Rassismus

Claudia Rankine: „Citizen“ [Lyrik / Essay, Empfehlung bei Deutschlandfunk Kultur]

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Nach einem kurzen Telefonat versprichst du dem Geschäftsführer am Apparat, vorbeizukommen und das Formular auszufüllen. Als du das Büro betrittst und dich vorstellst, platzt er heraus:

Aber Sie sind ja schwarz! Das wollte ich so nicht sagen, sagt er dann.

Laut, sagst du.

Bitte?, meint er.

Das wollten Sie nicht laut sagen.

Danach sind die Formalitäten schnell erledigt.

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Claudia Rankine findet auf 180 Seiten eine kluge, flexible Form, um sichtbar zu machen, wie Rassismus vergiftet und belastet, und sich immer weiter fort setzt.

Vieles an diesem Buch / Format ist überraschend, unkonventionell. Doch ich glaube, wir brauchen mehr von genau SOLCHEN Büchern:

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  • In „Citizen“ wird viel angeschnitten, aufgegriffen, zitiert – auch durch Bilder, Literaturzitate, Namedropping.
  • Ich sehe das Buch als Einladung, Google zu benutzen, sich tiefer zu informieren.
  • Solche Einladungen sind heute, in Zeiten von Google, Wikipedia etc., legitim.
  • Ich kann jeden verstehen, der ruft „Das ist doch vor allem Stückwerk“ oder „Warum erklärt Rankine nicht alles, von Anfang an?“…
  • …doch da drehen wir uns im Kreis:
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    Es hätte Möglichkeiten gegeben, dieses Buch noch viel kompakter, lyrischer, kürzer zu machen. Oder eben: 600 Seiten dick, fußnotengesättigt. Ob „Citizen“ „zu viel“ ist, „genug“ oder „nur die Spitze eines Eisbergs“ – das wird jeder Leser anders sehen. Ich selbst begreife die Fülle an Namen, Verweisen etc. als Einladung, mich danach eigenständig weiter zu informieren.

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Ich habe eine Handvoll Lieblings-Lyriker*innen: Andre Rudolph, Uljana Wolf, Daniel Falb.

Im Studium war ich Mitherausgeber von „BELLA triste“: einer Literaturzeitschrift, die junge Lyrik verlegte, und, immer wieder: ESSAYS über Lyrik, die ich sehr schätzte. Weil Gedichte so kurz sind und die Lyrikszene in Deutschland recht klein, kennen die meisten Lyriker*innen die meisten Arbeiten fast aller Kolleg*innen.

Deshalb können sich Lyriker*innen meist VIEL klüger verständigen, abgrenzen, positionieren, gegenseitig rezensieren etc. als deutschsprachige Prosa-Autor*innen… die oft zu wenig Zeit haben, um viele ihrer Rivalen, Kollegen, Contemporaries zu lesen.

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US-Lyrik steht für mich woanders. Weil sie meist viel narrativer ist. Oft wird auch wesentlich persönlicher erzählt. Klang/Rhythmus/Sprachkunst/ein präzises Versmaß… alles, wofür ich deutschsprachige Lyrik bewundere… ist selten die oberste Priorität. Im besten Fall heißt das: US-Lyrik ist lesbarer, zugänglicher, nah und dringlich, un-verkopft, politischer. Im schlimmsten Fall wirkt US-Lyrik „runtergeschrieben“, „distanz- und kunstlos“, „anfängerig“ etc.

Claudia Rankine, geboren 1963 auf Jamaika, kam 1970 nach New York.

Ihr erster Gedichtband erschien 1994. „Citizen“ (2014) ist ihr fünfter großer Band – und der erste auf Deutsch.

2016 erhielt Rankine die Yale-Poetikprofessur. Im selben Jahr erhielt sie ein McArthur-Stipendium über 625.000 Dollar – und spendete das Geld einem Critical-Whiteness-Forschungsprojekt (Link, Guardian).

Hörenswert? Rankines einstündige Keynote auf der AWP Conference 2016. (Link zum Kontext | Link zum Transcript)

Rankine war eine der wichtigsten, lautesten Kritikerinnen, als die US-Autorin Lionel Shriver 2016 eine (polemische, viel zu kurz gedachte, tumbe) Rede darüber hielt, dass sie, als weiße Autorin, ja heutzutage am besten nur noch über weiße Figuren schreiben sollte – weil ihr sonst kulturelle Aneignung vorgeworfen wird.

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„Rankine won’t initially talk about Shriver […] She is, however, interested in the views of “somebody like Jonathan Franzen,” as she acknowledges the seriousness of his writing. “He said something like ‘I can’t write about people I don’t know.’ That, to me, is more complex. So, why don’t you know these people? What choices have you made in your life to keep yourself segregated? How is it one is able to move through life with a level of sameness? Is that conscious? Is segregation forever really at the bottom of everything? When he says something like that, I find that really interesting as an admittance to white privilege: that he can get through his life without any meaningful interaction with people of color.” [Link]

Rankines „Citizen“ erschien 2014 im linken Indie-Verlag Graywolf Press. Es gewann den National Book Critics Circle Award in der Sparte „Poetry“ – doch war auch in der Sparte „Criticism“ nominiert. Das zeigt gut, was „Citizen“ besonders macht. Aus Rankines AWP-Keynote:

„By way of illustration, Rankine read out loud an email sent to her by an (anonymous) African-American student who was thinking of leaving his or her program because they were told that “certain life experiences are said to belong to sociology and not to poetry, and that to write beyond the imagination’s notion of normality is to write political poetry, sociology, identity politics poetry, protest poetry — many labels but none of them poetry. For in order for poetry to be poetry,” Rankine continued, “white readers must find it relatable, and only then can it transcend its unrelatable colored writer.”

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Auch bei „Citizen“ greift dieser Reflex: Ist das „vor allem“ Lyrik? Oder so sehr Essay, dass man kritisieren kann, es sei nicht „genug“ Lyrik? Keine sehr kunstvolle Lyrik etc.?

Der Untertitel der US-Ausgabe ist „An American Lyric“ (die deutsche Übersetzung von Uda Strätling hat keinen Untertitel).

Das verweist auf die Sparte „Lyric Essay“, „a contemporary creative nonfiction form which combines qualities of poetry, essay, memoir, and research writing“ (Wikipedia)

Ähnliche Mischformen benutzen u.a. Maggie Nelson, Joan Didion, Teju Cole; ich musste bei „Citizen“ auch an James Baldwins persönlichere Essays denken

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„Citizen“ hat knapp 180 Seiten und besteht aus einzelnen, oft ein bis vier Seiten langen Vignetten/Episoden – oft sehr straight/narrativ/in erzählender Prosa formuliert.

Gut ein Drittel des Buches sind Anekdoten, in denen ein schwarzes „Du“ im Alltag Rassismus Erfährt. Oft sind das ganz kleine, alltägliche Momente, in denen Freunde, Kollegen, Dienstleister, Menschen in der U-Bahn etc. plötzlich stolpern, stocken, zu erkennen geben: „Du und ich – wir zwei sind eben deutlich verschieden: Schließlich bist DU schwarz.“

Die Soziologie spricht von „Microaggressions“: kleine Szenen, Gesten, Abwertungen, in denen eine Mehrheit den Angehörigen einer Minderheit ihren Platz weisen will.

Indem „Citizen“ diese (oft tatsächlich: gar nicht „kleinen“!) Momente, Irritationen, Angriffe und Ausgrenzungen aneinander reiht, zeigt es eindringlich, wie belastend es ist, als Fremder, als „Other“ verstanden zu werden und dabei funktionieren zu müssen: freundlich zu bleiben, Würde zu bewahren, Systemen wie der Polizei ausgeliefert zu sein.

Beim Lesen dieser vielen Anekdoten / Entgleisungen / Ausgrenzungen zeigt sich gut, wie schwer es ist, solche Angriffe überhaupt zu fassen und zu verarbeiten: „WAS genau war jetzt schlimm? Wirklich SO schlimm? Ist das jetzt schon, beweisbar und objektiv, Rassismus? Was soll man in der Situation antworten? Wie soll man danach über die Situation sprechen?“ etc.

