Marvel Comics

„Avengers: Endgame“: Fragen, Kritik, Probleme

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Seit „Iron Man“ (2008) erzählen 22 Marvel-Kinofilme (und, eher nebensächlich: eine Handvoll TV-Serien, u.a. auf Netflix) eine große, oft zusammenhängende Geschichte. Viele der bekanntesten und/oder mächtigsten Helden (und, weniger: Heldinnen) sind Teil des Teams „The Avengers“.

Der Kinofilm „The Avengers“ (2012) bringt Figuren zusammen, die auch jeweils eigene Kinofilme hatten:

  • Captain America (bisher 3 Filme)
  • Iron Man (bisher 3 Filme)
  • Thor (bisher 3 Filme)
  • Hulk (ein nebensächlicher Film mit ganz anderer Besetzung)

…sowie Hawkeye (kriegt eine eigene TV-Serie) und, als anfangs einzige Frau, Black Widow (Kinofilm geplant).

Die meisten Verträge dieser sechs Schauspieler laufen 2019 aus.

Deshalb gab es, nach den Avengers-Filmen „The Avengers“ (12) und „Age of Ultron“ (15) jetzt, 2018 und 2019, einen Zweiteiler, der fast alle wichtigen Figuren aus den bisherigen 20 Filmen zusammen führt, im Kampf gegen den außerirdischen Thanos, der sechs mächtige Steine/Kristalle sucht und mit ihrer Macht die Hälfte des Lebens im gesamten Universum auslöschen will (…wegen Ressourcenknappheit, Überbevölkerung und den „Grenzen des Wachstums, es reicht nicht für alle“-Erfahrungen seiner Heimatwelt, Titan.)

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Im Film „Avengers: Infinity War“ (2018) sammelt er alle 6 Steine, schnippt mit den Fingern und löscht die Hälfte alles Lebens aus. „Infinity War“ war ein rasanter, recht einstiegsfreundlicher Non-Stop-Kampf, den ich gern sah & empfehle: Ein Film über die Vielfalt und die Schrullen, Kräfte, Eigenheiten und das Mit- und Gegeneinander der vielen, vielen in vorigen Filmen etablierten Marvel-Figuren. Man muss nicht alle Figuren kennen: „Infinity War“ zieht schnell rein und zeigt: „Das ‘Marvel Cinematic Universe’, MCU, ist farbenfroh, dramatisch und hat viel schönes Pathos.“

Die direkte Fortsetzung, „Avengers: Endgame“, wird so heiß erwartet, weil:

  • Hier alles zusammen laufen soll.
  • Vieles enden wird: Welche Schauspieler*innen steigen aus? Welche Held*innen verschwinden oder sterben?
  • Der Film im Vorfeld mit einem Staffel- oder Serienfinale verglichen wurde: ein 22teiliges, komplexes, extrem erfolgeiches Erzähluniversum will für viele Figuren einen wichtigen Schlusspunkt setzen.

7 der 21 erfolgreichsten Kinofilme seit 2010 sind MCU-Filme.

Auch „Endgame“ wird erfolgreich sein. Die Frage bei ALLEN aktuellen Marvel-Filmen aber ist: erfolgreich genug?

Sind die Filme…

  • einsteigerfeundlich? (Infinity War: ja! Endgame: auf keinen Fall.)
  • für sich alleinstehend gelungen? (Es geht: beide Filme sind sehr ‘in medias res’)
  • ein wichtiger Baustein der größeren MCU-Erzählung. (Besonders ‘Endgame’: Ja, und wie. Eine Belohnung für Fans: Je besser man sich an Details aus früheren Filmen erinnert und je näher man den Figuren steht, desto mitreißender, dichter und befriedigender ist dieser Film.)
  • zeitgemäß: Gibt es interessante Heldinnen, Figuren of Color, LGBTQ-Content usw.? (Nein. Heldin Black Widow hat eine große, Heldinnen Nebula und Gamora kleinere Rollen. Der Rest nur eine Handvoll Sätze und Momente; und ein sprechender Waschbär kriegt mehr Raum & Tiefe als alle Figuren of Color.)

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Das für mich Wichtigste und Schönste an „Endgame“ ist, dass (wussten wir vorher) das „Marvel Cinematic Universe“ nicht enden wird. „Endgame“ ist NUR emotionaler Höhepunkt und großes Finale für das Miteinander der sechs Original-Avengers: Zwei sterben den Heldentod, einer ist am Ende des Films durch eine Zeitreise verändert, die anderen drei könnten in zukünftigen „Avengers“-Filmen mühelos große Rollen spielen.

Das heißt auch: Nach 22 Filmen gibt es jetzt eine Art Machtvakuum: mehr Platz auf der Bühne. In den Comics passiert oft, dass eine Figur stirbt oder sich verändert und eine neue Figur die alte Heldenrolle übernimmt. Solche „Erben“ sind oft Frauen oder Figuren of Color, und „Endgame“ z.B. macht einen Schwarzen, Sam Wilson, zum offiziellen Nachfolger Captain Americas. (War auch in den Comic-Vorlagen so.)

Ich hatte gehofft, dass sich „Endgame“ mehr Zeit nimmt, solche Nachfolge-Figuren, „Legacy Characters“, zu positionieren: auch in den folgenden Jahren werden jährlich zwei bis drei Marvel-Kinofilme starten. Ob das Heldenteam „The Avengers“, bisher das Zentrum des MCU, weiter besteht, bleibt offen. Erstmal aber, wie gesagt: eine freiere Bühne.

Toll an „Endgame“ ist, dass die ganze Geschichte, das Mosaik aus 22 Filmen, ein wirklich stimmiges Finale bekommt: Das Experiment „Wollen Menschen die selben 40+ Figuren 12 Jahre lang in lose verknüpften Kinofilmen verfolgen: Lohnt sich das? Macht das Spaß?“ ist mit diesem Film, finde ich, tatsächlich voll geglückt.

Nur, wie gesagt: Während ich „Infinity War“ wirklich auch Neueinsteiger*innen empfehlen kann, weil man dort mit viel Tempo schräge Figuren, Duos und Kleingruppen kämpfen sieht (das macht auch noch Spaß, wenn man viele nicht kennt: Durch ihre Art, zu kämpfen und zu streiten, erklären sich diese Figuren recht gut)…

…ist der 3 Stunden lange „Endgame“ (u.a. durch eine ca. eine Stunde lange Zeitreise, in der u.a. Szenen aus den Filmen „Thor 2“, „The Avengers“ und „Captain America 2“ direkt zitiert und auf den Kopf gestellt werden; sowie durch viele Dialoge über früher, frühere Partnerschaften, verstorbene Familienmitglieder etc.) wirklich ein Film für Fans, ein Grande Finale, das man besser findet, je mehr andere, frühere Filme man kennt. Fragen wie „Wer ist wem wichtig, und warum?“ sind zentral, sowie „Was macht ein gutes Leben aus?“ und „Welche Sorte Bürger/Held will ich sein?“. Die Antworten, die Figuren jeweils wählen, erschließen sich VIEL besser, wenn man die Figuren schon möglichst gut kennt.

Wermutstropfen?

  • Einzelne Szenen (Kämpfe, Heldentode, Schlachten) sind klischeehaft und wurden schon in 10+ vorigen Marvel-Filmen ähnlich erzählt.
  • Die beiden erfolgreichsten und frischesten MCU-Figuren der letzten Jahre, Heldin Captain Marvel und König/Held Black Panther, spielen kaum eine Rolle.
  • Wie fast immer bei Marvel kriegen recht dümmliche und naive Figuren (hier: Ant-Man) viel Raum, tölpelhaft zu sein, im Stil von 80er-Jahre-Komödien. Unreife Jungs, erzählerisch langweilig. (In „Infinity War“ wars Peter Quill – der dort aber interessante Entscheidungen treffen musste. In „Endgame“ nimmt Ant-Man ermüdend viel Platz ein; auch Thor langweilt.)

Lange, akkurate Zusammenfassung (und interessante Kommentare): Link, Reddit

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01__Länge? 181 Minuten. Trotzdem keine Längen: gutes Tempo/Dichte, passt. („Titanic“: 195 Minuten).

02_“Okay. Hold on, don’t shoot“, die erste Dialogzeile im Film, bedeutet nichts Tieferes, oder?

03_Schade, dass das Mädchen, mit dem Hawkeye am Bogen trainiert, „nur“ seine Tochter ist – nicht, wie nach dem „Endgame“-Trailer viele hofften, Kate Bishop: Clints junge Nachfolgerin-dann-gleichberechtigte-Kollegin aus den „Hawkeye“-Comics.

04_“Endgame“ will als Abschluss verstanden werden: Wie das Ende (oder, mindestens: Staffel-Finale) einer Serie. Der Film setzt einen schönen (vorläufigen) Schlussakkord. Aber, wirklich: Es ist kein Ende des MCU. Kein Ende der Avengers. Nichtmal ein Ende für die sechs zentralen Figuren. Sonern einfach: ein Finale fürs Miteinander dieser 6 Leute. Das einzige, das wir vermutlich nie wieder sehen, in den nächsten 22 Filmen, sind Cap, Thor, Tony, Natasha, Bruce und Clint, zusammen, routiniert.

05_Ich mag, wie viele Dialoge es gibt… und wie tief sie schneiden, wie oft, viel und detailliert Figuren-Historie und Vorgeschichte Thema ist in diesem Film: Momente, die sich die Figuren in JAHREN Vorgeschichte, Vorbereitung verdienten.

06_Befreiend und überraschend, dass „Endgame“ nicht v.a. von Thanos handelt. Thanos war (in Sachen Screentime) Mittelpunkt und Hauptfigur von „Infinity War“ und hatte noch viel Raum für Wachstum, Tiefe. Schön aber, dass er „Endgame“ nicht dominiert.

07_Ich war in der Hamburger Pressevorführung (Dienstag, 23. April, 9 Uhr morgens): etwa 60 Journalist*innen, fast alle weiß, fast alle Männer zwischen 25 bis 40. Viele trugen Fan-Shirts, Fan-Rucksäcke etc. Ich bin immer traurig, wenn ich bei Heldenfilmen v.a Männer im Publikum sehe und einzwei Paare. Fühlen sich Frauen (zu Recht) nicht angesprochen/repräsentiert?

08_Mein Verdacht, vor „Endgame“: Dass es besonders um Tony & Steve gehen wird und, dass, falls beide sterben, die Tode verschieden genug sein müssen, dass sie sich nicht überschneiden. Ich dachte, einer stirbt (Cap?) und einer endet anderswo (im All, oder z.B. als A.I.). Dass Natasha stirbt, hätte ich nie erwartet.

09_Wer alle sieben Dragonballs findet, hat einen Wunsch frei. Ist er erfüllt, versteinern die Dragonballs, zerstreuen sich in alle Winde und müssen neu gefunden werden. Der grundlegende „Endgame“-Plot ist super-ähnlich: „Thanos hat geschnippt, jetzt müssen wir alle Steine neu finden, um selbst schnippen zu können.“

10_Guter Fan-Slang für „Thanos schnippt die Finger“ (snap) und lässt, wie beim Jüngsten Gericht (rapture) einen Teil der Lebenden verschwinden: „Snapture“!

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11_Auch im „Infinity Gauntlet“-Comic (1991) löscht Thanos die Hälfte alles Lebens aus… dort aber, weil er sich in den Tod persönlich verliebte (Tod = eine Gruftie-Diva, die Zeichner George Perez GENAU SO inszeniert wie Raven in den 80er-Jahre-“Teen Titans“-Comics, die er zuvor zeichnete). „Ressourcenknappheit“ wurde u.a. durch die „Die Grenzen des Wachstums“-Studie des „Club of Rome“ globales Thema: 1972. Obwohl „Kann das für alle reichen?“ also schon recht lange gefragt wird, finde ich das als Thanos’ Motivation zeitgemäßer und interessanter als „Ich liebe den Tod“.

12_Im Comic „Y: The Last Man“ sterben alle Männer (nein: alle Menschen mit Y-Chromosom, also die meisten cis Männer und trans Frauen) an einem Virus. Die Welt verändert das extrem. „The Leftovers“ (flauer Roman; doch TV-Serie mit euphorischen Kritiken) zeigt eine Welt, in der 2 Prozent der Weltbevölkerung plötzlich verschwanden. Auch dort ist alles grundsätzlich aus den Fugen.

13_Ich hätte SO gern eine Montage in „Endgame“ gesehen, die überraschende globale Folgen der „Snapture“ zeigt: soziale, biologische, kulturelle, religiöse. In der Comic-Vorlage verschwindet auch die Hälfte aller TIERE. Wie ändert das z.B. Viehzucht und Ökosysteme?

14_Wer sind die unbestreitbaren Hauptfiguren dieses Films? Die ersten sechs Avengers. Es spricht *sehr* für das MCU und die vielen neueren Figuren, dass ich, als Thanos schnippte und immer mehr Figuren zu Staub zerfielen, dachte „Oha: Das hat ja echt auch sehr, sehr zentrale Figuren erwischt.“ Dass es die sechs zentralsten Figuren aussparte, fiel mir erst beim Listen-Durchsehen auf, später. Denn klar sind für mich Figuren wie Peter Parker, T’Challa und Stephen Strange super-zentral. Gute Arbeit!

15_Sympathisch, dass sich Tony und Nebula kurz nach Thanos‘ Schnippen die Zeit mit einem Spiel vertreiben, bei dem man… Spielfiguren schnippt!

16_Immer wieder klagt jemand, im MCU fehlen interessante Gegner/Villains. Das beinahe ERSTE, das wir im „Infinity Gauntlet“-Comic (1991) sehen, nachdem Thanos schnippte: Bösewicht Doctor Doom – gekränkt und wütend. Ich war mir sicher, dass „Endgame“ einen Avengers-Einsatz oder -Kampf zeigen würde, kurz nach dem Verschwinden der halben Menschheit… und einen Bösewicht, der das Machtvakuum zu einem „Power Grab“ nutzt. Stattdessen fällt mir nicht mal *ein* MCU-Bösewicht ein, der noch am Leben ist und eine Gefahr darstellt.

17_Ich bin 36 – und merke, wie absurd wichtig der Generation meiner Eltern Gartenarbeit, Gartenpflege, „Mein schöner Garten“-Abos etc. sind: Dass Thanos (mächtig, patriarchal, hält alle für unreif und unerfahren) sich auf „my Veranda“ zurückziehen will und sich auf ein Leben voller Gartenarbeit freut, passt hier, glaube ich, sehr gut: #altersfrage #generationenkonflikt

18_Doch dass Pepper Potts (Firmenchefin, Superheldin) Bücher übers Kompostieren liest, über die sich Tony lustig macht, nervt mich – so gut es auch zum Öko- und Achtsamkeits-Image von Schauspielerin Gwyneth Paltrow passt.

19_Heft 1 von „The Infinity Gauntlet“ fragt über Thanos: „Or will his fragile heart be his undoing?“ Ich war gespannt, welche Charakterschwäche oder Hybris Thanos zu Fall bringt. Doch bin froh, dass „Endgame“ die Zeit für anderes nutzt.

20_Ich dachte, sobald ich „Five Years Later“ las: Ich sehe jetzt einen Drei-Stunden-Film über Leerstellen, Verlust, Trauer. Stattdessen wurde der Zeitreise-Plot schnell zu einer schwungvollen, lockeren Zitate- und Easter-Egg-Suche für Fans. Schön, dass SO viele widersprüchliche Töne, Aspekte, Stimmungen ins MCU passen. Doch schade, wie brachial, plump und nervös Humor DAUERND als Gegengewicht oder Überzuckerung in MCU-Momenten auftaucht, die… gar keinen Humor/Zucker brauchen.

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21_Der Plot von „Endgame“? Thanos heute (später: Thanos von 2014) und die Avengers kämpfen um einen großen Reset-Knopf. Ich bin froh, wie behutsam dieser Knopf am Ende gedrückt wird und, dass fast alles, was in vorigen Filmen geschah, weiterhin so erinnert werden kann / noch in Continuity ist. [Die DC-Heftreihen versuchen 2011 etwas ähnliches, durch Flashs Zeitreise in „Flashpoint“. Das Ergebnis: Ich weiß bei heute von vielen DC-Lieblingsfiguren nicht, was weiterhin zu ihrer Vergangenheit gehört… und was sich geändert haben muss, doch nie genau neu auserzählt wurde. Uff!]

22_“Etwa 80 Prozent“ von „Thor 3“ wurden improvisiert. Auch in „Infinity War“ gab es Spider-Man-, Doctor-Strange- und Guardians-Momente, die mir improvisiert schienen. In „Endgame“ aber würde mich das überraschen: Fast alle Dialoge wirken zwingend, dringlich und so, als zählt die exakte Wortwahl. Kein spontaner oder verspielter Film!

23_In vielen MCU-Filmen nervt Product Placement. Dieses Mal fiel mir nur eins auf: Audi – plump und penetrant.

24_Der Film beginnt mit einem Rock-Klassiker, den ich nicht namentlich erkannte… und endet mit einem Swing-Standard (40er?), den ich nicht kenne. Googelt gern, ob die Songs tiefere Aussagen haben oder Subtexte aufmachen. Ich finde, allen MCU-Soundtracks und -Original Scores fehlt Charakter. Solide – und schnell vergessen.

25_Scott Lang beschreibt den Zeitreise-Plan als „Time Heist“. „Heist Movies“ sind z.B. die Gangster- und Ganoven-Klassiker, die „Ocean’s Eleven“ aufgriff: Filme, in denen ein Team einen komplexen Plan spinnt, etwas zu stehlen und alle zu täuschen. Ich sah die beiden „Ant-Man“-Filme noch nicht – doch auch sie werden als „Heist Movies“ beschrieben. Kennt man das Wort im Deutschen – oder sagen wir noch 20 Jahre lang „Sowas wie ‚Ocean’s Eleven'“?

26_Wir sehen durch Scott Langs Augen […viel zu wenig davon], wie Thanos’ Snapture die Welt änderte. TV-Pilotfilme haben oft eine neue oder außenstehende Figur, durch deren Augen man z.B. ein Polizeirevier, ein Milieu oder einen Freundeskreis kennen lernt. Als Newcomer und Viewpoint Character macht Lang zwar viele Szenen zu Beginn des Films einfacher… doch mich deprimiert, wie trottelhaft, übereifrig etc. er inszeniert wird: Ich muss nicht alle drei Szenen einen totalen Trottel sehen. (Wie gesagt: In „Infinity War“ war Peter Quill der eher-störende-als-witzige Ignorant. In „Endgame“ sind es Scott Lang und (schade!) Thor.)

27_Die „Star Trek“-Folge „The Trouble with Tribbles“ macht Spaß. Nachfolger „Deep Space Nine“ nahm sich fast 30 Jahre später das Filmmaterial und fügte die eigenen, neuen Figuren ein: Die DS9-Helden machten eine Zeitreise und mussten, parallel zur Handlung von „Trouble with Tribbles“, ein eigenes Problem lösen – ohne, aufzufallen oder die Vergangenheit zu beeinflussen. Ich liebe die Folge und das Konzept. Doch dass ich aus „Infinity War“ (allergrößte Oper, Pathos!) zu „Scott Lang & Kumpels spielen ‘Trials and Tribble-ations’ mit alten, vorigen MCU-Filmen“ …schlitterte ist für mich… doch: ein Schlittern. Kein „Wow! Diese Filmreihe weiß, was sie tut!“

28_[Produzent] Kevin Feige mentioned that the Grand Finale of Star Trek: The Next Generation („All Good Things…“), which prominently featured characters jumping through time, was a key influence on „Endgame“. [Quelle]

29_Ich glaube jetzt, nach „Endgame“, alle MCU-Regisseure etc. verstehen Tony Stark als Hauptfigur des gesamten MCU. Kann man so sehen – doch dann hätte mir weitere „Iron Man“-Filme nach 2013 gewünscht: Tony redet zwar viel. Doch gewann für mich in den letzten Filmen, besonders in „Ultron“ und „Civil War“,nicht genug weitere Tiefe.

30_Spannend, wie dieser Artikel [Link] über die schrägen/interessanten/überraschenden Duos, Trios, Gruppen in „Infinity War“ direkt sagt: „Doctor Strange wird neben Tony gesetzt, damit TONY sich als Figur entwickelt.“ Ich halte Tony für so klar, konturiert, dass ich die Szenen nicht als Tonys Szenen las. Sondern als: ‚Schaut. Hier erklären wir, warum Stephen Strange kein bloßer Tony-Abklatsch ist.“

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31_Weil das MCU offenbar viele witzige Trottel braucht, doch fast jeder MCU-Einzelfilm so wenige Frauenrollen hat, dass eine Trottel-FRAU als frauenfeindliches Klischee verstanden würde, sind die MCU-Frauen generell VIEL kompetenter und weiser als die MCU-Männer. Das heißt auch: Fast jede Szene in „Endgame“, in der ein Mann länger mit einer Frau spricht, zeigt mir einen schönen „Yeah! Mit SO einer deutlich schlaueren Frau wäre ich auch gern befreundet!“-Moment. Frigga und The Ancient One (Tilda Swinton) kommen deutlich schlauer rüber als ihre männlichen Dialogpartner. Nur Clint und Natasha sind, finde ich, auf Augenhöhe.

32_Meine Mutter sah nur „Iron Man 3“ und „Black Panther“. Sie mochte beide Filme… und sagte über die Gespräche zwischen Tony und Pepper, sie hätte sich alles viel martialischer vorgestellt. „Aber dass du Figuren magst, die SOLCHE tollen Gespräche führen. Das passt ja doch!“ Ich glaube, sie würde gern ne Serie sehen, in der sich Tilda Swinton und Mark Ruffalo 8 Stunden unterhalten. Schön, dass sowas zwischen all den Knalleffekten Raum kriegt, in „Endgame“.

33_Trotzdem hatte Bruce Banner (Hulk) im Film wenig zu tun und, im Rückblick, seit „Age of Ultron“ auch keinen richtigen Arc / Charakterbogen: Ich hätte gern gesehen, wie (genau, konkret!) Bruce es schafft, mit Hulk auf einen… grünen Zweig zu kommen.

34_Fans rätseln noch, ob die kurzen Szenen mit Jane Foster neu gefilmt wurden… oder Material aus dem „Thor 2“-Dreh sind. Natalie Portman (Jane) hatte keine Lust mehr, in weiteren Filmen mitzuspielen, als Regisseurin Patty Jenkins (später: „Wonder Woman“) aus „Thor 2“ ausstieg.

35_Mir ist Jane Foster wichtig, weil sie in den Comics Thors Hammer übernimmt für einige Jahre: Wie toll wären „Thor“-Filme mit Portman als Mittelpunkt?

36_Ich denke oft: Als TV-Serie(n), mit 10+ Stunden Figuren- und Dialogzeit pro Jahr, hätte ich mehr Spaß mit dem MCU. Über eine Figur wie Sharon Carter – die ich bisher in drei Filmen zusammengenommen ca. 11 Minuten sah – weiß ich im Grunde nichts. Besonders, sobald ich Wissen, das ich nur durch ihre Comic-Vorlage habe, ausklammere: WER ist Bucky? Für mich sind das Chiffren, Phantome, fast leere Flächen, die sich oft auch von Film zu Film extrem ändern. Wie kann man Fan einer solchen… Skizze, Vorläufigkeit sein? Ich sah „Ultron“ erst vor Kurzem. Davor wusste ich nichts darüber, dass Bruce und Natasha (die ich beide in späteren Filmen oft sah) über ein gemeinsames Leben nachdachten. Oder, wer Natasha eigentlich tiefer ist, sein will, früher war.

37_“Ultron“ erklärte, dass alle Agentinnen/Assassins, die wie Black Widow im „Red Room“ ausgebildet wurden, sterilisiert wurden. Für Clints Familie war Black Widow „Tante Natasha“, und dass ihr Clints‘ Verlust nahe geht, ist in „Endgame“ deutlich. Schade aber, dass sie zwar SAGT, sie gehe im Job auf (und: ihr Job sei ihre Familie), doch fünf Jahre lang weder a) Clints Alleingänge aufhalten kann noch b) besonders effizient und beherzt und „Ich habe einen Plan, wie alles gut wird“ rüber kommt. Die mutigen Pläne schmieden die Männer. Natasha heult, allein am Schreibtisch.

38_Die freudlose, langweilige, brutale und optisch klischeehafte Szene in Tokyo, in der Clint einen Yakuza-Gangster tötet, nervt mich besonders, weil Natasha offenbar eingreifen und den Tod hätte verhindern können. Mein Lieblingsheld ist Superman („No one dies today“), auch vor Batmans „Ich nutze keine Schusswaffen“ habe ich großen Respekt. Wie leichtfertig Held*innen im MCU DAUERND töten, macht mich müde und stößt mich ab.

39_Als Hawkeye in den Comics stirbt, taucht später eine Vigilanten-Figur auf: Ronin. Lange steht in Frage, ob Hawkeye Ronin ist (jein). Ich finde anstrengend, wie schnell Fans bei „Endgame“ schreiben: „Hawkeye ist jetzt Ronin“ oder „Statt Hawkeye geht es jetzt um Ronin“ – weil Clint für zwei (?) Szenen mehr Vigilant, Einzelkämpfer, Mörder ist als Held, und sein aktuelles MCU-Kostüm dem Ronin-Kostüm der Comics ähnlich wird.

