kann, pausenlos zu ackern.“
  • „Ein grandioses Finanzgenie lehrte mich, wie ein Plan aussehen muss, der in Amerika jeden happy macht.“
  • „Ob Oberboss oder mittleres Management: Als Häuptling schwebst du nicht irgendwo über den Wassern, sondern bis immer Teil des Ganzen.“
  • „Die Zeit arbeitet für die Frauen: Ihre stärksten Waffen – Empathie und Emotion – sind heute mehr denn je gefragt.“

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Behrendt schreibt: Freunde nennen ihn „Guru der Gelassenheit“, „Lord des Loslassens“, „Emir der Entspannung“. Er mag u.a. Paulo Coelho und spricht viel über persönliche Begeisterung, gegenseitige Achtung, Freundlichkeit.

„Ich bin ohnehin jemand, der sehr stark in seiner glücklichen Kindheit verankert ist und ich bin auch nie so richtig erwachsen geworden. Freundschaft, Ehrlichkeit, Respekt, Verlässlichkeit waren mir als Junge wichtig und sind es heute noch. Was sich verändert hat, ist das Umfeld. Früher ging es um Werte innerhalb einer Klassengemeinschaft oder im Ruderverein, heute in meiner eigenen Familie oder in einem Unternehmen. Aber am Ende geht es immer um das gleiche: Ein faires und wertschätzendes Miteinander. Die Welt könnte schöner und friedlicher sein, wenn jeder so ticken würde.“

[Interview mit Helga König, Link]

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Ich las „Die Winnetou-Strategie“ kurz nach der Buchmesse, twitterte „Das ist das, glaube ich, schlechteste Buch, das ich seit ca. 10 Jahren las. Wow.“

…und bekam eine – freundliche, respektvolle – Rückfrage von Frank Behrendt: Was hat mich enttäuscht? Habe ich Nachfragen?

Wir wechselten einige Mails – und ich freue mich, dass er meine Haltung, Arbeit, Kritik nicht wütend weg wischen will.

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Meine Kritikpunkte:

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Es wird magic | Macht und Leadership | die Company war inhabergeführt | das Ergebnis der Session war top | es war Stress pur | eiskaltes Power-Selling | Downloads killten die CD | ich hatte nicht gecheckt, wie kniffelig die Situation sein kann | „die Neue“ brachte einen ganz neuen Spirit in die Kommunikationsabteilung | die Audience war begeistert | bei wichtigen Reden ist ein Reheasel [sic], also eine Generalprobe üblich | als Interims-CEO war ein smarter, relativ junger Typ verpflichtet worden, mit Power und Köpfchen

Die Mischung aus onkelig-bildreicher Bla-Sprache („mein Filius“ usw.) und Manager-Sprech voller Anglizismen (Der neue Impuls macht uns super-happy und ist gut für Performance und Spirit) lassen mich an Manager-Kunstfiguren wie „Stromberg“ denken:

  • „Hol dir den Happiness-Kick von früher zurück.“
  • „Zum Lunch am besten gechillten Talk.“

Ich kann das nicht lesen, ohne, die Augen zu rollen, zu lachen. Versteht sich Behrendts Buch (auch) als Management-Ratgeber, Leitfaden für Führungskräfte?

Gut, dass ein PR-Berater Erfahrung, Anekdoten teilt. Lehren aus dem Feld zieht, in dem er Profi ist. Doch stilistisch klingt er dabei wie die Parodie, Karikatur eines Managers. Und: Brauchen Menschen, die bereits Führungspositionen füllen, Empfehlungen wie „Du musst ein Feeling für deine Mannschaft entwickeln“? Behrendt baut eine bodenständige, entspannte Persona auf. Und macht dann viel kaputt, mit Passagen wie:

„Meine bisher längste berufliche Station verbrachte ich bei der PR-Agentur Pleon. Ein stolzer Kommunikationsriese, entstanden aus der legendären KohtesKlewes-Kommunikationsagentur der beiden PR-Granden Paul J. Kohtes und Dr. Joachim Klewes. Pleon war der absolute Marktführer, wuchs jedes Jahr und beschäftigte die besten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Branche. Es war eine unglaubliche Truppe, wir arbeiteten hart, gewannen und feierten wild. Ich war stolz, später Anführer dieser ganz besonderen Elite-Einheit zu sein.“

Show, don’t tell: Was die „unglaubliche Truppe“ so „legendär“ und „besonders“ macht, führt Behrendt nie aus. Ich lese hier Hyperbole, Sich-selbst-auf-die-Schulter-Klopfen, Glorifizierung, Mystifizierung.

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  • „Ich habe heute noch vor Augen, wie ein Kollege aus Südamerika im Seminar mit Hilfe von zwei Kokosnüssen erklärte, wie ein perfektes Einstellungsgespräch abläuft. Das war so ein irres Bild!“ Aber WAS war, mit den Kokosnüssen?
  • „Alle paar Wochen bin ich für einen Abend im Altersheim bei mir um die Ecke zu Gast, wo ich auf einer kleinen Bühne zum Gespräch bitte. Gesprächspartner sind Bewohner des Altersheimes.“ Warum dieses Ehrenamt: Was hört, lernt, erfährt man genau dort?
  • „Selbst heute noch bin ich nicht davor gefeit, zu sehr auf andere, und zu wenig auf mich zu hören. […] Freunde und Bekannte hatten uns von den Super-Hotels und den tollen Stränden in Dubai vorgeschwärmt. Wir knickten ein und fuhren in die Stadt, die schon auf den Bildern aussah, als wäre sie eine einzige Filmkulisse. Es wurde der blanke Horror! Für uns die Nummer 1 auf der Liste der Places not to be.Weil es kulissenhaft wirkt? „Der blanke Horror“ klingt so dramatisch: Details!
  • „Seit 1972 ist in Bhutan nicht etwa die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts, sondern die Steigerung des Nationalglücks vorrangige Aufgabe des Staates. Dort am Himalaya gibt es einen Glücksminister. Ich finde diesen Ansatz hervorragend.“ Klappt das gut, für Bhutan? Was entscheidet der Minister konkret, und was bedeutet das gesellschaftspolitisch?

