Queerness

Queer Eye Germany: Staffel 1, Kritik

Auf Deutschlandfunk durfte ich Staffel 1 von „Queer Eye Germany“ vorstellen.

Gespräch mit mir: Link (Audio, 6 Minuten)

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Lebenshilfe bei „Queer Eye Germany“:

Zu fröhlich für Deutschland

Ein US-Erfolgsrezept, eins zu eins nach Deutschland kopiert und in Hagen, Kiel und an der Nordsee neu und lokal nachgespielt: „Queer Eye Germany“ startet mit fünf Folgen auf Netflix und kann in 190 Ländern gesehen werden. Passt das Format nach Deutschland? Und ist diese deutsche Variante für internationale Fans von Wellness, Selbsthilfe und Life-Coaching spannend?

Die Ur-Version von „Queer Eye“ lief 2003 bis 2007 im US-Spartensender Bravo, der seit 1980 Kunst- und Kulturformate zeigte, doch durch den „Queer Eye“-Erfolg zur Marke für schwule Männer und eitles, bissiges Reality-TV wie „Real Housewives“ wurde. Bis 2005 hieß das Format „Queer Eye for the Straight Guy“ und zeigte fünf queere Experten als sarkastische, gepflegte und kultivierte Elite-Helferlein, die überforderten Hetero-Männern Stil-Tipps gaben und gern auch Schmutz im Badezimmer oder Spermaflecken im Bettlaken kommentierten. Ein wegweisendes, doch gestriges und stereotypes Format.

Seit 2018 will eine erfolgreiche Neuauflage auf Netflix viel softer und herziger erzählen: In bisher 52 Folgen sollen Stilfragen um Deko, Mode und Kosmetik immer auch als maximal entscheidend fürs innere Wohl verstanden werden. Ein Haarschnitt ist Selbstverwirklichung. Triste Tapeten bedrücken das ganze Leben. Wer zweifelt, dem Alltag gewachsen zu sein, schuldet sich selbst auch ordentliche Schuhe und eine Handtasche! Verstörend wird „Queer Eye“, weil Trauma, Leid und Tränen komplett überforderter Alltags-„Heroes“ oft fast hämisch gekontert und attackiert werden – von fünf jubelnden, strahlenden, theatral-ironisch selbstbewussten Lifestyle-Stars, aggressiv fröhlich, aggressiv gerührt, aggressiv wertschätzend, aggressiv (Klischee-)amerikanisch.

Und das jetzt nochmal auf Deutsch nach-gestrickt, mit deutschen Coaches, doch im selben US-Ton? Tatsächlich funktioniert fast alles an der deutschen Variante: Erzähltempo, Bilder, Humor und ehrlich rührende Lektionen und Selbsterkenntnisse heben „Queer Eye Germany“ weit über „Frauentausch“ oder „Shopping Queen“. Besonders David Jakobs (Haar und Beauty) und Leni Bolt (Life Coaching), die beiden nicht-binären Expert*innen im Fünfer-Team, haben Charisma und viel zu sagen. Folge 1, über den nervösen Friedhofsangestellten und alleinerziehenden Vater Björn, ist so nervös wie Björn selbst: Helfen fünf demonstrativ extrovertierte Stimmen, ihre dauernden „Group Hugs“, ihr Jubeln und Anfeuern, das oft völlig übertriebene Cheerleading, Gerührtsein, Zugewandtheit einem schüchternen Mann, der vor Kameras gern immer leiser, kleiner wird?

Bäcker Nils (22) wohnt noch bei den Eltern und ist Fußball-Jugendtrainer: Soll er ausziehen und sich als schwul outen, auch im Verein? Marleen (18) verlor Eltern und alle Geschwister durch einen seltenen Gen-Defekt. Sie hat ein Spenderherz und in vielen Wortwechseln sichtbar mehr Wissen und Erfahrung als die fünf Coaches, die sie u.a. ermutigen, Makeup zu nutzen ohne Angst, automatisch „girly“ zu wirken. Viele Alltagstipps sind kurzweilig und haben Mehrwert: Ayan Yuruk renoviert und will ein Vorbild für queere Menschen of Color sein. Aljosha Muttardi ist Arzt und Experte für vegane Ernährung. „Fünf queere Personen, die so, wie sie sich hier kleiden und geben, auf deutschen Straßen jederzeit mit Hass und Gewalt rechnen müssen, verbreiten Wohlwollen statt Bitterkeit“, lobt Peter Weissenburger in der taz. Hilfe, Tiefgang, Expertise, konkrete Tipps sind alle immer grade: gut genug. Alles könnte deutlich tiefer sein. Doch „Queer Eye Germany“ als „oberflächlich“ anzugreifen, wäre hämisch: Fast alles passt.

Nur eins passt überhaupt nicht: Die Munterkeit und lautstarke Lebensfreude, das quirlige, tausendmal strahlendere Mitfühlen, Mitfreuen, Mitleiden, Mitfiebern fünf deutschsprachiger Leute, die tun, als sei das ihr persönliches, alltägliches Naturell – und nicht ein Gestus, der US-Ausgabe nachgepaust. Wir fahren Auto, wir erkunden fremde Wohnungen, wir tanzen und jubeln in kurzen Einspielern, wir sitzen in „unserem“ Loft und feiern jede Video-Botschaft und jeden Fortschritt „unserer“ Schützlinge: In jeder Gruppenszene der „Fab Five“ müht sich besonders Jan-Henrik Scheper-Stuke, der dandyhafte Mode-Experte, einen gelösten und euphorischen Ton zu treffen… der schon im US-Vorbild oft nicht authentisch wirkte, sondern verbissen, verzweifelt und wie eine Performance im Kapitalismus. Als sei die Kamera eine Waffe, die droht: „Für Netflix reichen nur die freudigsten, eifrigsten queeren Menschen!“

Matthias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer, sitzt im Netflix-Vorstand. Der Comedian Dave Chappelle dreht immer wieder Comedy-Specials für Netflix, in denen er klagt, dass trans Menschen und übertriebenes Pochen auf queere Sichtbarkeit der Comedy und der freien Gesellschaft schaden. Nach einem großen Chappelle-Special im Oktober 2021 fühlten sich queere Netflx-Angestellte vom Unternehmen und der Unternehmenskultur so allein gelassen, dass sie streikten. Einige der wichtigsten queeren Stimmen kündigten. Im Februar 2022 versprach Netflix vier weitere große Chappelle-Auftritte. Auch darum wäre ein deutsches Netflix-Format, in dem queere Expert*innen zeigen, wie man sich gegen Hass und Gewalt wehrt, überfällig. Queere Wut ist keine „Bitterkeit“. Queere Wut braucht viel mehr Platz – auch in Wohlfühl-Formaten einer Plattform, die aktuell kein Vertrauen queerer Menschen verdient.

Queer Eye Germany. Staffel 1: fünf Episoden, je ca. 50 Minuten.

ab 9. März 2022 auf Netflix

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Lässt sich das Format gut von USA nach Deutschland übertragen und funktioniert es ähnlich?

ja – der deutsche Trailer sah noch ein wenig… billig aus und graustichig. doch die fünf Folgen haben den selben Look, das Tempo, den Tonfall wie das US-Vorbild. das Vorbild ist beliebt, weil es so fröhlich ist, mitreißend, weil es SO viele rührende Momente gibt statt der gehässigen Reality-TV-Stimmung von z.B. „Frauentausch“. „Queer Eye“ gab es auch 2003 bis 2007 schon mal in den USA – da war es oberflächlicher. doch 2018 hatte Netflix eben Riesen-Erfolg, indem gezeigt wurde: Schau mal, wie sich diese fünf queeren Expert*innen wertschätzen und feiern und mögen. DU selber darfst dich auch mögen. und: wir ALLE sollten bitte queere Leute mögen – die sind nämlich gutgelaunt und frech angezogen. Das deutsche Team sagt: „Wir bringen Farbe ins Leben. Wie der Regenbogen!“

Die Kandidat*innen sind „Heroes“. 2003 waren es allerdings nur männliche.  Wird der Regenbogen in den Alltag inzwischen diverser überbracht?

die beste US-Folge, die ich sah, zeigt zwei schwarze Schwestern mit nem Barbecue-Imbiss… und als Deutscher lernte ich da viel über Alltagskultur und soziale Unsicherheiten in den USA. DIESES Fremde fehlt in der deutschen Variante etwas: es geht um einen Friedhofsgärtner und alleinerziehenden Vater, der immer kichert und sich wenig zutraut. oder um nen schwulen Fußball-Jugendtrainer, der sich outen will und bei den Eltern ausziehen mit 22. Die Folge „Ein Tag am Meer“ fand ich bisher am besten: da geht es um Marleen, deren ganze Familie an einem Gendefekt gestorben. Marleen ist 18… und… ich hätte eigentlich lieber IHR zugehört, wie sie über Trauma und über Loslassen spricht. als zu hören, wie Marleen erklärt kriegt, welches Makeup zu ihr passt.

