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Stefan Mesch: gesichtsblind – bei RTL Extra (Birgit Schrowange)

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Am Montag (14. September 2015, ab 22.15 Uhr) spreche ich bei Extra – das RTL-Magazin mit Birgit Schrowange [Link: Wikipedia] über meine Gesichtsblindheit/Prosopagnosie.

Die Sendung ist danach auch in der RTL-Mediathek („RTL now“) sieben Tage abrufbar [Link: RTL now – Extra].

Mehr zu mir und der Störung hier im Eintrag und, u.a., hier.

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rtl extra gesichtsblind ocelot not just another bookstore

Die Dreharbeiten zum RTL-Beitrag, in der Berliner Buchhandlung „Ocelot“ (Link)

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Ich bin – wie etwa ein bis zwei Prozent aller Menschen – gesichtsblind: Wenn ich von einer Person NUR das Gesicht sehe (keine Frisur, keine Kleidung usw., die mir helfen können, die Person einzuordnen)…

…dann erkenne ich zwar, wie jeder sonst, Geschlecht, Alter, Stimmung, Gefühle der Person… aber ich habe sehr große Mühe, zu entscheiden, ob ich dieses Gesicht schon einmal gesehen habe.

Auch beim Gesicht von Verwandten, Freunden, Partnern.

Die Störung heißt „Prosopagnosie“. Brad Pitt ist betroffen. Der Neurologe Oliver Sacks war betroffen und hat viel darüber geforscht und geschrieben. Wenn ich im Freundeskreis oder bei neuen Bekannten darüber spreche, gibt es oft Leute, die sagen: „Oh! Das kenne ich auch.“ Ich glaube, ich kenne fünf, sechs gesichtsblinde Menschen persönlich. Auch Kathrin Passig, eine tolle Autorin und Journalistin, schreibt oft über ihre Probleme, z.B. hier.

Mit dem Cambridge Face Memory Test kann jeder herausfinden, ob er betroffen ist.

Der Test dauert weniger als 20 Minuten: Link

Zwei Thriller mit gesichtsblinden Hauptfiguren:

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15 Probleme:

