Rezension

Nicholson Baker: “Der Anthologist”, “Das Regenmobil”, “Menschenrauch”

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2005 las ich Nicholson Bakers – eitlen, pompösen, enttäuschend flachen – Holocaust-Roman “Pfeil der Zeit”: Das Leben eines NS-Täters, rückwärts erzählt, beginnend mit seinem Tod in den USA. Ein Buch wie eine Schreibübung: sehr selbstbewusst, gesucht originell… aber mir fehlten Tiefgang und historische Genauigkeit.

Zehn Jahre später las ich drei weitere Bücher von Baker – alle lesenswerter:

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NICHOLSON BAKER, “Das Regenmobil”

“Paul ist Dichter (mäßig erfolgreich) und vermisst seine Exfreundin Roz, die ihn verlassen hat. Um seinem Leben wieder Sinn zu geben und seinen drohenden Fünfdundfünfzigsten zu vergessen, besorgt er sich eine akustische Gitarre und sattelt auf Pop- und, vor allem, Protestsongs um. Er weiß nicht, was ihm mehr zuwider ist: Amerikas Drohnenkrieg oder Roz’ neuer Freund. Während er auf seinem alten Bauernhof in Maine darüber nachdenkt, erheitern allerlei tröstliche Alltagsvergnügen sein schwankendes Gemüt: sein Traum-Rasensprenger, die Saiten seines Eierschneiders, die einen fast perfekten Mollakkord ergeben, einige Experimente mit Tabak…” [Klappentext, gekürzt]

Das Regenmobil

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ein kurzes Essay von mir – zum Buch und seinem Vorgänger “Der Anthologist” (2009):

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Vergiss Amerika!

Literarische Fehlschläge aus den USA – in Deutschland gefeiert und bestaunt: Nicholson Bakers „Das Regenmobil“ ist überflüssig. Und wunderbar.

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Für je eine Stunde halten Quäker eine öffentliche, stille Andacht. Zum Ende darf dann jeder Gast, Besucher laut sprechen und persönliche Erlebnisse teilen. Keine Predigt. Sondern scheinbar nebensächliche Anekdoten und Ideen.

Paul Chowder ist der König solcher Nebensächlichkeiten: ein Phrasendrescher, Wirrkopf und Privatgelehrter über 50. In Nicholson Bakers „Das Regenmobil“ will er unter Quäkern zur Ruhe finden. Doch stattdessen kommt er immer weiter ins Quatschen, Fabulieren, Assoziieren. Der literarische Monolog eines Mannes, der Ruhe sucht – und alles niederquasselt. Als Ich-Erzähler und Podcaster stolpert Paul (Single, Lyriker, Hobbymusiker) fast 300 Seiten lang durch faszinierend flexible Gedanken- und Erinnerungspaläste. Oder verirrt sich im schlimmsten, banalsten Stuss.

„Das Regenmobil“ ist ein Zeitroman, so richtungslos verlabert, träge amorph, dass Kritiker Jörg Magenau darin gar nichts Literarisches mehr finden konnte. Noch 2010 wurde Baker in Deutschland für diesen Erzählstil fast durchgängig gelobt. Damals erschien „Der Anthologist“, Bakers erstes Paul-Chowder-Quasselbuch. Einen Sommer lang saß Paul im Vorgängerroman in der Scheune seines Elternhauses. Er hatte eine Sammlung Lieblingsgedichte kuratiert und sollte ein etwa 40 Seiten langes Vorwort nachliefern – über Sinn und Unsinn von Reimen. Weil er keinen roten Faden fand, sich drückte, zog seine Lebensgefährtin Roz aus. „Der Anthologist“ war sperrig, intelligent. Und wurde aus den falschen Gründen gelobt.

„Ich hab dich tanzen sehen / mehr soll mir nicht geschehn / ich musste gleich ‘n Gummi erstehn’“, reimt Paul im neuen Roman. Die fertige Lyrik-Anthologie bringt ihm genug Tantiemen, um jahrelang zu träumen, E-Gitarre zu lernen und in Quäker-Andachten, Liedtexten, Songwriting zu dilettieren. „Eine Liebeserklärung an die Poesie“ schwärmten deutsche Kritiker und Lyrikfans bei Buch 1 – obwohl Paul erkennbar wirr, Nicholson Baker klar satirisch erzählt. Buch 2, „Das Regenmobil“, steht prima für sich allein: Es ist weniger Fortsetzung als Variation. Derselbe Schwätzer im selben irrwitzig-doof-originellen Stream-of-Halbdurchdachtem. Nur weniger Spannung, Plot, roter Faden.

Seit 25 Jahren spielt Baker in Romanen und Collagen mit Sinn und Unsinn widersprüchlicher Statements – und immer wieder nehmen ihn Kritiker in Sippenhaft für Aussagen seiner Figuren. „Menschenrauch“, das vielleicht beste Baker-Buch, ordnet Statements von Politikern und Autoren von den 20er Jahren bis 1941. In brillant montierten, widersprüchlichen Zitaten zeigte Pazifist Baker, wie es zu Holocaust, Bombenkrieg, Kampf gegen Zivilbevölkerungen kommen konnte. Quer durchs Buch mahnt Pazifist Gandhi zum Frieden, schickt selbstgerechte Briefe an Churchill und Hitler – so tragisch weltfremd, dass man heulen mag. Gandhi ist in Bakers journalistischer Textcollage, für die er kein Wort erfand oder änderte, die fadenscheinigste Stimme, mit den wackligsten Argumenten.

Weil Patrick Bateman in „American Psycho“ Frauen hasst, wurde Autor Bret Easton Ellis als Frauenhasser boykottiert. Weil der Erzähler in Christian Krachts „Imperium“ den Rassentheorien des Kaiserreichs vertraut, wollte Kritiker Georg Diez in Kracht einen Nazi erkennen. Gilt „Der Anthologist“ unter deutschen Kritikern als lesenswert, weil Baker seinen Paul Chowder dort seitenlang für Lyrik schwärmen lässt? Misslingt Teil 2, „Das Regenmobil“, weil Paul dieses Mal lieber seichte Balladen assoziiert? Verdarben, wie deutsche Kritiker schimpfen, weltfremde Gandhi-Zitate „Menschenrauch“?

Statt Ängste und Gefühle klar auszusprechen, strotzt US-Prosa seit ca. „Der Fänger im Roggen“ vor ambivalenten, vage poetischen Erinnerungsbildern und Anekdoten: Viele Szenen enden mit Figuren, die einen kurzen Natur- oder Straßenmoment aus der Erinnerung beschreiben; statt ihre Probleme anzugehen, erinnern Ich-Erzähler, was sie vor fünf, zehn Jahren träumten, aufschnappten, zufällig sahen. Irgendein Tier, das sich seltsam verhielt. Passanten, deren Geschichte sie rätseln ließ.

Solche scheinbar nebensächlichen Anekdoten brauchen keine feste Aussage, klare Bedeutung. Oft stehen sie vage suggestiv im Raum – wie nach der Quäker-Andacht. „Das Regenmobil“ fädelt fast nur solch unbestimmtes, fast beliebiges Gedankenmaterial aneinander. Ob sich das lohnt, entscheidet die persönliche Toleranz für Abschweifungen: Lieber sieben Stunden durch Wikipedia klicken?

„Man kann es nicht alles einbeziehen“, klagt Paul über seine Lust nach Abschweifung. „Man könnte meinen, ich schreibe ein Gedicht, und es wird alles Gute enthalten und auch alles Schlechte und alles dazwischen – es wird Henry Cabot Lodge, Wolken, Auberginen, Chuck Berry und die neue Geschmacksrichtung der Zahnpasta von Tom’s of Maine, Bantamhähne, Tankstellen, aquamaringrüne Vespas und die Übersalzung von Landstraßen enthalten – aber das funktioniert nicht. Ich hab’s versucht.“

Lange dachte ich, „Das Regenmobil“ sei schlampig übersetzt. Doch auch im Original sind Pauls Sätze frustrierend unsauber: Baker rührt hier absichtlich schwammiges Palaver. Zu allem Überfluss erscheinen Nicht-US- Lesern auch noch jene Bausteine poetisch aufgeladen, latent geheimnisvoll, die für US-Bürger Alltag sind: ein Bantamhahn? Quäker? Tom’s of Maine?

Das Fachwort für krankhaftes Alles-zueinander- in-Beziehung-Setzen ist Apophänie. Mit einem ähnlich übereifrigen Alles-hängt-wohl-irgendwie- zusammen-Konzept gewann Frank Witzel 2015 den deutschen Buchpreis. Figuren und vage Bedeutungskonstrukte, die ans Internet erinnern, persönliche Timelines, nicht-lineare Räume, in denen unterschiedlichste Gedanken, Splitter nebeneinander stehen und sich mit neuen Zweit- und Drittbedeutungen aufladen.