40_Der dystopische (mittelprächtige, aber sehr beliebte) Comic „Old Man Logan“ zeigt Wolverine als alten Mann in einer postapokalyptischen „Mad Max“-Zukunft. Hawkeye wird, ebenso gealtert, zum besten Freund. 2019 startete die Comicreihe „Old Man Hawkeye“. Sie hat überraschend gute Kritiken. Jetzt, nach Jeremy Renners Leistung in „Endgame“, habe ich zum ersten Mal Lust auf das Konzept.

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41_Dass ich, obwohl ich jeweils alle Filme beider Figuren sah, nicht sagen könnte, was Falcon und Rhodey charakterlich unterscheidet, ist ein RIESENproblem.

42_Jemand (Black Widow, in der Erdnussbutter-Sandwich-Szene?) liest J.G. Ballards SciFi-Kurzgeschichtensammlung „Terminal Beach“ (1964). Als Carol in „Captain Marvel“ bei Blockbuster die VHS zum Astronauten-Drama „The Right Stuff“ musterte, passte das gut. Ob „Endgame“ Parallelen hat zu Ballards Geschichten, weiß ich nicht.

43_Was tat Carol / Captain Marvel im All? Sich um zahllose Welten kümmern, die, als die Hälfte ihrer Bevölkerung verschwindet, “die selben Probleme haben wie wir auf der Erde“. Eine einzige und recht nichtsagende Zeile, die a) nicht erklärt, warum sie von 1995 bis jetzt nie zurück zur Erde kam und b) besser funktionieren würde, wenn „Endgame“ zeigen würde, WELCHE Probleme eine Erde hat, der die halbe Bevölkerung fehlt: In Scott Langs Nachbarschaft sind viele Häuser zugewachsen und Mülltüten stapeln sich am Straßenrand. Das ist alles?

44_Auch, warum Carol nicht sichtbar altert, wird in „Endgame“ nicht klar. Oder, was aus den Skrulls wurde.

45_2007 übersprangen alle DC-Heftreihen ein Jahr: „One Year Later“. Umzüge, neue Heldennamen, Schwangerschaften, ein veränderter Status Quo für alle. Die Aktion war durchwachsen – weil viele Veränderungen Monat für Monat erzählt spannender gewesen wären statt des plötzlichen „Schaut! ALLES ist anders.“ Das „Wie wurde es anders?“ wurde oft nur angerissen. „Five Years Later“ wirft diese Probleme fünf Mal so schlimm auf, in einem Film, der noch siebzehn andere Dinge erzählen will. Mir gibt der Sprung nichts, und mich gruselt davor, was er z.B. für den nächsten „Spider-Man“-Film, „Far from Home“ bedeutet: Hat Peter Parker, als Opfer Thanos’, tatsächlich grade fünf Jahre verloren? Sind viele seiner Bezugspersonen und Mitschüler*innen jetzt fünf Jahre älter und dachten, sie sähen Peter nie wieder?

46_Verstehe ich das richtig? Durch Hulks Snap sind alle durch Thanos verschwundenen Lebewesen wieder genau dort, wo sie vor fünf Jahren waren? Was ist mit den zurückgelassenen Menschen, die seitdem z.B. neu geheiratet haben? (Aber: Zivilist*innen, einfache Menschen sind im MCU eh egal meistens: Alles wird anhand von Held*innen und ihrer nahsten Umwelt erzählt.)

47_Was ist mit Leuten, die verstarben, als/weil plötzlich die halbe Weltbevölkerung fehlte, z.B. durch Flugzeugabstürze? Die snappte Hulk nicht zurück, und auch nicht Leute, die im Lauf der letzten fünf Jahre starben, mittendrin?

48_Alle Netflix-Serien mit Marvel-Figuren wurden 2019 plötzlich beendet oder abgesetzt. Ich hoffe, z.B. „Jessica Jones“ erhält eine zweite Chance auf der neuen Plattform Disney+; doch nach „Endgame“ verstehe ich besser, wie paradox Alltag im MCU plötzlich wurde, durch diesen „Die Welt drehte sich fünf Jahre lang weiter und die Hälfte der Menschheit lebte dort; doch die andere Hälfte kehrt JETZT zurück und ist auf dem Stand von vor fünf Jahren“-Sprung: Was heißt das für Serien, die weiter produziert werden, „Cloak & Dagger“, „Agents of SHIELD“, „Runaways“?

49_Ich verstehe nicht, wie Thor auf Zeitreise 2013 den Hammer rufen und mit in die Gegenwart nehmen kann, ohne, damit alles zu ändern.

50_Gut, dass Loki den Tesserakt in der neuen Timeline 2014 nicht sofort nutzte. Gut, dass Hydra in der neuen Timelin 2014 nicht mehr Ärger machte etc.: Ich bin nicht sicher, ob ich die Regeln für Zeitreisen im MCU verstehe – doch ich glaube, wenn man sie versteht, wie man sie verstehen soll, kuckt man auf die Zeitreise-Szenen und denkt „Alles egal. Hauptsache, die Zeitreisenden sterben nicht. Sonst ist alles erlaubt, und nichts hat Konsequenzen.“ Verstehe ich das richtig?

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51_Verstehe ich das richtig: Captain America hat die Infinity-Steine *und* Mjölnir zurück in die Vergangenheit gebracht? Thor hat nach „Endgame“ erneut keinen Hammer mehr?

52_Reddit-User*innen, genervt: „They state that time travel doesn’t work like Back to the Future. Killing your past self doesn’t make your future self disappear. It’s all a stable time loop where this is what always happened.“ Heißt das, eine Reise in die Vergangenheit hat KEINE Konsequenzen?

53_Tonys höchstens fünfjährige Tochter sagt “I love you 3000“ – und ich rechne damit, dass das Nerdspeak für „Ich liebe dich sehr“ wird. Ich denke auch an Dragonballs [His power rank is] „Over 9000“: Menschen benutzen „Over 9000“ für „Ich reagiere übertrieben auf einen übertrieben hohen Wert“.

54_Schön, dass Tony Peter Parker mag. Bitter und klug, dass Tony glaubt, zwischen seiner leiblichen Tochter und „Ziehsohn“ (will er das nur? Oder sind sie echt schon so eng?) Peter wählen zu müssen. Schade, wie sich der Film da rausmogelt am Ende.

54_Ich sah „Spider Man: Homecoming“ noch nicht und sah deshalb die Begeisterung zwischen Tony und Peter bisher nur in „Civil War“ und „Infinity War“ (Stehen sich Tony und Tante May in „Homecoming“ nahe? Auf Tonys Beerdigung steht sie SEHR weit vorne). Wer Tonys Miteinander & Ton hier mag: „Squirrel Girl“ von Ryan North, besonders den aktuellen Sammelband 10, „Life is too short, Squirrel“. Große Empfehlung!

55_Bucky hat fast nichts zu tun im Film. Falcon auch. Loki bleibt vorerst tot. Ich bin erleichtert, zu wissen, dass es bald TV-Serien über diese Figuren geben wird. Wäre das, was „Endgame“ mit ihnen tut, alles für die nächsten Jahre… wärs viel zu wenig.

56_Figuren, die in „Endgame“ starben, BEVOR Thanos die Finger schnippte, bleiben tot. Das gilt für Loki und The Vision. Für beide aber sind TV-Serien geplant. Auch ein „Black Widow“-Film ist in Vorbereitung.

57_Dass Gamora zwar weiter im MCU bleibt, doch in ihrer 2014er-Version, und ihr (sehr bewegender) Tod in „Endgame“ nicht rückgängig gemacht wird, gefällt mir.

58_Wütende Fans auf Reddit, über z.B. Natashas Tod: „There’s just so much here that just seems so disrespectful to soo many characters in this entire franchise.“ Ich mag die meisten Figuren, doch ich LIEBE keine einzige und bin nicht besonders… protective. Schön, dass Hawkeye nochmal deutlich Raum kriegte. Schön, dass Pepper überhaupt vorkam. Schön, dass Wanda nie „irre“ oder „hysterisch“ gezeichnet wird. „Disrespectful“ fand ich nichts.

59_Verständlich, dass Sam Wilson, als er Caps Schild hält, sagt: „It feels like it belongs to someone else.“ Gut, dass Steve sofort widerspricht. Schade, dass trotzdem viele rassistische Fanboys sagen werden: „Nö, es gibt nur EINEN wahren Captain America“. Es ist, glaube ich, echt einfach egal, wie sehr man eine Figur, die kein weißer cis Mann ist, als kompetent und legitim beschreibt: Im halben Netz wird stehen, die Figur sei falsch, aufgepropft, unnötig.

60_Ich weiß nicht, wie lange politisch „neutrale“ Filme wie „Endgame“ noch darin funktionieren werden, Rechte UND Progressive anzusprechen: „Star Wars“ ist seit dem (progressiven, tollen) „The Last Jedi“ so umkämpft, dass Rechte und Comicgate-Männerrechtler sagen: „Das ist nicht mehr mein ‘Star Wars’“. „Endgame“ hat keine großen Momente, die Rechte als „Pandering“ und „linkgsgrünversifft“ und „Mary-Sue-haft“ und „Feminist Agenda-driven“ beschimpfen können: Es ist kein feministischer oder progressiver Film – doch eben auch kein aggressiv reaktionärer. Vielleicht werden in fünf Jahren Menschen sagen: „Nein. Entscheidet euch! Ich will konservative Figuren und deutliche Messages gegen Feminismus.“ bzw.: „Gähn. Keine Queerness, wenig Vielfalt, Frauen sind unterrepräsentiert. Ich bin raus!“

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61_Vor der „Endgame“-Premiere stand die Frage im Raum, ob „Endgame“ z.B. die „Young Avengers“ einführt: Scott Langs Tochter, Loki als wiedergeborener Teen, Prodigy als Schüler aus/in Wakanda, Kate Bishop als Hawkeyes Nachfolgerin. Tatsächlich kommen in „Endgame“ zwar Teenager vor. Eine große „Schaut: Dieses heroische Mädchen, das zweimal durchs Bild läuft, heißt übrigens Kamala Khan“ etc.-Szene fehlt.

62_Der Film besteht den Bechdel-Test: Black Widow spricht kurz mit Okoye. Gamora und Nebula haben mehrere Dialoge. Doch in fast jeder Szene sind Männer in der Überzahl oder unter sich. Captain Marvel hat mit niemandem besonders tiefe oder interessante Gespräche; Maria Hill kommt fast nicht vor; falls Sharon Carter vorkam, erkannte ich sie nicht.

63_Im Endkampf stehen acht, zehn Heldinnen zufällig im selben Bereich des Schlachtfelds: ein Kamerabild, das als Poster und .gif hervorragend funktionieren wird. Als Momentaufnahme während des Kampfs, erzählerisch, ergibt dieses Frauen-Tableau keinen Sinn. Doch ich glaube, darum ging’s auch nie. Sondern um ein „Seht her! Auch ohne Black Widow STROTZT das MCU vor Frauen.“ Das stimmt halbwegs. Nur haben all diese Frauen immer noch zu wenig zu tun, zu wenig zu sagen, zu wenig Tiefe.

64_“Gozie Agbo“ ist das Pseudonym von Joe Russo, Co-Regisseur des Films. Er hat eine kleine Szene im Film als trauernder Mann in Caps Selbsthilfegruppe. Ich bin gesichtsblind und dachte erst: „Ah, das ist Mark Ruffalo.“

65_Die Szene ist wichtig, weil sie, glaube ich, das erste Mal in den MCU-Filmen (…anders als in den Netflix-Serien) Queerness direkt thematisiert: Hörte ich richtig, sagt der trauernde Mann, dass er ein Date hatte zum ersten Mal seit der Snapture und verwendet für den Date-Partner das Pronomen „he“. [Mit Pech verhörte ich mich, und er sagte nicht sowas wie „After years, I finally saw a date“ sondern „After years, I finally saw my DAD.“ aber… nein. Es ging doch um Dates?!]

66_Die Szene lässt sich leicht rausschneiden oder neu synchronisieren: Man müsste „er“ nur durch „sie“ ersetzen. Ich bin gespannt, in welchen Ländern die Szene bleibt, wie sie ist.

67_Valkyrie ist offiziell bisexuell – eine entsprechende Szene wurde aus „Thor 3“ gestrichen. Ihre Szenen in „Endgame“ verraten nichts über ihre Sexualität. Das selbe gilt für Drax und Mantis. Produzent Kevin Feige sagt, dass a) es bereits jetzt queere Figuren im MCU gibt (…Loki auch?), b) in kommenden Filmen neue folgen werden.

68_Hawkeye ist weiterhin (wie in „Ultron“ und „Civil War“) Mentor / Bezugsperson für Scarlet Witch, und fragt sich am Ende des Films, ob Natasha [trotz ihres Todes] wohl weiß, dass die Avengers gewonnen haben. Scarlet Witch: „She knows. They both know.“ Ich musste fast weinen, weil ich dachte: Wie schön, respetkvoll und stimmig, dass Scarlet Witch an ihren Zwillingsbruder denkt, Quicksilver. Nach ein paar Stunden aber dachte ich: Was, wenn sie Vision meint, ihren Liebhaber? Beides würde passen – doch diesen Satz SO offen und vage zu lassen, dass unklar ist, wen sie meint, halte ich für lieblos – und damit das Gegenteil dieser „Wie schön! Tote Figuren werden erinnert!“-Absicht: I honestly can’t tell if she means Vision or Pietro.

69_Immer wieder zeigen Marvel-Filme, wie Hauptfiguren den Abwasch machen. Auch hier wieder (Tony, bei sich daheim). Mich ärgert, wie gleich alle „Hier ist unser schönes Zuhause“-Landhäuser in „Ultron“ (Hawkeye), „Captain Marvel“ (Maria Rambeau) und „Infinity War“ (Tony) ausehen. Und mich ärgert, wie undurchdacht der Film erst Clints Idylle zerstört, dann Tony eine viel zu ähnliche Idylle gibt. (Ich verstehe die Spiegelung. Doch sie bleibt flach/einfältig.)

70_Viel Rocket Raccoon. Wenig Okoye, Black Panther, Carol Danvers. Doctor Strange und Peter Parker haben zwar einige Momente – die aber nichts verraten/zeigen, das nicht „Infinity War“ bereits besser erzählte. Auch Peter Quinn tut und sagt das selbe wie in „Infinity War“, nur gekürzt/weniger.

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71_Thor sagt Valkyrie, sie sei bereit, New Asgard anzuführen. Ich mag die Figur durch „Thor 3“ und freue mich, dass Thor viel von ihr hält. Doch dass sie fünf Jahre lang nur in Norwegen saß und zusah, wie sich Thor betrinkt, spricht nicht für sie. Und: Nicht für einen Film, der in 5 Jahren erzählter Zeit praktisch *nichts* von Belang mit dem Großteil seiner Figuren wagt, durchdenkt, zeigt. Zum Vergleich: Was geschah in den fünf Jahren zwischen 2012 und 2017, im MCU?

72_Ich verstehe, dass Fans von „Thor 3“ wütend auf den Start von „Infinity War“ sind: In „Alien 2“ tut Ripley alles, um ein Kind zu retten. Für „Alien 3“ wird das Kind schnell getötet/weg gewischt, um einen neuen Plot in Fahrt zu bringen. Reddit: „Half of Thor’s people die in Infinity War even though Thor Ragnarok said Asgard was about the people“.

73_Ich sah „Thor 3“ auf Deutsch, und war hingerissen von Korg. Auch, weil mich die Figur an einen lapidaren, gutmütigen Obdachlosen/Sidekick in einer Soap, die ich mag, erinnert: Hotte in „Alles oder nichts“. Dass Korg mich aber SO kriegt und SO nah an Hotte kommt, lag am deutschen Synchronsprecher: Im Original ist die Figur… good. Not great.

74_“Thor 3“ zeigte, wie witzig Chris Hemsworth sein kann. Dass „Endgame“ noch einen drauf setzt, tut der Figur nicht gut: Ich bin großer Fan von Jason Aarons „Thor“-Comics. Dort ist er trinkfreudig, selbstbezogen, oft naiv. Doch das Inkompetenz-, Big-Lebowski- und Homer-Simpson-Level in „Endgame“ deprimiert mich.

75_Schön aber, dass Thor trotzdem das lange und wichtigste (im Sinne von: Hier wird, glaube ich, ein Leitgedanke des ganzen MCUs klar benannt) Gespräch im Film hatte, mit seiner Mutter Frigga hatte: noch ein Moment, in dem ich fast weinte.

76_Frigga: „Everyone fails at who they are supposed to be.“ Wichtiger deshalb, als Held und Mann: „Suceed at who you are!“ [Vielleicht heißt das bei Comic-Verfilmungen und Adaptionen generell auch: Macht EUER Ding möglichst gut und konsequent. Filmfiguren sind nie das, was Fans der ursprünglichen Comics erhofften.]

77_In „Infinity War“ verliert Peter Quill die Nerven vor Thanos (Inkompetenz und ein taktischer Fehler; andererseits aber etwas, das für Doctor Strange passieren MUSS, damit die Timeline/Wahrscheinlichkeiten stimmen und alle das „Endgame“ erreichen). In „Endgame“ köpft Thor Thanos, bevor die anderen Figuren ihm wichtige Fragen stellen können. Mit beiden Momenten kann ich gut leben: Ich hasse Fans, die einen kurzen Moment jahrelang einer Figur (oft: einer Frau/Heldin) zum Vorwurf machen. Tony trägt Verantwortung für Ultron… und niemand nimmt es ihm RICHTIG übel. Für mich sind Ausraster und Affekthandlungen verzeihbar, und ich will keine Filmserien sehen, die ihren Held*innen Wut, Mitleid, Irrationales NICHT verzeiht.

78_Tonsberg (jetzt: New Asgard) ist ein realer Ort in Norwegen – doch viel größer, städtischer. Weil im Abspann Island als Drehort genannt wird, denke ich, es gibt keinen eins-zu-eins Ort in Norwegen.

79_Was wurde aus den norwegischen Einwohnern Tonsbergs? Sind die einfach noch da, neben den Asgardianer*innen, gleichberechtigt? Ich denke an die „Thor“-Comics, in denen Asgard eine Weile bei Broxton, Oklahoma liegt… und an „The Last Jedi“: Wo Luke ähnlich stoisch und unrasiert vor ähnlichen Natursteinwänden Trübsal bläst. (Schade, dass Thor nichts und niemanden molk: Leute wären SO sauer gewesen.)

80_Gibt es die „Peter Quill hört Walkman und tritt kleine Kröten“-Szene auch in den Guardian-Filmen [Twitter: „Ja. Die Starlord Walkman-Kröten-Szene ist die erste Einstellung ziemlich am Anfang von „Guardians of the Galaxy“ in der man Peter Quill als Erwachsenen sieht.]? Szenen (oft mit Gesangs- und Musikeinlagen), die absurd und beliebig wirken, aus der Handlung fallen und gekürzt werden könnten, heißen im TV Tropes „Big-Lipped Alligator Moment“. Für mich sind die kleinen Echsen eine gute Mischung aus „Jurassic World“-Verweis und „Alligator Moment“.

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81_Ca. 2010 merkte ich, dass Leute, oft jünger als ich, Shirts und Poster von möglichst bunten, oft lila-stichigen Spiralnebeln und Sternenfeldern feiern. Bunter Galaxy-Kitsch. Ich bin kein Fan der Ästhethik – doch finde (auch durch Thanos’ lila Haut), besonders „Infinity War“ perfekt für… spacekitsch-verliebte Millennials.

82_Eine Lichtstimmung, die mich in „Endgame“ nervte: Die Chiaroscuro-Ästhethik (Wolken, Schatten, Cap in der Lichtsäule etc.) während der letzten Schlacht. Ich denke an Superman im DCU, der oft in solchen Bildern inszeniert wird. Und an ein Flashback in „Thor 3“, der das Ende der Walküren zeigt. Dass in „Infinity War“ eine lange, wichtige Sequenz (inklusive Walküren-Pegasus!) in einer so künstlichen Stilisierung gezeigt wird, wirkt auf mich videospielhaft, billig. Ich mag das MCU am meisten, wenn (ähnlich wie bei James Bond) drei, vier Metropolen oder Landschaften stimmungsvoll, aber realistisch einen ganzen Film tragen.

83_Atlanta, Georgie ist Drehort zunehmend vieler MCU-Filme. Manchmal passt dieser Look gut („Captain Marvel“), manchmal wirkt alles arg künstlich („Black Panther“). „Endgame“ zeigt wenig von der realen Welt und Landschaft: eine Klischee-Szene in einer Tokyo-Klischeekulisse. Ich liebe Sokovia aus „Ultron“: gedreht in Norditalien (Aosta). MCU-Filme, die das nutzen („Doctor Strange“) überzeugen mich oft mehr als Georgia-Computer-Orgien.

84_Die beliebteste Szene aus „Winter Soldier“ zeigt, wie Steve gegen eine Überzahl aus Shield/Hydra-Agenten kämpft, im Lift des Triskelion. Schön, wie originell und witzig „Endgame“ eine ähnliche Szene aufbaut… und dann auf den Kopf stellt.

85_Toll, dass Robert Redford (Bösewicht in „Winter Soldier“) eine kurze Szene hat. Doch Michelle Pfeiffer z.B. erkannte ich nichtmal. Und: war die Schwarze SHIELD-Mitarbeiterin 1970 eine Figur oder Schauspielerin, die ich kennen sollte? [Edit: Yvette Nicole Brown aus u.a. „Community“]

86_„Captain Marvel“ zeigte Samuel L. Jackson – 25 Jahre jünger. In „Endgame“ taucht Michael Douglas kurz auf – als Hank Pym, 1970. Ich bin gespannt, wann wir die ersten komplett neuen Filme sehen werden mit digitalen oder digital verjüngten Schauspieler*innen, die z.B. bereits gestorben sind.

87_Eine kurze Sequenz aus „Captain America“, bei der Steve in Jogginghose auf einen Boxsack schlägt, von hinten gefilmt, ging viral – weil viele Leute Chris Evans’ Hintern scharf fanden. Die erste „Endgame“-Szene mit Steve zeigt ihn sofort in Jogginghose, und ich dachte „Mal sehen, ob die Kamera die Hose in den Fokus nimmt.“ Sie tat es nicht (Überraschung!), doch kurz darauf begann ein Running Gag, der sich dazu steigerte, dass mehrere Leute UND Steve über den Hintern sagten: „That is America’s Ass.“ THAT escalated quickly!

88_Nebula (2019) hätte wissen müssen, dass sie verlinkt ist – und Nebula (2014) spüren wird, dass sich eine zweite Nebula in ihrer Zeit aufhält.

89_Ein solider Comic mit physikalisch absurdem Planet-stürzt-in-schwarzes-Loch-Plot, doch viel Gamora und etwas Nebula, den Fans der Filmfiguren mögen werden: „Gamora: Memento Mori“ (6 Hefte, 2016. Autorin: Nicole Perlman). 3 von 5 Sternen.

90_Ein Wortspiel… doch seit 2018 auch eine ernst gemeinte Marvel-Heftreihe: „Asgardians of the Galaxy“. Ich frage mich, ob a) Chris Hemsworth in „Guardians of the Galaxy 3“ einfach Teil des Teams ist (…und ob das okay ist für nen Schauspieler, der bisher immer Top Billing hatte / auf dem Kinoplakat der eindeutige Star war in den „Thor“-Filmen); b) dieses Wortspiel irgendwo fällt im MCU.

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91_Mark Zuckerberg, Elon Musk, Jeff Bezos… es gibt SO viele arrogante „Disruptors“, die glauben, mit ihren Millionen die Welt verändern zu können – ohne, die Folgen durchzudenken oder um Erlaubnis zu fragen. Dass Tony sagt, er wollt „a Suit of Armor around the World“ bauen, aber Menschen heulten, weil das ihre „precious freedom“ gefährde, finde ich… a) tagesaktuell superwichtig und passend, b) toll in Character und der Grund, warum ich gern noch jahrelang gesehen hätte, wie Tony länger, härter, tiefer in Frage gestellt wird.

92_Eine Hauptfigur nennt SHIELD in „Endgame“ „quasi-fascist intelligence Organiziation“? Wunderbar, danke. Ich denke das seit Jahren – und kann deshalb Figuren wie Nick Fury, Captain America und Black Widow nicht abfeiern. Die MCU-Filme sind oft krass militaristisch – und dass es SHIELD gibt, ist ein Problem. Keine Lösung.

93_Ich kann mit „Winter Soldier“ leben. Doch v.a. „Civil War“ enttäuschte mich: Ich habe nicht den Eindruck, dass die „Freiheit vs. Sicherheit“-Debatten, die Steve und Tony führen, tatsächlich durchdacht sind. Und: Am Ende von 22 Filmen mal kurz „faschistoid“ sagen reicht halt nicht, um meine… Verachtung dafür wegzuspülen, wie kritiklos alle Held*innen immer wieder auf Militär, Überwachung, Helicarrier, Lenkraketen und Gegner-Erschießen setzen.

94_Ich habe keine Ahnung, ob die Person im Smoking auf Tonys Trauerfeier, die hinter dem Wakanda-Trio steht, Maria Hill ist… oder Harvey Keener (der Junge aus „Iron Man 3“).

95_Wonder Woman, Batman und Superman gelten als DCs „Trinity“. Im selben Stil kämpfen im „Endgame“-Finale Thor, Cap und Tony gegen Thanos. Auch, dass Cap worthy ist, Thors Hammer zu heben (Tony nicht, zeigte „Age of Ultron“), lese ich als „Schaut: Die sind sich ebenbürtig und allererste Liga“-Signal. Bezeichnend aber, dass diese Trinity nur aus Männern besteht.

96_Mal sehen, ob das „angeknabberte“ [von Thanos’ Schwert zerteilte] Vibranium-Schild nochmal in Comics oder in Fan-Art als Symbol für „Amerika hat ein Problem“ oder „Die besten Zeiten sind vorbei“ verwendet wird.