  • Soldaten, die alle die selbe Kurzhaarfrisur haben
  • Nonnen, bei denen man nur das Gesicht sieht, aber keine Frisur usw.
  • es gibt sehr viele Frauen mit langen, glatten Haaren: eine meiner Schwestern hat langes, blondes Haar und viele langhaarige, blonde Freundinnen. auf Fotos und in dunklen Räumen verwechsle ich sie oft.
  • die meisten deutschen Kinder im Kindergartenalter haben blondes Haar und die selbe Frisur: meinen Neffen oder den Sohn meines besten Freundes könnte ich in einer Gruppe Spielkameraden nicht erkennen.
  • wenn zu viele Leute im selben Alter sind, z.B. wenn ich an einer Uni unterrichte oder vor Schulklassen stehe, habe ich Probleme.
  • Verkäufer, Nachbarn usw., die immer an den selben Orten zu finden sind, erkenne ich nicht wieder, wenn sie plötzlich an neuen Orten auftauchen.
  • Kinderfotos o.ä. überfordern mich, weil ich nicht sehen kann, was das Gesicht des Kindes mit dem Gesicht des Erwachsenen später gemeinsam hat. Leute sagen oft über Säuglinge Dinge wie „Er sieht aus wie der Papa. Nur den Mund hat er von der Mama.“ …und ich denke: https://c1.staticflickr.com/3/2734/4266560677_03d0674183_z.jpg?zz=1
  • in Magazinen wie „Bunte“ oder „Gala“ würde ich ohne die Bildunterschriften niemanden unterscheiden können. Das macht die Magazine ziemlich interessant, weil ich immer denke „Wow: SO kann… Iris Berben auch aussehen, mit einer anderen Frisur o.ä.? Wer hätte das gedacht?!“
  • wäre Birgit Schrowange irgendwo in Berlin, ich würde sie nicht erkennen. Umgekehrt würde ich bei den RTL-Studios bei viel zu vielen brünetten Frauen denken „Ach: DAS könnte Birgit Schrowange sein.“
  • seit 20 Jahren kenne ich die Figur Ute aus „Unter Uns“. trotzdem wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass dieses Foto und dieses Foto die selbe Person zeigen.
  • ab und zu spreche ich jemanden an, weil ich denke, dass wir uns kennen… oder ich werde angesprochen, bleibe im Gespräch und denke noch zwei Minuten lang „Wer ist das?“. Richtig beeinträchtigt aber fühle ich mich nur alle paar Wochen. Und oft auch nur, weil mir Freunde Streiche spielen:
  • ich kam nach Berlin, stand am Fahrkartenautomaten und wollte ein Ticket kaufen, als mich mein Freund überraschte: Er setzte eine Sonnenbrille auf und sagte mit verstellter Stimme: „Kaufen Sie kein Ticket. Sie können auf meiner Karte mitfahren.“ Ich habe ihn nicht erkannt.
  • im Theaterfoyer sagte ich meiner Exfreundin, nachdem wir uns zwei Jahre kannten: „Entschuldigen Sie: Darf ich mal [vorbei gehen]?“
  • über die Kollegin, die ich nach zwei gemeinsamen Tagen auf der Buchmesse nicht mehr erkannte, habe ich hier geschrieben: Link.
  • 2001 sah ich einen Film mit Gillian Anderson (Scully aus „Akte X“) und Angelina Jolie. beide hatten rote Haare – und ich konnte sie nicht auseinander halten.
  • ich finde Fotos und Kostüme interessanter als die meisten anderen Menschen: Ich kann mir nicht vorstellen, wie jemand aussieht, wenn er plötzlich rote Haare hat oder böse kuckt – das wirkt auf mich immer gleich wie ein ganz anderer Mensch. Deshalb speichere ich viele Fotos meiner Freunde, mache sehr viele Fotos von mir, bin immer überrascht, wie… grundsätzlich anders jemand aussieht, wenn er einen Hut trägt oder sich den Kopf rasiert. Theaterkostüme, Halloween, Makeup usw…? Ich bin da sehr leicht beeindrucken. Weil das für mich IMMER eine durchschlagende Wirkung hat. Eine Drag Queen z.B. könnte ich nie erkennen, außerhalb ihres Kostüms.
  • bei „One Tree Hill“ gibt es viele Frauen, die ihre Frisur immer wieder wechseln: Ich habe immer wieder Mühe, diese drei Schauspielerinnen voneinander zu unterscheiden. Auch noch nach sechs bis neun Staffeln:

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mein kopf in unzähligen variationen

…viermal die selbe Person? oder vier verschiedene Leute? ich rätsle oft, bei solchen Fotos.

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Ich habe keine Probleme damit…

…mir Namen zu merken

…mir Frisuren, Haltung, Stimmen zu merken und Menschen daran wieder zu erkennen.

…ich habe in Toronto gelebt, wo es sehr viele Asiaten gibt: meinen Freund dort habe ich an Gang/Körperhaltung erkannt.

Gesichtsblindheit stört und beeinträchtigt, wenn ich Menschen auf der Straße oder in Gruppen finden und unterscheiden soll. Sie stört, weil ich oft grußlos an Freunden vorbeigehe oder, umgekehrt, Leute anlächle, die ich nicht kenne.

Aber echte Probleme, große Peinlichkeiten gibt es nur alle paar Monate: So lange Menschen nicht plötzlich ihre Frisuren und Kleidung ändern oder sich absichtlich verkleiden und tarnen, komme ich gut zurecht.

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Der Dreh für RTL…

hat Spaß gemacht! Ich gebe oft Workshops oder doziere an Unis zum Thema Kreatives Schreiben, Literaturkritik, Kulturjournalismus. Seit ein paar Monaten bin ich auch hin und wieder bei Deutschlandradio Kultur zu Gast und spreche dann live im Radio. Aber Kameras sind mir noch fremd – ich fange erst an, und lerne.

