Literatur

HIV in den 80ern und 90ern: Buchtipps zum Welt-AIDS-Tag

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Promising people, who could have contributed much, dying young and dying unnecessarily. (Randy Shilts)

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Die AIDS-Krise ist 35 Jahre her. Ich bin 35. Die Menschen, die damals starben, forschten, aktivistisch arbeiteten, waren oft Mitte 30.

Im Juni 2018 las ich mehrere Sachbücher über HIV und AIDS in den 80er und 90er Jahren, für Deutschlandfunk Kultur.

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„Erst 1969 war Homosexualität im Rahmen der Großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger entkriminalisiert worden, nachdem über 50000 Bürger verurteilt worden waren.“

„Im Juli des Jahres 1979 fand der Homolulu-Kongress in Frankfurt am Main statt, das erste internationale Homosexuellentreffen, das zum Zündfunken für die Gründung vieler schwuler Initiativen in Westdeutschland wurde, darunter das Begegnungs- und Tagungshaus Waldschlösschen.“

„Christian von Maltzahn beteiligte sich an der Aktion »Wir sind schwul«, bei der sich im Oktober 1978 682 Männer im Stern outeten (angelehnt an die legendäre Aktion »Wir haben abgetrieben« von 1971). Daraufhin wurde er von der Familie verstoßen.“

„1980 zerschlug der Künstler und spätere Präsident des FC St. Pauli Corny Littmann einen Spiegel in der öffentlichen Toilette am Jungfernstieg, hinter dem sich ein Raum der Polizei befand. Von dort aus hatten Beamte bis dato durch ein Spezialglas die Urinale beobachtet, um Homosexuelle auf frischer Tat bei »sittenwidrigen Handlungen« ertappen zu können.“

„Die relative Freiheit, mit der sich Homosexuelle in der Bundesrepublik zu diesem Zeitpunkt bewegen konnten? In den Großstädten gab es eine ausdifferenzierte Szene, allein in Westberlin mehr als fünfzig Kneipen, zwei schwule Verlage und mehrere Saunen. Frank Ripplohs legendärer, auch international erfolgreicher »Film Taxi zum Klo« (1980) vermittelt etwas von der damaligen Atmosphäre.“

„Am Anfang war Aids nichts als ein »Schreck von drüben«, wie der Spiegel im Mai des Jahres 1982 schrieb.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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Ein wichtiges Buch.

Mit wuchtigem Titel: In „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“ will taz-Redakteur Martin Reichert 40 Jahre Krankheits-, Sozial-, Polit- und Kulturgeschichte bündeln, auf 270 knappen Seiten. Ein Buffet aus Fakten, Diskursen, offenen Fragen und persönlichen Anekdoten, das so viele Themen (und: Pioniere, Stimmen) streift, dass ich beim Lesen mehr Zeit bei Google, Wikipedia verbrachte als in Reicherts zugänglichem, doch oft kursorischem Text.

Das viel zu kurze Suhrkamp-Buch zeigt mir vor allem, wie vage und oberflächlich mein eigenes Verständnis und Wissen sind.

„Das Ende von AIDS haben sich die Vereinten Nationen fürs Jahr 2030 auf die Fahnen geschrieben, in Deutschland soll das Ziel schon 2020 erreicht sein. Bis dahin soll die Krankheit bei niemandem mehr ausbrechen. In Deutschland wird derzeit noch bei etwa tausend [HIV-positiven] Patienten jährlich das Vollbild diagnostiziert.“

Wie ausführlich, detailliert müssen Dokus und Sachbücher erzählen?

Wunderbare Graphic Novels wie Judd Winnicks „Pedro and me“ (2000, über Aktivist und MTV-Star Pedro Zamora) oder „Taking Turns“ (2017: ein „Graphic Medicine“-Doku-Comic der lesbischen Hospizpflegerin und Künstlerin M.K. Czweriec) bleiben bei engen Einzel-Aspekten der AIDS-Krise (Jugendkultur der 90er; Pflege und Hospiz): didaktisch, zugänglich, sympathisch.

Fehlt also immer noch ein großes Standard-, Grundsatzwerk über der Zeit von ca. 1978, als erste AIDS-Fälle dokumentiert wurden, und 1996 – seit HIV via „Medikamentencocktail“ meist gebändigt wird?

2017 erzählt David France in „How to survive a Plague“ auf über 600 holprigen Seiten, wie New Yorker Aktivistengruppen, z.B. ACT UP Ende der 80er gegen selbstsüchtige Forscher, korrupte Pharmafirmen und die Gleichgültigkeit der Presse und des Präsidenten, Ronald Reagan, agitierten. Ein verquastes, maßloses, oft provinzielles Buch. Tausend (oft interessante) Details. Ohne Gespür für Dramaturgie.

Hier stolpern auch Filme und Theaterstücke meist:

Tony Kushners unvergesslicher Broadway-Zweiteiler „Angels in America“ (1991) zeigt Stimmungen und Alpträume der New Yorker Community. Larry Kramers Lehrstück „The Normal Heart“ (1985) prangert das Polit-Versagen an, zusammen mit einer fiktiven, eher seichten Liebesgeschichte. Ryan Murphys HBO-Verfilmung von 2013 vermittelt kompakt, stilsicher, packend alle Oberflächen der Ära: Wie wurde vor 35 Jahren in Manhattan gesprochen, getanzt, gestritten? Gestorben?

Je mehr Sender und Portale im US-Serienmarkt auf Nischen setzen und eigensinnigen Ton – je mehr Produktionen nicht mehr allen, jeden vage gefallen, sondern lieber kleine, engere Zielgruppen komplett begeistern wollen – desto spezifischer, mutiger werden HIV und queerer Alltag erzählt. Zuletzt etwa in Ryan Murphys „Pose“ (2018). Ikonografie, die oft aufs Fremde und Vergangene setzt. Bilder, die zeigen: Das war eine ganz eigene Welt, zu einer ganz anderen Zeit.

Um die AIDS-Krise zu verstehen, brauche ich mehr als solche Momentaufnahmen – die immer wieder unterstreichen: “Das ist lange her. Das ist weit weg.”

Das für mich stärkste, wichtigste AIDS-Sachbuch stammt von Randy Shilts: einem der ersten offen schwulen Journalisten im Dienst großer US-Zeitungen.

“And the Band played on” erschien bereits 1987. Die deutsche Ausgabe, “Und das Leben geht weiter”, ist seit 25 Jahren vergriffen. Shilts stellt zwei große Fragen: “Was geschah?” Und, sobald klar wird, dass eine Geschichte von AIDS vor allem eine Geschichte von Versäumnissen, vermeidbarem Leid, sozialer Kälte, Hass, Homophobie ist: “Wie konnte das geschehen?”

Zeitlicher Abstand hilft beim Analysieren. Trotzdem bleibt “And the Band played on”, eines der frühesten und ältesten Bücher, eine Klasse für sich. Ein deutsches Pendant fehlt schmerzlich. Shilts selbst ließ sich während der Arbeit am Manuskript nicht auf HIV testen. Erst, als das Buch in Druck ging, sah er sich bereit, den eigenen Status zu erfragen. Er starb 1994, mit 43 Jahren, an AIDS.

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„Gab es damals in Hannover überhaupt Schwulenbars? »Natürlich, in der Nähe des Bahnhofs, eine sogar mit ›Dunkelraum‹«, erinnert Udo sich, »Klappen waren sowieso überall, in Paderborn sogar direkt unter dem Dom.« Man habe zu dieser Zeit nichts zu befürchten gehabt als schwuler Mann. Tripper, Syphilis und Filzläuse waren lästig, aber gut behandelbar.“

„Journalist Jan Feddersen, geboren 1957: »Aids ist ein Scheißdreck. Aids – da war ich so jung und lebenshungrig – so von wegen: Die Party namens Leben, die ich immer so ernst genommen habe, ging doch gerade erst los, nachdem ich den wesentlichen Schutt aus Kinder- und Jugendtagen weggeräumt hatte. Durch Aids konnte man seine Sexualität nicht mehr leben, und weil die ein zentraler Aspekt der schwulen Identität ist, konnte man auch die Identität nicht mehr leben.«“

„»In den achtziger Jahren war es nötig, eine andere Sprache zu finden – über Sexualität zu sprechen. Das Land hatte den Nationalsozialismus hinter sich, die fünfziger Jahre; es gab noch dieses Bild, dass die Menschen, die an Aids erkrankten, für ihre Sünden bestraft würden.« Die konservative, zutiefst christliche Politikerin Rita Süssmuth musste nun über Anal- und Oralverkehr sprechen – und vor allem über Kondome. Der Spiegel zeigte sie auf dem Titel, eingehüllt in ein Ganzkörperkondom.“

„Wir als Schwule haben uns gut geschlagen, die Gesellschaft hat – wenn man von Bayern absieht – einigermaßen fair reagiert. Aber eigentlich ging es eben nur darum, dass die Seuche nicht von der Randgruppe in die Mehrheitsgesellschaft dringt. Das, was Rita Süssmuth damals geleistet hat, hatte mehr mit merkelscher Pragmatik zu tun als mit Empathie.“

„Wie wurde noch der damalige Kurienkardinal Joseph Ratzinger in den achtziger Jahren zitiert, selbstverständlich im Spiegel: »Man muß nicht von einer Strafe Gottes sprechen. Es ist die Natur, die sich wehrt.«“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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Ich las & sah 2018:

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A (2018): Martin Reicherts „AIDS in der Bundesrepublik“, Suhrkamp

B (2016): David Frances‘ „How to survive a Plague. The Story of how Scientists and Activists tamed AIDS“, nicht auf Deutsch. 2014 drehte France eine gleichnamige Doku. Das 600-Seiten-Buch dokumentiert Networking, Politik und Widerstand, vor allem im New York der 80er.

C (2014): den Film „A Normal Heart“ (2014), nach Larry Kramers gleichnamigen Theaterstück von 1985, über Aktivismus in New York bis 1985. Kramer ist auch in (B) und (D) eine wichtige Figur.

D (1987): Randy Shilts „And the Band Played on. Politics, People and the AIDS Epidemic“ (dt. „Und das Leben geht weiter“, vergriffen), 800-Seiten-Doku darüber, warum alles so schleppend lief – behördlich, politisch, sozial etc.

E (2017): MK Czwerkieks Comic „Taking Turns. Stories from HIV/AIDS Care Unit 371“: autobiografischer Doku-Comic über Hospiz und Pflege ab 1994.

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Alle Titel sind empfehlenswert.

Doch man muss vorher entscheiden, was man selbst über HIV/AIDS wissen will – und erwartet:

Sortiert von „einsteigerfreundlich“ zu „großer Wurf“:

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E – Der Comic, „Taking Turns“: einfache Sprache, viele medizinisch und… sozialhistorische Infos, schöner Überblick. Das Buch, das ich am ehesten verschenken würde, falls jemand fragt: „Wie verläuft diese Krankheit, und warum war/ist sie gesellschaftlich eine große Sache?“

C – Ein 2-Stunden-Film, „The Normal Heart“, der in starken Bildern das Zeitgefühl der 80er vermittelt. Ich sah das mit Gewinn, doch finde unerträglich, dass Autor Larry Kramer sich selbst in jeder Szene als tollsten Hecht schildert / feiert. Ein narzisstischer und einseitiger Film, den man nur erträgt, wenn man ausklammert, dass hier ein super-umstrittener und ineffektiver Aktivist ein Denkmal für sich selbst baut, plump, arrogant und voll VIEL zu platter Monologe, die ich literarisch nicht ernst nehmen kann. Je weniger man über Kramer und die Realität weiß, desto sehenswerter ist der Film.

B – Wer sich für HIV interessiert und einen soliden, faktensatten und zeitgemäßen Überblick sucht: Bitte „How to survive a Plague“. Persönlich fand ich anstregend, dass der Autor mit vielen Aktivist*innen von damals befreundet zu sein scheint und sehr bauchpinselt. auf 600 Seiten in oft labbrigem, plapprigem Stil zu lesen, dass Harry ein toller Typ, Gary ein netter Kerl, Barry eine gute Seele ist – ohne, dass wir tief in diese Personen, ihre Psyche und Widersprüche steigen konnten… fand ich ermüdend. Und: journalistisch peinlich.

D – Wow. Schade, dass das beste Buch, auf das ich stieß, auch das älteste ist: „And the Band played on“

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1984: „Before AIDS, Paul had never believed that gays really were all that oppressed; now he was worrying about wholesale employment discrimination and quarantine camps.“

1983: „Czechoslovakia was the only communist nation to concede that AIDS could spread within socialist borders. Respresentatives of the Union of Soviet Socialist Republics stoically insisted that ‚We will not have any of these casis in the Soviet Union‘.“

1983: „Japan had reported its first two AIDS cases, making it the first Asian nation to be touched by the epidemic. The brothels, Turkish baths, and sex parlors in Tokyo’s famed Yushiwara District were refusing foreign visitors for fear that they might spread AIDS. Baths posted signs reading: ‚Japanese Men Only‘.“

1983: „The long incubation period for the virus had permitted it to spread for years before anyone even knew it existed. The mean period was 5.5. years. It appeared that some cases would take more than 11 years to incubate; although some people would come down with AIDS in as little as six months.“

1984, BRD: „In the second hardest-hit nation in Europe [after France], testing found that two-thirds of hemophiliacs, 20 percent of intravenous drug users and one-third of gay men carried HTLV-III antibodies. […] Under veneral disease laws, which were in force in nearly every northern European country, it was a crime for a person with a sexually transmitted disease to have sex.“

1983: „Nervous health officials and reporters had spent months talking about AIDS being spread through ‚bodily fluids‘. What they meant to say was semen and blood, but the term ’semen‘ is one that polite people don’t use in conversation, and blood banks still objected to the use of the term ‚blood‘. [So… public fears spread:] Saliva was a bodily fluid. Could AIDS be spread through coughing?“

[schreibt Randy Shilts in „And the Band Played On“]

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Warum genau jetzt / heute diese Bücher lesen?

– Weil die Bücher fragen „Wie konnte das passieren?“, und die Antworten interessant, komplex, lehrreich sind.

– Weil von 1980 bis ca. 1987 viele Dinge falsch liefen – politisch, sozial, psychologisch. AIDS war *eine* Herausforderung, auf die die Gesellschaft reagieren musste. ein guter Aufhänger für ein Sachbuch (weil: klare Chronologie, nicht zu viele handelnde Institutionen etc.)

– Wie schlecht, wie falsch, wie langsam die Gesellschaft reagiert hat und, wie wir daraus sehen, wie schlecht, langsam, falsch wir gesellschaftlich auf ALLES Neue immer wieder reagieren… diese Mechanismen werden in den Büchern erklärt. Deshalb für mich: eine Lektüre fürs Leben. Ich habe *sehr* viel gelernt.

– Weil in 35 Jahren ähnliche Bücher erscheinen werden über z.B. den Klimawandel oder die Diesel-Debatten. ich glaube nicht, dass man Bezug zu HIV oder Diesel braucht, um das mit Gewinn zu lesen.

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„Die Zeit der Aids-Krise von Mitte der achtziger bis Mitte der neunziger Jahre ist auch eine Zeit, in der sich die Kultur des Krankseins verändert. Damals hält das Leben paradoxerweise Einzug in die Krankenhäuser: »Auf einmal waren da jede Menge junge Leute – und die haben ja auch Besuch bekommen. Da wurde Musik gemacht und gelacht – das war eine neue Kultur. Vorher gab es nur streng geregelte Besuchszeiten und Blumenvasen.«“

„Bruno Gmünder hat viele Bekannte und Freunde sterben sehen. »Ein Freund von mir war positiv und hat sich noch Mitte der Neunziger umgebracht. Er war in der Modebranche tätig, in Süddeutschland – aber zur Behandlung ist er immer nach Berlin geflogen, seine Sekretärin durfte nichts davon wissen, niemand durfte etwas wissen. Dieser Druck, dieses Schweigen. Viele haben das mit Kokain überdeckt – eines Tages ist er dann vom Balkon gesprungen.«“

„Gmünder: »Aids, das hat eine ganze Generation verbogen. All diese deformierten, traumatisierten Menschen.«“

„Wieland Speck hat einen kleinen Altar aufgebaut, mit Bildern, Fotos, Erinnerungsstücken von Freunden, die er verloren hat, viele in den Jahren zwischen 1988 und 1996. »Zuvor hatte ich schon mehrere Sommer im Krankenhaus verbracht, bei sterbenden Freunden. Ich denke, Aids hat mich rund zehn Jahre meines Lebens gekostet. Und dann die Erschöpfung danach.«“

„Zum Zeitpunkt des Mauerfalls hatten sich offiziell 133 DDR-Bürger mit dem HI-Virus infiziert, bei 27 von ihnen war die Krankheit ausgebrochen. In der BRD waren damals 42000 Menschen HIV-positiv und mehr als 5000 an Aids erkrankt.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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„And the Band Played on“:

Shilts, Lokaljournalist in San Francisco, schrieb 1982 ein Buch über Harvey Milk, den schwulen Bürgermeister in San Francisco vor der AIDS-Krise: „The Mayor of Catro Street“. Die Verfilmung („Milk“) war 2009 für den Oscar nominiert, und ich fand Film und Buch 2009… solide und lokal. Nichts, das mir viel über die Welt erklärt – nur über ein (mich eher langweilendes) Milieu: oft biedere Lokalpolitik im San Francisco der 70er. Keine Empfehlung.

Doch ausgerechnet Shilts fragt in „And the Band Played on“ akribisch und umfassend „Wie konnte das passieren?“

Das Ergebnis ist wie… „Game of Thrones“: sehr kurze, pointierte Kapitel jeweils darüber, aus welchen Gründen EINE Person an EINEM Datum EINE strittige Entscheidung traf. Die Personen werden nicht ohne Wärme geschildert, doch Shilts spricht viel über Widersprüche, Neurosen, Unsicherheiten, persönliche Agenda. Es sind keine Sympathieträger*innen, sondern fast immer Leute, halb-informiert, nervös und mit dem Rücken zur Wand.

Ein Königreich wird von Frostzombies und ewigem Winter bedroht, die Herrschenden wissen davon… Doch niemand hat eine Strategie: Die Reihe lässt sich als Kommentar zum Klimawandel lesen oder zu sozialen, anderen Katastrophen – und zeigt die vielen politischen, psychologischen, wirtschaftlichen Verkettungen und Zahnräder, die dafür sorgen, dass ein großes Problem, das alle sehen, nicht gelöst wird. So, wie bei „A Song of Ice and Fire“ seit Band 1 klar ist: „Der Winter kommt“ …und trotzdem keiner auf die Bedrohung angemessen reagiert, zeigt „And the Band Played on“ nicht ohne Wärme und Empathie, doch eben SEHR kühl und klar: total überraschende… Kausalketten.

Auf die ich nie gekommen wäre.

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Dinge wie: Es gibt Herrensaunen / Gay Bathhouses – und Epidemologen ist früh klar, dass dort eine hohe Ansteckungsgefahr herrscht. gleichzeitig sind die Männer, die solche Saunen betreiben, oft die reichsten schwulen Unternehmer in jeder Stadt, und weil es ständig Probleme mit z.B. „Zoning Laws“ / Gewerberecht gibt, sind sie alle in der Lokalpolitik aktiv und vernetzt.

1983: „In Miami, Jack Campbell, owner of the Club baths chain of forty-two bathhouses, brushed of questions about the baths‘ role in the epidemic by insisting that most of Florida’s AIDS cases were Haitians, and it wasn’t a problem for gays. This was not accurate [but] most of the nation’s gay newspapers received substantial advertising revenue from the bathhouses and sex businesses. This assured that not only would few gay leaders support moving against the baths, but that the gay papers would unanimously support their advertisers. Potential bathhouse closure was not even to be discussed.“

Wie es dann – obwohl niemand was Böses will – von 1980 bis ca. 1984 braucht, bevor sich Politiker*innen und Aktivist*innen trauen, zu sagen „Die Saunen sind gefährlich“, weil niemand den politisch vernetzten Unternehmern das Wasser abgraben will, ist… entscheidend.