97_In „Endgame“ hat Stan Lee ein letztes Cameo: ein hippyesker Playboy in einem Straßenkreuzer, 1970 auf dem Highway, der sich Liebe statt Krieg wünscht. Nicht furchtbar – doch auch nicht besonders clever oder markant.

98_Stan Lee spielt in all diesen Filmen die selbe Figur: einen außerirdischen „Watcher“, der sich als Erdenmensch tarnt und die Held*innen beobachtet. Ich hätte mir gewünscht, dass „Endgame“ das on-screen zum Thema macht und nochmal sagt: „DAS hier tat ‘Stan Lee’ als MCU-Figur, DAS war seine Mission.“ (Vielleicht gibts ab MCU-Film Nr. 23 jetzt Cameos von… Robert Downey jr.?)

99_Es gibt keine Post-Credit-Scene.

.Endgame 13

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Helden-Kino als Sackgasse

Wäre dies das Ende: alles wäre schlimm. Marvels „Endgame“ ist eine TV-Soap im Kino.

Wer einer Seifenoper, einer Wrestling-Liga oder Superheldencomics über Jahre treu bleibt, will meist nicht wegen der Handlung, den tagesaktuellen Wendungen immer mehr. Sondern der Figuren wegen: Nach 22 Marvel-Kinofilmen seit 2008 mit über 40 wichtigen, immer wiederkehrenden Heldinnen und Helden wird jeder, der zwei, drei Filme sah, erklären können, warum er persönlich Lust hat, einen vierten, fünften, zwanzigsten zu sehen:

Weil Tony Stark (Iron Man) kluge Fragen stellt zu Freiheit, Sicherheit, Disruption? Weil mit Black Panther und Captain Marvel endlich auch Frauen und Menschen of Color in einzelnen Filmen die größte Haupt- und Titelrolle spielen? Oder doch, weil viele Figuren Potenzial haben – das noch nicht eingelöst wurde, und jeder weitere Film ein paar kostbare Minuten Dialog- und Bildzeit verspricht für Rollen, die seit Jahren am Rand bleiben? Agentin Black Widow, Kriegerin Okoye?

Ein paar der besten Marvel-Filme seit 2016 brauchten kein Vorwissen: „Black Panther“, „Captain Marvel“, „Doctor Strange“ sind schwungvolles, einsteigerfreundliches Popkorn-Kino. Überraschend aber, dass auch „Avengers: Infinity War“ (2018) den Quereinstieg leicht macht: Eroberer Thanos überlebte die Verteilungskämpfe, Hunger- und Überbevölkerungs-Katastrophen seiner Heimatwelt, Titan. Er denkt, das Leben im Universum hätte nur eine Chance, falls jemand die Hälfte aller Personen auslöscht. Sammelt er erfolgreich alle sechs Infinity-Steine, müsste er dazu nur mit dem Finger schnippen.

„Infinity War“ stellt den arroganten Doctor Strange neben den arroganten Tony Stark. Den brachialen Thor neben den brachialen Rocket Racoon: Figuren, die bisher gedoppelt, redundant schienen, entwickeln in toller Zweier- und Gruppendynamik Kontraste. „Infinity War“ ist ein erbarmungslos packender Film über 40 verzweifelte, aus 20 vorigen Filmen bekannte Figuren, die in neuen Teams und Kleingruppen versuchen, den übermächtigen Thanos am Steine-Sammeln zu hindern. Dringlich, tragisch, warmherzig.

„Endgame“ (2019) ist die direkte Fortsetzung von „Infinity War“: Thanos löschte die Hälfte allen Lebens aus, und die verbleibenden Figuren (vor allem: die aus „The Avengers“ (2012) bekannten fünf Männer und Heldin Black Widow) machen Zeitreisen nach 1970, 2012 und 2014, um die Steine neu zu sammeln und damit alle Ausgelöschten zurück ins Leben zu schnipsen: „Endgame“ ist ein Zeitreise-Abenteuer, nach dem atemlosen „Infinity War“ überraschend verspielt. Ein ambitionierter, komplexer, übervoller Film, in dem fast alle Fäden zusammen laufen – doch der Spaß macht, je mehr frühere Marvel-Filme man kennt und, an je mehr Figuren man hängt. „Infinity War“ war offen, packend. „Endgame“ belohnt vor allem die treuesten Fans.

Doch wie „belohnt“ fühlt man sich, sobald viele Lieblingsfiguren sterben, verschwinden, sich zur Ruhe setzen? Vertraute Teams und Freundschaften enden? Und klar ist: Auch die überlebenden Held*innen werden erst in zwei, drei Jahren wieder zwei, drei Sätze von Substanz sagen dürfen, in folgenden Filmen?

„Endgame“ ist kein Endpunkt. Auch 2020 erscheinen bis zu drei neue Filme, und für die Netflix-Konkurrenzplattform „Disney+“ sind Serien zu Loki, Falcon/Winter Soldier, Vision/Scarlet Witch und Hawkeye in Arbeit. Sogar für eine Figur, die in „Endgame“ stirbt, ist ein weiterer Kinofilm geplant.

Nur das macht „Endgame“ erträglich: Wäre dies das Ende, würde es vor allem zeigen, wer als Neben- und Randfigur nie wirklich Tiefe erlangte, erlangen sollte, erlangen durfte. Noch immer sind Frauen deutlich in der Unterzahl. Menschen of Color sind in „Endgame“ auf Nebenrollen beschränkt. Offen queere Held*innen fehlen weiterhin. Bei „Infinity War“ zählten Fans akribisch nach, wer wie viel Sprechzeit bekam. Mit 29 Minuten war Thanos die klare Hauptrolle. „Endgame“ ist als Film, für sich, schwer zu genießen. Weil so viele Figuren für Sekunden auf einer Bühne drängen, dass Fans zurecht fragen: „Jane Foster? Pepper Potts? Shuri? Valkyrie? Ist sinnvoll, mein Herz an solche Rollen zu hängen? Wenn fast alle, die keine weißen Männer sind, selbst nach 10+ Jahren vor allem Chiffren, Schablonen, Skizzen bleiben?“

„Endgame“ ist ein hochkomplexes Mosaik, das zahllose Einzelteile überraschend und ambitioniert jongliert und neu ordnet und, wie immer, vor allem Lust auf Fortsetzungen macht. Vielleicht aber sollten Heldinnen und Helden schnell wieder vor allem in monatliche Comic-Heftreihen und lange TV-Serien.

Denn wer Captain Marvel oder Black Widow über Jahre die Treue hält, muss sich nach „Endgame“ fragen: Wie viel wissen wir über diese Frauen? Wie viel können wir je von ihnen erfahren – bevor die Verträge der Schauspielerinnen auslaufen? Sogar Entscheidungen, die zentralste Figuren wie Thor und Captain America in „Endgame“ treffen, zeigen vor allem, wie wenig man über 40+ Figuren erfuhr, im Lauf von 22 langen, am Ende aber doch: viel zu kurzen Filmen.

Die besten Comics & Graphic Novels 2018: meine Empfehlungen bei Deutschlandfunk Kultur

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meine 20 Lieblings-Comics 2015, kurz vorgestellt: Link

meine 20 Lieblings-Comics 2016, kurz vorgestellt: Link

meine 20 Lieblings-Comics 2017, kurz vorgestellt: Link

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heute: meine Top 20 fürs Jahr 2018.

Ausführliche Texte etc. kurz nach Weihnachten bei Deutschlandfunk Kultur.

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20. Flavor

Autor: Joseph Keatinge, Zeichner: Wook Jin Clark.

Image Comics, seit Mai 2018.

6+ Hefte in 1+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Schnelles Geld für Verlage. Dazu eine Leserschaft, die oft zu unkritisch bewertet: Seit Raina Telgemeiers fadem Zahnspangen-Bericht „Smile“ (2010) wollen Middle-Grade-Comics extra-simpel, weich, harmlos-progressiv belehren. Lesen auf Stützrädern, für 8- bis 12-Jährige. „Flavor“ mischt bewährte Ideen aus „Wallace & Gromit“, „Kikis kleiner Lieferservice“ und „Avatar: Herr der Elemente“. Eine Märchenstadt hinter Festungsmauern feiert Kulinarik, Restaurants und eine Akademie für Elite-Köchinnen und Köche. Eine fadenscheinige, kindische Welt, die sich allein ums Essen dreht: geheime Koch-Fight-Clubs im Untergrund! Hetzjagden um besonders edle Pilze! Harte Kerle und Gauner trinken nicht – sondern zechen in Eiscreme-Kaschemmen. Detailverliebt gezeichnet. Doch mir fehlt Pfeffer. Eine eigene Note!

Sammelband 1 lässt vieles unklar: Anant, Sohn aus bestem Haus, kämpft um seinen Platz an der Akademie. Heldin Xoo führt einen Imbiss: Seit einem (nicht genannten) Vorfall, für den sie sich die Schuld gibt, brauchen ihre Eltern Rollstühle. Ich liebe, dass Xoos Onkel, ein Abenteurer und Herumtreiber, in vielen anderen Plots Sympathieträger, große Stütze wäre. Hier aber sollen wir denken: „Trottel! Deine Nichte hat echte Imbiss-Kompetenz!“ Wie oft inszenieren sich unreife Männer als Lösung – und werden dabei zum größten Problem?

Widerborstige Figuren. Viele offene Fragen. Ich freue mich auf Band 2. Doch wie meist im Segment „Middle Grade“, 8 bis 12, bleibt mir vieles hier zu abgespeckt, geschmacksneutral.

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19. Joe Shuster: Der Vater der Superhelden

Autor: Julian Voloj, Zeichner: Thomas Campi

Super Genius, 2018. Deutsch bei Carlsen.

180 Seiten, abgeschlossen.

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1938, mit Mitte 20, verkaufen Autor Jerry Siegel und Zeichner Joe Shuster, Freunde aus Cleveland, ihre Figur Superman an DC Comics – und schaffen damit das Superhelden-Genre. Was die neuen Helden über New York, den Zweiten Weltkrieg, jüdische Kultur erzählen, wie Superman zeit- und ideengeschichtlich wirkt, klärt Michael Chabons grandioser 600-Seiten-Roman „Kavalier & Clay“ (2000). Doch die bitteren persönlichen Folgen für Zeichner Shuster zeigt erst diese (oft etwas trockene) Comic-Biografie, die unter anderem auf Briefen und juristischen Dokumenten fußt. Wieso verdienten Siegel und Shuster kaum an Supermans Erfolg? Wie ließen Medienkonzerne und Verlage ganze Generationen Kreativer im Regen stehen – noch in den 90er- und Nuller-Jahren?

Die eleganten, hellen Zeichnungen erinnern an die späten 50er und „Mad Men“: War der Midcentury-Modern-Stil schon 1938 so präsent – in den Büros von Groschenheft-Verlagen? Nah kommt der Doku-Comic leider weder der Person Shuster noch seinen Figuren. Es bleibt beim „Wie gewonnen, so zeronnen“-Lehrstück ohne viel Charaktertiefe oder Psychologie. Doch Sätze wie „Bill Finger, Jack Kirby, Alan Moore wurden von Verlagen schlimm über den Tisch gezogen“ lese ich als Fan fast täglich. Hier endlich: die faktensatte, plastische Ausarbeitung eines solchen Falls.

Warmherzig, respektvoll, professionell: ein Urheberrechtsstreit, der noch 80 Jahre später Folgen hat. Wer 180 Seiten lang über Freiberufler-Elend lesen will…? Stilvoller, griffiger lässt sich ein derart trockener Stoff schwer inszenieren!

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18. Infidel

Autor: Pornsak Pichetshote, Zeichner: Aaron Campbell

Image Comics, März bis Juli 2018.

5 Hefte/ein Sammelband, abgeschlossen.

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Horror lebt von Furcht… und Identifikation. Doch jede Gruppe hat eigene, spezifische Ängste. Pornsak Pichetshote war Redakteur und Lektor bei Vertigo Comics. Im Debüt als Autor zeigt er Rassismus, Grusel, Ausgrenzung, Monster und institutionelle Gewalt: Aisha ist Muslima und lebt mit Mann und Kind im Apartment der christlichen Schwiegermutter. Als sie im Traum – und bald auch im Gebäude – Monster sieht, beginnt ein nervöser Tanz um Notwehr, Vorwürfe, Paranoia, Terror und Fremdenfeindlichkeit, der viele Nachbarn und Aishas Freundin Medina in Dialog bringt: Wie begegnet New York People of Color, seit dem 11. September? Wie leiden US-Bürger, die ständig misstrauisch als Andere, Fremde „ge-other-ed“, ausgeschlossen werden? Welchen Mächten – politischen wie übersinnlichen – nutzt dieses „Othering„?

Die antirassistische Horror-Satire „Get Out“ gewann 2018 den Oscar fürs beste Drehbuch. Auch „Infidel“ zeigt die bürgerliche Mehrheit als größte Bedrohung: Das Monster selbst, ein Dschinn, wirkt einfallslos – und als sogar die Figuren sagen: „Nutzen wir jetzt im Ernst dieselbe Taktik wie bei ‚Ghostbusters‘?“ wird klar, dass Atmosphäre, Politisches hier mehr zählen als ein besonders origineller, schnittiger Frau-im-Mietshaus-gegen-Wesen-Plot. Es gibt zu viele und zu flache Figuren, konstruierte Wendungen. Vieles verheddert sich: Die geplante TV-Version muss besser werden!

Trotzdem: Wie vielen Frauen of Color, wie vielen Muslimas geben Comics Raum? Auch Matt Ruffs Roman „Lovecraft Country“ verknüpfte 2018 Horror und Ausgrenzung, Rassismus. Eine riesiges Feld – das hoffentlich auch Pichetshote weiter bearbeitet. Talent und Potenzial? Massig, schon hier!

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17. Runaways

Autorin: Rainbow Rowell, Zeichner: meist Kris Anka

Marvel Comics, seit September 2017.

15+ Hefte in 3+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Sechs Jugendliche sehen sich einmal im Jahr. Weil die Eltern Charity-Projekte leiten? Nein: In Wahrheit sind sie heimliche Superschurken; und gemeinsam flüchten die sechs Kinder (und ein Dinosaurier) als Helden-Clique „Runaways“ vor Familie, Behörden und Aliens quer durch die Marvel-Welt. Brian K. Vaughan („Saga“) erfand die Reihe 2004; eine TV-Serie startete 2017. Der Comic-Neustart fragt recht einsteigerfreundlich: Wie prägen Intrigen, Unterwegs-Sein, Misstrauen, Traumata eine Gruppe? Wie geht Erwachsenwerden ohne Eltern-Rückhalt? Jugendbuchautorin Rainbow Rowell lässt sich alle Zeit für Sinnsuche, „Teen Angst“, Kameraderie – tiefer, langsamer, psychologischer, witziger und oft viel origineller als andere Marvel-Reihen. Meist hängen die Ausreißer lustlos auf dem Sofa. Besonders im schlaffen Band 2: viel unnötiges Jammern, Schmollen.

Junge Helden-Teams („Young Avengers“, „Teen Titans“, aktuell die schmissigen „West Coast Avengers“) wollen Jugendlichkeit, Jungsein oft feiern, loben. „Runaways“ zeigt vor allem, wie naiv, schlecht ausgebildet, misstrauisch und aus der Zeit gefallen die „Runaways“-Notgemeinschaft mit den Jahren wird: In ständiger Todesangst fasst man selten schärfste Gedanken. Oder lernt, gesunde Beziehungen zu führen. Der Comic wird zum Sammelbecken für beschädigte Figuren – und zur Einladung an beschädigte Leser*innen: voller Wortwitz und Sarkasmus.

Ob Rowell hier nur seufzen will: „Erwachsenwerden heißt oft: ein Schritt vor, zwei Schritte zurück“ oder ob die panische Ersatzfamilie bald endlich raus, los, weiter kommt, werden erst folgende Bände zeigen. Bisher machen alle sechs Runaways vor allem (lesenswert dramatische!) Fehler.

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16. Ice Cream Man

Autor: W. Maxwell Prince, Zeichner: Martin Morazzo.

Image Comics, seit Januar 2018.

8+ Hefte in 2+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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„Geschichten aus der Schattenwelt“ (1984), „American Gothic“ (1995), Stephen Kings Novellen: US-Horror bleibt oft putzig moralisch, reaktionär. Naive Lehrstücke mit Lektionen wie „Hochmut kommt vor dem Fall“, die ich mit 12, 13, 14 erwachsen fand. „Ice Cream Man“ erzählt in jedem Heft eine solche Grusel-Kurzgeschichte – abgedroschen, abgeschlossen. Belohnt werden meist die selben biederen Normen, auf die Grimms Märchen weisen: Die Dicken sterben an Völlerei. Jeder kriegt seine Rechnung. So schnell kann’s gehen, ja ja. Dass „Ice Cream Man“ trotzdem viel bösen Spaß macht, liegt an den trashigen Zeichnungen von Martin Morazzo. Den abwechslungsreichen (doch immer abgeschmackten) Plots und Twists. Und einer Mythologie, die sich nur langsam zeigt: Wer ist der Mephisto-artige Eisverkäufer mit starrem Lächeln und buntem Kühlwagen?

Kluge Horror-Comics wie „Harrow County“, „Locke & Key“ folgen unvergesslichen Figuren. Doch weil in „Ice Cream Man“ alle Opfer, Fast-Opfer, Doch-nicht-Opfer und Täter-statt-Opfer nach 20 Seiten eh bestraft, entsorgt, vergessen sind, lese ich hier keine „Schicksale“. Sondern Goldmarie-und-Pechmarie-, Die-Guten-ins-Töpfchen-die-Schlechten-ins-Kröpfchen-Gedankenspiele: Wer wird belohnt? Wer hat Gewalt und Strafe, die plötzlich in den Alltag brechen, „verdient“; wer nicht? Was sind die aktuellen Feindbilder, Prügelknaben, „acceptable targets“ im US-Horror: Um wen ist es „nicht schade“?

Ein autoritäres Weltbild. Straf- und Rachefantasien. Das genuin Gruselige an biederen US-Comics? Wessen Tode uns befriedigen, freuen sollen.

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15. Incognegro & Incognegro: Renaissance

Autor: Mat Johnson, Zeichner: Warren Pleece

Vertigo/DC Comics (Incognegro: 2008) und Berger Books/Dark Horse Comics (Renaissance: 2018)

Zwei abgeschlossene Geschichten mit je ca. 120 Seiten, beides erst in je 5 Heften erschienen, dann als Sammelband.

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Zwei Krimis, durch und durch: Wer „Incognegro“ und die Vorgeschichte „Incognegro: Renaissance“ als Historien- und Dokumentar-Comic über Rassismus in den 1920er Jahren liest, behält Lücken. Zu lustvoll, melodramatisch, konstruiert dreht sich hier alles um Verdächtige, falsche Fährten und den Kampf des sarkastischen Journalisten Zane Pinchback gegen Lug, Trug, Vorurteile: Genre-Kost, pointiert und überzeichnet. Autor Mat Johnson wird oft für einen Weißen gehalten; und schon 1929 schrieb die Harlem-Renaissance-Autorin Nella Lawson im Roman „Passing“ über die Preise, die hellhäutige Schwarze zahlen, sobald sie öffentlich als Weiße auftreten. Im (passablen) „Incognegro: Renaissance“ hilft Zane einer schwarzen Aufsteigerin, deren „Passing“ in der Film- und Literaturszene Erpressungen provoziert.

Im (besseren, doch oft leichtfertig brutalen) „Incognegro“ nutzt Pinchback sein eigenes „Passing“, um in die Südstaaten zu reisen und als vermeintlich weißer Reporter Bürger bloßzustellen, die Lynchmorde bejubeln. Ich lernte zwar einiges über Segregation, Jim-Crow-Gesetze, Justiz- und Unterdrückungsmechanismen seit dem US-Bürgerkrieg… doch hätte lieber einen seriöseren Sachcomic über White Supremacy als dieses schmissige, überkonstruierte, an vielen bedrückenden Stellen plötzlich action- und plotversessene Katz-und-Maus-Spiel.

Flotte Sprüche, böse Wendungen, coole Helden: Als Unterhaltung mit großem Herz und emanzipatorischem Anliegen machen beide Bände Vieles viel, viel richtiger als andere Krimis. Als Lehrstücke zu Rassismus und Lynchmorden bleiben sie zu grell, oberflächlich.

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14. Crowded

Autor: Christopher Sebela, Zeichner*in: Ro Stein

Image Comics, seit August 2018.

4+ Hefte; alle 6 Hefte erscheint ein Sammelband: wird fortgesetzt.

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Frauen mit Abgründen, Defekten, gehetzt durch eine bitterböse Welt. 2014, in Christopher Sebelas Himalaya-Thriller „High Crimes“, verfranste sich eine drogensüchtige Bergführerin in Schluchten und Selbsthass. „Crowded“ (Arbeitstitel: „Crowdfundead“) folgt zwei störrischen, verschlossenen Frauen – ebenfalls auf der Flucht vor Killern: Die eitle Charlie hält sich via „Gig Economy“ über Wasser: Über Apps kann man ihr Auto, Bett oder ihre Zeit als zum Beispiel Dogwalkerin buchen. Als immer mehr Passanten plötzlich versuchen, sie zu töten, wird klar: Bekannte, „Freunde“, Familie sammelten Kopfgeld, online, oft anonym. Wer Charlie tötet, erhält eine Million Dollar. Solche Mordkampagnen liefen bislang vor allem für Politiker. Vida, Personenschützerin mit schlechter Online-Wertung, muss wissen: Was tat Charlie (aufmüpfig, unzuverlässig), um so gehasst zu werden?

2015 überzeugte der Social-Media-Satire-Comic „Prez“. „Crowded“ zeigt im selben bitter-überdrehten Ton, wie Frauen unter Wertungs-Terror, Shitstorms, dauernder Verfügbarkeit, Kapitalismus leiden. Die Streits zwischen Vida (lesbisch, wortkarg, mürrisch, pragmatisch) und Charlie (egoman wie Lena Dunham in „Girls“ oder Bryan Lee O’Malleys fiese Influencerin „Snotgirl“) haben Biss, und nach fünf Heften bin ich froh, dass Sebela noch weitere Kapitel, Sammelbände plant. Eine sarkastische Reihe – doch niemals zynisch, plump technik- oder menschenfeindlich.

Eine Welt, die sofort jeden abstraft, der laut ist oder irritiert: „Crowded“ ist kritisch wie „Black Mirror“ – doch hat mehr Farbe, Tempo, Wortwitz. Lässt sich das über 12 oder 18 Hefte hinweg halten?

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13. Unerschrocken: 15 Porträts außergewöhnlicher Frauen (2 Bände, je 15 Porträts)

Autorin und Zeichnerin: Penelope Bagieu

Gallimard, 2016 und 2017. Deutsch bei Reprodukt, 2017 und 18.144 Seiten (Band 1), 168 Seiten (Band 2), abgeschlossen.

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Kaum Bildfolgen, Sequenzen. Keine Sprechblasen. Immer jeweils nur ein Frauenleben, erzählt auf fünf bis sieben Seiten, mit sechs bis neun Bildern pro Seite – oben immer Fließ-, Erklärtext, darunter eine simple Illustration. Als Fazit jeweils noch eine vielfarbige, prächtige Doppelseite, die jede Frau in ihrem Element, ihrer Lebenswelt feiert. „Unerschrocken“ begann als grafische Erklär-Kolumne auf der Website von Le Monde Diplomatique: Bagieu stellt Pionierinnen vor wie Mae Jemison – die erste schwarze Frau im All –, Agnodyce – Gynäkologin im antiken Athen – oder Christine Jorgensen, trans Frau und Star ab 1953. Fast jede Geschichte endet als Triumph: „Unerschrocken“ inspiriert, beflügelt, macht Mut. Viele dunkle Momente, Rückschläge und einige z.B. blutrünstige Kaiserinnen, Kriegsherrinnen, Partisaninnen sorgen für Abwechslung.

Ich zögere, die (leider auf glanzlosem, recht gelbstichig-trübem Papier gedruckten) Bände „Comics“ zu nennen: Präzise, endlos interessante Erklär-Textchen und -Bildchen, schwungvoll gezeichnet, über Frauen, die jedes Kind kennen sollte. Bekannt sind u.a. die Forscherin, Tierrechts-Aktivistin und Autistin Temple Grandin. Die lesbische Autorin Tove Jansson, Erfinderin der „Mumins“. Oder Kunstsammlerin Peggy Guggenheim – über deren Kämpfe, Konflikte ich bisher nichts wusste. Bitte unbedingt googeln: Sonita Alizadeh. Jesselyn Radack. Leymah Gbowee.

Absurd, welche Vorurteile, Hürden, welches Unrecht Frauen vor 200 Jahren ausgrenzte, bremste. Oder vor 70 Jahren. Oder heute!

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12. Days of Hate

Autor: Ales Kot, Zeichner: Danijel Zezelj

Image Comics, Januar 2018 bis Januar 2019.

12 Hefte in 2 Sammelbänden, davon 11 bereits erschienen; danach abgeschlossen.

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„Solche Comics sind Hilferufe: Der Autor braucht Therapie“, spottet ein Nicht-Fan über „Days of Hate“. Ich las bisher alle Reihen von Ales Kot. Sie wirkten hochpolitisch, ambitioniert, voll literarischer Bezüge, doch dabei freudlos, nihilistisch: rechthaberische Polit- und Politikverdrossenheits-Essays, erzählt als tiefgraue Comic-Thriller. „Days of Hate“ zeigt ein Ex-Liebespaar in einem dystopischen Amerika, 2022. Amanda führt Krieg gegen die Regierung. Huan, ihre Exfrau, hilft dem Geheimdienst, Amanda zu stellen. Sind die Frauen echte Gegnerinnen? Woran scheiterte die Ehe? Was erhofft sich Huan in rassistischen Verhören? Wie konnten Trumps Diskursverschiebungen die USA in vier kurzen Jahren ruinieren?