Bitte aber hört auf, Baker jedes Mal als „lesenswert!“ zu umjubeln, wenn er jemanden sagen lässt „Lyrik ist lesenswert!“, aber für einen weltfremden Trottel, wenn er ein weltfremdes oder unsympathisches Zitat zitiert. An dummen Aussagen von Bakers Figuren entlarvt sich kein schlechter Schriftsteller.

An der Kritik an “dummen” Baker-Sätzen entlarven sich schlechte Kritiker.

Nicholson Baker: Das Regenmobil. Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld. 298 Seiten, Rowohlt 2015.

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“Menschenrauch” las und emfahl ich 2015, zusammen mit einer anderen Textmontage über den zweiten Weltkrieg:

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HANS MAGNUS ENZENSBERGER (Hg.), “Europa in Trümmern” (Taschenbuch-Titel: “Europa in Ruinen”), Augenzeugenberichte 1944-1948. Reportage-Reader, Deutschland 1990.

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Europa in Ruinen: Augenzeugenberichte aus den Jahren 1944 bis 1948Für die Andere Bibliothek sammelte Hans Magnus Enzensberger Reportagen über das Leben in den Städten Europas in der Endphase des zweiten Weltkriegs bis 1948. Literaten, Reporter, Diplomaten berichten (meist aus Ländern, in denen sie nur Besucher sind) über Zerstörung, Wiederaufbau, Unmenschlichkeit und nationale Wunden und Neurosen.

Eine langsame, packende, abwechslungsreiche Textcollage mit Stig Dagerman, Alfred Döblin, Janet Flanner, Max Frisch, Martha Gellhorn, John Gunther, Norman Lewis, A.J. Liebling, Robert Thompson Pell und Edmund Wilson. [Gellhorn, Dagerman und Janet Flanner sind am besten/eindringlichsten.]

Ausführlicher journalistischer Reader – tolle Auswahl, viel gelernt. Aber: ein paar Beiträge sind eitel, effekthascherisch.

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NICHOLSON BAKER, “Human Smoke. The Beginnings of World War II, the End of Civilization”, Textcollage (20er Jahre bis 1941), USA 2008.

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Human Smoke: The Beginnings of World War II, the End of Civilization“Europa in Trümmern” ist literarischer: längere Texte, mehr Raum, um Atmosphären, Stimmung festzuhalten. Doch “Human Smoke” riss mich mit: flüssig, kühn und oft überraschend sammelt Baker Textschnipsel, diplomatische und kulturgeschichtliche Anekdoten, Zitate über die politischen, weltanschaulichen und demagogischen Weichen, die in Deutschland, England, den USA, Japan, Italien, Frankreich etc. zwischen den 20er Jahren und 1941 gestellt wurden: ein Mosaik aus Tagebuch- und Presseschnipseln über den Verfall der Zivilsation, totalen Krieg und Holocaust, Waffenhandel, Brandbomen und nationalen Hass. Ich habe unglaublich viel gelernt – und hätte das 500-Seiten-Buch noch genossen, wäre es dreimal so lang.

Walter Kempowskis WW2-Textcollage “Das Echolot” steht noch ungelesen im Regal: Ich glaube, mir geht es dort zu viel um hilflose kleine Leute und ihre schlichten, kaum politischen Kartoffel-, Tornister- und Bombenkeller-Sorgen. Ich liebe die postmodernen Collageromane von David Markson – doch die Schnipsel sind meist zu kurz, und man braucht zu viele Bildungsbürger-Vorkenntnisse, um Marksons schnelle, oft arrogante Pointen zu verstehen. Bakers Riesen-Textcollage ist die bisher beste Lösung, Mentalitätsgeschichte in Schnipseln zu erzählen: ein Kulturtagebuch der Entmenschlichung. Bittere, faszinierende, oft zynische Häppchen Zeitgeschichte, ideal pointiert, ideal gehaltvoll.

Viele Zusammenhänge, viele Konflikte, die ich zum ersten Mal verstehe. Großer Gewinn, großes, trauriges Lesevergnügen.

in English: Frank Witzel’s “Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969” (German Book Prize 2015, Translation)

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

[“One Manic-Depressive Teenager’s Invention Of The Red Army Fraction [terror group] In The Summer Of 1969”]

Frank Witzel [Link to Wikipedia.org]

Matthes & Seitz, 2015. No English editon yet.

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There are two main ways to access and describe Frank Witzel’s daunting-but-enjoyable, ambitious-but-not-too-complex, autobiographical-but-wildly-freewheeling, conventional-but-INSANE tragicomical 800-page novel about a 13-year old Beatles-loving upper-middle-class Catholic boy stuck in a suburb of provincial Wiesbaden in 1969:

It’s a normal book, to the point of being a little bland: Since publication in early spring of 2015, there has been a steady trickle of benevolent reviews and reader reactions – and most of them praise the book for being a charming coming-of-age novel trying hard to capture typical feelings of alienation and awkwardness. It’s a book about norms. About being normal. About feeling not quite normal. It’s a rather conventional story/theme/autobiographical approach – and it will speak to baby boomers or anyone older than 13. Darker than David Mitchell’s “Black Swan Green”. Lighter than John McGahern’s “The Dark”. Less saccharine than the nostalgic US dramedy “The Wonder Years”; but equally obsessed with name-dropping 1960s topics and pop-culture references. Witzel’s novel treads very familiar, well-covered ground – but that’s not a bad thing: It’s approachable, it’s incredibly well-researched/authentic. The main character resonates.

Over the course of 800 pages, though, all of this will get subverted, parodied, deconstructed through increasingly outlandish tone shifts, perspective shifts, literary experiments and improv. It’s like Frank Witzel took a simple, not-too-complex ditty… and, like a Jazz musician, started one crazy 800-page jam session – until he ran out of steam. After increasingly tedious narrative wheel-spinning, the novel just stops, with little resolution. So: It’s not a normal book. At all.

I will talk about the merits and problems of this later.

Let’s start with the surface – all the ways the book wants to be normal, typical and capture “normal and typical” German middle-class life in the 1960s: The unnamed narrator – in some chapters, it is suggested that his name might be Frank Witzel – is a book-smart, but rather clueless, coddled, devout and daydreaming son of a detached and bourgeois factory owner. He’s in 7th grade, his mother is suffering from a (little-discussed) nervous condition that paralises her legs and so, the Caritas social services send a live-in caretaker – only referred to as die Frau von der Caritas – who might or might not be having an affair with the father, and who might or might not be a GDR spy or GDR defector.

All characters remain blurry like that – because the narrator is making up stories and daydreams, and in 98 chapters, there are 30 to 50 different styles/tones. Many elements that seem outlandish daydreams get a more realistic re-telling in later chapters – and vice versa. Is the father the owner of a small factory… or a mighty industrialist? Is die Frau von der Caritas a spooky seductress…. or just some lonely social worker who has to deal with being antagonized and sexualized to Bond-villainess proportions by a pubescent, creepily misogynist narrator?

It’s not a matter of “truth” versus “daydream” or “delusion”, but a matter of tone and style: In more down-to-earth chapters, the characters are overly typical small-town clichès from the 60s, with typical, mildly comedic struggles and neuroses. In more outlandish chapters, they play biblical, literary or emblematic 1960s roles – crass supervillains and rock stars, terrorists and vixens. These tone shifts aren’t whimsical – they’re disorienting, disturbing and hint at larger psychological problems of the main character: Is he a daydreaming kid and underachiever with mood swings? Or is he full-on delusional?

In chapter 1, the narrator and two classmates – dopey, Ron-like Bernd and competent, Hermione-like Claudia – leave behind a NSU (car) they stole (from whom?) to form a “terror group”/secretive youth club named “Rote Armee Fraktion”. They manage to outrun the police (a dream-like and absurd sequence: a fantasy?), but accidentally leave several novelty gifts/sweets/childish gimmicks in the car’s glove compartment that could get them identified. Through much of the novel, the narrator fears that a) die Frau von der Caritas will rat him out to the police, b) his grades will slip and he’ll be forced into a strict Catholic boarding school (this does actually come to pass in one chapter, after 400 pages – but it’s unclear whether it’s a fantasy sequence or reality), c) that he’ll suffer God’s wrath or that the universe is somehow conspiring against him and he’s deeply broken or ruined.

There is, of course, the real-life terror group “Rote Armee Fraktion” that’s been active in the same year, and in various chapters, it’s very much in flux whether the narrator’s own childish pipe dream of a youth gang, coincidentally named “Rote Armee Fraktion”, predates that group or copies it. There’s also a string of questioning/session transcript chapters throughout the book (all flash-forwards into the 21st century) where an investigator and/or a taunting psychologist wants the main character, now middle-aged, to confess to various RAF crimes and/or confess that his own RAF is imaginary and he himself has delusions of grandeur.

