Open Mike 2012

Open Mike 2012 – 12. November 2012 [Blog-Eintrag 11]

Alle Lesungen des 20. Open Mike: Kurzkritiken

Copyright Foto: gezett.de

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Das ganze Wochenende lang haben Elena Philip [Link] und Victor Kümel [Link] alle Lesungen des 20. Open Mike pointiert und kurz besprochen, kommentiert: Eindrücke. Lieblingssätze. Stimmungen. Ambiente… und Worte zu Format und Handlung.

Lyrik:

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Prosa:

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Open Mike 2012: 12. November 2012 [Blog-Eintrag 10]

große Sätze: die Lyriker des Open Mike

von Stefan Mesch, Open-Mike-Blogger und Finalist/Autor

(Auf dem Open Mike lesen und drüber bloggen? Darf der das…?)

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Als “embedded Blogger” und Journalist begleite ich den 20. Open Mike in kurzen, persönlichen Blog-Snapshots.

Ich bin am Samstag / Sonntag zum ersten Mal beim Wettbewerb… aber konnte JETZT, heute, die Anthologie mit den anderen Texten kaufen. (Erhältlich hier, im Heimathafen Neukölln, am Einlass.)

Darum, ganz subjektiv und kurz: tolle Sätze / Wendungen / Ausschnitte, die ich bei den anderen Teilnehmern / Finalisten las.

Den Anfang, heute: die Lyriker.

[wichtig: immer nur Ausschnitte. und: in Einzelfällen nicht die komplette Zeile.]

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Yevgeniy Breyger:

das paradonton pflanzt sich ausschließlich
autonom, folglich autosexuell fort. das paradonton ist hydrophob
und leidet an chronischer angst vor sich selbst (es scheißt
sich ein, wenn es seinen eigenen schatten sieht).

Ausschnitt: der betroffene beschrieb ein küstentier, meinte sich selbst

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Sascha Kokot:

hinter der Nordkapelle der Oberleitung dem Betonwerk
geraten die Gipfel in Bewegung
brechen die Hänge aus ihrer Kartierung herab
verlegen die Baumgrenze vor
als hätten sie sich sehr lange nur ausgeruht
uns Menschen hier beinah verschlafen

Ausschnitt / kein Titel

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Martin Piekar:

Ich brauche ein kleinwenig Weltschlaf.
Ich lege mich zu den Alben. Zu den Alben.
Die wecken einen recht zeitig.

Ausschnitt: Bastard IIII: Von Argen und von Alben

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Friederike Scheffler

bin kaum aus dem haus, um nichts zu verlieren,
den geschmack nicht oder die flächig geriebene
stelle am kropf. der sturen gans melancholie
musst ich an den kragen.

Ausschnitt / kein Titel

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Michael Spyra

Du bist der Wankelmotor eines Steppenläufers,
der Laufradhamster, der die Tram schon fahren sieht.
Ein Sprinter mit den Attributen eines Säufers
ein Glockenspiel im Beutel, bin ich Eremit.

Ausschnitt: Der Flaschensammler

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Arne Vogelsang

letzte nutzviehgrüppchen
sprengeln auf diesem oder anderem
feld, irgendwie soziale durchhalteparolen
des bedarfs, der brauchbarkeit. hallo
du, heimat, hinterland, vorfeld. du
wieder. fahr mit dem rücken voran.

Ausschnitt: (werben)

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Linus Westheuser und Tristan Marquardt

draußen ging im müll ein fuchs, der sah von weitem recycelt
aus, als könnten wir ihn noch gebrauchen. einbauen. komm rein,
wir führen gerade einen rufmord auf.

Ausschnitt / kein Titel.

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Meine Lieblingszeile, überhaupt, kommt von Martin Piekar:

“Ich musste dieses Gedicht schreiben.”

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2010 schrieb Blogfreund Klaus Hausbalk über Lyrik auf dem Open Mike:

“Sondersituation Lyrik: 15 Minuten Lyrik am Stück sind zu viel, das weiß jeder, immer schon, es wird trotzdem seit Jahren nicht geändert.”