Das Kamerateam und der Produzent des Beitrags waren toll, ich fühlte mich nicht vorgeführt oder lächerlich gemacht. Trotzdem fühlt es sich komisch an, mehrere Stunden vor der Kamera darüber zu reden, was man NICHT kann, NICHT schafft. Ich hätte lieber Bücher vorgestellt, als Literaturkritiker. 🙂

Heute, kurz vor der Ausstrahlung, habe ich Angst, dass ich lachhaft, selbstverliebt, ungepflegt oder unfähig rüberkomme:

  • watschle ich zu sehr, beim Gehen?
  • ist mein Haar zu dünn? hätte ich den Kopf rasieren sollen?
  • reiße ich die Augen auf beim Sprechen? mache ich Hasenzähne?
  • sehe ich aus wie Achim Menzel?
  • nuschle oder hasple ich?
  • wirke ich altklug?

Vieles ist Übungssache. Ich sehe den Beitrag als Test: eine gute Möglichkeit, Erfahrungen zu machen. Gerne wieder! Aber dann über Bücher? Kultur? smesch@gmx.net

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Stefan Mesch. Foto Jacqueline Schulz, http://meistermaedchen.jacquelineschulz.de/

Stefan Mesch. Foto Jacqueline Schulz, http://meistermaedchen.jacquelineschulz.de/

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mehr zu mir:

ich bin 32, habe in Hildesheim Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus studiert (2003 bis 2008) und war dann 2009, 10, 11, 12, 13 in Toronto oder New York, jeweils drei Monate am Stück. den Rest der Zeit lebe ich im Dorf, in dem ich aufgewachsen bin (bei Heidelberg) und schreibe im leerstehenden Haus meiner toten Großeltern.

für eine feste Wohnung fehlt mir das Geld – aber ich bin oft für einige Tage/Wochen in München, Karlsruhe, Hildesheim oder Berlin.

ich suche vergessene Bücher: Bücher, die noch fast keiner kennt – aber die möglichst viele Menschen mit Gewinn lesen könnten. Role Models? Oprah Winfrey, Elke Heidenreich: Leute, die Bücher und Begeisterung fürs Lesen vermitteln.

2012 gewann ich den Dietrich-Oppenberg-Preis der Stiftung Lesen für ein Essay in BELLA triste über das Entdecken von Büchern,

2013 bis 2015 habe ich für die ZEIT Bibliothek der verschwundenen Bücher nach vergriffener Literatur gesucht, die eine Neuauflage verdient.

ich stelle monatlich Bücher in meinem Blog vor, oft nach Themen oder Genres sortiert, z.B. Bücher aus und über Japan oder aktuelle Jugendbücher, und schreibe oft über Blogs und Literaturvermittlung im Netz, empfehle Buchblogs, Literaturkritik oder führe Interviews, z.B. hier zur Buchmesse.

als Literaturkritiker schreibe ich vor allem über US- und kanadische Literatur, junge deutschsprachige Literatur (im Studium war ich Redakteur bei BELLA triste), Superhelden, Graphic Novels und Mangas, Young Adult/Jugendbücher und Bücher über Tod und Verlust/domestic fiction.

seit 2009 schreibe ich für ZEIT Online (Literatur, manchmal Fernsehen/Netzkultur, Feminismus), den Tagesspiegel (Graphic Novels), seit 2015 auch für Der Freitag (Literatur/Politik) und Deutschlandradio Kultur (Netzliteratur, Videospiele).

ich gebe Creative-Writing-Kurse für Schüler und Pädagog*innen am freien Theater Tempus Fugit in Lörrach, und Workshops zu Literaturkritik und Kulturjournalismus, u.a. in Göttingen und Berlin.

ich übersetze aus dem Englischen, u.a. ein Marvel-Superhelden-Lexikon für DK (München) und, für Luxbooks (Wiesbaden) Amy Hempels „Was uns treibt“. gelegentlich bin ich Lektor, prüfe Bücher für Verlage oder beteilige mich an Social-Media-Projekten, z.B. die ‪#‎buchsprechstunde‬ der Büchergilde Gutenberg.

ich mag US-Serien und Seifenopern und habe 2015 ein Buch zu 20 Jahren „Verbotene Liebe“ zusammengestellt, mit/bei Nikola Richter im mikrotext verlag (Berlin) und Beiträgen von u.a. Elke Heidenreich und 40 Seifenopern-Fans und Schauspieler*innen, „Straight to your Heart“.

seit 2009 schreibe ich an meinem ersten Roman, „Zimmer voller Freunde“, und war damit u.a. Finalist beim Open Mike 2012 und Gast bei Kabeljau und Dorsch (Berlin) und 54stories/Literaturhaus Lettretage (Berlin).

Buchtipps von mir. für ZEIT Online: Link

Underdog Literature, November 2012: 15 fresh or impressive, off-the-wall titles

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Here are 15 books that caught my interest lately.

Fresh, off-beat, quirky or curious titles that might deserve more attention:

This month, I browsed the shelves at „ocelot, not just another bookstore“ in Berlin and selected 15 – previously unknown – books:

I made a list of 98 titles that seemed attractive, and then researched the 15 titles that I suspect to be the most interesting:

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01: RON LESHEM: „Beaufort“ / „Wenn es ein Paradies gibt“, 320 pages, 2007. [Coming-of-Age, Israel] Amazon.de (German, Link)

02: JIM THOMPSON, „The Grifters“, 189 pages, 1963. [Hard-Boiled Crime Fiction]

03: ZAKHAR PRILEPIN, „Sin“ [German: „Sankya“], 272 pages, 2007. [Russian, Autobiographical Short Stories] Amazon (German, Link) | Perlentaucher (Link)

04: MARGARITA CHEMLIN, „Die Stille um Maja Abramowna“, 300 pages, 2012. [Russian] Amazon (German, Link)

05: EMMANUEL CARRÈRE, „Limonov“, 488 pages, 2011. [French, Biography / Nonfiction] Amazon (German, Link)

06: JORDAN SONNENBLICK, „Drums, Girls & Dangerous Pie“, 273 pages, 2004. [Young Adult / Middle-Grade Readers] Amazon (German, Link)

07: TOMÀS GONZALES, „La luz difícil“ / „Das spröde Licht“, 176 pages, 2011. [Colombian] Amazon (German, Link)

08: ALMUDENA GRANDEZ, „El corazón helado“ / „Das gefrorene Herz“, 960 pages, 2007. [Spanish Family Saga] Amazon (German, Link)

09: CHARLES LEWINSKY, „Melnitz“, 768 pages, 2007. [Swiss] Amazon (German, Link) | Perlentaucher (Link)

10: RALPH DOHRMANN, „Kronhardt“, 928 pages, 2012. [German] Amazon.de (German, Link) | Perlentaucher (Link)

11: HERMANN KANT, „Der Aufenthalt“, 600 pages, 1977. [German] Amazon.de (German, Link)

12: SUSANNE HORNFECK, „Torte mit Stäbchen: Eine Jugend in Schanghai“, 380 Seiten, 2012. [Young Adult, German] Amazon.de (German, Link)

13: YASSIN MUSHBARASH, „Radikal“, 397 pages, 2011. [German (Mainstream) Thriller] Amazon.de (German, Link)

14: JÜRGEN SCHREIBER, „Ein Maler aus Deutschland. Gerhard Richter“, 250 pages, 2005. [Nonfiction / Biography, German] Amazon.de (Link) | Perlentaucher (Link)

15: SÖNKE NEITZEL, HARALD WELZER: „Soldaten. On Fighting, Killing and Dying“, 448 pages, 2011. [Nonfiction, German] Amazon.de (Link)

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Ocelot, not just another bookstore:

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Here are five books that made me curious enough to buy them:

01: BRIAN K. VAUGHAN, FIONA STAPLES, „Saga, Vol. 1“, 160 pages, 2012. [Graphic Novel; new Sci-Fi / Space Opera series]

02: CHRISTIAN JEITSCH, OLAF KRAEMER, „Abaton: Vom Ende der Angst“, 400 Seiten, 2011. [German: dystopian YA trilogy; danke an mixtvision Verlag / Pia Mortensen!]

03: DAVID GRAEBER, „Debt: The First 5000 Years“, 534 pages, 2011. [Nonfiction; danke an Klett-Cotta!]

04: NATHANIEL RICH, „Odds against tomorrow“, 304 pages, 2013. [danke an Klett-Cotta!]

05: TILMAN RAMMSTEDT, „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“, 155 pages, 2012. [German]

Besprechung bei ZEIT Online, David Hugendick: Link

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…and finally, here are two books that I read – and that were really good:

4 of 5 stars: A.S. KING, „Ask the Passengers“, 296 pages, 2012. [YA novel, convoluted and a little dry. It was a good read – but I prefered her debut, „Please ignore Vera Dietz“]

4 of 5 stars: BENJAMIN MAACK, „Monster“, [German, interconnected Short Stories; danke an Daniel Beskos / mairisch Verlag!]

Besprechung bei ZEIT Online, David Hugendick: Link

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related Posts:

and:

[gebloggt auf ocelot.de] Superman? Batman? Alles auf Anfang!

Heldencomics in der Krise: Bei DC Comics werden 52 neue Heftreihen zum Bestseller. Die „New 52“ wollen Start- und Einstiegspunkte sein – für neue, jüngere Leser.

Von Stefan Mesch

„Gäste zum Kaffee“, die gemütliche Talkrunde im MDR-Magazin „Hier ab vier“, hat jeden Nachmittag etwa 160.000 Zuschauer. „Detective Comics“, das monatliche Heft, in dem Batman seit 1939 Verbrecher jagt, wurde Mitte 2011 nur knappe 60.000 Mal verkauft.

Als Marke, Spielzeug und im Kino bringen selbst unbekanntere Figuren wie Green Lantern oder die „Avengers“ Profite. Doch Comics selbst? Die monatlichen, zwanzigseitigen Fortsetzungshefte für 2.99 Dollar? Dort sterben Superman und Wonder Woman seit knapp 20 Jahren einen Tod auf Raten.

„Die größten Helden der Welt. Die größten Autoren und Künstler. In 52 neuen, ersten Heften“, versprach DC Comics im Herbst 2011 in einer pompösen Kino- und TV-Kampagne: Konkurrent Marvel Comics, Herausgeber von „Spider-Man“, „Hulk“ und den „X-Men“, wurde 2009 vom Disney-Konzern gekauft. DC Comics gehört zu Warner Brothers. Durch Videospiele, Filmrechte und Merchandise verdienen beide Konzerne gutes Geld mit jeweils Hunderten Heldenfiguren. Doch ist das Kerngeschäft, die Comics selbst, zu retten?

Vielleicht schon, zeigt die Bestseller-Überraschung der „New 52“: Noch im August 2011 veröffentlichte DC Hefte wie „Batman 713“ oder „Action Comics 904“. Dann brachen alle Geschichten ab: Ein Riss zerstörte die Zeitrechnung des gemeinsamen „DC Universe“ und 52 neue, teils eng verknüpfte Serien zeigten seit September 2011 alle bekannten Helden plötzlich in neuen, einsteigerfreundlichen Situationen. Zum ersten Mal seit 1986 wagt die DC-Welt einen Neuanfang. Und er gelingt – künstlerisch und kommerziell.

Selten waren aktuelle Heldencomics flirrender und aufregender als auf den 1216 Seiten in 52 neuen, beliebig kombinierbaren Erstausgaben: 28 neue Serien handeln von Männern (davon viermal Batman), 18 von Gruppen oder Teams, nur sechs haben eine Frau als Titelfigur. Es gibt ein (überraschend gutes) Wildwest-Comic, zwei mittelmäßige SoldatenAbenteuer, eine Handvoll blutiger Horror-Serien. Die „Demon Knights“ kämpfen im Mittelalter, die vier „Green Lantern“-Teams im Weltall, „Legion of Super-Heroes“ im Jahr 3011 und „Batwing“ im Kongo.

„Wer Comics oder Seifenopern verfolgt, der folgt nicht einzelnen Geschichten – sondern Figuren, die ihm im Lauf der Zeit ans Herz gewachsen sind“, schreibt Nelson Branco. Doch seit September haben Sympathieträger wie Nightwing, Batwoman, Aquaman, Wonder Woman und Animal Man endlich besonders zugängliche Erzähler, besonders eindringliche Plots (Empfehlungen: am Ende des Artikels).

Der große Neustart – ab Juli auch auf Deutsch, bei Panini Comics – hat nur ein Problem: Egal, wie klug und charismatisch die Figuren sind… die Welt um sie herum ist plötzlich so naiv, schwarzweiß und finster wie nie zuvor. In jedem zweiten Heft gibt es geheime Labors, in denen inkompetente Wissenschaftler schreckliche Wesen züchten. Polizisten sind korrupt oder hilflos, Politiker gehen über Leichen, Freunde und Eltern sind Belastungen statt einer Stütze – und nur ein Einziger agiert mit Mitgefühl, Verstand und Engagement: der einsame, oft isolierte und missverstandene Held.

Als Hollywood in den Fünfzigern die Jugend als Markt und eigene Zielgruppe entdeckte, fanden billige Monster-Filme wie „I was a Teenage Werewolf“ neue, griffige Metaphern für die Entfremdung vom eigenen Körper, für Außenseitertum und Angst. Anfang der Sechziger griff Marvel Comics diesen Tonfall auf: „Spider-Man“ zeigte ein pubertäres, unbedarftes Schulkind, „X-Men“ eine Clique aus missverstandenen Monstern.

Noch heute werden viele Marvel-Helden in der fiktiven Weltordnung ihrer Comics diskriminiert, bekämpft und verachtet. Sie finden keine Liebe und brechen sich gegenseitig das Herz. Sie bleiben neurotisch, neidisch, unzufrieden, voller Selbsthass und Hormone. „Die Hälfte von ihnen sind Außenseiter mit begrenzten Kräften, die sich abkämpfen für eine Welt, in der sie nie richtig gewürdigt werden“, erklärt Comichändler Scipio Garling. „Die andere Hälfte sind unfassbar mächtige, kosmische Wesen von unvorstellbarer Kraft und… Plattheit.“

Beide Persönlichkeiten sind attraktive Rollenbilder für Macht- und Hilflose, für Underdogs, Opfer der Umstände: „Typ 1 trifft das Selbstbild eines Jugendlichen. Typ 2 entspricht dem Wunschbild eines Jugendlichen“, vereinfacht Garling. „Sei stark und zäh, denn unsere Welt ist voller Unglück. Du hast es nicht verschuldet. Aber du kannst es auch nie abschaffen… Das ist die Marvel-Botschaft.“

Reiz und Stärke der DC-Helden dagegen stammt aus einer bürgerlichen, viel positiveren Haltung zur Rolle des Einzelnen in der Welt. „DC sagt: Du bist verantwortlich dafür, dich selbst und die Gesellschaft zu verbessern. Sei stark und zäh, um dieser Verantwortung gerecht zu werden.“

Die Marvel-Figur Iron Man, ein stolzer Erfinder und Millionär, würde auch gut zu den DC-Figuren passen. Supergirl, ein verwirrtes und unglückliches Waisenkind, wäre bei Marvel besser aufgehoben. Bei vielen Helden aber bleibt die große Unterscheidung überraschend trennscharf: Wonder Woman (DC), Botschafterin der Amazonen, ist tatsächlich engagierte Diplomatin. Clark Kent (DC), Supermans bürgerliches Ich, hat einen Pulitzerpreis. Green Arrow (DC) lebt als moderner Robin Hood – und lässt sich zum Bürgermeister wählen, um nicht allein die bloßen Symptome sozialer Ungerechtigkeit zu bekämpfen.

DC-Helden wollen – als Bürger und in ihren Kostümen – arbeiten, Einfluss nehmen, ein Vorbild sein. Sie vertrauen ihren Familien, engagieren sich im Beruf. Sie suchen Partnerschaft und Respekt statt Ruhm und Sex; sie trennen den Müll und setzen globale Zeichen. Egal, ob gerade jemand zusieht oder nicht.

Der Held im neuen “Aquaman” dagegen hat keine Lust mehr, König von Atlantis zu sein: Er will Entspannung an Land und bestellt erstmal Fish and Chips. Der Held in „Green Lantern“ ist arbeitslos und kann sich kein Auto leisten. „Hawkman“ verbrennt sein Kostüm und liegt jammernd in seiner verdreckten Wohnung. In „Static Shock“ verbietet ein Vater seinem (Helden-)Sohn, den Führerschein zu machen. Die Hauptfigur in „Voodoo“ muss als Stripperin arbeiten. In „Action Comics“ wird Superman von der korrupten Regierung gejagt.

