Poetik

kurz notiert: Christian Krachts Poetik-Vorlesungen und „Text + Kritik“

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Wenn ich im Radio spreche, schicke ich Moderator / Moderatorin und der Redaktion meist vorbereitend einen Leitfaden:

Die wichtigsten Links, Stichpunkte, Gedanken und Fragen, die ich bei der Recherche eines Themas fand.

Manchmal sind die Leitfäden knapp. Doch meist sind sie so lang und ausführlich, dass ich sie, mit ein paar Bildern etc., als öffentlichen Blogpost teile.

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Am Mittwoch war ich Gast beim Abendmagazin „Fazit“ (Deutschlandfunk Kultur), und sprach über Christian Kracht.

Am Freitag war ich Gast bei „Kulturzeit“ (3Sat), weil eine Redakteurin mein „Fazit“-Gespräch gehört hatte und gut fand.

In beiden Fällen gab es – anders als sonst – keine wochenlange Recherche.

…und deshalb keinen ausführlichen Leitfaden.

Trotzdem teile ich heute kurz Links und Notizen zum Thema:

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Seit 1959 gibt es an der Goethe-Universität Frankfurt halbjährlich / einmal pro Semester Vorlesungsreihen, in denen je ein(e) Schriftsteller*in versucht, Wechselwirkungen von Gegenwart, Werk, Biografie etc. zu zeigen: die Frankfurter Poetik-Vorlesungen.

Ich selbst mag aus den letzten Jahren z.B. Terézia Mora und Andreas Maier (…Monika Maron war furchtbar banal).

Meist werden die Poetik-Vorlesungen auch als Buch veröffentlicht.

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Gestern – am 15. Mai – hielt Christian Kracht die erste von drei Vorlesungen.

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Er sprach davon, dass Klaus Theweleit in „Männerfantasien“ fragt, wie der Faschismus Männer in ihrem Selbstbild und Auftreten verformt hat, und zieht Parallelen zum eigenen Werk – das sich meist um sehr grausame, sehr ahnungslose, privilegierte, ästhetisierende Boys / Bubis dreht:

„Ausformungen der menschlichen Erniedrigung, und dann ein gewisser Ästhetizismus“

„Der Akt des Schreibens selbst, die Gewalt, die Erniedrigung, die Grausamkeit, der körperliche Ekel und die fetischisierte, oft verlagerte männliche Sexualität sind Topoi meiner Arbeit, deren ich mir erst jetzt bewusst werde, die aber sozusagen mit der ersten Zeile von ‚Faserland‘ alles bestimmt haben.“

Die FAZ paraphrasiert Kracht: „Auch er selbst weise Eigenschaften auf, die Klaus Theweleit am faschistischen Mann entdeckt habe: hochfunktional, gesichert durch seelische und körperliche Panzer, erworben durch Disziplin.“

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Der Schweizer Autor, geboren 1966, debütierte 1995 mit „Faserland“ – einem satirischen Roman im Stil von Bret Easton Ellis, in dem ein verwöhnter Ex-Internatsschüler von Sylt bis Zürich reist und dabei a) seine eigenen Defizite und seine Wut darüber, dass ein Freund nichts von ihm will, kaum selbst versteht oder ausdrücken kann und b) eine Art… Schneise der Verwüstung schlägt: aus Hochmut, Langeweile, sozialer Kälte, Dekadenz, Unreife/Armseligkeit/Verdrängung etc.

Fast alle Kracht-Romane haben *irrsinnig* selbstbezogene, tragikomische Figuren, die ihre Privilegien nicht sehen. In „1979“, meinem Lieblings-Kracht-Roman, wird ein schnöseliger schwuler Kunstsammler in ein chinesisches Arbeitslager eingeliefert, ernährt sich nur noch von Maden, die er auf menschlichem Stuhlgang züchtet und sagt: „Na ja – andererseits ist das auch eine Chance, endlich seriously abzunehmen.“

Mit diesem zynischen Tonfall etc. nahm Kracht schon 2001 viel der Menschenfeindlichkeit vorweg, die Lifestyle-Welten heute… oft nah ans Totalitäre rückt: ein Gulag und Instagram, bei Kracht ist das kein sehr weiter Weg.

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Ende 2017 sollte Prince Andrew ein Taufbecken stiften im Namen eines 2009 verstorbenen kanadischen Paters, Keith Gleed: Gleed war Kaplan an einem Internat/College in Ontario. Doch über 30 Ex-Schüler meldeten sich und gaben an, von Gleed sexuell misshandelt worden zu sein.

Erst durch diese Meldung wurde Christian Kracht, der Ende der 70er Jahre das Internat – Lakefield College – besuchte, klar, dass er sich eine Begegnung, in der Gleed ihn mit dem Gürtel schlug und hinter seinem Rücken masturbierte, nicht ausgedacht hatte.

Die halb-verschüttete Erinnerung floss in verschiedene Romane ein, z.B. in „Imperium“.

Die FAZ fragt: „Was bestimmt das Denken und Schreiben von Christian Kracht?“ Ich finde es verkürzt und boulevardesk, zu titeln, als „bestimme“ dieser Missbrauch, über den Kracht gestern erstmals sprach, „das Denken und Schreiben von Christian Kracht“.

Andererseits aber ist die Frankfurter Poetikdozentur genau DER Rahmen, in dem Autor*innen erzählen, was ihr Denken und Schreiben bestimmt.

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Für Kracht ist diese Wortmeldung besonders ungewöhnlich, weil…

a) er, wie Christoph Schröder bei ZEIT Online schreibt „Der Mann [ist], der bei seinen raren Lesungsauftritten geradezu panisch darauf bedacht ist, dass ihm kein Zuhörer eine Frage stellen darf.““

b) seine Romane und besonders die Reportagen mit Biografismen, Autofiktion spielen.

c) ganz lange z.B. Krachs Wikipedia-Foto ein Bild war, das OFFENSICHTLICH ein Selfie war – doch als dessen Fotograf ein „Anthony Shouan-Shawn“ angegeben war, ein „bekannter Industriedesigner“, dessen [inzwischen gelöschte] Website aber ebenfalls wie eine Kracht-Inszenierung wirkt: Gibt es diesen Menschen?

Als Kracht dann d) die Regisseurin Frauke Finsterwalder heiratete, war mein erster Gedanke: „Frauke Finsterwalder? Ist das WIEDER eine Kracht-Kunstfigur?“

Die Artikel um Krachts Vorlesung sind misstrauisch und fragen sich, wie immer bei Kracht, wie wir als Leser*innen der Romane mit dieser neuen Information umgehen sollten:

_die Welt schreibt: „Geständnis“, „Kracht beginnt mit einem furchtbaren Geständnis“ #täteropferumkehr

_Spiegel Online: „Die Ruhe, mit der Kracht diese Sätze vorträgt. Ausgerechnet er. Angestarrt wird er. Wie muss das aussehen für ihn, all diese fremden Augen?“ [uff. und was heißt „ausgerechnet er“.]

_Spiegel Online: „…was bedeutet das für ihn als Autor und somit für die Interpretation seines Werkes?“

ich erinnere mich, dass wir im Studium (Kreatives Schreiben, Hildesheim, 2003 bis 2008) immer wieder über Kracht sprachen als jemand, der es geschafft hat, eine Persona zu etablieren:

Was ist seine Masche? Wie funktioniert diese Masche, was ist an ihr so faszinierend? der ironische Dandy, der von FDP-Bubis geliebt wird UND von allen, die FDP-Bubis verachten etc.

Als Mitherausgeber der Zeitschrift „Der Freund“ gab Kracht damals Katmandu als Redaktionssitz an, und mir ist bis heute nicht klar, ob Kracht damals in Katmandu lebte, ein paar Jahre. [Edit: Kracht schrieb auch einen Reiseführer zu Katmandu; er lebte länger in Südasien und aktuell in LA. Ich habe keinen Grund mehr, Katmandu anzuzweifeln.]

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2012 fragte sich SPIEGEL-Kritiker Georg Diez, ob Krach faschistoid ist – weil der Ich-Erzähler in „Imperium“, ein (Amateur-)Kolonialherr im deutschen Kaiserreich durchgängig, ohne Brechung rassistisch und erniedrigend etc. handelt. ich fand die Gleichsetzung von Autor und Figur völlig absurd, unsachlich, ad hominem und… peinlich für Diez.

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Ich selbst „freue“ mich sehr, wenn Christian Kracht offen oder persönlich spricht – und finde enttäuschend, wenn man bei „Ich wurde missbraucht“-Aussagen groß öffentlich fragt: „Was bezweckt er / sie damit? Warum jetzt? Ist das ein Trend, will er/sie sich interessant machen?“ etc.