Das mag – im Vortrag, in der konkreten Vorlese-Situation – stimmen. Als Hilfsmittel und Hürde, um tolle Lyriker zu finden, kommt es mir (beim Lesen der Anthologie) sinnvoll und hilfreich vor. Denn ein, zwei gute Gedichte… das klappt. Bei allen hier. Aber 8, 10, 15 Texte? Das scheint mir für Lyriker ein (guter!) Härtetest. Und fast würde ich – privat, persönlich – die AutorInnen prämieren, die diese lange, ausgedehnte Zeit zur Vorstellungen nutzen…

…um einen weiten Raum, Abwechslung, Vielstimmigkeit, Lust am Versuch zu zeigen. Ich bin kein Lyrik-Experte. Und treffe oft vorschnelle (Bauch-)Entscheidungen. Aber als Lyrik-Labor… funktioniert dieser Wettbewerb – durch sein Zuviel und Zulange an Einzeltexten – für mich sehr gut.

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Mehr Infos zu den Lesungen: Link

Mehr Infos zur Geschichte und Programmatik: Link

Artikel / Presse: Link

Open Mike 2012 – 11. November 2012 [Blog-Eintrag 09]

schlechter Verlierer…!

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von Stefan Mesch, Open-Mike-Blogger und Finalist/Autor

(Auf dem Open Mike lesen und drüber bloggen? Darf der das…?)

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Als “embedded Blogger” und Journalist begleite(te) ich den 20. Open Mike in kurzen, persönlichen Blog-Snapshots.

Ich war am Samstag / Sonntag zum ersten Mal beim Wettbewerb:

Die Preisträger?

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  • “Und du? Stefan? Wie geht es dir jetzt…? Bist du sehr enttäuscht?”
  • “Woran lag’s? Was hast du falsch gemacht…?”
  • “Bist du wütend auf die Jury? Hast du dich erholt – oder tut es noch weh?”
  • “Aber du bist wenigstens bei deinen Freunden, ja? Helfen sie dir?”

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Leute…? 700 Schreibende haben Texte eingereicht. 22 wurden (anonymisiert) ins Finale gewählt. Vier Texte wurden prämiert…

…und damit: die übrigen 18 Schreiber-Lebensläufe, Seelen und Egos verletzt, beschädigt, zertrümmert?

Freunde, Vermittler und Besucher schauen uns Verlierer an, als wäre es nur verständlich / menschlich, wenn wir beben, Fäuste ballen und für fünf bockige, pubertäre Minuten alles hinschmeißen. Verdammt – ich habe nicht gewonnen?

  • “Ich habe einen 15-Minuten-Auszug aus meinem Roman eingereicht. Das war suggestiv, kunstvoll / gut genug geschrieben, dass Leute sagten: “Oh, spannend! Wir wählen ihn aus, aus 700 Leuten.” Großer Erfolg, macht mich sehr glücklich.” (mein Facebook-Post nach der Vergabe der Preise. 16 (mitleidige…?) Likes.)

Mehrere andere Texte waren runder. Lyrischer. Preiswürdiger. Besser!

Und, wie Nikola Richter schreibt (Link):

  • “Was sich meiner Meinung nach [in 20 Jahren „Open Mike“-Geschichte] geändert hat, ist die over all Dankbarkeit, überhaupt teilgenommen zu haben. Denn “Finalistin beim Open Mike” ist seit einigen Jahren ein verbreiteter Biographiezusatz. Das war zu meiner Zeit (2000) nicht so, aber da gabs ja auch noch keine Anthologie, keine Gewinner-Lesereisen, keine Workshops. Dankbarkeit ist ja auch erstmal was Schönes und ein so anerkannter Wettbewerb für junge Literatur auch. Glückwunsch an dieser Stelle!”

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Freundin Jule, erzähle ich oft jedem, der es hören will, hat – als Autorin, Theatermacherin, Jongleurin verschiedenster Projekte – eine große Lebens-Regel:

  • Bewirb dich auf fünf unterschiedliche Stellen / Preise / Projekte. Hab fünf Bälle in der Luft.
  • …und erst, wenn diese fünf Dinge gescheitert sind – alle fünf, am Stück – hast du das Recht, zu jammern.

“Du hattest Recht!”, verstand ich letztes Jahr: “Deine Regel stimmt! Von fünf Sachen gelingen mir immer zwei bis drei – das ist eine verlässliche, beruhigende, tolle Quote. Kein Grund, unglücklich zu sein.”