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Behrendt versucht bei fast jedem Beispiel, Anekdote, möglichst positiv zu bleiben: Seine (recht reichen?) Eltern sind streng und wollen die Kinder nie übervorteilen. Im Beruf gibt es viele „legendäre“ Mentoren, Förderer. Behrendt lernt von jüngeren Kolleg*innen, und wenn jemand Fehler macht oder scheitert, bleibt Behrendts Schilderung so anonym, ungefähr und harmlos-gutmütig wie möglich.

Ich bin 34, und mag Autor*innen und Memoirs, die tief blicken lassen, Widersprüche zum Thema machen, immer neu fragen, was sagbar ist. Karl-Ove Knausgard wird von Verwandten verklagt. Lena Dunham schreibt personal essays über schlechten Sex und Geschlechtskrankheiten. Mir imponiert, wenn öffentliche Personen Fehler teilen. Behrendt bleibt langweilig vage, enttäuschend neutral:

  • Im Ruderclub hörte er bei einem Wettkampf nicht auf die Trainer und verausgabte sich zu früh.
  • Seine erste Ehe scheiterte, weil er viel arbeitete.
  • Ein Kollege, der zotige Witze erzählt, verstand nicht, dass er damit alle abstieß.

Solche Momenten, Anekdoten KÖNNEN „teachable Moments“ sein. Doch hier im Buch bleiben das, was Behrendt als Beispiel hastig und vage skizziert und die Lehre, die er daraus zieht, viel zu weit auseinander, viel zu beliebig verknüpft.

  • Ruderclub: Wie genau haushaltet man also die eigenen Kräfte?
  • Ehe: Wie kann man exzellente Arbeit machen UND eine glückliche Ehe führen?
  • Witze: eine Zote nervt alle, doch „ein lockerer Spruch bricht den Bann“. Tiefer rein ins Thema, bitte!

Oft klaffen „Fehler“, Lerneffekt und konkrete Tipps so weit auseinander, dass ich aus ganzen Kapiteln vor allem mitnehme: „Ich habe alles richtig gemacht. Der Erfolg gibt mir Recht. Ich bin PR-Berater in legendären Teams. Alle sind happy.“

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„Nur wer ein selbstbestimmtes Leben führt, verfügt über die Freiheit, Verantwortung auch für andere zu übernehmen.“

Starke These… die an keiner Stelle tiefer durchdacht wird: Sind Menschen ohne „selbstbestimmtes“ Leben zu schwach, faul oder dumm? Wie viel Freiheit und Selbstbestimmung haben wir im Kapitalismus? Was ist mit z.B. arbeitslosen Müttern, die Verantwortung für ihre Kinder übernehmen? Ist (fehlende) Selbstbestimmung ein privater Makel – oder ein strukturelles Problem?

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Ich mailte Frank Behrendt (gekürzt):

Ich fand Ihr Buch tatsächlich sehr phrasenhaft, nichtssagend und… aufgeblasen. Vielleicht hatte ich falsche Erwartungen: mehr Winnetou, oder mehr, tiefere persönliche Erlebnisse. Oder ein Selbsthilfe-Modell, das dem Untertitel „Werde zum Häuptling deines Lebens“ gerechter wird.

Sie wirken nicht unsympathisch. Ich bin nur einfach… schockiert, wie Sie aus Allgemeinplätzen, Binsenweisheiten und SEHR dünner anecdotal evidence im Brustton der Überzeugung „Weisheiten“ raus hauen, die mir sehr… beliebig vorkommen.

Meine – wirklich: große! – Enttäuschung beim Lesen: Sie halten sich sehr bedeckt und bleiben dauernd im Ungefähren. Ich weiß jetzt, dass Frank Behrendt nette Eltern, nette Geschwister, nette Kinder hat, und dass er Fehler machte, die wir alle machten (Überarbeitung, vorschnelle Urteile, falsche Prioritäten)…

…doch in einer Welt, in der Autorinnen wie Lena Dunham in jedem personal Essay, das sie veröffentlichen, über Geschlechtskrankheiten sprechen oder private Super-GAUs, ist mir Ihr Buch zu ungefähr, ausweichend, harmlos.

Ich muss die ganze Zeit an TED-Talks denken: die Idee, dass jemand den Vortrag seines Lebens hält. Alles vermittelt, was er/sie zu sagen hat. Dringlichkeit!

Ich kann mir bei der „Winnetou-Strategie“ einfach nicht vorstellen, dass Sie z.B. dieses Buch als Vermächtnis für Ihre Kinder geschrieben haben. Alles bleibt so knapp, zurückhaltend, nett… da tun sich keine Abgründe auf. Meine Hoffnung ist, dass Ihr erstes Buch mehr Dringlichkeit hat, Substanz, schwerere Konflikte mit klügeren Fragen origineller und mutiger durchleuchtet… dass es einfach mehr klingt wie ein Buch, in dem Sie auch etwas von SICH teilen wollen.

Nach der „Winnetou-Strategie“ weiß ich nicht einmal, warum jetzt ausgerechnet „Winnetou“ so prägend für Sie war. Oder, warum Dubai Ihnen nicht gefiel. Warum Sie Menschen im Altersheim interviewen. Oder sich Bhutan aufs Nationalglück konzentriert. All das wird nur erwähnt, nie ausgeführt.

Stattdessen Sätze wie „Nach dem Säen darfst du das Ernten nicht vergessen“ und Weisheiten wie „Perfektion macht nicht glücklich“ – von denen ich hoffe, dass jeder Neunzehnjährige schon so weit dachte.

Das ist einfach zu dünn, für mich. Sie kennen, denke ich, Randy Pauschs „The Last Lecture“? Das fand ich so gut, dass ich es ca. 2011 zu Weihnachten sicher zehnmal verschenkte, an alle engen Freund*innen. Weil da Dringlichkeit war, und Pausch fast nur sagte und erzählte, was ihm erkennbar am Herzen lag – und originellere Erkenntnisse/Lehren mit persönlichen Geschichten verband, die tiefer gingen.