Klar ist das ein… außergewöhnlicher und wichtiger Schritt:

Dass einer der verschlossensten und diskretesten Autoren der letzten 20 Jahre direkt sagt: Teile meines Schreibens lassen sich auch aus einer Missbrauchserfahrung heraus erklären, kontextualisieren.

Dahinter sofort wieder eine Masche, ein Spiel mit Erwartungen etc. zu vermuten, finde ich respektlos, boulevardesk und… auch literaturwissenschaftlich KRASS fragwürdig/arm.

Ein Mann, der mir persönlich als Autorenpersona oft viel zu weit weg, viel zu distanziert, viel zu vage blieb, macht diese Autorenpersona bewusst und absichtlich greifbarer, verletzlicher, menschlicher. Ich selbst möchte mich für diesen Schritt am liebsten bedanken.

Auch, weil ich z.B. unerträglich fand, dass Kracht DIE Galionsfigur für „anspruchsvolle schwule deutschsprachige Gegenwartsliteratur“ war seit 1995 – und ich mich immer fragte: Ein Autor, mit einer Frau verheiratet, der kaum über sich selbst spricht, lässt Ich-Erzähler, die ihr eigenes schwules Begehren meist verdrängen, ungeschickt und armselig durch die Welt holpern. DAS ist das „beste“ „schwulste“, das wir als Kultur haben?

Und: ein Autor, der nicht auf Twitter ist, keinen Blog hat, kaum sichtbar ist als öffentliche Person [Edit: Krachts Instagram-Account ist einen Blick wert!], schreibt über Pop, Gegenwart, Jetztzeitigkeit – doch nimmt eben kaum an öffentlichen Debatten teil? Bleibt so vage, dass Leute wie Diez sich ernsthaft fragen können: „Ist das ein Rechter, der den Kolonialismus liebt?“

Ich habe KEINE Ahnung, wer Christian Kracht – als Mensch – ist. Doch ich bin froh und dankbar, dass er mit diesen Vorlesungen konkreter, sichtbarer wird.

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Kracht authentisch

Inszeniert sich Kracht? Gutes Essay von Thomas Wegmann, in „Text & Kritik: Christian Kracht“

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Statement von mir, transkribiert:

„Christian Kracht war bisher nie jemand, der sich eingemischt hat, oder der Position bezogen hat, und dass so jemand, nachdem wir 20 Jahre lang diese Bücher oft sehr einseitig, in Schwarz und Weiß gelesen haben, ausgerechnet bei der Poetikdozentur, also dem Ort, wo literaturkritisch noch mal alles in ein neues Licht gerückt werden kann, sagt, ‚Leute, ich möchte euch etwas sagen und ich sage das auch, damit ihr meine Romane anders lest, damit ihr die in einem anderen Licht seht‘, ich finde schon, dass das die ganze Rezeption verändert, und ich bin ein bisschen froh drum, weil wir jetzt 20 Jahre lang doch eher auf der Stelle traten.“

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Es gibt mehrere Texte, die ich empfehle:

„Der Autor will seinen Interpreten, den Journalisten, Literaturkritikern und -wissenschaftlern seine Texte aus der Hand nehmen. Genug habe er von den ständigen Zuschreibungen, vom Popliteratur-Schmäh, den unzähligen Dandy- und Camp–Analysen. Seine Poetikvorlesung steht ganz im Zeichen der Wiederaneignung des eigenen Werkes. Nur konsequent erscheint so, dass Kracht zum Abschluss seines Vortrags die letzten Seiten aus Faserland vorlas, als wollte er dem Publikum vorführen, dass kein Text mehr derselbe sein wird nach diesem Abend. Eine werkbiographische Zäsur ist markiert. Ab sofort gibt es eine prä- und eine post-Frankfurt-Lesart Christian Krachts. Obwohl der Autor jeder offiziellen Video- und Ton-Aufzeichnung widersprochen hatte und sich zu einer Publikation der Vorlesungen bislang nicht geäußert hat, wird seine Biographie in Zukunft unzählige Kracht-Lektüren prägen. Vor biographistischen Lesarten, die Krachts Texte beflissentlich nach Traumaspuren absuchen, graust uns bereits. Wie die Literaturwissenschaft allerdings mit Krachts biographischer Entblößung umgehen wird, ist mit Spannung zu erwarten.“

…schreiben Miriam Zeh und Kevin Kempke bei „Merkur“

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Literaturwissenschaftlerin Lena Vöcklinghaus postet einen wichtigen, öffentlichen Facebook-Kommentar über Privilegien und Sichtbarkeit:

„Vor zwei Tagen saß ich in einem Hörsaal der Goethe Universität in Frankfurt am Main und habe Christian Kracht dabei zugehört, wie er vor rund neunhundert Menschen einen erlittenen sexuellen Missbrauch und seine Folgen beschrieb. Er beschrieb, wie er in den letzten Monaten verstanden hatte, dass der Missbrauch und das ständige Anzweifeln der Erinnerungen seine Entwicklung und auch sein Schreiben in großem Maße beeinflussten. Die Finesse, die Kraft und der restliche Inhalt dieses Vortrags wurden an vielen Stellen sehr schön beschrieben. Ich weiß, das weil ich seit Dienstag die Berichterstattung gebannt verfolge. Ich hatte Angst vor den Artikeln, die entstehen würden, und ich bin dankbar, dass sie zwar den offensichtlichen Aufhänger ausschlachten, aber das auf so eine behutsame Art und Weise tun. Sie loben zu Recht, was an dem Vortrag literarisch und in Bezug auf Krachts Poetik beeindruckend und bewegend war. Aber noch fehlt mir eine Dimension in den Berichten. Sie fehlt wahrscheinlich, weil sie wenig mit Kracht selbst zu tun hat, wenig mit seinem Vortrag und überhaupt nichts mit seiner Literatur; und weil sie für eine ganz andere Zielgruppe wichtig ist als für die Leserinnen und Leser, Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler, die sich ab jetzt mit dieser Vorlesung auseinandersetzen werden.

Kracht hat ein Tabu gebrochen. Er hat eine Geschichte, die zuhauf erzählt wird, weil sie zuhauf stattfindet, an einen Ort getragen, an dem sie so noch nie erzählt wurde. Er hat die Verletzung, die bei ihm zurückblieb, als ein vertrauter Erwachsener ihn missbrauchte und niemand ihm glaubte, und das späte, viel zu späte Verstehen dieser Verletzung in die Worte des Kanons (Walter Benjamins, seine eigenen) gefasst. Er erzählte eine Geschichte, für die es Ratgeberliteratur gibt, die verschämt im Versandhandel bestellt wird, für die es therapeutische Angebote gibt, die unauffällige Namen und Türschilder tragen, und für die es einige wenige gute und viele kitschig-verklärende fiktionale Selbthilfekrücken gibt. Eine Geschichte also, die überall sonst außer in der Hochkultur zuhause ist. Er erzählte sie Professorinnen und Professoren, dem Dekan der Universität, Geldgeberinnen und Geldgebern der Poetikdozentur, Studierenden und der Presse. Er konnte sich sicher sein, dass einige die Erlebnisse, von denen er berichtet, nur allzu gut kennen. Er konnte sich aber genauso sicher sein, dass die wenigsten in diesen Räumen die Freiheit haben, über solche Erlebnisse offen, gar öffentlich zu sprechen.

Kracht konnte das tun, weil Kracht Kracht ist. Weil Kracht die Sprachmacht besitzt, die Effekte einer solchen Schilderung durch seine Wortwahl weitestgehend zu gestalten. Weil Kracht dieses Werk hat, längst fest im Kanon der Gegenwartsliteratur sitzt, weil Kracht es sich leisten kann, sich dem öffentlichen Interesse zu entziehen, und trotzdem verkauft wird, gebucht wird, geehrt wird. Aber dass Kracht seine privilegierte Stellung nutzt, um öffentlich den eigenen Missbrauch zu erzählen, ist nicht selbstverständlich. Selbst Kracht, sogar Kracht geht mit einer solchen Schilderung ein Risiko ein. Es war so still im Saal während der Vorlesung, weil der Vortrag so gut gemacht war. Aber es war auch so still, weil Kracht etwas riskiert hat. Nicht literarisch, diesmal. Aber menschlich.

Kracht hat an dem denkbar unwahrscheinlichsten Ort auf denkbar unwahrscheinlichste Art #metoo gesagt. Er hat dann noch ein bisschen aus Faserland gelesen, als sanften Ausklang der Vorlesung, sich dann bedankt und ganz kurz in den Applaus hinein verbeugt. Es gab Standig Ovations, einige sogar von Trägern wichtiger Funktionen in Frankfurt. Kracht war da längst wieder an seinem Platz und hat in seiner Tasche gekramt, ich bezweifle, dass er sie gesehen hat. Aber ich bereue trotzdem, nicht aufgestanden zu sein. Ich habe heute Morgen tatsächlich überlegt, den ersten Leserinnenbrief meines Lebens ausgerechnet an Christian Kracht zu schreiben. Jetzt habe ich stattdessen diesen Post geschrieben, weil ich nicht aufhören kann, dankbar zu sein. Ich bin diesen Menschen um ihre Standing Ovations dankbar. Ich bin den Journalistinnen und Journalisten um ihre behutsamen Berichterstattungen dankbar. Aber vor allem bin ich Christian Kracht dankbar, seine Position auf diese Weise genutzt zu haben.