„And the Band Played on“ beschreibt NUR solche Mechanismen. Sehr elegant und überraschend – häppchenweise, Schritt für Schritt, ohne Überdramatisierung oder besserwisserische „DAS war fatal, und alle hätten es kommen sehen können!“-Wut: 1979 streitet sich eine Stadtteilinitiave. 1984 sterben Tausende von Menschen. Als direkte Folge.

Diese Kausalketten zu verstehen – zu begreifen, wie random und wie fragil sie sind, fand ich *immens* lesenswert.

Ich will nicht sagen „Dass es um AIDS geht, ist da fast egal“. Doch ich finde, jeder, der Politik verstehen will, oder die Haltung von Zeitungen, oder Gesetzesentwürfe, oder „die kollektive Psyche“ und diese oft bizarren Wechselwirkungen, Ursachen, Tabus und Konsequenzen, sollte 25 Stunden in dieses Buch investieren. Man muss sich nicht für die USA, Bürgerrechte, Medizin oder die 80er interessieren: Es ist völlig egal, wie nah oder fern man dem Thema „HIV in den 80ern“ steht.

„And the Band Played on“ zeigt aus… fünf Dutzend Perspektiven, wie sich diese Krankheit ausbreiten konnte.

Pointierte, ganz kurze, sehr klar formulierte… Vignetten / Episoden darüber, wie z.B. eine Tochter, deren Mutter nach einer Bluttransfusion krank wird, JAHRE braucht, um zu verstehen: „Meine fast 60jährige Mutter hat AIDS.“

Doch: Das beste Sachbuch, das ich kenne.

Weil es um Strukturen und Mechanismen geht – nicht um EIN Thema, das man „spannend“ oder „irrelevant“ finden kann.

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„Wie konnte man Menschen dazu bewegen, überhaupt Kondome zu benutzen? Hans Hütt: »Grauenhaft – die gab es unter dem Ladentisch und in seltsamen Automaten auf öffentlichen Toiletten. Man konnte sie nicht einfach im Drogeriemarkt kaufen. Auch kein Gleitgel, das machten die Leute damals selbst.«“

„Hans Hütt: »Es gab zwei einschlägige Hautarztpraxen in Berlin, dort ist man regelmäßig hingegangen. Das war einfach ein Teil der Libertinage, die Geschlechtskrankheiten. Ob man Feigwarzen hatte oder Syphilis, das wurde immer ganz offen kommuniziert. Das war in meiner Erinnerung ein verantwortungsbewusster Hedonismus. Und dann kam die Gegenaufklärung: Seit Aids ging man nicht mehr zum Arzt, man fürchtete, dass der ohne Absprache Bluttests macht.« Es gab Ärzte, die sich weigerten, Positive zu behandeln, und hysterisches Pflegepersonal. Man wusste nicht, wie man die Behandlungen verbuchen sollte, weil es noch keinen WHO-Schlüssel gab. »Die haben dann Krebs abgerechnet oder sonst was.«“

„Das Jahr 1985 aber war für schwule Männer von Angst und Unsicherheit im Umgang mit ihrer Sexualität geprägt, wie die Safer-Sex-Comics des Zeichners Ralf König illustrieren, die er in diesem Jahr erstmals für die AIDS-Hilfe zeichnete. Die Figuren mit den berühmten Knollennasen onanieren häufig gemeinsam zu Pornos – manchmal haben sie auch Analverkehr: mit Kondomen, deren Verwendung Ralf König seinen Lesern ans Herz zu legen versuchte.“

„1989: »Wir machten Werbung für Kondome – und weil die reißen können, wurden wir als Mörder beschimpft.« Gar keinen Sex mehr zu haben, das war eine Variante, die seinerzeit nicht nur konservative Politiker wie Peter Gauweiler propagierten; auch Schwulenaktivisten wie Rosa von Praunheim forderten angesichts des Sterbens zeitweilig sexuelle Abstinenz.“

„»Kondom« war gemeinsam mit »Aids« das Wort des Jahres 1987 in der Bundesrepublik – und es bedurfte einer Menge Arbeit, da – mit es so weit kommen konnte.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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Martin Reicherts „Die Kapsel“ braucht etwa 6 Stunden Lesezeit: ca. 10 Begegnungen mit Zeitzeugen, dazwischen kurze Grundsatz-Kapitel. Eine einsteigerfreundliche, süffige, doch etwas lose Sammlung von Eindrücken, Themenfeldern und Zeitgeschichte.

Auch hier fand ich die Ursache-Wirkungs-Ketten am interessantesten.

Zusammenhänge wie: Die deutsche Schwulenbewegung kam aus der Studentenbewegung und war deshalb eher konsum- und lustfeindlich, elitär; die US-Schwulenbewegung kam aus dem Civil-Rights-Movement, sah z.B. Leather Bars nicht als ‚oberflächlich‘ und hatte eher ein Hippie-Bild von Sex, Spiritualität, Selbstverwirklichung etc.

ca. 1979: „Die Trennung zwischen Politszene und der sogenannten Sub, also dem eher kommerziell und hedonistisch orientierten Teil der Schwulenszene, ist für Bruno Gmünder ein spezifisch deutsches Phänomen: »In Deutschland war die Schwulenbewegung an die Studentenbewegung angebunden, in den USA an die Bürgerrechtsbewegung.« Die Studenten seien eben verklemmt gewesen, während man in der Sub ungetrübt von Antiamerikanismus und voller Lebensfreude den Vorbildern aus San Francisco und New York nacheiferte.“

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In Reicherts Buch lernt man kompakt und flüssig alle wichtigen Namen, Stichpunkte, Debatten etc. kennen.

Martin Reichert ist taz-Redakteur und informiert über die gängigen queeren Diskurse seit den 80ern. „Die Kapsel“ handelt von einem Friedhof für Lesben in Berlin; Rosa von Praunheims Outings von u.a. Hape Kerkeling in der RTL-Sendung „Der heiße Stuhl“; der bundesweiten Präventionskampagne „Gib AIDS keine Chance“ und der Rolle, die Rita Süssmuths Engagement spielte, v.a. gegen Bemühungen von z.B. Peter Gauweiler in Bayern, HIV-Infizierte in Lagern zu sammeln. Ein kurzweiliges Buch, das viele Themen, von denen jede*r mal hörte, vertieft, pointiert nacherzählt, in Kontexte setzt.

Doch während Randy Shilts genau erklärt, wie alles passieren konnte und ineinander greift, kann ich nach der Lektüre von Reichert z.B. nicht beantworten, WARUM genau der „Spiegel“ ab 1983 sehr apokalyptische, hämische Artikel schrieb. Ich kann es mir zusammen reimen – „Ist halt der Spiegel“ -, doch es gibt zu viele Stellen in „Die Kapsel“, bei denen ich nur denke:

„Aha. Okay. Na ja. Ist halt Bayern. Ist halt Rosa von Praunheim. Ist halt Berlin. Waren halt die 80er“ usw.: Eine ferne Zeit, deren Mechanismen ich nicht mehr verstehe.

Eine Kleinigkeit: Der Titel, „Die Kapsel“, klingt groß und programmatisch. Geht es um eine Pille? Geht es darum, dass die BRD wie eine Kapsel funktionierte? Reichert sagt, viele Überlebende hätten sich nach 1996, als durch medizinische Durchbrüche klar war, dass HIV kein Todesurteil mehr ist, „abgekapselt“. Warum? Warum in Deutschland? Warum so? etc.

Das beantwortet das Buch nicht im Detail. Ich kann damit leben. Doch direkt nach der Shilts-Lektüre denke ich: „Und wo bleiben jetzt die 400 zusätzlichen Seiten, die alle URSACHEN und komplexen gesellschaftlichen Wechselwirkungen explizit beschreiben?“

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„Für die Aktivisten der ersten Stunde gab es bereits zu Beginn auch ganz konkrete Gründe, sich zu engagieren. Die wenigen Patienten waren einer diskriminierenden Behandlung ausgesetzt, zum Teil wurden sie regelrecht als Versuchskaninchen benutzt. So kam es bereits im Jahr 1983 zu einem Akt zivilen Widerstands, einer »Act-Up-Aktion ›avant la lettre‹« (Michael Bochow): Ein Aids-Patient, der in einem Berliner Universitätsklinikum im Sterben lag, sollte aus Gründen wissenschaftlicher Neugierde hirnoperiert werden – Aids-Aktivisten blockierten die Tür zum OP.“

„Zwar erklärt die Bundesregierung 1983 Aids in einer Pressemitteilung erstmals zu einem nationalen Problem […] Die Behörden blieben jedoch – aus heutiger Sicht – erstaunlich untätig, und das bis 1985.“

1983: „Manche glauben, sich vor der Erkrankung schützen zu können, indem sie sich von bestimmten Personengruppen fernhalten: In der New Yorker Szene misstraut man den Haitianern, in deutschen Großstadtszenen wähnt man sich sicher, wenn man Sex mit Amerikanern meidet.“

1986: In einem Ableger der linken Zeitschrift Konkret, der Sexualität konkret, war im Jahr zuvor ein offener Brief Martin Danneckers an den Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein erschienen, der mit den Worten endet: »Im ›Spiegel‹ wird seit nunmehr vier Jahren ein antihomosexueller und minderheitenfeindlicher Fortsetzungsroman veröffentlicht. Von diesem haben sich Abertausende in ihrem Selbstgefühl beleidigt und in ihrer Angst bestätigt gefühlt. Ein solches Stück, so haben Sie anläßlich der Diskussion um das Schauspiel von Fassbinder geschrieben, dürfe nicht gespielt werden. Bitte sorgen Sie in Ihrem eigenen Haus für das Absetzen der menschenfeindlichen Berichte über die von Aids so schrecklich gebeutelten sozialen Minderheiten.«“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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Georg Zipp empfahl mir im Juni via Twitter:

  • David Wojnarowiczs autobiographische Graphic Novel „7 Miles a Second“
  • Wojnarowiczs „Close to the Knives: A Memoir of Disintegration“ und „Waterfront Journals“
  • Allan Gurganus: „Plays Well With Others“
  • Pier Vittorio Tondelli: „Camere Separate“
  • Hervé Guibert: „À l’ami qui ne m’a pas sauvé la vie“ (fiktionalisierter Roman über Michel Foucault).
  • Norwegische Kurzserie aus dem Jahr 2012: „Don’t Ever Wipe Tears Without Gloves“
  • Subkultureller Kultroman: „Tim and Pete“ von James Robert Baker.
  • Kinderbuch aus dem Jahr 1989: „Losing Uncle Tim“
  • „Ich glaub, bei Hubert Fichte gab’s da auch was… Dazu dann noch vielleicht ein bisschen Susan Sontag…“
  • Aus der Perspektive, wie sich HIV und AIDS plötzlich in das Leben schlichen: Die komplette „Tales of the City“-Reihe von Armistead Maupin.
  • Für eine südafrikanische Post-Apartheid-Perspektive: Phaswane Mpe, „Welcome to Our Hillbrow“
  • Noch nicht gelesen: „Body Counts: A Memoir of Politics, Sex, AIDS, and Survival“ von Sean Strub.
  • Australien, und auch neulich als Film: „Holding the Man“ von Timothy Conigrave.
  • Versuch eines Mainstream-Autors, sich an das Thema zu wagen: Louis Begley, „As Max Saw It“.
  • Leo Bersanis großartiger Theorietext aus dem Jahr 1987, „Is the rectum a grave?“
  • und dann vielleicht noch als letztes ein Mainstream-Roman von letztem Jahr: „Tin Man“ von Sarah Winman

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„Laut der Epidemiologischen Kurzinformation des Robert Koch-Instituts, Stand Ende 2015, leben in Deutschland geschätzte 84 700 Menschen mit HIV/ Aids, 72000 davon mit Diagnose, 12 700 ohne. Die Infektion erfolgte in 54 100 Fällen durch Sex zwischen Männern, in 10700 durch heterosexuellen Kontakte, in 7700 durch Drogengebrauch und in 440 durch Blutprodukte. geschätzte Gesamtzahl der Neuinfektionen in Deutschland lag bei 3900. Im Jahr 2015 starben in Deutschland 460 Menschen an den Folgen von Aids,144 seit Beginn der Epidemie waren es insgesamt 28 100.“

„Dass die meisten Positiven, die in diesem Buch zu Wort kommen, ihren Namen nicht nennen möchten, spricht für sich.“

ca. 1985: „Die schwedische Regierungspolitik erlaubte im Folgenden auch die Absonderung – Positive, die sich »uneinsichtig« zeigten und sich weigerten, Kondome zu benutzen, konnten für mindestens drei Monate interniert werden. Nachdem zunächst einige (wenige) Infizierte per Gerichtsbeschluss in ein Hospital zwangseingewiesen worden waren, regte sich Widerstand in den Krankenhäusern, deren Mitarbeiter nicht ohne Weiteres bereit waren, polizeiliche mit therapeutischen Aufgaben zu vermengen. So kam es zur Einrichtung des berühmt-berüchtigten Stenby-Hofes auf der Schäreninsel Adelsö rund fünfundzwanzig Kilometer westlich von Stockholm. Das »Lager« erlangte weltweite Berühmtheit.“

1987: „Peter Gauweiler schaffte es mit dem Thema 1987 sogar auf den Titel des Spiegel: »Einer gegen Aids«, indem er unter anderem die »Absonderung« von Infizierten forderte. […] Ein gewisser Horst Seehofer, seinerzeit ein kleiner, aufstrebender CSU-Abgeordneter, forderte die Unterbringung Infizierter in »speziellen Heimen«. Der bayerische Kultusminister Hans Zehetmair bezeichnete 1987 Homosexualität im Bayerischen Fernsehen als »contra naturam«, es handle sich um ein naturwidriges und »im Grunde in krankhaftes Verhalten«; man müsse »endlich wieder den Schutz der vielen in der Bevölkerung als zentrales Ziel im Auge sehen«, statt sich zu fragen, »wer am Rand noch besser verstanden werden kann. Dieser Rand muss dünner gemacht, er muss ausgedünnt werden«.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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ich empfehle:

_Wer nichts über die medizinischen und sozialen Kontexte weiß, kriegt in der Graphic Novel „Taking Turns“ viele Grundlagen vermittelt, in sehr einfachen Bildern und klarer Sprache. MK Czerwiecz war (lesbische) Krankenschwester in einem AIDS-Hospiz in Chicago, Mitte der 90er Jahre. Ihre Zeichnungen sind oft unterkomplex, ZU schlicht. Die Figuren wirken durch ihre Playmobil-artigen Gesichter z.B. oft kindisch oder töricht. Doch in Sachen Tiefgang / Wissenschaft / Details hat der Comic genau die richtige Dichte, Länge – einen sehr angenehmen Schwierigkeitsgrad.

_Ryan Murphys Film „The Normal Heart“ (auch auf Deutsch, 2014) zeigt in toller Ausstattung und mit charismatischen Schauspieler*innen wie Mark Ruffalo (Hulk aus den „Avengers“) und Julia Roberts… wie sich all das ANFÜHLTE: die Oberflächen, die Mode, der Ton, die Farben, die Stimmung der 80er. Ich mag, in zwei Stunden, sehr konzentriert, diese Texturen vermittelt zu kriegen. Das Licht. Den Look. Ein kleineres Problem nur, wie gesagt: dass Autor Larry Kramer in „And the Band Played on“ und „How to survive a Plague“ ausführlichst beschrieben wird – als unsachlicher, aufbrausender, oft Dinge-schlechter-machender Schimpf-Aktivisit. Während sein Alter Ego hier im Film NUR die klügsten Dinge sagt. (Rein als Literatur / Theaterstück ist Tony Kushners AIDS-Stück „Angels in America“ viel besser… doch deutlich weniger dokumentarisch etc.)

_“How to survive a Plague“ erzählt auf den ersten 300 Seiten die exakt selbe Geschichte wie Randy Shilts, nur… a) viel labbriger, unfokussierter, langweilig-partikulärer, b) mit einem Fokus auf New York statt San Francisco, oft sehr provinziell („Kuckt! Wir haben AUCH tolle Leute!“): Kein schlechtes Buch. Doch 30 Jahre nach Shilts finde ich DAS zu wenig: enttäuschend.

_Die Graphic Novels „Pedro and me“ (großartig!) und „Blue Pills“ (solide) erzählen aus der Perspektive von (heterosexuellen) Angehörigen.

_Kenny Fries schreibt in „In the Province of the Gods“ über Behinderung & Krankheit in Japan und seine HIV-Diagnose Mitte der Nullerjahre. Auf Electric Literature empfiehlt er weitere Bücher (Link).

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„Taking Turns“

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„In Central Africa, AIDS was simply called ‚The horror sex disease‘.“

1984: „AIDS continued to embarass people. From the start, it had made people uncomfortable, whether they were in government or media, in public health or prominent universities. AIDS was about homosexuals and anal intercourse, and all kinds of things that were just plain embarrassing.“

1982: „There was a doctor from New York University who had written an extensive study on the apparent infection of the central nervous system, but he refused to tell the report from the American Medical Association journal about his work because he had submitted his paper to a neurological journal where it had been accepted for publication. The neurological journal might throw out the story if he publicly discussed his findings with the press, and that would hurt the doctor’s career in the publish-or-perish world of academic medicine. It was science as usual, and the Journal of the American Medical Association would just have to wait until the research was published in six months.”

1985: „In the strangest twist to Englisch AIDS history, the guide to British aristocracy, ‚Burke’s Peerage‘, announced that, in an effort to preserve ‚the purity of the human race‘, it would not list any family in which any member was known to have AIDS.“

1983: „Television actor Robert ‚Benson‘ Guillaume was about the only big name who would associate himself with AIDS. Most other stars, including many who had built their careers on their gay followings, were not inclined to get involved with a disease that was not… fashionable.“

[schreibt Randy Shilts in „And the Band Played On“]

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„Axel Schock: »Mein Freund wollte auf dem Alten St.-Matthäus-Friedhof in Berlin beerdigt werden, aber er wurde dann in seiner Heimatstadt in Norddeutschland beigesetzt.« Sobald er tot war, wurde die schwule Geschichte annulliert. »Ab jetzt ist Schluss«, hatte sein Vater verkündet und das Testament, in dem Axel berücksichtigt war, vernichtet. »›Wir haben kein Testament‹, sagte er lapidar.« […] »Zu der Beerdigung bin ich mit einer gemeinsamen Freundin gefahren. Der Pfarrer erweckte in seiner Trauerrede den Eindruck, als wäre sie seine Lebensgefährtin gewesen. Und dass er an Krebs gestorben sei.«“

„Selbst im liberalen Westberlin streikte 1990 das Personal eines öffentlichen Bades, weil dort ein Positivenschwimmen stattfinden sollte. Ein Fall, der damals auch medial für einiges Aufsehen sorgte. In der ganzen Republik weigerten sich Zahnärzte, positive Patienten zu behandeln. Gefängnisbeamte beantragten ihre Versetzung, um nicht mit positiven Häftlingen in Kontakt zu kommen, Kollegen forderten die Entlassung positiver Mitarbeiter.“

„Mehr als 90 Prozent der gemeldeten HIV-Positiven waren Männer. Einer Erhebung von 1987 zufolge waren zu diesem Zeitpunkt 15 bis 40 Prozent der Schwulen infiziert, allerdings sind solche Schätzungen schwierig, weil es aus guten Gründen keine genauen Zahlen zum Anteil der Homosexuellen in der Bevölkerung gab.“

ein Berliner Arzt, auf HIV spezialisiert, 2017: „»Ich habe Patienten aus Brandenburg, die bringen ihre leeren Pillendosen mit nach Berlin, damit die Nachbarn sie nicht im Müll finden. Die würden auch nie zu einer Apotheke bei sich zu Hause gehen. Das Risiko, dass einer quatscht, ist ihnen zu hoch.«“

„»Von den jährlich rund 3000 Neuinfektionen, die wir in Deutschland verzeichnen, sind etwa ein Drittel im Aids-Stadium. Das ist enorm.« Das Aids-Stadium, das Vollbild, es existiert noch immer, auch in der Bundesrepublik: »Gerade heute war ein Kameruner hier mit zerebraler Toxoplasmose – aber es sind auch viele über Sechzigjährige dabei, die sich vor Jahren angesteckt haben. Männer, die im Thailand-Urlaub waren, oder Frauen, die sich beim Trommel-Workshop in Kenia angesteckt haben.«“

„Hepatitis C ist dreihundertmal leichter übertragbar, anders als bei HIV ist sogar getrocknetes Blut noch infektiös – in Deutschland gibt es wahrscheinlich 200000 verborgene Hep-C-Träger.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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Ein kalifornischer Universitätsrektor, Mitte der 80er: „At least with AIDS, a lot of undesirable people will be eliminated.“

1983: „Nearly half of the AIDS casualties were men between the ages of 30 and 39. Another 22 percent were men in their twenties.“

1983: „Prisoners at a New York State prison in Auburn started a hunger strike because the cafeteria’s eating utensils had been used by an inmate who had died of AIDS a week earlier.“

1983: „All forty-four cases of AIDS reported in West Germany as of March 31, 1983, were either among people who had traveled to Haiti or Africa, or among gay men who recently had vacationed in Florida, California, or most commonly, New York.“

„Between June 1982 and June 1985, the San Francisco Chronicle printed 442 staff-written AIDS stories, of which 67 made the front page. In the same period, The New York Times ran 226 stories, only 7 of which were on page one. From mid-1983 on, the coverage of the Chronice focused on public policy aspects of the epidemic, while the Times covered AIDS almost exclusively as a medical event, with little emphasis on social impact or policy. [The Chronicle] helped sustain a lvel of political pressure on local government and health officials to respond to the AIDS crisis.“

1987: „Virtually every major newspaper in the country now had a full-time AIDS reporter. The New York Times was on the verge of announcing that, at long last, it would allow the adjective „gay“ to be used when describing homosexuals.

[schreibt Randy Shilts in „And the Band Played On“]

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„Spätestens Ende der neunziger Jahre hatte Aids jeden Sensationswert verloren. Matthias Frings spricht von Aids-Müdigkeit: Als er für die seinerzeit beliebte Fernsehsendung Liebe Sünde einen Beitrag zum Thema Aids anmoderierte, schalteten 200000 Zuschauer weg – am Ende des Beitrags hatte die Sendung mehr als eine halbe Million Zuschauer verloren.“

„Die nachfolgende Generation schwuler Männer reagierte auf ihre Weise auf das Erbe von Aids. Die Ästhetik der neunziger Jahre mit ihren in den Fitnessstudios trainierten und komplett rasierten Körpern spricht für sich. Es ging nun vor allem darum, Gesundheit darzustellen. Abzugrenzen galt es sich sowohl von den kranken Körpern der Positiven als auch von der Ästhetik der siebziger und achtziger Jahre, die von (Schnurr-)Bärten und Körperbehaarung geprägt war.“

„Es gibt in Deutschland keine Pflicht, Sexpartner oder -partnerinnen von der HIV-Infektion in Kenntnis zu setzen. […] Wer mit HIV infiziert ist und ungeschützten Geschlechtsverkehr betreibt, macht sich nach §§ 223 und 224 des Strafgesetzbuches der Körperverletzung schuldig. Strafbar ist bereits der Versuch. Seit 1987 wurden fünfunddreißig HIV-Positive wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Die Richter entscheiden höchst unterschiedlich und in jüngster Zeit immer häufiger unter Berücksichtigung der neuesten Erkenntnisse, nach denen eine Ansteckungsgefahr unter erfolgreicher Behandlung nicht mehr zwingend vorliegt.“

„Der letzte HIV-Test liegt bei 27 Prozent der Befragten mehr als ein Jahr zurück. 35 Prozent haben sich noch nie haben testen lassen.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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Die besten Comics & Graphic Novels 2018: meine Empfehlungen bei Deutschlandfunk Kultur

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meine 20 Lieblings-Comics 2015, kurz vorgestellt: Link

meine 20 Lieblings-Comics 2016, kurz vorgestellt: Link

meine 20 Lieblings-Comics 2017, kurz vorgestellt: Link

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heute: meine Top 20 fürs Jahr 2018.

Ausführliche Texte etc. kurz nach Weihnachten bei Deutschlandfunk Kultur.

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20. Flavor

Autor: Joseph Keatinge, Zeichner: Wook Jin Clark.

Image Comics, seit Mai 2018.

6+ Hefte in 1+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Schnelles Geld für Verlage. Dazu eine Leserschaft, die oft zu unkritisch bewertet: Seit Raina Telgemeiers fadem Zahnspangen-Bericht „Smile“ (2010) wollen Middle-Grade-Comics extra-simpel, weich, harmlos-progressiv belehren. Lesen auf Stützrädern, für 8- bis 12-Jährige. „Flavor“ mischt bewährte Ideen aus „Wallace & Gromit“, „Kikis kleiner Lieferservice“ und „Avatar: Herr der Elemente“. Eine Märchenstadt hinter Festungsmauern feiert Kulinarik, Restaurants und eine Akademie für Elite-Köchinnen und Köche. Eine fadenscheinige, kindische Welt, die sich allein ums Essen dreht: geheime Koch-Fight-Clubs im Untergrund! Hetzjagden um besonders edle Pilze! Harte Kerle und Gauner trinken nicht – sondern zechen in Eiscreme-Kaschemmen. Detailverliebt gezeichnet. Doch mir fehlt Pfeffer. Eine eigene Note!

Sammelband 1 lässt vieles unklar: Anant, Sohn aus bestem Haus, kämpft um seinen Platz an der Akademie. Heldin Xoo führt einen Imbiss: Seit einem (nicht genannten) Vorfall, für den sie sich die Schuld gibt, brauchen ihre Eltern Rollstühle. Ich liebe, dass Xoos Onkel, ein Abenteurer und Herumtreiber, in vielen anderen Plots Sympathieträger, große Stütze wäre. Hier aber sollen wir denken: „Trottel! Deine Nichte hat echte Imbiss-Kompetenz!“ Wie oft inszenieren sich unreife Männer als Lösung – und werden dabei zum größten Problem?

Widerborstige Figuren. Viele offene Fragen. Ich freue mich auf Band 2. Doch wie meist im Segment „Middle Grade“, 8 bis 12, bleibt mir vieles hier zu abgespeckt, geschmacksneutral.

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19. Joe Shuster: Der Vater der Superhelden

Autor: Julian Voloj, Zeichner: Thomas Campi

Super Genius, 2018. Deutsch bei Carlsen.

180 Seiten, abgeschlossen.

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1938, mit Mitte 20, verkaufen Autor Jerry Siegel und Zeichner Joe Shuster, Freunde aus Cleveland, ihre Figur Superman an DC Comics – und schaffen damit das Superhelden-Genre. Was die neuen Helden über New York, den Zweiten Weltkrieg, jüdische Kultur erzählen, wie Superman zeit- und ideengeschichtlich wirkt, klärt Michael Chabons grandioser 600-Seiten-Roman „Kavalier & Clay“ (2000). Doch die bitteren persönlichen Folgen für Zeichner Shuster zeigt erst diese (oft etwas trockene) Comic-Biografie, die unter anderem auf Briefen und juristischen Dokumenten fußt. Wieso verdienten Siegel und Shuster kaum an Supermans Erfolg? Wie ließen Medienkonzerne und Verlage ganze Generationen Kreativer im Regen stehen – noch in den 90er- und Nuller-Jahren?

Die eleganten, hellen Zeichnungen erinnern an die späten 50er und „Mad Men“: War der Midcentury-Modern-Stil schon 1938 so präsent – in den Büros von Groschenheft-Verlagen? Nah kommt der Doku-Comic leider weder der Person Shuster noch seinen Figuren. Es bleibt beim „Wie gewonnen, so zeronnen“-Lehrstück ohne viel Charaktertiefe oder Psychologie. Doch Sätze wie „Bill Finger, Jack Kirby, Alan Moore wurden von Verlagen schlimm über den Tisch gezogen“ lese ich als Fan fast täglich. Hier endlich: die faktensatte, plastische Ausarbeitung eines solchen Falls.

Warmherzig, respektvoll, professionell: ein Urheberrechtsstreit, der noch 80 Jahre später Folgen hat. Wer 180 Seiten lang über Freiberufler-Elend lesen will…? Stilvoller, griffiger lässt sich ein derart trockener Stoff schwer inszenieren!

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18. Infidel

Autor: Pornsak Pichetshote, Zeichner: Aaron Campbell

Image Comics, März bis Juli 2018.

5 Hefte/ein Sammelband, abgeschlossen.

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Horror lebt von Furcht… und Identifikation. Doch jede Gruppe hat eigene, spezifische Ängste. Pornsak Pichetshote war Redakteur und Lektor bei Vertigo Comics. Im Debüt als Autor zeigt er Rassismus, Grusel, Ausgrenzung, Monster und institutionelle Gewalt: Aisha ist Muslima und lebt mit Mann und Kind im Apartment der christlichen Schwiegermutter. Als sie im Traum – und bald auch im Gebäude – Monster sieht, beginnt ein nervöser Tanz um Notwehr, Vorwürfe, Paranoia, Terror und Fremdenfeindlichkeit, der viele Nachbarn und Aishas Freundin Medina in Dialog bringt: Wie begegnet New York People of Color, seit dem 11. September? Wie leiden US-Bürger, die ständig misstrauisch als Andere, Fremde „ge-other-ed“, ausgeschlossen werden? Welchen Mächten – politischen wie übersinnlichen – nutzt dieses „Othering„?

Die antirassistische Horror-Satire „Get Out“ gewann 2018 den Oscar fürs beste Drehbuch. Auch „Infidel“ zeigt die bürgerliche Mehrheit als größte Bedrohung: Das Monster selbst, ein Dschinn, wirkt einfallslos – und als sogar die Figuren sagen: „Nutzen wir jetzt im Ernst dieselbe Taktik wie bei ‚Ghostbusters‘?“ wird klar, dass Atmosphäre, Politisches hier mehr zählen als ein besonders origineller, schnittiger Frau-im-Mietshaus-gegen-Wesen-Plot. Es gibt zu viele und zu flache Figuren, konstruierte Wendungen. Vieles verheddert sich: Die geplante TV-Version muss besser werden!

Trotzdem: Wie vielen Frauen of Color, wie vielen Muslimas geben Comics Raum? Auch Matt Ruffs Roman „Lovecraft Country“ verknüpfte 2018 Horror und Ausgrenzung, Rassismus. Eine riesiges Feld – das hoffentlich auch Pichetshote weiter bearbeitet. Talent und Potenzial? Massig, schon hier!

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17. Runaways

Autorin: Rainbow Rowell, Zeichner: meist Kris Anka

Marvel Comics, seit September 2017.

15+ Hefte in 3+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Sechs Jugendliche sehen sich einmal im Jahr. Weil die Eltern Charity-Projekte leiten? Nein: In Wahrheit sind sie heimliche Superschurken; und gemeinsam flüchten die sechs Kinder (und ein Dinosaurier) als Helden-Clique „Runaways“ vor Familie, Behörden und Aliens quer durch die Marvel-Welt. Brian K. Vaughan („Saga“) erfand die Reihe 2004; eine TV-Serie startete 2017. Der Comic-Neustart fragt recht einsteigerfreundlich: Wie prägen Intrigen, Unterwegs-Sein, Misstrauen, Traumata eine Gruppe? Wie geht Erwachsenwerden ohne Eltern-Rückhalt? Jugendbuchautorin Rainbow Rowell lässt sich alle Zeit für Sinnsuche, „Teen Angst“, Kameraderie – tiefer, langsamer, psychologischer, witziger und oft viel origineller als andere Marvel-Reihen. Meist hängen die Ausreißer lustlos auf dem Sofa. Besonders im schlaffen Band 2: viel unnötiges Jammern, Schmollen.

Junge Helden-Teams („Young Avengers“, „Teen Titans“, aktuell die schmissigen „West Coast Avengers“) wollen Jugendlichkeit, Jungsein oft feiern, loben. „Runaways“ zeigt vor allem, wie naiv, schlecht ausgebildet, misstrauisch und aus der Zeit gefallen die „Runaways“-Notgemeinschaft mit den Jahren wird: In ständiger Todesangst fasst man selten schärfste Gedanken. Oder lernt, gesunde Beziehungen zu führen. Der Comic wird zum Sammelbecken für beschädigte Figuren – und zur Einladung an beschädigte Leser*innen: voller Wortwitz und Sarkasmus.

Ob Rowell hier nur seufzen will: „Erwachsenwerden heißt oft: ein Schritt vor, zwei Schritte zurück“ oder ob die panische Ersatzfamilie bald endlich raus, los, weiter kommt, werden erst folgende Bände zeigen. Bisher machen alle sechs Runaways vor allem (lesenswert dramatische!) Fehler.

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16. Ice Cream Man

Autor: W. Maxwell Prince, Zeichner: Martin Morazzo.

Image Comics, seit Januar 2018.

8+ Hefte in 2+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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„Geschichten aus der Schattenwelt“ (1984), „American Gothic“ (1995), Stephen Kings Novellen: US-Horror bleibt oft putzig moralisch, reaktionär. Naive Lehrstücke mit Lektionen wie „Hochmut kommt vor dem Fall“, die ich mit 12, 13, 14 erwachsen fand. „Ice Cream Man“ erzählt in jedem Heft eine solche Grusel-Kurzgeschichte – abgedroschen, abgeschlossen. Belohnt werden meist die selben biederen Normen, auf die Grimms Märchen weisen: Die Dicken sterben an Völlerei. Jeder kriegt seine Rechnung. So schnell kann’s gehen, ja ja. Dass „Ice Cream Man“ trotzdem viel bösen Spaß macht, liegt an den trashigen Zeichnungen von Martin Morazzo. Den abwechslungsreichen (doch immer abgeschmackten) Plots und Twists. Und einer Mythologie, die sich nur langsam zeigt: Wer ist der Mephisto-artige Eisverkäufer mit starrem Lächeln und buntem Kühlwagen?

Kluge Horror-Comics wie „Harrow County“, „Locke & Key“ folgen unvergesslichen Figuren. Doch weil in „Ice Cream Man“ alle Opfer, Fast-Opfer, Doch-nicht-Opfer und Täter-statt-Opfer nach 20 Seiten eh bestraft, entsorgt, vergessen sind, lese ich hier keine „Schicksale“. Sondern Goldmarie-und-Pechmarie-, Die-Guten-ins-Töpfchen-die-Schlechten-ins-Kröpfchen-Gedankenspiele: Wer wird belohnt? Wer hat Gewalt und Strafe, die plötzlich in den Alltag brechen, „verdient“; wer nicht? Was sind die aktuellen Feindbilder, Prügelknaben, „acceptable targets“ im US-Horror: Um wen ist es „nicht schade“?

Ein autoritäres Weltbild. Straf- und Rachefantasien. Das genuin Gruselige an biederen US-Comics? Wessen Tode uns befriedigen, freuen sollen.

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15. Incognegro & Incognegro: Renaissance

Autor: Mat Johnson, Zeichner: Warren Pleece

Vertigo/DC Comics (Incognegro: 2008) und Berger Books/Dark Horse Comics (Renaissance: 2018)

Zwei abgeschlossene Geschichten mit je ca. 120 Seiten, beides erst in je 5 Heften erschienen, dann als Sammelband.

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Zwei Krimis, durch und durch: Wer „Incognegro“ und die Vorgeschichte „Incognegro: Renaissance“ als Historien- und Dokumentar-Comic über Rassismus in den 1920er Jahren liest, behält Lücken. Zu lustvoll, melodramatisch, konstruiert dreht sich hier alles um Verdächtige, falsche Fährten und den Kampf des sarkastischen Journalisten Zane Pinchback gegen Lug, Trug, Vorurteile: Genre-Kost, pointiert und überzeichnet. Autor Mat Johnson wird oft für einen Weißen gehalten; und schon 1929 schrieb die Harlem-Renaissance-Autorin Nella Lawson im Roman „Passing“ über die Preise, die hellhäutige Schwarze zahlen, sobald sie öffentlich als Weiße auftreten. Im (passablen) „Incognegro: Renaissance“ hilft Zane einer schwarzen Aufsteigerin, deren „Passing“ in der Film- und Literaturszene Erpressungen provoziert.

Im (besseren, doch oft leichtfertig brutalen) „Incognegro“ nutzt Pinchback sein eigenes „Passing“, um in die Südstaaten zu reisen und als vermeintlich weißer Reporter Bürger bloßzustellen, die Lynchmorde bejubeln. Ich lernte zwar einiges über Segregation, Jim-Crow-Gesetze, Justiz- und Unterdrückungsmechanismen seit dem US-Bürgerkrieg… doch hätte lieber einen seriöseren Sachcomic über White Supremacy als dieses schmissige, überkonstruierte, an vielen bedrückenden Stellen plötzlich action- und plotversessene Katz-und-Maus-Spiel.

Flotte Sprüche, böse Wendungen, coole Helden: Als Unterhaltung mit großem Herz und emanzipatorischem Anliegen machen beide Bände Vieles viel, viel richtiger als andere Krimis. Als Lehrstücke zu Rassismus und Lynchmorden bleiben sie zu grell, oberflächlich.

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14. Crowded

Autor: Christopher Sebela, Zeichner*in: Ro Stein

Image Comics, seit August 2018.

4+ Hefte; alle 6 Hefte erscheint ein Sammelband: wird fortgesetzt.

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Frauen mit Abgründen, Defekten, gehetzt durch eine bitterböse Welt. 2014, in Christopher Sebelas Himalaya-Thriller „High Crimes“, verfranste sich eine drogensüchtige Bergführerin in Schluchten und Selbsthass. „Crowded“ (Arbeitstitel: „Crowdfundead“) folgt zwei störrischen, verschlossenen Frauen – ebenfalls auf der Flucht vor Killern: Die eitle Charlie hält sich via „Gig Economy“ über Wasser: Über Apps kann man ihr Auto, Bett oder ihre Zeit als zum Beispiel Dogwalkerin buchen. Als immer mehr Passanten plötzlich versuchen, sie zu töten, wird klar: Bekannte, „Freunde“, Familie sammelten Kopfgeld, online, oft anonym. Wer Charlie tötet, erhält eine Million Dollar. Solche Mordkampagnen liefen bislang vor allem für Politiker. Vida, Personenschützerin mit schlechter Online-Wertung, muss wissen: Was tat Charlie (aufmüpfig, unzuverlässig), um so gehasst zu werden?

2015 überzeugte der Social-Media-Satire-Comic „Prez“. „Crowded“ zeigt im selben bitter-überdrehten Ton, wie Frauen unter Wertungs-Terror, Shitstorms, dauernder Verfügbarkeit, Kapitalismus leiden. Die Streits zwischen Vida (lesbisch, wortkarg, mürrisch, pragmatisch) und Charlie (egoman wie Lena Dunham in „Girls“ oder Bryan Lee O’Malleys fiese Influencerin „Snotgirl“) haben Biss, und nach fünf Heften bin ich froh, dass Sebela noch weitere Kapitel, Sammelbände plant. Eine sarkastische Reihe – doch niemals zynisch, plump technik- oder menschenfeindlich.

Eine Welt, die sofort jeden abstraft, der laut ist oder irritiert: „Crowded“ ist kritisch wie „Black Mirror“ – doch hat mehr Farbe, Tempo, Wortwitz. Lässt sich das über 12 oder 18 Hefte hinweg halten?

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13. Unerschrocken: 15 Porträts außergewöhnlicher Frauen (2 Bände, je 15 Porträts)

Autorin und Zeichnerin: Penelope Bagieu

Gallimard, 2016 und 2017. Deutsch bei Reprodukt, 2017 und 18.144 Seiten (Band 1), 168 Seiten (Band 2), abgeschlossen.

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Kaum Bildfolgen, Sequenzen. Keine Sprechblasen. Immer jeweils nur ein Frauenleben, erzählt auf fünf bis sieben Seiten, mit sechs bis neun Bildern pro Seite – oben immer Fließ-, Erklärtext, darunter eine simple Illustration. Als Fazit jeweils noch eine vielfarbige, prächtige Doppelseite, die jede Frau in ihrem Element, ihrer Lebenswelt feiert. „Unerschrocken“ begann als grafische Erklär-Kolumne auf der Website von Le Monde Diplomatique: Bagieu stellt Pionierinnen vor wie Mae Jemison – die erste schwarze Frau im All –, Agnodyce – Gynäkologin im antiken Athen – oder Christine Jorgensen, trans Frau und Star ab 1953. Fast jede Geschichte endet als Triumph: „Unerschrocken“ inspiriert, beflügelt, macht Mut. Viele dunkle Momente, Rückschläge und einige z.B. blutrünstige Kaiserinnen, Kriegsherrinnen, Partisaninnen sorgen für Abwechslung.

Ich zögere, die (leider auf glanzlosem, recht gelbstichig-trübem Papier gedruckten) Bände „Comics“ zu nennen: Präzise, endlos interessante Erklär-Textchen und -Bildchen, schwungvoll gezeichnet, über Frauen, die jedes Kind kennen sollte. Bekannt sind u.a. die Forscherin, Tierrechts-Aktivistin und Autistin Temple Grandin. Die lesbische Autorin Tove Jansson, Erfinderin der „Mumins“. Oder Kunstsammlerin Peggy Guggenheim – über deren Kämpfe, Konflikte ich bisher nichts wusste. Bitte unbedingt googeln: Sonita Alizadeh. Jesselyn Radack. Leymah Gbowee.

Absurd, welche Vorurteile, Hürden, welches Unrecht Frauen vor 200 Jahren ausgrenzte, bremste. Oder vor 70 Jahren. Oder heute!

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12. Days of Hate

Autor: Ales Kot, Zeichner: Danijel Zezelj

Image Comics, Januar 2018 bis Januar 2019.

12 Hefte in 2 Sammelbänden, davon 11 bereits erschienen; danach abgeschlossen.

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„Solche Comics sind Hilferufe: Der Autor braucht Therapie“, spottet ein Nicht-Fan über „Days of Hate“. Ich las bisher alle Reihen von Ales Kot. Sie wirkten hochpolitisch, ambitioniert, voll literarischer Bezüge, doch dabei freudlos, nihilistisch: rechthaberische Polit- und Politikverdrossenheits-Essays, erzählt als tiefgraue Comic-Thriller. „Days of Hate“ zeigt ein Ex-Liebespaar in einem dystopischen Amerika, 2022. Amanda führt Krieg gegen die Regierung. Huan, ihre Exfrau, hilft dem Geheimdienst, Amanda zu stellen. Sind die Frauen echte Gegnerinnen? Woran scheiterte die Ehe? Was erhofft sich Huan in rassistischen Verhören? Wie konnten Trumps Diskursverschiebungen die USA in vier kurzen Jahren ruinieren?

False Flags, Fake News, White Supremacy: Nach jedem Kapitel gibt Kot machtkritische Buch-, Essay- und Musiktipps. Der drückende Zeichenstil, die vielen Schatten, die schon in ähnlich hoffnungslosen, tollen Polit-Reihen wie „DMZ“ und „The Massive“ überzeugten, passen zum erwachsenen, doch oft belehrenden Ton. Zwei verletzte, hoch gebildete Frauen und mehrere Unterdrücker, Agenten debattieren wie in Sartres „Geschlossene Gesellschaft“. Das Weltbild (und den Insider-Jargon) kenne ich aus Oliver Stones Verschwörungsthrillern der 90er.

Vor 25 Jahren fragten Linke der Generation X, was Widerstand bedeutet. Ales Kot (32, Generation Y) stellt die selben Fragen, im selben Look. Kritik an der Brave New World, im Ton der guten alten (90er-)Zeit.

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11. Mr. Miracle

Autor: Tom King, Zeichner: Mitch Gerads

DC Comics, August 2017 bis November 2018.

12 Hefte in 2 Sammelbänden, abgeschlossen.

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Vor einem Jahr, nach fünf (von zwölf) Heften/Kapiteln, stürmte „Mister Miracle“ viele Beste-Comics-2017-Listen als clever-wirres Weltraum-Rätsel. Ich bleibe unsicher, wie klug der toll gezeichnete und inszenierte Comic wirklich von Gehirnwäsche, Palastintrigen, „Mindfucks“ unter Höllengöttern erzählt: Despot Darkseid knechtet den Fabrik-Planeten Apokolips. Im Krieg gegen das aseptische New Genesis wird Frieden erst möglich, indem Darkseid und Patriarchen-Gott Highfather Söhne tauschen. So wächst Scott Free in Darkseids Folterkammern auf, verliebt sich in die „Female Fury“ Big Barda und flüchtet als Entfesslungskünstler „Mister Miracle“ zur Erde – alles erzählt ab 1971, in Jack Kirbys „New Gods“-Comics. Barda und Scott leben als junges, traumatisiertes Paar in LA. Ist seine Kindheit Gund für Scotts plötzlichen Suizidversch? Steckt Darkseid dahinter?

In vielen Mainstream-Comics ist das Power-Couple Scott und Barda Teil der Justice League. Für Autor Michael Chabon war Barda (dominant, souverän, wuchtiger als ihr Partner) eine prägende Sehnsuchts-Frau. Trotz Jack Kirbys pompöser, fast biblischer Mythologie sind die Eheleute zugänglich, plausibel, sympathisch. Nach 12 Ausgaben Geraune, Rätsel, Andeutungen, bleibt von „Mister Miracle“ kein (richtig stimmiger) Brainfuck-Plot: King ging es offenbar viel mehr um (oft: profane) Widersprüchlichkeiten einer modernen Partnerschaft ab 30 – skurril verfremdet.

Götter und Ausklapp-Sofas: „Mister Miracle“ fragt, wie Menschen die Verletzungen ihrer Kindheit in die Ehe tragen – und sie überwinden. Als Autor von „Batman“ liebt Tom King Halbgares, Stream-of-Consciousness-Gestammel. Auch hier bleibt vieles offen. Doch Scott und Barda rühren, leuchten!

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10. Shimanami Tasogare

geschrieben und gezeichnet trans Zeichner*x Yuhki Kamatani

Shogakukan, März 2015 bis Mai 2018.

21 Kapitel in vier Sammelbänden, abgeschlossen.

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Eine marode Kleinstadt am Meer. Eine Teestube als sanfter Rückzugsort: Safe Space. Und Tasuku, etwa 15 Jahre alt, der jedes Wochenende mit den neuen Lounge-Bekannten verlassene Häuser renoviert, bezahlt mit staatlichen Fördermitteln: Yuhki Kamatani sagt nicht, welches Geschlecht sie oder er hat – nur, dass ihm oder ihr als Kind das falsche Geschlecht zugewiesen wurde. Ihr oder sein Manga zeigt unter anderem eine nonbinary Figur, die weder „er“ noch „sie“ genannt werden will (und asexuell ist). Einen Crossdresser, etwa 12, der Mädchenhaftes liebt. Ein lesbisches Paar, das heiraten will. Und den älteren Tchaiko, dessen Lebenspartner im Sterben liegt. Alle Figuren fragen in ruhigen, klugen Gesprächen: Wie hängen Begehren, Queerness, Selbstverständnis und Identität zusammen?

Fast alle „Boy’s Love“-Mangas führen klischeehafte Männer-Paare für Hetero-Fans vor: sexistische Klischees wie „Der starke, größere Partner penetriert den zarten, weibischen“. Mit jenem Kitsch-und-Klischee-Erotik-Genre hat „Shimanami Tasogare“ nichts zu tun. Ein respektvolles Erklär- und Alltags-Drama ohne Exotisierung. Nur der Abschluss des auf Deutsch noch nicht erhältlichen Geheimtipps kommt viel zu abrupt: Ich hätte gern noch jahrelang verfolgt, wie sich die respektvollen Figuren gegenseitig fördern, stützen und herausfordern.

Je mehr wir über Identitäten, Sexualitäten sprechen, desto klarer wird, dass wir noch viel, viel mehr erklären und verstehen müssen. Erklär-Mangas geben bei vielen Themen Hilfestellung. Hier fließt alles so klug, entspannt, präzise – das muss in (Schul-)Bibliotheken!

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09. Der Umfall

Autor und Zeichner: Mikael Ross

Avant Verlag, 2018.

128 Seiten, abgeschlossen.

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Eine evangelische Stiftung in Niedersachsen, das inklusive Dorf Neuerkerode, gibt einen Promo- und PR-Comic in Auftrag (uff!). Ein Cartoonist, der Körper gern cartoon- und lachhaft überzeichnet, zeigt Figuren mit Behinderung (hmpf!). Hauptfigur Noel, herzig, pummelig, Anfang 20, muss zur betreuten Wohngruppe aufs platte Land, weil die Mutter einen „Umfall“ hatte, leblos im Bad lag… doch plant den wilden Roadtrip heim nach Berlin (oje!). „Mutig“ sind die kurzen, oft tragikomischen Anekdoten aus dem Heim-Alltag nicht, weil Künstler Mikael Ross Neues ausprobiert, sondern, weil er überraschend warmherzig, souverän, respektvoll zeigt, dass auch auf ausgetretenen Pfaden Raum ist für Figuren mit Behinderung, würde- und humorvoll porträtiert. Furchtbar gut gemeint. Doch, Überraschung: tatsächlich auch furchtbar gut gemacht!

Ein Spielfilm über das Dorf (und unter anderem die T4-Morde bis 1945) wäre schnell verkitscht, artifiziell. Als Roman bräuchten Ross‘ Nuancen, Ambivalenzen viel mehr Umschreibung. Und eine TV-Doku wirkt schon nach drei, vier Jahren gestrig. „Der Umfall“ gelingt – doch wiederholt ein Muster: Hauptfiguren mit geistiger Behinderung erleben oft größte Schläge. Hören immerzu, wie viel sie nicht dürfen, können, niemals erreichen. Dann weinen sie, schlagen kurz über die Stränge, und ein bittersüßes Ende zeigt: Das Leben geht weiter.

Wie Menschen, alert genug, um zu verstehen, dass ihnen dauernd Teilhabe, Normalität verweigert wird, mit dieser Dauer-Frustration umgehen, ohne, zu verbittern oder täglich zu platzen? Das fragt der immens lesenswerte Comic zwar. Eine Antwort hat das bittersüße Klischee-Ende nicht.

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08. Saga

Autor: Brian K. Vaughan, Zeichnerin: Fiona Staples

Image Comics, seit März 2012.

54+ Hefte in 9+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Ein Ehepaar, ihre Tochter und viele (oft wechselnde oder sterbende) Verbündete auf der Flucht – gejagt von Kopfgeldjäger*innen, Geheimdiensten und den Heeren zweier Mächte: Alana war Soldatin der Landfall-Allianz. Marko stammt vom Mond Wreath. Ihr Kind Hazel gilt als biologische Unmöglichkeit, und seit 2012 erzählten 54 Hefte/Kapitel von Gewalt, Familie (und Wahlfamilien, Solidarität), dem Glück (und manchmal Trauma), Eltern zu sein und dem Trauma (und manchmal Glück), Kind zu sein. Jedes Heft überrumpelt auf Seite 1 mit absurden neuen Settings und Figuren. Jedes Heft endet mit einem „Da staunt ihr!“-Twist. Brian K. Vaughan benutzt immer gleiche, oft eitle Kunstgriffe: Gefühlsachterbahnen. Dramatic Irony. Überraschender Verrat. Überraschende Versöhnung. So toll Fiona Staples‘ Gestalten und Design sind: „Saga“ wirkt sehr kalkuliert.

Toll darum, dass nach neun Sammelbänden (und etwa der Hälfte der geplanten Geschichte) ein radikaler Einschnitt zeigt: Vieles, das in den letzten Jahren geschah, kann nach 2018 unmöglich weiter aufgekocht, variiert werden. Die Karten liegen plötzlich anders.

„Saga“ ist verlässlich einer der anspruchsvollsten, (verkrampft) originellsten und mainstream-tauglichsten Erwachsenencomics, Jahr für Jahr. Mit Band 9 beweist Vaughan, dass er keine Masche, kein Strickmuster perfektioniert – sondern sich Anfang, Mitte und (in fünf Jahren?) Ende deutlich unterscheiden. Was in Band 6, 7, 8 mitunter wie Leerlauf, Wassertreten wirkte, liegt jetzt in einem neuen Licht. Ein guter Punkt, um einzusteigen!

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07. Go Go Power Rangers

Autor: Ryan Parrott, Zeichner: Dan Mora; später Eleonora Carlini

Boom! Studios, seit Juli 2017.

14+ Hefte in 3+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Alien Zordon leiht fünf Teenagern aus Angel Grove, Kalifornien, Kräfte (und Dinosaurier-Roboter), um eine böse Hexe auf dem Mond zu stoppen: Rita Repulsa. Die billige TV-Serie ab 1993 – als Rahmenhandlung: fade US-Teens im Jugendzentrum; dazwischen Monster-Kämpfe, aus der japanischen „Super Sentai“-Reihe importiert – zeigte mir damals nur, dass ich mit 11, 12 fadem Kinder-TV entwuchs. Ein 25 Jahre altes Trash-Franchise, für das mir jede Nostalgie, fast alle Kenntnisse fehlen. Doch eine Menge aktueller US-Comics (besonders bei Dark Horse, IDW und Boom) setzen Kinder- oder 90er-Erfolge komplexer, erwachsener neu fort: 2018 erhielten unter anderem neue Comics zu „Turtles“, „Transformers“, „Xena“, „Der dunkle Kristall“ exzellente Kritiken.

„Go Go Power Rangers“ gibt fünf, sechs Hauptfiguren viel Zeit: Die Reihe spielt kurz nach Folge 1 der Serie. Die Teenager hadern mit ihren Rollen, Kräften und Geheimnissen. Dass alle sprechen wie 2018, und nur ihr Jugendzentrum aussieht wie 1993? Dass ich nicht weiß, was aus Zordon oder Rita wird? Und dass ein anderer, paralleler Comic, Kyle Higgins‘ „Power Rangers“, noch mehr (viel kompliziertere) Zusatz- und Drumherum-Geschichten erzählt? Egal! Kein Fan- und Vorwissen sind nötig: Alles erklärt sich zwanglos und elegant nebenbei.

Ein Comic, an dem alles schreit „zweitrangig, nebensächlich“ beweist, dass auch fadenscheinige, lieblose Konzepte strahlen können – sobald Figuren Raum kriegen für Witz, Ideen, Verletzlichkeit.

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06. Girlsplaining; Der Ursprung der Welt; Der Ursprung der Liebe

Katja Klengel (Autorin und Zeichnerin), Reprodukt Verlag.

160 Seiten, 2018. („Girlsplaining“)

Liv Strömquist (Autorin und Zeichnerin), Avant Verlag.

(„Welt“: 140 Seiten, 2017. „Liebe“: 136 Seiten, 2018.)

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Eine Kulturgeschichte der Vulva: Wie deuteten, straften, stigmatisierten Männer weibliche Lust, Menstruation, den Körper? („Der Ursprung der Welt“) Und eine Kulturgeschichte der Idee, dass Frauen besondere Erfüllung finden, indem sie sich einem Partner unterwerfen („Der Ursprung der Liebe“: straffer, pointierter, doch etwas flacher). Feministin und Kulturwissenschaftlerin Liv Strömquist spricht in zwei Schwarzweiß-Erklär-Comics mit oft polemischem, überlangem Text und meist arg simplen, bewusst dilettantischen Zeichnungen im Punk- und Fanzine-Look über Statistiken, Denkfehler, kollektive Urteile. Bücher, die jeder Mensch ab 13 mit Gewinn lesen wird. Kurz nerven die Krakelschrift, die Textwüsten, der plump rotzige Jargon. Zu oft sind Strömquists Montagen so einladend, ansehnlich wie PowerPoint. Trotzdem: ein Muss!

Kürzer, witziger erklärt Katja Klengel, geboren 1988 in Jena, wie starke Frauenfiguren wie Sailor Moon, Buffy, Prinzessin Fantaghirò sie in den 90ern inspirierten. Wie „Sex & the City“ sie hingegegen hemmte und frustrierte. Das Stigma Körperbehaarung. Rosarotes Mädchen-Spielzeug. Die Standard-Themen feministischer Kolumnen – super-liebevoll und -gewitzt illustriert. Kein Buch stimmte mich 2018 fröhlicher: Ein fast perfekter Verschenk- und Einstiegs-Tipp, zugänglich, sympathisch!

Als Texte ohne Bilder wäre Strömquist recht glanzlos, trocken – und Klengel viel zu karg. Erst all die albernen, verspielten Illustrationen schaffen Sog und Ausgleich: Feministische Essays, die einladen, Welt neu und kritischer zu sehen.

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05. Eine Schwester

Autor und Zeichner: Bastien Vivès

Casterman, 2017. Deutsch bei Reprodukt, 2018.

216 Seiten, abgeschlossen.

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Geht das nur in Frankreich – als eleganter Comic, der nur die nötigsten Umrisse zeigt? Oft sogar Blick und Augen der Figuren ausspart? Antoine ist 13, zeichnet Pokémon und schlägt mit seiner jüngeren Schwester am Strand und im Ferienhaus Zeit tot. Dann wird die 16-jährige Hélène, Tochter einer Freundin der Eltern, für ihn zur Mentorin, Vertrauten und „Schwester“. Vivès zarte, kluge Ferien-Episode wäre noch besser, würde sogar noch mehr fehlen: Das nächtliche Wettschwimmen mit melodramatischer Pointe. Die Erektion des 13-Jährigen in einer Dusch-Szene. Nicht-sehr-subtile Psychologisierungen zur Frage, was „Kind“, „Schwester“, „Zuwachs“ etc. für alle Figuren bedeuten. Originell ist nichts an dieser Geschichte – oder ihren Motiven. Manches wirkt so reißbretthaft wie eine Familienaufstellung.

Doch so, wie ich bei Vivès‘ Tanzhochschul-Comic „Polina“ (2011) noch Jahre später Räume, Körper, Choreografien erinnere und weiß: deutlicher, markanter hat mir niemand je dieses Milieu vermittelt… denke ich bei „Eine Schwester“: Respekt! Das sind Bilder und Figuren, die lange nachklingen. Für die 216 Seiten braucht man keine 30 Minuten. Alle kurzen Dialoge, spärlichen Bilder, skizzierten Zimmer, Wege, Beziehungen bleiben, nüchtern betrachtet, supervage, karg und offen. Die Kunst des Weglassens. Leerstellen, die faszinieren.

Weniger ist selten mehr. Doch selten ist so wenig… so wunderbar viel. Eine zeitlose Coming-of-Age-, Initiations-Geschichte, in der jeder Strich und jede Silbe zählen.

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04. Kingdom

Autor und Zeichner: Jon McNaught

Nobrow Press, 2018.

112 Seiten, abgeschlossen.

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1931 erschien R.C. Sherriffs „Septemberglück“: ein gemütvoller, stiller Roman über britische Kleinbürger mit fast erwachsenen Kindern, die zwei Wochen in einem Kurort sitzen – sobald es kühler wird und die Pension erschwinglich. Dieser Klassiker ist keine Satire über Spießer, und auch kein Versuch, oft heikle, trostlose Ferien und murksige Entscheidungen von Familien, denen Geld und Bildung fehlt, zu beschönigen. Jon McNaught, Illustrator (33), schafft die fast selbe Atmosphäre, in wenigen Farben und der flächigen Fehldruck-Optik von Risografien. Eine alleinerziehende Mutter, ihr Sohn (etwa 15 Jahre alt) und die kleine Schwester im Containerdorf am Meer. Ein totes Schaf in den Dünen. Eine Spielhalle am Rasthof. Der melancholische Besuch bei einer Tante. The seaside town that they forgot to close down…

McNaughts Illustrationen passen auf Buchcover oder zum „New Yorker“: retro, flächig – meist simple Spiele mit Licht, Schatten, Silhouetten, Negative Space. Die Puppengesichter, Knopfaugen der Figuren wirken schlicht – die Emotionen sind es nicht: Ein Buch über Schönheit, Schäbigkeit, Melancholie und kleines Glück, in dem jede Szene mit großflächigen Zeichnungen beginnt… doch bald schon kurze, leise Dialoge, Blicke, kleine Wendungen in immer engere, beklemmendere Panels stampft. Comic-Star Chris Ware erzählt ähnlich – und empfiehlt und fördert McNaught.

„Man braucht eben kaum Plot, wenn das Design überzeugt!“, denke ich beim Blättern. Und dann wieder: „Man braucht eben kein eitles, bombastisches Design – bei einem so simplen, zeitlosen, starken Plot.“ Ein Kleinod!

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03. Space Brothers

Autor und Zeichner: Chuya Koyama

Kodansha, seit Ende 2007.

327+ Kapitel in 34+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Große Männer – als kleine Geister: Wer Branchen zeigt, in denen Pathos und Elite zählen (Medizin, Sport, Politik, Militär), stellt Profis oft als Ausnahme- oder Übermenschen dar. Oder ruft besonders hämisch: „Kuckt. Die kochen nur mit Wasser!“ Ingenieur und Autodesigner Mutta, Anfang 30, steht im Schatten des jüngeren Hibito: dem ersten Japaner, der 2025 für eine NASA-Mondlandung im Gespräch ist. Mutta hat Gespür für Stimmungen, Ambivalenzen. Doch im Versuch, taktisch raffiniert aufzutreten, macht er sich oft zum Trottel. Eignungs-Verhöre, Budget-Debatten, Assessment Centers, lustvolles Improvisieren… „Space Brothers“ zeigt Druck und Ethos bei der NASA. Viel Navigieren mit Vorgesetzten und Kollegen. Und, je näher die Brüder dem All kommen: das Wissen, dass jeder Fehltritt die Karriere kosten kann – und Menschenleben.

Ein Manga für berufstätige Männer… der Frauen wenig Raum bietet. Die einfältige, plumpe Mutter. Die 15-jährige russische Tänzerin Olga, verliebt in Hibito. Ein afroamerikanischer Astronaut wird als Gorilla vermarktet – ohne, dass sich jemand am Rassismus stößt. Vieles wird nur langsam, über Jahre hinweg enthüllt oder präzisiert. Dann aber: toll kitsch-, pathos-, und patriotismusfrei. Deshalb vertraue ich auch bei Misstönen wie Olga oder dem Gorilla-Vergleich auf die Zeit: Vieles, das „Space Brothers“ nur kurz streift, wirkt halbgar, skurril. Später wird es en detail erklärt – und stimmig.

Mutta ist ein Unikat (und Tölpel). Ich liebe, diesem Mann beim Entscheiden zuzusehen – in einer akribisch recherchierten, glaubwürdigen Erzählwelt. Ingenieurskunst, Gruppendynamik, Lern- und Organisationspsychologie – statt plump gefeiertes Heldentum.

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02. Drei Wege

Autorin und Zeichnerin: Julia Zeijn

Avant Verlag, 2018.

184 Seiten, abgeschlossen.

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100 Jahre Frauenwahlrecht: 1918 wird Ida (18) Hausmädchen einer bürgerlichen Familie, lernt Radfahren, stellt Weichen fürs Leben. 1968 will Marlies (18) eine Ausbildung im Buchhandel – obwohl sie eh bald unter die Haube soll. 2018, nach dem Abitur, schaut Selin (18) auf ihre Mutter (Influencerin und Öko-Bloggerin) und die ambitionierte beste Freundin (Studium in den USA) – und muss abwägen, wie viel Ruhe oder Sinnsuche sie sich noch leistet. Die Bleistift-Zeichnungen, vermeintlich kindlich, strotzen vor Berlin-Details und den Spezifika historischer Milieus. Statt vieler Farben liegt nur je ein Filter über jedem Erzählstrang. Ida: blasses Gelb; Marlies: Altrosa; Selin: kühles Blau, wie LCD-Screens. In einigen Montagen, Stadtansichten stehen Filter und Zeiten wie Mosaiksteine nebeneinander: Drei Frauen radeln zu drei Zeiten durch die selbe Straße, in einem Bild.

10, 20 Seiten mehr pro Handlungsstrang – und die vielen Nebenfiguren hätten Tiefe. Mich begeistert, dass ein deutschsprachiger Comic auf Weltniveau erzählt – nicht durch gefällig kunstfertige Zeichnungen oder hochdramatische Themen. Sondern, weil Zeijn drei Frauen und ihre Welt erkennbar liebt, versteht, grandios effektiv vermittelt. Schon Barabra Yelins Comics („Irmina“, „Der Sommer ihres Lebens“) machten Spaß – wirken aber oft recht lehrstückhaft, von-oben-herab. „Die arme Frau: Opfer ihrer Zeit und Umstände!“

„Drei Wege“ ist optimistischer. Viel mehr am Individuum interessiert als am „Typus“, „Fallbeispiel“. Hätten alle Figuren so viel Tiefe, wäre das mein Buch des Jahres.

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01. Vinland Saga

Autor und Zeichner: Makoto Yukimura

Kodansha, seit Juli 2005.

155+ Kapitel in 21+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Ein brutales Wikinger-Epos – über Pazifismus: Thorfinn Karlsefni, Bauernkind auf Island, erlebt, wie sein oft nachgiebiger, konfliktscheuer Vater von Söldner-Hauptmann Askeladd betrogen wird. Thorfinn weiß nicht, wer den Mord in Auftrag gab, versteckt sich auf Askeladds Schiff und wird im Gefolge erwachsen: Askeladd verspricht, sich einem ehrenvollen Duell zu stellen, sobald sich Thorfinn als Messerstecher und Kampfmaschine bewährt. Der akribisch recherchierte, prachtvolle Historien-Manga startete 2007 in einem Magazin für Schuljungs: Kapitel 1 wirkt, als wolle es nur List und Kaltschnäuzigkeit übermenschlich schneller Super-Vikinger feiern. Doch ab Band 3 lässt der Plot keine Zweifel: Gewalt löst nichts. Alle (oft: historisch verbürgten) Figuren, die in Skandinavien und England intrigieren, kämpfen, Krieg führen, haben seelische Schäden – und tragen sie immer weiter.

Seit Band 15, als Thorfinn Vertraute findet, Verantwortung für Schwächere übernimmt, wird das Epos bunter, launiger. Trotzdem hat jeder Konflikt auf allen Seiten nur Verlierer – und kluge Perspektivwechsel und Dialoge zeigen, warum Konzepte wie „Mitleid“, „Atheismus“, „Demokratie“, „Gewaltfreiheit“ im frühen elften Jahrhundert, zur Zeit Leif Eriksons, nicht greifen: Eine Geistes- und Mentalitätsgeschichte aller Mitglieder der Ständegesellschaft. Duelle, Allianzen und Survival-Drama wie in „The Walking Dead“. Nur eben: warmherziger. Getragen von Idealen!

Mittelalter-Kitsch liebt alte Rollenbilder. Das Recht das Stärkeren. Der wohlige Grusel, dass jede tapfere Magd oder „zu stolze“ Leibeigene jederzeit „geschändet“ werden kann. „Vinland Saga“ zeigt komplexe Männer und Frauen – die in einer komplexen Welt maximal klug, moralisch handeln wollen.

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Die besten Bücher 2019: erste Favoriten und Empfehlungen [Buchtipps, Romane]

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bereits gelesen, Empfehlung:

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BARBARA PYM: „Vortreffliche Frauen“, Dumont, 14. Juni

„Im London der späten 40er Jahre gilt eine ledige Frau über 30 als alte Jungfer. Mildred, eine etwas farblose Dame ohne feste Bindungen, wuchs als Pfarrerstochter auf, arbeitet für eine Hilfsorganisation und engagiert sich in der Kirchengemeinde. Alles verläuft in ruhigen Bahnen, bis neue Nachbarn einziehen: eine attraktive Anthropologin und ein charmanter Marineoffizier. Das Paar stellt Mildreds Leben auf den Kopf. Nicht nur ist man dem Alkohol zugeneigt, es werden Dinge beim Namen genannt, die eine Lady lieber verschweigt. Vor allem aber wird Mildred wiederholt in Ehezwiste hineingezogen. Als sich schließlich der Pfarrer in ein neues Gemeindemitglied verliebt und Mildred um Hilfe bittet, wird es ihr zu viel: Mit einem Mal entdeckt die stets nützliche Mildred ihre eigenen Bedürfnisse und hat am Ende tatsächlich die Wahl zwischen zwei Männern. Legt sie als treusorgende Gattin des Wissenschaftlers fortan Sachverzeichnisse an, entscheidet sie sich für den Pfarrer oder verzichtet sie gar auf beide?“ [mehr: Goodreads]

Ein täuschend freundliches, doch nie betuliches oder verharmlosendes Portrait einer Frau, von der Männer denken: „Selbstverständlich, dass so eine uns zuhört. Zuarbeitet. Entgegen kommt.“

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angelesen und gemocht:

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KENT HARUF: „Abendrot“, Diogenes, 23. Januar

„Eine Kleinstadt in Colorado: Alle sind bemüht, dem Leben einen Sinn abzutrotzen. Zwei alte Viehzüchter müssen den Wegzug ihrer Ziehtochter verkraften. Ein Ehepaar kämpft ums schiere Überleben – und um die Kinder, die man ihnen wegnehmen will. Zwei Teenager sehnen sich nach Abenteuern. Doch dann gerät das Leben aller komplett aus den Fugen – und sie begegnen einander neu.“ [mehr: Goodreads]

Ich las und mochte Band 1.

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MARTA BREEN: „Rebellische Frauen – Women in Battle. 150 Jahre Kampf für Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit“, Elisabeth Sandmann Verlag, 11. Februar

„Der Kampf ums Wahlrecht war zugleich der Kampf dafür, als vernünftige, rational denkende Menschen wahrgenommen zu werden. Frauen kämpfen seit über 150 Jahren für wirtschaftliche Unabhängigkeit, Bildung, Beruf und für das Recht über den eigenen Körper und das Recht, zu leben und zu lieben, wen man will. Neben Rosa Luxemburg, Emmeline Pankhurst und Malala Yousafzai werden auch weniger bekannte Protagonistinnen der Frauenbewegung portraitiert.“ [mehr: Goodreads]

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JORGE BARON BIZA: „Die Wüste und ihr Samen“, Suhrkamp, 11. Februar

„Beim Unterschreiben der Scheidungspapiere schüttet der Vater der Mutter Säure ins Gesicht. Der gemeinsame Sohn ist anwesend, es ist der Moment, in dem er zu erzählen beginnt. Von den hilflosen Versuchen der ersten Minuten, den Schaden zu begrenzen, von der seltsamen Erleichterung, als er erfährt, dass sich der Vater eine Kugel in den Kopf geschossen hat, von der Reise an der Seite der Mutter nach Mailand zu einem Spezialisten, von seiner ganz persönlichen Höllenfahrt durch Bars und Bordelle.“ [mehr: Goodreads]

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MARTINA BERGMANN: „Mein Leben mit Martha“, Eisele, 22. Februar

„Der literarische Bericht einer ungewöhnlichen Lebensgemeinschaft. Martina kümmert sich um Martha. Martha ist Mitte achtzig und in einer »poetischen Verfassung«. So nannte das Heinrich, der Mann, mit dem Martha fast vierzig Jahre lang zusammenlebte. Jetzt ist Heinrich tot, und Martina beschließt, sich der alten Dame anzunehmen, ohne mit ihr verwandt zu sein oder sie auch nur gut zu kennen. Oder ist es vielmehr Martha, die sich Martina ausgesucht hat? Martina Bergmann tritt in ihrem ebenso klaren wie empathischen Bericht den Gegenbeweis dafür an, dass die Betreuung eines dementen Menschen eine Bürde sein muss. Ein glänzend geschriebenes Plädoyer für das würdevolle Zusammenleben.“

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JAMES M. CAIN: „Mildred Pierce“, Arche, 26. Februar

„Kalifornien während der großen Depression. Mildred, Hausfrau und Mutter, hat alles verloren; ihr Vermögen, weil ihr Mann Bert im Immobiliengeschäft scheiterte, dann auch Bert selbst, der eine jüngere Geliebte hat. Mildred bleibt mit ihren Töchtern, der zarten Ray und der älteren Veda, einem selbstherrlichen, kaltherzigen Mädchen zurück und baut nach und nach ein Restaurant-Imperium auf… als ihr Hang zu Männern ohne Rückgrat und ihre fast toxische Liebe zur niederträchtigen Veda sie zu ruinieren drohen.“ [mehr: Goodreads]

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MIAOJIN QIU: „Aufzeichnungen eines Krokodils“, dtv, 28. Februar

„Lazi studiert in den 80er Jahren kurz nach Aufhebung des Kriegsrechts in Taipeh und liebt die ältere Shui Ling. Nach der Trennung steht ein als Mensch getarntes Krokodil vor Lazis Tür, schüchtern, doch scharfsinnig und sehr überzeugend. Das Krokodil entflammt Lazi mit einer umstürzlerischen Idee.“ [mehr: Goodreads]

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WILLIAM KENT KRUEGER: „Für eine kurze Zeit waren wir glücklich“, Piper, 1. März

„Im Sommer 1961 kommt der Tod in vielen Formen nach New Bremen. Als Unfall. Selbstmord. Und als Mord. Zusammen mit seinem kleinen Bruder Jake scheint der dreizehnjährige Frank immer am falschen Ort zu sein – oder am richtigen, schließlich liefert eine Leiche auch Stoff für gute Geschichten. Bis das Sterben auch Franks Familie heimsucht.“ [mehr: Goodreads]

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MIRIAM TOEWS: „Die Aussprache“, Hoffmann und Campe, 5. März

„Acht Frauen. 48 Stunden Zeit, die eigene Geschichte umzuschreiben. Jahrelang versuchen sie, mit dem, was geschehen ist, zurechtzukommen. Jetzt haben die Frauen einer abgeschieden lebenden [Mennoniten-]Gemeinschaft die Gelegenheit, alles anders zu machen. Und so ergreifen sie das Wort. Sollen sie bleiben oder gehen? Bleiben sie, dann müssen sie nicht nur angehört werden, sondern auch verzeihen. Gehen sie, müssen sie in einer ihnen gänzlich unbekannten Welt den Neuanfang wagen.“ [mehr: Goodreads]

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DEBORAH LEVY: „Was das Leben kostet“, Hoffmann und Campe, 5. März

„Deborah Levy ist um die 50: Sie und ihr Mann gehen getrennte Wege, die ältere Tochter zieht fort, das gemeinsame Haus gibt es nicht mehr, ihre Mutter liegt im Sterben. Levy nimmt diese schmerzhaften Einschnitte zum Anlass, von Grund auf neu über die Frage nachzudenken, was es heißt, als Frau ein sinnreiches, erfülltes, selbstbestimmtes Leben zu führen. Eine kluge Aktualisierung der Gedanken Simone de Beauvoirs.“ [mehr: Goodreads]

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ADAM SILVERA: „Was mir von dir bleibt“, Arctis, 22. März

„Freundschaft, Liebe, Verlust, Trauer, Selbstsuche: Als Griffins erste Liebe und Exfreund Theo bei einem Unfall stirbt, bricht eine Welt zusammen. Obwohl Theo aufs College nach Kalifornien gezogen war und anfing, Jackson zu daten, hatte Griffin nie daran gezweifelt, dass Theo eines Tages zu ihm zurückkehren würde. Für Griffin beginnt eine Abwärtsspirale. Er verliert sich in seinen Zwängen und selbstzerstörerischen Handlungen. Seine Geheimnisse zerreißen ihn innerlich. Sollte eine Zukunft ohne Theo für ihn überhaupt denkbar sein, muss Griffin sich zuerst seiner eigenen Geschichte stellen.“ [mehr: Goodreads]

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BETTY SMITH: „Glück am Morgen“, Insel, 9. April

„Annie liebt Carl. Carl liebt Annie. Die Achtzehnjährige verlässt heimlich die Wohnung ihrer Mutter in Brooklyn und zieht in die kleine Universitätsstadt im Mittleren Westen, wo Carl Jura studiert. Sie lassen sich gegen den Willen ihrer Eltern trauen. Sie müssen mit wenig zurechtkommen, Carl hat kaum Zeit, Annie dafür umso mehr. Doch das Leben meint es gut mit ihnen, Annie findet neue Freunde, Carl bessere Nebenjobs, Annie besucht heimlich Literaturseminare und hat erste kleine Erfolge als Schriftstellerin. Ein wunderbar leichter Roman über das große Glück, zu lieben und geliebt zu werden.“ [mehr: Goodreads]

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GABE HABASH: „Stephen Florida“, Rowohlt, 16. April

„Das Alleinsein, die Besessenheit, das Ringen und der Wunsch, Großes zu schaffen. College in North Dakota: Stephen müht sich, von Sieg zu Sieg zu eilen. Abseits der Matte gelingt ihm nichts: Sein einziger Freund ist auf dem Sprung, seine Freundin eine Ablenkung, die er sich nicht erlauben kann. Als eine Verletzung ihn zu einer Winterpause zwingt, ringt er alleine mit sich und seinen Traumata.“ [mehr: Goodreads]

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TIM WINTON, „Die Hütte des Schäfers“, Luchterhand, 8. Juni

„Ein ödes Kaff in Westaustralien: Jaxie Clackton, 15, hat Angst, nach Hause zu gehen, seit seine Mutter gestorben ist. Sein Vater bedeutet für ihn nur Ärger und Gewalt. Jaxie läuft immer Richtung Norden, in die heiße, wasserlose Salzwüste, eine tödliche Gefahr für jeden, der sich dort nicht auskennt. Am Ende seiner Kräfte stößt er auf einen einsamen alten Mann in einer verlassenen Schäferhütte, und obwohl sein Leben von ihm abhängt, weiß er nicht, ob er ihm trauen kann.“ [mehr: Goodreads]

Tim Winton schrieb mein Lieblingsbuch 2016: „Inselleben“, und Klaus Berr ist einer der besten Übersetzer, die ich kenne.

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AMI POLONSKY: „Und mittendrin ich“, cbj, 24. Juni

„Was wäre, wenn dein Äußeres das genaue Gegenteil deines Inneren wäre? Du deine Sehnsucht einfach nicht mehr länger geheim halten könntest? Würdest du den Mut haben, du selbst zu sein? Bisher machte sich [trans Mädchen] Grayson, 12, in der Schule unsichtbar. Als eine unerwartete Freundschaft und ein verständnisvoller Lehrer Grayson ermutigen, ins Rampenlicht zu treten, findet Grayson endlich einen Weg, ihre Flügel auch im wahren Leben zu entfalten.“ [mehr: Goodreads]

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GENGOROH TAGAME: „Der Mann meines Bruders“, Carlsen, 29. Januar

„Kanadier Mike Flanagan ist der hinterbliebene Ehemann von Yaichis verstorbenen Zwillingsbruder Ryoji, der als Erwachsener die Akzeptanz seiner Sexualität im Ausland suchte. Mike will mit seinem Besuch endlich die japanische Verwandschaft kennenlernen und seine Trauer teilen.“ [mehr: Goodreads]

Ich las die ersten drei Bände: Band 1 ist holprig und wirkt konstruiert. Erst nach Band 2 wusste ich: Ich will das weiter lesen.

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neu von deutschsprachigen Autorinnen und Autoren:

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TAKIS WÜRGER: „Stella“, Hanser, 11. Januar

„1942. Friedrich, ein stiller junger Mann vom Genfer See, kommt nach Berlin. In einer Kunstschule trifft er Kristin. Sie nimmt ihn mit in die geheimen Jazzclubs, trinkt Kognak mit ihm und gibt ihm seinen ersten Kuss. Eines Morgens klopft sie an seine Tür, verletzt, mit Striemen im Gesicht: „Ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt.“ Sie heißt Stella und ist Jüdin. Die Gestapo hat sie enttarnt und zwingt sie zu einem unmenschlichen Pakt: Wird sie, um ihre Familie zu retten, untergetauchte Juden denunzieren? Eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht – über die Entscheidung, sich selbst zu verraten oder seine Liebe.“

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BARBARA HONIGMANN: „Georg“, Hanser, 28. Januar

„Mein Vater heiratete immer dreißigjährige Frauen. [Nur] er wurde älter… Sie hießen Ruth, Litzy, das war meine Mutter, Gisela und Liselotte…“ Die private Seite einer Lebensgeschichte, die um die halbe Welt führt: Frankfurt, Odenwaldschule, Paris-London-Berlin, dazwischen Internierung in Kanada, nach der Emigration der Weg in die DDR. Und bei alldem die wiederkehrende Erfahrung: „Zu Hause Mensch und auf der Straße Jude.“ Barbara Honigmann erzählt lakonisch und witzig von ihrer deutsch-jüdisch-kommunistischen Sippe.“

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KENAH CUSANIT: „Babel“, Hanser, 28. Januar

„1913, unweit von Bagdad: Die Ausgrabung Babylons. Der Archäologe Robert Koldewey leidet schon genug unter den Ansichten seines Assistenten Buddensieg. Kenah Cusanits erster Roman ist Abenteuer- und Zeitgeschichte zugleich – klangvoll, hinreißend, klug.“

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BARBARA STENGL: „Siehst du mich?“, Europa Verlag, 1. Februar

„Nina kehrt nach St. Georgen an der Gusen im oberösterreichischen Mühlviertel zurück, um gemeinsam mit ihrer betagten Großtante Resl Totenwache zu halten: Am Sarg der Mutter will Nina endlich Klarheit über ihre Herkunft und den Vater. In Rückblenden erzählt Stengl die Biografien von Großmutter, Mutter und Tochter und legt dabei ein kaum beachtetes Kapitel der österreichischen NS-Geschichte offen.“

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PEGGY MÄDLER: „Wohin wir gehen“, Galiani, 14. Februar

„Almut und Rosa, zwei Mädchen im Böhmen der 1940er Jahre: Als Almuts Vater überraschend stirbt und ihre Mutter Selbstmord begeht, nimmt Rosas Mutter, eine deutsche Kommunistin und Antifaschistin, die nach dem Krieg wie alle Deutschen die Tschechoslowakei verlassen muss, beide Mädchen mit nach Brandenburg. Sie werden Lehrerinnen, ziehen nach Berlin, doch mit 30 entscheidet sich Rosa abermals für einen Neuanfang: Wenige Monate vor dem Mauerbau steigt sie nur mit einer Handtasche in die S-Bahn nach Westberlin. Almuts Welt bricht verliert ihr Oben und Unten. Ein halbes Jahrhundert später hat Almuts Tochter Elli ebenfalls eine beste Freundin, die Dramaturgin Kristine. Und sie ist es schließlich, die sich im Alter um Almut kümmert, als Elli in Basel eine Stelle am Theater hat. Erfahrungen und Erinnerungen lagern sich wie Sedimente ab. Weggehen, Ankommen oder Bleiben?“

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MARKO DINIC: „Die guten Tage“, Zsolnay, 18. Februar

„Im täglich zwischen Wien und Belgrad verkehrenden „Gastarbeiter-Express“, einem Bus, rollt der Erzähler durch die ungarische Einöde. Jener Stadt entgegen, in der er aufgewachsen ist. Die Bomben, der Krieg, Miloševic, den er zuerst lieben, dann hassen gelernt hat, und der Vater, für dessen Ideologie und Opportunismus er nur noch Verachtung empfindet, hatten ihn ins Exil getrieben. Eine traumatisierte Generation, zwanzig Jahre nach dem Bombardement von Belgrad.“

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WALTER GROND: „Sommer ohne Abschied“, Haymon, 21. Februar

„Eine Kleinstadt in der Provinz, zwei Paare, ein zugezogenes, ein alteingesessenes, und ein mysteriöser Vorfall, der die Gemüter im Ort bewegt: Auf einer zweiten Ebene erzählt Grond von der tiefsitzenden Angst einer Gemeinschaft, sich Fremdem gegenüber zu öffnen – und von der letztlich nie sicher überbrückbaren Kluft zwischen Städtern und Landbewohnern. Ein psychologisch fein gewobener Roman von schlichtem sprachlichem Glanz, der auf subtile Weise die Nervosität der Gegenwartsgesellschaft bloßlegt.“

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JAROSLAV RUDIS: „Winterbergs letzte Reise“, Luchterhand, 25. Februar

„Jan Kraus arbeitet als Altenpfleger in Berlin. Geboren ist er in Vimperk, dem früheren Winterberg, im Böhmerwald, seit 1986 lebt er in Deutschland. Unter welchen Umständen er die Tschechoslowakei verlassen hat, bleibt sein Geheimnis und sein Trauma. Kraus begleitet Schwerkranke in den letzten Tagen ihres Lebens. Die Tage, Wochen, Monate, die er mit seinen Patienten verbringt, nennt er „Überfahrt“. Einer von denen, die er auf der Überfahrt begleiten soll, ist Wenzel Winterberg, geboren 1918 in Liberec, Reichenberg. Als Sudetendeutscher wurde er nach dem Krieg aus der Tschechoslowakei vertrieben. Als Kraus ihn kennen lernt, liegt er gelähmt und abwesend im Bett. Es sind Kraus‘ Erzählungen aus seiner Heimat Vimperk, die Winterberg aufwecken und ins Leben zurückholen. Doch Winterberg will mehr von Kraus, er will mit ihm eine letzte Reise antreten, auf der Suche nach seiner verlorenen Liebe – eine Reise, die die beiden durch die Geschichte Mitteleuropas führt. Von Berlin nach Sarajevo über Reichenberg, Prag, Wien und Budapest. Denn nicht nur Kraus, auch Winterberg verbirgt ein Geheimnis.“ [der unaufgeregt-schönste, präziseste, beste Klappentext, den ich dieses Jahr las. bitte mehr hiervon – statt Floskeln.]

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DANIELA KRIEN: „Die Liebe im Ernstfall“, Diogenes, 27. Februar

„Sie heißen Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde. Als Kinder und Jugendliche erlebten sie den Fall der Mauer, und wo vorher Grenzen und Beschränkungen waren, ist nun die Freiheit. Doch Freiheit, müssen sie erkennen, ist nur eine andere Form von Zwang: der Zwang zu wählen. Fünf Frauen, die das Leben beugt, aber keinesfalls bricht.“

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JUAN S. GUSE: „Miami Punk“, Fischer, 27. Februar

„Der Atlantik hat sich über Nacht von der Küste Floridas zurückgezogen und eine Wüste hinterlassen. Kreuzfahrtschiffe rosten im Sand vor Miami, die Hotels bleiben leer, der Hafenbetrieb ist eingestellt und selbst die Dauerwerbesendungsindustrie liegt am Boden. Mittendrin eine überambitionierte Indie-Game-Programmiererin, eine strauchelnde Arbeiterfamilie, eine junge Soziologin und ein E-Sport-Team aus Wuppertal. Ein Roman über die Bedeutung von Arbeit, über Herrschaft und Macht und über einsame Nächte vor dem Computer.“

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ISABELLE LEHN: „Frühlingserwachen“, Fischer, 27. Februar

»Ich glaube an den Verstand, den freien Willen und die Kraft der Gedanken. Ich glaube an Biochemie, Serotoninmangel und erhöhte Entzündungswerte. Ich glaube an Alkohol und Penetration, an die Sehnsucht nach Selbstaufgabe und die Würde des Scheiterns. Ich glaube an die Wirksamkeit von Psychopharmaka – und sogar daran, ein schönes Leben zu haben.« Das Leben ist gut – solange wir es nicht daran messen, wie wir es uns vorgestellt haben. Isabelle Lehn schreibt über eine Frau namens Isabelle Lehn.“

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REINHARD KAISER-MÜHLECKER: „Enteignung“, Fischer, 27. Februar

„Nach Jahren auf Reisen kehrt ein Journalist in den Ort seiner Kindheit zurück. Er schreibt für das kriselnde Lokalblatt, beginnt eine Affäre und arbeitet auf dem Hof eines Mastbauern, dessen Land enteignet wurde. Ines, Hemma, Flor ziehen ihn hinein in die Kämpfe um ihr Leben, das ihnen weggenommen wird. Ein existentieller und aufwühlender Roman.“

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BIJAN MOINI: „Der Würfel“, Atrium, 28. Februar

„Deutschland wird von einem perfekten Algorithmus gesteuert: Der »Würfel« ermöglicht den Menschen ein sorgenfreies Leben, zahlt allen ein Grundeinkommen, erstickt Kriminalität im Keim. Dafür sammelt er selbst intimste Daten. Berechenbarkeit ist zum höchsten Gut geworden. Einer der wenigen Rebellen ist der 28-jährige Taso. Mit großem Aufwand entzieht er sich der Totalerfassung. Dalia floh aus einer rückständigen Sekte und wünscht sich nichts sehnlicher als ein Leben in der schönen Welt des Würfels. Taso verliebt sich, gerade als der Widerstand ihn rekrutieren will. Plötzlich steht er vor einer unmöglichen Entscheidung: Verrät er seine Ideale – oder eine ideale Welt?“

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TABEA HERTZOG: „Wenn man den Himmel umdreht, ist er ein Meer“, Berlin Verlag, 1. März

„Eine junge Frau erhält kurz vor ihrem dreißigsten Geburtstag eine Diagnose, die alles verändert: Chronische Niereninsuffizienz. Alle Zukunftspläne sind plötzlich hinfällig. Dann verschlechtern sich die Nierenwerte, sodass sie dreimal pro Woche zur Dialyse muss. Bald wird klar: Ein neues Organ muss her. Krankheit und Spendersuche werfen sie auf ihre Familie und Vergangenheit zurück. Bei der Mutter aufgewachsen hat sie zum Vater erst seit Kurzem vorsichtigen Kontakt. Im Krankenhaus treffen alle erstmals wieder aufeinander. Tabea Hertzogs eigene, wahre Geschichte voller Empathie, Tragik, Lakonie und Humor.“

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TANJA RAICH: „Jesolo“, Blessing, 4. März

„Kinder sind kein Thema für Andrea. Sie hat einen Job, der okay ist. Sie führt seit vielen Jahren eine Beziehung mit Georg, die okay ist. Jedes Jahr verbringen sie einen netten Urlaub in Jesolo. Andrea will sich nicht festlegen, doch Georg will ein Fundament für ein gemeinsames Leben. Nach dem Urlaub ist Andrea schwanger. Hin- und hergerissen entscheidet sie sich für das Kind – und geht damit einen Kompromiss nach dem anderen ein: Sie nimmt einen Kredit auf, obwohl sie nie einen Kredit aufnehmen wollte; zieht ins Haus ihrer Schwiegereltern, obwohl sie nie mit ihnen unter einem Dach leben wollte. Von allen Seiten prasseln Ratschläge auf Andrea nieder, und sie wird in eine Mutterrolle gedrängt, mit der sie sich nicht identifizieren kann. Ein bewegender Roman über zehn Monate im Leben einer jungen Frau, der nicht nur Beziehung, Schwangerschaft und Familie in ihrer ganzen Ambivalenz zeigt, sondern auch, wie schwierig es ist, wie unmöglich fast, sich angesichts gesellschaftlicher Rollenzuschreibungen als Individuum zu behaupten.“

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FERIDUN ZAIMOGLU: „Die Geschichte der Frau“, Kiepenheuer & Witsch, 7. März

„Es spricht die Frau. Ein literarisches Abenteuer, ein großer Gesang, ein feministisches Manifest: Feridun Zaimoglus neuer Roman ist ein unverfrorenes Bekenntnis zur Notwendigkeit einer neuen Menschheitserzählung – aus der Sicht der Frau. Es lässt zehn außerordentliche Frauen zur Sprache kommen vom Zeitalter der Heroen bis in die Gegenwart. Menschen, deren Sicht auf die Dinge nicht überliefert wurde. Weil Männer geboten, die Wahrheit tilgten und die Lüge zur Sage verdichteten. Diesen Frauen war es vorbehalten, schweigend unsichtbar zu bleiben oder dekorativ im Bild zu stehen. Doch nun sprechen sie – klar und laut, wie eine abgefeuerte Kugel. Folgende Frauen kommen zu Wort: Zippora, 1490 v. Chr. – schwarzhäutige Frau des Moses; Antigone – Streiterin gegen Gewaltherrschaft; Judith am 6. Tag nach der Auferstehung – Jüngerin Jesu, Frau des Judas; Brunhild, 429 – zaubermächtige Walküre; Prista Frühbottin, 1540 – heilkundige Frau, der Hexerei bezichtigt; Lore Lay, 1799 – Magd, die sich vom Dichter nicht bannen lässt; Lisette Bielstein, 1849 – rote Fabrikantentochter; Hildrun Tilmanns, 1945 – Trümmerfrau; Leyla, 1965 – Gastarbeiterin der ersten Stunde; Valerie Solanas. 1968 – Feministin, die zur Waffe greift.“ [Das klingt krass präpotent und selbstverliebt.]

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KARL-MARKUS GAUß: „Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer“, Zsolnay, 11. März

„Abenteuer suchen viele in der Ferne, Karl-Markus Gauß findet sie im Reich der Gegenstände. Dinge des Alltags, die er preist und in denen er die Vielfalt und den Reichtum der Welt entdeckt. Dadurch erfahren wir von tapferen und merkwürdigen Menschen, von entlegenen Regionen, unbekannten Nationalitäten und nicht zuletzt von den Vorlieben des Verfassers selbst. Karl-Markus Gauß, der Kartograph der Ränder von Europa, führt uns auf eine charmante, unterhaltsam lehrreiche Expedition ins unbekannte Gelände des Privaten.“

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ANSELM NEFT: „Die bessere Geschichte“, Rowohlt, 12. März

„Internatsroman, tragische Liebesgeschichte und Roman über Führung und Verführung. Mit 13 kommt Tilman auf ein Internat an der Ostsee, verliebt sich in Ella und findet Aufnahme in ihrer Schülergruppe, geleitet vom sehr unkonventionellen Lehrerpaar Wieland. Als er sich zwischen Ella und der „Familie“ entscheiden muss, kommt es zur Katastrophe. 27 Jahre später erhält der bekannte Schriftsteller Tilman Weber einen Telefonanruf. Ella will die sexuelle Gewalt von damals öffentlich machen. Tilman will das auf keinen Fall.“

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SARAH KUTTNER: „Kurt“, Fischer, 13. März

„»Ich bin mit zwei Kurts zusammengezogen. Einem ganzen Kurt und einem Halbtagskurt. Jana und Kurt haben sich entschieden, dass sie ihr Sorgerecht teilen. Das Kind pendelt nun wochenweise hin und her.« Lena hat mit ihrem Freund Kurt ein Haus gekauft. Als der kleine Kurt bei einem Sturz stirbt, bleiben drei Erwachsene zurück, deren Zentrum in Trauer implodiert. Kuttner erzählt von einer ganz normalen komplizierten Familie und davon, was sie zusammenhält, wenn das Schlimmste passiert.“

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MONIKA RINCK: „Champagner für die Pferde. Ein Lesebuch“, Fischer, 13. März

„Eine Feier der Poesie! Das umfangreiche Lesebuch, das die Autorin zusammen mit ihrer Verlegerin Daniela Seel zusammengestellt hat, steht im Zeichen der Fülle: Gedichte, Essays und Kurzprosa aus mehr als zwanzig Jahren. Es geht um Witz und Literatur, Schwimmen und Schlafen, Glück und Erschöpfung, Sammeln und Wegwerfen und die Ekstase der Wiederholung.“

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RUTH SCHWEIKERT: „Tage wie Hunde“, Fischer, 13. März

„Wenige Monate nach ihrem 50. Geburtstag erhält Ruth Schweikert die Diagnose, dass sie an einer besonders aggressiven Form von Brustkrebs erkrankt ist. In welchen Käfig aus Vorstellungen, Technik und Terminen gerät jemand, der Krebs hat? Schweikert erzählt radikal genau von der Wirklichkeit der eigenen Krankheit. Es geht um schlaflose Nächte, Spritzen und Katheter. Doch es geht auch ums eigene Schreiben und Lesen, Einsamkeit und Scham.“

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EWALD ARENZ: „Alte Sorten“, Dumont, 18. März

„Sally kurz vor dem Abitur, hasst Angebote, Vorschriften, Regeln, Erwachsene. Liss bewirtschaftet allein einen Hof zwischen Weinbergen und Feldern. Schon beim ersten Gespräch stellt Sally fest, dass Liss anders ist als andere Erwachsene. Kein heimliches Mustern, kein voreiliges Urteilen, keine misstrauischen Fragen. Liss bietet ihr an, bei ihr auf dem Hof zu übernachten. Aus einer Nacht werden Wochen. Für Sally ist die ältere Frau ein Rätsel. Was ist das für eine, die nie über sich spricht, die allein das Haus bewohnt, in dem doch die frühere Anwesenheit anderer zu spüren ist? Während sie gemeinsam Bäume auszeichnen, Kartoffeln ernten, Bienen zuckern, erfahren die beiden Frauen nach und nach von den Verletzungen der jeweils anderen.“

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SASA STANISIC: „Herkunft“, Luchterhand, 18. März

„Ein Buch über den ersten Zufall unserer Biografie: irgendwo geboren werden. Und was danach kommt. Ein Buch über meine Heimaten, in der Erinnerung und der Erfindung. Ein Buch über Sprache, Schwarzarbeit, die Stafette der Jugend und viele Sommer. Den Sommer, als mein Großvater meiner Großmutter beim Tanzen derart auf den Fuß trat, dass ich beinahe nie geboren worden wäre. Den Sommer, als ich fast ertrank. Den Sommer, in dem Angela Merkel die Grenzen öffnen ließ und der dem Sommer ähnlich war, als ich über viele Grenzen nach Deutschland floh. HERKUNFT ist ein Abschied von meiner dementen Großmutter. Während ich Erinnerungen sammle, verliert sie ihre. HERKUNFT ist traurig, weil Herkunft für mich zu tun hat mit dem, das nicht mehr zu haben ist. In HERKUNFT sprechen die Toten und die Schlangen, und meine Großtante Zagorka macht sich in die Sowjetunion auf, um Kosmonautin zu werden. Diese sind auch HERKUNFT: ein Flößer, ein Bremser, eine Marxismus-Professorin, die Marx vergessen hat. Ein bosnischer Polizist, der gern bestochen werden möchte. Ein Wehrmachtssoldat, der Milch mag. Eine Grundschule für drei Schüler. Ein Nationalismus. Ein Yugo. Ein Tito. Ein Eichendorff. Ein Saša Stanišić.“

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JOCHEN VEIT: „Mein Bruder, mein Herz“, Arche, 22. März

„Vor vielen Monaten, als die Eltern unter ungeklärten Umständen spurlos verschwanden, verließ Stephan seinen 13 Jahre jüngeren Bruder Benno und das abgelegene Dorf im Schwarzwald. Jetzt kehrt er zurück. Hat Benno etwas mit dem Verschwinden der Eltern zu tun gehabt? Während sich über dem unergründlichen Dickicht des Waldes der Himmel verdunkelt, kommt Stephan einer Wahrheit über sich und seinen Bruder immer näher – bis ein Sturm losbricht, der droht, alles zum Einsturz zu bringen.“

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REGINA SCHEER: „Gott wohnt im Wedding“, Penguin, 25. März

„Ein Haus. Ein Jahrhundert. Der ehemals rote Wedding: ärmlicher Stadtteil in Berlin. Leo kehrt nach 70 Jahren aus Israel nach Deutschland zurück, obwohl er das nie wollte. Enkelin Nira liebt Amir, der in Berlin einen Falafel-Imbiss eröffnet hat. Laila weiß gar nicht, dass ihre Sinti-Familie hier einst wohnte. Die alte Gertrud hat Leo 1944 im Versteck auf dem Dachboden entdeckt – aber nicht verraten.“

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SVENJA GRÄFEN: „Freiraum“, Ullstein fünf, 29. März

„Vela und Maren wollen Kinder. Doch dann bricht Maren aus: in ein Haus am Rand der Stadt, mit vielen anderen. Hier gibt es keine Mietanpassungen und keine Preiserhöhungen auf Milch und Käse. Hier ist auch Theo, um den in der Gemeinschaft alles kreist.“

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ANN COTTEN: „Lyophilia“, Suhrkamp, 31. März

„Ann Cotten ist erwachsen geworden, was uns ein Stück weit in die Zukunft katapultiert. Sie behauptet, nur mehr konstruktiv am Funktionieren eines vernünftigen Lebens für möglichst alle interessiert zu sein. Ganz der menschenfreundliche Roboter, quasi. Die alternden Bewohnerinnen des kurz nach Eröffnung bankrott erklärten Siedlungsasteroiden Amore (KAFUN) halten sich an Klischees und Running Gags fest, um einen Halt gegen die Trauer zu finden. Eine Sammlung von Erzählungen wie ein Schuss ins Knie, die Ann Cotten die letzten Jahre etwas hochstaplerisch als »Science Fiction auf Hegelbasis« angekündigt hat.“

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DORIS ANSELM: „Hautfreundin. Eine sexuelle Biografie“, Luchterhand, 27. Mai

„Gibt es noch schmutzige Worte? Hilft Fesseln gegen Traurigkeit? Gedeiht im Unanständigen vielleicht ein besonderer Anstand? – Sie ist eine Frau, die Sex mag und seltsame Fragen, ihre eigene Haut und die Haut ganz verschiedener Männer. Die überraschend glückliche sexuelle Biografie einer freien Frau.“

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ANDREAS MAIER: „Die Familie“, Suhrkamp, 17. Juni

„Am Ende dieses Romans ist der Erzähler Andreas 28 Jahre alt und studiert in Frankfurt am Main. Konflikte des fünf Jahre älteren Bruders mit dem CDU-Vater: Der Bruder gründet, kaum fünfzehn, den ersten Grünen-Verband in der Stadt mit. Andreas ist damals zwölf und lernt erstmals, wie offen zutage liegende Wahrheiten von engsten Verwandten dauerhaft bestritten werden. Als Student beginnt er Protagonist zu begreifen, dass Öffentlichkeit auf Unwahrheit, Verdrängung und kollektiver Rationalisierung beruht.“ Ich las alle bisherigen Teile von Maiers „Ortsumgehungs“-Zyklus. „Die Universität“, der direkte Vorgänger, war der bisher schlechteste. Trotzdem: Vorfreude!

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CORNELIA FUNKE: „Das Labyrinth des Fauns“, Fischer, 2. Juli

„Spanien, 1944: Ofelia zieht mit ihrer Mutter in die Berge, wo ihr neuer Stiefvater mit seiner Truppe stationiert ist. Der dichte Wald wird zum Königreich voller magischer Wesen. Ein geheimnisvoller Faun stellt dem Mädchen drei Aufgaben. Besteht sie, wird sie Prinzessin des Reiches. Immer tiefer wird Ofelia in eine phantastische Welt hinein gezogen, die wundervoll ist und grausam zugleich. Inspiriert von Guillermo del Toros grandiosem oscarprämierten Meisterwerk »Pans Labyrinth« schafft Bestsellerautorin Cornelia Funke eine Welt, wie nur Literatur es kann.“

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internationale Literatur, neu übersetzt:

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LARS MYTTING: „Die Glocke im See“, Insel, 14. Januar

„Norwegen, 1880: Die wissbegierige Astrid ist anders als die übrigen Mädchen im dunklen, abgeschiedenen Tal. Sehnt sie sich nach einem Leben mit dem jungen Pastor Kai Schweigaard? Oder entscheidet sie sich für das Neue, Unberechenbare? Schweigaard will die 700 Jahre alte Stabkirche in Butangen abreißen und durch eine modernere, größere Kirche ersetzen. Er hat auch schon Kontakt zur Kunstakademie in Dresden: Architekturstudent Gerhard Schönauer soll den Abtransport der Kirche nach Dresden und den Aufbau dort überwachen. Astrid rebelliert, denn mit der Kirche verschwänden auch die beiden Glocken, die einer ihrer Vorfahren einst stiftete. Astrid verliebt sich Gerhard: modern, weltoffen, elegant. Wählt sie die Heimat und den Pfarrer oder den Aufbruch in eine ungewisse Zukunft in Deutschland?“ [mehr: Goodreads]

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EDOUARD LOUIS: „Wer hat meinen Vater umgebracht“, Fischer, 23. Januar

„Ein zorniger junger Autor auf Erfolgskurs: An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung, lautete der erste Satz in Edouard Louis‘ Roman »Das Ende von Eddy«. Mittlerweile versteht er die Gewaltausbrüche seines Vaters, der unter der sozialen Ungerechtigkeit einer Gesellschaft litt, die für Menschen wie ihn keinen Platz hat. Eine überwältigende Hommage an die gescheiterten Träume des Vaters.“ [mehr: Goodreads]

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VRATISLAV MANAK: „Heute scheint es, als wäre nichts geschehen“, Karl Rauch Verlag, 5. Februar

„Der junge Lehrer Ondřej Šmid kommt zur Feier des achtzigsten Geburtstags seines Großvaters nach Pilsen zurück und wird Geheimnissen und Erinnerungen konfrontiert. Schnell drängt sich ihm die Frage auf, ob es Dinge in seiner Kindheit gibt, die ihm entgangen sind oder die er verdrängte. Fragmente setzen sich zusammen wie die bunten Elemente eines Zauberwürfels.“ [mehr: Goodreads, viele schlechte Kritiken]

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JOHANNE HOLMSTRÖM: „Die Frauen von Själö“, Ullstein, 8. Februar

„In einer Herbstnacht 1891 ertränkt Kristina Andersson ihre beiden Kinder im Meer. Sie kommt in die Nervenheilanstalt auf Själö, einer Insel im Schärengarten Finnlands – kaum eine der Patientinnen, die hier eingewiesen werden, verlässt die Insel jemals wieder. Vierzig Jahre später wird die siebzehnjährige Elli ebenfalls dort eingeliefert. Sie lief von zu Hause weg, verliebte sich Hals über Kopf und musste vor der Polizei fliehen. Zwei Frauen, die einen hohen Preis für ihr Verlangen, ihre Liebe und ihr Streben nach Freiheit bezahlen mussten.“ [mehr: Goodreads]

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PIERRE LEMAITRE: „Die Farben des Feuers“, Klett-Cotta, 28. Februar

„Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs regieren Habgier und Neid in Paris, und so bahnt sich ein Komplott an, das mächtige Bankimperium Péricourt zu Fall zu bringen. Doch Alleinerbin Madeleine weiß die Verhältnisse in Europa für sich zu nutzen und dreht den Spieß um. In einer Epoche, in der es Frauen nicht einmal gestattet war, selbst einen Scheck zu unterschreiben beginnt Madeleine, ihren ganz persönlichen Rachefeldzug zu planen.“ [mehr: Goodreads]

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ANGIE THOMAS: „On the come up“, cbj, 4. März

„Bri ist 16 und will berühmte Rapperin werden. Als Tochter einer Rap-Legende ist das nicht leicht: Ihr Vater starb, kurz bevor er den großen Durchbruch schaffte. Dann verliert ihre Mutter ihren Job. Plötzlich gehören Essensausgaben, Zahlungsaufforderungen und Kündigungen ebenso zu Bris Alltag wie Reime und Beats.“ [mehr: Goodreads]

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TORE RENBERG: „Von allen Seiten“, Heyne, 4. März

„Bens Vater ist geizig, Bens Mutter psychotisch. Ben langweilt das triste Leben, nur ab und zu unterbrochen von kurzen Glücksmomenten beim Klebstoffschnüffeln. Mit seinem älteren Bruder Rikki macht er sich auf nach Stavanger: Dort leben Onkel Rudi, Jan Inge und Cecilie, die sich einen Dreck scheren um Recht und Gesetz.“ [Band 2 einer Trilogie; mehr: Goodreads]

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SIRI HUSTVEDT: „Damals“, Rowohlt, 5. März

„1979: Eine junge Frau bezieht ein winziges Zimmerchen im heruntergekommenen Morningside Heights. S.H. kommt direkt aus der amerikanischen Provinz; daher ihr Spitzname: „Minnesota“. Sie will Schriftstellerin werden, genießt den Schmutz wie den Glanz, das turbulente Leben wie die Einsamkeit. Alles Neue saugt sie in sich auf. So auch die oft skurrilen Monologe und gesungenen Mantras aus der Nachbarwohnung. Lucy Brite, liest sie auf dem Klingelschild. Doch mit der Zeit wünscht sie, sie hätte nicht so genau hingehört. Immer dringlicher, klagender werden Lucys Gesänge. Von Misshandlung ist die Rede, Gefangenschaft, Kindstod, von Mord. Nach und nach wird die Nachbarin zu einer immer schrecklicheren Obsession. Frauensolidarität und Männerwahn, Liebe und Geschlechterkampf, Gewalt und Versöhnung.“

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CHRISTELLE DABOS: „Die Verlobten des Winters“, Insel, 11. März

„Ophelia kann Gegenstände lesen und durch Spiegel reisen. Auf der Arche Anima lebt sie inmitten ihrer riesigen Familie. Doch sie soll auf die eisige Arche des Pols ziehen und einen Adligen, Thorn, heiraten. Warum wurde ausgerechnet sie, das zurückhaltende Mädchen mit der leisen Stimme, auserkoren? Ophelia macht sich auf den Weg in ihr neues, blitzgefährliches Zuhause.“ [mehr: Goodreads. Young Adult, erster Teil einer französischen Reihe]

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ALESSIO DE SANTA: „The Moneyman – Die Geschichte von Roy und Walt Disney“, Knesebeck, 20. März

„Walt Disneys Lebenswerk wäre nicht möglich gewesen ohne seinen Bruder Roy, der sich um die finanzielle Seite kümmerte. Von Kindheit an hatten die beiden ein enges Verhältnis. Roy unterstützte Walts Pläne, Künstler zu werden. Aus Roys Sicht erzählt diese lebhaft illustrierte Graphic Novel die Geschichte von Walt Disney und lässt den Geist der 1940er und 1950er Jahre spüren.“ [mehr: Goodreads]

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PHILIPPE LANCON: „Der Fetzen“, Klett-Cotta, 23. März

„An einem Morgen im Januar entscheidet sich Lançon spontan, in der Redaktion von Charlie Hebdo vorbeizuschauen. Er sitzt im Konferenzraum, als zwei maskierte Attentäter das Gebäude stürmen. Kurz darauf sind die meisten seiner Freunde tot, ihm selbst wird der Unterkiefer zerschossen. Lançon wird nicht als Gastdozent nach Princeton gehen, wie es geplant war. Er wird seine Querflöte verschenken, die er nicht mehr spielen kann. Er wird lange Zeit keine Redaktion mehr betreten. Stattdessen wird er siebzehn Gesichtsoperationen erdulden und versuchen, seine Identität zu rekonstruieren.“ [mehr: Goodreads]

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JOHAN HARSTAD: „Max, Mischa und die Tet-Offensive“, Rowohlt, 26. März

„Freundschaft, Flucht, Liebe, Krieg und Kunst: Max Hansen wächst in Norwegen auf. Ein Idyll – bis Max‘ Familie an die US-Ostküste emigriert. Mordecai wird Max‘ bester Freund und macht ihn mit Mischa bekannt, einer sieben Jahre älteren Künstlerin. Sie ist es auch, die Max anstiftet, nach seinem geheimnisvollen Onkel Owen zu suchen, einem Vietnam-Veteranen. Die unkonventionelle WG wird zum Epizentrum des Lebens von Max, Mischa, Mordecai und Owen.“ [mehr: Goodreads]

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VIOLAINE HUISMAN: „Die Entflohene“, Fischer, 27. März

„Huisman erzählt die Geschichte ihrer schräg-charmanten Mutter: Catherine konnte ausrasten, die beiden Töchter unflätig beschimpfen, um sie gleich danach in Liebe zu ertränken. Sie ist manisch-depressiv. Mit gnadenloser Aufrichtigkeit und großer Wärme erinnert sich Huisman an ihre schöne, witzige und widersprüchliche Mutter und die unkonventionelle Familie.“ [mehr: Goodreads]

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TORBORG NEDREAAS, „Im Mondschein wächst nichts“, Kameru Verlag, 29. März

„Ein Zufall führt zwei Fremde – eine Frau und einen Mann – in den 20er Jahen auf dem Bahnhof einer norwegischen Kleinstadt zusammen. Statt des erwarteten erotischen Abenteuers beginnt die junge Frau mit schonungsloser Offenheit über ihr Leben und ihre hoffnungslose Liebe zum Gymnasiallehrer Johannes zu erzählen. Eine Liebe, die sich über Standesvorurteile hinwegzusetzen versuchte.“ [mehr: Goodreads]

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MICH VRAA, „Jetzt seid ihr frei“, Hoffmann und Campe, 1. April

„1827 soll Peter von Scholten die königlichen Schatzkammern mit Reichtümern aus der Kolonie Indien füllen – ohne Rücksicht auf Menschenleben. Doch für von Scholten sind auch Sklaven Menschen, eine Einstellung, für die ihn die Plantagenbesitzer hassen. Auf seiner Seite stehen die Humanisten Maria Eide und ihr Mann Mikkel, die den Sklaven Gehör verschaffen wollen, und vor allem die freie, wohlhabende Einheimische Anna Heegaard, in die Peter sich verliebt. Und die Zeiten ändern sich: Die Sklaven erheben sich gegen ihre Unterdrücker, und Peter von Scholten erklärt sie gegen den Willen seines Königs für frei.“ [mehr: Goodreads] Hm. White Savior-Narrativ?

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AMOS OZ, SHIRA HADDAD: „Was ist ein Apfel?“, Suhrkamp, 9. April

„Seit 2014, bei der Arbeit an einem Roman, entwickelten sich intensive Gespräche zwischen Amos Oz und der Lektorin Shira Hadad – in denen ohne Tabus und falsche Scham Oz‘ Leben und Schreiben zum Thema wird. Da die Lektorin sich nicht auf eine Rolle als Stichwortgeberin beschränkt, sind Kontroversen nicht ausgeschlossen, zumal die jüngere, weibliche Perspektive auf das Tun und Lassen des weltweit anerkannten Schriftstellers zu produktiven Provokationen führt. Was führt zur Geburt des Schriftstellers unter neuem Namen angesichts des Selbstmords der Mutter? Wie hat man sich die konkrete Arbeit am Schreibtisch vorzustellen?“ [mehr: Goodreads]

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DAMIR OVCINA, „Zwei Jahre Nacht“, Rowohlt Berlin, 16. April

„Ovčina, der während des Bosnienkriegs jahrelang in Sarajevo eingeschlossen war, hat einen gewaltigen, autobiographischen Roman geschrieben: Ein Staat zerfällt, plötzlich ist Krieg. Ein 18jähriger Mann muss zwei Jahre in einem feindlichen Viertel Sarajevos bleiben, vom Vater getrennt. Von den Besatzern wird er gedemütigt. Er muss Tote bestatten, steht aber auch den Lebenden bei. Er lernt, im Verborgenen, eine Frau kennen. Dann wehrt er sich zum ersten Mal gegen seine Peiniger, flüchtet und kämpft fortan im Untergrund.“ [mehr: Goodreads]

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JUDITH VISSER: „Mein Leben als Sonntagskind“, HarperCollins, 1. Mai

„Jasmijn führt Tagebuch – doch redet nur mit ihrer Hündin Senta und mit Elvis Presley, mit dessen Postern sie ihr Zimmer tapezierte. Wie schaffen es andere Menschen bloß, dass sie immer wissen, wie sie sich verhalten sollen? Mit Senta und Elvis an ihrer Seite macht sich Jasmijn auf, dieses Geheimnis zu ergründen und ihr Glück zu finden. Der Bestseller aus den Niederlanden: ein berührender Roman über das Erwachsenwerden mit Autismus.“ [mehr: Goodreads]

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JAVIER MARIAS: „Berta Isla“, Fischer, 22. Mai

„Tomás – halb Spanier, halb Engländer – verliebt in die junge Berta Isla. Als er zum Studium nach Oxford geht, bleibt sie in Madrid zurück – nicht ahnend, dass Tomás dort einen schwerwiegenden Fehler begeht. Um einer Haftstrafe zu entgehen, beginnt er, heimlich für den britischen Geheimdienst zu arbeiten. Als er zu Beginn des Falklandkrieges plötzlich verschwindet, beginnt sie endgültig zu hinterfragen, wen sie geheiratet hat. Eine Geschichte über das Warten, die Zerbrechlichkeit der Liebe und die Zerrissenheit zwischen Krieg, Geheimnissen und Loyalität.“ [mehr: Goodreads]

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IAN McEWAN: „Maschinen wie ich“, Diogenes, 22. Mai

„[Spielt in einer Parallelwelt, in der es schon in den 1980ern Androiden gibt:] Lebenskünstler Charlie ist Anfang 30. Miranda eine clevere Studentin, die mit einem dunklen Geheimnis leben muss. Sie verlieben sich, gerade als Charlie seinen ›Adam‹ geliefert bekommt, einen der ersten lebensechten Androiden. In ihrer Liebesgeschichte gibt es also von Anfang an einen Dritten: Adam. Kann eine Maschine denken, leiden, lieben? Adams Gefühle und seine moralischen Prinzipien bringen Charlie und Miranda in ungeahnte – und verhängnisvolle – Situationen. [mehr: Goodreads] [Ich mochte den simplen, aber sympathischen Comic ‚Alec + Ada‘]

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CARL FRODE TILLER: „Der Beginn“, btb, 24. Juni

Das Leben kann nur rückwärts verstanden werden, gelebt werden muss es vorwärts. Terje liegt nach einem Suizidversuch im Sterben und lässt sein verpfuschtes Leben Revue passieren. Momente des Friedens fand er nur in der Natur. Ein bewegendes Buch, erzählt wie im Rausch – über endgültige Entscheidungen, Vorherbestimmung und die Freiheit des Einzelnen.“ [mehr: Goodreads]

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Sachbuch:

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AMINA BILE, SOFIA NESRINE SROUR, NANCY HERZ: „Schamlos“, Gabriel (Thienemann-Esslinger), 11. Februar

„Drei junge Frauen – Muslimas, Bloggerinnen, Feministinnen – beziehen Position: Wie fühlt es sich an, ständig zwischen den Erwartungen ihrer Familien, ihrer kulturellen Identität und ihrem Selbstverständnis, als Jugendliche in einem westlichen Land zu leben, hin- und hergerissen zu sein? Sie haben Diskussionen angeregt, Tabu-Themen öffentlich gemacht und zahlreiche sehr persönliche Geschichten gesammelt. Dabei entstand ein bemerkenswertes, mutiges Buch. Ein Plädoyer für eine multikulturelle Gesellschaft.“ [mehr: Goodreads]

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JAYROME C. ROBINET: „Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund“, Hanser Berlin, 18. Februar

„Jayrôme hat früher als weiße Französin gelebt. Er zieht nach Berlin, beginnt Testosteron zu nehmen und erlebt eine zweite Pubertät. Ihm wächst ein dunkler Bart – und plötzlich wird er auf der Straße auf Arabisch angesprochen. Ob im Café, in der Umkleide oder bei der Passkontrolle, er merkt, dass sich nicht nur seine Identität, sondern vor allem das Verhalten seiner Umwelt ihm gegenüber radikal änderte. Er kann vergleichen: Wie werde ich als Mann, wie als Frau behandelt? Und was bedeutet es, wenn sich nicht nur das Geschlecht ändert, sondern augenscheinlich auch Herkunft und Alter? Mitreißend erzählt er von seinem queeren Alltag und deckt auf, wie irrsinnig gesellschaftliche Wahrnehmungen und Zuordnungen oft sind.“

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FATMA AYDEMIR, HENGAMEH YOGHOOBIFARAH (Herausgeber*innen): „Eure Heimat ist unser Albtraum“, Ullstein, 22. Februar

„Wie fühlt es sich an, täglich als „Bedrohung“ wahrgenommen zu werden? Wie viel Vertrauen besteht nach dem NSU-Skandal noch in die Sicherheitsbehörden? Was bedeutet es, sich bei jeder Krise im Namen des gesamten Heimatlandes oder der Religionszugehörigkeit der Eltern rechtfertigen zu müssen? Und wie wirkt sich Rassismus auf die Sexualität aus Dieses Buch ist ein Manifest gegen Heimat – einem völkisch verklärten Konzept, gegen dessen Normalisierung sich 13 Autor_innen wehren. Zum einjährigen Bestehen des sogenannten „Heimatministeriums“ sammeln Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah schonungslose Perspektiven von Denker_innen, die Rassismus und Antisemitismus erfahren. In persönlichen Essays geben sie Einblick in ihren Alltag und halten Deutschland den Spiegel vor: einem Land, das sich als vorbildliche Demokratie begreift und gleichzeitig einen Teil seiner Mitglieder als »anders« markiert, kaum schützt oder wertschätzt. Mit Beiträgen von Sasha Marianna Salzmann, Sharon Dodua Otoo, Max Czollek, Mithu Sanyal, Olga Grjasnowa uvm.“

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Stuart Hall: „Schriften. Band 1“, Argument, 1. März

„Die Cultural Studies, begründet mit der Absicht, das Alltagsleben als umkämpften Ort sichtbar zu machen, einen Ort des Widerstandes, an dem um die ‚Köpfe und Herzen‘ der Menschen gerungen wird, wurden inzwischen weltweit zur universitären Disziplin. Stuart Hall schafft es, identitätsstiftende Praxen als umkämpft und herrschaftsmächtig durchsetzt zu theoretisieren und analytische Werkzeuge zu entwickeln, um die ideologischen Prozesse, Kämpfe und Konjunkturen der kapitalistischen Gegenwart zu kritisieren. Mit konkreten Analysen zu aktuellen Entwicklungen lotet er die Möglichkeiten linker Politik und Kultur aus und sucht nach ‚günstigen Bedingungen für einen Fortschritt zum Sozialismus‘ in aktuellen Kräfteverhältnissen.“ [mehr: Goodreads]

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lou kordts: „Queering Genitals. intime anatomie um_denken“, Edition Assemblage, 1 März

„In „Queering Genitals“ werden intime Anatomie aus trans Perspektive grundlegend befragt und cisnormative Erzählungen auf den Prüfstand gestellt. Genitalien werden anhand queerer Körpererfahrungen reclaimed, dekonstruiert, veruneindeutigt und in ihrer Diversität sichtbar gemacht, um mehr Möglichkeiten zu schaffen Körper, Identität und Lust lebbar zu machen, aber auch Ambivalenz und Unsicherheit zuzulassen.“

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MARK TERKESSIDIS: „Wessen Erinnerung zählt? Kolonialismus und Rassismus heute“, Hoffmann und Campe, 6. Mai

„Beutekunst. Die Rückgabe von Sammlungen an afrikanische Länder: Deutschlands Umgang mit seiner Kolonialgeschichte. Terkessidis beschreibt Kennzeichen von Alltagsrassismus ebenso wie dessen Entstehung, insbesondere während der Kolonialzeit und argumentiert, dass mit dem Versailler Vertrag Vorurteile in deutsche Köpfe Einzug hielten, die bis heute bestehen. Am Beispiel von Raubkunst, Sprache und falschen Erwartungshaltungen gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund zeigt er, dass wir die Last der Kolonialzeit noch lange nicht überwunden haben.“

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JAN BRANDT: „Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt: Von einem, der zurückkam, um seine alte Heimat zu finden / Von einem, der auszog, um in seiner neuen Heimat anzukommen“, Dumont, 17. Mai

„Stadt und Land, Utopie und Heimat: zwei Seiten einer Medaille. In Brandts ostfriesischem Heimatdorf Ihrhove steht das Haus des Urgroßvaters vor dem Abriss. Der Eigentümer, ein Bauunternehmer, sieht keinen Grund, das Alte zu erhalten, wo sich durch etwas Neues der Profit um ein Vielfaches steigern lässt. Jan Brandt droht der Verlust der Heimat, und er nimmt den Kampf auf, um den Gulfhof zu retten, das Symbol seiner Herkunft. In Berlin, wohin sich Brandt Ende der Neunziger vor der Provinz geflüchtet hatte, droht ihm zeitgleich der Rauswurf aus der Mietwohnung. Brandt bekommt zu spüren, dass sich Berlin, die einstige antikapitalistische Utopie, in eine Schlangengrube verwandelt hat, in der die Mieter nahezu alles für eine bezahlbare Wohnung tun würden – und müssen.“

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[Alle Klappentexte: gekürzt]

[Leseexemplare? gern einfach direkt per E-Mail schicken | Printadresse hier: Link]

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Ich bin freier Kritiker – und gern, so oft wie möglich: Moderator bei Lesungen und Podien. Ich hoffe, auch 2019 mit zwei, drei Autor*innen auf Bühnen ins Gespräch zu gehen. Bisher moderierte ich u.a. Lesungen und Gespräche mit Stewart O’Nan, Thomas von Steinaecker, Anke Stelling, Assaf Gavron, Manja Präkels (Foto) und Nik Afanasjew, Kathrin Passig, Teresa Präauer und Justin Torres, Angela Steidele, Julia von Lucadou, Gianna Molinari, Lasha Bugadze, Beka Adamaschwili und Fiona Maazel. Gern auf Englisch: das.ensemble (at) gmail.com

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Die besten Geschenke 2018: Buchtipps und Empfehlungen zu Weihnachten

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die zehn Bücher, die ich am häufigsten verschenke:

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Buchtipps sind… sinnlos. In meinem privaten (Zuhause-)Freundeskreis jedenfalls:

Es fällt mir leichter (und wirkt weniger… übergriffig / aufdringlich), auf Amazon Marketplace, Medimops oder Rebuy zwei, drei gebrauchte Ausgaben zu kaufen und zu verschenken – statt Freund*innen mit Kaufempfehlungen in den Ohren zu liegen.

Sobald ich denke “Er/sie hätte Spaß, mit diesem Buch”, kaufe ich eine billige Ausgabe.

Hier: Die Bücher und DVDs, die ich 2017 und 2018 verschenkte. 95 Prozent davon: selbst schon gelesen, und sehr gemocht.

Blau markierte Titel kamen sehr gut an.

Rot markierte Titel kamen schlecht an.

verschenkt 2011 | verschenkt 2012 | verschenkt 2013verschenkt 2014 | verschenkt 2015 & 16

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Geschenke 2017 und 2018:

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geschenke 2018 01

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Kinder:

Tochter einer Schulfreundin, im Oktober 2017 geboren:

  • Cube Book: „Baby Animals“ (kleine, dicke Fotobücher zum Blättern und Staunen, Link)
  • Michael Roher: „Fridolin Franse frisiert“ (Bilderbuch, Link)

Sohn einer Schulfreundin, 2:

  • Cube Book: „Mountains“ (kleine, dicke Fotobücher zum Blättern und Staunen, Link)
  • Miroslav Sasek: „This is the World“ (60er-Jahre-Illustrationen über Städte, Link)
  • Colin Thompson: „Bücher öffnen Welten“ (Bilderbuch, Link)

Pflegetochter meiner besten Freunde, 4:

  • Loes Riphagen: „Elefäntchen Naseweis“ (Bilder-/Vorlesebuch, Link)
  • Doro Göbel: „Unser Zuhause“ (Wimmelbuch, Link)
  • Sonja Bougaeva: „Zwei Schwestern bekommen Besuch“ (Bilder-/Vorlesebuch, Link)
  • Allen Say: „Allison“ (Bilder-/Vorlesebuch, Link)

meine Nichte, 4:

  • Blexbolex: „The Holidays“ (Bilderbuch ohne Text; britische Ausgabe ist billiger & identisch mit der dt.; Link)
  • Tom Schamp: „Das größte und schönste Bildwörterbuch der Welt“ (Wimmelbuch, Link)
  • Jill Twiss: „Ein Tag im Leben von Marlon Bundo“ (Bilder-/Vorlesebuch mit schwuler Hauptfigur, Link)
  • Verena Hochleitner: „Der verliebte Koch“ (Bilder-/Vorlesebuch mit schwuler Hauptfigur, Link)
  • Helene Kerillis: „Ein Vogel im Schnee“ (Bilder-/Vorlesebuch, Link)

meine Patentochter, 5:

  • Bernd Kohlhepp: „Drachen erziehen ist leicht“ (Bilder-/Vorlesebuch, Link)
  • Verena Hochleitner: „Der verliebte Koch“ (Bilder-/Vorlesebuch mit schwuler Hauptfigur, Link)
  • Martin Waddell: „Ist dieses Tier nützlich hier?“ (Bilder-/Vorlesebuch, Link)
  • Tom Schamp: „Das größte und schönste Bildwörterbuch der Welt“ (Wimmelbuch, Link)
  • Katharina Grossmann-Hensel: „Küss mich oder friss mich“ (Bilder-/Vorlesebuch, Link)

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geschenke 2018 02

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mein Neffe, 9:

  • Anja Tuckermann: „Alle da! Unser kunterbuntes Leben“ (illustriertes Buch über Immigration, Link)
  • Elma van Vliet: „Sag mal, Mama. Das Fragespiel für Mutter und Kind“ (Fragekarten, Link)
  • Patrick Wirbeleit: „Kiste“ (simpler Erstleser-Comic, Link)
  • Konami Kanata: „Kleine Katze Chi“ (simpler Erstleser-Manga, Link)
  • „Die Dinos“ (Sitcom, 3 Staffeln, DVD, Link)
  • „Nausicaä aus dem Tal der Winde“ (Film, DVD, Link)
  • Lustiges Taschenbuch: „Das gläserne Schwert“/“Asgardland“ (Fantasy-Comic, Link)

Sohn meiner besten Freunde, 11:

  • Tsugumi Ohba, Takeshi Obata: „Bakuman“ (20teiliger Manga übers Mangazeichnen, Link)
  • Dan Jurgens: „Superman: Lois & Clark“ (Comic, Link)
  • Lustiges Taschenbuch: „Das gläserne Schwert“/“Asgardland“ (Fantasy-Comic, Link)
  • Makoto Yokimura: „Vinland Saga“, Band 1 & 2 (Manga für ältere Kinder – doch ich mag, wie es die „One Piece“-Gewalt dekonstruiert, Link)
  • Clive Barker: „Das Haus der verschwundenen Jahre“ (Grusel-Kinderbuch, Link)
  • Ian Livingstone: „Das Labyrinth des Todes“ (Fantasy-Spielbuch, Link)
  • Terry Pratchett: „Gevatter Tod“ (Fantasy, Link)
  • Stuart Gibbs: „Spion auf Probe“ (Link)

Tochter meiner besten Freunde, fast 17:

  • Katrin Bongard: „Subway Sound“ (Link)
  • David Levithan: „Two Boys Kissing“ (Link)
  • Noelle Stevenson: „Nimona“ (Link)
  • Neal Gaiman: „Coraline“ (Link)
  • Alex Garland: „Der Strand“ (Link)

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geschenke 2018 03

Frauen:

meine Schwester, 26:

  • Agota Kristof: „Das große Heft“ (Link)

Pädagogin, 35:

  • Haruki Murakami: „Von Beruf Schriftsteller“ (Link)
  • Sharon M. Draper: „Out of my Mind. Mit Worten kann ich fliegen“ (Link)
  • Miriam Toews: „Mr T., der Spatz und die Sorgen der Welt“ (Link)

Pädagogin, 35:

  • Noah Scalin: „365: A daily Creativity Journal“ (Link)
  • Milena Michiko Flassar: „Ich nannte ihn Krawatte“ (Link)
  • Anke Stelling: „Erna und die drei Wahrheiten“ (Link)

Pädagogin, 36:

  • Stefanie Höfler: „Mein Sommer mit Mucks“ (Link)
  • Sophie Daull: „Adieu, mein Kind“ (Link)
  • Nis-Momme Stockmann: „Der Fuchs“ (Link)

Pädagogin, 36 – liest fast nur Theaterstücke und Comics/Mangas:

  • Inio Asano: „Gute Nacht, Punpun!“ (Maga, Band 1, Link)
  • Anke Stelling: „Erna und die drei Wahrheiten“ (Link)

Bürokauffrau, 39:

  • Sarah Leavitt: „Das große Durcheinander. Alzheimer, meine Mutter und ich“ (Link)
  • Anke Stelling: „Erna und die drei Wahrheiten“ (Link)

Krankenschwester & Krimi-Fan, ca. 55:

  • Geoffrey Household: „Einzelgänger, männlich“ (Link)
  • Chloe Hooper: „Der große Mann. Leben und Sterben auf Palm Island“ (Link)
  • Helen Garner: „Drei Söhne. Ein Mordprozess“ (Link)
  • Sven Koch: „Dünenfeuer“ (Link)

Krankenschwester, Anfang 60:

  • Stewart O’Nan: „Die Chance“ (Link)
  • Anna Funder: „Stasiland“ (Link)

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geschenke 2018 04

meine Mutter (ehem. Arzthelferin, Anfang 60):

  • „Boyhood“ (DVD, Link)
  • Stefanie Höfler: „Der große schwarze Vogel“ (Link)
  • Stefanie Höfler: „Mein Sommer mit Mucks“ (Link)
  • Sophie Daull: „Adieu, mein Kind“ (Link)
  • Anke Stelling: „Schäfchen im Trockenen“ (Link)
  • Aidan Chambers: „Die Brücke“ (Link)
  • Harper Lee: „Gehe hin, stelle einen Wächter“ (Link)

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Männer:

Mein Bruder – Mechatroniker, 33:

  • „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ (DVD, Link)
  • „Broadchurch“ (Staffel 1, DVD, Link)

Ingenieur, 34:

  • Nicholson Baker: „Menschenrauch“ (Link)
  • Assaf Gavron: „Hydromania“ (Link)

Bankkaufmann, 37:

  • Makoto Yokimura: „Vinland Saga“, Band 1 & 2 (Manga, Link)
  • Emily St. John Mandel: „Das Licht der letzten Tage“ (Link)
  • Anke Stelling: „Erna und die drei Wahrheiten“ (Link)
  • David Mazzuchelli: „Asterios Polyp“ (Link)
  • Art Spiegelman: „Maus“ (Link)
  • John Scalzi: „Kollaps“ (Link)
  • Jean-Paul Sartre: „Geschlossene Gesellschaft“ (Link)
  • Joachim Meyerhoff: „Alle Toten fliegen hoch. Amerika“ (Link)
  • Pete Dexter: „Deadwood“ (Link)
  • Brian K. Vaughan: „Saga“, Band 1 bis 5 (Link)
  • Guy Gavriel Kay: „Im Schatten des Himmels“ (Link)
  • James Clavell: „Shogun“ (Link)
  • Neil Gaiman: „Niemalsland“ (Link)
  • Daniel Keyes: „Blumen für Algernon“ (Link)
  • Joe Haldeman: „Der ewige Krieg“ (Link)
  • Liane Dirks: „Vier Arten, meinen Vater zu beerdigen“ (Link)
  • Wallace Stegner: „Zeit der Geborgenheit“ (Link)
  • Cece Bell: „El Deafo“ (Link)
  • Roberto Bolano: „Der Geist der Science-Fiction“ (Link)
  • Ursula K. LeGuin: „Freie Geister“ (Link)
  • Thomas von Steinaecker: „Die Verteidigung des Paradieses“ (Link)
  • Clemens J. Setz: „Glücklich wie Blei im Getreide“ (Link)
  • Veronique Poulain: „Worte, die man mir nicht sagt“ (Link)

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geschenke 2018 05

Kunstpädagoge, 38:

  • Adrian Tomine: „Sommerblond“ (Link)
  • Guy Delisle: „Aufzeichnungen aus Burma“ (Link)

Mathe- und Sportlehrer, 38:

  • Alexander Ramati: „Als die Geigen verstummten“ (Link)
  • Anke Stelling: „Erna und die drei Wahrheiten“ (Link)

mein Vater, Mechatroniker, 62:

  • “Hamlet“ (DVD, Link)

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mein Partner und ich wohnen zusammen – und ich kaufe/schenke ihm fast nie Bücher: Er liest meine Ausgaben mit, statt sich ein eigenes, zweites Exemplar zu holen. Bücher, die ich ihm empfahl, und die er las 2017 und 2018:

Freund M., Florist, 37:

  • Andreas Maier: „Das Zimmer“ (Link)
  • Andreas Maier: „Das Haus“ (Link)
  • Anke Stelling: „Erna und die drei Wahrheiten“ (Link)
  • Alison Bechdel: „Fun Home“ (Link)
  • Sabine Rennefanz: „Die Mutter meiner Mutter“ (Link)
  • Maxim Leo: „Haltet euer Herz bereit. Eine ostdeutsche Familiengeschichte“ (Link)
  • Roger Willemsen: „Es war einmal oder nicht: Afghanische Kinder und ihre Welt“ (Link)
  • David Gates: „Jernigan“ (Link)
  • Joe Hill: „Locke & Key“, Band 1  (Link)

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