Man of Steel

Batman v. Superman: Dawn of Justice – 100 Probleme, Fragen, Theorien

batman v Superman wordpress

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Im Dezember sah ich „Star Wars: Das Erwachen der Macht“. Notierte mir im Lauf des Films Ideen, Theorien, Probleme – und stellte die Liste ins Netz. Ich bin Kritiker… und schreibe meist kurze, sorgfältige Texte. Bei Blockbustern aber macht mir Spaß, schnell über alle Details und Kleinigkeiten zu bloggen:

Ich liebe Superman (und Lois Lane). Ich mag Batman. Seit 2008 lese und rezensiere ich Heldencomics. Mein Bauch, mein Herz hatten im Kino heute nicht viel zu tun. Mein Kopf aber? Sehr viel!

Kein guter Film.

Aber interessante Fragen:

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01_Sehen oder nicht? Nicht sehen.

02_In einem Satz: Freudlose, schleppende, an vielen Stellen unnötig garstige Standard-Episode über misstrauische, gewaltverliebte, oft überraschend inkompetente Grummel- und Prügel-Boys.

03_Das größte Problem: Ein Plot, der nur funktioniert, weil Figuren zu wenig miteinander sprechen, sich unnötig streiten, Probleme dem Zufall überlassen…

04_Niemand gewinnt. Keiner der beiden Helden wird als klarer Favorit inszeniert.

05_Das freut mich; weil in den Comics Batman fast immer über alles triumphiert: Ich fürchtete, dass „Batman v. Superman“ einen sehr fähigen Batman zeigt – gegen einen enttäuschend naiven, dummen oder weinerlichen Superman, den wir auslachen oder verachten sollen.

06_Beide Helden haben ausreichend Szenen, Fokus. Batman ist öfter Perspektivträger. Doch für mich stimmt die Balance.

07_Niemand muss die Figuren vorher kennen. Auch „Man of Steel“, den Superman-Film von 2013, muss man nicht vorbereitend sehen. Es gibt eine Handvoll Anspielungen für Comic-Fans. Doch keine wichtigen Easter Eggs, kaum Fanservice, nichts Komplexes oder Raffiniertes. Alles bleibt einfach, zugänglich, selbsterklärend

08_ …doch dafür auch recht seicht: Wer Christopher Nolans Batman-Trilogie mochte, darf keine Fortsetzung erwarten. Der Film ist etwa so klug, erwachsen, kunstvoll, doppelbödig wie „Independence Day“, „Iron Man 2“, „Spider-Man 3“. Nicht völlig blöd. Doch auf eine altmodische Art und Weise unterkomplex, oberflächlich, ohne tieferes Thema. Ein Blockbuster, den jeder 13jährige versteht. Doch der jeden über 13 auf allen Levels – Figuren, Plot, Thema – oft langweilt.

09_Es gibt keine Szene, von der ich denke: Noch in zehn, zwanzig Jahren wird dieser Moment parodiert, zitiert, erinnert werden. Keine Highlights. Doch auch keine Tiefpunkte, Ausreißer.

10_Es gibt keinen Grund, den Film einem breitem Publikum zu empfehlen: „The Dark Knight“ war tiefsinnig, atmosphärisch – egal, was man von Batman hält. „Iron Man 3“ hatte überraschend viel Witz, Herz, Tempo – süffiger Spaß. Doch wer Batman oder Superman nicht mag, kann sich das Geld sparen: Er verpasst nichts. 3 von 5 Sternen.

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ab hier: Spoiler. Details aus der Handlung.

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11_Der Film spielt im November, rund um den mexikanischen Dios de Muertos, 18 Monate nach „Man of Steel“ (2013). Er sollte ca. zwei Jahre nach „Man of Steel“ Premiere feiern – wurde aber auf 2016 verschoben.

12_Ich mag, dass 18 Monate nicht reichten, damit „die Menschheit“ entscheidet, wie sie zu Superman steht: Es gibt eine Statue in Metropolis (die mir besser gefällt als die Adler-Statue in den Comics). Es gibt Anhörungen, PEGIDA-artige Proteste, Experten im TV (und den erfundenen Hashtag #alienamongus): Superman wird als Paradigmenwechsel verstanden, so wichtig wie die kopernikanische Wende. (Gut!)

13_Dabei wirken Bürger und Politiker zwar überfordert, aber nicht – wie in vielen Marvel-Filmen – dümmlich, hasserfüllt, leicht zu verblenden. Auch freut mich, dass das Militär keine große Rolle spielt: endlich mal keine bösen Generäle – oder Regierungsprojekte, die außer Kontrolle geraten.

14_Trotzdem hätte ich gern kompetente staatliche Anti-Superhelden-Experten wie Amanda Waller gehört… und war überrascht, dass weder Lex noch Batman, sobald sie Superman via Kryptonit aufhalten wollen, (geheime) staatliche Unterstützung angeboten wird.

15_Der Film beginnt mit Herbstlaub… das aber motivisch keine große Rolle spielt. In einer (recht albernen, sinnlosen) Traumsequenz schwebt der junge Bruce Wayne zwischen Fledermäusen hoch ans Licht. Am Ende des Films schweben ein paar Brocken Erde. Lois Lane hat eine frühe Szene in der Badewanne – und ertrinkt im Finale fast in einer gefluteten Grube. Es gibt ein halbes Dutzend solcher oberflächlicher Bookends, Motivketten, Foreshadowings – die aber für nichts Größeres stehen. Warum Laub? Warum Wasser? Warum Schweben?

16_Solides 3D. Solide deutsche Übersetzung.

17_Aus zwei Gründen hätte ich gern trotzdem die US-Version gesehen: Wie klingt Wonder Womans (’südeuropäischer‘, ‚Mittelmeer-‚) Akzent – griechisch, türkisch, spanisch? Und: Wenn sich die Helden als ‚kriminell‘ beschimpfen – meinen sie ‚Criminal‘, oder (sinnvoller) ‚Vigilante‘?

18_Bruce benutzt ein Mikro, um als Batman seine Stimme zu verzerren. Freunde sagen, auch Oliver Queen in „Arrow“ macht das so. Gefällt mir besser als das alberne Stimmen-Verstellen in Christopher Nolans Filmen.

19_In vielen Batman-Comics sah Bruce mit seinen Eltern „Zorro“, bevor sie vor dem Kino von einem Kleingangster erschossen wurden. Hier schauen die Waynes „Excalibur“ (1981) – einen Film über Helden, die an König Arthurs Tafelrunde zusammenkommen. Ben Affleck war 1981 neun Jahre alt. [Edit: „Excalibur“ wird an der Kino-Fassade mit „Coming Soon“ angekündigt. Dann doch „Zorro“?]

20_Ich mag, wie ungepflegt Friedhof und Familiengruft der Waynes sind – sicher auch, weil Alfred Besseres zu tun hat, als zu gärtnern und zu putzen. Und mir gefällt, dass Wayne Manor ausbrannte: Im Film ist Batman seit 20 Jahren aktiv. Offenbar ist viel passiert.

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21_Alexander „Lex“ Luthors Vater stammt aus der DDR? Mich überrascht, wie schnell es die Familie in den USA zu Geld brachte. Und ich kenne keinen Ostdeutschen, der SED-Politiker „Tyrannen“ nennen würde: „Tyrann“ wirkt auf mich drei Nummern zu groß.

22_Dass der Kampf zwischen Superman und Zod das Zentrum von Metropolis zerstörte, ist Thema. Doch dass Superman Zod 2013 das Genick brach, stört niemanden – auch nicht Clark, Lois, Martha Kent: Als Superman-Fan enttäuschte mich, dass Clark 2013 tötete. Ich hoffte, dass „Batman v. Superman“ das zur wichtigen Frage macht: Was wird aus Helden, die töten?

23_Nach 9/11 war die Südspitze Manhattans ein Trümmerfeld – jahrelang. Ich weiß nicht, warum „Batman v. Superman“ keine Trümmer, Baukräne, Brachflächen im Stadtbild Metropolis‘ zeigt. Die Gedenkstätte gefällt mir [und ich frage mich, ob viele Namen der Opfer Anspielungen, Zitate sind]. Auch die zweite Gedenkstätte, am Ende des Films, passt [„If you seek his memorial, look around you.“]…

24_…trotzdem bleiben Gotham und Metropolis ohne Charakter: In den Comics ist Metropolis oft eine helle, leicht futuristische Ideal-Version von New York (am Tag), Gotham City eine düstere, verdreckte, aber mit Art-Deco-Architektur und Luftschiffen dekorierte Alptraum-Version von New York (in der Nacht). Die Städte liegen eine Zug- oder Autofahrt auseinander – und recht nah an New York: Manchmal wird NYC in den Comics „Cinderella City“ genannt, Metropolis und Gotham die „Stepsisters“.

25_Nie aber sah ich im Kino ein lieb- und charakterloseres Gotham City. „Seit wann ist Gotham das New Jersey von Metropolis?“, fragt ein Facebook-Freund. Und: Obwohl man Gotham von Metropolis aus sieht, hat Superman dort nie geholfen? Warum weiß er so wenig über Bruce – und Batman? Die beiden sahen bisher sich nie? Absurd.

26_Alfred (Jeremy Irons) kommt bei Kritikern irritierend gut an: Ich mag Irons, doch die Rolle bleibt so klein und undankbar – ich sehe keinen besonderen Reiz. Ich mag, dass sich Bruce und Alfred ähnlich kleiden und frisieren – sie sehen aus wie Vater und Sohn. Mich stört, dass Alfred zweimal sagt, er wünsche sich einen Wayne-Erben/Nachwuchs: Batman hat so viele Helfer, Robins, Verbündete etc., mit denen er nicht biologisch verwandt ist und die er als „Batfamily“ liebt… ich glaube nicht, dass Alfred leibliche Kinder vermissen würde, so lange es andere Kinder/Helfer gibt.

27_Perry White hat weniger Format, Tiefgang als in „Man of Steel“. Andererseits verhält sich Clark als Redakteur unmöglich. In den Comics gewannen Lois und Clark Pulitzerpreise. Hier im Film hat Lois mehr Glück als Verstand, und Clark scheint überhaupt keine Lust auf journalistische Arbeit zu haben.

28_Ein sehr beliebter Comic von 2004 zeigt Lois Lane als Embedded Reporter im Nahen Osten. Autor Greg Rucka ist mein Lieblings-Comicautor – doch die Geschichte war mir zu simpel. Ich bin froh, Lois in ihrer ersten „Batman v. Superman“-Szene bei einem ähnlich gefährlichen Job zu sehen. Doch Nairomi, das erfundene afrikanische Land, wirkt lieblos bis rassistisch, Lois unvorbereitet, inkompetent… und laut Besetzungsliste ist der tote Fotograf/CIA-Agent Jimmy Olsen. Eine Verschwendung der Figur.

29_Helden-Serien und Adaptionen machen das oft: Eine Nebenrolle erhält den Namen einer (in den Comics) wichtigen Figur – und stirbt überraschend. Stattdessen übernehmen dann scheinbar bedeutungslose, neue Randfiguren mit Allerweltsnamen die Rollen/Funktionen des Comic-Vorbilds. In „Smallville“ starb Jimmy Olsen recht früh. Später wurde sein Bruder Jimmy (!) Fotograf beim Daily Planet.

30_Lex Luthors Assistentin, Mercy Graves, ist in den Comics eine Amazone. Entsprechend hoffen Fans, dass sie die Explosion im Film überlebte und in den Fortsetzungen auftaucht. Der Gangster, Waffenhändler Anatoli Knyazew war in den Comics ein Sowjet-Bösewicht namens KGBeast. In „Batman v. Superman“ sind mir diese Namensgleichheiten zu oberflächlich, nichtssagend. Ein Zitat, das nichts bedeutet: Muss jeder böse Russe in den Filmen den Namen eines bösen Comic-Russen tragen?

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31_Wer hat die aufwändige Bat-Höhle gebaut, im Geheimen: Alfred und Bruce, allein? [In den Comics ist das kein Problem, weil Batman viele Freunde mit Superkräften hat.]

32_Ich glaube, ich sah ein Bacardi-Logo und, später, eine Bacardi-Flasche [mit Fledermaus-Wappen!]: Trank der Russe Bacardi? Alle Autos sind von Jeep/Chrysler. CNN wird erwähnt. Lex Luthor isst Fruchtbonbons. Doch insgesamt sah ich deutlich weniger Product Placement als in Marvel-Filmen. Hier eine Liste. Super: Lex‘ Bonbons heißen Jolly Ranchers.