“Stefan…?”, Jule zögert. “Ich habe das nie gesagt. Du verwechselst mich. Oder hast das selbst erzählt – irgendwann!” Sie lacht. “Aber es stimmt. Oft klappen sogar 4 von 5 Projekten!”

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Mein Romanauszug… als Teil der besten 20 Texte, bei 700 Bewerbern? Eine Ehre.

Das Wochenende? Mit allen Gesprächen, Begegnungen, Texten, Potenzial? Ein Highlight.

Mental, in einer “gefloppte vs. erfolgreiche Projekte”-Liste, gehört dieses Wochenende – ohne Fragen – auf die “erfolgreich”-Seite. Nichts daran macht mich unglücklich oder unzufrieden…

…bis auf die Facebook-Nachrichten der Freunde: “Kopf hoch!”, “Es ging nur um den Spaß, denk dran!”, “Tröste dich!”

Verhalten sich Open-Mike-Verlierer traditionell wie… Anakin Skywalker? Enttäuscht? Voller Hass? Wütend auf die ganze Welt?

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Und die Gewinner? Sandra Gugics zweiter Platz freut mich sehr. Joey Juschka… und ihr Tonfall, Humor, ihre Welt, ihr Blick auf Gender/Frauen… ist mir sympathisch: unbedingt mehr! Martin Piekars Lyrik wirkt auf mich oft zu schwülstig – aber sein Gestus, seine Präsenz und seine Persönlichkeit machen Spaß: Schreib auf, wie du dieses Wochenende erlebt hast. Schreib auf, für wen – und: gegen wen! – du schreibst!

Der Gewinner – Juan S. Guse, selbst aus Hildesheim; wir kennen uns nicht – brummt vor Potenzial. Tolle Stimme. Sprachmacht. Leiser Humor. Ein überzeugendes Gesamtpaket. Ich habe – als Ex-Redakteur von BELLA triste (Link) – gefühlte 40 Texte gelesen, in denen ähnliche Bilder, Motive, Rhythmen und Stimmungen unheimliche Erzählräume bauen; und habe da eine private… Aversion:

Stille, abwesende Frauen mit exotischen Namen. Tote Tiere, bedeutungsschwanger in die Natur drapiert – mich deprimiert, wie störrisch diese Formel als große Short Story verstanden wird: Ich hoffe, ich klinge nicht wie ein schlechter Verlierer, wenn ich mir für Juan buntere Erzählwelten wünsche. Mehr Leben. Mehr Figuren. Weniger Memento-Mori-Archaik.

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Ich freue mich auf den Workshop, Anfang Februar! Danke fürs Lesen. Bald mehr!

Open Mike 2012 – 11. November 2012 [Blog-Eintrag 08]

“Hast du… ERFOLG?” [Open Mike: Sonntag]

von Stefan Mesch, Open-Mike-Blogger und Finalist/Autor

(Auf dem Open Mike lesen und drüber bloggen? Darf der das…?)

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Als “embedded Blogger” und Journalist begleite ich den 20. Open Mike in kurzen, persönlichen Blog-Snapshots.

Ich bin am Samstag / Sonntag zum ersten Mal beim Wettbewerb.

…und glücklich.

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  • “Der Open Mike ist feierlicher, respektvoller, viel konzentrierter, als ich dachte!”, lobt S.
  • “Die alte Location (Link) sah aus wie eine Schulaula. DAS hier, Neukölln, ist ein großer Schritt!”, sagt M.
  • “…und warte auf Februar! Dann fahrt ihr Finalisten zu einer Schreibwerkstatt. DAS hat mir meisten gebracht – und war die beste Erfahrung!”, erzählt [ehemalige Finalistin] V.

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Die Texte der Lyriker [Link] konnte ich im Lauf der letzten Tage – immer, wenn Zeit blieb – lesen. Meine Lieblingssätze finden [Link] – und erste, private Favoriten. [Spannendste Bandbreite, Potenzial, „Da will ich mehr lesen?“: Michael Spyra (Link). Bestes Gesamtbild Auftritt, Sprache, Motive: Yevgeniy Breyger (Link).]