Ich denke auch an z.B. Ihre Stern-Kollegin Meike Winnemuth: ähnlich happy, ähnlich kurze und harmlose Sätze, ähnlich leicht verdaulich. Doch DIE nimmt sich die Zeit, um in einem Buch auf 40 Seiten zu erklären, warum sie von Indien enttäuscht war und sich ausgezehrt fühlte: IHR fühle ich mich nah, weil sie mehr von sich verrät und uns näher an sich ran lässt. Was Sie an Dubai stört, weiß ich nicht. Das ist schade – denn an solchen Stellen wirkt das Buch auf mich einfach irrsinnig beliebig, defensiv, ungefähr.“

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Ich erfahre nichts Profundes über Winnetou.

Die Ratschläge bleiben schwammig und nichtssagend („Mach auch mal eine Pause“, „Frauen in Führungspositionen sind oft eine Bereicherung, weil oft einfühlsamer und geschickter“ etc).

Es gibt keine konkrete „Winnetou-Strategie“: Behrendt verknüpft Allgemeinplätze mit recht beliebigen „bei Winnetou ist das so ähnlich“-Momenten. „Man muss auch mal über sich lachen können. Nebenfigur aus Sam Hawkins aus Winnetou weiß das auch.“

Das Buch bietet keine Antworten auf die Frage, warum wir überhaupt auf Kindheitsheld*innen, Literatur oder Geschichten/Figuren schauen sollten: Wie das ein Leben prägt.

Als Ratgeber, als Lebenshilfe, als Management-Anleitung… und auch als Weg, um einen erfolgreichen PR-Berater kennen zu lernen, bleibt das mangelhaft, misslungen, dürftig.

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ein Stern, fünf Sterne: meine Kriterien beim Bücher-Bewerten

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Ich bin Literaturkritiker für u.a. ZEIT Online und Spiegel Online, und spreche/schreibe immer wieder über diese Arbeit, z.B.

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Ich mag lange, detaillierte Texte voller Links, Querverweise, Nebenaspekte.

Doch ich finde es – besonders online und auf Facebook/Twitter – oft wichtig, auf einer Fünf-Sterne-Skala schnell aufzeigen zu können, wie ich ein Buch bewerte.

Meine Kriterien, im Sternchen-Raster von u.a. Amazon und Goodreads?

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Das Buch_macht ein oder mehrere Dinge SO klug anders oder SO viel besser als andere Titel, dass ich denke: „Wow. Meisterhaft.“

Ich_werde es nie vergessen und/oder genoss die Lektüre sehr. Oder denke „Was für eine interessante Zumutung!“, „Was für ein unerhörter Gedanke!“, „Was für eine bizarre, markante Stimme!“

Das Gros der Leser*innen_wird, hoffe ich, „gelungen!“ denken oder mindestens „interessant!“

5 von 5 Sternen. ca. 10 Prozent der Bücher, die ich lese.

Das Buch_schafft das, was es sich vornahm: eine runde Sache ohne frappante Probleme… oder mit so viel Charme, Klugheit, Eigensinn, dass selbst solche Probleme aufgewogen werden.

Ich_hatte Spaß beim Lesen, bereue die Lektüre nicht, sage laut und guten Gewissens: „ein gutes Buch!“

Leser*innen_, die Genre, Tonfall oder Thema grundsätzlich mögen, kriegen hier eine kompetente und/oder interessante Lektüre.

4 von 5 Sternen. ca. 30 Prozent der Bücher, die ich lese.

Das Buch_macht viel richtig, doch Entscheidendes falsch: Irgendwo knirscht es. So grundsätzlich oder so häufig, dass ich als Lektor gern eingeschritten wäre.

Ich_las das Buch oft mit Gewinn, doch hätte in der Zeit trotzdem VIEL lieber ein Besseres, Klügeres, Originelleres, Mutigeres, Dichteres oder wenigstens Kompetent-routinierteres gelesen. Ich ärgere mich, dass ich das Buch auswählte. Ein Titel, bei dem ich nicht pauschal „ein SCHLECHTES Buch“ sagen würde. Doch mindestens: „Autor*in? SO wird das nichts mit uns, auf lange Sicht.“

Leser*innen_, die das Buch in einer Buchhandlung sehen, würde ich gern meine Einwände und Probleme nennen, und bei Facebook drücke ich, sobald das Buch auftaucht, auf keinen Fall „gefällt mir“. Ich verbringe viel Zeit, darüber zu reden, wo das Buch für mich hakt und warum ich es allerhöchstens GANZ konkreten Einzelpersonen, Liebhaber*innen, Fans, Nischenpublikum empfehlen kann.

3 von 5 Sternen. ca. 40 Prozent der Bücher, die ich lese.

Das Buch_ist schlecht. Vielleicht nur wurstig oder banal – und nicht jedes Mal denke ich „Von dieser Autorin will ich nichts mehr lesen“ oder „Der Autor ist nicht klug oder hat den Job verfehlt!“ Doch dass Verlage das Buch in dieser Form druckten und vermarkten, enttäuscht mich: Ich verliere ein Stück Respekt vor allen Beteiligten.

Ich_warne vor dem Buch, hatte beim Lesen schlechte Laune, war wütend, hämisch, enttäuscht oder genervt, und tue alles, damit niemand dieses Buch kauft, liest, empfiehlt.

Leser*innen_, die das Buch lesen, zweifeln danach, ob Bücher „etwas für sie sind“ oder verlassen sich das nächste Mal auf Netflix statt auf die Buchhandlung.

2 von 5 Sternen. ca. 15 Prozent der Bücher, die ich lese.

Das Buch_ist böse, oder SO schlecht, dass ich mir keine erwachsenen Menschen vorstellen kann, die es tatsächlich mögen. Ich weiß nicht, wie der/die Schreibende denken konnte „So ist es gut!“

Ich_benutze das Buch, um grundsätzlich aufzuzeigen, wo Bücher scheitern können, und denke oft noch 15 Jahre später fassungslos an die Lektüre. Manchmal amüsiert („Was war da nur los?“), meist aber wütend („Dieser Mensch, manchmal auch dieser Verlag haben KEINE weitere Stunde meiner Lebenszeit verdient. Wir sind fertig.“)

Leser*innen_die das Buch lesen, fanden es bestenfalls mittelmäßig. Wer es ehrlich mag oder empfiehlt, ist mir so suspekt, dass ich daran zweifle, dass wir uns je wieder Buchtipps geben sollten.

