Literaturfestival

PROSANOVA – Festival für junge Literatur: Hildesheim, 2020. Q&A.

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Junge deutschsprachige Prosa, Lyrik, Dramatik.

Performance & Diskurs.

Workshops, Installationen, Partys, Kunst, Konzerte.

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Seit 2005 feiert Hildesheim das PROSANOVA-Festival: Alle drei Jahre, organisiert von (jeweils neuen) studentischen Teams, bisher immer vier Tage lang im Mai oder Juni. Ich war Student & Praktikant bei PN 2005, Mitglied der sechsköpfigen Künstlerischen Leitung bei PN 2008. 2011, 2014 und 2017 bloggte ich von den Festivals.

Für 2020 stellte mir das kommende PROSANOVA-Team vier Fragen:

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Was war das Seltsamste, das im PROSANOVA-Zusammenhang zu dir gesagt wurde?

2008 war ich verantwortlich, Möbel, Stühle, Sofas, Baumaterialen etc. zu organisieren – für das Festivalgelände (08: eine leerstehende Gummifabrik) und für eine Autor*innen-Villa, die wir drei Monate vorher für ein langes Wochenende ausstatteten. Wir waren viel in Stadt und Landkreis unterwegs, suchten nach Gratis-Sofas bei Haushaltsauflösungen und eBay – und ich war froh, dass mir mein Vater einen alten Ducato lieh. Er macht Messtechnik/Telemetrie für Renn- und Motorsport, und auf dem Kleintransporter stand der Slogan „Wir machen die Physik sichtbar“.

Nach über einem Jahr Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Werbung, Uni-Seminaren, Flyern usw. sagte der Mitbewohner eines Teammitglieds – jemand, den wir als z.B. Festivalbesucher erreichen wollten: „Wann genau ist jetzt euer PHYSIKFestival?“

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Was war dein persönliches Highlight bei PN?

2005: Lesungen & Panels (und: zuvor die Bücher) von Terézia Mora, Tilman Rammstedt und Kevin Vennemann. Und: eigene Texte vorlesen, ca. drei Stunden am Stück, bei „Insellesungen“ in einer Kleingartenkolonie.

2008: Lyrik von Dagmara Kraus und Andre Rudolph. Favoriten wie Jagoda Marinic, Kristof Magnusson, Ann Cotten einladen dürfen. Dass Christian Kracht zusagte. Marlen Pelnys Konzert. Aufs begleitende Buch „treffen – Poetiken der Gegenwart“ bin ich sehr stolz. Und, dass meine Schwester, damals 15, die Pfingstferien bei mir verbrachte und zwei Wochen im Team bei allen Vorbereitungen half.

2011: Hans Unsterns Konzert (obwohl ich sonst fast nie deutschsprachige Musik höre). Ivana Rohrs Installation „Nichts bleibt, Baby“. Die aufwändige Sonderausgabe von BELLA triste, Heft 30. (…den Auftritt von Elke Erb, der *sehr gut* ankam, verpasste ich.)

2014: Dass meine Mutter und meine Schwester das Festival besuchten. Dietmar Dath und Comiczeichnerin Aisha Franz. Lyrik von Malte Abraham. Und ein Show-Format, in dem Annika Reich, Jan Brandt & Jo Lendle Texte via Fußnoten/lyricgenius kommentierten.

2017: Ein Workshop mit Lann Hornscheid, eine Performance von Johanna Maxl, Olivia Wenzels szenische Lesung „Keine Angst, mein Herz“. Kristin Höller, Bettina Wilpert. Mithu Sanyal, Dramaturgin Daniela Plügge, Anke Stelling. Und: die begleitende Debatte über Sexismus an Schreibschulen.

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Was war das Absurdeste/Schrägste/Schlimmste?