Fürs konzentrierte Lesen der Prosatexte blieb immer noch keine Zeit: Privat sind mit die [klugen!] Beziehungs- und Alltagswelten von Sandra Gugic [Link] und Hildesheimfreundin Juliane Link [Link] sehr sympathisch. Nina Lörkens “Die Balz des Blaufußtölpels” ist glänzend geschrieben. Lust auf mehr / Größeres machten mir Verena Boos [Link] und Joey Juschka [Link].

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“Und du? Was machst DU jetzt…? Warst du erfolgreich? Hat es… geklappt?”, blinken die Facebook-Messages meiner [Nicht-Berlin-]Freunde.

“Es war gut! Ich fühle mich wohl. Das Publikum war toll, und die Signale in meinem Text wurden verstanden: Ich durfe lesen. Vor Lesern, Menschen, für die ich dieses Buch schreibe. Großes Privileg. Und großes Vergnügen!”

“Aber warum hat diese Frau dann `Meschmasch` [Link] geschrieben?”, mailt meine Mutter.

Ich rolle die Augen:

  • Macht es Sinn, vor meinem Auftritt neue Schuhe zu kaufen? [Ja.]
  • Kopf rasieren – oder Haare länger lassen? [Länger ist besser. Weil wir Autoren mit Haarausfall eh unschön gleich / uniform aussehen.]
  • Bloggen UND Lesen? Klappt das? Oder kommt etwas zu kurz? [Nein. Genau richtig!]
  • Vor der Lesung frei sprechen? Erlaubt? Sympathisch? [Ach ja… glaube schon.]
  • Nach der Lesung, zum Runterkommen, von Vea Kaisers Baldrian nippen? [Geschadet hat es nicht.]
  • “Zimmer voller Freunde”-Leseprobe machen, vorher? [Ja.]
  • “Zimmer voller Freunde”-Leseprobe den Facebook-Freunden anbieten? [Ja. Kluges, motivierendes Feedback!]
  • “Zimmer voller Freunde” auf CD brennen, und eine Spindel Rohlinge einstecken?

“Stefan! Das sieht TOTAL verzweifelt aus! Leg dieses ZEUG weg!”, bitten meine Freunde.

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Ich merke, im Lauf dieser Tage: Mein “Open Mike”-Narrativ, meine “Open Mike”-Geschichte, verzerrt sich viel zu schnell in den großen, nervösen Gedanken:

“Stefan? Vermassle es nicht.”

Die falschen Schuhe? Der falsche Text? Der falsche Zugang, als Blogger?

Ich fühle mich wohl. Das hier… funktioniert, für mich. Ich habe Spaß. Ich bin hier richtig.

Aber wenn ich heim reise, am Mittwoch… sind dann die Fragen:

  • Warum hast du nicht gewonnen?
  • Warum hast du keine 20, 50 neue Lektoren- und Agenten-Visitenkarten?
  • Was war dein Fehler? Was brach dir – deinem Auftrit, deinem Text – das Genick?

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Die falsche Frage:

Als Kritiker, BELLA triste-Redakteur habe ich den Open Mike schon länger im Blick. Und dachte immer: Gut – hier wird sehr schnell, effektiv, einmal im Jahr Literatur GESIEBT, drei, vier gute Autoren entdeckt, aus 700 Bewerbern, 20 Finalisten.

Jetzt, als Teilnehmer, sehe ich die Ambition und den Gestus, der dahinter steht: drei, vier gute Namen… die fände man auch ohne Finale. Anthologie. Zwei Tage im Ballsaal. Workshops und Symposien: Die Literaturwerkstatt Berlin will Autoren fördern. Aufbauen. Miteinander ins Gespräch bringen.

Dabeisein ist nicht alles. Aber schon verdammt viel!

Die Preisverleihung? Heute, am frühen Abend. (16.30 Uhr? 17 Uhr? Später?)

Holt meine Leseprobe: 60 Seiten “Zimmer voller Freunde”, als .doc. Und 30 Minuten Lesung. Ich stehe hier irgendwo – mit einer CD-Spindel. :-)

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Mehr Infos zu den Lesungen: Link

Mehr Infos zur Geschichte und Programmatik: Link

Artikel / Presse: Link