Annie Ernaux schreibt: „Zu jedem Moment gibt es neben dem, was als normal gilt, all das worüber die Gesellschaft Schweigen bewahrt und so all jene, die diese Dinge empfinden, sie aber nicht benennen können, zu Einsamkeit und Unglück verdammt. Eines Tages wird das Schweigen dann gebrochen, ganz plötzlich oder allmählich, endlich bekommen die Gefühle einen Namen, endlich werden sie anerkannt, während darunter neues Schweigen entsteht.“

Dienstag war für mich einer dieser Tage. Danke, Christian Kracht.“

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Ist es ein Versuch, sich und sein Werk zu erklären?

Mit dieser Annahme wäre ich vorsichtig. In der Berichterstattung geht unter, dass er mit dem Bekenntnis nicht die ganze Vorlesung ausgefüllt hat. Das war nur ein Moment, aber sicherlich ein Schockmoment.

Es war der Anfang der Vorlesung. Kracht ist damit eingestiegen.

Genau. Aber er selbst hat es nicht als Skandal präsentiert. Er hat es im Grunde als einen Baustein in der Genese seiner Existenz als Schriftsteller präsentiert.

Er erzählt von einer Erinnerung, von der er lange geglaubt hat, es wäre eine falsche Erinnerung oder bloss eine Erzählung, die ihm jetzt als Wahrheit erscheint. Kracht ist jemand, der sehr gut weiss, wie man auch etwas so Furchtbares erzählt. Doch selbst da schimmert durch, dass er sich durch die Worte vor diesen Ereignissen schützt.

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Miriam Zeh und Kevin Kempke, als Besucher*innen der Vorlesung:

„Mit der Handreichung dieser Fülle von Referenzen wird Krachts Poetikvorlesung bei allem Eingeständnis von Verletztlichkeit und Schwäche auch eine Geste der Souveränität. Der Autor will seinen Interpreten, den Journalisten, Literaturkritikern und -wissenschaftlern seine Texte aus der Hand nehmen. Genug habe er von den ständigen Zuschreibungen, vom Popliteratur-Schmäh, den unzähligen Dandy- und Camp–Analysen. Seine Poetikvorlesung steht ganz im Zeichen der Wiederaneignung des eigenen Werkes. Nur konsequent erscheint so, dass Kracht zum Abschluss seines Vortrags die letzten Seiten aus Faserlandvorlas, als wollte er dem Publikum vorführen, dass kein Text mehr derselbe sein wird nach diesem Abend. Eine werkbiographische Zäsur ist markiert. Ab sofort gibt es eine prä- und eine post-Frankfurt-Lesart Christian Krachts.“

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ein unangenehm süffisanter Text über die zweite Vorlesung (taz, Arno Frank):

„Licht ins Dunkel sollte die zweite Vorlesung bringen. So richtig brechend voll, mit Leuten im Schneidersitz auf den Gängen und Zuspätgekommenen an den Wänden, so richtig brechend voll ist es nicht – und doch ist das auf 1.200 Plätze ausgelegte Audimax am Campus Westend beinahe voll ausgelastet. In den vorderen Reihen hat sich geschlossen das Feuilleton der Republik versammelt, dazu Prominenz aus dem Verlagswesen, man kennt sich, grüßt familiär. Ist gespannt. Wird er den Bluff auflösen? Die Erzählung weiterspinnen?“

Warum steht hier „Bluff“?

Heißt das: Frank (…und all die Leute, denen Frank unterstellt, dass sie alle wegen dieser „Bluff“-Frage gekommen sind?“), warten darauf, dass Kracht sagt, der Missbrauch sei ein Bluff?

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Zur Vorbereitung der Gespräche….

  • …sah ich „Finsterworld“ von Frauke Finsterwalder (Drehbuch: Christian Kracht) und war angetan. Ein unerwartet optimistischer, abwechslungsreicher, charmanter Episodenfilm, bei dem ich a) an die Serie „Fargo“ denken musste und b) an den tollen Comic „Ghost World“, den eine der Figuren liest. Wer Kracht nicht kennt und einen mühelosen, schwungvollen Einstieg in seine Themen sucht: Empfehlung!

    [irritierend nur, dass es schon *wieder* ums Essen von Körperteilen ging.]

  • …ließ ich mir die E-Book-Version des hundertseitigen „Text + Kritik“-Bandes über Christian Kracht von 2017 schicken. Der Band ist recht teuer und ein Tick zu kurz (gern noch vier, fünf weitere Beiträge; v.a. auch mehr Texte von Frauen!) Doch kein einziger Beitrag war spöttisch, eitel, verblasen, kulturpessimistisch oder schlimm-am-Thema-vorbei: zweieinhalb Stunden Lesezeit, die sehr helfen, Kracht zu kontextualisieren, zu greifen.
  • ein Problem: Dass trotz 100 Seiten Platz niemand noch einmal genauer durch Krachts Briefwechsel mit David Woodard schaut, veröffentlicht als „Five Years“. Georg Diez nimmt 2012 in seiner Kracht-ist-rechts-Attacke im Spiegel „Five Years“ als Basis, stärkste Indiziensammlung für seine Thesen. Ich habe „Five Years“ nicht gelesen und wünsche mir jemanden, der dieses Buch fachkundigt vermittelt. [Aber: Dass Kracht kein Fan des Totalitären, Faschistoiden ist, „beweist“ mir z.B. das warmherzige „Finsterworld“.]

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zum Abschluss: Passagen aus „Text + Kritik“, die ich aufbewahren und teilen will:

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Kracht schwul

Krachts Romane als „queere Literatur“? Isabelle Stauffer & Björn Weyand

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Kracht Steckdose

Steckdose?!

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Kracht Kleinschmidt

Ironie? Pop? Ein Bluff?

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Kracht 3

Thomas Wegmann zu Krachts „übercodierten“ Romanen

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Daniel Kehlmann Faserland

…und Daniel Kehlmann zu Krachts Debüt, „Faserland“

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Kulturzeit 3sat Stefan Mesch

George R.R. Martin, J.K. Rowling, Stephen King – Autor*innen streiten und antworten, online

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Für Deutschlandfunk Kultur las ich den Blog / das Livejournal von George R.R. Martin – alle Einträge seit 2005:

  • ich notierte mir alle Buch- und Filmtipps, die Martin in den letzten 13 Jahren gab
  • ich notierte alles über seine Schreibweisen, Arbeitsweisen und Poetik
  • (wahrscheinlich werde ich beides später nochmal irgendwo sammeln/bloggen, als Linkliste)

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Morgen, 13. Juli, gegen 10.20 Uhr, bin ich Studiogast bei Deutschlandunk Kultur und spreche über Martin… und andere Autor*innen, die bloggen, an Debatten teilnehmen, über ihren Schreibprozess berichten, sich gesellschaftlich einmischen oder ihre Werke durch Tweets etc. erklären.

Vor jeder Deutschlandfunk-Sendung schicke ich meine Stichpunkte und Thesen an die Redaktion: Hintergrund-Infos und Links, aus denen Moderator*innen dann ihre Fragen fürs Livegespräch erarbeiten. Hier kurz gebloggt: meine Fundstücke und Links zur morgigen Sendung.

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  • Es gab schon immer Sekundärliteratur zu Büchern (und Serien).
  • Besonders seit dem Internet sind diese Texte, Wortmeldungen zweiter Ordnung immer öffentlicher, leichter zu finden.
  • George R.R. Martin scheint, besonders seit 2014, oft mehr zu bloggen, als an neuen Romanen zu arbeiten.
  • Ich selbst bin Fan seines Blogs und den Artikeln ÜBER seine Bücher (…und die TV-Verfilmung).
  • Wichtig: die Serie selbst und die Romane habe ich nicht durch: Ich liebe es, die Sekundärtexte, Kritiken, Debatten drumherum zu lesen.

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zu Martin selbst:

  • Er ist fast 70 (geboren 1948 in New Jersey) und lebt in Santa Fe, New Mexico. Zum zweiten Mal verheiratet, keine Kinder.
  • Er schrieb Science-Fiction-Kurzgeschichten, Novellen und Romane; manchmal Horror, und seit 1987 eine Surperhelden-Reihe namens „Wild Cards“ (fast 30 Sammelbände aus mehreren Perspektiven, verfasst von mehreren Autor*innen, Martin ist auch Herausgeber/Editor der Reihe).
  • Sein Hauptwerk, „Das Lied von Eis und Feuer“, läuft seit 1996.
  • Es sollte ursprünglich eine Trilogie werden, ist jetzt aber auf sieben Bände angelegt.
  • Bisher erschienen fünf Bände, alle auch in Deutsch (dort meist zweigeteilt): 96, 99, 2000, 2005, 2011.
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  • Seit 2011 läuft eine Verfilmung auf HBO, „Game of Thrones“. Sie ist auf acht Staffeln angelegt, Staffel 7 startet am 16. Juli (auf Englisch) und am 17. Juli (auf Deutsch).
  • Letztes Jahr hat die Serie die Bücher überholt: Die Geschichte wird ERST als TV-Verfilmung zu Ende erzählt. Martin selbst gibt viel Input. Die Serie endet 2018. Doch Roman 6 von 7, „The Winds of Winter“, erscheint frühestens 2018.das ist für alle Beteiligten etwas unglücklich, und Martin selbst wird oft belächelt: Warum schreibt er so langsam? Warum macht er so viele andere Projekte? [Ich selbst schreibe seit 2009 an meinem Roman, und einmal pro Woche will jemand mit mir über Martin reden, den anderen „zu langsamen“ und „immer abgelenkten“ Autor, den alle kennen.]

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Autor*innen reden mit?

  • 1992 starte die Science-Fiction-Serie „Babylon 5“. Verträge für Schauspieler*innen dürfen maximal sechs Jahre gelten. Deshalb wissen Serienmacher*innen: Alles läuft etwa sechs Jahre lang, dann wird es teuer und kompliziert, wegen neuer Vertragsverhandlungen. „Babylon 5“ war eine der allerersten Serien mit einem im Vorfeld über alle Staffeln geplanten Spannungsbogen: Beeinflusst von u.a. „Herr der Ringe“ erzählt die Serie von einer Raumstation, die in einen großen Krieg verwickelt wird.
  • Der Macher, J. Michael Straczynski, plante 5 Staffeln, schrieb fast alle Drehbücher zur Serie selbst und konnte trotz ein paar Schauspielerwechseln und Produktionsproblemen EINE große Geschichte erzählen. Zuvor erzählte TV meist episodisch: Jede Folge ist möglichst einsteigerfreundlich, wenig verändert sich, notfalls kann man Folgen auch in falscher Reihenfolge sehen. „Babylon 5“ hat eine Fünf-Akt-Struktur und erzählt wie ein Roman: Ständig wird betont, dass jetzt ALLES anders ist und sich Dinge grundlegend verändert haben. Das ist ein starker Kontrast zu „Star Trek“, wo sich jahrzehntelang möglichst wenig ändern sollte.
  • Straczynski benutzte Fan-Foren im Internet, um jede Woche Fragen zu beantworten über seine Vision, seine Pläne und seinen Arbeitsprozess. Diese Chats sind online gesammelt, und für viele Menschen ist es normal, erst eine Folge der Serie zu sehen… und dann die gesammelten „JMS speaks“-Zitate zu lesen.

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  • Websites wie „Television without Pity“ wurden irrsinnig erfolgreich, indem sie – zu einer Zeit, als Episoden noch nicht direkt als Raubkopie online zu sehen waren – jede Folge vieler laufender Serien ausführlich nacherzählten.
  • In Deutschland erzählen vor allem Welt.de/Axel Springer jeden „Tatort“ und jeden größeren Polit-Talk (Anne Will etc.) nach: Diese Texte sind sehr erfolgreich.
  • Nach Footballspielen gibt es „Post-Game“-Rederunden. immer mehr Menschen wünschen sich solche Nachbesprechungen, nachdem sie eine Episode einer Serie gesehen zu haben.
  • Serien wie „The Walking Dead“ gingen darauf ein und senden tatsächlich nach jeder neuen Folge eine Talkshow/Gesprächsrunde, „The Talking Dead“. „Game of Thrones“ hat seit 2016 „After the Thrones“; ich mag auch die kurzen „Rebels: Recon“-Making-of-Videos zu „Star Wars: Rebels“

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  • 2012 startete „Girls“, eine Serie über vier widersprüchliche junge Frauen in New York.
  • Die New York Times schrieb ca. 40 Artikel über „Girls“, in sechs Jahren; weil viele Themen der Serie relevant für NYT-Leser*innen sind: Gentrifizierung, Gender, Lokalpolitik, Generationenfragen (Hipster, Millennials)
  • Solche Texte, die immer MIT der Serie einstiegen, aber dann oft sehr persönlich werden und über strittige gesellschaftliche Themen sprechen, heißen „Think Pieces“. Seit „Girls“ gibt es nach provokanten Momenten in Serien dauernd neue „Think Pieces“.

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bei Martin und „Game of Thrones“ kommt all das zusammen:

  • „Game of Thrones“ zeigt viel sexuelle Gewalt und „starke“ Frauen, denen Furchtbares passiert. Dreimal im Jahr erscheinen 20 Artikel über eine besonders brutale oder ambivalente „Game of Thrones“-Szene: War das „schlechter Sex“ – oder Vergewaltigung? Wird eine Frau erniedrigt, und agiert fünf Folgen später als besonders kalte oder starke Kämpferin: Heißt das, der Missbrauch und das Trauma machten die Frau „stärker“?
  • Oft variieren solche Szenen im Buch und in der Serie: War es in Martins Text ruppiger Sex – oder Vergewaltigung? Ist die Serie brutaler? Ist sie, durch diese Brutalität, autormatisch frauenfeindlicher?
  • Geht es „Game of Thrones“ darum, Gewalt gegen Frauen, Sexismus, Zwänge im Feudalismus, Intoleranz etc. möglichst drastisch auszustellen, zu verurteilen? Oder ist da immer ein gewisser Sexploitation-Kitzel? etc.
  • Nicht nur bei Sex- und Gender-Fragen öffnet „Game of Thrones“ oft Debatten, die WEIT über die Serie selbst hinaus gehen.
  • Allergrößte Zeitungen schreiben nach Einzelepisoden lange Texte darüber, was „Game of Thrones“ z.B. über den Klimawandel, das Bankenwesen oder Kolonialismus im nahen Osten erzählt.
  • (schade dagegen: Auch in großen deutschen Zeitungen erzählen manchmal nur Fanboys nach, was sie an der jeweiligen Folge „krass“ oder „witzig“ fanden. Das bleibt oft unreflektiertes, dünnes Clickbait-Gerede, und dem Feuilleton nicht würdig.)

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für Wortmeldungen von Autor*innen selbst gibt es den Ausdruck „Word of God“:

  • Fragen, die das Werk selbst nicht eindeutig beantwortet, werden manchmal vom Autor beantwortet.
  • Eins der bekanntesten Beispiele: J.K. Rowling, die nach dem Ende von „Harry Potter“ sagt, Zauber-Rektor Dumbledore sei schwul sei. In den Büchern selbst kommt das nicht vor.
  • Rowling hat seit 2007 – vor allem auf Twitter, in Interviews und in sehr, sehr langen und detaillierten Fußnoten auf der Website „Pottermore“ immer wieder offene Fragen beantwortet, Ambivalenzen ausgemerzt, Ideen konkretisiert. Oft ging das Fans auf die Nerven.
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  • Martin ist recht zurückhaltend mit solchen „Words of God“; und lügt auch immer wieder, um Wendungen/Geheimnisse nicht im Voraus zu verderben.
  • Trotzdem ist all das mittlerweile ein großer, zweiter Raum, der sich um jedes Buch und jede Serien-Episode öffnet: Fans legen Wikis an, um „Words of God“ zu sammeln, TV-Schöpfer*innen livetweeten während der Erstausstrahlung wichtiger Episoden, die New York Times macht oft Interviews mit Darsteller*innen von Serien, am Morgen, nachdem ihre Figuren überraschend ausstiegen oder starben: „Wie geht es Ihnen jetzt? Und warum wurde Ihre Rolle vergewaltigt?“ etc.

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John Fiske, mein Lieblings-Popkulturforscher, sagt, Dinge werden populär, wenn sie widersprüchlich bleiben, verschiedene Lesarten zulassen, nicht alle Fragen beantworten.