Ein narrativeres Buch, ein Ratgeber, eine politische Rede, ein Blogpost, würde meist versuchen, auf diese Fragen sehr konkrete Antworten oder Handlungsempfehlungen zu geben. Es bräuchte dezidiertere Positionierungen und Erklärungen („X ist passiert. X ist schrecklich, weil… Y. Ich fordere Umdenken, ich fordere Policy Changes!“)

Trotzdem habe ich an keinem Punkt den Eindruck, dass es sich „Citizen“ zu leicht macht, Dinge nur anschneidet. Ich finde die Form, die Kürze hier gelungen, weil ich sehe: Hätte man all diese Fragen und Aspekte über Abwertungen, Status, Rassismus in einem Blog aufgegriffen… alles wäre 600 Seiten lang und recht akademisch geworden. „Citizen“ bleibt viel zugänglicher.

Die Anekdoten werden ergänzt, kontrastiert von: u.a. einem längeren Text darüber, wie Tennisspielerin Serena Williams durch Schiedsentscheidungen 2004, 2009 und 2011 immer wieder mit dem Rücken zur Wand gedrängt wurde während entscheidender Spiele. Und wie oft sie sich anhören musste, ihre Wut sei „unwürdig“. Respectability Politics. Tone Policing.

Rassistische Linienrichterinnen maßen mit zweierlei Maß – doch trotzdem fragen bei Williams Medien vor allem: „Wirft sie ein schlechtes Licht auf unseren Sport? Ist ihr Verhalten ungebührlich?“ und „Wirft sie ein schlechtes Bild auf Schwarze – sobald sie Wut zeigt, aufbegehrt, ‚zickig‘ reagiert?“ Je weißer, homogener der Hintergrund, erklärt Rankine, desto sichtbarer, dominanter wird das eigene Schwarzsein. [Zora Neale Hurston: “I do not always feel colored”; “I feel most colored when I am thrown against a sharp white background.”]

In kurzen Textmontagen zeigt Rankine, welche Rolle Rassismus bei u.a. der Evakuierung nach Hurricane Katrina spielte, bei US-Polizeikontrollen im Verkehr, bei Zinedine Zidanes Kopfstoß bei der WM 2006, bei den London Riots 2011 (auch im Vergleich zu den Rodney-King-Unruhen in LA 1991).

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Erzähl mir eine Geschichte, sagt er und nimmt mich in die Arme.

Gestern, beginne ich, habe ich im Wagen gewartet, weil ich etwas früh dran war. Eine Frau bog ein und wollte frontal gegenüber parken. Unsere Blicke trafen sich, und was vorging, ging so schnell wie ein Wegsehen. Sie setzte zurück und parkte am anderen Ende des Platzes. Ich hätte ihr mit der Frage, die mich beschäftigte, nachgehen können, aber ich musste los, ich wurde zum Spiel erwartet, ich packte den Schläger.

Der Sonnenaufgang ist grau und träge, hat Licht im Schlepptau, aber nur so eben.

Hast du gewonnen?, fragt er.

Es war kein Match, sage ich. Es war eine Lektion.

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Mein Fazit?

Wo und wie wollen wir Erfahrungen, Ausgrenzungen, Diskurse sichtbar machen? und wie wollen wir sie literarisieren?

Ich merke, dass mir Rassismuskritik selten in großen Monografien etc. begegnet (James Baldwin, Franz Fanon, aktuell Ta-Nehisi Coates), sondern viel deutlicher und präsenter als Stückwerk, Mosaik:

In rassismuskritischen Tweets und Tumblr-Posts, in Facebook-Diskussionen, in Spoken-Word-Beiträgen oder Facebook-Rants, die viral gehen.

Vieles von dem, was Rankine in „Citizen“ bündelt, kann ich mir (…und das ist keine Kritik und kein Beleg dafür, dass sie „unliterarisch“ arbeitet!) sehr gut in meinen News Feeds online vorstellen.

Technik-Autor Cory Doctorow sagte vor fast 10 Jahren, er erklärt in seinen Romanen/Kurzgeschichten immer weniger Fachbegriffe – weil er weiß, dass heutzutage fast jeder Leser einfach alles, was ihm nichts sagt, aber dringend interessiert, googeln wird.

So ähnlich ist auch „Citizen“ für mich eine Einladung, Namen zu googeln, selbst zu recherchieren.

Im Buch gibt es etwa 20 Abbildungen – dokumentarische Fotos sowie Kunst – bei denen ich allesamt nicht sagen würde „Wow. Das ergänzt / kontrastiert Rankines Prosa/Sprache SO gut: Diese Abbildung MUSS hier sein“ oder „“Das wirkt so konsequent, passend, sinnvoll an dieser Stelle: Ich verstehe, warum hier DIESE Ikonografie zitiert wird, und keine andere.“

Aber: jede dieser Abbildungen hat einen Kontext, eine*n Künstler*in etc., die IRRSINNIG interessant sind:

Ich lese die Bilder als Links/Einladungen, die mir, sobald ich google, Wissen und Kontext vermitteln. Kontext, der „sich lohnt“.

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2016 erschien Beyoncés Musikvideo zu „Formation“. Je mehr man über schwarze Ikonografie, Kunstgeschichte, Rassismus und akademische Stimmen weiß, desto klüger, wichtiger, sehenswerter, spektakulärer scheint dieses Video. Ich selbst bin trotzdem etwas ratlos. Zum einen, weil ignorante Leute bequem sagen können: „Ach, Beyoncé. Überschätzt. Was soll das Gewese?“. Zum anderen, weil ich mir persönlich lieber ein… 600-Seiten-Buch wünsche, das mir solche Diskurse und Zusammenhänge vermittelt. Kein Musikvideo, bei dem klar ist: weiterbilden, informieren, verstehen-lernen, das muss ich alles selbst und eigenständig, non-linear, via Google und Essays, Wikipedia und aktivistischen Websites.

„Citizen“ ist kein Video. Sondern zwei Stunden gut genutzte Lesezeit, am besten mit einem Textmarker. Auch in deutscher Übersetzung ist das Buch sprachlich komplex, raffiniert, „lyrisch“ genug, dass ich es als Lyrik verstehen und empfehlen kann. Persönlich aber wähle ich, wenn ich die Wahl habe, z.B. lieber Rankines Keynote-Rede, oder Interviews und Essays von ihr, statt Verdichtungen wie „Citizen“.

Habe ich die Wahl zwischen kleinen, raffinierten Formen, die viel enthalten und anreißen… und großen, ausufernden, die sich immer weiter verzweigen und Raum nehmen, würde ich fast IMMER sagen: „Warum schreibt Rankine nicht lieber ein sechsbändiges autobiografisches Essay wie Karl-Ove Knausgaard?“

Doch das sind persönliche Präferenzen. Als Literaturkritiker kann ich sagen: Ich verstehe, was „Citizen“ sein will, in seinem Format.

Als das, was es sein will, ist „Citizen“ – in Länge, Tiefgang, Ton und Sprache – unbedingt lesenswert. Und, künstlerisch: gelungen.

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Sara Ahmed, in On Being Included: Racism and Diversity in Institutional Life, notes that “it is important to remember that whiteness is not reducible to white skin or even to something we can have or be, even if we pass through whiteness. When we talk about a ‘sea of whiteness’ or ‘white space,’ we talk about the repetition of passing by some bodies and not others. And yet nonwhite bodies do inhabit white spaces; we know this. Such bodies are made invisible when spaces appear white, at the same time they become hypervisible when they do not pass, which means they ‘stand out’ and ‘stand apart.’ You learn to fade in the background, but sometimes you can’t or you don’t.”

