Moral

Queere Literatur: “Lutra Lutra” (Matthias Hirth, 2016)

Portraitfoto Matthias Hirth: Nemetschek-Stiftung

.

Schund und Sühne

Brillant – und pornografisch? Matthias Hirth seziert Begehren und Exzess der 90er Jahre.

.

Geld verdirbt den Charakter. Wer konsumiert, verbraucht dabei auch Menschen. Was wird aus Nähe, Sex, Intimität, wenn eitle Player Marktzwänge und -logik ins Private tragen? Vor 20, 25 Jahren, in Satiren wie „American Psycho“, wurden solche Verrohungen klug auserzählt. Heute überrascht Matthias Hirth, geboren 1958, mit einem Nachzüglerroman, wie aus der Zeit gefallen: „Lutra lutra“, das sind 736 ironiefreie Seiten über einen Münchner Schnösel, „Fleck“ Fleckensteiner, Anfang 30, und die skrupellosesten Wochen seines Lebens – den Jahreswechsel 1999/2000.

Ein Buch über Ängste der 80er, den Hedonismus der 90er und einen weltmüden Nichtstuer, der so viel Geld erbt, dass er alle Tage, Nächte einer einzigen Frage widmen kann: „Was würdest du tun, wenn du etwas Böses tun wolltest?“

Flecks Freundin macht Schluss, treibt das gemeinsame Kind ab. Und aus gekränktem Stolz, Langeweile, Abenteuerlust probiert Fleck viele Männer, einige Frauen durch. Flirtet. Quält. Beobachtet sich selbst als Spieler, Kinkster, Lustobjekt. 

„Sein Dasein kommt ihm vor wie eine leere Fläche, in die er nach Belieben Dinge stellen kann, ein Ozean, in dem jeder Weg möglich ist. Ich bin frei, denkt er. Der jetzige Moment hat mit dem vorigen keinerlei Verbindung.“ Ein haltloser, reicher Mann sucht Wege, alles aufzusprengen: Privilegien, sexuelle Rollen, jede materielle oder moralische Abhängigkeit. Ein New-Economy-Klischee?

Drei Jahre lang erforschte Matthias Hirth in einem Think Tank Zukunftsmodelle und Science-Fiction-Utopien, für einen Autohersteller. Flecks Oberstufen-Existenzialismus wirkt dagegen kaum visionär: Warum die vielen Referenzen zu Dostojewskis „Schuld und Sühne“? Der lange Blick zurück ins Jahr des Fischotters (lat.: Lutra lutra), 1999? Mit ein paar Szenegängern, Strichern schlafen – über viele erste Seiten hinweg scheint weder Autor Hirth noch seiner Figur Fleck Klügeres, Wilderes, Drastischeres einzufallen.

Originell, markant und klug wird „Lutra lutra“ erst durch den Umfang: Hirth gönnt Fleck ein Ensemble zunehmend komplexer Gegner, Reibeflächen. Was ist mit HIV? Wo treffen sich Wegwerf-Sexpartner plötzlich wieder? Wurde Fleck „über Nacht“ schwul – wie ärgerlich viele schlecht geschriebene Figuren: Ignoriert das Buch Bisexualität? Nein. Fleck darf sich lustvoll, klug verrennen. Er findet eine Haltung. Zeit vergeht. Die Stimmung kippt. Er findet eine bessere Haltung. Doch wieder stellt ein wenig Zeit alles in Frage.

Autoren ordnen solche Haltungswechsel oft als Reife- und Lernprozess: In vielen Büchern münden Schlingerpartien in einer großen, finalen Erkenntnis. „Lutra lutra“ dagegen bleibt eine schmerzhaft offene, zunehmend raffinierte Langzeitbelichtung: Hirth nutzt jede Seite, um die romantischen und weltanschaulichen Wenden eines Mannes, der keinen Sinn mehr darin sieht, sich selbst am Marktwert seiner Partner zu messen, klug, rührend, emotional erwachsen immer grundsätzlicher zu hinterfragen.

Die Sprache bleibt schlicht und süffig. Sex darf hier sexy, Liebe lieblich, Verkopftes unglaublich verkopft, alles Obszöne krass obszön klingen. Ein bisschen kunstlos – manchmal auch nur: bollernd pornografisch. Das Psychogramm einer Figur, in Zeiten des Börsen-Booms so relevant wie heute. Überraschend weit gedacht. Und, in vielen Sexszenen: überraschend erregend.

.

MATTHIAS HIRTH, “Lutra Lutra” 736 Seiten, Voland & Quist 2016.

“Worin besteht wirkliche Stärke? Wie erreicht Fleck, 32, die Ausstrahlung, die ihn für jede Frau und jeden Mann unwiderstehlich macht? Er kommt zu dem Schluss, dass es für ihn nur einen Weg zu vollkommener Selbstbestimmtheit gibt: mit sämtlichen Regeln der Gesellschaft zu brechen. Hirths Roman zeigt die Verbindung von Sex und Gewalt, Coolness und Terrorismus. Heimlicher Held ist das Jahr 1999, das Jahr des Fischotters (lat.: Lutra lutra), das Jahr vor dem Zusammenbruch der New Economy und der großen Arbeitslosigkeit – das letzte Jahr der guten alten Zeit.” [Klappentext, gekürzt]

.

Lutra lutra