  • Der Witz an all den Sekundärtexten, Wortmeldungen ist, dass es immer SCHEINT, als gäbe es gleich große, gültige Antworten: Ist Figur X „böse“? Ist Y eine Metapher für Donald Trump? etc. Doch obwohl Autor*innen und Serienmacher*innen heute viel MEHR reden, verstärken ihre Drumherumtexte eher noch die Fragen und Widersprüche: Fans reiben sich produktiv an offenen Fragen. Größte Zeitungen debattieren z.B. ob die Ehefrau aus „Breaking Bad“ nervt – oder als Sympathieträgerin verstanden werden soll.
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  • In Deutschland gibt es den Geniemythos: Als Autor über die eigenen Intentionen und das Handwerk zu sprechen, gilt oft als unnötig, verpönt. Martin kommt aus der Science-Fiction-Ecke, und war als Kind Fan von Sci-Fi-Groschenheften und Superheldencomics. Die Szene organisiert sich in Conventions: Fans treffen auf Macher*innen, alle bleiben in Dialog. Martin selbst schrieb Leserbriefe, die in Marvel-Comics gedruckt wurden, und fand Freunde/Anschluss, als andere Fans auf seine Briefe antworteten. Die Treffen/Conventions sind bis heute wichtig für die – gut vernetzte – Phantastik-Szene, und Martin besucht immer noch mehrere Cons im Jahr. Er schrieb als Teenager Amateurtexte – aber mit eigenen Figuren. Heute wünscht er sich, dass Fans ihre eigenen Erzählwelten bauen, statt mit vorhandenen Figuren (z.B. „Harry Potter“) neue Fanfiction-Texte zu schreiben.
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  • Es gibt einige sehr aktive, gut vernetzte Bestseller-Autor*innen in der Phantastik, bei denen die Grenze zwischen Star und Fan verwischt (weil sie selbst Fans sind und über ihr Fan-Sein sprechen)… und die in Blogs oder auf Twitter sehr viel über ihre Arbeit und ihre Begeisterung für andere Autor*innen sprechen:
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  • Neil Gaiman
  • Patrick Rothfuss
  • Cory Doctorow
  • Stephen King (der SEHR viel liest und oft großartige Buch-, Film-, Serientipps gibt)
  • manchmal JK Rowling (poltisch, besonders auf Twitter)
  • die Comic-Autorin Gail Simone
  • … und eben Martin (der nichts auf Twitter und Facebook schreibt, aber seinen Blog pflegt)
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  • Lyriker*innen können oft kluge Dinge über ihre Kolleg*innen sagen – weil Gedichte so kurz sind, dass jeder alle Gesamtwerke der anderen kennt. Deutsche Autor*innen sagen oft nichts Kluges über ihre Kolleg*innen – weil niemand sich die Zeit nimmt, viel zu lesen. Obwohl Fantasy-Bücher sehr dick sind, merkt man: Martin u.a. nehmen sich extrem viel Zeit, nach rechts und links zu schauen: Eine Szene, die sich für sich selbst interessiert, und relativ offen/einladend ist.

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mein Fazit?

  • In den 90ern warteten alle auf Hypertexte, interaktive Literatur, nicht-lineares Erzählen.
  • Das Tolle an „Words of God“ und den vielen neuen Debatten-Texten ist, dass es dem nahe kommt. Es gibt die Haupterzählung, die alle Fans verfolgen: das Buch, die Serie. Und es gibt die Ausläufer, das Bonusmaterial, die Debatten drumherum: Alle können so viel oder wenig davon lesen, wie sie wollen. Man kann Dinge entdecken, und selbst mitreden.
  • Die TV-Autorin Shonda Rhimes („Grey’s Anatomy“, „Scandal“, „How to get away with Murder“) bloggt viel über ihre Arbeit… und gesellschaftliche, politische Fragen: Ich sehe ihre Serien nicht. Aber ich bin süchtig danach, über ihren Arbeitsprozess und ihre politischen Anliegen zu lesen: Manchmal ist die Geschichte, wie und warum etwas von der Autorin gemacht wird, viel interessanter, als das, WAS gemacht wird.
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  • Die Romane von Martin machen wir wenig Spaß – er hält sich zu viel Heraldik/Wappen/höfischen Ritualen auf.
  • Die Serie sehe ich nicht gerne, weil sie oft fast nur „wie gewonnen, so zerronnen“- und „so schnell kanns gehen!“-Momente aneinander reiht: Figuren geben sich Mühe… und sterben/scheitern dann sang- und klanglos. Das soll tiefgründig, existenziell, nihilistisch wirken… doch oft kommt es mir einfach trost- und pointenlos vor.

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Queer Literature, Queer Art: Quotes & Statements

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For three days in July 2016, the „Empfindlichkeiten“ literature festival/conference at the Literarisches Colloquium Berlin invited nearly 40 international writers, scholars, artists and experts to disquss the aesthetics, challenges, politics of and differences within queer literature.

Before the conference, all guests wrote short statements – translated into English by Bradley Smith, Simon Knight, Oya Akin, Lawrence Schimel, David LeGuillermic, Pamela Selwyn, Zaia Alexander and Bill Martin.

I read these statements – a digital file of 67 pages – and compiled my favorite quotes.

It’s a personal selection, and all quotes are part of much larger contexts.

Still: to me, this is the – interesting! – tip of a – super-interesting! – iceberg:

queer literary discourse, 2016.

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm.

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I am certain that my writing would be completely different without my being gay. As a queer young person, you grow up with the awareness of living in a society that isn’t made for you. This influenced a particular perspective that expanded to all aspects. Things that are very important for many people don’t affect me much – but I am very touched by other things for which most people are not sensitive. – Kristof Magnusson

Just at the beginning of my career as a writer, in 1996, I was a guest at the national radio show for young writers. The editor asked me whether I planned to write a novel. He thought I couldn’t really accomplish it because my shovel wasn’t big enough. What he meant was that as »a real writer« one would need a shovel big enough to grasp all the worldly experiences, memories, histries, feelings, etc. not just the minor ones. And being a lesbian, my experiences are rather minor, particular and only autobiographical, and therefore cannot really address the big world out there.
I spent a lot of time writing and fighting against this prejudice that straight writers – being mainly »just writers« without labels – write about the world, but gay, lesbian or queer writers write only or mostly about themselves and their lives, even more, they simply write from within themselves. – Suzana Tratnik

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Joachim Helfer, Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

Joachim Helfer, Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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To call a prick a prick is an act of self-assertion as a free man. – Joachim Helfer

To bashfully shroud it does nothing to make the vile pure, but may make the pure appear vile. De Sade is the ancestor of a more modern gay style of provocative divestiture. Jean Genet, Hubert Fichte and others (including myself) work from the assumption that even – or especially! – the most indecent exposure of man’s physical existence can but reveal his metaphysical truth: the untouchable dignity of each and every human being. It is this pure belief that permeates contemporary popular gay culture, from Tom of Finland and Ralf König to the anonymous participants in any Gay Pride Parade. – Joachim Helfer

‘Empfindlichkeiten’ – the motto of our conference hurts. In German, this is a charmingly provocative neologism in the association-rich plural form. Yes, we ARE sensitive. We lesbians, gay men and other kindred of the polymorphously perverse. Not just sensitive like artists are said to be, but over-sensitive in the pejorative sense. And we have every reason to be. Not just in all those countries in Eastern Europe or Africa where people like us are once again being, or have always been, marginalized, beaten, raped and murdered. The massacre in a gay bar in Orlando, Florida on 12 June 2016 is sad evidence that homophobic violence remains an everyday occurrence in liberal western countries too. In places like Germany, where it lies dormant alongside gay marriage, it can all too easily be reawakened (AfD, Pegida, Legida). – Angela Steidele

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Niviaq Korneliussen, Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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In Greenland there is no such thing as a literary environment and therefore no literary debates, not to mention literary debates about homosexuality. Of course books in Greenlandic are published every year, but extremely few have an influence on public debates. There are no festivals, no readings, nor reviews on the local medias. That, in general, causes no development among the few Greenlandic writers. Greenlandic books exist only as decorations – students read them in school, only because it’s mandatory. Very few buy them for private use, and when they do, they finish reading them only to hide them in a shelf to collect dust – Niviaq Korneliussen

When my book, HOMO sapienne, was published, people started to use it for debates; politicians used my phrases, scientist used my criticism of the society, homosexuals cherished probably the very first book about not heterosexual people, and readers discussed the context. Schools invited me to talk about my book and I’ve been participating in many cultural events. The reason for that, I think, is because my book is contemporary and relevant and criticizes people who aren’t used to being criticized. Although my book is being discussed a lot, people in Greenland don’t seem to talk about the fact that there are no straight people in it. I don’t consider my book as being queerliteratur, but you can’t bypass that the characters are queer. – Niviaq Korneliussen

[In Spain,] the Franco Regime continued a long tradition of homophobia on the Iberian Peninsula which once had been, at the end of the Middle Ages, long before the so-called Reconquista, a multicultural society where Arabs, Jews and Christians had coexisted quite peacefully. Among the prejudices towards the ‘Moors’ the Christian Emperors liked to highlight their supposed homosexuality, a feature they later transferred to the Native Americans after the terrible Conquista of South America. The prototypical Other was gay, and vice versa… – Dieter Ingenschay

Some critics find a decline in the production of literature with homosexual subjects after 2007, annus mirabilis which brought two important elements of social change: the above-mentioned Law of Equal Rights and the Law of Historic Memory (Ley de Memoria histórica) which was supposed to help working through the crimes of Franco’s dictatorship. These achievements, as some critics say, produced a decriminalization and hence a ‘normalization’ of the life of gays and lesbians. This is partly true, no doubt, but both laws have not yet really translated into social life. Franco’s followers still have great influence, and conservativism, machismo and the secret influence of the Catholic Church (with their disastrous organizations like the Opus Dei) still force thousands of young people to hide their (sexual) identity, especially in the rural parts of the country, – Dieter Ingenschay

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Luisgé Martin, Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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The paradox that all those who are oppressed sometimes feel: the belief that their oppression offers them an extraordinary tool for personal growth and creativity. In Spain, during the 1980s, it became fashionable to cynically state that „we lived better fighting against Franco“ and to insist that censorship forced the great writers to hone their intelligence and imagination. The question could now be reformulated in this way: would gay literature disappear in a hypothetical egalitarian world? Would there cease to be a specifically homosexual creativity when not just legal discrimination, but also social homophobia, disappeared? I don’t think that any reasonable human being would lament that loss, in the case of its ever occurring. – Luisge Martín

Unrequited love. It is a mathematical issue: the homosexual will always be in a minority, will always love he who cannot love him in return. – Luisge Martín

Since the French Revolution at the latest, the entire concept of so-called femininity a genuine masculine, phallological construction, with philosophers, educators, gynaecologists and couturiers responsible for its stability. I consider it more interesting how this construction has more recently been turned inside out in many contexts and also how the artificiality of traditionally highly defined masculinity has been performatively emphasized by women. – Thomas Meinecke

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Hilary McCollum, Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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[…] sexual and romantic relationships between women have been close to invisible. They are largely absent from both the historical record and the literary canon. This absence damages our sense of ourselves, our sexuality and our place in the world. It is as if our lives have been outside the range of human experience until the last fifty or sixty years. We need a lesbian history. But finding it is a bit like searching for buried treasure without a map. There are, however, clues; hints of the past left in diaries, letters and newspaper reports. Novelists are using these glimpses of our lesbian/queer ancestors to rescue the hidden history of relationships between women. For literary historian and novelist Emma Donoghue, writers are “digging up – or rather, creating – a history for lesbians.” – Hilary McCollum

[In Turkey,] there is a predominant attitude along the lines of “Kill me if you like, but DON’T admit that you’re gay.” It’s for this reason that lots of homosexuals get married, and to save face they even have children. […] In other words, homosexuality is still an “issue” which needs to greatly be kept secret, suppressed within the Turkish society. It is a state of faultiness/defectiveness, guilt and an absolute tool of otherization. Especially in Anatolia. I wrote “Ali and Ramazan” to come out against this entire heavily hypocritical, oppressive attitude. – Perihan Mağden

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Raziel Reid. Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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In Canada, where same-sex marriage was legalized in 2005, it can often seem on the surface to be a utopia of acceptance. But as the outrage and protest against my debut Young Adult novel When Everything Feels like the Movies revealed, it’s okay to be gay — as long as being gay means being like everyone else. There was a backlash against the perceived vulgarity and explicitness of the language represented in my novel — language which was often ripped directly from the mouths of the gay youth who composed my inner circle of friends and acquaintances. It appears that in achieving equality in the civilized world, gay culture is being sacrificed. Unity and equality should not have to mean homogenization. The traditions of gay culture for better and worse — the underground camp, irreverence, and brash sexuality cumulative of decades of having been ostracized by mainstream society — is no longer relevant or understood in our modern, equal times. It is therefore the responsibility of LGBT writers to document and immortalize our traditions as our culture shifts so that we don’t lose what makes us unique in order to gain acceptance. Marketing our stories to young readers is paramount to this effort. – Raziel Reid

To be an object of hate speech, to witness floods of hate speech exuded daily by politicians, newspersons, sport coaches, university professors, and clergymen resembles a bad dream. When reading Kafka at thirteen, I experienced a suffocating feeling of immense revulsion and pity. Why was this happening to Gregor? The story didn’t say. But it communicated clearly how vulnerable life becomes as soon as one is transformed into an object of disgust to others. – Izabela Morska

The gay life in Istanbul, as is the case with many others, changed dimension after the occurrences of the GeziPark protests, we can safely say that it has adopted a more organized and daring attitude. The Gay Pride which took place in the summer of 2013, during the GeziPark, was tremendously effusive, and was supported and claimed not only by the gay community, but the heterosexual community also. This great power most probably disturbed the present Turkish administration, for the Gay Pride which took place the following year was met with police raids, and the groups were attacked with gas bombs and the parade suffered a drastic blow. – Ahmet Sami Özbudak

For in an Islamic country, living a free and open homosexual life is unacceptable. If the prevalent Islamic atmosphere increases its intensity and Turkey becomes an even more fanatic Islamic country, the fight for existence for the gay community will become even more difficult. – Ahmet Sami Özbudak

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Sookee. Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Tobias Bohm.

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I am so glad to see that there are several young queer rappers and djs who can rely on and collaborate with a scene and multiple protagonists who are much like them. These people like me refuse to use discriminatory, hateful language. They empower themselves by combining the personal with the political and build a language that makes them unique as rappers and outspoken as queer fighters, lovers and dreamers. The rap mainstream has slowly come to the point that we can’t be ignored anymore. There is still separation, but no more negation. – Sookee

I have come to the straightforward conclusion that the homosexuality of the author is not necessarily reflected in the content of his or her work, but rather in the way in which he or she looks out on the world. I am thinking, for example, of writers such as Henry James, E.M. Forster or William Somerset Maugham: in their novels and short stories, you hardly ever come across homosexual content, but it is impossible not to sense their homosexual identity. – Mario Fortunato

The notion of a ‘gay literature’ is a product of precisely these discourses of power. It was invented to cement the idea that real literature is straight. In this scenario, gay literature is a niche product that only those directly affected need to bother about. – Robert Gillett

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Angela Steidele. Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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For some 200 years, a particular variant of violence against lesbians was the assertion that we didn’t exist. Until the mid-eighteenth century, sex between women carried a death penalty just as it did between men. It was in the Enlightenment, oddly enough, that male philosophers, jurists and theorists of femininity became persuaded that sex between women could be nothing more than preposterous ‘indecent trifling’. Trapped in their phallocentric worldview, they abolished the penalties for lesbian sex beginning around 1800, because in their opinion there was no such thing (the English and French penal codes had never even mentioned it in the first place). Women-loving women disappeared into non-existence, reappearing in late nineteenth- and early twentieth-century novels as ghosts and vampires at best, in any case as imaginary beings. […] My work is dedicated to giving the women-loving women of (early) modern Europe back their voices and making their stories known. – Angela Steidele

We have lived through times in which heterosexuals went to great lengths, partially with violence, to separate themselves from homosexuals. As a result, homosexuals began to separate themselves from heterosexuals, a liberation movement that aspired to a life as a supplement to the majority. – Gunther Geltinger

Writing in a homosexual way means not only acknowledging my origin, education, and traditions, but also permanently questioning them. – Gunther Geltinger

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Saleem Haddad. Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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From the word ‘liwat/looti’ (used to refer to male homosexuals and which suggests the act of sodomy), to the female ‘sihaqah’ (which can be roughly translated to ‘grinder’), as well as the word ‘khanith/mukhannath’ (popular in the Gulf and drawing on memories of eunuchs), and finally the word ‘shaath’ (which means queer or deviant), there is no shortage of words to describe homosexual acts in Arabic, though none are positive. – Saleem Haddad

In fact, for many queer Arabs, frank discussions of sex often happen in English or French. Perhaps those languages offer a more comfortable distance, a protective barrier between an individual and their sexual practices. Arabic: serious, complex, and closely associated with the Quran, can sometimes appear too heavy, too loaded with social and cultural baggage. Perhaps this reason may explain why many Arab writers choose to write about their homosexuality in English or French, myself included. English provides us with a safe distance: from our communities, and perhaps in some way from ourselves. – Saleem Haddad

Over the last twenty years of LGBTQ activism in the Arab world, some activists have made a concerted, and somewhat successful, effort to re-appropriate and re-shape the language around queer identities. The word ‘mithli’, for example, which is derived from the translation of the phrase ‘homo’, and which reframes the language from a focus on same-sex practices towards describing same-sex identities, is now seen as a more respectful way to refer to gay and lesbian individuals. However, while the word mithli has caught on in media and intellectual circles, the word for ‘hetero’, ghayiriyi, remains unused—thereby rendering the heterosexual identity invisible, signifying it’s ordinariness, while in turn differentiating the ‘homosexual’ with their own unique word: mithli. Perhaps in recognition of this, some movements, in turn, have sought to move beyond the hetero/homo binaries altogether, by Arab-izing the word ‘queer’ into ‘kweerieh’. – Saleem Haddad

Reclaiming words and finding spaces for our identities in them allows us to take ownership over language. After all, what purpose does language serve if we are unable to modernise it, to mould it, shape it, and, ultimately, find a space for ourselves in its words? – Saleem Haddad

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Foto: Mandy Seidler, LCB

Foto: Mandy Seidler, LCB

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all my 2016 interviews on Queer Literature:

…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: “Empfindlichkeiten” Festival 2016:

Sandra Gugić: „Astronauten“ (Interview)

Sandra Gugic. Foto: Dirk Skiba

Sandra Gugic. Foto: Dirk Skiba

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„Sag Ihnen, du hast mich schweben sehen“

Der erste Roman: Sandra Gugić und ihr Debüt „Astronauten“

von Stefan Mesch

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Mein Lieblingstext beim Open Mike 2012 hieß „Junge Frau, undatiert“. Wegen Sätzen wie „Ich bleibe nie lange. Meine Habseligkeiten passen in einen großen blauen Koffer aus Polykarbonat sowie einen stabilen Rucksack für Laptop, Kamera und Stativ.“

Das altmodische „Habseligkeiten“, das charmant umständliche „sowie“, das klug-präzsie „Polykarbonat“: Sandra Gugić, geboren 1976 in Wien, schafft Atmosphäre, Suggestionsräume – kein Wort wirkt beliebig. Aber jedes strebt in eine andere Richtung.

2015 erschien ihr Debütroman: „Astronauten“ (199 Seiten, C.H. Beck).

Künstler, Taxifahrer, jugendliche Vandalen, verlassene Hotels, schäbige Hinterhauswohnungen, Paranoia im Villenviertel. Ein Großstadt-Mosaik, dessen Anspruch und raffinierte Vielstimmigkeit mich überzeugte – aber hundert Fragen aufwarf. 24 davon habe ich Sandra Gugić gestellt.

Ein Interview, kurz vor Gugićs „Astronauten“-Lesung zum 23. Open Mike 2015.

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Was ist dieser Roman, „Astronauten“? Was erzählst du?

Es ist ja immer recht unangenehm, den eigenen Text zu erklären oder zusammenzufassen. Es steht ja alles drin im Roman. Mich interessieren gesellschaftliche Mechanismen, Parallelgesellschaften, Randexistenzen. Aber wo ist eigentlich der Rand, und wer zieht die Linien?

Was macht unsere Identität aus? Wie funktioniert oder scheitert unsere Gemeinschaft? Das sind die Fragen, die mich beschäftigen und sich auch in dieser formalen Lösung mit sechs verschiedenen Erzählstimmen spiegeln.

Was ist dieser Roman? Ha, jetzt will ich auch mal Pathos schreiben: ein Herz, das schlägt!

Gab es eine Keimzelle – eine erste Idee?

Ich habe mit nur einem Ich-Erzähler begonnen, Darko. Er war die Keimzelle, daraus wurde der Ursprungstext – aber alle späteren Figuren kamen schon vor. Die zweite Stimme war sein Vater, Alen. So ging das weiter, ich glaube in der Reihenfolge Mara, Niko. Alex kam ganz am Schluss dazu, dafür fiel eine andere Stimme raus. Es war einfach so, dass eine Figur nach der anderen das Wort ergriffen hat.

War Kapitel 1 dein erstes Kapitel? Hast du chronologisch geschrieben?

Das erste Kapitel entstand so ungefähr in der Reihenfolge, aber ich arbeite immer parallel, gehe im Text vor und wieder rückwärts, endlose Schleifen. Chronologisch im eigentlichen Sinne aber nicht. Das lineare Erzählen ist nicht meine Sache, mit einer linearen Art des Erzählens kann ich immer nur wieder ähnliche Weltbilder reproduzieren, aber alles geschieht gleichzeitig, parallel zueinander, es bleibt den Wegen zu folgen, die durch eine konsequente Ablehnung von Geradlinigkeit überzeugen.

Das multiperspektivische und nichtlineare Erzählen und Schreiben war für mich logische Konsequenz, um die verschiedenen Stimmen in all ihrer Dringlichkeit, ihren Gedankenschleifen, Parallelen, Widersprüchen und in dem hohen Tempo wiedergeben zu können, in dem sie sich mir erzählt haben.

Ist das ein technisches Problem für dich, bei Print-Büchern? Hättest du lieber ein Netz entwickelt, das man nonlinear lesen kann – oder das Sprünge erlaubt?

Ganz im Gegenteil. Ich sehe kein Problem, weder als technisches noch als erzählerisches, ich sehe eine Herausforderung, das Schreiben als eine Einladung zu Experiment und Spiel, der ich gefolgt bin.

Es gibt keine gerade Linie, weder in den Dingen, noch in der Sprache. Die Syntax ist die Gesamtheit von notwendigen Abwegen, die stets von neuem geschaffen werden, um das Leben in den Dingen sichtbar zu machen. // Deleuze, Kritik und Klinik

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Sandra Gugic, Foto privat

Sandra Gugic, Foto privat

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Wie nah ist das fertige Buch an dem, was du dir zu Beginn der Arbeit vorgestellt hast? Hattest du einen Plan?

Der Plan war: das muss erzählt werden, vieles hat sich mir erst im Schreiben erzählt und erschlossen, also das Verfertigen und Vervollständigen der Gedanken beim Schreiben. Vor allem beim ersten Roman ist das wahrscheinlich normal, ich weiss aber auch nicht, wie es anders gehen könnte. Ich wiederhole: Der Text ist ja angeblich klüger als die Autorin.

“Figuren, die sich mir erzählt haben” klingt schwülstig: Die Autorin als Medium, das fremde Stimmen hört.

Haha, ja Stimmen hören. Genau. Aber was, nichts dergleichen. Was ich meine ist: Das Schreiben beginnt im weißen Rauschen der Welt, Stimmen die sich da rauslösen, dringliche Stimmen, wütende Stimmen, die etwas zu sagen haben oder die angeblich nichts zu sagen haben und es trotzdem sagen. Immer noch schwülstig? Wurschtweil. So lass ich das jetzt stehen!

Hat das Buch eine Hauptfigur?

Es gibt keine Hauptfigur bzw. ist es immer die/der gerade spricht, die nach vorne tritt. Wer spricht, hört sich ja auch nur selbst oder das Rauschen seiner/ihrer Gedanken. Die Figuren waren manchmal launisch oder spröde oder unzugänglich. Ich liebe alle meine Figuren. Durchwegs Spaß gemacht hat mir Zeno, eine Freundin von mir hat gemeint, Zeno und ich, wir haben einiges gemeinsam.

Ging unterwegs etwas schief? Haben dich Figuren überrascht?

Der Weg war die Hölle war die Reise wert. Die Figuren haben mich rechts und links überholt, aber nie dumm sterben lassen.

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"Astronauten", erschienen 2015 bei C.H. Beck

„Astronauten“, erschienen 2015 bei C.H. Beck

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Wie hast du dich aufs Schreiben vorbereitet? Und wie – in welchem Rahmen, Rhythmus – hast du geschrieben?

Ich hab mich nicht vorbereitet. Ich hab einfach geschrieben. Zuhause, weil ich mir kein Büro leisten konnte und Bibliotheken mich nervös machen. Manchmal tagsüber im Café, wenn mir die Decke auf den Kopf gefallen ist. Auf einem baufälligen kleinen Balkon in Pankow. Im Hinterhof auf der Sonnenallee. In Wien, in Leipzig und in Berlin. Manchmal im Zug. Viel nachts, weil das eine unruhige Zeit in meinem Leben war und nachts alles etwas ruhiger ist, keiner ruft an, keine emails, auch die Stadt ist ruhiger als sonst.

Wann wusstest du: Das wird ein gutes Buch?

Alles was ich immer wusste war: Es muss geschrieben werden. Ich hab oft gezweifelt, dann war ich wieder euphorisch. Das ist wohl auch normal so. Aber alles was ich wusste war: Es muss.

War „Astronauten“ ein Kraftakt?

Schreiben ist für mich ein Kraftakt wie auch ein Rausch. Sprachlich und inhaltlich präzise an einem Text zu arbeiten kostet sehr viel Kraft, diese Kraft überträgt sich aber auch, schwingt zurück, wenn dieser Sog entsteht, der einen in den Text hineinzieht und in eine andere Welt katapultiert, ein gigantisches Eskapismuskatapult schleudert einen also raus in einen unbekannten Raum, dazwischen ein Schweben, vielleicht eine Millisekunde Schwerlosigkeit, und am Ende des Textes findet man sich allein wieder, auf sich selbst zurückgeworfen und leicht verkatert wie nach einer allzu langen Nacht, wenn die rauschhaften Gespräche und Begegnungen noch im Kopf nachhallen, die Gerüche, die Musik, die verpassten Gelegenheiten, die Peinlichkeiten, die unerfüllten Wünsche, während die Sonne schon gnadenlos hoch am Himmel steht und die Realität eines neuen Tages hereinbricht.

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Sandra Gugics Facebook-Profilbild. Foto: privat

Sandra Gugics Facebook-Profilbild. Foto: privat

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Warum hat die Stadt keinen Namen?

Die Stadt braucht keinen Namen, nicht in diesem Roman. Ich habe sie aus verschiedenen Orten der Realität zusammengepuzzelt, die Stadtkulisse ist fiktiv, trotzdem höre ich immer wieder von Leser/innen, dass sie diesen oder jenen Ort zu erkennen glauben, sich sicher sind. Das macht mir Spaß, wenn ich mir vorstelle, wie jede/r vielleicht seine Stadt hineininterpretiert. Es würde der Geschichte nichts hinzufügen, hätte die Stadt einen Namen.

Du benutzt Adjektive, bei denen ich Bücher oft weglege: „schneeweiß“, „hauteng“, „raspelkurz“, „blitzschnell“, „haarscharf“. Mir sind diese Worte zu verbraucht, abgeschmackt.

Das kenne ich ebenso, mein persönliches Hasswort ist „schmunzeln“. Was soll das wirklich bedeuten? Wie soll das aussehen, außer idiotisch, und warum macht das irgendjemand? Schmunzeln macht mich aggressiv. Als Wort, versteht sich. Aber ein Satz besteht ja für gewöhnlich nicht aus einem Wort. Und ein ganzer Roman auch nicht. Oder?

„Die Hitze liegt wie Sirup über der Stadt“. Im Ernst? Rollst du nicht die Augen, wenn du das anderswo liest?

Im Ernst: Ein schneeweißer Elefant steht mitten im Raum, die Augen geschlossen. Der Elefant realisiert: Ich bin hier drin, nein, er döst und träumt, wie er Honig aus dem Kopf eines Plastikbären auf ein blasses Stück Toastbrot drückt. Von rechts zischt ein rotes Etwas ins Bild, ein Eichhörnchen, es springt, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, blitzschnell und unfassbar anmutig auf den Rücken des Elefanten, zwischen den Zähnen hat es einen Rotstift, es hält inne und schmiegt sich an die Elefantenhaut, zwischen die Falten, spürt die Wärme, rollt dabei verzückt mit den Augen, getrieben von einer Angst, die Augen zu schließen und abzutauchen in eine Finsternis, die knapp hinter dieser Hautwärme liegt, eine Finsternis, in der das Eichhörnchen vor allem Angst hat, das ihm gerade in den Sinn kommt, jetzt gleitet die Spitze des Stifts über die Elefantenhaut, kritzelt mit manisch rhythmisch schabenden Geräuschen unermüdlich pejorative Hieroglyphen. Die Lider des Elefanten flackern, die Ohren schlackern, er stöhnt leise, vielleicht schwitzt er sogar, auf jeden Fall: Er schmunzelt.

Viele Leserstimmen und Kritiken zu “Astronauten” sind respektvoll, aber ein bisschen verhalten und nervös: Keiner scheint sich sicher, dass er das Buch richtig verstanden, die Handlungsstränge korrekt entwirrt hat. Hattest du Bedenken, dass das Buch zu dicht/verkopft wird?

Habe ich mit „Astronauten“ tatsächlich jemanden nervös gemacht, zum Nachdenken gebracht, auf die Suche nach Lösungen geschickt? Wenn ja, wunderbar. Dann bin ich froh.

In der Textarbeit an „Astronauten“ habe ich mir Fragen gestellt – und will auch keine fertigen Lösungen anbieten, es gibt genau genommen nichts richtig zu verstehen, es gibt nichts falsch zu verstehen. Aber selbstverständliche gibt es etwas zu verstehen.

Nein, ich hatte keine Bedenken, ja ich hatte selbstverständlich alle möglichen Bedenken, weil ich kritisch und hart mit meiner Arbeit bin, aber vor allem habe ich „Astronauten“ geschrieben, ohne an Markt und Konsequenzen zu denken, ich habe das Buch geschrieben, weil ich es genau so schreiben wollte, ich habe ein fertiges Manuskript an die Verlage geschickt, weil ich es ohne Verlagsdruck oder übertriebene Formung/Beeinflussung im Schreibprozess finalisieren wollte, weil ich frei schreiben wollte, auf die Gefahr hin, dass es vielleicht niemand drucken will, auf den Gewinn hin, dass ich genau die erzählerischen Entscheidungen getroffen habe, die ich für richtig gehalten habe.

Respekt! Das verstehe ich gut – und ich glaube, es hat sich gelohnt. Wie war dein Jahr als Debütantin? Und: Waren die Reaktionen in Österreich und Deutschland unterschiedlich?

Das Jahr war großartig und schrecklich und schön und hässlich und lang und zäh und verdammt müde verdammt schnell und auf und ab undsoweiter. Reaktionen waren da, sowohl in Österreich als auch in Deutschland, überaus erfreuliche und weniger erfreuliche. In die Schweiz durfte ich auch reisen, ich erinnere mich an einen Ausflug auf einen Gletscher, da stand ich allein, kurz bevor die letzte Gondel ins Tal zurück fuhr und in diesem Moment war alles gut und das Wasser war kalt und klar.

Aus psychohygienischen Gründen sollte ich mich mit diesen und jenen Reaktionen weder über Gebühr beschäftigen, noch sie auswerten. Was ich muss, ist weiter schreiben.

Kritik ist eilig, packt einen kurz, zwischendrin, und rüttelt einen durch. Relativiert die Mühsal langer Strecken, macht sich auf eine Art lustig über das gewichtige größerer Projekte, in die man sich verbissen hat, Kritik kichert darüber böse, und das hilft einem irgendwie, im Verlorenen. Das stachelt einen immer wieder neu an. Man schreit dann rum. Das tut der Arbeit gut. // Rainald Goetz, „Abfall für alle“.

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Sandra Gugic, Foto privat

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Du bist die einzige Autorin, die ich mit Farbtönen, Farbstimmungen verbinde – weil das “Astronauten”-Cover und viele deiner Social-Media-Fotos mit ähnlichen Farbverläufen arbeiten. Erzähl mehr über diese Farben!

Wenn ich schreibe, arbeite ich nicht direkt mit bestimmten Farben, aber stark mit Bildern. Schnappschüsse, die ich unterwegs mache, sind eine Ergänzung zu meinem Notizbuch. Einige dieser Bilder finden sich dann in den Texten wieder. Wie beispielsweise das tote Eichhörnchen, das in „Astronauten“ vorkommt, ich habe es beim Joggen gefunden. Das „Astronauten“-Cover habe ich selbst gestaltet, das verwendete Foto ist ein Schnappschuss, den ich bei einer Zugfahrt mit meinem Smartphone gemacht habe.

Was hast du aus “Astronauten” gelernt?

Ich habe mir abgewöhnt zu glauben: Der Schreibtisch ist eine Wiese mit Schubladen. 
Ich habe mir abgewöhnt zu erklären: Arbeit macht Spaß.
Ich habe mir abgewöhnt zu hoffen: Spaß könne die Welt verändern.
Ich habe mir abgewöhnt zu meinen: Nur das Interessante ist interessant.
Ich habe mir abgewöhnt zu antworten: Literatur ist überflüssig. 
Ich habe mir abgewöhnt zu antworten: Literatur ist notwendig.
(…) // Wolf Wondratschek, Gewohnheiten

Wem empfiehlst du ‘Astronauten’?

Meinst du nach dem Motto „Kunden, die XX kauften, kauften auch XY“? Oder: „Du bist, was du liest“?

Wenn ich über die Leser/innen nachdenke, die mich nach Lesungen angesprochen haben, waren das sehr unterschiedliche Menschen ohne besondere gemeinsame Merkmale – außer vielleicht: ein wacher Geist, Neugier, eine Prise Ironie. Die Neigungsgruppe „Lesender Mensch“, hungrig auf und aufgeschlossen für Literatur, die auch ein paar Ecken und Kanten haben darf.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass noch folgende Begebenheit zitiert werden muss:

Ein paar Monate nach unserem Interview rief ich Herrn Frisch an, um zu fragen, ob er irgendwelche letzten Änderungen oder Kommentare hinzuzufügen hätte. „Ja“, sagte er. „Sagen Sie denen, dass ich für einen ganz kurzen Moment geflogen bin. Nur für einen Moment. –– Zur Küche und wieder zurück. Aber dass Sie mich haben fliegen sehen.“ // The Paris Review, Max Frisch im Interview

In meinem Fall also: SAG IHNEN, DU HAST MICH SCHWEBEN SEHEN!

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www.sandragugic.com