Lost

Erzählen / Schreiben… mit „Lost“

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Wer erzählt, erzählt auch vom Erzählen. Exponiert sich als Instanz, die Information auswählt und gewichtet – zeichnet keine „Wirklichkeit“, sondern das Selbstbild eines Menschen, der glaubt, Wirklichkeit sei darstellbar, in Sprache, und erzählens-wert, in dieser / jener Auswahl, Form, Gewichtung:

Jedes Foto stellt die Frage: Wer hält die Kamera? Wer und was fehlt, im Bild?

Jeder Text stellt die Frage: Wer schreibt das – wem? Glaubt dieser Mensch („Knallkopf“? „Hochstapler“?), Sprache sei… eine Kamera?

Lost“ (ABC, 2004 bis 2010, sechs Staffeln, 121 Episoden) hat mir sehr kurz sehr viel bedeutet: als eine Ensemble-Serie und pointierte Charakterstudie über Zäsuren und „zweite Chancen“. Obwohl die Hauptfiguren im Dschungel hausten, als Überlebende eines Flugzeugabsturzes, blieben die „Wir müssen Obdach finden, bevor es dunkel wird!“-Konflikte zweitrangig. Stattdessen wurde – in cleveren Rückblenden, Parallelgeschichten, Motivketten – über die Geworfenheit des Einzelnen sinniert, Rettung, Tilgung, Sühne, Wiedergutmachung… „Redemption„.

Jede Episode zeigt ein Mitglied des Ensembles als Perspektivträger: Alles, was ihm tagesaktuell, beim Überleben auf der Insel, widerfährt, wird konterkariert, ergänzt, in neues Licht gerückt durch Rückblenden ins Leben vor dem Absturz. Viele Taten, Ängste, Entscheidungen wirken paradox – bis parallel erzählte Rückblenden neue, überraschende Hintergründe öffnen: Er saß im Rollstuhl! Sie ist eine Kriminelle! Er hat gefoltert, beim Militär! etc.

„If there is a method of skewing the audience’s perception of events by rearranging the order of the scenes, LOST has used it“, erklärt TV Tropes. Doch verweist damit auch auf Probleme: In den banalsten, schlechtesten Zeiten erzählte „Lost“ keine Geschichte mehr… sondern häufte leere Andeutungen, Geraune, Taschenspielertricks zu einem möglichst hektischen Durcheinander in der Gegenwart – gespiegelt / gedoppelt durch neue, widersprüchliche Zusatz-Durcheinander in Rück-, Vor-, Seitwärts-Blenden:

Symbole, Figuren, Konflikte – so mehr-, viel-, doppeldeutig, dass sie bedeutungslos wurden. Komplexität als Selbstzweck. Vexierbilder. Beliebigkeit.

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Jedes „Zimmer voller Freunde“-Kapitel erzählt – räumlich begrenzt, recht linear – von einer Figur an einem Ort: Stefan steht im Wald, am Rand einer Grill- und Hüttenparty. Sassi hilft Fred, einen Getränkewagen voll Alkohol über Bordsteinkanten zu hieven. Frank verkauft Bier und Würstchen, auf dem Fußballplatz [Hörprobe]. Antje lauert an der Tür des IT-Raums und zweifelt, ob sie klopfen soll.

Fast immer sind diese szenischen, akuten Spannungsräume alltäglich, dörflich, jugendlich – eine Kragenweite, die u.a. „My so-called Life“ entspannt „realistisch“ wirken ließ: Wer holt uns ab? Wo fahren wir hin? Wen nehmen wir mit? Was denken die von mir? Wie komme ich heim? Figuren stehen auf der Schwelle und entscheiden, wie weit sie gehen wollen. Meine Aufgabe, als Erzähler? Für jede Szene so viele (im Zweifelsfall: gerade genug) Informationen liefern, dass die Tragweite ihrer Entscheidungen verständlich wird.

Zu viele Details? Geschwätzig, barock.

Zu wenige Eckdaten? Verwirrende Puzzles. Luftleerer Raum. Beliebigkeit.