Als jemand, der v.a. schreiben, empfehlen, kritisieren, moderieren, dokumentieren will, fast anderthalb Jahre lang weitgehend unbezahlt & selbstausbeuterisch… vor allem Poster falten, Büchersendungen frankieren, excel-Tabellen führen.

Jede Programmentscheidung zu sechst fällen, oft in einer bieder-defensiven „Was tat das Team 2005? Wir dürfen uns nicht lächerlich machen, indem wir unseriöser wirken!“-Haltung.

Studiengebühren etc. für eine „Schreibschule“ zahlen und dabei wissen: für MEIN Schreiben bleibt über Monate keine Zeit, keine Kraft. Und: ein schlechtes Gewissen zu haben, wie viel unbezahlte Arbeit, Engagement, Opfer unser ca. 60köpfiges studentisches Team brachte. Ich war begeistert von jeder Hilfe, Idee und Spende – doch möchte mich bitte nie wieder in einer solchen Bittsteller-/Ausbeuter-/Animateur-Rolle finden: PN 2017 hat solche „Welche Menschen putzen Klos, und welche Menschen sitzen auf Bühnen und werden beklatscht?“-Verhältnisse deutlich besser & fairer balanciert.

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Wie liest man* diese ganzen Bücher? Wie hast du entschieden, ob ein Text gut ist oder nicht?

Von 2006 bis 2008 Grund, Vorwand, Anlass zu haben, so viel junge deutschsprachige Literatur wie möglich zu lesen (und: im begleitenden Uni-Seminar zu lehren, zu vermitteln) war mir das Schönste an der Arbeit fürs Festival: keine Klagen!

Bei PROSANOVA (und der Zeitschrift BELLA triste) punkten Autor*innen, bei denen genauso wichtig und interessant ist, WIE etwas erzählt wird wie, WAS erzählt wird: Formen, Experimente, Spracharbeit – und, bitte: präzise Milieus, Welthaltigkeit, Haltungen.

Beim Zappen oder beim Ansehen eines Filmtrailers trauen sich Leute meist, nach ein, zwei Szenen zu entscheiden: „Das will ich sehen“ oder „Ist nichts für mich“.

Wer mit Sprache arbeitet, kann lernen, beim Blick auf TEXT so wach zu reagieren wie andere beim Blick auf Film: Traut euch, Bücher wegzulegen! Lest alles an! Lasst euch .pdfs schicken, besonders von kleineren Verlagen, Projekten, Debütant*innen. (Wichtig: Anlesen zeigt meist nur, wie klar, originell etwas formuliert ist. Um zu wissen, ob es ebenso gut ERZÄHLT ist, muss man komplett lesen.)

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PROSANOVA – Festival für junge Literatur [Essay von mir]

Prosanova 2017, Originalfoto P Olfermann

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Seit 2005 feiert Hildesheim alle drei Jahre PROSANOVA – das Festival für junge deutschsprachige Literatur. Ich studierte von 2003 bis 2008 Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus und war an beiden ersten Festivals beteiligt: Als Praktikant und Mitarbeiter der Festivalzeitung 2005, und als Mitglied der sechsköpfigen Künstlerischen Leitung 2008. PROSANOVA 2008 fraß über ein Jahr meines Lebens. Mir war klar: Zu den Festivals 2011 (Blogposts von mir), 2014 (Blogposts von mir) und 2017 (Blogpost von mir) muss ich zurück in die Stadt.

Zu jedem PROSANOVA gibt es Dokumentationen, Film-, Foto-, Presse-, Journalismus-, Blog- und Buchprojekte. Oft erscheinen längere Texte in der Hildesheimer Edition Paechterhaus – und hin und wieder werde ich gefragt, ob ich einen Text oder ein Vorwort beisteuern will, u.a. 2007 (Link) und 2012 (Link).

2017, für „PROSANOVA – ein Katalog“ (Link zum Gratis-eBook), schrieb ich folgendes Vorwort:

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Wir machen Lesungen im Dunkeln.