[…] For Robin DiAngelo, internalized dominance is defined in this way: “We know that we learn who we are as social beings largely by learning who we are not. For the dominant group, being socialized to see the minoritized group as inferior necessarily conveys that the dominant group is superior. This sense of superiority is often not explicit but internalized deep beneath the surface. Across their life span and in every aspect of life, dominant group members are affirmed, made visible, and represented in diverse and positive ways. This process causes members of the dominant group to see themselves as normal, real, correct, and more valuable than the minoritized group, and thus more entitled to the resources of society.” 

[…] I am often wondering why race acknowledgement remains absent from the writing of many mainstream white writers. All the people are presumed white in their work because they are simply people. This conscious or unconscious complicity with the idea that white life is a standard for “normal” life and the people in the white peoples’ writings are simply people who are motivated by anything but maintainence of their own whiteness remains a question for me. I often wonder why as a reader I am being made to join in and be complicit with the belief that white people are the people. It is an equation that rules journalistic, nonfiction, and creative writing. […] Even if people of color are present in the lives of whites they are wiped and rendered invisible in imagined works that fail to imagine beyond its segregationist orientation. Somewhere in the writing process it’s believed the imagined “universal” work, the imagined “trancendent” work, the work of prizes and mainstream magazines replicates the valued white spaces in our world. To recognize blacks especially, or other people of color in a work is to politicize the work, (thereby calling white out as an aggressor,) and remove it from its status as universal art.

[Quelle]

 


 

Schwarze Stimmen, entwertet

Essay trifft Lyrik: Claudia Rankines „Citizen“ zeigt die Gräben und Attacken gegen afroamerikanische Selbstbestimmung

Poesie lässt Leerstellen. Sie skizziert Räume, Verknüpfungen. Assoziiert. Essays spielen Gedanken oft viel gründlicher durch: Sie stellen klare Fragen – und klopfen Ideen gegen große und kleine Thesen. Claudia Rankine, geboren 1963 auf Jamaika, meistert beides: In bisher fünf Gedichtbänden schreibt die US-Amerikanerin lyrisch, analytisch, manchmal persönlich über Klassenschranken, Entwertungen, Identität und Würde.

Wo Lyrik sonst offen, vage, vieldeutig bleibt, wird Rankine wunderbar konkret. Doch wo Essays zu Predigt, Angeberei gerinnen, denkt sie offener, gelenkig. Mit „Citizen“ (2014) gewann sie den PEN Open Book Award – und zehn weitere große Preise. Seit 2016 doziert sie an der Yale University. Spector Books, ein anspruchsvoller Kleinverlag aus Leipzig, veröffentlicht „Citizen“ in der nüchtern-ruhigen Übersetzung von Uda Strätling: Ist das ein Gedichtband? Oder ein 180 Seiten langes Essay?

Rankine findet eine eingängige, flexible Form, um sichtbarer zu machen, wie Rassismus vergiftet, belastet, sich fort setzt. In längeren, recht journalistischen Passagen beschreibt sie, wie etwa Tennisspielerin Serena Williams mitten in entscheidenden Turnieren immer wieder von rassistischen Linienrichterinnen gebremst, abgewertet wurde – und, wie ihr Medien bei jeder Gefühlsregung vorwarfen, dem Ruf des Sports zu schaden.

„Citizen“ handelt von der Segregation während Hurricane Katrina in New Orleans, von Polizeigewalt und entwürdigenden Verkehrskontrollen. Von Räumen, die über Jahrhunderte Räume von und für Weiße waren – und den Mechanismen, mit denen Weiße noch immer zeigen: Mit dir haben wir hier nicht gerechnet. Wie kann jemand, der spricht und aussieht wie du, hierher gehören?

Etwa ein Drittel des Texts sind kurze Anekdoten in der „Du“-Form. Online-Aktivismus sammelt Ausgrenzungen, Entwertungen aktuell oft unter dem Label „Mikroaggression“: Wenn Gesten, Blicke weh tun. Im Alltag plötzlich Gräben klaffen. Oder Sprache verletzt. Leider klingt „Mikro-„, als ginge es um Subjektives, Kleinigkeiten. All die Beispiele in „Citizen“ und die Fragen, Thesen, die Rankine aus solchen Szenen zieht, zeigen, dass „Mikroaggressionen“ mehr sind: gezielte Gesten und Sprechakte, um andere Stimmen zu entwerten.

„Citizen“ ist kurz, offen, bezugsreich. Ein Buch, das man am besten mit Textmarker liest, und viel Zeit für Google, Wikipedia. Eine Einladung, sich über schwarze Diskurse und Geschichte fort zu bilden. Und eine Einladung, wie wir uns, als Kultur, schaden, sobald wir Stimmen von Menschen of Color als Gegenseite entwerten. An den Rand drängen. Als Nischen- und Minderheiten-Thema verstehen.

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Vielfalt, Diversity und Minderheiten im Jugendbuch: Young-Adult-Literatur gegen Rassismus (Buchtipps)

Diversity im Jugendbuch Buchtipps

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Jugendbücher mit Hauptfiguren of Color? Queeren Figuren? Held*innen mit Behinderung? Oder Bücher, die nicht in westlichen Ländern spielen?

Nicht jedes Buch mit nicht-weißen Hauptfiguren ist gleich ein Buch „gegen Rassismus“: Antirassistische Texte kenne ich vor allem als Sachbuch.

Aber: Bücher sind einer der einfachsten Wege, neue, fremde Perspektiven, Lebenswelten, Identitäten besser zu verstehen. Darum mag ich Bücher mit Hauptfiguren, die wenig mit mir gemein haben – und kenne z.B. VIEL mehr gelungene Jugendbücher von, mit und über Frauen.

Hier sind meine Empfehlungen und “bald lesen!”-Favoriten von Titeln, deren Erzähler und Erzählerinnen aus anderen Kulturen kommen, Minderheiten angehören oder Minderheitserfahrungen machen.

andere Jugendbuch-Empfehlungslisten von mir:

Buchtipps von Jugendlichen für Jugendlichen gibt es auf Bücherkinder.de; Buchtipps mit Schwarzen Hauptfiguren hier im .pdf von Berit Pohle.

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zehn diverse Jugendbücher, die ich las und sehr empfehlen kann:

  • Sharon M. Draper: „Mit Worten kann ich fliegen“ (Buch ab ca. 11; Erzählerin mit Schwerstbehinderung)
  • Susan Nussbaum: „Good Kings Bad Kings“ (Ensemble-Roman über Jugendliche mit Behinderung, teils queer, und einige Betreuer*innen; viele Figuren of Color)
  • Octavia Butler: „Vom gleichen Blut“ (feministischer Zeitreise-Roman über eine Schwarze Frau in den 70ern, die sich auf einer Plantage als Sklavin wiederfindet)
  • Claudia Gray: „Star Wars: Verlorene Welten“ (politischer Star-Wars-Roman über Mädchen und Jungen, die gemeinsam beim Imperium anheuern, ihre Erfahrungen und Privilegien.)
  • G. Willow Wilson: „Ms. Marvel“ (junge muslimische Superheldin in New Jersey, bisher 7 Bände. Band 2 ist fade, der Rest großartig!)

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Mit Worten kann ich fliegen  Good Kings Bad Kings  Vom gleichen Blut  Star Wars: Verlorene Welten (Journey to Star Wars: Das Erwachen der Macht)  Ms. Marvel, Vol. 1: No Normal

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And the Violins Stopped Playing  Go Set a Watchman  Ask the Passengers  Stuck Rubber Baby  Girl in Translation

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Im Mai las ich durch ca. 600 Leseproben von (fast nur: englischsprachigen) Young-Adult- und Middle-Grade-Novels, und fand weitere Titel, auf die ich Lust habe.

45 Bücher, angelesen, vorgemerkt, sehr gemocht:

(alle Inhaltsangaben sind die offiziellen Klappentexte, von mir leicht gekürzt.)