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In Staffel 3 zeigt „Lost“ eine neue Figur – die überspannte Ärztin Juliet. Um ihre inneren Konflikte abzustecken, reichen 60 erste Sekunden: Juliet will Gäste empfangen, in ihrem kleinen Haus. Juliets Gesten und Routinen zeigen: Sie ist gewissenhaft und fleißig… aber unzufrieden mit sich selbst. Sie will das Richtige tun… doch handelt aus falschem Pflichtbewusstsein. Juliets Ansprüche, Wut und Energie laufen ins Leere.

Es braucht kein Vorwissen, um Spannung, Dringlichkeit dieses ersten Auftritts zu verstehen: Die Frau ist eine Ärztin? Unwichtig. Ihre Schwester hat Krebs? Egal. Das zählt erst später. (… aber: Ihr Lieblingsbuch ist „Carrie“, von Stephen King? Spannend! Eine mausige, überspannte Frau mag den Roman über ein mausiges, überspanntes Mädchen… das ihre gesamte High School tötet? Schlechtes Omen. Gutes Foreshadowing! Das darf gerne gezeigt / erzählt werden, in Juliets erster Szene…)

Erst sehr, sehr spät – Juliet ist als Figur gut positioniert, ihre inneren Konflikte sind klar (wenn auch, natürlich: lange nicht erklärt, benannt, ausgesprochen) – verlässt die Kamera Juliets enges, sauberes Häuschen. Und draußen, vor der Tür… beginnt der Dschungel. Juliet lebt auf der Insel! Sie gehört zur Gruppe der „Anderen“ – schweigsame, finstere Wilde, die in Staffel 1 und 2 in Lumpen und mit Kriegsbemalung durch die Büsche schlichen und Kinder entführten. Oh, the drama…!

Video 2: Fortsetzung der Szene: [Link öffnen – Einbetten ist leider deaktiviert]

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Als ich „Zimmer voller Freunde“ plante, fand ich drei Perspektivträger – Antje, Stefan, Frank –, sechs weitere Hauptfiguren… und glaubte, alles erzählen zu können – mit nur diesen neun Personen:

Ein Theaterstück, in dem neun Darsteller die Bühne betreten. Eine Welt, die keine Erwachsenen zeigt. Ein enger, diskreter Bildausschnitt – mit Leerstellen wie bei Charlie Brown: Die Kamera schwenkt nie bis vorne zur Tafel. Oder hinaus, zur Tür.

Wovon erzähle ich nicht?

Wo fängt mein „außen“ an?

Tatsächlich überraschte mich beim Schreiben des Romans immer wieder, wie schnell (und: endgültig) ich mich entscheiden muss – für Vorgeschichten, Details, feste Größen, Hintergründe – und wie verwirrend, leer, ambivalent jede Szene scheint, der solche Parameter / präzise Kontexte fehlen:

Jetzt, heute ist Freitag, der 20. Juni. Antje ist hier, in der Stadt. Sie kommt gerade…? Vom Schulhof. Sie will…? Zum Bus, der sie nach Hause bringt, ins Dorf. Zu ihrem Vater. Ihren Brüdern. Einem Kaninchen… namens Valentin. Und einem Hund. Doch der hat keinen Namen…

…weil in „Zimmer voller Freunde“ schon fünf andere Hunde wichtig sind – drei mit, zwei ohne Namen: Wer lebt in welchem Dorf? Wer hat Geschwister? Was arbeiten die Eltern? Kennt Stefan Helena seit Klasse 7 – oder seit Klasse 9? Wie heißt Franks Klassenlehrer? Wie viele Großeltern von Käthe sind am Leben? Nur zwei…?! Aha…! Wann und wie starben die übrigen…?!

„Es ist halb sieben, Sonntag Abend. Wir stehen vor Franks Sofa, wir stehen in diesem großartigen Haus, und durch die Gartentür leuchten die Scheiben des Terrariums durchs Laub. Herr Wagenmach fuhr eben nach Heilbronn, zum Nachtdienst. Franziska und Franks Mutter liegen oben auf der Couch, kucken „Charmed“. Und morgen früh ist wieder Schule. Es wird Zeit.“ („Zimmer voller Freunde“: Stefan, zu Beginn von Kapitel 9)