Oder legen 90 Neonröhren am Boden einer Reithalle aus – als »Lichtbrunnen«.

Wir laden zwölf Menschen auf die Bühne, 500 ins Publikum.

Oder fahren drei mit einer lesenden Autorin durch die Stadt.

Wir suchen Billardtische, Tischkicker, Spielautomaten, Topfpflanzen, Hütten wie beim Weihnachtsmarkt, Cityroller, Fahrräder, Kleintransporter, Schirmleuchten, mobile Küchen, Traversen, Gästezimmer, Diskokugeln, Industrieruinen, leere Ladengeschäfte, Bettwäsche, Spanplatten, Brandschutzvorhänge, Kammerorchester, Schubkarren, Strandkörbe, Europaletten, Einwegkameras, interessierte Schulklassen, Pressekontakte, Hotelrabatte, Förderung durch Stiftungen und Fonds, Schuhkartons, Guacamole-Rezepte, Video- und Filmteams, Sektflöten, alten Gratis-Messeteppich, Schauspieler°innen, Straßenmalkreide.

Falls Energie bleibt, suchen wir frische, kantige Texte – von jungen Stimmen.

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Wir können einladen, was uns fehlt. Wen wir bewundern. Wir holen Profis in die Stadt, die bereits sind, wohin wir streben. Wir teilen Zu- und Absagen, Manuskripte, Lebensläufe, Besetzungslisten … und merken, wie viel wir noch nicht kennen: Wir finden großartige Menschen. Oft erst als vierte Wahl, in letzter Minute.

»In dieser Schule wird getrunken, gefeiert und gevögelt werden. Die unsportlichen Bücherwürmer von früher haben sich zu Organisatoren der Maßlosigkeit entpuppt. Es geht darum, Jungautoren so sehr abzufüllen, dass man ihnen die Haare beim Kotzen halten wird«, schreibt Ronja von Rönne über PROSANOVA 2014.

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Wir machen intime, parallele Lesungen in den Lauben einer Gartenkolonie, 2005. Als Sommerpicknick am Hang einer alten Villa, 2008. Im feuchten, hohen Gras einer Ex-Kaserne, 2011. Unter Sonnenschirmen, auf Tribünen über dem Schulhof, 2014. Oder auf dem ALDI-Parkplatz, heute.

Wir sagen: PROSANOVA ist grün und blumig – 2005. Oder silbern, gelb – 2008. Wir sprayen Tiersilhouetten, montiert aus P, R, O, S, A, N, V mit Leuchtfarbe an Hallenwände – 2011. Wir werden neonpink 2014 oder schwarz und grau, mit strengen Versalien – jetzt.

Wir geben BELLA triste heraus und drucken die junge BELLA auf jedes Cover. Wir malen, pausen, streuen die Kunstfigur übers ganze Festivalgelände. Oder wir feuern die Zeichnerin? Schreiben uns fortan »bella triste«! Und sind jetzt seriös, erwachsen – und ohne Frau als Logo, öffentliches Gesicht.

Wir diskutieren jeden Schritt zu fünft bis sechst, als Künstlerische Leitung. Wir opfern sechs, zwölf, achtzehn Monate für vier Tage Festival. Wir haben Angst vor jeder Weichenstellung – und jeder Kritik von außen. Wir merken jeden Tag, was wir nicht können. Wir werden Freund°innen. Gegner°innen. Familie. Oder Leute, die sich nie mehr sehen wollen.

»Fünf Leute treffen sich und bauen eine Bombe«, beschreibt Martin Kordić unsere Zeit 2008.

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Für PROSANOVA denken wir als Wir.

Wir hassen, dass immer einer sagt: »Ach, IHR. Tja. Hildesheim.«

Wir sagen Eisenhalle. Paschenhalle. Panzerhalle.

Wir sagen Kegelcenter, Mensa, Möbel Schwetje, Alter Markt. Wir teilen Jargon, Milieu, nehmen uns Erfahrungswerte, Excel-Tabellen, Templates eines Teams, drei Jahre alt – und zünden daraus unser eigenes Ideal. Die Utopie, die wir uns wünschen!

»Dieses Mal dauert die Suche nach dem Festivalzentrum besonders lang. Die Luft ist raus. Alles wirkt aufgesetzt, eitel, erzwungen.« Wir hören das jedes Mal, kurz vor Start: »Wer weiß, ob in drei Jahren überhaupt noch Masochisten, Selbstausbeuter, Dumme eine nächste Runde stemmen wollen!«

»Wir versuchen, Plastik zu vermeiden. Strohhalme sind bei uns aus Stroh und kompostierbar, das Catering bio und vegan, und 90% unserer Ausstattung fanden wir in eBay-Kleinanzeigen oder auf dem Sperrmüll. Nachhaltig sind wir trotzdem nicht, denn ›Nachhaltigkeit‹ und ›Festival‹ sind zwei entgegengesetzte Pole. Die Frage kann man sich schon stellen: Ist es noch zeitgemäß, ein Festival zu veranstalten?«, fragt Helene Bukowski im Suhrkamp-Blog, 2017.

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Wir leihen, kaufen oder erbetteln neun Chaiselongues, fünf Nierentische.

Wir können sicher sein, dass 50 Leute das verzückt fotografieren.

Der Tresen da – denken wir in jedem zweiten Ladenlokal – ist freudlos im Vergleich zu den vier Bars, die wir für 100 Euro zimmern, keine 80 Stunden nutzen, entsorgen. Wir haben massig Arbeitskraft, doch kaum Budget. Wir können anderthalb Semester in einem siebzigköpfigen Seminar jede Woche brainstormen, wie wir geheime Lautsprecher, aus denen Gedichte zwitschern, in Parks in Bäume montieren.

Wir lernen, dass Hilfe aus absurden Ecken kommt. Dass man nach allem fragen, bitten kann.

Dass oft der dreiste Ruf, die unverschämteste Anfrage erst Türen öffnet.

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Wir wollen Bandbreite, Diversity, Zumutungen, Avantgarde. Wir wollen Szenische Lesungen, Hörspiele, Lyrik, Workshops, Residencies, Performances und Rahmenprogramm. Wir haben bei allem Angst, elitär, hermetisch zu wirken. Oder dilettantisch, möchtegern. Wir wollen anders sein. Und dabei das Institut, die Presse, alle Förderer°innen und bisherige PN-Generationen nicht enttäuschen.

Wir wollen charmante Gastgeber°innen sein – doch allen alles beweisen.

»Als es noch keine Vasen gab, haben wir Bierflaschen vergoldet«, schreibt Juli Zucker über Kompromisse, 2014.

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»Hast du den Nackten gesehen, der hinten im Schutt Waldhorn spielt?«

»Am Lesungsende lief ein weißes Pferd raus auf die Wiese.«

Wir feiern junge Literatur – und alle lieben den Auftritt Elke Erbs, 73 Jahre alt, am meisten.

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Wir schreiben Schulfreund°innen und Eltern. »Falls du je Hildesheim besuchst: Bitte da!« Wir zeigen Fotos. Aber hören: »Alle kucken gleich. Was sind das für verhipsterte Kids?« Wir zeigen die selben Fotos älteren Leuten im Betrieb: »Das ist ein traumhaft junges Publikum!«

Wir feiern jeden, der Urlaubstage nimmt, Zimmer reserviert.

Unser Herz bricht, wenn wir hören, die Anfahrt aus Hannover sei zu weit.

Wir wissen, dass Sitzecken, blauer Himmel, laute Partys und drei Charismatiker°innen, die kurze Texte voller Pointen lesen, oft reichen. Wir wissen, dass bei grauem Himmel kommt: »Vor drei Jahren war mehr Atmosphäre!«

Oft hören wir vor allem vom Catering. Von Abstürzen, Koks und Resteficken. Vom Morgengrauen am Fluss.

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1993 gründet das Leipziger Schreibinstitut die Zeitschrift EDIT. Ab 2001 lernt Hildesheim daraus für BELLA triste. Die szenischen Studiengänge Hildesheims feiern alle drei Jahre das Transeuropa-Festival. 2005 lernt daraus die BELLA-Redaktion für PROSANOVA. Ein Festival mit Uni-Anschluss, so autonom wie möglich.

»Jeder ist eingeladen, aber nur ganz bestimmte Leute kommen dann auch«, sagt Hanns-Josef Ortheil 2014.

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…und jedes Mal seufzt irgendwer – trotz aller Versuche der Festivals, sich zu öffnen: »Heute habe ich Bäcker, Taxifahrer, Nachbarinnen und zehn Kinder allen Alters gefragt. Die haben kaum was gehört. Keiner weiß, was ihr hier macht. Vor ihrer Haustür!«

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Stefan Mesch war 2005 Praktikant, 2008 Mitglied der künstlerischen Leitung, 2011 erstmals seit drei Jahren zurück in Hildesheim, 2014 Podiumsgast … und begriff 2017: Es gibt kaum zehn Personen, die alle bisherigen PROSANOVAs sahen.

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ich; Prosanova 2005. Foto: Stephan Porombka

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Prosanova 2008

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Prosanova 2011. Foto: Jule D. Körber

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Prosanova 2014. ich erfuhr nie, wer das Foto machte.

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Prosanova 2017. Foto: P. Olfermann

Lohnt sich PROSANOVA – Festival für junge Literatur? [8. bis 11. Juni 2017, Hildesheim]

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8. bis 11. Juni 2017 | Hildesheim

über 60 Autor*innen & Künstler*innen

Infos & Tickets  |  Facebook  |  Wikipedia  |  Instagram

Zeitschrift BELLA triste  |  Studiengang Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus

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„Das studentische Team hat Wände gestrichen, Teppiche verlegt, Holzinseln gezimmert und Toiletten vergoldet.“

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„Der Schulranzen mit eingebauten Lautsprechern pumpt Beats in die fast fertige Cafébar.“

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„Lena und Martha sind gestern neun Stunden Transporter gefahren, um kostenlose Möbel von Hannover aufs Festivalgelände zu bringen.“

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„Auf dem Festivalgelände dürfen die Brennnesseln nicht vernichtet werden, weil für einige Schmetterlinge gerade Nistzeit herrscht.“

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„Es gibt noch nichts mit Glitzer. Es gibt was mit Hobelspänen und Sägen und Computern.“

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„Als es noch keine Vasen gab, haben wir Bierflaschen vergoldet.“

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„Nee, diese neuen, diese Schriftsteller oder wie sie sich nennen, die fangen immer Sätze an und beenden sie dann nicht. Und ich kann auch nichts damit anfangen. Da werden einem so Bruchstücke vorgeworfen und dann muss man gucken, wie es weiter geht.“ [beim Friseur um die Ecke]

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„Nachtschwärmer dösen in den Betten. Auf der Leinwand lesen virtuelle junge Leute.“

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„Lektoren, das sind einfach bessere Menschen. Bloß keinen Autor heiraten! Die sind wahlweise unglücklich, also von Selbstzweifeln zerfressen, oder im Höhenflug. Am Anfang denkste dir, das ist jetzt halt wegen dem Debüt, aber nee, das bleibt. Widerlich. Also: Hier laufen ja einige Lektoren rum. Ich muss los!“

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„Christina ist schon bevor sie das Diplom machte, mit ihrem Lebensgefährten an den Bodensee gezogen, um dort als Köchin in der Natur- und Wildnispädagogik zu arbeiten.“

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„All die kleinen Szenen, Begegnungen und Selbstdarstellungen des Publikums erinnern mich an Filme von Federico Fellini (1920-1993). Die ganze Kleidungsästhetik der Besucher ist später Fellini. Die Paletten sind Fellini, die alten Sofas, die ewige Sonne, die Gespräche, die Musik, das Herumstreunen und Herumschleichen – alles Fellini!“ [Autor Hanns-Josef Ortheil, 65; Gründer des Hildesheimer Studiengangs Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus]

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„Wir gehen durch, wir gehen ins Foyer, zur Veranstaltungstabelle, zum Kiosk, durch den Flur zur Mensa. Die Lesung hat noch nicht angefangen.“

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„Wir gehen raus auf den Schulhof. Wir gehen hoch, wir gehen in den Litroom. Wir gehen durch. Wir gehen auf den Schulhof. Diesmal andersrum. Wir gehen zur Mensa.“

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„2014 feiern wir PROSANOVA in einer leerstehenden Schule. In einer Schule, denke ich, ausgerechnet in einer Schule und schon denke ich Foucault, denke Überwachen und Strafen.“

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„Wir erfahren: in der Hauptschule am Alten Markt sind die ersten Mobbing-Videos Deutschlands entstanden.“

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„In dieser Schule wird getrunken, gefeiert und gevögelt werden. Die unsportlichen Bücherwürmer von früher haben sich zu Organisatoren der Maßlosigkeit entpuppt. […] Es geht darum, Jungautoren so sehr abzufüllen, dass man ihnen die Haare beim Kotzen halten wird.“

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„Marina und ich haben berechnet, dass wir ungefähr 10.000 Klopapierrollen bei Metro kaufen müssen, Marina will von allen Sachen 1000 kaufen, weil sie 1000 liebt.“

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„Wir arbeiten per Hotspot, weil der Techniker von der Telekom, der uns am Mittwoch das Internet bringen sollte, am Festivalgelände kein Klingelschild mit ‚BELLA triste‘ gefunden hat.“

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„Ich sehe zukünftigen Bachmannpreisträgern beim Aufbau einer Bühne zu.“

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„Auf wen oder was freust du dich am meisten?“ – „Tilman Rammstedt. Ich hoffe, ich darf ihn vom Bahnhof abholen.“

 

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„Ich nicke Thomas Klupp zu, ich grinse Helene Bukowski an, ich nicke Benjamin Quaderer zu, ich zwinkere Fiona Sironic zu, ich nicke Stefan Vidovic zu, ich grüße Florian Stern mit Handschlag, ich nicke ihm zu, ich lächle Katrin Zimmermann an, ich schlage mit Alina Rohrer ein, ich winke Fabian Hischmann zu, ich winke ab, ich schüttele den Kopf, ich lasse ihn hängen, ich nicke Ferdinand Schmalz zu.“

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„Auf einer der Holzbänke ist eine Frau ganz in einen E-Book-Reader versunken. Ich glaube, sie ist die erste Person, die ich auf PROSANOVA abseits der Bühnen lesen sehe.“

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„Dass so viele Ehemalige da sind, ist der beste Beweis dafür, dass die Hildesheimer Literatenschule keine bloße Schule ist. Sie ist eine Atmosphäre, eine biografische Heimat, eine Zeit- und Raum-Insel von großer Schönheit.“ [Ortheil]

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„Kai sagt, die alte Intimität sei wieder da, die Intimität von PROSANOVA 2005. Lagerfeuer, dicht zusammen sitzen, horchen und flüstern“

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Komme ich mit dem, was hier geboten wird, irgendwie zurecht oder weiter?, fragen sich die Alumni. „Einige genießen auch die Nostalgie der Rückkehr. Für sie ist Hildesheim jetzt eine leicht berührende Erinnerungsarbeit.“ [Ortheil]

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„Seit über zehn Jahren sind Paul Brodowsky, Thomas Klupp und Claudius Nießen der Schreibschule treu. Thomas umschifft elegant die unangenehmen Themen (Kesslerdebatte, Konkurrenzdruck, Vetternwirtschaft), er strahlt ins Publikum: Schreibschule, das sind warme, vereinende Strahlen der Liebe.“

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„Weil doch derzeit nichts Schwachsinnigeres und Dümmeres in unseren Feuilletons grassiert als die Schreibschulverdammnis: Unrecherchiert. Phrasenhaft. Reiner Feuilletonmüll. Und leider stimmt auch in der Polemik unseres geliebten Flo Kessler, den Hildesheim aufgezogen, genährt und gepäppelt hat (bis es ihm zuviel werden musste und er das Zuviel ausgekotzt hat) kaum etwas.“ [Ortheil]

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„Leif Randt liest von einem Planeten und der Universität dort, und lässt wie gewohnt alles in der Schwebe“

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„Jeder ist eingeladen, aber nur ganz bestimmte Leute kommen dann auch.“ [Ortheil]

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„Christian Kracht kommt dieses Mal nicht zu PROSANOVA, weil er in Afrika wohnt“

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„Talent ist Verpflichtung.“ [Ortheil]

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Seit 2005 findet PROSANOVA alle drei Jahre statt:

2005 war ich Student und Praktikant, 2008 Mitglied der Künstlerischen Leitung, 2011 zum ersten Mal seit drei Jahren als Besucher zurück in der Stadt, 2014 moderierte ich ein Gespräch mit Kathrin Passig.

Auch 2017 bin ich da, und schreibe/blogge u.a. für die Festival-Dokumentation.

Nach jedem PROSANOVA-Festival erscheint ein Buch mit Snapshots, Szenen, Poetik- und Journalismus-Texten. Alle obigen Zitate sind nicht von mir, sondern von Imke Bachmann, Ronja von Rönne, Florian Stern, Michael Wolf und Juli Zucker, erschienen in „Prosanova 4. Ein Kommentar“, herausgegeben von Florian Stern und Hanns-Josef Ortheil, Edition Paechterhaus, 2015. Hier bestellen.

Leseprobe: Link

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Video von mir, zur Arbeit an PROSANOVA 2008:

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Queer Young Adult Literature, 2016: Raziel Reid

Raziel Reid

Raziel Reid

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Raziel Reid is a Canadian novelist and journalist living in Vancouver – and he both spoke and read at the 2016 “Empfindlichkeiten” Literature Festival in Berlin.

His young adult novel „When everything feels like the movies“ (2014) was awarded the 2014 Governor General’s Literature Award for Children’s Literature. The German edition, „Movie Star“ was published by Albino (2016).

Raziel’s Web Site  |  Raziel’s Twitter  |  Wikipedia  |  Instagram

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01_If someone call you „homosexual author“, you…

Show them how well I can hold a pen with my asshole.

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02_The most memorable moment of queerness in your childhood:

As a child I had an affair with a neighbour boy. The experience made its way into my novel Movie Star. He lived next door to my grandparents who were very religious. While my grandmother was upstairs in the kitchen baking pies for church charity events, he and I would be downstairs in the basement “playing”. We were nine or ten years old. There was a small fear that we might be caught, so we knew we were doing something worthy of getting in trouble for, but there was no shame. It was before society had gotten into our heads and made us self-conscious. It was instinctual and very passionate. I loved him.

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03_A queer book that influenced you (how?)…

„Faggots“ by Larry Kramer was a quite stunning moment of my youth and inspired me to move to New York City. It introduced me to the queer underground world and helped me realize my life could be much more than what I’d been raised to believe it could be as a God-fearing Catholic boy. Kramer became my new God, and I’ve been a faithful disciple ever since.

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04_A different piece of queer culture (no book: something else) that influenced you (how?)…

I remember when Will & Grace started airing on TV in the ‘90s. It was the first time I’d seen gay characters. I knew I was gay but wasn’t yet comfortable with my identity. It was both a liberating and shameful experience. I grew up in a small Canadian town. My dad was so uncomfortable when Will & Grace came on he’d leave the room. My mom seemed to like Will, but was embarrassed by the more flamboyant character Jack. Early on it was in my head that it’s better to be a more “straight acting” gay guy like Will than to be effeminate like Jack, an idea which is still perpetuated today. So many gay guys on hookup apps are looking for “straight acting only” and “no fems”.

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05_In book stores, THESE are the authors/artists that you’d feel most honored to be placed next to:

Chuck Palahniuk, Ira Levin, Dennis Cooper, the Bible.

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06_A queer moment you’ve had in Berlin (or anywhere in Germany) that you’ll remember for a long time:

I spent this spring in Berlin, and during my first week here I attended the launch of Matt Lambert’s zine Vitium, which was published by my german publisher Bruno Gmünder. The launch was at Tom’s Bar which is rather infamous, and so I was introduced to the underground scene in Berlin and its artists while watching a live sex show. Quite memorable. I think I’ll have a live sex show at all my future launches!

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07_Name some experts, authors, activists, name some places, institutions and discourses/debates that formed/informed/influenced the way you see and understand queerness – and yourself:

During my youth Warhol’s factory was the first queer scene I became interested in. Warhol said, “In my movies, everyone’s in love with Joe Dallesandro” and everyone watching was too! I loved reading about all the Superstars and was emboldened by characters like Candy Darling and Holly Woodlawn. I felt like such a freak in my hometown, and they celebrated their freakiness — it’s what made them shine.

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08_Name some experts, authors, activists, places, institutions and debates/questions that deserve more recognition/need more love:

I recently read One-Man Show by Michael Schreiber which is composed of interviews with the 20th century New York artist Bernard Perlin. He was a fascinating personality and visionary, I enjoyed learning about his life very much. He was connected to many other queer figures like Paul Cadmus, Glenway Wescott, George Platt Lynes, Denham Fouts, and had interesting anecdotes to share about them all. Perlin is underrepresented. He evaved the AIDS plague while living in Greenwich Village when it first hit that community. His survival alone is heroic and worthy of investigation. I’m fascinated by tales from gay artists who lived through the epidemic. The amount of loss they’ve experienced, and the way it shaped them and their work is something which should always be honoured.

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09_Is there a queer figure/personality, a celebrity or a queer story/phenomenom that is very visible in the mainstream culture – and that makes you happy BECAUSE it is so visible?

James Franco is cool. He transcends sexual orientation which is very Hollywood, many people in the industry have fluid sexualities but they’re not all as open and willing to promote it the way he does out of fear of losing out on roles.

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10_If universities/academics talk about queer topics, you often think…

If only they had an imagination.

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11_A person (or, more general: an aspect of personality or appearance) that you find very sexy?

Gore Vidal because he stood up for what he believed in, and even when his beliefs were attacked or garnered him negative attention (as they often did), he didn’t back down. I admire his style.

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12_Are you queer? How does your queerness inform/relate to/energize your art? And, on the other hand: Has your queerness ever been in your way or be a difficulty for you?

I’m privileged to be from a progressive country, Canada – where my sexuality has helped propel my career forward. My first job as a writer was for a queer newspaper, my debut novel is an LGBT teen story and was originally published by a Canadian press known for its queer content and run by two gay men. My sexuality has served as a foundation for my literary work.

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13_There’s a video campaign that wants to prevent depressed queer teenagers from commiting suicide, „It gets better“. DOES it get better? How and for whom? When did it get better for you? What has to get better still?

“It” doesn’t get better. This world will always try to hurt you. What gets better is you. As you get older and find your footing you become wiser and more resilient.

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all my 2016 interviews on Queer Literature:

…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: „Empfindlichkeiten“ Festival 2016: