Rassismus

Jugendbücher 2016, Stefan Mesch (2)

Freunde – oder Trolle? Widerspruch & Journalismus.

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19. November: Trump-Anhänger zeigen den Hitlergruß und rufen “Heil” oder “Hail”.

22. November: Geschichts-Student sagt auf Twitter: “Als jemand, der Geschichte studiert, erinnere ich daran: the Nazis were bad.”

zwei Stunden später: jemand antwortet: “Aber dann kann man ja auch gleich sagen: Alle Leute aus Nordkorea sind “bad”. Nein. Einer von vielleicht 300 Nazis war ‘bad’. Die restlichen machten eben ihren Job. Was für eine undifferenzierte und geschichtsvergessene Aussage!”

Ich mag die Diskussionskultur meiner Facebook-Freund*innen:

Wir bleiben meist sachlich, respektvoll, konstruktiv, offen, und bei jedem Posting von mir gibt es Zwischenfragen, Einwände, Links und neue Ideen, aus denen ich lerne und an denen ich mich, im besten Sinn, reibe. Gespräche auf Facebook – auch und besonders: über Politik – bringen mir fast immer viel. Danke dafür!

Doch ich merke auch:

Es ist viel zu einfach für eine einzelne Person, für EINEN Troll oder Provokateur, uns alle stundenlang in Diskussionsthreads an den Rand unserer Kräfte zu bringen…

…mit ein paar Zwischenfragen, mit “Oha: Was soll das heißen?”-Vergleichen oder mit Aussagen wie: “Ihr alle seht das so? Tja. Überzeugt mich nicht. Ich sehe das anders. Deal with it.”

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Richard Gutjahr schreibt:

“Die Menschen von heute sind quasi vor dem Fernseher geboren worden, haben jeden Abend 15 Minuten aus der Welt vorgespielt bekommen und dachten, dass sei die Wirklichkeit. Jetzt plötzlich erkennen sie, dass sie nur Schattenspiele an der Wand beobachtet haben und dass die Welt da draußen sehr viel größer und komplexer ist als das, was sie aus Zeitung und Fernsehen kannten. Und wie bei Platon ist das Publikum erstmal geschockt und orientierungslos. Das grelle Licht außerhalb der Höhle blendet und tut in den Augen weh, die Menschen suchen nach Halt und Orientierung. Genau in dieser Phase kommen dann Vereinfacher wie Donald Trump oder Frauke Petry und bieten scheinbar einfache Antworten. Ich glaube gar nicht, dass jeder ihrer Anhänger ihnen 100-prozentig glaubt. Das Problem ist eher: Die Menschen wollen nicht zurück in die Höhle und zu den alten Schattenspielern, denn von denen fühlen sie sich ein Stück weit betrogen, weil sie ihnen suggeriert haben, dass das, was sie sendeten, wahr und die ganze Welt sei. Jetzt hat man 1000 andere Quellen und Möglichkeiten, auf die bekannten Wahrheiten zu schauen und plötzlich merkt man, dass diese nicht immer das ganze Bild gezeigt haben.

Man tut uns Journalisten und Medien Unrecht, wenn man daraus schlussfolgert, dass da absichtlich gelogen wird. Aber viele Leute empfinden das so. Und so stehen wir, die Medien, teilweise zu Recht in der Diskussion, auch wenn wir nicht alleine Schuld sind an dieser Situation. Jetzt geht es darum, das verlorene Vertrauen bei jedem einzelnen wieder zurück zu gewinnen.” [Quelle: hier.]

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Selbst eine Aussage wie “The Nazis were bad” wird hinterfragt.

Das finde ich erstmal gut.

Doch ich merke: Die Aussage wird meist von genau jenen Leuten hinterfragt, die damit sagen wollen “Tja: Ihr Journalist*innen seid schlimme Vereinfacher, und ihr denkt in Schubladen!”

Für mich bedeutet das, dass ich als Journalist – auch auf Facebook, in meinem privaten Profil – einen Satz wie ‘The Nazis were bad’ gar nicht mehr schreiben würde.

Weil ich wüsste: Es gibt zehn, fünfzehn Facebook-Freunde von mir, die das kommentieren würden mit “Was für eine pauschale Aussage. Stefan? So kann man das nicht sagen.”

Und weil solcher Widerspruch so schnell kommt, im Moment, bei egal welcher Aussage, verstricke ich mich zu oft in Relativierungen:

“Ich persönlich finde, nach allem, was ich weiß, dass die Nazis ja größtenteils – sicherlich nicht als Einzelpersonen, für sich, doch auf jeden Fall aber als politische Kraft – eher schlecht als gut waren. Aber: Ich will damit jetzt nicht z.B. Stalin verharmlosen, oder irgendwen verteufeln. Und: ICH habe nicht Geschichte studiert. Ich bin sicher, da gibt es Grautöne.”