1 von 5 Sternen. ca. 5 Prozent der Bücher, die ich lese.

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ein Grundsatzproblem bei Goodreads:

Die Idee, dass 2 Sterne für „it was okay“ stehen.

Die Plattform will beim Sterne-Vergeben helfen, indem jedem Stern eine Phrase zugeschrieben wird. „I did not like it“ (1), „It was okay“ (2), „I liked it“ (3), „I really liked it“ (4), „It was amazing“ (5 Sterne). Meine eigene Skala: „unfähig oder böse: Ich wünschte, niemand läse dieses Buch“ (1), „misslungen: Ich rate ab“ (2), „nicht misslungen – doch mit größeren Problemen/Schwächen“ (3), „gern gelesen, viele Stärken“ (4), „umwerfend, besonders, aufregend!“ (5 Sterne).

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Nicholson Baker: „Der Anthologist“, „Das Regenmobil“, „Menschenrauch“

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2005 las ich Nicholson Bakers – eitlen, pompösen, enttäuschend flachen – Holocaust-Roman „Pfeil der Zeit“: Das Leben eines NS-Täters, rückwärts erzählt, beginnend mit seinem Tod in den USA. Ein Buch wie eine Schreibübung: sehr selbstbewusst, gesucht originell… aber mir fehlten Tiefgang und historische Genauigkeit.

Zehn Jahre später las ich drei weitere Bücher von Baker – alle lesenswerter:

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NICHOLSON BAKER, “Das Regenmobil”

“Paul ist Dichter (mäßig erfolgreich) und vermisst seine Exfreundin Roz, die ihn verlassen hat. Um seinem Leben wieder Sinn zu geben und seinen drohenden Fünfdundfünfzigsten zu vergessen, besorgt er sich eine akustische Gitarre und sattelt auf Pop- und, vor allem, Protestsongs um. Er weiß nicht, was ihm mehr zuwider ist: Amerikas Drohnenkrieg oder Roz’ neuer Freund. Während er auf seinem alten Bauernhof in Maine darüber nachdenkt, erheitern allerlei tröstliche Alltagsvergnügen sein schwankendes Gemüt: sein Traum-Rasensprenger, die Saiten seines Eierschneiders, die einen fast perfekten Mollakkord ergeben, einige Experimente mit Tabak…” [Klappentext, gekürzt]

Das Regenmobil

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ein kurzes Essay von mir – zum Buch und seinem Vorgänger „Der Anthologist“ (2009):

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Vergiss Amerika!

Literarische Fehlschläge aus den USA – in Deutschland gefeiert und bestaunt: Nicholson Bakers „Das Regenmobil“ ist überflüssig. Und wunderbar.

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Für je eine Stunde halten Quäker eine öffentliche, stille Andacht. Zum Ende darf dann jeder Gast, Besucher laut sprechen und persönliche Erlebnisse teilen. Keine Predigt. Sondern scheinbar nebensächliche Anekdoten und Ideen.

Paul Chowder ist der König solcher Nebensächlichkeiten: ein Phrasendrescher, Wirrkopf und Privatgelehrter über 50. In Nicholson Bakers „Das Regenmobil“ will er unter Quäkern zur Ruhe finden. Doch stattdessen kommt er immer weiter ins Quatschen, Fabulieren, Assoziieren. Der literarische Monolog eines Mannes, der Ruhe sucht – und alles niederquasselt. Als Ich-Erzähler und Podcaster stolpert Paul (Single, Lyriker, Hobbymusiker) fast 300 Seiten lang durch faszinierend flexible Gedanken- und Erinnerungspaläste. Oder verirrt sich im schlimmsten, banalsten Stuss.

„Das Regenmobil“ ist ein Zeitroman, so richtungslos verlabert, träge amorph, dass Kritiker Jörg Magenau darin gar nichts Literarisches mehr finden konnte. Noch 2010 wurde Baker in Deutschland für diesen Erzählstil fast durchgängig gelobt. Damals erschien „Der Anthologist“, Bakers erstes Paul-Chowder-Quasselbuch. Einen Sommer lang saß Paul im Vorgängerroman in der Scheune seines Elternhauses. Er hatte eine Sammlung Lieblingsgedichte kuratiert und sollte ein etwa 40 Seiten langes Vorwort nachliefern – über Sinn und Unsinn von Reimen. Weil er keinen roten Faden fand, sich drückte, zog seine Lebensgefährtin Roz aus. „Der Anthologist“ war sperrig, intelligent. Und wurde aus den falschen Gründen gelobt.

„Ich hab dich tanzen sehen / mehr soll mir nicht geschehn / ich musste gleich ’n Gummi erstehn’“, reimt Paul im neuen Roman. Die fertige Lyrik-Anthologie bringt ihm genug Tantiemen, um jahrelang zu träumen, E-Gitarre zu lernen und in Quäker-Andachten, Liedtexten, Songwriting zu dilettieren. „Eine Liebeserklärung an die Poesie“ schwärmten deutsche Kritiker und Lyrikfans bei Buch 1 – obwohl Paul erkennbar wirr, Nicholson Baker klar satirisch erzählt. Buch 2, „Das Regenmobil“, steht prima für sich allein: Es ist weniger Fortsetzung als Variation. Derselbe Schwätzer im selben irrwitzig-doof-originellen Stream-of-Halbdurchdachtem. Nur weniger Spannung, Plot, roter Faden.

