Poetik

George R.R. Martin, J.K. Rowling, Stephen King – Autor*innen streiten und antworten, online

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Für Deutschlandfunk Kultur las ich den Blog / das Livejournal von George R.R. Martin – alle Einträge seit 2005:

  • ich notierte mir alle Buch- und Filmtipps, die Martin in den letzten 13 Jahren gab
  • ich notierte alles über seine Schreibweisen, Arbeitsweisen und Poetik
  • (wahrscheinlich werde ich beides später nochmal irgendwo sammeln/bloggen, als Linkliste)

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Morgen, 13. Juli, gegen 10.20 Uhr, bin ich Studiogast bei Deutschlandunk Kultur und spreche über Martin… und andere Autor*innen, die bloggen, an Debatten teilnehmen, über ihren Schreibprozess berichten, sich gesellschaftlich einmischen oder ihre Werke durch Tweets etc. erklären.

Vor jeder Deutschlandfunk-Sendung schicke ich meine Stichpunkte und Thesen an die Redaktion: Hintergrund-Infos und Links, aus denen Moderator*innen dann ihre Fragen fürs Livegespräch erarbeiten. Hier kurz gebloggt: meine Fundstücke und Links zur morgigen Sendung.

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  • Es gab schon immer Sekundärliteratur zu Büchern (und Serien).
  • Besonders seit dem Internet sind diese Texte, Wortmeldungen zweiter Ordnung immer öffentlicher, leichter zu finden.
  • George R.R. Martin scheint, besonders seit 2014, oft mehr zu bloggen, als an neuen Romanen zu arbeiten.
  • Ich selbst bin Fan seines Blogs und den Artikeln ÜBER seine Bücher (…und die TV-Verfilmung).
  • Wichtig: die Serie selbst und die Romane habe ich nicht durch: Ich liebe es, die Sekundärtexte, Kritiken, Debatten drumherum zu lesen.

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zu Martin selbst:

  • Er ist fast 70 (geboren 1948 in New Jersey) und lebt in Santa Fe, New Mexico. Zum zweiten Mal verheiratet, keine Kinder.
  • Er schrieb Science-Fiction-Kurzgeschichten, Novellen und Romane; manchmal Horror, und seit 1987 eine Surperhelden-Reihe namens „Wild Cards“ (fast 30 Sammelbände aus mehreren Perspektiven, verfasst von mehreren Autor*innen, Martin ist auch Herausgeber/Editor der Reihe).
  • Sein Hauptwerk, „Das Lied von Eis und Feuer“, läuft seit 1996.
  • Es sollte ursprünglich eine Trilogie werden, ist jetzt aber auf sieben Bände angelegt.
  • Bisher erschienen fünf Bände, alle auch in Deutsch (dort meist zweigeteilt): 96, 99, 2000, 2005, 2011.
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  • Seit 2011 läuft eine Verfilmung auf HBO, „Game of Thrones“. Sie ist auf acht Staffeln angelegt, Staffel 7 startet am 16. Juli (auf Englisch) und am 17. Juli (auf Deutsch).
  • Letztes Jahr hat die Serie die Bücher überholt: Die Geschichte wird ERST als TV-Verfilmung zu Ende erzählt. Martin selbst gibt viel Input. Die Serie endet 2018. Doch Roman 6 von 7, „The Winds of Winter“, erscheint frühestens 2018.das ist für alle Beteiligten etwas unglücklich, und Martin selbst wird oft belächelt: Warum schreibt er so langsam? Warum macht er so viele andere Projekte? [Ich selbst schreibe seit 2009 an meinem Roman, und einmal pro Woche will jemand mit mir über Martin reden, den anderen „zu langsamen“ und „immer abgelenkten“ Autor, den alle kennen.]

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Autor*innen reden mit?

  • 1992 starte die Science-Fiction-Serie „Babylon 5“. Verträge für Schauspieler*innen dürfen maximal sechs Jahre gelten. Deshalb wissen Serienmacher*innen: Alles läuft etwa sechs Jahre lang, dann wird es teuer und kompliziert, wegen neuer Vertragsverhandlungen. „Babylon 5“ war eine der allerersten Serien mit einem im Vorfeld über alle Staffeln geplanten Spannungsbogen: Beeinflusst von u.a. „Herr der Ringe“ erzählt die Serie von einer Raumstation, die in einen großen Krieg verwickelt wird.
  • Der Macher, J. Michael Straczynski, plante 5 Staffeln, schrieb fast alle Drehbücher zur Serie selbst und konnte trotz ein paar Schauspielerwechseln und Produktionsproblemen EINE große Geschichte erzählen. Zuvor erzählte TV meist episodisch: Jede Folge ist möglichst einsteigerfreundlich, wenig verändert sich, notfalls kann man Folgen auch in falscher Reihenfolge sehen. „Babylon 5“ hat eine Fünf-Akt-Struktur und erzählt wie ein Roman: Ständig wird betont, dass jetzt ALLES anders ist und sich Dinge grundlegend verändert haben. Das ist ein starker Kontrast zu „Star Trek“, wo sich jahrzehntelang möglichst wenig ändern sollte.
  • Straczynski benutzte Fan-Foren im Internet, um jede Woche Fragen zu beantworten über seine Vision, seine Pläne und seinen Arbeitsprozess. Diese Chats sind online gesammelt, und für viele Menschen ist es normal, erst eine Folge der Serie zu sehen… und dann die gesammelten „JMS speaks“-Zitate zu lesen.

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  • Websites wie „Television without Pity“ wurden irrsinnig erfolgreich, indem sie – zu einer Zeit, als Episoden noch nicht direkt als Raubkopie online zu sehen waren – jede Folge vieler laufender Serien ausführlich nacherzählten.
  • In Deutschland erzählen vor allem Welt.de/Axel Springer jeden „Tatort“ und jeden größeren Polit-Talk (Anne Will etc.) nach: Diese Texte sind sehr erfolgreich.
  • Nach Footballspielen gibt es „Post-Game“-Rederunden. immer mehr Menschen wünschen sich solche Nachbesprechungen, nachdem sie eine Episode einer Serie gesehen zu haben.
  • Serien wie „The Walking Dead“ gingen darauf ein und senden tatsächlich nach jeder neuen Folge eine Talkshow/Gesprächsrunde, „The Talking Dead“. „Game of Thrones“ hat seit 2016 „After the Thrones“; ich mag auch die kurzen „Rebels: Recon“-Making-of-Videos zu „Star Wars: Rebels“

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  • 2012 startete „Girls“, eine Serie über vier widersprüchliche junge Frauen in New York.
  • Die New York Times schrieb ca. 40 Artikel über „Girls“, in sechs Jahren; weil viele Themen der Serie relevant für NYT-Leser*innen sind: Gentrifizierung, Gender, Lokalpolitik, Generationenfragen (Hipster, Millennials)
  • Solche Texte, die immer MIT der Serie einstiegen, aber dann oft sehr persönlich werden und über strittige gesellschaftliche Themen sprechen, heißen „Think Pieces“. Seit „Girls“ gibt es nach provokanten Momenten in Serien dauernd neue „Think Pieces“.

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bei Martin und „Game of Thrones“ kommt all das zusammen:

  • „Game of Thrones“ zeigt viel sexuelle Gewalt und „starke“ Frauen, denen Furchtbares passiert. Dreimal im Jahr erscheinen 20 Artikel über eine besonders brutale oder ambivalente „Game of Thrones“-Szene: War das „schlechter Sex“ – oder Vergewaltigung? Wird eine Frau erniedrigt, und agiert fünf Folgen später als besonders kalte oder starke Kämpferin: Heißt das, der Missbrauch und das Trauma machten die Frau „stärker“?
  • Oft variieren solche Szenen im Buch und in der Serie: War es in Martins Text ruppiger Sex – oder Vergewaltigung? Ist die Serie brutaler? Ist sie, durch diese Brutalität, autormatisch frauenfeindlicher?
  • Geht es „Game of Thrones“ darum, Gewalt gegen Frauen, Sexismus, Zwänge im Feudalismus, Intoleranz etc. möglichst drastisch auszustellen, zu verurteilen? Oder ist da immer ein gewisser Sexploitation-Kitzel? etc.
  • Nicht nur bei Sex- und Gender-Fragen öffnet „Game of Thrones“ oft Debatten, die WEIT über die Serie selbst hinaus gehen.
  • Allergrößte Zeitungen schreiben nach Einzelepisoden lange Texte darüber, was „Game of Thrones“ z.B. über den Klimawandel, das Bankenwesen oder Kolonialismus im nahen Osten erzählt.
  • (schade dagegen: Auch in großen deutschen Zeitungen erzählen manchmal nur Fanboys nach, was sie an der jeweiligen Folge „krass“ oder „witzig“ fanden. Das bleibt oft unreflektiertes, dünnes Clickbait-Gerede, und dem Feuilleton nicht würdig.)

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für Wortmeldungen von Autor*innen selbst gibt es den Ausdruck „Word of God“:

  • Fragen, die das Werk selbst nicht eindeutig beantwortet, werden manchmal vom Autor beantwortet.
  • Eins der bekanntesten Beispiele: J.K. Rowling, die nach dem Ende von „Harry Potter“ sagt, Zauber-Rektor Dumbledore sei schwul sei. In den Büchern selbst kommt das nicht vor.
  • Rowling hat seit 2007 – vor allem auf Twitter, in Interviews und in sehr, sehr langen und detaillierten Fußnoten auf der Website „Pottermore“ immer wieder offene Fragen beantwortet, Ambivalenzen ausgemerzt, Ideen konkretisiert. Oft ging das Fans auf die Nerven.
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  • Martin ist recht zurückhaltend mit solchen „Words of God“; und lügt auch immer wieder, um Wendungen/Geheimnisse nicht im Voraus zu verderben.
  • Trotzdem ist all das mittlerweile ein großer, zweiter Raum, der sich um jedes Buch und jede Serien-Episode öffnet: Fans legen Wikis an, um „Words of God“ zu sammeln, TV-Schöpfer*innen livetweeten während der Erstausstrahlung wichtiger Episoden, die New York Times macht oft Interviews mit Darsteller*innen von Serien, am Morgen, nachdem ihre Figuren überraschend ausstiegen oder starben: „Wie geht es Ihnen jetzt? Und warum wurde Ihre Rolle vergewaltigt?“ etc.

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John Fiske, mein Lieblings-Popkulturforscher, sagt, Dinge werden populär, wenn sie widersprüchlich bleiben, verschiedene Lesarten zulassen, nicht alle Fragen beantworten.

  • Der Witz an all den Sekundärtexten, Wortmeldungen ist, dass es immer SCHEINT, als gäbe es gleich große, gültige Antworten: Ist Figur X „böse“? Ist Y eine Metapher für Donald Trump? etc. Doch obwohl Autor*innen und Serienmacher*innen heute viel MEHR reden, verstärken ihre Drumherumtexte eher noch die Fragen und Widersprüche: Fans reiben sich produktiv an offenen Fragen. Größte Zeitungen debattieren z.B. ob die Ehefrau aus „Breaking Bad“ nervt – oder als Sympathieträgerin verstanden werden soll.
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  • In Deutschland gibt es den Geniemythos: Als Autor über die eigenen Intentionen und das Handwerk zu sprechen, gilt oft als unnötig, verpönt. Martin kommt aus der Science-Fiction-Ecke, und war als Kind Fan von Sci-Fi-Groschenheften und Superheldencomics. Die Szene organisiert sich in Conventions: Fans treffen auf Macher*innen, alle bleiben in Dialog. Martin selbst schrieb Leserbriefe, die in Marvel-Comics gedruckt wurden, und fand Freunde/Anschluss, als andere Fans auf seine Briefe antworteten. Die Treffen/Conventions sind bis heute wichtig für die – gut vernetzte – Phantastik-Szene, und Martin besucht immer noch mehrere Cons im Jahr. Er schrieb als Teenager Amateurtexte – aber mit eigenen Figuren. Heute wünscht er sich, dass Fans ihre eigenen Erzählwelten bauen, statt mit vorhandenen Figuren (z.B. „Harry Potter“) neue Fanfiction-Texte zu schreiben.
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  • Es gibt einige sehr aktive, gut vernetzte Bestseller-Autor*innen in der Phantastik, bei denen die Grenze zwischen Star und Fan verwischt (weil sie selbst Fans sind und über ihr Fan-Sein sprechen)… und die in Blogs oder auf Twitter sehr viel über ihre Arbeit und ihre Begeisterung für andere Autor*innen sprechen:
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  • Neil Gaiman
  • Patrick Rothfuss
  • Cory Doctorow
  • Stephen King (der SEHR viel liest und oft großartige Buch-, Film-, Serientipps gibt)
  • manchmal JK Rowling (poltisch, besonders auf Twitter)
  • die Comic-Autorin Gail Simone
  • … und eben Martin (der nichts auf Twitter und Facebook schreibt, aber seinen Blog pflegt)
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  • Lyriker*innen können oft kluge Dinge über ihre Kolleg*innen sagen – weil Gedichte so kurz sind, dass jeder alle Gesamtwerke der anderen kennt. Deutsche Autor*innen sagen oft nichts Kluges über ihre Kolleg*innen – weil niemand sich die Zeit nimmt, viel zu lesen. Obwohl Fantasy-Bücher sehr dick sind, merkt man: Martin u.a. nehmen sich extrem viel Zeit, nach rechts und links zu schauen: Eine Szene, die sich für sich selbst interessiert, und relativ offen/einladend ist.

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mein Fazit?

  • In den 90ern warteten alle auf Hypertexte, interaktive Literatur, nicht-lineares Erzählen.
  • Das Tolle an „Words of God“ und den vielen neuen Debatten-Texten ist, dass es dem nahe kommt. Es gibt die Haupterzählung, die alle Fans verfolgen: das Buch, die Serie. Und es gibt die Ausläufer, das Bonusmaterial, die Debatten drumherum: Alle können so viel oder wenig davon lesen, wie sie wollen. Man kann Dinge entdecken, und selbst mitreden.
  • Die TV-Autorin Shonda Rhimes („Grey’s Anatomy“, „Scandal“, „How to get away with Murder“) bloggt viel über ihre Arbeit… und gesellschaftliche, politische Fragen: Ich sehe ihre Serien nicht. Aber ich bin süchtig danach, über ihren Arbeitsprozess und ihre politischen Anliegen zu lesen: Manchmal ist die Geschichte, wie und warum etwas von der Autorin gemacht wird, viel interessanter, als das, WAS gemacht wird.
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  • Die Romane von Martin machen wir wenig Spaß – er hält sich zu viel Heraldik/Wappen/höfischen Ritualen auf.
  • Die Serie sehe ich nicht gerne, weil sie oft fast nur „wie gewonnen, so zerronnen“- und „so schnell kanns gehen!“-Momente aneinander reiht: Figuren geben sich Mühe… und sterben/scheitern dann sang- und klanglos. Das soll tiefgründig, existenziell, nihilistisch wirken… doch oft kommt es mir einfach trost- und pointenlos vor.

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Queer Literature, Queer Art: Quotes & Statements

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For three days in July 2016, the „Empfindlichkeiten“ literature festival/conference at the Literarisches Colloquium Berlin invited nearly 40 international writers, scholars, artists and experts to disquss the aesthetics, challenges, politics of and differences within queer literature.

Before the conference, all guests wrote short statements – translated into English by Bradley Smith, Simon Knight, Oya Akin, Lawrence Schimel, David LeGuillermic, Pamela Selwyn, Zaia Alexander and Bill Martin.

I read these statements – a digital file of 67 pages – and compiled my favorite quotes.

It’s a personal selection, and all quotes are part of much larger contexts.

Still: to me, this is the – interesting! – tip of a – super-interesting! – iceberg:

queer literary discourse, 2016.

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm.

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I am certain that my writing would be completely different without my being gay. As a queer young person, you grow up with the awareness of living in a society that isn’t made for you. This influenced a particular perspective that expanded to all aspects. Things that are very important for many people don’t affect me much – but I am very touched by other things for which most people are not sensitive. – Kristof Magnusson

Just at the beginning of my career as a writer, in 1996, I was a guest at the national radio show for young writers. The editor asked me whether I planned to write a novel. He thought I couldn’t really accomplish it because my shovel wasn’t big enough. What he meant was that as »a real writer« one would need a shovel big enough to grasp all the worldly experiences, memories, histries, feelings, etc. not just the minor ones. And being a lesbian, my experiences are rather minor, particular and only autobiographical, and therefore cannot really address the big world out there.
I spent a lot of time writing and fighting against this prejudice that straight writers – being mainly »just writers« without labels – write about the world, but gay, lesbian or queer writers write only or mostly about themselves and their lives, even more, they simply write from within themselves. – Suzana Tratnik

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Joachim Helfer, Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

Joachim Helfer, Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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To call a prick a prick is an act of self-assertion as a free man. – Joachim Helfer

To bashfully shroud it does nothing to make the vile pure, but may make the pure appear vile. De Sade is the ancestor of a more modern gay style of provocative divestiture. Jean Genet, Hubert Fichte and others (including myself) work from the assumption that even – or especially! – the most indecent exposure of man’s physical existence can but reveal his metaphysical truth: the untouchable dignity of each and every human being. It is this pure belief that permeates contemporary popular gay culture, from Tom of Finland and Ralf König to the anonymous participants in any Gay Pride Parade. – Joachim Helfer

‘Empfindlichkeiten’ – the motto of our conference hurts. In German, this is a charmingly provocative neologism in the association-rich plural form. Yes, we ARE sensitive. We lesbians, gay men and other kindred of the polymorphously perverse. Not just sensitive like artists are said to be, but over-sensitive in the pejorative sense. And we have every reason to be. Not just in all those countries in Eastern Europe or Africa where people like us are once again being, or have always been, marginalized, beaten, raped and murdered. The massacre in a gay bar in Orlando, Florida on 12 June 2016 is sad evidence that homophobic violence remains an everyday occurrence in liberal western countries too. In places like Germany, where it lies dormant alongside gay marriage, it can all too easily be reawakened (AfD, Pegida, Legida). – Angela Steidele

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Niviaq Korneliussen, Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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In Greenland there is no such thing as a literary environment and therefore no literary debates, not to mention literary debates about homosexuality. Of course books in Greenlandic are published every year, but extremely few have an influence on public debates. There are no festivals, no readings, nor reviews on the local medias. That, in general, causes no development among the few Greenlandic writers. Greenlandic books exist only as decorations – students read them in school, only because it’s mandatory. Very few buy them for private use, and when they do, they finish reading them only to hide them in a shelf to collect dust – Niviaq Korneliussen

When my book, HOMO sapienne, was published, people started to use it for debates; politicians used my phrases, scientist used my criticism of the society, homosexuals cherished probably the very first book about not heterosexual people, and readers discussed the context. Schools invited me to talk about my book and I’ve been participating in many cultural events. The reason for that, I think, is because my book is contemporary and relevant and criticizes people who aren’t used to being criticized. Although my book is being discussed a lot, people in Greenland don’t seem to talk about the fact that there are no straight people in it. I don’t consider my book as being queerliteratur, but you can’t bypass that the characters are queer. – Niviaq Korneliussen

[In Spain,] the Franco Regime continued a long tradition of homophobia on the Iberian Peninsula which once had been, at the end of the Middle Ages, long before the so-called Reconquista, a multicultural society where Arabs, Jews and Christians had coexisted quite peacefully. Among the prejudices towards the ‘Moors’ the Christian Emperors liked to highlight their supposed homosexuality, a feature they later transferred to the Native Americans after the terrible Conquista of South America. The prototypical Other was gay, and vice versa… – Dieter Ingenschay

Some critics find a decline in the production of literature with homosexual subjects after 2007, annus mirabilis which brought two important elements of social change: the above-mentioned Law of Equal Rights and the Law of Historic Memory (Ley de Memoria histórica) which was supposed to help working through the crimes of Franco’s dictatorship. These achievements, as some critics say, produced a decriminalization and hence a ‘normalization’ of the life of gays and lesbians. This is partly true, no doubt, but both laws have not yet really translated into social life. Franco’s followers still have great influence, and conservativism, machismo and the secret influence of the Catholic Church (with their disastrous organizations like the Opus Dei) still force thousands of young people to hide their (sexual) identity, especially in the rural parts of the country, – Dieter Ingenschay

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Luisgé Martin, Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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The paradox that all those who are oppressed sometimes feel: the belief that their oppression offers them an extraordinary tool for personal growth and creativity. In Spain, during the 1980s, it became fashionable to cynically state that „we lived better fighting against Franco“ and to insist that censorship forced the great writers to hone their intelligence and imagination. The question could now be reformulated in this way: would gay literature disappear in a hypothetical egalitarian world? Would there cease to be a specifically homosexual creativity when not just legal discrimination, but also social homophobia, disappeared? I don’t think that any reasonable human being would lament that loss, in the case of its ever occurring. – Luisge Martín

Unrequited love. It is a mathematical issue: the homosexual will always be in a minority, will always love he who cannot love him in return. – Luisge Martín

Since the French Revolution at the latest, the entire concept of so-called femininity a genuine masculine, phallological construction, with philosophers, educators, gynaecologists and couturiers responsible for its stability. I consider it more interesting how this construction has more recently been turned inside out in many contexts and also how the artificiality of traditionally highly defined masculinity has been performatively emphasized by women. – Thomas Meinecke

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Hilary McCollum, Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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[…] sexual and romantic relationships between women have been close to invisible. They are largely absent from both the historical record and the literary canon. This absence damages our sense of ourselves, our sexuality and our place in the world. It is as if our lives have been outside the range of human experience until the last fifty or sixty years. We need a lesbian history. But finding it is a bit like searching for buried treasure without a map. There are, however, clues; hints of the past left in diaries, letters and newspaper reports. Novelists are using these glimpses of our lesbian/queer ancestors to rescue the hidden history of relationships between women. For literary historian and novelist Emma Donoghue, writers are “digging up – or rather, creating – a history for lesbians.” – Hilary McCollum

[In Turkey,] there is a predominant attitude along the lines of “Kill me if you like, but DON’T admit that you’re gay.” It’s for this reason that lots of homosexuals get married, and to save face they even have children. […] In other words, homosexuality is still an “issue” which needs to greatly be kept secret, suppressed within the Turkish society. It is a state of faultiness/defectiveness, guilt and an absolute tool of otherization. Especially in Anatolia. I wrote “Ali and Ramazan” to come out against this entire heavily hypocritical, oppressive attitude. – Perihan Mağden

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Raziel Reid. Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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In Canada, where same-sex marriage was legalized in 2005, it can often seem on the surface to be a utopia of acceptance. But as the outrage and protest against my debut Young Adult novel When Everything Feels like the Movies revealed, it’s okay to be gay — as long as being gay means being like everyone else. There was a backlash against the perceived vulgarity and explicitness of the language represented in my novel — language which was often ripped directly from the mouths of the gay youth who composed my inner circle of friends and acquaintances. It appears that in achieving equality in the civilized world, gay culture is being sacrificed. Unity and equality should not have to mean homogenization. The traditions of gay culture for better and worse — the underground camp, irreverence, and brash sexuality cumulative of decades of having been ostracized by mainstream society — is no longer relevant or understood in our modern, equal times. It is therefore the responsibility of LGBT writers to document and immortalize our traditions as our culture shifts so that we don’t lose what makes us unique in order to gain acceptance. Marketing our stories to young readers is paramount to this effort. – Raziel Reid

To be an object of hate speech, to witness floods of hate speech exuded daily by politicians, newspersons, sport coaches, university professors, and clergymen resembles a bad dream. When reading Kafka at thirteen, I experienced a suffocating feeling of immense revulsion and pity. Why was this happening to Gregor? The story didn’t say. But it communicated clearly how vulnerable life becomes as soon as one is transformed into an object of disgust to others. – Izabela Morska

The gay life in Istanbul, as is the case with many others, changed dimension after the occurrences of the GeziPark protests, we can safely say that it has adopted a more organized and daring attitude. The Gay Pride which took place in the summer of 2013, during the GeziPark, was tremendously effusive, and was supported and claimed not only by the gay community, but the heterosexual community also. This great power most probably disturbed the present Turkish administration, for the Gay Pride which took place the following year was met with police raids, and the groups were attacked with gas bombs and the parade suffered a drastic blow. – Ahmet Sami Özbudak

For in an Islamic country, living a free and open homosexual life is unacceptable. If the prevalent Islamic atmosphere increases its intensity and Turkey becomes an even more fanatic Islamic country, the fight for existence for the gay community will become even more difficult. – Ahmet Sami Özbudak

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Sookee. Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Tobias Bohm.

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I am so glad to see that there are several young queer rappers and djs who can rely on and collaborate with a scene and multiple protagonists who are much like them. These people like me refuse to use discriminatory, hateful language. They empower themselves by combining the personal with the political and build a language that makes them unique as rappers and outspoken as queer fighters, lovers and dreamers. The rap mainstream has slowly come to the point that we can’t be ignored anymore. There is still separation, but no more negation. – Sookee

I have come to the straightforward conclusion that the homosexuality of the author is not necessarily reflected in the content of his or her work, but rather in the way in which he or she looks out on the world. I am thinking, for example, of writers such as Henry James, E.M. Forster or William Somerset Maugham: in their novels and short stories, you hardly ever come across homosexual content, but it is impossible not to sense their homosexual identity. – Mario Fortunato

The notion of a ‘gay literature’ is a product of precisely these discourses of power. It was invented to cement the idea that real literature is straight. In this scenario, gay literature is a niche product that only those directly affected need to bother about. – Robert Gillett

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Angela Steidele. Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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For some 200 years, a particular variant of violence against lesbians was the assertion that we didn’t exist. Until the mid-eighteenth century, sex between women carried a death penalty just as it did between men. It was in the Enlightenment, oddly enough, that male philosophers, jurists and theorists of femininity became persuaded that sex between women could be nothing more than preposterous ‘indecent trifling’. Trapped in their phallocentric worldview, they abolished the penalties for lesbian sex beginning around 1800, because in their opinion there was no such thing (the English and French penal codes had never even mentioned it in the first place). Women-loving women disappeared into non-existence, reappearing in late nineteenth- and early twentieth-century novels as ghosts and vampires at best, in any case as imaginary beings. […] My work is dedicated to giving the women-loving women of (early) modern Europe back their voices and making their stories known. – Angela Steidele

We have lived through times in which heterosexuals went to great lengths, partially with violence, to separate themselves from homosexuals. As a result, homosexuals began to separate themselves from heterosexuals, a liberation movement that aspired to a life as a supplement to the majority. – Gunther Geltinger

Writing in a homosexual way means not only acknowledging my origin, education, and traditions, but also permanently questioning them. – Gunther Geltinger

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Saleem Haddad. Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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From the word ‘liwat/looti’ (used to refer to male homosexuals and which suggests the act of sodomy), to the female ‘sihaqah’ (which can be roughly translated to ‘grinder’), as well as the word ‘khanith/mukhannath’ (popular in the Gulf and drawing on memories of eunuchs), and finally the word ‘shaath’ (which means queer or deviant), there is no shortage of words to describe homosexual acts in Arabic, though none are positive. – Saleem Haddad

In fact, for many queer Arabs, frank discussions of sex often happen in English or French. Perhaps those languages offer a more comfortable distance, a protective barrier between an individual and their sexual practices. Arabic: serious, complex, and closely associated with the Quran, can sometimes appear too heavy, too loaded with social and cultural baggage. Perhaps this reason may explain why many Arab writers choose to write about their homosexuality in English or French, myself included. English provides us with a safe distance: from our communities, and perhaps in some way from ourselves. – Saleem Haddad

Over the last twenty years of LGBTQ activism in the Arab world, some activists have made a concerted, and somewhat successful, effort to re-appropriate and re-shape the language around queer identities. The word ‘mithli’, for example, which is derived from the translation of the phrase ‘homo’, and which reframes the language from a focus on same-sex practices towards describing same-sex identities, is now seen as a more respectful way to refer to gay and lesbian individuals. However, while the word mithli has caught on in media and intellectual circles, the word for ‘hetero’, ghayiriyi, remains unused—thereby rendering the heterosexual identity invisible, signifying it’s ordinariness, while in turn differentiating the ‘homosexual’ with their own unique word: mithli. Perhaps in recognition of this, some movements, in turn, have sought to move beyond the hetero/homo binaries altogether, by Arab-izing the word ‘queer’ into ‘kweerieh’. – Saleem Haddad

Reclaiming words and finding spaces for our identities in them allows us to take ownership over language. After all, what purpose does language serve if we are unable to modernise it, to mould it, shape it, and, ultimately, find a space for ourselves in its words? – Saleem Haddad

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Foto: Mandy Seidler, LCB

Foto: Mandy Seidler, LCB

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all my 2016 interviews on Queer Literature:

…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: “Empfindlichkeiten” Festival 2016:

Sandra Gugić: „Astronauten“ (Interview)

Sandra Gugic. Foto: Dirk Skiba

Sandra Gugic. Foto: Dirk Skiba

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„Sag Ihnen, du hast mich schweben sehen“

Der erste Roman: Sandra Gugić und ihr Debüt „Astronauten“

von Stefan Mesch

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Mein Lieblingstext beim Open Mike 2012 hieß „Junge Frau, undatiert“. Wegen Sätzen wie „Ich bleibe nie lange. Meine Habseligkeiten passen in einen großen blauen Koffer aus Polykarbonat sowie einen stabilen Rucksack für Laptop, Kamera und Stativ.“

Das altmodische „Habseligkeiten“, das charmant umständliche „sowie“, das klug-präzsie „Polykarbonat“: Sandra Gugić, geboren 1976 in Wien, schafft Atmosphäre, Suggestionsräume – kein Wort wirkt beliebig. Aber jedes strebt in eine andere Richtung.

2015 erschien ihr Debütroman: „Astronauten“ (199 Seiten, C.H. Beck).

Künstler, Taxifahrer, jugendliche Vandalen, verlassene Hotels, schäbige Hinterhauswohnungen, Paranoia im Villenviertel. Ein Großstadt-Mosaik, dessen Anspruch und raffinierte Vielstimmigkeit mich überzeugte – aber hundert Fragen aufwarf. 24 davon habe ich Sandra Gugić gestellt.

Ein Interview, kurz vor Gugićs „Astronauten“-Lesung zum 23. Open Mike 2015.

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Was ist dieser Roman, „Astronauten“? Was erzählst du?

Es ist ja immer recht unangenehm, den eigenen Text zu erklären oder zusammenzufassen. Es steht ja alles drin im Roman. Mich interessieren gesellschaftliche Mechanismen, Parallelgesellschaften, Randexistenzen. Aber wo ist eigentlich der Rand, und wer zieht die Linien?

Was macht unsere Identität aus? Wie funktioniert oder scheitert unsere Gemeinschaft? Das sind die Fragen, die mich beschäftigen und sich auch in dieser formalen Lösung mit sechs verschiedenen Erzählstimmen spiegeln.

Was ist dieser Roman? Ha, jetzt will ich auch mal Pathos schreiben: ein Herz, das schlägt!

Gab es eine Keimzelle – eine erste Idee?

Ich habe mit nur einem Ich-Erzähler begonnen, Darko. Er war die Keimzelle, daraus wurde der Ursprungstext – aber alle späteren Figuren kamen schon vor. Die zweite Stimme war sein Vater, Alen. So ging das weiter, ich glaube in der Reihenfolge Mara, Niko. Alex kam ganz am Schluss dazu, dafür fiel eine andere Stimme raus. Es war einfach so, dass eine Figur nach der anderen das Wort ergriffen hat.

War Kapitel 1 dein erstes Kapitel? Hast du chronologisch geschrieben?

Das erste Kapitel entstand so ungefähr in der Reihenfolge, aber ich arbeite immer parallel, gehe im Text vor und wieder rückwärts, endlose Schleifen. Chronologisch im eigentlichen Sinne aber nicht. Das lineare Erzählen ist nicht meine Sache, mit einer linearen Art des Erzählens kann ich immer nur wieder ähnliche Weltbilder reproduzieren, aber alles geschieht gleichzeitig, parallel zueinander, es bleibt den Wegen zu folgen, die durch eine konsequente Ablehnung von Geradlinigkeit überzeugen.

Das multiperspektivische und nichtlineare Erzählen und Schreiben war für mich logische Konsequenz, um die verschiedenen Stimmen in all ihrer Dringlichkeit, ihren Gedankenschleifen, Parallelen, Widersprüchen und in dem hohen Tempo wiedergeben zu können, in dem sie sich mir erzählt haben.

Ist das ein technisches Problem für dich, bei Print-Büchern? Hättest du lieber ein Netz entwickelt, das man nonlinear lesen kann – oder das Sprünge erlaubt?

Ganz im Gegenteil. Ich sehe kein Problem, weder als technisches noch als erzählerisches, ich sehe eine Herausforderung, das Schreiben als eine Einladung zu Experiment und Spiel, der ich gefolgt bin.

Es gibt keine gerade Linie, weder in den Dingen, noch in der Sprache. Die Syntax ist die Gesamtheit von notwendigen Abwegen, die stets von neuem geschaffen werden, um das Leben in den Dingen sichtbar zu machen. // Deleuze, Kritik und Klinik

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Sandra Gugic, Foto privat

Sandra Gugic, Foto privat

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Wie nah ist das fertige Buch an dem, was du dir zu Beginn der Arbeit vorgestellt hast? Hattest du einen Plan?

Der Plan war: das muss erzählt werden, vieles hat sich mir erst im Schreiben erzählt und erschlossen, also das Verfertigen und Vervollständigen der Gedanken beim Schreiben. Vor allem beim ersten Roman ist das wahrscheinlich normal, ich weiss aber auch nicht, wie es anders gehen könnte. Ich wiederhole: Der Text ist ja angeblich klüger als die Autorin.

“Figuren, die sich mir erzählt haben” klingt schwülstig: Die Autorin als Medium, das fremde Stimmen hört.

Haha, ja Stimmen hören. Genau. Aber was, nichts dergleichen. Was ich meine ist: Das Schreiben beginnt im weißen Rauschen der Welt, Stimmen die sich da rauslösen, dringliche Stimmen, wütende Stimmen, die etwas zu sagen haben oder die angeblich nichts zu sagen haben und es trotzdem sagen. Immer noch schwülstig? Wurschtweil. So lass ich das jetzt stehen!

Hat das Buch eine Hauptfigur?

Es gibt keine Hauptfigur bzw. ist es immer die/der gerade spricht, die nach vorne tritt. Wer spricht, hört sich ja auch nur selbst oder das Rauschen seiner/ihrer Gedanken. Die Figuren waren manchmal launisch oder spröde oder unzugänglich. Ich liebe alle meine Figuren. Durchwegs Spaß gemacht hat mir Zeno, eine Freundin von mir hat gemeint, Zeno und ich, wir haben einiges gemeinsam.

Ging unterwegs etwas schief? Haben dich Figuren überrascht?

Der Weg war die Hölle war die Reise wert. Die Figuren haben mich rechts und links überholt, aber nie dumm sterben lassen.

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"Astronauten", erschienen 2015 bei C.H. Beck

„Astronauten“, erschienen 2015 bei C.H. Beck

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Wie hast du dich aufs Schreiben vorbereitet? Und wie – in welchem Rahmen, Rhythmus – hast du geschrieben?

Ich hab mich nicht vorbereitet. Ich hab einfach geschrieben. Zuhause, weil ich mir kein Büro leisten konnte und Bibliotheken mich nervös machen. Manchmal tagsüber im Café, wenn mir die Decke auf den Kopf gefallen ist. Auf einem baufälligen kleinen Balkon in Pankow. Im Hinterhof auf der Sonnenallee. In Wien, in Leipzig und in Berlin. Manchmal im Zug. Viel nachts, weil das eine unruhige Zeit in meinem Leben war und nachts alles etwas ruhiger ist, keiner ruft an, keine emails, auch die Stadt ist ruhiger als sonst.

Wann wusstest du: Das wird ein gutes Buch?

Alles was ich immer wusste war: Es muss geschrieben werden. Ich hab oft gezweifelt, dann war ich wieder euphorisch. Das ist wohl auch normal so. Aber alles was ich wusste war: Es muss.

War „Astronauten“ ein Kraftakt?

Schreiben ist für mich ein Kraftakt wie auch ein Rausch. Sprachlich und inhaltlich präzise an einem Text zu arbeiten kostet sehr viel Kraft, diese Kraft überträgt sich aber auch, schwingt zurück, wenn dieser Sog entsteht, der einen in den Text hineinzieht und in eine andere Welt katapultiert, ein gigantisches Eskapismuskatapult schleudert einen also raus in einen unbekannten Raum, dazwischen ein Schweben, vielleicht eine Millisekunde Schwerlosigkeit, und am Ende des Textes findet man sich allein wieder, auf sich selbst zurückgeworfen und leicht verkatert wie nach einer allzu langen Nacht, wenn die rauschhaften Gespräche und Begegnungen noch im Kopf nachhallen, die Gerüche, die Musik, die verpassten Gelegenheiten, die Peinlichkeiten, die unerfüllten Wünsche, während die Sonne schon gnadenlos hoch am Himmel steht und die Realität eines neuen Tages hereinbricht.

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Sandra Gugics Facebook-Profilbild. Foto: privat

Sandra Gugics Facebook-Profilbild. Foto: privat

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Warum hat die Stadt keinen Namen?

Die Stadt braucht keinen Namen, nicht in diesem Roman. Ich habe sie aus verschiedenen Orten der Realität zusammengepuzzelt, die Stadtkulisse ist fiktiv, trotzdem höre ich immer wieder von Leser/innen, dass sie diesen oder jenen Ort zu erkennen glauben, sich sicher sind. Das macht mir Spaß, wenn ich mir vorstelle, wie jede/r vielleicht seine Stadt hineininterpretiert. Es würde der Geschichte nichts hinzufügen, hätte die Stadt einen Namen.

Du benutzt Adjektive, bei denen ich Bücher oft weglege: „schneeweiß“, „hauteng“, „raspelkurz“, „blitzschnell“, „haarscharf“. Mir sind diese Worte zu verbraucht, abgeschmackt.

Das kenne ich ebenso, mein persönliches Hasswort ist „schmunzeln“. Was soll das wirklich bedeuten? Wie soll das aussehen, außer idiotisch, und warum macht das irgendjemand? Schmunzeln macht mich aggressiv. Als Wort, versteht sich. Aber ein Satz besteht ja für gewöhnlich nicht aus einem Wort. Und ein ganzer Roman auch nicht. Oder?

„Die Hitze liegt wie Sirup über der Stadt“. Im Ernst? Rollst du nicht die Augen, wenn du das anderswo liest?

Im Ernst: Ein schneeweißer Elefant steht mitten im Raum, die Augen geschlossen. Der Elefant realisiert: Ich bin hier drin, nein, er döst und träumt, wie er Honig aus dem Kopf eines Plastikbären auf ein blasses Stück Toastbrot drückt. Von rechts zischt ein rotes Etwas ins Bild, ein Eichhörnchen, es springt, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, blitzschnell und unfassbar anmutig auf den Rücken des Elefanten, zwischen den Zähnen hat es einen Rotstift, es hält inne und schmiegt sich an die Elefantenhaut, zwischen die Falten, spürt die Wärme, rollt dabei verzückt mit den Augen, getrieben von einer Angst, die Augen zu schließen und abzutauchen in eine Finsternis, die knapp hinter dieser Hautwärme liegt, eine Finsternis, in der das Eichhörnchen vor allem Angst hat, das ihm gerade in den Sinn kommt, jetzt gleitet die Spitze des Stifts über die Elefantenhaut, kritzelt mit manisch rhythmisch schabenden Geräuschen unermüdlich pejorative Hieroglyphen. Die Lider des Elefanten flackern, die Ohren schlackern, er stöhnt leise, vielleicht schwitzt er sogar, auf jeden Fall: Er schmunzelt.

Viele Leserstimmen und Kritiken zu “Astronauten” sind respektvoll, aber ein bisschen verhalten und nervös: Keiner scheint sich sicher, dass er das Buch richtig verstanden, die Handlungsstränge korrekt entwirrt hat. Hattest du Bedenken, dass das Buch zu dicht/verkopft wird?

Habe ich mit „Astronauten“ tatsächlich jemanden nervös gemacht, zum Nachdenken gebracht, auf die Suche nach Lösungen geschickt? Wenn ja, wunderbar. Dann bin ich froh.

In der Textarbeit an „Astronauten“ habe ich mir Fragen gestellt – und will auch keine fertigen Lösungen anbieten, es gibt genau genommen nichts richtig zu verstehen, es gibt nichts falsch zu verstehen. Aber selbstverständliche gibt es etwas zu verstehen.

Nein, ich hatte keine Bedenken, ja ich hatte selbstverständlich alle möglichen Bedenken, weil ich kritisch und hart mit meiner Arbeit bin, aber vor allem habe ich „Astronauten“ geschrieben, ohne an Markt und Konsequenzen zu denken, ich habe das Buch geschrieben, weil ich es genau so schreiben wollte, ich habe ein fertiges Manuskript an die Verlage geschickt, weil ich es ohne Verlagsdruck oder übertriebene Formung/Beeinflussung im Schreibprozess finalisieren wollte, weil ich frei schreiben wollte, auf die Gefahr hin, dass es vielleicht niemand drucken will, auf den Gewinn hin, dass ich genau die erzählerischen Entscheidungen getroffen habe, die ich für richtig gehalten habe.

Respekt! Das verstehe ich gut – und ich glaube, es hat sich gelohnt. Wie war dein Jahr als Debütantin? Und: Waren die Reaktionen in Österreich und Deutschland unterschiedlich?

Das Jahr war großartig und schrecklich und schön und hässlich und lang und zäh und verdammt müde verdammt schnell und auf und ab undsoweiter. Reaktionen waren da, sowohl in Österreich als auch in Deutschland, überaus erfreuliche und weniger erfreuliche. In die Schweiz durfte ich auch reisen, ich erinnere mich an einen Ausflug auf einen Gletscher, da stand ich allein, kurz bevor die letzte Gondel ins Tal zurück fuhr und in diesem Moment war alles gut und das Wasser war kalt und klar.

Aus psychohygienischen Gründen sollte ich mich mit diesen und jenen Reaktionen weder über Gebühr beschäftigen, noch sie auswerten. Was ich muss, ist weiter schreiben.

Kritik ist eilig, packt einen kurz, zwischendrin, und rüttelt einen durch. Relativiert die Mühsal langer Strecken, macht sich auf eine Art lustig über das gewichtige größerer Projekte, in die man sich verbissen hat, Kritik kichert darüber böse, und das hilft einem irgendwie, im Verlorenen. Das stachelt einen immer wieder neu an. Man schreit dann rum. Das tut der Arbeit gut. // Rainald Goetz, „Abfall für alle“.

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Sandra Gugic, Foto privat

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Du bist die einzige Autorin, die ich mit Farbtönen, Farbstimmungen verbinde – weil das “Astronauten”-Cover und viele deiner Social-Media-Fotos mit ähnlichen Farbverläufen arbeiten. Erzähl mehr über diese Farben!

Wenn ich schreibe, arbeite ich nicht direkt mit bestimmten Farben, aber stark mit Bildern. Schnappschüsse, die ich unterwegs mache, sind eine Ergänzung zu meinem Notizbuch. Einige dieser Bilder finden sich dann in den Texten wieder. Wie beispielsweise das tote Eichhörnchen, das in „Astronauten“ vorkommt, ich habe es beim Joggen gefunden. Das „Astronauten“-Cover habe ich selbst gestaltet, das verwendete Foto ist ein Schnappschuss, den ich bei einer Zugfahrt mit meinem Smartphone gemacht habe.

Was hast du aus “Astronauten” gelernt?

Ich habe mir abgewöhnt zu glauben: Der Schreibtisch ist eine Wiese mit Schubladen. 
Ich habe mir abgewöhnt zu erklären: Arbeit macht Spaß.
Ich habe mir abgewöhnt zu hoffen: Spaß könne die Welt verändern.
Ich habe mir abgewöhnt zu meinen: Nur das Interessante ist interessant.
Ich habe mir abgewöhnt zu antworten: Literatur ist überflüssig. 
Ich habe mir abgewöhnt zu antworten: Literatur ist notwendig.
(…) // Wolf Wondratschek, Gewohnheiten

Wem empfiehlst du ‘Astronauten’?

Meinst du nach dem Motto „Kunden, die XX kauften, kauften auch XY“? Oder: „Du bist, was du liest“?

Wenn ich über die Leser/innen nachdenke, die mich nach Lesungen angesprochen haben, waren das sehr unterschiedliche Menschen ohne besondere gemeinsame Merkmale – außer vielleicht: ein wacher Geist, Neugier, eine Prise Ironie. Die Neigungsgruppe „Lesender Mensch“, hungrig auf und aufgeschlossen für Literatur, die auch ein paar Ecken und Kanten haben darf.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass noch folgende Begebenheit zitiert werden muss:

Ein paar Monate nach unserem Interview rief ich Herrn Frisch an, um zu fragen, ob er irgendwelche letzten Änderungen oder Kommentare hinzuzufügen hätte. „Ja“, sagte er. „Sagen Sie denen, dass ich für einen ganz kurzen Moment geflogen bin. Nur für einen Moment. –– Zur Küche und wieder zurück. Aber dass Sie mich haben fliegen sehen.“ // The Paris Review, Max Frisch im Interview

In meinem Fall also: SAG IHNEN, DU HAST MICH SCHWEBEN SEHEN!

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Erzählen / Schreiben mit „Buffy“

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Freundin K. gehört auf jede Liste meiner Lieblingsmenschen. Eine Hauptrolle in der Oberstufe, eine Schlüsselrolle in der Gegenwart, tolle Gastauftritte im Studium, ein wichtiger Kurzbesuch in Toronto: K. ist eine Kritikerin, eine Reibefläche, eine skeptische, kluge, hochnervöse Frau, die alles richtig machen will – und sich in grimmige, tragische Schlamassel manövriert. Ein toller Mensch. Und, für Romane: eine tolle Figur.

In „Zimmer voller Freunde“ existiert sie nicht.

Weil Helena, Sassi, Stoff – als Clique, Trio – allen Raum einnehmen. Weil ich drei Frauen in Stefans Welt balancieren kann, aber vier chaotisch und beliebig wirken. Weil alles, was ich auf 420 Seiten erzählen will, bereits mit diesen drei Figuren (…und all den anderen zentralen Frauen – Käthe, Antje, Chrissy, Dani, Sonja, Carmen…) erzählt werden kann. Und: Weil K. eigene Nebenfiguren mit sich brächte. Figuren, die meinen Roman belasten, stören, verderben können.


Teen Dramas tun sich furchtbar schwer, in ihren Ensembles Platz zu schaffen für Mauerblümchen / Spätzünder und erfahrene, zynische, (sexuell) selbstbewusste Helden: Viele Hemmnisse / Unsicherheiten „behüteter“ Jugendlicher wirken lächerlich (Streberin Andrea, „Beverly Hills 90210“: „Guys? I’ve never been on a roller coaster before!“), doch viele Erwachsenen-Probleme haben kaum Bezug zur Lebensrealität der Zielgruppe. („90210“-Draufgänger Dylan, im selben Alter: Alkoholiker, Millionenerbe, Ärger mit Mafia-Buchmachern.)

Ich mag, bis heute, Lösung / Ordnung bei „Willkommen im Leben“:

  • Hauptfigur Angela ist mittelmäßig souverän / erfahren…
  • …folgt der „erwachsenen“, forschen Rayanne…
  • …und lässt dabei ihre biedere Grundschulfreundin Sharon zurück.

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Die drei männlichen Teenager spiegeln Angelas Konflikt:

  • Nachbar / Nerd Brian ist planlos, bieder, unerfahren…
  • Jordan Catalano hat eine Band, ein Auto, alle Freiheiten…
  • …und Rickie steht dazwischen – mittelmäßig souverän / erfahren.

[Sympathisch: Sowohl die „extremen“ Mädchen, Rayanne und Sharon, als auch die „extremen“ Jungs, Jordan und Brian, finden im Lauf der Staffel Gemeinsamkeiten und werden – hinter Angelas Rücken / ohne vermittelnde Instanz – Freunde.]

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K., K.s große Liebe und dessen Mutter würden, im „Zimmer voller Freunde“-Gefüge, ein umständliches, dummes Ungleichgewicht schaffen:

  • „erwachsene“ Männer? Levin und Frank.
  • Norm / Mittelmaß? Stefan und Fred.
  • naiv / behütet? Stäcy (und: Fred, in Stefans Wahrnehmung).
  • „erwachsene“ Frauen? Stoff und Käthe.
  • Norm / Mittelmaß? Antje und Sassi.
  • naiv / behütet? Helena (und: Sassi, in Stefans Wahrnehmung).

K. wäre die dritte – mittelmäßig souveräne / erfahrene – weibliche Hauptfigur. K.s. Partner, ein stoischer Footballspieler – pragmatisch, trocken, notorisch gelangweilt von den „Kindsköpfen“ der Clique – der dritte „erwachsene“ Mann. Selbst seine Mutter – K.s größte Kritikerin: kalt, spöttisch, blasiert, zwei Zentner schwer – müsste ich durch 400 Seiten Handlung schleppen… und mit K.s eigener Familie / Mutter kontrastieren.

Um K.s Geschichte stimmig zu erzählen, muss ich zur deutschen Football-Kultur recherchieren, zwei neue Hauptfiguren, vier zusätzliche Eltern, diverse Geschwister zueinander und zu allen anderen Figuren positionieren. Ich müsste die Unterschiede / Gemeinsamkeiten von K., Stoff, Sassi, Helena so zuspitzen, dass alle vier Mädchen eine distinkt eigene, unverwechselbare / zentrale Rolle / Funktion im Roman (…und der Dynamik der Clique) erfüllen. Und über Fragen schreiben, die K.s Leben beherrschten – und mir ganz ungefragt in meine eigene Geschichte rasselten:

regionale Sportvereine, eifersüchtige „Schwiegermütter“, Wehrdienst; Sprüche / Werte wie „Ich bin ein echter Mann – ich trinke Wodka pur!“ und die verzweifelte, tägliche Panik Siebzehnjähriger (!), bei einem Partner „aufs falsche Pferd gesetzt zu haben“.

Dieser Dreck hat meine Jugend sinnlos dominiert.

Dieser Dreck soll bitte, bitte nicht auch noch mein Buch überfluten:

Kein Platz für K., im „Freundeversum“.

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buffy s5 dawn

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Das Ensemble von „Buffy – im Bann der Dämonen“ (1997 bis 2003 auf The WB / UPN, sieben Staffeln, 144 Episoden) hatte nach vier Jahren eine seltsame Schlagseite: zwei Partner von Buffy hatten die Serie verlassen, Buffys Schulfreunde fanden eigene Beziehungen, und menschlich / erzählerisch schien Buffy selbst das langweiligste Mitglied der Gruppe. „Restless“ (Link), die letzte Episode von Staffel 4, benannte / verschärfte das Problem, indem vier Hauptfiguren vier symbolische Tarotkarten zugewiesen wurden: Sophus für Mentor Giles, Animus für Kumpel Xander, Spiritus für Hexe Willow… und (gähn!) Manus für Buffy – das Mädchen fürs Grobe.

Über Nacht aber, zu Staffel 5, lebt eine Vierzehnjährige im Haushalt von Buffys Mutter: Buffys kleine Schwester, Dawn – eine Figur, die vier Jahre lang nicht existierte (Buffy war Einzelkind, Tochter einer alleinerziehenden Mutter), doch die fortan – Zauberei oder schlechtes Erzählen? – dazu gehört, als wäre sie schon immer Teil von Buffys (Wahl-)Familie und Clique.

„According to Buffy creator Joss Whedon, the introduction of Dawn in Season Five was partly so protagonist Buffy Summers could experience a ‚really important, intense emotional relationship‘ with someone other than a boyfriend“, erklärt Wikipedia (Link). Tatsächlich dachten viele Kritiker zuerst an Seifenopern, Heldencomics und andere mäandernde, wacklig erzähle Fließband- und Endlos-Narrative:

  • Papa Schlumpf war der älteste Schlumpf, bis (…zu Staffel 6 der Trickfilm-Serie) ein nie zuvor erwähnter „Opa Schlumpf“ „von einer 500 Jahre langen Reise um die Welt“ zurückkehrte.
  • Staffel 8 von „Dallas“ war ein einziger langer, „böser Traum“, der endete, als die (vermeintlich tote) Hauptfigur Bobby Ewing aus der Dusche stieg.
  • 1979, im ersten „Star Trek“-Kinofilm, hatten Klingonen eine fremdartigere, neue Gesichts- / Stirn-Struktur als in der „Star Trek“-Fernsehserie, 1966 bis 69. Erst 2005 dichteten „Star Trek“-Autoren eine Erklärung: Alle Klingonen der Ursprungs-Serie waren genetisch modifizierte Agenten / Hybriden.

„Retroactive Continuity“ heißt der – durchschaubare – Erzähl-Trick (Link), bei dem neue „Fakten“ Altbekanntem widersprechen, doch eine hanebüchene, nachgelieferte Erklärung postuliert, dass es doch „eigentlich“, „in Wirklichkeit“, „schon immer“ so war: Lex Luthor war ein Nachbarsjunge von Clark Kent. Soap-Helden haben Schwestern und Brüder, die für fünf oder zehn Jahre nie erwähnt werden – und andere Väter als gedacht, denn ihre Mütter, erfahren sie mit 20, 30, 40, hatten Affären.

In Staffel 3 von „Dawson’s Creek“ zog Jens geheimnisvolle Halbschwester Eve nach Capeside – und versuchte, mit Dawson zu schlafen. Als die Einschaltquoten fielen, verschwand Eve über Nacht… und wurde nie mehr erwähnt. In Staffel 4 begann Dawson dann eine Liebelei mit Gretchen – der bislang kaum erwähnten großen Schwester von Pacey.

Auch Buffys plötzliche Schwester wurde „erklärt“: Dawn ist ein mystischer, okkulter „Schlüssel“, dessen Blut die Barriere zwischen Dimensionen einreißen kann. Damit Buffy – in ihrer Funktion als auserwählter Slayer – alles tut, um diesen Schlüssel vor der Höllen-Göttin Glory zu beschützen, gaben ihm geheimnisvolle Mönche die Gestalt eines jungen Mädchens – und fälschten die Erinnerungen aller Menschen, die mit Buffy und ihrer Mutter in Berührung kamen.

Josss Whedons Erzähl- und Experimentierfreude ist zu verdanken, dass dieser – reichlich doofe – Erzähl-Kniff spannend, mutig, frisch und clever wirkt (statt planlos / verzweifelt / abgestanden, wie die meisten anderen Retcons):

  • „Lost“ wechselt die Perspektive: Das kleine Häuschen in der Vorstadt… steht mitten im Dschungel. Wir haben die Kamera bislang nur niemals auf die Türschwelle gerichtet, und auf die Welt hinter den Fenstern.
  • „Buffy“ wechselt das Gesamtbild: Bisher lebten Mutter und Tochter hier im Haus. Doch über Nacht kamen Zauber-Mönche, verhexten alle Freunde: Seitdem hat Buffy eine Schwester.
  • Joss Whedon, als Erzähler, wechselt die Parameter: Bisher war Buffy ein Einzelkind. Wir werden sehen, wie sich das gesamte Erzählgefüge wandelt, wenn wir ihr die Verantwortung für eine vierzehnjährige Schwester geben.