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Linda Sue Park: „Der lange Weg zum Wasser“ (Original: „A Long Way to Water“, 2010)

„Um für ihre Familie Wasser bei der Wasserstelle zu holen, läuft Nya täglich acht Stunden. Salva flieht aus seinem vom Krieg zerstörten Dorf. Er läuft quer durch Afrika, auf der Suche nach einem sicheren Ort und seiner verschollenen Familie. Zwei fesselnde Stimmen erzählen von Not und Vertreibung – aber auch von Hoffnung.“ [der US-Klappentext ist klüger, konkreter und nennt mehr als nur „Afrika“:  „Two stories, told in alternating sections, about a girl in Sudan in 2008 and a boy in Sudan in 1985.“]

Patricia McCormick: „Der Tiger in meinem Herzen“ (Original: „Never fall down“, 2012)

“Das radikale kommunistische Regime der Roten Khmer übernimmt die Macht in Kambodscha. Es folgt ein schrecklicher Völkermord, dem zwei Millionen Menschen zum Opfer fallen – ein Viertel der gesamten Bevölkerung. Arn hat überlebt. Doch der Preis dafür war hoch. Denn er ist selbst zum Täter geworden. Und es ist ihm schwer gefallen, den Tiger in seinem Herzen zu bändigen. Schonungslos und brutal erzählt Patricia McCormick von den Killing Fields. Es braucht nachhaltig beeindruckende Bücher wie dieses, um aufzuzeigen, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sind und welche Fehler sich niemals wiederholen dürfen.”

Deborah Ellis: „Die Sonne im Gesicht“ (Original: „The Breadwinner“, 2001)

„Als ihr Vater verhaftet wird, nimmt die elfjährige Parvana seinen Platz auf dem Markt in Kabul ein. Hier hatte er den vielen Analphabeten ihre Post vorgelesen. Wegen der restriktiven Gesetze der Taliban kann sie sich jedoch nur als Junge verkleidet in der Öffentlichkeit zeigen. Und begibt sich so in große Gefahr.“

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Jason Reynolds: „Coole Nummer“ (Original: „When I was the Greatest“, 2014)

„Eine Freundschaft in Brooklyn. Ali hat sich fast sechzehn Jahre von allem Ärger ferngehalten. Dann ergibt sich die Gelegenheit, mit seinem Freund Noodles und dessen Bruder Needles auch mit den großen Jungs zu spielen. Gefährlich, wenn der Freund nur eine Riesenklappe, aber sonst nicht viel hat, und sein Bruder durch sein Tourette-Syndrom unberechenbar ist, sobald er sein Strickzeug nicht parat hat.“

Jason Reynolds: „Nichts ist okay“ (Original: „All-American Boys“, 2015)

„Rashad wollte nur eine Tüte Chips kaufen. Plötzlich wird er vor die Tür gezerrt, und ein Polizist stürzt sich auf ihn. Erst im Krankenhaus kommt Rashad wieder zu sich. Rashad ist schwarzer Hautfarbe, der Polizist ein Weißer. Beobachtet hat die Szene ein anderer Jugendlicher: Quinn Collins, weiß, Freund der Familie des Polizisten und Mitschüler von Rashad. Quinn ist schockiert. Warum wurde Rashad niedergeprügelt? Ist sein Freund, der Polizist, ein Rassist? Beide Jugendlichen erzählen ihre Geschichte. Zur selben Zeit gerät eine Stadt in Ausnahmezustand.“

Nnedi Okorafor: „Akata Witch“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2011)

„Born in New York, but living in Aba, Nigeria, twelve-year old Sunny is a little lost: She is albino and thus, incredibly sensitive to the sun. All Sunny wants to do is be able to play football and get through another day of school without being bullied. But once she befriends Orlu and Chichi, Sunny is plunged in to the world of the Leopard People, where your worst defect becomes your greatest asset. Together, Sunny, Orlu, Chichi and Sasha form the youngest ever Oha Coven. Their mission is to track down Black Hat Otokoto, the man responsible for kidnapping and maiming children.“

Nnedi Okorafor schreibt Science-Fiction-, Fantasy- und Jugendromane, oft afrofuturistisch – die auch in Deutschland erscheinen, im Verlag Cross Cult. „Akata Witch“ (und eine geplante Fortsetzung, 2017) sind noch nicht auf Deutsch erschienen.

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Johanna Reiss: „Und im Fenster der Himmel“ (Original: „The upstairs Room“, 1972)

„Herbst 1941: Als die Deutschen die Niederlande besetzen, geraten die neunjährige Annie und ihre Schwester in große Gefahr – weil sie Juden sind. Hilfreiche Bauern verstecken die beiden Schwestern in einer kleinen Kammer auf dem Dachboden. Fast drei Jahre lang leben sie dort in drangvoller Enge und sehnen sich nach frischer Luft und Bewegung.“

Gloria Whelan: „Stich für Stich“ (Original: „Homeless Bird“, 2000)

„Eine dreizehnjährige Inderin wird mit einem ihr unbekannten Mann verheiratet, der kurz darauf stirbt. Als Witwe hat sie in der indischen Gesellschaft jede Existenzberechtigung verloren und wird von der Schwiegermutter versklavt. Ganz unten angekommen, findet sie Hilfe und einen Ansatz zu einem weitgehend selbstbestimmten Leben.“

Cynthia Kadohata: „Kira-Kira“ (Original: selber Titel, 2004)

„‚Kira-Kira‘ bedeutet ‚glänzend, leuchtend‘. Genau dieses Leuchten zaubert Lynn ihrer kleinen Schwester Katie jeden Tag herbei, selbst, als das Leben für sie dunkler wird: Sie ist eine Meisterin darin, immer wieder aufs Neue die glänzenden Dinge des Lebens zu zeigen. Ob das Blau des Himmels oder der Glanz in den Augen des anderen, obwohl es die aus Japan stammende Familie im Amerika der 1950er Jahre alles andere als leicht hat.“

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Nicola Yoon: „The Sun is also a Star“ (Original: selber Titel, 2016)

„Schicksalsfäden einer großen Liebe. Als Daniel und Natasha in New York aufeinander treffen, verguckt er sich sofort in das jamaikanische Mädchen. Die zwei teilen einen Tag voller Gespräche über das Leben, ihren Platz darin und die Frage: Ist das zwischen uns Liebe? Doch Natasha soll noch am selben Abend abgeschoben werden.“

Holly Goldberg Sloan: „Glück ist eine Gleichung mit 7“ (Original: „Counting by 7s“, 2013)

„Willow ist ein Energiebündel, denkt immer positiv und interessiert sich für alles: Sie studiert das Verhalten von Fledermäusen, züchtet Zitrusfrüchte im Garten und begeistert sich für die Schönheit der Zahl 7. Ihr größter Wunsch ist es, gleichaltrige Freunde zu finden. Dafür lernt sie sogar Vietnamesisch. Doch dann verunglücken ihre Adoptiveltern bei einem Autounfall. Es ist wie ein Wunder, wie Willow mit ihrer Art zu denken – ihrer Hochbegabung – und ihrem ungebrochenen Charme ihre Welt zusammenhält.“

Lisa Williamson: „Zusammen werden wir leuchten“ (Original: „The Art of being normal“, 2015)

“David ist 14 und wünscht sich, ein Mädchen zu sein. Das seinen Eltern zu beichten, steht auf seiner To-do-Liste für den Sommer gaaaanz unten. Bisher wissen nur seine Freunde Essie und Felix Bescheid, die bedingungslos zu ihm halten und mit denen er jede Peinlichkeit weglachen kann. Aber wird David je als Mädchen leben können? Und warum fasziniert ihn der geheimnisvolle Neue in der Schule so sehr?” [ich HASSE, dass dieser Klappentext Transsexualität und “beichten”/”Peinlichkeit” so nah aneinander rückt.]

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Carole Wilkinson: „Hüterin des Drachen“ (Original: „Dragon Keeper“, 2003, Band 1 einer bisher sechsbändigen Reihe)

„141 v. Chr. im China der Han-Dynastie: Die elfjährige Ping, die als Sklavin beim Kaiserlichen Drachenhüter lebt, wagt gemeinsam mit dem Drachen Long Danzi die Flucht aus dem Schloss. Ziel der beiden ist das Meer, an das Long Danzi einen wertvollen und geheimnisvollen Drachenstein bringen will. Die weite Reise bringt die beiden mehr als einmal in Lebensgefahr, doch Ping wächst in ihre Rolle als Drachenhüterin hinein.“

Sharon Creech: „Salamancas Reise“ (Original: „Walk two Moons“, 1994)

„Salamanca reist mit ihren Großeltern quer duch die Vereinigten Staaten. Es ist die gleiche Reise, zu der ihre Mutter vor Monaten aufgebrochen und von der sie nie mehr zurückgekehrt ist. Salamanca besucht alle Orte, die auch ihre Mutter besucht hat. Unentwegt hofft Salamanca, ihre Mutter wiederzufinden – bis die verdrängte Wahrheit ihres tödlichen Unfalls zur Gewissheit wird.“

Lynne Kelly: „Chained“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2012)

„After ten-year-old Hastin’s family borrows money to pay for his sister’s hospital bill, he leaves his village in northern India to take a job as an elephant keeper and work off the debt. He thinks it will be an adventure, but he isn’t prepared for the cruel circus owner. The crowds that come to the circus see a lively animal who plays soccer and balances on milk bottles, but Hastin sees Nandita, a sweet elephant and his best friend. Hastin knows that the only way they will both survive is if he can find a way for them to escape.”

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30 weitere Jugendbücher – bisher nur auf Englisch:

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Wendy Wan-Long Shang: „The Great Wall of Lucy Wu“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2011)

„Lucy Wu, aspiring basketball star and interior designer, is ready to rule the school as a sixth grader. Then she finds out that Yi Po, her beloved grandmother’s sister, is coming to visit for several months – and is staying in Lucy’s room. Lucy’s vision of a perfect year begins to crumble, and in its place come an unwelcome roommate, foiled birthday plans, and Chinese school with the awful Talent Chang.“

Grace Lin: „Dumpling Days“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2012; Band 3 einer Reihe – doch der erste, der mir Lust macht)

„This summer, Pacy’s family is going to Taiwan for an entire month to visit family and prepare for their grandmother’s 60th birthday. Pacy’s parents have signed her up for a Chinese painting class, and at first she’s excited. But everything about the trip is harder than she thought it would be – she looks like everyone else but can’t speak the language, she has trouble following the art teacher’s instructions, and it’s difficult to make friends in her class. At least the dumplings are delicious. As the month passes by, Pacy eats chicken feet (by accident!), gets blessed by a fortune teller, searches for her true identity, and grows closer to those who matter most.“

Yoshiko Uchida: „A Jar of Dreams“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 1981)

„Growing up in California during the depression isn’t easy for eleven-year-old Rinko. She desperately wants to fit in and be like everyone else, but instead she is ridiculed and made to feel different because she is Japanese. But when Aunt Waka comes to visit, she teaches Rinko the importance of her Japanese heritage, and the value of her own strengths and dreams.“

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Leanne Hall: „Iris and the Tiger“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 201x)

„Twelve-year-old Iris has been sent to Spain on a mission: to make sure her elderly and unusual aunt, Ursula, leaves her fortune–and her sprawling estate–to Iris’s scheming parents. But from the moment Iris arrives at Bosque de Nubes, she realises something isn’t quite right. There is an odd feeling around the house; while outside, in the wild and untamed forest, a mysterious animal moves through the shadows. When Iris discovers a painting named Iris and the Tiger, she sets out to uncover the animal’s real identity – putting her life in terrible danger.“

Natalie Dias Lorenzi: „Flying the Dragon“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 201x)

„American-born Skye knows little of her Japanese heritage. Her father taught her to speak the language, but when their estranged Japanese family, including Skye’s grandfather, suddenly move to the United States, Skye must be prepared to give up her All-Star soccer dreams to take Japanese lessons and to help her cousin, Hiroshi adapt to a new school. Hiroshi, likewise, must give up his home and his hopes of winning the rokkaku kite-fighting championship with Grandfather. Faced with language barriers, culture clashes and cousin rivalry, Skye and Hiroshi have a rocky start. But a greater shared loss brings them together. They learn to communicate, not only through language, but through a common heritage and sense of family honor. At the rokkaku contest at the annual Washington Cherry Blossom Festival, Hiroshi and Skye must work as a team in order to compete with the best.“

Lisa Travis: „Pack-n-Go-Girls Adventure: Thailand, 1 – Mystery of the Golden Temple“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2014)

„Nong May and her family have had a lot of bad luck lately. When nine-year-old Jess arrives in Thailand and accidentally breaks a special family treasure, it seems to only get worse. Pack-n-Go Girls introduces children ages 6-9 to different countries around the world: early chapter book adventures, packed with spooky mysteries, international friendships, and lots of fun and easy multicultural learning.“ [Es gibt auch drei Romane der Reihe, die in Österreich spielen.]

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Meg Medina: „Yaqui Delgado wants to kick your Ass“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2013)

„Some girl tells Piddy Sanchez that Yaqui Delgado hates her and wants to kick her ass. Piddy doesn’t even know who Yaqui is. Word is that Yaqui thinks Piddy isn’t Latin enough with her white skin, good grades, and no accent. At first Piddy is more concerned with trying to find out more about the father she’s never met and how to balance honors courses with her weekend job at the neighborhood hair salon. But as the harassment escalates, avoiding Yaqui and her gang starts to take over Piddy’s life.“

Pam Munoz Ryan: „Becoming Naomi León“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2004)

„Naomi Soledad Leon Outlaw has clothes sewn in polyester by Gram, and difficulty speaking up at school. But with Gram and her little brother, Owen, Naomi’s life at Avocado Acres Trailer Rancho in California is happy and peaceful… until their mother reappears after seven years of being gone, stirring up all sorts of questions and challenging Naomi to discover and proclaim who she really is.“

Esmeralda Santiago: „Almost a Woman“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 1998)

„‚Negi‘, as Santiago’s family affectionately calls her, leaves rural Macún in 1961 to live in a three-room tenement apartment with seven young siblings, an inquisitive grandmother, and a strict mother who won’t allow her to date. At thirteen, Negi yearns for her own bed, privacy, and a life with her father, who remains in Puerto Rico. Translating for Mami at the welfare office in the morning, starring as Cleopatra at New York’s prestigious Performing Arts High School in the afternoons, and dancing salsa all night, she yearns to find balance between being American and being Puerto Rican. When Negi defies her mother by going on a series of hilarious dates, she finds that independence brings its own set of challenges.“

Eine Autobiografie, kein Jugendbuch. Ein ähnlicher Titel, den ich sehr mochte: „Wie eine Feder auf dem Atem Gottes“ von Sigrid Nunez.

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Renée Watson: „Piecing me together“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2017)

Jade believes she must get out of her neighborhood if she’s ever going to succeed. Her mother says she has to take every opportunity. She accepted a scholarship to a mostly-white private school and even Saturday morning test prep opportunities. But some opportunities feel more demeaning than helpful. Like an invitation to join Women to Women, a mentorship program for “at-risk” girls. Except really, it’s for black girls. From “bad” neighborhoods. But Jade doesn’t need support. And just because her mentor is black doesn’t mean she understands Jade. Friendships, race, privilege, identity—this compelling and thoughtful story explores the issues young women face.

Christopher Grant: „Teenie“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2010)

„High school freshman Martine (Teenie for short) is a good student. She’s desperate to be accepted into a prestigious study abroad program in Spain so that she can see what life is like beyond the streets of Brooklyn. But when the captain of the basketball team starts to pay attention to her and Cherise, her best friend, meets a guy online, Teenie’s mind is on anything but her schoolwork. Can Teenie get her act together in time to save her friendship with Cherise and save herself from a potentially dangerous relationship?“

Sharon G. Flake: „The Skin I’m in“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 1998)

„Thirteen-year-old Maleeka, uncomfortable because her skin is extremely dark, meets a new teacher with a birthmark on her face and makes some discoveries about how to love who she is and what she looks like: Miss Saunders, whose skin is blotched with a rare skin condition, serves as a mirror to Maleeka’s struggle. Miss Saunders is tough, and through this, Maleeka learns to stand up to tough-talking Charlese.“

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Shelia P. Moses: „Joseph“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2008)

„For Joseph Flood, life is tough. Tough because of Mama’s addiction to drugs and alcohol. Tough because Daddy is away with the army fighting in Iraq. Tough because it looks like there’s no way out once you’re living in a homeless shelter in a North Carolina ghetto neighborhood. And tough because Joseph is enrolled in yet another new school where he doesn’t know anyone and has to keep what’s going on in his life a secret. Joseph struggles to keep Mama clean while trying to make new friends and join the school tennis team. Can a boy who’s only fifteen years old win his daily battle to survive?“

Matt de la Pena: „We were here“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2009)

„When it happened, Miguel was sent to Juvi. The judge gave him a year in a group home—said he had to write in a journal so some counselor could try to figure out how he thinks. The judge had no idea that he actually did Miguel a favor. Ever since it happened, his mom can’t even look at him in the face. Most of the time, running away is the quickest path right back to what you’re running from.“

J. A. McLachlan: „The occasional Diamond Thief“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2014)

„On his deathbed, Kia’s father discloses a secret to her: a magnificent diamond he has been hiding for years. Fearing he stole it, she too keeps it secret. She learns it comes from the distant colonized planet of Malem, where her father caught the illness that eventually killed him. When she is training to be a translator, she is co-opted into travelling to Malem. Using her skill in languages and her skill of picking locks, she learns what she must do to set things right: return the diamond to its original owner. But how will she find out who that is when no one can know that she, an off-worlder, has a Malemese diamond?“

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Linda Williams Jackson: „Midnight without a Moon“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2017)

„Rose Lee Carter, a 13-year-old African-American girl, dreams of life beyond the Mississippi cotton fields during the summer of 1955. Her world is rocked when a 14-year-old African-American boy, Emmett Till, is killed for allegedly whistling at a white woman.“

Jean Alicia Elster: „The Colored Car“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2013)

„Coming of age in Depression-era Detroit. In the hot summer of 1937, twelve-year-old Patsy takes care of her three younger sisters. Times are tough, and Patsy’s mother helps neighborhood families by sharing the food that she preserves. But May’s decision to take a break from canning to take her daughters for a visit to their grandmother’s home in Clarksville, Tennessee, sets in motion a series of events that prove to be life-changing for Patsy. After boarding the first-class train car at Michigan Central Station in Detroit and riding comfortably to Cincinnati, Patsy is shocked when her family is led from their seats to change cars. In the dirty, cramped „colored car,“ Patsy finds that the life she has known in Detroit is very different from life down south. As summer wears on, Patsy must find a way to understand her experience in the colored car and also deal with the more subtle injustices that her family faces in Detroit.“

April Sinclair: „Coffee will make you black“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 1995)

„Set on Chicago’s Southside in the mid-to-late 60s, Coffee Will Make You Black is the moving and entertaining tale of Jean „Stevie“ Stevenson, a young black woman growing up through the Civil Rights and Black Power movements. The novel opens at a time when, for black families, seeing a black person on television was an event; when expressions like „I don’t want nothing black but a Cadillac“ and „Coffee will make you black“ were handed down from one generation to the next without comment. Stevie is a bookworm, yet she longs to fit in with the cool crowd. Fighting her mother every step of the way, she begins to experiment with talkin‘ trash, „kicking butt,“ and boys. With the assassination of Dr. King she gains a new political awareness, which makes her decide to wear her hair in a ‚fro instead of straightened, to refuse to use skin bleach, and to confront the prejudice she observes in blacks as well as whites. April Sinclair writes frankly about a young black woman’s sexuality, and about the confusion Stevie faces when she realizes she’s more attracted to the school nurse — who is white — than her teenage boyfriend.“

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Ronald Kidd: „Night on Fire“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 201x)

„Thirteen-year-old Billie Simms doesn’t think her hometown of Anniston, Alabama, should be segregated. When she learns that the Freedom Riders, a group of peace activists riding interstate buses to protest segregation, will be traveling through Anniston on their way to Montgomery, she thinks that maybe change is finally coming. But what starts as a series of angry grumbles soon turns to brutality as Anniston residents show just how deep their racism runs. Billie is about to come to grips with the deep-seated prejudice of those she once thought she knew, and with her own inherent racism that she didn’t even know she had.“

Robin Talley: „Lies we tell ourselves“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2014)

„In 1959 Virginia, the lives of two girls on opposite sides of the battle for civil rights will be changed forever. Sarah Dunbar is one of the first black students to attend the previously all-white Jefferson High School. An honors student at her old school, she is put into remedial classes, spit on and tormented daily. Linda Hairston is the daughter of one of the town’s most vocal opponents of school integration. She has been taught all her life that the races should be kept separate but equal. Forced to work together on a school project, Sarah and Linda must confront harsh truths about race, power and how they really feel about one another.“

Deborah Wiles: „Revolution“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2014)

It’s 1964, and Sunny’s town is being invaded.  Or at least that’s what the adults of Greenwood, Mississippi, are saying. All Sunny knows is that people from up north are coming to help people register to vote.  They’re calling it Freedom Summer. Sunny has a new stepmother, a new brother, and a new sister crowding her life, giving her little room to breathe. And things get even trickier when Sunny and her brother are caught sneaking into the local swimming pool–where they bump into a mystery boy whose life is going to become tangled up in theirs.“

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Aisha Saeed: „Written in the Stars“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2015)

„Naila’s conservative immigrant parents have always said the same thing: She may choose what to study, how to wear her hair, and what to be when she grows up—but they will choose her husband. Following their cultural tradition, they will plan an arranged marriage for her. And until then, dating—even friendship with a boy—is forbidden. When Naila breaks their rule by falling in love with Saif, her parents are livid. Convinced she has forgotten who she truly is, they travel to Pakistan to visit relatives and explore their roots. But Naila’s vacation turns into a nightmare when she learns that plans have changed—her parents have found her a husband and they want her to marry him, now! Despite her greatest efforts, Naila is aghast to find herself cut off from everything and everyone she once knew. Her only hope of escape is Saif . . . if he can find her before it’s too late.“

Nancy Garden: „Annie on my Mind“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 1982)

„This groundbreaking book is the story of two teenage girls whose friendship blossoms into love and who, despite pressures from family and school that threaten their relationship, promise to be true to each other and their feelings.“

Emily M. Danforth: „The Miseducation of Cameron Post“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2012)

„When Cameron Post’s parents die suddenly in a car crash, her shocking first thought is relief. Relief they’ll never know that, hours earlier, she had been kissing a girl. Cam is soon forced to move in with her conservative aunt Ruth and her well-intentioned but hopelessly old-fashioned grandmother. Survival in Miles City, Montana, means blending in. Then Coley Taylor moves to town. Beautiful, pickup-driving Coley is a perfect cowgirl with the perfect boyfriend to match. She and Cam forge an unexpected and intense friendship — one that seems to leave room for something more to emerge. But just as that starts to seem like a real possibility, ultrareligious Aunt Ruth takes drastic action to ‘fix’ her niece.“

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Shaun David Hutchinson: „At the Edge of the Universe“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2017)

„Tommy and Ozzie have been best friends since the second grade, and boyfriends since eighth. Then, Tommy vanished. More accurately, he ceased to exist, erased from the minds and memories of everyone who knew him. Everyone except Ozzie. When Ozzie is paired up with the reclusive and secretive Calvin for a physics project, it’s hard for him to deny the feelings that develop between them, even if he still loves Tommy. But Ozzie knows there isn’t much time left to find Tommy.“

Andrew Smith: „Stick“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2011)

„Fourteen-year-old Stark McClellan (nicknamed Stick because he’s tall and thin) is bullied for being “deformed” – he was born with only one ear. His older brother Bosten is always there to defend Stick. But the boys can’t defend one another from their abusive parents. When Stick realizes Bosten is gay, he knows that to survive his father’s anger, Bosten must leave home.“

Elly Swartz: „Finding Perfect“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2016)

„Molly’s mother leaves the family to take a faraway job with the promise to return in one year. Molly knows that promises are often broken, so she hatches a plan to bring her mother home: Win the Lakeville Middle School Slam Poetry Contest. Molly’s sure her mother would never miss that. Right…? But as time goes on, writing and reciting slam poetry become harder. Actually, everything becomes harder as new habits appear, and counting, cleaning, and organizing are not enough to keep Molly’s world from spinning out of control.“

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Wendelin Van Draanen: „The Running Dream“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2011)

„Jessica thinks her life is over when she loses a leg in a car accident. She’s not comforted by the news that she’ll be able to walk with the help of a prosthetic leg. Who cares about walking when you live to run? As she struggles to cope with crutches and a first cyborg-like prosthetic, Jessica feels oddly both in the spotlight and invisible. People who don’t know what to say, act like she’s not there.“

Sarah Miller: „Miss Spitfire. Reaching Helen Keller“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2007)

„Annie Sullivan was little more than a half-blind orphan with a fiery tongue when she arrived at Ivy Green in 1887. Desperate for work, she’d taken on a seemingly impossible job — teaching a child who was deaf, blind, and as ferocious as any wild animal. But Helen Keller needed more than a teacher. And if anyone was a match for Helen, it was the girl they used to call Miss Spitfire.“

Ginny Rorby: „Hurt go happy“ (noch keine deutschsprachige Ausgabe, 2006)

„Thirteen-year-old Joey Willis is used to being left out of conversations. Though she’s been deaf since the age of six, Joey’s mother has never allowed her to learn sign language. Everything changes when Joey meets Dr. Charles Mansell and his baby chimpanzee, Sukari. Her new friends use sign language to communicate, and Joey secretly begins to learn to sign. But as Joey’s world blooms with possibilities, Charlie’s and Sukari’s choices begin to narrow–until Sukari’s very survival is in doubt.“

Freunde – oder Trolle? Widerspruch & Journalismus.

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19. November: Trump-Anhänger zeigen den Hitlergruß und rufen „Heil“ oder „Hail“.

22. November: Geschichts-Student sagt auf Twitter: „Als jemand, der Geschichte studiert, erinnere ich daran: the Nazis were bad.“

zwei Stunden später: jemand antwortet: „Aber dann kann man ja auch gleich sagen: Alle Leute aus Nordkorea sind „bad“. Nein. Einer von vielleicht 300 Nazis war ‚bad‘. Die restlichen machten eben ihren Job. Was für eine undifferenzierte und geschichtsvergessene Aussage!“

Ich mag die Diskussionskultur meiner Facebook-Freund*innen:

Wir bleiben meist sachlich, respektvoll, konstruktiv, offen, und bei jedem Posting von mir gibt es Zwischenfragen, Einwände, Links und neue Ideen, aus denen ich lerne und an denen ich mich, im besten Sinn, reibe. Gespräche auf Facebook – auch und besonders: über Politik – bringen mir fast immer viel. Danke dafür!

Doch ich merke auch:

Es ist viel zu einfach für eine einzelne Person, für EINEN Troll oder Provokateur, uns alle stundenlang in Diskussionsthreads an den Rand unserer Kräfte zu bringen…

…mit ein paar Zwischenfragen, mit „Oha: Was soll das heißen?“-Vergleichen oder mit Aussagen wie: „Ihr alle seht das so? Tja. Überzeugt mich nicht. Ich sehe das anders. Deal with it.“

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Richard Gutjahr schreibt:

„Die Menschen von heute sind quasi vor dem Fernseher geboren worden, haben jeden Abend 15 Minuten aus der Welt vorgespielt bekommen und dachten, dass sei die Wirklichkeit. Jetzt plötzlich erkennen sie, dass sie nur Schattenspiele an der Wand beobachtet haben und dass die Welt da draußen sehr viel größer und komplexer ist als das, was sie aus Zeitung und Fernsehen kannten. Und wie bei Platon ist das Publikum erstmal geschockt und orientierungslos. Das grelle Licht außerhalb der Höhle blendet und tut in den Augen weh, die Menschen suchen nach Halt und Orientierung. Genau in dieser Phase kommen dann Vereinfacher wie Donald Trump oder Frauke Petry und bieten scheinbar einfache Antworten. Ich glaube gar nicht, dass jeder ihrer Anhänger ihnen 100-prozentig glaubt. Das Problem ist eher: Die Menschen wollen nicht zurück in die Höhle und zu den alten Schattenspielern, denn von denen fühlen sie sich ein Stück weit betrogen, weil sie ihnen suggeriert haben, dass das, was sie sendeten, wahr und die ganze Welt sei. Jetzt hat man 1000 andere Quellen und Möglichkeiten, auf die bekannten Wahrheiten zu schauen und plötzlich merkt man, dass diese nicht immer das ganze Bild gezeigt haben.

Man tut uns Journalisten und Medien Unrecht, wenn man daraus schlussfolgert, dass da absichtlich gelogen wird. Aber viele Leute empfinden das so. Und so stehen wir, die Medien, teilweise zu Recht in der Diskussion, auch wenn wir nicht alleine Schuld sind an dieser Situation. Jetzt geht es darum, das verlorene Vertrauen bei jedem einzelnen wieder zurück zu gewinnen.“ [Quelle: hier.]

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Selbst eine Aussage wie „The Nazis were bad“ wird hinterfragt.

Das finde ich erstmal gut.

Doch ich merke: Die Aussage wird meist von genau jenen Leuten hinterfragt, die damit sagen wollen „Tja: Ihr Journalist*innen seid schlimme Vereinfacher, und ihr denkt in Schubladen!“

Für mich bedeutet das, dass ich als Journalist – auch auf Facebook, in meinem privaten Profil – einen Satz wie ‚The Nazis were bad‘ gar nicht mehr schreiben würde.

Weil ich wüsste: Es gibt zehn, fünfzehn Facebook-Freunde von mir, die das kommentieren würden mit „Was für eine pauschale Aussage. Stefan? So kann man das nicht sagen.“

Und weil solcher Widerspruch so schnell kommt, im Moment, bei egal welcher Aussage, verstricke ich mich zu oft in Relativierungen:

„Ich persönlich finde, nach allem, was ich weiß, dass die Nazis ja größtenteils – sicherlich nicht als Einzelpersonen, für sich, doch auf jeden Fall aber als politische Kraft – eher schlecht als gut waren. Aber: Ich will damit jetzt nicht z.B. Stalin verharmlosen, oder irgendwen verteufeln. Und: ICH habe nicht Geschichte studiert. Ich bin sicher, da gibt es Grautöne.“

Uff.

Ich fürchte, jene Handvoll „kritischer“ Kommentarschreiber, die in solchen Momenten sofort widersprechen, schimpfen, mich zu mehr „Sachlichkeit“ anhalten, werden das IMMER tun. Egal, wie differenziert ich formuliere, und egal, wie sehr ich mich vor Schubladen hüte. Sind das „Freunde“? Oder sind das Trolle?

Ich glaube nicht, dass sie Einspruch erheben, weil sie sich wirklich um Differenzierung sorgen, oder um die journalistische Qualität meiner Texte.

Mich haben Philosophie, Rhetorik und Logik-Spiele nie besonders interessiert. Ich arbeite mich selten daran ab, ob und wie ich einem konkreten Satz widersprechen könnte/müsste. Falls jemand postet „Heute ist ein schöner Tag“, kommentiere ich nicht: „Für dich. Das kann man nicht allgemein sagen“ oder „Wie bitte definierst du ’schön‘? Die Aussage bleibt wertlos!“ oder „Ist der ‚Tag‘ schön oder nur dein persönlicher Eindruck von diesem Tag? Du verallgemeinerst.“

Aber: Leute, die Spaß an solchen Kämpfen haben, kommentieren eben besonders gern – und sie können mir mit fünf, sechs Fragen oder Rhetorik-Ermahnungen irrsinnig viel Zeit und Energie nehmen.

Zu oft in letzter Zeit merke ich: Das sind die Leser*innen, die ich zuerst im Kopf habe. DAS sind die Menschen, für die ich formuliere und an die ich zuerst denke, bei jedem Wort, das ich abwäge.

Ich weiß nicht, ob das meine Texte besser macht.

Oder, ob ich damit Leuten mehr Einfluss, Raum, Bühne gebe, als sie verdienen.

Ist die Lektion für mich „Sei noch differenzierter: Sichere dich nach allen Seiten ab, rhetorisch, damit man dich nicht falsch versteht!“…?

Oder „Wer dich falsch verstehen will, wird IMMER etwas finden“…?

Zu oft reicht ein einzelner Provokateur oder Rhetorik-Trickser, um mich und eine Handvoll Mit-Kommentator*innen für Stunden zu beschäftigen. Ist das den Aufwand wert? Muss ich auf viele Einwände eingehen – als guter Journalist?

Mich macht traurig, dass selbst ein Satz wie „Die Nazis waren schlimm“ so viel Gegenwind, so viel Argwohn weckt. Ich habe Angst, zu hören „Du bist undifferenziert!“. Doch ich frage mich seit ein paar Wochen täglich: „Wünschen sich die Leute, die mir das oft vorwerfen, wirklich Differenzierung? Oder hoffen sie nur, dass ich mich verzettele? Und zugebe: Ich weiß eigentlich gar nichts. Nicht einmal, ob die Nazis ’schlimm‘ waren.“

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Screenshot: @Michael1979, auf Twitter.

Rassismus in Kinderbüchern: Preußler, Lindgren und die „Kinderbuchdebatte“ [Links]

kinderbuchdebatte nwort

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Freundin S. – Kulturwissenschaftlerin und Theatermacherin – hatte gerade eine Uni-Prüfung zur „Kinderbuchdebatte“ 2013 und die vielen Feuilleton-Artikel über Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“, Pippi Langstrumpf und die Verwendung des N-Worts.

Weil all die Links jetzt eh von ihr gesammelt sind, und vielleicht nochmal Grundlage zu einer längeren Diskursanalyse bieten:

Hier sind die ersten sechs Wochen der „Kinderbuchdebatte“ 2013, Ende Dezember 2012 bis Anfang Februar 2013. Nicht vollständig – aber chronologisch geordnet, und ein recht guter Einstieg ins Thema.

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[Link 01] „Ach du liebe Göttin!“, Henryk M. Broder in Die Welt, 20. Dezember 2012

[Link 02] „Korrekte Kinderbuchsprache: Verlag streicht „Neger“ aus der „Kleinen Hexe““, dpa-Meldung, Spiegel Online, 4. Januar 2013

[Link 03] „Diskriminierende Sprache bei Preußler: Die Kleine Hexe, ohne Rassismus. Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler wird künftig ohne diskriminierende Begriffe erscheinen. Ein Leserbrief hat die Nachkommen des Autors überzeugt.“ Daniel Bax in der taz, 4. Januar 2013

[Link 04] „‚Manchmal geht mir die Political Correctness wirklich sehr viel zu weit‘ Kinderbuchautor Paul Maar befürwortet nur kleine Änderungen in Kinderbuch-Klassikern“, Deutschlandfunk, 8. Januar 2013

[Link 05] „„Kleine Hexe“ ohne „Negerlein“ Wir wollen vorlesen und nichts erklären müssen“, Tilman Spreckelsen in der FAZ, 9. Januar 2013

[Link 06] „Zensur in Kinderbüchern. Wichsen verboten. Die Sprache im Kinderbuch „Die kleine Hexe“ wird bereinigt: Nach dem Thema Rassismus sind nun die sexuell konnotierten Wörter dran.“ Anna Klepper in der taz, 11. Januar 2013

[Link 07] „Pro Korrektheit: Streicht das „Negerlein“ und rettet die Kunst!“, Wieland Freund in Die Welt, 11. Januar 2013

[Link 08] „Contra Korrektheit: Lasst das „Negerlein“ und traut euren Kindern!“, Jacques Schuster in Die Welt, 11. Januar 2013

[Link 09] „Political Correctness in Kinderbüchern – Zensur oder richtig? Modernisierte Klassiker. Die kleine Hexe“ soll ohne diskriminierende Begriffe erscheinen. Das ist keine Sprachzensur, sondern im Sinne ihres Autors Otfried Preußler.“ Kommentar von Daniel Bax in der taz, 13. Januar 2013

[Link 10] „Fälschung, Lüge und das böse N-Wort“, Kommentar von Harry Nutt in der Frankfurter Rundschau, 16. Januar 2013

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„Kinder, das sind keine Neger! Aus Kinderbuch-Klassikern sollen Wörter gestrichen werden, die nicht mehr politisch korrekt sind. Ist das ein Fortschritt?“ Dossier in Die ZEIT, 17. Januar 2013, bestehend aus folgenden drei Artikeln:

 

[Link 11, Teil 1] „Die kleine Hexenjagd. Aus Kinderbuch-Klassikern sollen Wörter gestrichen werden, die nicht mehr politisch korrekt sind. Das ist gut gemeint, aber ein Vergehen an der Literatur“. Ulrich Greiner

[Link 12, Teil 2] „Falscher Freigeist: Warum man gegen Zensur, aber für sensiblen Sprachgebrauch eintreten muss“, Ijoma Mangold

[Link 13, Teil 3] „Wumbabas Vermächtnis: Wie ich ein harmloses Buch schrieb – und plötzlich als Rassist beschimpft wurde“, Axel Hacke

[Link 14] „Rassismus in Kinderbüchern: Wörter sind Waffen“, Simone Ayivi im Tagesspiegel vom 18. Januar 2013

[Link 15]Rassismus in Kinderbüchern: Schuldig sind wir alle“, Marie Amrhein in Cicero vom 20. Januar 2013

[Link 16] „Lexikalische Kriegsführung“, Anna Sauerbrey im Tagesspiegel vom 21. Januar 2013

[Link 17] „Von Zensur kann keine Rede sein“, David Hugendick auf ZEIT Online, 22. Januar 2013

[Link 18] „Stellt euch nicht so an. Weiße dürfen nicht bestimmen, wann Schwarze sich gekränkt fühlen dürfen.“ Özlem Tupcu in Die ZEIT, 25. Januar 2013

[Link 19] „Mit schwarzem Gesicht für den „Neger“. Denis Scheck zur aktuellen Kinderbuch-Debatte.“ Carolin Gasteiger auf Süddeutsche.de, 28. Januar 2013

[Link 20] „Die Sprache der weißen Mehrheit“, Susanne Stemmler im Tagesspiegel vom 5. Februar 2013

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…und drei lesenswerte Blogposts:

[Link 21] „Rassismus raus aus Kinderbüchern“, Lisa Malich auf fuckermothers, 13. Januar 2013

[Link 22] „Toastbrot, Toastbrot. Und über Freundschaft, Kinderbücher und Rassismus“, Nadia Shehadeh in Shehadistan, 14. Januar 2013

[Link 23] „Über den Artikel ‚Die kleine Hexenjagd‘ von Ulrich Greinr in der aktuellen ‚ZEIT'“, Anneke Gerloff, 21. Januar 2013.

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S., als sie das Foto sieht: „Stefan? Du hast die Mädchenpuppe in einer Küche fotografiert. Neben Gewürzen und einem geflochtenen Korb. Ich weiß, wie zufällig das Foto entstand. Aber…“ – Stefan: „Oh Gott. Ja.“ :-/ ! #puppenfail