False Flags, Fake News, White Supremacy: Nach jedem Kapitel gibt Kot machtkritische Buch-, Essay- und Musiktipps. Der drückende Zeichenstil, die vielen Schatten, die schon in ähnlich hoffnungslosen, tollen Polit-Reihen wie „DMZ“ und „The Massive“ überzeugten, passen zum erwachsenen, doch oft belehrenden Ton. Zwei verletzte, hoch gebildete Frauen und mehrere Unterdrücker, Agenten debattieren wie in Sartres „Geschlossene Gesellschaft“. Das Weltbild (und den Insider-Jargon) kenne ich aus Oliver Stones Verschwörungsthrillern der 90er.

Vor 25 Jahren fragten Linke der Generation X, was Widerstand bedeutet. Ales Kot (32, Generation Y) stellt die selben Fragen, im selben Look. Kritik an der Brave New World, im Ton der guten alten (90er-)Zeit.

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11. Mr. Miracle

Autor: Tom King, Zeichner: Mitch Gerads

DC Comics, August 2017 bis November 2018.

12 Hefte in 2 Sammelbänden, abgeschlossen.

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Vor einem Jahr, nach fünf (von zwölf) Heften/Kapiteln, stürmte „Mister Miracle“ viele Beste-Comics-2017-Listen als clever-wirres Weltraum-Rätsel. Ich bleibe unsicher, wie klug der toll gezeichnete und inszenierte Comic wirklich von Gehirnwäsche, Palastintrigen, „Mindfucks“ unter Höllengöttern erzählt: Despot Darkseid knechtet den Fabrik-Planeten Apokolips. Im Krieg gegen das aseptische New Genesis wird Frieden erst möglich, indem Darkseid und Patriarchen-Gott Highfather Söhne tauschen. So wächst Scott Free in Darkseids Folterkammern auf, verliebt sich in die „Female Fury“ Big Barda und flüchtet als Entfesslungskünstler „Mister Miracle“ zur Erde – alles erzählt ab 1971, in Jack Kirbys „New Gods“-Comics. Barda und Scott leben als junges, traumatisiertes Paar in LA. Ist seine Kindheit Gund für Scotts plötzlichen Suizidversch? Steckt Darkseid dahinter?

In vielen Mainstream-Comics ist das Power-Couple Scott und Barda Teil der Justice League. Für Autor Michael Chabon war Barda (dominant, souverän, wuchtiger als ihr Partner) eine prägende Sehnsuchts-Frau. Trotz Jack Kirbys pompöser, fast biblischer Mythologie sind die Eheleute zugänglich, plausibel, sympathisch. Nach 12 Ausgaben Geraune, Rätsel, Andeutungen, bleibt von „Mister Miracle“ kein (richtig stimmiger) Brainfuck-Plot: King ging es offenbar viel mehr um (oft: profane) Widersprüchlichkeiten einer modernen Partnerschaft ab 30 – skurril verfremdet.

Götter und Ausklapp-Sofas: „Mister Miracle“ fragt, wie Menschen die Verletzungen ihrer Kindheit in die Ehe tragen – und sie überwinden. Als Autor von „Batman“ liebt Tom King Halbgares, Stream-of-Consciousness-Gestammel. Auch hier bleibt vieles offen. Doch Scott und Barda rühren, leuchten!

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10. Shimanami Tasogare

geschrieben und gezeichnet trans Zeichner*x Yuhki Kamatani

Shogakukan, März 2015 bis Mai 2018.

21 Kapitel in vier Sammelbänden, abgeschlossen.

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Eine marode Kleinstadt am Meer. Eine Teestube als sanfter Rückzugsort: Safe Space. Und Tasuku, etwa 15 Jahre alt, der jedes Wochenende mit den neuen Lounge-Bekannten verlassene Häuser renoviert, bezahlt mit staatlichen Fördermitteln: Yuhki Kamatani sagt nicht, welches Geschlecht sie oder er hat – nur, dass ihm oder ihr als Kind das falsche Geschlecht zugewiesen wurde. Ihr oder sein Manga zeigt unter anderem eine nonbinary Figur, die weder „er“ noch „sie“ genannt werden will (und asexuell ist). Einen Crossdresser, etwa 12, der Mädchenhaftes liebt. Ein lesbisches Paar, das heiraten will. Und den älteren Tchaiko, dessen Lebenspartner im Sterben liegt. Alle Figuren fragen in ruhigen, klugen Gesprächen: Wie hängen Begehren, Queerness, Selbstverständnis und Identität zusammen?

Fast alle „Boy’s Love“-Mangas führen klischeehafte Männer-Paare für Hetero-Fans vor: sexistische Klischees wie „Der starke, größere Partner penetriert den zarten, weibischen“. Mit jenem Kitsch-und-Klischee-Erotik-Genre hat „Shimanami Tasogare“ nichts zu tun. Ein respektvolles Erklär- und Alltags-Drama ohne Exotisierung. Nur der Abschluss des auf Deutsch noch nicht erhältlichen Geheimtipps kommt viel zu abrupt: Ich hätte gern noch jahrelang verfolgt, wie sich die respektvollen Figuren gegenseitig fördern, stützen und herausfordern.

Je mehr wir über Identitäten, Sexualitäten sprechen, desto klarer wird, dass wir noch viel, viel mehr erklären und verstehen müssen. Erklär-Mangas geben bei vielen Themen Hilfestellung. Hier fließt alles so klug, entspannt, präzise – das muss in (Schul-)Bibliotheken!

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09. Der Umfall

Autor und Zeichner: Mikael Ross

Avant Verlag, 2018.

128 Seiten, abgeschlossen.

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Eine evangelische Stiftung in Niedersachsen, das inklusive Dorf Neuerkerode, gibt einen Promo- und PR-Comic in Auftrag (uff!). Ein Cartoonist, der Körper gern cartoon- und lachhaft überzeichnet, zeigt Figuren mit Behinderung (hmpf!). Hauptfigur Noel, herzig, pummelig, Anfang 20, muss zur betreuten Wohngruppe aufs platte Land, weil die Mutter einen „Umfall“ hatte, leblos im Bad lag… doch plant den wilden Roadtrip heim nach Berlin (oje!). „Mutig“ sind die kurzen, oft tragikomischen Anekdoten aus dem Heim-Alltag nicht, weil Künstler Mikael Ross Neues ausprobiert, sondern, weil er überraschend warmherzig, souverän, respektvoll zeigt, dass auch auf ausgetretenen Pfaden Raum ist für Figuren mit Behinderung, würde- und humorvoll porträtiert. Furchtbar gut gemeint. Doch, Überraschung: tatsächlich auch furchtbar gut gemacht!

Ein Spielfilm über das Dorf (und unter anderem die T4-Morde bis 1945) wäre schnell verkitscht, artifiziell. Als Roman bräuchten Ross‘ Nuancen, Ambivalenzen viel mehr Umschreibung. Und eine TV-Doku wirkt schon nach drei, vier Jahren gestrig. „Der Umfall“ gelingt – doch wiederholt ein Muster: Hauptfiguren mit geistiger Behinderung erleben oft größte Schläge. Hören immerzu, wie viel sie nicht dürfen, können, niemals erreichen. Dann weinen sie, schlagen kurz über die Stränge, und ein bittersüßes Ende zeigt: Das Leben geht weiter.

Wie Menschen, alert genug, um zu verstehen, dass ihnen dauernd Teilhabe, Normalität verweigert wird, mit dieser Dauer-Frustration umgehen, ohne, zu verbittern oder täglich zu platzen? Das fragt der immens lesenswerte Comic zwar. Eine Antwort hat das bittersüße Klischee-Ende nicht.

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08. Saga

Autor: Brian K. Vaughan, Zeichnerin: Fiona Staples

Image Comics, seit März 2012.

54+ Hefte in 9+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Ein Ehepaar, ihre Tochter und viele (oft wechselnde oder sterbende) Verbündete auf der Flucht – gejagt von Kopfgeldjäger*innen, Geheimdiensten und den Heeren zweier Mächte: Alana war Soldatin der Landfall-Allianz. Marko stammt vom Mond Wreath. Ihr Kind Hazel gilt als biologische Unmöglichkeit, und seit 2012 erzählten 54 Hefte/Kapitel von Gewalt, Familie (und Wahlfamilien, Solidarität), dem Glück (und manchmal Trauma), Eltern zu sein und dem Trauma (und manchmal Glück), Kind zu sein. Jedes Heft überrumpelt auf Seite 1 mit absurden neuen Settings und Figuren. Jedes Heft endet mit einem „Da staunt ihr!“-Twist. Brian K. Vaughan benutzt immer gleiche, oft eitle Kunstgriffe: Gefühlsachterbahnen. Dramatic Irony. Überraschender Verrat. Überraschende Versöhnung. So toll Fiona Staples‘ Gestalten und Design sind: „Saga“ wirkt sehr kalkuliert.

Toll darum, dass nach neun Sammelbänden (und etwa der Hälfte der geplanten Geschichte) ein radikaler Einschnitt zeigt: Vieles, das in den letzten Jahren geschah, kann nach 2018 unmöglich weiter aufgekocht, variiert werden. Die Karten liegen plötzlich anders.

„Saga“ ist verlässlich einer der anspruchsvollsten, (verkrampft) originellsten und mainstream-tauglichsten Erwachsenencomics, Jahr für Jahr. Mit Band 9 beweist Vaughan, dass er keine Masche, kein Strickmuster perfektioniert – sondern sich Anfang, Mitte und (in fünf Jahren?) Ende deutlich unterscheiden. Was in Band 6, 7, 8 mitunter wie Leerlauf, Wassertreten wirkte, liegt jetzt in einem neuen Licht. Ein guter Punkt, um einzusteigen!

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07. Go Go Power Rangers

Autor: Ryan Parrott, Zeichner: Dan Mora; später Eleonora Carlini

Boom! Studios, seit Juli 2017.

14+ Hefte in 3+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Alien Zordon leiht fünf Teenagern aus Angel Grove, Kalifornien, Kräfte (und Dinosaurier-Roboter), um eine böse Hexe auf dem Mond zu stoppen: Rita Repulsa. Die billige TV-Serie ab 1993 – als Rahmenhandlung: fade US-Teens im Jugendzentrum; dazwischen Monster-Kämpfe, aus der japanischen „Super Sentai“-Reihe importiert – zeigte mir damals nur, dass ich mit 11, 12 fadem Kinder-TV entwuchs. Ein 25 Jahre altes Trash-Franchise, für das mir jede Nostalgie, fast alle Kenntnisse fehlen. Doch eine Menge aktueller US-Comics (besonders bei Dark Horse, IDW und Boom) setzen Kinder- oder 90er-Erfolge komplexer, erwachsener neu fort: 2018 erhielten unter anderem neue Comics zu „Turtles“, „Transformers“, „Xena“, „Der dunkle Kristall“ exzellente Kritiken.

„Go Go Power Rangers“ gibt fünf, sechs Hauptfiguren viel Zeit: Die Reihe spielt kurz nach Folge 1 der Serie. Die Teenager hadern mit ihren Rollen, Kräften und Geheimnissen. Dass alle sprechen wie 2018, und nur ihr Jugendzentrum aussieht wie 1993? Dass ich nicht weiß, was aus Zordon oder Rita wird? Und dass ein anderer, paralleler Comic, Kyle Higgins‘ „Power Rangers“, noch mehr (viel kompliziertere) Zusatz- und Drumherum-Geschichten erzählt? Egal! Kein Fan- und Vorwissen sind nötig: Alles erklärt sich zwanglos und elegant nebenbei.

Ein Comic, an dem alles schreit „zweitrangig, nebensächlich“ beweist, dass auch fadenscheinige, lieblose Konzepte strahlen können – sobald Figuren Raum kriegen für Witz, Ideen, Verletzlichkeit.

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06. Girlsplaining; Der Ursprung der Welt; Der Ursprung der Liebe

Katja Klengel (Autorin und Zeichnerin), Reprodukt Verlag.

160 Seiten, 2018. („Girlsplaining“)

Liv Strömquist (Autorin und Zeichnerin), Avant Verlag.

(„Welt“: 140 Seiten, 2017. „Liebe“: 136 Seiten, 2018.)

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Eine Kulturgeschichte der Vulva: Wie deuteten, straften, stigmatisierten Männer weibliche Lust, Menstruation, den Körper? („Der Ursprung der Welt“) Und eine Kulturgeschichte der Idee, dass Frauen besondere Erfüllung finden, indem sie sich einem Partner unterwerfen („Der Ursprung der Liebe“: straffer, pointierter, doch etwas flacher). Feministin und Kulturwissenschaftlerin Liv Strömquist spricht in zwei Schwarzweiß-Erklär-Comics mit oft polemischem, überlangem Text und meist arg simplen, bewusst dilettantischen Zeichnungen im Punk- und Fanzine-Look über Statistiken, Denkfehler, kollektive Urteile. Bücher, die jeder Mensch ab 13 mit Gewinn lesen wird. Kurz nerven die Krakelschrift, die Textwüsten, der plump rotzige Jargon. Zu oft sind Strömquists Montagen so einladend, ansehnlich wie PowerPoint. Trotzdem: ein Muss!

Kürzer, witziger erklärt Katja Klengel, geboren 1988 in Jena, wie starke Frauenfiguren wie Sailor Moon, Buffy, Prinzessin Fantaghirò sie in den 90ern inspirierten. Wie „Sex & the City“ sie hingegegen hemmte und frustrierte. Das Stigma Körperbehaarung. Rosarotes Mädchen-Spielzeug. Die Standard-Themen feministischer Kolumnen – super-liebevoll und -gewitzt illustriert. Kein Buch stimmte mich 2018 fröhlicher: Ein fast perfekter Verschenk- und Einstiegs-Tipp, zugänglich, sympathisch!

Als Texte ohne Bilder wäre Strömquist recht glanzlos, trocken – und Klengel viel zu karg. Erst all die albernen, verspielten Illustrationen schaffen Sog und Ausgleich: Feministische Essays, die einladen, Welt neu und kritischer zu sehen.

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05. Eine Schwester

Autor und Zeichner: Bastien Vivès

Casterman, 2017. Deutsch bei Reprodukt, 2018.

216 Seiten, abgeschlossen.

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Geht das nur in Frankreich – als eleganter Comic, der nur die nötigsten Umrisse zeigt? Oft sogar Blick und Augen der Figuren ausspart? Antoine ist 13, zeichnet Pokémon und schlägt mit seiner jüngeren Schwester am Strand und im Ferienhaus Zeit tot. Dann wird die 16-jährige Hélène, Tochter einer Freundin der Eltern, für ihn zur Mentorin, Vertrauten und „Schwester“. Vivès zarte, kluge Ferien-Episode wäre noch besser, würde sogar noch mehr fehlen: Das nächtliche Wettschwimmen mit melodramatischer Pointe. Die Erektion des 13-Jährigen in einer Dusch-Szene. Nicht-sehr-subtile Psychologisierungen zur Frage, was „Kind“, „Schwester“, „Zuwachs“ etc. für alle Figuren bedeuten. Originell ist nichts an dieser Geschichte – oder ihren Motiven. Manches wirkt so reißbretthaft wie eine Familienaufstellung.

Doch so, wie ich bei Vivès‘ Tanzhochschul-Comic „Polina“ (2011) noch Jahre später Räume, Körper, Choreografien erinnere und weiß: deutlicher, markanter hat mir niemand je dieses Milieu vermittelt… denke ich bei „Eine Schwester“: Respekt! Das sind Bilder und Figuren, die lange nachklingen. Für die 216 Seiten braucht man keine 30 Minuten. Alle kurzen Dialoge, spärlichen Bilder, skizzierten Zimmer, Wege, Beziehungen bleiben, nüchtern betrachtet, supervage, karg und offen. Die Kunst des Weglassens. Leerstellen, die faszinieren.

Weniger ist selten mehr. Doch selten ist so wenig… so wunderbar viel. Eine zeitlose Coming-of-Age-, Initiations-Geschichte, in der jeder Strich und jede Silbe zählen.

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04. Kingdom

Autor und Zeichner: Jon McNaught

Nobrow Press, 2018.

112 Seiten, abgeschlossen.

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1931 erschien R.C. Sherriffs „Septemberglück“: ein gemütvoller, stiller Roman über britische Kleinbürger mit fast erwachsenen Kindern, die zwei Wochen in einem Kurort sitzen – sobald es kühler wird und die Pension erschwinglich. Dieser Klassiker ist keine Satire über Spießer, und auch kein Versuch, oft heikle, trostlose Ferien und murksige Entscheidungen von Familien, denen Geld und Bildung fehlt, zu beschönigen. Jon McNaught, Illustrator (33), schafft die fast selbe Atmosphäre, in wenigen Farben und der flächigen Fehldruck-Optik von Risografien. Eine alleinerziehende Mutter, ihr Sohn (etwa 15 Jahre alt) und die kleine Schwester im Containerdorf am Meer. Ein totes Schaf in den Dünen. Eine Spielhalle am Rasthof. Der melancholische Besuch bei einer Tante. The seaside town that they forgot to close down…

McNaughts Illustrationen passen auf Buchcover oder zum „New Yorker“: retro, flächig – meist simple Spiele mit Licht, Schatten, Silhouetten, Negative Space. Die Puppengesichter, Knopfaugen der Figuren wirken schlicht – die Emotionen sind es nicht: Ein Buch über Schönheit, Schäbigkeit, Melancholie und kleines Glück, in dem jede Szene mit großflächigen Zeichnungen beginnt… doch bald schon kurze, leise Dialoge, Blicke, kleine Wendungen in immer engere, beklemmendere Panels stampft. Comic-Star Chris Ware erzählt ähnlich – und empfiehlt und fördert McNaught.

„Man braucht eben kaum Plot, wenn das Design überzeugt!“, denke ich beim Blättern. Und dann wieder: „Man braucht eben kein eitles, bombastisches Design – bei einem so simplen, zeitlosen, starken Plot.“ Ein Kleinod!

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03. Space Brothers

Autor und Zeichner: Chuya Koyama

Kodansha, seit Ende 2007.

327+ Kapitel in 34+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Große Männer – als kleine Geister: Wer Branchen zeigt, in denen Pathos und Elite zählen (Medizin, Sport, Politik, Militär), stellt Profis oft als Ausnahme- oder Übermenschen dar. Oder ruft besonders hämisch: „Kuckt. Die kochen nur mit Wasser!“ Ingenieur und Autodesigner Mutta, Anfang 30, steht im Schatten des jüngeren Hibito: dem ersten Japaner, der 2025 für eine NASA-Mondlandung im Gespräch ist. Mutta hat Gespür für Stimmungen, Ambivalenzen. Doch im Versuch, taktisch raffiniert aufzutreten, macht er sich oft zum Trottel. Eignungs-Verhöre, Budget-Debatten, Assessment Centers, lustvolles Improvisieren… „Space Brothers“ zeigt Druck und Ethos bei der NASA. Viel Navigieren mit Vorgesetzten und Kollegen. Und, je näher die Brüder dem All kommen: das Wissen, dass jeder Fehltritt die Karriere kosten kann – und Menschenleben.

Ein Manga für berufstätige Männer… der Frauen wenig Raum bietet. Die einfältige, plumpe Mutter. Die 15-jährige russische Tänzerin Olga, verliebt in Hibito. Ein afroamerikanischer Astronaut wird als Gorilla vermarktet – ohne, dass sich jemand am Rassismus stößt. Vieles wird nur langsam, über Jahre hinweg enthüllt oder präzisiert. Dann aber: toll kitsch-, pathos-, und patriotismusfrei. Deshalb vertraue ich auch bei Misstönen wie Olga oder dem Gorilla-Vergleich auf die Zeit: Vieles, das „Space Brothers“ nur kurz streift, wirkt halbgar, skurril. Später wird es en detail erklärt – und stimmig.

Mutta ist ein Unikat (und Tölpel). Ich liebe, diesem Mann beim Entscheiden zuzusehen – in einer akribisch recherchierten, glaubwürdigen Erzählwelt. Ingenieurskunst, Gruppendynamik, Lern- und Organisationspsychologie – statt plump gefeiertes Heldentum.

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02. Drei Wege

Autorin und Zeichnerin: Julia Zeijn

Avant Verlag, 2018.

184 Seiten, abgeschlossen.

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100 Jahre Frauenwahlrecht: 1918 wird Ida (18) Hausmädchen einer bürgerlichen Familie, lernt Radfahren, stellt Weichen fürs Leben. 1968 will Marlies (18) eine Ausbildung im Buchhandel – obwohl sie eh bald unter die Haube soll. 2018, nach dem Abitur, schaut Selin (18) auf ihre Mutter (Influencerin und Öko-Bloggerin) und die ambitionierte beste Freundin (Studium in den USA) – und muss abwägen, wie viel Ruhe oder Sinnsuche sie sich noch leistet. Die Bleistift-Zeichnungen, vermeintlich kindlich, strotzen vor Berlin-Details und den Spezifika historischer Milieus. Statt vieler Farben liegt nur je ein Filter über jedem Erzählstrang. Ida: blasses Gelb; Marlies: Altrosa; Selin: kühles Blau, wie LCD-Screens. In einigen Montagen, Stadtansichten stehen Filter und Zeiten wie Mosaiksteine nebeneinander: Drei Frauen radeln zu drei Zeiten durch die selbe Straße, in einem Bild.

10, 20 Seiten mehr pro Handlungsstrang – und die vielen Nebenfiguren hätten Tiefe. Mich begeistert, dass ein deutschsprachiger Comic auf Weltniveau erzählt – nicht durch gefällig kunstfertige Zeichnungen oder hochdramatische Themen. Sondern, weil Zeijn drei Frauen und ihre Welt erkennbar liebt, versteht, grandios effektiv vermittelt. Schon Barabra Yelins Comics („Irmina“, „Der Sommer ihres Lebens“) machten Spaß – wirken aber oft recht lehrstückhaft, von-oben-herab. „Die arme Frau: Opfer ihrer Zeit und Umstände!“

„Drei Wege“ ist optimistischer. Viel mehr am Individuum interessiert als am „Typus“, „Fallbeispiel“. Hätten alle Figuren so viel Tiefe, wäre das mein Buch des Jahres.

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01. Vinland Saga

Autor und Zeichner: Makoto Yukimura

Kodansha, seit Juli 2005.

155+ Kapitel in 21+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Ein brutales Wikinger-Epos – über Pazifismus: Thorfinn Karlsefni, Bauernkind auf Island, erlebt, wie sein oft nachgiebiger, konfliktscheuer Vater von Söldner-Hauptmann Askeladd betrogen wird. Thorfinn weiß nicht, wer den Mord in Auftrag gab, versteckt sich auf Askeladds Schiff und wird im Gefolge erwachsen: Askeladd verspricht, sich einem ehrenvollen Duell zu stellen, sobald sich Thorfinn als Messerstecher und Kampfmaschine bewährt. Der akribisch recherchierte, prachtvolle Historien-Manga startete 2007 in einem Magazin für Schuljungs: Kapitel 1 wirkt, als wolle es nur List und Kaltschnäuzigkeit übermenschlich schneller Super-Vikinger feiern. Doch ab Band 3 lässt der Plot keine Zweifel: Gewalt löst nichts. Alle (oft: historisch verbürgten) Figuren, die in Skandinavien und England intrigieren, kämpfen, Krieg führen, haben seelische Schäden – und tragen sie immer weiter.

Seit Band 15, als Thorfinn Vertraute findet, Verantwortung für Schwächere übernimmt, wird das Epos bunter, launiger. Trotzdem hat jeder Konflikt auf allen Seiten nur Verlierer – und kluge Perspektivwechsel und Dialoge zeigen, warum Konzepte wie „Mitleid“, „Atheismus“, „Demokratie“, „Gewaltfreiheit“ im frühen elften Jahrhundert, zur Zeit Leif Eriksons, nicht greifen: Eine Geistes- und Mentalitätsgeschichte aller Mitglieder der Ständegesellschaft. Duelle, Allianzen und Survival-Drama wie in „The Walking Dead“. Nur eben: warmherziger. Getragen von Idealen!

Mittelalter-Kitsch liebt alte Rollenbilder. Das Recht das Stärkeren. Der wohlige Grusel, dass jede tapfere Magd oder „zu stolze“ Leibeigene jederzeit „geschändet“ werden kann. „Vinland Saga“ zeigt komplexe Männer und Frauen – die in einer komplexen Welt maximal klug, moralisch handeln wollen.

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Frauen im Science-Fiction-Comic [Gasteintrag ‚Binge Reader‘]

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Ich bin kein Fan von „Paper Girls“: dem aktuell beliebtesten Science-Fiction-Comic in deutschsprachigen Buchblogs.

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In bisher vier Sammelbänden stranden vier zwölfjährige Schülerinnen aus Cleveland, die 1988 auf Fahrrädern Zeitungen austragen, in einem Krieg unter Zeitreisenden. Portale und Flugsaurier, Soldaten und Verschwörungen.

Ich liebe die ausdrucksstarken, schlichten Zeichnungen Cliff Chiangs. Autor Brian K. Vaughan gehört seit fast zwanzig Jahren zu den fähigsten Comic-Erzählern. Doch er schrieb auch für „Lost“ – eine Serie, die ich erst mochte, der Figuren wegen…  doch schnell zu hassen lernte, als all diese Figuren zu immer flacheren Spielsteinen wurden. Weil sie nur flüchteten, rannten, Fallen entkamen: In tausend hektisch-öden Standard-Action-Szenarios blieb kaum Raum für Dialoge, komplexer als „Wir müssen zum Frachter! Schnell!“

„Paper Girls“ ist die selbe Sorte flach-naive Schnitzeljagd: Vier Heldinnen, bei denen ich nach fast 500 Seiten noch immer nur ein, zwei Charaktereigenschaften nennen kann, sind auf mehreren Zeitebenen einzig damit beschäftigt, zu laufen, nicht getrennt zu werden und Soldaten, Monstern, Robotern zu entkommen. Ein professioneller Comic? Ja. Doch als Story um Klassen schlechter als „Stranger Things“. Die Figurentiefe? Flacher als in „My Little Pony“.

Toll, vier junge Frauen in der Hauptrolle zu sehen. Doch das geht besser, tiefer!

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Sabine Delorme bloggt als „Binge Reader“ [Buchblog, Link] und sammelt aktuell Gastbeiträge über Feminismus und Science-Fiction unter #womeninscifi

Es geht u.a. um:

Ich selbst bloggte auf „Binge Reader“ über Science-Fiction-Comics mit Frauen in der Hauptrolle (und manchmal: auch von Frauen gezeichnet und geschrieben).

Heute cross-poste ich den Eintrag noch einmal hier bei mir im Blog, mit ein paar zusätzlichen Bildern.

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Frauen in SciFi-Comics: 7 Favoriten

 

Twin Spica | in 16 Sammelbänden abgeschlossen

Text und Zeichnungen: Kou Yagunima

9781939130945Die ersten „Harry Potter“-Bände? Als alle neu in Hogwarts sind – und jeden Tag überrumpelt, überrascht werden?

„Twin Spica“ erzählt von einer Schülerin im selben Alter, die Astronautin werden will. Alltag (und viel Sense of Wonder!) in der Akademie. Eine traurige Familiengeschichte. Etwas magischer Realismus. Und die Frage, welche Ziele sich Menschen setzen, die viel verloren haben. Verlust gegen Hoffnung. Zuversicht trotz Trauma. Wer die Optik von 70er-Trickserien wie „Heidi“ mag, findet hier eine emotional komplexe, viel erwachsenere Geschichten im selben Stil. Ich las bis Band 6 von 16. Und bin fasziniert, wie harmlos ein existenzieller, reifer Comic aussehen kann.

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Dept. H | in 4 Sammelbänden abgeschlosen
Text und Zeichnungen: Matt Kindt
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Mias Vater ist Tiefseeforscher, Umweltaktivist – der Jacques Cousteau Südasiens. Mia forscht im All, nicht unter Wasser. Bis ihr Vater an Bord seiner Station ermordet wird: Jemand aus der kleinen Crew muss Täter sein; Mia will ihn vor Ort überführen. Doch die Station wird sabotiert… und damit zur Falle. Ein Kammerspiel mit unvergesslichen Figuren, viel Psychologie, trügerisch schlichten Zeichnungen, absurd warmherzigen Rückblenden und einer Spannungskurve wie in den größten Horror- und Thriller-Klassikern: technisch, menschlich, literarisch ist „Dept. H“ der reifste aktuelle Comic, den ich kenne.
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Lazarus | bisher 5 Sammelbände und der recht nichtssagende Kurzgeschichten-Band „Lazarus X+66“

Text: Greg Rucka, Zeichnungen: Michael Lark
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Konzerne regieren die Welt. Jedes große Familienunternehmen herrscht über ein Terrain, wie im Feudalismus. Die Bevölkerung lebt in zwei Gruppen: als wertloser „Waste“ oder als Dienerklasse, „Serf“. Und diplomatische Konflikte werden meist unter Elite-Kampfkräften der Clans ausgetragen. Manchmal durch Krieg, Terrorismus, Spionage. Oft aber in rituellen Duellen: Jede Familie hat einen „Lazarus“.
Clan Carlyle herrscht über die Südwestküste der ehemaligen USA. Tochter Forever Carlyle wurde ihr Leben lang als Lazarus trainiert. Machtspiele, Samurai-Drama, Biotech und tolle Nebenfiguren aus den unteren Klassen: Rucka ist mein Lieblings-Comicautor. „Lazarus“ sein durchgängig packendstes Werk.
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Shade | 2 Sammelbände, dann das Crossover „Milk Wars“, dann die Reihe „Shade, the Changing Woman“
Text: Cecil Castellucci, Zeichnungen: Marley Zarcone
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Eine depressive Vogelfrau vom Planeten Meta stiehlt ein Artefakt, mit dem sie in den Körper des komatösen US-Schulmädchens Megan springt. Megan war hasste sich selbst – und ihre Nicht-Freunde und Mobbing-Opfer Megans fragen sich, warum sie plötzlich spricht wie ferngesteuert. „Shade“ bringt 90er-, Indie- und David-Lynch-Atmosphäre ins DC-Universum; fragt nach Gender, Identität, Körperbildern und Agency. Grandios koloriert, unverwechselbar gezeichnet.
Feministisch, komplex, verspielt, überraschend. Die originellen Bilder, Layouts und Wendungen machen so viel Lesefreude: ein Gegengewicht zu den düsteren Frauen-Leben.
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Squirrel Girl | bisher 8 Sammelbände; besonders empfehlenswert ist der Sonderband „The unbeatable Squirrel Girl beats up the Marvel Universe“
Text: Ryan North, Zeichnungen: Erica Henderson
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Ich brauchte 100 Seiten, um den Tonfall zu verstehen: Eine Eichhörnchen-Superheldin Anfang 20, die im ersten Semester Computerlinguistik studiert – und sich die gute Laune nie verderben lässt? Sollen wir mit ihr lachen… oder über sie? Doch wer Doreen Green drei, vier Bände lang folgt – schrullige Dialoge, grimmiger Optimismus, zu viele hyper-theoretische, absurde Zeitreise- und Doppelgänger-Storylines, die immer fünf, sechs Seiten zu lang dauern, immer mehrere pedantische Gedankenspiel-Wendungen mehr als nötig nehmen – wird die Figur und ihren Blick nie vergessen. Ein unvergleichlicher Marvel-Comic, albern, kantig, schlau. Lernte Ryan North von Terry Pratchett?
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Wandering Island | bisher 2 Sammelbände
Text und Zeichnungen: Kenji Tsuruta
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Mikura, eine junge Pilotin mit Wasserflugzeug, liefert an der japanischen Küste als privater Kurierdienst Pakete aus. Die selbe Prämisse wie in „Käptn‘ Balu und seine tollkühne Crew“ – doch erzählt in ruhigen, detaillierten Flug- und Landschaftsbildern. Auch Mikuras Großvater war Pilot: Sein Archiv sammelt Indizien, dass eine mechanische, schwimmende Insel vor der Küste treibt. Sind die Mentoren und Vorbilder in Mikuras Leben wirklich tot – oder verstecken sie sich in einem Steampunk-Exil? „Wandering Island“ zeigt eine absurd schlanke, oft nackte junge Frau, über Seekarten gebeugt. Trotz dem sexistischen Blick und arg dünnem Plot: große Zeichenkunst, tolle Atmosphäre!
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Unstoppable Wasp | in 8 Kapiteln / 2 kurzen Sammelbänden abgeschlossen
Text: Jeremy Whitley, Zeichnungen: Elsa Charretier
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Mädchen und MINT-Fächer? Nadia Pym ist Tochter des verstorbenen Forschers und Avengers Hank Pym: Ant-Man. Die junge (und: lesbische?) Osteuropäerin erbt sein Labor – und fragt sich, weshalb im S.H.I.E.L.D.-Ranking der intelligentesten Menschen so wenige Frauen stehen. Oder Bobbi Morse als Super-Spionin bekannt ist, doch kaum als Wissenschaftlerin. Und, wie solche Probleme strukturell, institutionell, politisch lösbar sind. Ein schwungvoller, farbenfroher, optimistischer Comic für alle ab 11 mit einer idealistischen, hochbegabten, doch nie kitschig-perfekten Heldin.
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5 Mainstream-Superheldinnen:

Thor. 11+ Sammelbände; von Jason Aaron (Text), Russell Dauterman u.a. (Zeichnungen):
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2010 nannte ich „Green Lantern“ das „vielleicht letzte große triviale Epos im Comic“: eine wuchtige Space Opera, blutig, überbordend, warmherzig. Seit 2011 schreibt Jason Aaron „Thor“, im selben Stil: Erst geht es vier Sammelbände lang um Odins Sohn. Dann um eine geheimnisvolle Frau, die Thors Hammer übernimmt. Eine Reihe, die immer schneller, facettenreicher, melodramatischer wird. Allergrößte Oper!
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Invincible Iron Man. Bisher 2+ Bände, dann das Crossover „The Search for Tony Stark“; von Brian Michael Bendis (Text), Stefano Caselli (Zeichnungen):
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Tony Stark ist fort. Doch sein Bewusstsein hilft, als A.I.-Programm, der brillanten Schülerin Riri Williams beim Bau einer eigenen Iron-Man-Rüstung. Brian Michael Bendis, Erfinder von Jessica Jones, ist einer der wichtigsten (und: feministischsten) Marvel-Autoren. Mit „Invincible Iron Man“ und der (leider: viel schlechteren) parallelen Serie „Infamous Iron Man“ verabschiedet er sich aus dem Marvel-Universum und wechselt zu Konkurrenzverlag DC. Riris Hefte? Young-Adult-Spaß mit allen Figuren, die schon in den Iron-Man-Kinofilmen überzeugten (Pepper Potts etc.) – und Spider-Mans Tante May!
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Runaways [Neustart]. Bisher ein Sammelband; von Rainbow Rowell (Text), Kris Anka (Zeichnungen)
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Ein Comic-Erfolg ab 2003, seit 2017 auch als TV-Serie: Fünf Jugendliche denken, ihre Eltern seien alte Geschäftsfreunde. Tatsächlich sind sie ein Schurken-Geheimbund. In Rainbow Rowells Neuauflage verging Zeit: Fast alle kriminellen Eltern sind besiegt, die Runaways gehen eigene Wege. Dann gelingt es zweien, eine verstorbene Freundin via Zeitreise in die Gegenwart zu retten. Start einer langsamen, dialoglastigen, gefühlvollen, oft „Buffy“-haften Young-Adult-Reihe über Freundschaft und Entfremdung. Vorwissen über die früheren „Runaways“-Hefte? Kein Muss.
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Batwoman. Greg Rucka (Text), J.H. Williams III (Zeichnungen, ab Band 2 auch Text)
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Kate Kane, Bruce Waynes lesbische, jüdische Cousine, wollte Elite-Soldatin werden. Jetzt kämpft sie gemeinsam mit ihrem Vater, einem Colonel, gegen meist übersinnliche und okkulte Bedrohungen in Gotham City. Eine unverwechselbare Frau in düster-märchenhaften Urban-Fantasy-Abenteuern, oft ebenso unverwechselbar gezeichnet, inszeniert. Die ersten fünf Sammelbände? Die beste DC-Serie seit 2011. Auch James Tynions „Detective Comics“, über Kate als Bat-Team-Chefin, machen Spaß.
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Moon Girl. Bisher 5+ Sammelbände; Amy Reeder (Text), Brandon Montclare (Zeichnungen)
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Ein Comic für Kinder ab 8 – über die begabteste Person im Marvel-Universum: eine schwarze Drittklässlerin in Midtown, mit liebevollen Eltern und einem bodenständigen Alltag. Lunella Lafayette lernt einen tumben Saurier kennen, versteckt ihn im geheimen Labor unter der Schule. Ich liebe, dass die Serie viel süßlicher, harmloser sein könnte – doch immer wieder komplizierte Abenteuer und Konflikte entwickelt; und dass Lunella oft atemberaubend arrogant, unterfordert, frustriert sein darf. Eine kindgerechte Kinder-Heldin – mit Profil und Abgründen.
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6 Sci-Fi-Tipps, in denen Frauen zentral sind – doch nicht die einzige Hauptfigur:

Saga. Bisher 8+ Sammelbände; von Brian K. Vaughan (Text), Fiona Staples (Zeichnungen)
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Eine Soldatin verliebt sich in einen Mann der gegnerischen Spezies. Die beiden zeugen ein Kind – und flüchten, vor beiden Nationen. Vaughans brutale, aber sehr zärtliche Weltraum-Odyssee zeigt markante, originelle Welten, Wesen; und liebt irre Cliffhanger, Zeitsprünge, dramatische Ironie. Der beste Comic des Jahrzehnts, mit vielen interessanten Frauenfiguren – einige auch queer und/oder trans.
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Injection. Bisher 3+ Sammelbände; von Warren Ellis (Text), Declan Shalvey (Zeichnungen)
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Fünf britische Genies – zwei Frauen, drei Männer – setzen eine künstliche Intelligenz in die Welt. Doch das Programm glaubt, wachsen zu können, indem es prüft, ob es Übersinnliches, fremde Dimensionen, okkulte Wesen gibt – und diese kontrollieren kann. Ein Mystery-Comic im Stil von „Akte X“, „Fringe“ oder „Torchwood“, mit Figuren, inspiriert von „Dr. Who“, James Bond und Sherlock Holmes. Autor Warren Ellis liebt Technologie, Literatur, Mythologie – und spielt hier kongenial mit britischen Pulp-Nationalmythen.
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Invisible Republic. Bisher 3+ Sammelbände; von Gabriel Hardman (Text und Zeichnungen), Corinna Bechko (Zeichnungen)
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Die Menschheit hat ein fremdes Sonnensystem besiedelt – doch der Mond Avalon wurde durch Bergbau, Korruption und einen Stellvertreterkrieg zur Militärdiktatur. Ein junger Partisane und seine Cousine wollen das Regime stürzen. Mit welchen Mitteln? Auf zwei Zeitebenen zeigt Hardman Geopolitik, Kolonialismus, linke Debatten; und fragt nach der Rolle von Whistleblowern und Presse. Ein realistischer, manchmal grauer Geheimtipp, der optisch an Osteuropa in den 70ern erinnert. Eine TV-Version? Kommt sicher bald. Perfekte Vorlage!
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The Vision. In 2 Sammelbänden abgeschlossen; von Tom King (Text), Gabriel Hernandez Walta (Zeichnungen)
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Ein Android mit Sehnsucht nach Menschlichkeit baut sich eine Kleinfamilie, zieht in die Vorstadt… und erlebt, wie in einem magischen Norman-Rockwell-Herbst alles vor die Hunde geht: „The Vision“ beginnt als „domestic drama“ im satirischen Retro-Look. Doch in Band 2 tauchen auch andere Avengers, Victor Mancha, die Scarlet Witch auf – und aus einer „Mad Men“-artigen Parabel wird ein Helden-Thriller. Nerdig, menschlich, überraschend. Und, wie immer bei Tom King: voller Motivketten, formaler Spielchen und erzählerischer Tricks. Souverän!
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Black Hammer. Bisher 3+ Sammelbände sowie mehrere Spin-Off-Comics; von Jeff Lemire (Text), (Zeichnungen)
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Eine Gruppe Superhelden, wie wir sie aus den 50ern und 60ern kennen, dem „Golden“ und dem „Silver Age“ der Heldencomics, ist seit Jahrzehnten gestrandet – in einem künstlichen Retro-Dorf. Kanadier Jeff Lemire liebt Groschenheft-Klischees. Und ehrliche, tiefe Provinz-Melancholie. „Black Hammer“ ist ein neues, eigenes Erzähl-Universum, das klassische Figuren wie Mary Marvel, Lex Luthor und Martian Manhunter neu denkt. Liebevoll, morbide, intelligent.
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Darth Vader. In 4 Sammelbänden und dem Crossover „Vader Down“ abgeschlossen; doch fortgesetzt in der (schwächeren) Serie „Star Wars: Doctor Aphra; von Kieron Gillen (Text), Salvador Larroca (Zeichnungen)
Dr. Aphra ist Archäologin (und lesbisch) – und hat keine Skrupel, fürs Imperium zu arbeiten. In klugen Polit- und Action-Dramen, die alle zwischen Episode IV und V spielen, kämpfen Vader und Aphra mit- und gegeneinander. Sie überlisten Rebellen. Verbündete. Und alle, die versuchen, sie zu verraten. Ein Comic voll zynischer Figuren – der jedoch selbst nie menschenfeindlich, respektlos wird. Sondern zeigt, wie im totalitären Imperium jeder leidet – unter jedem anderen.
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15 Comics, auf die ich mich freue:

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Hawkeye Kate

tolles Panel aus: „Hawkeye: Kate Bishop“, Vol. 2

Die besten Comics & Graphic Novels 2017: Meine Empfehlungen bei Deutschlandfunk Kultur

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bei Deutschlandfunk Kultur empfehle ich meine 20 Comics des Jahres:

  • 20 Tipps auf der Website, mit Kurztexten (erscheint morgen)
  • live im Literaturmagazin „Lesart“ (12. Dezember 2017, ab 10.08 Uhr)

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meine 20 Lieblings-Comics 2016, kurz vorgestellt: Link

meine 20 Lieblings-Comics 2017, kurz vorgestellt: Link

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20. Space Battle Lunchtime
Autorin und Zeichnerin: Natalie Riess
Oni Press, Mai 2016 bis Januar 2017.
8 Hefte in zwei Sammelbänden, abgeschlossen.

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Kochen. Oder gekocht werden! Peony, Konditorin und Mauerblümchen, wird entführt. Als spontaner Ersatz tritt sie im TV-Duell auf einer Raumstation gegen brutale Alien-Köchinnen und Köche an. Der Comic für Kinder ab etwa 7 Jahren zeigt Wettkämpfe und Verfolgungsjagden, oft mit so wenig Text wie möglich. Markante Figuren in der fröhlichen Optik von „SpongeBob“ und „Steven Universe“. Originell montierte Actionszenen und Schnitte. Simple Konflikte – doch raffiniertes Timing.

Zwei Überraschungen: der witzig morbide Sammelband 2, in dem Peony im „Cannibal Colliseum“ fast selbst zur Zutat wird. Und Peonys Liebesgeschichte mit Konkurrentin Neptunia: lesbische Romantik in einem Erstleser-Comic, entspannt und selbstverständlich.

Sprachlich glänzt hier nichts: Erwachsene könnten sich langweilen. Doch wer Comics neu entdeckt, darf staunen – über Standbilder, mit Schwung und Tempo wie in den besten Pixar-Filmen.

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19. Manifest Destiny
Autor: Chris Dingess, Zeichner: Matthew Roberts
Image Comics, seit November 2013.
32+ Hefte in 6+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Und wenn die Brüder Grimm echte Hexen töten? Oder Abraham Lincoln Vampire?! „Manifest Destiny“ ist ein bieder gezeichneter Horror- und Historiencomic über Lewis und Clark: die Pioniere, die ab 1804 mit einem Trupp Soldaten und dem Sklaven York die Flüsse im US-Nordwesten befuhren. Alle sechs Hefte treffen sie auf eine neue Spezies Büffelmonster, Pflanzenzombies, finden mystische Portale. Statt einer Horror-Parodie (wie bei Lincoln und viel anderem Trash) zeigt der Comic liebevoll, gediegen und psychologisch soziale Spannungen und kolonialistische Hybris.

Wer altmodische frankobelgische Comics mag, fühlt sich im Riesen-Ensemble ausdrucksstark gezeichneter Männer (am Rand: drei Frauen, nur langsam wichtiger werdend) wohl: Visagen, fast wie die Dalton-Brüder aus „Lucky Luke“. Ich kenne keine andere Reihe, die 32 Hefte lang so verlässlich, aus einem Guss um immer gleiche Motive kreist. Große Fragen wie Kulturimperialismus, Verschwörungen, Metaphysik, Mordlust der Helden werden nur langsam drängender.

Ein altmodischer, sorgsam recherchierter Gänsemarsch an den Pazifik. Alberne Horror-Grundidee, mit wunderbarem Ernst, sehr zugänglich erzählt.

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18. Kakukaku Shikajika
Autorin und Zeichnerin: Akiko Higashimura
Shueisha, Ende 2011 bis Anfang 2015.
34 Kapitel in fünf Sammelbänden, abgeschlossen.

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Zeichnen! Üben! Durchhalten! Shonen-Mangas wenden sich an (prä-)pubertäre Jungs und zeigen Sport-, Kampf- oder Abenteuer-Plots, oft mit starkem Fokus auf Fleiß und Arbeit: Ein junger Mann mit Talent und Motivation muss lernen, dass erst Verbissenheit Erfolge bringt. In „Bakuman“, dem besten Manga übers Manga-Schreiben, wollen zwei typische Shonen-Fans als Shonen-Manga-Künstler berühmt werden. Ein Shonen-Manga über Schreib- und Redaktionsarbeit, erzählt fürs Shonen-Publikum, im typischen Shonen-Stil. FLEISS!

„Kakukaku Shikajika“ ist ein Josei-Manga: Unterhaltung für erwachsene Frauen, psychologischer und viel weniger verbissen, heroisch. Akiko Higashimura zeigt, wie sie Talent als Zeichnerin entdeckt, bei einem strengen, distanzierten Privatlehrer für die Kunsthochschul-Prüfung übt… und heute noch oft an ihren Mentor denkt.

Der verletzliche (oft aber: geschwätzige) Künstler- und Bildungsroman einer Frau, die Ängste und Vermeidungstaktiken überwindet. Selbstkritisch. Ohne plumpe „Ich will der Allerbeste sein!“-Jungs.

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17. Martha & Alan
Autor und Zeichner: Emmanuel Guibert
L’Association, 2016. Deutsch bei Edition Moderne, 2017.
120 Seiten, abgeschlossen; doch das dritte Buch einer Reihe, die 2000 begann.

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1994 traf der Franzose Emmanuel Guibert einen Ex-Soldaten aus Kalifornien, Alan Ingram Cope. Bis zu Copes Tod 1999 führte Guibert Interviews mit dem entspannten, gutmütigen Rentner. Bis 2008 erschienen drei Bände „Alans Krieg“, über Copes Wehrdienst ab 1943. 2012 folgte ein leichteres, kurzes Buch, mit größeren, prachtvollen Bildern: „Alans Kindheit“. Guiberts drittes Alan-Projekt, „Martha & Alan“, hat Farbseiten, kaum Sprechblasen, ist schnell gelesen… und wirkt wie ein pittoreskes Staun- und Bilderbuch für Fans der nostalgischen Coming-of-Age-Serie „Wunderbare Jahre“.

„Jeder Schrebergärtner kann solche Geschichten aus dem Krieg erzählen“, höhnt ein Kunde auf Amazon, „auch der dritte Zwerg von links.“ Für mich ist die Alltäglichkeit, Ambivalenz der freundlich melancholischen Comics die größte Stärke: An keiner Stelle steht fest, dass alles zu größten Konsequenzen führt. Vieles bleibt anekdotisch. Zarte Bruchstücke, die Cope ein Leben lang nicht vergaß.

Kurz, harmlos, zum ersten Mal in Farbe: noch braver, süßlicher darf Guibert nicht werden. Auch die Durchpaus-Optik vieler Bilder stört. Trotzdem weiter: ein großer Wurf. Ideal zum Verschenken.

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16. Snotgirl
Autor: Bryan Lee O’Malley, Zeichnerin: Leslie Hung
Image Comics, seit Juli 2016.
8+ Hefte in 2+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Ab 2004 zeigte der Drückeberger- und Cliquen-Comic „Scott Pilgrim“ ein absurd spezifisches Milieu: kanadischer Punkrock der 90er, Videospiele der 80er, vegane Hipster Anfang 20 in Toronto, magischer Manga-Realismus und Kämpfe wie in „Street Fighter II“: Die Schnittmenge der Fans, die Humor, Ästhetik, Lifestyle-Jargon und alle Referenzen kennen, blieb klein. „Snotgirl“, ebenfalls von O’Malley, ist noch präziser und schrulliger. Modebloggerinnen, Influencerinnen in LA stolpern in einen Mord wie aus David Lynchs „Mulholland Drive“. Erzählt im Look japanischer Mädchencomics der 70er.

„Snotgirl“ Lottie hat Selbstzweifel, Allergien, hasst alle Freunde und Konkurrentinnen. Wurde sie zur Mörderin? Sie verdrängt Erinnerung und Wutausbrüche. Eine quälend oberflächliche, passiv-aggressive Antiheldin: Wer Stil-Satiren wie „Girls“ und „American Psycho“ mag, monströse Hauptfiguren und Insider-Sprache erträgt, findet hier einen schrulligen, literarischen Schatz.

Doch ich kann alle verstehen, die beim Blick auf die toxischen Frauen und ihr Valley-Girl-Instagram-Gefasel rufen: „Nichts für mich. Bizarre und bizarr dumme Zicken? Die wie in Fremdsprachen reden?

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15. Ether
Autor: Matt Kindt, Zeichner: David Rubin
Dark Horse Comics, November 2016 bis März 2017.
5 Hefte in einem Sammelband, Fortsetzung angekündigt.

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Seit Matt Kindts surrealem Agenten-Thriller „Mind MGMT“ weiß ich: Jeder Kindt-Comic hat mehr Tiefe und Herz, wirft komplexere Fragen auf, als die Geschichte eigentlich braucht. Ein Autor, der gern mehr versucht als nötig. Plastischere Figuren. Reichere Welten. „Ether“ ist ein melancholischer All-Ages-Comic zwischen Jeff Smiths „Bone“ und Michael Ende. Boone Dias, schnöseliger Forscher, entdeckt ein Zauberreich und wird dort bald als Held gefeiert. Frau und Kinder müssen warten, während er mit einem Gorilla-Kumpel durch Steampunk-Abenteuer zieht.