Im letzten Kapitel von „Zimmer voller Freunde“ wird keine plötzliche Freundin K. aus den Kulissen hüpfen – „Ich war schon immer hier, und voll dabei: Überraschung!“ Doch es erschien mir albern, billig, verbissen, unbeholfen, zu behaupten „Das ist die ‚Zimmer voller Freunde‘-Welt. Für eine K.-Figur ist hier kein Platz…“, und drei Erzähl-Instanzen eisern gleichzusetzen, von denen zweiund das weiß jeder, und mit diesem Wissen kann, in immer neuen Büchern, gespielt, probiert, gearbeitet werden!Kunstgriffe / Kunstfiguren sind:

  • Ich-Erzähler Stefan (A), 16 Jahre alt, erzählt „seine“ Kapitel mit allen perspektivischen Beschränkungen / Scheuklappen seines Milieus und Alters: Bekommt Frank in Kapitel 6 ein Handy geschenkt, denkt Stefan noch in Kapitel 7: „Das hat er sich wohl selbst gekauft, bestimmt“; und erst Kapitel aus Franks / Antjes Sicht sind „objektiver“ als die unzuverlässigen, tendenziösen Schilderungen Stefans.
  • „Stefan Mesch“, als Autor, Konstrukteur, Chronist (B), baut, circa 2008, aus seinen Tagebüchern / Erinnerungen und den Geschichten von Stoff, Sassi, Antje, Frank etc. ein „dramatisches, tiefgründiges Ensemble-Drama“ namens „Zimmer voller Freunde“ – doch ein Kapitel aus Franks / Antjes Sicht ist (…als Bauchredner-Trick, Gedankenspiel, literarische Emulation) noch fadenscheiniger als die tenziösen, aber wenigstens noch „selbst erlebten“ Kapitel Stefans.

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„’How I Met Your Mother’“, schreibt TV Tropes, „makes [retroactive continuity] part of its regular routine, as the show is framed as the recollections of an Unreliable Narrator; Ted is regularly shown to remember things that are out of order or skips over events and people that he deems unimportant to that particular story. A lot of events and characters are only mentioned when they actually become relevant.“

Hier ist es einfach:

  • A: (Hauptfigur) Ted in der Gegenwart.
  • B: (Ich-Erzähler) Ted in der Zukunft, sich erinnernd.
  • C: Drehuchautoren, die diesen beiden Ted-Kunstfiguren eine Stimme geben.
  • A: Stefan Mesch, 16 Jahre alt, erzählt.
  • B: „Stefan Mesch“, ca. 2008, baut ein „Ensemble-Drama“, erzählt übers Erzählen.
  • C: Stefan Mesch – ich, heute, mit allem Wissen, allen Tricks – schreibt den Roman.

Vor drei Wochen schrieb ich über Retcons / Perspektivwechsel und große, plötzliche Veränderungen in Thomas Wolfes Roman-Welt:

„Die Thomas-Wolfe-Figur (ob nun „Eugene Gant“ oder „George Webber“) und „Esther Jacks“ (im echten Leben: Alice Bernstein) sind authentisch. Alles andere steht wie auf Rollen auf der Bühne, und wird verschoben, neu arrangiert, wie es am besten passt.

„Ist das deine Familie?“, „Ist das wirklich passiert?“, „Du warst selbst dort? Du kennst das alles?“ sind Fragen, die eine immense Dynamik entfalten – Dringlichkeit, voyeuristische Spannung, einen „intimen“ Sog: Sie schaffen Nähe zwischen Leser und Autor, machen Romane zu „Berichten“ über „Menschen“ – statt bloßen Fiktionen, voller Figuren.

Mein Stoff ist nicht die Summe meiner spärlichen Kleinstadt-, Provinz- und Alltags-Erfahrungen. Oder die drei-, viertausend Seiten biografisches Material über mich und meine Freunde, die ich damals geschrieben und gesammelt habe.

Sondern – ganz wie bei Wolfe – die Frage, wie man mit solchen Stoffen lebt und schreibt.“

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„Alles andere steht wie auf Rollen auf der Bühne, und wird verschoben, neu arrangiert, wie es am besten passt“: Mal sehen, wann ich Freundin K. ins Spiel bringe. Vergessen ist sie nicht. „Verloren“ auf keinen Fall.

Und: Ich brauche keine Zauber-Mönche, um sie in zukünftige Romane zu schaffen.

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Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

Erzählen / Schreiben… mit „Lost“

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Wer erzählt, erzählt auch vom Erzählen. Exponiert sich als Instanz, die Information auswählt und gewichtet – zeichnet keine „Wirklichkeit“, sondern das Selbstbild eines Menschen, der glaubt, Wirklichkeit sei darstellbar, in Sprache, und erzählens-wert, in dieser / jener Auswahl, Form, Gewichtung:

Jedes Foto stellt die Frage: Wer hält die Kamera? Wer und was fehlt, im Bild?

Jeder Text stellt die Frage: Wer schreibt das – wem? Glaubt dieser Mensch („Knallkopf“? „Hochstapler“?), Sprache sei… eine Kamera?

Lost“ (ABC, 2004 bis 2010, sechs Staffeln, 121 Episoden) hat mir sehr kurz sehr viel bedeutet: als eine Ensemble-Serie und pointierte Charakterstudie über Zäsuren und „zweite Chancen“. Obwohl die Hauptfiguren im Dschungel hausten, als Überlebende eines Flugzeugabsturzes, blieben die „Wir müssen Obdach finden, bevor es dunkel wird!“-Konflikte zweitrangig. Stattdessen wurde – in cleveren Rückblenden, Parallelgeschichten, Motivketten – über die Geworfenheit des Einzelnen sinniert, Rettung, Tilgung, Sühne, Wiedergutmachung… „Redemption„.

Jede Episode zeigt ein Mitglied des Ensembles als Perspektivträger: Alles, was ihm tagesaktuell, beim Überleben auf der Insel, widerfährt, wird konterkariert, ergänzt, in neues Licht gerückt durch Rückblenden ins Leben vor dem Absturz. Viele Taten, Ängste, Entscheidungen wirken paradox – bis parallel erzählte Rückblenden neue, überraschende Hintergründe öffnen: Er saß im Rollstuhl! Sie ist eine Kriminelle! Er hat gefoltert, beim Militär! etc.

„If there is a method of skewing the audience’s perception of events by rearranging the order of the scenes, LOST has used it“, erklärt TV Tropes. Doch verweist damit auch auf Probleme: In den banalsten, schlechtesten Zeiten erzählte „Lost“ keine Geschichte mehr… sondern häufte leere Andeutungen, Geraune, Taschenspielertricks zu einem möglichst hektischen Durcheinander in der Gegenwart – gespiegelt / gedoppelt durch neue, widersprüchliche Zusatz-Durcheinander in Rück-, Vor-, Seitwärts-Blenden:

Symbole, Figuren, Konflikte – so mehr-, viel-, doppeldeutig, dass sie bedeutungslos wurden. Komplexität als Selbstzweck. Vexierbilder. Beliebigkeit.

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Jedes „Zimmer voller Freunde“-Kapitel erzählt – räumlich begrenzt, recht linear – von einer Figur an einem Ort: Stefan steht im Wald, am Rand einer Grill- und Hüttenparty. Sassi hilft Fred, einen Getränkewagen voll Alkohol über Bordsteinkanten zu hieven. Frank verkauft Bier und Würstchen, auf dem Fußballplatz [Hörprobe]. Antje lauert an der Tür des IT-Raums und zweifelt, ob sie klopfen soll.

Fast immer sind diese szenischen, akuten Spannungsräume alltäglich, dörflich, jugendlich – eine Kragenweite, die u.a. „My so-called Life“ entspannt „realistisch“ wirken ließ: Wer holt uns ab? Wo fahren wir hin? Wen nehmen wir mit? Was denken die von mir? Wie komme ich heim? Figuren stehen auf der Schwelle und entscheiden, wie weit sie gehen wollen. Meine Aufgabe, als Erzähler? Für jede Szene so viele (im Zweifelsfall: gerade genug) Informationen liefern, dass die Tragweite ihrer Entscheidungen verständlich wird.

Zu viele Details? Geschwätzig, barock.

Zu wenige Eckdaten? Verwirrende Puzzles. Luftleerer Raum. Beliebigkeit.

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In Staffel 3 zeigt „Lost“ eine neue Figur – die überspannte Ärztin Juliet. Um ihre inneren Konflikte abzustecken, reichen 60 erste Sekunden: Juliet will Gäste empfangen, in ihrem kleinen Haus. Juliets Gesten und Routinen zeigen: Sie ist gewissenhaft und fleißig… aber unzufrieden mit sich selbst. Sie will das Richtige tun… doch handelt aus falschem Pflichtbewusstsein. Juliets Ansprüche, Wut und Energie laufen ins Leere.

Es braucht kein Vorwissen, um Spannung, Dringlichkeit dieses ersten Auftritts zu verstehen: Die Frau ist eine Ärztin? Unwichtig. Ihre Schwester hat Krebs? Egal. Das zählt erst später. (… aber: Ihr Lieblingsbuch ist „Carrie“, von Stephen King? Spannend! Eine mausige, überspannte Frau mag den Roman über ein mausiges, überspanntes Mädchen… das ihre gesamte High School tötet? Schlechtes Omen. Gutes Foreshadowing! Das darf gerne gezeigt / erzählt werden, in Juliets erster Szene…)

Erst sehr, sehr spät – Juliet ist als Figur gut positioniert, ihre inneren Konflikte sind klar (wenn auch, natürlich: lange nicht erklärt, benannt, ausgesprochen) – verlässt die Kamera Juliets enges, sauberes Häuschen. Und draußen, vor der Tür… beginnt der Dschungel. Juliet lebt auf der Insel! Sie gehört zur Gruppe der „Anderen“ – schweigsame, finstere Wilde, die in Staffel 1 und 2 in Lumpen und mit Kriegsbemalung durch die Büsche schlichen und Kinder entführten. Oh, the drama…!

Video 2: Fortsetzung der Szene: [Link öffnen – Einbetten ist leider deaktiviert]

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Als ich „Zimmer voller Freunde“ plante, fand ich drei Perspektivträger – Antje, Stefan, Frank –, sechs weitere Hauptfiguren… und glaubte, alles erzählen zu können – mit nur diesen neun Personen:

Ein Theaterstück, in dem neun Darsteller die Bühne betreten. Eine Welt, die keine Erwachsenen zeigt. Ein enger, diskreter Bildausschnitt – mit Leerstellen wie bei Charlie Brown: Die Kamera schwenkt nie bis vorne zur Tafel. Oder hinaus, zur Tür.

Wovon erzähle ich nicht?

Wo fängt mein „außen“ an?

Tatsächlich überraschte mich beim Schreiben des Romans immer wieder, wie schnell (und: endgültig) ich mich entscheiden muss – für Vorgeschichten, Details, feste Größen, Hintergründe – und wie verwirrend, leer, ambivalent jede Szene scheint, der solche Parameter / präzise Kontexte fehlen:

Jetzt, heute ist Freitag, der 20. Juni. Antje ist hier, in der Stadt. Sie kommt gerade…? Vom Schulhof. Sie will…? Zum Bus, der sie nach Hause bringt, ins Dorf. Zu ihrem Vater. Ihren Brüdern. Einem Kaninchen… namens Valentin. Und einem Hund. Doch der hat keinen Namen…

…weil in „Zimmer voller Freunde“ schon fünf andere Hunde wichtig sind – drei mit, zwei ohne Namen: Wer lebt in welchem Dorf? Wer hat Geschwister? Was arbeiten die Eltern? Kennt Stefan Helena seit Klasse 7 – oder seit Klasse 9? Wie heißt Franks Klassenlehrer? Wie viele Großeltern von Käthe sind am Leben? Nur zwei…?! Aha…! Wann und wie starben die übrigen…?!

„Es ist halb sieben, Sonntag Abend. Wir stehen vor Franks Sofa, wir stehen in diesem großartigen Haus, und durch die Gartentür leuchten die Scheiben des Terrariums durchs Laub. Herr Wagenmach fuhr eben nach Heilbronn, zum Nachtdienst. Franziska und Franks Mutter liegen oben auf der Couch, kucken „Charmed“. Und morgen früh ist wieder Schule. Es wird Zeit.“ („Zimmer voller Freunde“: Stefan, zu Beginn von Kapitel 9)

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  • Ein Romancier des 19. Jahrhunderts hätte solche Details / Verortungen / Vogelperspektiven-Fakten immer weiter abgespult – unfehlbar, altklug, selbstbewusst auktorial, als Herr seiner Erzählwelt.
  • Ein „Lost“-Autor hätte lange getrickst, verschwiegen, verschoben – Lücken, Fragen, Leerstellen ausgestellt, als Herr seiner Erzählwelt (Schock! Überraschung, nach 25 Kapiteln: Franks Vater ist Polizist!).
  • Mit 15, 16, in jährlich 200 Einträgen meines „Timers“, habe ich Briefe transkribiert, Freunde interviewt, Gasteinträge gesammelt, aus meiner Wirklichkeit, für eine (imaginäre) Leserschaft ein möglichst „dramatisches, tiefgründiges Ensemble-Drama“ montiert– als Herr meiner Erzählwelt.

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Erst heute, mit diesem Roman, muss ich entscheiden: Wollen wir – Autor und Leser, im Pakt, den wir für die Lektüre von „Zimmer voller Freunde“ eingehen – tun, als hätte ich alles hier im Griff… als virtuoser, kühler Autor?

Oder will ich Fehlbarkeiten, Bruchstellen, Beschränkungen ausstellen…?

„Das ist ja alles real…!“, schimpften Frauenrechtler über Alexander Maksiks Schul- und Parisroman „You deserve Nothing“ (2011): Ein eitler, selbstzogenener, narzisstischer US-Lehrer unterrichtet Philosophie in Paris, schläft mit einer 17jährigen Privatschülerin, unterstützt sie bei ihrer Abtreibung und wird gefeuert. Journalisten deckten auf, dass Maksik – als Lehrer in Paris – 2004 tatsächlich gefeuert wurde, weil er mit einer Schülerin schlief. Die junge Frau bereut die Affäre bis heute – und fühlt sich durch den Roman zusätzlich bloßgestellt.

„Das ist ja alles ganz verdreht…!“, schimpfte meine Mutter, als ich über meine Arbeit am Roman erzählte: „Du nennst den Berliner Ring im Buch ‚Südring‘? Der echte ‚Südring‘ liegt 200 Meter weiter südlich…! Du kannst das doch nicht einfach… biegen!“

„70 Prozent von ‚Feuchtgebiete‘ sind autobiografisch“, schnodderte Charlotte Roche (als blöde Reporter unbedingt „konkrete“ Zahlen hören wollten) – und ich stimme, für „Zimmer voller Freunde“, zu: Bisher erzählen 2 (!) von zwanzig Kapiteln von einem „echten“, realen biografischen Moment, der tatsächlich an genau diesem Tag, mit diesen Leuten „wirklich so geschah“: Tausend Details, Stimmungen, Konflikte (und: Wortwechsel / Tagebucheinträge) sind real. Doch jedes Mal wähle ich, im Zweifelsfall, die erzählerische Lösung, die meine „Wahrheit“ zeigt / erklärt – nicht die empirische, blanke, biografische Wirklichkeit.

„Lost“ sagt: DAS ist die Situation. Wir zeigen sie aus DIESER Perspektive.

Dann fährt die Kamera hinaus – und Juliets Häuschen steht im Dschungel.

Die Fahrt hinaus – die neue, erweiterte Perspektive – schafft neue Komplikationen.

Neuen Kontext. Neue Fragen. Komplexität.

Aber immer auch: Widersprüche. Durcheinander.

„Erzählen“ heißt, in solchen breiten, übervollen, latent unübersichtlichen Figuren- und Handlungsnetzen nicht, in eigener Sprache alles durchzupausen, das „es gab“. Sondern die besten Winkel, Perspektiven, Rhythmen, Schnittfolgen zu finden. Streichen. Auslassen. Strukturieren. Der echte Hund hieß „Ronja“ und gehörte im wahren Leben Antje – nicht ihrem kleinen Bruder. Für meinen Roman wäre das – erzählerisch – ein Fehlgriff: ein schiefes Motiv, ein schlechter Name.

Eine falsche Fährte. Totes Gewicht.



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Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

„Hier läuft doch noch was anderes…!“ [Erzählen, TV, Literatur]

ZvF 001

„Hier läuft doch noch was anderes…!“

Erzählen, TV, Literatur.

von Stefan Mesch [Bio]

zur Arbeit an: „Zimmer voller Freunde“ (Roman), 2009 bis 2012
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Ich studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, in Hildesheim.
Schreibe meinen ersten Roman, „Zimmer voller Freunde“.
…und begleitend: ein Making-of über Recherche, Planung. Erleben.

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Vorbilder? Referenzen? Inhalt:

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Zimmer voller Freunde 01.

Beverly Hills, 90210:

Erzählanlass (01)

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Mein Anlass, über Alltag, Jugend, Gegenwart zu schreiben, stammt aus „Beverly Hills, 90210“, der 293 Episoden / zehn Staffeln langen Jugendserie von Aaron Spelling, ausgestrahlt von Oktober 1990 bis Mai 2000; in Deutschland ab 1992, auf RTL:

  • das erste moderne „Teen Drama“

  • eine Ensemble-Serie mit sechs bis zehn befreundeten Hauptfiguren

  • ein (oft: didaktisches, moralisierendes) TV-Melodram, in dem weiße, privilegierte Schüler versuchten, mit fremden und eigenen Fehltritten / Schicksalsschlägen umzugehen.

Ab 1972 produzierten die US-Networks ABC, NBC und CBS „Afterschool Specials“ – schnelle, oft effekthascherisch inszenierte Lehrstücke über Schule und Alltag, mit Titeln wie „Me and Dad’s New Wife“, „She drinks a little“ oder „All the Kids do it“.

Ab 1984 folgte der Sparten- und „Frauensender“ Lifetime mit Rührstücken über Missbrauch, häusliche Gewalt, Essstörungen und anderen – aus Groschenheften, Kolportageromanen, Seifenopern und der Boulevardpresse bekannten – Vorstadt- und Hausfrauen-Ängsten.

Für das jüngste, kleinste und jugendlichste US-Network – FOX, gegründet 1986 – entwarf Aaron Spelling, in den 80er Jahren vor allem mit einstündigen „Night-Time Soaps“ wie „Der Denver-Clan“, „Die Colbys“ und „Hotel“ erfolgreich, eine Hybridform dieser beiden Formate: Eine wöchentliche, einstündige Serie über das freundliche, zuweilen naive High-School-Zwillingspaar Brandon und Brenda Walsh aus Minnesota, das seit dem Umzug der Eltern in den Nobel- und Villenbezirk Beverly Hills mit Versuchungen, Zwängen und Konflikten aus der Ober- und Unterschicht Los Angeles‘ konfrontiert wird – Kokain und Designerdrogen, „Date Rapes“, Esstörungen… ein Katalog der Vorstadt- und Mittelstands-Ängste der Neunziger, exerziert an einer Clique armer, reicher Jugendlicher und ihren hilflosen, willensschwachen, verkrachten Eltern, Freunden und Lehrern, Woche für Woche lose verknüpfte „Cautionary Tales“ – die biederen, tadelnden, halbherzig dramatisierten „issues“/Probleme oft nur unbefriedigend „gelöst“ und in folgenden Episoden vergessen, ignoriert.

Seit 20 Jahren stoße ich – im Leben und in meiner Arbeit – auf Nachwirkungen, Zitate, Klischees und kulturelle Folgeschäden dieser Serie; und seit 20 Jahren ist jede Seh-Erfahrung, jedes Foto, jeder Gedanke an sie eine neue, ewig frische kleine Enttäuschung: „Beverly Hills, 90210“, das ist eine Grundidee, die mir bis heute sinnvoll, tragfähig, packend scheint – 293 Episoden über die Schwierigkeit, Ausbildung, Erwachsenwerden und Alltag zu meistern, gemeinsam, als Clique und Wahlverwandtschaft –, erzählt als schiefes, staubiges, ignorantes California-(Schauer-)Märchen.

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90210 surfboardStraßenszene im Pilotfilm: Alltag in Los Angeles, 1990.

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Jede Figur, jede Frage, jeder Konflikt bebt vor Potential – doch alle Drehbücher, jede „Lösung“ enttäuscht in ihrer biederen, geföhnten, reaktionären Schlichtheit. Im Text von „Zimmer voller Freunde“, in Stefans Entscheidungen und Erzählgestus, wird diese Enttäuschung spürbar:

Sonne scheint, Frau singt, es gibt nur junge, kluge, wichtige Figuren […], 2000 Einwohner und jeden Tag Sonne. Wir haben Riesenträume und wir leben schneller als der Rest. Wir brechen uns die Herzen und wir lieben uns zu Brei. Drei Jahre bis zum Abitur: Ich schreibe unsere Geschichte.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

und – galliger, enttäuschter – im selben Kapitel:

„…keine Familie und Erwachsene – nur als Statisten, Randfiguren: Mein Vater hat jetzt eine prima neue Stelle in Hongkong, und meine Eltern packen den Koffer. Sie fahren zum Flughafen. Sie winken und verschwinden. Und trotzdem ist das Haus, in dem ich lebe, immer aufgeräumt und mein – mein! – Kühlschrank immer voll: Brandon Walsh, der Held aus „Beverly Hills, 90210“, ist in derselben Wohn- und Elternsituation.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Für Stefan – den Ich-Erzähler von „Zimmer voller Freunde“, 16 Jahre alt und in einer fundamental anderen Wohn-, Eltern-, Freundes-, Liebes- und Lebenssituation als Brandon Walsh – ist „Beverly Hills, 90210“ eine falsche Offenbarung, ein nutzloser Prophet, ein gebrochenes Versprechen aus der Kindheit: eine Verheißung, die nie wahr wurde. Eine Vorhersage, die sechs, sieben Jahre Zeit hatte, in Stefan (und mir selbst, im echten Leben) Wurzeln zu schlagen:

  • Beverly Hills, 90210“ versprach: Wir machen „deine“ „Wirklichkeit“ zum Thema – Alltag, Konflikte und alle denkbaren Schwierigkeiten von Sechzehn-, Siebzehnjährigen.
  • Beverly Hills, 90210“ versprach auch – und: deutlich lauter: Wir zeigen märchenhaft reiche, märchenhaft schöne Schüler, deren absurd sorgenfreies Leben in jeder Sekunde durch die absurdesten Schicksalsschläge vernichtet werden kann.

Dieses zweite Versprechen habe ich niemals hören wollen, und alle Reize, Signale, Warnungen, die ein Slogan wie „Leben auf der Überholspur“, so der deutsche Titel eines „90210“-Romans, erschienen 1993, setzte – Voyeurismus! Schadenfreude! Klassenkampf! Das tragisch-lustvoll auserzählte Zugrundegehen der Reichsten, Schönsten, Hochmütigsten, Behütetsten! – habe ich seit 20 Jahren überhört und ignoriert: „Beverly Hills, 90210“, das ist Flaubert und Proust, „Buddenbrooks“ und Fürstenroman, Hybris, Abstieg, böses Märchen, If there’s nothing missing in her life, then WHY do these tears come, at night? – aber für mich sind das nur störende Effekte, unnötige Zuspitzungen, Kitsch und Glitter, den ich übersehe:

  • Ich habe keine älteren Geschwister.

  • Ich habe bis heute Angst / Respekt vor Menschen, drei, vier Jahre älter.

  • Ich lese Bücher, Berichte, Interviews, um kommende, fremde Lebensabschnitte überblicken zu lernen.

Seit ich zehn Jahre alt bin, sollen Brendon, Brenda und ihre Freunde zeigen, wie man erfolgreich sechzehn, achtzehn, zweiundzwanzig Jahre alt ist, Cliquen knüpft, Freundschaften pflegt, auszieht, studiert, Geld verdient, lebt. Seit ich zehn Jahre bin, geben Brendon, Brenda und ihre Freunde vor…

„…was für mein Alter gut, gesund, normal und tolerabel ist. Ich lerne – ich lebe! – durch Filme und Serien.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Das Weltbild (…und das Erzähl-/TV-Verständnis) der „Zimmer voller Freunde“-Figur „Stefan Mesch“ fußen auf einer Serie, die – in jeder Szene, 10 Jahre lang – immer nur genau so lange Realismus inszeniert und erträgt, wie solcher Realismus die grellsten, wirkungsvollsten oder bequemsten Effekte / Lösungen brachte:

Mein Anlass, über Alltag, Jugend, Gegenwart zu schreiben, stammt aus „Beverly Hills, 90210“. Und Stefan Mesch, der 16 Jahre alte Ich-Erzähler des Romans, „versteht“ Realität in ständiger Reibung mit einer Serie, die nie ernsthaft versuchte, „Realität“ zu verstehen – oder verständlich zu machen. [mehr zum Roman: hier]

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Zimmer voller Freunde 02.

Thomas Wolfe:

Stoff (02)

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Seit Thomas Wolfes Kleinstadt-, Familien-, Autoren- und Bildungsroman „You can’t go home again“ / „Es führt kein Weg zurück“ – erschienen 1940, von mir gelesen 2011 – verstehe ich meinen Erzählstoff als meinen Stoff:
  • Ich führte Tagebuch, von 1997 bis 2004.

  • Ich sammelte Gasteinträge, Interviews, Briefe, Dialoge.

  • 2003 kam ich nach Hildesheim. Und fürchtete bald, nichts erlebt / zu sagen zu haben, das einen Roman „rechtfertigt“.

Im Grundstudium, bis 2006, schrieb ich knapp 40 Kurzgeschichten, für Jahrgangs- und Jahresanthologien, Literaturzeitschriften, Wettbewerbe, e-Zines, Schreibwerkstätten und Buchprojekte. Gelegentlich schrieb ich Kurzprosa, zwei, drei Science-Fiction-Texte, montierte Briefe und Zitate.

Doch „eigentlich“ schrieb ich – recht selbstbewusst, halbwegs stilsicher – nur Texte, in denen junge Erwachsene Entscheidungen über Freundschaften, Beziehungen, ihr Verhältnis zu Eltern oder Heimat treffen, erzählt aus wechselnden Perspektiven, oft mit Auslassungen, Rückblenden, überraschenden Schnitten: Puzzles über Abschied, Verlust, Flucht, Rivalität.

  • ein junges Paar trennt sich nach dem Unfalltod ihrer Tochter

  • eine Sex-Wette zwischen Oberstufen-Kumpels endet auf den Schienen der Stadtbahn

  • vier Bewohner einer WG verlieren, bei Nabelschau und Streit am Küchentisch, allen Bezug zur Welt vor ihren Fenstern

  • als Schülerin allein und unbeliebt, versucht eine Neunzehnjährige, im Medizinstudium alles besser zu machen

  • Grundschulfreunde, deren Eltern vor 15 Jahren eine Affäre hatten, treffen sich als Erwachsene

Viel zu lange – und: viel zu verkrampft – mischte ich solchen Texten Elemente bei, die ich mit Ach und Krach von Schreiber-Freunden erfragt, mir angelesen oder ergoogelt hatte: psychiatrische, sexuelle, historische „große“ Enthüllungen und Eskalationen: Fehlgeburten, Selbstmordversuche, Zeitsprünge um zwanzig, fünfzig Jahre, Kokain, Flugreisen ins außereuropäische Ausland, Geschlechtsverkehr, Tumore.

Die besten „jungen“, deutschsprachigen Texte, die mir im Rahmen des Studiums – meist von Kommilitonen, im BELLA triste-Kontext – empfohlen wurden, hatten einen Erfahrungsreichtum und, wichtiger, eine Nonchalance, die mich… schwindeln ließ:

Erzähler aus meiner Generation, geboren in den 70ern und 80ern, doch zwischen zwei Kulturen aufgewachsen oder in der DDR, hatten schon mit 14, 15 ein archaisches Land- oder (andersrum) ein schnelles, dreckiges Stadtleben in vielen Subkulturen und Geheimnissen durchdrungen und verstanden, ließen Figuren jeden Alters reisen, feiern, lieben, trinken, sich verletzen – mit ruhiger Hand, ohne Aufregung.