Schafft es die deutsche Queer Eye-Version denn, würdig damit umuzugehen?

so halb: mindestens eine Person ist in Therapie und einfach: klinisch depressiv. es ist ein wertschätzendes und schwungvolles Wohlfühl-Format, das ECHT mitreißt. es sieht hochwertig aus, und ich fand es nie oberflächlich. das Fünfer-Team überzeugt mich: David und Leni sind nichtbinär und am charismatischsten. aber bei Jan-Henrik, das ist der Mode-Schnösel, schaudere ich noch ein wenig: der wirkt wie so ein Dandy vor 10 Jahren und… in meinem Bekanntenkreis ruft DIESE queere Rolle, diese Dandy-Selbstinszenierung oft plötzlich die kältesten, unsolidarischsten Dinge. so: der schwule, rechte Gentleman. aber so ne Figur zu sehen, wie sie jetzt dauernd mit den anderen jubelt, aufs Bett hüpft, alle umarmen sich, finden ALLES toll, sehen IMMER Hoffnung und eine Lösung… das wirkt noch EINS ZU EINS aus dem Amerikanischen nach-gespielt und rüber-kopiert, das ist noch SO eine Performance: einem Jan-Henrik glaube ich diese Herzlichkeit noch nicht. und es ist halt auch noch keine spürbar sichtbar *queere* Sendung. 

Was absurd klingt. Haben wir nicht die ganze Zeit über queere Expert*innen gesprochen?

ich finde, NOCH sind das aus Amerika rüber-kopierte,starre und eher unpersönliche Figuren oder Rollen. so: kindlich, happy, harmlose Jubelnde. In Filmen waren Schwarze Figuren oft so: hilfreiche Randfiguren, manchmal können die zaubern, und sie zaubern das Leben der Hauptfiguren schöner. Queerness hat für mich aber VIEL mehr mit Widerstand zu tun, mit Neinsagen, Weggehen, mit Sich-Entziehen, Protest, mit Normen sprengen, auch schmerzhafte Alternativen sichtbar machen, STÖRENDE, radikale, neue Ideen. aber eine Sendung, in der die queeren Leute kaum was von SICH erzählen, und immer ausstrahlen: Es geht bergauf, wir schaffen das – da ist die Aussage über alle Leute, die es eben NICHT schaffen in der Gesellschaft halt oft: Tja, die haben sich eben nicht genug Mühe gegeben und sich nicht zu helfen gewusst.

Das heißt: Das Format ist viel unpolitischer, als es sein sollte?

die Lektion hier ist meist sowas wie: Iss gesünder und geh zum Friseur, das schuldest du dir selbst. doch wenn ich das stundenlang höre, denke ich zu sehr: „tja. ich bin auch selbst Schuld, wenn mich was überfordert: ich sollte erstmal zum Friseur, bevor ich wütend sein darf über Systeme und Verhältnisse.“ die „Lösung“ bei „Queer Eye“ klingt zu oft wie „Du kochst jetzt erstmal ordentlich, du pflegst dich, und wenn diese Self-Care ordnungsgemäß abgearbeitet ist, DANN darfst du wütend sein über Hass oder Queerfeindlichkeit.“ bei charismatischen queeren Leuten wie Leni oder David aber will ich Davids Ängste hören und Lenis KÄMPFE  – die Haarpflege-Tipps von David, da denke ich: „Wieso darf David nur in DIESER Rolle groß auf Netflix?“ warum geht dem Mainstream das Herz auf, wenn die queeren Leute tanzen, lachen, helfen und jubeln? ich will, dass queere Menschen sich WEHREN.

weil: ICH will besser lernen, wie man sich wehrt. nicht, wie man sich eincremt.

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„Marleen ist ein hübsches Mädchen mit einer top Figur, einer tollen Personality und ist ein ganz starker Mensch. und das, das kann sie auch zeigen.“ – Jan-Henrik (uff!)

Vincent Ross in „Polizeiruf 110“ – queer, nichtbinär, Ermittler*in?

Bild: rbb/Aki Pfeiffer

Am 31. Januar sprach ich auf Deutschlandfunk Kultur über eine neue Figur bei „Polizeiruf 110“, Vincent Ross.

Gespräch mit mir, 6 Minuten (Audio, Link)

Zusammenfassung des Gesprächs (Link)

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Hier im Blog, als Bonus: meine Notizen zum Gespräch.

Vincent Ross ist Kommissar-Anwärter – und eine neue Figur im Brandenburger „Polizeiruf 110“.

Vincent macht Yoga, er will sein Psychologie-Studium noch beenden, und Vincent wirkt (Stichwort: queer-coding) queer: Er trägt einen Rock und schminkt sich die Augen.

Der erste „Polizeiruf“ mit Vincent Ross lief am 30. Januar 2022 im Ersten – „Hildes Erbe“ heißt die Folge: bis Ende Juli ist sie gratis in der Mediathek zu sehen.

Was erzählt die neue Figur über Geschlechterrollen – und Queerness?

1) Ermittelt wird in Frankfurt an der Oder und in Polen, in Slubice. In zwölf Folgen seit 2015 ist die Hauptfigur dort Adam Raczek – ein Pole, Motorradfahrer, geschieden, Mitte 40 und aktuell tablettensüchtig.

…und jetzt kommt sein neuer Kollege Vincent: circa zehn Jahre jünger, schlank… und vom Typ her, finde ich, wie Lotti – der nervöse, sensible schwule Friseur aus der „Lindenstraße“: Vincent zieht in eine Wohnung, und direkt am ersten Tag wird der Mieter im Stockwerk über ihm erschlagen, mit einer Porzellanfigur.

diese Folge, „Hildes Erbe“, ist kein Meilenstein: viel Ermittlungs-Blabla nach Schema F, die Auflösung fand ich drittklassig. aber: es ist sommerlich und heiter, und ein wenig schrullig, es hat viel Schwung und Tempo, und ich fand alle Figuren deutlich besser gespielt als geschrieben: alle sind charismatisch.

2) Und Vincent Ross – ist der ein Meilenstein?

ich freue mich über Vincent: der Schauspieler heißt Adam Kaczmarczyk, kommt aus Thüringen und ist queer – und Kaczmarczyk sagt, als das Drehbuch geschrieben wurde, durfte er mitreden über die Ausrichtung der neuen Figur.

mein Problem – oder meine Überraschung – ist: was ist denn „queer“ an der Figur?

irgendein Pressetext sagt, Vincent sei „genderfluid“ und „nichtbinär“, und die TV Today schreibt ganz… vielversprechend: „

„Mit dem genderfluiden Ermittler, der wie selbstverständlich zwischen den Geschlechtern wechselt.“

aber, jetzt langsam: dass jemand einen Rock trägt, dass jemand Kajal trägt, heißt für mich nicht: „oh, hier ist jemand queer! hier ist jemand trans!“. wir können Geschlecht nicht erkennen – weder an einem Körper und an dem, was wir bisher „Geschlechtsmerkmale“ nannten. noch an der Mode. wir können jede Person nur fragen:

„soll ich „er“ zu dir sagen? soll ich „sie“ zu dir sagen? sag mir, wer du bist.“

und bisher ist Vincent einfach: ein Kommissar, der sich mit „Herr“ und „Mann“ anreden lässt – und halt nen Rock trägt manchmal.

wir wissen noch nicht, wie Vincents Gender funktioniert. und – Achtung, das hat mit Gender jetzt auch erstmal nichts zu tun – wir wissen auch noch nicht, auf welche Geschlechter Vincent steht: keine Ahnung, ob das ein schwuler Mann ist. er sieht nur bisher so aus, wie sich TV-Serien oft schwule, etwas feminine Männer stereotyp vorstellen.

was mit dem Rest ist, das zeigt dann irgendwann die nächste Folge, hoffentlich.

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3) „Stereotyp“ klingt nicht gut.

ich finde Vincent witzig, charismatisch, zugewandt, beherzt… das ist eine Figur, die ich gern sehe, auch toll gespielt. und: solche Sichtbarkeit ist wichtig – ich finde nur erstmal dürftig, dass wir jetzt nach 90 Minuten nicht wissen oder sagen können, was „queer“ an Vincent ist.

mein Problem ist, dass auch der Darsteller sagt: klar – Vincent wurde halt als Kontrastfigur zu diesem alten Adam-Macho entwickelt: „Adam Raczek ist nämlich der Oberbulle, der mit seiner sehr mannhaften Art durch die Welt läuft und auch die zarten Pflanzen niedertrampelt.“

Adam fährt zu schnell. also fährt Vincent übervorsichtig. Adam passt nicht auf sich auf. Vincent redet über Achtsamkeit und sagt mitten im Dienst: „Stopp – wir zwei müssen jetzt erstmal Atemübungen machen!“

4) Wie war das Feedback auf die Figur?

die Kritiken sind erstmal gut – doch ich hasse, wie überall ein rechter Kampfbegriff umhergeworfen wird, nämlich „Woke“, aufgewacht, bewusst geworden – das, was Rechte früher auch „Gutmenschentum“ nannten.

2016 war klar, dass ein schwuler Tatort-Kommissar beim Sex gern unten liegt. ich fand das wichtig: Mark Waschke spielt diesen Ermittler, den Helden, und der ist nicht: der Top. der Aktive. es gibt in der queeren Welt so viel „Bottom Shame“ und so viel toxische Männlichkeit, ein Bekannter meinte mal: „Ach, Bottoms: du erkennst bei Profilen auf queeren Dating-Seiten, ob jemand passiv ist, wenn er lächelt. ein echter Top lächelt auf seinem Profilfoto nicht!“

da könnte ich schreien.

und darum will ich sehen, wie solche Ermittler Sex haben, was sie unter „Stärke“ verstehen und „Durchsetzung“, queere Sexualdynamik ist superwichtig – auch in einem Sonntags-Krimi, 20.15 Uhr in der ARD.

doch was Vincent im Lauf seiner Zeit als feste Figur erzählen wird über queere Männlichkeiten – das wissen wir noch nicht: in einer Rangelei setzt Vincent sich körperlich durch. in einer anderen Szene wird er von Adam gewürgt und bleibt stumm, hilflos und „victimized“.

er lässt eine Verdächtige bei sich schlafen, hält ihr Händchen, kümmert sich stereotyp um alle – und ich denke da an queere Soap-Figuren wie Easy aus „Unter Uns“ und Olli aus „Verbotene Liebe“: supernette, loyale, sensible Männer. nur sagen die Darsteller, die das jahrelang spielen, oft: „ich selbst bin nicht so nett wie dieser Olli. mir ist der ZU lieb.“

Vincent ist bisher auf diesem Weg.

5) Und die Folge findet noch aufregend oder kontrovers, uns zu zeigen, dass Vincent sagt „Der Täter oder die TäterIN“, dass er sehr achtsam ist…?

Vincent ist bisher so, wie… die freche Feministin in einem Krimi 1994.

oder eine rassifizierte Figur geschrieben von jemandem, der nur den Blick, die Perspektive von außen auf solche Figuren vemritteln kann oder will.

Vincent ist bisher so, wie „man“ sich stereotyp „woke“ Figuren grade vorstellt.

kann ja auch sein, dass aktuell in jeder ARD-Serie so eine Position auftaucht, weil das eben ein Thema der Zeit ist: in der Nonnen-Serie „Um Himmels Willen“ geht dann mal um „Cancel Culture“ usw.

das reicht mir aber nicht:

queere Leute, marginalisierte Leute sind oft aufmerksam, und bewusst zugewandt.

ich finde gut, wie Vincent das zeigt.

aber: wir queeren Menschen KÄMPFEN eben auch. und positonieren uns!

selbst ein Rock oder Kajal IST eine Positionierung…

und Vincent, der lieb und nett allen helfen will… das ist nicht, was in meinem queeren Freundeskreis interessant ist. sondern: wie hält man durch?

was sind die Abwehr-Strategien? die Resilienz?

wie KÄMPFT ein Vincent, und wem sagt Vincent: „gegen Leute wie euch, gegen eure Ansichten und eure Weltbilder, gegen euch kämpfe ich.“

und diesen Kampf will ich sehen. bisher kam er nicht vor.

(Literatur/Text) Twitter Captions: NSFW

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Die Queer Media Society (für mich: das deutschsprachige GLAAD) fragte im Sommer 2020 nach literarischen/essayistischen Texten über queeres Begehren, in einem „Call for Sexy Papers“.

Meine kurze Textcollage über queere Sprache auf Twitter wurde auf der QMS-Homepage veröffentlicht – und ist hier nochmal nachlesbar:

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Twitter Captions [NSFW. CN: Slurs]

von Stefan Mesch

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This shower bench has changed my life

Happy national jockstrap day

Here’s a reminder that disabled people are sexual beings.

I wanna flip fuck right now

day 17 since my last orgasm

Laundry Day means Naked All Day

All 3 of us wore Spider-Man suits

Hi I’m trans and this is me being visible.

Josh, a dancer, has such a zest for life. I love being around him. See more below:

Decided i need to be a bit more confident about my body. It’s the only one i have and i kinda like
it. It’s not perfect, but it’s mine!

amazing little otter dick

Cosplay – Adam & Eve

did some new self-portraits this morning …

Instagram with underwear on. Twitter with underwear off.

„Lawrence Graham-Brown works in sculpture, painting, performance and other media. His work
deals with Black male sex/sexuality, notions of beauty, desire, consumerism and larger themes
surrounding the Black male body in the public domain.“

Just woke up and somehow I’m posing on the floor

The gag went in shortly after this.

What do they call this move in wrestling?

„Es muy liberador estar desnudo frente a cien personas, pero no hay nada sexual en hacer el
amor en un set de película.“ – Bill Paxton

Happy anniversary you big lovable fag

My mother was sent this photo of me a few years ago by someone with vicious intent. She was
just happy that after so long in the closet I was finally going out having fun.
please help me get more people to follow so more people can see my cock.

Rubber always leads to objectification

Did someone say #tummytuesday?

Relaxing in my favorite position. Who wants a go?

嗯,据观察,该是没使用过的嫩菊

Take your clothes off

If you haven’t jerked off to a hot guy with a small cock yet in 2020, now is the time!!

Don’t forget to paint the face of the ones you love

This wasn’t my first time playing with Player 21 but he would never lose. Unfortunately for him,
he lost really badly this time (dice game) and had to choose between locking himself and
cumming on his face. He chose the cage.

It’s my birthday!! So here’s a quick vid of me blowing a guest speaker at my university

Just a lone naked boy in his room

Passing the time with friends.

Turns out you can get through airport security while locked

Be proud of who you are.

Find a place inside where there’s joy, and the joy will burn out the pain.

This photo is shown at the exhibition „Die Liebe der Matrosen“ at the Gallery Gustav von
Hirschheydt in Berlin. Prints are available.

Never been great about making the bed

Please I’m in need of a hung dude to make me spit, gag and choke all over his cock today. In
total cock worship mode. Feed me poppers and fuck my mouth into submission

The aftermath of a wonderfully intense and forceful rope bondage session

This is my husband. Follow him.

Happy to share

Arthur | Dutch reality contestant | Undress for Love (S01E04, RTL)

I miss having someone else in my bedroom. #bigguysinrubber #rubberedinlockdown

My beautiful slave just got his top surgery, and we surprised him by letting him set his old binder
on fire.

Just over 5 years ago I made my first tweet. I started this to inspire others to explore their fetish
identity.

Hooded and helpless.

Geared but also naked

Trying to be cute with some chains

Tired of thinking of captions. I just wanted to be slutty.

We’re really humbled and grateful that a handful of folks have joined us on Onlyfans. We’re just
2 dorky exhibitionists who love taking photos and videos

365 days. What a milestone to be locked for a whole year!! To me chastity is a form of self love.
The commitment to yourself, the never ending patience, the personal lows and highs – it’s all
part of the bittersweet and rewarding journey. I’ll be smiling all of today!!

You enter the room and you see me like this. What will you do?

‚Send Nudes‘ / Markus Christensen Dance artist / Norway

Been taking some time to myself, soaking up the sun and reading

Tired, but never too tired to get my dick out

The side of that torn underwear pic I couldn’t show on Instagram lol

Hugo Catalan in “El juego de las llaves”

Nothin like an amazing rope session to help you find yourself again

Spent an hour or so on a cam site the other day, I’ve never really done this before but it was
kind of hot being watched …

You can degrade someone. You can humiliate them. You can make them drip from all the
enticing words that you say. But if you forget that there is a human on the other side of that
submissive desire, you are the worst kind of garbage that infects the BDSM community.

The most important question of the day. Do we prefer a rubber or leather?

Smiling after a job well done.

Nothing to be ashamed of.

I wish I could put into words how much this pic means to me. I’ve struggled w/ hating my body
most of my life. Getting into sex work has changed so much for me & I’m grateful for the
confidence it has given me. Not everyday is perfect but I love my body more now than ever
before

You Guys Make Me Feel Great About Myself.

Proud to expose myself

There are two situations when I look at the mirror and feel really hot. With full leather and naked
in chastity

If you clicked on my profile looking for ammunition against me, boy are you in for a treat.

One last thing. While I enjoy porn, I don’t consider this a porn account. So, if you are retweeting
solely for erotic purposes, I’ll ask you to reconsider. There’s very much a human at the other end
of this, so I appreciate you considering that as we interact.

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Jede Zeile des Texts ist ein Tweet, gefunden 2019 und 2020 bei meist queeren, oft
amateurpornografischen Twitter-Accounts: Auf Plattformen wie Tumblr werden Fotos fast immer
ohne Text geteilt. Doch Twitter fragt bei jedem Tweet-Entwurf „What’s happening?“, und durch
Überschriften werden Fotos (meist: Selfies) queerer Menschen dort … ironisiert, kontextualisiert,
erklärt und oft: gerechtfertigt.

HIV in den 80ern und 90ern: Buchtipps zum Welt-AIDS-Tag

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Promising people, who could have contributed much, dying young and dying unnecessarily. (Randy Shilts)

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Die AIDS-Krise ist 35 Jahre her. Ich bin 35. Die Menschen, die damals starben, forschten, aktivistisch arbeiteten, waren oft Mitte 30.

Im Juni 2018 las ich mehrere Sachbücher über HIV und AIDS in den 80er und 90er Jahren, für Deutschlandfunk Kultur.

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„Erst 1969 war Homosexualität im Rahmen der Großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger entkriminalisiert worden, nachdem über 50000 Bürger verurteilt worden waren.“

„Im Juli des Jahres 1979 fand der Homolulu-Kongress in Frankfurt am Main statt, das erste internationale Homosexuellentreffen, das zum Zündfunken für die Gründung vieler schwuler Initiativen in Westdeutschland wurde, darunter das Begegnungs- und Tagungshaus Waldschlösschen.“

„Christian von Maltzahn beteiligte sich an der Aktion »Wir sind schwul«, bei der sich im Oktober 1978 682 Männer im Stern outeten (angelehnt an die legendäre Aktion »Wir haben abgetrieben« von 1971). Daraufhin wurde er von der Familie verstoßen.“

„1980 zerschlug der Künstler und spätere Präsident des FC St. Pauli Corny Littmann einen Spiegel in der öffentlichen Toilette am Jungfernstieg, hinter dem sich ein Raum der Polizei befand. Von dort aus hatten Beamte bis dato durch ein Spezialglas die Urinale beobachtet, um Homosexuelle auf frischer Tat bei »sittenwidrigen Handlungen« ertappen zu können.“

„Die relative Freiheit, mit der sich Homosexuelle in der Bundesrepublik zu diesem Zeitpunkt bewegen konnten? In den Großstädten gab es eine ausdifferenzierte Szene, allein in Westberlin mehr als fünfzig Kneipen, zwei schwule Verlage und mehrere Saunen. Frank Ripplohs legendärer, auch international erfolgreicher »Film Taxi zum Klo« (1980) vermittelt etwas von der damaligen Atmosphäre.“

„Am Anfang war Aids nichts als ein »Schreck von drüben«, wie der Spiegel im Mai des Jahres 1982 schrieb.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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Ein wichtiges Buch.

Mit wuchtigem Titel: In „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“ will taz-Redakteur Martin Reichert 40 Jahre Krankheits-, Sozial-, Polit- und Kulturgeschichte bündeln, auf 270 knappen Seiten. Ein Buffet aus Fakten, Diskursen, offenen Fragen und persönlichen Anekdoten, das so viele Themen (und: Pioniere, Stimmen) streift, dass ich beim Lesen mehr Zeit bei Google, Wikipedia verbrachte als in Reicherts zugänglichem, doch oft kursorischem Text.

Das viel zu kurze Suhrkamp-Buch zeigt mir vor allem, wie vage und oberflächlich mein eigenes Verständnis und Wissen sind.

„Das Ende von AIDS haben sich die Vereinten Nationen fürs Jahr 2030 auf die Fahnen geschrieben, in Deutschland soll das Ziel schon 2020 erreicht sein. Bis dahin soll die Krankheit bei niemandem mehr ausbrechen. In Deutschland wird derzeit noch bei etwa tausend [HIV-positiven] Patienten jährlich das Vollbild diagnostiziert.“

Wie ausführlich, detailliert müssen Dokus und Sachbücher erzählen?

Wunderbare Graphic Novels wie Judd Winnicks „Pedro and me“ (2000, über Aktivist und MTV-Star Pedro Zamora) oder „Taking Turns“ (2017: ein „Graphic Medicine“-Doku-Comic der lesbischen Hospizpflegerin und Künstlerin M.K. Czweriec) bleiben bei engen Einzel-Aspekten der AIDS-Krise (Jugendkultur der 90er; Pflege und Hospiz): didaktisch, zugänglich, sympathisch.

Fehlt also immer noch ein großes Standard-, Grundsatzwerk über der Zeit von ca. 1978, als erste AIDS-Fälle dokumentiert wurden, und 1996 – seit HIV via „Medikamentencocktail“ meist gebändigt wird?

2017 erzählt David France in „How to survive a Plague“ auf über 600 holprigen Seiten, wie New Yorker Aktivistengruppen, z.B. ACT UP Ende der 80er gegen selbstsüchtige Forscher, korrupte Pharmafirmen und die Gleichgültigkeit der Presse und des Präsidenten, Ronald Reagan, agitierten. Ein verquastes, maßloses, oft provinzielles Buch. Tausend (oft interessante) Details. Ohne Gespür für Dramaturgie.

Hier stolpern auch Filme und Theaterstücke meist:

Tony Kushners unvergesslicher Broadway-Zweiteiler „Angels in America“ (1991) zeigt Stimmungen und Alpträume der New Yorker Community. Larry Kramers Lehrstück „The Normal Heart“ (1985) prangert das Polit-Versagen an, zusammen mit einer fiktiven, eher seichten Liebesgeschichte. Ryan Murphys HBO-Verfilmung von 2013 vermittelt kompakt, stilsicher, packend alle Oberflächen der Ära: Wie wurde vor 35 Jahren in Manhattan gesprochen, getanzt, gestritten? Gestorben?

Je mehr Sender und Portale im US-Serienmarkt auf Nischen setzen und eigensinnigen Ton – je mehr Produktionen nicht mehr allen, jeden vage gefallen, sondern lieber kleine, engere Zielgruppen komplett begeistern wollen – desto spezifischer, mutiger werden HIV und queerer Alltag erzählt. Zuletzt etwa in Ryan Murphys „Pose“ (2018). Ikonografie, die oft aufs Fremde und Vergangene setzt. Bilder, die zeigen: Das war eine ganz eigene Welt, zu einer ganz anderen Zeit.

Um die AIDS-Krise zu verstehen, brauche ich mehr als solche Momentaufnahmen – die immer wieder unterstreichen: “Das ist lange her. Das ist weit weg.”

Das für mich stärkste, wichtigste AIDS-Sachbuch stammt von Randy Shilts: einem der ersten offen schwulen Journalisten im Dienst großer US-Zeitungen.

“And the Band played on” erschien bereits 1987. Die deutsche Ausgabe, “Und das Leben geht weiter”, ist seit 25 Jahren vergriffen. Shilts stellt zwei große Fragen: “Was geschah?” Und, sobald klar wird, dass eine Geschichte von AIDS vor allem eine Geschichte von Versäumnissen, vermeidbarem Leid, sozialer Kälte, Hass, Homophobie ist: “Wie konnte das geschehen?”

Zeitlicher Abstand hilft beim Analysieren. Trotzdem bleibt “And the Band played on”, eines der frühesten und ältesten Bücher, eine Klasse für sich. Ein deutsches Pendant fehlt schmerzlich. Shilts selbst ließ sich während der Arbeit am Manuskript nicht auf HIV testen. Erst, als das Buch in Druck ging, sah er sich bereit, den eigenen Status zu erfragen. Er starb 1994, mit 43 Jahren, an AIDS.

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„Gab es damals in Hannover überhaupt Schwulenbars? »Natürlich, in der Nähe des Bahnhofs, eine sogar mit ›Dunkelraum‹«, erinnert Udo sich, »Klappen waren sowieso überall, in Paderborn sogar direkt unter dem Dom.« Man habe zu dieser Zeit nichts zu befürchten gehabt als schwuler Mann. Tripper, Syphilis und Filzläuse waren lästig, aber gut behandelbar.“

„Journalist Jan Feddersen, geboren 1957: »Aids ist ein Scheißdreck. Aids – da war ich so jung und lebenshungrig – so von wegen: Die Party namens Leben, die ich immer so ernst genommen habe, ging doch gerade erst los, nachdem ich den wesentlichen Schutt aus Kinder- und Jugendtagen weggeräumt hatte. Durch Aids konnte man seine Sexualität nicht mehr leben, und weil die ein zentraler Aspekt der schwulen Identität ist, konnte man auch die Identität nicht mehr leben.«“

„»In den achtziger Jahren war es nötig, eine andere Sprache zu finden – über Sexualität zu sprechen. Das Land hatte den Nationalsozialismus hinter sich, die fünfziger Jahre; es gab noch dieses Bild, dass die Menschen, die an Aids erkrankten, für ihre Sünden bestraft würden.« Die konservative, zutiefst christliche Politikerin Rita Süssmuth musste nun über Anal- und Oralverkehr sprechen – und vor allem über Kondome. Der Spiegel zeigte sie auf dem Titel, eingehüllt in ein Ganzkörperkondom.“

„Wir als Schwule haben uns gut geschlagen, die Gesellschaft hat – wenn man von Bayern absieht – einigermaßen fair reagiert. Aber eigentlich ging es eben nur darum, dass die Seuche nicht von der Randgruppe in die Mehrheitsgesellschaft dringt. Das, was Rita Süssmuth damals geleistet hat, hatte mehr mit merkelscher Pragmatik zu tun als mit Empathie.“

„Wie wurde noch der damalige Kurienkardinal Joseph Ratzinger in den achtziger Jahren zitiert, selbstverständlich im Spiegel: »Man muß nicht von einer Strafe Gottes sprechen. Es ist die Natur, die sich wehrt.«“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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Ich las & sah 2018:

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A (2018): Martin Reicherts „AIDS in der Bundesrepublik“, Suhrkamp

B (2016): David Frances‘ „How to survive a Plague. The Story of how Scientists and Activists tamed AIDS“, nicht auf Deutsch. 2014 drehte France eine gleichnamige Doku. Das 600-Seiten-Buch dokumentiert Networking, Politik und Widerstand, vor allem im New York der 80er.

C (2014): den Film „A Normal Heart“ (2014), nach Larry Kramers gleichnamigen Theaterstück von 1985, über Aktivismus in New York bis 1985. Kramer ist auch in (B) und (D) eine wichtige Figur.

D (1987): Randy Shilts „And the Band Played on. Politics, People and the AIDS Epidemic“ (dt. „Und das Leben geht weiter“, vergriffen), 800-Seiten-Doku darüber, warum alles so schleppend lief – behördlich, politisch, sozial etc.

E (2017): MK Czwerkieks Comic „Taking Turns. Stories from HIV/AIDS Care Unit 371“: autobiografischer Doku-Comic über Hospiz und Pflege ab 1994.

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Alle Titel sind empfehlenswert.

Doch man muss vorher entscheiden, was man selbst über HIV/AIDS wissen will – und erwartet:

Sortiert von „einsteigerfreundlich“ zu „großer Wurf“:

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E – Der Comic, „Taking Turns“: einfache Sprache, viele medizinisch und… sozialhistorische Infos, schöner Überblick. Das Buch, das ich am ehesten verschenken würde, falls jemand fragt: „Wie verläuft diese Krankheit, und warum war/ist sie gesellschaftlich eine große Sache?“

C – Ein 2-Stunden-Film, „The Normal Heart“, der in starken Bildern das Zeitgefühl der 80er vermittelt. Ich sah das mit Gewinn, doch finde unerträglich, dass Autor Larry Kramer sich selbst in jeder Szene als tollsten Hecht schildert / feiert. Ein narzisstischer und einseitiger Film, den man nur erträgt, wenn man ausklammert, dass hier ein super-umstrittener und ineffektiver Aktivist ein Denkmal für sich selbst baut, plump, arrogant und voll VIEL zu platter Monologe, die ich literarisch nicht ernst nehmen kann. Je weniger man über Kramer und die Realität weiß, desto sehenswerter ist der Film.

B – Wer sich für HIV interessiert und einen soliden, faktensatten und zeitgemäßen Überblick sucht: Bitte „How to survive a Plague“. Persönlich fand ich anstregend, dass der Autor mit vielen Aktivist*innen von damals befreundet zu sein scheint und sehr bauchpinselt. auf 600 Seiten in oft labbrigem, plapprigem Stil zu lesen, dass Harry ein toller Typ, Gary ein netter Kerl, Barry eine gute Seele ist – ohne, dass wir tief in diese Personen, ihre Psyche und Widersprüche steigen konnten… fand ich ermüdend. Und: journalistisch peinlich.

D – Wow. Schade, dass das beste Buch, auf das ich stieß, auch das älteste ist: „And the Band played on“

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1984: „Before AIDS, Paul had never believed that gays really were all that oppressed; now he was worrying about wholesale employment discrimination and quarantine camps.“

1983: „Czechoslovakia was the only communist nation to concede that AIDS could spread within socialist borders. Respresentatives of the Union of Soviet Socialist Republics stoically insisted that ‚We will not have any of these casis in the Soviet Union‘.“

1983: „Japan had reported its first two AIDS cases, making it the first Asian nation to be touched by the epidemic. The brothels, Turkish baths, and sex parlors in Tokyo’s famed Yushiwara District were refusing foreign visitors for fear that they might spread AIDS. Baths posted signs reading: ‚Japanese Men Only‘.“

1983: „The long incubation period for the virus had permitted it to spread for years before anyone even knew it existed. The mean period was 5.5. years. It appeared that some cases would take more than 11 years to incubate; although some people would come down with AIDS in as little as six months.“

1984, BRD: „In the second hardest-hit nation in Europe [after France], testing found that two-thirds of hemophiliacs, 20 percent of intravenous drug users and one-third of gay men carried HTLV-III antibodies. […] Under veneral disease laws, which were in force in nearly every northern European country, it was a crime for a person with a sexually transmitted disease to have sex.“

1983: „Nervous health officials and reporters had spent months talking about AIDS being spread through ‚bodily fluids‘. What they meant to say was semen and blood, but the term ’semen‘ is one that polite people don’t use in conversation, and blood banks still objected to the use of the term ‚blood‘. [So… public fears spread:] Saliva was a bodily fluid. Could AIDS be spread through coughing?“

[schreibt Randy Shilts in „And the Band Played On“]

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Warum genau jetzt / heute diese Bücher lesen?

– Weil die Bücher fragen „Wie konnte das passieren?“, und die Antworten interessant, komplex, lehrreich sind.

– Weil von 1980 bis ca. 1987 viele Dinge falsch liefen – politisch, sozial, psychologisch. AIDS war *eine* Herausforderung, auf die die Gesellschaft reagieren musste. ein guter Aufhänger für ein Sachbuch (weil: klare Chronologie, nicht zu viele handelnde Institutionen etc.)

– Wie schlecht, wie falsch, wie langsam die Gesellschaft reagiert hat und, wie wir daraus sehen, wie schlecht, langsam, falsch wir gesellschaftlich auf ALLES Neue immer wieder reagieren… diese Mechanismen werden in den Büchern erklärt. Deshalb für mich: eine Lektüre fürs Leben. Ich habe *sehr* viel gelernt.

– Weil in 35 Jahren ähnliche Bücher erscheinen werden über z.B. den Klimawandel oder die Diesel-Debatten. ich glaube nicht, dass man Bezug zu HIV oder Diesel braucht, um das mit Gewinn zu lesen.

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„Die Zeit der Aids-Krise von Mitte der achtziger bis Mitte der neunziger Jahre ist auch eine Zeit, in der sich die Kultur des Krankseins verändert. Damals hält das Leben paradoxerweise Einzug in die Krankenhäuser: »Auf einmal waren da jede Menge junge Leute – und die haben ja auch Besuch bekommen. Da wurde Musik gemacht und gelacht – das war eine neue Kultur. Vorher gab es nur streng geregelte Besuchszeiten und Blumenvasen.«“

„Bruno Gmünder hat viele Bekannte und Freunde sterben sehen. »Ein Freund von mir war positiv und hat sich noch Mitte der Neunziger umgebracht. Er war in der Modebranche tätig, in Süddeutschland – aber zur Behandlung ist er immer nach Berlin geflogen, seine Sekretärin durfte nichts davon wissen, niemand durfte etwas wissen. Dieser Druck, dieses Schweigen. Viele haben das mit Kokain überdeckt – eines Tages ist er dann vom Balkon gesprungen.«“

„Gmünder: »Aids, das hat eine ganze Generation verbogen. All diese deformierten, traumatisierten Menschen.«“

„Wieland Speck hat einen kleinen Altar aufgebaut, mit Bildern, Fotos, Erinnerungsstücken von Freunden, die er verloren hat, viele in den Jahren zwischen 1988 und 1996. »Zuvor hatte ich schon mehrere Sommer im Krankenhaus verbracht, bei sterbenden Freunden. Ich denke, Aids hat mich rund zehn Jahre meines Lebens gekostet. Und dann die Erschöpfung danach.«“

„Zum Zeitpunkt des Mauerfalls hatten sich offiziell 133 DDR-Bürger mit dem HI-Virus infiziert, bei 27 von ihnen war die Krankheit ausgebrochen. In der BRD waren damals 42000 Menschen HIV-positiv und mehr als 5000 an Aids erkrankt.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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„And the Band Played on“:

Shilts, Lokaljournalist in San Francisco, schrieb 1982 ein Buch über Harvey Milk, den schwulen Bürgermeister in San Francisco vor der AIDS-Krise: „The Mayor of Catro Street“. Die Verfilmung („Milk“) war 2009 für den Oscar nominiert, und ich fand Film und Buch 2009… solide und lokal. Nichts, das mir viel über die Welt erklärt – nur über ein (mich eher langweilendes) Milieu: oft biedere Lokalpolitik im San Francisco der 70er. Keine Empfehlung.

Doch ausgerechnet Shilts fragt in „And the Band Played on“ akribisch und umfassend „Wie konnte das passieren?“

Das Ergebnis ist wie… „Game of Thrones“: sehr kurze, pointierte Kapitel jeweils darüber, aus welchen Gründen EINE Person an EINEM Datum EINE strittige Entscheidung traf. Die Personen werden nicht ohne Wärme geschildert, doch Shilts spricht viel über Widersprüche, Neurosen, Unsicherheiten, persönliche Agenda. Es sind keine Sympathieträger*innen, sondern fast immer Leute, halb-informiert, nervös und mit dem Rücken zur Wand.

Ein Königreich wird von Frostzombies und ewigem Winter bedroht, die Herrschenden wissen davon… Doch niemand hat eine Strategie: Die Reihe lässt sich als Kommentar zum Klimawandel lesen oder zu sozialen, anderen Katastrophen – und zeigt die vielen politischen, psychologischen, wirtschaftlichen Verkettungen und Zahnräder, die dafür sorgen, dass ein großes Problem, das alle sehen, nicht gelöst wird. So, wie bei „A Song of Ice and Fire“ seit Band 1 klar ist: „Der Winter kommt“ …und trotzdem keiner auf die Bedrohung angemessen reagiert, zeigt „And the Band Played on“ nicht ohne Wärme und Empathie, doch eben SEHR kühl und klar: total überraschende… Kausalketten.

Auf die ich nie gekommen wäre.

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Dinge wie: Es gibt Herrensaunen / Gay Bathhouses – und Epidemologen ist früh klar, dass dort eine hohe Ansteckungsgefahr herrscht. gleichzeitig sind die Männer, die solche Saunen betreiben, oft die reichsten schwulen Unternehmer in jeder Stadt, und weil es ständig Probleme mit z.B. „Zoning Laws“ / Gewerberecht gibt, sind sie alle in der Lokalpolitik aktiv und vernetzt.

1983: „In Miami, Jack Campbell, owner of the Club baths chain of forty-two bathhouses, brushed of questions about the baths‘ role in the epidemic by insisting that most of Florida’s AIDS cases were Haitians, and it wasn’t a problem for gays. This was not accurate [but] most of the nation’s gay newspapers received substantial advertising revenue from the bathhouses and sex businesses. This assured that not only would few gay leaders support moving against the baths, but that the gay papers would unanimously support their advertisers. Potential bathhouse closure was not even to be discussed.“

Wie es dann – obwohl niemand was Böses will – von 1980 bis ca. 1984 braucht, bevor sich Politiker*innen und Aktivist*innen trauen, zu sagen „Die Saunen sind gefährlich“, weil niemand den politisch vernetzten Unternehmern das Wasser abgraben will, ist… entscheidend.

„And the Band Played on“ beschreibt NUR solche Mechanismen. Sehr elegant und überraschend – häppchenweise, Schritt für Schritt, ohne Überdramatisierung oder besserwisserische „DAS war fatal, und alle hätten es kommen sehen können!“-Wut: 1979 streitet sich eine Stadtteilinitiave. 1984 sterben Tausende von Menschen. Als direkte Folge.

Diese Kausalketten zu verstehen – zu begreifen, wie random und wie fragil sie sind, fand ich *immens* lesenswert.

Ich will nicht sagen „Dass es um AIDS geht, ist da fast egal“. Doch ich finde, jeder, der Politik verstehen will, oder die Haltung von Zeitungen, oder Gesetzesentwürfe, oder „die kollektive Psyche“ und diese oft bizarren Wechselwirkungen, Ursachen, Tabus und Konsequenzen, sollte 25 Stunden in dieses Buch investieren. Man muss sich nicht für die USA, Bürgerrechte, Medizin oder die 80er interessieren: Es ist völlig egal, wie nah oder fern man dem Thema „HIV in den 80ern“ steht.

„And the Band Played on“ zeigt aus… fünf Dutzend Perspektiven, wie sich diese Krankheit ausbreiten konnte.

Pointierte, ganz kurze, sehr klar formulierte… Vignetten / Episoden darüber, wie z.B. eine Tochter, deren Mutter nach einer Bluttransfusion krank wird, JAHRE braucht, um zu verstehen: „Meine fast 60jährige Mutter hat AIDS.“

Doch: Das beste Sachbuch, das ich kenne.

Weil es um Strukturen und Mechanismen geht – nicht um EIN Thema, das man „spannend“ oder „irrelevant“ finden kann.

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„Wie konnte man Menschen dazu bewegen, überhaupt Kondome zu benutzen? Hans Hütt: »Grauenhaft – die gab es unter dem Ladentisch und in seltsamen Automaten auf öffentlichen Toiletten. Man konnte sie nicht einfach im Drogeriemarkt kaufen. Auch kein Gleitgel, das machten die Leute damals selbst.«“

„Hans Hütt: »Es gab zwei einschlägige Hautarztpraxen in Berlin, dort ist man regelmäßig hingegangen. Das war einfach ein Teil der Libertinage, die Geschlechtskrankheiten. Ob man Feigwarzen hatte oder Syphilis, das wurde immer ganz offen kommuniziert. Das war in meiner Erinnerung ein verantwortungsbewusster Hedonismus. Und dann kam die Gegenaufklärung: Seit Aids ging man nicht mehr zum Arzt, man fürchtete, dass der ohne Absprache Bluttests macht.« Es gab Ärzte, die sich weigerten, Positive zu behandeln, und hysterisches Pflegepersonal. Man wusste nicht, wie man die Behandlungen verbuchen sollte, weil es noch keinen WHO-Schlüssel gab. »Die haben dann Krebs abgerechnet oder sonst was.«“

„Das Jahr 1985 aber war für schwule Männer von Angst und Unsicherheit im Umgang mit ihrer Sexualität geprägt, wie die Safer-Sex-Comics des Zeichners Ralf König illustrieren, die er in diesem Jahr erstmals für die AIDS-Hilfe zeichnete. Die Figuren mit den berühmten Knollennasen onanieren häufig gemeinsam zu Pornos – manchmal haben sie auch Analverkehr: mit Kondomen, deren Verwendung Ralf König seinen Lesern ans Herz zu legen versuchte.“

„1989: »Wir machten Werbung für Kondome – und weil die reißen können, wurden wir als Mörder beschimpft.« Gar keinen Sex mehr zu haben, das war eine Variante, die seinerzeit nicht nur konservative Politiker wie Peter Gauweiler propagierten; auch Schwulenaktivisten wie Rosa von Praunheim forderten angesichts des Sterbens zeitweilig sexuelle Abstinenz.“

„»Kondom« war gemeinsam mit »Aids« das Wort des Jahres 1987 in der Bundesrepublik – und es bedurfte einer Menge Arbeit, da – mit es so weit kommen konnte.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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Martin Reicherts „Die Kapsel“ braucht etwa 6 Stunden Lesezeit: ca. 10 Begegnungen mit Zeitzeugen, dazwischen kurze Grundsatz-Kapitel. Eine einsteigerfreundliche, süffige, doch etwas lose Sammlung von Eindrücken, Themenfeldern und Zeitgeschichte.

Auch hier fand ich die Ursache-Wirkungs-Ketten am interessantesten.

Zusammenhänge wie: Die deutsche Schwulenbewegung kam aus der Studentenbewegung und war deshalb eher konsum- und lustfeindlich, elitär; die US-Schwulenbewegung kam aus dem Civil-Rights-Movement, sah z.B. Leather Bars nicht als ‚oberflächlich‘ und hatte eher ein Hippie-Bild von Sex, Spiritualität, Selbstverwirklichung etc.

ca. 1979: „Die Trennung zwischen Politszene und der sogenannten Sub, also dem eher kommerziell und hedonistisch orientierten Teil der Schwulenszene, ist für Bruno Gmünder ein spezifisch deutsches Phänomen: »In Deutschland war die Schwulenbewegung an die Studentenbewegung angebunden, in den USA an die Bürgerrechtsbewegung.« Die Studenten seien eben verklemmt gewesen, während man in der Sub ungetrübt von Antiamerikanismus und voller Lebensfreude den Vorbildern aus San Francisco und New York nacheiferte.“

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In Reicherts Buch lernt man kompakt und flüssig alle wichtigen Namen, Stichpunkte, Debatten etc. kennen.

Martin Reichert ist taz-Redakteur und informiert über die gängigen queeren Diskurse seit den 80ern. „Die Kapsel“ handelt von einem Friedhof für Lesben in Berlin; Rosa von Praunheims Outings von u.a. Hape Kerkeling in der RTL-Sendung „Der heiße Stuhl“; der bundesweiten Präventionskampagne „Gib AIDS keine Chance“ und der Rolle, die Rita Süssmuths Engagement spielte, v.a. gegen Bemühungen von z.B. Peter Gauweiler in Bayern, HIV-Infizierte in Lagern zu sammeln. Ein kurzweiliges Buch, das viele Themen, von denen jede*r mal hörte, vertieft, pointiert nacherzählt, in Kontexte setzt.

Doch während Randy Shilts genau erklärt, wie alles passieren konnte und ineinander greift, kann ich nach der Lektüre von Reichert z.B. nicht beantworten, WARUM genau der „Spiegel“ ab 1983 sehr apokalyptische, hämische Artikel schrieb. Ich kann es mir zusammen reimen – „Ist halt der Spiegel“ -, doch es gibt zu viele Stellen in „Die Kapsel“, bei denen ich nur denke:

„Aha. Okay. Na ja. Ist halt Bayern. Ist halt Rosa von Praunheim. Ist halt Berlin. Waren halt die 80er“ usw.: Eine ferne Zeit, deren Mechanismen ich nicht mehr verstehe.

Eine Kleinigkeit: Der Titel, „Die Kapsel“, klingt groß und programmatisch. Geht es um eine Pille? Geht es darum, dass die BRD wie eine Kapsel funktionierte? Reichert sagt, viele Überlebende hätten sich nach 1996, als durch medizinische Durchbrüche klar war, dass HIV kein Todesurteil mehr ist, „abgekapselt“. Warum? Warum in Deutschland? Warum so? etc.

Das beantwortet das Buch nicht im Detail. Ich kann damit leben. Doch direkt nach der Shilts-Lektüre denke ich: „Und wo bleiben jetzt die 400 zusätzlichen Seiten, die alle URSACHEN und komplexen gesellschaftlichen Wechselwirkungen explizit beschreiben?“

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„Für die Aktivisten der ersten Stunde gab es bereits zu Beginn auch ganz konkrete Gründe, sich zu engagieren. Die wenigen Patienten waren einer diskriminierenden Behandlung ausgesetzt, zum Teil wurden sie regelrecht als Versuchskaninchen benutzt. So kam es bereits im Jahr 1983 zu einem Akt zivilen Widerstands, einer »Act-Up-Aktion ›avant la lettre‹« (Michael Bochow): Ein Aids-Patient, der in einem Berliner Universitätsklinikum im Sterben lag, sollte aus Gründen wissenschaftlicher Neugierde hirnoperiert werden – Aids-Aktivisten blockierten die Tür zum OP.“

„Zwar erklärt die Bundesregierung 1983 Aids in einer Pressemitteilung erstmals zu einem nationalen Problem […] Die Behörden blieben jedoch – aus heutiger Sicht – erstaunlich untätig, und das bis 1985.“

1983: „Manche glauben, sich vor der Erkrankung schützen zu können, indem sie sich von bestimmten Personengruppen fernhalten: In der New Yorker Szene misstraut man den Haitianern, in deutschen Großstadtszenen wähnt man sich sicher, wenn man Sex mit Amerikanern meidet.“

1986: In einem Ableger der linken Zeitschrift Konkret, der Sexualität konkret, war im Jahr zuvor ein offener Brief Martin Danneckers an den Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein erschienen, der mit den Worten endet: »Im ›Spiegel‹ wird seit nunmehr vier Jahren ein antihomosexueller und minderheitenfeindlicher Fortsetzungsroman veröffentlicht. Von diesem haben sich Abertausende in ihrem Selbstgefühl beleidigt und in ihrer Angst bestätigt gefühlt. Ein solches Stück, so haben Sie anläßlich der Diskussion um das Schauspiel von Fassbinder geschrieben, dürfe nicht gespielt werden. Bitte sorgen Sie in Ihrem eigenen Haus für das Absetzen der menschenfeindlichen Berichte über die von Aids so schrecklich gebeutelten sozialen Minderheiten.«“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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Georg Zipp empfahl mir im Juni via Twitter:

  • David Wojnarowiczs autobiographische Graphic Novel „7 Miles a Second“
  • Wojnarowiczs „Close to the Knives: A Memoir of Disintegration“ und „Waterfront Journals“
  • Allan Gurganus: „Plays Well With Others“
  • Pier Vittorio Tondelli: „Camere Separate“
  • Hervé Guibert: „À l’ami qui ne m’a pas sauvé la vie“ (fiktionalisierter Roman über Michel Foucault).
  • Norwegische Kurzserie aus dem Jahr 2012: „Don’t Ever Wipe Tears Without Gloves“
  • Subkultureller Kultroman: „Tim and Pete“ von James Robert Baker.
  • Kinderbuch aus dem Jahr 1989: „Losing Uncle Tim“
  • „Ich glaub, bei Hubert Fichte gab’s da auch was… Dazu dann noch vielleicht ein bisschen Susan Sontag…“
  • Aus der Perspektive, wie sich HIV und AIDS plötzlich in das Leben schlichen: Die komplette „Tales of the City“-Reihe von Armistead Maupin.
  • Für eine südafrikanische Post-Apartheid-Perspektive: Phaswane Mpe, „Welcome to Our Hillbrow“
  • Noch nicht gelesen: „Body Counts: A Memoir of Politics, Sex, AIDS, and Survival“ von Sean Strub.
  • Australien, und auch neulich als Film: „Holding the Man“ von Timothy Conigrave.
  • Versuch eines Mainstream-Autors, sich an das Thema zu wagen: Louis Begley, „As Max Saw It“.
  • Leo Bersanis großartiger Theorietext aus dem Jahr 1987, „Is the rectum a grave?“
  • und dann vielleicht noch als letztes ein Mainstream-Roman von letztem Jahr: „Tin Man“ von Sarah Winman

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„Laut der Epidemiologischen Kurzinformation des Robert Koch-Instituts, Stand Ende 2015, leben in Deutschland geschätzte 84 700 Menschen mit HIV/ Aids, 72000 davon mit Diagnose, 12 700 ohne. Die Infektion erfolgte in 54 100 Fällen durch Sex zwischen Männern, in 10700 durch heterosexuellen Kontakte, in 7700 durch Drogengebrauch und in 440 durch Blutprodukte. geschätzte Gesamtzahl der Neuinfektionen in Deutschland lag bei 3900. Im Jahr 2015 starben in Deutschland 460 Menschen an den Folgen von Aids,144 seit Beginn der Epidemie waren es insgesamt 28 100.“

„Dass die meisten Positiven, die in diesem Buch zu Wort kommen, ihren Namen nicht nennen möchten, spricht für sich.“

ca. 1985: „Die schwedische Regierungspolitik erlaubte im Folgenden auch die Absonderung – Positive, die sich »uneinsichtig« zeigten und sich weigerten, Kondome zu benutzen, konnten für mindestens drei Monate interniert werden. Nachdem zunächst einige (wenige) Infizierte per Gerichtsbeschluss in ein Hospital zwangseingewiesen worden waren, regte sich Widerstand in den Krankenhäusern, deren Mitarbeiter nicht ohne Weiteres bereit waren, polizeiliche mit therapeutischen Aufgaben zu vermengen. So kam es zur Einrichtung des berühmt-berüchtigten Stenby-Hofes auf der Schäreninsel Adelsö rund fünfundzwanzig Kilometer westlich von Stockholm. Das »Lager« erlangte weltweite Berühmtheit.“

1987: „Peter Gauweiler schaffte es mit dem Thema 1987 sogar auf den Titel des Spiegel: »Einer gegen Aids«, indem er unter anderem die »Absonderung« von Infizierten forderte. […] Ein gewisser Horst Seehofer, seinerzeit ein kleiner, aufstrebender CSU-Abgeordneter, forderte die Unterbringung Infizierter in »speziellen Heimen«. Der bayerische Kultusminister Hans Zehetmair bezeichnete 1987 Homosexualität im Bayerischen Fernsehen als »contra naturam«, es handle sich um ein naturwidriges und »im Grunde in krankhaftes Verhalten«; man müsse »endlich wieder den Schutz der vielen in der Bevölkerung als zentrales Ziel im Auge sehen«, statt sich zu fragen, »wer am Rand noch besser verstanden werden kann. Dieser Rand muss dünner gemacht, er muss ausgedünnt werden«.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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ich empfehle:

_Wer nichts über die medizinischen und sozialen Kontexte weiß, kriegt in der Graphic Novel „Taking Turns“ viele Grundlagen vermittelt, in sehr einfachen Bildern und klarer Sprache. MK Czerwiecz war (lesbische) Krankenschwester in einem AIDS-Hospiz in Chicago, Mitte der 90er Jahre. Ihre Zeichnungen sind oft unterkomplex, ZU schlicht. Die Figuren wirken durch ihre Playmobil-artigen Gesichter z.B. oft kindisch oder töricht. Doch in Sachen Tiefgang / Wissenschaft / Details hat der Comic genau die richtige Dichte, Länge – einen sehr angenehmen Schwierigkeitsgrad.

_Ryan Murphys Film „The Normal Heart“ (auch auf Deutsch, 2014) zeigt in toller Ausstattung und mit charismatischen Schauspieler*innen wie Mark Ruffalo (Hulk aus den „Avengers“) und Julia Roberts… wie sich all das ANFÜHLTE: die Oberflächen, die Mode, der Ton, die Farben, die Stimmung der 80er. Ich mag, in zwei Stunden, sehr konzentriert, diese Texturen vermittelt zu kriegen. Das Licht. Den Look. Ein kleineres Problem nur, wie gesagt: dass Autor Larry Kramer in „And the Band Played on“ und „How to survive a Plague“ ausführlichst beschrieben wird – als unsachlicher, aufbrausender, oft Dinge-schlechter-machender Schimpf-Aktivisit. Während sein Alter Ego hier im Film NUR die klügsten Dinge sagt. (Rein als Literatur / Theaterstück ist Tony Kushners AIDS-Stück „Angels in America“ viel besser… doch deutlich weniger dokumentarisch etc.)

_“How to survive a Plague“ erzählt auf den ersten 300 Seiten die exakt selbe Geschichte wie Randy Shilts, nur… a) viel labbriger, unfokussierter, langweilig-partikulärer, b) mit einem Fokus auf New York statt San Francisco, oft sehr provinziell („Kuckt! Wir haben AUCH tolle Leute!“): Kein schlechtes Buch. Doch 30 Jahre nach Shilts finde ich DAS zu wenig: enttäuschend.

_Die Graphic Novels „Pedro and me“ (großartig!) und „Blue Pills“ (solide) erzählen aus der Perspektive von (heterosexuellen) Angehörigen.

_Kenny Fries schreibt in „In the Province of the Gods“ über Behinderung & Krankheit in Japan und seine HIV-Diagnose Mitte der Nullerjahre. Auf Electric Literature empfiehlt er weitere Bücher (Link).

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„Taking Turns“

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„In Central Africa, AIDS was simply called ‚The horror sex disease‘.“

1984: „AIDS continued to embarass people. From the start, it had made people uncomfortable, whether they were in government or media, in public health or prominent universities. AIDS was about homosexuals and anal intercourse, and all kinds of things that were just plain embarrassing.“

1982: „There was a doctor from New York University who had written an extensive study on the apparent infection of the central nervous system, but he refused to tell the report from the American Medical Association journal about his work because he had submitted his paper to a neurological journal where it had been accepted for publication. The neurological journal might throw out the story if he publicly discussed his findings with the press, and that would hurt the doctor’s career in the publish-or-perish world of academic medicine. It was science as usual, and the Journal of the American Medical Association would just have to wait until the research was published in six months.”

1985: „In the strangest twist to Englisch AIDS history, the guide to British aristocracy, ‚Burke’s Peerage‘, announced that, in an effort to preserve ‚the purity of the human race‘, it would not list any family in which any member was known to have AIDS.“

1983: „Television actor Robert ‚Benson‘ Guillaume was about the only big name who would associate himself with AIDS. Most other stars, including many who had built their careers on their gay followings, were not inclined to get involved with a disease that was not… fashionable.“

[schreibt Randy Shilts in „And the Band Played On“]

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„Axel Schock: »Mein Freund wollte auf dem Alten St.-Matthäus-Friedhof in Berlin beerdigt werden, aber er wurde dann in seiner Heimatstadt in Norddeutschland beigesetzt.« Sobald er tot war, wurde die schwule Geschichte annulliert. »Ab jetzt ist Schluss«, hatte sein Vater verkündet und das Testament, in dem Axel berücksichtigt war, vernichtet. »›Wir haben kein Testament‹, sagte er lapidar.« […] »Zu der Beerdigung bin ich mit einer gemeinsamen Freundin gefahren. Der Pfarrer erweckte in seiner Trauerrede den Eindruck, als wäre sie seine Lebensgefährtin gewesen. Und dass er an Krebs gestorben sei.«“

„Selbst im liberalen Westberlin streikte 1990 das Personal eines öffentlichen Bades, weil dort ein Positivenschwimmen stattfinden sollte. Ein Fall, der damals auch medial für einiges Aufsehen sorgte. In der ganzen Republik weigerten sich Zahnärzte, positive Patienten zu behandeln. Gefängnisbeamte beantragten ihre Versetzung, um nicht mit positiven Häftlingen in Kontakt zu kommen, Kollegen forderten die Entlassung positiver Mitarbeiter.“

„Mehr als 90 Prozent der gemeldeten HIV-Positiven waren Männer. Einer Erhebung von 1987 zufolge waren zu diesem Zeitpunkt 15 bis 40 Prozent der Schwulen infiziert, allerdings sind solche Schätzungen schwierig, weil es aus guten Gründen keine genauen Zahlen zum Anteil der Homosexuellen in der Bevölkerung gab.“

ein Berliner Arzt, auf HIV spezialisiert, 2017: „»Ich habe Patienten aus Brandenburg, die bringen ihre leeren Pillendosen mit nach Berlin, damit die Nachbarn sie nicht im Müll finden. Die würden auch nie zu einer Apotheke bei sich zu Hause gehen. Das Risiko, dass einer quatscht, ist ihnen zu hoch.«“

„»Von den jährlich rund 3000 Neuinfektionen, die wir in Deutschland verzeichnen, sind etwa ein Drittel im Aids-Stadium. Das ist enorm.« Das Aids-Stadium, das Vollbild, es existiert noch immer, auch in der Bundesrepublik: »Gerade heute war ein Kameruner hier mit zerebraler Toxoplasmose – aber es sind auch viele über Sechzigjährige dabei, die sich vor Jahren angesteckt haben. Männer, die im Thailand-Urlaub waren, oder Frauen, die sich beim Trommel-Workshop in Kenia angesteckt haben.«“

„Hepatitis C ist dreihundertmal leichter übertragbar, anders als bei HIV ist sogar getrocknetes Blut noch infektiös – in Deutschland gibt es wahrscheinlich 200000 verborgene Hep-C-Träger.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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Ein kalifornischer Universitätsrektor, Mitte der 80er: „At least with AIDS, a lot of undesirable people will be eliminated.“

1983: „Nearly half of the AIDS casualties were men between the ages of 30 and 39. Another 22 percent were men in their twenties.“

1983: „Prisoners at a New York State prison in Auburn started a hunger strike because the cafeteria’s eating utensils had been used by an inmate who had died of AIDS a week earlier.“

1983: „All forty-four cases of AIDS reported in West Germany as of March 31, 1983, were either among people who had traveled to Haiti or Africa, or among gay men who recently had vacationed in Florida, California, or most commonly, New York.“

„Between June 1982 and June 1985, the San Francisco Chronicle printed 442 staff-written AIDS stories, of which 67 made the front page. In the same period, The New York Times ran 226 stories, only 7 of which were on page one. From mid-1983 on, the coverage of the Chronice focused on public policy aspects of the epidemic, while the Times covered AIDS almost exclusively as a medical event, with little emphasis on social impact or policy. [The Chronicle] helped sustain a lvel of political pressure on local government and health officials to respond to the AIDS crisis.“

1987: „Virtually every major newspaper in the country now had a full-time AIDS reporter. The New York Times was on the verge of announcing that, at long last, it would allow the adjective „gay“ to be used when describing homosexuals.

[schreibt Randy Shilts in „And the Band Played On“]

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„Spätestens Ende der neunziger Jahre hatte Aids jeden Sensationswert verloren. Matthias Frings spricht von Aids-Müdigkeit: Als er für die seinerzeit beliebte Fernsehsendung Liebe Sünde einen Beitrag zum Thema Aids anmoderierte, schalteten 200000 Zuschauer weg – am Ende des Beitrags hatte die Sendung mehr als eine halbe Million Zuschauer verloren.“

„Die nachfolgende Generation schwuler Männer reagierte auf ihre Weise auf das Erbe von Aids. Die Ästhetik der neunziger Jahre mit ihren in den Fitnessstudios trainierten und komplett rasierten Körpern spricht für sich. Es ging nun vor allem darum, Gesundheit darzustellen. Abzugrenzen galt es sich sowohl von den kranken Körpern der Positiven als auch von der Ästhetik der siebziger und achtziger Jahre, die von (Schnurr-)Bärten und Körperbehaarung geprägt war.“

„Es gibt in Deutschland keine Pflicht, Sexpartner oder -partnerinnen von der HIV-Infektion in Kenntnis zu setzen. […] Wer mit HIV infiziert ist und ungeschützten Geschlechtsverkehr betreibt, macht sich nach §§ 223 und 224 des Strafgesetzbuches der Körperverletzung schuldig. Strafbar ist bereits der Versuch. Seit 1987 wurden fünfunddreißig HIV-Positive wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Die Richter entscheiden höchst unterschiedlich und in jüngster Zeit immer häufiger unter Berücksichtigung der neuesten Erkenntnisse, nach denen eine Ansteckungsgefahr unter erfolgreicher Behandlung nicht mehr zwingend vorliegt.“

„Der letzte HIV-Test liegt bei 27 Prozent der Befragten mehr als ein Jahr zurück. 35 Prozent haben sich noch nie haben testen lassen.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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