Doch Boones Arroganz und Eskapismus schaden der Menschenwelt – und bald auch dem geheimen „Ether“-Reich. Weil Boone nur in Momenten durch Portale springen kann, in denen er mit dem Leben abgeschlossen hat, wird er immer teilnahmsloser, asozialer. Kann man in einer Welt heroisch sein – doch in der anderen nur noch flüchten?

Lebenslügen und Widersprüche eines älteren Mannes – in einem Comic, toll für Kinder. Charmant, am Rand: Der suizidale Snob Boone hat dieselbe Frisur und denselben Bart wie Kindt selbst.

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14. Shade, the Changing Girl
Autorin: Cecil Castellucci, Zeichnerin: Marley Zarcone
DC Comics (Imprint: Young Animal), seit Oktober 2016.
12+ Hefte in 2+ Sammelbänden, pausiert; aber wird fortgesetzt.

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Ab den 80er Jahren veröffentlichte DC Comics literarische, recht erwachsene Phantastik- und Horror-Reihen: „Sandman“, „Swamp Thing“, „Doom Patrol“, ab 1993 im Imprint „Vertigo“. Seit 2016 werden alte Vertigo-Konzepte im neuen Label „Young Animal“ variiert: Der Poet Shade, the Changing Man stammt vom Planeten Meta, kämpft gegen postmodernen Wahnsinn, der seine Geschichten infiziert und immer surrealer macht, und springt dabei in die Körper mehrerer Erdenmenschen. Ein Kult-Comic von 1990 bis 96.

„Shade, the Changing Girl“ folgt einer traurigen Vogelfrau aus Meta, die in den Körper von Megan springt, einer Schülerin voller Welt- und Selbsthass. Poetisch, melancholisch, feministisch – und von Zeichnerin Marley Zarcone unverwechselbar inszeniert: eine Fabel über zwei Frauen, überlistet und behindert von einem Körper und den vielen Erwartungen, die diese Hülle bei Mitmenschen weckt.

Die gesuchte „Craziness“ alter Vertigo-Comics blieb oft pubertär, naiv. Hier aber fehlen Selbstzweck, Blendwerk, Präpotenz. Ein Comic, noch viel origineller, als der erste Blick eh schon verspricht!

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13. Black Hammer
Autor: Jeff Lemire, Zeichner: Dean Ormston, David Rubin
Dark Horse Comics, seit Juli 2016.
14+ Hefte und 2+ Sammelbänden sowie die Spin-Off-Serie „Sherlock Frankenstein“; wird beides fortgesetzt.

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Jeff Lemires Zeichnungen? Unverwechselbar! Zu viele Helden-Comics aber, die Lemire seit 2010 für DC und später Marvel schrieb (seltener: selbst zeichnet) lesen sich wie Fließband-Jobs. Auch der hastigen Graphic Novel „Underwater Welder“ (2012) und der Endzeit-Reihe „Sweet Tooth“ (09 bis 12) ging bald die Luft aus. Ein toller Erzähler, in Sprache wie Bild. Der sich zu oft verheizt, verramscht. „Black Hammer“ ist das erste Lemire-Projekt seit Jahren, das keine künstlerischen Abstriche macht. Eine schlichte, charmante Hommage an Comics der 40er und 50er Jahre.

Sechs alte Heldinnen und Helden stranden in einem magischen Gefängnis oder Limbus: Alles sieht aus wie die US-Provinz. Eine Barriere verhindert, dass sie fliehen. Hilft die Erinnerung an frühe Glanzzeiten in Spiral City? Was löst ihre Sinn-, Identitätskrisen? Sogar die Ableger-Reihe „Sherlock Frankenstein“ gelingt: ein ganzer neuer Helden-Kosmos um die Frage, welche Ära welche Ideale fordert.

Nostalgisch, psychologisch, kulturwissenschaftlich: ein freundlich einladendes Pastiche von Comic-Archetypen wie Thor, Lex Luthor, Mary Marvel, Martian Manhunter

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12. Afterlife with Archie
Autor: Roberto Aguirre-Sacasa, Zeichner: Francesco Francavilla
Archie Comics, seit Oktober 2013.
10 Hefte in zwei Sammelbänden, erscheint unregelmäßig, doch wird später fortgesetzt.

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Seit 1941 zeigt „Archie“ High-School-Possen für Acht- bis Zwölfjährige: Archie ist offen, ungeschickt und liebt das Städtchen Riverdale. Betty – blond, anständig, bescheiden – wohnt nebenan. Veronica hat schwarzes Haar, reiche Eltern und nimmt sich, was sie will. Kumpel Jughead liebt Burger und hasst Flirts. Seit über 70 Jahren kann sich Archie nie zwischen Veronica und Betty entscheiden. Figuren wie in der Comedia dell’arte: simpel, markant, robust.

2015 wurde der Comic erwachsener: Jughead ist asexuell. Betty sitzt im Rollstuhl. 2017 zeigt die TV-Serie „Riverdale“ Archies Welt als Thriller, Soap. Der beste Neustart aber ist „Afterlife with Archie“: Durch einen Fluch von Hexe Sabrina wird Jughead zum Zombie. Die Teens aus Riverdale kämpfen ums Überleben. Doch nehmen sich weiter Zeit für Dialoge, Psychologie:

Wie viel Freundschaft, Rücksicht darf man sich leisten? „The Walking Dead“ sagt: nur das Nötigste. „Afterlife with Archie“ hält dagegen: Menschlichkeit? Jetzt erst recht!

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11. Injustice 2
Autor: meist Tom Taylor, Zeichner: meist Bruno Redondo
DC Comics, seit April 2017. Deutsch bei Panini.
10 Seiten pro Woche erscheinen als digitaler Comic, alle 30 Seiten gesammelt als Print-Heft, später als Sammelband. Bisher 36 Kapitel, wird fortgesetzt.

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Schach – mit DC-Figuren: Wer schlägt, überlistet, vernichtet wen, in einem fünf Jahre langen Helden-Krieg? Das Prügel-Videospiel „Injustice“ (2013) zeigt eine Zukunft, in der Superman Diktator wird. Batman und wenige Verbündete wollen den Umsturz. Autor Tom Taylor klärt die Vorgeschichte zum Spiel in wöchentlichen Comics: fünf Jahre Tod, Eskalation und „Freiheit versus Sicherheit“-Fragen, in fast 200 Kapiteln. Als für „Year 3“ Autor Brian Bucchelato übernahm, wurde der Plot mechanischer, seichter: Nur Taylors „Injustice“-Comics reißen mit. Trotz viel vermeidbarer Brutalität, konstruierter Tragik.

2017 erschien das Spiel „Injustice 2“: Ist Superman zu retten? Was kommt nach Überwachung, Dystopie? Tom Taylors erneut auf Jahre angelegter „Injustice 2“-Comic zeigt, was zwischen zwei Videospielen eskaliert. Wieso ist ausgerechnet diese Sequel-Comic-Story zu einem Prequel-Tie-In-Comic zu einem Alternate-Universe-Prügelspiel so witzig, mitreißend, philosophisch, einsteigerfreundlich?

Weil Taylor tausend kleine Liebeserklärungen an (bekannte und obskure) Figuren macht. Die alle jederzeit tragische Fehler machen oder sterben können. Süffig, warmherzig, schwungvoll.

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10. Briggs Land
Autor: Brian Wood, Zeichner: meist Mack Chater
Dark Horse Comics, seit August 2016.
12+ Hefte in 2+ Sammelbänden, wird alle sechs Hefte mit neuem Untertitel und neuem Heft 1 fortgesetzt.

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2013 machte Zeichnerin Tess Fowler öffentlich, dass Autor Brian Wood sie auf einer Messe belästigte. 2015, lange vor #metoo, warnte Wood, dass solche „Hexenjagden“ bald „Selbstmorde nach sich ziehen“. Der 45-jährige schrieb zwei klug politische Heftreihen, „DMZ“ und „The Massive“: Tragödien über Einzelgänger und Politversagen, so zynisch, dass mir nie klar wurde, ob ich hier kluge Staatskritik lese. Oder hart-rechte Untergangsfantasien. Woods aktuelles Projekt „Rebels“ zeigt, wie sich US-Patrioten 1775 gegen die Briten wehren. Und, wie viel Schuld alle Seiten auf sich laden, im Freiheitskampf.

„Briggs Land“ spielt an der kanadischen Grenze: Vor 30 Jahren gründete Aussteiger Briggs eine frauenfeindliche libertäre Kommune. Jetzt sitzt er im Gefängnis, und Exfrau Grace will die Enklave gegen Ermittler, Staat und Mafia verteidigen. Sie besticht, erpresst, paktiert mit Neonazis: Realpolitik einer engherzigen Matriarchin mit drei erwachsenen Söhnen. King Lear in feministisch? Oder nur rechts?

AMC plant eine TV-Serie: Wer mag, wie „Breaking Bad“ und „The Walking Dead“ Faschismus und Empathieverlust zelebrieren (manchmal: hinterfragen), findet hier eine neue fragwürdige Antiheldin.

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9. Brodecks Bericht
Autor und Zeichner: Manu Larcenet, nach dem Roman von Philippe Claudel
Dargaud, 2015/2016. Deutsch bei Reprodukt, 2017.
328 Seiten, abgeschlossen.

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Brodeck überlebte das KZ, weil er alles mit sich machen ließ: Für Stolz, Prinzipien ließ ihm der Krieg keinen Platz. Jetzt lebt er wieder im Bergdorf – unter Nachbarn, die ihn zuvor den Nazis auslieferten. Ein reicher Fremder macht Rast, bewundert die Landschaft. Alle Bauern sind skeptisch: Ertragen sie Blicke, die man von außen auf sie wirft? Brauchen sie Absolution? Respekt? Oder nur Vergessen? Larcenet adaptiert Claudels Roman von 2007. Markant gezeichnete Figuren, Schattenwürfe, grausam-schöne Natur. Die Zeichnungen verorten den Plot, machen alles wunderbar konkret.

Schade nur, dass „Graphic Novel“ auf dem deutschen Markt zu oft bedeutet: literarische Stoffe – illustriert, gekürzt, vereinfacht, adaptiert. Mit „BLAST“ zeigte Larcenet, wie cineastisch, raffiniert er Geschichten in Bildern erzählen kann. „Brodecks Bericht“ bleibt konventionell. Ein Buch, das Comic-Skeptikern gefallen wird. Doch kaum beweist: Comics sind eine Kunst für sich.

Eine unvergessliche Geschichte, feinsinnig in ein zweites Medium übertragen. Und doch weniger als die Summe ihrer Teile: Claudels Sprache kann mehr. Larcenets Bilder eh.

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8. Providence
Autor: Alan Moore, Zeichner: Jacen Burrows
Avatar Press, Mai 2015 bis April 2017. Deutsch bei Panini.
12 Hefte in drei Sammelbänden, abgeschlossen.

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Bricolage? Die Kunst, sich alles zu packen, das in der Nähe liegt, und es zu Neuem zu verbauen. Autor Alan Moore gilt als Genie: Er knüpft bestehende Figuren, Mythen in Comics, mit so viel Literaturhistoriker-Verve, dass „kongenial“ untertrieben ist. Doch setzen andere Moores eigene Comics fort, fühlt er sich betrogen, missbraucht. Er denkt fremde Figuren weiter, und wird zu Recht gefeiert. Denken Menschen Moores Figuren weiter, wird immer nur Moore gelobt. Nie die Moore-Bricoleure.

„Providence“ remixt die Geschichten und die Biografie von H.P. Lovecraft: Neuengland-Horror in den 20er Jahren, Rassismus, Inzest, Vergewaltigungen und viele gehemmte Männer, erschreckt von ihren Trieben, Atavismen. Ein makellos gezeichnetes und inszeniertes Spiel voll metatextueller Zitate. Das ich als Nicht-Fan und Nicht-Kenner Lovecrafts trotzdem ohne Mühe genießen konnte. Klug. Düster. Am Ende nur leider: Stückwerk; keine runde Sache.

Gern parallel lesen: die ausführlichen Anmerkungen und Fußnoten auf factsprovidence.wordpress.com

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7. Thor
Autor: Jason Aaron, Zeichner: meist Russell Dauterman
Marvel Comics, November 2012 bis September 2014 (Thor: God of Thunder); ab November 2015 (The Mighty Thor); Deutsch bei Panini.
25 Hefte in 4 Sammelbänden (Thor: God of Thunder), dann 25+ Hefte in 6+ Sammelbänden (The Mighty Thor) sowie Einzelband „The Unworthy Thor“, wird fortgesetzt.

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Von 2004 bis 2013 wuchs die DC-Reihe „Green Lantern“ zum trivialen Epos: Wer größte Angst überwinden kann, darf Konstrukte aus grünem Licht schleudern, aus grünen Ringen. Oder, erfand Autor Geoff Johns neu: gelbes Licht aus gelben Ringen – an alle, die Furcht einflößen. Blaues Licht für Hoffnungsstifter. Rotes Licht für Wütende… Ein „War of Light“ begann, mit Black Lanterns, White Lanterns, neun Farben. Jason Aarons „Thor“-Comics gehen seit 2012 den selben Weg. Eine alte Grundidee und -welt, die sich in neue, komplexere Facetten fächert.

Odins Sohn Thor war der einzige Gott, „worthy“ genug, den Hammer Mjölnir anzuheben. Nach einer Krise wählt sich der Hammer eine neue Herrin: eine sterbliche Frau. So, wie „Green Lantern“ neun Ring-Gruppen ins Spiel brachte, beginnt bei „Thor“ ein kosmischer Krieg zwischen zehn Welten der nordischen Mythologie. Blutig, bissig, herzlich, rasant. Ein Mainstream-Blockbuster!

Jason Aarons Superheldenkraft? Neue Figuren. Die man so lieb gewinnt, dass „Thor“ aktuell gut 30 Storylines, Schauplätze hat. Eine echte Saga.

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6. Jessica Jones / Invincible Iron Man
Autor: Brian Michael Bendis, Zeichner: Michael Gaydos (Jones), Stefano Caselli (Iron Man)
Marvel Comics, ab Oktober 2016 (Jones) bzw. November 2016 (Iron Man); Deutsch bei Panini.
14+ Hefte in mindestens drei Sammelbänden (Jones); 11 Hefte in zwei Sammelbänden, dann der Crossover-Band „The Search for Tony Stark“ (Iron Man); wird fortgesetzt.

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Brian Michael Bendis liebt Noir und hard-boiled Krimis. Lange Dialogketten. Und Frauen, die mit allem hadern. Seit 2000 war er der wichtigste Marvel-Autor; 2018 wechselt er zu DC. Zwei tolle, letzte Marvel-Reihen? „Jessica Jones“ setzt Bendis‘ „Alias“-Comic (2001 bis 04) fort, mit dem gewohnten Zeichner, im Stil der Netflix-Serie. Eine oft überforderte Ermittlerin mit heikler Ehe und zweijähriger Tochter, die wütend an den Widersprüchen und Absurditäten der Marvel-Welt rüttelt. (Band 2 zeigt schlimme Neurosen im Spionage-Saftladen S.H.I.E.L.D.)

„Iron Man“ wird aktuell in zwei parallelen Bendis-Comics fortgesetzt: Tony Stark liegt im Koma, Doctor Doom wird der „Infamous Iron Man“ (ein grauer, freudloser Comic). Die 15jährige Ingenieurin Riri Williams baut sich eine Rüstung, als „Invincible Iron Man“, und findet in Starks Mutter, Starks Hologramm und Spider-Mans Partnerin Mary-Jane Mentoren. Tolle Frauen, frischer Wind!

„Jessica Jones“ steht für sich. „Invincible Iron Man“ startet in Band 3 in ein Crossover mit „Infamous Iron Man“ Doctor Doom: „The Search for Tony Stark“. Ich bin skeptisch. Band 1 und 2 sprühten Funken!

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5. Royal City
Autor und Zeichner: Jeff Lemire
Image Comics, seit März 2017.
7+ Hefte, auf mindestens 3 Sammelbände/15 Hefte angelegt.

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Tod, Trauma, Reue in der Familie. Drei erwachsene Geschwister und ihre beschädigten Eltern erinnern sich ans Jahr, das ihr Herz brach: 1993. Alle bleiben für sich; suchen Halt in einer Industriestadt ohne Jobs. Jeff Lemire zeichnet und schreibt. Verrät in kurzen Nachworten viel über seine Jugend in Toronto. Wer die Bestatter-Serie „Six Feet Under“ mag oder Lemires Indie-Erfolg „Essex County“ über traurige Provinzler in Ontario, findet hier einen konventionellen, aber stilsicheren Mix aus Alltag, Sozialkritik und magischem Realismus.

Schön: wie viel Zeit sich die Reihe für Nebenfiguren nimmt. Und, wie unklar bleibt, ob hier Phantastik und Übersinnliches eine Rolle spielen. 2017 erschien auch „A.D.: After Death“, ein illustrierter Roman (Text: Scott Snyder, Zeichungen: Lemire), der, trotz einiger Klischees, Sog und Zauber entwickelte wie Haruki Murakamis beste Prosa.

Ich hoffe, auch bei „Royal City“ hält dieser Schwebezustand viele Kapitel: eine Allerweltsgeschichte, die jederzeit banal oder zu märchenhaft werden kann. Doch bisher leuchtet!

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4. Squirrel Girl
Autor: Ryan North, Zeichnerin: Erica Henderson
Marvel Comics, seit Januar 2015. Nur Band 1 auf Deutsch, bei Panini.
34+ Hefte in 8+ Sammelbänden und der Extra-Band „…beats up the Marvel Universe“, wird fortgesetzt.

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Buschiger Schwanz. Irritierend aufgeschlossen. Und mit der Mutanten-Fähigkeit, Hörnchen zu verstehen: Knapp 25 Jahre war Squirrel Girl eine Marvel-Witzfigur. Mit Glück und List wie beim tapferen Schneiderlein besiegte sie mächtige Männer wie Dr. Doom und Planetenfresser Galactus. Ryan North, Humorist der „Dinosaur Comics“, schickt Squirrel Girl, noch immer Anfang 20, ins erste Semester. Sie studiert Informatik und macht mit Geduld, Idealismus, skurrilen Vorschlägen viele Gegner zu neuen Verbündeten.

Norths Humor wirkt gesucht schrullig. Doch die Reihe ist besonders bei jungen Frauen und IT-Nerds so beliebt, dass sie immer selbstbewusster, idiosynkratischer erzählt: Ein Comic mit übervollen Sprechblasen, kindischen Fußnoten, absurd positivem Menschenbild, unverwechselbarem Ton. Guter Einstieg und Höhepunkt: der Extra-Band „Squirrel Girl beats up the Marvel Universe“.

Der schönste Gegenbeweis zur Klage, Heldencomics seien kalter Einheitsbrei. (Auch toll, von North: „Jughead“ aus dem „Archie“-Universum.)

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3. The Best we could do
Autorin und Zeichnerin: Thi Bui
Abrams ComicArts, März 2017.
329 Seiten, abgeschlossen.

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Comics bleiben das zugänglichste, billigste Medium, um Bilder fürs eigene Leben zu finden. Autobiografien wie „Fun Home“ und „Stitches“ zeigen: „So ging es mir. So fühlte ich mich. Hier sind Motive, die ich für mein Erleben wähle.“ Thi Bui zeigt ihre Großeltern, Eltern und die eigene Jugend. Fragt, ob sich Traumata vererben, und wie eine Familie, seit Generatiionen ausgeliefert, „Heimat“ definiert. Der Start? Ein etwas wehleidiges Kapitel über Entbindung und Mutterschaft. Alles tut weh? Der Kreissaal ist ungemütlich? Ich brauchte Geduld und Schwung.

Bald aber spannt Thi Bui tolle Motivketten und macht, statt einer geraden Geschichte, Recherche- und Erinnerungsprozess zum großen Thema. Der Unabhängigkeitskrieg gegen Frankreich. Die USA in Vietnam. Die Flucht als „Boat People“. Neuanfänge in Chicago und Kalifornien.

Intim, intelligent, empathisch: Nach „Fun Home“ die beste Graphic Novel über Familie, die ich kenne.

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2. Dept. H
Autor und Zeichner: Matt Kindt
Dark Horse Comics, seit April 2016.
21+ Hefte in 3+ Sammelbänden, wird wohl mit Heft 24 abgeschlossen.

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Kaum Krimi, kaum Fantasy: Mias Vater war Aktivist und Meeresbiologe. Als er an Bord seiner Station stirbt, kehrt die erwachsene Astronautin zurück ins Team, das sie als Teenager verließ – und sucht den Täter zwischen sieben Vertrauten. Während ein Saboteur alle Räume überflutet, zweifeln komplexe, herzliche Figuren, zu wem sie halten. Es geht – trotz Seuchen, Halluzinationen, psychogenen Quallen, Riesenkraken und -Schildkröten – fast nur um Reue, Loyalität, Ideale.

Am schönsten: die Zurückhaltung von Autor und Zeichner Matt Kindt und seiner Frau Sharlene (Tusche, Farben, Typo): Wären die Figuren detaillierter, der Stil gesucht erwachsen-düster – „Dept. H“ bliebe ein behäbiger Thriller nach Schema F. Doch weil Fassade, Oberflächenreize, perfekte Zeichnungen hier fehlen, drängt sich beim Lesen eine tolle Frage auf:

Wie schaffen Comics komplexes Erzählen? Obwohl fast alles, das wir „erwachsen“ finden (Naturalismus, Details, Figurendesign) hier möglichst schlicht bleibt?

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1. Kill or be killed
Autor: Ed Brubaker, Zeichner: Sean Phillips
Image Comics, seit August 2016. Deutsch bei Splitter Verlag.
14+ Hefte in 3+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Wer einen Rassisten, Mörder, Sexisten portraitiert, um die Dynamik von Rassismus, Gewalt, Frauenhass zu zeigen, kann nie verhindern, dass Empathie, Verständnis wächst für die Figur. Autor Ed Brubaker weiß, wie viele Comic-Fans Vigilanten, Selbstjustiz lieben. Einen Batman mit Schusswaffen cooler fänden. Sich in einer Welt, in der man Zombies erschlägt, sicherer fühlen als in einer, die Tätern Rechte zugesteht.

„Kill or be killed“ stellt diese Fantasien in Frage: Mit einem weinerlichen, empathielosen Studenten, der plötzlich einen Dämon vor sich sieht. Einmal im Monat, fordert das Monster, muss jemand sterben. Also jagt Dylan Sexualstraftäter, Wirtschaftskriminelle, Handlanger der Russenmafia. Das Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei (und die Frage, ob der Dämon real oder ein Hirngespinst ist), reizt Brubaker gewohnt perfekt aus.

Die Kunst der Reihe? Eine Sehnsucht der Zielgruppe wird hier so kritisch, hässlich, klug wie möglich neu gedacht! Ein Mörder als Würstchen. Als „armes“ Würstchen also? Das man ein Stück versteht, und dem man Gutes wünscht? Bisher nicht!

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Auch die US-Heftreihen „Saga“, „Harrow County“, „Lazarus“, „Jupiter’s Legacy“, „Injection“, „Southern Bastards“ und „Invisible Republic“ hatten gute neue Hefte/Sammelbände 2017: Empfehlung!

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Vier größere Thesen, zum Comic-Markt und Comic-Jahr 2017:

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1) Graphic Novels? nur illustrierte Romane.

In deutschen Verlagen wie Suhrkamp, Carlsen usw. erschienenen in den letzten Jahren immer wieder Comic-Adaptionen von Literatur, z.B. Kafka oder Don Quijote. Eine „Graphic Novel“ heißt in Deutschland oft: ein literarischer Stoff (oder die Biografie eines Bildungsbürger-Helden wie Johnny Cash), grafisch aufbereitet.

Ein Comic, der das gut macht?

Der Franzose Manu Larcenet adaptierte Philippe Claudels Roman „Brodeks Bericht“. Die Zeichnungen vermitteln so viel Atmosphäre, Larcenets Figuren haben so viel Charakter… das Buch gewinnt, illustriert, nochmal an Tiefe: weil eine allegorische Geschichte durch die konkreten Landschaftsbilder etc. im Comic plötzlich sehr konkret, lokal, verortbar wird.

Trotzdem bin ich als Comic-Leser formal gelangweilt. Weil der „Brodeks Bericht“-Comic selten versucht, Wort und Bild toll neu zu verbinden. Stattdessen: Erzählkästen mit Claudels Originaltext aus dem Roman. Und dazu eben: hübsche Illustrationen eines morbiden Bergdorfs und seiner grausamen Bewohner.

2017 erschien auch eine Graphic-Novel-Version des Tagebuchs von Anne Frank. Mit dem selben Problem: Die Geschichte wird illustriert, Bilder begleiten die Worte. Damit bleiben die Bilder leider vor allem Zusatz, Beiwerk, Schmuck. Von genuinen Comics erwarte ich mehr. Eine ähnliche Kritik habe ich zum Gereon-Rath-Comic „Der nasse Fisch“: Der Berlin-Bestseller-Krimi, der in der Weimarer Republik spielt… einfach nochmal als Comic. Text geht verloren, Zeichnungen kommen hinzu, die Geschichte wird, durch die detaillierten Illustrationen, anschaulicher. Doch alles, was man Literaturverfilmungen oft vorwirft (Schwundstufen des Originals etc.) gilt auch für diese Comic-Adaptionen.

