Marlon Bundo

Marlon Bundo, John Oliver, Mike Pence und… schwule und „ideologisierte“ Kinderbücher

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morgen – Mittwoch, 21. März, gegen 14 Uhr im Kulturmagazin „Kompressor“ – spreche ich auf Deutschlandfunk Kultur über zwei konkurrierende Kinderbücher:

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John Oliver ist Comedian und hat seit 2014 eine wöchentliche Late-Night-Polit-Show auf HBO, „Last Week Tonight“. Er ist 40, Brite, und war seit 2006 Außenreporter / Correspondent bei Jon Stewarts Polit-Comedy „Tonight Show“.

US-Vizepräsident Mike Pence, 58, wuchs streng katholisch auf und saß ab 2001 im Repräsentantenhaus für Indiana (Midwest, Red State). Für seine Frau Karen konvertierte er in eine Freikirche. Die beiden haben drei Kinder.

Karen war Grundschullehrerin und malt mit Wasserfarben, vor allem Gebäude und Landschaften. Eine gemeinsame Tochter, Charlotte, ist 24. Charlotte hat Film studiert und kaufte für ein Filmprojekt einen Hasen.

mehr zu Charlotte: Link, Heavy.com

Charlottes Hase heißt Marlon Bundo – weil Charlotte ihn via Craigslist kaufte und sich beim Kauf ein „Was wollen Sie dafür?“-Dialog entspannt, der sie an eine Dialogzeile Marlon Brandos in „Der Pate“ erinnerte. Charlotte Pence ist u.a. auf Twitter aktiv und möchte Abtreibungen unter Strafe stellen – Retweet zum „March for Life“-Auftritt ihres Vaters (Link).

Sie hat unter 3000 Follower und ist keine sehr öffentliche Person.

Doch Marlon Bundo hat einen Instagram-Account mit über 20.000 Followern: Link

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Seit Oktober 2017 steht fest, dass Mutter und Tochter gemeinsam ein Kinderbuch produzieren – über Marlon Bundo, „BOTUS“ [Bunny of the United States], der seinen „Grampa“ Mike Pence durch den Tag begleitet, u.a. ins Weiße Haus.

Karen Pence zeichnet, Tochter Charlotte schreibt die Texte (simple Verse in Reimen, jeweils vierzeilig).

Ziel des Buchs ist, zu vermitteln, wie der Arbeitstag des Vizepräsidenten aussieht.

Hier im Video, bei der Nachmittagstalkshow „The View“ mit u.a. Whoopie Goldberg, erzählt Charlotte, „proud mother of Marlon“ [uff. kein Witz: steht in ihrer Autorinnen-Bio] ein wenig: Link

Mike Pence unterstützt bis heute „Focus on the Family“ – eine christliche Lobby-Organisation, die u.a. gegen Queerness und Homosexuellenrechte protestiert und deren Gründer glaubt, Homosexualität sei heilbar.

Pence sagt, dass queere Menschen im US-Militär nichts zu suchen haben. Als Gouverneur von Indiana erließ er ein Gesetz, das Gewerbetreibenden erlaubt, queere Leute „aus religiösen Gründen“ nicht zu bedienen, den „Religious Freedom Restoration Act“. Erst seit einem Amendment 2015 kann/darf das Gesetz kein Vorwand mehr sein, um gegen queere Menschen zu diskriminieren: Link

Charlotte Pences Buch erschien am Montag: „Marlon Bundo’s Day in the Life of the Vice President“. Ein typisches US-Bilderbuch mit ca. 32 Seiten Textteil.

Am Abend zuvor verkündete John Oliver in einem 20-Minuten-Beitrag über Mike Pences Homophobie, dass er ein eigenes Buch über Marlon Bundo produzieren ließ – ebenfalls ca. 32 Seiten, im selben Look und für die selbe Zielgruppe (Kinder ab ca. 3): „A Day in the Life of Marlon Bundo“ (Text: Jill Twiss, Zeichnungen: E.G. Keller)

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Im Oliver-Buch ist Marlon Bundo schwul, verliebt sich in einen anderen Hasen, Wesley, will ihn heiraten…

…was eine Stink Bug / Baumwanze, die aussieht wie Mike Pence, verbietet. Die Stink Bug ist „in charge“, deshalb müssen die anderen Tiere (u.a. eine Schildkröte, eine Maus, ein Igel, ein Dackel) gehorchen. Die Stink Bug sagt, „different“ sei schlecht, und „Boy Bunnies marry Girl Bunnies. Girl Bunnies marry Boy Bunnies. This is the way it has always been.“ – doch die anderen Tiere finden, jede*r von ihnen sei „different“, auf seine Art, und beschließen, eine Wahl abzuhalten, mit den Wahlmöglichkeiten „Who’s in Charge? A: The Stink Bug, B: Not the Stink Bug“. Als alle außer der Stink Bug für B stimmen, kann die Hochzeit gefeiert werden: eine lesbische Katzen-Pfarrerin traut die beiden Hasen.

Die Überraschung: Das Oliver-Buch ist *richtig* gut.

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Keine Verse/Kinderreime, sondern kurzer, sympathischer Fließtext, und anthropomorphisierte, ausdrucksstarke Figuren wie in u.a. „Zoomania“ und anderen Disney-Filmen. Es gibt ein paar Popkultur-Anspielungen wie Cameos der CNN-Moderatoren Anderson Cooper (als Hase) und Wolf Blitzer (als Wolf). Menschen tauchen nur am Rand auf: Wir sehen die Hosenbeine von Politikern („very boring meetings with very boring people“); dass Marlon im Haus von „Grampa“ Mike Pence lebt, spielt keine große Rolle: „This story isn’t about him, because he isn’t very fun. This story is about me, because I’m very, very fun.“

Es gibt eine Audio-Version des Buchs, bei dem schwule Stars wie Jim Parson („Big Bang Theory“), Jesse Tyler Ferguson („Modern Family“) und RuPaul Rollen einsprechen. Der Erlöse werden vollständig ans Trevor Project gespendet – einer Hilfsorganisation, die queere Jugendliche vor dem Selbstmord bewahren soll – und an AIDS United.

Marlon trägt im Buch eine bunte Fliege: Charlotte Pence hatte den Hasen an Halloween verkleidet und mit Fliege auf Instagram gepostet.

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Das Original-Buch ist nüchterner: Ich-Erzähler Marlon ist ein naturalistischer Hase ohne besondere Mimik oder Ausdruckskraft, der, wie ein Hündchen, „Grampa“ Mike Pence passiv durch den Tag folgt. Auch hier werden Menschen nur als u.a. Arm oder Hosenbein gezeigt.

Fokus liegt auf der Architektur, Lichtstimmung und Geschichte der verschiedenen Büros, Verwaltungsräume und Einrichtungen, die Pence (mit Marlon im Schlepptau) besucht: Das Haus, in dem der Vice President lebt, gehört der US Navy und hat ein eigenes Teleskop/Observatorium: Pence lässt Marlon durchs Fernrohr sehen. Pro Doppelseite gibt es eine Zeichnung, die jeweils Architektur/Umgebung zeigt… und irgendwo am Rand hoppelt unmotiviert ein kleiner, etwas trostloser Hase: Das Buch sieht aus, als habe Karen Pence Fotos aus Knöchelhöhe geschossen und die dann – künstlerisch recht uninspiriert – abgetuscht.

Das Buch ist keine Katastrophe – aber IRRSINNIG random: Wir erfahren nichts über Mike Pence‘ Charakter, Stärken oder Familiendynamik, und auch nur die oberflächlichsten Abläufe seines Jobs: Er fährt hierhin und dorthin, und zu jedem Ort gibt es ein, zwei Stücke beliebiger Trivia. Zum Beispiel, dass Mitglieder der US Navy Pence den guten-Morgen-Kaffee kochen. Oder, dass in der Einfahrt eine digitale Zeitanzeige im Gebüsch steht. Oder, dass in Pences Büro im weißen Haus ein Bild eines Landschaftsmalers aus Indiana, T.C. Steele, hängt.

Der einzige „Witz“ im Buch ist eben Marlons „BOTUS“, für „Bunny of the United States“ [der US-Präsident wird oft POTUS genannt].

Am unsympathischsten: Die Behauptung, dass Pence jeden Abend (gemeinsam mit dem Hasen) aus der Bibel liest und betet.