33_Bekannte TV-Gesichter? Ich erkannte Anderson Cooper und Neil Degrasse Tyson, las im Nachspann auch von Nancy Grace und Charlie Rose. Mir geben solche Cameos nichts – und ich ärgere mich, dass Helden auch 2016 noch durch Nachrichtensendungen und TV-Bildschirme von Katastrophen erfahren, nicht via Twitter und Google. Immerhin: einer der TV-Experten wird als Blogger vorgestellt.

34_Lex Luthors Gefangenennummer ist 16-TK-421. In „Star Wars: Episode IV“ stehlen Han und Luke auf dem Todesstern die Sturmtruppler-Rüstung eines Soldaten namens TK-421. Im Video zu Cyborg/Victor Stone wird er „Objekt 6-1982“ genannt. Vielleicht, weil Victor Stone im Juni 1982 geboren wurde? Oder, weil in „Tales of the New Titans“ von Juni 1982 die Entstehung von Cyborg erzählt wurde.

35_Lois will in ein Taxi steigen… und nennt Superman „Clark“, auf offener Straße. Lex kennt Clarks Mutter. Clark und Diana durchschauen Bruce. Und Lex weiß grotesk viel über Aquaman, Cyborg, The Flash und Wonder Woman: Ich mag Geheimidentitäten. Doch in einer SO überwachten Welt macht für mich Sinn, dass diese Geheimnisse brüchig sind, gelüftet werden können. (Ich mochte auch, dass John Blake in „The Dark Knight Rises“ Bruces Identität erriet.)

36_Überraschend dagegen, dass Bruce nicht weiß, wer Clarks Eltern sind. Dass er Lois Lane nicht schon seit Jahren überwachen lässt. Dass er den Namen „White Portuguese“ lange nicht einordnen kann, oder solche Mühe hat, die Lexcorp-Server anzuzapfen: In den Comics sitzt Bruce an allen längeren Hebeln, immer. Ich mag fehlbare Helden. Doch in den „Dark Knight“-Filmen und hier in „Batman v. Superman“ gibt es jeweils Dutzende Szenen, in denen ich denke: Comic-Bruce wäre besser vorbereitet, informiert, würde mit allem spielend fertig. [Das heißt trotzdem: Film-Bruce ist die interessantere, sympathischere, realistischere Figur.]

37_Und: Bruce kann die Lexcorp-Daten knacken. Diana scheitert an der selben Verschlüsselung? Schade.

38_Ich mochte, dass Bruce sofort von einem „Leech Program“ spricht, ohne Skrupel ein Handy klont/kopiert und, wie schon in „The Dark Knight“, nichts von Datenschutz und Bürgerrechten hält: Mir ist krass unsympathisch, wie rücksichtslos Bruce jeden ausspioniert. Und ich freue mich, dass auch die Filme sich Zeit nehmen, das immer wieder zu zeigen: Der respektlose Spanner ist nicht Superman, mit seinem Röntgenblick. Sondern Datenkrake Batman – ein Kontrollfreak, der Zivilisten oft verachtet und benutzt.

39_Kritiker waren sehr unzufrieden mit dem Score/der Musik; besonders den archaischen Trommeln. Ich fand den Soundtrack passabel, und mochte die – etwas trashige – Trommel-Kampfhymne, die losbricht, als Wonder Woman Doomsday attackiert. Für mich klingt das wie ein musikalisches Thema, das noch in 100 Remixes und Variationen benutzt werden kann, für Wonder Woman: „Is she with you?“ [Link: Spotify]

40_Schlimm dagegen: Wie viele Kämpfe auf Maschinenpistolen, Gewehrfeuer setzen. Fast alle Duelle wirken hässlich, langweilig, seelenlos/brutal… oft blitzend, flackernd… und klingen beschissen: stressiger, sinnloser Lärm.

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41_US-Zuschauer sahen vor dem Film einen Kinotrailer zum „Lego Batman Movie“ (2017), auch der nächste DC-Superhelden-Film, „Suicide Squad“ (August 2016), wird beworben. Ich sah nur eine Werbung für Städtetrips nach Gotham City, von Turkish Airlines – sonst aber vor allem Trailer für Dramen und Beziehungsfilme: Das lesbische Justizdrama „Freeheld“, den Eifersuchts-Thriller „A Bigger Splash“, die dänische Rentner-Schmonzette „Ein Man namens Ove“, das Tänzer-Biopic „Ein letzter Tango“ und die Gangsterkomödie „Nice Guys“. Bei Lidl sah ich BvS-Schlafanzüge, bei Primark T-Shirts (leider keine Wonder-Woman-Motive für Männer)… und auf Wired wartet ein charmantes Interview mit Lex Luthor

42_…doch am Tag nach der Premiere saß ich mit drei anderen Personen im leeren Kinosaal: DC schafft es selten, Vorfreude auf neue Filme zu wecken – oder die Figuren effektiv zu bewerben. Ich bin gespannt, wie viel Geld der Film macht und welche Konsequenzen das für Fortsetzungen hat. Ist wirklich kein weiterer „Superman“-Film geplant?

43_Es gibt keine letzte, überraschende Szene nach dem Abspann.

44_Mich ärgert, dass Martha Kent in einem Diner jobbt: 2003, im Comic „Superman: Birthright“, informiert sie sich online über Außerirdische und UFOs. In „Smallville“ wird sie US-Senatorin für Kansas. Im Kinofilm dagegen wirkt sie wie eine nicht-sehr-kluge Oma mit recht freudlosem Leben.

45_Mich ärgert noch mehr, dass sie ihrem Sohn sagt: „Du schuldest dieser Welt gar nichts.“ Klar – aus reinem Schuld- oder Pflichtbewusstsein trifft man keine guten Entscheidungen. Doch schon in „Man of Steel“ war ich enttäuscht, dass Jonathan Kent lieber in einem Tornado stirbt, als seinen Sohn zu ermutigen, Verantwortung zu übernehmen. Hier in den Filmen sind die Kents seltsame, asoziale (und religiöse: Martha trägt eine Halskette?) Provinz-Kleingeister.

46_Ist Mais in Kansas im November so hoch? Wozu die Dudelsäcke, auf der Beerdigung? Haben die Kents schottische Wurzen? Und (argh!): In „Man of Steel“ könnte Clark mit seiner lebendigen Mutter sprechen – doch wird stattdessen vor allem vom Hologramm seines toten kryptonischen Vaters belehrt. In „Batman v. Superman“ könnte Clark weiter mit Martha reden – doch hat sein wichtigstes Gespräch in einem Traum, mit seinem toten Erdenvater. Warum all diese toten Mansplainer?

47_Eine tolles Bild: Batman, auf einem Kran am Hafen. Ärgerlich, dass er dabei eine Waffe/Flinte hält (…um einen Tracker an einen Lexcorp-Truck zu feuern).

48_Metropolis wird angegriffen. Bruce Wayne rennt der Gefahr entgegen. Plakativ – aber ein guter Weg, die Figur zu erklären. Clark fehlen dieses Mal leidenschaftlich heroische Establishing Character Moments. (Nebenbei: Freunde waren verärgert, dass die Wayne-Angestellten in Metropolis erst Bruces Evakuierungsbefehl brauchen, um zu flüchten. Ich las viele Bücher über 9/11 – und verstand die Verwirrung und das Zögern im Gebäude.)

49_Träume, Horrorvisionen, Flash Forwards störten mich schon in „Man of Steel“ (und „Star Wars: Episode 7“): Ich weiß nicht, warum ausgerechnet der rationale Bruce Wayne dauernd Vorahnungen hat – und fand die Szenen weder spannend noch nützlich.

50_Bruce ist seit 20 Jahren aktiv – und fängt jetzt spontan an, Kriminelle zu brandmarken? Das ist archaisch, wirkt auf mich hässlich, primitiv… und lässt Batman fragwürdig erscheinen – damit die Drehbuch-Autoren besser Keile zwischen Bruce und Clark treiben können.

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51_Zack Snyders „Watchmen“ war mir zu dunkel, grau. Zack Snyders „Man of Steel“ unnötig freudlos. Auch in „Batman v. Superman“ gibt es viel Nacht, Regen, Schatten – doch ich hatte deutlich mehr Dunkelheit, stilisierte Tristesse erwartet: Supermans Kostüm ist farbkräftiger als in „Man of Steel“. In vielen Szenen gibt es Tageslicht oder helle Räume. Es könnte schlimmer, grauer sein.

52_Ben Affleck stört nicht: keine Fehlbesetzung. Henry Cavill dagegen wirkt schwächer als in „Man of Steel“, weil er… 1) weniger Szenen hat und weniger Gefühle zeigt, 2) noch mehr trainierte und, besonders in der Szene in Washington, lächerlich aufgeblasen wirkt, 3) in den besten „Man of Steel“-Szenen unrasiert war – doch dieses Mal gelackter, schmalzlockiger aussieht. Und: Beim Kämpfen schaut er so gepresst, als säße er auf dem Klo.

53_Im ganzen Film wird über Mythologie und die Antike gesprochen: Prometheus, Ikarus, der gordische Knoten, eine Sahnetorte, die aussieht wie die Akropolis… Lex faselt immerzu von Göttern, Engeln, Hölle, Teufel. Stichworte, dauernd im Raum – doch sie bleiben leeres Gerede. Ein Drehbuch, das raunt: Übermenschen sagen irgend etwas aus, über unser Menschen-, Gottesbild! Doch was – liebe Autoren?

54_Von einem Atomsprengkopf getroffen, schwebt Clark im All, die Hand wie in Michelangelos „Die Erschaffung Adams“. Lex Luthor deutelt am Gemäde in seinem Büro herum (ein echtes Kunstwerk – oder für den Film entworfen?): Engel aus der Hölle? Dämonen, die vom Himmel fallen? Nichts ist zu Ende gedacht. Hell – dunkel, oben – unten, fallen – steigen, Himmel – Hölle, Gott – Mensch… und, also? Warum? Kommt da noch was?

55_Die Batmobil-Verfolgungsjagd machte mir weniger Freude als in den „Dark Knight“-Filmen: zu unübersichtlich, dunkel, hässliche Straßen/Umgebung – und dauernd Maschinengewehr-Krach. An zu vielen Stellen im Film bindet Batman Gegner fest und schleudert sie dann umher. Das wirkt unnötig grausam, nicht effektiv…

56_…und passt eher zu Wonder Woman und ihrem magischen Lasso – das sie im Kampf gegen Doomsday einsetzt. Aber erst, nachdem sie lange mit einem Schwert hantierte. (Wo war das Lasso, bevor sie es benutzt? Hinter dem Schild?)

57_Fans auf TVTropes loben Batmans Seil-Spiele: „When Batman chases the Lexcorp truck, the way he uses the Batmobile’s towing cable to send a car full of [enemies] up in the air and make it crash on another car full of [enemies] is both hilarious and awesome.“ Ich fand die Szene grausam. Und musste an keiner Stelle, über keinen flauen Witz im Film, lachen.

58_„This film will make you hate Batman, Superman and the Justice League“, droht eine – immer wieder geteilte – Review von GQ (Helen O’Hara, Link). Ich mag Wonder Womans Freude am Kampf: Sie stürzt sich mit derselben Begeisterung/Entrückung auf Doomsday wie Xena in 90ern. Doch Batman wirkt unnötig brutal – etwa, indem er Pedophile markiert, damit sie in Gefängnissen Misshandlungen erfahren oder sterben (!); und beide Helden sagen einige fürchterliche Sätze: „Kannst du bluten?“, „Vernichten? Ich liefere dich aus. Das ist mehr, als du verdienst!“ Batman tötet Gegner (oder nimmt ihren Tod in Kauf) – oft mit einem gewissen… sadistischen Genuss.

59_“Unwissenheit ist nicht dasselbe wie Unschuld“, droht der afrikanische Warlord Lois Lane, nachdem die CIA-Wanze in der Kamera gefunden wurde. Ein guter Satz – weil er daran erinnert, wie viele globale Probleme wir als Konsumenten verschulden – um dann zu sagen: „Diese Länder sind so weit weg. Wir wissen das alles nicht so genau: die Produktionsbedingungen, die Politik.“ Schön auch: Clark, der über Verbrechen in Gotham berichten will und, als Perry sagt, das Thema betreffe die Leser nicht, fragt: „Kaufen arme Leute keine Zeitungen?“ Ein Minimum an Idealismus ist noch da – in diesem kalten, fahlen Film.