[konkret meine ich, 2017: Kutschers „Der nasse Fisch“, Ari Folmans „Tagebuch der Anne Frank“, Reinhard Kleists Nick-Cave-Biografie und „Brodecks Bericht“.]

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2) schrullige Superheld*innen.

Marvel und der Konkurrenzverlag DC Comics erzählen meist epische Crossover-Geschichten mit vielen Held*innen, oft in Teams und Ensembles (z.B. „Avengers“ und „Justice League“).

Doch 2012 hatte Marvel großen Kritiker-Erfolg mit „Hawkeye“ – einer Serie, die einen unbedeutenderen, schwächeren Helden zeigte, bei kleineren, alltäglicheren, persönlicheren Abenteuern. Der Zeichenstil war eigensinnig, die Heftreihe hatte einen ganz eigenen Ton – und seitdem experimentiert Marvel mit diesen kleinen, schrulligen Konzepten:

Die Frage bei Marvel-Titeln, in denen es um einzelne Personen geht statt um ein ganzes Team, ist nur noch selten „Wie passt diese Figur, ihr Design etc. ins große Erzähl-Universum?“, sondern viel öfter: „Was ist der richtige Ton und die spezifische Zielgruppe für DIESE Figur?“

Ein schöner Nebeneffekt: ein Buch über eine zehnjährige Heldin soll jetzt auch Zehnjährigen gefallen, Bücher mit Frauen sollen eher Frauen als Männer ansprechen (also: weniger peinliche Ballonbrüste und Pamela-Anderson-Posen etc.), und die muslimische Heldin Ms. Marvel wird von einer Muslima geschrieben, der schwule Iceman von einem schwulen Autor etc.

Die Reihen haben oft keinen großen Erfolg – doch sie sind so spezifisch und eigensinnig, dass sie jenen Leuten aus dem Herzen sprechen, die sich seit Jahren danach sehnten. Deshalb: wer Minderheiten, Vielfalt, Experimente sucht statt Einheitsbrei: Marvel hat jeden Monat acht bis zehn Serien, die möglichst unverwechselbar und eigensinnig sein wollen.

[2017, bei Marvel: der schwule „Iceman“, die muslimische „Ms. Marvel“, die feministische Agentin „Mockingbird“, die hochbegabte Grundschülerin „Moon Girl“, der schrullige Computernerd-Humor-Comic „Squirrel Girl“]

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3) US-Comicreihen als TV-Vorlage

Wer für DC oder Marvel schreibt, verdient kaum Geld, falls eine Figur, die er/sie erfand, später in TV-Serien wie „Arrow“ oder „Flash“ verwendet wird.

Der drittgrößte Comicverlag, Image, veröffentlicht fast keine klassischen Superheld*innen – und oft gehen die Autor*innen dort in Vorkasse, um ihre Reihen drucken zu können. Der große Vorteil: ihre Figuren und Konzepte bleiben „Creator-owned“; und die Schöpfer*innen können bei TV-Deals besser profitieren.

Viele Heftreihen aus den letzten Jahren werden schon nach 10, 15 Heften für eine TV-Adaption ins Auge gefasst. Reihen wirken von Anfang an, als wären sie mit Blick auf einen späteren TV-Pilotfilm geschrieben. Das Schöne dabei: ein Heft braucht 5.000 Käufer und gilt als Erfolg. Eine TV-Serie muss immer noch von mindestens 500.000 Menschen gesehen werden. Deshalb: wer heute wissen will, was übermorgen eine (oft seichtere, weil gefälligere, massentauglichere) TV-Serie wird: Die Vorlagen erscheinen oft bei Image. Mit allem, was gute Serien ausmachen – starke Figuren, eigener Ton, schockierende Wendungen.

[2017, alle lesenswert, Serien dazu sind geplant: die Kleinstadt-Hexen-Thriller „Harrow County“ und „The Chilling Adventures of Sabrina“, das Aussteiger/Miliz-Drama „Briggs Land“, und viele Marvel-Heftserien, die Fans der Marvel-TV-Serien ansprechen sollen, z.B. „Jessica Jones“ und „Runaways“. Auch die beste aktuelle US-Reihe, „Kill or be killed“, wirkt wie ein TV-Pitch.]

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4) „Auteurs“, „Autorencomics“

Einige Autor*innen können SEHR gut erzählen – in eigenem Ton.

Dass sie nicht besonders zeichnen können oder, dass sie, sobald sie Marvel- und DC-Geschichten schreiben, nicht überzeugen, wird dabei immer unwichtiger:

Jeff Lemires Zeichnungen wirken schräg, seine Geschichten schrullig und spezifisch – doch wie bei Murakami weiß man mittlerweile: Er macht SEIN Ding, und während Filme etc. nicht finanzierbar wären, kann er sich in Comics kostengünstig und ohne Produzenten, die ihm enge Regeln setzen, ausdrücken.

Es gibt immer mehr solcher Stimmen: spezifisch, literarisch, SEHR eigene und spezielle Nischen besetzend. Eben wie Autorenfilmer*innen, oder „Kult“-Schriftsteller*innen.

[2017: Lemires „Royal City“, „AD After Death“ und „Black Hammer“, alle sehr gut; Matt Kindts „Dept H.“, Bryan Lee O’Malleys schrullig-tolles „Snotgirl“; das surreale „Shade – the Changing Girl“]

Die besten Comics & Graphic Novels 2016: meine Empfehlungen bei Deutschlandradio Kultur

Deutschlandradio Kultur - Comic-Empfehlungen 2016, Stefan Mesch.PNG

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bei Deutschlandradio Kultur empfehle ich meine 20 Comics des Jahres:

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schon 2015 stellte ich 20 aktuelle Reihen vor, hier (Link).

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20. Black Magick
Autor: Greg Rucka, Zeichnerin: Nicola Scott
Image Comics, Oktober 2015 bis Februar 2016.
5+ Hefte in 1+ Sammelbänden, wird Mitte 2017 fortgesetzt.

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Wer nie ein aktuelles US-Comic las, findet im Mystery-Thriller „Black Magick“ einen simplen, geradlinigen Einstieg: Greg Rucka ist mein Lieblings-Comicautor, Nicola Scott eine der beliebtesten Zeichnerinnen. „Black Magick“ zeigt Rowan Black, Ermittlerin in Portland, Oregon und Mitglied eines geheimen heidnischen Kults: Rowan ist eine Hexe. Sie hat okkulte Kräfte, wird in eine Geiselnahme verwickelt, muss Ritualmorde aufklären – ohne, sich vor Kollegen zu enttarnen.

Eine etwas altbackene Idee, in Band 1 noch nicht anspruchsvoller erzählt als in TV-Einerlei wie „Charmed“ oder „Constantine“. Auch Rowans Vokuhila-Frisur lässt viele Szenen gestrig wirken. Doch Rucka ist Experte für Polizeiarbeit, liebt feministische, komplexe Ensembles, und Nicola Scott hat ein Auge für Lichtstimmung und Grusel. 2016 waren beide mit einer (leider steifen) Neuauflage von „Wonder Woman“ ausgelastet. Doch 2017 geht „Black Magick“ weiter.

Bisher kein dichter, raffinierter Comic. Aber ein einladender! Wer Rucka kennt, weiß: Seine Reihen werden schnell tiefer, klüger, dunkler.

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19. Arcadia
Autor: Alex Paknadel, Zeichner: Eric Scott Pfeiffer
Boom! Studios, Mai 2015 bis Februar 2016.
8 Hefte in einem Sammelband, abgeschlossen.

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„The Matrix, but better“, lobten Kritiker dieses Polit- und Cyberpunk-Drama über eine Familie, zerrissen zwischen der Kunstwelt Arcadia und der verwüsteten Erde: Ein Virus tötete sieben Milliarden Menschen – doch das Bewusstsein von vier Milliarden davon konnte in ein Netzwerk übertragen werden. Dort lebt die Oberschicht wie in einem grenzenlos bizarren Videospiel, mit Superkräften und allen Gestaltungsmöglichkeiten. Arbeiter dagegen haben nicht einmal genügend Rechenleistung, um sich Gesichter und Haut animieren zu lassen.

Lee Pepper sah seine Familie sterben; und bewacht seitdem ein Rechenzentrum für Arcadia-Daten in Russland. Während diplomatischer Machtspiele droht die lebendige Minderheit, „The Meat“, Arcadia den Stecker zu ziehen. Das Netzwerk aber hat eigene Druckmittel – und Lee und seine digitalisierte Frau, Tochter, Sohn stehen zwischen den Fronten. Leider sind die Zeichnungen von Eric Scott Pfeiffer freudlos, karg: Grandios versponnene Ideenwelten von Autor Alex Paknadel werden sinnlos nüchtern aufgemalt. Figuren und Konzept faszinierten mich wochenlang. Doch ein Lesespaß ist dieser holprige, graustichige Comic selten.

Ich hoffe, der Autor findet bessere Zeichner. Oder aus „Arcadia“ wird eine elegante TV-Reihe: Herz, Talent, Ideen? Alles hier, im Überfluss. Jetzt fehlen noch Farbe, und liebevolle Details.

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18. The Violent
Autor: Ed Brisson, Zeichner: Adam Gorham
Image Comics, Dezember 2015 bis Juli 2016.
5 Hefte in einem Sammelband, in sich geschlossen – aber könnte fortgesetzt werden.

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Viele der besten Comics wollen beim Erzählen immer auch beweisen, was Comics leisten können – als eigene Kunstform. „The Violent“ dagegen könnte auch ein Film sein, ein düsterer TV-Mehrteiler, Theaterstück oder sozialrealistischer Roman. Mason und Becky haben eine dreijährige Tochter, leben an der Armutsgrenze und tun alles, um nicht weiter abzurutschen. Becky war drogensüchtig, Mason saß im Gefängnis. Nichts soll je wieder schief gehen. Natürlich geht alles schief, sofort.

Ed Brisson zeigt ein beklemmend banales Drama um einen Mann auf Bewährung, der alle Risiken eingeht, um seiner großen Liebe zu beweisen: Wir schaffen das. Zeichner Adam Gorham hält viele nichtssagende Straßen und Wohnungen Vancouvers sympathisch nichtssagend fest. Ein Comic, der an keiner Stelle allergrößte Kunst sein will. Doch der gerade deshalb überzeugt:

Einfach, packend, ohne künstlerische Eitelkeiten, Schrullen. Ein großer, kleiner Wurf!

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17. Monstress
Autorin: Marjorie Liu, Zeichnerin: Sana Takeda
Image Comics, seit November 2015.
8+ Hefte, bisher ein Sammelband, wird fortgesetzt.

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Eine recht konventionelle Fantasy-Saga. Mit Kostümdesign und Architektur, so kunstvoll, dass alle Stärken der Reihe daneben zu Schwächen werden: Figuren? Plot? Solide. Doch erst die vielen Details (Zeichnerin: Sana Takeda) machen „Monstress“ lesenswert. Einzelgängerin Maika trägt ein Monster in sich. Zwei reiche Hochkulturen führen Krieg. Beide halten sich für moralisch überlegen, aber sind zu jedem Tiefschlag fähig. Während Maikas Gegner für sich entscheiden: „Der Zweck heiligt die Mittel“, versucht die Außenseiterin, auch die schwächsten, taktisch unwichtigsten Leben zu schützen.

Ich brauchte gut 100 Seiten, um die Geschichte unter den barocken Steampunk- und Jugendstil-Klischees ernst zu nehmen. Zu viele Ideen hier wirken altbekannt. Der Rest zu oft verzweifelt möchtegern-originell. Tolle Kostüme und Architektur allein werden nicht entscheiden können, ob sich die Reihe lohnt: Wie klug, wie bitter werden Maikas Zwickmühlen weiter gedacht?

Politisch, psychologisch, grandios detailverliebt – oder doch nur Schauwerte, Kitsch, Effekte? Ich schwanke.

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16. Prez
Autor: Mark Russell, Zeichner: Ben Caldwell
DC Comics, Juni bis Dezember 2015.
Als zwölfteilige Heftreihe geplant, doch nach sechs Heften (in einem Sammelband) abgesetzt; sehr gute Kritiken, deshalb steht die Möglichkeit einer Fortsetzung im Raum.

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Ein Teenager als US-Präsident: 1973 zeigte ein albernes DC-Comic im „Richie Rich“-Stil fünf kurze Hefte lang, wie ein frecher Schüler das Establishment düpiert. 2015 gab es ein Remake über die junge Fast-Food-Angestellte Beth Ross, die via Twitter versehentlich zum Star wird, dann durch parteipolitische Intrigen Präsidentin. Trotz bester Kritiken las ich die Reihe erst im November, nach Trumps Wahlsieg – und war bestürzt, begeistert, fassungslos: der Comic der Stunde, schon wieder abgesetzt, wegen schlechter Verkaufszahlen.

„Prez“ nutzt Klischees über die Generation Y, setzt raffinierte Spitzen gegen die Macht von Konzernen, US-Außenpolitik, Erregungs- und Populismus-Dynamiken im Netz – fast alles klüger, bissiger, subversiver als die besten taz-Artikel. Doch besonders Menschen über 40 fühlen sich wohl: So frisch und jugendlich die Reihe wirkt, ihr Blick erinnert an Satiriker der Generation X, Douglas Coupland, „Die Simpsons“. Auch charmant – doch etwas harmloser: Autor Mark Russels kapitalismuskritische „Familie Feuerstein“-Neuauflage von 2016.

Abgründig, schmerzhaft, unvergesslich: Ich kenne kaum dichtere, smartere Satire.

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15. Action Comics
Autor: Dan Jurgens; wechselnde Zeichner, v.a. Patrick Zircher und Tyler Kirkham
DC Comics, erscheint seit Juni 2016 zweimal im Monat; Heft 1 heißt „Action Comics 957“.
14+ Hefte in 3+ Sammelbänden, wird fortgesetzt. Parallel lesen: die Reihen „Superman“, „Trinity“ und „Superwoman“.

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Immer wieder landen langjährige Heldencomics in erzählerischen Sackgassen – und räumen auf, indem ein komplizierter Zwischenfall (Zeitschleifen, Dimensionslöcher, parallele Welten) neue, simplere Zustände schaffen soll. 2011 hieß das: Superman und seine große Liebe Lois Lane werden ersetzt, durch jüngere Versionen, in einer neuen Welt. Jene Doppelgänger waren nie verheiratet, sind schroffer und pragmatischer; ein neuer Lex Luthor ist eher Antiheld als Schurke. 2015 strandete der ursprünglichere Superman in dieser neuen Gegenwart – in Dan Jurgens Reihe „Lois & Clark“: Er hat jetzt einen Sohn im Grundschulalter und lebt mit seiner Lois heimlich auf einer Farm.

2016, im nicht lesenswerten „The Final Days of Superman“ starb der jüngere Superman. Seitdem übernimmt die ältere Version die Hauptrolle. In vier verknüpften, oft exzellenten Heftreihen – „Action Comics“, „Superman“, „Superwoman“ und „Trinity“ – wird dieses Durcheinander durchdacht, von allen Seiten. Es gibt zwei Lois Lanes. Kann man Lex Luthor trauen? Ein Fremder ohne Kräfte behauptet, Clark Kent zu sein. Supermans Sohn will selbst Held werden. Zu viele ermüdende Kämpfe, mittelmäßige Zeichnungen. Doch tolle Figurenarbeit, Rätsel, Ensembles und Intrigen.

Wirres Chaos? Nein: Ein Helden-Mosaik, so stimmig, herzlich, menschlich wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

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14. Harrow County
Autor: Cullen Bunn, Zeichner: meist Tyler Crook
Dark Horse Comics, seit Mai 2015.
18+ Hefte in 4+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Provinz und Außenseitertum, Pubertät und das Erwachen von Zauberkräften, Feminismus und Hexerei – all das passt zeitlos gut zusammen, und wird aktuell z.B. im feministischen Hexen-Comic „Sabrina“ souverän erzählt. „Harrow County“ dagegen ist eine Klasse für sich: Statt ältere Comic-Käufer anzusprechen, können Ton, Blick, Zeichnungen hier auch Zwölf- bis Achtzehnjährige erreichen. Toll kindlich-zeitloses Design, toll jugendliche Ängste, toll erwachsene Psychologie.

In Band 1 wird Emmy klar, dass sie die Wiedergeburt einer Hexe ist – und am 18. Geburtstag geopfert werden soll. Band 2 bis 4 werden, trotz schlimmer Ausgangslage, immer warmherziger, differenzierter, heimeliger: Wie findet man seine Rolle – am Ort, an dem man leben muss oder will? Was kann man der Gemeinschaft geben – doch was dürfen Familie und Nachbarn auf keinen Fall verlangen? Ein Grusel- und Coming-of-Age-Märchen über Heimat, Armut, Rassismus, weibliche Selbstverwirklichung während der Weltwirtschaftskrise.

Schaurige Nostalgie, meisterhaft schlicht gezeichnet und koloriert. Einfach – aber niemals kindisch!

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13. Detective Comics
Autor: James Tynion IV, Zeichner: meist Eddie Barrows oder Alvaro Martinez
DC Comics, seit Juni 2016 zweimal im Monat; Heft 1 heißt „Detective Comics 934“.
13+ Hefte in 2+ Sammelbänden (und einem Crossover-Band namens „Night of the Monster Men“, der übersprungen werden kann), wird fortgesetzt.

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Kate Kane ist Batwoman. Tim Drake war Robin. Cassandra Cain und Stephanie Brown kämpften als Batgirl. Wer nur die Batman-Filme kennt, ist überrascht, wie viele Unterstützer*innen Bruce Wayne im Comic um sich schart – eigensinnige Stimmen in Gotham City, mit interessanten Konflikten, Weltanschauungen, Dynamik. Weil Batman selbst meist wortkarg, kalt, paranoid bleibt, leuchten solche Konstrastfiguren. Doch in den großen monatlichen Heftreihen, „Batman“ und „Detective Comics“, werden sie meist ignoriert, und ihre eigenen Serien (Ausnahme: „Batwoman“ und Stephanie Browns „Batgirl“) bleiben zu oft zweitklassig, nebensächlich.

Autor James Tynion liebt die „Bat-Family“, gab vielen Figuren schon in „Batman Eternal“ eine bessere Bühne. Sein Neustart bei „Detective Comics“ ist ein Fest, ein Schachspiel, ein Charakter-Drama, in dem nicht nur Bruce glänzen darf, sondern endlich auch die vielen heimlichen oder unbekannteren Helden.

Große Auftritte – und ein Miteinander, das ich mir als Fan seit fast zehn Jahren wünsche!

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12. The Fix
Autor: Nick Spencer, Zeichner: Steve Lieber
Image Comics, seit April 2016.
6+ Hefte in mindestens 2 Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Bitter wie „Fight Club“, und zynischer, unverschämter als jede Hochstapler- oder Buddy-Cop-Komödie, die ich kenne: Roy und Mac sind die lustlosesten, nachlässigsten Polizisten der Welt. Nebenher schmuggeln sie Drogen, überfallen Rentner. Doch auch das bemerkenswert schlampig, lapidar. Immer wieder sterben Menschen. Besonders tragisch, dringlich, spannend wird das nie. Fressen oder gefressen werden? Leben und leben lassen? Egal: Wozu groß reflektieren?

„The Fix“ warf mich um. Weil Krimis die Ermittler oft als Idealisten zeigen, die Gauner als virtuose, ehrenvolle Künstler. Roy und Mac sind Stümper, die einfach keinen Bock haben, sich Mühe zu machen mit anderen Menschen – doch die dafür von Autor Nick Spencer nie besonders in die Ecke gedrängt oder bestraft werden: „The Fix“ fragt nicht nach Moral, Verpflichtung. Sondern zeigt, wie man arbeitet – sobald man jeden Ehrgeiz verloren hat.

Krimi? Nein. Ein aggressiv lässiges Portrait zweier Nihilisten, denen ganz Los Angeles am Arsch vorbei geht.

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11. Nailbiter
Autor: Joshua Williamson, Zeichner: Mike Henderson
Image Comics, seit Mai 2014.
27+ Hefte in 5+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Geniale Autorinnen und Autoren? Unbezahlbar! Doch was ist mit den nüchtern kompetenten Genre-Handwerkern, Story-Ingenieuren, Fließband-Erzählern, Routiniers? Seit 25 Heften liebe ich die simple, packende Erzählweise von Joshua Williamson – an dessen Arbeit nichts besonders tief, markant, klug, ambitioniert wirkt. Doch bei dem alles wunderbar spannend, kompetent vor sich hin schnurrt: knallige Cliffhanger, schnippische Dialoge, klare Figuren.

Es geht um Buckaroo, einen kleinen Ort im regnerischen Oregon, aus dessen Bevölkerung aus unerklärten Gründen immer neue Serienmörder hervortreten. Ein FBI-Ermittler, ein weiblicher Sheriff und ihr Ex-Freund, der als Killer „Nailbiter“ überführt wurde, stolpern durch immer blutigeren, absurderen, surrealen Irrsinn. „Akte X“, mit schnelleren Antworten. „Twin Peaks“, doch ohne jeden Anspruch, Kunst zu sein. Ein glatte, souveräne Reihe – ohne „Das Schweigen der Lämmer“-Ambitionen.

Viele Psycho-Thriller scheitern, weil sie schwülstige Thesen zur Natur des Menschen suchen. „Nailbiter“ hält den Ball viel flacher. Doch trifft dabei fast jedes Mal!

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10. Gute Nacht, Punpun
Autor und Zeichner: Inio Asano.
Shogagukan, 2007 bis 2013.
147 monatliche Kapitel, gesammelt in 13 Sammelbänden, abgeschlossen (2016 auf Deutsch).

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Wir kennen die Klischees: junge Männer, die sich über Monate ins Zimmer sperren. Schülerinnen in Uniform – fetischisiert, aber angefeindet. Japans Jugend, zerfleischt oder deformiert durch Prüderie, Erfolgsdruck, „toxic masculinity“.

Inio Asano zeichnet toll fotorealistische Hintergründe – doch tragisch hässliche, rotznasige Kinder. Deshalb wirkt „Punpun“ die ersten drei, vier Bände lang wie eine patzig parodistische Mischung aus Rotz und Zuckerwatte: die Grundschulzeit eines Außenseiters, seine Tagträume, eine große Liebe. Die mittleren Bände zeigen Einsamkeit auf Mittel- und Oberschule, und sind betörend klug, hart, melancholisch. Im letzten Drittel sind Verlierer Punpun und seine Flamme Aiko am Ende – ruiniert von schlimmen Eltern, Pädagogen, dem System. Asanos Comic ist ein dunkler, epischer Bildungs- und Fehlbildungs-Roman, an vielen Stellen grell oder sentimental. Aber auf jeder Seite: dringlich, packend, wahr.

Ach so – und während hier fast jeder sonst konventionelle Manga-Körper hat, sieht sich Punpun selbst als läppisches Cartoon-Vögelchen.

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9. Wonder Woman: The True Amazon
Autorin und Zeichnerin: Jill Thompson
DC Comics, September 2016
als Buch erschienene Graphic Novel, 128 Seiten; hat ein recht offenes Ende: Fortsetzung sehr wahrscheinlich.

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2002 bis 2006 schrieb Greg Rucka moderne, sehr politische „Wonder Woman“-Comics. 2011 bis 2014 schuf Brian Azzarello ein blutiges, aber originelles Fantasy-Epos über Wonder Womans Krisen mit Zeus und Hera. Wer klagt, es gäbe kaum gute Geschichten über die Amazonen-Prinzessin, irrt. Was bisher aber schmerzlich fehlte: Bücher für Kinder im Grundschulalter.

Jill Thompson zeigt in fast naiven Aquarellen, wie Diana als verwöhnte, hochmütige junge Thronerbin um die Bewunderung der Amazonen aus dem Hofstaat ihrer Mutter kämpft – doch an Stallmeisterin Alethea scheitert. 120 Seiten lang glauben wir, zu lesen, wie aus Diana eine Heldin, Diplomatin und „True Amazon“ wird. Tatsächlich aber nimmt die Geschichte, wie in einem archaischen Märchen, eine existenzielle, überraschend kraftvolle Wendung. Als Kind hätte mich das Buch über Jahre begeistert und schockiert. Noch heute, mit 33, kann ich die Fortsetzung nicht erwarten.

Harmlose Bilder. Doch die allergrößten Fragen, Themen, Konflikte.

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8. The Vision
Autor: Tom King, Zeichner: Gabriel Hernandez Walta
Marvel Comics, November 2015 bis November 2016.
12 Hefte in zwei Sammelbänden, abgeschlossen.

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Viele Marvel-Helden haben seit den 40er, 50er, 60er Jahren monatliche Auftritte in einer oder mehreren Heftreihen – und deshalb heute absurd barocke Vorgeschichten. Die Kunst der zwölfteiligen, abgeschlossenen Reihe „The Vision“? Für Band 1 (Heft 1 bis 6) spielt das Vorleben der Figur keine Rolle. Und in Band 2 (Heft 7 bis 12), sobald wir den melancholischen Roboter, sein Umfeld, alle akuten Konflikte verstehen, spannt Autor Tom King dann doch plötzlich große Bögen durch Jahrzehnte Marvel- und „Avengers“-Historie.

The Vision ist ein Kunstmensch, der sich spontan eine eigene Familie konstruiert, in die Vorstadt zieht, Alltag im „Mad Men“- oder Norman-Rockwell-Stil durchleben will. Sein herbstliches Idyll zerbricht – und was mit alten, simplen Roboter-Fragen wie „Haben Androiden-Kinder echte Liebe, Androiden-Nachbarn echten Respekt verdient?“ beginnt, wird in Band 2 zu einem überraschend reifen Liebes-Drama (und: Superhelden-Duell).

Autor Tom King tut gern besonders tiefgründig, avantgardistisch. Oft gaukelt er Komplexität eher vor – durch Zeitsprünge, Montagen. Hier aber wirklich: Treffer!

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7. Billy Bat
Autor und Zeichner: Naoki Urazawa
Kodansha, Oktober 2008 bis August 2016.
165 monatliche Kapitel, gesammelt in 20 Sammelbänden, abgeschlossen (auch auf Deutsch fast vollständig).

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Rätsel-Serien wie „Lost“ beantworten eine Frage, doch werfen dabei zwei neue auf – und lange vor dem Finale haben viele Fans alle Geduld verloren. Der Historien-Thriller „Billy Bat“ zeigt eine geheimnisvolle Fledermaus, die über Jahrhunderte immer neuen Menschen immer Neues bedeutet – als Totem und Symbol, als Comic-Held und Maskottchen. Und als verborgene Stimme im Kopf, die u.a. das Attentat auf John F. Kennedy vorherzusagen scheint. Naoki Urazawa erzählt eine Kulturgeschichte von Zeichenkunst und Comic, von Groschenheften, Vergnügungsparks, Perfektionisten wie Walt Disney. „Billy Bat“ fragt, was eine Figur bedeuten kann, über Generationen und Grenzen hinweg. Und, wo sich Comic-Kultur und Kulturimperialismus überschneiden – besonders zwischen Japan und den USA.

Ein warmherziges, überraschendes Geflecht aus liebevollen, meist klugen japanischen und amerikanischen Leben: Künstler und Strategen, Zyniker und Fans, Kapitalisten, Idealisten, Kinder, Kindsköpfe… und viele ältere Männer, die zurück schauen auf die großen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts.

Schwer und verkopft? Nein: „Billy Bat“ erzählt ein Riesen-Epos – in überraschenden, optimistischen Häppchen. (Nur bitte nächstes Mal: mehr Frauen!)

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6. Injection
Autor: Warren Ellis, Zeichner: Declan Shalvey
Image Comics, seit Mai 2015, nach jeweils 5 Heften längere Pause.
10+ Hefte in 2+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Oft schreiben Comics schon schwarze Zahlen, sobald 5.000 Menschen ein Heft kauften. Deshalb können sie kantiger, seltsamer erzählen als Filme. Leider stammt Warren Ellis‘ Verständnis von „kantig und seltsam“ aus den 80er oder 90er Jahren: Paganismus, Cyberpunk, Hexerei, Verschwörungen, experimentelle Drogen… kein Ellis-Thema ist so crazy, mutig, originell, wie Ellis selbst zu glauben scheint – und darum war Band 1 von „Injection“ ein zwar kluger, sympathischer globaler Ensemble-Fantasy-Techno-Thriller… aber eben: kein restlos origineller, gewitzter.

Die Reihe zeigt fünf brilliante (und großteils queere, bisexuelle) Forscher und Kollegen, die eine Erfindung – die Injection – in die Welt entließen, doch heute mit zunehmend monströsen Folgen ringen. Band 2 stellt Vivek in den Mittelpunkt, Millionär, Snob, Detektiv oder Exorzist (?) in Manhattan. Eine hochbegabte Sherlock-Holmes-Figur, bei der ich zum ersten Mal seit Jahren dachte: „Ja! Hier zeigt ein mindestens kongenialer Autor Methoden und Einfallsreichtum eines echten Genies.“

Ellis‘ Versatzstücke, Puzzleteile sind oft nah am Klischee. Doch Ellis‘ Gesamtbild und die Erzählweisen hier? Einzigartig. Unerhört originell!

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5. Die Stadt, in der es mich nicht gibt
Text und Zeichnungen: Kei Sanbe
Kadokawa, Juni 2012 bis März 2016.
44 monatliche Kapitel, gesammelt in 8 Sammelbänden, abgeschlossen (auch bald auf Deutsch). Fünfteiliger Epilog im Dezember 2016 abgeschlossen.

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„Vertraute Fremde“, ein Mainstream-Bestseller von Jiro Taniguchi, folgte einem Mann über 50, plötzlich zurück im Körper seines 14jährigen Ich. Kei Sanbe zeigt ein ähnlich melancholisches Zeitreise- und Kindheits-Drama – aber als Krimi: Pizzabote Satoru, Ende 20, wird in der Zeit zurück geworfen, oft nach kleineren Unfällen oder Verletzungen, und hat meist wenige Minuten Zeit, sie zu verhindern. Als seine Mutter ermordet wird, erlebt er einen drastischeren Zeitsprung: Er ist zurück im kalten Hokkaido, im Winter seines zehnten Lebensjahrs, über Monate gestrandet. Eine Mitschülerin wurde damals ermordet; der Täter wurde nie gefasst.

Lange wirken die Zeichnungen zu schlicht, naiv. Band 1 dreht sich banal im Kreis. Erst spät wird klar: Hier wird eine Mutter-Sohn-Geschichte über Courage, Vertrauen, soziales Engagement gezeigt, mit vielen starken, komplexen Frauen, Wärme, Lebensweisheit und einem raffinierten Katz-und-Maus-Spiel durch mehrere Zeitschleifen und -stränge. Ich hoffe, Autor (oder Autorin?) Kei Sanbe wird noch weiter über die verzweigenden Lebensläufe und schweren Entscheidungen der Figuren erzählen.

Simple Grundidee – doch endlos interessante Abzweigungen, Chancen, Varianten. Ab Band 2 wird das zum kleinen Wohlfühl-Meisterwerk.

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4. Darth Vader
Autor: Kieron Gillen, Zeichner: Salvador Larroca
Marvel Comics, Februar 2014 bis Oktober 2016.
26 Hefte (und das gelungene Crossover „Vader Down“), gesammelt in 4 (+1) Sammelbänden, wird mit der Spin-Off-Reihe „Doctor Aphra“ fortgesetzt.

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Seit 2014 erzählen „Star Wars“-Romane und -Comics neue, offizielle Geschichten mit den alten Figuren. Jason Aarons Heftreihe „Star Wars“ blieb hölzern. Doch Kieron Gillens „Darth Vader“ wurde zum unerwarteten Highlight (…auch einen Blick wert: die Reihen „Han Solo“ und „Poe Dameron“). Zeichner Salvador Larroca liebt Blaupausen, filigrane Technik; Autor Gillen herben Sarkasmus, dramatische Ironie, Realpolitik.

Dr. Aphra, eine gerissene Archäologin, kam so gut an, dass sie Ende 2016 ihre eigene Reihe erhielt. Auch die blutrünstigen Droiden BT-1 und 0-0-0 fanden Fans. Doch trotz zahlloser Szenen, die nur die Niedertracht, Kaltschnäuzigkeit aller Figuren ausstellen, bleibt schwarzer Humor kein Selbstzweck: Wie lebt, laviert, paktiert man als wichtiges, aber unbeliebtes Zahnrad in einem totalitären System?

Statt Vader zu vermenschlichen oder zu feiern, zeigen fünf kluge, knallige Bände, wie autoritäre Despoten allen schaden – den Machtlosen, der Welt, sich selbst.

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3. The Fade Out
Autor: Ed Brubaker, Zeichner: Sean Phillips
Image Comics, August 2014 bis Januar 2016.
12 Hefte, gesammelt in 3 Sammelbänden, abgeschlossen.

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Ed Brubaker ist großer Krimi-Liebhaber und -Experte, und will in seinen Comics oft Stimmungen und Ton einer vergessenen Ära oder Vorlage treffen. Zwei Bände lang wirkt „The Fade Out“ wie eine solche Hommage – auf den Film Noir der späten 40er Jahre, „Sunset Boulevard“ und Raymond Chandler, auf bittere Verlierer im Sündenbabel Hollywood, die spät begreifen, dass sie für immer Spielfiguren bleiben zwischen Studiobossen, Mafiosi, Femmes fatales.

Dass Brubaker hier nicht nur aufwärmt, spielt, wird im finalen Band 3 beglückend offensichtlich: Was als guter Comic für Nostalgiker begann, wächst zu einem Stück Kunst, das wirklich jeder mit Gewinn lesen kann. Denn statt Figuren nur als Kanonenfutter hin und her zu schieben, zeigt Brubaker die großen Archetypen der McCarthy-Ära in einer Tiefe, Wärme, Farbigkeit, auf die ich nicht vorbereitet war. Ein Denkmal an mutige, gebrochene Menschen im LA der Studio-Ära.

Gewann den Eisner Award 2016. Freut jeden, der alte Krimis mag. Und verführt jeden, der Krimis nie sehr mochte!

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2. Invisible Republic
Text: Corinna Bechko und Gabriel Hardman, Zeichnungen: Gabriel Hardman
Image Comics, seit März 2015.
13+ monatliche Hefte in 2+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Verwaschene Farben. Ein passiver, hasenfüßiger Reporter ohne Esprit, Geist, Witz. Die arg pompöse Grundidee: Revolution auf einer fernen Kolonie der Erde, und eine Gegenrevolution, 40 Jahre später. Straßenschluchten, Nieselregen, brutalistische Betonbauten – als hätte man „Blade Runner“ ohne großes Budget in einer Hertie-Filiale in Stuttgart gefilmt, im November 1980. „Invisible Republic“ startet freudlos. Nie wirkte epische Science-Fiction prosaischer.

Doch meine Gewissheit, hier etwas ganz Besonderes, Einmaliges zu lesen, wächst: In jeder Geschichte, die auf historisch realen Freiheits- oder Klassenkämpfen fußt, schwingt Pathos oder linke Heldenverehrung, Parteilichkeit, Patriotismus. „Invisible Republic“ kann das umschiffen – durch das besondere Setting: Wären all diese Partisanen und Agitatoren, Rebellen, Linksterroristen und Whistleblower in Prag, auf Kuba oder in Ost-Berlin, zu viele Menschen würden beim Lesen säuseln: „Prag! Kuba! Ost-Berlin! Schon auch eine schöne, hoffnungsvolle Zeit!“

Der blutige Freiheitskampf einer Kolonie. Und 40 Jahre später: das Ende einer Diktatur. So analytisch, pathosfrei, reflektiert erzählt, wie bei einer Erden-Nation niemals möglich.

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1. Panter
Autor und Zeichner: Brecht Evens.
Deutsch bei Reprodukt.
120 Seiten, abgeschlossen.

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Sollen wir das putzig finden? Christine ist traurig, weil ihre Katze starb – und entdeckt plötzlich einen neuen besten Freund: ein wilder, farbenfroher, charismatischer Panther springt aus ihrer Kinderzimmmer-Kommode und überredet sie, zu albern, zu kuscheln und zu flirten. Tier und Mensch, Alt und Jung, Groß und Klein – so innig wie Otto und Benjamin Blümchen, Calvin und Hobbes, Pete und das Schmunzelmonster.

Was aber wollen diese aggressiv drolligen Gestalten eigentlich von Kindern? Welche Balus wünschen sich einen Mogli – und wozu? „Panter“ ist eine viel zu bunte, kuschelige, munter-bezaubernd-manipulative Graphic Novel über ein Kind, das umworben wird – von einem kunter-tupfig-lustig-bunten, allerliebsten… Raubtier.

Freundschaft? Nein. Der Belgier Brecht Evens zeigt die Dynamiken von Grooming, Missbrauch, sexueller Gewalt.

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und:

Gefeierte US-Reihen wie „Saga“, „Lazarus“, „Ms. Marvel“ und „Southern Bastards“ veröffentlichten auch 2016 neue Hefte und Sammelbände, auf gewohnt hohem Niveau. Auch der Manga „I am Hero“ überzeugt seit Jahren.

Schwule und lesbische Superhelden: Graphic Novels zur Comic-Ausstellung „SuperQueeroes“ (Schwules Museum, Berlin)

Bara-Manga von Gengoroh Tagame, ausgestellt im Schwulen Museum

„My brother’s Husband“, Manga von Gengoroh Tagame, ausgestellt im Schwulen Museum

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Seit 2008 lese ich Graphic Novels und Superhelden-Sammelbände; gelegentlich auch Manga. Ich gebe aktuelle Empfehlungen, schreibe fürs Comic-Ressort des Berliner Tagesspiegel und spreche bei Deutschlandradio Kultur. Mich freut, dass ich 2008 nur zum Vergnügen, vor allem beim Bahnfahren, „Superman“-Comics las – doch heute die Feuilletons und Redaktionen, für die ich arbeite, immer wieder sagen: „Spannendes Thema! Mehr davon.“

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Wordpress Kate Kane Renee Montoya Greg Rucka The Question Batwoman

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vom 22. Januar bis zum 26. Juni 2016, im Schwulen Museum Berlin (Lützowstraße 73):

SuperQueeroes – Unsere LGBTI*-Comic-Held_innen

„Zum ersten Mal widmet sich in Deutschland ein Museum dem vergleichsweise neuen Thema „queere“ Comics: also Comics mit LGBTI*-Charakteren. Der Fokus liegt dabei auf „Superheld_innen“, womit nicht nur die gängigen Supermänner und -frauen gemeint sind, die im US-amerikanischen Mainstream-Comic in den letzten Jahren Coming-out-Geschichten erlebt haben. Vielmehr geht es auch darum zu zeigen, wie heroisch Alltags-Storys von LGBTI*-Menschen sein können, die sich in einer heteronormativen Welt – auch einer von Zensur und Codes dominierten Comic-Welt – durchsetzen mussten bzw. immer noch müssen.

[…die Ausstellung zeigt] sowohl in Europa bekannte Künstler_innen wie Tom of Finland, Alison Bechdel, Ralf König, Wolfgang Müller, Gengoroh Tagame, Nazario oder Howard Cruse, als auch Künstler_innen wie Megan Rose Gedris, Erika Moen und Kylie Summer Wu.

Kurator_innenteam: Michael Bregel, Kevin Clarke, Natasha Gross, Hannes Hacke, Justin Hall, Markus Pfalzgraf, Mario Russo.  Ausstellungsdesign: Matthias Panitz“

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Schwules Museum Berlin, lgbt comics

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Am Montag stellte Kurator und Politikjournalist Markus Pfalzgraf in einem knapp einstündigen Vortrag große Pioniere, persönlichere Fundstücke und internationale aktuellere Cartoons, Projekte und Reihen vor:

Pfalzgraf ist Autor von „Stripped: The Story of Gay Comics“ (Bruno Gmünder, 2012)

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Ein sympathischer, ausgewogener, gut präsentierter Querschnitt. Pfalzgraf sprach recht nüchtern-kuratorisch – als Literaturkritiker dachte ich an vielen Stellen: „Sag nochmal laut, wie toll, komplex oder blöd-sexistisch viele dieser Titel sind. Mehr Leidenschaft, mehr Wertung, mehr Kritik!“ Wir haben unterschiedliche… Betriebstemperaturen.

Ich bin gewohnt, dass immer wieder „Wer will das lesen?“-Debatten ausbrechen um queere Figuren, Minderheiten, Repräsentation, Sichtbarkeit im Mainstream: Jede Woche lese ich neue Essays und Artikel über… einen schwarzen Spider-Man, eine muslimische Ms. Marvel, Frauen in Videospielen und „Star Wars“, transsexuelle Figuren in US-Serien, schwarze Preisträger*innen bei den Oscars. Immer wieder fragen Laien, Freunde, konservative Kritiker*innen: Was ändert das? Wem hilft das? Warum ist das wichtig?

Ich bin gewohnt, dass jede nicht-weiße, nicht-heterosexuelle Figur eine solche Grundsatzdebatte eröffnet – und war überrascht, dass Vortrag und Ausstellung im Schwulen Museum stattdessen recht nüchtern zeigen: Früher gab es kaum queere Figuren. Heute langsam immer mehr.

Die Hintergründe, Debatten, Marktmechanismen, Widerstände, die großen Sinnfragen – „Was ‚bringt‘ eine lesbische Batwoman?“, „Warum wandten sich Superhelden-Comics lange Zeit vor allem an weiße, junge, heterosexuelle Männer?“ etc. – sind für mich täglich so präsent… ich wünschte, die Ausstellung würde mehr über Protest und (Selbst-)Zensur, Angst und Widerstand, Verlage und Zielgruppen erzählen.

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Vielleicht passiert das während Führungen. Die nächsten Termine:

  • Samstag, 13. Februar um 16 Uhr Führung zu „Superqueeroes“
  • Donnerstag, 18. Februar um 18 Uhr
  • Samstag, 27. Februar um 16 Uhr Führung zu „Superqueeroes“

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schwules museum berlin, markus pfalzgraf

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Ich kenne das Schwule Museum seit letztem Sommer und einer Lesung von Freund, Autor, Disability-Experte Kenny Fries. Helle Räume, engagierte Mitarbeiter. Das „SuperQueeroes“-Veranstaltungsplakat stieß mich ab: amateurhafte Figuren, 90er-Jahre-Copy-Shop-Ästhetik. Doch die Ausstellung selbst ist einladend, professionell.

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Spielfiguren des Marvel-Superhelden-Teams "Alpha Flight"

Spielfiguren des Marvel-Superhelden-Teams „Alpha Flight“

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europäische LGBT-Graphic-Novels

europäische LGBT-Graphic-Novels

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Superheld*innen-Aufsteller von Imke Schmidt und Ka Schmitz

Superheld*innen-Aufsteller von Imke Schmidt und Ka Schmitz

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Text zum Mainstream-Superhelden-Bereich der Ausstellung

kuratorischer Text zum Mainstream-Superhelden-Bereich der Ausstellung […alle Schilder und Beschriftungen sind zweisprachig.]

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nur kurz, als Liste:

LGBT-Graphic-Novels, die ich empfehlen kann:

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ALISON BECHDEL: „Fun Home“ (autobiografische Graphic Novel, 2006)

HOWARD CRUSE: „Stuck Rubber Baby“ (autobiografische Graphic Novel, 1996)

JUDD WINNICK: „Pedro and Me“ (autobiografische Graphic Novel, 2000)

SARAH LEAVITT: „Tangles: A Story about Alzheimer’s, my Mother, and me“ (autobiografische Graphic Novel, 2010. Deutscher Titel „Das große Durcheinander“)

DAVID SMALL: „Stitches“ (autobiografische Graphic Novel, 2009)

Fun Home. A Family Tragicomic: Eine Familie von Gezeichneten  Stuck Rubber Baby  Pedro and Me: Friendship, Loss, and What I Learned  Tangles: A Story About Alzheimer's, My Mother, and Me  Stitches: A Memoir

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GREG RUCKA: „Gotham Central: Half a Life“ (Batman-Comic mit lesbischer Polizistin)

…und die „Batwoman“-Reihe: Band 1 bis 4 sind besonders gelungen. Band 0 war etwas hakelig/mühsam.

Gotham Central, Vol. 2: Half a Life  Batwoman, Vol. 1: Hydrology  Batwoman, Vol. 2: To Drown the World  Batwoman, Vol. 3: World's Finest  Batwoman, Vol. 4: This Blood Is Thick

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solide, aber mit deutlichen Schwächen:

NICOLE J. GEORGES: „Calling Dr. Laura“ (autobiografische Graphic Novel, 2013)

ELLEN FORNEY: „Marbles: Mania, Depression, Michelangelo and me“ (autobiografische Graphic Novel, 2012)

Calling Dr. Laura: A Graphic Memoir  Marbles: Mania, Depression, Michelangelo, and Me

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überbewertet, keine Empfehlung:

TERRY MOORE: „Strangers in Paradise“ (halb Thriller, halb Seifenoper, viel Comedy: zwei ungleiche Freundinnen und ihre ständig wechselnden Gefühle füreinander)

MATT FRACTION: „Sex Criminals“ (heterosexuelles Paar merkt, dass sie beim Sex die Zeit anhalten können: sympathischer Comedy-Thriller – doch nicht halb so alternativ, originell oder tiefgreifend, wie sich Autor Matt Fraction das wohl wünscht/vorstellt.)

JULIE MAROH: „Blue is the warmes Colour“ (platte Figuren, einfallslose Konflikte: wirkt wie aus den 80ern.)

NOELLE STEVENSON: „Lumberjanes“ (Kinder-Comic über junge, teils queere Pfadfinderinnen und allerlei Geheimnisse. Viele Fans, aber einfallsloser und oft sehr kitschiger magischer Realismus, viel seichtes „Girl Power“-Gerede)

Strangers in Paradise, Pocket Book 1  Sex Criminals, Vol. 1: One Weird Trick  Le bleu est une couleur chaude  Lumberjanes, Vol. 1: Beware the Kitten Holy

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heterosexuelle Figuren – aber ein recht queerer, alternativer Blick auf die Welt:

YUKI KODAMA: „Sakamichi no Apollon“ (Manga-Reihe, 10 Bände, 2008 bis 2012, längere Empfehlung hier)

DANIEL CLOWES: „Ghost World“ (Graphic Novel, 1998)

Sakamichi No Apollon: 1  Ghost World

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Snapshots der anderen aktuellen Ausstellungen im Schwulen Museum:

schwules Museum Berlin

Ass, Tits, „Civil War“: The Women of Marvel Comics, 2006 vs. 2016

marvel civil war

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I’m an expert on DC Comics: Superman, Wonder Woman, Batman, Green Lantern.

I know that Marvel Comics – Spider-Man, X-Men, The Avengers, Fantastic Four – usually uses MUCH better artists. Most of the time, Marvel books are sleeker, more stylish and attractive.

For a long time, though, I did not enjoy the Marvel tone: too much self-hate and bickering among the heroes, too many rather desperate pop culture and TV references that made the comics seem very dated too fast, not a lot of grown-up characters/relationships/conflicts.

Since 2012, I have read about 40 Marvel Comics collections, and I’m happy with many, many of their female-driven and/or quirky younger titles: „Ms. Marvel“, „Silk“, „She-Hulk“, „Hawkeye“. Other titles like „FF“, „Storm“, „Young Avengers“ and „Squirrel Girl“ have some (writing) problems – but I enjoyed them nonetheless.

In 2013, I translated Alan Cowsill’s „The Avengers: The Ultimate Character Guide“ into German, for DK Publishing:

Here’s the first German edition, 2014 – a collaboration with translator and friend Lino Wirag:

And here’s the updated edition, from 2015:

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I spent more than 3 months researching all these characters – but I still have not read that many actual „Avengers“ books: I dislike big, blockbuster-like team books because they tend to be less character-focused. Also, there are lots of Marvel movies that I haven’t seen yet – but since I enjoy the writing of Mark Millar (I liked „Jupiter’s Legacy“, „Superman: Red Son“ and „Starlight“), I thought it was time to read his 2006 Marvel Comics „The Avengers“ crossover blockbuster „Civil War“.

There’ll be a movie version (May 5th, 2016): „Captain America: Civil War“.

The seven-part „Civil War“ comic books (2006) had a LOT of problems – most of them outlined here (Link: TV Tropes), and all in all, it seemed like a less cerebral and complex version of DC’s solid 2012 Batman-vs.-Superman dystopia „Injustice: Gods among us“ (recommended!).

Writing and characterization of „Civil War“ were hit-and-miss.

And some of the female characters threw me off: I know She-Hulk, Ms. Marvel, Spider-Woman etc. from their 2013, 2014, 2015 comic books. Lots of these books have GREAT, quriky art. Here’s Charles Soule’s and Javier Pulido’s „She-Hulk“, for example:

She-Hulk (USA)

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Ten years ago, in 2006, mainstream comics often focused on „Tits & Ass“-style cheesecake. It’s not a Marvel problem: Many DC books were just as oversexed and cheesy. Ed Benes might be best-known worst offender at DC (Link, 2005).

All in all, I really can’t recommend „Civil War“. Inconsistent writing, inconsistent characters, a conflict that often borders on nonsensical. I don’t think the art style is the problem of this series, and I don’t think „Civil War“ is a particularly bad or sexist super-hero comic: „Civil War“ artist Steve McNiven is quite skilled – and likes detailed, often well-framed, atmospheric tableaus of super-heroes in dramatic poses. I also like the way he designs rooms, government facilities etc.

Still: It’s encouraging to see how far we’ve come.

In 2015, there are MUCH more appealing, often female-driven Marvel comic books.

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If I think of characters like She-Hulk, Ms. Marvel or Maria Hill, I’m glad that THESE cheesy, stripperific poses are not the first or only thing that come to mind, anymore:

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

Sue Storm in „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

Sue Storm in „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

She-Hulk and Carol Danvers, Ms. Marvel, in „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

Maria Hill in „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

Maria Hill in „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

Maria Hill in „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

Maria Hill in „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

Dagger in „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

Ms. Mavel vs. Spider-Woman in „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

Captain America, She-Hulk, Ms. Marvel and Spider-Woman in „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

She-Hulk in „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

She-Hulk in „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

She-Hulk in „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

Sue Storm in „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

Sue Storm and Namor in „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

 

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

Sue Storm in „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

Tigra in „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

Namorita in „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

Emma Frost in „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

Ms. Marvel in „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

Maria Hill and She-Hulk in „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

Tigra, ???, She-Hulk in „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

She-Hulk in „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

??? (Sersi?) „Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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a human bystander/clubgoer:

a human bystander/clubgoer in "Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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Spider-Man (Peter Parker, in a short-lived alternative costume):

"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

„Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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and She-Hulk, defeated and maybe unconscious, on a battlefield:

"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

„Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

 

"Civil War", Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

„Civil War“, Marvel Comics 2006. Art by Steve McNiven.

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Here’s me at the 2015 Leipzig Book Fair with a She-Hulk cosplayer:

She-Hulk, Stefan Mesch