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Es gibt fünf Seiten Fußnoten / Appendix, die ich recht interessant finde – die aber KEIN drei- bis fünfjähriges Kind interessieren werden. Nichts an diesem Buch erklärt seine Existenz / schafft eine Existenzberechtigung.

Eine Freundin nennt die Amateur-Kunst reicher Frauen „Arztgattinnenkunst“: Karen Pence zeichnet in einem solchen Ist-doch-okay-für-einen-Amateur-Stil, Charlotte Pence schreibt lieblose, drittklassige Reime. Ein Teil des Erlöses wird kranken Kindern gespendet, und einer Organisation, die sich gegen Menschenhandel einsetzt.

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Mein Fazit: Bilderbücher in den USA wollen oft Erwachsene ansprechen. Sie sind raffinierter, witziger, eleganter als deutsche Kinderbücher, und oft verkaufen sich Titel, nur, weil Eltern sie witzig finden, z.B. „Get the Fuck to Sleep“. Zu meiner Überraschung ist Olivers „Better Bundo Book“ KEIN solches Buch – sondern tatsächlich ein ernst zu nehmendes, lohnendes, sehr professionelles und lesenswertes Plädoyer für Vielfalt, Demokratie und Selbstbewusstsein. Ich bin etwas genervt, dass Marlon seinen Wesley schon nach EINEM Tag Bekanntschaft heiraten will.

Und ich glaube, dass John Olivers Polemik einen falschen Eindruck vermittelt: „Buy it for the children, for any child you know… or please: Just buy it because you know it would annoy Mike Pence. You’d be doing a nice thing in a really dickish way.“

Mike Pence hat noch nicht auf Oliver reagiert; er tweetete nur, dass er stolz auf seine Tochter ist. Charlotte Pence tweetete, dass sie sich freut, dass Olivers Buch für einen guten Zweck ist.

[Beide Bücher sind in Deutschland als E-Book erhältlich; und beide erschienen in „echten“ Verlagen: Das Oliver-Buch bei Chronicle Press, und das Pence-Buch in einem konservativen Verlag, der u.a. mit Sarah Palins Büchern Geld macht, Regnery. Die Print-Erstauflage des Oliver-Buchs ist ausverkauft – weil alle vom Erfolg recht überrascht sind.]

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Zur Buchmesse erschien im rechtskonservativen Wutbürger-Magazin „Cicero“ ein dummer Artikel darüber, dass Grüne etc. Kinder indoktrinieren wollen, durch Kinderbücher über z.B. Veganismus oder Flucht. Der „Cicero“ wünscht sich, dass es z.B. auch Kinderbücher gibt, in denen gezeigt wird, wie sich ein deutsches Dorf fürchtet durch all die Geflüchteten und fragt sich, warum die AfD keine Stiftung hat, die Kindern Buchtipps gibt.

Ich werde den Artikel nicht verlinken – mir ist das zu hasserfüllt und kurz gedacht.

Stattdessen fragte ich auf Facebook, welche deutschen Bilderbücher mit queeren Figuren empfohlen werden können.

Freund Linus empfiehlt aktuell des trans-Bilderbuch „Teddy Tilly“. Ich finde es zu konfliktfrei und hätte mir mehr Tiefe gewünscht (z.B., mindestens, ein Gespräch über Pronomen!):

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Ich mag „Du gehörst dazu. Das große Buch der Familien“ und „Der verliebte Koch“. Aber in beidem spielt Homosexualität keine RICHTIG große Rolle: Sie ist selbstverständlich, aber eine Nebensache.

  • Jo im roten Kleid
  • Zwei Papas für Tango
  • König & König
  • Komm ich zeig dir meine Eltern
  • Joscha und Mischa, diese zwei
  • Luzie Libero und der süße Onkel
  • („…und wahrscheinlich gibt es noch einige andere. Auffällig finde ich das fehlen von weiblicher Homosexualität im Bilderbuch“, schreibt ein Freund).

Freundin P. ergänzt: „In „Das Zebra unterm Bett“ von Markus Orths hat Hanna zwei Väter, was nicht alle in ihrer Schule so einfach akzeptieren können. Geht wahrscheinlich nicht als Bilderbuch durch, fällt mir gerade auf, wird aber auch schon von Vierjährigen geliebt.“

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