Seit 25 Jahren spielt Baker in Romanen und Collagen mit Sinn und Unsinn widersprüchlicher Statements – und immer wieder nehmen ihn Kritiker in Sippenhaft für Aussagen seiner Figuren. „Menschenrauch“, das vielleicht beste Baker-Buch, ordnet Statements von Politikern und Autoren von den 20er Jahren bis 1941. In brillant montierten, widersprüchlichen Zitaten zeigte Pazifist Baker, wie es zu Holocaust, Bombenkrieg, Kampf gegen Zivilbevölkerungen kommen konnte. Quer durchs Buch mahnt Pazifist Gandhi zum Frieden, schickt selbstgerechte Briefe an Churchill und Hitler – so tragisch weltfremd, dass man heulen mag. Gandhi ist in Bakers journalistischer Textcollage, für die er kein Wort erfand oder änderte, die fadenscheinigste Stimme, mit den wackligsten Argumenten.

Weil Patrick Bateman in „American Psycho“ Frauen hasst, wurde Autor Bret Easton Ellis als Frauenhasser boykottiert. Weil der Erzähler in Christian Krachts „Imperium“ den Rassentheorien des Kaiserreichs vertraut, wollte Kritiker Georg Diez in Kracht einen Nazi erkennen. Gilt „Der Anthologist“ unter deutschen Kritikern als lesenswert, weil Baker seinen Paul Chowder dort seitenlang für Lyrik schwärmen lässt? Misslingt Teil 2, „Das Regenmobil“, weil Paul dieses Mal lieber seichte Balladen assoziiert? Verdarben, wie deutsche Kritiker schimpfen, weltfremde Gandhi-Zitate „Menschenrauch“?

Statt Ängste und Gefühle klar auszusprechen, strotzt US-Prosa seit ca. „Der Fänger im Roggen“ vor ambivalenten, vage poetischen Erinnerungsbildern und Anekdoten: Viele Szenen enden mit Figuren, die einen kurzen Natur- oder Straßenmoment aus der Erinnerung beschreiben; statt ihre Probleme anzugehen, erinnern Ich-Erzähler, was sie vor fünf, zehn Jahren träumten, aufschnappten, zufällig sahen. Irgendein Tier, das sich seltsam verhielt. Passanten, deren Geschichte sie rätseln ließ.

Solche scheinbar nebensächlichen Anekdoten brauchen keine feste Aussage, klare Bedeutung. Oft stehen sie vage suggestiv im Raum – wie nach der Quäker-Andacht. „Das Regenmobil“ fädelt fast nur solch unbestimmtes, fast beliebiges Gedankenmaterial aneinander. Ob sich das lohnt, entscheidet die persönliche Toleranz für Abschweifungen: Lieber sieben Stunden durch Wikipedia klicken?

„Man kann es nicht alles einbeziehen“, klagt Paul über seine Lust nach Abschweifung. „Man könnte meinen, ich schreibe ein Gedicht, und es wird alles Gute enthalten und auch alles Schlechte und alles dazwischen – es wird Henry Cabot Lodge, Wolken, Auberginen, Chuck Berry und die neue Geschmacksrichtung der Zahnpasta von Tom’s of Maine, Bantamhähne, Tankstellen, aquamaringrüne Vespas und die Übersalzung von Landstraßen enthalten – aber das funktioniert nicht. Ich hab’s versucht.“

Lange dachte ich, „Das Regenmobil“ sei schlampig übersetzt. Doch auch im Original sind Pauls Sätze frustrierend unsauber: Baker rührt hier absichtlich schwammiges Palaver. Zu allem Überfluss erscheinen Nicht-US- Lesern auch noch jene Bausteine poetisch aufgeladen, latent geheimnisvoll, die für US-Bürger Alltag sind: ein Bantamhahn? Quäker? Tom’s of Maine?

Das Fachwort für krankhaftes Alles-zueinander- in-Beziehung-Setzen ist Apophänie. Mit einem ähnlich übereifrigen Alles-hängt-wohl-irgendwie- zusammen-Konzept gewann Frank Witzel 2015 den deutschen Buchpreis. Figuren und vage Bedeutungskonstrukte, die ans Internet erinnern, persönliche Timelines, nicht-lineare Räume, in denen unterschiedlichste Gedanken, Splitter nebeneinander stehen und sich mit neuen Zweit- und Drittbedeutungen aufladen.

Bitte aber hört auf, Baker jedes Mal als „lesenswert!“ zu umjubeln, wenn er jemanden sagen lässt „Lyrik ist lesenswert!“, aber für einen weltfremden Trottel, wenn er ein weltfremdes oder unsympathisches Zitat zitiert. An dummen Aussagen von Bakers Figuren entlarvt sich kein schlechter Schriftsteller.

An der Kritik an „dummen“ Baker-Sätzen entlarven sich schlechte Kritiker.

Nicholson Baker: Das Regenmobil. Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld. 298 Seiten, Rowohlt 2015.

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„Menschenrauch“ las und emfahl ich 2015, zusammen mit einer anderen Textmontage über den zweiten Weltkrieg:

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HANS MAGNUS ENZENSBERGER (Hg.), “Europa in Trümmern” (Taschenbuch-Titel: “Europa in Ruinen”), Augenzeugenberichte 1944-1948. Reportage-Reader, Deutschland 1990.

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Europa in Ruinen: Augenzeugenberichte aus den Jahren 1944 bis 1948Für die Andere Bibliothek sammelte Hans Magnus Enzensberger Reportagen über das Leben in den Städten Europas in der Endphase des zweiten Weltkriegs bis 1948. Literaten, Reporter, Diplomaten berichten (meist aus Ländern, in denen sie nur Besucher sind) über Zerstörung, Wiederaufbau, Unmenschlichkeit und nationale Wunden und Neurosen.

Eine langsame, packende, abwechslungsreiche Textcollage mit Stig Dagerman, Alfred Döblin, Janet Flanner, Max Frisch, Martha Gellhorn, John Gunther, Norman Lewis, A.J. Liebling, Robert Thompson Pell und Edmund Wilson. [Gellhorn, Dagerman und Janet Flanner sind am besten/eindringlichsten.]

Ausführlicher journalistischer Reader – tolle Auswahl, viel gelernt. Aber: ein paar Beiträge sind eitel, effekthascherisch.

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NICHOLSON BAKER, “Human Smoke. The Beginnings of World War II, the End of Civilization”, Textcollage (20er Jahre bis 1941), USA 2008.

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Human Smoke: The Beginnings of World War II, the End of Civilization“Europa in Trümmern” ist literarischer: längere Texte, mehr Raum, um Atmosphären, Stimmung festzuhalten. Doch “Human Smoke” riss mich mit: flüssig, kühn und oft überraschend sammelt Baker Textschnipsel, diplomatische und kulturgeschichtliche Anekdoten, Zitate über die politischen, weltanschaulichen und demagogischen Weichen, die in Deutschland, England, den USA, Japan, Italien, Frankreich etc. zwischen den 20er Jahren und 1941 gestellt wurden: ein Mosaik aus Tagebuch- und Presseschnipseln über den Verfall der Zivilsation, totalen Krieg und Holocaust, Waffenhandel, Brandbomen und nationalen Hass. Ich habe unglaublich viel gelernt – und hätte das 500-Seiten-Buch noch genossen, wäre es dreimal so lang.

Walter Kempowskis WW2-Textcollage “Das Echolot” steht noch ungelesen im Regal: Ich glaube, mir geht es dort zu viel um hilflose kleine Leute und ihre schlichten, kaum politischen Kartoffel-, Tornister- und Bombenkeller-Sorgen. Ich liebe die postmodernen Collageromane von David Markson – doch die Schnipsel sind meist zu kurz, und man braucht zu viele Bildungsbürger-Vorkenntnisse, um Marksons schnelle, oft arrogante Pointen zu verstehen. Bakers Riesen-Textcollage ist die bisher beste Lösung, Mentalitätsgeschichte in Schnipseln zu erzählen: ein Kulturtagebuch der Entmenschlichung. Bittere, faszinierende, oft zynische Häppchen Zeitgeschichte, ideal pointiert, ideal gehaltvoll.

Viele Zusammenhänge, viele Konflikte, die ich zum ersten Mal verstehe. Großer Gewinn, großes, trauriges Lesevergnügen.

in English: Frank Witzel’s „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ (German Book Prize 2015, Translation)

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

[„One Manic-Depressive Teenager’s Invention Of The Red Army Fraction [terror group] In The Summer Of 1969“]

Frank Witzel [Link to Wikipedia.org]

Matthes & Seitz, 2015. No English editon yet.

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There are two main ways to access and describe Frank Witzel’s daunting-but-enjoyable, ambitious-but-not-too-complex, autobiographical-but-wildly-freewheeling, conventional-but-INSANE tragicomical 800-page novel about a 13-year old Beatles-loving upper-middle-class Catholic boy stuck in a suburb of provincial Wiesbaden in 1969:

It’s a normal book, to the point of being a little bland: Since publication in early spring of 2015, there has been a steady trickle of benevolent reviews and reader reactions – and most of them praise the book for being a charming coming-of-age novel trying hard to capture typical feelings of alienation and awkwardness. It’s a book about norms. About being normal. About feeling not quite normal. It’s a rather conventional story/theme/autobiographical approach – and it will speak to baby boomers or anyone older than 13. Darker than David Mitchell’s “Black Swan Green”. Lighter than John McGahern’s “The Dark”. Less saccharine than the nostalgic US dramedy “The Wonder Years”; but equally obsessed with name-dropping 1960s topics and pop-culture references. Witzel’s novel treads very familiar, well-covered ground – but that’s not a bad thing: It’s approachable, it’s incredibly well-researched/authentic. The main character resonates.

Over the course of 800 pages, though, all of this will get subverted, parodied, deconstructed through increasingly outlandish tone shifts, perspective shifts, literary experiments and improv. It’s like Frank Witzel took a simple, not-too-complex ditty… and, like a Jazz musician, started one crazy 800-page jam session – until he ran out of steam. After increasingly tedious narrative wheel-spinning, the novel just stops, with little resolution. So: It’s not a normal book. At all.

I will talk about the merits and problems of this later.

Let’s start with the surface – all the ways the book wants to be normal, typical and capture “normal and typical” German middle-class life in the 1960s: The unnamed narrator – in some chapters, it is suggested that his name might be Frank Witzel – is a book-smart, but rather clueless, coddled, devout and daydreaming son of a detached and bourgeois factory owner. He’s in 7th grade, his mother is suffering from a (little-discussed) nervous condition that paralises her legs and so, the Caritas social services send a live-in caretaker – only referred to as die Frau von der Caritas – who might or might not be having an affair with the father, and who might or might not be a GDR spy or GDR defector.

All characters remain blurry like that – because the narrator is making up stories and daydreams, and in 98 chapters, there are 30 to 50 different styles/tones. Many elements that seem outlandish daydreams get a more realistic re-telling in later chapters – and vice versa. Is the father the owner of a small factory… or a mighty industrialist? Is die Frau von der Caritas a spooky seductress…. or just some lonely social worker who has to deal with being antagonized and sexualized to Bond-villainess proportions by a pubescent, creepily misogynist narrator?

It’s not a matter of “truth” versus “daydream” or “delusion”, but a matter of tone and style: In more down-to-earth chapters, the characters are overly typical small-town clichès from the 60s, with typical, mildly comedic struggles and neuroses. In more outlandish chapters, they play biblical, literary or emblematic 1960s roles – crass supervillains and rock stars, terrorists and vixens. These tone shifts aren’t whimsical – they’re disorienting, disturbing and hint at larger psychological problems of the main character: Is he a daydreaming kid and underachiever with mood swings? Or is he full-on delusional?

In chapter 1, the narrator and two classmates – dopey, Ron-like Bernd and competent, Hermione-like Claudia – leave behind a NSU (car) they stole (from whom?) to form a “terror group”/secretive youth club named “Rote Armee Fraktion”. They manage to outrun the police (a dream-like and absurd sequence: a fantasy?), but accidentally leave several novelty gifts/sweets/childish gimmicks in the car’s glove compartment that could get them identified. Through much of the novel, the narrator fears that a) die Frau von der Caritas will rat him out to the police, b) his grades will slip and he’ll be forced into a strict Catholic boarding school (this does actually come to pass in one chapter, after 400 pages – but it’s unclear whether it’s a fantasy sequence or reality), c) that he’ll suffer God’s wrath or that the universe is somehow conspiring against him and he’s deeply broken or ruined.

There is, of course, the real-life terror group “Rote Armee Fraktion” that’s been active in the same year, and in various chapters, it’s very much in flux whether the narrator’s own childish pipe dream of a youth gang, coincidentally named “Rote Armee Fraktion”, predates that group or copies it. There’s also a string of questioning/session transcript chapters throughout the book (all flash-forwards into the 21st century) where an investigator and/or a taunting psychologist wants the main character, now middle-aged, to confess to various RAF crimes and/or confess that his own RAF is imaginary and he himself has delusions of grandeur.

Both religion and music play a huge part in the narrator’s “private mythology”: You don’t have to know much about Catholicism, specific saints and/or the Beatles, Cream and late-60s pop music, though… because most of the references explain themselves through context… but you might remember the overlong, satirical music chapters in “American Psycho”, where Patrick Bateman starts dissecting bands like Genesis or Huey Lewis and the News? Witzel’s main character does the same, and it’s equally satirical/disorienting/weird: Instead of plot development, you can find yourself in some semi-funny, semi-serious 20-page-long side note about hidden meanings in The White Album or pseudotheological essays on whether Jesus and the Beatles have the same attitude towards guilt, sin and redemption. These chapters are very well researched and specific, but they also have a show-off quality that reminds me of the weirder logorrhoeic passages of David Foster Wallace’s “Infinite Jest”. It’s brilliant, it’s joyful, it’s very, very skilful – but it’s going on for 800 pages, and it gets pointless and show-offy too quickly.

This is what most people say about the book, and this is why the reviews are solid, but there are not a lot of huge fans: It’s a charming, playful and, despite some surrealist clutter, authentic coming-of-age novel that rings very true. But why is it 800 pages long? Why does the plot just peter out – very much like “Infinite Jest”?

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There’s a psychological fallacy called Apophenia: the idea that people are too eager to see patterns, connect dots, find meaning in random occurrences. Witzel could have written a more conventional 200-page novel that would have been more entertaining, inviting, engaging. But – and this is why I said that this is not a normal book, at all – he needs 800 pages to make a bigger, more abstract point:

Most biographies or coming-of-age books find some leitmotifs, establish them and see them through. It would have been easy to say “In 1969, 13-year-old boys were both repelled and intrigued by counter-culture. When the RAF terror group turned into pop stars, Germany’s collective fears and adulation resembled that of a coddled, overwhelmed 13-year old boy.” Witzel shows a main character whose main frame of reference has been Catholicism, sins and saints and who uses that lens to make sense of the Beatles, pop music, terrorists, counter-culture. It’s one big, neurotic mishmash with many surreal and intriguing and outrageous connections: the Beatles are saints! Bullies are satanists! I’m a martyr, and God tests me, and I’m also an Indian, and you are a Bond girl! etc.

But through 98 chapters and 800 pages, Witzel remixes and shifts these connections and pseudo-leitmotifs until they appear random, haphazard, absurd. SO random, haphazard and absurd that you’ll start thinking “Wait: Autobiography is such a construct!” or “Wow: Leitmotifs are sorta shoddy, cheap and random!” A 13-year old has a limited understanding of the world, a limited set of phrases and images, and it’s disturbing (and cruelly fun!) to see how someone with a provincial, outdated and limited set of 1950s words/tools/lenses/concepts tries to make sense of terrorism, growing up, sin, the 60s etc.

It’s a brilliant way to show the limitations of speech and the problems of private and collective “mythologies” – and it’s not a very German thing: there are tons of references to German brands or 60s TV shows etc., but they were as foreign and distant to me as they’d be for UK or North American readers – and you don’t have to know anything about the RAF or specific German history to follow the plot. Many chapters use lenses like detective fiction or bad 1960s chapter books, archaic fairy tales, theological essays, semi-serious music reviews, lists and footnotes etc., and much of the fun comes from these pastiches/misappropriated, outdated speech styles and mash-ups. A translation into English would have to be VERY good to reflect both the humour, absurdity AND accuracy of the language. I loved these shoddy-but-skilful pastiches!

But should Witzel be translated? I’m not sure: I had a lovely reading experience and I’m incredulous that such an unwieldy, frilly, overwhelming book was awarded the German Book Prize… but many chapters were dragging on, and I often thought things like “You could scrap page 200 to page 300 completely – and the book would be better for it”. There are about four German people that I’d tell “Read this: It’s great!”, but I can see a lot of “The Wonder Years” fans or baby boomers flocking to this book only to abandon it angrily because of all the “pointless” pastiches/apophenia moments/the unsatisfying “Infinite Jest” atmosphere: post-Book Prize Amazon reviews tend to be harsh. Many recreational readers are disappointed and rated the book 1 star. I can see their point.

I wish there was a shorter version, and as a UK publisher, I’d definitely approach Frank Witzel and ask him if he’d be interested in excerpts/personal essays/a book about the Beatles etc. – he’s an Anglophile, and there are parts of tremendous interest for UK readers.

Also, strangely enough, there’s a US author who did a very similar satirical book about the RAF and German neuroses, Walter Abish [„How German is it“

I don’t know if Witzel and Abish know each other, but if there’s an audience for Abish, there’s an audience for Witzel (and vice versa). Abish’s novel was successful – so it would not be completely out of line to consider a translation of Witzel. But: it’s the most avant-garde title I’ve read in 2015, and while I’ve had fun, I’m not sure if his 98 satirical improvisations were worth 3 full days of my life. Wouldn’t 400 pages have been enough?

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“Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969”, Frank Witzel, Matthes & Seitz

“Ein Spiegelkabinett der Geschichte im Kopf eines Heranwachsenden: Erinnerungen an das Nachkriegsdeutschland, Ahnungen vom Deutschen Herbst; das dichte Erzählgewebe ist eine explosive Mischung aus Geschichten und Geschichte, Welterklärung, Reflexion und Fantasie: ein detailbesessenes Kaleidoskop aus Stimmungen einer Welt, die 1989 Geschichte wurde. Ein mitreißender Roman, der den Kosmos der alten BRD wiederauferstehen lässt.” [Klappentext, gekürzt.]

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

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Für “der Freitag” las ich alle sechs Romane auf der Shortlist zum deutschen Buchpreis 2015:

“Und was, falls dann doch Frank Witzel gewinnt? Für seinen brillant verquasten, übervollen, herrlich sperrigen Jugend- und Provinzroman Die Erfindung der Rote Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969? 800 Seiten Jugendängste, Wahn, 60er-Jahre-Jargon, Katholizismus und Neurosen, in 98 grellen Kapiteln immer neu gekreuzt, verschränkt. Literarische Apophänie: Was, wenn die Beatles Märtyrer wären? Mein Leben ein Schneider-Jugendbuch? Die RAF unser Kinderclub? Was, wenn dieses eigensinnige, wagemutige, bekloppte, brillante Buch Bestseller wird? Und Tagesgespräch?”

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Der 800-Seiten-Roman spielt 1968 in einem Vorort von Wiesbaden und folgt einem 13jährigen, in 98 Kapiteln – von denen fast jedes anders klingt und viele einen parodistischen Quatsch-Tonfall haben, z.B. die Floskeln eines Jugendbuchs oder den Panik-Tonfall der RAF-Berichterstattung.

Es geht um Sprachmüll, BRD-Muff und die Armut, mit den falschen Worten etwas festhalten, ausdrücken, auf den Punkt bringen zu müssen – ein Gefühl, das 13jährige gut kennen. Der Roman ist sehr verspielt – jedes Kapitel ist eine literarische Versuchsanordnung, in dem Jargon (z.B. aus einer Musikzeitschrift) auf ein anderes Themenfeld (z.B. auf die Schule) getragen wird. So entsteht viel… wilder, windschiefer… Quatsch. abgegriffene Worte, in neuen, überraschenden Zusammenhängen.

Literarisch/psychologisch mach das viel Spaß: ein Junge, der als Messdiener jahrelang Gewäsch über Heilige und Märtyrer aufgesaugt hat und jetzt in Musikzeitschriften über die Beatles und in den Nachrichten über die RAF hört, spricht über die Beatles… wie über Märtyrer. Über die RAF… wie Popstars. Nicht als witziges Spiel – sondern aus Unvermögen: seltsame Welten werden durch die jeweils falschen Sprach- und Wahrnehmungsbrillen betrachtet. Die einzigen Brillen/Wortschätze eben, die der 13jährige bisher hat.

Warum ist das literarisch toll – und warum dauert es 800 Seiten? Weil Witzel noch etwas Größeres probiert/durchspielt/erzählt, das mich sehr überzeugt: Apophänie ist die Störung, Zusammenhänge und Leitmotive zu sehen: https://de.wikipedia.org/wiki/Apoph%C3%A4nie

…und die meisten Romane nehmen eine Figur, ein Stück Gegenwart oder Zeitgeschichte und ein paar Motive und sagen: “Schaut. Winnetou und die RAF – da sind schon Parallelen” oder z.B. “Dawson Leery und Stephen Spielberg: Das wird immer wieder interessant gegeneinander gestellt und hinterfragt – dieser All-American Idealismus.” Wir erzählen uns unsere Leben selbst in solchen Mustern, finden uns in Popkultur, ziehen Parallelen.

Witzel zieht 800 Seiten lang Parallelen, die IMMER beliebiger und absurder und wahnhafter werden und dabei zeigen: Solche Netze sind sehr schnell gesponnen. Aber dabei eben oft: spinnert. “Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1968” setzt, versuchsweise, ALLES in Zusammenhang – auch, um dabei zu zeigen, wie leichtfertig und hilflos Menschen solche Zusammenhänge suchen, um sich ihr Leben zu erklären, und – Meta, Meta! – wie schnell Autor*innen solche Zusammenhänge zimmern können.

Wie gesagt: Ich finde es schwierig, ein Buch zu empfehlen, bei dem ich z.B. von Seite 200 bis 300 dachte “Hm. Das hätte man jetzt alles einfach streichen können.” Der Roman ist sehr lang, und ich weiß nicht, ob er Gelegenheits- und Hobbylesern genug gibt, über diese 800 Seiten hinweg. Versteht man erstmal, worum es geht – Lebenswelten in jeweils “falschen” Sprachwelten durchzunudeln, in immer anderen Kombinationen – passiert nicht mehr viel: es nudelt halt 99 Kapitel lang durch. sprachlich toll. aber einen packenden Plot oder besondere Auflösungen zum Schluss gibt es nicht.

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Im Freitag (Link) schreibe ich:

“”Wer 2015 nur ein einziges Buch lesen kann, dem empfehle ich gestrost Jenny Erpenbeck, Gehen, ging, gegangen. Kosten: 19 Euro 99, Umfang: 352 Seiten. In kaum zehn Stunden Lesezeit bewältigt und verstanden. Simple Sprache. Viel Wissenswertes zu Asylrecht und Geflüchteten. Der Alltag afrikanischer Männer in einer Berliner Unterkunft, beäugt von einem skeptischen deutschen Professor in Rente. Altern, Heimatlosigkeit, DDR-Vergleiche. Kulturen im Dialog. Fünf von fünf Sternen. Lesenswert! Besonders auch für Schulklassen. Aber zählt dieser simple, muntere, gut gemeinte Asylroman zu den größten literarischen Leistungen 2015? Ist er buchpreiswürdig? […]

Egal, wer 2015 gewinnt: Favoritin Erpenbeck, Meister Witzel oder einer der holprigeren vier Titel: Keines dieser sechs angreifbaren, erstaunlich windschiefen Bücher im Finale passt gut zum Preis. Alle haben Angriffsflächen, große Schwächen. Peltzer, Witzel sind zu träge, Schwitter, Lappert zu seicht, Mahlke, Erpenbeck keine augenfällig „große“ Literatur. Ich will kein Buchhändler sein, der den Gewinner durchs Weihnachtsgeschäft bringt.”

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