Miese Jobs. Böser Staat. Wirtschaftskrise. Schlechte Karten!

“Unsere Zielgruppe sind Männer zwischen 18 und 34 Jahren”, erklärt der DC-Verlag. Eure Zielgrupe, korrigiere ich nach der Lektüre von 52 ersten Heften, sind Verlierer, Zyniker, Nörgler und Versager. Fans von Selbstmitleid und Zweifeln. Wie bei Marvel:

Seit September hat Lois Lane einen neuen Freund – Superman konnte nie bei ihr landen. Seit September ist Green Arrow ein jugendlicher, legendär reicher Playboy – apolitisch und plump. Auch Familie Reyes, die respektvollen, bisher immens sympathischen Eltern des jungen Blue Beetle, sind plötzlich streng und hilflos: „Früher erfuhr Blue Beetle Zuspruch und Unterstützung von Freunden und Familie. Aber das Heldenleben ist nunmal kein Zuckerschlecken!“, feixt Autor Tony Bedard. „Ich mache ihm alles deutlich schwerer!”

Es ist nicht schwer, Geschichten zu erzählen, in denen ein Held alleine in einem Sumpf aus Mittelmaß und Dummheit steht. Es ist nicht schwer, „der Gute“ zu sein, so lange alle Gegenseiten nachtschwarz und bitterböse bleiben. Viele neue DC-Reihen sind schmissig – aber brutal vereinfacht, geist- und einfallslos.

Besonders die weiblichen DC-Figuren leiden unter diesem Kurswechsel: Denn seit September werden sie mit dickerem, plakativen Pinselstrich gezeichnet. Amanda Waller, eine bullige, intrigante Regierungsagentin Ende 40, vor der selbst Batman zittterte, hat plötzlich eine Wespentaille und feuchte, pralle Lippen. Fast 30 Jahre lang war Starfire eine lebensfrohe, entspannte Romantikerin. Jetzt bietet sie jedem Mann spontanen Sex an. Beinahe fünf Jahre lang waren Catwoman und Batman ein Liebespaar: Sie kannten die Gesichter hinter der Maske, vertrauten sich beruflich wie privat.

Der „Catwoman“-Neustart tilgt diesen Respekt und das Vertrauen: „Sie ist süchtig nach der Nacht. Süchtig nach Glanz. Süchtig nach Batman. Und süchtig nach der Gefahr!” Eine leichtsinnige Diebin, getrieben von Instinkt und Libido. Eine Figur, gezeichnet, um begafft zu werden – nicht bewundert.

Am Ende des September-Hefts taucht Batman in Catwomans (ergaunertem) Penthouse auf. Sie stürzt sich auf ihn wie eine räudige Katze. Und erklärt dem Leser, sie wisse gar nicht richtig, wer dieser Mann ist – es sei auch egal: Ihr reicht Batmans Körper. Sex auf dem Fußboden. Maskierte, gierige Fremde. „Und die Kostüme lassen wir größtenteils an.“

DC Comics ist ein flüssiger, süffiger, schwungvoller Neustart geglückt, mit vielen bemerkenswerten Zeichnern und einer Handvoll klugen und subtilen Autoren. Doch diese neue Welt der Helden ist auch, deutlich wie nie: ein Bekenntnis zum Schund. Zum Sexismus. Zur Gewalt. Und zu einer jungen, männlichen, naiven Leserschaft, die sich nicht viel zutraut. Und nicht viel erwartet.

sechs Empfehlungen für Neueinsteiger: „The Flash“ (Panini), „Action Comics“ (Panini), „Batman“, „Justice League“ (Panini), „DC Universe presents: Deadman“

sechs Empfehlungen für Fans: „Batman & Robin“ (Panini), „Batwoman“ (Panini), „Wonder Woman“, „Birds of Prey“, „Swamp Thing“, „Animal Man“ (Panini)

Enttäuschungen und Schund: „Detective Comics“ (Panini), „Deathstroke“, „Red Hood and the Outlaws“, „Red Lanterns“ (Panini), “Legion Lost”, “Catwoman” (Panini)

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related Links:

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my German comic book journalism: