Literaturkritik

10 Gründe für – und gegen! – Goodreads

beim Literaturfestival Sprachsalz, Mai 2016. Foto: Denis Mörgenthaler

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Am 21. Juni bin ich Studiogast bei Deutschlandfunk Kultur – und erkläre, wie ich auf Leseplattformen neue und vergessene Bücher finde.

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Mir hilft “Social Cataloging”: Websites, auf denen ich eingebe, was ich las, sah, hörte… oder bald lesen, sehen, hören will.

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Mein Essay “Futter für die Bestie: 528 Wege zum nächsten guten Buch” (BELLA triste, Link hier) gewann 2012 den Friedrich-Oppenberg-Förderpreis der Stiftung Lesen.  Auf ZEIT Online schrieb ich über Goodreads, zuletzt 2013 (Link). Im Techniktagebuch: ein kurzer Text übers Liken und Herzchen-Vergeben in solchen Netzwerken.

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Als Literaturkritiker ist Goodreads mein wichtigstes Werkzeug.

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zehn Gründe für  – und gegen – die Plattform:

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10. Mein Leben als Leser – öffentlich sichtbar?

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Ich fand Goodreads im Juni 2008; bei einem Praktikum im Lektorat von Klett-Cotta: Ich las aktuelle britische und US-Titel und prüfte, ob sie in den Verlag passen. Oft war Goodreads die einzige Site, auf der über diese Bücher klug gesprochen wurde:kurze Kritiken – und der User-Score zwischen einem und fünf Sternen.

Knapp eine Woche überlegte ich: Was habe ich bisher gelesen? Will ich meine Lektüren mit Sternen bewerten? Ich legte ein Profil – und damit: eine öffentliche “Bibliothek” – an, ich verschlagwortete Bücher als “Deutsch, modern”, “Deutsch, Klassiker”, “international modern”, “international Klassiker”, “Genre oder Sachbuch”, “Graphic Novel” und fand ca. 2000 Lektüren, an die ich mich erinnern konnte, in der Datenbank: meine Lese-Biografie, öffentlich im Netz.

Ich bin froh, dass ich das 2008 tat: mit 25. Viele Details hätte ich mittlerweile vergessen.

  • Entscheidet, wer eure Buchsammlung sehen sollte. Alle? Nur Goodreads-Freund*innen?
  • Entscheidet, ob ihr knapp zeigen wollt, was ihr aktuell lest… oder eure komplette Lesebiografie einpflegt.
  • Entscheidet, wie ihr Bücher auf ein oder mehrere virtuelle “Regale” sortiert: “abgebrochen”? “will ich lesen”? “Lieblingsbuch”? etc.

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ein Problem: Vieles fand ich mit 8, 12, 15 umwerfend. Soll das gleichberechtigt neben aktuellen Büchern stehen? Vergebe ich 5 Sterne, weil das GUT war? Oder nur, weil es mich damals glücklich machte?

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09. Meinung – auf eine Zahl von 1 bis 5 reduziert:

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Freund*innen sind oft verwirrt und müde, wenn ich sie bitte, komplexe Meinungen zu einem Buch auf eine Skala von 1 bis 5 zu reduzieren. Doch das ist Übungssache – und macht oft Spaß. Meine Vermutung: Wer online über Bücher ins Gespräch kommen will, sucht im Jahr 2017 gar keine Leseplattformen mehr – sondern kennt fast alle. Je nach Interesse, Zeit, Stimmung, Zielgruppe, Charakter kann ich…

  • Blogs führen (und meine Rezensionen auf Amazon, Goodreads, Lovelybooks etc. kopieren).
  • Lektüren für Instagram fotografieren, Hashtags vergeben, in Hashtags wie “Essay” Neues entdecken.
  • Amazon-Wunschzettel anlegen.
  • auf Plattformen wie Literaturschock, Lovelybooks in “Leserunden” gemeinsam mit Fans & Autoren über ein Buch diskutieren.
  • auf Facebook, Twitter, Tumblr Diskussionen eröffnen, mit Freunden oder Fremden.

Bücher auf einer 5-Sterne-Skala zu werten… das ersetzt keine Literaturkritik oder Dialog. Doch es hilft, sich Vorlieben bewusst zu machen. Lese ich zu viele 3-/2-Sterne-Titel in Folge, denke ich z.B. schnell, Lesen per se mache mir gerade keinen Spaß mehr. Goodreads macht die eigenen Gewohnheiten, Ansprüche, Mechanismen sichtbar(er).

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ein Problem: Goodreads will helfen, indem jedem Stern eine Phrase zugeschrieben wird. “I did not like it” (1), “It was okay” (2), “I liked it” (3), “I really liked it” (4), “It was amazing” (5 Sterne). Meine eigene Skala: “unfähig oder böse: Ich wünschte, niemand läse dieses Buch” (1), “misslungen: Ich rate ab” (2), “nicht misslungen – doch mit größeren Problemen/Schwächen” (3), “gern gelesen, viele Stärken” (4), “umwerfend, besonders, aufregend!” (5 Sterne).

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08. der User-Score: 401 Abstufungen

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Fünf Sterne? Das klingt undifferenziert. Doch zu jedem Buch wird der Durchschnittswert öffentlich gezeigt, bis zur zweiten Kommastelle. Nur die schlechtesten oder umstrittensten Bücher haben einen Score unter 3.00 (“Feuchtgebiete”: 2.80, “Deutschland schafft sich ab”: 3.35), und nur Bücher mit besonders euphorischen Fans (z.B. Kinder und Jugendliche) kommen über 4.5 (“Harry Potter”, Band 1: 4.44).

Lovelybooks, der deutschsprachige Konkurrent zu Goodreads, zeigt den Score nur als Grafik: Fast jedes Buch hat rund 4 Sterne. Damit ist die Plattform für mich nutzlos – denn ich brauche die genaue Zahl. Und etwas Erfahrung, wie ich sie lesen/verstehen kann:

  • Romane: ab 3.75 lesenswert; ab 4.00 auffällig beliebt
  • Superheldencomics: ab 3.75 lesenswert; ab 4.00 auffällig beliebt
  • Fantasy und Science Fiction: erst ab 4.00 einen Blick wert, oft seltsame Hypes
  • Jugendbücher: ab 3.90 einen Blick wert; ab 4.20 oft krasser Mainstream/Romance.
  • Theaterstücke, Essays, Kurzgeschichtensammlungen: ab 3.90 einen Blick wert

Schullektüren werden schlechter bewertet – weil viele sie unfreiwillig lesen, und sich darüber ärgern. Bildbände haben hohe Wertungen: Weil viele Geld ausgeben? Stolz sind? Sich den Kauf schön reden? Je schwerer, trockener, anspruchsvoller, desto höher der Score: Vielleicht sind die meisten Leser*innen stolz, sich durch ein Buch gekämpft zu haben. Wichtig: Je größer das Fandom, die Nische, je leidenschaftlicher die Subkultur – desto größer die Hype-Gefahr; Bücher von/für Mormonen sowie Liebes-Groschenromane und Erotik haben oft unkritisch hohe Wertungen. Bücher aus den Niederlanden werden dagegen meist absurd schlecht bewertet: Das niederländische Heimatpublikum fühlt sich von ihren Literat*innen genervter als wir Deutschen von unseren.

ein Problem: Der “Ikea”-Effekt zeigt: Wer viel Arbeit investiert, ist stolzer als jemand, der es leichter hat. Vielleicht werden deshalb zähe, mühsame, trockene Bücher oft höher bewertet. Je mehr man denken, mitarbeiten, die Zähne zusammenbeißen muss, desto höher oft der Score. Eine gute Nachricht, eigentlich: Ein breites Publikum bereut die meisten “schwierigen” Lektüren nicht. Im Gegenteil!

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07. Anlesen, bald lesen, für später merken:

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Bücher können als “gelesen”, “lese ich gerade”, “will ich lesen” markiert werden. Meine Routine, seit Jahren: Sobald jemand ein Buch erwähnt oder empfiehlt, öffne ich Goodreads, markiere es. Gibt es eine deutsche oder englische Leseprobe, lese ich rein. Ich entscheide, ob ich das Buch interessant finde, selbst lesen würde. Um dieses Anlesen und Bald-Lesen zu organisieren, habe ich einen Zweit-Account:

  • Bei 6.600 Büchern suche ich eine Leseprobe, warte auf die Übersetzung oder die Buchpremiere.
  • 13.000 Bücher wurden von mir angelesen
  • 2.7000 Bücher von mir als “angelesen und gemocht” markiert: Ich lege sie auf meine Amazon-/Medimops-/Rebuy-Wunschzettel, blogge über sie, habe sie oft billig gebraucht gekauft und noch ungelesen im Regal stehen.
  • Hier, im Zweit-Account, nutze ich präzisere Verschlagwortungen und sortiere auf mehr Regale: “zweiter Weltkrieg”, “Bücher mit Illustrationen”, “Bücher für Neun- bis Vierzehnjährige”, “in Deutschland erschienen, doch gerade nicht im Buchhandel erhältlich” etc.
  • Sucht jemand Bücher für Teenager, die von Essen handeln, internationale Comics, die in Japan spielen etc., kann ich in zehn Minuten erste Listen erstellen.
  • Ich bin oft stundenlang in Bibliotheken, Buchhandlungen, Antiquariaten oder vor Regalen von Freund*innen. Ich blättere durch Bücher und markiere, was mich packt/interessiert – und was mich kalt lässt.

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ein Problem: Um schnell zu sehen, welchen Eindruck solche angelesen Bücher auf mich machten, gebe ich den vielversprechenden 4 Sterne, den abstoßenden 2, und allem, das ich nicht unbedingt lesen will, 3. Weil alle Sterne öffentlich sind, beeinflusse ich damit Scores – ohne, das Buch zu Ende gelesen zu haben. Verboten ist das nicht. Doch besonders bei aktuellen deutschen Titeln, die noch kaum bewertet wurden, gebe ich manchmal keine Wertung ab: Statt – anonym, und ohne, komplett gelesen zu haben – durch eine 2-Sterne-Wertung Menschen Lust aufs Buch zu nehmen.

ein größeres Problem: Bei Amazon-Kritiken werden Rezensionen von Menschen, die das Produkt nachweislich bestellten, bevorzugt. Bei Goodreads aber kann man durch Kampagnen und anonyme Sockpuppet-Accounts Scores leicht ändern. Deshalb nehme ich Scores erst ab ca. 30, 40 Einzelwertungen ernst. Viele deutschsprachige Titel aus kleinen Verlagen haben aber nur sechs, sieben Stimmen: Ihre Scores werden nie repräsentativ.

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06. “Lesezwillinge”, Vertrauenspersonen:

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Unter jedem Goodreads-Profil: die Option “Compare Books”. Eine Extra-Seite zeigt alle Titel, die man gemeinsam hat – und stellt die Wertungen gegeneinander. Eine Funktion, die ich auch gern bei Kritiker*innen hätte, die im Feuilleton rezensieren; denn sie lässt überraschend tief blicken: Ich werte Haruki Murakami und viele feministische Memoirs überdurchschnittlich hoch. Meine 3 Sterne für “Tschick” und “Der Fänger im Roggen” fallen aus dem Rahmen. Viele Deutsche geben Christian Kracht und Bret Easton Ellis einen Stern – oder fünf.

  • Die Rezensionen unter jedem Buch sind nach Beliebtheit sortiert: Unter den ersten fünf sind oft schon ein, zwei interessante Stimmen.
  • Ich sehe oft nach, wer meine Lieblings- oder Hass-Bücher ähnlich euphorisch oder negativ wertete wie ich.
  • Öffne ich die Profile, klicke ich auf “Compare Books” und sehe nach, ob ich die Wertungen plausibel/hilfreich finde.
  • Lovelybooks wurde als Bestseller- und Unterhaltungs-Plattform vermarktet. Goodreads lockt auch Expert*innen, Akademiker*innen, Nerds: Ich folge Menschen, die z.B. italienische Hochliteratur lieben, Rrriot Girls oder Mangas mit Schwulen und Lesben.

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ein Problem: In David Lodges “Changing Places” gibt ein Literaturprofessor auf einer Party zu, nie “Hamlet” gelesen zu haben – mit Folgen für seine Karriere. Ich fragte einen Germanisten-Freund, ob er zu Goodreads will. Er zierte sich lange: “Zeige ich, welche Bücher ich las, dann zeige ich damit auch, welche Bücher ich NICHT las. Ein peinlicher Offenbarungseid!” Jeder sieht, dass ich “Krieg und Frieden” nie las, “Die Blechtrommel” abbrach, nichts von Heinrich Böll kenne.

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05. Rankings und Listen.

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Spotify kennt meinen Musikgeschmack gut genug, um mir zweimal pro Woche (“Mix der Woche”, “Release Radar”) je 30 Songs vorzuschlagen – von denen viele gut passen. Auch Netflix hat eine beliebte “Recommendation Engine”. Die Empfehlungen bei Goodreads sind flau: Sobald ich deutsche Bücher bewerte, greift das System auf deutsche Bücher zurück – von denen die meisten in den USA erschienen. Weil dort noch immer Bücher über den zweiten Weltkrieg gefragt sind, heißt das: Statt Gegenwartsliteratur empfiehlt mir Goodreads – seit die persönlichen Empfehlungen eingeführt wurden (2011) – fast NUR Holocaust-Memoirs.

Unpersönlich dagegen – doch spezifisch und hilfreich: “Listopia”. Der Bereich, in dem jede*r öffentliche Listen erstellen und Titel auf bestehenden Listen nach oben voten oder neu einfügen kann.

Wer promoviert, an einem längeren Text arbeitet oder eine Nische erforschen will: Erstellt eine Liste – und schaut, ob sie wächst!

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ein Problem: Auf den ersten Blick wirkt Goodreads zu US-fixiert. Es hilft, Listen auf Deutsch anzulegen – sonst werden sie bald von englischsprachigen Vorschlägen, Favoriten dominiert.

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04. In Deutschland: lieber Lovelybooks?

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Vorgestern las ich die Verlags-Programmvorschauen für Herbst 2017: Immer wieder wurde versprochen, dass der Verlag Geld an Lovelybooks zahlt, um als dort Werbung für den neuen (meist: Unterhaltungs- oder Liebesroman) Verlosungen und -Leserunden einzurichten. Als PR-Plattform scheint Lovelybooks immer wichtiger zu werden. Auf Goodreads dagegen pflegen Verlage oft nicht einmal das deutsche Cover, den deutschen Klappentext ein (…bis Fans/deutsche User*innen das übernehmen).

Goodreads wird “deutscher”/”deutschsprachiger”, indem man…

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ein Problem: Der US-Markt sowie US-Klassiker werden durch viele, recht diverse US-Leser*innen in aller Vielfalt abgebildet – auch die Hochliteratur und akademische Diskurse. Ich finde dauernd rezensierende US-Bibiothekar*innen, Pädagog*innen. Mit etwas Mühe kann ich (immerhin) auch nach philippinischen, rumänischen, portugiesischen Bestsellern suchen. Doch die Vielfalt deutscher Verlage zeigt sich leider immer noch eher, indem man erst eine Stunde im “Perlentaucher”/Feuilleton liest, dann eine Stunde im Bahnhofsbuchhandel blättert.

“I already know how people like me, people who read books professionally and with a particular set of aesthetic values, respond to a text. I go to reader reviews to see how the other half reads” …begründet Literaturkritikerin Laura Miller – recht klassistisch / von oben herab – warum sie sich freut, dass Laienkritik, Fan-Meinungen und die Stimmen der Menschen, die meist nur zum Vergnügen lesen, durch Plattformen wie Goodreads sichtbarer werden.

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03. …und meine Daten?

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2013 wurde Goodreads von Amazon gekauft.

Auf Goodreads selbst änderte sich nichts: Ein Button namens Get a Copy leitet mich (schon seit zehn Jahren) an einen Online-Bookstore meiner Wahl; ich selbst stellte dort “Amazon.de” ein – nicht, um die Bücher dort zu kaufen, sondern, weil sich dann mit ein, zwei Klicks gleich eine Online-Leseprobe öffnet.

Die Übernahme ist problematisch, weil…

  • Amazon auf Goodreads noch schneller sehen kann, welche Bücher einen Hype/Sog entwickeln – besonders auch bei Fans und gebildeteren Käufer*innen.
  • Buch-Scores leicht zu manipulieren sind.
  • Bücher via Newsletter, Anzeigen etc. auf der Seite beworben (oder unsichtbarer gemacht) werden können.
  • Kindle-Daten dem Konzern zeigen, WIE wir lesen, wo wir abbrechen und pausieren…
  • …und Goodreads-Daten jetzt zusätzlich genau zeigen, was wir lesen WOLLEN.

Als User sind Goodreads und Amazon für mich nicht vergleichbar: Auf Goodreads kann ich Bücher markieren, sortieren, sichtbar machen oder wegklicken, in einer Optionen-Fülle, die mir Online-Stores oder Datenbanken nie gaben. Mir kommt das vor, als könne ich mit Leuchtstiften, Stickern, Handwagen etc. durch eine Buchhandlung laufen – und alles wegwerfen, umsortieren, anstreichen, nach meinen Vorstellungen stapeln. Die Amazon-Website gibt mir kaum Optionen, mich als Leser zu organisieren: Hier geht es um Angebote, Überflutung, Werbung, Kaufanreize. Goodreads dagegen ist – bislang – weiterhin ein Ort, an dem ICH entscheiden kann, was ich mir speichere und sichtbar halte.

Trotzdem glaube ich, dass Amazon durch die Goodreads-Daten noch aggressiver planen kann. (Gut, immerhin: Dass die meisten dieser Daten auf Goodreads offen sind und ich selbst – z.B. als Journalist – von außen ebenfalls viele Schlüsse aus all den Scores und Rankings etc. ziehen kann: Die Seite hat mir VIEL mehr gegeben und gezeigt, als ich bisher, durch meine Daten, dort “einzahlte”.)

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02. Abseitiges, Serien, Direktvergleiche:

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“Was macht gute Literatur aus?”, “Was macht Buch X besser als Y?”, das sind Irrsinns-Fragen: Sie müssen immer neu gestellt, verhandelt werden – und Goodreads hat auf sie keine besonders klugen oder neuen Antworten. Eine Frage aber, die die Plattform HERVORRAGEND beantwortet: “Welche Bücher lasen Menschen gern – und: lieber als andere?”

Ich bin besonders oft bei Goodreads, wenn ich mich nicht über EIN konkretes Buch informieren oder austauschen will – sondern frage:

Ich liebe die Website GraphTV: Sie zeigt, wie IMDB-User*innen alle Episoden von Serien bewerten – und liefert damit klare Tendenzen: Welche Serien laufen sich tot? Wo lohnt sich erst die zweite Staffel? Was wird besser und besser? [Beispiele: “The Americans”, “Friends”, “Game of Thrones”, “The Walking Dead”).

Goodreads ist kein Werkzeug, das mir objektiv zeigen kann: Die folgenden Bücher sind gut.

Doch Goodreads kann mir überraschend präzise Tendenzen, Entwicklungen, Abstufungen zeigen.

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ein Problem, das ich oft fürchte, aber nicht besätigen kann: “Unbequeme” Bücher, Zumutungen, Herausforderungen, Irritationen, Kurswechsel, Experimente – werden sie auf Goodreads abgestraft? Werden nur Wohlfühl-Titel hoch bewertet oder Autor*innen gelobt, die keine Wagnisse eingehen, nur eine feste Formel bedienen? Nein. Die Scores zeigen: Auch das aller-breiteste Publikum ist VIEL kritischer, experimentierfreudiger meist.

schade aber: Wer Band 1 einer Serie, Reihe nicht mag, steigt aus. Wer Band 17 liest, liebt die Reihe meist. Deshalb haben Reihen oft immer höhere Wertungen – vielleicht auch solche, die den Hype nicht verdienen?

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01. nie wieder die Angst: “Nichts macht mir Spaß!”

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Wenn ich krank bin, müde, deprimiert, frage ich nicht mehr: Was soll ich lesen, sehen, hören? Die vielen Watch- und to-Read-Lists helfen mir, Titel präsent zu halten, auf die ich mich freue. Ich öffne Goodreads in Antiquariaten, Bibliotheken, als Wunschzettel, Merk- und Einkaufsliste. Ich war nie suizidal – doch ein Blick auf die Listen macht mir wie NICHTS ANDERES klar, wie viel ich noch nicht kenne… und unbedingt kennen will. Kultur, auf die ich mich freue. Geschichten, Figuren, Stimmen, für die ich mir Zeit nehmen will.

Mein Leben fühlt sich weiter, offener an – seit ich solche Listen pflege. #Vorfreude!

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ein Problem: Für mich ist das Routine:

  • Bücher im Gespräch mit Freund*innen, im Feuilleton oder in Buchläden entdecken.
  • Sie auf Goodreads finden, Kritiken und den Score nachlesen.
  • Die Leseprobe anlesen.
  • …und DANN entscheiden: Will ich das kaufen und komplett lesen?

Viele Freund*innen brauchen das nicht: Sie lassen sich Bücher leihen oder schenken, kaufen nach Cover und Gefühl, sparen sich langes Überlegen. Ich bin Literaturkritiker: Mir ist wichtig, dass ich in alle bekannteren Bücher wenigstens kurze Blicke warf, mir einen ersten Überblick verschaffte, nicht zu viel Zeit mit Dutzendware verbringe. Doch ich verstehe alle, die sagen: “Eine Datenbank pflegen – über die eigenen Lese-Absichten? Wozu?”

Ich verbringe gut vier Tage im Monat, Bücher zu finden, zu sortieren, anzulesen, Redakteur*innen vorzuschlagen, in Listen zu bloggen.

Ich verbringe oft weniger als vier Tage im Monat damit, Bücher zu lesen.

Für mich passt diese Balance meist. Passt sie für euch? Dann: Goodreads, gern.

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schlechte Blogs, schlechte Bücher, schlechte Maßstäbe: Wo wird mir Literatur… zu platt?

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“Es gibt keine etablierte Praxis der Kritik von Genreliteratur, von Jugendliteratur und Young Adult-Literatur. Ein Teil dieser Sparten ist dafür zu jung, vor allem aber hat sich die etablierte Literaturkritik darum nie intensiv gekümmert. Blogger, Booktuber und Bookstagramer können hier auf keine etablierten Muster zurückgreifen, sie müssen neue Muster herausbilden.”

…schreibt Netzfreundin und Bloggerin Katharina Hermann in einem lesenswerten, klugen langen Grundsatztext auf 54Books (Link).

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Ich habe Kulturjournalismus studiert und schreibe heute sehr viel und gern über Genre- und Unterhaltungsliteratur, Mangas, Comics, TV-Serien, Popkultur.

“Selbstverständlich ist doch „ich habe mich gut unterhalten gefühlt“ ein legitimes Beurteilungskriterium für einen Unterhaltungsroman. Selbstverständlich ist „ich konnte mich mit der Protagonistin identifizieren“ ein legitimes Beurteilungskriterium für Jugendliteratur, die doch genau darauf in der Regel angelegt ist. Natürlich ist „das Buch ist lustig“ ein legitimes Beurteilungskriterium für ein Buch, das genau das sein will. Nur weil das keine klassischen literaturkritischen Parameter sind, ist das eben nicht unreflektiert oder dumm, sondern vielleicht: schlicht angemessen.

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Als Kritiker bin ich schnell gelangweilt von Büchern, Serien, Filmen, Comics, Erzählwelten, in denen…

1 – Figuren sich kaum entwickeln oder ändern; am Anfang schon absehbar ist, wie die Geschichte endet; oder jeder Teil, jede Episode nach dem selben Muster erzählt ist (z.B. “Monk”).

2 – Nebenfiguren so eindimensional bleiben, dass ich bei Frauen denke “Wow: Sexismus?” und bei Figuren of Color: “Wow: Rassismus?” (z.B. “Two Broke Girls”).

3 – EIN Geschlecht angesprochen oder als Zielgruppe gedacht wird, und alle Figuren des anderen Geschlechts am Rand bleiben (z.B. “Herr der Ringe”).

4 – Die Hauptfigur NUR triumphiert und wir eingeladen werden, uns an ihrer Seite dem Rest der Welt überlegen zu fühlen (z.B. James Bond, Batman).

5 – Sprache so egal ist, dass mich Klischees wie “rabenschwarze Nacht” und “ihr Herz blieb fast stehen” ablenken (z.B. die meisten deutschsprachigen Krimis).

6 – Figuren Berufe, Krankheiten oder Expertengebiete haben, die niemand richtig recherchiert hat (z.B. “Marienhof”).

7 – Alle Figuren außer den Helden Trottel, Abschaum, Monster bleiben (z.B. “Fear the Walking Dead”? Ich schwanke noch).

8 – Eine Grundstimmung ohne Höhen und Tiefen “zum Abschalten” einlädt: Statt Irritationen und Details, die man im Hinterkopf behalten sollte, bleibt alles ein harmloser, gemächlicher Brei (z.B. “Sturm der Liebe”).

9 – Gegner keine Argumente haben, nichts dazu lernen, oft nur für das “Falsche”, “Perverse” Andere stehen, über dessen Bestrafung wir uns freuen sollen (z.B. Märchen, “Law & Order”, Kinder- und viele Disney-Bösewichte).

10 – Dinge erzählt werden, die schon lange erzählt werden, auf eine Art und Weise, die niemanden stören, erschrecken, herausfordern soll (z.B. “heitere” Unterhaltungsromane).

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Nicht alles, was ich mag, muss in JEDER Hinsicht unbequem, überraschend, ikonoklastisch, schwierig, hermetisch sein.

Doch ich habe mehr Respekt vor einem Werk, das probiert, auf originelle Art und Weise mit meiner Geduld und meinen Erwartungen zu spielen, als mit einem Werk, das mir genau das geben will, was vermeintlich “alle” gerade “wollen”.

Ein Unterhaltungsroman, der mich *nur* unterhält, ein Jugendbuch, das es mir *nur* möglichst leicht macht, ein wenig Welt durch die Augen der möglichst netten Hauptfigur zu sehen, ein lustiger Roman, der *nur* lustig ist – das ist mir zu wenig. Ich mag Werke, die mir MEHR zeigen als nötig – und Fragen, Gefühle, Reaktionen auslösen, die mir nicht schon beim Blick aufs Cover versprochen wurden.

Das ist kein Argument gegen Katharinas Text oder die Arbeit vieler Blogger*innen.

Sondern einfach mein persönliches Kriterium beim Auswählen von Werken: Geben mir Geschichten nur DAS, womit ich eh gerechnet habe… habe ich keine Lust, meine Zeit mit ihnen zu verbringen. Kritiken und Empfehlungen haben für mich einen Mehrwert, sobald sie sagen “Achtung: Dieser Action-Film ist unerwartet traurig!” oder “Hey: Schau mal, was hier noch alles drin steckt!”

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Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus: die besten Bücher aus der “Schreibschule” Hildesheim

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Von 2003 bis 2008 studierte ich Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim:

eine trostlose Stadt – aber ein gutes Studium.

Pro Jahr bestehen 10 bis 15 Studierende die Aufnahmeprüfung und kommen – oft direkt nach dem Abitur – in die Stadt. Etwa fünf Jahre später schreiben sie eine Abschlussarbeit: manchmal ein wissenschaftlicher oder journalistischer Text. In vielen Fällen aber: ein Debütroman. Viele dieser Titel werden später in Verlagen veröffentlicht – und ich lese vier, fünf von ihnen pro Jahr.

ab.hier.kultur, das Alumni-Netzwerk des Hildesheimer Fachbereichs Kulturwissenschaften, bat mich im Sommer 2016, persönliche Favorien und Empfehlungen auszusprechen: Bücher von (Ex-)Kommilitoninnen, die ich mochte und empfehlen kann. Die Texte erschienen in “Kultur 16!”, der Zeitschrift des Netzwerks. [Ein anderer Artikel von mir, ebenfalls fürs Netzwerk, von 2013: Link.]

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Hildesheimer Namen auf Buchcovern

Seit dem Ende der 90er Jahre sind über 50 Bücher von jungen Autorinnen und Autoren, die in Hildesheim studiert haben, in großen Verlagen erschienen. Literaturkritiker Stefan Mesch stellt fünf persönliche Favoriten vor.

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Nora Wicke: „Vierstromland“.

Roman, 320 Seiten, Müry Salzmann 2014.

Ein solcher Tonfall, ein solches Thema misslingt fast immer: Eliza zieht nach Berlin. Bisher lebte sie mit ihrer großen Schwester in einem Internat bei Amsterdam, ihre Mutter hat eine junge Geliebte in Paris, ihr Vater eine neue Frau und weitere Kinder. Zwei ältere Zwillingsbrüder leben in Rumänien, bei den Großeltern. Nora Wicke lässt eine heimatlose Frau aus einer oft abweisenden, verstreuten Großfamilie mit serbischen, rumänischen und deutschen Wurzeln durch Europa reisen, jahrelang: Nebenjobs, Kälte, vorsichtige Briefe und Annäherungen. Ein leiser, melodischer, manchmal schleppender Roman über Europa – schwermütig, klug, fast nie kitschig.

Buch bei Goodreads (Link)

Vierstromland

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Sabrina Janesch: „Tango für einen Hund“.

Roman, 303 Seiten, Berlin Verlag 2014.

Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ blieb mir lange im Gedächtnis – auch, weil so viele Szenen, Einzelteile wie spitzes, ungeschliffenes Metall aus den Kapiteln stechen. „Tango für einen Hund“ ist ein glatteres, schnittigeres Buch – etwas seichter und weniger markant. Doch dafür so stimmig und professionell wie nichts anderes, das ich von Hildesheimern kenne: ein prima Jugendbuch, charmante Unterhaltung, ein wunderbar rundes Ding! Es geht um Weichei Ernesto, der seine Sommerferien in der Lüneburger Heide verschwendet, bis sein etwas dementer, energischer Onkel aus Argentinien einen Roadtrip durch die Pampa Niedersachsens anzettelt. Warmherzig, witzig, mit überzeugendem Ich-Erzähler. Und, versprochen: keine „Tschick“-Kopie.

Buch bei Goodreads (Link)

Tango für einen Hund

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Jan Fischer: „Ready. Wie ich mit digitalen Spielen erwachsen wurde“.

Autobiografisches Essay, 52 Seiten, Hanser 2016. [nur als E-Book]

Jan gehört zu meinen besten Freunden. Doch richtig nah kommen wir uns selten: Er traut sich als Kulturjournalist oft an die schwersten oder absurdesten Themen. Nur über eigene Ängste spricht er kaum. Wie großartig, dass ausgerechnet hier – in einem 50-Seiten-E-Book über die Mainstream-PC- und Videospiele der 80er, 90er, 00er Jahre – kluge Erinnerungen und Emotionen so viel Raum einnehmen: Jan schreibt, was ihn als Kind an Spielen reizte. Wie sie helfen. Womit sie faszinieren. Experten und Hardcore-Gamer werden Vieles kennen. An einigen Stellen: zu viel Pathos. Doch selbst, wer kein Interesse an Spielen hat, liest Jans Erinnerungen mit Gewinn: kulturwissenschaftliche Beobachtungen – leidenschaftlich, nah, verständlich.

Buch bei Goodreads (Link)

Ready

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Anne Köhler: „Nichts werden macht auch viel Arbeit. Mein Leben in Nebenjobs“.

Autobiografische Kolumen, 144 Seiten, Dumont 2010.

2015 veröffentlichte Anne Köhler einen Roman über eine junge, unglückliche Köchin in Hildesheim – der mich sehr langweilte: Mir war diese Hauptfigur zu zweifelnd, fade, flau. Besonders, weil Annes erstes Buch (2010) eine geisteiche, komplexe, viel liebenswertere Heldin hatte: Anne Köhler! Für jetzt.de schrieb Anne eine Kolumne über alle Nebenjobs, Praktika und bezahlten Projekte ihres Lebens. Wie viele Hildesheimer hatte sie Angst, alles nur oberflächlich zu wissen, zu wenig richtig zu beherrschen. Ihre Textsammlung hinterfragt diese Angst, bleibt aktuell, macht Mut – und empfiehlt sich besonders als Geschenk für Eltern oder Freunde, die nur geradere Lebenswege und Karrieren kennen. Leichte Texte. Schlaue Thesen!

Buch bei Goodreads (Link)

Nichts werden macht auch viel Arbeit : Mein Leben in Nebenjobs

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Funny van Money: „This is Niedersachsen und nicht Las Vegas, Honey. Auf Tabledance-Tour durch die Republik“.

Autobiografisches Sachbuch, 224 Seiten, Hanser Berlin 2012.

(Taschenbuch-Ausgabe 2014 bei Piper, mit neuem Titel: „Wie ich auszog, mich auszuziehen“.)

Um ihr Hildesheimer Kuwi-Studium zu finanzieren, tanzt Funny in einer Rotlicht-Bar in Hannover, nackt. Danach macht sie Diplom – mit einer kulturwissenschaftlichen, feministischen Selbstbeobachtung ihrer Rolle als Pole-Dance-Girl. Wer Spaß- und Comedy-Kolumnen sucht, wird hier enttäuscht: Funny schreibt auf hohem Niveau, häuft akademische Konzepte und Anglizismen. Stellenweise formuliert sie nerdy und verblasen wie ein Gender-Experte in der Spex. Trotzdem ist ihr Experiment so interessant, ihre Beobachtungen so originell, überraschend, kritisch, dass ich das Buch dauernd verschenken will. An jeden, der bei Sex-Workern nur an dümmliche Opfer denkt. Und bei Hildesheim nur an Bürgerlichkeit und Anpassung.

Buch bei Goodreads (Link)

This is Niedersachsen und nicht Las Vegas, Honey

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[Ich mochte auch Juan Guses “Lärm und Wälder” und Leif Randts “Schimmernder Dunst über CobyCounty”]

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Stefan Mesch, geboren 1983 bei Heidelberg, studierte von 2003 bis 2008 Kreatives Schreiben in Hildesheim. Er lebt und arbeitet als Autor und freier Journalist für u.a. Deutschlandradio Kultur und ZEIT Online in Berlin und schreibt an seinem ersten Roman, „Zimmer voller Freunde“.

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Die besten Bücher 2017: erste Favoriten und Empfehlungen

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angelesen und gemocht: [Update – 12 Bücher ab Sommer 2017, mehr hier]

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neue Bücher 2017 Colson Whitehead, Mariana Leky, Geoffrey Household.png

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Colson Whitehead: “Underground Railroad” (Hanser, 21.8. – Deutsch von Nikolaus Stingl) “Cora ist eine von unzähligen Schwarzen, die auf den Baumwollplantagen Georgias schlimmer als Tiere behandelt werden. Da hört sie von der Underground Railroad, einem geheimen Fluchtnetzwerk. Über eine Falltür beginnt eine atemberaubende Reise, auf der sie Leichendieben, Kopfgeldjägern, obskuren Ärzten, aber auch heldenhaften Bahnhofswärtern begegnet. Jeder Staat, den sie durchquert, hat andere Gesetze, andere Gefahren. Wartet am Ende wirklich die Freiheit?”

Mariana Leky: “Was man von hier aus sehen kann” (Dumont, 18.7.) “Selma, eine alte Westerwälderin, kann den Tod voraussehen. Immer, wenn ihr im Traum ein Okapi erscheint, stirbt am nächsten Tag jemand im Dorf. Unklar ist allerdings, wen es treffen wird. Das Porträt eines Dorfes, in dem alles auf wundersame Weise zusammenhängt.”

Geoffrey Household: “Einzelgänger, männlich” (Kein & Aber, 5.9. – Deutsch von Michel Bodmer) “Europa Anfang der Dreißigerjahre: Ein Jäger schleicht sich auf das Anwesen eines gefürchteten Diktators, legt an und zielt. Ein unvorstellbar spannender Thriller, geschrieben aus der Sicht des Verfolgten.” [Klassiker von 1939]

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neue Bücher 2017 Gael Faye, Betty Smith, Tom Drury

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Gael Faye: “Kleines Land” (Piper, 2.10. – Deutsch von Brigitte Große, Andrea Alvermann) “Als Kind pflückte Gabriel in Burundi mit seinen Freunden Mangos von den Bäumen. Heute lebt er in einem Vorort von Paris. Dorthin floh er, als der Bürgerkrieg das Paradies seiner Kindheit zerstörte. Doch er muss noch einmal zurück.”

Betty Smith: “Ein Baum wächst in Brooklyn” (Suhrkamp/Insel, 23.10. – Deutsch von Eike Schönfeld) “Die elfjährige Francie Nolan ist eine unbändige Leserin – und möchte Schriftstellerin werden. Ein Traum, der im bunten, ruppigen Williamsburg von 1912 kaum zu erfüllen ist. Hier brummen die Mietshäuser vor all den Zugewanderten.” [Klassiker von 1944.]

Tom Drury: “Grouse County” (Sammelband einer Romantrilogie, ich las und mochte “Die Traumjäger”; 5.8. – Deutsch von Gerhard Falkner, Nora Matocza) “Irgendwo im Mittleren Westen: Das Leben der Menschen zerbröckelt langsam, alle jagen unrealistischen Träumen nach – und sind Dorn im Auge des örtlichen Sheriffs, Dan Norman, der die Harmonie in seinem County wahren will. Die jüngere Generation sieht dagegen nur einen Ausweg, dem ländlichen Mief zu entkommen: nie mehr zurückkehren. Der Band enthählt die drei Romane »Das Ende des Vandalismus«, »Die Traumjäger « und den bisher auf Deutsch unveröffentlichten Roman »Pazifik«.”

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neue Bücher 2017 Tim Winton, Margaret Atwood, Elena Lappin

Tim Winton: “Inselleben. Mein Australien” (Luchterhand, 24.7. – Deutsch von Klaus Berr) [Ich glaube, das ist der schwülstigste, unfreiwillig komischste Klappentext, den ich dieses Jahr las. Winton selbst schreibt zum Glück nicht halb so… pfaffenhaft.]

Margaret Atwood: “Aus Neugier und Leidenschaft. Gesammelte Essays [bis 2005]” (Berlin Verlag, 13.10. – Deutsch von Christiane Buchner, Claudia Max, Ina Pfitzner) ” Rezensionen zu John Updike und Toni Morrison; ein Afghanistan-Reisebericht, der zur Grundlage für den ‘Report der Magd’ wurde, leidenschaftliche Schriften zu ökologischen Themen, Nachrufe auf einige ihrer großen Freunde und Autorenkollegen…”

Elena Lappin: “In welcher Sprache träume ich?” (Kiepenheuer & Witsch, 7.9. – Deutsch von Hans Christian Oeser) “Hineingeboren ins Russische, verpflanzt erst ins Tschechische, dann ins Deutsche, eingeführt ins Hebräische und schließlich adoptiert vom Englischen – jede Sprache markiert einen neuen Lebensabschnitt in der Familiengeschichte Elena Lappins: Fragen nach Heimat, Identität, Judentum und Sprache. Sensibel geht sie den Erzählungen, Lebenslügen und Geheimnissen der Eltern und Großeltern nach und schildert, was es heißt, mit gleich mehrfach gekappten Wurzeln zu leben und auch nach dem Verlust einer Muttersprache schreiben zu wollen.”

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neue Bücher 2017 Benjamin Alire Saenz, Guy Gavriel Kay, James Corey

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Benjamin Alire Saenz: “Die unerklärliche Logik meines Lebens” (Jugendbuch, Hanser bei Thienemann, 19.8. – Deutsch von Uwe-Michael Gutzschhahn) “Sich gegenseitig auffangen – das haben Sal und seine beste Freundin Samantha bisher immer geschafft. Doch gelingt das auch, wenn alles droht, auseinanderzubrechen? Das letzte Schuljahr stellt ihre Freundschaft auf eine harte Probe. Sam gerät an einen miesen Typen, während Sal verzweifelt versucht, nicht zu einem zu werden.”

Guy Gavriel Kay: “Am Fluss der Sterne” (Fantasy, spielt 400 Jahre nach “Im Schatten des Himmels”, Fischer TOR, 26.10. – Deutsch von Ulrike Brauns) “Einst galt Xi’an als schönste Stadt der zivilisierten Welt, der Kaiserhof als Hort des Luxus und der Kultur. Doch seit Kitai in weiten Teilen an die Barbaren aus dem Norden gefallen ist, herrscht Angst auf den Straßen, und das Heulen der Wölfe hallt durch verfallene Gemäuer.”

James Corey: “Babylons Asche” (Science Fiction, Band 6 der “The Expanse”-Reihe, Heyne, 13.6. – Deutsch von Jürgen Langowski) “Die Menschheit hat das Sonnensystem kolonisiert. Auf dem Mond, dem Mars, im Asteroidengürtel und noch darüber hinaus gibt es Stationen und werden Rohstoffe abgebaut. Doch die Sterne sind den Menschen bisher verwehrt geblieben. Als der Kapitän eines kleinen Minenschiffs ein havariertes Schiff aufbringt, ahnt er nicht, welch gefährliches Geheimnis er in Händen hält – ein Geheimnis, das die Zukunft der ganzen menschlichen Zivilisation für immer verändern wird.”

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CHRIS KRAUS, “I love Dick” (Matthes & Seitz, 30. Januar. Deutsch von Kevin Vennemann.)

FLURIN JECKER, “Lanz” (Nagel & Kimche, 20. Februar)

DON CARPENTER, “Freitags bei Enrico’s” (Klett-Cotta, 8. April. Deutsch von Bernhard Robben.)

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TREVOR NOAH, “Farbenblind” (Blessing, 6. März. Deutsch von Heike Schlatterer.)

ROBERT GERWARTH, “Die Besiegten. Das blutige Ende des ersten Weltkriegs” (Siedler, 23. Januar. Deutsch von Alexander Weber.)

MURRAY SHANAHAN, “The Technological Singularity” (Matthes & Seitz, 27. Februar. Deutsch von Nadine Miller.)

SIDDHARTHA MUKHERJEE, “Die Gene. Eine sehr persönliche Geschichte” (S. Fischer, 24. Mai. Deutsch von Ulrike Bischoff.)

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deutschsprachige Literatur:

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ANNA KIM, “Die große Heimkehr” (Suhrkamp, 16. Januar)

KRISTINA PFISTER, “Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten” (Klett-Cotta, 11. Februar)

NATASCHA WODIN, “Sie kam aus Mariupol” (Rowohlt, 17. Februar)

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GERHARD HENSCHEL, “Arbeiterroman” (Hoffmann & Campe, 17. Februar)

LUISE MAIER, “Dass wir uns haben” (Wallstein, 27. Februar)

ANKE STELLING, “Fürsorge” (Verbrecher Verlag, 28. Februar)

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KERSTIN PREIWUSS, “Nach Onkalo” (Berlin Verlag, 1. März)

MASCHA DABIC, “Reibungsverluste” (Edition Atelier, 1. März)

STEPHAN LOHSE, “Ein fauler Gott” (Suhrkamp, 6. März)

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NIAH FINNIK, “Fuchsteufelsstill” (Ullstein, 7. April)

ENNO STAHL, “Spätkirmes” (Verbrecher Verlag, 18. April)

CHRISTOPH SCHULTE-RICHTERING, “32 Tage Juli” (Rowohlt Berlin, 22. April)

SVENJA GRÄFEN, “Das Rauschen in unseren Köpfen” (Ullstein, 12. Mai)

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internationale Literatur, neu auf Deutsch:

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HANYA YANAGIHARA, “Ein wenig Leben” (Hanser Berlin, 30. Januar. Deutsch von Stephan Kleiner.)

GUSEL JACHINA, “Suleika öffnet die Augen” (Aufbau, 17. Februar, Deutsch von Helmut Ettinger.)

MAURIZIO TORCHIO, “Das angehaltene Leben” (Zsolnay, 20. Februar, Deutsch von Annette Kopetzki.)

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GONZALO TORNÉ, “Meine Geschichte ohne dich” (DVA, 6. März. Deutsch von Petra Strien-Bourmer.)

MILJENKO JERGOVIC, “Die unerhörte Geschichte meiner Familie” (Schöffling, 8. März. Deutsch von Brigitte Döbert.)

KIM THUY, “Die vielen Namen der Liebe” (Kunstmann, 8. März. Deutsch von Andrea Alvermann, Brigitte Große.)

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CARSTEN JENSEN, “Der erste Stein” (Knaus, 13. März, Deutsch von Ulrich Sonnenberg.)

LUKE KENNARD, “Transition: Das Programm” (Droemer, 3. April. Deutsch von Karl-Heinz Ebnet.)

OLIVIA SUDJIC, “Sympathie” (Kein & Aber, 7. April, Deutsch von Ann-Christin Kramer.)

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VAL EMMICH, “Die Unvergesslichen” (Droemer, 2. Mai. Deutsch von Eva Bonné.)

FRANCESCA SEGAL, “Ein sonderbares Alter” (Kein & Aber, 5. Mai, Deutsch von Anna-Nina Kroll.)

AE-RAN KIM, “Mein pochendes Leben” (Cass, Deutsch von Sebastian Bring.)

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Comics:

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HAMID SULAIMAN, “Freedom Hospital” (Hanser Berlin, Kai Pfeiffer.)

GUY DELISLE, “Geisel” (Reprodukt, 1. März. Deutsch von Heike Drescher.)

DANIEL CLOWES, “Patience” (Reprodukt, 1. März. Deutsch von Jan Dinter.)

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Sachbuch: 

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ILIJA TROJANOW, “Nach der Flucht” (S. Fischer)

BETTINA STANGNETH, “Lügen lesen” (Rowohlt, 23. Juni)

TALI SHAROT, “Die Meinung der anderen” (Siedler, 9. Mai. Deutsch von Susanne Kuhlmann-Krieg.)

JOACHIM RADKAU, “Geschichte der Zukunft” (Hanser, 30. Januar)

MOHAMED AMJAHID, “Unter Weißen”

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gelesen:

RACHEL KUSHNER, “Telex aus Kuba” (Rowohlt, 22. April. Deutsch von Bettina Abarbanell.)

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Links zu den (v.a. Belletristik-) Vorschaukatalogen für Frühling/Frühjahr/erstes Halbjahr 2017…

…der meisten größeren deutschsprachigen Verlage.

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Albino | Antje Kunstmann | Atlantik | Aufbau | Berenberg | Berlin Verlag | Blessing | Blumenbar | Braumüller | btb | C.H. BeckDiogenes | Dörlemann | Droemer Knaur | Dumont | dtvDVA | Edition Atelier | Edition Büchergilde | Edition fotoTAPETA | Edition Nautilus | Galiani | Goldmann | Guggolz | Hanser | Hanser Berlin | Hoffmann und Campe (und das neue Imprint Tempo) | Insel | Jung und Jung | Kein & Aber | Kiepenheuer & Witsch | Klaus Wagenbach (n/a) | Klett-Cotta (und Imprint Tropen) | KnausKremayr & Scheriau | Liebeskind | List | Louisoder |  Luchterhand | LuftschachtManesse | Matthes & Seitz | Mikrotext | Nagel & KimchePenguin | PiperPolar Verlag | Reclam | Reprodukt (Comics) | Rowohlt; und Rowohlt BerlinS. Fischer | SchöfflingSiedlerSuhrkamp | Ullstein (und das neue Imprint Ullstein Fünf) | Verbrecher Verlag | Voland & Quist | WallsteinWeidleZsolnay/Deuticke

Danke an Ilja Regier, der Mitte 2016 eine ähnliche Liste erstellte, für die Herbst-Novitäten.

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Besondere Romane: Buchtipps, Geschenktipps, Geheimtipps

buchtipps weihnachten

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Seit Ende November gebe ich auf Twitter kurze Buchtipps zu Weihnachten.

Knappe Literaturkritik – in Stichworten, als Adventskalender.

Die ersten 11 Buchtipps habe ich auch gebloggt: Link

Heute: 21 weitere Titel. Geschenktipps, persönliche Empfehlungen, Lieblingsbücher – denen ich ein breites Publikum wünsche. Mehr u.a. hier:

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twitter tschechow

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frühes 20. Jahrhundert – mein Lieblings-Dramatiker:
russisches Bürgertum: neurotisch, tragisch, verpeilt
Verwicklungen – bissig, aber sehr warmherzig.
Reiche Menschen stehen sich selbst im Weg.

Kirschgarten, Möwe, Onkel Wanja, 3 Schwestern, Ivanov: viele Theaterklassiker sind eitel, überdreht, gehässig zu den Figuren. Tschechow ist Humanist: kaputte, lächerliche, SUPERliebenswerte Rollen. Groß!

„Die großen Dramen“, Anton Tschechow

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twitter sherriff

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vergriffen – aber in toller dt. Übersetzung von 1959:
Eine einfache britische Familie macht Urlaub.
Spießer, Hausfrau, 2 fast erwachsene Kinder,
2 Wochen Ferien in einer billigen Pension am Meer.

Stiller Klassiker von 1931; liebe- und respektvoller Blick aufs Reihenhaus- und Kleingarten-Milieu, kein Spott, keine Satire. Spröde Alltagsmenschen und ihre oft verzweifelten Versuche, glücklich zu sein.

„Septemberglück“, R.C. Sherriff

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twitter kristof

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3 sehr verschiedene Romane. Trilogie über Krieg:
Zwillingsbrüder bei einer bettelarmen Großmutter.
Stoische, verbissene Kinder. Osteuropa? Zweiter Weltkrieg?

Band 1: schlichtes, dunkles Dorfmärchen, Parabel. Ein Erzähl-Experiment: beginnt als ultrabrutale, nihilistische Kindergeschichte über Entsagung und Besatzung – und wird in Buch 2 und 3 immer postmoderner, melancholisch-klüger, ambitionierter.

„Das große Heft“, „Der Beweis“, „Die dritte Lüge“, Agota Kristof

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twitter maron

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Abrechnung mit der DDR – und schlechtem Journalismus:
Reporterin reist nach Bitterfeld; und ist schockiert.
Dreck, Fabriken, Vertuschung: Wie berichten?
Marons Debüt: komplex, autobiografisch, relevant.

Ein „Unrechtstaat“ zeigt sich im großen Horror – und in den täglichen Widersprüchen, Ängsten, Machtstrukturen. Marons Roman bleibt Alltag: leise, klein – und dennoch: unerträglich beklemmend.

„Flugasche“, Monika Maron

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twitter semple
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verschroben, humorvoll, klug, überraschend:
sehr „Gilmore Girls“ (hey, Chick-Lit-Fans!)
sehr „Infinite Jest“ (hey, Schnösel & Nerds!)
Unterhaltung – auf hohem Niveau, leicht lesbar.

Die brillante Frau eines Microsoft-Managers bringt ihre hochbegabte Tochter in Gefahr, als sie wichtige Mutti-Jobs nach Indien outsourct, an eine Assistentin. Schenkt das hier… ALLEN! Wild, smart, toll.

„Wo steckst du, Bernadette?“, Maria Semple

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twitter kleist.

Nur selten Graphic Novels gelesen? Idealer Einstieg:
Simple Tuschezeichnungen, klarer Plot,
aber packend und relevant.
Auch toll als Schullektüre oder fürs alte FAZ-Publikum.

Samia Jusuf Omar vertrat 2008 Somalia als 100-Meter-Sprinterin in Peking. Sie wird Letzte – doch will danach von Afrika nach Europa, illegal, übers Meer. Portrait/Biografie über Flucht & Chancengleichheit.

„Der Traum von Olympia“, Reinhard Kleist
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twitter haslinger.

Vierköpfige Wiener Familie im Tsunami 2004:
Josef Haslinger, Leiter der Schreibschule Leipzig,
erlebt im Thailand-Urlaub die Flutkatastrophe
und hält alle Details fest, nüchtern, packend.

Distanzierte, recht ignorante reiche Feriengäste… plötzlich ausgeliefert, überfordert, traumatisiert. Sachlich-schlicht, aber nah und sehr persönlich zeigt H., was diese Tage aus Ort & Leuten machten.

„Phi Phi Island. Ein Bericht“, Josef Haslinger
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twitter toews.

Miriam Toews’ Vater beging Selbstmord.
Toews schreibt süßliche, nicht-sehr-kluge Schmöker:
Mainstream-Humor, „verrückte“ Mennoniten,
Oft brav-kanadisch-abgeschmackt und bieder.

Hier aber, in der Erinnerung an ihren gläubigen, manisch-depressiven Vater, gelingt die Balance: Gefühl und Witz, Existenzielles und Dorf-Schrullen. Die Autorin macht mir kaum Respekt. Das Buch sehr.

„Mr T., der Spatz und die Sorgen der Welt“, Miriam Toews
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twitter honigmann.

jüdisch-deutsche Ex-DDR-Autorin, bis heute toll:
Honigmann schreibt meist autobiografisch,
manchmal zu vorsichtig, bürgerlich, verhuscht,
doch hier: nah, packend, selbstkritisch.

Eine junge Berliner Dramaturgin arbeitet an einem Provinztheater, verheddert sich in einer Affäre und im DDR-Apparat. Brief-, Künstler-, Liebesroman, authentisch, traurig, intelligent!

„Alles, alles Liebe“, Barbara Honigmann
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twitter erpenbeck.

Asylrecht, Flucht, Ausgrenzung, Behörden-Irrsinn:
Erpenbeck erzählt so kunstlos-sachlich,
meist klingt dieser Roman nur nach Report/Bericht.
Ein etwas steifes, didaktisches Buch.

Aber: NIE habe ich schneller mehr gelernt über Geflüchtete in Deutschland. Im Ruhestand will ein Professor spontan helfen. Sein ignoranter, naiver Blick kommt schnell ins Wanken. Must-Read 2015!

„Gehen, ging, gegangen“, Jenny Erpenbeck
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twitter miller.

New York 1945, Bürohengste wie aus „Mad Men“:
Mit seiner neuen Brille wirkt Spießer Newman plötzlich „irgendwie jüdisch“.
Er verliert Ansehen, Job, Respekt aller Nachbarn.

Ein Kleingeist und Rassist als Opfer von Rassismus: Das könnte Satire, platte Parabel bleiben. Doch es wird sehr schnell überraschend komplex, rasant, psychologisch, hässlich. Packend und aktuell!

„Fokus“/“Im Brennpunkt“, Arthur Miller
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twitter joe hill.

Horror, Abenteuer, Herz: meine Lieblings-Comicreihe
6 Bände lang zeigt Joe Hill, Stephen Kings Sohn,
drei Geschwister in einem Spukhaus
voller magischer Schlüssel:

„The Shining“ trifft „Harry Potter“ trifft „Maniac Mansion“: Intelligenter, raffinierter, warmherziger Grusel mit tollen Zeichnungen, Figuren, Twists: 800+ Seiten wie aus einem Guss. Moderner Klassiker!

„Locke & Key“, Joe Hill und Gabriel Rodriguez
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twitter haushofer.

Survival-Thriller – oder feministische Sinnsuche?
Eine Biowaffe. Eine unsichtbare Barriere.
Und eine Frau, allein in den Bergen:
Als einzige Überlebende, isoliert auf Alm und Hütte.

Ich stellte mir diesen Klassiker viel softer, blumiger vor: Natur, Katze, Menopause. Eine österreichische Robinsonade. Doch „Die Wand“ ist so beklemmend, hart wie McCarthys „Straße“. Atemberaubend!

„Die Wand“, Marlen Haushofer
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twitter dirks.

sperrig, dunkel, brutal, bitter, schwer:
Liane Dirks erzählt die Lebensgeschichte
ihres monströsen Vaters.
Ein Koch aus Hamburg, der sie missbrauchte.

Schnöselige Drogisten in den 1930ern. Ein junger Koch in Russland, später dann auf Schiffen in der ganzen Welt. Grandios literarische Zeitgeschichte – und Psychogramm dreier Generationen. Hart.

„Vier Arten, meinen Vater zu beerdigen“, Liane Dirks
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twitter sakamichi.

nur online lesbar, als Fan-Übersetzung auf Englisch:
Japan, Ende der 60er, Provinz:
Eine Jazzband. Ein neuer Schüler (Streber).
Und zwei Kindheitsfreunde: Raufbold und Mädchen.

Manga, 10 Bände – still, sonnig, starke Figuren. Freundschaft statt Romance, sympathisch schlichte Retro-Zeichnungen. Coming-of-Age, Politisierung, Zeitgeschichte – zum Heulen schön!

„Sakamichi no Apollon“, Yuki Kodama

…längerer Empfehlungstext hier: die 20 besten Graphic Novels 2015
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twitter hedges.

Den Film sah ich nie. Die Romanvorlage? Großartig!
Nach der High School muss Gilbert bleiben:
Der Vater ist tot, ein Bruder behindert,
die Mutter depressiv.

Keine Komödie. Aber auch kein Pathos, Selbstmitleid: Geschwister, gestrandet in der Provinz, wütend, ratlos, hungrig, lebendig. Gute Übersetzung – aber gerade vergriffen. Fantastisch… empathisch!

„Gilbert Grape. Irgendwo in Iowa“, Peter Hedges
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twitter drakulic

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Bosnische Frauen im Krieg… und danach:
Ein schlichtes, kluges, alptraumhaftes Buch
über die Psychologie des Krieges
und sexuelle Gewalt.

Die ersten und die letzten 10 Seiten: Klischee und Kitsch. Dazwischen aber: Ein Text, der mich seit Monaten nicht loslässt. Einfache Sprache, brillante Gedanken. Pogrome, Lager, Asyl. Kontrollverlust.

„Als gäbe es mich nicht“, Slavenka Drakulić
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twitter Capote.

Reportage von 1965: erster großer „True Crime“-Text
Zwei junge Männer überfallen eine Farm in Kansas
und ermorden die komplette Familie.
Capote recherchiert, interviewt, rekonstruiert.

Vielleicht ist vieles hier gebogen, dramatisiert – doch erstmal lese ich, atemlos: Kein schauerlicher Real-Life-Krimi. Sondern Milieus, Figuren, ein Land, toll erfasst. Ein Buch, das nachwirkt. Große Kunst!

„Kaltblütig“, Truman Capote
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twitter toulme.

Trisomie 21 aus Sicht eines Vaters:
Autobiografische Graphic Novel aus Frankreich,
persönlich, nah, sympathisch, schlicht.
Gute Einführung in Comics – und Behinderung.

Ich finde besser, wenn Behinderte sprechen – statt immer nur Eltern ÜBER sie. Und: Viele Comics sind komplexer, literarischer. Aber: Alles hier ist so herzig, einladend, einfach – als Einstieg erstmal toll.

„Dich hatte ich mir anders vorgestellt…“, Fabien Toulmé
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twitter baldwin

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dt.: „100 Jahre Freiheit ohne Gleichberechtigung“
James Baldwins politisches Manifest von 1963.
Leidenschaftlich, kurz, komplex. Bis heute relevant.
Schwarze in Amerika: Scham & Unterwerfung.

Wäre das ein Online-Text 2015 – er ginge sofort viral: Aufstiegschancen und Polizeitgewalt, Angst und Bildung, Identity Politics und Akitivsmus: die heute noch großen Themen, klug & klar verhandelt.

„The Fire next Time“, James Baldwin
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twitter archie.

Sieht aus wie ein billiger Scherz…?
„Peanuts“: Grundschule. „Archie“: High School.
Der harmlos-biedere Cartoon-Klassiker seit 1941
…als blutiger Zombie- und Survival-Horror?

Die braven US-Kinderfiguren neu erzählt – viel literarischer, psychologischer… und auf der Flucht vor Zombies. Erst dachte ich: Pubertäre Parodie? Aber: Nein! Spektakulär atmosphärisch. Gruselig klug.

„Afterlife with Archie“, R. Aguirre-Sacasa, F. Francavilla

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11 weitere Titel hier:

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Graphic Novels des Jahres: 20 Empfehlungen

Stefan Mesch schreibt über Literatur und Comics, u.a. bei ZEIT Online, Deutschlandradio Kultur, der Freitag und im Berliner Tagesspiegel. Mehr hier: Link

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20. Rasputin (USA)

Rasputin (USA)

Autor: Alexander Grecian, Zeichner: Riley Rossmo
Image Comics, Oktober 2014 bis November 2015.
10 Hefte in zwei Sammelbänden, abgeschlossen.

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Phil Gelatts „Petrograd“ erzählte 2011 das Mordkomplott gegen Rasputin – als melancholischen Agententhriller. Die monatliche „Rasputin“-Serie von Alex Grecian ist ähnlich atmosphärisch, politisch, blutig-existenziell.

Der Mönch und Wunderheiler, charismatisch und monströs, allein zwischen Zar und Klerus. Volk und Armee. Spionen und Revolution. Detailverliebt. Komplex. Viele Zeit-, Erzählebenen und Wendepunkte, toll inszeniert.

Ich bin nicht sicher, ob die Reihe zu früh endete: Nach fünf Heften verlässt Rasputin – unsterblich, aber gescheitert – den Palast, zusammen mit den Zarenkindern Alexei und Anastasia. Was als historisch-biografische Comic-Spielerei begann, wird zum Jahrhundert-Panorama:

Macht, Mord, Magie vom JFK-Attentat bis in die Gegenwart. Oft langsam. Manchmal träge. Und nach 10 Heften: plötzlich vorbei. Schade!

Ein Fantasy-Psychogramm: eigensinnig, gemütvoll, klug menschlich, überraschend.

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19. Alex + Ada (USA)

Alex + Ada (USA)

Autor: Jonathan Luna, Zeichnerin: Sarah Vaughn
Image Comics, November 2013 bis Juni 2015.
15 Hefte in drei Sammelbänden, abgeschlossen.

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2013, in Spike Jonzes Kinofilm „her“, verliebt sich Theodore – einsamer Hasenfuß und Angestellter – in seine digitale Assistentin, das Betriebssystem Samantha. Ein Trottel, eklig fixiert auf eine körperlose künstliche Intelligenz. Die Satire macht Spaß, bleibt aber sehr didaktisch. Ein Film wie zwei Stunden Ethik-Unterricht für Dreizehnjährige.

Auch „Alex + Ada“ zeigt einen recht unsympathischen Single: Alex’ reiche, verwitwete Großmutter hat Spaß am Leben, seit sie sich einen gehorsamen Sex-Androiden ins Haus holte. Also schenkt sie Alex ein eigenes Modell, Ada. Via illegalem Jailbreak wird aus dem Apparat eine (recht bieder-flache) Persönlichkeit: Pinocchio mit Indie-Fransenpony.

Als Liebesgeschichte: gruseliger Stuss. Als Diskussion um Menschlichkeit und Technik: sympathisch, aber zu einfach, seicht. Als creepy Psychogramm eines Verlierers, der seine Projektionsfläche missbraucht: faszinierend! Die klinisch-faden Zeichnungen passen zu den kalten Figuren. Ist das ein kluger, gut gemachter Comic? Ich zweifle.

Doch er wirft tolle Fragen auf, zu Autonomie, Narzissmus, Konsum, Sehnsucht – und Maschinen, die uns „erkennen“.

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18. Dich hatte ich mir anders vorgestellt… (Frankreich)

Dich hatte ich mir anders vorgestellt... (Frankreich)

Autor und Zeichner: Fabien Toulmé
Deutsch bei Avant, Oktober 2015. Original: Frankreich 2014.
Graphic Novel, 248 Seiten, abgeschlossen.

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Ich liebe Guy Delisles saloppe, autobiografische Graphic Novels: Seit 2000 erzählt er vom Reisen, Älterwerden und seinen Problemen und Versäumnissen als Vater. Fabien Toulmé reiste selbst zehn Jahre um die Welt, heiratete eine Brasilianerin, zog zurück nach Frankreich – und hadert: Denn eine Tochter ist gesund. Die andere hat das Down-Syndrom.

„Dich hatte ich mir anders vorgestellt“ ist der egozentrische, naive, selbstmitleidige und träge Bericht eines Mannes, der wenig über Behinderung weiß: ehrlich und verletzlich – aber an vielen Stellen unbeholfen bis dumm. Im selben Stil schrieb Nobelpreisträger Kenzaburo Oe 1964 in „Eine persönliche Erfahrung“ über Wut, Enttäuschung, Ekel und Hilflosigkeit als Vater eines geistig behinderten Sohnes.

Ich mag, wie angreifbar sich diese Bücher machen, wie unsympathisch und überfordert Toulmé erzählt. Ein Comic für Menschen, die noch kaum etwas über Behinderungen wissen. Die aller-allerersten Schritte – und Fehltritte.

Nicht clever. Nicht „empowernd“. Aber: schlicht, ehrlich, überfordert, lesenswert.

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17. Silk (USA)

Silk (USA)

Autor: Robbie Thompson, Zeichnerin: Stacey Lee
Marvel Comics, seit Februar 2015 (aktuell kurze Pause).
7+ Hefte / bisher ein Sammelband, wird fortgesetzt.

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Die selbe radioaktive Spinne, die vor 13 Jahren Peter Parker biss, infizierte auch Cindy Moon – eine Grundschülerin. Um sie vor Angriffen des Spider-Man-Gegners Morlun zu schützen, wächst Cindy allein in einem Bunker auf. 2014, im „Spider-Man“-Crossover „Spider-Verse“, wird sie entdeckt, befreit… und versucht, ihr altes Leben aufzunehmen:

Eine forsche junge Frau in New York – Praktikantin beim Daily Bugle und mutige, unerfahren-enthusiastische Nachwuchs-Heldin. Kein „Supergirl“-, kein „Batgirl“-, kein „Teen Titans“-, „Young Avengers“- oder „Spider-Gwen“-Comic aus den letzten Jahren ist so einladend, schlicht, einsteigerfreundlich, sympathisch. Fans der „Supergirl“-Serie? Fans von Batgirl Stephanie Brown? Unbedingt anlesen!

Geradlinig, emotional, selbstbewusst: eine Young-Adult-Heldin fürs breite Publikum.

[„Spider-Verse“ habe ich nicht gelesen. Aber der Crossover-Band „Spider-Woman: Spider-Verse“ ist eine tolle, schwungvolle Einführung ins aktuelle Ensemble rund um Peter Parker und andere Spinnen-Figuren: Ich las „Silk“, weil ich Cindy in „Spider-Woman“ sehr mochte.]

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16. She-Hulk (USA)

She-Hulk (USA)

Autor: Charles Soule, Zeichner: Javier Pulido
Marvel Comics, Februar 2014 bis Februar 2015.
12 Hefte / zwei Sammelbände, abgeschlossen.

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Marvel-Superhelden sind oft vor allem für ihre Abenteuer im Team berühmt: Nur wenige Avengers, fast keiner der X-Men hat eine eigene monatliche Solo-Comicreihe. 2012 erzählte ein schmissiger, eleganter „Hawkeye“-Comic, wie die beiden Bogenschützen Clint Barton und Kate Bishop leben, wenn sie nicht gerade mit den Avengers die Welt retten. Die Reihe wurde zum Überraschungshit – und seitdem gibt es immer wieder neue, oft schrullige Solo-Experimente.

She-Hulk Jennifer Waters ist zu laut, zu forsch, zu grün, zu wild – und fliegt aus ihrer Großkanzlei. Sie eröffnet ein eigenes Büro, trifft in verschiedenen Verhandlungen und Kämpfen auf Daredevil, Captain America, Ant-Man und Doctor Doom. Autor Charles Soule hat selbst als Rechtsanwalt gearbeitet. Eine selbstbewusste, humorvolle, recht erwachsene Serie, nach 12 Heften eingestellt.

Leichte, smarte Unterhaltung – abseits vom Einheitsbrei.

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15. Ms. Marvel (USA)

Ms. Marvel (USA)

Autorin: G. Willow Wilson, Zeichner: Adrian Alphona
Marvel Comics, seit Februar 2014. Deutsch bei Panini.
19+ Hefte und einige Gastauftritte / drei Sammelbände, wird fortgesetzt.

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Believe the Hype! Den ersten Band „Ms. Marvel“ würde ich am liebsten jedem Menschen von 10 bis 15 schenken – oder… bis 45. Ein All-Ages-Comic, charmant, atmosphärisch, optimistisch und rasant wie „Harry Potter“.

Band 2 hatte hanebüchene Konflikte und viel (leeres, dummes) Gerede über die angeblichen Besonderheiten der Generation Y. Und mit Band 3 tauchen immer kompliziertere Marvel-Crossover und -Bezüge auf. Auch der Zeichner wechselt ärgerlich oft: Vielleicht verheddert sich die Reihe gerade.

Vorerst aber: Unbedingt lesen! Kamala Khan, Teenager, Online-Nerd und Muslima, lebt in New Jersey. Ihre Eltern sind aus Pakistan eingewandert und haben Angst, dass sie verwestlicht. Als sie bemerkt, dass sie ihren Körper verformen, schrumpfen, verwandeln kann, hilft sie in Schule und Nachbarschaft. Ein humorvoller Comic, bunter und kindlicher als viele andere Marvel-Titel – geschrieben von einer muslimischen Autorin.

Ein zeitgemäßer, sympathischer Bestseller – aber manchmal zu drollig, harmlos.

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14. Twin Spica (Japan)

Twin Spica (Japan)

Autor und Zeichner: Kou Yaginuma
Media Factory, 2001 bis 2009.
90+ monatliche Kapitel, gesammelt in 16 Sammelbänden, abgeschlossen.

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Wieder ein „Harry Potter“-Vergleich: Drei Mädchen und zwei Jungs auf einer gefährlichen Elite-Akademie. Talent und Potenzial, tragische Vorgeschichten. Geheimnisse. Verluste:

Asumis Mutter starb 2010 – als die Lion, das erste Space-Shuttle Japans, auf ihre Heimatstadt stürzte. Trotzdem will Asumi Astronautin werden – unterstützt von ihrem depressiven Vater, und dem Geist eines verglühten Lion-Astronauten.

„Twin Spica“ wirkt simpel und süßlich. Die extrem kleine, kindliche Asumi sieht aus wie Heidi, jede Figur hat ein rührseliges Trauma, kurz dachte ich: für Zehnjährige, höchstens – oder Fans vom „kleinen Prinz“.

Doch Leitmotive, Bildsprache, Psychologie und Stimmungen werden so geschickt verwebt… mit jedem Band (ich kenne sechs von 16) wird diese zarte Coming-of-Age-Geschichte trauriger, ernster, klüger, subtiler.

Mut zum Melodrama: das Kitschig-Schönste, das ich seit Jahren las. Hach!

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13. Darth Vader (USA)

Darth Vader (USA)

Autor: Kieron Gillen, Zeichner: Salvador Larocca
Marvel Comics, seit Februar 2015.
Deutsch nur kapitelweise als Back-up in Paninis monatlichem “Star Wars”-Heft.
14+ Hefte und einige Crossover („Vader Down“) / zwei Sammelbände, wird fortgesetzt.

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Kieron Gillen nervt: Sein „Young Avengers“-Comic hatte pro Heft 15 selbstverliebte Ideen – aber wenig Lust auf Plot und Timing. Seine Musik- und Jugendkultur-Comicreihen „The Wicked + the Divine“ und „Phonogram“ baden in Geplapper, Posen. Eitlem Gewäsch. Auch im offiziellen „Darth Vader“-Comic will Gillen zeigen, wie crazy originell er immer noch ein, zwei, fünf draufsetzt – auf die verbrauchtesten Ideen:

Darth Vader verbündet sich mit einer sexy Weltraum-Archäologin? Die durch Weltraum-Tempel springt wie Indiana Jones? Ihm helfen zwei Killer-Droiden im selben Look wie R2-D2 und C-3PO? Die ständig Menschen töten wollen, beim Foltern und via Flammenwerfer?

Der größte Marvel-“Star Wars“-Comic macht keinen Spaß. Auch viele Spin-Offs haben Schwierigkeiten [Link: Tipps von mir]. Die beiden besten aktuellen Reihen sind – Überraschung – „Kanan: The Last Padawan“ und Gillens „Darth Vader“. Weil Gillen eine recht einfache Geschichte erzählt. Weiterhin gerne parodiert, zitiert, postmodern spielt. Doch weniger überschnappt als sonst:

„Star Wars“ als Korsett, Gerüst, Hundeleine für einen talentierten, aber überdrehten Autor. Dunkler Humor und viel Suspense zwischen Episode IV und V.

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12. Der Traum von Olympia (Deutschland)

Der Traum von Olympia (Deutschland)

Autor und Zeichner: Reinhard Kleist.
Carlsen Comics, Januar 2015. Schon 2014 seitenweise in der FAZ erschienen.
Graphic Novel, 152 Seiten, abgeschlossen.
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Bei den Olympischen Spielen 2008 lief Samia Yusuf Omar im 200-Meter-Sprint für Somalia: Sie brauchte fast zehn Sekunden länger als die anderen Läuferinnen – doch wurde vom Publikum wie eine Siegerin beklatscht [Video].

Reinhard Kleist schreibt und zeichnet einfache Schwarzweiß-Comics, meist historisch-biografisch. Für die FAZ recherchierte er Omars Geschichte: Ihr Leben in Somalia und Äthopien, ihr Training und der Druck, den islamistische Machthaber auf Frauen im Sport ausüben. Beim Versuch, illegal nach Europa zu fliehen, ertrank Omar Mitte 2012, mit 21 Jahren.

Kleists Comic ist so simpel, linear, verständlich – perfekt als Schullektüre und für Menschen, die Scheu vor Comics haben oder von Bildsprache überfordert sind. Ich hoffe, Kleist – der beliebteste und bekannteste deutsche Graphic-Novel-Künstler – kann mehr und hat noch andere Ambitionen.

Doch besonders 2015, fürs Massenpublikum, kann ich mir kein sinnvolleres Buch vorstellen.

(„Gehen, ging, gegangen“ von Jenny Erpenbeck ist klüger, komplexer, besser. Aber eben: kein Comic.)

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11. The October Faction (USA)

The October Faction (USA)

Autor: Steve Niles, Zeichner: Damien Worm
IDW Comics, seit Oktober 2014.
12+ Hefte in 2+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Der pseudo-schwarze Humor der „Addams Family“ langweilt mich. Was Tim Burton „unkonventionell“ nennt, ödet mich an. Gothic Horror, Emo-Kitsch, die dunkle Romantik, die meisten Schauer-Comics? Nicht mein Fall. Wozu also eine Humor-/Action-Reihe über eine morbide Familie aus Hexen, Dämonenjägern, Monstern in einer klischeehaften Villa?

„The October Faction“ handelt von schlechten Kompromissen, falschen Entscheidungen, von der Schuld und dem Selbstekel, den selbst die patentesten, integersten Eltern auf sich laden im Lauf der Jahre. Sympathisch verkorkste Teenager, eine brutal-pragmatische Mutter und ein Vater, so doppelbödig/abgründig, dass Leser sagen: „Das ist der beste John-Constantine-Comic seit Jahren.“

Ich bin überrascht, wieviel Herz, Hirn, Schwung und emotionale Tiefe sich eine so eitle und stilisierte Reihe bewahrt: Für Fans von „Supernatural“ und guten Seifenopern.

Keine große Kunst – aber mehr Substanz, als die klamaukigen Zeichnungen vermuten lassen.

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10. Southern Bastards (USA)

Southern Bastards (USA)

Autor: Jason Aaron, Zeichner: Jason Latour
Image Comics, seit April 2014.
14+ Hefte in mindestens 3 Sammelbänden (ich kenne 2), wird fortgesetzt.

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Als Comic hat „Southern Bastards“ große Schwächen. Im ersten Sammelband geht alles schief. In Band 2 ruht die Handlung. Als Literatur dagegen ist die dunkle, drückende Serie über ein Provinznest in Alabama, dessen korrupter alter Football-Coach alle Fäden und Schicksale in der Hand hält, ein Muss.

Jason Aaron, selbst in den Südstaaten geboren, erzählt keine schnelle Geschichte – sondern baut Räume, Atmosphären, fängt ein Milieu in toller Sprache, Jargon, kantigen Dialogen; zeigt Machtverhältnisse und Abhängigkeiten in einer rassistischen, schreiend armen Kulisse, die ich sonst nur aus Cormac-McCarthy– und Daniel-Woodrell-Thrillern kenne… und auf deren Buchrückseite dann immer steht „mit alttestamentarischer Wucht!“

Dick aufgetragen? Nein: klug stilisiert.

Ein Krimi-Western-Hinterwäldler-Korruptions-Noir-Kleinstadtpsychogramm, zynisch, brutal, aber mit sehr genauem Blick, viel Sprachgefühl und, wichtig: Liebe zu den Figuren.

Kein Spannungsbogen. Unsympathische Welt. Aber grandios geschrieben und inszeniert!

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9. Copperhead (USA)

Copperhead (USA)

Autor: Jay Faerber, Zeichner: Scott Godlewski
Image Comics, seit September 2014.
10+ Hefte in 2+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Eine mürrische alleinerziehende Mutter wird Sherriff – in Copperhead, einem gefährlichen Außenposten. Ein Comic wie eine billige 90er-Jahre-Serie: schnelle Fälle und simple Figuren wie in „Dr. Quinn – Ärztin aus Leidenschaft“, platte Aliens und Interspezies-Konflikte wie in „Earth 2“, alles im Wildwest-Weltraum-Look von„Marshall Bravestarr“ (1987).

Sherriff Clara Bronson droht, knallt, flucht und flirtet im Saloon. Ihr kleiner Sohn läuft heimlich in die Wüste – und freundet sich mit Ishmael an, einem Killer-Androiden. Die Ureinwohner des Planeten sind Insektenmonster. Und Budroxifinicus, der gutmütige, riesige Hilfssherriff, gehört einer Alien-Rasse an, die erst kürzlich mit der Menschheit Krieg führte.

Viele US-Comics wollen zu viel in zu kurzer Zeit. „Copperhead“ ist sechs Nummern seichter, flacher, geradliniger als Konkurrenz-Reihen wie „Saga“. Aber dafür eben auch: zugänglicher, mitreißender, plausibler. Ein stimmiger, nostalgischer Mainstream-Comic:

Wer vor 20 Jahren simple Serien mochte, wird die schlichten Sammelbände lieben.

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8. Harrow County (USA)

Harrow County (USA)

Autor: Cullen Bunn, Zeichner: Tyler Crook
Dark Horse Comics, seit Mai 2015.
8+ Hefte in 2+ Sammelbänden (ich kenne den ersten), wird fortgesetzt.

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Mir sind in Comics tolle Plots, Dialoge, Sprache wichtiger als kunst- und ausdrucksvolle Bilder. Trotzdem machen mich „Narration Boxes“ müde – die Vierecke, in denen schlechte Künstler einen allwissenden Erzähler alles sagen lassen, was sie über Bild und Dialog nicht transportieren können. Je mehr Text in Narration Boxes, desto schlechter ist meist der Comic.

„Harrow County“ habe ich lange übersehen: ein nichtssagendes Cover, zu kindliche Zeichnungen, als dass ich Grusel, Angst empfunden hätte – und der dritte beliebte Hexen-Comic, nachdem mich schon Terry Moores amateurhaftes „Rachel Rising“ und Scott Snyders selbstverliebt-wirres „Wytches“ nicht überzeugten.

Tatsächlich ist „Harrow County“ ein Glücksfall. Wegen der blendend geschriebenen Narration Boxes! Den Zeichnungen, die zur kindlichen, viel zu naiven Hauptfigur passen. Und, weil hier ein klassischer, packender Hexe-gegen-Kleinstadt-Kampf erzählt wird in den 30er Jahren. Mit der – überraschten, nichtsahnenden – Hexe als Heldin.

Einfacher, simmungsvoller Grusel für Leser*innen ab 12. Letzte Woche wurde überdie Verfilmung berichtet.

[Mehr Hexen? Ich freue mich auf „Sabrina“, „Providence“ und „Black Magick“]

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7. Injection (USA, britischer Autor)

Injection (USA, britischer Autor)

Autor: Warren Ellis, Zeichner: Declan Shalvey und Jordie Bellaire
Image Comics, Mai bis September 2015.
5 Hefte in einem Sammelband, pausiert gerade. Mindestens 5 weitere Hefte ab 13. Januar 2016.

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Auf den Comic-Bestenlisten vieler Männer, die sich für besonders „hart“ und „alternativ“ halten, stehen seit Jahrzehnten drei Namen: Garth Ennis, Mark Millar undWarren Ellis.

Von Ennis kenne ich nur eine zarte Superman-Geschichte aus „Hitman“. Von Millar das fast disneyhaft süße, nostalgische „Starlight“. Ellis mag ich seit seiner kindisch-wüsten Marvel-Parodie „Nextwave“. Aktuell schreibt er auch „Trees“, einen ambitioniert politischen, aber noch arg verzettelten Comic über die Frage, was aus Krieg, Macht, Ego wird, sobald die Menschheit sicher sein könnte, dass es fortschrittlichere Aliens gibt.

Dass in „Injection“ viel geschossen und gestorben, geflucht, gesoffen und geblutet wird, gehört wahrscheinlich zur Marke „Warren Ellis“. Noch mehr aber geht es ums Altern und Beten, Wandern und Meditieren, Hoffen und Resignieren. Fünf Wissenschaftler haben die Welt verändert, mit einer geheimen „Injektion“. Jetzt, Jahre später, zahlt die Welt den Preis – und ein Dana-Scully-Lookalike über 50 humpelt und flucht durch eine mystische Regierungsverschwörung.

Tolle Figuren, verquaste Esoterik: Bisher überzeugen mich Stil, Atmosphäre, Psychologie. Könnte aber schlimmer Märchen- und Pagan-Kitsch sein.

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6. The Fade Out (USA)

The Fade Out (USA)

Autor: Ed Brubaker, Zeichner: Sean Phillips
Image Comics, seit August 2014.
11+ Hefte in 2+ Sammelbänden, ist auf 15 Hefte/3 Sammelbände angelegt.

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Charlie Parish ist Drehbuchautor – heimlich: Er macht den Job, für den sein Alkoholikerkumpel Gil bezahlt wird. Bei einer Party stirbt Hauptdarstellerin Valeria Summers. Charlie verliebt sich in Maya Silver – den jungen Star, der sie ersetzen soll. Während viele Szenen neu gedreht, das Drehbuch ständig ausgebessert wird, versucht er, sich an die Mordnacht zu erinnern.

Ich liebe Ed Brubaker seit „Gotham Central“. Seit 15 Jahren erzählt er immer wieder gefeierte historische Noir-Dramen um Detektive und Killer. „Fatale“ brach ich schnell ab: Was als Krimi begann, wurde zu schnell von trashigen Lovecraft-Tentakelnerwürgt.

„The Fade Out“ bleibt den klassischen Farben, Motiven, Tricks des Krimi-Genres treu: Hollywood 1948. Kaputte Stars, Auf-, Absteiger. Bittere Geheimnisse. Verrat und Sünde. Ein glänzend recherchierter, toll gezeichneter Comic zweier Profis.

Nicht bahnbrechend, ambitioniert – aber stimmig, fesselnd, smart, detailverliebt… und wunderbar traurig.

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5. Jupiter’s Legacy / Jupiter’s Circle (USA, britischer Autor)

Jupiter's Legacy / Jupiter's Circle (USA, britischer Autor)

Autor: Mark Millar, Zeichner: Frank Quietly
Image Comics, seit April 2013.
Zweimal fünf Hefte (jeweils 1 Sammelband) sind geplant, die ersten 5 erschienen bis Anfang 2015. Danach, April bis September 2015, folgten 6 Hefte der Prequel-Serie „Jupiter’s Circle“. Hefte 6 bis 10 sind in Arbeit, haben aber noch kein Veröffentlichungsdatum.

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Wer selten Superheldencomics liest, stolpert bald über ein Gedankenspiel: Was, wenn Superman böse wäre? Oder ihn ein anderer Held, militanter und despotischer, töten und ersetzen könnte?

Superman-Fans – wie mir – stellt sich die Frage selten. Weil seit „Death & Return of Superman“ und „Kingdom Come“ vor über 20 Jahren fast jedes Jahr zwei, drei neue Was-wäre-wenn-Geschichten dazu dazu erscheinen: Die meisten bleiben seichte, pubertäre Dystopien – ohne politischen Biss, Erkenntniswert, Dramatik.

„Jupiter’s Legacy“ handelt von einer Gruppe Abenteurer, die 1932 auf einer verlassenen Insel Superkräfte erhielten. Seitdem behüten und gängeln sie die Menschheit. Als ihre Kinder – viele mit eigenen Kräften – rebellieren und die besonnenen Alten beseitigen, entsteht ein Polizei- und Überwachungsstaat.

Millars Geschichte ist simpel – aber wendungsreich, warmherzig, mit viel Liebe zu Figuren, die sich schnell und überraschend entwickeln. Der größte Gewinn aber sind die Zeichnungen von Frank Quitely: hübsch-hässlich-knittrig-simpel-detailverliebtes Gekrakel. Eine Welt, die an allen Rändern ausfranst, Falten wirft. Auch die Rückblenden in die 50er und 60er Jahre in der Ableger-Serie „Jupiter’s Circle“ machen Spaß.

Verbrauchtes Konzept, fesselnde Umsetzung: der schönste Mainstream-Superhelden-Schwanengesang des Jahres.

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4. Saga (USA)

Saga (USA)

Autor: Brian K. Vaughan, Zeichnerin: Fiona Staples
Image Comics, seit März 2012. Deutsch bei Cross Cult.
31+ Hefte in 6+ Sammelbänden, wird fortgesetzt, idealerweise noch mehrere Jahre.

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Brian K. Vaughan ist einer der klügsten Autoren, die ich kenne.

Doch er ist nicht so klug, wie er selbst denkt. Und deshalb sind seine politischen, kritischen, verbissen originellen Comic-Reihen oft nur halb so clever, rebellisch, überraschend, wie sie zu sein glauben (aktuell: der selbstverliebte, recht trashige USA-gegen-Kanada-Kriegscomic „We stand on Guard“).

„Saga“ stieß mich anfangs ab – weil es sich las, als glaube Vaughan wieder, ALLEN alles beweisen zu müssen: eine Space Opera voller Verfolgungsjagden, Verräter, Explosionen. Ein Liebespaar wie aus „Romeo und Julia“, gerade Eltern geworden. Raumschiffe aus Holz, die in Wäldern wachsen. Roboter-Monarchien. Robbenwesen, Spinnenwesen, Geister-Babysitter und ein Zyklop, der Kitschromane schreibt und aussieht wie Ernest Hemingway. Uff.

Unter dem verbissen originellen (aber toll gezeichneten!) postmodernen Mash-Up-Plunder geht es um Krieg und Elternschaft – und Weisheiten über den Kosmos und das Leben, die auch aus einer „Brigitte“-Kolumne stammen könnten.

Dass ich „Saga“ trotz dieser Ticks und Eitelkeiten nach über drei Jahren Mitfiebern und Lesen liebe, bemerkte ich vor drei Monaten: Ich las den offiziellen „Star Wars“-Comic. Und dachte: Was für eine fade, bemühte, abgeschmackte „Saga“-Kopie. [Im Ernst: Link!]

„Saga“ kann Space Opera im 21. Jahrhundert besser.

(…sage ich keine Woche vor der „Star Wars 7“-Premiere. Mal sehen, wer danach führt!)

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3. Sakamichi no Apollon (Japan)

Sakamichi no Apollon (Japan)

Autorin und Zeichnerin: Yuki Kodama
Shogakukan, 2007 bis 2012, keine deutsche Version.
50 monatliche Kapitel, gesammelt in 10 Sammelbänden (der letzte Band: Epilog), abgeschlossen.

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Im August las ich die ersten Seiten von über 150 Mangas – und merkte: Oft brauchen sie viel länger, um Stimmung und Ton zu treffen. Die Eröffnung bleibt meist unbeholfen. Überfrachtet.

Bei „Kids on the Slope“ (englischer Titel der Anime-Adaption) war ich nicht sicher, ob ich in einer schwulen Romanze stecke, einer Pennäler-Komödie im Retro-Look oder mitten im Kampf zweier ungleicher Schüler – ein verzärtelter Nerd, ein bettelarmer Raufbold – um das selbe Mädchen. Alle (männlichen) Figuren spielen in einer Jazzband. Doch Jazz-Exkurse bleiben nebensächlich.

Nein. „Sakamichi no Apollon“ (nur als Fan-Übersetzung online lesbar) ist die Geschichte einer (lebenslangen?) Freundschaft. Die späten 60er Jahre in der japanischen Provinz. Enge Rollenbilder. Armut. Der Mut, von etwas zu träumen. Zu jemandem zu stehen – behutsam inszeniert im simplen Retro-Zeichenstil.

Ein langsames, zärtliches, schlichtes Coming-of-Age – oft witzig und zum Heulen schön. Ohne große Abgründe, Effekte, Pomp.

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2. Lazarus (USA)

Lazarus (USA)

Autor: Greg Rucka, Zeichner: Michael Lark
Image Comics, seit Juli 2013.
21+ Hefte in 4+ Sammelbänden (ich kenne drei), wird fortgesetzt.

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Greg Rucka ist mein Lieblings-Comicautor – und „Lazarus“ hat, als vielleicht erste Rucka-Reihe, das Potenzial zum Mainstream-Erfolg. Eine TV-Serie ist in Planung:

Im späten 21. Jahrhundert wird die Welt von familiengeführten Konzernen beherrscht: neofeudale Clans, die ein paar Menschen als Leibeigene benutzen und versorgen (Kategorie „Serv“), den Rest aber in Reservaten und als Kleinbauern sterben lassen (Kategorie „Waste“).

Konflikte zwischen Familien werden in ritualisierten Kämpfen ausgetragen: Jeder Clan hat einen „Lazarus“, ein optimiertes (künstliches?) Wesen, das trainiert wurde, um Duelle auszutragen, Gegner einzuschüchtern und diplomatisch zu verhandeln. Die junge Forever ist Tochter und Lazarus des amerikanischen Carlyle-Clans. Während die Familie von allen Seiten attackiert wird, hinterfragt sie ihre Rolle als Waffe.

Rucka und Lark waren schon in „Gotham Central“ großartig. Eine leidenschaftliche, psychologisch stimmige Dystopie mit unvergesslichen Figuren. Harten Entscheidungen. Endlosen Dilemma. Dilemmas? Dilemmata?

Erwachsener als „Hunger Games“. Packender als „The Walking Dead“.

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1. I am a Hero (Japan)

I am a Hero (Japan)

Autor und Zeichner: Kengo Hanazawa
Shogakukan seit 2009, Deutsch bei Carlsen Comics.
200+ Kapitel in 18+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Die ersten 200 Seiten sind hart: Ein misogyner, phlegmatischer, recht dumpfer Manga-Assistent steckt im Alltag fest – und redet unsympathischen Stuss. Die nächsten 200 Seiten, Band 2, sind wirr: Passanten beißen sich gegenseitig, Zombies überrennen Tokio, alles bricht zusammen. Noch in Band 3 war mir nicht klar, ob ich einen Zombie-Thriller lese, über eine Zombie-Komödie und -Parodie lachen soll oder nur die Fehler einer verpeilten, passiven, selbstmitleidigen Hauptfigur zählen: eine Art „Girls“ oder „Louie“, ein Woody-Allen-Film… mit Zombies?

„I am a Hero“ ist langsam. Oft hässlich, unsympathisch, grotesk. Alle Figuren sind überfordert und distanziert. Nichts gelingt. Man schwimmt bis zu 800 Seiten am Stück mit neurotischen, fremden Menschen in stillen, bedrohlichen, verwirrenden Szenen – in denen jederzeit alles eskalieren kann.

Fotorealistisch gezeichnet. An vielen Stellen zum Schreien spannend. Ein toller Blick auf Alltagskultur, Moral, Ethos, Sexismus, Twenty- und Thirtysomething-Defekte, Versagensängste in Japan. Ein Freund las die ersten Bände und sagte „Ich sehe da nichts als Trash.“

Ich sehe: eine unerträgliche Figur in einer unerträglichen Geschichte – die mich begeistert, überfordert, angeekelt und beglückt hat wie keine andere Erzählung seit Jahren. Vergleichbar vielleicht mit „Geister“ von Lars von Trier. Aber eben: schleppend, langsam, viel richtungsloser.

Ich bin in Band 16. Ein Ende/Finale ist langsam absehbar (noch zwei, drei Jahre?).

Wenn es auf diesem Niveau endet, ist es ein Meisterwerk.

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Der Trailer zur “I am a Hero”-Verfilmung, 2016:

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…zu rasant, zu komödiantisch, zu locker, zu sommerlich:

Der Manga ist stiller und… verzweifelter. Aber die “Soll ich lachen, schreien, weinen?”-Stimmung die selbe. Der Hauptdarsteller passt perfekt.

#blogfragen: Alles über Buch- und Literaturblogs

blogfragen stefan mesch

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Die (immer gleichen) Debatten über Qualität und Selbstverständnis von Buch- und Literaturblogs verlieren – zum Glück – langsam an Schwung: Niemand, der online über Lesen und Bücher schreibt, muss sich dauernd neu erklären, entschuldigen, rechtfertigen.

Trotzdem habe ich viele Fragen an Rezensent*innen und Blogger*innen – und sammelte Ende September 2015 eine erste Runde: 15 #blogfragen zum Mitnehmen und Beantworten.

über 20 Buch- und Literaturblogs haben seitdem geantwortet:

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Chris Popp von Booknerds.de hat eine Liste mit “unbequemen, stachligen, kratzigen” Fragen veröffentlicht. Ich habe hier (Link) geantwortet. Eva Maria Höreth hat einen Fragenkatalog an Autor*innen zusammengestellt. Auf ihrem Blog Steglitzmind stellt Gesine von Prittwitz schon seit Jahren Fragen an Blogger: Empfehlung!

Meine 50 Lieblings-Buch- und Literaturblogs habe ich im Juli hier gesammelt und verlinkt.

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blogfragen buchblogs stefan mesch

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Ich habe alle Antworten gelesen, wollte ein paar Lieblings-Statements sammeln und verlinken…

…und habe jetzt, in den letzten sechs Stunden, folgende (monströs lange!) Antwort-Collage montiert. Meine Fragen – und eine Reihe von Antworten, manchmal um einige Sätze gekürzt.

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01 Das Lieblingsbuch meiner Mutter:

Buchimpressionen: “Ob sie EINS hat, weiß ich nicht, auf jeden Fall liebt sie die Lyrik von Eva Strittmatter und stand mit der Schriftstellerin bis zu ihrem Tod in (hand)schriftlicher Verbindung.”

Zürcher Miszellen: “Wahrscheinlich ein 500-Seiten-Paperback, in dem jemand sein Gedächtnis verliert.”

Muromez: “Sie kann sich als Vielleserin nicht festlegen. Vielleicht eins von Iwan Bunin. Kein Konkretes. Meint sie. Wechsle ja ständig.”

Schlaue Eule: “Sie konnte sich nicht entscheiden und ihr sind immer mehr eingefallen! “Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur” – Vladimir Vertlib, “Glasperlenspiel” – Hermann Hesse, “Der Fuchs war immer schon der Jäger” – Herta Müller, “Eine liebevolle Sicht auf die Erde” – Elisabeth Loibl.”

Buchkolumne, Karla Paul: “Wann schafft endlich mal jemand den Begriff „Lieblingsbuch“ ab? Wer kann sich denn für ein Buch entscheiden und warum müssen wir das eigentlich? Meiner Mutter geht es da wie mir und sie hat verschiedene Bücher gern gelesen – z.B. „Nicht ohne meine Tochter“ oder auch das von mir empfohlene „Drachenläufer“ von Khaled Hosseini sowie „Das karmesinrote Blütenblatt“ von Michel Faber. Sie versinkt gern in Geschichten, Schicksalen und lässt sich dann von fremden Erlebnissen, Charakteren umarmen.”

Denkzeiten: “Meine Mutter las keine Bücher, ging aber jede Woche mit mir in die Bibliothek – so hat sie mich quasi in die Sucht getrieben.”

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02 Das Lieblingsbuch meines Vaters:

Schöne Seiten: “Mein Vater liest alles, was im Haus herumliegt, die Bücher meiner Mutter und die, die ich ihm mitbringe. Vorzugsweise aber Spannungsliteratur. Und er sagt zu allem unterschiedslos: »Ja, war gut.« Er ist kein Mann der großen Worte. Nur Franzens “Unschuld” fand er ein bisschen anstrengend und Wolf Haas gewöhnungsbedürftig. Ansonsten ist er jedoch leicht zufriedenzustellen.”

Lust auf Lesen, Jochen Kienbaum: “Mein Vater ist ein herzensguter, aber auch ein sehr rationaler Mann, ein Ingenieur, kein Mann der Worte. Die Kraft des Positiven Denkens von Norman Vincent Pearle war vor vielen Jahrzehnten sein Lieblingsbuch, damals vielleicht das einzige, das er wirklich mehr als einmal gelesen hat. Der Titel wurde zum geflügelten Wort in der Familie. Und wie eine Mahnung stand Vaters einziges Buch im Regal. Seit er Rentner ist liest er mehr, viel mehr, auch mit gesteigertem Genuss und gutem Lesegeschmack; gerne politische Sachbücher, Biographien, aber auch viel Belletristik.”

Denkzeiten: “Mein Vater las Zeitungen, jede, die er in die Hände kriegte. Bücher las auch er kaum. Er hatte aber eine ganze Reihe grüner Bücher (wir nannten sie nur “die grünen Bücher”) im Regal stehen mit dem Titel „Die Kulturgeschichte der Menschheit“. So lange ich denken kann, sagte er, dass er die dann mal lesen wolle, wenn er pensioniert sei. Das ist er nun seit bald 20 Jahren, gelesen hat er sie noch immer nicht (was ich nicht anders erwartet hatte 😉 ). Noch immer liebt er aber Zeitungen und Nachrichten, ist der wohl informierteste Mensch, den ich kenne, wenn es um das aktuelle Geschehen auf der Welt geht.”

Nur Lesen ist schöner: “Mein Vater liebt fränkische Krimis. Ich glaube, ihm gefällt dabei besonders der regionale Bezug der Geschichten. Sie sind für ihn viel greifbarer und authentischer. Er hat eben gern handfeste Beweise!”

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03 Ich führe einen typischen Buchblog, weil…

Zürcher Miszellen: “Ich schreibe keinen typischen Buchblog, eher einen Feuilleton-Blog, in dem auch Bücher besprochen werden. Als studierter Journalist, der gerade noch ausschliesslich mit klassischen Medien sozialisiert wurde, neige ich weiterhin auch eher zum klassischen Journalismus. Ich experimentiere aber auch mit freieren Textsorten.”

Lust auf Lesen, Jochen Kienbaum: “…ich eigentlich keinen typischen Buchblog führen möchte. Ich ziehe auch die Bezeichnung Literaturblog vor, weil mir das schärfer und präziser erscheint. Im tausendfachen Heer der Blogs steche ich dann aber doch nicht wirklich hervor. Manchmal bereitet mir das Sorgen, doch die werfe ich schnell über Bord. Dafür macht mir das Bloggen zu viel Spaß, selbst wenn es tausende Andere auch machen. Fußball spielen ja auch tausende Menschen, es ist und bleibt dasselbe Spiel und doch spielt es jeder anders und jeder entwickelt seine individuellen Techniken, seinen Stil, findet sein persönliches Vergnügen.”

Muromez: “…sich hier genügend Rezensionen finden lassen. Damit wird der Vorwurf unterstützt, dass Blogger im Prinzip nichts anderes machen als die professionellen Literaturkritiker (nur schlechter), die medialen Potentiale nicht erkennen und lediglich – und das auch noch vermehrt in der bösen Ich-Form – tippen. Verwerflich, dass ich die Form der Literaturkritik (insofern hier eine stattfindet und das ist eine andere Frage!) benutze und nicht weiterentwickle. Im Übrigen bezeichne ich Muromez als Literaturblog. Buchblogs sind für mich solche, die über wenig bis gar keine literaturkritische Gattungen verfügen, mehr mit Bildern (von Büchern) arbeiten. Zeigen, wie sich ihre Stapel ungelesener Bücher vergrößern, Gewinnspiele anbieten und so weiter.”

Reingelesen: “tue ich das? nö glaub nicht – angefangen hat es als Leseliste für mich selbst, früher eine Exceltabelle heute eben hier, allerdings lasse ich die Sachen, die mir nicht gefallen meistens weg und schreib nur über das, was ich mochte.”

Buchkolumne, Karla Paul: “… ich nicht anders kann? Ich bin damals über das Studium zum ersten Onlineprojekt rund um Literatur gekommen und stieß auf Tausende Leser, die sich im Internet über Bücher austauschen. Hier erreiche ich all die Bibliomaniacs, völlig unabhängig von Zeit und Ort und bekomme sofortige Rückmeldung auf meine Beiträge, Tweets, Statusupdates rund um die schönste Nebensache der Welt: Lesen. Auf meiner Webseite kann ich alles dazu versammeln, Buchtipps, Interviews und Kolumnen. Ob er typisch ist, das weiß ich nicht (was ist ein typischer Buchblog, Stefan?) – er wächst seit Jahren mit mir mit, ich baue ihn um, finde mal mehr und mal weniger Zeit dafür. Es ist mein digitales Zuhause.”

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04 Ich bin anders als die Blogs, die ich gern lese, weil…

Lust auf Lesen, Jochen Kienbaum: “… ich hinter meinem Blog stehe, mit meinen Leidenschaften, Vorlieben und Macken. Hinter den anderen Blogs stehen andere Menschen, mit ihren anderen Leidenschaften, Vorlieben und Macken. Deshalb sind wir alle irgendwie anders, selbst wenn wir über dieselben Bücher schreiben sollten.”

Buchimpressionen: “Vielleicht bin ich inhaltlich ein wenig minimalistischer als andere: keine Blogtouren, keine Lesevents, keine Verlosungen, keine Spielchen, kein Sub, keine Listen, was ich wann mal noch lesen will oder nie geschafft habe, zu lesen, weil…eben all das, was ich woanders auch nicht lese, weil es mich vom Wesentlichen ablenkt. Höchstwahrscheinlich bin ich auch nicht ganz so gut vernetzt wie andere, sehe das aber entspannt.”

Buchstäbliches: “Gerade bei jüngeren Buchbloggern sehe ich häufig sehr bunte Seiten, viele Fantasyromane und eine dynamische Startseite. Dies wollte ich so für mich nicht. Mein Blog hat eine statische Startseite, auf der ich Orientierung bieten möchte, phantastische Literatur bildet nur einen kleinen Teil meiner besprochenen Bücher und das Ganze ist auf jeden Fall sehr textlastig und ohne Bling-Bling.”

Silvia, Leckere Kekse: “…wir den Blog zu zweit machen und dadurch mehr Vielfalt in der Buchauswahl zeigen können. Ausserdem bringen wir noch andere Themen die uns bewegen. Zum Beispiel Kekse…”

Chris Popp: “…unser Ich multipel ist. Derzeit sind wir zu siebzehnt, mit unterschiedlichsten Interessen und Schwerpunkten. Wir legen uns weder auf Genres noch auf Medien fest. Wir schreiben über Bücher, über Hörbücher, über Filme, über Musik, über Serien, schreiben Kolumnen, haben Specials, machen Außenschalten. Und wir haben unseren eigenen Groove. Wir ticken anders. Wir betreiben kakophonen Medienhalbjournalismus. Wir sind awesome. Wir riechen gut und sind der gute Geschmack. Alle wollen uns. Wir nehmen uns nicht immer ernst.”

Muromez: “…der Fokus vermehrt auf osteuropäischer Literatur liegt und regelmäßig Klassiker näher gebracht werden, die sonst scheinbar niemand mehr liest oder über die niemand mehr schreibt/schreiben will. Amerikanische Werke werden hier zum Beispiel kaum behandelt. Auf Short-/Middle-/Long-/whatever-Lists habe ich genauso wenig Bock. Ein Marketing-Preis, den ich wenig bis kaum beachte und der mir nicht diktieren soll, was ich zu lesen habe, um up to date zu sein. Da verzichte ich und pflege lieber eine individuellere Auswahl, genieße meine Freiheit. Ansonsten findet sich hier viel Häftlingsliteratur (Nationalsozialismus, Stalinismus), gerne werden auch Werke behandelt, die von Süchten und Kriegen/Konflikten handeln.”

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05 Am Bloggen überrascht mich / beim Bloggen habe ich gelernt, dass…

Sophie Weigand: “…es einen Alltag und die Art, wie man Bücher liest und rezipiert, völlig verändern kann. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man nicht nur gelegentlich mal irgendwas ins Internet schreibt und mal ein Buch liest, sondern das Ganze eine gewisse Ernsthaftigkeit bekommt. Man nimmt es dann auch ernster, stellt Ansprüche an sich, die man vorher nicht hatte.”

Lust auf Lesen, Jochen Kienbaum: “…es viel Zeit und Herzblut kostet. Ein Buch zu lesen ist eine Sache, darüber einen Text zu verfassen, eine andere. Sicher ist: Ich lese inzwischen etwas aufmerksamer, sammle und sortiere bereits bei der Lektüre Gedanken zum Buch. Allerdings: Wenn’s ans Schreiben geht, sind die meist schon wieder entfleucht. Texte, Besprechungen, Kurzkritiken zu formulieren ist harte Arbeit für mich und fordert mich extrem. Am Ende seufze ich oft: Das versteht jetzt niemand, das ist doch gequirlter Unsinn. Bloggen lehrt Demut und Präzision. An beidem mangelt es mir (noch).”

Norman R., Booknerds.de: “…die Resonanz meist nur an der Klickzahl des jeweiligen Beitrags erkennbar wird. Wir sprechen hier zwar von einem dreistelligen Bereich an Leserinnen und Lesern, aber Kommentare kommen dann doch meist nur bei den ohnehin strittigen Themen.”

Mokita: “Immer wieder lehren mich der Blog, das Internet und die direkten und indirekten Folgen für mich, dass selbst meine kleine Spielwiese hier die Leben anderer Menschen beeinflussen kann. Wenn ich sie dabei ein bisschen erfreuen, bereichern oder unterhalten kann, kann ich Gutes tun. Schön, nicht?”

Lust zu Lesen, Sonja Graus: “…sich das Lesen nachhaltig verändert, weil ich durch das Verfassen der Besprechungen noch sensibler und aufmerksamer mit dem Text umgehe. Man wird kritischer bei der Vorabauswahl und lernt durch die Vernetzung mit den anderen Blogs und der persönlichen Auseinandersetzung mit den anderen Meinungen die eigenen Einschätzungen noch mal zu hinterfragen. Überrascht hat mich die Geschwindigkeit, mit der neue Kontakte in sämtliche Bereiche des Literaturbetriebs entstehen.”

Guido Graf: “…mich, wie sonst auch, das am meisten interessiert, was ich nicht verstehe.”

A Million Pages: “Am Bloggen überrascht mich, wie sehr es mich entspannt. Ich konnte mir angesichts meines hektischen Jobs zu Beginn gar nicht vorstellen, dass ich für dieses Hobby viel Zeit erübrigen kann, aber es funktioniert – ganz einfach, weil es Spaß macht und einen guten Ausgleich bietet.”

Buchstäbliches: “…viel Schreiben zu besseren Texten führt. Wenn ich meine ersten Rezensionen lese (die eigentlich ja noch gar nicht so alt sind), juckt es manchmal sehr in meinen Fingern und ich würde sie am liebsten komplett umformulieren. Mache ich aber nicht, weil ein Blog auch sehr schön eine persönliche Entwicklung aufzeigen kann. Die Artikel sind schließlich ein Teil von mir, meine Vergangenheit gehört dazu. Außerdem habe ich gelernt, geduldig zu sein, es dauert, bis man Leser gewinnt und manche Artikel, in die ich sehr viel Energie gesteckt habe, interessieren immer noch niemanden. Damit umzugehen ist ein Lernprozess und klappt nicht immer.”

Muromez: “…ich auch einfach mal auf Veröffentlichen drücken muss, statt weiter stundenlang zu redigieren, herumzudoktern und zu verändern – irgendwann ist gut. Ich verdiene keinen Krümel damit. Es ist nicht mein Lebenswerk, mehr ein sinnvolles Hobby, ein Trainingsplatz und ein Gedankensortiergerät, das gleichzeitig einem persönlichen Literatur-Archiv gleicht. Ehrgeiz ist förderlich, hemmt manchmal aber dennoch.”

Chris Popp: “Überrascht hat mich die Dynamik der Bloggerszene und die beeindruckende Möglichkeit des Netzwerkens. Wenig Konkurrenzdenken, viel Gemeinschaftsdenken. Und wenn Konkurrenz, dann auf eine freundschaftliche, neidlose Art. Auch überrascht hat mich, dass so manche Künstler, Verlage oder was auch immer auf uns zukommen, von denen ich es niemals gedacht hätte. Auch habe ich gelernt, dass man sehr schnell instrumentalisiert und als Werbemultiplikator benutzt werden kann. Da bin ich doch sehr vorsichtig geworden, zuweilen kommt da auch der Zickerich in mir durch.”

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06 Helfen Amazon-Rezensionen? Wobei? Wie?

Literaturina: “Ich lese keine Rezensionen auf Amazon (ups). Nur der Score auf Goodreads lässt mich manchmal aufhorchen. Dort sind die Rezensionen allerdings oft mit Spoilern aller Art gespickt, so dass ein Reinlesen einem Marsch durch ein Minenfeld gleichkommt.”

Astrid, Leckere Kekse: “Nein, mir nicht! Ich kenne die Personen nicht, die sich dahinter verbergen, es ist sehr anonym und immer häufiger vermute ich hinter den Rezensenten Profischreiber. Bücher kaufe ich immer in einer Buchhandlung.”

Chris Popp, Booknerds.de: “Den Oberflächlichen, den ‚Sternenguckern‘, helfen sie in Fastfood-Manier, der Masse zu glauben. Da wird nicht nachgeschaut, was am Buch beziehungsweise am Artikel gut oder schlecht ist, sondern entschieden: „Oh, hat viereinhalb Sterne, muss gut sein, wird gekauft!“. Als ich noch einen Amazon-Account hatte, habe ich eine Kurzversion meiner Rezensionen zu diversen Titeln eingestellt – und musste feststellen, dass die Texte wohl kaum gelesen werden, wenn Du nicht einer der allerallerallerersten Verfasser bist. Es steht in keiner Relation zum Aufwand. […] Ganz schlimm ist die Mauschelei unter diversen Selfpublishing-Autoren, die sich sogar in Facebookgruppen organisieren, um sich gegenseitig mit 5-Sterne-Bewertungen zu pushen.”

Muromez: “Zumindest schaden sie nicht, wenn sie einige mehr Sätze enthalten und über gut, schlechtherzzerreißend oder todtraurig hinausgehen. Mir helfen sie vor allem zu erkennen, ob ein Werk überhaupt aufgenommen und gekauft wird. Bei null Bewertungen tendiere ich dazu, zu behaupten, dass dieses Werk nur wenige Leser hat. Ist das (eigentlich) so?”

Guido Graf: “Sie helfen Amazon.”

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07 Hilft Literaturkritik in Zeitungen und Magazinen? Wobei? Wie?

Zürcher Miszellen: “Ja. Dort schreiben kluge Köpfe, die sich irgendwann und oft zurecht durchgesetzt haben. Wer Literaturkritik als Beruf betreibt, schreibt oft anders und mit mehr Erfahrung als ein Blogger, der in seiner Freizeit schreibt (mich nicht ausgenommen).”

Norman R., Booknerds.de: “In meinem Alltag spielen Kritiken eine große Rolle, weil sie im besten Fall die Augen öffnen und Denkanstöße geben oder zumindest eine grobe Richtung anzeigen, was ich von etwas zu erwarten habe. Dazu gehört allerdings, dass die Kritik in einen Kontext eingebettet wird. Welche Zielgruppe soll angesprochen werden? Wofür steht der Rezensent? Was sagen die anderen? Dann kann Kritik ein hilfreicher Begleiter sein, aber kein Helfer, der einem die Arbeit abnimmt.”

Lust zu Lesen, Sonja Graus: “Sie kann helfen. Dabei, sich einem Buch mal aus einer völlig anderen Perspektive zu nähern. Ich schätze an den Kritiken im Feuilleton vor allem die, in denen dem Autor, seinem Lebenshintergrund und der Entstehungsgeschichte entsprechend Platz eingeräumt wird. Dadurch kann sich die Sicht auf den Text verschieben und ein neues, anderes Lese-Erleben entstehen.”

Buchimpressionen: “Lese ich sehr selten (am ehesten noch „Perlentaucher“), für mich ist das Randinfo und meist nicht hilfreich. Ich denke, da werden Bücher aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, als ich ihn habe. Ich habe keinen hyperintellektuellen Anspruch und muss ein Buch nicht en detail tot analysieren, für mich ist Lesen immer noch zu einem großen Teil Entspannung, das Verlassen des Alltags, Eintauchen in andere Welten. Das darf mich gerne unterhalten und muss mich nicht permanent zu geistigen Höchstleistungen herausfordern.”

Silvia, Leckere Kekse: “Bei manchen Kritikern weiß ich auch: Wenn der das Buch lobt, ist es nichts für mich.”

Chris Popp: “Es kommt ganz darauf an. Hochgestochene Feuilletonschreibe und hochnäsigen Magazinschrieb mag ich gar nicht, und der hilft zumindest mir nicht. Selbiges gilt für schlichtweg schlechte Literaturkritik – die ist gedruckt auch nicht besser, nur weil sie auf Papier ist. Aber wenn Literaturkritik bodenständig, ehrlich und mit Herzblut geschrieben ist, ist sie doch sehr hilfreich – in puncto literarischer Selbstfindung. Wobei mir da weniger um Kauftipps geht, sondern um einen – wenn auch einseitigen – Austausch. Mich interessiert die Meinung einfach.”

Muromez: “Schöne Frage. Ich schreibe gerade an meiner Master-Arbeit zu diesem Thema und könnte jetzt ganz, ganz weit ausholen. Dabei will ich das Verhältnis von Literaturbloggern und professionellen Literaturkritikern herausstellen und zeigen, welche Funktionen beide Parteien haben und ob sie nebeneinander ergänzend existieren können oder im Haifischbecken Literaturbetrieb schwimmen. Und können beide sogar voneinander profitieren, ist das vorzustellen? Um es kürzer zu machen: Wenn die Literaturkritik, die zweifelsohne Platz und Zeilen im Gegensatz zu Literaturtipps benötigt, eine Orientierungs- sowie Informationsfunktion einnimmt und gleichzeitig als Entscheidungshilfe agiert, kann sie helfen. Wobei? Ich glaube, es war Adorno, der gesagt hat, dass Kunstwerke zu ihrer Entfaltung auf Interpretation, Kritik und Kommentare angewiesen sind. Mich muss professionelle Literaturkritik überraschen und sie muss von Expertise geprägt sein. Ich will daraus etwas entnehmen, was mir nach der Lektüre bisher noch nicht bewusst war und damit meine ich nicht den Inhalt oder die Biografie des Autors. Es muss Klick machen, ein Aha-Erlebnis muss sich formen.”

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08 Helfen Blogs? Wobei? Wie? Wem?

Schlaue Eule: “Ja, ich finde schon. Blogger sind wie du und ich.  Wir lesen alles, nicht nur Literatur. Wir sind glaube ich mehr zugänglich als Rezensionen in einer Zeitung.”

Lust zu Lesen, Sonja Graus: “Wenn ich über längere Zeit einem Blog folge, kann ich seinen Verfasser einschätzen, kenne seine Interessen und Schwerpunkte und weiß seine Besprechungen zu deuten. Das muss nicht automatisch heißen, dass ich nur den gerne lese, der sich mit meinen Vorlieben deckt.”

Buchimpressionen: “Sie helfen, Informationen zu bekommen, die mir ein Verkaufsportal nicht bietet. Blogs sind bunt und so verschieden, dass für Jeden etwas dabei ist: der Eine mag es strukturiert, der Andere eher chaotisch mit viel Bling-Bling. Ich hab die Möglichkeit, schnell das zu finden, was mir persönlich liegt und für mich das heraus zu ziehen, was für mich wichtig ist. Unabhängige Blogger sind zum Großteil mit Herzblut bei der Sache und haben kein wirtschaftliches Interesse, von daher messe ich ihren Meinungen eine beachtenswerte Bedeutung bei.”

Chris Popp, Booknerds.de: “Blogs helfen, weil man innerhalb kürzester Zeit unzählige Informationen und Meinungen zu einem Buch lesen kann, man muss nur etwas googlen und sich durchklicken. Die unglaublich unterschiedlichen Schreibstile und Gedankengänge helfen einem dabei, „Seelenverwandte“ zu finden – das ist im Virtuellen um einiges einfacher. Jede „Leserschicht“ hat ihre eigenen Anlaufstellen. Blogs helfen aber auch den finanziell nicht so gut betuchten Menschen, die sich nicht ständig Zeitungen und Literaturmagazine kaufen können.”

Zürcher Miszellen: “Ich hatte die Hoffnung, dass man viele kunst- und literaturinteressierte Leser findet. Bisher habe ich vor allem kunst- und literaturinteressierte Schreiber gefunden. Blogger lesen Blogger. Und vielleicht sollte ich Frisch zitieren: Schreiben heisst: sich selber lesen.”

Buchkolumne, Karla Paul: “Ich mache zwischen der klassischen Literaturkritik und Buchblogs keinen Unterschied – verschiedene Medien und Autoren schreiben über Literatur und ich setze mir über das Internet meine Auswahl als Filterbubble zusammen. Die oft sehr persönlichen Empfehlungen der Blogger sind dabei ebenso wichtig wie die meist sachlicheren Bewertungen der Literaturkritik und beide für mich als Leserin gleichwertig notwendig für die tägliche Entscheidung für oder gegen ein Buch. Zudem sind die Menschen hinter den Blogs inzwischen zum größten Teil zu persönlichen Freunden geworden und der Austausch geht weit über die Bücher hinaus. Ein Punkt mehr für das „sozial“ in „soziale Netzwerke“.”

Norman R., Booknerds.de: “Blogs können dabei helfen, die Meinungsbreite zu erhöhen. Gerade heutzutage wird das immer wichtiger, weil im Kulturbereich generell und damit auch im Kulturjournalismus immer weniger Geld vorhanden ist. Kaum jemand kann heute noch ausschließlich davon leben, und wenn doch, muss er sich mit Arbeit überhäufen. Es liegt die Vermutung nahe, dass Kulturgüter dadurch immer oberflächlicher und schematischer oder aber viel zu überschwänglich und im Konsens analysiert werden. Blogger haben in der Hinsicht die besseren Karten, weil sie ihre Freizeit und damit eher ihr Herzblut investieren und sich etwas mehr Zeit nehmen können als die professionellen Kollegen. Allerdings glaube ich, dass es sowohl Profis als auch „Amateure“ geben muss, damit die Varianz und die Breite der Meinungen erhalten bleibt. Die Frage wird nur sein, ob wir genug für den Erhalt unserer Kulturlandschaft tun, die uns doch eigentlich so am Herzen liegt.”

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09 Wahr oder falsch: “Ich blogge vor allem, weil ich mich über Bücher austauschen will und im persönlichen Umfeld nicht genug Menschen habe, mit denen ich das könnte.”

aus.gelesen: “falsch. ich blogge, damit ich auch in zwei jahren noch weiß, was in dem buch stand und was mich interessierte daran. der austausch über bücher ist ein (sehr) angenehmer nebeneffekt, wobei diskussionen auf meinem blog eher selten sind.”

Dominik Nüse-Lorenz, Booknerds.de: “Es gibt in meinem direkten Umfeld Menschen, mit denen ich mich über Literatur austauschen kann – doch aufgeschrieben, ausformuliert und vielleicht auch etwas tiefergehender analysiert, ist der Blog für mich das ideale Medium.”

Buchkolumne, Karla Paul: “Das war der ursprüngliche Grund, weshalb ich mit dem Bloggen angefangen habe. Oft werden Witze über die Nerds gemacht, die tage- und wochenlang nur mit Büchern im Bett liegen und alles um sich herum vergessen und mit mehr Charakteren als normalen Menschen befreundet sind. Hello, that’s me! So bin ich aufgewachsen und deswegen war das Internet mit all seinen Möglichkeiten der kurzfristigen Vernetzung eine wahre Entdeckung. Seit vielen Jahren lebe und arbeite ich in der Literaturbranche und inzwischen hat es sich umgedreht – ich kenne eigentlich kaum mehr Menschen, die nicht irgendwie etwas mit Büchern zu tun haben. Aber dieser Büchernerd, der bleibt man im Herzen trotzdem und so brauche ich regelmässig meine Wochenenden ohne menschliche Kontakte, tief vergraben in Texten!”

Nur Lesen ist schöner: “Falsch. Ich blogge, weil ich mich mit so vielen Menschen wie möglich über Bücher austauschen möchte. Ich möchte Leidenschaft entflammen und Bücherempfehlungen in die Welt streuen. Ich möchte Büchern, Autoren und Verlage zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen und mit ihnen die Liebe zur Literatur feiern. Da sind genügend Menschen in meinem Umfeld, mit denen ich mich über Bücher austauschen kann. Ich lebe die Devise: Je mehr, umso besser.”

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10 Mein persönlicher Geschmack und meine Prinzipien beim Lesen und Bewerten:

Der Buchbube: “Da Lesen für mich ausschließlich eine Freizeitbeschäftigung darstellt, verfolge ich nur ein einziges Prinzip (dieses aber sehr konsequent): Das, was ich lese, darf mich nicht langweilen.”

Sophie Weigand, Literaturen: “Ich schätze gute und besondere Sprache, die für mich irgendwo zwischen zu opulent (Thomas Wolfe!) und zu karg liegt. Ich mag’s poetisch, aber nicht pathetisch. Mir gefällt es, wenn Literatur mir entweder eine Welt zeigt, die ich nicht kenne oder die Welt, die ich zu kennen glaube, auf eine ganz neue Art (wie im Augenblick Clemens J. Setz!). Wenn sie aktuelle Themen aufgreift. Wenn sie das Allgemeine im Besonderen sichtbar macht und das Besondere im Allgemeinen. […] Je mehr man liest, desto besser kann man Bücher einschätzen, desto besser weiß man, welcher Verlag für was steht und in welche Richtung ein Buch geht. Ob es bloß Trends aufgreift, ein Aufguss von irgendwas anderem ist oder einen eigenen Ton entwickelt.”

A Million Pages: “Ich lese quer durch alle Genres, stelle aber prinzipiell nur die Bücher vor, die mich begeistert haben. Wenn mir ein Roman absolut nicht gefällt, halte ich es für vertane Zeit, ihn vorzustellen und aufzuzeigen, warum er mir nicht zusagt.”

Guido Graf: “Es muss weh tun.”

Lust auf Lesen, Jochen Kienbaum: “Ein Buch darf alles; nur nicht langweilen. Langeweile ist tödlich. Ein Roman kann anstrengend sein, schwierig, komplex, er darf mich fordern, ja sogar überfordern, aber ebenso gut auch einfach nur unterhaltsam sein. In jedem Fall muss er etwas anschlagen in meinem Inneren, etwas zum Klingen bringen, meine Gedanken auf Reisen schicken. Lesen bedeutet für mich, eintauchen zu können in fremde Welten, neue Lebens- und Denkbilder entdecken zu dürfen und meinen Horizont zu weiten. Ein besondere Vorliebe hege ich für die „dicken Dinger“, Bücher, in denen mich die Autoren auf mehr als tausend Seiten in hochkomplexe Geschichten verwickeln. Das können und dürfen auch sehr intellektuelle und abgehobene Bücher sein, solche von denen behauptet wird, sie seien eigentlich unlesbar, total verkopft oder ohne wirkliche Handlung. Nur langweilen, das dürfen sie mich nicht. Wenn ich über Bücher schreibe, auch über die komplexen und herausfordernden, dann möchte ich Neugier wecken, nicht belehren. Ich möchte auf ein Buch zeigen und sagen: Seht her das gibt es, mir gefällt das, versucht es auch einmal, egal ob sofort oder später. Bei der Bewertung von Literatur verlasse ich mich auf meine Intuition, meinen Geschmack und einige Werkzeuge, mit denen ich im Literaturstudium gelernt habe umzugehen.”

Muromez: “»Scheiße, warum bin ich schon am Ende angelangt?«, wenn sich dieser Gedanke festigt, ist ein Buch auf jeden Fall gelungen und kann was. Das muss nicht immer vorkommen, aber Bücher dürfen mich nicht quälen. Damit meine ich nicht, dass sie keinen Anspruch haben sollen, nein. Schwere Kost und komplex darf es ganz im Gegenteil sein, aber sie müssen mich anlächeln und gleichzeitig kein Muss verursachen. Ich muss mich mit dem Stoff anfreunden können, sprachlich, stilistisch, ästhetisch, Logik schätze ich dabei. Ein Buch muss mich weiterbringen, sonst hat es den Zweck verfehlt, und dann auch noch unterhalten. Ich muss entdecken können, worauf der Verfasser hinaus will, was er der Welt und mir als Empfänger senden möchte. Die Prinzipien können beim Lesen und Bewerten immer variieren. Ein Debüt hat z.B. einen Sonderstatus und darf vorsichtiger angefasst werden als ein hochgelobter und etablierter Verfasser.”

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11 Wer liest mich? Habe ich eine Zielgruppe?

Zürcher Miszellen: “Gute Frage. Meine Wunschzielgruppe ist der NZZ-Feuilleton-Leser, die SZ-Feuilleton-Leserin, der/die das Internet entdeckt – und dann mich und meinen Blog. Diese Zielgruppe ist noch relativ klein, darum bin ich auf der Suche nach weiteren.”

Chris Popp, Booknerds.de: “Laut der Liste der Facebook-Liker*innen sind 70% der Leser weiblich, wobei 50% unserer „Leserschaft“ Frauen zwischen 25 und 54 Jahre alt sind. Schade ist das irgendwie, da dies das Klischee der nicht lesenden Männer doch beinahe bis zum Platzen füttert. Ich will das nicht so ganz glauben. Ich denke generell, dass uns die lesen, die qualitativ gute Artikel lesen möchten und nicht viel von Mainstream halten.”

Reingelesen: “mmh das wüsste ich auch gern, vor allem, da sich so viele der Follower nicht äußern, kann ich das schlecht einschätzen.”.

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12 Habe ich Vorbilder?

Schöne Seiten: “Uwe Wittstocks Die Büchersäufer mit der schönen Kolumne »Buch & Bar«. Oder die Wilmvorlesungen von Jan Wilm, wo monatlich je zwei Bücher gemeinsam besprochen werden – stets ein älteres im Paartanz mit einem neueren.”

Lust zu Lesen, Sonja Graus: “Jetzt oute ich mich mal: Ja, definitiv! Und zwar den Literaturblog Günter Keil. Mir sind viele Besprechungen schlichtweg zu lang, verraten zu viel, auch wenn sie ansonsten richtig, richtig gut sind und ich auch die Blogger dahinter sehr schätze. Wenn ich alle Namen der Protagonisten schon kenne, sämtliche Besonderheiten und die meisten Handlungsstränge – warum soll ich das Buch dann noch lesen? Günter Keil bringt es immer fertig, in ein paar Sätzen alles Wichtige unterzubringen, seine Meinung dazu durchschimmern zu lassen und noch Lust auf das Buch zu machen – oder eben auch nicht. Da denke ich dann immer „Yesss, so muss das!“.”

Denkzeiten: “Nein. Ich hatte nie Vorbilder oder Idole. Verehrte auch nie Schriftsteller oder Stars. Ich achte die Arbeit, das Können, finde die Menschen vielleicht spannend, aber: kein Vorbild.”

Buchkolumne, Karla Paul: “Nein. Ich sammel mir im Alltag gute Eigenschaften von tollen Menschen, die mir nahe sind. Von Freundinnen, Geschäftskollegen, von Autoren oder beeindruckenden Dokumentationen. Ich versuche mir von jeder Begegnung und Erfahrung etwas Positives mitzunehmen und all dies fließt natürlich auch in meine Blogarbeit ein. Ich schätze viele Blogger- und Journalistenkollegen, habe aber keine festen Vorbilder.”

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13 Welche Ratschläge würde ich meinem früheren Lese-Ich geben? Kann man lernen, Bücher besser auszusuchen, zu entdecken und zu genießen? Wie?

aus.gelesen: “offen bleiben. die fähigkeit behalten, sich überraschen zu lassen. Bereit sein, ein buch auch wieder ungelesen oder nur angelesen, wegzulegen.”

Literaturina: “Suche dir Leute, die einen ähnlichen Geschmack haben wie du. Vertraue auf ihre Wahrnehmung. Lass dich zu anderen Genre überreden. Lese Bücher, von denen du immer dachtest, du würdest sie nie anfassen. “

Schöne Seiten: “Früher, als Jugendliche und zu Beginn meines Studiums, habe ich Bücher wahllos gekauft und gelesen, ich hatte keine Kriterien und keine Orte, wo ich mich informieren konnte. Inzwischen wähle ich sehr sorgfältig aus, scanne zunächst die Verlagsvorschauen und warte dann die Kritiken ab. Zudem kaufe ich oft nicht sofort bei Erscheinen, sondern mit ein paar Monaten oder gar Jahren Abstand, vieles erledigt sich dadurch von selbst, weil ich das Interesse verloren habe.”

Flying Thoughts: “Kommt drauf an, wie alt mein früheres Lese-Ich ist. Dank des Internets ist es ja noch einfacher geworden, Bücher zu entdecken. Als wir noch keins hatten oder ich das nicht so genutzt habe, wie heute, bin ich in die Buchhandlung gegangen. Etwas, was ich zwar heute auch noch mache, aber wahrscheinlich sind die Besuche eher anders. Dann nehme ich mir ein englisches Buch in die Hand, sehe den Preis und denke mir „Bei Amazon ist das günstiger“.”

A Million Pages: “Mein früheres Lese-Ich hat im Studium streng nach Literaturkanon – Klassiker aller Epochen – gelesen. Zeit für spontane Lektüre hatte ich kaum. Heute suche ich nach für mich interessanten Büchern zwar oft im Internet, aber so richtig Spaß macht es mir, entweder in einer großen Buchhandlung oder auch in einem kleinen traditionellen Buchladen ganz entspannt nach Büchern zu stöbern. Ich glaube im übrigen nicht, dass man lernen kann, Bücher besser auszusuchen, da man sie zumeist nach Interessenlage bzw. nach sehr individuellen Kriterien (manchmal sogar nur nach dem Cover) auswählt. Auf Klappentexte verlasse ich mich nicht mehr allzu sehr, denn es ist mir schon oft passiert, dass ich nach Lektüre eines Romans dachte, dass der Verfasser des Klappentextes das Buch wohl nicht gelesen hat.”

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14 “Verlage brauchen mich für PR. Sie brauchen mich mehr, als ich sie brauche” …oder “Toll! Autoren und Presseabteilungen suchen Kontakt und bieten mir Bücher an. Was für ein Glück!” Was überwiegt?

Schlaue Eule: “Eher das zweite. Ich finde es toll, Vertrauen geschenkt zu bekommen und Bücher zu lesen, auf die ich sonst vielleicht länger warten hätte müssen. Natürlich mache ich eine Art von PR, aber ich sage trotzdem noch meine ehrliche Meinung!”

Buchstäbliches: “Letzteres. Ich denke nicht, dass PR-Agenturen und Verlage gerade mich brauchen, es gibt genug andere Blogs mit viel größerer Reichweite. Umso mehr freue ich mich, wenn ich von Menschen angesprochen werde, die möchten, dass ich ihr Werk rezensiere, gibt es mir doch ein bisschen das Gefühl, dass es richtig ist, was ich mache.”

Sophie Weigand, Literaturen: “Ich freue mich immer über Verlagskontakte, bin aber auch nicht so blauäugig zu vergessen, dass das nicht aus reiner Mildtätigkeit geschieht, sondern weil entsprechende Interessen dahinterstehen. Dass diese Interessen da sind, sehe ich aber nicht als problematisch, so lange man sich ihrer bewusst ist. Auch Blogger haben schließlich Interessen: Kontakte, Vernetzung, Steigerung der Reichweite usw. Im besten Fall haben alle was davon und wissen darum. Nicht die Interessen sind schwierig, sondern womöglich unausgesprochene oder eingebildete Erwartungen, die damit einhergehen.”

Chris Popp: “Mir ging es viele Jahre finanziell dreckigst. Hätte ich nicht wenigstens Rezensionsexemplare in Buch-, Film- oder Musikform bekommen, die ich stets gewissenhaft und so professionell wie möglich rezensiert habe, wäre ich kulturell verkümmert – so war ich gerade in diesen schwierigen Jahren wenigstens ein wenig näher am Puls der Zeit. Dafür bin ich den Verlagen und Labels unendlich dankbar – ich versuche immer, möglichst viel zurückzugeben. Selbst negative Kritiken möchte ich stets so gut und fundiert wie möglich schreiben. Man stellt mir etwas zur Verfügung, und dies behandele ich immer mit Respekt. Heute verdiene ich endlich wieder ausreichend Geld, um mir Bücher und Musik auch kaufen zu können, und meine Sammlung ist ein guter Mix aus Rezensions- und Kaufexemplaren. Ein schlechtes Gewissen habe ich trotzdem nicht – denn es ist nach wie vor auch eine Form der Arbeit – wenngleich sie in Hobbyform betrieben wird.”

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15 Was soll sich tun in meinem Blog und in meinem Leser-/Schreiber-Leben in den nächsten fünf Jahren:

Buchimpressionen: “Gute Frage. Da ich den Blog hobbymäßig betreibe und kein Berufsblogger bin, kann ich mich treiben lassen. Vom Zeitgeist, von persönlichen Vorlieben, vom Spieltrieb bei den technischen Möglichkeiten von WordPress, ich bin da sehr entspannt. Das ein oder andere unausgegorene Projekt geistert schon durch meinen Kopf (Stichwort „Indie“), momentan aber nichts Konkretes.”

Buchkolumne, Karla Paul: “Hoffentlich so viel, dass ich es mir jetzt noch nicht einmal wünschen kann. Im letzten Jahrzehnt hat sich jährlich jeweils sehr viel getan und ich hätte vorher nie gewagt oder gedacht, dass es so kommt, wie es dann kam. Dies hat mich gelehrt, dass ich weniger wünsche und einfach mehr mache und auf mich vertraue. Ich kann hoffentlich weiterhin alle Literaturprojekte gestalten, die mir in den Kopf kommen und damit möglichst viele Leser erreichen. Ich werde in den kommenden fünf Jahren mein erstes Buch veröffentlichen und hoffentlich auch noch ein zweites und drittes. Ich werde eine große Lesereise machen und hauptberuflich einige Digitalprojekte rund ums Buch umsetzen. Ich werde weiterhin möglichst viele Netzwerke für Literatur entdecken und erobern. Ich werde in fünf Jahren hoffentlich immer noch hier schreiben und dann rückblickend sagen – das war verrückt, fabelhaft, großartig – weitermachen!”

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Bei wieviel Prozent der Bücher, die ich gelesen habe, denke ich danach: Mist. Ich wünschte, ich hätte das nie gelesen…? Steigt oder fällt diese Prozentzahl, Jahr für Jahr? Warum?

Der Buchbube: “Bei Büchern niemals, bei Kommentaren in den Sozialen Netzwerken dagegen immer.”

Zürcher Miszellen: “Weniger als ein Prozent. Auch das Lesen von schlechten Büchern bringt einen weiter und naja: Es ist immer leichter, einen Verriss zu schreiben als ein fundiertes Lob, das wissen wir ja alle.”

Chris Popp, Booknerds.de: “Uff. Zwei Prozent?!? Es gibt wirklich kaum Bücher, die ich wirklich für Zeitverschwendung gehalten habe. Geändert hat sich in all den Jahren nichts. Klar, es ist immer mal wieder ein Buch dabei, bei dem ich denke: „Der arme Baum…“, aber offenbar habe ich bei der Auswahl der Bücher, die ich lesen möchte, recht viel Glück. Oder habe andere Ansprüche. Oder andere Maßstäbe. Ich weiß es nicht wirklich.”

Nur Lesen ist schöner: “Es kommt wirklich selten vor, dass ich denke, „Ich wünschte, ich hätte das nie gelesen“, aber am Ende des Jahres sind es schätzungsweise 30 % der Bücher, deren Geschichten zwar nett waren, mich aber nicht vom Hocker gehauen haben.”

Muromez: “Die Prozentzahl sinkt durch eine gründlichere Vorbereitung. Warm machen! Anlesen, prüfen, vorfühlen, vergleichen! Mit einer voranschreitenden Kompetenz verfliegt der Mist danach. Das hat auch damit zu tun, dass man lernen muss, häufiger Nein zu sagen.”

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Bonusfragen:

Ein Buch, das fast niemand mag – aber das ich liebe: [warum?]

Nur Lesen ist schöner: “„Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer. Viele Menschen finden es eklig, die vielen erschreckenden Details aus der Lebensmittelindustrie zu erfahren, mich haben sie fasziniert und ungemein bereichert. Auch wenn ich immer noch gern Fleisch esse, lege ich heute viel mehr Wert auf die Herkunft des Tieres und eine artgerechte Haltung.”

Denkzeiten: “Alles von Thomas Mann… weil ich ihn halt mag.”

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Ein Buch, das fast alle mögen – aber das mich wütend oder ratlos macht: [warum?]

Chris Popp, Booknerds.de: “Ohne zu zögern: „Der Fänger im Roggen“ von J. D. Salinger. Selten ein langweiligeres, nichtssagenderes, blöderes, deprimierenderes und überbewertetes, nervtötendes Buch gelesen. Und DAS soll zahllose Autoren inspiriert haben? An DAS soll Herrndorfs „tschick“ erinnern? Was soll „Der Fänger im Roggen“ denn bitteschön an sich haben, was so fasziniert? Was tun mir die Bäume leid…”

Guido Graf: “Francois Julien: Über die Wirksamkeit”

Buchkolumne, Karla Paul: “Davon gibt es sehr viele – angefangen mit der Schulpflichtlektüre „Die Blechtrommel“ von Günter Grass bis hin zu sämtlichen Romanen von David Safier oder Kerstin Gier, Richard David Precht … Alle paar Wochen stoße ich auf von Anderen so geliebte Bücher und finde selbst keinen Zugang. Deswegen sind die Bücher nicht schlecht, nur eben nicht für mich geschrieben. Viele Leser sollten das vielleicht weniger persönlich nehmen. Manchmal verstehe ich nicht, was sich der Autor dabei gedacht hat und ab und an bin ich ein bisschen angefressen, wenn er/sie es für mein Gefühl schlichtweg hätte besser schreiben können.  Ich freue mich, wenn sich andere dafür begeistern und deswegen ist mir die Zeit auch zu kurz für Adjektive wie „wütend“ oder „ratlos“.”

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Ein Buch, das ich bekannter gemacht habe:

Nur Lesen ist schöner: “„Lieblingsmomente“ von Adriana Popescu, weil es wie eine berauschende Fahrt mit der Gefühlsachterbahn ist und es mich so unfassbar glücklich gemacht hat. Meine Ausgabe ging allein durch sechs Hände, und hat sogar einen anderen Kontinent bereist. Jeder einzelne Leser hat es mir mit einem Lächeln zurückgegeben.”

Denkzeiten: “So wichtig bin ich nicht.”

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Ein Buch, vor dem ich oft und gern warne:

Buchkolumne, Karla Paul: “Das gibt es nicht. Bücher, vor denen ich warnen würde, stehen meist zurecht auf dem Index. Der Rest hat eher etwas mit persönlichem Geschmack zu tun und da können die Leser ruhig selbst für sich entscheiden.”

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Ein schlechtes Buch, das ich gut fand:

Guido Graf: “Pierre Clastres: Archäologie der Gewalt”

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Ein gutes Buch, das ich schlecht fand:

Kurt Drawert: Schreiben

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Ein Geheimtipp, der bisher in Blogs noch kaum besprochen wurde:

Schlaue Eule: “Auf dass uns vergeben werde” von A.M. Homes.

Chris Popp, Booknerds.de: „Nilowsky“ von Torsten Schulz.

Guido Graf: Franz Josef Czernin – Beginnt ein Staubkorn sich zu drehn. Ornamente, Metamorphosen und andere Versuche. (Brueterich Press)

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Ein Buch, das viel zu oft überall besprochen wurde:

Chris Popp: “„Weil ich Layken liebe“. Ich habe keine Ahnung, worum es da geht. Aber jedes gottverdammte „Schnuffelpupsis Bücherrappelkiste“-Blog hat dieses Buch rezensiert, es fand so eine entsetztliche Hysterisierung statt… grauenvoll.”

Buchkolumne, Karla Paul: “„Girl on the train“ von Paula Hawkins. Nett aufgemachter Psychothriller, dennoch ein reiner Marketinghype – lest und besprecht lieber „Leona“ von Jenny Rogneby, das kann wesentlich mehr!”

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Ein gutes Buch von/über jemandem/n, der ganz anders ist als ich selbst:

Denkzeiten: “Oh, ich denke, die meisten Bücher wurden von jemandem geschrieben, der ganz anders ist als ich, und sie handeln auch von jemandem, der anders ist als ich. Sonst könnte ich ja ständig mein eigenes Tagebuch lesen.”

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Ein gutes Buch von/über jemandem/n, der ganz anders denkt als ich selbst:

Karla Paul: “Der österreichische Autor Thomas Glavinic beschreibt in seinen Romanen und vor allen Dingen in „Das größere Wunder“ eine Lebenseinstellung, eine Hoffnung, die ich nicht in mir trage. Ich kann sie nachvollziehen und wir reden oft darüber, ich versuche mich beim Lesen ranzutasten. Aber es bleibt mir stets ein bisschen fremd, ich komme nicht völlig ran, kann es nicht greifen. Trotzdem oder vielleicht deswegen hat mich kaum ein Roman so sehr beeindruckt.”

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Ein Buch, von dessen Gestaltung/Cover/Design sich Verlage eine Scheibe abschneiden könnten:

Mokita: “Kein Buch, aber ein Designer, der öfter mal eingesetzt werden könnte: Levente Szabó. Er illustriert Klassiker neu, auf eine sehr tolle Weise.”

Denkzeiten: “Mir gefallen Die Bücher des Verlags Hermann Schmidt  sehr gut. Zum Beispiel Felix Scheinbergers Mut zum Skizzenbuch.”

Buchkolumne, Karla Paul: “Besonders (haptisch) schöne Bücher fertigt auch der Verlag Hermann Schmidt, wie z.B. „Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen“ von Frank Berzbach. Der Verlag beschäftigt sich auch als Grundthema mit Design und Typografie und zeigt die Expertise in jedem einzelnen Buch.”

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Ein anderes Produkt, von dessen Gestaltung/Cover/Design ich Verlage eine Scheibe abschneiden könnten:

Mokita: “Erinnert ihr euch an das Design aller Sachen auf der Insel in der Serie „Lost“? Stellt euch einen Buchladen vor, wie sie heute so sind, und mittendrin ein Buch, welches so minimalistisch gestaltet ist.”

Chris Popp, Booknerds.de: “Shape-CDs. War ein nicht allzu langlebiger Trend, aber ich finde so etwas witzig. Diskettenformat, Sägeblatt, an ein Scheunentor genageltes Huhn. Fände ich auch in Buchform cool, wenn es thematisch passt. Gibt es leider viel zu selten.”

Guido Graf: Arduino (www.arduino.cc)

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Das netteste Presseteam / die schönste Erfahrung mit einem Verlag:

Sopie Weigand, Literaturen: “Die Teams von Hanser, Suhrkamp, Dumont, Diogenes, Kiepenheuer & Witsch und der Kirchner Kommunikation (vertritt z.B. Dörlemann) sind schon wirklich ein Kennenlernen wert.”

Chris Popp, Booknerds.de: “Bislang habe ich die Verlagsmenschen ja nur online kennen gelernt, aber von denen gibt es einige, die ich wunderbar finde. Katharina Waltermann von DuMont, Wiebke Maren Ratzsch und Ruth Geiger von Diogenes, Carina Gerner von Loewe, Thomas Vogt von Rapid Eye Movies, Anko Gniwotta von polyband Medien, die Leute von berlinieros, Frau Liebl von Random House, der wunderbar direckte Bertram Reinecke von Reinecke & Voß, die sind schon alle ziemlich klasse.”

Nur Lesen ist schöner: “Die Teams von Dumont, Magellan, arsEdition und Piper sind mir wirklich unfassbar sympathisch. arsEdition und Piper haben mir zwei wunderbare Bookup-Abende geschenkt, die mir sicherlich noch lange im Gedächtnis bleiben werden. Ich freu mich grundsätzlich aber über jede Begegnung mit Herzensmenschen.”

Mokita: “Vor fünf Jahren hatte ich mal die Freude, mit den Leuten vom Argon Verlag zu arbeiten, das war wirklich wunderbar.  Und bis heute sind die Leute supernett, wenn ich sie treffe. Tatsächlich hatte ich aber bisher mit keinem Presseteam von Verlagen schlechte Erfahrungen gemacht. Immer auf Augenhöhe.”

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Autor*innen, die tolle Inhalte auf Facebook und Twitter posten:

Chris Popp, Booknerds.de: “Benedict Wells und Oliver Uschmann, Berni Mayer ebenso. Ich denke, Du redest von Buchautoren, oder? Dann fällt mir noch Richard Lorenz ein. Und Ruprecht Frieling. Und Guido Rohm postet manchmal so herrlichen Unfug.”

Guido Graf: Jan Kuhlbrodt

Buchkolumne, Karla Paul: “Gibt es noch eine Definition von „tolle Inhalte“ dazu? Liebe Autoren, lasst Euch nichts einreden, wie und ob Ihr Social Media zu gestalten habt. Macht es so, wie es sich für Euch richtig anfühlt, geht den Leuten nicht mit zu viel Eigenwerbung auf die Nerven und beachtet die im Internet übliche Netiquette – das wird schon. Ernsthaft, jeder macht das anders, ganz nach Gefühl und Leben und Genre und ich freue mich, dass langsam so viele ihren Platz finden.”

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mein(e) Lieblingskritiker*in/Journalist*in:

A Million Pages: “Meine Lieblingskritiker sind Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek. Das werden sie auch immer bleiben, denn so kluge, streitbare und unterhaltsam-witzige literarische Experten wird es meines Erachtens nicht mehr geben. Auch wenn ich ihre Ansichten nicht immer nachvollziehen konnte, fand ich doch ihre Wortduelle stets großartig. Für mich müssen Literaturkritiker neben einem profunden literarischen Wissen immer auch Primadonna-Flair haben und sich selbst schon recht wichtig nehmen. Das macht schließlich ihren besonderen Reiz aus, denn Literaturkritiker sollten schon auch Provokateure und keine handzahmen Nacherzähler sein.”

Denkzeiten: “Marcel Reich-Ranicki und Helmut Karasek – das waren sie.”

Buchkolumne, Karla Paul: “Günter Keil, Richard Kämmerlings, Daniel Bröckerhoff, Sonja Peteranderl, Nils Minkmar, Julian Heck, Wolfgang Blau, Moritz von Uslar, Ulrike Klode, Jochen Wegner, Anita Zielina, Stefan Niggemeier, Kathrin Weßling …”

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ein toller Text/Beitrag aus einem Verlagsblog:

Guido Grafhttp://www.logbuch-suhrkamp.de/jacob-teich/der-open-mike-rap-battle-der-literatur

Buchkolumne, Karla Paul: “Bitte abonnieren Sie an dieser Stelle sofort die beiden Blogs hundertvierzehn (Fischer Verlag) und Resonanzboden (Ullstein Verlag) – herzlichen Dank. Sehr schön und redaktionell toll aufbereitete Hintergrundinformationen zu den jeweiligen Verlagen als auch der sonstigen Buchbranche, spannende Kooperationen und Gastautoren,”

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ein Lieblings-Blogbeitrag (kein ganzer Blog):

Buchkolumne, Karla Paul: “Ich habe in meinem Herzen ein kleine, dunkle Ecke für Verrisse und dazu gehört der sehr unterhaltsame Rant von meinem Freund Tilman Winterling auf 54books gegen die Büchergilde bzw. deren aktuelles Design.”

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ein Blogbeitrag von mir selbst, auf den ich stolz bin: 

Guido Graf: http://grafguido.de/access-to-awesome-30-thesen-zur-zukunft-der-literaturvermittlung/

Buchkolumne, Karla Paul: “Auf einen Blogbeitrag kann ich schwer stolz sein, aber vielleicht auf die Aktion „Blogger für Flüchtlinge“ aus diesem Jahr, die ich gemeinsam mit anderen Bloggern startete – dies findet hoffentlich bei mir selbst und Anderen Nachahmung.”

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mein erfolgreichster Text/Beitrag:

Lust zu Lesen, Sonja Graus: “Bisher das Interview mit der Übersetzerin Gabriele Haefs. Die Zugriffszahlen und das Tempo des Teilens haben mich völlig überrascht.”

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ein Text/Beitrag von mir, der wenig Beachtung fand, aber mehr Beachtung verdient:

Chris Popp, Booknerds.de: “Kann ich pauschal gar nicht sagen. Bei vielen Artikeln denke ich mir: Mensch, eigentlich müsste das die Leute doch interessieren! Aber die Onlineleserschaft ist unberechenbar.”

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eine Frage, die diesem Fragebogen fehlt:

Mokita: “Zweifelst du an deinem Tun? Und wann sind die Momente, an denen du mit dem Bloggen aufhören willst?”

Guido Graf: “Wann fängst Du endlich an?”

Buchkolumne, Karla Paul: „Was macht Literatur mit Dir, mit Deinem Leben?“

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blogfragen

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und, zum Vervollständigen:

“Das neue literarische Quartett…”

Chris Popp, Booknerds.de: “…interessiert mich genau so wenig wie das alte. Ranickis Empörung auf Knopfdruck fand ich eher lachhaft als unterhaltsam. Aber auch so gibt mir das Format nicht viel. „Was liest du?“ mit Jürgen von der Lippe fand ich da irgendwie schöner und unterhaltsamer. Und nach den Meinungen zur ersten Aufgabe habe ich wohl auch nichts verpasst.”

Laurent Piechaczek, Booknerds.de: “Warum muss Maxim Biller eigentlich überall seinen Senf hinzugeben?”

Denkzeiten: “Ich mag keine Remakes und Kopien. Wenn eine Literatursendung, dann eine neue. Alles andere wird eh zu nichts führen.”

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“Auf der Buchmesse…”

Buchkolumne, Karla Paul: “… bin ich zuhause.”

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“Ich bin sehr überraschend und unerwartet auf ein gutes Buch gestoßen. Und zwar…”

Buchstäbliches: “…auf mehrere Bücher, von Self-Publishern geschrieben.”

Flying Thoughts: “„The Eyre Affair“ von Jasper Fforde ist so ein Buch. Ebenso „The Invisible Library“ von Genevieve Colman. Beides Genre, die ich eigentlich fast gar nicht lese. Aber es hat sich gelohnt.”

Buchkolumne, Karla Paul: “… „The Art of Asking“ von Amanda Palmer aus dem Eichborn Verlag. Die Musikerin, Künstlerin und Frau von Fantasybestsellerautor Neil Gaiman beschreibt darin ihren Lebensweg mit der Musik und wie sie gelernt hat, andere Menschen in ihr Leben zu lassen und sie um Hilfe zu bitten, wie sie die mit 1,2 Millionen Dollar bisher erfolgreichste Kickstarter-Kampagne initiierte und die sozialen Netzwerke für sich nutzt, sie lebt. Ich hielt es erst für ein esoterisch angehauchtes Selbsthilfebuch – stattdessen stieß ich auf eine äußerst spannende Biografie mit der besten Nutzungsanleitung für soziale Medien und gemeinsames Miteinander on- als auch offline.”

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weitere Buchtipps aus den bisher 22 verlinkten Blogposts:

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Schöne Seiten: David Grossmans “Stichwort: Liebe”, Jonathan Safran Foers “Alles ist erleuchtet”, Vladimir Nabokovs “Lolita”, Gabriel García Márquez’ “Hundert Jahre Einsamkeit”, Salman Rushdies “Mitternachtskinder”. Hard-boiled Krimis und Noirs, der Liebeskind Verlag hat in dieser Hinsicht einige aufregende Bücher im Programm. Nino Haratischwilis Das achte LebenDeutscher Meister von Stephanie Bart.”

Literaturen: Clemens J. Setz,  „Sieben Minuten nach Mitternacht“ von Siobhan Dowd und Patrick Ness.  „Gotthard“ von Zora del Buono. „Die Verschwundenen“ von Wolfgang Popp. „Der amerikanische Architekt“ von Amy Waldman. „Limonow“ von Emmanuel Carrère. „Deutschland überall“ von Manuel Möglich.  „Lust und Laster“ von Evelyn Waugh. „Lucky Newman“ von Carl Nixon. Wenn es nicht sowieso ein tolles Buch wäre, hätte ich es wegen des Covers gekauft. Sechs Personen suchen einen Autor” von Luigi Pirandello.

A Million Pages: Henry James: Porträt einer jungen Dame. Helmut Berger: IchDie stille Frau von A. S. A. Harrison. Erika Robuck. The Curiosity vom amerikanischen Autor Stephen P. Kiernan: Ich kann nicht nachvollziehen, warum dieses außergewöhnliche Buch noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde, denn es würde meines Erachtens mit Sicherheit auch hier die Bestsellerlisten stürmen.

Der Buchbube“Der Fliegenfänger” von Willy Russell.

MokitaDas Gefängnis der Freiheit von Michael Ende.

Chris Popp: “Nilowsky” von Thorsten Schulz, “Amerika-Plakate” von Richard Lorenz, die David Foster Wallace-Biographie „Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte“ von D. T. Max, Juha Vuorinens „Göttlich versumpft“, Christoph Poschenrieder – Die Welt ist im Kopf; Wolfgang Welt – Fischsuppe; Georges Perec – Das Leben Gebrauchsanweisung; Lothar Baier – Jahresfrist usw.,  usw…

Guido Graf: Georges Didi-Hubermann: Das Nachleben der Bilder, Helen Hester: Beyond Explicit: Pornography and the Displacement of Sex, Ernst Gombrich: über Schatten, Steffen Popps Beuys-Buch

Buchkolumne, Karla Paul: Scarlett Thomas: „Troposphere“, „Was wir fürchten“ von Jürgen Bauer, die Romane der irischen Chick-Lit-Autorin Marian Keyes, JJ Abrams: „Das Schiff des Theseus“, „Shakespeare and Company“ aus dem Suhrkamp Verlag.

Nur Lesen ist schöner: “„Wir sind die Könige von Colorado“ von David E. Hilton. “Schloss aus Glas” von Jeannette Walls. „Zwiterschende Fische“ von Andreas Séché. „Im Schatten des Vogels“ von Kristin Steinsdóttir. „Das hat alles nichts mit mir zu tun“ von Monica Sabolo. „Wir haben Raketen geangelt“ von Karen Köhler. „Liebten wir” von Nina Blazon. Es war eine reine Bauchentscheidung, das Buch zu kaufen, weil mich das Cover so ansprach. Hinter dem Buchdeckel habe ich eine weitaus facettenreichere Geschichte entdeckt, als ich anfangs vermutet habe.

Deutscher Buchpreis 2015 an Frank Witzel: Empfehlung. “Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1968”, Matthes & Seitz Verlag

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Für “der Freitag” las ich alle sechs Romane auf der Shortlist zum deutschen Buchpreis 2015:

“Und was, falls dann doch Frank Witzel gewinnt? Für seinen brillant verquasten, übervollen, herrlich sperrigen Jugend- und Provinzroman Die Erfindung der Rote Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969? 800 Seiten Jugendängste, Wahn, 60er-Jahre-Jargon, Katholizismus und Neurosen, in 99 grellen Kapiteln immer neu gekreuzt, verschränkt. Literarische Apophänie: Was, wenn die Beatles Märtyrer wären? Mein Leben ein Schneider-Jugendbuch? Die RAF unser Kinderclub? Was, wenn dieses eigensinnige, wagemutige, bekloppte, brillante Buch Bestseller wird? Und Tagesgespräch?”

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“Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969”, Frank Witzel, Matthes & Seitz

“Ein Spiegelkabinett der Geschichte im Kopf eines Heranwachsenden: Erinnerungen an das Nachkriegsdeutschland, Ahnungen vom Deutschen Herbst; das dichte Erzählgewebe ist eine explosive Mischung aus Geschichten und Geschichte, Welterklärung, Reflexion und Fantasie: ein detailbesessenes Kaleidoskop aus Stimmungen einer Welt, die 1989 Geschichte wurde. Ein mitreißender Roman, der den Kosmos der alten BRD wiederauferstehen lässt.” [Klappentext, gekürzt.]

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

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Der 800-Seiten-Roman spielt 1968 in einem Vorort von Wiesbaden und folgt einem 13jährigen, in 99 Kapiteln – von denen fast jedes anders klingt und viele einen parodistischen Quatsch-Tonfall haben, z.B. die Floskeln eines Jugendbuchs oder den Panik-Tonfall der RAF-Berichterstattung.

Es geht um Sprachmüll, BRD-Muff und die Armut, mit den falschen Worten etwas festhalten, ausdrücken, auf den Punkt bringen zu müssen – ein Gefühl, das 13jährige gut kennen.

Der Roman ist sehr verspielt – jedes Kapitel ist eine literarische Versuchsanordnung, in dem Jargon (z.B. aus einer Musikzeitschrift) auf ein anderes Themenfeld (z.B. auf die Schule) getragen wird. So entsteht viel… wilder, windschiefer… Quatsch. abgegriffene Worte, in neuen, überraschenden Zusammenhängen.

Literarisch/psychologisch mach das viel Spaß: ein Junge, der als Messdiener jahrelang Gewäsch über Heilige und Märtyrer aufgesaugt hat und jetzt in Musikzeitschriften über die Beatles und in den Nachrichten über die RAF hört, spricht über die Beatles… wie über Märtyrer. Über die RAF… wie Popstars. Nicht als witziges Spiel – sondern aus Unvermögen: seltsame Welten werden durch die jeweils falschen Sprach- und Wahrnehmungsbrillen betrachtet. Die einzigen Brillen/Wortschätze eben, die der 13jährige bisher hat.

Warum ist das literarisch toll – und warum dauert es 800 Seiten? Weil Witzel noch etwas Größeres probiert/durchspielt/erzählt, das mich sehr überzeugt: Apophänie ist die Störung, Zusammenhänge und Leitmotive zu sehen: https://de.wikipedia.org/wiki/Apoph%C3%A4nie

…und die meisten Romane nehmen eine Figur, ein Stück Gegenwart oder Zeitgeschichte und ein paar Motive und sagen: “Schaut. Winnetou und die RAF – da sind schon Parallelen” oder z.B. “Dawson Leery und Stephen Spielberg: Das wird immer wieder interessant gegeneinander gestellt und hinterfragt – dieser All-American Idealismus.” wir erzählen uns unsere Leben selbst in solchen Mustern, finden uns in Popkultur, ziehen Parallelen.

Witzel zieht 800 Seiten lang Parallelen, die IMMER beliebiger und absurder und wahnhafter werden und dabei zeigen: Solche Netze sind sehr schnell gesponnen. Aber dabei eben oft: spinnert. “Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1968” setzt, versuchsweise, ALLES in Zusammenhang – auch, um dabei zu zeigen, wie leichtfertig und hilflos Menschen solche Zusammenhänge suchen, um sich ihr Leben zu erklären, und – Meta, Meta! – wie schnell Autor*innen solche Zusammenhänge zimmern können.

Wie gesagt: Ich finde es schwierig, ein Buch zu empfehlen, bei dem ich z.B. von Seite 200 bis 300 dachte “Hm. Das hätte man jetzt alles einfach streichen können.” Der Roman ist sehr lang, und ich weiß nicht, ob er Gelegenheits- und Hobbylesern genug gibt, über diese 800 Seiten hinweg. Versteht man erstmal, worum es geht – Lebenswelten in jeweils “falschen” Sprachwelten durchzunudeln, in immer anderen Kombinationen – passiert nicht mehr viel: es nudelt halt 99 Kapitel lang durch. sprachlich toll. aber einen packenden Plot oder besondere Auflösungen zum Schluss gibt es nicht.

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Im Freitag (Link) schreibe ich:

“”Wer 2015 nur ein einziges Buch lesen kann, dem empfehle ich gestrost Jenny Erpenbeck, Gehen, ging, gegangen. Kosten: 19 Euro 99, Umfang: 352 Seiten. In kaum zehn Stunden Lesezeit bewältigt und verstanden. Simple Sprache. Viel Wissenswertes zu Asylrecht und Geflüchteten. Der Alltag afrikanischer Männer in einer Berliner Unterkunft, beäugt von einem skeptischen deutschen Professor in Rente. Altern, Heimatlosigkeit, DDR-Vergleiche. Kulturen im Dialog. Fünf von fünf Sternen. Lesenswert! Besonders auch für Schulklassen. Aber zählt dieser simple, muntere, gut gemeinte Asylroman zu den größten literarischen Leistungen 2015? Ist er buchpreiswürdig?”

“Egal, wer 2015 gewinnt: Favoritin Erpenbeck, Meister Witzel oder einer der holprigeren vier Titel: Keines dieser sechs angreifbaren, erstaunlich windschiefen Bücher im Finale passt gut zum Preis. Alle haben Angriffsflächen, große Schwächen. Peltzer, Witzel sind zu träge, Schwitter, Lappert zu seicht, Mahlke, Erpenbeck keine augenfällig „große“ Literatur. Ich will kein Buchhändler sein, der den Gewinner durchs Weihnachtsgeschäft bringt.”

Deshalb nochmal, als gefälligere Verschenk-Empfehlung:

Jenny Erpenbeck, “Gehen ging gegangen”, Knaus

  • Shortlist zum deutschen Buchpreis 2015
  • 352 Seiten, Knaus
  • Professor mit Sinnkrise sucht Kontakt zu Geflüchteten am Berliner Oranienplatz
  • politischer Roman über die Frage, wie Engagement hilft und was Menschen einander geben können: die Sprache ist sehr simpel, vieles wirkt didaktisch, erklärend, etwas kunstlos… aber keinem Buch wünsche ich 2015 mehr Leserinnen und Leser. Informativ, menschlich, sympathisch und klug.
  • ich mochte “Das alte Kind” nicht, Erpenbecks staubige, viel zu betuliche Kurzgeschichten. auch hier im Portrait wirkt sie verkrampft (Link: könnte aber auch an der Journalistin liegen). aber “Heimsuchung” gehört zu meinen Lieblingsbüchern. Erpenbeck ist keine sehr “junge” oder frische Erzählerin.

“Wie erträgt man das Vergehen der Zeit, wenn man zur Untätigkeit gezwungen ist? Richard, emeritierter Professor, kommt durch die zufällige Begegnung mit den Asylsuchenden auf dem Oranienplatz auf die Idee, die Antworten auf seine Fragen bei jenen jungen Flüchtlingen aus Afrika zu suchen, die in Berlin gestrandet und seit Jahren zum Warten verurteilt sind. Und plötzlich schaut diese Welt ihn an, den Bewohner des alten Europas, und weiß womöglich besser als er selbst, wer er eigentlich ist.” [Klappentext, gekürzt.]

Gehen, ging, gegangen …und, große Empfehlung: Heimsuchung

#blogfragen für Buchblogger: 15 Fragen, zum Mitnehmen und Beantworten

blogfragen

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Ich kenne tolle Buchblogs und tolle Leser*innen und Rezensent*innen. Aber ich habe viele Fragen, die mir die “über mich”-Seite oder die kurzen persönlichen Gespräche mit Bloggern oft nicht beantworten.

Deshalb habe ich – aus Neugier und ohne besondere Forschungs-, Umfrage- oder Analyse-Absicht – 15 Fragen gesammelt, die ich fast jedem Literaturblogger gern stellen würde. Falls ihr Zeit und Lust habt:

Leitet sie weiter. Beantwortet so viele (oder wenige), wie ihr wollt.

Ergänzt und kommentiert.

Ich freue mich auf Antworten und Antwort-Postings in euren eigenen Blogs: kurz oder lang. ausführlich oder in Bruchstücken.

meine Fragen:

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01 Das Lieblingsbuch meiner Mutter:

02 Das Lieblingsbuch meines Vaters:

03 Ich führe einen typischen Buchblog, weil…

04 Ich bin anders als die Blogs, die ich gern lese, weil…

05 Am Bloggen überrascht mich / beim Bloggen habe ich gelernt, dass…

06 Helfen Amazon-Rezensionen? Wobei? Wie?

07 Hilft Literaturkritik in Zeitungen und Magazinen? Wobei? Wie?

08 Helfen Blogs? Wobei? Wie? Wem?

09 Wahr oder falsch: “Ich blogge vor allem, weil ich mich über Bücher austauschen will und im persönlichen Umfeld nicht genug Menschen habe, mit denen ich das könnte.”

10 Mein persönlicher Geschmack und meine Prinzipien beim Lesen und Bewerten:

11 Wer liest mich? Habe ich eine Zielgruppe?

12 Habe ich Vorbilder?

13 Welche Ratschläge würde ich meinem früheren Lese-Ich geben? Kann man lernen, Bücher besser auszusuchen, zu entdecken und zu genießen? Wie?

14 “Verlage brauchen mich für PR. Sie brauchen mich mehr, als ich sie brauche” …oder “Toll! Autoren und Presseabteilungen suchen Kontakt und bieten mir Bücher an. Was für ein Glück!” Was überwiegt?

15 Was soll sich tun in meinem Blog und in meinem Leser-/Schreiber-Leben in den nächsten fünf Jahren:

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eine offene, kompliziertere Frage, die mich selbst sehr beschäftigt: Bei wieviel Prozent der Bücher, die ich gelesen habe, denke ich danach: Mist. Ich wünschte, ich hätte das nie gelesen…? Steigt oder fällt diese Prozentzahl, Jahr für Jahr. Und: Warum?

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BELLA triste Essay Stefan Mesch WordPress 06

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Bonus: Empfehlungen!

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Ein Buch, das fast niemand mag – aber das ich liebe: [warum?]

Ein Buch, das fast alle mögen – aber das mich wütend oder ratlos macht: [warum?]

Ein Buch, das ich bekannter gemacht habe:

Ein Buch, vor dem ich oft und gern warne:

Ein schlechtes Buch, das ich gut fand:

Ein gutes Buch, das ich schlecht fand:

Ein Geheimtipp, der bisher in Blogs noch kaum besprochen wurde:

Ein Buch, das viel zu oft überall besprochen wurde:

Ein gutes Buch von/über jemandem/n, der ganz anders ist als ich selbst:

Ein gutes Buch von/über jemandem/n, der ganz anders denkt als ich selbst:

Ein Buch, von dessen Gestaltung/Cover/Design sich Verlage eine Scheibe abschneiden könnten:

Ein anderes Produkt, von dessen Gestaltung/Cover/Design ich Verlage eine Scheibe abschneiden könnten:

Das netteste Presseteam / die schönste Erfahrung mit einem Verlag:

Autor*innen, die tolle Inhalte auf Facebook und Twitter posten:

mein(e) Lieblingskritiker*in/Journalist*in:

ein toller Text/Beitrag aus einem Verlagsblog:

ein Lieblings-Blogbeitrag (kein ganzer Blog):

ein Blogbeitrag von mir selbst, auf den ich stolz bin: 

mein erfolgreichster Text/Beitrag:

ein Text/Beitrag von mir, der wenig Beachtung fand, aber mehr Beachtung verdient:

eine Frage, die diesem Fragebogen fehlt:

und, zum Vervollständigen:

“Das neue literarische Quartett…”

“Auf der Buchmesse…”

“Ich bin sehr überraschend und unerwartet auf ein gutes Buch gestoßen. Und zwar…”

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Frankfurter Buchmesse 2011 WordPress

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Ich liebe Fragebögen.

Ich habe viele geschrieben, u.a. an meinen Ex-Professor, an den größten “Green Lantern”-Comicfan, Sally Pascale, an die Literaturkritik und, für Deutschlandradiokultur, “fiese Fragen”, die u.a. Karla Paul, Hans Hütt, Tilman Winterling, Mara Giese und Christiane Frohmann beantwortet haben.

Ich beantworte auch gerne Fragebögen, z.B. für die ZEIT, Christoph Kochs “Mein Medien-Menü” oder den Open Mike. Im Mai habe ich Fragen über meine Arbeit als Übersetzer beantwortet, hier (Link).

Ich freue mich über jeden Blog-Autoren, der meine Fragen beantworten will – und bin gespannt auf die Antworten.

Video: Bücher auf Youtube – Literaturkritik, BookTube, Vlogs

wordpress Vlog

august münchen 2015

Blogs und Literaturkritik:

Seit fünf Jahren führen wir eine große Qualitäts- und Grundsatzdebatte. Dass Blogs ein sinnvoller Ort sein können, um über Bücher zu sprechen, stellt mittlerweile niemand mehr in Frage. Was aber ist mit Videos? Vlogs?

Im Juli 2015 portraitierte die Süddeutsche Zeitung Sara Bow, Mode- und Buchbloggerin: http://www.sueddeutsche.de/kultur/buchkritikerin-auf-youtube-sehrsehrsehr-lustig-lest-es-1.2558228

“Sara! Mir grauts vor dir” antwortete Blogger Thomas Brasch und schrieb: ” ich finde es grauenvoll, dass diese Darbietungen, dieses ungenierte Plappern von Sara Bow & Co. erfolgreich Bücher verkauft. Soviel Neid muss sein. […] Mit solchen Formaten trifft die Anspruchslosigkeit eines selbstgefälligen Youtube-Sternchens auf die Anspruchslosigkeit naiver Teenies.”https://thomasbrasch.wordpress.com/2015/07/11/sara-mir-grauts-vor-dir/

Sara Bow ist 21 – und weder sprachlich noch in der Auswahl ihrer Bücher mein Fall. Trotzdem imponieren mir Youtuber und Vlogger, und ich sammle seit Jahren Mut für ein eigenes Video. Ich rede u.a. bei Deutschlandradio Kultur über Bücher. Aber: mit einer Redaktion, in einem Studio. Im Alleingang vor die Kamera treten, ein eigenes Format entwickeln… das habe ich jetzt zwei Tage lang, zum ersten Mal, probiert.

Es macht Spaß. Es frisst Zeit, kostet Kraft und führt mir vor Augen, wie viel ich zu lernen habe und wie viel schief gehen kann. Ob ich ein zweites, drittes Video drehe, hängt auch vom Feedback und der Resonanz ab: Bringt das hier was? Wer schaut das, und wozu? Es war VIEL mehr Arbeit als ein Blogpost oder ein Artikel – und es sieht amateurhafter aus.

Mein Lieblings-Vlogger ist Michael Buckley, den ich u.a. für ZEIT Online portraitiert habe, http://www.zeit.de/digital/internet/2010-01/youtube-buckley

Mein deutscher Lieblings-Booktuber ist Andreas Dutter, Brivido Libro: https://www.youtube.com/user/brividolibro

Ich empfehle auch Herbert liest,https://www.youtube.com/user/LiteraturEskorte

und Iris Radischs Videos (die grade leider immer seltener/sporadischer werden): http://www.zeit.de/serie/lesetipp

mehr zu Literaturblogs u.a. auf meinem Blog, https://stefanmesch.wordpress.com/2015/07/28/die-besten-buchblogs-und-literaturblogs-50-empfehlungen-links/

Video-Link auf Youtube: https://youtu.be/3CH3YYE7AdY

weiteres Videos von mir hier: Youtube-Channel, smesch83

 

Die besten Buchblogs und Literaturblogs: 50 Empfehlungen (Links)

Stefan Mesch - Buchblogs, Literaturblogs, Foto von Achim Reibach

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Im Sommer 2014 habe ich Krimiblogs empfohlen:

Im Sommer 2013 Buch- und Literaturblogs:

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Ich bin mit vielen Buchblogger*innen auf Facebook oder Goodreads befreundet, mag ihre Lektüretipps, ihre Leidenschaft und Anregungen:

Der Austausch, die Dialoge und Gespräche sind mir wichtig.

Die Blogs selbst lese ich sporadischer.

Mir sind viele Blogger oft zu höflich, vorsichtig, schüchtern.

Trotzdem gibt es ca. 50 Blogs (und, wichtiger: Köpfe HINTER diesen Blogs), deren Auswahl, Engagement und Texte mir sehr gefallen.

Meine Favoriten, im deutschsprachigen Raum. Ergänzungen und Tipps sind willkommen!

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Buchblogs Screenshots Startseiten

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Gefunden habe ich die meisten Buchblogs auf Gesine von Prittwitz’ tollem “SteglitzMind”-Blog, auf dem Buchblogger regelmäßig ihre Lieblingsblogs vorstellen und empfehlen:

Im Mai 2015 öffnete ich dann alle ca. 950 Links der “Lesestunden”-Toplist von Tobias Zeising:

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Unterwegs machte ich auch ein paar Screenshots von bunteren… barockeren… Buchblogs:

buchblogs

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Hier meine ca. 50 Lieblings-Buch- und Literaturblogs.

Als wichtige Stimmen, Multiplikatoren möchte ich besonders empfehlen…

Ein sympathisches 30-Minuten-Feature über Buchblogs, von Sieglinde Geisel für Deutschlandradio Kultur:

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Empfehlungen? Ergänzungen? Gerne als Kommentar!

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Blogname Autor*in und Infos
54books
http://www.54books.de/
Tilman Winterling. http://blogs.deutschlandradiokultur.de/buchmesselbm15/2015/03/12/fiese-fragen-tilman-winterling-blogger-bei-54books/
aboutsomething https://writeaboutsomething.wordpress.com/ Katja (Germanistin) und Laura (Kunstwissenschaftlerin), https://writeaboutsomething.wordpress.com/uber-uns/
Analog.Lesen
http://analoglesen.wordpress.com/
Sebastian Kretzschmar,
http://analoglesen.wordpress.com/der-herr-der-bucher-credits/
Atalantes Historien
http://atalantes.de/
Kerstin Pistorius:
http://atalantes.de/ueber/
aus.gelesen
https://radiergummi.wordpress.com/
kein Name:
https://radiergummi.wordpress.com/about/
Bibliophilin
http://www.bibliophilin.de/
Dorota Federer,
http://bibliophilin.de/?p=6
Binge Reader
http://bingereader.org/
Sabine Delorme,
http://bingereader.org/eine-seite/
Brivido Libro (Youtube-Videos) https://www.youtube.com/user/brividolibro Andreas Dutter, Booktuber:
https://de-de.facebook.com/AndreasDutterAutor
Bücherkinder
http://www.buecherkinder.de/
Riesiges, sehr gutes Portal für Kinderliteratur von Stefanie Leo, http://www.buecherkinder.de/%C3%BCber-uns
Bücherwurmloch http://buecherwurmloch.wordpress.com/ Mareike Fallwickl (Mariki):
http://mareikefallwickl.at/about-me/
Buchkolumne
http://www.buchkolumne.de/
Karla Paul: war bei Lovelybooks in München, heute Verlegerin in Hamburg, http://blogs.deutschlandradiokultur.de/buchmesselbm15/2015/03/15/fiese-fragen-an-karla-paul-literaturpaepstin/
Buzzaldrins Bücher
http://buzzaldrins.de/
Mara Giese, http://blogs.deutschlandradiokultur.de/buchmesselbm15/2015/03/13/fiese-fragen-an-mara-giese-bloggerin/
Dandelion Literatur https://dandelionliteratur.wordpress.com/ Frank Duwald,
https://dandelionliteratur.wordpress.com/about/
Das Debüt
http://dasdebuet.com/
fünf junge Bloggerinnen,
http://dasdebuet.com/eine-seite/wer-wir-sind/
Das graue Sofa
https://dasgrauesofa.wordpress.com/
Strick- und Literaturblog von Claudia Hildebrand, https://dasgrauesofa.wordpress.com/about/
deep read
https://deepread.wordpress.com/
Karo“ Karoline Laarmann,
https://deepread.wordpress.com/about-2/
Der Buchbube
http://buchbube.wordpress.com/
Christoph Walter,
http://buchbube.wordpress.com/about/
Die Leselust
http://www.die-leselust.de/
Übersetzerin Daniela Brezing,
http://www.die-leselust.de/ueber-mich/
Dieter Wunderlich
http://www.dieterwunderlich.de/
Dieter Wunderlich,
http://www.fabelhafte-buecher.de/buecher/wir-lieben-bucher/weltliteratur-im-spiegel-der-bestenlisten/dieter-wunderlich-onlinerezensent-mit-breitenwirkung/
Ein Jahrhundert lesen https://100jahrelesen.wordpress.com/ Klassikerblog von Nele Thiemann: ein Buch pro Jahr des 20. Jahrhunderts, hier die Liste:
https://100jahrelesen.wordpress.com/die-liste/
Frank Rumpel http://frankrumpel.wordpress.com/category/krimikritik/ Frank Rumpel (freier Journalist),
https://frankrumpel.wordpress.com/about/
Glasperlenspiel13
http://glasperlenspiel13.com/
Vera Lejsek,
https://buecherliebhaberin.wordpress.com/eine-seite/
Hedoniker
https://smoel.wordpress.com/
Stefan Möller,
http://lesebefehle.tumblr.com/
Herbert liest!
https://herbertliest.wordpress.com/
Dr. Herbert Grieshop (und Sonja Praxl) https://herbertliest.wordpress.com/eine-seite/
Herzpotenzial
http://herzpotenzial.com/
Maike Bradler, Mareike Dietzel:
http://herzpotenzial.com/about/
Intellectures
http://www.intellectures.de/
Thomas Hummitzsch,
http://www.diesseits.de/thomas-hummitzsch
Jargs Blog
https://jargsblog.wordpress.com/
Jarg“, Familienvater in Hamburg:
https://jargsblog.wordpress.com/about/
Kaffeehaussitzer
http://kaffeehaussitzer.de/
Uwe Kalkowski,
http://kaffeehaussitzer.de/author/buchnarr/
Kapri-ziös
http://kapri-zioes.de/
Janine Rumrich,
http://kapri-zioes.de/ueber-mich/
Karthauses Bücherwelt
http://karthause.wordpress.com/
Heike Metzger,
https://karthause.wordpress.com/about/
Klappentexterin
https://klappentexterin.wordpress.com/
Buchhändlerin Simone Finkenwirth, https://klappentexterin.wordpress.com/uber-mich/
KrimiLese
http://krimilese.wordpress.com/
Heinz Bielstein
Krimimimi
http://krimimimi.com/
Miriam Semrau,
http://krimimimi.com/ueber-mich/
Kulturgeschwätz https://kulturgeschwaetz.wordpress.com/ Katharina Herrmann,
https://kulturgeschwaetz.wordpress.com/uber-mich/
Leo’s Literarische Landkarten https://leopoldsleselampe.wordpress.com/ Blog über Orts- und Landschaftsbeschreibungen in Büchern und Geopolitik,
https://leopoldsleselampe.wordpress.com/uber/
Lesen mit Links
http://www.lesenmitlinks.de/
Jan Drees: Autor, Journalist, Literaturwissenschaftler, http://www.lesenmitlinks.de/vita/
Leseschatz
https://leseschatz.wordpress.com/
Sonja und Hauke Harder, Buchhändler, https://leseschatz.wordpress.com/about/ und http://www.buchhandlung-almut-schmidt.de/
Lesestunden
Literaturblog mit eigenem Linkverzeichnis/Ranking für fast alle aktuellen deutschsprachigen Literatur- und Buchblogs,
http://www.lesestunden.de/toplist/
Tobias Zeising,
http://www.lesestunden.de/#footer
Libroskop
https://libroskop.wordpress.com/
Tobias Lindemann, freier Journalist: https://libroskop.wordpress.com/about/
Life4books
http://life4books.blogspot.de/
Christin Matthes: malt für jedes Buch ein charmantes, nerdiges kleines Schaubild:
http://life4books.blogspot.de/p/uber-mich.html
Litaffin
http://www.litaffin.de/
“LITAFFIN ist das Blog von und mit Studierenden des Masterstudiengangs Angewandte Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin.” http://www.litaffin.de/litaffin/
Literatur- und Medienblog
von Nomadenseele http://nomasliteraturblog.wordpress.com/
Nomadenseele“, https://nomasliteraturblog.wordpress.com/blogvorstellung/
LiteraturBlog
http://www.literatur-blog.at/
Andreas Hartl, Webdesigner,
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literaturblog günter keil http://guenterkeil.wordpress.com/ Günter Keil, Journalist, Moderator und Literaturblogger www.guenterkeil.de
Literaturen (hieß früher “Literatourismus”) http://literatourismus.net/ Sophie Weigand,
https://caterinaseneva.wordpress.com/2015/05/05/im-gesprach-mit-sophie-weigand/
Literaturundfeuilleton https://literaturundfeuilleton.wordpress.com/ Komparatisten aus Bochum: sieben Redaktionsmitglieder, https://literaturundfeuilleton.wordpress.com/informationen/
Literaturwelt. Das Blog.
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Magazin mit fast 20 Rezensent*innen, u.a. Alban Nicolai Herbst und Stefan Möller, Chefredakteur: Oliver Gaßner
lust zu lesen
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Simone Dalbert, Buchhändlerin (hat auch ein Buch über ihre Arbeit geschrieben): “Papiergeflüster. Aus dem Leben einer Buchhändlerin”
Phelmas.com/ Helma P.,
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Petra Gust-Kazakos,
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Read that!
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Fotograf. Hauptseite hier:
http://marcelkorstian.de/
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freie Journalistin,
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SchöneSeiten
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Texte und Bilder
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Wortmax
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Holger Reichard und Karsten Weyershausen, dazu wechselnde Gastautor*innen,
http://www.wortmax.de/pages/viten.htm

Wozu Literaturkritik…? 53 Fragen. [Uni Göttingen / Litlog]

klett 2008

morgen [Samstag, 24. Mai 2013] gebe ich ein Uni-Seminar in Göttingen:

Freier Journalismus: Profile, Chancen, Social Media

“Wer schreibt, liest, publiziert? Wer findet seinen Platz? Wer wird gehört? Stefan Mesch, 31, schreibt Essays, Features, traditionelle Literaturkritik u.a. für ZEIT Online und den Berliner Tagesspiegel. Themen finden, an Redakteure pitchen, Formen und Profil als Kritiker entwickeln sind sein halbes Leben.

Die andere Hälfte? Social Reading. Bloggen. Scouting – und die Arbeit am ersten Roman. Im Workshop für ca. 20 Teilnehmer, Samstag, 24. Mai, werden Schreibhaltungen, Leser- und Verlagsprofile, Nischen, Plattformen im Netz und Strategien zum Einstieg und zur täglichen Arbeit als Kulturjournalist vermittelt:

Mainstream? Abseits? Gegenkultur?

WO kann ich sprechen? Und wovon soll ich leben? Eine erste Hilfe.

Danach bin ich – zusammen mit Harun Maye [Link] auf DIESEM Podium [Link] im Literarischen Zentrum Göttingen:

Stefan Mesch Harun Maye Literarisches Zentrum Göttingen

zur Vorbereitung / Einstimmung habe ich einen kurzen, offenen Text für litlog.de gebloggt, über meine Grundfragen an die Literaturkritik:

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Wozu Literaturkritik…?

53 Fragen.

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Theodore Sturgeon sagt: 9 von 10 Dingen sind Schrott. In jeder Kunstgattung, in jedem Genre, in jeder Produktpalette, in jeder denkbaren Kategorie. Theodore Sturgeon sagt: Das ist nicht schlimm. Das gehört dazu.

Aber heißt das, ich muss 10 Bücher lesen, um eines zu lieben?

Aber heißt das, ich muss 100 Bücher anlesen, um 10 zu finden, die ich lesen will?

Aber heißt das, ich muss von 1000 Büchern hören, um 100 zu finden, die ich anlesen will?

Oder sind, von 1000 Büchern, 100 eigentlich recht gut, gelungen, lesenswert?

Wie viel muss ich über ein Buch wissen, um zu denken: „Super. Will ich lesen!“

Wie viel muss ich wissen, um zu denken: „Super. Das kann ich ignorieren. Ich darf sterben, ohne vorher 5 bis 10 Stunden mit diesem Autor verbringen zu müssen.“

Lese ich Rezensionen, weil ich ein Buch lesen will? Oder weil ich hören will, dass ich es nicht lesen muss?

Wie lange gebe ich einem Buch […Film? …Serie?], um mich zu überzeugen? Letztes Jahr las ich über 1000 Romane an – aber nur ca. 90 zu Ende. Von fast 50 würde ich heute sagen: „Ich wünschte, ich hätte sie doch nicht gelesen. Ich wünschte, ich könnte in der Zeit zurück reisen und mir selbst sagen: Stefan – spar dir dieses Buch.“

Wie viele schlechte Bücher kann ich lesen, bevor meine Stimmung kippt und ich mich frage, ob Literatur AN SICH schlecht ist?

Wie vielen schlechten Fantasy-Büchern, Vampir-Romanzen, Lyrikbänden, Krimis darf ich mich aussetzen, bevor ich sage: „Dieses Genre ist nichts für mich“…?

Wie viele Vampir-Romanzen müsste ich als Kritiker lesen, um einen Artikel für Nicht-Vampir-Romanzen-Fans schreiben zu können mit einer Empfehlung wie: „Falls Sie nur EINE Vampir-Romanze lesen: Nehmen Sie diese?!“

Will ich als Leser auf dieses große, versteckte Vampir-Romanzen-Highlight hingewiesen werden? Oder kann ich Genres links liegen lassen, mein ganzes Leser-Leben lang, ohne Angst, viel zu verpassen?

Wer hätte größere Chancen, das Vampir-Romanzen-Highlight zu entdecken: Der Vampir-Romanzen-Fan oder der Vampir-Romanzen-Skeptiker? Und wessen Artikel dazu würde ich lieber lesen?

Lesen Fantasy-Fans lieber die Empfehlungen anderer Fantasy-Fans? Lese ich selbst, als Nicht-Fan, lieber die Rezensionen von Nicht-Fans? Experten? Amateuren? Kennern? Außenseitern? Für welche Leserschaft schreibe ich Rezensionen? Für möglichst viele Leute, die, im Zweifelsfall, sehr, sehr wenig Grundwissen, Geduld und Interesse mitbringen? Sind das die „besten“, nützlichsten Rezensionen?

Welchen Nutzen möchte ich aus einer Rezension ziehen? Wann reicht ein einfaches „2 von 5 Sternen. Blödes Buch. Langweilige Figuren. Schlechter Stil“?

Will ich als Rezensent tendenziell mehr Leser zu Büchern bringen – oder Leser vor schlechten Büchern bewahren?

Will ich ein Buch kaufen und lesen, das einen Goodreads-Score unter 3.2 hat? Unter 3.5? Unter 3.8? Einen Film sehen, den IMDb unter 6.0 wertet? Unter 7.0?

Werden Bücher, die kollektiv als Ramsch gewertet werden… diskriminiert? Ins Abseits gedrängt – vom kollektiven Geschmacksdiktat einer Mehrheit?

Wie viele Lieblingsbücher anderer Menschen lese ich und denke: Hm.

Wessen Lieblingsbücher würde ich am liebsten lesen?

Kathrin Passig beobachtet bei persönlichen Buchgeschenken und im Musik-Social-Network last.fm: Ihre Lieblingsmenschen tragen selten Lieblingsbücher oder Lieblingsmusik in ihr Leben. Selbst, wenn zwischenmenschlich sehr viel stimmt / passt: Buch-, Film-, Musikgeschenke und -tipps ihrer Freunde taugen oft gar nichts.

Sind Menschen, die dir am ähnlichsten sind oder am nächsten stehen auch die Menschen mit den besten Empfehlungen?

Und die besten Literaturkritiker… auch die Leser, die Wünsche und Geschmack möglichst vieler Menschen / breiter Massen nachvollziehen können?

Falls es mehr Menschen / Leserinnen wie Elke Heidenreich gibt als Menschen / Leser wie DICH – hat Elke Heidenreich dann den Vorteil als Kritikerin, mehr Menschen / Lesern aus dem Herzen sprechen zu können?

Heißt das in letzter Konsequenz, der für die Masse nützlichste Literaturkritiker spricht, erklärt, wertet und empfiehlt für die größte denkbare Leserschaft?

Wie viel muss ich über einen Literaturkritiker / Rezensenten wissen, um seine Maßstäbe, Ansprüche, Sprechposition und Glaubwürdigkeit beurteilen zu können?

Wie viel WILL ich über solche Leute wissen? Sind die Urteile von Leuten, über die ich VIEL weiß, für mich leichter zu gewichten? Falls ja: Hat jeder Kritiker die Aufgabe, sich möglichst exponier- und sichtbar zu machen, für die Leser seiner Texte?

Was wäre mir lieber: eine „100 aktuelle Bücher, die JEDER gelesen haben muss“-Liste… oder eine Liste „100 aktuelle Bücher, die sich jeder sparen kann“?

Was unterscheidet eine Kritik von einer Empfehlung? Gibt es „gute“ Bücher, die nicht „empfehlenswert“ sind?

Vielleicht sagt eine Kritik: „Schau auf dieses fremde Land. Ich zeige dir die Menschen, die Kultur, die Städte, die Werte, die politischen Konflikte. Ich erkläre, wie dieses Land im Kontext seiner Nachbarn funktioniert.“ Vielleicht sagt eine Empfehlung: „Traumstrände! Sonne! Tolles Essen! SO hast du die allerbeste, vergnügte Zeit. Und / aber HIER reise bitte keinesfalls hin.“…?

Will ich für diese „Bücherwelt“ Reiseführer schreiben… oder (politische? gesellschaftskritische?) Reportagen aus den weniger attraktiven „Ländern“? Buchregionen? Nischen? Brennpunkten?

Ijoma Mangold sagt, Buchkritiker treffen eine Selektion. Im Netz schimpften daraufhin Laienkritiker, Blogger und freie Journalisten: „Entlarvt! Die ZEIT-Autoren sehen sich als selbstherrliche Gatekeeper. Und benutzen dabei unreflektiert Nazi-Vokabular wie ‘Selektion’.“ Brauchen wir eine Auswahl? Sollte sie von ZEIT-Kritikern getroffen werden? WIRD sie von ZEIT-Kritikern getroffen?

Will ich als Leser / Kritiker neue Bücher ins Gespräch bringen – oder lese ich, um mich an den vorhandenen, laufenden Gesprächen beteiligen zu können?

Habe ich Angst, etwas zu verpassen? Habe ich die Verpflichtung, etwas lesen zu MÜSSEN? Muss ich „Harry Potter“ durchlesen? „Ein Lied von Eis und Feuer“? „Die Blechtrommel“?

Muss ich einen Kanon aus 1000, 1500 Büchern lesen, auf die wir uns – als Kultur – verständigt haben? Muss ich Lücken in diesem Kanon begründen? Bin ich ein schlechter Kritiker, wenn ich diese Bücher nicht kenne? Was wäre klüger, für meine Ausbildung als Kritiker: im nächsten Jahr 200 möglichst wichtige Bücher abzuhaken – oder 200 völlig unbekannte Bücher neu zu entdecken?

Macht es mehr Spaß, zu loben oder zu verurteilen?

Macht es ANONYM mehr Spaß, zu loben oder zu verurteilen?

Bei Amazon kauft eine Privatperson ein Buch für eigenes Geld, liest es in ihrer Freizeit – und sagt sich dann „Jetzt investiere ich 30 Minuten und schreibe eine Gratis-Rezension“. Als Autor für ZEIT Online kann ich Presse-Exemplare gratis bei Verlagen anfordern. Verbringe drei, vier Tage mit Buchauswahl, Lektüre und Rezension. Verdiene knapp 150 Euro. Ist der Text, den ich schreibe, „wertvoller“ als die Amazon-Rezension?

Wie viel wertvoller – und für wen: Für Leser? Für Verlage?

Empfehlungen. Rezensionen. Literaturkritik. Produktbewertungen. Große Texte für ein breites Publikum. Fans. Blogs. Persönliche Buchtipps. Kuratieren – für die Massen oder für den Einzelnen: Gibt es von allem genug? Gibt es von irgendwas ZU VIEL? Stehen sich diese Formen gegenseitig im Weg?

Viele meiner Freunde „glauben“ nicht an Rezensionen: Spezifische Geschmacksurteile spezifischer Menschen, die so oft falsch liegen wie richtig.

Viele meiner Freunde „glauben“ auch nicht an längere Texte im Feuilleton, die Bücher einordnen und kontextualisieren. Denn falls sie das Buch lesen wollen, „machen sie sich lieber selbst ein Bild“. Und falls nicht, ist ihnen der Feuilleton-Text in 9 von 10 Fällen völlig egal.

Freundin Wiebke schreibt: „Rezensionen helfen mir nur, wenn sie kritisch sind. Zwischen einem „anspruchsvollen und großartigen“ Roman und einem „großartigen und anspruchsvollen“ Roman kann ich nicht unterscheiden.“ Ich setze dagegen: Mir reicht das schon. Im Zweifelsfall lese ich beide Bücher an.

Freundin S. denkt, eine Elektro-Zahnbürste erfüllt eine Funktion. Wenn sie diese Funktion sehr gut erfüllt, bekommt sie auf Amazon von vielen Menschen möglichst viele Sterne. Ein Buch erfüllt keine derart klare Funktion – und falls es zu vielen Amazon-Kunden ZU gefällig etwas „liefert“, das deren Lektüre-Zweck „gut erfüllt“, wird sie schnell skeptisch / unzufrieden.

Kann ich Blogger UND Feuilleton-Autor sein? Kritiker UND Fan? Experte UND Leser, der den Massengeschmack im Auge behält? Kann ich Sternchen verteilen UND Listen bloggen UND lange Texte schreiben? Jeweils andere Formen – für jeweils andere Leser?

Welche Kanäle, Formate, Texte kann ich nutzen – damit ALLE richtigen Bücher zu ALLEN richtigen Menschen finden?

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Links:

Was ich lese. Wer ich bin. [via Christoph Koch: “Mein Medien-Menü”]

In Christoph Kochs Reihe “Mein Medien-Menü”

“stellen interessante Menschen ihre Lese-, Seh- und Hörgewohnheiten vor. Ihre Lieblingsautoren, die wichtigsten Webseiten, tollsten Magazine, Zeitungen und Radiosendungen – aber auch nützliche Apps und Werkzeuge, um in der immer größeren Menge von Informationen, den Überblick zu behalten und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.”

2013 Neujahr.

Diese Woche: Stefan Mesch, Autor / Kulturjournalist aus Heidelberg und Toronto.  [Vollständiger Text und mehr: bei Christoph Koch, Link]

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Wie informierst du dich morgens als erstes?

Im RSS-Reader und auf Facebook: Ronnie Grobs 6 vor 9, BoingBoing, Reddits “de”-Links und Felix von Leitner.

In Deutschland frühstücke ich mit meiner Mutter. Sie liest FAS und SZ und kennt gute Texte oft vor mir. Freund Frank liest Handelsblatt, hört Deutschlandfunk. Auf Facebook posten Kuratoren und Freunde wie Sebastian Christ (Politik & Medien), Christian Huberts (Gaming, Tech, Soziales), Simone Ayivi (Theater), Karla Paul (Buchmarkt), Merlin Schumacher und Sebastian Standke (Nerd Culture) Artikel und Debatten, die mir oft selbst wichtig werden.

In Toronto stehe ich gegen 9 auf: Dann ist in Deutschland 15 Uhr, alle Themen schon vorsortiert. Eine Startseite habe ich nicht: Geschrei wie GMX und Spiegel Online macht mich fertig.

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Welche Zeitungen / Magazine hast du im Abo oder liest du regelmäßig?

Nur BELLA triste – Zeitschrift für junge Literatur, dreimal im Jahr, und das SZ-Magazin. Als Teenager, Ende der 90er, las ich den ganzen Tag: Cinema, TV Highlights, TV Movie, Xposé, Hollywood, Animania, Starlog, Starburst, Men’s Health (Link öffnen!). Heute stehen diese Texte online.

Im Studium – Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, Hildesheim – rieten alle Dozenten, Tageszeitungen zu lesen:  “Lest euch rein! Verfolgt Debatten! Klebt euch Artikel in ein Journal!” Ich musste mich lange zwingen: Kleingeld, Kiosk, Altpapier, Notizbücher usw. Blöd umständlich!

Erst seit fünf Jahren, mit Facebook als Artikelsammlung und Journal, gehört das Feuilleton zu meinem Alltag:

Heute ist es normal (weil: endlich bequem!), jeden Tag 30, 40 Artikel zu lesen. Texte mit Freunden zu teilen. Ohne große Kosten, Hürden informiert zu bleiben. Müsste ich Print-Magazine abonnieren: Psychologie heute. Wired. Publisher’s Weekly.

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Was liest du auf Reisen?

Ebooks, digitale Fahnen und Graphic Novels. Ein Freund verkaufte mir 2011 sein iPad. Bis heute habe ich keine einzige App installiert – nur Reader für .mobi-, .cbr- und .pdf-Dateien. Ich lese gerne digital. Besonders Comics.

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Welche Nachrichtenseiten im Netz sind Dir wichtig?

Keine. Der Freitag hat einen guten Rhythmus / Tonfall auf Facebook. Welt Online hat unvergessliche Texte und Leserkommentare. Vielleicht nimmt Buzzfeed Schwung auf, journalistisch. Doch alle Websites, die mir wichtig sind, haben einen engeren, präzisen Fokus:

Literatur: Feuilletons von Zeit und Tagesspiegel, The Millions, die Perlentaucher-Magazinrundschau, Love German Books.

TV: tvtattle (Aggregator), tvbythenumbers (Quoten), Allan Sepinwall (Kritik), Willa Paskin (Kritik), TV Tropes und Feminist Frequency, Sascha Becks Sablog.

soziale Gerechtigkeit und Watchblogs: Sociological Images, Stefan Niggemeier, lawblog, Jezebel (gute Links – aber furchtbar polemisch), AfterEltons Meme, Bitch Magazine.

Comics: Collected Editions, /r/comicbooks, Retcon Punch, DC Women Kicking Ass, Escher Girls, The Absorbascon, Every Day is like Wednesday, Grober Unfug und das Tagesspiegel-Comic-Ressort.

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Welche Blogs liest du?

Ich las – zur Vorbereitung auf den Fragebogen – die ersten 39 “Medien-Menüs” und fand dabei 20 neue Blogs, denen ich folgen will, u.a. My Modern Met und achtmilliarden.

Oft lese ich Journalisten-Freunde wie Jan Drees, Jan Fischer, Frithjof Klepps Ocelot-Blog – und mir fehlen weiterhin gute Literaturblogger: Ruth Justen, Mara Giese, die Facebook-Seite Stapel ungelesener Bücher… die Richtung stimmt. Aber da ist Luft nach oben. Empfehlungen?

Freund Max, Kulturjournalist beim Indie-Mode-Magazin Worn, bloggt im Toronto Standard über Kleidung, Politik, Identität. Mode ist mir recht egal – aber Mode-Blogs mit nem ähnlichen – kritischen, essayistischen – Fokus? Her damit! (Bisher gefunden: Sleek, Disney Roller Girl, Wonderland Magazine.)

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Highlights aus deinem RSS-Reader?

Für meinen Roman “Zimmer voller Freunde” sammle ich Fotos, als stummes Exposé. Ich mag We just don’t give a fuck, ein Pool betrunkener Jugend- und Randale-Szenen auf Flickr, Kurator Go ask Weyprecht, die Nachwuchs-Fotografen mr.fink und oliviabee.

Sehenswerte Bilder auch bei Boston.com und (leere Gebäude! Ruinen!) Kingston Lounge, Musiktipps und Gratis-MP3s (Folk, Singer-Songwriter) bei Klienicum, toller Retro-Kitsch (Wohnen) bei Kitschyliving, Retro-Sexismus (Comics) bei Comically Vintage. Das letzte Browser-Game, das mir Spaß machte, war Super Mario 63 von 2009.

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Was ist wichtige berufliche Lektüre für dich?

Ich lese knapp 80 Romane im Jahr (…zu Ende), dazu 120 Comics. Das meiste fruchtet in Essays, kulturwissenschaftlichen Texten oder langen Interviews.

Beruflich ist am wichtigsten, Dinge früh zu lesen. Experte zu werden, Übersicht zu schaffen. Erklären, finden, ordnen, was ohne mich unbekannt bleiben würde. Für 2013 wollte ich mehr tagesaktuelle, beliebte Bücher lesen. Doch die Ausbeute ist mies: Ich sehe kaum Sinn darin, den selben Titeln nachzujagen, die gerade eh jeder liest.

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Welche Art von Büchern liest du am liebsten (Sachbücher, Fiction, Biografien)?

Ich mag keine Märchen, selten Krimis oder Texte, älter als das 20. Jahrhundert – zu viel Landwirtschaft, Adel, Religion.

Bücher funktionieren für mich, wenn sie mich einer Sache möglichst nahe kommen lassen: Figuren, Arbeits- und Alltagswelten, politischen Zusammenhängen, einem Autoren-Ich, klugen Fragen oder Fakten.

So lange ein Autor zeigen kann “Das hier ist mehr als Spielerei, Beschäftigung.” höre ich neugierig (und: gerne!) zu.

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Welches Buch hat dich in letzter Zeit am meisten beeindruckt?

Meine Highlights 2012 sind hier gebloggt, weitere Empfehlungen hier. 2013, bisher? Der Comic “The Nao of Brown” von Glyn Dillon, Alexander Maksiks “You deserve nothing” und, neu im Taschenbuch: “Fernliebe” von Ulrich Beck. Andere Neuerscheinungen: hier. Wichtigstes Buch der letzten Monate? “Weiter leben” von Ruth Klüger.

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Wie viel liest du auf dem Smartphone, Tablet, o.ä.?

Seit 2008 habe ich kein Handy mehr. (Eine gute Entscheidung!)

Doch ich lese gerne digital: Teilen, Linken, Pasten wird einfacher.

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Welche Rolle spielen Leseempfehlungen/Links durch Soziale Netzwerke?

Auf Goodreads helfen Una, Clara Ehrenwert, René-Raphael Freudenthal, Martin Kistner und Oriana Leckert. Für Essays und Blog-Fundstücke lohnt Maximilian Buddenbohms wöchentliche Linksammlung “Woanders”.

Privat / grundsätzlich bin ich fast enttäuscht, wenn Freunde lesen, entdecken… aber nichts damit anfangen: Warnungen, Tipps, Hilfe…? Raus damit! Wir können uns gegenseitig helfen, bessere Kauf- und Leseentscheidungen zu treffen.

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Gibt es tägliche oder wöchentliche Leserituale?

Ich bin recht kritisch – und laufe Gefahr, oft 10, 15 freudlose Bücher am Stück zu lesen. Stöbern, Abwechslung, Experimente helfen: Underdogs und Geheimtipps machen mehr Spaß, als (…im Gleichschritt mit allen anderen Journalisten, Buchhändlern, Bloggern) die Themen der Saison durchzuhecheln.

Besser: Scouten gehen in Bibliotheken, kanadischen Buchhandlungen und im Netz.

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Wer sind deine Lieblingsautoren (Buch, Zeitung, Magazin)?

Klassiker? Thomas Wolfe, Vladimir Nabokov, John Cowper Powys.

Gegenwart? Stewart O’Nan und Dietmar Dath.

Journalisten? Ina Hartwig, Peter Praschl, Gerrit Bartels.

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Gibt es eine Radio- oder Fernsehsendung, die du möglichst nie verpasst?

Nur “Mad Men”, im Moment.

Auf der “bald sehen!”-Liste stehen “Homeland”, “Happy Endings”, die zweite Staffel “Girls” und “Avatar: The Legend of Korra”, vielleicht “Community”. Eine Watchlist für Filme habe ich bei imdb angelegt.

Ich mag Alltags-Serien, Seifenopern, Domestic Fiction: Die Kleinstadt-Schmonzette “One Tree Hill” (Clip öffnen!) machte mich 9 Staffeln lang recht glücklich. Im Herbst 2012 hatte “Verbotene Liebe” eine überraschend gute Alzheimer-Storyline. Ich schreibe recht viel über US-TV. Aber ich begeistere mich nur selten.

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Hast du einen Lieblings-Podcast?

Ich mag lit.radio, vor allem die “Für immer in Honig”-Lesung von Dietmar Dath und (großartige Stimme:) Andreas Platthaus – aber lese, im Zweifelsfall, lieber selbst.

Das fröhliche / manische Geplapper von Youtube-Entertainment-Vlogger Michael Buckley macht mir gute Laune. Iris Radisch wird besser und besser. Und viele Gaming-Freunde haben Auftritte beim breakfast @ manuspielt-Podcast von Manuel Fritsch.

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Wie haben sich deine Lesegewohnheiten in den letzten Jahren geändert?

Vor zehn Jahren war ich 19, wollte TV-Autor und Filmkritiker werden, las Filmzeitschriften und sah… Filme. Erst seit ca. 2004 sind Bücher wichtiger für mich:

Wer liest (noch) Literatur? Krankt, schwächelt Journalismus? Für wen erzählen Autoren? Für wen gestalten, vermarkten Verlage? Empfehlungen, Social Reading, Schwarmintelligenz, Leaks, Demokratisierung, Propaganda…

Jedes Buch, jeder Artikel 2013 erzählt (mit), wo Bücher, Literatur, Journalismus und PR stehen (wollen), heute. Das ist die große, kulturelle Geschichte, die wir uns gegenseitig erzählen, neu verhandeln: Wie haben sich meine Lesegewohnheiten verändert? Ich lese, beim Lesen, diese Geschichte (mit). Und denke sie – unfassbar gerne – weiter:

Artikel über “das Ende des Journalismus”? Uff.

Artikel über “die Zukunft des Lesens”? Mehr! Weiter! Wir stehen am Anfang.

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Irgendetwas, das ich vergesse habe, du aber trotzdem gerne liest?

Ich lese oft Mangas mit meiner elfjährigen Patentochter: aktuell “Yotsuba&!” und “Honey and Clover”. Bei Goodreads führe ich einen Zweit-Account für Bücher, die ich bald lesen will. Letzten Monat war ich erstmals Juror bei einem Literaturpreis (gerne wieder!). Vorlesen macht Spaß – und Gespräche mit Autoren:

Wenn ich groß bin, stehle ich den Job von Denis Scheck. Oder von Oprah.

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Stefan Mesch, geboren 1983 in Sinsheim (Baden), schreibt für ZEIT Online und den Berliner Tagesspiegel. Sein erster Roman, “Zimmer voller Freunde”, wird 2014 fertig.

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Mehr lesen: http://www.christoph-koch.net/2013/02/25/stefan-mesch-medienmenue-folge41/#ixzz2MERkLyhM

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Blog-Tipps und Empfehlungen, via Christoph Koch, auch HIER (Link)

Best Books of the Year: My personal Top 20

2012 Juli Frantje-Haus Selfpic.

(After a popular list last year [Link]…)

…here are the 20 very best books I’ve read in 2012:

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20: JASON SHIGA, “Bookhunter”, Graphic Novel, 2007.
Bookhunter

19: GAYLE FORMAN: “If I stay”, Young Adult Novel, 2009.
If I Stay (If I Stay, #1)

18: DAVID MARKSON: “The Last Novel”, (postmodern) Novel / Lists / Trivia Collection, 2007.
The Last Novel

17: SHARON M. DRAPER: “Out of my Mind”, Young Adult Novel, 2010.
Out of My Mind

16: OCTAVIA BUTLER: “Kindred”, (Fantasy) Novel, 1971.
Kindred

15: JOHAN HARSTAD: “Buzz Aldrin, what happened to you in all the Confusion?”, Novel (Norway), 2005.
Buzz Aldrin, What Happened to You in All the Confusion?

14: KRISTEN D. RANDLE: “The only Alien on the Planet”, Young Adult Novel, 1995.
The Only Alien on the Planet

13: DANIELA KRIEN: “Irgendwann werden wir uns alles erzählen”, Novel (German), 2011.
Irgendwann werden wir uns alles erzählen

12: TENNESSEE WILLIAMS: “A Streetcar named Desire”, Play, 1947. […alternative / runner-up: HENRIK IBSEN: “A Doll’s House”, Play (Norway), 1879.]
A Streetcar Named Desire and A Doll's House

11: ARNO GEIGER: “Der alte König in seinem Exil” (Austrian) Alzheimer Memoir, 2011.
Der alte König in seinem Exil

10: SARAH LEAVITT: “Tangles. A Story about Alzheimer’s, my Mother and me”, Graphic Novel, 2010.
Tangles : a story about Alzheimer's, my mother, and me

09: ARNE BELLSTORF: “Baby’s in Black”, Graphic Novel (German), 2010.
Baby's in Black: Astrid Kirchherr, Stuart Sutcliffe, and The Beatles in Hamburg

08: SCOTT SNYDER: “Batman: The Court of Owls”, Graphic Novel (and good start for new “Batman” readers):
Batman, Vol. 1: The Court of Owls

07: STEWART O’NAN: “The Odds. A Love Story”, Novel, 2012.
The Odds: A Love Story

06: JOACHIM HELFER, RASHID al-DAIF: “Die Verschwulung der Welt”, Essay (German / Persian), 2006.
Die Verschwulung der Welt.

05: ALEXIS M. SMITH: “Glaciers”, Novel, 2012.
Glaciers

04: JOE HILL: “Locke & Key” series, Graphic Novels, 2008 to 2013.
Locke and Key, Vol. 1: Welcome to Lovecraft

03: MARLEN HAUSHOFER: “The Wall / Die Wand”, Austian novel, 1962.
Die Wand

02: GERBRAND BAKKER: “The Detour / Der Umweg”, Dutch novel, 2010.
Der Umweg

01: RUTH KLÜGER: “Still alive. A Holocaust Girlhood remembered”, Memoir / Essay, 1992.
Weiter leben. Eine Jugend.

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For a complete list of books I’ve read in 2012, please go here [Link].

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In comics, I’ve also enjoyed Guy Delisle’s travelogues / non-fiction graphic novels “Burma Chronicles” [Link], “Pyongyang” [Link] and “Jerusalem” [Link], the “New 52” DC comic books featuring “Wonder Woman” [Link], “Green Lantern” [Link], “Swamp Thing” [Link] and the “Birds of Prey” [Link] – and large parts of Naoki Urasawa’s “Pluto” [Link]

…and “Honey & Clover” [Link], a “Scott Pilgrim”-like, bittersweet / comedic coming-of-age manga series about five friends at an art school.

Here’s a collage of my notable graphic novel discoveries in 2012:

Wordpress Graphic Novels Best-of 2012.

Have a good 2013! More to come!

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Related Posts:

and:

Geoff Dyer: Sex in Venedig, Tod in Varanasi

Geoff Dyer: “Jeff in Venice / Death in Varanasi. A Diptych.”
Canongate Books, 2009.

Original: englischsprachig
Roman, 296 Seiten.

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Der folgende Text ist von 2008:

Ein schnelles, sachliches Gutachten zu Geoff Dyers “Sex in Venedig, Tod in Varanasi”. Keine Rezension, kein akademisches Essay. Sondern ein nüchterner, kurzer… Gebrauchstext.

Achtung: Spoiler! / Details zum Ende des Buches.

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Autor & Themen: Geoff Dyer, geboren 1958, lebt als Essayist, Reiseschriftsteller und Journalist in London und hat seit 1985 neun Bücher veröffentlicht – zumeist essayistische Arbeiten, u.a. Monografien über D.H. Lawrence und John Berger.

Wichtig: Der Kritikerliebling „But Beautiful“ [Prosastücke über Jazz, 1991], der Roman „Paris, Trance“ [1998] und die Reisereportagensammlung „Reisen, um nicht anzukommen“ [2003]. Alle drei Titel sind auch auf Deutsch erschienen (Hardcover bei Argon, später Taschenbücher bei S. Fischer).

Dyers (vor)letztes Buch, „Yoga for People who can’t be bothered to do it“, ist noch nicht in Deutschland angekündigt. Im Moment [2008] arbeitet er an einem längeren Essay darüber, „im Laufe seines 50. Lebensjahres ein so guter Tennisspieler wie (jetzt noch) möglich zu werden.“

Ausführliche Sammlung von Pressestimmen und Links:

http://www.complete-review.com/authors/dyerg.htm

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In einem Satz: Tourist sein und Fremder in einer morbiden, schwül-feuchten Stadt:

In zwei sommerlichen Prosastücken lässt Geoff Dyer zwei literarische Alter Egos durch Städte flanieren, überraschend ähnlich: Venedig (die Biennale, der Luxus, Liebeleien; das Älterwerden) und Varanasi (Totenverbrennungen am Ganges, die Armut, Spiritualität; das Loslassen).

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Konzept: Tatsächlich. Das Buch ist ein klar getrenntes Diptychon: Der erste Teil, „Jeff in Venice“ schildert – in der dritten Person und munter Seitenhiebe austeilend gegen die Kunst- und Presseszene – die Biennale 2003 aus Sicht des inkompetenten und latent schmierigen britischen Journalisten Jeff Atman (Mitte 40, hat er sich grade zum allerersten Mal die Haare getönt).

Jeff interviewt eine kratzbürstige Künstlerin, schmuggelt sich auf alle wichtigen Partys, nimmt Drogen. Und hofft darauf, Zufallsbekanntschaft Laura noch einmal zu begegnen, eine schlagfertige Galeristin aus Amerika.

Nach 220 Seiten – Jeff hat Laura noch mehrmals getroffen. Sie hatten schmutzigen Sex. Gute Gespräche. Mehr schmutzigen Sex. Drogen. Und eine lose Verabredung, sich irgendwann wieder zu treffen, in einer anderen Stadt, mal sehen… – folgt ein zweiter, komplett unabhängiger Langtext:

„Death in Varanasi“ zeigt – als Ich-Erzählung und mit einem journalistischeren, weniger narrativen Blick – die indische Stadt Varanasi (ehemals Benares) während mehrerer Monate im Jahr 2004, betrachtet durch die Augen eines britischen Reise- und Kunstjournalisten (der aber, allen Indizien nach, NICHT deckungsgleich ist mit der der Jeff-Figur aus dem ersten Teil). Fasziniert, verstört und immer wieder deutlich angeekelt, lässt sich der Erzähler wochenlang treiben. Und wird schließlich (fast) zu einer Art Hindu/Hippie/Penner-Guru.

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Verlauf „Jeff in Venice“: Ein Mann färbt sich die Haare. Fährt nach Venedig. Verliebt sich in eine deutlich jüngere Person. Ist fiebrig und berauscht. Und streift durch die Gassen, sucht nach ihr: „Jeff in Venice“ spielt mit Thomas-Mann-Motiven. Ganz ungezwungen; ohne gesuchte Gravitas, künstliche Schwere.

Taugenichts Jeff ergaunert sich eine Akkreditierung für die Biennale, steigt in den Billigflieger, kaum Lust auf seinen Interviewtermin mit Julia Berman, der Muse und Verflossenen eines toten 70er-Jahre-Künstlers (Typ: Jane Birkin). Am Mittwoch kommt Jeff an. Donnerstag Abend trifft er Laura, 31, Galeristin aus San Francisco. Eine starke, intelligente Frauenfigur, aber mit ersten Fluchttendenzen (Alaska? Oder Varanasi, diese Stadt in Indien? Laura lamentiert, dass irgendetwas fehlt in ihrem Leben. Jeff kennt das Gefühl.)

Jeff und Laura führen ein gutgelaunt-melancholisches Gespräch über das Älterwerden, doch Laura verabschiedet sich, ohne, ihm ihre Adresse zu nennen. Er verbringt das lange Wochenende in Venedig mit Ausstellungsbesuchen (Dyer baut Cameo-Auftritte vieler bekannter Fotografen und Künstler in den Text). Er streift durch Venedig mit der Sachlichkeit und dem „ruhigen“ Blick eines Dritt- oder Viert-Besuchers (kein übertriebenes Staunen, kein allzu großes Pathos).

Er interviewt Berman (die ihm einen Joint anbietet und dann ein flapsig-gutgelauntes Gespräch über das Älterwerden startet). Am Biennale-Freitagabend trifft er endlich, endlich auch Laura wieder. Hat tollen, gutgelaunt-entspannten Oralsex mit ihr. Und ein Frühstück. Funken fliegen, Jeff ist hin und weg.

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Großmäulig, faul, frech und mit der eigenen Richtungslosigkeit kokettierend: Jeff ist eine Romanfigur, wie sie (in anderen Büchern) gerne, zum Ende hin (ganz wie z.B. Aschenbach bei Thomas Mann) gehörig demontiert wird. Laura und Jeff besuchen (oh je!) eine Privatparty auf einer Jacht. Schnupfen Kokain (das geht nicht gut aus!). Haben noch mehr Oralsex. Sie will, dass er sie fickt. Er nimmt sie erstmal von hinten, mit der Zunge. Dazu gibt’s Kokain. [Nicht allzu drastisch erzählt, das alles, doch mit dezent morbider Unterströmung: Eine Zufallsbekanntschaft, die tut, als gäbe es kein Morgen. Da wartet der Leser nur noch auf eines: den Morgen. Die Rechnung. Den Hammerschlag.]

Aber – wie schön: der Hammerschlag bleibt aus. Ohne dickes Ende, nur einen Tick melancholisch, blendet Dyer ab, nachdem Jeff sich von Laura (am Sonntagnachmittag) verabschiedet. Jeff, der in der Mittagshitze am Wasser steht. Sich das Hemd auszieht. Ein wenig schwermütig den Kopf in den Nacken legt und hoch schaut, in den Himmel, auf einen Kondensstreifen und wie er langsam, langsam in alle Richtungen zerstäubt.

Ein entspanntes Ende einer entspannten kleinen Erzählung/Novelle.

Ernsthaft: Wie schön!

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Screenshot: http://www.dumont-buchverlag.de/buch/Geoff_Dyer_Sex_in_Venedig,_Tod_in_Varanasi/11414

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Verlauf „Death in Varanasi“: Ein Ich-Erzähler, der als Reiseschriftsteller arbeitet, und – eher missmutig – nach Varanasi an den Ganges reist, die Stadt, die Laura schon in „Jeff in Venice“ als guten Platz zum Aussteigen und Untertauchen erwähnte:

Geoff Dyer spielt mit Leseerwartungen, lässt lange offen: Ist dieser neue, namenlose Ich-Erzähler Jeff, Protagonist aus Teil 1? Ist er hier, um Laura zu treffen? Und diesen neuen Tonfall, die Ich-Perspektive, nutzt für alles, was jetzt kommen mag? Das ZWEITE Treffen? Der Punkt, an dem es ernst wird zwischen den beiden?

Dyer beschreibt die Feuerbestattungen, den Straßenverkehr, die grellbunten Tempel, die Bettler. Dyer baut – aus ganz erwartbaren Indien-Beobachtungen, entlang dem gängigen Indien-Bild – eine stinkende, morbide Millionenstadt. Ehemals journalistische Texte, neu montiert zur Rollenprosa:

Vor dem Roman gab es eine “Varanasi”-Reportage, die Dyer für den Guardian schrieb. Dyer war, genau wie sein namenloser Erzähler, monatelang in der Stadt. Die Geografie, die Hotels und die Begebenheiten sind real. Und der fertige Roman(teil) „Death in Varanasi“ könnte noch immer gut als literarischer Reisebericht etikettiert werden.

Die ursprüngliche Reportage unter: http://www.guardian.co.uk/travel/2006/mar/26/india.travelbooks.observerescapesection

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Vielleicht wäre diese Etikettierung, „Reportage“, recht sinnvoll: Nur kurz taucht (hier, im „Varanasi“-Teil) ein wirrer Mann auf, der früher Journalist war und jetzt die Straßen nach einer Frau durchsucht, die er hier treffen wollte. Doch diese Frau kam nie. Jetzt ist er Bettler.

Diese Szene, im hinteren Drittel des „Varanasi“-Teils, ist bloßes Augenzwinkern – keine ernst gemeinte „Auflösung“: „Death in Varanasi“ ist keine Fortsetzung der Jeff-und-Laura-Handlung, sondern eine 175 Seiten lange Aneinanderreihung von Reflektionen über die Stadt. Lebensraum als Erweiterung des Selbst’. Mythologie als Kultur, die sich selbst erzählt. Sterblichkeit, Selbstüberwindung, Rucksacktouristen, Identitität: mild philosophisch. Arg handlungsarm.

„Romanhaft“ wird Dyers’ Reise-Plauder-Tagebuch erst gegen Ende, als der Erzähler unverhofft ins Religiöse („Steppenwolf“-Weltschmerz, Sinnsuche… keine konkrete, handfeste Religion!) abgleitet, Sari und Fusselbart inklusive, auf den letzten vierzig, fünfzig Seiten des Buches. Doch das bleibt Versuch, Spielerei: Eine straffe Dramaturgie fehlt hier. Es geht um Meditationen. Kleine Notate über Alter, Tod, Identität und Kultur.

„It was a good picture and a quite ordinary one“ …fasst Dyer diesen Blick auf Varanasi zussammen, und damit auch die Poetik des Buches: Fallhöhen. Fabulierkunst. Gravitas. Gründlichkeit? Nicht hier. Darum geht es nicht.

„Aus der Welt des Fußballs“, schrieb die NZZ einmal über Max Goldts Kolumnen, „wissen wir, dass es viel schwieriger ist, einen Ball lässig ins Tor zu schlenzen, als ihn mit aller Gewalt hineinzudonnern. Max Goldt hat sich ganz aufs Schlenzen verlegt.“

Ich weiß nicht, woher diese Traditionslinie stammt (auch: Kracauer, Bruce Chatwin, die Reisereportagen Christian Kachts). Aber es macht Dyer spürbar Spaß, ihr zu folgen: Es geht ums Schlenzen. Essays, ganz altmodisch, als Versuche.

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Motive und Besonderheiten / Stil: Venedig und Varanasi haben genug Substanz/Vertrautheit/kulturelle Belegungen, um Dyers Text für Leser relevant zu halten. Ein warmer, intelligenter Blick. Flanerie, geschickt vorbei an den gröberen Klischees des Reisejournalismus, „das pulsierende Herz von…“, „eine Stadt voller Gegensätze…“ usw.

Zwar schreibt auch Dyer manchmal über Äffchen, die Sonnenbrillen klauen. Und das in einer Sprache, die keine großen Sprünge macht. Aber Charme / Überraschungen / Ironie überwiegen:

„Everyone was waving. We were drowning in a sea of waves.“

Ein ganz alltäglicher Tonfall. Chatwin. Paul Theroux. Michael Palins Dokumentationen für die BBC. Die autobiografischen Sachen von Lily Brett. Und aber auch, im (ja: „perlenden“!!) Geplauder zwischen Jeff und Laura, „Before Sunset“. Steadicamfahrten durch die Stadt, zwei Schauspieler, die ihre Dialoge halb improvisieren.

 

Geoff Dyer kriegt es fertig, fünf, zehn Seiten zu füllen ohne EINEN einzigen besonders originellen Gedanken. Aber – und deshalb könnte das Buch auf Deutsch gut funktionieren, als gediegenes, elegantes Hardcover, ohne, eine Mogelpackung zu sein; und müsste nicht als x-beliebiges S.-Fischer-Taschenbuch aufs „Leichtes für den Sommer“-Tischchen…:

Geoff Dyer ist ein guter Leser-Führer, Dramaturg, ein gutgelaunter, sehr literarischer Guide: Er täuscht an. Und setzt dann, in virtuose geistigen Drehern, sehr überraschende, philophische denouèments.

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„One morning I saw the dolphins which were rumored to live in the river. Two of them, black and sleek in their wet suits, surfacing and diving and with long smiles. It seemed hard to believe that they really existed but the fact that they did tells you something, about dolphins and the Ganges and existence generally. It tells you that there are dolphins in the Ganges and if there are dolphins here then there can be other creatures too, otters, for example, and not just here, but in other rivers also, and not just in rivers either.”

Tolle Sache!

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Schwierigkeiten: Die Etikettierung ist ein Problem. Ein viel zu umständlicher Originaltitel, ein latent prätenziöses Grundkonzept… [als „Wendebuch“ zum Beispiel, mit zwei gleichwertigen Covern, einmal Venedig, einmal Varanasi, wäre viel klarer, dass hier etwas Leichtes erwartet werden darf, ein Spiel. Kein Puzzle, bei dem es gilt, Verbindungen zu finden zwischen den Städten, den Menschen. Und auch nichts, das auf eine Pointe/Auflösung/Geschlossenheit hinausläuft.]

„Venice/Vanasi“ würde sehr gut zum Duktus und der ironischen Haltung des SZ-Magazins passen. Oder (wobei ich die nur vom Blättern her kenne, keine Ahnung, wie sehr das in Tiefe geht!) den literarischen Reiseführern von Dumont, „Gebrauchsanweisung für…“. [Wie gesagt: Ich schrieb das 2008. Dass sich heute tatsächlich DuMont entschloss, das Buch nach Deutschland zu holen, freut mich sehr!]

Dyers Buch ist charmant und slick, intelligent. Und wird, glaube ich, in den Feuilletons gut aufgenommen: Farbenfroh. Eingängig geschrieben. Leicht vermarktbar. Gut zu verschenken. Nur muss – ganz wichtig – VÖLLIG klar sein, was drinnen steckt: Geplauder. Flanerie. Im „Varansi“-Teil, gegen Ende hin, auch etliche Verquastheiten. Dem Leser muss, durch die Gestaltung, plausibel sein, dass dieses Spielerische, Leichte, zur Qualität und Poetik des Buches gehört.

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Wertung: „Jeff in Venice / Death in Varanasi“ ist kein Buch, das man lesen MUSS. Jeff Dyer knüpft (trotz allem Grübeln, Altern, Rumphilosophieren in beiden Teilen des Romans) keine sehr dringliche, existenzielle Erfahrung an die beiden Schauplätze. Das Buch ist ungezwungen. Und deshalb auch: nicht ZWINGEND.

Mir fehlt also, so angetan ich bin: eine unbedingte, flammende Begeisterung. Ich sehe nichts, um dessentwillen dieses Buch auf Deutsch veröffentlicht werden MUSS. Heidenreich würde es „pfiffig“ finden. Ein gutes Konzept. Ein gutes Segment. Eine tolle Sache. Kein Muss.

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