Uff.

Ich fürchte, jene Handvoll “kritischer” Kommentarschreiber, die in solchen Momenten sofort widersprechen, schimpfen, mich zu mehr “Sachlichkeit” anhalten, werden das IMMER tun. Egal, wie differenziert ich formuliere, und egal, wie sehr ich mich vor Schubladen hüte. Sind das “Freunde”? Oder sind das Trolle?

Ich glaube nicht, dass sie Einspruch erheben, weil sie sich wirklich um Differenzierung sorgen, oder um die journalistische Qualität meiner Texte.

Mich haben Philosophie, Rhetorik und Logik-Spiele nie besonders interessiert. Ich arbeite mich selten daran ab, ob und wie ich einem konkreten Satz widersprechen könnte/müsste. Falls jemand postet “Heute ist ein schöner Tag”, kommentiere ich nicht: “Für dich. Das kann man nicht allgemein sagen” oder “Wie bitte definierst du ‘schön’? Die Aussage bleibt wertlos!” oder “Ist der ‘Tag’ schön oder nur dein persönlicher Eindruck von diesem Tag? Du verallgemeinerst.”

Aber: Leute, die Spaß an solchen Kämpfen haben, kommentieren eben besonders gern – und sie können mir mit fünf, sechs Fragen oder Rhetorik-Ermahnungen irrsinnig viel Zeit und Energie nehmen.

Zu oft in letzter Zeit merke ich: Das sind die Leser*innen, die ich zuerst im Kopf habe. DAS sind die Menschen, für die ich formuliere und an die ich zuerst denke, bei jedem Wort, das ich abwäge.

Ich weiß nicht, ob das meine Texte besser macht.

Oder, ob ich damit Leuten mehr Einfluss, Raum, Bühne gebe, als sie verdienen.

Ist die Lektion für mich “Sei noch differenzierter: Sichere dich nach allen Seiten ab, rhetorisch, damit man dich nicht falsch versteht!”…?

Oder “Wer dich falsch verstehen will, wird IMMER etwas finden”…?

Zu oft reicht ein einzelner Provokateur oder Rhetorik-Trickser, um mich und eine Handvoll Mit-Kommentator*innen für Stunden zu beschäftigen. Ist das den Aufwand wert? Muss ich auf viele Einwände eingehen – als guter Journalist?

Mich macht traurig, dass selbst ein Satz wie “Die Nazis waren schlimm” so viel Gegenwind, so viel Argwohn weckt. Ich habe Angst, zu hören “Du bist undifferenziert!”. Doch ich frage mich seit ein paar Wochen täglich: “Wünschen sich die Leute, die mir das oft vorwerfen, wirklich Differenzierung? Oder hoffen sie nur, dass ich mich verzettele? Und zugebe: Ich weiß eigentlich gar nichts. Nicht einmal, ob die Nazis ‘schlimm’ waren.”

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nazis-were-bad

Screenshot: @Michael1979, auf Twitter.

Rassismus in Kinderbüchern: Preußler, Lindgren und die “Kinderbuchdebatte” [Links]

kinderbuchdebatte nwort

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Freundin S. – Kulturwissenschaftlerin und Theatermacherin – hatte gerade eine Uni-Prüfung zur “Kinderbuchdebatte” 2013 und die vielen Feuilleton-Artikel über Otfried Preußlers “Die kleine Hexe”, Pippi Langstrumpf und die Verwendung des N-Worts.

Weil all die Links jetzt eh von ihr gesammelt sind, und vielleicht nochmal Grundlage zu einer längeren Diskursanalyse bieten:

Hier sind die ersten sechs Wochen der “Kinderbuchdebatte” 2013, Ende Dezember 2012 bis Anfang Februar 2013. Nicht vollständig – aber chronologisch geordnet, und ein recht guter Einstieg ins Thema.

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[Link 01] “Ach du liebe Göttin!”, Henryk M. Broder in Die Welt, 20. Dezember 2012

[Link 02] “Korrekte Kinderbuchsprache: Verlag streicht “Neger” aus der “Kleinen Hexe””, dpa-Meldung, Spiegel Online, 4. Januar 2013

[Link 03] “Diskriminierende Sprache bei Preußler: Die Kleine Hexe, ohne Rassismus. Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler wird künftig ohne diskriminierende Begriffe erscheinen. Ein Leserbrief hat die Nachkommen des Autors überzeugt.” Daniel Bax in der taz, 4. Januar 2013

[Link 04] “‘Manchmal geht mir die Political Correctness wirklich sehr viel zu weit’ Kinderbuchautor Paul Maar befürwortet nur kleine Änderungen in Kinderbuch-Klassikern”, Deutschlandfunk, 8. Januar 2013

[Link 05] “„Kleine Hexe“ ohne „Negerlein“ Wir wollen vorlesen und nichts erklären müssen”, Tilman Spreckelsen in der FAZ, 9. Januar 2013

[Link 06] “Zensur in Kinderbüchern. Wichsen verboten. Die Sprache im Kinderbuch „Die kleine Hexe“ wird bereinigt: Nach dem Thema Rassismus sind nun die sexuell konnotierten Wörter dran.” Anna Klepper in der taz, 11. Januar 2013

[Link 07] “Pro Korrektheit: Streicht das “Negerlein” und rettet die Kunst!”, Wieland Freund in Die Welt, 11. Januar 2013

[Link 08] “Contra Korrektheit: Lasst das “Negerlein” und traut euren Kindern!”, Jacques Schuster in Die Welt, 11. Januar 2013

[Link 09] “Political Correctness in Kinderbüchern – Zensur oder richtig? Modernisierte Klassiker. Die kleine Hexe“ soll ohne diskriminierende Begriffe erscheinen. Das ist keine Sprachzensur, sondern im Sinne ihres Autors Otfried Preußler.” Kommentar von Daniel Bax in der taz, 13. Januar 2013

[Link 10] “Fälschung, Lüge und das böse N-Wort”, Kommentar von Harry Nutt in der Frankfurter Rundschau, 16. Januar 2013

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“Kinder, das sind keine Neger! Aus Kinderbuch-Klassikern sollen Wörter gestrichen werden, die nicht mehr politisch korrekt sind. Ist das ein Fortschritt?” Dossier in Die ZEIT, 17. Januar 2013, bestehend aus folgenden drei Artikeln:

 

[Link 11, Teil 1] “Die kleine Hexenjagd. Aus Kinderbuch-Klassikern sollen Wörter gestrichen werden, die nicht mehr politisch korrekt sind. Das ist gut gemeint, aber ein Vergehen an der Literatur”. Ulrich Greiner

[Link 12, Teil 2] “Falscher Freigeist: Warum man gegen Zensur, aber für sensiblen Sprachgebrauch eintreten muss”, Ijoma Mangold

[Link 13, Teil 3] “Wumbabas Vermächtnis: Wie ich ein harmloses Buch schrieb – und plötzlich als Rassist beschimpft wurde”, Axel Hacke

[Link 14] “Rassismus in Kinderbüchern: Wörter sind Waffen“, Simone Ayivi im Tagesspiegel vom 18. Januar 2013

[Link 15]Rassismus in Kinderbüchern: Schuldig sind wir alle”, Marie Amrhein in Cicero vom 20. Januar 2013

[Link 16] “Lexikalische Kriegsführung”, Anna Sauerbrey im Tagesspiegel vom 21. Januar 2013

[Link 17] “Von Zensur kann keine Rede sein”, David Hugendick auf ZEIT Online, 22. Januar 2013

[Link 18] “Stellt euch nicht so an. Weiße dürfen nicht bestimmen, wann Schwarze sich gekränkt fühlen dürfen.” Özlem Tupcu in Die ZEIT, 25. Januar 2013

[Link 19] “Mit schwarzem Gesicht für den “Neger”. Denis Scheck zur aktuellen Kinderbuch-Debatte.” Carolin Gasteiger auf Süddeutsche.de, 28. Januar 2013

[Link 20] “Die Sprache der weißen Mehrheit”, Susanne Stemmler im Tagesspiegel vom 5. Februar 2013

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…und drei lesenswerte Blogposts:

[Link 21] “Rassismus raus aus Kinderbüchern”, Lisa Malich auf fuckermothers, 13. Januar 2013

[Link 22] “Toastbrot, Toastbrot. Und über Freundschaft, Kinderbücher und Rassismus”, Nadia Shehadeh in Shehadistan, 14. Januar 2013

[Link 23] “Über den Artikel ‘Die kleine Hexenjagd’ von Ulrich Greinr in der aktuellen ‘ZEIT'”, Anneke Gerloff, 21. Januar 2013.

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S., als sie das Foto sieht: “Stefan? Du hast die Mädchenpuppe in einer Küche fotografiert. Neben Gewürzen und einem geflochtenen Korb. Ich weiß, wie zufällig das Foto entstand. Aber…” – Stefan: “Oh Gott. Ja.” :-/ ! #puppenfail