60_Trotzdem stehen für mich zu viele solcher Sätze bezugs- und anschlusslos im Raum: Sie wirken bedeutend. Doch das Drehbuch denkt die Fragen nicht weiter. „Meine Welt existiert nicht mehr.“ (Clark, über Krypton… und Hoffnung.) „Die Welt ergibt nur Sinn, wenn man sie dazu zwingt.“ (leeres Gerede von Bruce.) Zu große Worte – in einer zu dünnen, oberflächlichen Geschichte.

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61_Cyborg ist schwarz. Der Aquaman-Darsteller Hawaiianer. The Flash ist Asian American? Dann sind die weißen Männer in der Justice League zum ersten Mal in der Minderheit. Ich bin gespannt, ob Hal Jordan (ein weißer Testpilot) Green Lantern wird – oder John Stewart (ein schwarzer Marine und Architekt). So oder so: Mir gefällt, dass in fast jeder Gruppen-Szene im Film Figuren of Color zu sehen sind – wenn auch meist nur als Zuschauer oder Opfer. (Der Film hat Unmengen von Opfern. Wer kein Held ist, ist sofort Opfer.)

62_Es gibt keine Verknüpfungen, besonderen Verweise zum nächsten DC-Film, „Suicide Squad“. Ich habe mit einem Auftritt des Jokers gerechnet – vor allem gegen Ende, als Lex Besuch in seiner Zelle bekommt. Szene mit Joker und/oder Riddler waren angedacht – doch wurden gestrichen.

63_In den Comics wird Batmans zweiter Robin, Jason Todd, vom Joker gefoltert und erschlagen. Als Mahnung und Andenken stellt Batman Todds Robin-Uniform in der Batcave aus. Ich mag, wie erhöht/fliegend die Uniform im Film präsentiert wird. Das aufgesprayte „Ha ha ha the joke’s on you Batman“ wird etwas zu lang/überdeutlich gezeigt – warf aber eine interessante Fan-Theorie auf: Was, wenn Joker Todd nicht erschlug – sondern (in den Filmen) Todd zu Joker wurde?

64_Die komplette erste Stunde lang dachte ich: Das ist so dicht, schnell, komplex wie die ‚Dark Knight‘-Filme. Dann begannen die ersten Maschinengewehr-Krawall-Szenen. Mir schien Luthors Intrige/Erpressung im Finale klug, raffiniert. Dann begann eine dümmliche, viel zu laute Endlos-Keilerei. Ich glaube nicht, dass der Film grundsätzlich unverzeihliche Denk- oder Konstruktionsfehler hat. Doch der Fokus liegt oft falsch. Das Timing hapert. Allen Figuren fehlt Tiefe, Stringenz. Zu viel ist unnötig… ätzend.

65_Meine Lieblingsszene: Clark überrascht Lois in der Badewanne. Einige Online-Bros fanden das zu dick aufgetragen, wish fulfillment für Frauen: Clark bringt Blumen und macht Spiegelei? Warum nicht! Mich irritiert nur das (betont maskuline?) Werkzeug, das im Apartment neben dem Fernseher hängt: Braucht Clark Werkzeuge? Kann er das meiste nicht via Kraft und Hitzeblick bearbeiten?

66_Affig-maskulin auch die „Bruce Wayne trainiert mit Ketten und Traktorenreifen“-Montage. Nach „The Dark Knight Rises“ ist mein Bedarf an „Bruce trainiert“-Szenen für immer gedeckt.

67_Einige Namedropping-Momente: Zod kommt aus Kandor. Hat das Bezug zu Brainiac? Major Farris hat nichts mit Carol Ferris zu tun – Hal Jordans Freundin? Lana Lang und Pete Ross waren auf Clarks Beerdigung? Patrick Wilson leiht dem US-Präsidenten die Stimme? Wird er in späteren Filmen auftreten? Hat Wallace Keef – dessen zetrümmerte Beine amputiert werden mussten – Bezug zu Wallace West, Sprinter/Speedster und Neffe von The Flash?

68_Zwei Officers heißen Rucka und Mazzuchelli (nach DC-Autoren). Fans im Netz fanden außerdem ein „Who watches the Watchmen?“-Graffiti (auf Latein) und Andeutungen/Tags, dass das leerstehende Gebäude in Gotham, in dem sich Batman und Superman prügelten, vorher ein Versteck von Harley Quinn und dem Joker war.

69_In Wallace Keefs Wall of Crazy war eine Superman-Zeichnung zu sehen, die das erste „Action Comics“-Titelbild variiert. Ich mochte auch Perrys (alberne) Ermahnung an Clark, dass „nicht mehr 1938 ist“ (das Jahr, in dem Superman debütierte.)

70_Mich ärgert, dass Keef von einem nicht-behinderten Darsteller gespielt wird. Doch ich mag, dass Lex – der dauernd zum Höchsten strebt, zu dem die Menschheit fähig ist – immer wieder Personen mit Behinderung oder in Rollstühlen um sich hat (z.B. auch seine Schwester, Lena Luthor) und sich an ihnen verhandelt.

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71_Wenn Heldenfilme (und -Comics) floppen, wird irritierend oft die Schuld bei den Kostümen gesucht, z.B. den Gummi-Brustwarzen an George Clooneys „Batman & Robin“-Suit. In „Batman v. Superman“ funktionieren alle Kostüme: Supermans Anzug ist etwas heller/bunter als in „Man of Steel“, Bat-Anzug und Bat-Rüstung wirken praktisch und plausibel. Auch Wonder Womans Kostüm trifft den Charme der Comics – doch scheint trotzdem angemessen realistisch. (Schade, dass ihr Schild kein Zeichen oder Motiv trägt: Es wirkt etwas unfertig).

72_Ich hoffte, das Lex in jeder Szene seltsame Motiv-Shirts trägt. Der Bat-Trenchcoat in Bruces Vision wirkte albern, 90er-Jahre-haft. Und Doomsday fand ich entsetzlich – ein billiges Computer-Monster (ohne Penis), an dem alles unfertig, lieblos, generic wirkte. Im Comic hat Doomsday oft ein überraschend ausdrucksstarkes Gesicht. Das nächste Mal: mehr Spikes, mehr Charakter, mehr Mühe!

73_Batmans Rüstung stammt aus Frank Millers Comic „The Dark Knight Returns“ von 1986. In dieser dystopischen Geschichte ist Superman ein hirn- und skrupelloser Unterdrücker, der für die US-Regierung kämpft, ohne, die Befehle zu hinterfragen. Ich bin sehr froh, dass diese Clark-als-dumme-staatliche-Marionette-Vision im Film kein Thema ist: „Er ordnet sich niemandem unter.“ Sehr gut. In zu vielen Geschichten durchschaut Batman einen Diktator… während Superman blind gehorcht.

74_Eine Ausnahme: Der Comic „Injustice: Götter unter uns“ (hier empfohlen), in dem Superman durch Strafen, Kontrolle, Einschüchterung weltweiten Frieden erzwingt – nachdem der Joker den Tod Lois Lanes, die Zerstörung Metropolis‘ verantwortete. Superman legt die Hand auf die Brust des Jokers – und stößt sie ihm durch Herz und Brustkorb. Dasselbe passiert hier im Film – mit Bruce als Opfer.

75_Überzeugende Effekte? Die Parademons. Schwach dagegen: die trashig animierte, pulsierende Mother Box, die (plakativ platziert) in Silas Stones Labor steht.

76_Schon seit dem Omega-Symbol und der ruinierten Stadt im Filmtrailer dachte ich, Superman, Batman, Wonder Woman kämpfen (ähnlich wie in Band 1 der neuesten „Justice League“-Comicreihe) gegen den außerirdischen Despoten Darkseid. Tatsächlich ist die Szene nur ein Alptraum/eine Vision von Bruce. Erst nahm ich an, sie spielt auf Darkseids Welt, Apokolips. Doch offenbar geht es um eine verwüstete Erde, regiert von Superman – und Darkseid? Wollte Darkseid die Erde in ein zweites Apokolips verwandeln – durch Erwärmung, oder Lava?

77_Luthor behauptet, eine Glocke sei geläutet, jemand sei unterwegs. Wohl Darkseid. Sinestro oder [eine Twist-Version von] Green Lantern wären interessanter. Die Glocken-Metapher erinnert mich an aktuelle „Justice League“-Comics: Dort wurde die Heimatwelt von Owlman, Powerman, Superwoman zerstört, und als die drei in „Forever Evil“ die Helden der Erde bekämpfen, wird der Zerstörer erst auf die Erde aufmerksam: Das Trio wird geschlagen. Doch die größere Bedrohung ist damit auf dem Weg.

78_Jesse Eisenbergs Lex Luthor? „One of those rare characters in the history of cinema you just don’t want to see on screen. Whenever he comes on you’re gritting your teeth and hope the frenetic editing will cut to another scene. […] Maybe five scenes in this whole movie are longer than 90 seconds and it feels like all of them feature Luthor.“ [Ben Dreyfuss, Link] Das Faseln. Die Ticks. Die Darstellung wäre okay für einen bösen Clown, etwa den Toyman. Doch Dietmar Dath hat Recht, wenn er schreibt: „Eisenberg gefällt sich in Gejuckel, Gesabber und einer Start-up-Turnschuh-Lumperei, die man vielleicht im zweiten Schauspieljahr für ein zeitgenössisches Musical namens ‚Steve Jobs ist Dr. Frankenstein‘ gebrauchen kann.“ [Link] Immerhin: Ich mag, dass Luthor sich selbst „Büchernarr“ nennt. Und: Mit rasiertem Kopf wirkt er noch mehr wie Oliver Pocher.

79_Als Geschäftsmann, Machtmensch, Erfinder ist Luthor stark. Sobald er im Gefängnis sitzt, wird die Figur langweiliger. Ich wünschte, Lex wäre frei und hätte alle Ressourcen. In den aktuellen Comics erpresste er sich einen Platz in der Justice League – weil er Batmans wahre Identität kennt.

80_Das Foto von Wonder Woman in Belgien, 1918? Großartig. Doch die Idee, dass Diana vor 100 Jahren „Abstand von der Menschheit suchte“? Schlimm: Ein Clark, dessen Eltern ihm ständig raten, niemandem zu helfen. Eine Wonder Woman, die nichts gegen den Holocaust unternahm! Der „Wonder Woman“-Kinofilm spielt im ersten Weltkrieg. Heißt das, am Ende jenes Films ist Diana so genervt, gebrochen, von den Menschen enttäuscht, dass sie für 100 Jahre verschwindet? Das macht keine Vorfreude.

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81_Im kryptonischen Schiff aus „Man of Steel“ gab es eine offene Bio-Kapsel. Die Begleit-Comics zum Film zeigten, dass Kara Zor-El damit zur Erde kam – Clarks Cousine, Supergirl. Die „Supergirl“-TV-Serie scheint mir ein Universum für sich (zusammen mit „Arrow“, „The Flash“, „Vixen“). Heißt das, wir sehen Supergirl, im Lauf der nächsten DC-Filme? War Supergirl „offiziell“ in dieser Kapsel – und wird das wieder Thema?

82_Ich bin nicht sicher, warum Clark das Schiff Zods nicht benutzt – zum Beispiel, um Daten über 100.000 Alien-Zivilisationen (!) einzusehen. Auch Datenkrake Batman hätte wohl Interesse. Stattdessen darf Lex ins Schiff und sich, ohne Widerstand oder Kontrolle, ein Wesen klonen (…heißt das: Wer immer Zugang zum Schiff hat, hat eine Art Klon-, Monster- und Lazarus-Grube?). Auch in den Comics klont Lex immer wieder, z.B. Bizarro. Dass Lex sein eigenes Blut benutzt, erinnert mich an Superman Tod in den Comics: Dort erschafft er einen Superboy – mit Überresten Clarks und seiner eigenen DNA. Superboy hat zwei Väter – Lex und Clark.

83_Sah man Michael Shannons Hintern, als Lex Zods Leiche ins… Gebärmatrix-Wasser zog? Ich machte während des Films Notizen – und sah nicht hin. (Dasselbe mit Amy Adams Brustwarzen, in der Badewanne.)

84_Meine beiden größten Logik-Löcher: Clark hält Batman auf, als er das Kryptonit aus Luthors Truck stehlen will – doch schaut nicht nach, was Bruce eigentlich sucht, im Truck? Clark nutzt an keiner Stelle den Röntgenblick? Und: Dieser „Martha“-Unsinn! Als in den ersten 10 Minuten der Name „Martha“ fiel, dachte ich noch: „Jetzt müssen die Autoren aufpassen, dass Martha Kent nicht auch beim Vornamen gerufen wird – sonst wird es schnell verwirrend.“ Dass a) Superman keine Chance nutzt, um Bruce von der Entführung zu erzählen, aber b) „Martha“ zum Zauberwort wird, das Bruce sofort zum Zuhören, Nachfragen bringt, ließ mich kalt.