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  • Ein Romancier des 19. Jahrhunderts hätte solche Details / Verortungen / Vogelperspektiven-Fakten immer weiter abgespult – unfehlbar, altklug, selbstbewusst auktorial, als Herr seiner Erzählwelt.
  • Ein „Lost“-Autor hätte lange getrickst, verschwiegen, verschoben – Lücken, Fragen, Leerstellen ausgestellt, als Herr seiner Erzählwelt (Schock! Überraschung, nach 25 Kapiteln: Franks Vater ist Polizist!).
  • Mit 15, 16, in jährlich 200 Einträgen meines „Timers“, habe ich Briefe transkribiert, Freunde interviewt, Gasteinträge gesammelt, aus meiner Wirklichkeit, für eine (imaginäre) Leserschaft ein möglichst „dramatisches, tiefgründiges Ensemble-Drama“ montiert– als Herr meiner Erzählwelt.

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Erst heute, mit diesem Roman, muss ich entscheiden: Wollen wir – Autor und Leser, im Pakt, den wir für die Lektüre von „Zimmer voller Freunde“ eingehen – tun, als hätte ich alles hier im Griff… als virtuoser, kühler Autor?

Oder will ich Fehlbarkeiten, Bruchstellen, Beschränkungen ausstellen…?

„Das ist ja alles real…!“, schimpften Frauenrechtler über Alexander Maksiks Schul- und Parisroman „You deserve Nothing“ (2011): Ein eitler, selbstzogenener, narzisstischer US-Lehrer unterrichtet Philosophie in Paris, schläft mit einer 17jährigen Privatschülerin, unterstützt sie bei ihrer Abtreibung und wird gefeuert. Journalisten deckten auf, dass Maksik – als Lehrer in Paris – 2004 tatsächlich gefeuert wurde, weil er mit einer Schülerin schlief. Die junge Frau bereut die Affäre bis heute – und fühlt sich durch den Roman zusätzlich bloßgestellt.

„Das ist ja alles ganz verdreht…!“, schimpfte meine Mutter, als ich über meine Arbeit am Roman erzählte: „Du nennst den Berliner Ring im Buch ‚Südring‘? Der echte ‚Südring‘ liegt 200 Meter weiter südlich…! Du kannst das doch nicht einfach… biegen!“

„70 Prozent von ‚Feuchtgebiete‘ sind autobiografisch“, schnodderte Charlotte Roche (als blöde Reporter unbedingt „konkrete“ Zahlen hören wollten) – und ich stimme, für „Zimmer voller Freunde“, zu: Bisher erzählen 2 (!) von zwanzig Kapiteln von einem „echten“, realen biografischen Moment, der tatsächlich an genau diesem Tag, mit diesen Leuten „wirklich so geschah“: Tausend Details, Stimmungen, Konflikte (und: Wortwechsel / Tagebucheinträge) sind real. Doch jedes Mal wähle ich, im Zweifelsfall, die erzählerische Lösung, die meine „Wahrheit“ zeigt / erklärt – nicht die empirische, blanke, biografische Wirklichkeit.

„Lost“ sagt: DAS ist die Situation. Wir zeigen sie aus DIESER Perspektive.

Dann fährt die Kamera hinaus – und Juliets Häuschen steht im Dschungel.

Die Fahrt hinaus – die neue, erweiterte Perspektive – schafft neue Komplikationen.

Neuen Kontext. Neue Fragen. Komplexität.

Aber immer auch: Widersprüche. Durcheinander.

„Erzählen“ heißt, in solchen breiten, übervollen, latent unübersichtlichen Figuren- und Handlungsnetzen nicht, in eigener Sprache alles durchzupausen, das „es gab“. Sondern die besten Winkel, Perspektiven, Rhythmen, Schnittfolgen zu finden. Streichen. Auslassen. Strukturieren. Der echte Hund hieß „Ronja“ und gehörte im wahren Leben Antje – nicht ihrem kleinen Bruder. Für meinen Roman wäre das – erzählerisch – ein Fehlgriff: ein schiefes Motiv, ein schlechter Name.

Eine falsche Fährte. Totes Gewicht.



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Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

Erzählen / Schreiben… mit „Babylon 5“

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Erzählerische Kniffe, Humor, Figuren von „Seinfeld“ wirken heute, über 20 Jahre nach den ersten Staffeln, recht angestaubt, konventionell: eine Alltags-Sitcom über misanthrope, weiße New Yorker Singles, verwöhnt und selbstbezogen. Moderne Zuschauer / Nachgeborene vergessen schnell (Link), wie viele Sitcom-Konventionen, -Standards erst in „Seinfeld“ ihre Form fanden:

Babylon 5“ (TNT / Warner, 1993 bis 1998, fünf Staffeln mit 110 Episoden, später mehrere Filme / Spin-Offs) zeigt Besatzung und Diplomaten / Botschafter einer Raumstation im Jahr 2258, die sich um Frieden zwischen Menschen und einem Dutzend fremder Völker bemüht. Eine Ensemble-Serie mit 20 zentralen Rollen, deutlich billiger inszeniert als die zeitgleich entwickelte „Star Trek“-Raumstation „Deep Space Nine“ (1993 bis 1999)…

aber mit Erzählfreude, langem Atem und der – damals: unerhörten – Ambition, einen komplexen, durchdachten, fünf Jahre langen „Story-Arc“ zu spannen:

  • Seinfeld“ prägte einen neuen Ton für Sitcoms / Comedy.

  • Babylon 5“ prägte Spannungsbögen, serialized Storytelling.

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Noch heute erzählen viele Serien „episodisch“ (in Deutschland: nahezu alle; in den USA: oft Produktionen des Konsens- und Berieselungs-Senders CBS). Statische Figuren, statische Konflikte, alle Fragen / Probleme zum Ende der jeweiligen Episode gelöst, bewältigt – ein schlichter, klarer, verlässlicher Status Quo, der acht, neun Jahre tragen kann, flexibel genug, um bockige Darsteller zu feuern / zu ersetzen, aber so simpel und einsteigerfreundlich, dass Episoden auch in falscher Reihenfolge oder mit großen Lücken verständlich bleiben.

Viele moderne (meist: einstündige) Drama-Serien dagegen versuchen sich seit „Babylon 5“ an einem durchgängigen Spannungsbogen: Jede Episode soll wichtig sein, Mosaikstein eines komplexen, sich langsam enthüllenden Gesamtbilds:

  • Grey’s Anatomy“, recht konservativ erzählt, plant zu Beginn eines Serien-Jahres Romanzen, Hochzeiten, Unfälle aller Figuren, „Character Arcs“ für jeweils 22 Episoden.

  • Lost“ hatte zwar zur ersten Staffel vage Ideen, was in Staffel 2 oder 3 geschehen kann. Doch erst im vierten Jahr, als ABC einen verbindlichen Endpunkt setzte (sechs Staffeln, 121 Episoden), planten die „Lost“-Autoren Abschluss, Auflösung, finale Dénouements.

  • Babylon 5“ ging einen Schritt weiter – mit einem konkreten Fünf-Jahres-Plan: 5 Staffeln, je 22 Episoden, verschlungene, von langer Hand geplante Routen, auf denen alle Völker, Figuren, Konflikte stimmige, oft tragische / überraschende Endpunkte erreichten.

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US-Schauspieler dürfen sechs Jahre lang für eine Serie unter Vertrag genommen werden – vor Staffel 7 beginnen neue, zähe Verhandlungen. Eine Stunde US-Prime-Time-TV hat fünf Werbeblocks – und viele Drama-Serien-Drehbücher damit fünf Akte und einen Teaser / Prolog. Ein Spielfilm-Drehbuch hat drei – ungleich große – Akte und in der Mitte einen zentralen Wendepunkt… oft also eine Art Vier-Akt-Struktur.

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Persönlich leuchten mir – seit „Babylon 5“, 1998 – Fünf-Akt-Strukturen ein:

  • Exposition: Figuren. Orte. Fragen. Rätsel. Ärger!

  • Steigerung: Böse Überraschungen. Hässliche Wahrheiten. Eskalation!

  • Peripetie: Lösungen, Ziele, Hoffnung? Nein: Alles ändert sich.

  • retardierendes Moment: Scheitern. Patts. Stolpern. Die Zeit rennt fort.

  • Katastrophe: Jeder weiß jetzt, was er tun muss. Wählt, kämpft. Zahlt seinen Preis. Konsequenzen!

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Trotz bester Absichten hatte „Babylon 5“ Schwierigkeiten: Fast 20 erste Episoden, die ein Gefühl falscher Sicherheit vermitteln wollten – aber nur langweilten. Ein Hauptdarsteller, Michael O’Hare, dessen Figur zur zweiten Staffel ersetzt werden musste, und drei zentrale Frauen – Lyta, Talia, Susan Ivanova –, deren Character-Arcs verschoben / auf Ersatz-Figuren übertragen wurden: Staffel 4 führte alle Konflikte hastig, überstürzt zu Ende, weil eine fünfte Staffel fraglich schien… und als Jahr 5 doch noch bewilligt wurde, fehlten dieser letzten („Post-Script“-)Season Überraschungen.

Staffel 2 und 3 von „Babylon 5“ aber sind eine atemblose, klug orchestrierte Parade, nein: Lawine hässlicher Wendungen, Katastrophen und unerhörter, das Macht- und Figurengefüge der Serie erschütternder „Wham-Episodes“ (Link) und „Nothing is the same anymore!“(Link)-Enthüllungen: Mit jeder Szene wird alles schlimmer, schneller, dunkler und globaler / epischer. Sog! Tempo! Dringlichkeit!

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Für „Zimmer voller Freunde“ halfen „Babylon 5“ (und / aber: auch viele misslungene Handlungsbögen, z.B. bei „Veronica Mars“, „Akte X“, „Battlestar Galactica“, „Lost“, „Avatar – Herr der Elemente“) auf mehreren Ebenen:

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Die Umbrüche / Katastrophen / Entscheidungen, die ich behandeln will, geschahen (biografisch) zwischen…

  • 1997 (…ich war 14, Ende der achten Klasse), und

  • 2003 (…ich war 20, fertig mit Zivildienst / FSJ, bereit, Heimat und Freunde zu verlassen.)

Mein letzter möglicher „Vorher“-Zeitpunkt – bevor Stoff, Antje, Helena, Sassi, Frank etc. kollidierten – war Spätherbst 1999, Klasse 11; der frühstmögliche Punkt, unsere Geschichten schlüssig zu beenden, das Abitur, Juni 2002: Idealerweise, wenn Leser / Finanzen und Gesundheit stimmen, setze ich „Zimmer voller Freunde“ sofort fort, mit einem Buch über 2000 / 2001, und einem Abschlussband, bis 2002.

Ein „Zimmer voller Freunde“-Kapitel…

  • hat 12 bis 19 Seiten.

  • wird aus der Perspektive von Antje, Stefan oder Frank erzählt.

  • und jeweils sechs Kapitel, ca. 85 Seiten, ergeben einen Akt.

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Anfangs schienen fünf Kapitel pro Akt stimmiger, „symmetrischer“ – doch dieser Fünfer-Rhythmus wird durchschaubar / monoton, weil er nur folgende Optionen / Einteilungen erlaubt:

  • 2 (selten: 1) Kapitel von Frank.

  • 2 (selten: 1) Kapitel von Stefan.

  • Kapitel von Antje… so viele wie möglich / übrig.

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Ich stellte Akt 1 eine kurze, griffige Eröffnungsszene voran – szenischer / linearer als gewöhnliche Kapitel: ein Prolog / Teaser, in dem Stoff eine überraschende Rolle spielt; und entschied, jeden Akt mit einer (kurzen, schnellen, suggestiven) sechsten Szene im selben Stil zu schließen:

  • Prolog, Juni 1999: Stoff, via Antje.

  • Akt 1, Juli 1999: Kapitel Stefan – Frank – Antje – Stefan – Frank.

  • sechste Szene, Juli 1999: Stoff, via Stefan.

  • Akt 2, September 1999: Kapitel Frank – Stefan – Antje – Stefan – Frank.

  • sechste Szene, September 1999: Stoff, via Sassi… etc.

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Das klingt abstrakt, verkopft – doch fügt sich schnell zu einem dynamischen, guten „Stundenplan“ – fünf Akte / „Wochentage“, je sechs Kapitel / „Fächer“ – flexibel genug, drei Handlungssträngen (Antje, Stefan, Frank) zu folgen, ohne, dass Leser sofort errechnen, welche Figur „als nächstes kommt“:

  • 30 Kapitel (und ein Prolog).

  • 5 Akte: Juli, September und Dezember 99, Mai und Juli 2000.

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Wordpress Romanplan.

Die Handlung des Romans beginnt so spät wie möglich (…keine 20 Kapitel „falsche Sicherheit“, kein langsames in-die-Gänge-Kommen) – doch alle Figuren starten an Orten, absichtlich weit entfernt von ihren jeweiligen Zielen: „Babylon 5“ zeigt einen Feigling, der fünf Jahre später seine Heimatwelt regiert, einen Terroristen, der zum Gelehrten / passiven Widerständler wird, Freundschaften, Gelöbnisse, Allianzen, die überraschend zerbrechen:

Erzähler, die solche Endpunkte schon zu Beginn mitdenken, können sich die jeweils klügste, dramatischste Route wählen, die jede Figur auf ihrem Character-Arc zurücklegen wird. Entsprechend viele Probleme, Ängste, Konflikte, die real / biografisch schon 1997, 1998 bewältigt wurden, bleiben bei „Zimmer voller Freunde“ in der Gegenwart – Sommer 1999 bis Sommer 2000: Ereignisse, Tagebücher, Entwicklungen von 1997 bis 2003 – das wären sechs langsame, getrogene Romane – oder eben: drei schnelle, furiose.

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Meine wichtigste Lektion aus „Babylon 5“ handelt vom Vertrag, den Leser und Autor zu Beginn einer Geschichte schließen:

The Coming Of Shadows” [Staffel 2, Episode 9] „…[is] a defining moment in the series’ run, a dividing line between what came before and everything after. […] This is a specific event where the rules that viewers thought would hold true for the entire series are no longer true. But this isn’t just an issue of unexpected plot twists. It’s the way those twists are portrayed via magnificent moments, like an instant of horrible luck destroying the possibility of peace. It’s the way a year of developing characters who seem to embody right and wrong is flipped entirely in a scene of impressive dramatic irony. Before the mid-’90s, television didn’t work this way. Babylon 5 was one of the series that opened the door to the possibility that good wouldn’t always defeat evil, when a space station devoted to peace ended up triggering a war.

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schreibt Rowan Kaiser auf AVClub.com (Link) – und zeigt: „Babylon 5“ wirkt so dynamisch, dramatisch, unerhört, weil Regeln, Gewichte und Strukturen, die sich die Serie zu setzen schien („Wer sind die Hauptfiguren?“, „Wer sind die Guten?“, „Was ist Funktion, Anspruch, Hoheitsgebiet dieser Station?“) Stück für Stück verdreht, ersetzt, auf den Kopf gestellt wurden:

Eine Welt / Konzept / Ensemble mit klaren Parametern…

die so rasant und tiefgreifend ersetzt / verwandelt werden…

bis sich, endlich zeigt:

Es ging – von Anfang an! – um eine andere, komplexere Welt, Parameter, die die handelnden Figuren lange nicht bemerkten oder begriffen.

Die Rollen, die jeder zu spielen glaubt, sind ganz anders als die, die er schlussendlich spielt.

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Zimmer voller Freunde“ (Link) handelt…

von Schulhof-Casanova Frank, der alles tut, um „eine liebe Freundin“ zu finden.

von Außenseiter Stefan, der alles tut, um seine Freundschaften mit Stoff (stolz, schnippisch) und Helena (schüchtern, verkopft) zu retten.

von Antje, allein, nervös, die alles tut, um neue Ordnung / Sicherheit in ihre Familie zu bringen.

Schwerpunkte, Helden, Lebensziele und Allianzen meines Romans sind leicht verständlich, klar benannt – eine süffige, leicht erzählte Geschichte mit Sympathieträgern und Gegnern, Freunden, Außenseitern, Rivalen, Schurken, klaren Zielen. Und / aber, dahinter: eine andere, größere Geschichte. Die nicht im Exposé steht. Oder im Klappentext:

Atemberaubend, unerhört an „Babylon 5“ waren nicht die Schlenker, Ausfallschritte und Saltos, die diese Serie fünf Jahre lang, in fünf dramaturgisch (meist / überraschend:) stimmigen Akten, schlug – sondern, wie Autoren jedes Jahr sehr überzeugend versicherten: „DAS wäre zuviel!“, „DAS ist nicht drin!“, „DIESE Leute sind sicher!“, „HIER ist die Grenze!“…

nur, um alle Grenzen – lustvoll, dramatisch, überraschend! – zu überschreiten.

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Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

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