Alle Großeltern hatten Charisma und kraftvolle Flüchtlings-/Weltkriegs-Lebensläufe, alle Frauen routinierten, etwas schwermütigen Sex, jedes Bühnenbild und jeder historische Exkurs wurde so kundig und gelassen gespannt, wie ich keinen Gang durch einen Drogeriemarkt schildern könnte… ohne vorher drei Bücher über Drogeriemärkte zu lesen:

Romane von Freunden (und / oder: Altersgenossen), die ich nicht zu lesen wage… weil sie – in ihrer Stoffwahl – so viel Welt, so viel Bewegung und beherztes „Dem Thema bin ich gewachsen. Den Raum habe ich verstanden. Dem werde ich erzählerisch gerecht!“ voraussetzen:

Mein Timer hat 367 Einträge. Mein Notenschnitt ist 2,1. Ich bin 5989 Tage alt und war zweimal betrunken, doch nie bekifft. Ich habe noch nie – für Geld – gearbeitet. Ich rauchte nie und habe nie Hackfleischbällchen bei IKEA gegessen. Ich habe noch nie ein Tor geschossen. Ich weiß nicht, wie man einen Kopfsprung macht. Ich war noch nie auf einem echten Rave. Kein Mensch wollte mich je küssen […]“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

…schreibt Stefan Mesch, die 16 Jahre alte Hauptfigur aus „Zimmer voller Freunde“. Ihr 29 Jahre alter Autor hat viel geraucht, und fuhr Ende März 2009 zu IKEA, um Hackfleischbällchen zu probieren.

Sonst tat sich wenig.

Falls ich noch zwanzig Romane schreibe – „Dem Thema bin ich gewachsen. Den Raum habe ich verstanden. Dem werde ich erzählerisch gerecht!“ werde ich nur über eine Handvoll – häuslicher / privater – Milieus behaupten können: Fabulieren, und fünfzig Jahre weite Bögen spannen? Meine Hildesheimer Echokammern halten das für eine Grundvoraussetzung „großer“ Romane. Mir selbst misslang es, jahrelang. Die großen Romane über Danzig, Brahms, jüdische Flüchtlinge in Shanghai, besetzte Häuser in Hamburg… muss jemand anderes schreiben:

thomas wolfe: penguin cover

Thomas Wolfe wurde 1900 geboren, in Asheville, North Carolina. „You can’t go home again“ (1940) – ein Buch, das ich als Zwölftklässler, zum Warten auf den Bus, aus der Schulbibliothek stahl – ist sein letzter, vierter Roman, posthum veröffentlicht und erst von Wolfes Lektor in Romanform gebracht.

Ein junger Schriftsteller, der sich in New York mühsam über Wasser hält, kehrt für eine Trauerfeier zurück in die Kleinstadt seiner Kindheit – kurz nach Veröffentlichung seines ersten Romans, „Home to our Mountains“ und dem Börsencrash, bei dem seine Mutter Geld mit Immobilienspekulation verlor.

Die Feindseligkeit alter Freunde, Irritationen in der Familie und die Geworfenheit der Hauptfigur setzen sich draußen – in der Welt – fort: beim Umgang mit dem exzentrischem Lektor Foxhall Edwards (Wolfes Lektor Maxwell Perkins nachempfunden), einer misslungenen Soiree, veranstaltet von einem reichen Ehepaar, mit dessen weiblicher Hälfte, der Bühnenbildnerin Esther Jacks, Wolfes Hauptfigur eine Affäre hat, und im Besuch des Münchner Oktoberfests, umgeben von Pöbel, Kleinbürgern, Nazis.

Dringlich, kraftvoll, lesenswert werden diese – recht alltäglichen – Episoden, weil Wolfe nie große gedankliche Schritte abweicht vom Erfahrungshorizont seiner Figur: Provinzjunge „George Webber“ führt durch Räume und Milieus, die ihm am Herzen liegen und die er verstanden / durchdrungen hat.

Zu Literatur werden diese – sehr persönlichen – Berichte über Familie, Heimat, Freundschaft, weil eine authentische Figur authentische Räume beschreibt… in einem komplexen, artifiziellen Erzählgerüst:

  • Schau heimwärts, Engel“ (1929), Wolfes erster Roman, erzählt die ersten 19 Lebensjahre von Eugene Gant und seiner exzentrischen Familie im Bergstädtchen Altamont, Catawba.

  • Von Zeit und Strom“ (1935) beschreibt Gants Studienjahre und eine ausgedehnte Reise durch Europa. Am Ende des Romans sieht Gant den Dampfer zurück nach Amerika und verliebt sich in eine Passagierin: Bühnenbildnerin Esther Jack.

  • Es führt kein Weg zurück“ (posthum veröffentlicht, 1940), beschreibt, wie George Webber 1929, nach Veröffentlichung seines Romans „Home to our Mountains“ über das fiktive Bergstädtchen Old Catawba, zurück nach Libya Hill reist… und über die Zukunft mit Esther Jack, seiner langjährigen Affäre, entscheidet.

Hätte ich die Bücher chronologisch gelesen – vieles wäre mir geschwätzig, platt, unbeholfen erschienen. Doch (zufällig) am Höhepunkt zu beginnen, und diese Ebenen aus zusätzlichen, widersprüchlichen Fiktionalisierungen mit der Lektüre voriger Romane Stück um Stück zurückzwiebeln zu können, war ein großes – und: komplexes – Lesevergnügen:

Die Thomas-Wolfe-Figur (ob nun „Eugene Gant“ oder „George Webber“) und „Esther Jacks“ (im echten Leben: Alice Bernstein) sind authentisch. Alles andere steht wie auf Rollen auf der Bühne, und wird verschoben, neu arrangiert, wie es am besten passt.

Ist das deine Familie?“, „Ist das wirklich passiert?“, „Du warst selbst dort? Du kennst das alles?“ sind Fragen, die eine immense Dynamik entfalten – Dringlichkeit, voyeuristische Spannung, einen „intimen“ Sog: Sie schaffen Nähe zwischen Leser und Autor, machen Romane zu „Berichten“ über „Menschen“ – statt bloßen Fiktionen, voller Figuren.

Mein Stoff ist nicht die Summe meiner spärlichen Kleinstadt-, Provinz- und Alltags-Erfahrungen. Oder die drei-, viertausend Seiten biografisches Material über mich und meine Freunde, die ich damals geschrieben und gesammelt habe.

Sondern – ganz wie bei Wolfe – die Frage, wie man mit solchen Stoffen lebt und schreibt:

Wem schreibe ich das auf?

Wo ich gewesen bin. Wen es dort gab. Worauf wir warteten.

Wer wir sein wollten. Wer wir waren.

Wer uns fehlte.“

Für wen behält man das?“

[Zitate aus „Zimmer voller Freunde“]

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Zimmer voller Freunde 03.

Dawson’s Creek:

Format (03)

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Wenn ich meinen Freundeskreis und meine Jugend erklären will – und den Roman, den ich aus ihnen mache –, gibt es keinen besseren – schnellen, oberflächlichen – Vergleich als „Dawson’s Creek“…

eine US-Jugendserie (6 Staffeln, 1998 bis 2003), die mich im Jahr von „Zimmer voller Freunde“ (Juli 1999 bis Juli 2000: die 11. Klasse) beschäftigt, frustriert, entgeistert hat wie wenig sonst:

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Der Drehbuchautor Kevin Williamson erzählt mit Anfang 30 seine Jugend nach, als autobiografisches Ensemble-Drama. Er zeigt vier Freunde in unserem Alter – Jen, Joey, Pacey und Dawson. Dawson will Filmemacher werden: Er ist sehr klug und talentiert. Joey ist seine beste Freundin und bemerkt, dass sie ihn liebt. Pacey ist Dawsons abgebrühter Kumpel: Er schläft mit seiner Lehrerin und weiß nicht, was er aus sich machen soll. Und Jen ist neu in der Nachbarschaft: Sie lebt bei ihrer religiösen Großmutter, weil sie sich in New York mit vielen falschen Freunden eingelassen hat und dabei ihre sogar jungfräuliche Unschuld verspielte. Es kostet Dawson große Überwindung, Jen diese sexuellen Fehler zu verzeihen. Doch er ist trotzdem fasziniert – denn sie ist viel geheimnisvoller als seine hausbackene Joey.

In jeder Folge gibt es Diskussionen und Spaziergänge am Hafen: Coming of Age in Capeside, einem verschlafenen Nest an der US-Ostküste. Provinzsorgen, ein Kuss am Pier, narzisstische Krisen auf der Veranda. Dawson und seine Freunde kennen jeden Film und jede Serie. Sie schauen nachts zusammen fern und in der Schule drehen sie eigene Projekte. Sie streiten sich im Kino und sie jobben in der Videothek. Sie reden pausenlos, und nur über sich selbst: Sie reden so wie wir, wie Stoff und ich.

Wenn Stoff und ich noch reden würden.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

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Hinter allen – augenfälligen – Parallelen gibt es zwei tiefe Kerben, die mir „Dawson’s Creek“ ins Welt- und Serienverständnis riss:

  • DC“ funktioniert (als Jugendserie), weil [nach Staffel 1 oft nur noch: wenn] es realistische, kleinliche Freunde zeigt, in realistischen, kleinlichen Konflikten.

  • DC“ funktioniert (als Charakterstudie, dörfliches Ensemble-Drama), weil [nach Staffel 1 oft nur noch: wenn] es die Beschränktheit und Pedanterie der Freunde ausstellt, ihre Privilegien und Selbstbezogenheit, die pubertären Vorstellungen von Sex, Moral, Integrität.

1989 bis 1998 zeigte „Seinfeld“ Ennui und Neurosen vier schnöseliger Freunde aus Manhattan: eine Sitcom, die sich – trotzig, subversiv – als „show about nothing“ verstand, und deren treibende Konflikte keine realistischen Sorgen waren, sondern – Woody Allens Figuren denken ähnlich – das Gestotter und die Kleinlichkeit von Menschen, die alles analysieren und zergrübeln, doch ihre eigene Hybris / Arroganz ausblenden. Narzisstische, sorgenfreie Kindsköpfe, die alles durchschauen. Außer sich selbst.

1996 schrieb Kevin Williamson die Horrorfilm-Satire „Scream“: eine Clique (zynischer, übertrieben film- und medienkompetenter) Schüler, die mit den Slasher-Hororfilmen der 70er und 80er Jahre aufgewachsen sind, werden von einem kostümierten Schlitzer gejagt, der die Klischees, Tropen und Regeln „seines“ Filmgenres durchschaut, neu durchspielt, unterminiert.

Dawson’s Creek“ ist Fortsetzung und Coming-of-Age-Version dieser 90er-Jahre-Narrative: Die erste Generation von (Drehbuch-)Autoren, die mit Privatfernsehen, endlosen Syndication-Wiederholungen und Videotheken aufwuchs, erzählt von Figuren, für die jedes Trauma, jede Schwelle, jede neue Erfahrung in einem (vermeintlich: hilfreichen / vertrauten) Referenzrahmen aus vergleichbaren Film- und Fernsehszenen steht:

062

  • 2003 („Sie ist wach“), 2006 („Dirac“) und 2007 („Waffenwetter“) u.a. stellt Dietmar Dath halb-autobiografische Berichte über seine Breisburger Provinz- und Jugendfreunde neben Nacherzählungen / Schlüsselszenen aus US-High-School-Serien wie „Roswell“ (1999 bis 2002) und „Buffy – im Bann der Dämonen“ (1997 bis 2003).

  • 2007, in Thomas von Steinaeckers Roman „Wallner beginnt zu fliegen“, „rutschen“ Dialoge und Bilder aus Filmen wie „Lola rennt“ (1998), „Matrix“ (1999) und „American Beauty“ (1999) in (ansonsten: dem trockenen Alltags-Realismus von US-Erzählern wie John Updikes oder Jonathan Franzen verpflichtete) Gespräche der Figuren; ganz ohne „Achtung: Hier wird ein Filmzitat montiert!“-Markierungen.

Menschen, die ihr Leben „dramaturgisieren“. Eine Welt aus Wiederholungen, Klischees, medialer Nostalgie, Verweisen. Narzissmus / Hybris der Idee, man selbst sei Hauptfigur, umgeben von „Nebenrollen“, „Gaststars“ und „Statisten“. Eine erste Liebe – die man als vierzigste, fünfzigste „Liebe“ erlebt, im Referenzrahmen von teen dramas, Coming-of-Age-Romanen, Seifenopern, Musikvideos. Trost, Lernen, Identifikation, (geborgte) Lebenserfahrung – via Privatfernsehen. Selbst-Stilisierung. Tagebücher. Die Kluft zwischen „Wirklichkeit“ und „Wahrheit“.

Mit 17 empfand ich „Dawson’s Creek“ als faszinierende, doch weitgehend missglückte Serie:

  • weil „Sympathieträger“ wie Dawson und Joey oft selbstsüchtig, bigott, arrogant und altklug über Fremde, Erwachsene und Freunde urteilten?

  • weil jedes Nicht-Problem zerredet wird, doch sich alle Hauptfiguren „Spaß“, „Mut“ und allen spontanen, pubertären Exzessen verweigern?

Nein:

  • Die altkluge Sprache kenne ich aus meinen eigenen Tagebüchern / Filmkritiken, und finde sie – als ironisches, oft rührendes Stilmittel – in der Figurensprache vieler „gernegroßer“ Erzähler, z.B. in C.D. Paynes „Youth in Revolt“-Romanen (ab 1993) oder Judith Zanders „Dinge, die wir heute sagten“ (2010).

  • Unsympathische“ Hauptfiguren sind (oft auch) überraschende Hauptfiguren. Ich muss den biederen, unfairen Dawson und die verdruckste, arrogante Joey nicht mögen, um mich (sehr produktiv, mit großem Vergnügen) an ihnen abzuarbeiten.

  • …und dass in Capeside „nie etwas passierte“, schien mir sehr tröstlich:

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An einem ihrer ersten Tage in der Nachbarschaft, in Folge 4 von „Dawson’s Creek“, trat Jen ins Krankenzimmer ihres komatösen Opas. Griff seine Hand und sagte müde, aber nicht unglücklich: „Das war wieder eine heftige Woche in Capeside.“

Es war nichts Großes geschehen.

Doch sie hatte Recht.

Die knirschenden Gespräche. Die täglichen, trüben Sorgen.

Wahrscheinlich gibt es jedes Jahr nur drei, vier Tage, die wirklich heftig sind, heftig auf Leben-oder-Tod-Niveau. Der Rest der Zeit, aller Alltag, hat nur die zähflüssige, zweite Sorte heftig im Programm; ein Heftig in Schattierungen, die keine eigenen Namen tragen. Wie oft schleudern Drogendealer Brandsätze durchs Fenster…? Oft handelt „Dawson’s Creek“ von nichts als konkurrierenden Ideen zwischen Freunden. Den vagen Ängsten und Gefühlen einer Gruppe Schülern. So ernst und gut, als sei das legitim, als Thema einer Serie. Als seien solche Tage, nur für sich, bereits erzählenswert.

[Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

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  • Dawson’s Creek“ fragt, was Fiktion und Erzählen leisten können; für Menschen, nervös, befangen, unerfahren, in einem nicht-fiktionalen, nicht-glamourösen, unsauberen, vielstimmigen Alltag.

  • Dawson’s Creek“ fragt, ob Fiktion und Erzählen Sinn stiften – oder schaden, wenn Wissen als Second-Hand-Erfahrung, medial vermittelt, aus Hollywood- und Trash-Filmen abgegriffen wird.

Und „Dawson’s Creek“ scheitert.

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Weil die „reale Welt“, das Leben in Capeside, glatt, sauber, film-/romanhaft alle Klischees reproduziert, von denen sich „Dawson’s Creek“ abgrenzen will: Die Serie stellt vier bis sechs dynamische, komplexe Jugendliche (und eine freche, amüsante christliche Großmutter) einsam und plump zwischen flachen Eltern- und Lehrer-Figuren, lustlose Pappkameraden, schnell vergessenen Gaststars:

  • Dass Dawson lebt und handelt, als gäbe es drei, vier „wertvolle“ Personen – und sonst nur Pöbel und Statisten, ist eine irrwitzige, toll pubertäre, bigotte, verkrachte, großartige erzählerische Perspektive.
  • Dass Dawson in einer Serienwelt leben / handeln darf, in der es wirklich nur drei bis vier wertvolle Personen gibt, ist oft so schäbig, öde, flach, verkitscht und pointenlos wie das Gerede von Joey – oder den „Seinfeld“-Freunden:

In „Zimmer voller Freunde“ träumt Frank von häuslichen, munteren Muttis; Figuren aus Sitcoms wie „Hör mal, wer da hämmert“. Stefan will Breitbild, Orchester, Steadicam-Fahrten und Dolby Surround. Antje („Wir haben nur drei Programme. Mich interessiert das nicht.“) versucht, ohne Helden, Leitbilder auszukommen. Und Stoff macht keinen Unterschied – zwischen „Menschen“ und „Figuren“.

Wenn ich meinen Freundeskreis und meine Jugend erklären will – und den Roman, den ich gerade aus ihnen mache –, gibt es… auch auf den zweiten Blick… keinen besseren Vergleich als „Dawson’s Creek“.

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Zimmer voller Freunde 04.

„Willkommen im Leben“:

Ton (04)

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Du schreibst ein Buch über Schüler? Dorfjugend?“ – „Elftklässler, ja.“ – „Ein Jugendbuch?“ – „Ich… bin nicht sicher.“

  • Zugriff und Stil ähneln US-Erzählern wie John Updike, Stewart O’Nan.

  • Zielgruppe? Leser von 25 bis 40, meine „Generation“.

  • Doch meinen Ansprüchen wird „Zimmer voller Freunde“ erst gerecht, wenn Siebzehnjährige das Buch im Schwimmbad lesen – und in der Clique verleihen.

Passt „Jugendbuch“, als Etikett, auf den Roman? Nur, falls “Willkommen im Leben“ / „My so-called Life“ (1994/95 auf ABC, eine Staffel, 19 Episoden) eine „Jugendserie“ ist. Beides zeigt Alltag, Freundschaft, Familienleben. Macht Teenager zu Perspektivträgern, Erzählern. Doch steht jedes Format, das sich auf Lebenswelten Jugendlicher konzentriert, im Jugend-Genre?

  • 2007 produzierten Edward Zwick und Marshall Herskovitz „quarterlife“, eine (ABC-)Webserie über College-Absolventen, die sich zum ersten Mal auf dem Arbeitsmarkt behaupten.

  • 1999 bis 2002 produzierten Zwick und Herskovitz die ABC-Familienserie „Once and again“ („Nochmal mit Gefühl“) über eine geschiedene Frau Anfang 40, die mit ihrem Partner und je zwei Kindern zwischen 9 und 16 eine Patchwork-Familie wagt.

  • 1987 bis 1991 produzierten Zwick und Herskovitz eine ABC-Serie über junge Eltern und ihre ledigen Freunde, „thirtysomething“ („Die besten Jahre“). Werber, Journalisten, eine Fotografin und eine „Career Woman“, die Arbeit und Familie balancieren.

Willkommen im Leben“ zeigt Alltag (und altersgemäß „tiefsinnige“ Einsichten und Monologe) von Angela Chase, einer behüteten Fünfzehnjährigen aus einem Vorort Pittsburghs, die zum Start der zehnten Klasse Eltern und alte Freunde – Nerd-Nachbar Brian und die häusliche, „anständige“ Sharon – vor den Kopf stößt, als sie ihr Haar rot färbt und sich Punk-Mädchen Rayanne und Hispano-Außenseiter Rickie zuwendet.

19 Episoden erzählen vom Abnabelungsprozess zu ihren Eltern und Angelas erster, oft tragikomischer Beziehung mit Jordan Catalano, einem Fleecepulli-Jungen mit Gitarre, altem Cabrio und Lese-Rechtschreib-Schwäche.

  • Ich sah „Willkommen im Leben“ 1995/96, mit zwölf.

  • 1997 und 1999, mit 14 und 16, in Nachmittags-Wiederholungen.

  • 2009, mit 26, zur Vorbereitung von „Zimmer voller Freunde“.

Bei jedem Durchgang erschien mir Angelas Leben „authentisch“, „realistisch“, „persönlich“, „dringlich“ – ohne schrille Misstöne, Hysterie, Übertreibungen, Eskapismus und Melodrama, die bei „Beverly Hills, 90210“ oder „Dawson’s Creek“ schnell Überhand gewannen: Stewart O’Nan (Link: Text von mir) nennt seine (Vorstadt-)Romane „domestic fiction“ – und ich verstehe, wenn der Begriff falsche, staubige Assoziationen weckt: Muttis und Blumenbeete, Leben in der Spielstraße, Milch, Kekse, Schwangerschaftsstreifen – die Welt von Pinterest und Chefkoch.de. Eng. Apolitisch. Hohl.

Willkommen im Leben“ – und: O’Nan, Richard Yates, John Updikes „Rabbit“-Romane – sind Beispiele für gelungene „domestic fiction“: In einer Hierarchie menschlicher Bedürfnisse – z.B. in Maslovs Fünf-Stufen-Pyramide: physische Ansprüche, Sicherheit, sozialer Anschluss, Wertschätzung, Selbstverwirklichung – bleiben die Ziele von Thriller- und Fantasy-Figuren oft (langweilig, für mich uninteressant) auf der untersten Ebene: „Die Pferde brauchen Futter!“, „Wir müssen Obdach finden, bevor es dunkel wird!“, „Jemand muss rein – und meine Tochter da raus holen!“.

domestic fiction“ folgt Menschen, die grundsätzlich sicher sind: Kein anderes Genre kann so differenziert, zeitbezogen, offen Fragen zu Identität, Familie, Elternschaft, Sexualität, Lebenszielen, Gemeinschaft stellen. Und während die Ziel- und Altersgruppen der Zwick-/Herzskovitz-Serien ständig wechseln, bleibt die Arbeitsweise der jeweiligen Serien-Autoren dieselbe: eine Gruppe Schreiber sammelt „authentische“, „realistische“, „persönliche“, „dringliche“ Alltags-, Generations- und Lebenserfahrungen. Erlebnisse, so mundane, dass sie jeder (er-)kennt. Und – hier wird es Kunst und Kunstgriff – hängt diese Erkenntnis-Nuggets an Figuren und Figurensprache, so eigensinnig, dass sie einmalig / authentisch wirken:

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Im August 1994, am Ende des Pilotfilms von „Willkommen im Leben“, kommt Angela nach Mitternacht zurück nach Hause. Sie streift die Schuhe ab und steigt barfuß die Treppe hoch, um niemanden zu wecken. Von oben fällt Licht auf ihr rot gefärbtes Haar. Und vorne, im Schlafzimmer der Eltern, läuft der Fernseher: Ihre Mutter sitzt alleine auf dem Ehebett und schaut durch alte Alben oder Adressbücher. James Stewart, in schwarzweiß und ohne Ton, sagt auf dem Bildschirm seiner Tochter gute Nacht. Angela lehnt den Kopf an den Türrahmen. „Meine Mutter wurde adoptiert“, sagt sie im Off. „Eine Zeit lang hat sie ihre richtigen Eltern gesucht.“ Sie macht eine Pause. „Das tun wir wohl alle.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Als Teenager traf „Willkommen im Leben“ bei mir auf große, größte Resonanz:

  • Fast nichts passt / ereignet sich: Angela verbringt viel Zeit damit, still zu klagen, dass ihr Leben nur sehr langsam, schwerfällig Fahrt aufnimmt. Erwachsenwerden, das ist Warten, die Zähne zusammenbeißen, die Nerven behalten. („I thought, at least, that by the age of 15, I would have a love life. But I don’t even have a ‚like‘ life.“)

  • Oft missglücken Angela und ihren Nicht-Mehr- oder Noch-nicht-so-richtig-Freunden die banalsten Vorhaben (Tanzen gehen, ein Konzert besuchen, zu selbstbezogenen, nervösen Eltern durchdringen)… ohne, dass die Autoren dabei einladen, über Pech, Missgeschick und pubertäre Beschränktheit der Beteiligten zu lachen.

  • und, in den Worten des „TV Tropes“-Wikis: „Often, the show took a comic plot and subverted it by playing it for drama (and, arguable, realism) rather than for humor – and this was both much funnier and much more painful than it would have been as a comedy.“

Die tagesaktuellen, akuten „Klappt es? Misslingt es?“-Spannungsbögen einzelner „Zimmer voller Freunde“-Kapitel bleiben oft in dieser – sehr unspektakulären – Größenordnung:

  • Darf Antje die Wohnung ihrer Mutter sehen, hinter deren Rücken?

  • Soll Frank am 18. Geburtstag durch die Schule trotten?

  • Kann Stefan Stoff zur Rede stellen, bevor die Stadtbahn kommt?

Die größte Arbeit / Mühe an „Zimmer voller Freunde“ ist, 420 Seiten lang Spannung und Dringlichkeit zu schüren für eine lose Gruppe pubertärer Figuren, die – einerseits – stets ganz, ganz oben auf der Pyramide über Selbstbilder und Rollen philosophieren… aber – andererseits – vor jedem selbstbestimmten Schritt die dümmsten, dörflichsten „Hoffentlich hat Papa heute Abend Lust, uns in die Disko zu fahren!“-Konflikte lösen müssen:

Ich war zweimal in Sassis Flur.

[…] Ich war elfmal bei Stoff, gut fünfzigmal bei Fred, ich war dreihundertmal bei Frank und ich war viermal bei den Langs, viermal in 28 Monaten, denn Dawson hat den Führerschein, ein Ruder- und das Motorboot; und jedes Prolo-Kind in jeder Stadt hat Straßenbahnen, Züge, einen Nachtbus. Aber von meinem Dorf zu Helena sind es zwölf Kilometer. Hinter die Au, zu Fred, beinahe 15. Runter in Danis Dorf fast 19. Das ist doppelt so weit wie von der Bronx zum Central Park.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Der Ton, in dem „Willkommen im Leben“ von Jugend, Erwachsenwerden und den – manchmal: läppisch narzisstischen; manchmal: hochkomplexen, drastischen – Fragen ganz oben auf der Pyramiden-Spitze erzählt, ist „authentisch“, „realistisch“, „persönlich“ und „dringlich“. Als Elftklässler, Auf-den-Schulbus-Warter, Leser, Zuschauer half mir dieser Ton, eine artifizielle, oft sehr pointierte US-Serie sehr ernst und sehr persönlich nehmen zu können (ohne mich, wie bei „90210“ und „Dawson’s Creek“, ständig latent „betrogen“ und manipuliert zu fühlen). Als Autor, heute, hilft mir derselbe Ton, sehr persönliche, biografische Momente zugänglich, relevant, auf-der-Decke-im-Schwimmbad-lesefreundlich zu erzählen.

Jugendbuch“ ist (aus Gründen, die ich im nächsten Teil erläutere) kein guter Leit- und Sammelbegriff für meine Arbeit. „domestic fiction“ – so un-sexy, apolitisch und „Schatz? Da ist schon wieder Laub in unserer Regenrinne!“ das klingt – passt besser. Und greift tiefer:

[…a]ls mir in der Grundschule die Freunde fehlten, las ich „TKKG“.

Als ich kein Super-NES bekam, las ich die Spiele-Tests in Mega Fun oder Total!.

Als ich vor „Akte X“ zu Bett gehen musste, las ich den TeleVision-Episodenguide.

Und heute? Seit Sassis Zorn die beiden einzig nennenswerten Mädchen meiner Welt verstören (und fast verjagen…) konnte? Blicke ich auf Kunstfiguren wie Dawson, Joey, Jen. Denn alles, was ich fühlen und erleben will, wird irgendwo für mich beschrieben und erklärt. In einem Buch, in einer Serie, in Zeitschriften, in einem Song, im Netz. In den Erzählungen und Selbstzeugnissen fremder Menschen! Wann treffe ich geschlechtsreife, reale junge Frauen? Wo bleiben echte Kellys und Rayannes? Ich sprach noch nie mit einer richtigen Studentin. Ich saß noch nie bei einer echten Achtzehnjährigen im Auto. Vor einer wildfremden und dubiosen Chrissy, vor einer schwabbeligen Dani, vor einer stutenbissigen […] Nina […] habe ich oft beinahe… Angst. Denn ich weiß sehr genau, wie Major Kira oder Lois Lane agieren. Ich habe Miss Parker aus „Pretender“ weinen sehen! Doch keine einzige geglückte weibliche Figur im echten Leben. Weiß Stoff, wie man sich fühlt, wenn man allein über den Schulhof muss? Oder gezwungen ist, sich auszuziehen, vor einer Doppelstunde Sport? Oder am Rand von einer Party steht, auf der sich niemand freut, dass man gekommen ist?

Ich brauche die Teenager im Fernsehen (und, im Notfall: Frank) damit ich weiß, was für mein Alter gut, gesund, normal und tolerabel ist. Ich lerne – ich lebe! – durch Filme und Serien.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Willkommen im Leben“ war bis heute der beste dieser „Lehrer“. Und – fast 20 Jahre nach der ersten Ausstrahlung – weiterhin sehenswert.

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Zimmer voller Freunde 05.

„Mad Men“:

Verfremdung / Distanz (05)

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Der dümmste, schlimmste, widerlichste Satz, den ich 2012 las, stand auf der Facebook-Pinnwand einer Bekannten (und jungen Mutter):

Das Beste, was ein Vater für seine Kinder tun kann, ist, ihre Mutter zu lieben.“

Schlimm scheint mir dabei weniger die Aussage („Wenn Vatis Muttis ganz doll lieben, tut das der ganzen family gut!“), als das Männer-, Frauen-, Familien- und Rollenverständnis dahinter: Abgründe tun sich auf – allein, wenn ich mich frage, was geschehen wäre, hätten meine Eltern versucht, nach dieser Maxime zu leben. Ein kleiner, verkrachter, überspannter Satz, der – zu Ende gedacht, und an konkreten Menschen durchgespielt – einen monströsen Konflikt spannt.

Mad Men“ (AMC, seit 2007, bislang fünf Staffeln) ist das aktuellste Ensemble Drama, das mir auf ähnliche Weise – meist mit nur einer kurzen, brillant verkrachten Aussage – den Boden unter den Füßen entreißt. Eine ruhig erzählte, gediegen inszenierte Werber- und 60er-Jahre-Serie, in der oft 30, 35 Minuten am Stück nichts zu passieren scheint. Alle Figuren sind lauernd, zurückhaltend, gepflegt, voller Selbstbeherrschung und (vermeintlich: sicher) eingeschnürt ins Korsett ihrer Klasse, ihres Berufs und der historischen Ära.

Ich weiß, wie viele Leute ‘Mad Men’ mögen…”, seufzte ein Toronto-Freund im Frühling. “Aber jedes Mal, wenn es im Fernsehen läuft, schalte ich [gefühlt] in dieselbe Szene: eine Frau sitzt am Schreibtisch. Eine andere Frau tritt hinzu. Sie sagt: ‘Hier ist der… Tacker.’ Dann starren sich beide an – schweigend und ernst.”

Man spürt, als Zuschauer: Hier läuft noch etwas anderes. Noch im banalsten Dialog vollführen „Mad Men“-Figuren einen schmerzhaften, nie völlig überzeugenden Balanceakt: Sie täuschen einander – und sich selbst. Und jederzeit können diese Täuschungen scheitern. Dünnes Eis. Großes Risiko.

Die Elftklässler in „Zimmer voller Freunde“ sind zorniger, offener, leichtsinniger: Sie haben weniger zu verlieren, viel zu verbergen (aber amüsant wenig Übung / Routine, sich erfolgreich zu verstellen), und viele von ihnen genießen es, hässliche Wahrheiten auszusprechen, einander zu reizen: Das Milieu des Romans ist ähnlich nervös, die Figuren ähnlich empfindlich – doch die „Betriebstemperatur“ von „ZvF“ ist höher als beim unterkühlten, trockenen, oft scheinbar „ruhigen“ „Mad Men“:

„Mad Men can be difficult to watch if you aren’t into/accustomed to understated drama. Almost all of the show is dialogue and minute physical interactions with larger dramatic implications.“ [Zitat aus einer Diskussion im Webforum Reddit, Link]

Die (kleine) „Mad Men“-Taktik, dir mir in vielen „Zimmer voller Freunde“-Szenen hilft, Figuren in Position zu bringen, Konflikte zu schärfen, Spannungen zu schüren, sind „schlimme“, suggestive Sätze:

  • This never happened. You’ll be amazed how much this never happened“, der väterliche, gut gemeinte Rat, persönliche Schwächen unter den Teppich zu kehren, indem man lebt, als wäre nie etwas entgleist („Mad Men“, fünfte Episode der zweiten Staffel), hängt seit drei Staffeln beiden Figuren – dem Ratgeber und der Empfängerin – in jeder Szene als hässliches Echo nach: „Ja? Wirklich? Ist all das für dich nie passiert?“, will man als Zuschauer ständig fragen: „Ist es bewältigt – nur, weil du sagst: ‚Das ist vorbei’…?“

  • We’re dealing with the emotions of a child“, urteilte ein Psychologe (sehr früh: in Episode 7 von Staffel 1) über Betty Draper, Hausfrau und Mutter. Seitdem wirkt jede Handlung Bettys – als Ehefrau und Mutter, als Tochter und „Erwachsene“ – wie Teil eines heimlichen Experiments: Sind Bettys Handlungen erklär-, entschuld-, entschlüsselbar? Hilft uns die (überhebliche, boshafte) Betty-ist-ein-Kind-Behauptung, um ihre Taten und Urteile zu verstehen?

Diese Sätze – Zuschreibung oder Selbstaussage – müssen nicht korrekt sein oder eindeutig: Sie sind kein „Schlüssel“, um Figuren zu enträtseln. Im besten Fall schwingen sie – als offene Fragen und Verweise auf größere Themen – im Lauf der Serie immer weiter mit, und werden, in späteren Entscheidungen / Konflikten, aus immer neuen Perspektiven, zur Diskussion gestellt:

Mach du nur immer alles richtig, Maus. Mach bitte nie irgendwas falsch! In Ordnung? Gut? Habe ich dein Wort?“ …verlangt ein Vater in „Zimmer voller Freunde“.

Jedes Mal, wenn ich ein Mädchen sehe, wünsche ich mir, ich wäre mit ihr zusammen. Das ist das einzige, was ich wirklich will.“ …schreibt Frank.

Ich hasse sie. Ich hasse sie alle. Was für arme Menschen!“ …erklärt B, als eine mehrerer Figuren, die überall „Statisten“, „Figuren“, „Marionetten“ sehen.

Mein letztes Beispiel – über Bande gespielt: „Für ihre Tochter würden die beiden alles tun“, belächelt X die Eltern von Y. „Doch Y belügt sie, wo sie kann.“

Das spannt – für X und Y, und alle folgenden Kapitel – Fragen:

  • Was heißt „alles tun“: Bleibt Ys Familie bei allen Problemen und Zumutungen loyal? Was wird ihnen, im Lauf der Handlung, von Y abverlangt?

  • Wünscht sich X insgeheim solche Eltern? Haben Y und X „passende“ Eltern? Was wäre, wenn X mit Ys Eltern leben müsste?

  • Sind diese Eltern „stark“ oder „schwach“? „Gut“ oder „schlecht“?

  • Und: Falls Y tatsächlich „lügt, wo sie kann“, wie belastbar ist dann die Freundschaft zwischen X und Y?

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mad men unsympathetic characters.

Ich lese Bücher, um – in Ruhe, mit großer Konzentration, Intensität – einzelnen Erzählern, der Schönheit (oder: Absurdität) ihres Denkens zu folgen. Tolle Sprecher, tolle Stimmen, tolles Denken wie bei Ruth Klüger, Joan Didion, Marcel Proust, Nabokovs „Lolita“.

Doch sobald mehr als zwei Figuren im Zentrum stehen, sind Serien das reichere, besser entwickelte, erwachsenere Format: Sie haben…

  • Schauspieler (Charisma! Sex-Appeal! Nonverbale Kommunikation!).

  • eine Trickkiste aus Bildsprache, Schnitten, Ton, Musik.

  • und, idealerweise: sechs, sieben, acht Jahre Zeit, Figuren aufzubauen, einem Publikum vorzustellen, sie wachsen zu lassen oder zu zerstören, korrumpieren.

Gemeinhin gelten Romane als bestes Medium für Empathie, Identifikation, Sich-selbst-im-Geschehen-Verlieren: Wer eine Hauptfigur nicht sehen muss, reicht ihr schnell zutraulich die Hand und lässt sich führen. Kinder-Helden wie Charlie Brown und Romance-Ich-Erzählerinnen wie Bella Swan sind absichtlich so offen, schlicht, neutral wie möglich gestaltet; und „Tim & Struppi“ lockt mit Hintergründen / Szenerien, detailverliebt und realistisch, doch die Figuren bleiben simple Chiffren:

Projektionsflächen, Identifikationsangebote, so offen, locker, harmlos, dass man – ohne Reibung, Widerstände, Entfremdungen, „Wie ist der denn drauf?“-Irritationen – in die Beobachter- und Heldenrolle schlüpfen, sich mitreißen lassen, staunen kann.

Vor allem Genre-Romane [und: Jugendbücher] laden ein, sich der Hauptfigur und / oder dem Erzähler gemein zu machen: Identifikation. Empathie. Katharsis, wie sie Aristoteles forderte.

Seit etwa 15 Jahren entwickeln Serien wie „Mad Men“ [gelungen, meiner Ansicht nach: „Six Feet Under“, „Weeds“, „Enlightened“, „Girls“] eine eigene, gegenläufige Tradition: abschreckende Hauptfiguren. Stolper-Sätze. Verfremdung. „Wie ist der denn drauf?“

Im Juli 1993, in meinem letzten Sommer vor dem Gymnasium, besuchte ich alle Figuren meiner Grundschulklasse. Sogar die Türken und das Mädchen aus der DDR, das nur eine Dreizimmerwohnung hatte. Wir spielten Barbie oder Lego, ich fragte nach dem Weg zum Klo – und alle fanden mich erst später, im Hobbyraum oder Speicher. Doch niemand schien gekränkt. Einige Eltern wirkten fast… geschmeichelt, gaben eine Führung durch ihr Haus. Mehrere Kinder luden mich ein zweites Mal ein. Und mit zwei, dreien habe ich stundenlang gespielt – friedlich, in zwei getrennten Zimmern.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Mögen muss man solche Protagonisten nicht.

Doch es macht Spaß, sie zu beobachten – in ihrer Hybris und ihren Balanceakten. In ihren Selbsttäuschungen. In ihrem Korsett. Ihrer verkrachten Sprache.

Dünnes Eis. Großes Risiko. „Wie sind die alle drauf?“

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Zimmer voller Freunde 06.

„Neon Genesis Evangelion“:

Hauptfiguren (06)

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Viele Serien haben zwei, drei starke Schlüsselreize, mit denen sie Zuschauer locken, Programmnischen besetzen, Zielgruppen abstecken: ein Publikum an sich binden.

Sailor Moon“ – 1992 bis 1997, 200 Episoden, TV Asahi (Japan) – hat ungefähr dreihundert:

Freundschaft! Schulmädchen! Zauberei! Dämonen, Hexen, Reinkarnation! Slapstick! Science Fiction! Romantik! Achtklässler als Superheldinnen! Schleifen! Sternchen! Kätzchen! Zeitreisen! Ein stolzes, glückliches Lesbenpaar!

Das – von mir lange unterschätzte – Alleinstellungsmerkmal, das junge Frauen an die Serie (und den zugrunde liegenden Manga) band, war ihr Ensemble: erst fünf, dann zehn, am Ende dreizehn verschiedene Mädchen, die – als Freundinnen, als Kriegerinnen, als Team und in verschiedenen Paaren / Konstellationen – kämpfen, feiern, arbeiten, lernen und reisen. Freundschaft als Rückhalt, Band, Quelle innerer Kraft und Lebensmittelpunkt, stärker als der Tod, zäher als die Zeit – zwischen Mädchen unterschiedlichsten Charakters (und: mit den seltsamsten Haarfarben!).

Jedes Ensemble, in dem ein Mädchen / eine Frau Platz findet, macht – in Positionierung, Wertschätzung, Prioritäten, Erfolg oder Misserfolg dieser Frauen-Figur – Aussagen über Gewicht und Rolle der Frau „an sich“. Ensembles aber, die zwei oder mehr Frauen einbauen, zeigen (automatisch):

  • Frauen haben verschiedene Rollen, Chancen, Potenzial.

  • Frauen haben verschiedene Möglichkeiten, diese Rollen („erfolgreich“) zu füllen.

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Representation matters“, sagen Akademiker, Feministen, Zuschauer-Lobbys – und werfen Fragen auf wie:

  • Warum sind alle Frauen in den Comics des DC-Verlags schlank?

  • Warum waren bis vor 15 Jahren Sitcoms über schwarze Mittelklassefamilien Mainstream, doch heute nur Nischenprogramm auf Nischen-Sendern?

  • Warum finden im Ensemble von „Verbotene Liebe“, einer Soap mit 24 Hauptrollen, wenige Spanier, Latinos, Figuren aus Urlaubsländern Platz… doch in fast 20 Jahren keine Figur mit russischem, polnischem, türkischem Hintergrund?

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Bechdel-Test (Link): bestanden!

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Für „Zimmer voller Freunde“ habe ich kein Ensemble entworfen: Ich wollte ein Jahr meiner Jugend beschreiben, in dem Freundschaften zerbrachen, Konflikte eskalierten, Porzellan zerschlagen wurde. Ein Scharnier. Ein Kahlschlag. Ein Anfang: Stefan ist 16 und verlor – über Nacht, ohne Erklärung – den Anschluss an seinen Freundeskreis. Helena, Stoff, Sassi meiden ihn. Er will zurück in ihre Clique, um jeden Preis. Ein klarer Konflikt.

Eine Hauptfigur. Drei Frauen.

Kontrastiert, ergänzt, gestört wird dieser Plot durch Freund Frank – ein kluger, chronisch gelangweilter Oberstufen-Casanova, erfahrener, geschickter, hungriger, schneller, den Eltern, Partner und Lehrer ermahnen, dass er sich Zeit lassen soll: ein Kompromiss-Gebrauchtwagen, eine Kompromiss-Beziehung, drei letzte Kompromiss-Jahre, bevor er ausziehen, ein Erwachsenenleben führen darf – wäre das zu viel verlangt?

„Frank war am Freitag be Renault: Der Neuwagen, den er braucht, kostet 24.700 Mark. „Nur für ein Auto? Halt dein Geld zurück. Denk an die Zukunft!“, sagte Carmen.

Aber das ist die Zukunft!

„Ich bin fast 18 – soll ich warten, bis ich 40 bin?“

„Du brauchst kein Auto, Frank: Wir fahren dich überall hin. Bau einen Unfall, und dein Geld ist weg. Mach einen Fehler, und du hast alles verloren.“

[Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Zwei Perspektiven – und parallele, eigene Geschichten –, die ich seit (etwa) 2006 erzählen will, zwei Protagonisten, deren Welten, Prioritäten (und: Unterschiede) ich verstehe, aus dem Teil meiner Jugend / Gegenwart, von dem ich weiß:

  • Dem werde ich erzählerisch gerecht.

  • Das stand noch nicht in 15 anderen Romanen.

  • Falls ich (nur) Zeit habe, ein Buch zu schreiben, kreuzen sich hier, in diesen beiden Schüler-Leben, im Schuljahr 1999 / 2000, die Fragen, Konflikte, über die ich schreiben will.

Soviel zu allem, was ich „mitbringe“ – Rohmasse, Prägung, biografisches Material. Das Zeug, das „raus will“: Gruppen, Freundschaft, Rivalität. Heimat, Familie, Ambition. Kompromisse, Verlust. Sexualität. Fernsehen. Tagebücher. Zeitgeschichte.

Freundin A. hat eine – zwanglose, persönliche – Vorliebe für Gruppen: Oft schart sie „Herden“ um sich, ohne, es zu merken. Freunde treffen die Familie. Kinder spielen mit Hunden. Verwandte bringen Freunde mit… und plötzlich sitzen wir zu acht, zehnt, zwölft am Esstisch, „Suppe haben wir auch noch!“, „Bleibt gerne: Gleich kommen die anderen vorbei!“, „Wartet! Ihr da vorne – die kommen nicht hinterher!“.

Mein Ideal von sinnvoll / gut verbrachter Zeit sind Zweiter-Aktivitäten: Einem Gegenüber kann ich zuhören, einem Freund werde ich gerecht. Im Pulk verreisen, essen, spazieren, zu fünft Entscheidungen treffen, zu zehnt Prioritäten setzen, in einer Clique, Klasse, Großfamilie, Redaktion um Aufmerksamkeit betteln… menschlich ist mir das ungeheuer lästig.

Nur literarisch macht es ungeheuren Sinn:

Frank schreibt am 8. August 1999: Vorhin war ich mit Stefan und den Ridgebacks im Wald. […] Danach haben wir uns „Dawson’s Creek“ angetan. Die Kinder aus Creek nehmen jeden Scheiß ernst. Sie übertreiben sich und machen aus Sex einen Elefanten. Stefan hat mir mal einen Tag aus seinem Timer vorgelesen, um zu beweisen, dass er spannend ist. Sein Tag war drei Times-New-Roman-Seiten lang. Es stehen zwar Gedanken drin. Aber auch sehr viel Mist!

Ich habe noch nie in meinem Leben drei Seiten erlebt. So etwas gibt es nicht, wenn man 10.-Klässler ist.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Zimmer voller Freunde“ hätte ein hastiger, glatter Roman werden können über einen Außenseiter, Stefan Mesch, und seine Startschwierigkeiten mit Freundschaft (Stoff), Liebe (Helena), Konkurrenz (Frank):

Die Menschen in Stefans Welt wären dabei weniger Menschen – als rhetorische „Widerstände“: Stefan-Mesch-Kontraste, Stefan-Mesch-Sparringpartner, die, als Stefan-Mesch-Antipoden, helfen, die Stefan-Mesch-Geschichte möglichst effektiv, dramatisch zu erzählen. Eine Hauptfigur – und eine Welt aus Nebenrollen, die dieser Figur zuspielt.

2009 beschlich mich der Verdacht, dass ich ein… Jugendbuch (?) plane. 2010, vierzig Young-Adult-Romane später, konnte ich die Frage verneinen: Im YA-Genre läuft alles auf den Helden zu. Nicht jede Hauptfigur ist „glatt“, einfach und „offen“, lädt ein zur reibungslosen Identifikation. Doch oft bleiben Perspektive und Nebenrollen solipsistisch: Ein Teenager – und wie er seine Welt sieht.

  • Mitfiebern, Eintauchen: Identifikation

  • Nebenrollen, im Kreis oder sternförmig auf die Hauptfigur ausgerichtet

  • Ein Milieu, ein Konflikt; fast immer: nur eine Perspektive.

Zimmer voller Freunde“ stellt drei Figuren gegeneinander: Stefan (als Ich-Erzähler / Autoren-Ich), sein bester Freund (?) Frank und ein Mädchen aus dem Schulbus, das beide kaum kennen: Antje. Alle drei gehen in dieselbe Schule in der Kreisstadt. Und alle drei wollen – aus jeweils anderen Absichten und Gründen – Zugang zu einer kleinen Wohnung. Drei einzelne, zunächst getrennte Handlungsstränge. Und dann: ein Schuljahr voller Kollisionen.

Für „Zimmer voller Freunde“ habe ich kein Ensemble entworfen. Doch sehr lange malte ich Netze, Gitter, Pfeile, strich Freunde, Partner, Geschwister, Lehrer, schob Rollen in- und auseinander, im Mittelpunkt ein Protagonisten-Dreieck, Stefan-Antje-Frank, und das Bemühen, alle anderen Rollen so auszurichten, dass…

  • sie Stefan wie Frank etwas jeweils eigenes bedeuten.

  • augenfällig mehr sind als die Summe ihrer jeweiligen (Doppel-)Rollen / Funktionen.

  • Antje einen frischen, skeptischen, genuin dritten Blick werfen kann.

Mühevoll war nie, Konflikte dreier – jeweils auf eigene Weise: toll bekloppter – Protagonisten klug gegeneinander auszuspielen (Zopfdramaturgie (Link), unzuverlässige Erzähler (Link), Rashomon-Effekt (Link), bla blubb…), sondern, für all ihre Gegenüber stimmige, differenzierte Positionen zu schaffen. Am Ende – im Sommer 2008 – half mir ein Text (Link) über „Harry Potter“ und „Neon Genesis Evangelion“, eine Science-Fiction-Anime-Serie, 1995, 26 Episoden, TV Tokyo.

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evangelioncast trios geodeisic cast

nur ein Trio, das nicht nebeneinander steht: Ritsuko (ganz links) und Misato / Ryoji (ganz rechts, mit Kreuzen)

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Im Zentrum von „Evangelion“ (und „Harry Potter“, und „Zimmer voller Freunde“) steht ein „Power Trio“ (TV Tropes, Link), drei Figuren mit unterschiedlichem Blick und komplizierter Dynamik – eine gängige Helden-Konstellation: Kirk, Spock, McCoy („Star Trek“), Pippi, Thomas, Annika („Pippi Langstrumpf“), Luke Skywalker, Han Solo, Leia („Star Wars“), Ash, Rocko, Misty („Pokémon“), „Die drei Fragezeichen“, „Die drei Musketiere“, „Drei Engel für Chalie“ usw..

Das Besondere an „Harry Potter“ und „Evangelion“ ist, dass ihre (sehr großen, potenziell unübersichtlichen) Ensembles das zentrale Protagonisten-Trio spiegeln – und also: die Nebenrollen als eigene, kontrastierende Trios anordnen:

  • drei (14jährige) Protagonisten: Shinji, Rei, Asuka

  • drei (erwachsene) Mentoren: Misato, Ritsuko, Ryoji

  • ein Trio aus Mitschülern (Toji, Hikari, Kensuke), ein Trio aus Technikern (Makoto, Maya, Shigeru), ein Trio aus A.I.s / Computern (Caspar, Melchior, Balthasar), ein Trio aus UN-Organisationen (NERV, SEELE, GEHIRN).

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Zimmer voller Freunde“ benutzt eine eigene Variante:

  • drei Perspektivträger / Hauptfiguren: Stefan, Frank, Antje.

  • drei Menschen [rot markiert], die zwischen sie geraten / für jeweils zwei von ihnen sehr unterschiedliche Rollen / Bedeutungen einnehmen.

  • drei Figuren [blau markiert] als Gegenstimmen, Komplikation für jeweils eine Haupt- und eine „rote“ Figur.

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Figuren ZvFdrei Erzähler – und die sechs wichtigsten Figuren, die sie umgeben.

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In meinen Tagebüchern und Antjes, Franks und meinem realen Schuljahr 1999 / 2000 spielten 60, 80 Menschen ihre Rollen. In „Zimmer voller Freund“ sind es unter 30 – und sobald neun zentrale Figuren, in ihren Dreier-Konstellationen, gesetzt waren, fügte sich der Rest.

Ziel des Romans war nie, autobiografisch zu erzählen, möglichst perfekt abzubilden, was MIR vor beinahe 15 Jahren, auf einem Provinzgymnasium, mit einer Handvoll Freunden widerfuhr. „Zimmer voller Freunde“ ist… breiter:

  • Menschen haben verschiedene Rollen, Chancen, Potenzial.

  • Menschen haben verschiedene Möglichkeiten, diese Rollen („erfolgreich“) zu füllen.

Stefan Mesch, 16 Jahre alt, Protagonist und Ich-Erzähler, glaubt, er stünde – allein, stolz, kontrolliert und würdevoll – im Mittelpunkt seines Jugendbuchs, Bildungsromans, Ensemble-Dramas:

Ich schreibe Timer.

Ich schreibe zwei oder drei Seiten jeden Tag, 200 Einträge pro Jahr.

Es gibt zehntausend Dinge, die ich nicht kann oder nicht will – doch das kann ich: Ich schreibe auf, was uns passiert und mache daraus ein dramatisches, tiefgründiges Ensemble-Drama.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Stefan Mesch irrt.

Er ist einer von dreien. Einer von neun. Einer von beinahe 30.

und wie dieser Irrtum Stefan einholt / überrumpelt, ist eines meiner Haupt-Erzählvergnügen.

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Zimmer voller Freunde 07.

Babylon 5:

Spannungsbögen (07)

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Erzählerische Kniffe, Humor, Figuren von „Seinfeld“ wirken heute, über 20 Jahre nach den ersten Staffeln, recht angestaubt, konventionell: eine Alltags-Sitcom über misanthrope, weiße New Yorker Singles, verwöhnt und selbstbezogen. Moderne Zuschauer / Nachgeborene vergessen schnell (Link), wie viele Sitcom-Konventionen, -Standards erst in „Seinfeld“ ihre Form fanden:

Babylon 5“ (TNT / Warner, 1993 bis 1998, fünf Staffeln mit 110 Episoden, später mehrere Filme / Spin-Offs) zeigt Besatzung und Diplomaten / Botschafter einer Raumstation im Jahr 2258, die sich um Frieden zwischen Menschen und einem Dutzend fremder Völker bemüht. Eine Ensemble-Serie mit 20 zentralen Rollen, deutlich billiger inszeniert als die zeitgleich entwickelte „Star Trek“-Raumstation „Deep Space Nine“ (1993 bis 1999)…

aber mit Erzählfreude, langem Atem und der – damals: unerhörten – Ambition, einen komplexen, durchdachten, fünf Jahre langen „Story-Arc“ zu spannen:

  • Seinfeld“ prägte einen neuen Ton für Sitcoms / Comedy.

  • Babylon 5“ prägte Spannungsbögen, serialized Storytelling.

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Noch heute erzählen viele Serien „episodisch“ (in Deutschland: nahezu alle; in den USA: oft Produktionen des Konsens- und Berieselungs-Senders CBS). Statische Figuren, statische Konflikte, alle Fragen / Probleme zum Ende der jeweiligen Episode gelöst, bewältigt – ein schlichter, klarer, verlässlicher Status Quo, der acht, neun Jahre tragen kann, flexibel genug, um bockige Darsteller zu feuern / zu ersetzen, aber so simpel und einsteigerfreundlich, dass Episoden auch in falscher Reihenfolge oder mit großen Lücken verständlich bleiben.

Viele moderne (meist: einstündige) Drama-Serien dagegen versuchen sich seit „Babylon 5“ an einem durchgängigen Spannungsbogen: Jede Episode soll wichtig sein, Mosaikstein eines komplexen, sich langsam enthüllenden Gesamtbilds:

  • Grey’s Anatomy“, recht konservativ erzählt, plant zu Beginn eines Serien-Jahres Romanzen, Hochzeiten, Unfälle aller Figuren, „Character Arcs“ für jeweils 22 Episoden.

  • Lost“ hatte zwar zur ersten Staffel vage Ideen, was in Staffel 2 oder 3 geschehen kann. Doch erst im vierten Jahr, als ABC einen verbindlichen Endpunkt setzte (sechs Staffeln, 121 Episoden), planten die „Lost“-Autoren Abschluss, Auflösung, finale Dénouements.

  • Babylon 5“ ging einen Schritt weiter – mit einem konkreten Fünf-Jahres-Plan: 5 Staffeln, je 22 Episoden, verschlungene, von langer Hand geplante Routen, auf denen alle Völker, Figuren, Konflikte stimmige, oft tragische / überraschende Endpunkte erreichten.

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US-Schauspieler dürfen sechs Jahre lang für eine Serie unter Vertrag genommen werden – vor Staffel 7 beginnen neue, zähe Verhandlungen. Eine Stunde US-Prime-Time-TV hat fünf Werbeblocks – und viele Drama-Serien-Drehbücher damit fünf Akte und einen Teaser / Prolog. Ein Spielfilm-Drehbuch hat drei – ungleich große – Akte und in der Mitte einen zentralen Wendepunkt… oft also eine Art Vier-Akt-Struktur.

b5 aliens.

Persönlich leuchten mir – seit „Babylon 5“, 1998 – Fünf-Akt-Strukturen ein:

  • Exposition: Figuren. Orte. Fragen. Rätsel. Ärger!

  • Steigerung: Böse Überraschungen. Hässliche Wahrheiten. Eskalation!

  • Peripetie: Lösungen, Ziele, Hoffnung? Nein: Alles ändert sich.

  • retardierendes Moment: Scheitern. Patts. Stolpern. Die Zeit rennt fort.

  • Katastrophe: Jeder weiß jetzt, was er tun muss. Wählt, kämpft. Zahlt seinen Preis. Konsequenzen!

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Trotz bester Absichten hatte „Babylon 5“ Schwierigkeiten: Fast 20 erste Episoden, die ein Gefühl falscher Sicherheit vermitteln wollten – aber nur langweilten. Ein Hauptdarsteller, Michael O’Hare, dessen Figur zur zweiten Staffel ersetzt werden musste, und drei zentrale Frauen – Lyta, Talia, Susan Ivanova –, deren Character-Arcs verschoben / auf Ersatz-Figuren übertragen wurden: Staffel 4 führte alle Konflikte hastig, überstürzt zu Ende, weil eine fünfte Staffel fraglich schien… und als Jahr 5 doch noch bewilligt wurde, fehlten dieser letzten („Post-Script“-)Season Überraschungen.

Staffel 2 und 3 von „Babylon 5“ aber sind eine atemblose, klug orchestrierte Parade, nein: Lawine hässlicher Wendungen, Katastrophen und unerhörter, das Macht- und Figurengefüge der Serie erschütternder „Wham-Episodes“ (Link) und „Nothing is the same anymore!“(Link)-Enthüllungen: Mit jeder Szene wird alles schlimmer, schneller, dunkler und globaler / epischer. Sog! Tempo! Dringlichkeit!

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Für „Zimmer voller Freunde“ halfen „Babylon 5“ (und / aber: auch viele misslungene Handlungsbögen, z.B. bei „Veronica Mars“, „Akte X“, „Battlestar Galactica“, „Lost“, „Avatar – Herr der Elemente“) auf mehreren Ebenen:

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Die Umbrüche / Katastrophen / Entscheidungen, die ich behandeln will, geschahen (biografisch) zwischen…

  • 1997 (…ich war 14, Ende der achten Klasse), und

  • 2003 (…ich war 20, fertig mit Zivildienst / FSJ, bereit, Heimat und Freunde zu verlassen.)

Mein letzter möglicher „Vorher“-Zeitpunkt – bevor Stoff, Antje, Helena, Sassi, Frank etc. kollidierten – war Spätherbst 1999, Klasse 11; der frühstmögliche Punkt, unsere Geschichten schlüssig zu beenden, das Abitur, Juni 2002: Idealerweise, wenn Leser / Finanzen und Gesundheit stimmen, setze ich „Zimmer voller Freunde“ sofort fort, mit einem Buch über 2000 / 2001, und einem Abschlussband, bis 2002.

Ein „Zimmer voller Freunde“-Kapitel…

  • hat 12 bis 19 Seiten.

  • wird aus der Perspektive von Antje, Stefan oder Frank erzählt.

  • und jeweils sechs Kapitel, ca. 85 Seiten, ergeben einen Akt.

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Anfangs schienen fünf Kapitel pro Akt stimmiger, „symmetrischer“ – doch dieser Fünfer-Rhythmus wird durchschaubar / monoton, weil er nur folgende Optionen / Einteilungen erlaubt:

  • 2 (selten: 1) Kapitel von Frank.

  • 2 (selten: 1) Kapitel von Stefan.

  • Kapitel von Antje… so viele wie möglich / übrig.

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Ich stellte Akt 1 eine kurze, griffige Eröffnungsszene voran – szenischer / linearer als gewöhnliche Kapitel: ein Prolog / Teaser, in dem Stoff eine überraschende Rolle spielt; und entschied, jeden Akt mit einer (kurzen, schnellen, suggestiven) sechsten Szene im selben Stil zu schließen:

  • Prolog, Juni 1999: Stoff, via Antje.

  • Akt 1, Juli 1999: Kapitel Stefan – Frank – Antje – Stefan – Frank.

  • sechste Szene, Juli 1999: Stoff, via Stefan.

  • Akt 2, September 1999: Kapitel Frank – Stefan – Antje – Stefan – Frank.

  • sechste Szene, September 1999: Stoff, via Sassi… etc.

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Das klingt abstrakt, verkopft – doch fügt sich schnell zu einem dynamischen, guten „Stundenplan“ – fünf Akte / „Wochentage“, je sechs Kapitel / „Fächer“ – flexibel genug, drei Handlungssträngen (Antje, Stefan, Frank) zu folgen, ohne, dass Leser sofort errechnen, welche Figur „als nächstes kommt“:

  • 30 Kapitel (und ein Prolog).

  • 5 Akte: Juli, September und Dezember 99, Mai und Juli 2000.

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Wordpress Romanplan.

Die Handlung des Romans beginnt so spät wie möglich (…keine 20 Kapitel „falsche Sicherheit“, kein langsames in-die-Gänge-Kommen) – doch alle Figuren starten an Orten, absichtlich weit entfernt von ihren jeweiligen Zielen: „Babylon 5“ zeigt einen Feigling, der fünf Jahre später seine Heimatwelt regiert, einen Terroristen, der zum Gelehrten / passiven Widerständler wird, Freundschaften, Gelöbnisse, Allianzen, die überraschend zerbrechen:

Erzähler, die solche Endpunkte schon zu Beginn mitdenken, können sich die jeweils klügste, dramatischste Route wählen, die jede Figur auf ihrem Character-Arc zurücklegen wird. Entsprechend viele Probleme, Ängste, Konflikte, die real / biografisch schon 1997, 1998 bewältigt wurden, bleiben bei „Zimmer voller Freunde“ in der Gegenwart – Sommer 1999 bis Sommer 2000: Ereignisse, Tagebücher, Entwicklungen von 1997 bis 2003 – das wären sechs langsame, getrogene Romane – oder eben: drei schnelle, furiose.

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Meine wichtigste Lektion aus „Babylon 5“ handelt vom Vertrag, den Leser und Autor zu Beginn einer Geschichte schließen:

The Coming Of Shadows” [Staffel 2, Episode 9] „…[is] a defining moment in the series’ run, a dividing line between what came before and everything after. […] This is a specific event where the rules that viewers thought would hold true for the entire series are no longer true. But this isn’t just an issue of unexpected plot twists. It’s the way those twists are portrayed via magnificent moments, like an instant of horrible luck destroying the possibility of peace. It’s the way a year of developing characters who seem to embody right and wrong is flipped entirely in a scene of impressive dramatic irony. Before the mid-’90s, television didn’t work this way. Babylon 5 was one of the series that opened the door to the possibility that good wouldn’t always defeat evil, when a space station devoted to peace ended up triggering a war.

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schreibt Rowan Kaiser auf AVClub.com (Link) – und zeigt: „Babylon 5“ wirkt so dynamisch, dramatisch, unerhört, weil Regeln, Gewichte und Strukturen, die sich die Serie zu setzen schien („Wer sind die Hauptfiguren?“, „Wer sind die Guten?“, „Was ist Funktion, Anspruch, Hoheitsgebiet dieser Station?“) Stück für Stück verdreht, ersetzt, auf den Kopf gestellt wurden:

Eine Welt / Konzept / Ensemble mit klaren Parametern…

die so rasant und tiefgreifend ersetzt / verwandelt werden…

bis sich, endlich zeigt:

Es ging – von Anfang an! – um eine andere, komplexere Welt, Parameter, die die handelnden Figuren lange nicht bemerkten oder begriffen.

Die Rollen, die jeder zu spielen glaubt, sind ganz anders als die, die er schlussendlich spielt.

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Zimmer voller Freunde“ (Link) handelt…

von Schulhof-Casanova Frank, der alles tut, um „eine liebe Freundin“ zu finden.

von Außenseiter Stefan, der alles tut, um seine Freundschaften mit Stoff (stolz, schnippisch) und Helena (schüchtern, verkopft) zu retten.

von Antje, allein, nervös, die alles tut, um neue Ordnung / Sicherheit in ihre Familie zu bringen.

Schwerpunkte, Helden, Lebensziele und Allianzen meines Romans sind leicht verständlich, klar benannt – eine süffige, leicht erzählte Geschichte mit Sympathieträgern und Gegnern, Freunden, Außenseitern, Rivalen, Schurken, klaren Zielen. Und / aber, dahinter: eine andere, größere Geschichte. Die nicht im Exposé steht. Oder im Klappentext:

Atemberaubend, unerhört an „Babylon 5“ waren nicht die Schlenker, Ausfallschritte und Saltos, die diese Serie fünf Jahre lang, in fünf dramaturgisch (meist / überraschend:) stimmigen Akten, schlug – sondern, wie Autoren jedes Jahr sehr überzeugend versicherten: „DAS wäre zuviel!“, „DAS ist nicht drin!“, „DIESE Leute sind sicher!“, „HIER ist die Grenze!“…

nur, um alle Grenzen – lustvoll, dramatisch, überraschend! – zu überschreiten.

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Zimmer voller Freunde 08.

„Ugly Betty“:

Gegner / Klischees (08)

.

Ich ignoriere Sitcoms, Kabarett, Comedians, Satire, „Spaß“-Lieder und -Videos, Komödien und alle Menschen, die Witze erzählen; verlasse den Raum oder starre zu Boden, bis Schenkel geklopft, Beifall geheischt, alle Häme ausgeschüttet wurde:

Ich habe keinen Humor“, rechtfertige ich mich.

Doch das ist… Quatsch:

Ugly Betty“ (ABC, 2006 bis 2010, vier Staffeln, 85 Episoden) trifft meine Tempo-, Sarkasmus-, Dialoggefechts- und Irrwitz-Ideale, konnte mich – als Drama und Comedy – zwei Jahre lang unterhalten, und heute finde ich große „Betty“-Stilmittel, erzählerische Spurenelemente in Serien wie „Glee“, „Girls“, „Happy Endings“:

.

  • Jede Szene zeigt einen Streit / harten Schlagabtausch.

  • Streitpunkte sind Ideologien: tiefe Unterschiede zwischen den Streitenden.

  • In einem Ensemble aus ca. 12 Figuren kann jeder jeden attackieren…

  • jeder (auch: Unsympathen / Antagonisten) kann jederzeit Recht haben

  • oder (auch: Helden / Sympathieträger) sich schlimm lächerlich machen.

.

In all diesen Debatten, Streits, Konflikten wird – trotzdem – deutlich:

  • Figuren respektieren ihre (fundamentalen) Unterschiede.

  • Autoren legen Wert auf Spannbreite, soziale, kulturelle, sexuelle, ideologische Vielfalt der Stimmen und Standpunkte.

  • und das ständige, raue Mit- und Gegeneinander zeigt: Es gibt distinkt verschiedene Arten, „erfolgreich“ oder „schön“ zu sein, „gute Arbeit zu leisten“ usw. Jeder kann von jedem lernen. Doch jeder kann auch – von jedem anderen – in die Tasche gesteckt, verletzt, großer Lächerlichkeit preisgegeben werden.

.

Ugly Betty“ ist ein Aschenputtel- und Großraumbüro-Märchen, zu gleichen Teilen inspiriert von „Der Teufel trägt Prada“ (Buch: 2003, Verfilmung: 2006) und der kolumbianischen Telenovela „Y Soy Betty, La Fea“ (1999 bis 2001, auch Vorbild von „Verliebt in Berlin“ auf Sat.1, 18 Monate älter / früher als „Ugly Betty“):

.

.

Betty Suarez, eine idealistische [wenn’s dem Humor dient: naive], enthusiastische [überdrehte] Latina aus Queens, wird über Nacht zur Assistentin / Sekretärin von Daniel Meade, dem bübischen [dumpfen], verspielten [gefährlich unreifen / ahnungslosen] Herausgeber des MODE Magazine.

Schnell versteht Betty, dass sie nur eingestellt wurde, weil Daniel mit allen bisherigen Sekretärinnen schlief: Niemand glaubt an Bettys Fähigkeiten – und niemand glaubt an Daniels Qualifikation, denn seinem Vater gehört die Verlags-/Pressegruppe. Vier Staffeln / Jahre lang sind Betty (später: als Autorin, Redakteurin) und Daniel vor allem beschäftigt, gegenseitige Patzer, Fehltritte und Überreaktionen auszubügeln. Prinzen und Telenovela-Romantik fehlen – denn Integrität, Loyalität, Selbstverwirklichung („Stil lernen“ vs. „Einfach-man-selbst-Sein“) und Karriere sind für die „Ugly Betty“-Figuren wichtigere Ziele.

Trotz allem Tempo, Schwung hätte mich das dauer-aufgeregte Fräuleinwunder (Peggy Olsen mit „Kinderkanal“-Look und -Attitüde…) schnell gelangweilt; stünden Betty und Daniel als Sympathieträger alleine in einer Welt klischeehafter „Reich und schön“-Figuren:

Bettys müde Schwester (Friseursalon, halbwüchsiger Sohn, Pech mit den Männern im Viertel), der fürsorgliche papi („Ich habe gekocht“, „Morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus“ etc.), Empfangs-Dummchen Amanda, Lakai / Schoßhund Marc und Hexe / Drache / „Medusa“ Wilhelmina Slater (Vanessa Williams), die vor 30 Jahren selbst Assistentin war – und Bettys Oversharing, Overcaring usw. am schärfsten kritisiert:

Ich tue nichts anderes als Scheiße dosieren“, schrieb Flaubert über die Arbeit an „Madame Bovary“ […behauptet Stephan Porombka auf Twitter].

Das leuchtet ein – denn auch meine „Zimmer voller Freunde“-Gespräche fordern oft die schlimmsten, unbequemsten, verletzendsten Sätze, die zwei Figuren wechseln können:

.

Mein Ziel ist nie

  • Kontrahenten als Widerlinge, Feinde, trashige „Monster“ zu inszenieren.

  • kalkuliertes Mitleid / Schadenfreude zu wecken, indem ich Außenseiter / Minderheiten möglichst originell beschimpfen, bloßstellen lasse.

  • eine Kluft zu ziehen zwischen „klugen, guten“ Figuren und dem „Pöbel“.

  • meine Erzählwelt einfacher zu machen, indem Figuren leichthin Zuschreibungen, Schubladen, Vorurteile nutzen.

.

Ein Mädchen stakst über die Kieswege des Bahnhofswiesenparks. Sie trägt einen Trekkingrucksack, Hochwasserhosen und ein unmögliches Regencape. […] Auf ihre Doc Martens hat sie Hippieblümchen gemalt, mit blauem Plaka-Lack. An ihrem Armband hängen Kronkorken und Kreuze. Gesicht und Arme sind, wie jedes Jahr um diese Zeit, voll heller Sommersprossen. […]

Wenn alles, was ein Fremder von uns sieht – Kleidung, Haltung, die Summe unserer Äußerlichkeiten – eine Art sichtbare Grenze darstellt zum versteckten, komplizierteren Innenleben, das man erst später, als Freund oder Vertrauter, zu überblicken lernt, wie man als Reisender ein fremdes Land entdeckt… dann ist sie Belgien. Ein Streifen Welt, in dem es nichts zu sehen gibt. Ein überraschungsloses Stückchen Mensch. Eine Landkarte ohne weiße Flecken. Hundert Prozent Klischees und Langeweile.“

(Stefan, über Nicht-Freundin Sassi, Zitat aus „Zimmer voller Freunde“)

Niemand urteilt schneller, bräsiger, gehässiger als Teenager. Nie wieder klaffen Anspruch und eigene Leistungen so weit auseinander. Die Elftklässler in „Zimmer voller Freunde“ haben einen sehr genauen Blick für Fehler, Schwachstellen, Heuchelei – doch eine furchtbar dünne Haut, pubertäre Hybris und zahllose eigene Angriffsflächen.

.

Lüg dich nicht an: Alle hängen dich ab. Jeder sortiert dich aus! Wenn ich dein Leben hätte – ich würde mich im Wald verstecken und heulen.“ (Frank, zu Stefan, „Zimmer voller Freunde“)

.

Es gibt Neben- und Hauptfiguren.

Es gibt nur zwei bis drei bedeutungsvolle Menschen.

Es gibt Verlierer, die die Trost- und Sonderpreise kriegen.

Es gibt die Guten. Und den Rest.“ (Stefan, in Sortier-Laune, „Zimmer voller Freunde“)

.
‚„Der Frank ist ein ganz Lieber. Und anständig!“, sagt Carmens Mutter. „Ich finde, wir sind so richtig stolz auf den.“
Na ja…“, sagt Carmen.
Stolz? Auf was?“
Herlinde stockt. „Er ist…“ Sie überlegt.
Er hat ja schon…“, setzt Carmen an.
Dann wird sie still.
Sigrid gießt Kaffee fort. Man schweigt.‘

(die Frauen in Franks Familie, über Frank, „Zimmer voller Freunde“)

.

Jedes Urteil weckt zwei große Fragen, wirkt in zwei Richtungen: Es charakterisiert Opfer und Richter – und stellt beide zur Diskussion: Antje nennt viele Dinge „wertlos“. Frank benutzt „sinnlos“. Stefan „unwichtig“ – denn Antje sucht Werte, Sicherheiten. Frank Spielraum / Optionen. Stefan Pathos und Gewicht… Ich selbst, als Autor, überlege in jeder Szene: Was ist das Schlimmste, Unbequemste, das diese Figur jetzt hören könnte? Was macht das größte Fass auf? Was würde ein Erwachsener, in diesem Gespräch, für sich behalten?

  • Eins wollte ich dir seit Jahren sagen: Du bist ein richtig arroganter Sack!“, kläffte mich mit 15 ein Mathe-Lehrer an. Im Flur, drei Jahre, nachdem er mich zum letzten Mal unterrichtet hatte.

  • Sag nichts. Jedes Mal, wenn du den Mund aufmachst, kommt Scheiße raus“, riet mir mein Vater mit 14.

  • Du findest keine Freundin. Auch nicht mit 18 oder 19…!“, versprach Freund Frank – und war sicher genug, darauf Geld zu verwetten.

Bestimmt ließ ich selbst 100 Sätze fallen, die ebenso verletzend waren – und wäre „Zimmer voller Freunde“ ein Aufmarsch möglichst schlimmer Stimmen, Fehlverhalten, Machtspiele, Respektlosigkeiten, hätte ich Gesprächs- und Streitkultur von „Family Guy“ oder „Hausmeister Krause“ analysiert – nicht „Ugly Betty“: härter, hässlicher, gehässiger geht immer.

.

ub zvf.

Ugly Betty“ aber hat mir beigebracht…

  • mit möglichst klugem, präzisem Sticheln / Streiten Figuren (und ihre Unterschiede) möglichst dynamisch, klug, präzise szenisch auszustellen.

  • dass solche Streits besser werden, je klüger und gerechtfertigter alle Argumente, auf beiden Seiten, sind.

  • dass sich Figuren plump oder dreist verhalten können – ohne, Klischees zu bleiben.

.

Eine 42-minütige „Ugly Betty“-Episode braucht Bettys aufgekratzten Idealismus. Bübische Dummheiten von Daniel. Amanda als blondes Gift, Marc als gehässigen Clown, Wilhelmina als Hexe, Drache, Teufel in Prada. Und egal, wie viel Charakterentwicklung / Wachstum meine „Zimmer voller Freunde“-Teenager erfahren – Stefan ist altklug, forsch, verbohrt. Frank drückt leichthin auf jeden Knopf, der ihm begegnet. Antje findet jedes Jahr in jeder Suppe.

Brillant aber, wie „Ugly Betty“ diese „dicken Pinselstriche“ rechtfertigt, immer weiter denkt: Denn Daniel, Wilhelmina, Marc – zeigt sich sehr schnell – könnten auch anders. Sie wissen, was sie tun. Und alle senken die Masken – in überraschenden, überraschend plausiblen und oft: ziemlich rührenden / klugen – „Ich weiß schon, was ich tue!“-Momenten, gegen Ende einer Episode: Überzeichnungen, Klischees werden als bewusste Entscheidung gerechtfertigt / erklärt – weil sich diese Leute selbst zeichnen, absichtlich: „Klar bin ich bübisch / eine Hexe / Dummchen an der Rezeption: Das ist ja gerade der Clou…!“

In allen Machtspielen und Urteilen in Bettys Welt wird – passend für eine Serie über die Modebranche – nicht kritisiert, wer jemand IST… sondern stets, wie er sich präsentiert / gibt / inszeniert: Erfolg haben „Betty“-Figuren nicht, weil sie sind – sondern, weil sie sich bewusst (!) VERHALTEN, und wer in Fick-mich-Stiefel oder Jesuslatschen, Nerzmäntel oder „Guadalajara!“-Ponchos schlüpft, darf alle Privilegien nutzen, die mit solcher Kleidung / Auftritten kommen… doch muss alle Konsequenzen – und Kritik der restlichen Figuren – ertragen.

.

Die „Betty“-Schlaufe?

  • Eine (klischeehafte) Figur A bezichtigt eine (klischeehafte) Figur B der Klischeehaftigkeit.

  • B schießt – sehr klug – zurück, trifft wunde Punkte bei A…

  • erklärt / rechtfertigt ihr B-Verhalten überraschend plausibel…

  • und bringt A dazu, neu zu hinterfragen, ob / wie sie ihr A-Verhalten und ihre eigenen A-Klischees instrumentalisiert.

.

Künftig sehen Zuschauer – auch bei klischeehaften Auftritten von A oder B – einen Menschen, der sich entschieden hat, so aufzutreten. Und A und B können sich in neuen Streits – auf zwei Ebenen verhandeln: Sie können angreifen, wer sie sind. Und, wer sie scheinen / für wen sie sich zu sein entscheiden.

Braucht eine Szene Hexe, Clown oder Dummchen, liegen diese Archetypen – im „Ugly Betty“-Ensemble – griffbereit. Aber Zuschauer sehen statt der Hexe künftig eine Frau, die sich entschieden hat, Hexe zu sein. Verdoppelte Angriffsfläche. Verdoppelte Verwendungsmöglichkeiten. Neuer Text und neuer Subtext.

Doppelt komplex.

Aber, wenn’s denn sein muss: Immer noch (wunderbar) flach!

.

Ankucken – ein Bilderbuch-Beispiel aller Kinffe, die ich beschrieb:


.

Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

Erzählen / Schreiben… mit „Ugly Betty“

wordpress ugly betty.

Ich ignoriere Sitcoms, Kabarett, Comedians, Satire, „Spaß“-Lieder und -Videos, Komödien und alle Menschen, die Witze erzählen; verlasse den Raum oder starre zu Boden, bis Schenkel geklopft, Beifall geheischt, alle Häme ausgeschüttet wurde:

Ich habe keinen Humor“, rechtfertige ich mich.

Doch das ist… Quatsch:

Ugly Betty“ (ABC, 2006 bis 2010, vier Staffeln, 85 Episoden) trifft meine Tempo-, Sarkasmus-, Dialoggefechts- und Irrwitz-Ideale, konnte mich – als Drama und Comedy – zwei Jahre lang unterhalten, und heute finde ich große „Betty“-Stilmittel, erzählerische Spurenelemente in Serien wie „Glee“, „Girls“, „Happy Endings“:

.

  • Jede Szene zeigt einen Streit / harten Schlagabtausch.

  • Streitpunkte sind Ideologien: tiefe Unterschiede zwischen den Streitenden.

  • In einem Ensemble aus ca. 12 Figuren kann jeder jeden attackieren…

  • jeder (auch: Unsympathen / Antagonisten) kann jederzeit Recht haben

  • oder (auch: Helden / Sympathieträger) sich schlimm lächerlich machen.

.

In all diesen Debatten, Streits, Konflikten wird – trotzdem – deutlich:

  • Figuren respektieren ihre (fundamentalen) Unterschiede.

  • Autoren legen Wert auf Spannbreite, soziale, kulturelle, sexuelle, ideologische Vielfalt der Stimmen und Standpunkte.

  • und das ständige, raue Mit- und Gegeneinander zeigt: Es gibt distinkt verschiedene Arten, „erfolgreich“ oder „schön“ zu sein, „gute Arbeit zu leisten“ usw. Jeder kann von jedem lernen. Doch jeder kann auch – von jedem anderen – in die Tasche gesteckt, verletzt, großer Lächerlichkeit preisgegeben werden.

 .

Ugly Betty“ ist ein Aschenputtel- und Großraumbüro-Märchen, zu gleichen Teilen inspiriert von „Der Teufel trägt Prada“ (Buch: 2003, Verfilmung: 2006) und der kolumbianischen Telenovela „Y Soy Betty, La Fea“ (1999 bis 2001, auch Vorbild von „Verliebt in Berlin“ auf Sat.1, 18 Monate älter / früher als „Ugly Betty“):

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Betty Suarez, eine idealistische [wenn’s dem Humor dient: naive], enthusiastische [überdrehte] Latina aus Queens, wird über Nacht zur Assistentin / Sekretärin von Daniel Meade, dem bübischen [dumpfen], verspielten [gefährlich unreifen / ahnungslosen] Herausgeber des MODE Magazine.

Schnell versteht Betty, dass sie nur eingestellt wurde, weil Daniel mit allen bisherigen Sekretärinnen schlief: Niemand glaubt an Bettys Fähigkeiten – und niemand glaubt an Daniels Qualifikation, denn seinem Vater gehört die Verlags-/Pressegruppe. Vier Staffeln / Jahre lang sind Betty (später: als Autorin, Redakteurin) und Daniel vor allem beschäftigt, gegenseitige Patzer, Fehltritte und Überreaktionen auszubügeln. Prinzen und Telenovela-Romantik fehlen – denn Integrität, Loyalität, Selbstverwirklichung („Stil lernen“ vs. „Einfach-man-selbst-Sein“) und Karriere sind für die „Ugly Betty“-Figuren wichtigere Ziele.

Trotz allem Tempo, Schwung hätte mich das dauer-aufgeregte Fräuleinwunder (Peggy Olsen mit „Kinderkanal“-Look und -Attitüde…) schnell gelangweilt; stünden Betty und Daniel als Sympathieträger alleine in einer Welt klischeehafter „Reich und schön“-Figuren:

Bettys müde Schwester (Friseursalon, halbwüchsiger Sohn, Pech mit den Männern im Viertel), der fürsorgliche papi („Ich habe gekocht“, „Morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus“ etc.), Empfangs-Dummchen Amanda, Lakai / Schoßhund Marc und Hexe / Drache / „Medusa“ Wilhelmina Slater (Vanessa Williams), die vor 30 Jahren selbst Assistentin war – und Bettys Oversharing, Overcaring usw. am schärfsten kritisiert:

Ich tue nichts anderes als Scheiße dosieren“, schrieb Flaubert über die Arbeit an „Madame Bovary“ […behauptet Stephan Porombka auf Twitter].

Das leuchtet ein – denn auch meine „Zimmer voller Freunde“-Gespräche fordern oft die schlimmsten, unbequemsten, verletzendsten Sätze, die zwei Figuren wechseln können:

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Mein Ziel ist nie

  • Kontrahenten als Widerlinge, Feinde, trashige „Monster“ zu inszenieren.

  • kalkuliertes Mitleid / Schadenfreude zu wecken, indem ich Außenseiter / Minderheiten möglichst originell beschimpfen, bloßstellen lasse.

  • eine Kluft zu ziehen zwischen „klugen, guten“ Figuren und dem „Pöbel“.

  • meine Erzählwelt einfacher zu machen, indem Figuren leichthin Zuschreibungen, Schubladen, Vorurteile nutzen.

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Ein Mädchen stakst über die Kieswege des Bahnhofswiesenparks. Sie trägt einen Trekkingrucksack, Hochwasserhosen und ein unmögliches Regencape. […] Auf ihre Doc Martens hat sie Hippieblümchen gemalt, mit blauem Plaka-Lack. An ihrem Armband hängen Kronkorken und Kreuze. Gesicht und Arme sind, wie jedes Jahr um diese Zeit, voll heller Sommersprossen. […]

Wenn alles, was ein Fremder von uns sieht – Kleidung, Haltung, die Summe unserer Äußerlichkeiten – eine Art sichtbare Grenze darstellt zum versteckten, komplizierteren Innenleben, das man erst später, als Freund oder Vertrauter, zu überblicken lernt, wie man als Reisender ein fremdes Land entdeckt… dann ist sie Belgien. Ein Streifen Welt, in dem es nichts zu sehen gibt. Ein überraschungsloses Stückchen Mensch. Eine Landkarte ohne weiße Flecken. Hundert Prozent Klischees und Langeweile.“

(Stefan, über Nicht-Freundin Sassi, Zitat aus „Zimmer voller Freunde“)

Niemand urteilt schneller, bräsiger, gehässiger als Teenager. Nie wieder klaffen Anspruch und eigene Leistungen so weit auseinander. Die Elftklässler in „Zimmer voller Freunde“ haben einen sehr genauen Blick für Fehler, Schwachstellen, Heuchelei – doch eine furchtbar dünne Haut, pubertäre Hybris und zahllose eigene Angriffsflächen.

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Lüg dich nicht an: Alle hängen dich ab. Jeder sortiert dich aus! Wenn ich dein Leben hätte – ich würde mich im Wald verstecken und heulen.“ (Frank, zu Stefan, „Zimmer voller Freunde“)

.

Es gibt Neben- und Hauptfiguren.

Es gibt nur zwei bis drei bedeutungsvolle Menschen.

Es gibt Verlierer, die die Trost- und Sonderpreise kriegen.

Es gibt die Guten. Und den Rest.“ (Stefan, in Sortier-Laune, „Zimmer voller Freunde“)

.
‚„Der Frank ist ein ganz Lieber. Und anständig!“, sagt Carmens Mutter. „Ich finde, wir sind so richtig stolz auf den.“
Na ja…“, sagt Carmen.
Stolz? Auf was?“
Herlinde stockt. „Er ist…“ Sie überlegt.
Er hat ja schon…“, setzt Carmen an.
Dann wird sie still.
Sigrid gießt Kaffee fort. Man schweigt.‘

(die Frauen in Franks Familie, über Frank, „Zimmer voller Freunde“)

.

Jedes Urteil weckt zwei große Fragen, wirkt in zwei Richtungen: Es charakterisiert Opfer und Richter – und stellt beide zur Diskussion: Antje nennt viele Dinge „wertlos“. Frank benutzt „sinnlos“. Stefan „unwichtig“ – denn Antje sucht Werte, Sicherheiten. Frank Spielraum / Optionen. Stefan Pathos und Gewicht… Ich selbst, als Autor, überlege in jeder Szene: Was ist das Schlimmste, Unbequemste, das diese Figur jetzt hören könnte? Was macht das größte Fass auf? Was würde ein Erwachsener, in diesem Gespräch, für sich behalten?

  • Eins wollte ich dir seit Jahren sagen: Du bist ein richtig arroganter Sack!“, kläffte mich mit 15 ein Mathe-Lehrer an. Im Flur, drei Jahre, nachdem er mich zum letzten Mal unterrichtet hatte.

  • Sag nichts. Jedes Mal, wenn du den Mund aufmachst, kommt Scheiße raus“, riet mir mein Vater mit 14.

  • Du findest keine Freundin. Auch nicht mit 18 oder 19…!“, versprach Freund Frank – und war sicher genug, darauf Geld zu verwetten.

Bestimmt ließ ich selbst 100 Sätze fallen, die ebenso verletzend waren – und wäre „Zimmer voller Freunde“ ein Aufmarsch möglichst schlimmer Stimmen, Fehlverhalten, Machtspiele, Respektlosigkeiten, hätte ich Gesprächs- und Streitkultur von „Family Guy“ oder „Hausmeister Krause“ analysiert – nicht „Ugly Betty“: härter, hässlicher, gehässiger geht immer.

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ub zvf.

Ugly Betty“ aber hat mir beigebracht…

  • mit möglichst klugem, präzisem Sticheln / Streiten Figuren (und ihre Unterschiede) möglichst dynamisch, klug, präzise szenisch auszustellen.

  • dass solche Streits besser werden, je klüger und gerechtfertigter alle Argumente, auf beiden Seiten, sind.

  • dass sich Figuren plump oder dreist verhalten können – ohne, Klischees zu bleiben.

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Eine 42-minütige „Ugly Betty“-Episode braucht Bettys aufgekratzten Idealismus. Bübische Dummheiten von Daniel. Amanda als blondes Gift, Marc als gehässigen Clown, Wilhelmina als Hexe, Drache, Teufel in Prada. Und egal, wie viel Charakterentwicklung / Wachstum meine „Zimmer voller Freunde“-Teenager erfahren – Stefan ist altklug, forsch, verbohrt. Frank drückt leichthin auf jeden Knopf, der ihm begegnet. Antje findet jedes Jahr in jeder Suppe.

Brillant aber, wie „Ugly Betty“ diese „dicken Pinselstriche“ rechtfertigt, immer weiter denkt: Denn Daniel, Wilhelmina, Marc – zeigt sich sehr schnell – könnten auch anders. Sie wissen, was sie tun. Und alle senken die Masken – in überraschenden, überraschend plausiblen und oft: ziemlich rührenden / klugen – „Ich weiß schon, was ich tue!“-Momenten, gegen Ende einer Episode: Überzeichnungen, Klischees werden als bewusste Entscheidung gerechtfertigt / erklärt – weil sich diese Leute selbst zeichnen, absichtlich: „Klar bin ich bübisch / eine Hexe / Dummchen an der Rezeption: Das ist ja gerade der Clou…!“

In allen Machtspielen und Urteilen in Bettys Welt wird – passend für eine Serie über die Modebranche – nicht kritisiert, wer jemand IST… sondern stets, wie er sich präsentiert / gibt / inszeniert: Erfolg haben „Betty“-Figuren nicht, weil sie sind – sondern, weil sie sich bewusst (!) VERHALTEN, und wer in Fick-mich-Stiefel oder Jesuslatschen, Nerzmäntel oder „Guadalajara!“-Ponchos schlüpft, darf alle Privilegien nutzen, die mit solcher Kleidung / Auftritten kommen… doch muss alle Konsequenzen – und Kritik der restlichen Figuren – ertragen.

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Die „Betty“-Schlaufe?

  • Eine (klischeehafte) Figur A bezichtigt eine (klischeehafte) Figur B der Klischeehaftigkeit.

  • B schießt – sehr klug – zurück, trifft wunde Punkte bei A…

  • erklärt / rechtfertigt ihr B-Verhalten überraschend plausibel…

  • und bringt A dazu, neu zu hinterfragen, ob / wie sie ihr A-Verhalten und ihre eigenen A-Klischees instrumentalisiert.

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Künftig sehen Zuschauer – auch bei klischeehaften Auftritten von A oder B – einen Menschen, der sich entschieden hat, so aufzutreten. Und A und B können sich in neuen Streits – auf zwei Ebenen verhandeln: Sie können angreifen, wer sie sind. Und, wer sie scheinen / für wen sie sich zu sein entscheiden.

Braucht eine Szene Hexe, Clown oder Dummchen, liegen diese Archetypen – im „Ugly Betty“-Ensemble – griffbereit. Aber Zuschauer sehen statt der Hexe künftig eine Frau, die sich entschieden hat, Hexe zu sein. Verdoppelte Angriffsfläche. Verdoppelte Verwendungsmöglichkeiten. Neuer Text und neuer Subtext.

Doppelt komplex.

Aber, wenn’s denn sein muss: Immer noch (wunderbar) flach!

.

Ankucken – ein Bilderbuch-Beispiel aller Kinffe, die ich beschrieb:


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Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

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Erzählen / Schreiben… mit „Babylon 5“

wordpress babylon 5 story-arc.

Erzählerische Kniffe, Humor, Figuren von „Seinfeld“ wirken heute, über 20 Jahre nach den ersten Staffeln, recht angestaubt, konventionell: eine Alltags-Sitcom über misanthrope, weiße New Yorker Singles, verwöhnt und selbstbezogen. Moderne Zuschauer / Nachgeborene vergessen schnell (Link), wie viele Sitcom-Konventionen, -Standards erst in „Seinfeld“ ihre Form fanden:

Babylon 5“ (TNT / Warner, 1993 bis 1998, fünf Staffeln mit 110 Episoden, später mehrere Filme / Spin-Offs) zeigt Besatzung und Diplomaten / Botschafter einer Raumstation im Jahr 2258, die sich um Frieden zwischen Menschen und einem Dutzend fremder Völker bemüht. Eine Ensemble-Serie mit 20 zentralen Rollen, deutlich billiger inszeniert als die zeitgleich entwickelte „Star Trek“-Raumstation „Deep Space Nine“ (1993 bis 1999)…

aber mit Erzählfreude, langem Atem und der – damals: unerhörten – Ambition, einen komplexen, durchdachten, fünf Jahre langen „Story-Arc“ zu spannen:

  • Seinfeld“ prägte einen neuen Ton für Sitcoms / Comedy.

  • Babylon 5“ prägte Spannungsbögen, serialized Storytelling.

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Noch heute erzählen viele Serien „episodisch“ (in Deutschland: nahezu alle; in den USA: oft Produktionen des Konsens- und Berieselungs-Senders CBS). Statische Figuren, statische Konflikte, alle Fragen / Probleme zum Ende der jeweiligen Episode gelöst, bewältigt – ein schlichter, klarer, verlässlicher Status Quo, der acht, neun Jahre tragen kann, flexibel genug, um bockige Darsteller zu feuern / zu ersetzen, aber so simpel und einsteigerfreundlich, dass Episoden auch in falscher Reihenfolge oder mit großen Lücken verständlich bleiben.

Viele moderne (meist: einstündige) Drama-Serien dagegen versuchen sich seit „Babylon 5“ an einem durchgängigen Spannungsbogen: Jede Episode soll wichtig sein, Mosaikstein eines komplexen, sich langsam enthüllenden Gesamtbilds:

  • Grey’s Anatomy“, recht konservativ erzählt, plant zu Beginn eines Serien-Jahres Romanzen, Hochzeiten, Unfälle aller Figuren, „Character Arcs“ für jeweils 22 Episoden.

  • Lost“ hatte zwar zur ersten Staffel vage Ideen, was in Staffel 2 oder 3 geschehen kann. Doch erst im vierten Jahr, als ABC einen verbindlichen Endpunkt setzte (sechs Staffeln, 121 Episoden), planten die „Lost“-Autoren Abschluss, Auflösung, finale Dénouements.

  • Babylon 5“ ging einen Schritt weiter – mit einem konkreten Fünf-Jahres-Plan: 5 Staffeln, je 22 Episoden, verschlungene, von langer Hand geplante Routen, auf denen alle Völker, Figuren, Konflikte stimmige, oft tragische / überraschende Endpunkte erreichten.

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US-Schauspieler dürfen sechs Jahre lang für eine Serie unter Vertrag genommen werden – vor Staffel 7 beginnen neue, zähe Verhandlungen. Eine Stunde US-Prime-Time-TV hat fünf Werbeblocks – und viele Drama-Serien-Drehbücher damit fünf Akte und einen Teaser / Prolog. Ein Spielfilm-Drehbuch hat drei – ungleich große – Akte und in der Mitte einen zentralen Wendepunkt… oft also eine Art Vier-Akt-Struktur.

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Persönlich leuchten mir – seit „Babylon 5“, 1998 – Fünf-Akt-Strukturen ein:

  • Exposition: Figuren. Orte. Fragen. Rätsel. Ärger!

  • Steigerung: Böse Überraschungen. Hässliche Wahrheiten. Eskalation!

  • Peripetie: Lösungen, Ziele, Hoffnung? Nein: Alles ändert sich.

  • retardierendes Moment: Scheitern. Patts. Stolpern. Die Zeit rennt fort.

  • Katastrophe: Jeder weiß jetzt, was er tun muss. Wählt, kämpft. Zahlt seinen Preis. Konsequenzen!

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Trotz bester Absichten hatte „Babylon 5“ Schwierigkeiten: Fast 20 erste Episoden, die ein Gefühl falscher Sicherheit vermitteln wollten – aber nur langweilten. Ein Hauptdarsteller, Michael O’Hare, dessen Figur zur zweiten Staffel ersetzt werden musste, und drei zentrale Frauen – Lyta, Talia, Susan Ivanova –, deren Character-Arcs verschoben / auf Ersatz-Figuren übertragen wurden: Staffel 4 führte alle Konflikte hastig, überstürzt zu Ende, weil eine fünfte Staffel fraglich schien… und als Jahr 5 doch noch bewilligt wurde, fehlten dieser letzten („Post-Script“-)Season Überraschungen.

Staffel 2 und 3 von „Babylon 5“ aber sind eine atemblose, klug orchestrierte Parade, nein: Lawine hässlicher Wendungen, Katastrophen und unerhörter, das Macht- und Figurengefüge der Serie erschütternder „Wham-Episodes“ (Link) und „Nothing is the same anymore!“(Link)-Enthüllungen: Mit jeder Szene wird alles schlimmer, schneller, dunkler und globaler / epischer. Sog! Tempo! Dringlichkeit!

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Für „Zimmer voller Freunde“ halfen „Babylon 5“ (und / aber: auch viele misslungene Handlungsbögen, z.B. bei „Veronica Mars“, „Akte X“, „Battlestar Galactica“, „Lost“, „Avatar – Herr der Elemente“) auf mehreren Ebenen:

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Die Umbrüche / Katastrophen / Entscheidungen, die ich behandeln will, geschahen (biografisch) zwischen…

  • 1997 (…ich war 14, Ende der achten Klasse), und

  • 2003 (…ich war 20, fertig mit Zivildienst / FSJ, bereit, Heimat und Freunde zu verlassen.)

Mein letzter möglicher „Vorher“-Zeitpunkt – bevor Stoff, Antje, Helena, Sassi, Frank etc. kollidierten – war Spätherbst 1999, Klasse 11; der frühstmögliche Punkt, unsere Geschichten schlüssig zu beenden, das Abitur, Juni 2002: Idealerweise, wenn Leser / Finanzen und Gesundheit stimmen, setze ich „Zimmer voller Freunde“ sofort fort, mit einem Buch über 2000 / 2001, und einem Abschlussband, bis 2002.

Ein „Zimmer voller Freunde“-Kapitel…

  • hat 12 bis 19 Seiten.

  • wird aus der Perspektive von Antje, Stefan oder Frank erzählt.

  • und jeweils sechs Kapitel, ca. 85 Seiten, ergeben einen Akt.

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Anfangs schienen fünf Kapitel pro Akt stimmiger, „symmetrischer“ – doch dieser Fünfer-Rhythmus wird durchschaubar / monoton, weil er nur folgende Optionen / Einteilungen erlaubt:

  • 2 (selten: 1) Kapitel von Frank.

  • 2 (selten: 1) Kapitel von Stefan.

  • Kapitel von Antje… so viele wie möglich / übrig.

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Ich stellte Akt 1 eine kurze, griffige Eröffnungsszene voran – szenischer / linearer als gewöhnliche Kapitel: ein Prolog / Teaser, in dem Stoff eine überraschende Rolle spielt; und entschied, jeden Akt mit einer (kurzen, schnellen, suggestiven) sechsten Szene im selben Stil zu schließen:

  • Prolog, Juni 1999: Stoff, via Antje.

  • Akt 1, Juli 1999: Kapitel Stefan – Frank – Antje – Stefan – Frank.

  • sechste Szene, Juli 1999: Stoff, via Stefan.

  • Akt 2, September 1999: Kapitel Frank – Stefan – Antje – Stefan – Frank.

  • sechste Szene, September 1999: Stoff, via Sassi… etc.

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Das klingt abstrakt, verkopft – doch fügt sich schnell zu einem dynamischen, guten „Stundenplan“ – fünf Akte / „Wochentage“, je sechs Kapitel / „Fächer“ – flexibel genug, drei Handlungssträngen (Antje, Stefan, Frank) zu folgen, ohne, dass Leser sofort errechnen, welche Figur „als nächstes kommt“:

  • 30 Kapitel (und ein Prolog).

  • 5 Akte: Juli, September und Dezember 99, Mai und Juli 2000.

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Wordpress Romanplan.

Die Handlung des Romans beginnt so spät wie möglich (…keine 20 Kapitel „falsche Sicherheit“, kein langsames in-die-Gänge-Kommen) – doch alle Figuren starten an Orten, absichtlich weit entfernt von ihren jeweiligen Zielen: „Babylon 5“ zeigt einen Feigling, der fünf Jahre später seine Heimatwelt regiert, einen Terroristen, der zum Gelehrten / passiven Widerständler wird, Freundschaften, Gelöbnisse, Allianzen, die überraschend zerbrechen:

Erzähler, die solche Endpunkte schon zu Beginn mitdenken, können sich die jeweils klügste, dramatischste Route wählen, die jede Figur auf ihrem Character-Arc zurücklegen wird. Entsprechend viele Probleme, Ängste, Konflikte, die real / biografisch schon 1997, 1998 bewältigt wurden, bleiben bei „Zimmer voller Freunde“ in der Gegenwart – Sommer 1999 bis Sommer 2000: Ereignisse, Tagebücher, Entwicklungen von 1997 bis 2003 – das wären sechs langsame, getrogene Romane – oder eben: drei schnelle, furiose.

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Meine wichtigste Lektion aus „Babylon 5“ handelt vom Vertrag, den Leser und Autor zu Beginn einer Geschichte schließen:

The Coming Of Shadows” [Staffel 2, Episode 9] „…[is] a defining moment in the series’ run, a dividing line between what came before and everything after. […] This is a specific event where the rules that viewers thought would hold true for the entire series are no longer true. But this isn’t just an issue of unexpected plot twists. It’s the way those twists are portrayed via magnificent moments, like an instant of horrible luck destroying the possibility of peace. It’s the way a year of developing characters who seem to embody right and wrong is flipped entirely in a scene of impressive dramatic irony. Before the mid-’90s, television didn’t work this way. Babylon 5 was one of the series that opened the door to the possibility that good wouldn’t always defeat evil, when a space station devoted to peace ended up triggering a war.

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schreibt Rowan Kaiser auf AVClub.com (Link) – und zeigt: „Babylon 5“ wirkt so dynamisch, dramatisch, unerhört, weil Regeln, Gewichte und Strukturen, die sich die Serie zu setzen schien („Wer sind die Hauptfiguren?“, „Wer sind die Guten?“, „Was ist Funktion, Anspruch, Hoheitsgebiet dieser Station?“) Stück für Stück verdreht, ersetzt, auf den Kopf gestellt wurden:

Eine Welt / Konzept / Ensemble mit klaren Parametern…

die so rasant und tiefgreifend ersetzt / verwandelt werden…

bis sich, endlich zeigt:

Es ging – von Anfang an! – um eine andere, komplexere Welt, Parameter, die die handelnden Figuren lange nicht bemerkten oder begriffen.

Die Rollen, die jeder zu spielen glaubt, sind ganz anders als die, die er schlussendlich spielt.

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Zimmer voller Freunde“ (Link) handelt…

von Schulhof-Casanova Frank, der alles tut, um „eine liebe Freundin“ zu finden.

von Außenseiter Stefan, der alles tut, um seine Freundschaften mit Stoff (stolz, schnippisch) und Helena (schüchtern, verkopft) zu retten.

von Antje, allein, nervös, die alles tut, um neue Ordnung / Sicherheit in ihre Familie zu bringen.

Schwerpunkte, Helden, Lebensziele und Allianzen meines Romans sind leicht verständlich, klar benannt – eine süffige, leicht erzählte Geschichte mit Sympathieträgern und Gegnern, Freunden, Außenseitern, Rivalen, Schurken, klaren Zielen. Und / aber, dahinter: eine andere, größere Geschichte. Die nicht im Exposé steht. Oder im Klappentext:

Atemberaubend, unerhört an „Babylon 5“ waren nicht die Schlenker, Ausfallschritte und Saltos, die diese Serie fünf Jahre lang, in fünf dramaturgisch (meist / überraschend:) stimmigen Akten, schlug – sondern, wie Autoren jedes Jahr sehr überzeugend versicherten: „DAS wäre zuviel!“, „DAS ist nicht drin!“, „DIESE Leute sind sicher!“, „HIER ist die Grenze!“…

nur, um alle Grenzen – lustvoll, dramatisch, überraschend! – zu überschreiten.

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Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

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Erzählen / Schreiben… mit „Neon Genesis Evangelion“

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Viele Serien haben zwei, drei starke Schlüsselreize, mit denen sie Zuschauer locken, Programmnischen besetzen, Zielgruppen abstecken: ein Publikum an sich binden.

Sailor Moon“ – 1992 bis 1997, 200 Episoden, TV Asahi (Japan) – hat ungefähr dreihundert:

Freundschaft! Schulmädchen! Zauberei! Dämonen, Hexen, Reinkarnation! Slapstick! Science Fiction! Romantik! Achtklässler als Superheldinnen! Schleifen! Sternchen! Kätzchen! Zeitreisen! Ein stolzes, glückliches Lesbenpaar!

Das – von mir lange unterschätzte – Alleinstellungsmerkmal, das junge Frauen an die Serie (und den zugrunde liegenden Manga) band, war ihr Ensemble: erst fünf, dann zehn, am Ende dreizehn verschiedene Mädchen, die – als Freundinnen, als Kriegerinnen, als Team und in verschiedenen Paaren / Konstellationen – kämpfen, feiern, arbeiten, lernen und reisen. Freundschaft als Rückhalt, Band, Quelle innerer Kraft und Lebensmittelpunkt, stärker als der Tod, zäher als die Zeit – zwischen Mädchen unterschiedlichsten Charakters (und: mit den seltsamsten Haarfarben!).

Jedes Ensemble, in dem ein Mädchen / eine Frau Platz findet, macht – in Positionierung, Wertschätzung, Prioritäten, Erfolg oder Misserfolg dieser Frauen-Figur – Aussagen über Gewicht und Rolle der Frau „an sich“. Ensembles aber, die zwei oder mehr Frauen einbauen, zeigen (automatisch):

  • Frauen haben verschiedene Rollen, Chancen, Potenzial.

  • Frauen haben verschiedene Möglichkeiten, diese Rollen („erfolgreich“) zu füllen.

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Representation matters“, sagen Akademiker, Feministen, Zuschauer-Lobbys – und werfen Fragen auf wie:

  • Warum sind alle Frauen in den Comics des DC-Verlags schlank?

  • Warum waren bis vor 15 Jahren Sitcoms über schwarze Mittelklassefamilien Mainstream, doch heute nur Nischenprogramm auf Nischen-Sendern?

  • Warum finden im Ensemble von „Verbotene Liebe“, einer Soap mit 24 Hauptrollen, wenige Spanier, Latinos, Figuren aus Urlaubsländern Platz… doch in fast 20 Jahren keine Figur mit russischem, polnischem, türkischem Hintergrund?

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Bechdel-Test (Link): bestanden!

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Für „Zimmer voller Freunde“ habe ich kein Ensemble entworfen: Ich wollte ein Jahr meiner Jugend beschreiben, in dem Freundschaften zerbrachen, Konflikte eskalierten, Porzellan zerschlagen wurde. Ein Scharnier. Ein Kahlschlag. Ein Anfang: Stefan ist 16 und verlor – über Nacht, ohne Erklärung – den Anschluss an seinen Freundeskreis. Helena, Stoff, Sassi meiden ihn. Er will zurück in ihre Clique, um jeden Preis. Ein klarer Konflikt.

Eine Hauptfigur. Drei Frauen.

Kontrastiert, ergänzt, gestört wird dieser Plot durch Freund Frank – ein kluger, chronisch gelangweilter Oberstufen-Casanova, erfahrener, geschickter, hungriger, schneller, den Eltern, Partner und Lehrer ermahnen, dass er sich Zeit lassen soll: ein Kompromiss-Gebrauchtwagen, eine Kompromiss-Beziehung, drei letzte Kompromiss-Jahre, bevor er ausziehen, ein Erwachsenenleben führen darf – wäre das zu viel verlangt?

„Frank war am Freitag be Renault: Der Neuwagen, den er braucht, kostet 24.700 Mark. „Nur für ein Auto? Halt dein Geld zurück. Denk an die Zukunft!“, sagte Carmen.

Aber das ist die Zukunft!

„Ich bin fast 18 – soll ich warten, bis ich 40 bin?“

„Du brauchst kein Auto, Frank: Wir fahren dich überall hin. Bau einen Unfall, und dein Geld ist weg. Mach einen Fehler, und du hast alles verloren.“

[Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Zwei Perspektiven – und parallele, eigene Geschichten –, die ich seit (etwa) 2006 erzählen will, zwei Protagonisten, deren Welten, Prioritäten (und: Unterschiede) ich verstehe, aus dem Teil meiner Jugend / Gegenwart, von dem ich weiß:

  • Dem werde ich erzählerisch gerecht.

  • Das stand noch nicht in 15 anderen Romanen.

  • Falls ich (nur) Zeit habe, ein Buch zu schreiben, kreuzen sich hier, in diesen beiden Schüler-Leben, im Schuljahr 1999 / 2000, die Fragen, Konflikte, über die ich schreiben will.

Soviel zu allem, was ich „mitbringe“ – Rohmasse, Prägung, biografisches Material. Das Zeug, das „raus will“: Gruppen, Freundschaft, Rivalität. Heimat, Familie, Ambition. Kompromisse, Verlust. Sexualität. Fernsehen. Tagebücher. Zeitgeschichte.

Freundin A. hat eine – zwanglose, persönliche – Vorliebe für Gruppen: Oft schart sie „Herden“ um sich, ohne, es zu merken. Freunde treffen die Familie. Kinder spielen mit Hunden. Verwandte bringen Freunde mit… und plötzlich sitzen wir zu acht, zehnt, zwölft am Esstisch, „Suppe haben wir auch noch!“, „Bleibt gerne: Gleich kommen die anderen vorbei!“, „Wartet! Ihr da vorne – die kommen nicht hinterher!“.

Mein Ideal von sinnvoll / gut verbrachter Zeit sind Zweiter-Aktivitäten: Einem Gegenüber kann ich zuhören, einem Freund werde ich gerecht. Im Pulk verreisen, essen, spazieren, zu fünft Entscheidungen treffen, zu zehnt Prioritäten setzen, in einer Clique, Klasse, Großfamilie, Redaktion um Aufmerksamkeit betteln… menschlich ist mir das ungeheuer lästig.

Nur literarisch macht es ungeheuren Sinn:

Frank schreibt am 8. August 1999: Vorhin war ich mit Stefan und den Ridgebacks im Wald. […] Danach haben wir uns „Dawson’s Creek“ angetan. Die Kinder aus Creek nehmen jeden Scheiß ernst. Sie übertreiben sich und machen aus Sex einen Elefanten. Stefan hat mir mal einen Tag aus seinem Timer vorgelesen, um zu beweisen, dass er spannend ist. Sein Tag war drei Times-New-Roman-Seiten lang. Es stehen zwar Gedanken drin. Aber auch sehr viel Mist!

Ich habe noch nie in meinem Leben drei Seiten erlebt. So etwas gibt es nicht, wenn man 10.-Klässler ist.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Zimmer voller Freunde“ hätte ein hastiger, glatter Roman werden können über einen Außenseiter, Stefan Mesch, und seine Startschwierigkeiten mit Freundschaft (Stoff), Liebe (Helena), Konkurrenz (Frank):

Die Menschen in Stefans Welt wären dabei weniger Menschen – als rhetorische „Widerstände“: Stefan-Mesch-Kontraste, Stefan-Mesch-Sparringpartner, die, als Stefan-Mesch-Antipoden, helfen, die Stefan-Mesch-Geschichte möglichst effektiv, dramatisch zu erzählen. Eine Hauptfigur – und eine Welt aus Nebenrollen, die dieser Figur zuspielt.

2009 beschlich mich der Verdacht, dass ich ein… Jugendbuch (?) plane. 2010, vierzig Young-Adult-Romane später, konnte ich die Frage verneinen: Im YA-Genre läuft alles auf den Helden zu. Nicht jede Hauptfigur ist „glatt“, einfach und „offen“, lädt ein zur reibungslosen Identifikation. Doch oft bleiben Perspektive und Nebenrollen solipsistisch: Ein Teenager – und wie er seine Welt sieht.

  • Mitfiebern, Eintauchen: Identifikation

  • Nebenrollen, im Kreis oder sternförmig auf die Hauptfigur ausgerichtet

  • Ein Milieu, ein Konflikt; fast immer: nur eine Perspektive.

Zimmer voller Freunde“ stellt drei Figuren gegeneinander: Stefan (als Ich-Erzähler / Autoren-Ich), sein bester Freund (?) Frank und ein Mädchen aus dem Schulbus, das beide kaum kennen: Antje. Alle drei gehen in dieselbe Schule in der Kreisstadt. Und alle drei wollen – aus jeweils anderen Absichten und Gründen – Zugang zu einer kleinen Wohnung. Drei einzelne, zunächst getrennte Handlungsstränge. Und dann: ein Schuljahr voller Kollisionen.

Für „Zimmer voller Freunde“ habe ich kein Ensemble entworfen. Doch sehr lange malte ich Netze, Gitter, Pfeile, strich Freunde, Partner, Geschwister, Lehrer, schob Rollen in- und auseinander, im Mittelpunkt ein Protagonisten-Dreieck, Stefan-Antje-Frank, und das Bemühen, alle anderen Rollen so auszurichten, dass…

  • sie Stefan wie Frank etwas jeweils eigenes bedeuten.

  • augenfällig mehr sind als die Summe ihrer jeweiligen (Doppel-)Rollen / Funktionen.

  • Antje einen frischen, skeptischen, genuin dritten Blick werfen kann.

Mühevoll war nie, Konflikte dreier – jeweils auf eigene Weise: toll bekloppter – Protagonisten klug gegeneinander auszuspielen (Zopfdramaturgie (Link), unzuverlässige Erzähler (Link), Rashomon-Effekt (Link), bla blubb…), sondern, für all ihre Gegenüber stimmige, differenzierte Positionen zu schaffen. Am Ende – im Sommer 2008 – half mir ein Text (Link) über „Harry Potter“ und „Neon Genesis Evangelion“, eine Science-Fiction-Anime-Serie, 1995, 26 Episoden, TV Tokyo.

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nur ein Trio, das nicht nebeneinander steht: Ritsuko (ganz links) und Misato / Ryoji (ganz rechts, mit Kreuzen)

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Im Zentrum von „Evangelion“ (und „Harry Potter“, und „Zimmer voller Freunde“) steht ein „Power Trio“ (TV Tropes, Link), drei Figuren mit unterschiedlichem Blick und komplizierter Dynamik – eine gängige Helden-Konstellation: Kirk, Spock, McCoy („Star Trek“), Pippi, Thomas, Annika („Pippi Langstrumpf“), Luke Skywalker, Han Solo, Leia („Star Wars“), Ash, Rocko, Misty („Pokémon“), „Die drei Fragezeichen“, „Die drei Musketiere“, „Drei Engel für Chalie“ usw..

Das Besondere an „Harry Potter“ und „Evangelion“ ist, dass ihre (sehr großen, potenziell unübersichtlichen) Ensembles das zentrale Protagonisten-Trio spiegeln – und also: die Nebenrollen als eigene, kontrastierende Trios anordnen:

  • drei (14jährige) Protagonisten: Shinji, Rei, Asuka

  • drei (erwachsene) Mentoren: Misato, Ritsuko, Ryoji

  • ein Trio aus Mitschülern (Toji, Hikari, Kensuke), ein Trio aus Technikern (Makoto, Maya, Shigeru), ein Trio aus A.I.s / Computern (Caspar, Melchior, Balthasar), ein Trio aus UN-Organisationen (NERV, SEELE, GEHIRN).

 .

Zimmer voller Freunde“ benutzt eine eigene Variante:

  • drei Perspektivträger / Hauptfiguren: Stefan, Frank, Antje.

  • drei Menschen [rot markiert], die zwischen sie geraten / für jeweils zwei von ihnen sehr unterschiedliche Rollen / Bedeutungen einnehmen.

  • drei Figuren [blau markiert] als Gegenstimmen, Komplikation für jeweils eine Haupt- und eine „rote“ Figur.

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Figuren ZvFdrei Erzähler – und die sechs wichtigsten Figuren, die sie umgeben.

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In meinen Tagebüchern und Antjes, Franks und meinem realen Schuljahr 1999 / 2000 spielten 60, 80 Menschen ihre Rollen. In „Zimmer voller Freund“ sind es unter 30 – und sobald neun zentrale Figuren, in ihren Dreier-Konstellationen, gesetzt waren, fügte sich der Rest.

Ziel des Romans war nie, autobiografisch zu erzählen, möglichst perfekt abzubilden, was MIR vor beinahe 15 Jahren, auf einem Provinzgymnasium, mit einer Handvoll Freunden widerfuhr. „Zimmer voller Freunde“ ist… breiter:

  • Menschen haben verschiedene Rollen, Chancen, Potenzial.

  • Menschen haben verschiedene Möglichkeiten, diese Rollen („erfolgreich“) zu füllen.

Stefan Mesch, 16 Jahre alt, Protagonist und Ich-Erzähler, glaubt, er stünde – allein, stolz, kontrolliert und würdevoll – im Mittelpunkt seines Jugendbuchs, Bildungsromans, Ensemble-Dramas:

Ich schreibe Timer.

Ich schreibe zwei oder drei Seiten jeden Tag, 200 Einträge pro Jahr.

Es gibt zehntausend Dinge, die ich nicht kann oder nicht will – doch das kann ich: Ich schreibe auf, was uns passiert und mache daraus ein dramatisches, tiefgründiges Ensemble-Drama.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Stefan Mesch irrt.

Er ist einer von dreien. Einer von neun. Einer von beinahe 30.

und wie dieser Irrtum Stefan einholt / überrumpelt, ist eines meiner Haupt-Erzählvergnügen.

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Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

„Zimmer voller Freunde“: A Look at the Characters (1)

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This is part of a series of loose and informal musings / lists about my work on „Zimmer voller Freunde“, my first novel. To see a list of all „Zimmer voller Freunde“-related posts [most of them in German], go… here [Link]!

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„Zimmer voller Freunde“ is a coming-of-age novel set in 1999. It features three small-town kids – two boys, one girl – who ride the same school bus…

…and the friends, parents, teachers and romantic partners they clash with over the course of 11th grade.

There are three diaries. Multiple perspectives. An ensemble of teenaged characters, dealing with small-town crises. And there’s TV, identity, nostalgia, belonging and remembrance.

A corny / ironic pitch? Marcel Proust meets „Beverly Hills, 90210“.

A more serious (if equally preposterous) pitch? John Updike meets „Dawson’s Creek“.

To get an idea about the themes / style / tone, go here (Link).

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Today, I want to take a closer look at the defining tropes / character traits of my main character…

…a guy named Stefan:

I’m a big fan of Anti-Heroes, Unreliable Narrators and interesting Character Flaws:

I don’t like Jerkasses or Complete Monsters

…but I think that – both in fiction and in real life – a person’s flaws (and their ways to deal with / rise above them) are what makes people interesting, unique and strong.

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My main character (Link)

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For better (Link) or worse (Link), Stefan wants to:

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What is unique / memorable / problematic about him?

… his work ethic:

… his elitism / brashness:

… his ideas about friendship:

  • Muse Abuse: Exploits their real life and the people around them for the sake of their art, with harmful results.
  • Lack of Empathy: Does not have the ability to understand and share the feelings of another.
  • Horrible Judge of Character: Implicitly trusts people who should really not be trusted.

… his ideas about romance:

… his competitive, all-or-nothing approach to cliques and popularity:

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Are there strengths / good things about him, too?

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Stefan is an Author Avatar (Link).

…but at the same time, he’s:

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Some general similarities he shares with the other two main characters?

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Related Posts:

„Nichts werden macht auch viel Arbeit“: Autorin Anne Köhler im Interview

frech vom Bildschirm abfotografiert: fünf Praktikantinnen des DuMont-Verlags mit Anne Köhlers Bericht/Sammlung „Nichts werden macht auch viel Arbeit“, 2010.

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Letzten Oktober interviewte ich meine Hildesheim-Kollegin, Autorin, Journalistin und passionierte Nebenjobberin Anne Köhler zu ihrem neuen Buch „Nichts werden macht auch viel Arbeit: Mein Leben in Nebenjobs“ für das Karriere-Ressort bei ZEIT Online.

Hier ist die (deutlich längere), erste Version unseres Gesprächs: weniger geschliffen – aber mit mehr Details zu Annes Methodik, Erfahrungen und eigenen Interessen.

Eine Art Director’s Cut. Viel Spaß!

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„Meine Interessen sind ärgerlich vielfältig.“

Seit fünfzehn Jahren wechselt die Autorin Anne Köhler ihre Jobs: Ein Interview über Selbstverwirklichung – und Existenzangst.

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Anne Köhler: ‚Nichts werden macht auch viel Arbeit. Mein Leben in Nebenjobs‘

DuMont Verlag, Köln 2010.

Perlentaucher (Link) | Amazon.de (Link) | Goodreads.com (Link)

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Stefan Mesch: ‚Anne und ihre Jobs‘ hieß die Kolumne, für die du deine Arbeit in 21 Studiengängen, Praktika und Aushilfsjobs beschrieben hast. Jetzt sind die Texte als Buch erschienen, „Nichts werden macht auch viel Arbeit. Mein Leben in Nebenjobs.“ Womit begann deine Karriere?

Anne Köhler: Ernsthaft begann sie wohl, als ich verstand, wie enorm hilfreich es ist, fünf Jahre alt und süß zu sein: Ich konnte an den Haustüren im Dorf selbstgepflückte Blumensträuße verkaufen. Ich habe viel früh ausprobiert, als Schülerin in der Gärtnerei gejobbt, mich in der Jugendpolitik engagiert, in den Ferien als Kinder- und Jugendbetreuerin. Das waren erst Versuche, mit viel Spaß verbunden. Irgendwann ging es dann mehr darum, Geld verdienen zu müssen – und damit veränderten sich auch die Jobs.

Stefan Mesch: Ende der Neunziger, nach deinem Abitur, hast du Architektur und Kunstgeschichte in Berlin studiert und nebenher bei der Post und als Messehostess gearbeitet. Doch du hast alles abgebrochen: die Studiengänge und die Jobs.

Anne Köhler: Ich wusste, dass ich Kunst studieren will, aber dafür muss man Mappen füllen, für die Bewerbung und die Aufnahmeprüfungen. In jeder Mappe mussten Originale sein, und weil die Bewerbungsfristen oft in den gleichen Monaten lagen, waren nicht mehr als 1 bis 2 Bewerbung pro Jahr zu schaffen. Ich konnte mir für diese „Mappenphase“ nicht vorstellen, dass es für mich gut wäre, nur alleine mit mir zu arbeiten. Darum waren Architektur und Kunstgeschichte nahe liegende Fächer: Ich wollte möglichst viel lernen. Ich glaube auch, dass mich diese Zeit tatsächlich sehr im Positiven geprägt hat. Doch trotz drei Jahren Vorbereitung hat es dann nie zum Kunststudium gereicht – ich war immer ganz gut, aber nie gut genug. Keiner konnte mich richtig einordnen, denn ich habe schon damals sehr viel mit Texten gearbeitet.

Stefan Mesch: Früh morgens im Postzentrum Briefe zu sortieren war ein recht angenehmer Nebenjob für dich, aber das Kellnern auf der Messe fiel dir furchtbar schwer.

Anne Köhler: Wenn du für wenig Geld im Nadelstreifenkostüm und auf hohen Schuhen zwölf Stunden lang bis tief in die Nacht gekellnert hast, träumst du von einer Welt ohne Schmerzen in den Füßen. Aber das Deprimiendste ist wohl, wenn du so einen Job nur des Geldes wegen machen musst: Dann verliert man schnell die Lust und bringt immer weniger Energie dafür auf. Auf lange Sicht hat davon keiner etwas.

Stefan Mesch: Dein letztes Studium wolltest du beenden, Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. War es ein gutes Gefühl, 2006 Diplom zu machen?

Anne Köhler: Ich fing in Hildesheim erst im Studiengang Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis an – meine Schwerpunkte waren Malerei, Bildende Kunst und Fotografie; das Kreative Schreiben nur eines der vielen Zusatzfächer. Aber im Lauf der Zeit wurde es immer wichtiger. Man fühlt sich ja schon ein bisschen blöd, wenn man so viele Studiengangswechsel erklären muss. Aber heute denke ich, dass sich darin vielleicht einfach ankündigte, wie mein Leben später verlaufen wird: Meine Interessen sind ärgerlich vielfältig. Das Schreiben ist die Basis. Etwas, was immer da war und wohl auch immer bleibt. Ob dazu ein Diplom nötig ist, muss jeder selbst entscheiden. Aber für mich persönlich war es irgendwie schon wichtig, mal etwas zu Ende zu führen… auch, wenn bis heute nie jemand nach diesem Diplomzeugnis fragte!

Stefan Mesch: Jetzt jobbst du seit vier Jahren in Berlin. Wie läuft da ein typischer Tag ab? Was hast du heute gemacht?

Anne Köhler: Na, heute ist ja Sonntag! Nicht, dass das an meinem Rhythmus sehr viel ändert, aber ich hatte vor, heute nur Freizeit-Dinge zu tun. Aber jetzt führe ich ein Interview und feile am Exposé zu dem ‚Roman-Dings‘, an dem ich schon lange arbeite. Und morgen früh bin ich im Nachbarschaftsbüro: Das Büro ist im Wochenrhythmus abwechselnd bei mir im Arbeitszimmer und bei einem befreundeten Autor. Fünf Tage pro Woche sind wir bis mittags zu zweit, trinken viel guten Kaffee und sitzen bienenfleißig am selben Schreibtisch. Jeder arbeitet an seinem Text, doch manchmal schauen wir uns über die Bildschirme hinweg an und seufzen oder nicken verständnisvoll, strecken die Arme nach oben, machen Kaffeepause… Wir ringen nach Luft. Wir suchen nach Wörtern und Sätzen. Nachmittags ist dann Zeit für Nebenjobs. Im Moment halte ich auch nach Kneipen Ausschau, in denen ich kellnern kann.

Stefan Mesch: Die größte Mühe scheint oft, eine brauchbare Balance zu finden.

Anne Köhler: Am liebsten nutze ich die Zeit für meine Texte, aber sobald ich Geld brauche, schaue ich, was sich auftreiben lässt. Das kann beinahe alles sein – Sekretärin, Köchin, Journalistin, Küchenhilfe oder Kellnerin. Die Zeiträume, die ich allein mit Schreiben verbringe, dürfen gerne größer sein. Aber ich will die Abwechslung nicht missen, die meine Nebenjobs bringen: Man lernt etwas dazu, findet neue Menschen und Perspektiven…

Stefan Mesch: …und wird für wenig Lohn ausgenutzt.

Anne Köhler: Viele Jobs sind völlig unangemessen bezahlt. Wenn man für fünf Euro pro Stunde in der Silvesternacht alleine in der Kneipe schuftet, fragt man sich schon, warum man das überhaupt zulässt. Es ist auch anstrengend, sich Sorgen um die Miete machen zu müssen. Von Dingen wie Vorsorgen und Versicherungen ganz zu schweigen!

Stefan Mesch: Denkst du, Frauen laufen stärker Gefahr, als schlecht bezahlte Servicekraft ausgebeutet zu werden?

Anne Köhler: Das ist jetzt wohl so eine Gender-Frage. Ich habe keine Ahnung, denn ich bin ja immer als Frau unterwegs. Ich vermute aber, so lange es mehr Frauen in Service-Jobs gibt, werden sie dort auch stärker ausgebeutet. Bei meinen Nebenjobs gab es bisher nie Unterschiede in der Bezahlung – aber vielleicht haben es Männer auch schwerer, flexible Servicejobs zu finden?

Stefan Mesch: Oder sie stehen stärker unter Druck, „richtiges“ Geld zu verdienen, Versorger zu sein?

Anne Köhler: Ich wäre gerne Mitversorger! Ich könnte mir auch nicht vorstellen, mit dem Arbeiten aufzuhören, wenn ich mal Kinder bekommen sollte. Insofern müsste mein Mann heute keinen größeren Druck spüren, viel Geld zu verdienen, als ich selbst.

Stefan Mesch: Trotzdem könntest du im Moment keine Familie versorgen. Was heißt das für die Liebe? Genießt du diese Freiheit – oder fürchtest du dich auch?

Anne Köhler: Und ob ich die Freiheit genieße! Und klar fürchte ich mich! Aber nicht die ganze Zeit: Ein Kind würde viel verändern. Ich würde dann vielleicht auch mehr Kompromisse eingehen, was meine Jobs angeht. Aber ich glaube trotzdem, dass ich auch das hinkriege: Im Idealfall hat man ja auch noch einen Partner, für den dasselbe gilt. Dann muss man eben gut zusammenarbeiten und dafür sorgen, dass keiner zu kurz kommt. Eine Entscheidung für ein Kind wäre auch eine Entscheidung für eine Veränderung meiner Lebensumstände. Ich bräuchte einen festeren Job… und ob es einfach wäre, den zu finden, lasse ich mal dahingestellt.

Stefan Mesch: Eine der traurigsten Stellen im Buch ist der Moment, als du mit 30 merkst, wie viel Talent du zur Köchin hast… und dann bedauerst, dieses Talent nicht schon zum Abitur entdeckt zu haben. Hättest du, rückblickend, früher lieber noch viel mehr Dinge ausprobiert?

Anne Köhler: Ich fand das selbst sehr traurig. Aber was nützt das Grämen? Ich versuche jetzt, mich darüber zu freuen, dass ich mein Talent zur Köchin überhaupt fand. An sich selbst ein Talent zu entdecken, etwas, das einem leicht von der Hand geht und trotzdem enorm fordert, ist immer ein Glück, diese Dinge sind sehr selten – denn außer dem Schreiben war das Kochen wirklich der einzige Job, zu dem ich fast immer gern gegangen bin.

Stefan Mesch: Glaubst du, du hast so viele Jobs hinter dir, weil du dich fürchtest, zu viel auf eine Karte zu setzen? Du könntest ja auch heute noch eine Ausbildung zur Köchin machen, oder?

Anne Köhler: Es gibt Leute, die mit über dreißig noch einmal komplett neu anfangen, und ich bewundere das. Ich glaube nicht einmal, dass mir dazu der Mut fehlt. Aber es ist ja so: Wenn ich jetzt Köchin werde, könnte ich nicht mehr schreiben. Auf hohem Niveau zu kochen verlangt einem viel ab, körperlich und psychisch, und man muss unendlich viel Zeit investieren. Und wenn man nachts um eins von einer 12-Stunden-Schicht erschöpft nach Hause kommt und trotzdem noch zwei bis drei Stunden nicht schlafen kann, weil das Adrenalin durch die Adern pocht – da ist an Schreiben nicht zu denken.

Eine ernsthafte Arbeit anzunehmen, für die ich bereit bin, all meine Energie aufzubringen, würde bedeuten, das Schreiben in den Hobbybereich zu verfrachten. Dazu bin ich eben nicht bereit. Und darum ist auch Grämen sinnlos: Hätte ich mit 20 anders entschieden, wäre ich heute vielleicht eine sehr gute Köchin. Aber das Buch hätte ich dann nicht geschrieben, und vielleicht auch nie ein anderes.

Stefan Mesch: Denkst du, Berufung und Beruf finden oft gut zusammen? Bekommen Kinder genug Möglichkeiten, um sich auszuprobieren?

Anne Köhler: Ich glaube wirklich, dass viele Menschen leider nicht das Glück haben, ihre Talente zu entdecken. Die beste Schule ist die Praxis. Denn wie soll man sicher sein, dass man einen Beruf für sehr lange sehr gerne machen wird, wenn man nicht die Chance hat, ihn eine Weile auszuprobieren?

Stefan Mesch: Wie hat sich der Blick auf deine Lebensumstände in diesen fast 15 Jahren verändert? Bewundert oder bemitleidet man dich? Sind Leute neidisch?

Anne Köhler: Ich glaube, früher habe ich mich selbst manchmal viel zu bitterernst genommen. Da hat allem die Leichtigkeit gefehlt. Ich glaube, dass man fremde Lebensumstände zu oft im Vergleich zur eigenen Situation beurteilen will. Wenn gerade der Gerichtsvollzieher klingelt, kann man wenig Verständnis für den besten Freund aufbringen, der gerade jammert, dass er sich in diesem Jahr nur Urlaub in Italien statt in der Karibik leisten kann, doch wenn ich selbst gerade seit vier Wochen auf Bora Bora Drinks mit Schirmchen schlürfe, kann ich auch den besten Freund ein bisschen bedauern.

Stefan Mesch: Darum erscheinen schon seit Jahren Bücher über diese „Generation Praktikum“. Ein paar sind wütend und politisiert. Andere feiern einfach eine junge, prekäre Boheme und schildern Armut und Unsicherheit als Lifestyle.

Anne Köhler: Ich selbst erzähle von sehr persönlichen Arbeitssituationen, doch dabei schwingen immer Themen mit, die viele Leute meines Alters beschäftigt. Aber mir war wichtig, nicht in den Tonfall zu kippen, der nur anprangert und das eigene Leid beklagt. Die Hochs und Tiefs nicht schönen, aber mein Scheitern im Rückblick auch von der humorvollen Seite nehmen. Ich finde es völlig in Ordnung, mir nicht alles leisten zu können und auch mal zu verzichten. Aber jeden Euro drei Mal umdrehen zu müssen, nervt halt oft auch. Und was noch mehr belastet, ist das Gefühl, oft unterbezahlt zu werden. Generell aber will ich gern lernen, mich nicht so oft zu beschweren, denn die Künstlerförderung in Deutschland ist – verglichen mit vielen anderen Ländern – gar nicht so schlecht. Ich wollte immer Schreibzeit haben und die Möglichkeit, spontan Stipendien anzunehmen. Ein fester Job kam nie wirklich infrage. So viele Berufsgruppen sind unterbezahlt, und persönlich hoffe ich auch, irgendwann auf einer etwas festeren Basis zu stehen. Aber bis dahin genieße ich eben, dass ein Taxi spät in der Nacht durch halb Berlin ein seltener Luxus für mich ist.

Stefan Mesch: Der größte Vorzug ist vielleicht die große Ungebundenheit: Du hast ein Praktikum in Israel gemacht und Schreibstipendien in Krakau und Rumänien, du könntest schon morgen ganz woanders leben. Andererseits buchen Bankangestellte in unserem Alter schon ihre ersten Kreuzfahrten. Diese Leute kennen, wenn sie wollen, Bora Bora und Italien!

Anne Köhler: Es tut schon gut, ganz woanders zu sein. Aber ohne das Gefühl, danach wieder „nach Hause“ zu kommen, würde mir etwas Wichtiges fehlen: Ich bin ein Mensch, der eine Basis braucht, meine Bücher, meine Küchenausstattung, all die Dinge, die ich mir über die Jahre hinweg zusammengefunden habe. Ich gehöre nicht zu den Minimalisten, die Wert darauf legen, dass alle Sachen in zwei Koffer passen! Du fragst, ob ich meine Freiheit auch genug nutze. Aber es ist nicht immer notwendig, alles in Anspruch zu nehmen, was an Möglichkeiten vor mir liegt: Manchmal reicht schon das Gefühl, dass diese Möglichkeiten da sind.

Das Dümmste ist, dass man nie richtig Urlaub, echte Ferien und Wochenenden, nie so richtig frei: Wenn das Schreiben ein Luxus ist, dann nutzt man dafür auch jede freie Minute. Und dann sind schnell vier Jahre vorbei und man weiß nicht mehr, wann man das letzte Mal ein paar Tage am Stück einfach nicht gearbeitet hat. Das macht auch nicht gerade umgänglicher: Das Schreiben ist eine ärgerliche Passion.

Stefan Mesch: Das Schreiben oder die vielen Nebenjobs?

Anne Köhler: Naja, wenn man oft die Nebenjobs wechselt, entwickelt sich in den einzelnen Bereichen natürlich relativ wenig weiter. Auf der Buchklappe wird das „die flachste Karriereleiter der Welt“ genannt. So lange ich mein Schreiben als das eigene Hauptanliegen empfinde, leidet darunter natürlich alles andere – auch die reine Spaß-Freizeit. Man kann einfach schlecht entspannen, weil man immer das Gefühl hat, die freie Zeit nutzen zu müssen. Das Schreiben braucht viel Zeit, Disziplin und Konzentration. Es lässt jeden Versuch scheitern, ein ganz normales Leben zu führen. Aber ach, es ist auch schön!

Stefan Mesch: Und rückblickend – lief dein Leben schief? Hast du ein Ziel gehabt und dann verfehlt? Oder dich unterwegs verlaufen?

Anne Köhler: Kennst Du den Turm von Pisa? Auch dort war ich, ehrlich gesagt, noch nie. Von unten sieht er wohl nicht sehr vertrauenerweckend aus. Aber wenn man erstmal oben ist, ist der Ausblick, denke ich, trotzdem ganz schön. Wenn nicht zu viel Gedrängel herrscht. Und wenn er nicht gerade einstürzt!

So ähnlich ist das mit dem Leben und den Zielen: Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass mein Leben nicht schief lief. Aber unterwegs habe ich das oft anders empfunden: An einigen Zielen bin ich gescheitert, aber dadurch gewachsen. Das war vielleicht am schönsten beim Schreiben dieses Buchs: Im Rückblick hat vieles doch einen Sinn ergeben – und wenn es nur der war, dass ich darüber lachen konnte.

Stefan Mesch: Und in zehn Jahren…?

Anne Köhler: Ich kann mir viel vorstellen! Vielleicht bin ich dann Köchin in einem kleinen Lokal in Hong Kong, das „Abendbrot“ heißt. Einmal im Jahr mache ich Urlaub in Biarritz. Oder ich bin Zahlenansagerin in einer noch kleineren Kaschemme auf Island. Oder ich habe einen Mann und drei Kinder und bin halb Hausfrau und halb Schreiberin. Ist es nicht schön, manche Dinge noch nicht ganz genau zu wissen?

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