85_Als Journalistin hat Lois, wie gesagt, dieses Mal mehr Glück als Verstand. Dass sie den Kryptonit-Speer ins Wasser wirft und einige Minuten später beim Versuch, ihn zu bergen, fast ertrinkt, lässt viele Menschen die Augen rollen: Lois als ineffektives Faux Action Girl, das mehr Probleme schafft als löst.

86_Clark versucht gar nicht, Martha zu finden – sie ist nicht mal geknebelt: Könnte er sie hören? Alfred kann das Handy des Russen binnen Sekunden orten? Das hätte Lex absehen müssen. Warum erschießt niemand Martha, während Bruce minutenlang mit Handlangern kämpft? Und: Wozu ein Flammenwerfer – statt einer einfachen Pistole?

87_Muss man die unbewohnte Insel in der Bucht von Metropolis „Stryker’s Island“ nennen? In den Comics ist dort ein Alcatraz-artiges Gefängnis. So macht Namedropping keinen Spaß – weil die Bezüge fehlen. Und: eine Atombombe so nah an der Stadt – ist das kein Riesenproblem? (Die selbe Frage stellte ich mir schon bei „The Dark Knight Rises“.)

88_Warum „Gotham Free Press“ statt, wie in den Comics, „Gotham Gazette“? Und: ein Football-Spiel zwischen Metropolis und Gotham wurde gedreht – doch im Film sah ich nichts davon. Was wurde aus der (recht aufwändig klingenden) Szene? Auch hier: Warum „Gotham City University“ gegen „Metropolis State“ – statt etablierte Mannschaften wie „Gotham Wildcats / Titans / Rogues“ gegen „Metropolis Metros“ und „Metropolis Meteors“? Das selbe gilt für etablierte Straßennamen und Viertel in Gotham und Metropolis: Warum nicht auf dem World Building der Comics aufbauen?

89_Das Batsignal steht auf einem leerstehenden Gebäude? Wer bedient es? Hätte Batman, wie in den Comics, gute Kontakte zum Gotham City Police Department, wäre die „Batman v. Superman“-Story komplexer: Dass Bruces Rolle als Staats-Helfer ausgespart wird, macht die Fronten klarer. Was tat Batman 20 Jahre lang für Gotham? Die meisten Leute nennen ihn immer noch „Die Fledermaus“ – und wissen nichts.

90_Wonder Woman, Diana Prince: Antiquitätenhändlerin. Kein Wunder, dass Bruce an Catwoman denken muss – und sagt: „I’ve known a few women like you.“ Muss Diana so klar Bruces Beuteschema, Frauentyp entsprechen? Vor 2011 herrschte in den Comics (etwas) sexuelle Spannung. Seit 2011 spielen alle Geschichten in einer neuen Welt, in der Lois und Clark niemals ein Paar waren – und Clark stattdessen Diana dated. In den Filmen will ich Diana bitte nicht als Trophäe, Belohnung, Zankapfel sehen.

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91_Zu Beginn und zum Ende: eine Beerdigung. Doch auch hier: Bookends/Klammern ohne tieferen, intelligenten Bezug. Ich halte Supermans Tod für verschenkt: Ich las die „Death and Return of Superman“-Storyline (als Roman) mit 14, 1997 – und weiß, wie viel es erzählen gäbe über eine Welt, die Superman verlor und sich neu orientieren muss.

92_Genauso mag ich das „Batman“-Crossover „No Man’s Land“: Nach einem Erdbeben ist Gotham abgeschnitten, die Brücken werden gesprengt. Dass „The Dark Knight Rises“ einem Millionenpublikum riesige Szenen im „No Man’s Land“-Stil zeigte, machte mich froh. Doch natürlich hätte ich lieber „No Man’s Land“ selbst im Kino gesehen. So geht es mir mit Doomsday – und Supermans Tod: Ist diese kümmerliche Spar-Version besser als nichts? Oder der Grund, dass jetzt die nächsten 20 Jahre lang keine echte Adaption kommen kann – weil die Story frisch verheizt wurde?

93_Auf DVD wird der „Batman v. Superman“ länger und brutaler. Dann taucht auch Jena Malone auf – als Barbara Gordon (…und Batgirl?). Schade, dass sie in der Kino-Version fehlt. Doch große Hoffnungen auf eine interessante Figur, viel Tiefgang habe ich nicht.

94_Statt „vs.“ heißt der Film „v.“ – weil US-Justizfälle „v.“ zwischen streitende Parteien setzen, kein „vs.“: Das „v.“ klingt würdevoller, juristischer. Der Film jedoch zeigt kaum Debatten, klugen Austausch zwischen den Parteien – sondern bleibt eine „versus“-Prügelei, ohne klug clashende Ideologien, Argumente.

95_Mit einem Gegner, der sprechen kann, hätte das Finale mehr Substanz. Zehn, fünfzehn Minuten Doomsday, Blitze, Geschrei, Atombomben, Trümmer, finstere Blicke und Wonder-Woman-Kriegstrommeln machten mir keine Freude.

96_Im Finale von Märchen-, Disney- und Kinderfilmen bricht der Held oft scheintot zusammen – doch wird nach ein paar traurigen Sekunden wachgeschüttelt, wachgeküsst, schlägt plötzlich wieder die Augen auf. TV Tropes nennt das „Disney Death“ – und „Batman v. Superman“ hat, unwürdig für einen „erwachsenen“ Film, gleich zwei dieser schäbigen Beinahe-Tode im Finale: Lois, fast ertrunken. Und Clark, fast beerdigt.

97_Nichts wäre eskaliert, hätten die Helden schnell genug miteinander gesprochen. Ich war kein Fan des „Civil War“-Comic von Marvel, bei dem Captain America und Iron Man einen ähnlichen Riesen-Streit beginnen. Die Verfilmung startet am 28. April 2016. Ich hoffe, das wird psychologischer, politischer, klüger.

98_Und jetzt? 2016: „Suicide Squad“ (DC) sowie „Doctor Strange“ (Marvel). 2017: „Wonder Woman“, „Justice League“ (DC) sowie „Guardians of the Galaxy 2“, „Spider-Man“, „Thor 3“ (Marvel). 2018: „The Flash“, „Aquaman“ (DC) sowie „Black Panther“, „Avengers 3“, „Ant-Man 2“ (Marvel). 2019: „Shazam“, „Justice League 2“ (DC) sowie „Captain Marvel“, „Avengers 4“, „Inhumans“ (Marvel), und 2020: „Cyborg“ und „Green Lantern Corps“ (beide DC) – außerdem drei weitere „Batman“-Filme mit Ben Affleck. Uff.

99_Niemand hat einen Grund, diesen Film zu sehen. Wer die Figuren mag, findet bessere Comics. Wer die Figuren nicht mag, wird nach „Batman v. Superman“ noch weniger Respekt, Interesse an ihnen haben.

100_Torsten Dewi hält den Film für viel misslungener. Ich teile seine Argumente nicht. Doch mag die Einleitung: „Ein Film, so inkohärent, so qualitativ wie emotional wackelig, dass sich darin kein gerader Review-Faden finden lässt. [Mein Text wird] ein Text des ‚leider, aber immerhin‘ und des ‚wenigstens, aber dann wieder'“

Ja. Leider. Aber immerhin.

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  • [dachte noch jemand, als Bruce und Clark das Abbruch-Haus verwüsteten, an die „Spike und Buffy haben Sex im Abbruch-Haus – und verwüsten es dabei“-Szene aus Staffel 6? #BvS #BtVS]

Deutschlandradio Kultur - Batman v Superman, Stefan Mesch Foto

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Update, 28. März: Freund X sah den Film – und mailte mir Anmerkungen (großartig!):

  • Flammenwerfer für Martha: Lex sagte, Martha sei eine Hexe, und Hexen müssen brennen.
  • Der Atomsprengkopf explodierte im All, nicht auf Stryker’s Island.
  • Viele Gebäude in Metropolis befinden sich im Wiederaufbau.
  • Die „Brandmarkung durch Batman stellt ein Todesurteil dar, da die so Markierten im Gefängnis zu Tode misshandelt werden.“
  • „Als Michael Shannon ins Wasser gezogen wird, überdeckt der Arm Lex Luthors sehr geschickt Zods Penis.“

und: „Ich hätte übrigens gedacht, dass Alien-Technologie schlauer ist und sich nicht von aufgepappten Fingerkuppen überlisten lässt.“

Batman v Superman: Buchtipps, Comic-Tipps, empfohlene Graphic Novels

batman vs. superman, graphic-novel-empfehlungen, buchtipps

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Am 22. März spreche ich bei Deutschlandradio Kultur über Batman versus Superman:

Im Magazin ‚Lesart‘, kurz nach 10 Uhr – auch zum Nachhören auf der Website.

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Heute: Comics zu Batman, Superman, der Justice League und Wonder Woman.

Klassiker und Geheimtipps, aktuelle Bestseller – und Ideen für Neueinsteiger.

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drei überraschend gute Listicles/Klickstrecken zum Einstieg:

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DC- (und Marvel-)Comics erscheinen meist als monatliche Serien. Ein Heft hat 20 bis 30 Seiten; und einige Monate später erscheinen die Handlungsbögen als Sammelband/Trade Paperback/“Graphic Novel“ noch einmal gebunden – meist etwa sechs Hefte. Solche 8 bis ca. 20 Euro teuren Bände stehen oft (halbwegs) für sich allein und erzählen eine (recht) geschlossene Geschichte.

Die „ganze“ Geschichte versteht man erst, wenn man alle denkbaren Heftreihen parallel liest – über 50 pro Monat. Doch niemand hat diesen Komplett-Überblick, und weil die Reihen und ihre Sammelbände oft überraschend schwanken (z.B. auch, weil Zeichner*innen und Autor*innen oft wechseln), will/kann ich keine Aussagen machen wie „‚Wonder Woman‘ ist eine gute Serie. Lest die ‚Wonder Woman‘-Sammelbände!“

Band 1 bis 6 sind sehr gut. Band 7 und 8 nicht mehr.

Viele der folgenden Empfehlungen haben Vorgänger- und Nachfolge-Bände und -Kapitel. Nicht alles erklärt sich sofort, und fast jede Geschichte hat diverse Vorgeschichten und Verweise auf frühere Verwicklungen. Neueinsteiger werden manchmal rätseln. Schlingern. Stolpern. Das gehört dazu – und macht oft Spaß. Im Notfall gibt es Fan-Seiten. Und sehr ausführliche Wikipedia- und TV-Tropes-Einträge zu allen Figuren und bisherigen Plots.

Ist der jeweilige Heft-Autor klug, sind auch Superman, Batman, Wonder Woman klug, sympathisch, überraschend komplex. Bei schlechten Autoren wird es schnell platt, brutal und plakativ.

Mitunter aber werden diese Figuren meisterhaft erzählt.

Hier sind Klassiker, Neuerscheinungen und persönliche Highlights:

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Es gibt gute Kinder-Comics wie „Superman Family Adventures“. Gute Jugend-Trickserien wie „Young Justice“. Guten Comedy-All-Ages-Quatsch wie „Teen Titans Go“, „Tiny Titans“ und „Little Gotham“. Und es gibt – wenige – Graphic Novels und Bildbände, die man mit Neun-, Zehn-, Elfjährigen lesen kann. Einfache, in sich geschlossene Geschichten, in denen Helden vorgestellt und stimmig inszeniert werden. Meine Favoriten:

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1 – DC Helden

Superman Batman DC Helden

[Link] …von Paul Dini, Zeichnungen (nein: Gemälde!) von Alex Ross:

Fünf großformatige, kurze, bildlastige Helden-Portraits als wunderbarer Sammelband. Je eine – recht menschliche, gefühlvolle – Begegnung mit Superman, Batman, Wonder Woman, Captain Marvel/Shazam, dazu ein Abenteuer der Justice League und eine Handvoll weiterer Helden-Kurzbiografien. Ein Bilderbuch. Ein Coffee Table Book. Ein Buch zum Verschenken – und Staunen. [Hier die US-Ausgabe.]

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2 – Trinity

superman batman trinity

[Link] …von Matt Wagner:

Eine recht kurze, etwas simple/kindische Geschichte über die ersten Begegnungen von Superman, Wonder Woman und Batman. 50er-Jahre-Atmosphäre – charmant, für Kinder und Kindsköpfe. Im Gegensatz zu Tipp 1 kein Buch, für das ich viel Geld ausgeben würde.

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3 – Superman for all Seasons …und Batman: The Long Halloween

Superman Batman Superman for all Seasons

Superman: Link

Batman: Link

…von Jeph Loeb, Zeichnungen von Tim Sale:

Atmosphäre! Details! Charakter-Szenen! Jeph Loeb, später Autor bei der zunehmend schrecklichen TV-Serie „Heroes“, ist manchmal überdeutlich, langsam, dumpf-vorgestrig. Doch diese beiden abgeschlossenen Geschichten aus den Anfangsjahren von Superman und Batman reißen mit… und rühren. Keine Vorkenntnisse nötig.

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Landei gegen Milliardär. Alien gegen Mensch. Kraft gegen List. Licht gegen Schatten. Superman und Batman haben viel gemeinsam – doch entscheidende Unterschiede. Drei Comics, die solche Unterschiede und die komplizierte Freundschaft der beiden Helden genauer beleuchten – mal psychologisch, mal nur als große Keilerei:

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4 – Superman/Batman: Supergirl

Batman v Superman, Supergirl

[Link] …von Jeph Loeb, Zeichnungen von Michael Turner:

Eine Jugendliche strandet in einer Rettungskapsel in Gotham City… und sagt, sie sei Supermans Cousine. Clark Kent ist hingerissen. Bruce Wayne misstrauisch. Eine simple, aber sehr schmissige Mainstream-Geschichte, die sich viel Zeit nimmt, die Unterschiede zwischen Bruce und Clark zu beleuchten. Ein Minuspunkt: Supergirl sieht aus wie Paris Hilton – die Zeichnungen wirken schäbig, oversexed. Und obwohl die von Jeph Loeb begonnene „Superman/Batman“-Heftreihe zwölf Sammelbände füllt… ist das hier der einzige (halb-)gute.

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5 – The Dark Knight Returns

Batman v Superman, Dark Knight Returns

[Link] …von Frank Miller, Zeichnungen von Klaus Janson

Ein düsterer, medienkritischer, energisch gezeichneter Klassiker von 1986: Batman als alternder, einsamer Kämpfer. Superman als tumber amerikanischer Hurrapatriot, eine Marionette der neoliberalen Regierung. Bombenhagel, Straßenschlachten, Punks, Slums, zynische Talkshows. Autor Frank Miller ist heute Islamhasser/Rechtspopulist. Sein Batman ist ein Wutbürger, der drischt und knurrt. Ich mochte den Comic – und kann verstehen, warum er als Klassiker gilt. Doch ich glaube, „Meisterwerk“ jubeln hier nur Sechzehnjährige, die glauben, alles über dumme Medien, dumme Wähler, die scheinbar gar-so-dumme Welt verstanden zu haben: Sozialkritik auf dem Niveau der „Robocop“-Fime. [Seit Herbst 2015 erscheint eine (weitere) Fortsetzung, „The Dark Knight 3: The Master Race“.]

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6 – JLA: Tower of Babel

Batman v Superman, Tower of Babel

[Link] …von Mark Waid, Zeichnungen von Howard Porter:

Die „JLA“-Comics ab 1997 waren große Bestseller und sind bis heute absurd beliebt. Ich las die Reihe 2008 – und bereits damals schien der Tonfall gestrig: simple Figuren (jeder hat nur ein, zwei Charakterzüge), unterkomplexe Debatten. Der einflussreichste Band zeigt, wie Batmans Erzfeind Ra’s al Ghul alle Helden erfolgreich attackiert. Bis Batman klar wird: R’as benutzt geheime Strategien, die Batman selbst erarbeitet hat – um im Notfall all seine Freunde vernichten zu können. Batmans Paranoia wird zur Gefahr fürs Team. [Ein wichtiger Moment. Doch die Idee ist besser als ihre flaue Umsetzung.]

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Superman, Batman, Wonder Woman, The Flash, Green Lantern, Aquaman und andere Helden sind – schon seit 1960 – die Justice Leage: ein Superheldenteam mit komplizierter Geschichte und, Seite für Seite: zu vielen Köchen, Kräften, Baustellen, Erzählfäden. Justice-League-Comics sind selten gelungen. Denn auf 20 monatlichen Seiten ist Platz, drei, vier Figuren zu beleuchten. Doch keine sieben und mehr. Und alle Gegner. Im schlimmsten Fall sind „Justice League“-Comics ein fades, flaches Durcheinander. Im besten Fall: ein überfrachtet überambitioniertes, wahnwitziges, tolles Durcheinander. Highlights… mit viel zu vielen Helden. Zu vielen Bällen, wild und wirr jongliert:

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7 – Injustice: Gods among us, Jahr 1

Batman v Superman, Injustice - Gods Among Us

[Link] …von Tom Taylor und wechselnden Zeichnern.

Als der Joker Metropolis zerstört, verliert Superman alle Beherrschung – und sein Vertrauen in die Welt: Er wird Despot und sorgt für Frieden durch Überwachung und Kontrolle. Batman, Green Arrow und viele überraschende Figuren wie Harley Quinn versuchen, Superman ins Gewissen zu reden. Doch im Lauf von fünf Jahren schaukelt sich der Konflikt immer weiter hoch. Jahr 1 (von 5) ist wundervoll – eine intelligente, düstere, politische Was-wäre-wenn-Geschichte, von Tom Taylor überraschend witzig, warmherzig und liebevoll erzählt. Ab Jahr 3 wechselt der Autor, und die Schachzüge, Tricks zwischen Batmans und Supermans Gefolge werden recht beliebig. Trotzdem: die unterhaltsamste und klügste Team-Reihe der letzten Jahre!

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8 – Justice League: The Injustice League

Batman v Superman, Injustice League

[Link] …von Geoff Johns und wechselnden Zeichnern, u.a. Doug Mahnke:

Seit dem DC-Neustart von 2011 gehört Geoff Johns‘ „Justice League“ zu den größten Publikumserfolgen. Doch erst Band 6 nimmt sich viel Zeit für Figurenentwicklung, Mit- und Gegeneinander, Grundsatzdebatten: Lex Luthor ist (nach den Ereignissen des nicht-lesenswerten Crossovers „Forever Evil“) Teil der Liga und inszeniert sich als Retter.  Schon in Band 7 wurde mir alles wieder… zu haudrauf. Doch hätte ich mit 13 „Injustice League“ gelesen, ich hätte wochenlang nachgedacht – über diese geheimnisvollen, verwirrenden Helden, und ihre komplizierten Konflikte.

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9 – Smallville

Batman v Superman, Smallville

[Link] …von Bryan Q. Miller, wechselnde Zeichner:

Auch hier: Ein überraschend liebevolles, witziges, charakterstarkes Mainstream-Helden-Epos. Die „Smallville“-TV-Serie habe ich nie verfolgt. Egal. Nicht nötig! Ich mag, wie viel Zeit sich Miller für Wortwitz und schöne Freundschafts- und Romantik-Momente lässt und las die ersten sechs Sammelbände (Tiefpunkt: Band 2, Highligh: Band 5), doch verlor später, kurz vor Ende der Reihe, das Interesse: Statt Lois, Clark, Lex Luthor tauchen bald alle denkbaren DC-Helden und -Schurken auf – viel zu wahllos, viel zu schnell. Eine Parallelwelt zu den gängigen DC-Reihen… die sich zu schnell an diese gängigen Reihen annähert. Nein: anbiedert.

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Seit 2011 erschienen leider kaum noch gute Superman-Comics. Batman-Reihen dagegen werden beliebter – und haben die besseren Zeichner und Autoren. Die Serien „Detective Comics“ und „The Dark Knight“ blieben holprig; auch „Batman & Robin“ hat immer wieder Mühe. Doch Scotts Synders Projekte – „Batman“, „Batman Eternal“, „Batman & Robin Eternal“ – sowie „Batgirl“, „Batwoman“ und „Gotham Academy“ zeigen: Nie geschah so viel Interessantes in Gotham, so schnell, für so viele interessante Figuren. Mich stört nur, dass Bruce Wayne immer plumper als Genie und Übermensch gezeigt wird: Muss er über alles triumphieren? Immer?

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10 – Batman: The Court of Owls

Batman v Superman, Court of the Owls

[Link] …von Scott Snyder, Zeichnungen von Greg Capullo:

Ein Blockbuster – dramatisch, düster, voller Superlative, High-Tech-Waffen, überlebensgroßen Heldentaten und wahnsinnigen Super-Super-Superschurken: Band 1 und 2 erzählen den Kampf Batmans gegen einen Geheimbund mitten in Gotham City. Band 3, 6 und 7 drehen sich um den Joker – und langweilten mich: viel Nervenkitzel, viel Blut, aber kein stimmiges Ende. Band 4 und 5 sind besonders einsteigerfreundlich: Sie zeigen die Zeit, in der Bruce Wayne zu Batman wird – und seine ersten Abenteuer in Gotham. Deshalb: 1, 2, 4, 5. Oder 4, 5, 1, 2. Und: nicht zu lange nachdenken, warum Bruce Wayne in jedem Sammelband ca. drei Gespräche über bahnbrechenden High-Tech-Gadget-Prototypen-Unsinn führen muss. #sinnlosesuperlative #sinnloseshightech

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11 – Batman: Superheavy

Batman v Superman, Batman Superheavy

[Link] …von Scott Snyder, Zeichnungen von Greg Capullo:

Band 8 derselben Reihe stellt alles auf den Kopf. Commissioner Gordon rasiert sich den Schnurrbart ab, geht trainieren und wird zu Batman, in einer Roboter-Rüstung [im Stil von ‚Iron Man‘]. Die Idee ist hanebüchen, sympathisch frech und irritierend – und ich dachte lange: Wenn ich alle anderen Batman-Comics vorher lese/aufarbeite, die Vorgeschichte hierzu sehr gut kenne, überrumpelt mich das weniger. Doch es überrumpelt so oder so. Deshalb: Einfach los! Ohne Googeln, Vorbereitungen, lange Recherche: ein seltsames, frisches, originelles Kapitel.

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12 – Batman Eternal

Batman v Superman, Batman Eternal

[Link] …von u.a. Scott Snyder, James Tynion IV und wechselnden Zeichnern:

Seit 2006 versucht DC immer wieder wöchentliche Heftreihen. Doch bisher überzeugte mich nur die erste, „52“. „Batman Eternal“ zeigt eine (schein-)komplexe, überfrachtete Verschwörung, die sich durch alle Figurengruppen Gothams zieht. Solide Dialoge, viel Abwechslung, oft überraschend gut gezeichnet: ein Mainstream-Batman-Comic, der alle Aspekte von Batmans Welt anreißt… aber kaum etwas überzeugend auserzählt. Für fünf, sechs Hefte am Stück fühle ich mich immer blendend unterhalten. Dann denke ich wieder: eine Aufzählung, Reihung, Gebetsmühle – Namedropping, Anspielungen, Cameos. Drei Schritte seitwärts. Zwei zurück. Macht süchtig – wie eine nicht-sehr-gute, aber rasante Soap.

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Batman und Superman hatten mehrere TV-Serien und Kinofilme. Ihre Städte, Gegner, Liebes- und Vorgeschichten sind bekannt. Wonder Woman ist genauso alt – doch immer wieder wird ihr Hintergrund verändert: eine tolle Figur – der oft die tollen Autoren fehlen. Anders als Superman aber, mit dem sie ab 2012 liiert war, hat sie auch in den letzten Jahren gute Geschichten. Für Einsteiger, nur zwischendurch: Band 3 von „Sensation Comics“ – charmante, kurze Episoden. Die drei maßgeblichen „Wonder Woman“-Autoren und Sammelband-Reihen:

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13 – Wonder Woman (New 52, Band 1 bis 6)

Batman v Superman, Wonder Woman

[Link: 6 Bände] …von Brian Azzarello, Zeichnungen von Cliff Chiang:

Diana muss eine junge Schwangere beschützen – vor dem Zorn der Götter, sechs Sammelbände lang. Simple, aber stilsichere Zeichnungen. Kluge, schnippische Dialoge und Figuren. Nur Wendungen hat diese Odyssee durch London und die antike Unterwelt fast keine; und zwischen den pompösen griechischen Gottheiten wirkt Diana zu oft wie eine machtlose, zufällige Randfigur. Ich kenne keine zweite Mainstream-Comicreihe aus den letzten Jahren, die 30 Hefte lang auf gleichbleibend hohem Niveau eine schlüssige, anspruchsvolle Geschichte erzählte. Respekt! Doch der letzte Funke… fehlt.