Both religion and music play a huge part in the narrator’s “private mythology”: You don’t have to know much about Catholicism, specific saints and/or the Beatles, Cream and late-60s pop music, though… because most of the references explain themselves through context… but you might remember the overlong, satirical music chapters in “American Psycho”, where Patrick Bateman starts dissecting bands like Genesis or Huey Lewis and the News? Witzel’s main character does the same, and it’s equally satirical/disorienting/weird: Instead of plot development, you can find yourself in some semi-funny, semi-serious 20-page-long side note about hidden meanings in The White Album or pseudotheological essays on whether Jesus and the Beatles have the same attitude towards guilt, sin and redemption. These chapters are very well researched and specific, but they also have a show-off quality that reminds me of the weirder logorrhoeic passages of David Foster Wallace’s “Infinite Jest”. It’s brilliant, it’s joyful, it’s very, very skilful – but it’s going on for 800 pages, and it gets pointless and show-offy too quickly.

This is what most people say about the book, and this is why the reviews are solid, but there are not a lot of huge fans: It’s a charming, playful and, despite some surrealist clutter, authentic coming-of-age novel that rings very true. But why is it 800 pages long? Why does the plot just peter out – very much like “Infinite Jest”?

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There’s a psychological fallacy called Apophenia: the idea that people are too eager to see patterns, connect dots, find meaning in random occurrences. Witzel could have written a more conventional 200-page novel that would have been more entertaining, inviting, engaging. But – and this is why I said that this is not a normal book, at all – he needs 800 pages to make a bigger, more abstract point:

Most biographies or coming-of-age books find some leitmotifs, establish them and see them through. It would have been easy to say “In 1969, 13-year-old boys were both repelled and intrigued by counter-culture. When the RAF terror group turned into pop stars, Germany’s collective fears and adulation resembled that of a coddled, overwhelmed 13-year old boy.” Witzel shows a main character whose main frame of reference has been Catholicism, sins and saints and who uses that lens to make sense of the Beatles, pop music, terrorists, counter-culture. It’s one big, neurotic mishmash with many surreal and intriguing and outrageous connections: the Beatles are saints! Bullies are satanists! I’m a martyr, and God tests me, and I’m also an Indian, and you are a Bond girl! etc.

But through 98 chapters and 800 pages, Witzel remixes and shifts these connections and pseudo-leitmotifs until they appear random, haphazard, absurd. SO random, haphazard and absurd that you’ll start thinking “Wait: Autobiography is such a construct!” or “Wow: Leitmotifs are sorta shoddy, cheap and random!” A 13-year old has a limited understanding of the world, a limited set of phrases and images, and it’s disturbing (and cruelly fun!) to see how someone with a provincial, outdated and limited set of 1950s words/tools/lenses/concepts tries to make sense of terrorism, growing up, sin, the 60s etc.

It’s a brilliant way to show the limitations of speech and the problems of private and collective “mythologies” – and it’s not a very German thing: there are tons of references to German brands or 60s TV shows etc., but they were as foreign and distant to me as they’d be for UK or North American readers – and you don’t have to know anything about the RAF or specific German history to follow the plot. Many chapters use lenses like detective fiction or bad 1960s chapter books, archaic fairy tales, theological essays, semi-serious music reviews, lists and footnotes etc., and much of the fun comes from these pastiches/misappropriated, outdated speech styles and mash-ups. A translation into English would have to be VERY good to reflect both the humour, absurdity AND accuracy of the language. I loved these shoddy-but-skilful pastiches!

But should Witzel be translated? I’m not sure: I had a lovely reading experience and I’m incredulous that such an unwieldy, frilly, overwhelming book was awarded the German Book Prize… but many chapters were dragging on, and I often thought things like “You could scrap page 200 to page 300 completely – and the book would be better for it”. There are about four German people that I’d tell “Read this: It’s great!”, but I can see a lot of “The Wonder Years” fans or baby boomers flocking to this book only to abandon it angrily because of all the “pointless” pastiches/apophenia moments/the unsatisfying “Infinite Jest” atmosphere: post-Book Prize Amazon reviews tend to be harsh. Many recreational readers are disappointed and rated the book 1 star. I can see their point.

I wish there was a shorter version, and as a UK publisher, I’d definitely approach Frank Witzel and ask him if he’d be interested in excerpts/personal essays/a book about the Beatles etc. – he’s an Anglophile, and there are parts of tremendous interest for UK readers.

Also, strangely enough, there’s a US author who did a very similar satirical book about the RAF and German neuroses, Walter Abish [“How German is it”

I don’t know if Witzel and Abish know each other, but if there’s an audience for Abish, there’s an audience for Witzel (and vice versa). Abish’s novel was successful – so it would not be completely out of line to consider a translation of Witzel. But: it’s the most avant-garde title I’ve read in 2015, and while I’ve had fun, I’m not sure if his 98 satirical improvisations were worth 3 full days of my life. Wouldn’t 400 pages have been enough?

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“Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969”, Frank Witzel, Matthes & Seitz

“Ein Spiegelkabinett der Geschichte im Kopf eines Heranwachsenden: Erinnerungen an das Nachkriegsdeutschland, Ahnungen vom Deutschen Herbst; das dichte Erzählgewebe ist eine explosive Mischung aus Geschichten und Geschichte, Welterklärung, Reflexion und Fantasie: ein detailbesessenes Kaleidoskop aus Stimmungen einer Welt, die 1989 Geschichte wurde. Ein mitreißender Roman, der den Kosmos der alten BRD wiederauferstehen lässt.” [Klappentext, gekürzt.]

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

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Für “der Freitag” las ich alle sechs Romane auf der Shortlist zum deutschen Buchpreis 2015:

“Und was, falls dann doch Frank Witzel gewinnt? Für seinen brillant verquasten, übervollen, herrlich sperrigen Jugend- und Provinzroman Die Erfindung der Rote Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969? 800 Seiten Jugendängste, Wahn, 60er-Jahre-Jargon, Katholizismus und Neurosen, in 98 grellen Kapiteln immer neu gekreuzt, verschränkt. Literarische Apophänie: Was, wenn die Beatles Märtyrer wären? Mein Leben ein Schneider-Jugendbuch? Die RAF unser Kinderclub? Was, wenn dieses eigensinnige, wagemutige, bekloppte, brillante Buch Bestseller wird? Und Tagesgespräch?”

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Der 800-Seiten-Roman spielt 1968 in einem Vorort von Wiesbaden und folgt einem 13jährigen, in 98 Kapiteln – von denen fast jedes anders klingt und viele einen parodistischen Quatsch-Tonfall haben, z.B. die Floskeln eines Jugendbuchs oder den Panik-Tonfall der RAF-Berichterstattung.

Es geht um Sprachmüll, BRD-Muff und die Armut, mit den falschen Worten etwas festhalten, ausdrücken, auf den Punkt bringen zu müssen – ein Gefühl, das 13jährige gut kennen. Der Roman ist sehr verspielt – jedes Kapitel ist eine literarische Versuchsanordnung, in dem Jargon (z.B. aus einer Musikzeitschrift) auf ein anderes Themenfeld (z.B. auf die Schule) getragen wird. So entsteht viel… wilder, windschiefer… Quatsch. abgegriffene Worte, in neuen, überraschenden Zusammenhängen.

Literarisch/psychologisch mach das viel Spaß: ein Junge, der als Messdiener jahrelang Gewäsch über Heilige und Märtyrer aufgesaugt hat und jetzt in Musikzeitschriften über die Beatles und in den Nachrichten über die RAF hört, spricht über die Beatles… wie über Märtyrer. Über die RAF… wie Popstars. Nicht als witziges Spiel – sondern aus Unvermögen: seltsame Welten werden durch die jeweils falschen Sprach- und Wahrnehmungsbrillen betrachtet. Die einzigen Brillen/Wortschätze eben, die der 13jährige bisher hat.

Warum ist das literarisch toll – und warum dauert es 800 Seiten? Weil Witzel noch etwas Größeres probiert/durchspielt/erzählt, das mich sehr überzeugt: Apophänie ist die Störung, Zusammenhänge und Leitmotive zu sehen: https://de.wikipedia.org/wiki/Apoph%C3%A4nie

…und die meisten Romane nehmen eine Figur, ein Stück Gegenwart oder Zeitgeschichte und ein paar Motive und sagen: “Schaut. Winnetou und die RAF – da sind schon Parallelen” oder z.B. “Dawson Leery und Stephen Spielberg: Das wird immer wieder interessant gegeneinander gestellt und hinterfragt – dieser All-American Idealismus.” Wir erzählen uns unsere Leben selbst in solchen Mustern, finden uns in Popkultur, ziehen Parallelen.

Witzel zieht 800 Seiten lang Parallelen, die IMMER beliebiger und absurder und wahnhafter werden und dabei zeigen: Solche Netze sind sehr schnell gesponnen. Aber dabei eben oft: spinnert. “Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1968” setzt, versuchsweise, ALLES in Zusammenhang – auch, um dabei zu zeigen, wie leichtfertig und hilflos Menschen solche Zusammenhänge suchen, um sich ihr Leben zu erklären, und – Meta, Meta! – wie schnell Autor*innen solche Zusammenhänge zimmern können.

Wie gesagt: Ich finde es schwierig, ein Buch zu empfehlen, bei dem ich z.B. von Seite 200 bis 300 dachte “Hm. Das hätte man jetzt alles einfach streichen können.” Der Roman ist sehr lang, und ich weiß nicht, ob er Gelegenheits- und Hobbylesern genug gibt, über diese 800 Seiten hinweg. Versteht man erstmal, worum es geht – Lebenswelten in jeweils “falschen” Sprachwelten durchzunudeln, in immer anderen Kombinationen – passiert nicht mehr viel: es nudelt halt 99 Kapitel lang durch. sprachlich toll. aber einen packenden Plot oder besondere Auflösungen zum Schluss gibt es nicht.

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Im Freitag (Link) schreibe ich:

“”Wer 2015 nur ein einziges Buch lesen kann, dem empfehle ich gestrost Jenny Erpenbeck, Gehen, ging, gegangen. Kosten: 19 Euro 99, Umfang: 352 Seiten. In kaum zehn Stunden Lesezeit bewältigt und verstanden. Simple Sprache. Viel Wissenswertes zu Asylrecht und Geflüchteten. Der Alltag afrikanischer Männer in einer Berliner Unterkunft, beäugt von einem skeptischen deutschen Professor in Rente. Altern, Heimatlosigkeit, DDR-Vergleiche. Kulturen im Dialog. Fünf von fünf Sternen. Lesenswert! Besonders auch für Schulklassen. Aber zählt dieser simple, muntere, gut gemeinte Asylroman zu den größten literarischen Leistungen 2015? Ist er buchpreiswürdig? […]

Egal, wer 2015 gewinnt: Favoritin Erpenbeck, Meister Witzel oder einer der holprigeren vier Titel: Keines dieser sechs angreifbaren, erstaunlich windschiefen Bücher im Finale passt gut zum Preis. Alle haben Angriffsflächen, große Schwächen. Peltzer, Witzel sind zu träge, Schwitter, Lappert zu seicht, Mahlke, Erpenbeck keine augenfällig „große“ Literatur. Ich will kein Buchhändler sein, der den Gewinner durchs Weihnachtsgeschäft bringt.”

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Schlecht wie Joy Fielding: “Say Nothing”, Brad Parks (US-Thriller, 2017)

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„Say Nothing“, Brad Parks

475 Seiten, Dutton / Penguin, März 2017

konventioneller Thriller / Domestic Supense

trotz Richter als Ich-Erzähler kein Legal-/Justiz-Thriller wie z.B. John Grisham

Rezensionen auf Goodreads (Link)

…vergleichbar mit u.a. Harlan Coben, Autor von “Tell No One” 

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Mit 14 war ich in Angela verliebt. Sie las gerade Thriller von Joy Fielding. Also lieh ich mir Joy Fieldings „Lauf, Jane, lauf“… und hatte bis heute, mit Parks’ „Say Nothing“, nie wieder eine Thriller-Lektüre, während der ich mich so schlecht fühlte. Mit so wenig Genuss durch Kapitel hetzte:

Die Hauptfigur aus „Lauf, Jane, Lauf“ verliert ihr Gedächtnis, wird von einem Unbekannten bedroht und verbringt 400 Seiten, allen Menschen im Umfeld zu misstrauen: Ist ihr Mann, ihr Schwager, ihr Boss usw. der Stalker? Fielding schafft Spannung durch offene Fragen, die über Hunderte von Seiten nicht beantwortet werden – doch erzählerisch und stilistisch machen die Bücher keine Freude. Eine hypernervöse, meist untätige Erzählerin, die JEDEN verdächtigt. Umgeben von Figuren, so schwammig/widersprüchlich gezeichnet, dass alle der Schuldige/Stalker sein könnten.

Brad Parks’ „Say Nothing“ weckt die gleiche freudlose Stimmung: eine Trottel-Figur, akut bedroht. Umringt von Red Herrings/falschen Fährten. „Besser schnell zum Ende kommen: Dann ist das zähe Rätselraten wenigstens um.“ Auch viele Goodreads-Kritiken zu Harlan Cobens „Tell No One“ klingen so: Menschen, die das Buch nicht weglegen wollten – doch beim Lesen kaum Freude hatten.

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Handlung:

Scott Sampson ist Mitte 40, Bundesrichter im (realen) Gloucester County, Virginia und seit über 20 Jahren mit seiner Collegeliebe Alison verheiratet. Die Zwillinge Sam und Emma sind sechs. Scott bekommt eine SMS von Alisons Nummer: Er muss die Kinder heute nicht aus der Kita holen. Er fährt direkt ins abgelegene Familienhaus am Wald – und wird von Alison gefragt, wo die Kinder sind. Jemand hat die Zwillinge entführt.

Via SMS erteilen die Kidnapper Scott Anweisungen, am nächsten Tag einen jungen Drogendealer freizusprechen: ein Text, nachdem sie wissen, dass sie Scott auch beruflich, als Richter, kontrollieren können. Das Buch schildert ca. 24 Tage aus der Sicht von Ich-Erzähler Scott, unterbrochen von kurzen, bewusst vagen, bedrohlichen auktorialen Kapiteln über zwei Handlanger (…zwei Brüder mit Bärten und diffus ausländischem Akzent) die Scotts Kinder bewachen und die Eltern auf verschiedenen Wegen einschüchtern und im Auge behalten sollen.

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Brad Parks…

…geboren 1974, studierte in Dartsmouth, arbeitete als Journalist (vor allem Sport- und Crime-Artikel) und schrieb bisher sechs Romane über einen Reporter/Ermittler in New Jersey: einige Genre-Preise, doch schlechte Leserwertungen, kein deutscher Verlag:

Parks ist verheiratet, lebt selbst in Virginia und hat, wie Richter Scanlon, zwei junge Kinder: https://en.wikipedia.org/wiki/Brad_Parks

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plausibler Ich-Erzähler:

Parks wirkt auf seiner Facebookseite und in Interviews recht goofy: nett, aber kein harter Knochen. Das gilt auch für Ich-Erzähler Scott: Der Federal Judge ist nicht mehr jung, nicht sehr attraktiv, die Haare fallen ihm aus. Er ist zwar klug und hat ein gesundes Selbstbewusstsein und eine gewisse Überheblichkeit (z.B. Arbeitern, Sekretärinnen, Angeklagten gegenüber), die mir für einen US-Richter plausibel scheint – doch er ist nicht eitel. Diese Erzählstimme ist das Beste am Buch: Ich hörte Scott gern zu – auch, wenn es seitenlang um Strafprozessordnung, Exposition/Backstory oder nervöse Spekulationen ging, und obwohl Scott keinen Glamour, keinen Humor, kein besonderes Charisma hat. Brad Parks wirkt wie ein kluger, netter Kerl, schlau, aber uncool und konventionell. Seine Hauptfigur übernimmt das. Und es klappt VIEL besser, klingt VIEL plausibler, sympathischer, angenehmer als in Thrillern mit psychologisch abgründigeren, exzentrischeren Ausnahme-Erzählern.

Bei „Say Nothing“ lese ich fast 500 Seiten tadellose, sympathische Erzählprosa, leicht verständlich, nicht literarisch, doch auch nicht niveaulos/zu flach, aus dem Mund einer angenehmen, plausiblen Figur. Das ist schon viel, in diesem Genre.

Nur fehlt „Say Nothing“ jede Kunstfertigkeit: ein Suspense-Thriller von der Stange, ohne größere Ambition.

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Plot und Probleme:

Scott spricht ein Urteil im Sinn der Kidnapper und lässt den Kleindealer frei. Tritt damit aber eine Untersuchung/ein Impeachmentverfahren gegen sich los. Weil Scott gehorchte, wird Sohn Sam von den Kidnappern vor dem Gerichtsgebäude ausgesetzt.

Die folgenden zwei Wochen/350 Seiten ist nur noch Tochter Emma entführt – und Scott bereitet sich auf ein zweites, größeres Verfahren vor, zu dem die anonymen Entführer ihm ein Urteil vorgeben werden: Noch weiß Scott nicht, ob er für oder gegen den Kläger entscheiden soll. Entsprechend verdächtigt er sowohl den Kläger – einen Wissenschaftler/Tüftler/Biologen, der ein Enzym patentiert hat – als auch die Beklagten – einen Pharmakonzern, der ein Mittel zur Infarktprophylaxe auf den Markt bringen will, doch dabei wohl das Patentrecht verletzt.

[Diese Gerichts-Details sind interessant, plausibel, detailliert-aber-kurzweilig. Der Gerichtsfall selbst ist eher langweilig und endet in einem großen Antiklimax: Das Enzym des Biologen und das Enzym im Medikament unterscheiden sich in einem Detail, die Klage ist grundlos/hinfällig.]

Scott verdächtigt u.a.

  • den Anwalt des Biologen, und lässt ihn durch einen Privatdetektiv beschatten.
  • seine Mitarbeiter im Büro (die nichts von der Entführung wissen: schöne Konflikte/Spannungen).
  • seinen alten Mentor/Chef: einen Senator, der mit dem Pharmakonzern verbandelt ist.
  • die Nanny der Kinder: eine junge türkische Studentin, die sich vielleicht via Perücke als Alison verkleidet hat? Sam behauptet, er wurde am fraglichen Tag von seiner Mutter abgeholt.
  • Ehefrau Alison: hat sie ihre eigenen Kinder entführt? Ihr Ex-Freund arbeitet für den Pharmakonzern, und Scott hat Angst, dass sie mit ihm durchbrennen will. […eine begründete Angst für Genre-Leser: „Gone Girl“, der wichtigste Bestseller des Genres der letzten Jahre, hatte einen ähnlichen Plot.]

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All diese Spannungsfelder/Ängste werden – recht holprig – als offene/rhetorische Fragen formuliert: „Kann ich Alison vertrauen? Sie verschwieg irgendwas. Ich fuhr ins Büro. Aber konnte ich dort noch jemandem trauen?“, seitenlang und immer wieder. Die 76 Kapitel sind recht kurz und monoton: einfach, szenisch und mit einem oft recht trashigen Cliffhanger, Dinge wie „Ich schlief und hatte Alpträume. Doch der schlimmste Alptraum sollte am nächsten Morgen beginnen, als der Wecker klingelte“ etc.

Es gibt zu viele Verdächtige, zu viele beliebige Konflikte, die zu lange immer weiter ohne Auflösung durchs Buch gezerrt werden (…wie durch eine TV-Serie, die zu viele Episoden hat und Wasser tritt). Die meisten Auflösungen kommen zu spät und sind hanebüchen/unterwältigend. Besonders, dass Alison so lange als Verdächtige gilt, schadet dem Buch: Scott zweifelt an seiner Ehefrau – und setzt einen Privatdetektiv auf eine sehr beliebige, nicht-sehr-verdächtige Randfigur an, statt auf Alison, die ihm viel größere Sorgen macht? Parks’ Jeder-ist-verdächtig-Erzählstruktur ist schon per se oft freudlos/frustrierend. Dass die „Say Nothing“-Hauptfigur aber dazu noch IMMER WIEDER viel zu träge handelt oder offensichtliche Spuren nicht verfolgt, frustriert viel mehr.

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Tiefpunkt/Krux des Romans:

Zwei Kinder werden entführt. Die Entführer kommunizieren per Handy mit Scott – scheinen aber auch das Haus im Blick zu halten (Auflösung: mit kleinen Kameras, im nahen Wald in Bäume montiert). Scott vermutet, dass sein Handy überwacht wird. Scott vermutet, dass seine Frau in die Verschwörung verwickelt ist. Scott weiß, dass die Entführer Emma verstümmeln werden, wenn er sich an die Behörden wendet. Und: Als Sohn Sam wieder bei der Familie ist, muss er bewacht werden – denn wer kann verhindern, dass Sam sonst einfach wieder entführt wird?

Das waren für mich als Leser die größten Fragen und Spannungsfelder: Probleme, die Scott drei Wochen lang im Blick behalten muss, während er jeden Tag zur Arbeit geht und Normalität vorspielen muss. Scott geht nicht zur Polizei, aber…

  • weil seine Frau ihren beiden Schwestern sehr nahe steht, werden am Abend nach Sams Rückkehr erstmal neun Verwandte eingeladen, zum Weintrinken und Reden vor dem Haus?
  • Sam spielt alleine im Garten, Scott geht ins Haus und unterhält sich ausgiebig mit Alison, niemand hat jemals Angst, entführt, überwältigt zu werden.
  • Alison und Sam machen viele Ausflüge.
  • Scott googelt, telefoniert (mit dem möglicherweise überwachten Handy), heuert einen Detektiv an und bewegt sich sehr arglos durch die Stadt.
  • immer, wenn Scott seltsame Entscheidungen trifft, die z.B. Alison hinterfragen könnte/müsste, beschreibt Brad Parks lieber, dass einer der Eheleute ins Bett geht, eine Dusche nimmt etc.

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Der Grundkonflikt des Romans ist so simpel – ich bin schockiert, dass Parks diesen „Familie, überwacht von Erpressern“-Plot an keiner Stelle plausibel zu Ende denkt: Wir alle kennen so viele Filme („Gegen die Zeit“) und Serien („24“), die das IMMER WIEDER neu auf die Spitze treiben. Bei Parks ist das Katz-und-Maus-Spiel zwischen lustlosen Entführern und lethargischen, kaum taktisch denkenden Eltern SO träge… Man will die ganze Zeit nur schimpfen, schreien – oder halt: schnell zum Ende kommen, endlich die Auflösung lesen.

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Die Auflösung:

Weder Kläger noch Beklagter gaben die Entführung in Auftrag – sondern ein Star-Spekulant, der mit Termingeschäften und Hedge Funds Geld verdient (hanebüchen, langweilig, ein Antiklimax). Der Spekulant ist der Arbeitgeber von Scotts Schwager: Alisons Schwester und ihr Mann waren an der Entführung beteiligt und sind Maulwürfe. Scott und Alison gelingt es, Schwager und Star-Spekulant am Tag der Verhandlung mit einer Waffe zu bedrohen. Dann wollen sie den Spekulanten als Geisel gegen ihre Tochter tauschen.

Weil Alison Soldatentochter/Army Brat ist, kann sie mit Pistolen umgehen. Die Kidnapper sollen Emma freilassen (nebenbei: sie sind keine Türken, wie vermutet – sondern Deutsche. Spielt im Buch keine besondere Rolle. Doch ich fand es recht sympathisch und originell, dass die „strange men with beards and strange accents“ keine Araber o.ä. waren, sondern einfach bärtige Westler).

Alison wird bei einem Feuergefecht getötet. Das ist nicht SO tragisch, weil sie eh 80 Prozent des Buches nur geweint oder geschwiegen hat und zwielichtig/fadenscheinig wirkte. Mit der Entführung indes hatte sie nichts zu tun: Sie hat kurz DANACH erfahren, dass sie an Brustkrebs leidet und Scott alles verschwiegen. Als ihre Ärztin ihr sagt, dass sie bald sterben wird, opfert sie sich spontan für ihre Tochter. Schnarchiges Frauenbild, langweilige und überflüssige Wendung/Komplikation.

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Fazit:

Hin und wieder gibt es handwerklich misslungene, mittelprächtige Thriller, die zu Bestsellern werden. Zuletzt z.B. „Girl on a Train“. Die Leser waren unzufrieden, die Kritiken waren schlecht – doch für ein paar Monate machte das Buch Geld. Ich bin sicher, man kann mit genug Werbung auch „Say Nothing“ zu einem solchen nicht-nachhaltigen, die-Leser-frustrierenden kurzfristigen Knallerbsen-Erfolg pushen: „Say Nothing“ ist ein Buch, mit dem z.B. Heyne gut Geld verdienen könnte.

Es gibt kein besonderes Lokalkolorit und keine literarischeren, atmosphärischen Passagen, keinen Lese-Anreiz für Menschen, die sonst keine Thriller lesen. Es gibt keine plausible Psychologie. Überall sind Logiklöcher. Das Buch ist flüssig und stellt Fragen. Doch Lesefreude hatte ich nach ca. 100 Seiten nicht mehr. Nur noch Ungeduld und Wut auf die Figuren und ihre undurchdachten Entscheidungen.

Zoran Drvenkar schreibt ähnliche Bücher in Deutschland. Drvenkars Romane sind viel blutiger und zynischer – politikverdrossen, voller Klischees, vage rechts. Es war schön, mal einen… hanebüchenen Thriller von der Stange zu lesen, bei dem ich nicht dachte: „Wow. Thriller werden von zynischen Menschenhassern geschrieben, für zynische Wutbürger.“ Also: Das alles könnte so viel schlimmer sein (Fitzeck usw.).

Brad Parks ist ein netter Kerl. Hauptfigur Scott hörte ich gerne zu.

Sinn machte das nicht. Spaß auch nicht. Aber vielleicht ist es in drei Jahren ein Kinofilm. Mit pointierterem, verbessertem Plot.

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“September” von Jean Mattern, bei Deutschlandradio Kultur

rezension 2016

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Am Mittwoch, 27. April, stelle ich Jean Matterns Roman “September” vor: bei Deutschlandradio Kultur, im Magazin ‘Lesart’, kurz nach 10 Uhr morgens.

Den Beitrag kann man anschließend als Stream und .mp3 nachhören (Link folgt)…

…und gegen Mittag erscheint auf der Deutschlandradio-Website auch eine begleitende, kurze Rezension von mir (Text, kein Audio: zum Lesen).

Schon jetzt, hier im Blog: ein etwas längerer, salopperer Text von mir zum Buch, seinen Stärken und Schwächen. Ich schreibe solche Texte vor all meinen Deutschlandradio-Beiträgen, als Anmerkung/Vorbereitung/Information an die Redaktion und den Moderator. Manchmal bleiben sie intern. Manchmal stelle ich sie in online, hier im Blog.

"September" von Jean Mattern, Deutsch im Berlin Verlag, 2016

“September” von Jean Mattern, Deutsch im Berlin Verlag, 2016

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Briten trennen nicht nur zwischen Hoch- und Popkultur – high-brow und low-brow. Sie haben auch einen Begriff für eingängige, publikumswirksame… Bildungsbürger-light-Produkte: “middle-brow”. Leicht zu lesen, massentauglich, unterhaltend – doch mit einem gewissen Bildungs- und Belehrungs-Anspruch.

Beispiele sind für mich Isabel Allende, Florian Illies’ ‘1913’, Historienschmöker wie ‘Wasser für die Elefanten’, ‘Alles Licht, das wir nicht sehen’ und viele historische, unterhaltende Romane, die nicht bei Suhrkamp, sondern im (unterhaltenderen) Suhrkamp-Imprint ‘Insel Verlag’ erscheinen: oft Zeitgeschichte, vermischt mit einer Romanze oder dem Schicksal eines Kindes. John Boynes Romane. Alles von Jean Echenoz. Michael Ondaatje. Historie trifft Gefühl.

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Jean Matterns “September” ist ein prototypischer Middle-Brow-Roman:

150 Seiten. Überzeugendes Setting. Überzeugendes Cover. Eine Liebesgeschichte (eine schwule) vor einem Stück Zeitgeschichte (Olympia 1972, in München). Ein Buch, das in drei Stunden gelesen, verstanden, erledigt ist.

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Natürlich könnte man auch Dokus über das Geiseldrama von München sehen, oder Steven Spielbergs komplexeres Drama ‘Munich’. Doch ich mag, wie emotional, intensiv, erklärend und häppchengroß gute Middle-Brow-Romane ein Stück Zeitgeschichte erfahrbar machen. Ich wusste fast nichts über die Spiele 1972 – und ich verstehe, warum Autor*innen Geschichte verständlich machen wollen, neu filtern durch die Perspektive interessanter Romanfiguren.

Eine erfundene Figur nimmt dich an die Hand.

Zeigt und erklärt dir ein Stück Welt.

Leicht verständlich, mit vielen Emotionen.

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Mattern, geboren 1968, sagt, sein Anreiz fürs Schreiben war, dass ihm sein Vater das Geiseldrama damals nicht erklären, begreifbar machen konnte. In meiner eigenen Kindheit sah ich viele Olympia-72-Memorabilien bei meinen Großeltern und Eltern (vor allem Trinkgläser mit Olympia-Motiven), meine Schwester wohnt heute neben dem Olympiapark – doch trotzdem wusste ich über die Geiselnahme nur, dass Israel damals irgendwie Ärger hatte… oder machte. Vom Versagen der Bayrischen Justiz z.B. erfuhr ich erst durch den Roman.

Die Romanze? Eine Art “Brokeback Mountain”/amor fou zwischen Sam, einem forschen, jüdisch-amerikanischen Reporter (geboren in Südafrika) und dem Ich-Erzähler Sebastian, einem 30jährigen Briten mit Frau und Kind – erzählt über zwei Wochen im August und September 1972.

“Jean Mattern hat das fürchterliche Drama des 5. September minutiös recherchiert und erzählt es in diesem raffinierten Roman, wie es noch nie erzählt worden ist” …schwärmt der Klappentext…

…und lügt.

“Raffiniert”?

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Sprache: Mattern benutzt eine simple, klare Sprache. Alles wird übergenau erklärt, offen ausgesprochen – und zu oft werden Dinge nur behauptet: Sebastian berichtet von einem “charmanten” und “witzigen” Gespräch, doch nirgendwo im Dialog gelingt Mattern Witz oder Charme. Im ersten Drittel des Romans dachte ich: Das erinnert an japanische Literatur. Ein steifer Ich-Erzähler voller mühsam zurückgehaltener Emotion – und vermeintlich einfache Sätze, unter denen Gefühle brodeln.

Doch an zu vielen Stellen rollte ich die Augen: Holzhammer-Sätze, kunstlose Behauptungen, plumpes Tell-statt-Show, eine Menge Stilblüten und unbeholfene Gefühls-Beteuerungen.

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Thema: Ein Freund, der an einem Drehbuch über die Geiselnahme schreibt, sagte, ihm erschien Matterns Version “gewissenhaft, aber uninspiriert aus den üblichen Quellen zusammengeschrieben” – und ich verstehe den Eindruck: Beide Figuren beteuern immer wieder, wie ergriffen oder durcheinander sie sind, doch tatsächlich lesen sich die meisten Passagen wie ein Wikipedia-Eintrag. Das Buch macht Zeit und Stimmung nicht lebendig – vor allem, weil der Erzähler so steif und trocken, seine Sprache so künstlich wirkt.

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Figurenpsychologie: Sebastian traut sich recht schnell, auszusprechen/sich vor sich selbst einzugestehen, dass er sich – offenbar zum ersten Mal im Leben – in einen Mann verliebt hat. Doch außer dauernden Beteuerungen, dass er sich hingezogen fühlt, zu Sams ‘großen schwarzen Augen’ usw. und er irrsinnig aufgeregt/erregt ist… fehlt jeder Tiefgang, jeder Versuch, das – psychologisch, sozial, persönlich – irgendwie weiterzudenken: Die Verliebtheit wirkt eher wie eine heftige allergische/körperliche Reaktion. “September” ist kein tiefsinniges schwules Buch, kein sexy Buch, kein wirklich romantisches Buch. Ein Ich-Erzähler sagt pausenlos “Uiuiui: Mich hat’s ganz schön erwischt” – doch dieses Eingeständnis bleibt hohl und leer, und der geliebte Sam ein recht gesichtsloses, ungefähres Gegenüber.

[So ähnlich betont Sebastian die ganze Zeit, dass er durch seine Arbeit zur Geiselnahme ‘fast berühmt’ wurde – doch nichts, was er im Buch tut, wirkt besonders mutig, engagiert oder journalistisch glaubwürdig: Er trottet die meiste Zeit schwer verliebt zwischen den Sportstätten und dem Pressezentrum hin und her und hofft, dass Sam spontan Zeit hat, mit ihm ein Bier zu trinken.]

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“September” ist kein Buch, das EINEN fatalen Fehler macht. Doch alles wirkt ein wenig zu flach, etwas zu kurz gedacht, zusammengelesen; Mattern nimmt die erstbeste Formulierung oder verlässt sich auf Beteuerungen. Auf 150 Seiten wirkt all das sehr dünn – und ich bin froh, wie viele Facebook-Freunde sagten, auch sie seien von der Lektüre enttäuscht: Als Literaturkritiker habe ich Angst, dass solche kurzen, gut gemeinten Häppchen-Bücher und Middle-Brow-Harmlosigkeiten fast jedem genug sind. Doch auch die Sehr-viel-Gut-Finder in meinem Freundeskreis sagten: DAS war zu wenig. Hier fehlt Substanz.

Mattern betont über das ganze Buch hinweg immer wieder, wie wichtig es den Münchnern war – besonders auch: nach der Berliner Olympiade 1936 – als harmlos, heiter, professionell und perfekt organisiert wahrgenommen zu werden und, dass die Geiselnahme eher als Störung/Ärgernis begriffen wurde. Doch beide Journalisten-Figuren in “September” sind fassungslose Zuschauer, weit weg und ohne intelligente oder besonders komplexe Standpunkte zu den Ereignissen: Brite Sebastian ist durcheinander, Jude Sam wütend, und beide unzufrieden mit der Art, wie das Live-TV und die deutschen Organisatoren kommunizieren: Die offizielle Berichterstattung wirkt selbstverliebt und dilettantisch, bayrisch-provinziell; bis auf Innenminister Genscher, dessen Engagement und Mut das Buch mehrmals betont.

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Mit 14 sah ich “Titanic” im Kino. Die Liebesgeschichte, die soziale Kluft zwischen den Figuren, das Innenleben des Schiffs… nach sicher 90 Minuten dachte ich: “Wow. Selbst, wenn gar kein Eisberg mehr kommen würde – DAS ist ein gelungener Film.” Middle-Brow funktioniert, wenn BEIDES interessant ist: die einfachen Menschen mit ihren Gefühlen… UND die historischen Umstände, in denen sie sich finden. “September” scheitert, weil bei Mattern beide Ebenen – und ihre Verknüpfung – simpel, kunstlos bleiben: ein farblos-fader Brite, behauptet verliebt, steht teilnahmslos neben einer farblos-fade nacherzählten Geiselnahme.

Und: ein bisexueller Mann, der jung Vater wird, sich 1972 zum ersten Mal in einen Mann verliebt… und 2012 (in einer Rahmenhandlung im Buch) nur sagt “Ich bin verheiratet. War 40 Jahre lang sehr angesehener Journalist. Vor einigen Jahren starb meine Tochter. Das war mein Leben”…?

Ich glaube, eine reale Figur mit *diesen* biografischen Eckpunkten hat eine interessantere, komplexere Psychologie und hätte mehr Dinge zu sagen – z.B. auch über die AIDS-Krise der 80er Jahre und über die Art, wie Live-Berichterstattung unsere Wahrnehmung von Katastrophen bis heute immer mehr verändert.

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Zu kurz gedacht. Zu knapp, lieblos erzählt. In jeder Hinsicht: zu wenig.

Jean Mattern: „September“. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. 160 Seiten, Berlin Verlag 2016.

“Männer mit Erfahrung”, Castle Freeman: Provinz-Thriller für ‘Fargo’-Fans

Männer mit Erfahrung, Castle Freeman

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2008, als Praktikant bei Klett-Cotta, las ich Castle Freemans Provinz-Thriller “Go with me”.

Erst jetzt erscheint der Roman auf Deutsch:

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Castle Freeman jr.: “go with me” / “Männer mit Erfahrung”

Steerforth, Januar 2008 / Nagel & Kimche, 22. Februar 2016

160 / 176 Seiten.

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Eine Frau sitzt im Auto, in der Hand ein Obstmesser, und bittet den Sheriff, sie vor Blackway zu beschützen. Blackway hat ihre Katze ermordet. Blackway hat ihren Lebensgefährten aus dem Bundesstaat gejagt. Blackway ist der brutale, von allen gefürchtete Einzelgänger, dem die Bewohner des Dorfes aus dem Weg gehen – ein Provinz-Bösewicht, archetypischer bully und boogey man von mythologischen Ausmaßen.

Der Sheriff schickt die Frau – Lillian – fort. Sie holt sich Hilfe in einer alten Sägemühle, wo sich die Rentner und Arbeitslosen der kleinen Ortschaft sammeln. Der Wirt rät Lillian, sich an Scott zu wenden. Vielleicht könne Scott ihr helfen, sich Blackway vom Leib zu halten. Doch Scott ist nicht da.

Irgendwie – eher zufällig, eher hilflos – ist Lillian plötzlich auf einer Kopfjagd, im Pickup durch verschiedene Stationen des kleinen Dörfchens – ein schmieriges Motel, eine verlassene Rodung usw. – gemeinsam mit dem alten, wortkargen Les [Typ: Locke aus „Lost“] und dem großen, ein wenig zurückgebliebenen Nate.

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Blackway was a bad guy. He was big around here because there wasn’t nothing he wouldn’t do and he made sure everybody knew it. He thought he was the only guy like that. That’s why he walked into our business here tonight. Blackway never thought nobody would go as far as him.”

Lillian, Les und Nate müssen entscheiden, ob sie moralisch verpflichtet sind, sich gegen Blackway zu wehren. Und, ob der Zweck die Mittel heiligt. Dazwischen zeigt Autor Freeman immer wieder die Saufkumpanen im Sägewerk und ihre – alkoholbedingt recht rammdösigen – Gespräche über die Region und ihre Alters- und Abstiegs-Sorgen: ein griechischer Chor, der alles kommentiert.

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2008 urteilte ich für Klett-Cotta:

go with me“ ist ein Roman, angesiedelt in einer skurrilen „Twin Peaks“-Hinterwäldler-Welt: Sägemühlen, endlose Wälder, kauzige alte Männer, Armut; bevölkert von Figuren wie in einem Film der Coen-Brothers: inkompetente Dorfpolizisten, wortkarge Barkeeper, plappernde Saufkumpane und eine schöne Frau, ursprünglich von außerhalb.

Ein kurzes Buch über Macht, Einschüchterung, Kontrollverluste, sehr verknappt, skurril und schnell. Der Plot ist gewollt schlicht, die Figuren in recht groben Strichen gezeichnet, alles bleibt parabelhaft: pointierte Dialoge, aber kaum Beschreibungen. 

Ich musste an Theaterstücke denken: immer drei, vier Figuren auf der Bühne, ein Schlagabtausch in einfacher, provinzieller Alltagssprache.

  • ein ähnlicher Tonfall wie Nicholson Bakers (alberner) Dialogroman “Checkpoint”
  • thematisch arg nah an Lars von Triers’ Das-Dorf-als-Hexenkessel-Film „Dogville“
  • simpler, aber witziger und parabelhafter als Daniel Woodrells “Winters Knochen”

Am Ende des Tages stellt das Trio Blackway. Und muss entscheiden, ob sie auf ihn feuern wollen: Hilft es, den Weg zum Ende zu gehen [„go with me“], den Tod dieses Mannes zu verantworten? Fressen, um nicht gefressen zu werden?

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Castle Freeman, Zsolnay Verlag

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Autor & Themen: Freeman ist Kolumnist beim Farmers’ Alamanac und lebt in Vermont. In den 80ern und 90ern zwei Romane, eine Kurzgeschichtensammlung und eine Sammlung von Essays [Kleinverlage]. Ein graumelierter, freundlicher Herr mit Spazierstock. Interview / Podcast über „go with me“ (Lokaljournalismus: Vermont): http://www.vpr.net/news_detail/79239/

1997 erschien sein erster Roman, “Judgement Hill”: “A decade after his story collection, The Bride of Ambrose, Freeman returns with an insightful, down-to-earth debut novel, this also set in the imaginary town of Ambrose, Vermont. Here, local logging and the appearance of a pretty Texas drifter coincide to disturb the equilibrium of the village’s first citizen.”

2009, 2011 und 2015 drei weitere Bücher. Vielleicht ist der Vermont-Thriller “All that I have” (2009) einen Blick wert.

Die großen durchgängigen Themen sind offenbar Provinz (Vermont), ungelernte Arbeiter, Verfall von Traditionen: ein recht altmodischer Thornton-Wilder-/Sherwood Anderson-Blick auf den Niedergang der kleinen Ortschaften.

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Urteil: Ein schnelles, gut gelauntes Buch, das nur drei, vier Stunden braucht. Der Anfang wirkt zu konstruiert – das Hin und Her zwischen dem simplen „drei ungleiche Dorfbewohner auf der Jagd nach dem Finsterling“-Plot und den theatralen Dialogen im Sägewerk. Doch beide Stränge funktionieren recht gut: simpel, aber wirkungsvoll.

[wie gesagt: ich schrieb das 2008, als Gutachten/Einschätzung:] “Go with me” ist nicht markant und clever genug fürs Imprint Tropen. Es ist – in seiner schlichten Sprache, und weil’s nach 160 Seiten wieder um ist, kurz vor dem Punkt, an dem diese Geschichte hätte WIRKLICH hässlich und klug werden können – nicht atmosphärisch dicht, kunstvoll genug erzählt für Klett-Cotta: Ein kleiner, rundum vergnüglicher Roman ohne besonderen Anspruch, gut aufgehoben bei btb oder in der Paperbackreihe des Berlin Verlag.

Letztendlich will Freeman – auf 160 Seiten, und in der unspektakulären Beschreibung eines Dörfchens und ein paar schlicht gestrickter Figuren – so wenig… Ich finde es nicht angezeigt, mit solchen Häppchen einen „richtigen“ Programmplatz zu blockieren. Oder 14, 18 Euro für ein Hardcover zu verlangen.

nebenbei: Kenneth Cooks Australien-Roman „In Furcht erwachen“ (aus den 70ern, 2005 neu aufgelegt bei C.H. Beck) spielt ein ähnliches Spiel – im Outback.

Go With Me

Manga, rechts außen: “Attack on Titan” bei Deutschlandradio Kultur

Attack on Titan DKultur Illustration 1

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Am 16. November (Montag) spreche ich bei Deutschlandradio Kultur ab kurz nach 10 Uhr über die aktuell erfolgreichste Comicreihe der Welt: “Attack on Titan”.

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“Attack on Titan” ist ein monatlich erscheinender japanischer Horror-/Fantasy-/Action-Manga für Jugendliche. Pro Monat erscheinen ca. 40 Seiten in einem Magazin; alle ca. 5 Monate erscheint ein Sammelband mit 4 bis 5 Kapiteln, seit 2009. Diese bisher 18 Sammelbände sind ein Bestseller in Japan, den USA und Deutschland. Die Reihe soll ca. 2017 enden.

2013 erschien eine Anime-Serie, die Band 1 bis 8 adaptiert, seit Oktober 2015 läuft eine zweite Staffel. Diese TV-Adaption ist handwerklich besser als der Manga, aber in erster Linie ist „Attack on Titan“ weiterhin ein Print-Erfolg. Im Sommer 2015 kam eine Realverfilmung in die Kinos – mit schlechten Kritiken/wenig Resonanz.

Ein 3-Minuten-Trailer zur TV-Version, der Figuren, Stimmung und Militarismus gut einfängt:

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6 Thesen, Eigenarten:

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„Attack on Titan“…

…ist amateurhaft: Hajime Isayama, geboren 1986, ist Zeichner und Autor. 2009 war er erst 22. Mangas sind oft SEHR virtuos gezeichnet. „Titan“ ist der zeichnerisch schlechteste, den ich kenne: Perspektive, Hintergründe, Charakterdesign… alles wirkt lieblos und anfängerig. Das ist toll, weil: Der Manga wirklich durch die Geschichte zum Erfolg wurde. Nicht durch Schauwerte oder Oberflächen. [Die TV-Version ist deutlich hochwertiger.]

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…ist „deutsch“: Der Manga spielt in der Zukunft oder auf einer parallelen Erde. Seit 107 Jahren verschanzt sich die Menschheit irgendwo in Zentral- oder Osteuropa hinter drei riesigen Mauern/Festungskreisen. Die ärmsten Menschen leben in den äußeren Gebieten, die Oberschicht im sicheren Zentrum. Es gibt keinen Strom und keine Motoren, die Architektur erinnert an deutsche Fachwerkstädte wie Nördlingen, im reichen Zentrum an die Gründerzeit in z.B. Berlin.

Die Figuren heißen „Eren Jäger“, „Annie Leonhardt“, „Christa Lenz“ oder, alberner, „Flegel Reeves“, „König Fritz“ usw., der japanische TV-Titelsong beginnt mit den deutschen Worten „Seid ihr das Essen? Wir sind die Jäger!“

Im März, auf der letzten Leipziger Buchmesse, sah ich MASSENWEISE Cosplayer/Fans in Uniformen. Die „Titans“-Welt ist preußisch/altdeutsch, germanophil, Soldatin Makisa Ackermann ist halb-Asiatin und damit vielleicht der letzte nicht-weiße Mensch. Denn hinter den Mauern warten Riesen/Titanen: 3 bis 50 Meter hohe Wesen, die Menschen verschlingen/fressen und nur durch einen Schwerthieb durch den Nacken getötet werden können.

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titan i wasn't free and...

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…ist Shonen: Es gibt vier Sorten Manga: Josei für erwachsene Frauen, Seinen für Männer, Shojo für Mädchen und Shonen – für Jungs. Wie fast alle in Deutschland erfolgreichen Manga ist “Attack on Titan” ein Shonen-Titel. Action, kaum interessanten Frauen, ein junger, ungestümer Held mit besonderen Fähigkeiten, von dessen Leistung das Schicksal der ganzen Welt abhängt. „Attack on Titan“ ist konventionell – aber eben ein zeitgemäßer, spannender, süffiger Einstieg ins Genre „Shonen“ oder ins Medium „Comics“. Und: die Reihe ist zynischer, blutiger, weniger idealistisch als bisherige Shonen-Erfolge („Dragonball“, „One Piece“). Ein Junge geht zum Militär, um Riesen zu zerstören – um jeden Preis.

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…ist eine Zombie-Geschichte ohne die Frage nach Werten: Die Titans sind wie Zombies – nur (sehr japanisch) groß wie Godzilla/Kaiju-Monster. In vielen Zombiegeschichten ist die Regierung passé, Figuren müssen sich als Gruppe organisieren und entscheiden, an welchen Werten sie festhalten. Bei „Attack on Titan“ dagegen gibt es ein Militär, dem man sich unterordnet: Gehorsam, Uniformen, Militarismus, Wir-gegen-die-Rhetorik. Der Comic ist halb „Harry Potter“ (zwei Jungs, ein Mädchen machen eine gefährliche Ausbildung), halb Militär-Werbung. Der sympathische „Titan“-General Pixis ist dem Kaiserlichen General Akiyama nachempfunden – der Invasionskriege gegen China und Korea führte. Auch deshalb wird „Attack on Titan“ in Korea und China boykottiert, der Autor erhielt Morddrohungen.

Der sympathischste Kommandant, Erwin Smith, hat… Erwin Rommel zum Vorbild.

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attack on titan rechts

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…ist ein ontologisches Rätsel: Ähnlich wie Mystery-Serien wie „Lost“ funktioniert „Titan“ auf zwei Ebenen. Abenteuer, Überlebenskampf, Verfolgungsjagden auf Pferden und durch Wälder… und, größer: die Frage, wie diese Welt funktioniert. Woher kommen die Titanen? Was liegt jenseits der Mauer? Spielt die Handlung ca. im Jahr 4000, nach einem riesigen Krieg – oder in einer Märchenversion des späten 19. Jahrhunderts? Immer neue Rätsel und Geheimnisse sind wichtiger als Figurenpsychologie oder Logik, und wie bei vielen ontologischen Rätseln kann man vor Ende nicht sicher sagen, ob die Geschichte „gut“ ist oder nicht. Bisher wird sie in 18 Bänden immer hanebüchener, aber auch immer packend-geheimnisvoller.

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…ist reaktionär: als die Titanen die äußerste Mauer durchbrechen, verliert die Menschheit ein Drittel ihres Landes. Alle flüchten sich hinter Mauer 2 – doch weil das Essen knapp wird, sperrt der König die Unterschicht (20 Prozent der Menschheit) aus und lässt sie von Titanen fressen. Sozialdarwinismus, sehr viel Gerede über „wertlose“ Menschen oder die „Verschwendung“, Schwachen zu helfen… „Attack on Titan“ erzählt eine zynische Geschichte und zeigt eine mitleidslose, fremdbestimmte Welt, die Teenager anspricht. Die Adligen sind dekadent, der Staat machthungrig, die Priester böse, Zivilisten dumm und nutzlos. Nur das Militär kann uns retten.

titan commander.

titan x

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attack on titan rechts 2

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  • „Jeder ist ein Sklave einer Sache oder Idee.“
  • „Es gibt keine guten und schlechten Menschen: Wer unbequem ist, wird ‘schlecht’ genannt“
  • „Wenn die Ressourcen knapp werden, muss sich jede Minderheit der Mehrheit anpassen.“
  • Nur, weil Soldaten sich opfern, „können die gewöhnlichen Menschen immer weiter leben, ohne etwas zu schaffen, bis sie irgendwann sterben.“

Zäune. Mauern. Opfer: „Attack on Titan“ zeigt eine grausame, existenziell beklemmende Welt – drastisch, ohne Empathie für Schwächere, jugendlich-pathetisch, wütend… und rechts. faschistoid?

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Attack on Titan DKultur Illustration 3

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Manga-Empfehlungen:

  • mein aktueller Lieblings-Manga ist “I am a Hero”
  • mein TV-Favorit: “Neon Genesis Evangelion”
  • mein Lieblings-Animefilm: “Nausicäa”
  • als Schüler mochte ich “Die Königin der 1000 Jahre”, “Lady Oscar”, “Sailor Moon”, “Wish” (Clamp) und “Dragonball” (nur die Mangas, nicht die Serie).
  • seitdem las und mochte ich u.a. “Yotsuba”, “Bakuman”, “Honey & Clover”, “Twin Spica”, “Sakamichi no Apollon”, “With the Light” und, mit gewissen Abstrichen, “Young Bride’s Story”, “Homunculus”, “Pluto”, “Planetes” und “Ooku: the Inner Chambers”.

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titan guter Mensch good Person