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14 – Wonder Woman (1987)

Batman v Superman, Wonder Woman Perez

[Link] …von George Perez (Text und Zeichnungen):

Ein Klassiker – zeitlos, aber unfassbar achzigerjahrig. In bisher vier Sammelbänden (mehr Material muss noch neu aufgelegt werden) erzählt George Perez die Anfänge, ersten Schritte von Diana jenseits ihrer Amazonen-Heimat. Alles ist überfrachtet, pomadisiert, verschnörkelt, barock. Und trotzdem so charmant, sich-selbst-und-seine-Figuren-ernst-nehmend, dass man bis heute mit Genuss lesen kann.

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15 – Wonder Woman, „Identity Crisis“, „Infinite Crisis“

Batman v Superman, Identity Crisis

[Link] …von Greg Rucka (meinem Lieblings-Comicautor), Geoff Johns und vielen anderen:

Seit 2003 war Wonder Woman vor allem Diplomatin. Doch musste trotzdem hin und wieder in den Hades steigen, oder eine Medusa duellieren. Eine moderne, kultivierte Frau – in archaischen Rollen, tragischen globalen und persönlichen Konflikten. Rucka schrieb zur selben Zeit auch „Superman“-Comics, und beide Reihen mündeten in einem (großartigen) Justice-League-Crossover, „Identity Crisis“ und, 2006, einem Knall namens „Infinite Crisis“. Ich habe hier [Link, Punkt: ‚Identity Crisis, 2005‘] aufgeschrieben, in welcher Reihenfolge diese fünf bis ca. 15 Bände am meisten Spaß machen.

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Einige Reihen unterhalten, interessieren, begeistern mich seit einer Weile – haben aber noch keinen Abschluss. Vier Tipps, zu denen ich mir noch kein abschließendes Urteil bilden kann. Schade, dass diese Bände nicht schon jetzt, zum Filmstart, komplett in Buchläden bereit liegen:

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16 – Superman: Earth One

Batman v Superman, Earth One

[Link] …von J. Michael Straczynski, Zeichnungen von Shane Davis (Band 1 und 2) und Ardian Syaf (Band 3):

Die „Earth One“-Buchreihe erzählt abgeschlossene Geschichten in einer neuen, alternativen Realität. Weil Clark Kent auf dem Cover von Band 1 einen Hoodie trägt, rechneten Zyniker mit einem „‚Twilight-Clark‘, ‚Emo-Clark‘, ‚Boygroup-Clark'“ – doch tatsächlich ist „Earth One“ eine konventionelle, souveräne Origin Story. Wer Superman mag, wird diese Parallelwelt-Version gerne akzeptieren. Wer nichts über Superman weiß, findet sich sofort zurecht. Nicht progressiv. Aber angenehm professionell, besonders im Vergleich zu vielen monströs schlechten Superman-Sammelbänden der letzten Jahre. [„Batman: Earth One“ ist ebenfalls solider, zugänglicher Mainstream – doch langweilte mich schneller. Grant Morrisons“Wonder Woman: Earth One“ erscheint im April 2016 – aber hat furchtbare erste Kritiken.]

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17 – Superman: American Alien

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[Link] …von Max Landis; der Zeichner wechselt mit jedem Heft/Kapitel:

Max Landis, Sohn von Horror-Regisseur John Landis, ist ein sympathischer Nerd und Schwätzer, der u.a. 2012 ein unterhaltsam polemisches Video drehte über die „Death and Return of Superman“-Storyline Anfang der 90er Jahre. Seitdem schreibt er gelegentlich für DC – mit Respekt vor den Figuren, Talent und Lust, Erwartungen zu überrumpeln. Von sieben Heften „Superman: American Alien“ sind bislang fünf erschienen. Alle haben einen anderen Zeichenstil und eine radikal andere Grundstimmung – aber alle machen Spaß. Mich stört nur, dass in jedem Heft zwei, drei Figuren genauso selbstverliebt und langatmig palavern… wie Landis selbst. Max? Dein Lex Luthor klingt wie jemand, der Youtube-Videos über Heldencomics dreht.

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18 – The Legend of Wonder Woman

Batman v Superman, Legend of Wonder Woman

[Link] …von Renae de Liz, Zeichnungen von Ray Dillon:

Manchmal sind Comics halbkompetent geschrieben, erzählt – doch laugen mich nach wenigen Seiten aus: Figuren aus „The Walking Dead“ sagen zu viele Dinge dreimal. Ihre Sprechblasen sind überfüllt, die Dialoge hölzern. Auch „The Legend of Wonder Woman“ krankt an solchen unpräzisen, öden Geschwätzigkeiten. Alle Frauen hier sehen aus wie Disney-Prinzessinnen. Doch kindgerecht ist die Geschichte über Dianas erste Jahre als Kriegerin und Diplomatin trotzdem nicht: Kein Kind hätte Nerven für so langatmiges Geblubber. Solide Geschichte. Aber: uff. Kürzt diese Paraphrasen!

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19 – Lois and Clark

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[Link] …von Dan Jurgens, Zeichnungen von Lee Weeks:

Altmodische Zeichnungen, altmodische Rollenbilder, ein altmodischer – und deutlich älterer – Superman, glücklich verheiratet mit Lois Lane, Vater eines Sohnes: Zwischen 1986 und 2011 erlebten alle DC-Figuren wichtige Entwicklungen. Doch seit 2011, mit dem Neustart-Slogan „The New 52“, sind viele dieser Geschichten hinfällig/nie passiert. Lois und Clark waren (in der Realität der Comics seit 2011, auch rückwirkend) nie ein Liebespaar – und leben heute in den Reihen „Superman“ und „Action Comics“ spröde nebeneinander her. Autor Dan Jurgens aber bringt ihre alten Versionen, das Liebespaar von 86 bis 2011, in die New-52-Realität. Geschichten im alten Stil – in der kühleren, schrofferen Erzählgegenwart. Simpel, aber mit viel Herz. Mich stört nur, wie verhältnismäßig schwach Lois Lane agiert – als Provinz-Mutti statt Pulitzer-Journalistin.

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Es gibt zwei Dutzend weitere aktuelle Heftreihen/Sammelbände, die auf den Kinofilm einstimmen könnten: „Aquaman“ und „Cyborg“, „Superman/Wonder Woman“, „Batman/Superman“, „Superman“, „Action Comics“, etliche „Batman“-, Team- und „Justice League“-Reihen… doch nichts davon las ich seit 2011 mit besonderer Freude. Tom Taylors „Earth 2“ hatte zwei Sammelbände lang sehr gute Kritiken (1) (2), doch der konventionelle Zeichenstil stieß mich ab.

 

Batman vs. Superman: The Greatest BattlesIm Dezember 2015 erschien der Sammelband „Batman vs. Superman: The Greatest Battles“ – eine solide Auswahl und, wie alle DC-Themen-Sammelbände, grundsätzlich empfehlenswert. Persönlich werde ich schnell müde beim Lesen solcher Comic-Anthologien: Die alten Comics, 40er bis 70er Jahre, sind kindisch und träge. Und die Kapitel, die man neueren Story-Arcs entrissen hat, wirken wie Stückwerk, zusammenhanglos: Ich lese das – und möchte jedes Mal ganze Sammelbände öffnen. Statt von Fragment zu Fragment, Episode zu Episode zu springen. Trotzdem: vorsichtige Empfehlung – zumal nur Szenen ab 1986 nachgedruckt wurden.

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Superman: „Man of Steel“ – Comic-Empfehlungen

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Seit 2008 las ich knapp 100 „Superman“-Sammelbände. Clark Kent ist einer meiner Lieblingsmenschen, Lois Lane eine der sympathischsten, spannendsten Frauen der Popkultur… und obwohl viele „Superman“-Comics Probleme, Hänger, Schwächen haben, fand ich in 75 Jahren „Superman“ einige große Klassiker, Highlights und Geheimtipps.

Heute, zum Kinostart von „Man of Steel“:

10 Empfehlungen für Neueinsteiger.

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Superman for all Seasons (1998)

Ein Findelkind aus einem abgestürzten Raumschiff. Die schläfrige Nostalgie einer Landjugend in Smallville, Kansas. Ein junger Mann mit ungeheuren Kräften, plötzlich alleine in der großen Stadt. Und eine Reporterin, Rivalin, forsche Kollegin – umworben von einem zwielichtigen Milliardär:

Keine Helden-(Vor-)Geschichte wird so oft neu erzählt wie Clark Kents Jugend und Erwachsenwerden, Clarks Sprung von Smallville nach Metropolis, erste Konflikte mit Lex Luthor und Lois Lane. Doch Charme, Schwung, erzählerische Eleganz solcher “Wie alles begann”-Comics waren nie größer als in “Superman for all Seasons”, einem zeitlosen, schlichten Vierteiler: Die wenigsten Heldencomics machen auch ohne Vorwissen großen Spaß, scheren sich um Einsteiger, neue Leser. “Superman for all Seasons” will neue Leser hofieren. Hinreißen. Anfixen. Verführen! Große Empfehlung.

wer zeichnet / schreibt? Tim Sale zeichnet im Noir-Stil der vierziger Jahre: tiefe, suggestive Schatten, Art-Deco-Wolkenkratzer, Clark stiernackig und aufgebläht, Lois Lane als kindliche Femme Fatale. Bis Mitte der Nuller-Jahre veröffentlichten Sale und Autor Jeph Loeb gemeinsam eine ganze Reihe moderner Klassiker (Empfehlungen bei DC Comics: “Batman: The Long Halloween”, “Catwoman: When in Rome”). Erst heute ist Loeb – u.a. als Marvel-Fließbandschreiber und Produzent der biederen TV-Serie “Heroes” – recht verhasst: Die Luft ist raus. Der Charme ist fort.

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mehr davon:

Grant Morrisons “All-Star Superman” (2005) hat einen ähnlichen Breitbild-Stil, will Leser Staunen machen und verwundern – war mir persönlich aber viel zu angestrengt, wirr, gernegroß.

In “Superman: Kryptonite” (2007) zeigen Darwyn Cooke und Tim Sale eine etwas behäbige, dröge Monster-Geschichte: die selbe Optik, aber erzählerisch banaler.

Auch Mark Waids “Superman: Birthright” (2004) zeigt Clarks Jugend und die ersten Abenteuer in Metropolis: viel Lois Lane, viele kluge Fragen, gut gezeichnet. Solide!

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Superman: Secret Identity (2004)

“Clark Kent? Aus Kansas?” Alle lachen über den High-School-Außenseiter, dessen Eltern ihn nach einem Comic-Trottel tauften. Denn “Secret Identity” spielt nicht in der gewohnten DC-Welt von Batman, Wonder Woman, Superman usw., sondern in “unserer” Realität: Ein junger Mann, benannt nach Supermans geheimem Ich, hadert mit den Erwartungen, die der Name “Clark Kent” mit sich bringt – und muss entscheiden, welche Rolle er in einem Alltag spielen will, der anderen Gesetzen gehorcht als in den Superhelden-Comics.

“Superman: Secret Identity” hat alle Wucht, Herz und Idealismus der Filme von Frank Capra. Ein Alltagsmärchen übers Held-Sein und Erwachsenwerden, persönliche Vorbilder und erste, unerhörte Schritte: Für diese abgeschlossene, klug (!) sentimentale Graphic Novel ist kein Vorwissen nötig. Eine stille, zeitlose Liebes- und Familiengeschichte; Denkmal zur Doppelrolle Clark / Superman. Ein Comic über Comics. Ihre Helden. Und ihre Leser.

wer zeichnet / schreibt? Zeichner Stuart Immonem hatte anderswo (z.B. in Marvels “Nextwave”) mehr Schwung. Autor Kurt Busiek dagegen war nie so gut wie hier: Seit 20 Jahren schreibt er hin und wieder “Superman”-Geschichten. Immer mit dem Herz am rechten Fleck, gutem Verständnis der Figuren. Schade, dass sein größter Wurf trotzdem eine Anomalie blieb: in Busieks Karriere. Und im Verlagsprogramm von DC.

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mehr davon:

Kurt Busieks “Superman: Up, up and away” (2007) ist ein normaler Helden-Comic, kompetent gezeichnet und erzählt, einsteigerfreundlich, charmant… aber ohne tiefere erzählerische Ambition.

Steven T. Seagles autobiografische Alltags-Graphic-Novel “It’s a Bird…” (2004) fragt, was Superman kulturell bedeutet. Wofür er steht. Leider bleibt ein halbgares, unfertiges, dümmliches Buch – voll trüber, nahe liegender Antworten.

Kansas-Kitsch, High-School-Herzschmerz, amerikanische Farmer-Nostalgie? Geoff Johns’ “Superboy: The Boy of Steel” (2011) wäre Comic-Massenware. Doch Zeichner Francis Manapul holt das Äußerste aus dem Setting: ein Zwischendurch-Comic, der große Sehnsucht macht – nach Maisfeldern, Apfelkuchen, Teenager-Sein.

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The Superman Chronicles: Volume 1 (1938 / 39)

Für Batman wollen Autoren oft nur aller-allergrößtes Kino: gebrochene Helden! Vertrackte Psychologie! Masken/Rollen als Metapher! Die höchste denkbare Fallhöhe: Wer Batman besser machen will, setzt immer noch einen drauf. Legt weiter nach. Ein Melodram. Oder, falsch dosiert: Kitsch, Parodie. Eine Operette.

Sucht Superman neue Leser, denken Autoren meist umgekehrt: Sie nehmen den Fuß vom Gas. Erzählen simpler. Fangen immer wieder ganz von vorne an, reduziert aufs Wesentliche („You’ll believe a man can fly!“). Deshalb gibt es mehr gute, griffige “Superman”-Neustarts. Doch deshalb sind auch viele der besten Superman-Geschichten immer irgendwie: für Kinder. Ein Tick zu schlicht. Harmlos. Naiv.

Wer 75 Jahre nach Erscheinen von „Action Comics“ Nr. 1 Clarks erste, je 11 Seiten lange Abenteuer liest, stößt auf erwartbare Schlichtheit und Naivität. Dazwischen aber blitzen Kanten, die vielen neuen Superman-Versionen fehlen: Superman ist nassforsch, dreist, spielt seine Macht genüsslich gegen Unterdrücker und Bonzen aus. Um als Reporterin zu glänzen, nutzt Lois Lügen, Tiefschläge, dreiste Haurück-Manöver. Und Clark hat größten Spaß daran, sie dreist anzustacheln, zu belügen: Hassliebe. Geschlechterkampf. Brutalster Schlagabtausch! So viel der Mythos mit den Jahren gewann, so viel ging zwischenzeitlich auch verloren: Was wurde aus diesem frechen, krassen Aktivisten? Der schamlosen, unbeherrschbaren Frau? „Superman“ als fiebrige, überspannte Farce – überraschend leidenschaftlich. Forsch. Dreist. Frisch!

wer zeichnet / schreibt? Zeichner Joe Shuster starb 1992, Autor Jerry Siegel 1996. Ich las vom Superman-”Geburtshaus” in Cleveland. Vom kulturellen Erbe als junge Außenseiter und Juden. Von Shusters Sado-Maso-Zeichnungen, Brad Meltzers Mystery-Bestseller über den Tod von Siegels Vater, den jahrelangen Zerwürfnissen und Prozessen gegen DC Comics: zwei übervolle, dramatische Leben – die ich noch immer kaum verstehe / überblicke.

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mehr davon:

Mit John Byrnes „Superman: Man of Steel“ (1986) begann eine 25 Jahre lange, durchgängige Saga über Clark (und Lois). Die frühen Sammelbände sind altbacken gezeichnet. Konflikte werden naiv gelöst. Doch Figuren und Charme leuchten bis heute – entspannter, altmodischer Spaß!

Geoff Johns‘ „Superman: Secret Origin“ (2009) scheint für ca. Zwölfjährige gezeichnet und erzählt. Ein leichter, grundsympathischer „Superman“-Grundkurs – doch künstlerisch / literarisch flach.

„Superman: The Greatest Stories ever told“ erschien in Deutschland 2005, als Teil der Comic-Klassiker-Bibliothek der FAZ: ein dichter, faszinierender Querschnitt, vom ersten Auftritt bis zum (empfehlenswerten!) Action Comics 775 (2001).

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Superman: Red Son (2004)

Soft. Abgehoben. Passiv. Langweilig. Obrigkeitshörig. Waschlappig. Zu sauber und stark – und nur mit kleinen Keilereien beschäftigt, statt endlich mal für immer aufzuräumen, im Land! 1986 zeigten Alan Moores „Watchmen“ und Frank Millers „The Dark Knight Returns“ einen Gegenentwurf zum weichen, vorsichtigen Superman: kaputte, zynische Männer, die über Leichen gehen. Eigene Gesetze schreiben. Niemandem Rücksicht oder Rechenschaft schulden wollen. Miller und Moore entwarfen diese Antihelden als Warnung. Doch Leser feierten Rorschach, Lobo, Spawn usw. als kantige, moderne Nicht-lange-Herumfackler.

„Superman: Red Son“ ist ein Lieblingscomic vieler Flegel, die Superman zu trüb und dösig finden. Statt in Amerika landet die Raumkapsel aus Krypton in der Ukraine, und aus dem Super-Waisenkind wird ein Handlanger Stalins und Leitfigur des Kommunismus. Als moralisches / politisches Gedankenspiel macht „Red Son“ großen Spaß. Als düsterer, dreckiger Alptraum sowieso. Doch wie jede andere DC-Fantasie, die alte Helden in neue, blutige Rollen stößt („Flashpoint“, „Injustice: Gods Among Us“) kommt nach viel Schock und Irritation doch nur die etwas abgeschmackte Behauptung, den Helden läge das Gute schon im Blut – und edle Erbanlagen übertrumpfen jede Fehl-Erziehung. Zuerst also „verbotener“ Kitzel: klassische Figuren als zügellose Mörder. Als Feigenblatt, ganz kurz vor Schluss, dann die Beschwichtigung: „Egal, wie weit unsere Helden gehen… am Ende drehen sie brav wieder um!“ Die große Wutkinder-Sehnsucht, einen Auge-um-Auge-Superman zu sehen, der gnadenlos die Sau rauslässt, wird in „Red Son“ halbwegs klug befriedigt. Doch „Meisterwerk!“ rufen vor allem jene Aggros, die sich für Wolverine eine Kettensäge wünschen, für Batman Schusswaffen – und für Catwoman eine Geschlechtskrankheit.

wer zeichnet / schreibt? In „Stormwatch“ / „The Authority“ entwarf Provokateur Warren Ellis einen dunklen Spiegel zur DC-Gerechtigkeitsliga: Aus Batman wird der mörderische Midnighter, sein Liebhaber, ein Superman-Gegenpart, heißt Apollo. „Red Son“-Autor Mark Millar ist Ellis‘ Nachfolger: Er mag Politik, Zynismus, vertrackte Fragen – und exzessive Gewalt. Ein Quentin Tarantino der Comicwelt (mittelmäßig: „Kick-Ass“, 2008).

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mehr davon:

Mark Waids Dystopie „Kingdom Come“ (1996) stellt die bedächtigen DC-Helden gegen eine neue, wütende Generation. Toll gezeichnet von Alex Ross – doch etwas bieder / abgehackt erzählt.

Brian Azzarellos „Lex Luthor: Man of Steel“ (2006) zeigt Superman als Bedrohung, durch Lex Luthors Augen. Ein gutes Konzept, ähnlich beliebt / gefeiert wie „Red Son“… aber in der Ausführung recht nichtssagend und flach.

In „JLA: Tower of Babel“ (2001) fragte Mark Waid, wie weit Helden gehen dürfen, um sich gegenseitig zu stoppen. Auch hier ist das Konzept leider klüger als die Ausführung. Trotzdem: lesenswert!

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The Death and Life of Superman (1993)

Zwischen 1991 und 2002 erschienen vier parallele „Superman“-Heftserien pro Monat: Je 22 Seiten, von je vier Autor-und-Zeichner-Teams, eng genug verzahnt für einen gemeinsamen, immer komplexeren Plot. Ende 1992 wurde Superman von einem „Doomsday“ genannten Monster getötet. Mitte 1993 tauchten mehrere Unbekannte auf, die seine Rolle in Metropolis übernehmen wollten. Der wuchtige (trotz allem aber: gekürzte) Comic-Sammelband „The Death and Return of Superman“ erzählt dieses – kommerziell erfolgreiche, literarisch recht gelungene – „Superman“-Kapitel auf 784 Seiten.

Wer auf zwanzig Jahren alten Zeichenstil (und: schlimme Frisuren!) verzichten kann, liest die Geschichte besser in der Roman-zum-Comic-Fassung von Roger Stern – auch deutsch billig erhältlich, als „Superman: Die packende Geschichte seiner Abenteuer“. 1986, mit „Crisis on Infinite Earths“, erlebten viele DC-Figuren einen neuen Anfang. Supermans Tod, sechs Jahre später, erlaubt einen stimmigen, ersten Querschnitt durch Figuren und Stärken des Verlags: Guy Gardner? Booster Gold? John Henry Irons? In einer Welt ohne Superman haben solche Freunde, Feinde, Kollegen neuen Raum – und so wird der Roman zu einer doppelten Liebeserklärung: an Clark. Und an die Welt um ihn herum.

wer zeichnet / schreibt? Einer der besten Superman-Autoren und -Zeichner, Dan Jurgens, entwickelt sich seit 1992 leider kaum weiter: Er arbeitet bis heute für DC – doch je aktueller seine Comics, desto fader, simpler ihr Gesamteindruck. Trotzdem hat „Death and Life of Superman“ ein recht hohes Niveau. Das schwächste Glied ist Zeichner John Bogdanove.

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mehr davon:

„Superman: Exile“ (1989), „Superman: They Saved Luthor’s Brain!“ (1992) und (selbst noch nicht gelesen:) „Superman: Panic in the Sky“ (1992) sind beliebte, klassische Vorgänger-Bände aus den frühen 90er Jahren.

Lesenswert, direkt im Anschluss, auch der „Green Lantern“-Band „Emerald Twilight / New Dawn“ (1994).

1999, nach einem Erdbeben, wurde Batmans Heimatstadt Gotham City zum „Niemandsland“ erklärt. Auch hier führt die Geschichte durch 80 Einzelhefte – oder eine Romanfassung: Der Autor heißt Greg Rucka, schreibt Comics und Thriller. Und gehört in beiden Medien zu den größten Talenten.

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Identity Crisis (2005)

Dass sich Wonder Woman (oft: Fantasy), Batman (oft: Krimi/Thriller), Green Lantern (meist: Science Fiction) etc. die selbe Erzählwelt teilen, bringt viel Verwirrung – doch selten echten Mehrwert. Erst 2005 und 2006, unter der Leitung von Geoff Johns, gelang eine große erzählerische Kettenreaktion, in der Superman und Wonder Woman die besten Rollen spielen: „Identity Crisis“ zeigt einen Mord im Umfeld der Gerechtigkeitsliga / Justice League und fragt, was Helden dürfen, wollen, verändern können. Für sich alleine ist dieser Helden-Krimi spannend und gut verständlich. Als Mosaikstein einer größeren Geschichte wird er zur Superman-Pflichtlektüre:

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Fast alle Reihen dieser Liste (selten aber: einzelne Bände) sind auch für sich alleine lesenswert. Zusammen zeigt sich ihre größere Thematik: Wie Batmans Überwachungswahn, Supermans Vorsicht, Wonder Womans Pragmatismus und schiefe, zähe Entscheidungsfindungen der Justice League die Welt oft besser, dieses Mal aber katastrophal schlechter machen. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht Action und Verwüstung – sondern Figuren, Ideale und Weltanschauung: Charakterfragen statt Story-Knalleffekte.

wer zeichnet / schreibt? Greg Rucka mag Spionage und politische Intrigen, schreibt tolle Frauenfiguren und recherchiert gründlicher als fast jeder Kollege: Seine Arbeit an „Wonder Woman“ ist ein Meilenstein, sein „Superman“-Plot nur Durchschnitt – doch im Zusammenspiel entwickelt sich große erzählerische Wucht. Geoff Johns wuchs mit den kindlicheren DC-Comics der 60er Jahre auf und denkt naive oder schrullige Konzepte gerne zeitgemäß zu Ende: zitatfreudige, bunte, oft etwas übervolle Comics. Erzählerisch gehört „Identity Crisis“ und das – gut orchestrierte – Vorher, Nachher, Drumherum zu den Sternstunden amerikanischen Helden-Mainstreams: Auf Tausenden Seiten darf man staunen wie ein Kind – und durch erwachsene, kluge Konflikte grübeln.

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mehr davon:

Komplexe, viele Erzählfäden verwebende Helden-Comics, bei DC? „Green Lantern“ und „Green Lantern Corps“ erzählen seit zehn Jahren eine kompliziert-bunt-triviale Space Opera: kindlich, knallig – und oft großes Kino.

Nach „Crisis on Infinite Earths“ (1986) und „Infinite Crisis“ (2006) schrieb Grant Morrison 2009 die Quasi-Fortsetzung „Final Crisis“. Doch sein hysterisches Untergangs-Kuddelmuddel macht keinen Sinn. Und keinen Spaß.

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Superman: Last Son (2007)

Aktuelle, monatliche DC-Heftreihen über Batman und seine Vertrauten? 15. Aktuelle, monatliche DC-Heftreihen über Superman? 4 bis 5. Beide Figuren kennt jedes Kind – doch während in Gotham City seit Jahren Raum für zeichnerische und konzeptuelle Experimente bleibt, taugen „Superman“ und „Action Comics“ oft nur als Resterampe / Abstellgleis für mittelgute, mittelfrische Nummer-Sicher-Autoren.

Auch „Superman: Last Son“ ist kein besonderes Prestige- oder Vorzeige-Projekt: Ein kleiner Junge mit Superkräften irrt durch Metropolis. Als Clark und Lois helfen wollen, folgt eine Armee brutaler Kriegsverbrecher aus Krypton, geführt von General Zod. Zum Kinostart von „Man of Steel“ legte der Verlag „Last Son“ (zusammen mit der schwächeren Fortsetzung „Brainiac“) als Sammelband neu auf. Vielleicht, weil Zod im Film zentraler Gegner ist. Vielleicht auch nur, weil in den letzten 10 Jahren kein anderes „Superman“-Comic so viel so unverkrampft richtig machte: Ein schwungvoller Zeichner und eine klare, griffige Geschichte, statt Durcheinander (minimaler) Tiefgang, statt Pathos (ein Mindestmaß an) Emotion. Warum nicht vier, fünf solcher Sammelbände im Jahr? „Last Son“ sollte Standard sein. Statt einsame, gefeierte Sternstunde.

wer zeichnet / schreibt? Autor Geoff Johns liefert gewohnt solide Arbeit, hier unterstützt von Richard Donner, Regisseur des „Superman“-Kinofilms von 1978. Zeichner Adam Kubert überzeugt auch in „Whatever happened to the Caped Crusader?“ (2009) und „Flashpoint“ (2011).

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mehr davon:

Geoff Johns, Kurt Busiek und James Robinson legten ab 2007 Grundbausteine für einen größeren „Superman“-Plot, „New Krypton“. Viele erste Sammelbände sind Mittelmaß und können ignoriert / übersprungen werden: „Back in Action“, „Camelot Falls“, „Redemption“, „Escape from Bizzaro World“, „The Coming of Atlas“.

Empfehlenswert dagegen, auch für sich allein: Johns‘ „Superman and the Legion of Super-Heroes“ (2008) und (bereits erwähnt) „Superman: Up, up and away“ (2006).

Überraschend gelungen – doch nur als dünnes Heft veröffentlicht, nie als eigener Sammelband: Nick Spencers „Jimmy Olsen“-Kurzgeschichten von 2010.

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Superman: New Krypton (2009 bis 2011)

Um ein breites Publikum zu kitzeln und zu packen, brauchen Geschichten Widersprüche, Lücken, innere Gegensätze – behauptet John Fiske, mein liebster (Pop-)Kulturtheoretiker: Ist Superman eine Leitfigur… oder ein Weichei? Muss sich Amerika den Launen fast allmächtiger Besucher fügen? Sollen sich Außenseiter integrieren – oder helfen Schutzräume, eigene Staaten, Ghettos? Dürfen Helden Nationen und ihre Politiker gegeneinander ausspielen?

Fast 100.000 Landsleute Supermans überlebten (als Geiseln des Despoten Brainiac) die Zerstörung Kryptons. Als neue Siedler auf der Erde entwickeln sie Superkräfte – und Clark steht zwischen allen Fronten: In über 100 Einzelheften und aus der Perspektive von Helden wie Supergirl, Mon-El, „Guardian“ Jim Harper sowie Jimmy Olsen und mehreren neuen Figuren puzzelt „New Krypton“ ein vertracktes Panorama – zerfasert, widersprüchlich, hochpolitisch. Komplexität und Anspruch des über 15 Sammelbände langen Epos sind für DC-Verhältnisse beispiellos – doch oft machen smarte Einzel-Plots und Fragen mehr Sinn als das windschiefe, finale Gesamtbild: Auch nach 100 Kapiteln bleibt das Gefühl, 100 andere, geheime Kapitel verpasst zu haben. Lücken, Widersprüche, offene Fragen, die noch nach Monaten kitzeln: Ist das ein Reiz von Heldencomics? Oder ihre größte Schwäche?

empfohlene Reihenfolge (Details u.a. hier):

wer zeichnet / schreibt? Unter vielen recht talentierten Zeichnern fallen Brian Wood und Renato Guedes besonders auf. Bei den Autoren sind es „Supergirl“-Autor Sterling Gates und (nach ein paar schlechten ersten Versuchen) James Robinson. Greg Ruckas Kapitel, besonders „Nightwing and Flamebird“, bleiben schleppend, langweilig und überflüssig: Nach Abschluss von „New Krypton“ beendete Rucka die Zusammenarbeit mit DC.

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mehr davon:

„New Krypton“ fiel bei Lesern und Kritikern durch: Sterling Gates‘ „Supergirl“-Folgebände sind beliebt. Doch in den beiden Haupt-Heftreihen „Action Comics“ und „Superman“ selbst ignorierte man 2010 und 2011 alle Ereignisse und Figuren aus „New Krypton“.

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Smallville: Guardian (2012)

Zehn Staffeln lang, von 2001 bis 2011, erzählte „Smallville“ eine Kitsch-, Spar-, Soapversion der Jugendjahre von Clark Kent, ohne besonderen Esprit und Anspruch. Am Ende von trägen 217 Episoden tritt Clark (endlich) als Superman an die Öffentlichkeit. Lex Luthor erklärt dem neuen Helden den Krieg. „Green Arrow“ Oliver Queen und seine Verlobte, Chloe Sullivan, spielen tragende Nebenrollen: Ähnlich wie bei „Buffy“ wird die – an sich: beendete – TV-Handlung als Comic-„Season“ fortgesetzt. Doch selbst als billiger wöchentlicher 10-Seiten e-Comic hat „Smallville“ kaum finanziellen Spielraum: öde Farben, einfallslose Bildsprache, Figuren wie Gliederpuppen und Vogelscheuchen. B-Ware. Ausschuss. Ramsch.

Egal! Alle „wichtigen“ Superman-Reihen seit 2011 schlingern umher wie sinkende Schiffe: Clark bleibt ein mürrischer Einzelgänger. Seine Eltern sind tot, der Alltag trist, Lois eine bloße Kollegin – auch ein Techtelmechtel mit Wonder Woman brachte weder Spaß noch Tiefgang. „Smallville“ läuft außer Konkurrenz zu diesen „wichtigen“, aber misslungenen Comics, bespielt eine eigene Nische – und hat trotz schäbiger Optik Hirn. Herz. Charme! Die (einzige?) aktuelle „Superman“-Reihe, die ihre eigene Richtung kennt. Low-budget. Aber auf gutem Kurs.

wer zeichnet / schreibt? Zeichner Pere Pérez trat nach 120 Seiten ab. Doch Autor Bryan Q. Miller bleibt: Er schrieb einige „Smallville“-Drehbücher für die letzten drei TV-Staffeln und überzeugte 2009 bis 2011 mit einem jungen, sarkastischen „Batgirl“-Neustart – so klug wie witzig. Ein Autor für die A-Liga, dem smarte Figurendynamik (mindestens) so wichtig ist wie laute Kämpfe.

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mehr davon:

J. Michael Straczynski („Babylon 5“) startete 2010 eine Reihe abgeschlossener „Superman“-Abenteuer, „Earth One“. Band 1 (und Geoff Johns‘ „Batman“-Gegenstück) blieb Mittelmaß. Band 2 macht Spaß – als Einstieg oder Zwischendurch-Lektüre. Kein Vorwissen nötig.

Ganz neu, im Sommer 2013, und mit guten ersten Kritiken: die monatlichen Reihen „Superman unchained“ (Scott Snyder und Jim Lee) und „Batman/Superman“ (Greg Pak, Jae Lee) sowie die lose Kurzgeschichtensammlung „Adventures of Superman“. Beliebt war auch der Kinder-Comic „Superman Family Adventures“ (Art Baltazar, Franco); trocken / fade dagegen eine digitale Reihe über Superman als Witwer / alter Mann, „Superman Beyond“ (J.T. Krul).

Die beiden größten monatlichen Reihen, „Action Comics“ und „Superman“, sind seit 2011 recht schlecht. Im Moment verfasst Scott Lobdell alle Geschichten – ein unbeholfener, gehetzter Fließband-Autor.

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DC Helden / The World’s Greatest Super-Heroes (1998 bis 2003)

Ein Comic? Oder ein Bilderbuch? Paul Dini schrieb seit 1992 Drehbücher für „Batman: The Animated Series“ (und viele späteren TV-Serien von DC) und hat bis heute einen verspielten, sehr humanen Blick auf Helden und Schurken in Gotham City. Sein Sammelband „DC Helden“ zeigt in fünf kurzen, großformatigen Text-und-Bild-Geschichten – halb Comic, halb Essay/Lobrede – bekannte DC-Figuren und ihre Werte/Prinzipien: „Superman: Peace on Earth“, „Batman: War on Crime“, „Wonder Woman: Spirit of Truth“, „Shazam!: Power of Hope“ und „JLA: Liberty and Justice“ sind keine komplizierten Helden-Sagas. Sondern prachtvoll gezeichnete, schlicht erzählte (zeitlose!) Portraits.

Bei Marvel Comics sind Ensembles, Gruppen und Heldenteams wie X-Men und Avengers bewährte Bestseller. DCs Versuche, sechs, sieben, fünfzehn Superhelden auf 20 Seiten zu jonglieren, verraten oft viel zu wenig über einzelne Figuren: In Reihen wie „Justice League“, „Teen Titans“, „Earth 2“ herrscht buntes Durcheinander. Namedropping. Langeweile. Chaos. „DC Helden“ ist ein dringender Lichtblick: Weil Dini entspannt das Neben- und Miteinander von Batman, Superman usw. zeigt. Die Helden vorstellt. Lust auf mehr macht! Oft bleiben Team-Geschichten literarische B-Klasse. Die Team-Mitglieder aber – zeigt dieser Sammelband charmant und selbstbewusst – sind A-Liga.

wer zeichnet / schreibt? In den 50er Jahren malte Lynette Ross Mode-Illustrationen für Katalog- und Versandhäuser. Seit 1990 zeichnet ihr Sohn Alex im selben Stil – luzid, farbstark, pausbackig-amerikanisch – einige der attraktivsten Helden-Posen (z.B. „Marvels“, 1994). Autor Paul Dini überzeugt bis heute bei Batman-Figuren wie Catwoman, Harley Quinn, Zatanna: Für etwas fortgeschrittene „Batman“-Leser empfehlen sich „Heart of Hush“ und „Gotham City Sirens“ (besonders Band 2).

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mehr davon:

Darwyn Cookes „The New Frontier“ zeigt die Helden der Justice League im Amerika der späten 50er: wunderbarer Retro-Space-Age-Kitsch, toll gezeichnet und überraschend politisch. Doch auf den letzten Metern bricht der Sechsteiler – wie viele andere „Justice League“-Geschichten – unter dem eigenen Gewicht zusammen.

Jim Krueger zeigt in „Justice“ ein recht banales Duell zwischen den DC-Helden und einer riesigen Gruppe Schurken. Auch hier überzeugt leider nur die erste Hälfte. Und Alex Ross‘ Mal- und Zeichenkunst.

Letzte „Superman“-Empfehlungen, zum Weiterlesen? „Superman/Batman: Supergirl“ (2004), Alan Moores klassische Kurzgeschichten „For the Man who has everything“ (1985) und „Whatever happened to the Man of Tomorrow?“ (1986) und die nett-kitschigen, Superman-typischen Weihnachts- und Silvestergeschichten „Superman 97“ (1995) und „Action Comics 810“ (2004).

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mehr Comic-Empfehlungen:

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Bonus – nur kurz, als Liste:

Die 10 schlechtesten „Superman“-Bände: