Literatur

Pressereise nach Norwegen: Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2019 | Hurtigruten

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Im Oktober 2019 ist Norwegen Ehrengast / Gastland der Frankfurter Buchmesse #fbm19.

Ende Oktober 2018 war ich auf einer sechstägigen Pressereise von den Lofoten (200 km über dem Polarkreis) bis nach Bergen.

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Heute: die Norwegen-Pressereise – erzählt in Fotos und kurzen Texten.

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Vier Journalistinnen sind mit mir eingeladen: Andrea Gerk (Deutschlandfunk), Saskia Trebing (Monopol Magazin), Anke von Heyl (Kulturvermittlungs-Expertin „Kulturtussi“; Teil der „Herbergsmütter“), Claudia Schumacher (Ex-Weltwoche; Welt). Rechts im Bild: Margit Walsø von NORLA – Norwegian Literature Abroad. Foto: NORLA.

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Ich mag Johan Harstad, Ingvild H. Rishoi, Cartoonist Jason. Auch die recht simplen Romane von Per Petterson und Erlend Loe verschenke ich gern. Zuletzt rezensierte ich Linn Ullmanns „Die Unruhigen“. Doch ich bin kein Skandinavist, Norwegen-Experte, -Liebhaber. Pressereisen reißen mich mit. Ich liebe, mir ein Land und seine Literatur zu erarbeiten und bis Oktober 2019…

a) …Bücher vorzustellen.

b) …Lesungen zu moderieren.

c) …Interviews zu führen.

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Auf betreuten, kurzen Reisen sehen kleine Gruppen maximal viel Kultur – straff, fokussiert. Auch bei den Mahlzeiten geht es um Networking. Ich mag Dichte, Tempo solcher Tage. Doch erlebe sie als Arbeit: Ich reagiere auf 100+ neue Menschen. Würde oft gern kurz pausieren, googeln. Wir rasen durch ein Land. Daheim lesen wir nach, WAS wir da sehen, WEN wir da trafen. Konzentrierte, geballte Tage!

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Bis Oktober 2019 lädt Norwegen immer wieder Gruppen aus Journalist*innen, Buchhändler*innen ein:

_ Juni 2018: Literaturtoget [Zug] mit Kronprinzessin Mette-Marit
_ Juni 2018: Teil 2 und sehenswertes Video [BuchGeschichten]
_ September 2018: Reise nach Oslo [Masuko13]

Besonders an meiner Reise: Kunst war viel präsenter als Literatur – denn von Montag bis Donnerstag fuhren wir auf einem Hurtigruten-Postschiff, als Teil der Kunst- und Networking-Konferenz „Coast Contemporary“, nach Bergen.

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Lectures, Performances, Artist Talks, kleine Ausstellungen, Film und Installationen: Ca. 80 Teilnehmer*innen waren an Bord. Davor (So/Mo) gab es Atelierbesuche auf den Lofoten; danach (Do/Fr) eine Buchpremiere und Kulturprogramm in Bergen. „Coast Contemporary“ fand 2017 zum ersten Mal statt [Link: langer Artikel]. 2018 kuratierte Charles Aubin (Paris/New York).

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Veranstalterin ist Tanja Eli Saeter. „Coast Contemporary is an artist-run and non-commercial platform for people to meet, share ideas and perhaps start working together in the future. Hierarchy and bureaucracy keep artists, curators, galleries and institutions apart – but we all depend on the artist, and the artist should be included on all levels. Coast Contemporary aims to present Norway’s art scene to the world, in collaborations with artists and some of the smallest and largest institutions in Norway.“

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Mir als Kritiker (…kein Reisejournalist, kein Kunstexperte) tat gut, von Kurator*innen z.B. des Centre Pompidou, des Portikus (Frankfurt) und des New Yorker Swiss Institute zu lernen. Oder mit Idealist*innen im Whirlpool zu sitzen, die abwägen, in welchem Flügel der PS1 sie nächstes Jahr ihre Zines und Kunstbände ausstellen.

Leider hatten kaum Teilnehmende die norwegische Literaturwelt (Betrieb, Novitäten, Institutionen) richtig auf dem Schirm – oder gar die Frankfurter Messe: Literatur war Lebensmittelpunkt von höchstens 10 Menschen auf der Reise. Es ging v.a. um Kunst. Klimawandel. Und das Dokumentieren von Ökosystemen und Landschaft.

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Nach sieben Stunden Anreise (Berlin bis Oslo, dann Bodo, dann eine kleine, laute Propellermaschine nach Svolvaer) stehen wir mit warmem Fruchtpunsch in einem stillgelegten Kühlhaus. Hanan Benammar und Espen Sommer Eide imitieren auf Instrumenten den Ruf der Dreizehenmöwe. Den Kontext – in spätestens 10 Jahren ist die Möwe ausgestorben – kann ich erst Tage später nachlesen; und weil ein Zuschauer in Ohnmacht fällt, wird die Performance abgebrochen. Fotos: Laimonas Puisys

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Bevor ich das Licht im Hotelzimmer finde, sehe ich: ein Hurtigruten-Schiff hält direkt am Kai. In allen Hotelzimmern liegt ein Fernglas bereit… und im Schrank warten Regenschirme.

Das Wetter kann sich, wie jeder Hurtigruten- und Lofotentext warnt, „stündlich, beinahe minütlich“ ändern. Für Fotos ist das toll: Alle 10, 15 Minuten herrscht eine dramatisch neue Lichtstimmung. Auch im dunkel-nassen Oktober.

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In Hotels google ich beim Aufstehen meist, wo der Frühstücksraum liegt. Zum Thon Hotel] schwärmt Tripadvisor: „The highlight was the breakfast. Simply perfect! Local products are carefully selected, such as several types of cured fish and perfect cheeses and breads. I travel a lot around the world, and this hotel by far had my best and perfect breakfast ever!“ Keine Übertreibung. Ich hatte nie ein liebevolleres, facettenreicheres Frühstück!

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In zwei Reisebussen fahren wir 50 Minuten nach Kvalnes. NICHTS auf der Reise war so packend, überraschend, beglückend wie diese bizarr schöne Fahrt durch eine Landschaft, die mich… komplett überforderte. Foto: Coast Contemporary

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Ich friere schnell. Drei Monate im warmen Georgien leben? Jederzeit! Doch hier: 200 Kilometer nördlich des Polarkreis‘? Doch. Denn ich liebe, in vier Richtungen zu blicken… und vier oft dramatisch verschiedene Aussichten zu sehen.

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Tanja Saeter: „Before the Hurtigruten route was established, it took three weeks to send a letter from Trondheim to Hammerfest in the summer, and up to five months in the winter. Hurtigruten took only seven days to make the trip, a development forging much stronger ties between north and south. Since launching in 1893, Hurtigruten has become one of the most important identity markers for coastal Norway.“

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Moos. Bizarr windschiefe Birken. Fels und Findlinge. Heidekraut. Flechten. Viele (Sommer-)Häuser in Kvalnes stehen ab Herbst leer.

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„Aslaug Vaa“, schreibt Saskia Trebing im Monopol Magazin, „hat aus dem winzigen Fischerdörfchen Kvalnes tatsächlich einen Kulturort gemacht. Eine ehemalige Fabrik für Dorschlebertran ist nun von außen ein schickes Holzhaus und von innen ein skandinavischer Designtraum mit Glasfußboden, durch den man in der Küche einem kleinen Bächlein beim Fließen zusehen kann. In die Villa Lofoten werden mehrmals pro Jahr Künstler eingeladen, die im Nirgendwo des Nordens zumindest nicht über Ablenkung klagen können.“

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Die Renovierung der Fassaden ist staatlich gefördert – weil die Gebäude den historischen Charakter behalten. Innen ist alles großzügiger. Übernachtungen kann man hier (Link) buchen.

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„Seit 2004 wurden dank NORLA mehr als 4.500 Bücher in wenigstens 65 Sprachen übersetzt. Für 2018/19 sind besonders viele Übersetzungen aus dem Norwegischen ins Deutsche geplant. Zwei Mal pro Jahr erstellt NORLA eine Auswahl von 10 Fokustiteln (ein Mix aus Debütanten und bekannten Autoren Norwegens).

Um den deutschen Markt zur Buchmesse nicht zu überfluten, ist für das gesamte Jahr 2019 der Fokus auf etwa 200 Titel gesetzt (auch wenn das jetzt viel klingt – es sind alle Genres vertreten von Belletristik, Krimi, Kinderbuch und Sachbuch bis Fantasy)“ …schreibt Jacqueline Masuck.

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„Although Finland has been named The Land of a Thousand Lakes, Norway’s lakes do in fact far outnumber Finland’s. About 450,000 lakes in Norway are identified, compared to the 188,000 lakes in Finland.“ [Quelle]

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Noch weiß ich nicht, wie norwegische Dörfer funktionierten: Fischer hatten auch Schafe, bauten Kartoffeln an, lagerten Heu; bewirtschafteten mehrere kleine Parzellen. Land kaufen in Kvalnes ist schwer – weil Erbgemeinschaften wollen, dass alle verstreuten Grundstücke in der Familie bleiben.

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„In Kvalnes, das ganze neun ständige Einwohner aufweisen kann“, schreibt Saskia Trebing im Monopol Magazin, „sind Künstler deutlich in der Überzahl. Kjetil Berge hat aus einer Scheune den Veranstaltungsort Midnight Sun Barn gemacht, die Maaretta Jaukkeri Foundation lädt Gäste aus verschiedenen Disziplinen zum Forschen ein, und auch die Künstlerin A K Dolven hat sich ein Studio mit endlosem Meerblick gebaut.“

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Kjetil Berge kaufte z.B. 2013 einen Eiswagen, um a) in Nord-Norwegen Eiscreme anzubieten und b) in der Sahara Sand. Seine Midnight Sun Barn ist ein Community- und Sehnsuchtsort – im Sommer. Doch mit fast 90 Menschen in der feuchten Kälte zu drängen, Eintopf zu löffeln, fest zu sitzen war für mich der witzloseste und deprimierendste Moment der Reise. Besonders, als… [Foto: Norla].

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…Berge – trotz Beamer und Mikro eh schlecht zu sehen, zu hören – uns einlud, einen „Heute ist es wolkig, doch bald lacht die Sonne wieder“-Kanon zu üben und zu singen. Wenn du die Zeit und Aufmerksamkeit von 90 Menschen hast, die STUNDENLANG flogen, um hier zu sein: Mach was draus! Ich wäre schreiend raus gerannt – hätten bis zur Tür nicht ca. 60 frierende Leute gekauert. Link: Drohnen-Video von Berges Haus/Atelier und der Scheune.

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Selbst das Künstlerhaus der Maaretta Jaukkuri Foundation wird eng – sobald dort 90 Menschen stehen. Hätte ich gefroren: Ich klänge so ungnädig wie in der Scheune. Doch hier war’s hell, warm… und vom Idealismus einer 74jährigen Kuratorin und Professorin, der Kunst, Dialog und Klimaschutz so wichtig sind, dass sie sagt: „Every person who comes here should leave an imprint that will generate the tools for deep thinking that can ripple out, over time, through both private and public channels“, lasse ich mich gern anstecken. Respekt!

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Nach der Scheune drängte sich die Gruppe durch Kjetil Barnes (warmes, charmantes) Atelier/Haus. Auch hier dachte ich leider v.a. an die Spielshow „Get the Fuck out of my House“. Absurd viel Warten. Wozu?

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Eine Mitreisende liebte das Kanon-Singen in der Scheune: „Die wissen schon, wie sie tolle, kollektive Momente inszenieren können!“

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Künstlerin A K Dolven hätte ich gern ewig zugehört. „Geboren 1953 in Oslo, Norwegens bekannteste Multimediakünstlerin, aufgewachsen nördlich des Polarkreises. Ihre Skulpturen, Malerei, Foto- und Videokunst werden weltweit ausgestellt. Vor 1989 wohnte sie mehrere Jahre im Westteil von Berlin direkt an der Mauer. Heute lebt sie auf den Lofoten und in London.“ [Deutschlandfunk]

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Wenn Menschen für ihre Arbeit brennen, überträgt sich ihre Begeisterung schnell auf mich. 17-Minuten-Video, in dem Dolven viel über Materialität, Arbeitsrhythmen etc. spricht. [Link, Empfehlung!]

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Die Fenster zeigen das Meer. Der verspiegelte Eckpfeiler, von Sessel und Bett aus zu sehen, zeigt zugleich die Häuser an Hauptstraße und Berg.

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Ich mag, wie selbstverständlich Dolven betonte, dass sie MIT Menschen arbeitet – ohne, sich dabei als Künstlerin klein zu machen. Kurzer, passend programmatischer Text auf ihrer Website: „A K Dolven’s work is based on collaborations with many people. Thanks to family, friends, neighbours, contributors, publishers, printers, curators, designers, helpers, transporters, gallerists, museums, proofreaders , boyfriends, assistants, photographers, engineers, entrepreneurs, crane companies, architects, writers, thinkers, technicians, translators, editors, repro, students, colleagues, daughter, driver.“ Foto: Aslak Hoyersten.

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Gucklöcher in renovierten Steinwänden; ein Dielenboden mit einer Glasfläche etc.

Kvalnes lud überall zum Rausschauen ein – und damit auch: zum Reinschauen. Ich will genauer wissen, wie wichtig Zäune, Wachhunde, Grenzen, Vorhänge etc. fürs norwegische Sicherheitsempfinden sind.

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TV Tropes über Norwegen in Kunst & Popkultur: „In Douglas Adams‘ The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy, Norway was the particular point of pride of a planet sculptor.“Lovely crinkly bits down the edge! I won an award for that, you know.“

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Landschaft, vom fahrenden Bus aus fotografiert.

Das 2018er-Motto von „Coast Contemporary“ ist „rugged, weathered, above the Sea“. Ich dachte noch nie so lange über Landschaft nach (auch: als Konstrukt und Projektionsfläche – ähnlich wie der deutsche Sehnsuchtsort „deutscher Wald“)..

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.zehn norwegische Romane, auf die ich mich freue:

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.englische Worte aus dem Norwegischen:

  • ski – a cleft piece of wood
  • bag – a flexible container
  • slalom – a track (låm) on a slope (sla)
  • ombudsmann – a trusted intermediary or representative
  • equipment

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Die wichtigsten Literaturpreise:

  • Bragepris
  • Kritikerpris
  • Sultpris (für junge Autor*innen)
  • Bastianpris (für Übersetzungen)
  • Rivertonpris (für Kriminalliteratur)
  • Tarjei Vesaas’ Debutantpris.

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Die Teenager-Dramedy „Skam“ (2015 bis 2017) wird mir oft empfohlen.

Ich bin gespannt auf die Serien:

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Zeitschriften, die mir auffielen: ein sexistisches True-Crime-Magazin  [„Blutige Begierde“]; teure und stereotype Design-Zeitschriften [„Bo Nordisk“] und, wie in Deutschland: viel Zweiter-Weltkrieg-Romantisierung und Militärkitsch. Von Vidkun Quisling kenne ich bisher nur Popkultur-Parodien.

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Sagte ich „norwegisches Postschiff“, riefen deutsche Freund*innen: „Hurtigruten, klar! Kenne ich doch!“ Mein Partner mag Ausflugsfahrten auf dem Wannsee. Doch teure Kreuzfahrten gibt es in meiner Welt / Familie nicht. 12 Tage Hurtigruten kosten ca. 1.600 EUR.

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Die MS Trollfjord fährt seit 2002 von Bergen (im Süden) bis Kirkenes (Norden, an der Grenze zu Russland) – und zurück. Das Schiff hat Platz für 45 Autos; hält an ca. drei Häfen pro Tag, oft für ca. 2 Stunden. Besatzung: 170. Passagiere: 822.

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Norweger*innen nutzen die Schiffe oft eher wie ein Shuttle oder einen Fernbus: ohne Vollpension und ohne Kabine. In jedem Hafen kommen wenige Teenager oder Backpacker an Bord, Paare mit Kinderwägen etc. und halten sich in den Gemeinschaftsbereichen auf: Bar, Bistro, Aussichtsdeck, Bibliothek; eine kleine Spielecke für Kinder.

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„Oh. I thought you were Norwegian. You look Norwegian.“ Männer, die mich an Wikinger erinnern, sehe ich in Berlin so oft wie in Norwegen. Viele Frauen sind auffällig blond – doch eine Menge haben dunkle Haare, Augen. Markant war für mich nur, dass am Flughafen jeder ca. fünfte Mann aussah wie Christian Kracht.

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2011 übertrug der öffentlich-rechtliche Sender NRK eine sechstägige Hurtigruten-Fahrt als „Hurtigruten: Minute by Minute“. Der „Slow TV“-Trend kommt aus Norwegen und begann schon 2009, mit Übertragung einer sechsstündigen Zugfahrt.

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Obwohl man Tagesausflüge buchen kann, verbringen die meisten Gäste Stunden auf dem (zweigeschossigen) Aussichtsdeck, starren auf die Landschaft wie auf einen Bildschirmschoner. Viele lesen; fast alle schweigen. Die Stimmung? Altenheim-Lobby trifft Meditationsraum trifft Zehn Vorne. Viele sind sehr still; wirken… eingelullt.

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Durch die vielen Schären und Fjorde gibt es oft back- und steuerbords Felsen zu sehen, fast immer bebaut. Frontal nach vorn zu schauen scheint mir reizlos. Viele Passagiere drehen ihre Sessel nach links oder rechts.

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Die Kabinen (drückend dunkles Holz; Meergrün; Teppich mit Seepferdchen) wirken gestrig – doch sind groß. Ich fand die Fußbodenheizung im Bad, doch keine Heizung für die Kabine; und dachte jeden Morgen kurz, ich sei erkältet.

Der Rest des Schiffs ist warm, plüschig: Teppichboden, seltener Parkett. Als mein Schuh in Trondheim durchweichte, verbrachte ich einen Tag in Strümpfen – ohne, dass sich jemand störte.

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„Gastland“ klingt, als würde Deutschland die Kosten tragen.

Oder die Frankfurter Messe?

Tatsächlich wird ALLES von Norwegen bezahlt. Das macht besonders auch die Gastfreundschaft Georgiens – ein viel ärmeres Land, das auf den EU- und Nato-Beitritt hofft und sich als Gastland sehr engagierte – nochmal beeindruckender!

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Island war 2011 Gastland – und begeisterte damals viele. „Das lag auch an den großformatigen Natur- und Landschaftsfotos“, erklärt NORLA: „They had a really strong visual identity.“

Das #norwegen2019-Design (dunkelblau, simple Piktogramme, gereiht wie auf einem Norwegerpulli oder in einem Bücherregal) lässt mich recht kalt.

Ich überlege seit Wochen, ob die Symbole für Buchstaben stehen: N? O?

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Zwei deprimierende Gespräche, die ich mit Autoren führte:

„Als Isländer wurde mein Buch in Frankreich zum riesigen Bestseller. In Deutschland wurden 600 Exemplare verkauft – weil im Island-als-Gastland-Jahr 2011 alles übersättigt war.“

und: „Wie viel gibt Norwegen aus, für diesen Auftritt? 100 Millionenen Kronen [9.6 Millionen EUR]? Dafür, dass ca. 15 norwegische Autor*innen danach Bestsellerautor*innen in Deutschland sind? Was ist mit uns anderen: Wie viel mehr wäre uns geholfen durch z.B. Stipendien?“

Ich liebe Übersetzungsförderung und weiß, dass ohne NORLA kaum aktuelle Bücher nach Deutschland kämen. Ich weiß auch, für wie viele deutschsprachige Leser*innen ein Gastland zum Sehnsuchtsort wird und, wie wichtig solche Auftritte diplomatisch sind.

Was kleinere norwegische Autor*innen davon haben, entscheidet u.a. hoffentlich MEINE Arbeit im nächsten Jahr. Über Stars wie Jon Fosse oder Jostein Gaarder werde ich selbst keine Artikel schreiben. #longtail

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Lichtröhren im Speisesaal, über dem Buffet.

„Star Trek: Voyager“ begann 1995. Ich dachte an Bord dauernd an die 90er-Ästhetik des Schiffs… und seine Größe: Captain Picards Enterprise hat eine Besatzung von 1014; auf der MS Trollfjord sind ebenfalls maximal ca. 1000 Menschen. Die Voyager hat 150 Crewmitglieder, ist 116 Meter breit und 343 Meter lang, hat 15 Decks. Die MS Trollfjord: 10 Decks, 135 Meter lang, 21 Meter breit.

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Frühstück, Lunch, Abendessen; dazu oft Gebäck und Gratis-Kaffee zwischen den „Coast Contemporary“-Vorträgen im Auditorium/Kino. Es gab zu jeder Tageszeit Buffet, nur einmal ein recht fades, schonkostartiges Dinner in mehreren Gängen.

Den Coast-Contemporary-Gästen wurde ein Cluster aus Tischen mit freier Platzwahl zugewiesen – und ich aß jedes Mal in anderen Konstellationen (viel gehört, sehr genossen!). Gratis-Wasser stand am Tisch; und bei Zwischendurch-Durst füllte ich eine Wasserflasche mit Leitungswasser auf. Alkohol trinke ich eh nicht.

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Tiefpunkt auf dem Boot: Weil die reiche Zielgruppe hofiert werden will und viele in Trondheim aussteigen, bedanken sich Kapitän und Besatzung beim Dinner am Vorabend persönlich… mit einem LIED, in dem sie singen, wie unglaublich dankbar sie sind.

Alte, reiche Menschen, die im Takt klatschen. Ein peinlich serviler Songtext. Und eine „Der Kunde ist König“-Vorstellung, die viele Menschen meiner Generation und Schicht anwidert. Dass eine Frau aus der Crew (auf dem Foto: zweite von hinten) eine Tracht trug, macht alles noch… patriarchaler, reaktionärer. „Singt und tanzt, Äffchen!“

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Getrockneter Wal. Rentier. Muscheln. Brauner Käse (beliebtes Mitbringsel, ließ mich kalt). Blau- und Preiselbeerbutter: Ich esse seit 2016 keinen Zucker, keine Kohlenhydrate – doch auf der Reise wollte ich kulinarisch alles mitnehmen. In Georgien begeisterte das (helle, leichte) Weißbrot. In Norwegen hätte ich gut auch weiter Keto essen können: Ich aß zum Frühstück viel Melone – doch sonst dreimal am Tag Fisch, Krabbensalat, Käse. [Das Brot, grau, schwer, mochte ich nicht.]

„Have you tried the Cod Tongue?“

Habe ich: panierte Kabeljau-Stücke, „Tongue“ hier wahrscheinlich gemeint wie bei „Schlemmerzunge“: einfach ein längliches Stück Filet.

„No. Stefan? They’re actual tongues!“ Wow.

[Die Illustration zeigt… einen Lachs? Kabeljau ist kleiner.]

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Trotz seiner Größe schwankt das Schiff bei hohem Seegang sehr. In Fjorden bleibt es oft ruhig, doch besonders nachts, auf offener See, bäumt sich alles. Mein Magen war robust – doch ich war überrascht, wie sehr sich Wellengang anfühlt wie Trunkenheit. Ich wurde mehrmals wach… und kann die Reise keinem empfehlen, den Wellen nervös machen.

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Puppen of Color in der Kinderspiel-Ecke. Beim Dinner sprechen wir über eine norwegische CGI-Serie über ein freundliches Seenotrettungs-Boot, „Elias“ (ab 2005; auch in Deutschland bekannt).

Stefan: „Ah, wie Thomas die Lokomotive?“

X: „Ja. Bei Thomas gibt es jetzt einen afrikanischen Zug.“

Stefan: „Ich weiß. Ein Zug of Color.“

X: „Ich bin gespannt, wann sie sagen: Der Helikopter ist trans.“

Als jemand, der (ernsthaft) dauernd schaut, ob es z.B. queere Maschinen bei „Transformers“ gibt, fände ich einen trans Helikopter im Kinderprogramm zwei Sekunden lang absurd.

Und dann: jahrzehntelang großartig!

Update: Tatsächlich gibt es seit Jahren ein transfeindliches „Du bist eine Frau? Na dann bin ICH jetzt ein Kampfhelikopter!“-Meme, das ich nicht kannte.

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Auf den ersten Blick wirkt die Auswahl der Bibliothek (Englisch, Norwegisch, Deutsch) banal & zu klein: Gäste ließen gängige Bestseller, Paperbacks an Bord zurück. Doch der Bestand wird gepflegt; und eine Frau aus der Crew gibt engagiert Buchtipps.

Sigrid Undset, Autorin von „Kristin Lavranstochter“, gewann den Nobelpreis: Aktuell ist ihr Roman nicht im deutschen Buchhandel.

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Alle Durchsagen an Bord wurden auf Norwegisch, dann Englisch, dann Deutsch verlesen. Alle Deutsche, die ich erkannte, waren als (Hetero-) Rentnerpaar unterwegs; recht leise und für sich.

Ich mochte, wie viele Durchsagen ans Leid und die Verfolgung der Sami erinnerten… bis ich verstand: Das ist keine offizielle Hurtigruten-Tonspur. Sondern eine Kunstaktion im Rahmen von „Coast Contemporary“, von Sissel M. Bergh.

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„Ganz untypisch in Zeiten des overtourism ist Norwegen ein Land, das sich tatsächlich mehr Kulturtourismus wünscht“, schreibt Saskia Trebing im „Monopol Magazin“: „‚Hier ist noch Platz‘, sagt Annika Winström, Direktorin der Maaretta Jaukkeri Foundation, und zeigt schmunzelnd über die weite Fjordlandschaft.“

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„Die Reedereien“, schreibt Saskia Trebing, „feiern Norwegen als zerklüftetes Paradies, doch auch hier ist die Idylle gefährdet – oder hat vielleicht nie existiert. In ihren Vorträgen erinnern Künstler an den Klimawandel, der die Arktis schon jetzt dramatisch verändert, die Debatten um mögliche Ölplattformen im Norden und die Unterdrückung der Sami in ihren angestammten Gebieten.“

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„Norway’s artist-run scene is strong and at times as untouched as (some of) its nature“, schreibt Tanja Saeter im Programmheft (nicht online). „Because of The Relief Fund for Visual Artists, 5% of all sold art, from the first and second-hand markets, is given back to the artists in form of working grants.

Combined with the important working grants from the government (Statens Arbeidsstipend) artists are able to work in peace and develop their practice. It is important for all art-workers to protect this remarkable model established by Ulrik Hendriksen (1891-1960), and even better, share the model with the world. [Also,] Norway has a long tradition of artist organisations that function as unions combined with a gallery space.“

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„The TV show ‚Hurtigruten minutt for minutt‘ appealed to a national trait: the country’s passion for its own landscape“, schreibt Kurator Charles Aubin. „[That’s] also a quite effective tool to build a shared sense of nationhood. Romantics of the 19th century throughout Europe
turned to celebrations of nature at its most dramatic to invigorate patriotism. Here in Norway, literary and pictorial depictions such as Johan Christian Dahl’s spectacular paintings of mountain scenery, have served to build a national belief of an untouched and limitless territory — often largely oblivious of the Sámi people — at the hand of the adventurous mind.

Today the natural tourism agency still relies on such formulations: “Norway, Powered by Nature”, goes the slogan, even though what really powers Norway these days is the petroleum industry that has dramatically changed the course of the country’s economy since the 1960s.“

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„I was eager to examine these contradictory images of nationhood, landscape, ecology, and tourism“, schreibt Aubin weiter:

„Drawing its title from the first strophe of Norway’s national anthem Ja, vi elsker dette landet (Yes, We Love This Country) written in 1859 by Bjørnstjerne Bjørnson (“Yes, we love this country / as it rises forth / rugged, weathered, above the sea”), this programme seeks to address the complex relationship Norwegians entertain with the wilderness. How has it been “naturalized” as a national mythology? What particular worldviews and agendas does it imply?“

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Hurtigruten-Schiffe haben zwar WLAN – doch Zugang kostet gut 5 EUR pro Tag; und ich hatte eh kaum Zeit, zu googeln, online nachzulesen, tiefer zu recherchieren: Während der Reise bearbeitete ich Fotos und stellte sie tagesaktuell bei Facebook online. Alles, das mehr Energie und Zeit brauchte, las ich im Nachklapp.

Dass Anke von Heyl souverän, originell und mit präzisem Blick schon live während der Reise Twitter & Instagram bespielte, beruhigte mich: #Arbeitsteilung #Fokus

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„Über welche Autor*innen willst du vor der Buchmesse schreiben?“

„Über alle, die kleiner sind als die superbekannten Dudes: Karl-Ove Knausgaard, Tomas Espedal…“

Espedal schreibt kurze, persönliche Bücher (im Stil von z.B. Andreas Maier: Autofiktion) mit vielen Naturbeobachtungen. Keine Stimme, die ich fördern kann, entdecken darf: Er ist seit Jahren etabliert, auch in Deutschland. Erst einen Tag vor meinem Flug wird endlich das Programm an uns Deutsche verschickt. Tomas Espedal führt uns durch Bergen!

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Ich liebe vergriffene, vergessene Bücher, und lese in den nächsten Wochen u.a. die queeren Autor*innen Jens Bjoernboe, Gudmund Vindland und Gerd Brantenberg – deren feministische Satire „Die Töchter Egalias“ so präsent sein könnte wie Margaret Atwoods „The Handmaid’s Tale“.

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Norwegisch ist recht leicht zu lernen – doch die Betonung ist schwer.

„Understanding basic Norwegian words is fairly easy for English, German or Dutch speakers. But perfect pronunciation is notoriously difficult to learn because Norwegian is a pitch accent / tonal language.“

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Zufallsfund am Flughafen: Michael Booths „The almost nearly perfect People“ (2014; der Goodreads-Score ist mau für ein Sachbuch) stellt alle skandinavischen Länder vor – und hat deshalb, unterm Strich, zu wenig Norwegen-Content. Beim Blättern fand ich trotzdem dauernd Stellen, die ich anstreichen wollte. #vielgelernt

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Anke von Heyl schreibt: „Jeder, dem ich davon erzählt habe, dass ich einen Teil der Hurtigruten (es heißt tatsächlich “schnelle Route” – hach, hurtig ist so ein schönes altes Wort) fahre, bekam glänzende Augen. Für viele ist das der Inbegriff von Entschleunigung und Landschaft pur.“

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Wer zum Speisesaal will, muss am Shop vorbei. Teure Funktionskleidung, Souvenirs. Keine Romane; doch Bildbände und Fotobroschüren mit Titeln wie „Hurtigruten: Die schönste Seereise der Welt“. Der Kapitän bietet an, die Bücher persönlich zu signieren. #buchkultur

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Mein Lieblings-Lecture: Hanne Beate Ueland stellt Landschaftsmalerin  Kitty Kielland vor und zeigt, wie sie sich gegen die Männer der Düsseldorfer Schule positionierte: Johan Christian Dahl; Hans Gude, Peter Balke, Lars Hervgeig. Ab 30 [ca. 1873] lebte Kielland in Karlsruhe, durfte nicht an der Kunstakademie studieren und stürmte als Intervention in einen Aktzeichnungs-Kurs, der Männern vorbehalten war.

Als jemand, der 50 Minuten von Karlsruhe entfernt aufwuchs, finde ich es absurd, dass Norweger nach Nordbaden zogen, um Landschaftsmalerei zu üben.

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Expert*innen sehen bei Kiellands Landschaftsmalerei: „The skies are meterologically correct. The rocks are geologically corrrect.“

Grundfrage damals war: „Is this area interesting as something to describe in paint, in art? What’s emphasized: the sky? The water? The landscape?“ Es gab kaum Eisenbahn. Landschaft wurde zu Pferd oder Kutsche erkundet. Sümpfe, flat landscapes etc. galten als „female landscapes“, in Kontrast zu den „more dramatic mountains: male landscapes“.

Kittys Bruder Alexander Lange Kielland schrieb Romane.

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Norwegen hat die höchste Lebensqualität, Bildungsgerechtigkeit, Class Mobility und die geringste Lohn-Schere. Doch mich erschreckt, wie laut sich eine Norwegerin jeden Vergleich mit den USA (für mich: vielfältiger, künstlerisch oft interessanter) verbat.

„Das ist ein failed State, in dem Leute oft über Generationen keine Ausbildung, keine Jobs kriegen!“

Ich mag Nationen, die fragen, wie sie besser werden können. Statt sich selbst auf die Schulter zu klopfen.

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In Georgien schnappte ich viel auf – und verstand Zusammenhänge erst Monate später, als ich ein Dutzend georgische Romane las. Auf den Hurtigruten hörte ich Sätze wie „Bergen ist reich. Das Fischereimonopol!“ …ohne zu wissen, was das politisch und sozial bedeutet – und wie es das Land bis heute prägt.

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Anke von Heyl schreibt: „Hannah Ryggen ist eine Künstlerin, die in den 20er und 30er Jahren große Anerkennung erfuhr und die es heute wieder zu entdecken gilt. Eine ihrer Arbeiten, ein Wandteppich, wurde 2012 auf der Documenta gezeigt. Er erlangte traurige Berühmtheit, weil er 2011 beim Anschlag aufs Parlament in Oslo in Mitleidenschaft gezogen wurde. Ryggen selbst engagierte sich in ihren Arbeiten gegen Faschismus.“

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Ryggen, geboren 1894 in Malmo, sollte Grundschullehrerin werden und webte ab den ca. 20er Jahren große Wandteppiche an einem Webstuhl. Das Garn ist eingefärbt mit Farbstoffen, die sie in der Natur sammelte.

20 Jahre lebte Ryggen mit Mann und Kind in einem Bauernhaus ohne Strom: Sie brauchte zehn Jahre, um die Technik zu meistern, und verdiente binnen 14 Jahren mit ihrer Kunst 3000 Kronen.

Durchschnittseinkommen pro Jahr damals: 2500 Kronen.

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Kunsthistorikerin und Kuratorin Marit Paasche schrieb ein Buch über Ryggen: „Hannah Ryggen. A Free One“.

In einem „extremely male-dominated account of modernism where women were marginalized and overlooked in their own time“ ist Ryggen die Ausnahme: „Her genius was recognized. She wasn’t misunderstood. But in the 1980s and 1990s, she received little place.“

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Anke von Heyl: „Der Landgang mit Besuch im Nordenfjeldske Art Museum in Trondheim war zwar kurz, aber ich habe die Begegnung mit den Hannah Ryggens Original-Textilien sehr genossen. Umso gespannter bin ich auf die Ausstellung in der Schirn, die nächstes Jahr im Herbst und parallel zur Buchmesse zu sehen sein wird.“

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Motive der Ryggen-Wandteppiche sind u.a. die Arbeitslosigkeit der Fischer während der Wirtschaftskrise; oder, in „Death of Dreams“, dass Carl von Ossietzky erst 1936 den Nobelpreis erhielt, und 1938 von den Nazis zum Tod verurteilt wurde. Politik, Antifaschismus.

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Ryggen lernte in Dresden. Wandteppiche und Webarbeiten zeigten oft dekorative Muster. Auch Natur war wichtig: Als „diversion, vitalism, romanticism and, in Norway: nationalism“.

Ryggens Teppiche sind anders. Illustrativ wie politische Zeitungs-Cartoons. Es geht um klare Aussagen und Positionierungen, z.B. gegen Italiens Einmarsch in Äthopien. Der Arbeitsaufwand? Immens!

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Ryggen schlug alle Angebote privater Käufer*innen aus: „She saw the tapestries as public statements that have to hang in public spaces and could be seen by all.“

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Ich machte ein Selfie in meiner Kabine – und merkte erst, als ich die Bilder des Tages auf Facebook postete, wie ähnlich ich dem Ryggen-Teppich (oben) bin.

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Das Schiff hielt in Trondheim nur von 8 bis 10 Uhr morgens: Wir stapften 40 Minuten durch den Regen und ließen uns von Direktorin Åshild Adsen ca. 10 Teppiche zeigen.

Wie wichtig Textile Art in einem Land ist, das viel Wolle verarbeitet und, wie sehr das Medium noch immer als „Handarbeit“, „Frauenkunst“, „Kunsthandwerk“ abgetan wird, erklärte Karianne Sand von „Norwegian Textile Artists“ / „SOFT galleri“.

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Der einzige Ryggen-Wandteppich, der mich besonders ansprach: „We live among the stars“ (1956).

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Teekannen-Design. Dazu eine kleine Ausstellung japanischer Keramik: Wir sahen nur ein Stockwerk des Museums, hatten keine Zeit für die Kunsthalle Trondheim (nebenan); kriegten die Stadt kaum mit.

Schön und unerwartet: Es gibt Stolpersteine. Details: Link

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Schon in Svolvaer aßen wir bei „Peppe’s Pizza“ [Foto: Filiale in Trondheim], einer Pizza-Hut-artigen norwegischen Kette, in der Kinder gern Geburtstag feiern. Nichts wirkt italienisch (oder skandinavisch). Die American-Style-Pizzen schmecken; die Thin-Crust-Pizzen sind ölig-labbrig.

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Hafen-Terminal; dahinter Berge. „Star Wars: The Empire Strikes Back was partly filmed at Finse, near the Oslo-Bergen railway, in March 1979. The Finse area appears in the movie as Hoth, the snow & ice planet.“

Sobald ich das las, sah ich’s an jeder (schneebestäubten) Ecke.

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Autos, Frachtgut, Post: Hurtigruten-Schiffe werden dauernd be- und entladen, auch mitten in der Nacht. Ich schlief mit Ohrstöpseln und hörte nichts. Der Check-in in Svolvaer ging schnell; doch als in Bergen fast ALLE Passagiere ausstiegen, brauchten wir über eine Stunde.

Ein Kreuzfahrtschiff ist wie ein schwimmender Rollstuhl. Ich hatte mit vielen Menschen mit Behinderung an Bord gerechnet. „Sehr viele Behinderte“, sagt eine Mitreisende – und ich stutze: Klar sehe ich drei, vier Rolllatoren. An der Rezeption warten Klapprollstühle. Tatsächlich aber nutzt, glaube ich, nicht einmal jeder hundertste Gast hier einen Rollstuhl.

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Ende 2017 las ich „NYX“ – eine dystopische Satire des deutschen Autors Dirk van Versendaal. Ein Kreuzfahrtschiff als schwimmendes Altenheim wird so vernachlässigt, dass an Bord Seuchen, Chaos ausbrechen.

Im August 2018 moderierte ich eine Lesung in der Hanse-Residenz Lübeck und musste dauernd ans Buch denken („Altenheim?! Herr Mesch: Wir sind eine Seniorenresidenz!“). Auch hier an Bord erkenne ich viel wieder. „NYX“ hat Längen – doch MUSS in jede Hurtigruten-Bibliothek!

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„Everyone living in Norway has three figures from their annual tax return published: their annual income, income tax paid, and wealth. Prior to 2013, this data was completely open and searchable, but now a person can see who has looked up their data.“ [Quelle]

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„US actress Renee Zellweger is the daughter of a Norwegian woman of Sami descent (Kirkenes, Finnmark county) and a Swiss man. Her parents met onboard the Hurtigruten in the 1960s.“ Details: Link

Auch Matt Groenigs Eltern – Vorbilder der „Simpsons“ – stammen aus Norwegen.

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Mit WLAN hätte ich zu allen Teilnehmenden recherchiert. Doch weil das .pdf mit allen Reise-Details erst am Vorabend des Flugs kam, blieb es bei „Witzig: Der nette New Yorker hat das… norgewischste Outfit an Bord!“

Dass ich gemeinsame Freunde mit Kunstkritiker Brian Droitcour habe und schon Artikel von ihm las, fiel mir auf der Reise selbst nicht auf / ein.

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„There are about 30 stave churches, medieval Scandinavian wooden churches using the post and lintel technique, surviving to this day, in Norway. The only other one is in Sweden.“ [Fotos]

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Für NORLA an Bord: Ellen Trautmann Olerud (Project Coordinator #Norwegen2019) und Sunniva Adam (PR Officer #Norwegen2019).

Direkt, schwungvoll, kompetent: Menschen, die Bücher verkaufen, verlegen, vermitteln glauben oft, nach außen hin ALLES gut finden zu müssen. Ellen und Sunniva werten, gewichten viel offener. Ich freue mich auf weitere Gespräche über Lektüren… und Flops.

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Tomas Espedal: „In Bergen regnet es so viel, dass Leute sagten: Die Einwohner hier sind dumm. Sie müssen dauernd Regenschirme halten. Das Blut fließt in den Arm statt ins Gehirn!“

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Die kurze Lecture-Performance von Daisuke Kosugi war mein Highlight der „Cabin Series“: Kunst, jeweils in einer Kabine für ca. 20 Zuschauer*innen.

Kosugi spricht (oder liest ab: Er trägt ein Oculus Rift-Headset). Ein außen aufmontiertes Tablet zeigt kurze Clips, die seinen Vortrag illustieren.

Sakkaden sind kurze, unwillkürliche Pupillenbewegungen.

Im japanischen Butoh-Tanz geht es – anders als im Ballett – nicht um Muskelbeherrschung. Sondern um Nachgeben, Los-, Lockerlassen.

Kosugis Vater half, das Tokyo Disneyland zu erweitern: Eine beliebtes Upgrade von Disney-Parks sind Filmstudio-Themenwelten. Tokyo Disneyland wollte lieber eine „Sea World“-Expansion. Kosugis Vater ist Ingenieur und wollte, dass ein Vulkan gebaut wird – weil Disneyfilme populär wurden, indem sie immer auch ein Stück Kindheitslandschaft und Kindheitswelt nachzeichneten:

Welt so zeigten, wie wir sie aus unserer Kindheit nostalgisch erinnern. Japan hat Vulkane. Der Sea-World-Vulkan soll kollektive Kindheitsbilder wachrufen.

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Wird Kosugi vor Publikum nervös, stellt er sich vor, dass keine Menschen auf ihn blicken, sondern gesichtslose Kartoffeln. Sein Vater ist heute Amateur-Bodybuilder, lässt sich vom Publikum anstarren – doch brach ab, als sein Sohn ihn filmen wollte. „I’m not a potato for my father.“

Sakkaden helfen, etwas zu erfassen und zu erinnern. Szenen einzubrennen. Wer ein Trauma vergessen will, soll es nacherzählen… und dabei den Blick möglichst ruhig zwischen Nah und Fern hin- und herschalten.

Wie dieses EMDR Treatment, virtuelle Welten bei Oculus Rift, Sakkaden und der Kindheits-Blick zusammenhängen, wird Kosugi in längeren Arbeiten erforschen.

Ich mag die Mischung aus Trivia, Kulturwissenschaft, persönlichen Anekdoten und Neurologie. Bitte bald mehr!

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„I’m a potato“, stellt sich Künstlerin Siri Borgé vor. Sie meint: Sie ist vielseitig. Eine feste Metapher in Norwegen: „Versatile? Potato!“

In ihrer Kabine parodiert sie Privatisierung, die Bildsprache von Kreuzfahrten, Corporatism, Firmenlogos. Ein Seefahrer-Maskottchen für norwegische Fischkonserven („Sieger. In Deutschland beliebt!“) trägt hier, als Montage, des Gesicht von Anders Breivik.

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In Kunst und Vorträgen sind Klimawandel, Ökologie (…und Sexismus) omnipräsent: Borgé zeigt in der Duschkabine einen Video-Loop zu Plastikmüll im Meer.

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Stoff-Kunstwerk „Index for a place of no importance“, Anne Karin Jortveit.

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Saskia erzählt: „Ich sah in der Kabine fern. Es ging um eine Debatte im Parlament. 10 Expertinnen kamen zu Wort. 10 Frauen. Keine Männer.“

X, zynischer: „Vielleicht zeigt das vor allem, wie schlecht Jobs in der Politik bezahlt sind.“ Auch im Journalismus kriegten Frauen erst dann immer mehr Raum, Macht, Respekt, als der Beruf selbst immer weniger Lohn und Prestige versprach.

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Fotograf Christian Tunge brachte einen Kartenständer und seinen Foto-Drucker an Bord, bat alle Passagiere um Dateien: In drei Tagen füllte sich der – oft öffentlich im Schiff aufgestellte – Ständer. Ich hatte am Vortag einen Lachs fotografiert: ausgeweidet und mit traurigem Blick, am Büffet.

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Mein Lieblingsfoto aus Tunges Sammlung. Weil fast alle jüngeren Leute, die ich an Bord sah, Teil unserer Gruppe waren, kann ich nicht sagen, ob es solche… legeren Szenen auf jedem Hurtigruten-Schiff gibt: Whirlpool und Sauna z.B. wurden ebenfalls fast nur von uns genutzt.

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Ein Coast-Contemporary-Teilnehmer erzählt mir in der Sauna von seiner Zeit in Svalbard.

Mir ist nicht klar, dass einfach „Spitzbergen“ gemeint ist, und ich weiß nichts über die verlassene russische Siedlung dort: Pyramiden. Oder über die Regelung, dass möglichst niemand entbinden soll. Oder über die Gefahr von Eisbären. Ich bin gesichtsblind – und merke nicht, dass ich mit Christian Tunge spreche: beim Postkarten-Entwickeln trug er eine Brille, in der Sauna nicht.

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„We were 48 people and 4 polar bear guards“, erzählt später jemand über die Zeit in Spitzbergen. „Everyone carries a flare gun.“

Vom Archiv für Saatgut hörte ich – alles andere ist mir neu.

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Anfang November zeigt die Bergen Art Book Fair Kunstbücher und Zines… in Bergen. An Bord stellte die Messe aus – und drei Verlage: Heavy Books, Lodret Vandret und Mondo Books, ca. 100 Bücher. Im Bild: Johan Rosenmunthe. Foto: Laimonas Puisys

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Ich blätterte durch jedes Buch der Ausstellung. Die meisten sind Norwegisch, Dänisch und/oder Textwüsten. Ich mag „Too familiar to ignore, too different to tolerate“: sonnige Fotos von Bienen, Honig und Waben an Orten, an denen keiner mit Bienen, Honig, Waben rechnet.

Dass der Fotograf, Christian Tunge, der Kartenständer-Künstler und der Mann in der Saune EINE Person sind, merkte ich nach ca. drei Tagen Reise.

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Die Ausstellung in der Schiffsbibliothek stand allen Gästen offen – doch nur ein, zwei Muggel-Passagiere blätterten länger in den Büchern. Auch bei den Lectures im Auditorium und bei der Cabin Series sah ich keine Außenstehenden.

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Sympathisches, doch etwas monotones illustriertes Buch von Kay Arne Kirkebo: „All is lost“.

Sehenswert: seine ‚Isometric Structures‘ / Bleistift-Stadtansichten.

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Toll & naheliegend: Modellieren mit gestreifter Zahnpasta!

Ästhetisch dachte ich leider zu oft: Solche Motive hätte ich auch 2008 schon sehen können.

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Aslak Hoyersten (rechts) hilft Künstler*innen bei der Selbstorganisation: VISP berät bei Förderanträgen, Steuern etc. (…und heißt „Schneebesen“!). Von links: Flemming Ove Bech, Alexandra Jegerstedt und Ann-Kristin Stolan.

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Ich kenne jetzt EINEN jüngeren queeren norwegischen Autor, Erik Eikehaug.

Ich kenne kaum Stimmen of Color. Ich freue mich über Empfehlungen, Vernetzungen – gern auch via Twitter oder Facebook.

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Ein Sami-Begräbnis? Sissel M. Bergh schreibt: „[Before,] the Saami people (of the mountains) were regarded wealthy and of a different league: They were free to play hide and seek with the King’s tax officers and police. And they were wearing their wealth on their bodies, in silver and fur. In the aftermath of the 1814 Constitution, Saami rights were rewritten as Saami privileges, and thereby legitimate and fair to deprive.“

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Fast zehn Institutionen haben je zehn Minuten, sich vorzustellen.

u.a. VISP, Norwegian Textile Artists [gegründet 1927!], Screen City Biennal, Performance Art Bergen, OCA und, im Bild, das Sami Center for Contemporary Art. [Stickerei: Britta Marakatt-Labba, geb. 1951]

Marianne Kwann vom Norwegian Ministry of Foregin Affairs erklärt, dass Kulturvermittlung im Ausland anders funktioniert als für z.B. Deutschland, Frankreich. „We don’t have the Goethe Institute or the Institute Francais; the embassies play these roles.“

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Dass deutsche Kinder oft Mützen, Winterkleidung tragen, die den Sami-Trachten nachempfunden sind, war mir neu: Ich weiß noch nichts über die Kultur, ihre Kämpfe und Diskriminierungen.

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Ich habe den Eindruck, dass der Kampf der Sami um gleiche Rechte und Mitbestimmung in Norwegen von allen skandinavischen Ländern am heftigsten war“, kommentiert eine Freundin auf Facebook. „Vielleicht, weil es dort weniger Land gibt und Norwegen deshalb eher und heftiger in die Gebiete der Sami eingegriffen hat (zum Beispiel mit Staudämmen usw.). Sami-Diskussionen sind auch immer Diskussionen um Landrechte.“

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Karl-Ove Knausgaard schrieb sechs autobiografische Bücher. In Norwegen hieß die Reihe „Min kamp“ [nach Hitlers Buch], in den USA „My Struggle“, in Deutschland „Das autobiografische Projekt“. Warum auch Sami-Künstlerin Kristin Tarnesvik auf Hitler verweist, weiß ich nicht.

Tomas Espedal, der ebenfalls autobiografisch schreibt, erklärt, warum Ich-Sagen als Anmaßung galt: „We’re a protestant country. Why do you think you’re interesting? What gives you the right to talk about yourself? Who do you think you are?“

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Norwegische Trolle erkenne ich als Vorväter von..

a) den [dänischen] „Hugo“-Computerspielen der 90er

b) den [zuerst: dänischen] Zaubertrollen ab den 60ern

c) absurd vielen Amateur-Kinder- und Bilderbüchern im Selbstverlag zu pumucklartigen Kobolden, Wichteln, die ich dauernd versehentlich bei Amazon finde: Hobbyautor*innen der älteren Generation LIEBEN diesen Look. [Links: 1, 2, 3, 4]

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Noch weiß ich fast nichts über Norwegens Regionalismus: Leute im Süden sind religiös. Leute in der Telemark aufbrausend… oder Axtmörder? Tipp: der Webcomic „Scandinavia and the World“

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Ich hörte noch nie so oft „Landscape Artist“.

Aber: Wie könnte man nicht, hier oben?

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Tolles Projekt, kluges Anliegen, faktensatter Vortrag:

Alon Schwabe und Daniel F. Pascual sind „Cooking Sections“. In Bergen, zum Abschluss von „Coast Contemporary“, hatte ihre Anthologie / ihr Reader „The Empire remains Shop“ Premiere. Texte über Lebensmittel, Exotisierung und Widerstand im Postkolonialismus. An Bord fragten sie, ob Austern eine Alternative zu Lachs aus Fischfarmen / Aquakultur sein könnte.

Ein Vortrag, aus dem ich viel mitnahm und lernte – doch den ich kaum ertrug. Weil v.a. Schwabe überlaut, mit blecherner Stimme unbequeme Fakten maximal unbequem deklamiert: Es tut weh, zuzuhören.

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„Norway introduced the Salmon Sushi to the Japanese during the 80s. Incidentally, Norway is also the largest exporter of salmon in the world.“ Cooking Sections arbeiten in London, und nahmen schottische Lachsfarmen ins Gericht: „A creature bred to be hungry, its job is to pick up weight.“

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Riesige Netze, in denen Lachse wimmeln, geplagt von Sea Lice und anderen Parasiten. Lachsfleisch ist rosa, weil Lachse Krill essen. In Fischfarmen färben Pellets mit Farbstoff den Lachs. Spatzen, die die Pellets versehentlich essen, werden pink.

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Hurtigruten: „Bei 34 Häfen, die es zu erkunden gilt, und einer Auswahl von über 60 Landausflügen wird Ihre Arktikreise definitiv nicht von Langeweile geprägt sein.“ Man kann Ausflüge auf Fischfarmen und in ein Marmor-Bergwerk buchen, viel Sport, Wikinger-Reenactments… und dreimal im Katalog lachen Funktionskleidungs-Leute mit Fisch und Krustentier.

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Ich nenne den Namen nicht – weil es mir nicht darum geht, persönlich anzugreifen. Schon Kurator Charles Aubin strengte mich oft an, weil er gesucht leise, kultiviert, übervorsichtig sprach.

Ein Vortrag über Nature Writing steckte – in meinen Augen – voll peinlicher, unpräziser, poetisierender Floskeln: „The presence of materialities and the presence or absence of us watching it“, „We were to respect the silence of the bird sanctuary and listen deeply to the seagulls“, „It was just divine, the fjord was just silky blue and velvety and there were no winds“.

Ein verzärtelt-aufgesetzter Ton, mit dem ich nicht klar komme: „It was magnificent; the silent spectacle. How do the materialities of the arctic work on me?“

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„Is it possible to let it rest? To let this place lie in its own time, not being photographed, not being insta-shared?“ fragte eine Person, die Fotos machte, uns Fotos präsentiert, sich über ihr Hinreisen, Hinsehen, Foto-Machen, Dokumentieren definiert… und mich zum Augenrollen bringt, sobald sie fordert, dass alle anderen bitte daheim bleiben:

Ich ging an Deck. Sah einen Regenbogen.

Und share ihn hiermit, mit Freude!

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Deutsche Comedians machen mir Angst: die erfolgreichsten sind aggressiv gestrig, reaktionär, treten v.a. nach unten.

Comedian Are Kalvo macht auf fast allen Fotos ein maskenhaftes Stefan-Raab-trifft-den-Joker-Gesicht.

Dass NORLA uns EINEN Autoren aufs Schiff holt und sagt: „Are? Das wird toll!“ irritierte mich. Auch, weil ich mir z.B. die Rassismen dieses Buchcovers von 1996 nicht erklären kann.

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Auf Deutsch erscheint Aro Kalvos „The Cabin Book from Hell“ 2019 im DuMont Reiseverlag: „A comedian’s reluctant attempt to learn to love nature. Kalvø grew up in the middle of a postcard, surrounded by fjords and mountains. Yet he’s never been much of an outdoorsman. Once he moved to the city, he never looked back.

This has never been a problem. Until a few years ago, Kalvø began losing friends to the mountains. One day, Kalvø realized that he did not have a single Facebook friend who had not posted a photo of themselves on a mountain. He heads out to the mountains himself: to find out what is actually happening.“ Foto: NORLA.

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Die gute Nachricht: Kalvo grinst nur auf Fotos – sein Stand-up-Set (in exzellentem Englisch) hatte Schwung, Timing und trifft, im besten Sinn, Hauptsendezeit- und US-Niveau.

Ich LIEBTE, dass Charles Aubin zur Begrüßung schwurbelte: „He writes about nature and questions of the sublime“… und Kalvo sofort sagte: „I didn’t know that I wrote about questions of the sublime.“

Inhaltlich war’s mir zu dünn. Was Wanderleidenschaft und Outdoor-Wahn in Norwegen mit Midlife-Crisis, Klassismus, Distinktion, Romantisierung zu tun hat, wurde in 30, 45 Minuten null klar: Falls Kalvo Subversion, Gesellschaftskritik wichtig sind, kam nichts davon rüber. Ich dachte an Harald Martenstein – der über Lastenfahrräder und Jutebeutel spöttelt… und schnell bei „Gesinnungsterror“ und „Anpassungsmoralismus“ landet.

Dass Kalvo so lange reden kann, ohne, dass klar wird, ob er Ressentiments bedient oder entlarvt, macht mir keine Lust aufs Buch. Foto: NORLA.

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Richard Alexanderrsons 12-Minuten-Animationsfilm „Pod“ erinnerte mich an die 90er Jahre: tolles Sounddesign; doch verbauchte CGI-Bilder und eine „Ecco the Dolphin“-Meer-trifft-Weltall-Ästhetik. In den 90ern war das Öko-Kitsch. Dann kann es 2018 bitte nicht Avantgarde sein!

Besser: Anne Marthe Dyvis Doku-Essay „Oilers“ über Gewerkschaften und Ölförderung (30 Minuten).

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Filmemacherin Sissel M. Bergh vor dem Torghatten-Felsen. Saskia Trebing schreibt: „Ein Hurtigrutenschiff ist in all seiner erzwungenen Fröhlichkeit ein merkwürdiger Ort, um über [Sami, Klimaschutz, Landschaft] nachzudenken. Aber in all seinen Widersprüchen zwischen Bewegung und Festsitzen vielleicht genau der richtige.

Für die Passagiere ist die Natur gleichzeitig ganz nah und unerreichbar weit weg. Auf der MS Trollfjord ist überall von Sauberkeit die Rede und auf jedem Deck stehen Spender zur Hände-Desinfektion. Gleichzeitig ist das Schiff eine CO2-Schleuder und auf dem Buffet liegt der Lachs aus den Fischfarmen, die das Künstlerduo Cooking Sections gerade noch als Umweltkiller gegeißelt hat.“

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„Big Ship, Small Town“: Luis Callejas und Charlotte Hansson, die auch die Halle zum Gastlandauftritt Norwegens 2019 gestalten, warfen Dreiecke aus Licht durch den Hafen von Molde, „using the ship’s powerful searchlight system“.

Es ging um Triangulation, Navigaton, Entfernungen, das Sichtbarmachen von Distanz. Ich bin kein Freund verschwurbelter, abstrakter Artist Statements – doch hier gab mir der kluge Begleittext mehr als die (unterwältigenden) Lichtsäulen.

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Ein paar der wachsten, sympathischsten „Coast Contemporary“-Teilnehmer*innen sind Studierende von Calllejas und Hansson. Schade, dass sie keinen eigenen Programmpunkt hatten: Wie norwegische Architektur sich zu Landschaft verhält, war kein Thema.

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Anke von Heyl schreibt: „“The Wild Living Marine Resources Belong to Society as a Whole” bündelt Gedichte, Manifeste, Kunstwerke, Essays, die sich mit der Verbindung von Mensch und Natur beschäftigen. Ein unglaublich dichtes Buch, hinter dem die Künstlerin Randi Nygård steckt.“ Die Fragen stellte Kulturwissenschaftler Timotheus Vermeulen.

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Ich wünsche mir nochmal einen längeren Essay von Charles Aubin. Seine Fragen bereicherten mich tagelang. Hat er Antworten?

„Landscape as a construct: What do we want this landscape to say, to hold? Oil extraction, fish farming…. Landscape as an effective tool to build a sense of community in the Norwegian nation. Romanticism in the 19th century took part in the process of nationbuilding. What’s the agenda behind depicting the landscape?“

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„2015 reisten im Zuge der Flüchtlingskrise über 4000 Flüchtlinge über die russisch-norwegische Grenze in Norwegen ein. Die Regierung Solberg verschärfte die Politik. Norwegens Nachbarland Schweden war bis 2015 als das Land mit der großzügigsten Asylpolitik bekannt; als die Regierung Löfven diese revidierte, versuchten mehr Flüchtlinge nach Norwegen zu gelangen.“ [Wikipedia: Immigration to Norway]

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Wikipedia über Folgen des zweiten Weltkriegs: „Kinder mit norwegischer Mutter und deutschen Besatzer als Vater wurden als genetisch gefährdend für die Friedlichkeit der norwegischen Bevölkerung erachtet. Nach Schätzungen wurden 10.000 bis 12.000 solcher Kinder in Norwegen geboren. Die Mütter – abwertend als tyskertøser (etwa: „Deutschenflittchen“) bezeichnet – wurden 1945 bis 1946 teilweise in Internierungslagern gefangen gehalten. Den Kindern wurde der Schulbesuch verboten; sie wurden in Heime gesteckt, mit Neuroleptika behandelt oder lobotomiert; im besten Falle wurden sie nach Schweden zur Adoption freigegeben, so zum Beispiel Anni-Frid Lyngstad, Sängerin bei ABBA.“

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Spirituosen darf man in Norwegen (wie in Kanada) nur in wenigen, staatlich lizensierten Stores kaufen.

„Drunk driving is a serious offence, where being caught automatically results in 30 days of jail, a year without a driver’s license, and fines of up to 10% of your annual income.“

Und/aber: „Norway has a minimum security island-prison where inmates are almost free to do as they wish. The criminals prisoned there are among Norway’s worst, but it has the lowest rate of re-offending in Europe.“

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„Eine gute Möglichkeit, auf einem Kreuzfahrtschiff die Kunstreisegruppe von den anderen Gästen zu unterscheiden, ist eine Nacktperformance“, schreibt Saskia Trebing:

„Als sich die Künstlerin Marthe Ramm Fortun im Check-In-Bereich des norwegischen Hurtigenrutenschiffs MS Trollfjord  plötzlich den schwarzen Regenponcho vom Leib reißt, schauen ihre Kunstkollegen teilnahmslos bis mild amüsiert. Ein paar knipsen symbolträchtige Fotos, als sich die Performerin nackt unter den Porträts des norwegischen Königspaares räkelt und über den weiblichen Körper in der Kunst skandiert.

Die anderen Passagiere sind weniger gelassen. Immer wieder huschen kichernde ältere Damen in Funktionskleidung vorbei, ein paar ergraute Herren schwanken zwischen ungläubigem Starren und demonstrativem Desinteresse. Eine freundliche Mitarbeiterin in Uniform sagt der Künstlerin, dass sie sich für den Rest der Performance etwas überziehen muss – ein Hinweis, den Marte Fortun auf dem nächsten Deck schon wieder über Bord wirft.“

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Marthe Ramm Fortun liest ein sehr fragmentiertes, oft sarkastisches Essay vom Blatt ab. Leitmotivisch kommen alle fünf, zehn Minuten die Sätze: „I am not naked. That would be too romantic.“

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Am Abend nach der Performance wird Fortun von der Polizei befragt. Ich weiß nicht, ob das Schiff eine Anzeige stellte oder Passagiere.

Am nächsten Tag liest Fortun in anderer Reihenfolge aus den selben Texten, angezogen, im Auditorium. Ich liebe die Verweise. Fortuns Biss und Souveränität. Doch mich stört, dass im Vorlesen jeder Satz vor Sarkasmus trieft. Distanziert wirkt, gekünstelt. Ein Manifest – dringlich, earnest – geht mir näher als Textfetzen, die durch den Vortrags-Ton in Gänsefüßchen verstanden werden müssen.

Befreiend: Nachdem mir im Vorfeld der Reise ca. acht Leute sagten „Du willst über eine Kreuzfahrt schreiben? DAS hat doch David Foster Wallace schon perfektioniert„, rollt hier plötzlich eine smarte, müde Frau die Augen – darüber, dass alle erstmal IMMER auf David Foster Wallace „und andere tote Männer“ blicken.

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Als ein Handy klingelt, unterbricht Fortun und erzählt, wie sie ihr Handy während einer Nackt-Performance mal bei ihrer Mutter ablegte, ein Steuereintreiber anrief, die Mutter während der Performance ans Telefon ging und dann nicht wusste, was sie ärgerlicher fand: Den Eintreiber oder die Nacktheit.

Ich a) schreibe über Nacktheit, b) habe eine Mutter, die Anrufe annehmen, sich nicht zurückhalten würde, c) bin GENAU die Person, die eine Performance unterbrechen würde, um eine absurde Anekdote über eine andere Performance zu erzählen. ❤

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Es gibt zwei Whirlpools für je ca. 6 Personen an Deck – die kaum je voll besetzt waren.

Ich mag Literaturfestivals (doch finde Autor*innen oft defensiv und stofflig), ich liebe Uni-Tagungen (doch finde Postgrads oft steif und neurotisch), ich nehme von Künstler*innen viel Input mit (nur sind deren Texte, Vorträge sprachlich oft mau.)

Das Tagesprogramm dauerte vom Frühstück (ca. 7.30 Uhr) bis zur Nacht (ca. 22 Uhr), danach war ich oft noch zwei Stunden in Sauna und Whirlpool – auch bei Schneeregen oder kurzem Hagel. Schade, dass ich kein Nordlicht sah.

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Um 22 Uhr war kaum jemand in der Bar. Gegen Mitternacht, als ich vom Duschen kam, war auch nichts los. „Vielleicht gibt’s geheime Lower Decks: Da tanzen alle zu irischer Musik, malen Aktportraits und haben Sex in Autos.“

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Panoramafenster in der Sauna: Männer und Frauen sind getrennt, alle tragen Badekleidung. Tagsüber war keine Zeit – bis zum Auscheck-Tag: als ich gepackt hatte, war ich noch einmal eine Stunde allein.

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Leitungswasser schmeckt metallischer als in Süddeutschland oder Berlin. Auch Milch (7 Prozent Fett) soll völlig anders schmecken – doch auf dem Schiff und in Bergen fand ich nur fettarme Milch. In solchen Momenten denke ich erst „Dann halt nächstes Mal!“, dann „Nimm alles mit! Such sofort Milch! Wer weiß, ob es ein nächstes Mal gibt?!“ und dann „Es muss ein nächstes Mal geben!“

Ein Mitschüler arbeitet seit einigen Wochen als Biologe in Molde. Uns fehlte Zeit für ein Treffen. Dann halt… nächstes Mal!

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Organisatorin Tanja Saeter: „A few years ago I initiated an international visitors programme for an art festival with open studios, with about 30 curators visiting studios in Oslo every year – but the results weren’t quite what I expected. Most of the people that started to work together later were the international visitors, and not necessarily the artists whose work they had seen.

I realised that the curators and writers had been in the same hotel, eating meals together, driving in the same car, and sharing this whole experience—and the artists hadn’t really been a part of it because meeting for an hour in a studio is not enough time to make a real connection. So I wanted to find a place where time was expansive, where people would have time to get to know one another. The ship was the perfect location.“ #druckkammer #inkubator

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Funktionskleidung heißt nicht: Das müssen Deutsche sein.

Der Guide „Explore Lofoten“ zeigt auf JEDER Seite berauschende Landschaft… und bizarr lächelnde, gestählte Menschen in Yoga-Pants, Sonnenbrille und Neon-Oberteilen.

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Ich bin gespannt, ob es deutschsprachige Popkultur gibt, die in Norwegen überraschend bekannt, beliebt ist – wie David Hasselhoff in Deutschland.

„Klar: Derrick und Bayern München.“ Ich vermute, es gibt viel mehr!

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Ein Logistik-Problem: Die Bucht von Bergen hat die idyllischsten, teuersten Villen, Sommerhäuser und Anlege-Stege.

Doch ich wollte in der Sauna bleiben – und machte nur ein paar blaustichige Fotos durch die getönten Scheiben.

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Saskia Trebing schreibt: „Die Frage, warum das relativ beschauliche Küstenstädtchen Bergen so viel gute Kunst und Literatur hervorbringt, beantwortet Espedal mit dem Wetter. „Hier regnet es so viel, dass den Leuten gar nichts anderes übrig bleibt, als drin zu bleiben und zu arbeiten.““

Norweger gründeten Dublin (Irland): Dass Espedals aktuelles Buch „Bergeners“ auf James Joyces „Dubliners“ verweist, liegt auch am Bezug der Städte zueinander.

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Ich las zwei autobiografische, kurze Espedal-Bücher – die sich gut ergänzen: „Wider die Kunst“ (2009) erzählt sanft, vorsichtig, gemütvoll von der Zeit, in der Espedals Frau und Espedals Mutter starben… und, wie sich Espedal als alleinerziehender Vater neu erfand.

Dazu: viele Rückblenden in recht unbeholfene Jugendjahre. Ein Buch, viel frischer, jünger, offener, tastender, als ich erwartete. Empfehlung!

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 „Wider die Natur“ (2011) erzählt vom Glück, mit einer halb so alten Frau, 23, zu leben – doch wird dieser Frau nicht gerecht: Sie bleibt Phantom, Projektionsfläche; Espedals Blick wirkt hier VIEL biederer, altmännerhafter.

Ich las beide Titel mit Gewinn (…und werde, wie bei Andreas Maier, alle weiteren schmalen, klugen Bände sammeln, lesen). Nur: Hätte ich mit „Wider die Natur“ begonnen – ich hätte wenig Neugier auf mehr.

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Thomas Lang in Volltext: „In ‚Wider die Natur‘ schreibt er, ihm sei früh klar gewesen, dass er nicht arbeiten wollte. Er stilisiert seine Familien-Rolle in einem Interview sogar zu einer Hanno Buddenbrook ähnlichen: Er durchbricht die Linie einer langen, in Espedals Fall Arbeiter-Tradition. Er ist ein typischer Aufsteiger aus einem kleinbürgerlichen Milieu (der Vater ist bereits Verwaltungsangestellter, dessen Vater noch Werftarbeiter) ins akademisch-künstlerische. Ein Emporkömmling, so heißt es im Buch.“

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Anke von Heyl schreibt: „Die Sicht auf die Stadt aus Espedals Perspektive war unglaublich inspirierend. Und als Stefan ihn danach fragte, ob er dort oben, in den Häusern der reichen Hansekaufleute denn heute als erfolgreicher Autor willkommen sei, erzählte er uns noch einmal von der unglücklichen Liebe zu dem Mädchen aus dem Stadtteil Kalfaret.“

Ich las das Buch – und erinnere mich, wie unwohl sich der 19jährige Espedal fühlte. Tatsächlich aber würde ich gern wissen, ob und wie Espedal HEUTE von dieser reichen (und versnobten?) Stadt vereinnahmt wird.

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Sympathisch an der kurzen Führung: Wie überwach, nervös, flattrig, lebendig Espedal auf jeden Stimulus reagiert.

Die Bücher erinnerten mich an den abwartenden, oft sehr gefestigten Hanns-Josef Ortheil. In persona wirkt Espedal… quecksilbrig.

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„Was können Sie nicht mehr hören – über Norwegen und Norwegens Bild im Ausland?“

Espedal: „Wir sind ein reiches Land. Doch wir sind reich seit den 60er, 70er Jahren. Vorher war alles anders.“

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Unterwegs gelesen: „Winternovellen“ von Ingvild H. Rishoi. Drei kurze, sprachlich simple klassische Short Stories im US-Stil… über Eltern, die unter Druck stehen und schlechte Entscheidungen treffen, ihre Kinder gefährden.

Jede „Novelle“ (echt: nein. Short Story!) für sich ist warmherzig, geradlinig – doch als Trias wird, glaube ich, noch einmal viel mehr erzählt über den Sozialstaat Norwegen. Empathie. Und Gnade. Empfehlung!

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Anke von Heyl schreibt: „Mich berührt, wie sehr Espedal mit seiner Stadt verbunden ist. Mit Orten wie dem Huset Pub, einer Kneipe, die direkt gegenüber seinem Geburtshaus liegt. Wir verbrachten dort später noch einen anregenden Abend mit Bergsveinn Birgisson, Cecilie Løveid und weiteren Autoren.“ Foto: NORLA.

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Streichkäse aus der Tube: Ost.

Zum Frühstück sind auch Fischrogen/Kaviar beliebt.

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Erwachsene trinken zu Weihnachten „Christmas Ale“. „Julebrus“ ist die alkoholfreie Limo-Alternative.

Und: „Norway boasts of a very famous hot chocolate factory, Freia, immortalized in Norwegian-American author Roald Dahl’s book Charlie and the Chocolate Factory. Freia chocolate was one of the main sources of sustenance for Roald Amundsen on his journey to the South Pole.“

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Norwegische Süßigkeiten? Tolle Liste hier, auf Englisch:

  • viel Lakritz
  • Gummitiere (nicht von Haribo; in Supermärkten stehen Plastikboxen, aus denen man sich bunte Tüten zusammen stellt)
  • Daim (schwedisch)
  • Kvikk Lunsj (wie KitKat, wird als Wander-Proviant vermarktet; auf der Packung stehen Skitour-Tipps)
  • Bamsemums (Marshmallow-Bären mit Schokoladenüberzug; kommen aus Frankreich).

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„The popular 90’s energy drink ‘SURGE’ can still be bought in Norway under the name ‘URGE’“ [ich kenne das Getränk nicht und hatte kein Bargeld mehr.]

Das Fanta-Äquivalent Norwegens heißt „Solo“; doch weil das „o“ (oft? immer?) als „u“ ausgesprochen wird, dachte ich die Reise über, es hieße „Sulu“.

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„IKEA names sofas, coffee tables, bookshelves, media storage and doorknobs after places in Sweden; beds, wardrobes and hall furniture after places in Norway; carpets after places in Denmark and dining tables and chairs after places in Finland.“ [Quelle]

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Eine zu kurze Begegnung am Freitag – bevor ich allein den Bus zum Flughafen nahm. Gunnhild Øyehaug and Olaug Nilssen, Autorinnen aus Bergen.

Ich höre den kurzen Interviews zu, die Claudia und Andrea führen – doch verpasse Lesung & Gespräch. Saskia empfiehlt Øyehaugs Debüt, „Ich wär gern wie ich bin“; Nilssens Memoir über das Leben mit einem autistischen Sohn macht mich neugierig, weil ich den Pädagogik-Manga „With the Light: Raising an autistic Child“ liebe.

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„Norwegians read more than any other population in the world, spending an average of 500 kroner (~ US$76) a year per capita on books.“ [Quelle]

Die drei Buchhandels-Ketten, die ich oft sah: Norli, ARK und, am Flughafen, Tanum. Ein norwegisches Literatur-Portal, auf das mich Google dauernd stößt: Bok365.no

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„Alternativ Livsstil“ = Esoterik.

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Twitter-Accounts, durch die ich mehr über Norwegen lerne:

Nordicnovellas  |  NORLA  |  Northern Stories  |  Nordlandblog  |  Norrona  |  Constanze Matthes  |  Norwegian Arts  |  Elusive Moose  |  Erlend Loe

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Sympathischer Coming-of-Age-Comic: „Hysj“ von Magnhild Winsnes.

Ich liebe Mariko Tamakis „Ein Sommer am See“ und glaube, das hier hat ähnliches Potenzial. #mädchenfreundschaft #middlegrade #kindheitssommer

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Kopfsteinpflaster, Blick auf den Fjord: Ich war nur 18 Stunden in Bergen; sah die Altstadt kurz im Regen, auf dem Weg vom Schiff zum Hotel.

Anja Dahle Overbyes 140-Seiten-Comic „Bergen“ über eine unglücklich verliebte Studentin hat kaum Fans. Aber: dochdoch! SO sieht’s in Bergen aus!

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Im Bild: Inga H. Saetres „Det Finnes en dod etter livet“.

Am Flughafen Oslo, am größten Comic-Regal, suchte ich nach Mainstream-US-Comics. „Thor“, seit ca. 2014 der durchgängig beste Marvel-Comic, ist trotz Norwegen-Bezug kaum präsent (Aslag Hoyersten, halbernst: „It’s a bad case of cultural appropriation!“); nur wenige DC- und Marvel-Titel sind übersetzt.

Besonders erfolgreich sind, wie in Deutschland, Deadpool, Spider-Man, Batman. Heldinnen (außer Harley Quinn): sporadisch Wonder Woman, Captain Marvel, Miss Marvel. Doch es gibt überraschend viele Indie-Serien wie Brian Woods tolles „Briggs Land“! Vielleicht, weil Wood wiederholt über Norwegen schrieb? „The Massive“ (Empfehlung!), „Black Road“ (keine Empfehlung.)

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Toll, dass Bergen (280.000 Menschen) einen zentralen, großen, familien- und kinderfreundlichen Comic-Shop tragen kann. Fotos drinnen machte ich keine – weil Sortiment und Interieur auch in Frankfurt exakt so aussähen. Link: Outland Bergen.

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„Ein freiwilliger Tod“: Steffen Kvernelands autobiografische Graphic Novel über den Selbstmord seines Vaters. Ton & Thema interessieren mich; Zeichnungen und die dokumentarischen Foto- und Bildmontagen wirken etwas gestrig. Überall, wo mehr als drei Comics zu kaufen waren, stand das Buch stapelweise. Auf Deutsch erschienen: Kvernelands „Munch“.

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Frage ich „Hat’s dir gefallen?“ höre ich von Reisenden fast immer: „Ja!“

Frage ich „Willst du ein zweites Mal hin?“, verrät die Antwort mehr:

Ich sehe keinen Grund, eine zweite Kreuzfahrt zu machen. Selbst mit eng getakteten Performances, Lectures und vielen Gesprächen deprimierte mich die viel zu passive Zeit an Bord – trotz markanter und abwechslungsreicher Landschaft. Oslo würde ich gern vor der Messe noch sehen; und Norwegens queere, gegenkulturelle Räume.

Und ich würde jederzeit, bei jedem Wetter fünf, sechs Wochen auf den Lofoten schreiben und arbeiten! #residency

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Jeder von uns Deutschen nahm andere Flüge: Wir verlassen Bergen im Lauf des 26. Oktober; ich fliege nach Oslo, drei Stunden später nach Stockholm… und finde dort, am Gate nach Berlin, Kollegin Andrea.

Unser kurzer letzter Flug kann nicht mehr starten – weil Tegel schließt, bevor wir ankämen. Wir schlafen am Flughafen und fliegen morgens via Helsinki nach Berlin. In Finnland wird unser Gepäck beim Umladen vergessen; in Berlin wird das Flughafen-Café wegen einem Koffer geräumt; nach fast 30 Stunden Reise (…Hausschlüssel ist im Koffer, ich muss meinen Partner auf der Arbeit stören) bin ich zurück.

Menschlich machte die Irrfahrt überraschend viel Spaß. „Amazing Race“? Gern mit Andrea!

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Schon im März 2019 ist Tschechien Gastland der Leipziger Buchmesse. Bald mehr!

Am Wichtigsten ist mir die #fbm20: Fünf Jahre lang lebte ich drei Monate pro Jahr in Toronto. 2020 ist Kanada Ehrengast. Ausflüge in die Natur brauche ich keine. Doch in den Gastland-Auftritt eingebunden wäre ich sehr gern – ich will vor 2020 auf jeden Fall einige Wochen in Toronto verbringen.

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Die besten Bücher aus und über Norwegen: neue & noch unbekannte Bücher zum Ehrengast / Gastland der Frankfurter Buchmesse 2019

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Im Oktober 2019 ist Norwegen Ehrengast / Gastland der Frankfurter Buchmesse.

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Ich suchte vorbereitend nach Büchern, die…

a) in Deutschland erschienen und bis heute erhältlich (Link folgt)

b) in Norwegen erschienen und für den deutschen Markt interessant sind.

c) Bücher, die in deutscher Übersetzung vorliegen, aber vergriffen sind (Link)

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100+ Bücher – von denen viele in den nächsten Monaten auch auf Deutsch erscheinen.

(Kurztexte: Klappentexte und Goodreads-Reviews, teils via Google Translate aus dem Norwegischen; meist gekürzt.)

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Johan Harstad: „Hässelby“ (2007)

„Roman über das, was Alberg Åberg, Viktor und Milla als Erwachsene passiert ist: Du willst wissen, wie die Beziehung zwischen Albert und Alberts Vater war, als er in seiner Jugend kam, und du wirst einen Roman voller Verweise auf Star Wars und Twin Peaks lesen. Ein typisches „endzeitliches“ Störgefühl innerhalb der desolaten Maschinerie einer postindustriellen Gesellschaft. “

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Johan Harstad: „osv.“ (2011) [„und so weiter“]

„1994. Tonya Harding, Kurt Cobain, OJ Simpson. Menschen tun schrecklich unmenschliche Dinge: Vietnam, Bosnien, Ruanda, Tschetschenien usw. Wenn Sie denken, dass die Probleme der Dritten Welt Sie in Ihrem gemütlichen westlichen Leben nicht erreichen werden, liegen Sie falsch, und dieses Buch ist ein großartiges Beispiel dafür. Viele große Fragen, die so gestellt und geantwortet werden, dass Sie denken und fühlen müssen. Ein sehr schnelles Lesen mit vielen faszinierenden Charakteren und ihren Geschichten. In diesem Buch geht es um einen ständigen Dialog, in dem Sie das Bedürfnis spüren, sich daran zu beteiligen. Und das Leben geht einfach weiter…“

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Johan Harstad: „Max, Mischa & Tetoffensiven“ (2015) [„Max, Mischa und die Tet-Offensive„]

„Max Hansen ist schlaflos im Mittleren Westen schlaflos. Er ist ein Theaterlehrer auf Tour durch die Vereinigten Staaten. Es kann sein, dass er ein Amerikaner geworden ist. Seit 20 Jahren war er nicht mehr zu Hause: in einem Vorort von Stavanger, wo es so viel Chaos gab wie möglich, während die Väter auf den Plattformen in der Nordsee standen und die Stille über den Häusern schwebte, als sie zurückkehrten. Keiner bekam, was er wollte. Ein Roman über die Anwendbarkeit der vietnamesischen Guerilla-Taktik im täglichen Leben; über hyperrealistische Gemälde von Waschmaschinen und Mädchen, die Shelley Duvall ähneln und eine begehrte Arbeitskopie von „Apocalypse Now“. Vor allem aber über die Frage: Wie lange kannst du wirklich weg sein, bevor es zu spät ist, nach Hause zu gehen?“

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Maria Kjos Fonn: „Kinderwhore“ (2018)

„Die Mutter von Charlotte ist immer zu Hause, trotzdem ist sie nie da. Sie benutzt die meiste Zeit, um zu schlafen, und nimmt starke Schlafmittel. Wenn sie wach ist, gibt sie Charlotte neue Väter. Einer von ihnen zeigt ihr einen Blick auf etwas Anderes, Besseres. Doch es ist zu kurz, und da ist ein neuer Vater. Als Zwölfjährige erlebt Charlotte etwas, das ihr zu viel wird. Sie profitiert von den Pillen ihrer Mutter und ist froh zu entdecken, dass es Möglichkeiten gibt, ihre Gefühle abzulegen. Bald lebt sie eine große Distanz zu sich selbst und zu anderen. Ist es möglich, mit solchen destruktiven Mustern aus einer Kindheit zu brechen?“

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Monica Isacstuen: „Om igjen“ (2014) [„Da Capo“]

„Eine offene und furchtlose Fantasie auf Joyce Hattos Leben und Fall. Und ein Porträt von Ida, die sich selbst in den Rollen von Tochter, Freundin, Mutter fühlt: Die britische Pianistin Joyce Hatto starb 2006 und während ihres letzten Jahres hatte sie Hunderte von CDs aufgenommen. In einem Nachruf wurde sie „Der größte Pianistin der Welt, von der niemand etwas gehört hat“ genannt. Später wurden alle Aufnahmen als Fälschungen enttarnt. Durch die direkte und faszinierende Sprache, die langsam aber sicher eine Geschichte von Fälschung und Täuschung, Freundschaft, Zweifel, das Gefühl von Unangemessenheit in seinen Rollen als Mensch, Mutter, Künstler offenbart, wurde die Geschichte unmittelbar spürbar.“

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Kyrre Andreassen: „For ovrig mener jeg at Karthago bor odelegges“ (2016) [„Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden sollte“]

„Krister Larsen hat einen Mangel an Selbstwertgefühl und Selbstkritik: ein dunkler, lustiger, gruseliger 400 Seiten langer Monolog eines Elektrikers mit professionellem Stolz und vielen Altlasten. Liebe, Aggression, erwachsene Kinder, Fremdenhass und Schwarzarbeit.“

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Tiril Broch Aakre: „Redd barna“ (2015) [„Rette die Kinder“]

„Montag, der 8. Dezember in einem Dorf in Ostnorwegen. Schnee fällt. Tanja wird Tore und Jorid in den Kindergarten und in die Schule begleiten. Ihr Ehemann Paul geht zu einer medizinischen Konferenz nach Brüssel. Vor sechs Monaten starb Tochter Idee, erst 17 Jahre alt. Der Alltag kehrt langsam aber sicher zurück. Leute um sie herum denken, dass sie es gut gemacht haben. Jetzt planen Tanja und Paul eine große Party, um ihrem 20. Hochzeitstag zu feiern. Tanjas Bruder meldet einen Besuch an: Er sagt, dass er aus dem Gefängnis entlassen wurde. Aber es gibt etwas, das nicht passt. Es ist ungewöhnlich dunkel an diesem Tag. Etwas wird durchbrechen. Aber ist es gut oder schlecht? Gibt es etwas, auf dem du ein Leben aufbauen kannst?“

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Tiril Broch Aakre: „Fjällräven gul“ (2016) [„Fjällräven-Gelb“]

„Ein Coming-of-Age-Roman über Sjur, 18 Jahre alt. Frede ist immer noch im Krankenhaus und Sjurs Aufgabe ist es, den gelben Fjällräven-Rucksack mit geheimem Inhalt an verschiedene Orten in Hakadal zu bringen. Zu Hause hat ihr kleiner Bruder Jesper heftige Wutanfälle und der Hund, Houdini, hat sich in den Bergen verloren. Sjur denkt an Pjotr und daran, was letzten Sommer passiert ist.“

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Ellen Emmerentze Jervell:  „Fjellfolk“ (2018) [„Bergsteiger“]

„Fjellfolk ist ein Buch über zwei Generationen ungewollter Kinder, über die Menschen und die Natur und was sie miteinander verbindet: Es war so einfach, eine Familie zu gründen, aber warum war es so einfach, sie zu zerstören?“

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Zeshan Shakar: „Tante Ulrikkes vei“ (2017) [„Tante Ulrikkes Weg“]

„Norwegen in den 2000er Jahren: Zwei Jungs, Mo und Jamal, wachsen auf Tante Ulrikkes Art in Stovner in Oslo auf. Die Eltern hatten eine Hoffnung – doch die Jungs stehen zwishen Vorstadt und Gesellschaft, zwischen Waschcenter und Mensa. Ein unwiderstehlicher und unterhaltsamer Roman über das innere und äußere Erwachsenwerden.“

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Marit Eikemo: „Gratis og uforpliktande Verdivurdering“ (2018) [„Kostenloses und unverbindliches Gutachten“]

„Hanne hat genug vom Alltag mit Mann und Kindern in der alten, beengten Wohnung. Aber nein, das Traumhaus ist aufgetaucht. Was macht der Traum vom Haus mit der Beziehung? Welche Folgen haben kleine und große Betrügereien aus der Vergangenheit für die Entscheidung, die vor ihnen liegt? Ein Roman, der das Zeitgenössische widerspiegelt, mit satirischen Merkmalen und einer ibsenischen Wendung am Ende.“

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Victoria Durnak: „Senteret“ (2017) [„Center“]

„Einsamkeit und postnatale Depression:  Eine junge Mutter zieht nach Skien, um wegzukommen – weg von Oslo. Weg von ihm. Sie verbringt ihre Tage im Hercules Center, besucht die Geschäfte und die Menschen, die darin arbeiten, denkt über sie nach und versucht, mit ihnen in Kontakt zu treten, während sie versucht, die Mutter einer Tochter zu sein, die nicht einmal einen Namen hat. Per Gesetz bleiben sechs Monate, um einem Kind einen Namen zu geben. Sie können viel in sechs Monaten tun. Eine Autorin, 1989 geboren. Ein Buch, ein wenig wie eine Umarmung, ein wenig wie ein Schlag in den Hals.“

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Helga Flatland: „En moderne Familie“ (2017)

„Was passiert, wenn ein Paar beschließt, seine 40-jährige Ehe zu beenden? Nicht so sehr für sie, sondern für ihre erwachsenen Kinder. Das Buch variiert zwischen den Perspektiven der Kinder – Liv, Ellen und Håkon. Als Vater Sverre 70 Jahre alt wird, lädt er die ganze Familie zu einer Feier an der italienischen Riviera. Während des Festes verkünden die Eltern plötzlich, dass sie entschieden haben, dass sie sich scheiden lassen werden.“

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Helga Flatland: „Vingebelastning“ (2015) [„Tragflächenbelastbarkeit“]

„Hauptfigur Andreas ist 30 und wirklich nervig. Alles läuft gut für ihn: gute Arbeit, gute Beziehung und eine Wohnung in Oslo. Doch er ringt darum, im Leben, das er für sich geschaffen hat, einen Sinn zu finden. Er ist Teil der sogenannten „Dessert“-Generation: Ihnen wurde gesagt, sie können alles werden, was sie wollen. Jetzt haben sie unrealistische Erwartungen und sind besessen von sich selbst.“

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Helga Flatland: „Bli hvis du kan. Reis hvis du ma.“(2010) [„Bleib, falls du kannst. Geh, wenn du musst“; Band 1 der Trilogie „Stirb nicht in Afghanistan, weil alle zuhause traurig sein werden.“]

„Der Roman basiert auf drei jungen Freunden aus der Kindheit – Tarjei, Trygve und Kristian – und ihrer Entscheidung, mit den norwegischen Streitkräften nach Afghanistan zu gehen. Keiner der drei wird zurückkehren. Warum sind sie gegangen? Was ist mit den übrigen? Der Roman handelt davon, in einer Sicherheit aufzuwachsen, die von einer Sicherheit umgeben ist, die sich nicht mehr sicher fühlt.“

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Cathrine Knudsen: „Manuell“ (2014)

„In einer Prosa, die auf das, was zwischen Menschen passiert, extrem reagiert, nähert sich Knudsen den wichtigsten Fragen: Was gehört dazu? Was ist Identität? Was ist Fürsorge? Eine Art der Archäologie des Gefühls, die konsequent die Grenzen des Menschen sucht, Grenzen zwischen Mann und Frau, Krankem und Gesundem, Kind und Erwachsenem, Sucht und Freiheit: Als Kind hat Cara ihren Großvater nur kurz getroffen. Jetzt ist sie Mutter und fragt nach den Beziehungen in ihrem Leben.“

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Erik Eikehaug: „James Fanco spytter nar han snakker“ (2017) [„James Franco spuckt beim Sprechen“]

„Über eine Familie, die sich nicht umarmt. Über das Leben in einem Land, das keine Wiener Würstchen verkauft. Im Herbst 1995 ist Kenneth verliebt. Im Sommer 2001 zieht Kenneth nach Hause. Doch zuerst muss er Großmutter knacken, bevor sie stirbt und alle ihre Geheimnisse in die Hölle nimmt. Im Winter 2008 sitzt Kenneth in einer stinkenden Wohnung in Harlem, New York; hat Alpträume über den Stuhlkreis an der Columbia University und wird von Casper dem freundlichen Geist verfolgt. Ein Roman über chinesische Schulmädchen, die mitten in der Prüfung aus dem Fenster springen. Über Arielle und Prinz Erik. Und die Kunst des Spuckens beim Sprechen. Ein Coming-Out-Roman.“

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Tormod Haugland: „Om dyr og syn“ (2017) [„Über Tiere und Anblick“]

„Eine kleine Siedlung in Westnorwegen in den 1960er, 70er und 80er Jahren. Als kleiner Junge entdeckt Tormod auf dem Schreibtisch seines Vaters einen Kampfhandschuh, den er überallhin mitnimmt. Tormod hat nicht immer Kontrolle, weder über sich selbst noch über seine Umgebung. Er wird geboren, um Bauer zu werden, doch gleichzeitig sehnt er sich nach Anna und wird Kunststudent in Bergen. Ein Roman über Tiere und Menschen, Kunst und Natur. Es geht darum, sich zu erheben, ein Mann zu werden und die großen Entscheidungen im Leben zu treffen. Als ältester Sohn soll er das Vermächtnis weiterführen und die Farm übernehmen. Ein Landwirt oder Künstler zu sein sind anscheinend zwei Roadmaps, die sich ausschließen. Tormod sieht seine täglichen Pflichten als Sisyphosisarbeit, als ewigen Kreislauf kleiner Variationen. Die Tiere sollten sie einfach geschlachtet und gegessen werden.“

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Arne Ruset: „Songbok for hesten“ (2017) [„Liederbuch für das Pferd“]

„Haugmann, Dichter dieser Sauerei, führt eine Apfelplantage. Dann wird eine Geisteskrankheit bei ihm diagnostiziert. Beginnend in den 60er Jahren stellt sich die Frage: Ist Haugmann verrückt, oder sein Bruder Karstein, das Pferd Lykke, Nachbarn Rolf Røys und viele mehr?“

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Thorvald Steen: „Vekten av Snokrystaller“ (2006) [„Warten auf Schneekristalle“]

„Ein bisschen deprimierend, aber gut. Unser 14-jähriger Held macht Skispringen und ist entschlossen, allein zu kämpfen, ohne mit seinen Eltern über die psychischen Belastungen zu sprechen. E-Mails aus der Klinik. Das Umkippen von Leben, Krankheit, Körper und Seele.“

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Ruth Lillegraven: „Mellom Oss“ (2011) [„Zwischen uns“]

„Herkunft, Verrat und Spannung in der Familiengeschichte. 1972 geht Dreg nach Chile. Welche Folgen hat das Leben in Oslo 1943 für Tonje, 60 Jahre später? Lässt sich das Lügengespinst entwirren? Von Oslo nach Natzweiler, Santiago, Pennsylvania und West-Norwegen. Wie spiegelt das kleine Leben die große Welt? Drei Generationen. Wann ist es zu spät, sich einander zu nähern?“

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Trude Marstein: „Plotselig hore noen apne en dor“ (2000) [„Plötzlich das Geräusch einer sich öffnenden Tür“]

„Alltag einer jungen Mutter und ihrer vierjährigen Tochter Sara, während ihre Mutter eine Masterarbeit schreibt. Eine Hauptfigur, die sehr bewusst und kritisch auf ihre Handlungen blickt und die Notwendigkeit, darüber nachzudenken, was „natürlich“ und „real“ ist (vs. „künstlich“ und „manieriert“) – in der Erziehung von Sara und in Beziehung zu anderen Menschen. Welche Grundlage in der Realität hat das Selbstbild der Protagonistin? Und was sollten wahrscheinlich verärgerte Leser von der Erziehung halten, die Sara bekommt?“

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Trude Marstein: „Sa mye hadde jeg“ (2018) [„So viel hatte ich“]

„Monika ist 13 Jahre alt und weiß, dass alles, was sie erlebt, einmal zu einer anderen Zeit gehört. Sie ist 27 Jahre alt und Liebhaberin eines älteren Professors. Sie ist 37 Jahre alt und lebt bei Geir, sie haben Maiken, die rhythmisch saugt. Sie ist 46 Jahre alt, hat ein Nebenhaus voller Kriegerhennen und glaubt, dass das Leben aus hoffnungslosen Versuchen besteht, sich zu vereinigen. Sie ist 52 Jahre alt und begegnet dem Gesicht ihrer Mutter im Spiegel über der Gemüsetheke im Supermarkt. Ein Roman über die nie ruhende Sehnsucht nach einem Leben, das reich an Zugehörigkeit, Leidenschaft und Bedeutung ist – aber auch das Gefühl, dass alles ausrutscht, dass nichts hängen bleibt, dass man jemandem zuhören kann oder auch nicht.“

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Nina Lykke: „Opplosningstendenser“ (2013) [„Verfallserscheinungen“]

„Ein Monolog von unten. Das Leben ist am Nullpunkt, in einem 100-Kronen-pro-Tag-Leben in einem Keller in Oslo, nach der Heirat mit Anders, nach Restaurants, Kreditkarten und der wirtschaftlichen Katastrophe. Vom tiefen Fall aus der höheren Mittelschicht, in die Liv in geboren wurde, wächst eine Burleske: die krumme und dunkle Geschichte des menschlichen Unfalls.“

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Nora Szentiványis: „Leiligheten“ (2016) [„Die Wohnung“]

„In einer kleinen Wohnung in Budapest im Jahr 1970 packt ein junges Paar ihr Leben zusammen. Alles, was sie mitbringen, ist ihr Kleinkind und ein Koffer. Sie fliehen aus ihrem Heimatland Ungarn vor einem System des Terrors. Die Großmutter des Kindes bleibt, allein gelassen. Der Roman ist die Geschichte der Großmutter, erzählt mit Kummer und Abstand vom erwachsenen Enkelkind. Es ist ein Roman über das Leben abseits des Nächsten und über eine Flucht, die immer das Leben derer, die gegangen sind, beeinflussen wird – und desjenigen, der bleibt.“

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Linn Stromsborg: „Furuset“ (2013)

„Ein gut geschriebenes und leicht zu lesendes Buch, das ein wenig über nichts, aber auch über wichtige Dinge handelt. Ein Roman über einen kleinen Ort am Rande eines riesigen und all die Menschen , die dort leben, Freundschaft und Einsamkeit und den Klang von Musik durch die großen Kopfhörer und davon, einen Schritt zurück zu nehmen, bevor Sie zwei nach vorne machen könnten.“

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Linn Stromsborg: „Du dor ikke“ (2016) [„Du stirbst nicht“; Fortsetzung von „Furuset“]

„Eva lebt ein relativ normales und gutes Leben: Jobs, eigene Wohnung, neue und alte Freunde und so weiter. Keine Sorge, nach außen. Doch eines Tages, auf dem Badezimmerboden, bekommt sie eine Panikattacke. Menschen sterben die ganze Zeit. Ohne vorherige Ankündigung. In jedem Alter. Also warum nicht Eva? Dann kommt die beste Freundin Miriam aus Paris. Dann sitzen sie auf dem Boden und reden. Dann putzen sie die Wohnung. Dann sitzen sie auf dem neuen Boden. Dann liegen sie im Bett und reden. Wie weiterleben, wenn Sie überzeugt sind, dass Sie sterben werden? Ein sehr kleiner und fast unendlich großer Roman – darüber, wie eine oft unerklärliche und scheinbar grundlose Angst die Menschen beeinflussen kann. Eine Geschichte über das Weiterleben im Kampf. Und, wie Freunde nicht aufhören anzurufen, auch, wenn Sie nie zurückrufen.“

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Ingvar Ambjornsen: „23-Salen“ (1981) [„Schlafsaal 23“?]

„20 chronisch kranke Patienten in einer psychiatrischen Klinik. Das Buch spielt vor einiger Zeit, doch dieselbe Misshandlung und unmenschliche Behandlung findet heute statt – in psychiatrischen Anstalten im ganzen Land. Eine scharfe und harte Darstellung eines versteckten Kapitels der norwegischen Gegenwart.“

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Pedro Carmona-Alvarez: „Rust“ (2009) [„Ruhe“]

„Es geht um die Band THE WHITE HOUSE, um Kameraden Daniel und Thomas und ihre Beziehung zu Passolini und Miguel Ángel Darío Cortez, der auf dem Höhepunkt seiner musikalischen Laufbahn verschwindet und seine Freunde in einem Vakuum lässt. Die Geschichten reichen zurück bis in die 60er Jahre in Santiago de Chile, zum Militärputsch von 1973; Entführungen von Kleinkindern in Uruguay, Exilräume in Uppsala und Stockholm, Berlin und Barcelona; in die Realität voller Terror und Gewalt, von Verschwinden und Leere und Leid. Ein Roman über Generationen, über Erinnerung und Vermächtnis, Exil, Rache und Nostalgie, aber auch über Liebe, Musik, Erziehung, Einheit und Verwirrung.“

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Pedro Carmona-Alvarez: „Bergen ungdomsteater“ (2016) [„Jugendtheater Bergen“]

„Der Vater von Marita ist in die Vereinigten Staaten gereist. Die Mutter nimmt das Mädchen von Oslo nach Bergen, um im Sommer 1982 ein neues Leben mit ihrem neuen Freund zu starten. Johannes ist Anwalt und will ein Jugendtheater leiten. Später, in den frühen 90ern, geht Marita zu ihrem Vater nach Kalifornien. Ein Roman über Freundschaft und Liebe und darüber, was dich zu dem macht, der du bist.“

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Jens M. Johansson: „Bryllup og Begravelser“ (2013) [„Hochzeiten und Beerdigungen“]

„Hochzeiten und Beerdigungen. Namenstage, Weihnachtsfeiern und Abendessen am Sonntag. Die Familie ist versammelt und jedes Mal ist es so, als ob die ganze Geschichte erzählt wird. Alle Männer werden geliebt. Die Enttäuschungen, die du trägst. Bestrebungen. Das Geschenk, für das sie nur danke sagen, weil es der Gedanke ist, der zählt. Das Leid, das alles umgibt.  Jens ist erst 22 Jahre alt, als sein Vater an einem Herzinfarkt stirbt. Fast zwanzig Jahre später fällt seine Mutter um. Ihr Gedächtnis ist betroffen. „Ich bin nichts ohne meine Erinnerungen“, sagt sie. Es geht um den Moment, in dem du verstehst, dass du an der Reihe bist, dich um die anderen zu kümmern. Und dann geht es um Jens, Autor und bald vierzig, sehr geliebt und furchtbar ängstlich.“

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Elin Asbakk Lind: „Punktum midt i en vakker setning“ (2016) [„Interpunktion mitten in einem schönen Satz“]

„Mattias trennt sich und flüchtet spontan zu seiner älteren Großmutter auf einer Insel am Fjord. Er weiß nicht, warum er dorthin geht und war nicht dort, seit er klein war. Auf der Insel stolpert er über Marys eigene Geheimnisse und ihr Trauma. Zusammen lernen Mattias und Mary etwas Wichtiges über Verlust, Vermissen und den Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein. Ein schöner und subtiler Roman, wo zwei Leute mit scharlachroten Herzen Schutz in einer norwegischen prächtigen und wilden Nordlandschaft suchen. “

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Ragnar Hovland: „Ei Vinterreise“ (2001)

„Dies sind zwei Bücher in einem: Eine magische Realismus-Geschichte über einen Priester auf einer Autoreise auf der Suche nach der verlorenen Liebe seines Lebens: Johanna; und ein Tagebuch über die Krebsbehandlung des Autors. Sardonisch, hart, knochentrocken.“

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Espen Haavardsholm: „Tjue“ (2006) [„20“]

„Es ist Oslo Mitte der 60er Jahre, Nils ist 20 Jahre alt und Student. Er wird Marias Freund, doch reist mit dem Rucksack durch Europa. Nils träumt davon, Schriftsteller zu werden und aus dem bürgerlichen Leben auszubrechen. Zakk hat seinerseits das Ziel, „eine Bombe zu zünden, eine Täuschung aufzudecken und die Literatur abzulehnen“. Ein autobiografischer Roman über gewalttätige Träume, Ambitionen und Sehnsüchte.“

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Espen Haavardsholm: „Til Nuuk“ (2014) [„Nach Norden“]

„Espen reist von Oslo nach Kopenhagen, um seinen alten Freund Klaus und seine Familie zu besuchen. Klaus wird in die Psychiatrie eingeliefert. Klaus‘ Frau Sarah hat die Hoffnung, dass Espen Klaus helfen kann, der versucht hat, sie zu töten. Espen spekuliert viel über den Grund. Was versteckt Klaus und was versteckt Sara? Sara kommt aus Grönland und hat weitere Verwandte in Kopenhagen, darunter auch einige Heroinisten, denen Espen begegnet.“

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Alf van der Hagen: „Leseren. En Samtale med Henning Hagerup“ (2017) [„Leser. Ein Gespräch mit Henning Hagerup“]

„Henning Hagerup (geb. 1959) gilt als einer der führenden Kritiker und Essayisten seiner Generation. Ein intimes Porträt eines Kritikers und Schriftstellers. Das sind Gespräche, die die Lektüre als Quelle immer größer werdender Vorstellungskraft, Lebensfreude und Empathie im Leben anderer Menschen verraten.“

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Jens Bjorneboe: „Under en hardere Himmel“ (1957) [„Unter einem härteren Himmel“]

wurde das echt nie übersetzt – oder finde ich die deutsche Ausgabe nur nicht? „Eine bewegende Geschichte darüber, wie blinder und missverstandener Idealismus dazu führt, dass Alt und Jung während des zweiten Weltkriegs die falsche Seite wählten. Auch eine scharfe Kritik, wie der norwegische Staat und die norwegische Gesellschaft sie nach dem Krieg behandelten. 92.000 Menschen waren nach dem Krieg von der Gerichtsverhandlung erfasst. 55.000 von ihnen wurden bestraft. Was taten sie? Wer waren sie? Welche Konsequenzen hatte es für sie, verachtet zu werden? Wie objektiv war der Prozess? Jens Bjørneboe folgt in diesem glanzvollen Roman einer Gruppe von einfachen Menschen aus den 30er Jahren bis ins Gefängnis im Jahr 1945.“

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Dag Solstad: „Roman 1987“ (1987)

„Von Dagningen 1961 nach Lillehammer, als Student und später Dozent für Geschichte, dann sieben Jahre Selbstproletarisierung als Fabrickarbeiter. Am Ende des Romans fragt sich Fjord, ob er seine Illusionen und Visionen verloren hat; er zieht sich in die Privatsphäre zurück. Der Roman ist ein kontinuierlicher Monolog des Erzählers. Der Autor hat das Buch folgendermaßen charakterisiert: „Es ist kein Roman, der etwas spricht, sondern murmelt.».“

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Dag Solstad: „T Singer“ (1999)

„T SINGER ist eine Übung im Alltäglichen – ein Marathon des Alltäglichen. Diese seltsame Charakterstudie ohne Handlung war eine intensive Lektüre: Die Hauptfigur hat nicht viel Charakter, wenig Energie oder Mut, und er ist leicht beschämt (Kafkas Charaktere kommen mir als Vergleiche in den Sinn). Mehrere Male im Buch fragt Solstad (in der autorenhaften Stimme, metafiktional), warum das Buch eine solche Person ins Zentrum stellt.“

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Mattis Oybo: „Elskere“ (2016) [„Liebhaber“]

„Juli 2011. Mikkel wartet in einem Hotelzimmer in Oslo auf Anna. Seit mehr als einem Jahrzehnt treffen sie sich heimlich, ein paar Stunden an jedem vierten Freitag und kehren dann ins ihre Leben zurück: zu Ehepartner und Kindern. Aber an diesem Freitag erscheint Anna nicht: Im Regierungsgebäude in Oslo wird eine Bombe gezündet. Reichen alle vier Freitage, zehn Jahre lang für zwei Stunden, um die Geschichte eines ganzen Lebens zu erzählen? Ein Roman über Trauer im Schatten einer nationalen Trauer. Über die Freude, im Verborgenen zu leben. Und über die Konsequenzen für Sie und andere.“

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Brynjulf Jung Tjonn: „Alt det lyse og alt det morke“ (2017) [„All das Licht und all das Dunkle“]

„Vibeke lebt in der Anstalt. Sie hat die Vorhänge zugezogen. Sie mag den Blick auf den Wald nicht. Eines Tages kommt ihre Tochter zu Besuch: Mutter und Tochter haben sich nicht mehr gesehen, seit Hildegunn sechs Jahre alt war. Die Tochter ist jetzt erwachsen geworden. Vibeke hat entschieden, dass diesmal alles anders sein wird. Ein bisschen Licht und viel Dunkelheit in diesem Roman. Spannende Perspektive , in der alles aus Sicht des Kindes geschieht und wir aus ihren Gedanken, Überzeugungen und Phantasien auf die Fakten schließen müssen.“

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Brynjulf Jung Tjonn: „Lyden av noen som dor“ (2008) [„Der Klang von jemandem, der stirbt“]

„Ein intensiver, brutaler und poetischer Roman über etwas, das nie passieren sollte, aber immer noch überall passieren kann. Clemence wuchs auf der Familienfarm auf, einem abgelegenen Ort entlang von Fjorden und Bergen, und aus seiner Sicht lernen wir eine dysfunktionale Familie kennen. Zusammen mit den Hauptfiguren verlieren wir unser Konzept von Zeit und Ort und lösen uns langsam von der Realität: Der Autor hat einen fast poetischen Stil in der Art, wie er die alltäglichsten Dinge bis ins groteskeste Detail beschreibt, während wir nicht immer alle Informationen bekommen, die wir wollen.“

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Rune Christiansen: „Ensomheten i Lydia Ernemans liv“ (2014) [„Einsamkeit in Lydia Ernemanns Leben“]

„Lydia Erneman wuchs als Einzelkind auf einem kleinen Bauernhof im nördlichen Jämtland auf. Sie wird Tierärztin aus und zieht nach einigen Jahren in Skåne in eine kleine Siedlung. Wir folgen Lydia in ihrer Arbeit als Tierärztin, die den wechselnden Jahreszeiten und den Routinen des Lebens folgt. Der Kontakt mit den Eltern ist sporadisch. Ein bemerkenswerter, nostalgischer und vertraulicher Roman, geschrieben in einer konsistenten, bewegenden und außerordentlich reichen Sprache.“

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Nils-Oivind Haagensen: „Er hun din?“ (2016) [„Ist das deine?“]

„Es ist Sommer und Are wird zu einem Freund zum Geburtstag eingeladen, in ein Sommerhaus auf einer Insel. Dort ist die sechsjährige Eira, die beginnt, Are Fragen zu stellen. Die Gespräche öffnen Räume, die Are schon lange geschlossen hat: Die Geschichte seines Kindes, das nie geboren wurde. Die Geschichte der Liebe, die nicht fortgesetzt werden konnte. Die Party der Erwachsenen dauert mehrere feuchte Tage, bis plötzlich ein Unfall eintritt und Are die Insel in Eile verlassen muss. Er trägt nicht einmal seine Schuhe. Ein heller, warmer und schöner Roman über eine ungewöhnliche Freundschaft.“

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Heidi Linde: „Talte Dager“ (2017) [„Gesprochene Tage“]

[Mainstream-Roman, der vielen zu flach ist.] „Karin verliert ihre jugendliche Tochter Kaja – ohne zu wissen, dass die hässlichen Worte, die zwischen ihnen liegen, die allerletzten sein werden. Vier letzte Tage durch eine Vielzahl von Geschichten und Schicksalen: Der junge Arzt Jonas. Studentin Ingeborg, die über das Gefängnisleben forscht. Das junge Mädchen, das endlich den leiblichen Vater gefunden hat und merkt, dass er keine Lust hat, gefunden zu werden. Ein Buch der Güte und Unerbittlichkeit in den Beziehungen, auf die wir bauen, und darüber, wie kleine Dinge unvorstellbare Konsequenzen haben können.“

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Lars Petter Sveen: „Eg kjem tilbake“ (2011) [„Ich werde zurück sein“ / „I’ll be back“]

„In einer Sommernacht hatte der Himmel Streifen, und er saß am Fenster und sah sie durch das Gras kommen. Der Vater stand draußen, die Waffe lag auf dem Schrank oben an der Tür. Ein Roman, der sich von denen der norwegischen zeitgenössischen Prosa unterscheidet: eine actiongeladene Geschichte, die gleichzeitig gruselig und schön, brutal und schwierig; und durch die poetische und effektive Sprache vor allem ein treibendes und spannendes Buch.“

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Lars Petter Sveen: „Fem Stjerner“ (2017) [„Fünf Sterne“]

„Fünf junge Menschen fliehen: Aisha und Said sind Kindersoldaten, schaffen es aber aus dem Lager außerhalb von Mogadischu in Somalia zu entkommen. Später treffen sie die Isir, Aaliyah und Khadar. Sie versuchen, nach Europa zu kommen und beginnen eine Reise, die sie von den Zelten der Flüchtlingslager zu Truckern durch die Wüste, von brutaler Gefangenschaft zu den Wellen des Mittelmeers führt.“

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Eivind Hofstad Evjemo: „Det siste du skal er et ansikt av kjaerlighet“ (2012) [„Das letzte, was zu sehen ist, ist ein Gesicht der Liebe“]

„Das Buch beschreibt fast eine ganze Gesellschaft. Sogar der Boden einer Turnhalle hat ein eigenes kleines Kapitel. Im Wesentlichen haben wir eine Familie, mit Vater Roy, Sohn Aksel und Kjersti, die behinderten Schülern assistiert. Wir folgen ihrem täglichen Leben und seinem unauffälligen Drama. Vater Roy erreicht seine beiden Kinder weder emotional noch sozial. Kjersti versucht, eine Art von Romantik mit dem Taxifahrer Morgan zu initiieren. Es geht um die Träume, die du an einem Ort hast, an dem alles weit weg zu sein scheint. Fast alle tauchen auf und beschreiben Teile ihres Lebens. Der Busfahrer, der Fahrlehrer, die Krankenschwester, der Schulleiter, die Schüler und sogar der Kronprinz. Insgesamt wird ein scharfer sozialer Überblick gemacht. Die soziale Hierarchie, erforscht in einer beladenen und sinnlichen Sprache.“

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Marit Eikemo: „Mellom oss sagt“ (2006) [„Unter uns gesagt“]

„Die Studienzeit ist vorbei und die Gemeinschaft zerbröckelt. Durch Regines Job als Staatsanwalt in Aetat bekommen wir Einblick in das Leben und die Talente der Menge, die ihn täglich umgibt. Die Absurditäten des Lebens sind klar. Eine witzige und scharfe, tragische und schmerzhafte Darstellung von Freundschaft und Einsamkeit und von der Klaustrophobie der Gemeinschaft.“

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Jan Roar Leikvoll: „Eit Vintereventyr“ (2008) [„Ein Winterabenteuer“]

„Ein Arbeitslager: Im brutalen und grausamen Nachtleben sehnt sich die Hauptfigur danach, geliebt zu werden. Eine Geschichte von Wahnsinn und Abgrund, aber auch von Liebe und Sehnsucht. Eine angespannte Dynamik in diesem dunklen Roman. “

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Peter Franziskus Strassegger: „Stasia“ (2012)

„Ein Buch über ein Tagelöhner-Paar und ihre beiden Kinder Stasia (15) und Armin (9), die an die deutsche Grenze reisen, um ein Haus zu bauen. Ein Roman über Kindheit und Vernachlässigung, Nostalgie und alte Kindheitsängste. Wie eine langsame Kaskade aus mildem psychologischen Horror.“

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Margaret Skjelbret: „Du skal elske lyset“ (2011) [„Du liebst das Licht“]

„Die Geschichte dreht sich hauptsächlich um Trauer, die Trauer eines Kindes über einen toten Vater, eine Trauer, die so tief und allumfassend ist, dass sie ein ganzes Leben belastet. Eine streng religiöse Gemeinde. Alva ist acht Jahre alt. Der glückliche Vater ist tot, und ihre Mutter zieht mit Alva und Schwester zurück in ihr Elternhaus, das sie verlassen musste, als sie nicht kirchlich heiratete. Alva begegnet einer Welt, die von strenger Gottesfurcht, von Verbot und Verzweiflung geprägt ist. Und von vielen Geheimnissen.“

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Stig Holmas: „Regn“ (2008)

„Zwei Brüder wachsen in Bergen in den 1950er Jahren auf. Der Vater ist Meteorologe und sie können seine Stimme nur im Radio hören. Dann schlagen die Unfälle zu. Dies ist eine Geschichte der Unschuld und des Desasters, über brüderliche Liebe, gebrochene Träume und vorsichtige Hoffnung.“

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Mirjam Kristensen: „Jeg har ventet par deg“ (2014) [„Ich habe auf dich gewartet“]

„1942. Die Schwestern Paula, Matilde, Edit und Milly Olsen wachsen auf einer kleinen Insel an der Südküste auf. Im Nachbarhaus lebt die Familie Didrikson im Ruhestand; und eines Tages kommt ein Ehepaar mit dem Pflegesohn David an. Er ist ein jüdischer Flüchtling. David und Paula treffen sich jede Nacht im alten englischen Garten der Insel. Bis zum Tag, als die kleine Milly auf dem jährlichen Sommerausflug ertrinkt. Kurz darauf beginnt die Verfolgung der norwegischen Juden und David verschwindet aus Paulas Leben. Viele Jahre später wird Anna Vårø Erbin der grandiosen Paula Therese Olsen. Anna fängt an, Paulas alte Tagebücher zu lesen. Was geschah, dass Tante Paulas Leben zu dem wurde, was es wurde?“

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Lars Amund Vaage: „Syngja“ (2012)

„Als junger Mann arbeitet er als Busfahrer und träumt vom Schreiben. Eines Tages steigt ein Mädchen in den Bus. Jetzt ist er ein etablierter Schriftsteller; Kann er jemals den Roman über sie schreiben? Ein Buch, schön und zum Nachdenken anregend, nackt und offen, über das Leben mit einer Tochter mit Autismus. Der Roman ist ein Versuch, ihre Geschichte zu schreiben. Es geht darum, wie schwierig, aber auch wichtig es ist, jemanden zu verstehen, der nicht leicht zu verstehen ist.“

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Marita Hansen: „Og hver morgen vakner jeg“ (2016) [„Und jeden Morgen wache ich auf“]

„Im Frühsommer 2013 wird sich Marita Vidar treffen. Sie bekommen 231 Tage zusammen bevor er plötzlich und unerwartet in ihren Armen stirbt. Er existiert nicht mehr. Das Buch sagt dir, wie unmöglich es ist zu verstehen, dass der, den du liebst, weg ist. Ein Buch über das Weitergehen nach dem Undenkbarsten.“

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Gunnhild Corwin: „Idas Dans“ (2005) [„Idas Tanz“]

„Eine junge Frau, 18 Jahre alt, bei der akute Leukämie diagnostiziert wird. Ihre Mutter hat das Buch geschrieben, das die 14 Monate ihrer Krankheit bis zum Tod erzählt, und ihre drei älteren Schwestern, ihren Bruder, ihren Freund und ihre anderen Freunde zeigt, basierend auf Tagebüchern und Briefen.“

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Trude Lorentzen: „Mysteriet Mamma“ (2013)

„Dies ist die Geschichte von Mia. Eine glückliche Frau wurde so plötzlich und unerklärlich psychisch krank und beging Selbstmord, als Trude 15 Jahre alt war. Jetzt ist Trude erwachsen und selbst Mutter. Kann sie jetzt mehr verstehen? Die Liebeserklärung einer Tochter an eine Mutter, die es versäumt hat zu leben.“

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Levi Henriksen: „Her Hos de Levende“ (2017) [„Her mit den Lebenden“]

„Das Haus, das Hermann Henriksen mit eigenen Händen baute, wurde verkauft und muss abgerissen werden. Hermann, der jahrelang im Wald gearbeitet hat. Wer war er wirklich? Hermanns Sohn hat das alte und verlassene Haus betreten. Er weiß wenig über die Erziehung und die dunkle Vergangenheit des Vaters. Mit zwei alten Landschaftsbildern und einem späten siebten Sinn versucht er, den Bruch des Lebens seines Vaters zu kleben. Ein Roman über geliehene Sprungski, gestohlene Angelruten und warme Hände.“

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Tiger Garté: „Fluglehotellet“ (2012) [„Vogelhotel“]

„Nach einem langen und schweren Leben als Arbeiter in der Aluminiumfabrik stirbt Bår Meldal. Fünf Jahre später kehrt der Enkel Tor nach Øra zurück, um dort einen Sommerjob zu machen und bei Oma Lilly, Witwe von Bår, zu leben. Tor sitzt mit dem Gefühl, dass er den Großvater nie richtig kennen gelernt hat. Tor muss kämpfen, um mit der rauen Umgebung fertig zu werden. Zur gleichen Zeit schaffen die Geschichten zu Bårs ehemaligen Kollegen und Freunden ein immer komplexeres Bild des Großvaters. Ein Bild, auf das sich Tor allmählich beziehen muss, obwohl er nicht immer mag, was er sieht. Der Roman basiert auf den eigenen Erfahrungen des Autors.“

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Ivo de Figueiredo: „En freemmed ved mitt bord“ (2016) [„Ein Fremder an meinem Tisch“]

„“Wo beginnt die Geschichte des Vaters?“ Ivo de Figueiredo fragt mit 45 Jahren nach einer unbekannten Familiengeschichte auf vier Kontinenten: in fünf Jahrhunderte kommen und vergehen Imperien. Die Familie des Vaters wanderte von der portugiesischen Kolonie Goa an der Westküste Indiens nach Britisch-Ostafrika aus. Sie waren Inder mit europäischen Gewohnheiten und Werten. Als das Empire zusammenbrach, mussten sie sich weiter nach Westen kämpfen. Einige kamen in die Vereinigten Staaten und England, doch einer endete in Bamble, an der Küste von Telemark in Norwegen. Die Geschichte einer Familie, die niemals verloren geht, sondern sich immer wieder findet.“

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Trude Teige: „Mormor danset I regnet“ (2015) [„Großmutter tanzte im Regen“]

„Juni hat das Haus der Großeltern geerbt und kehrt auf die Insel zurück, auf der sie aufwuchs. Beim Hausputz findet sie ein Bild der Großmutter mit einem deutschen Soldaten und einen Brief von 1946 mit deutschen Poststempel. Juni ist völlig unbekannt, dass die Großmutter kurz nach dem Krieg in Deutschland war und sie beschließt, zu recherchieren. Schließlich versteht Jun, dass das Geheimnis der Großmutter nichts anderes ist, als dass sie ein deutsches Mädchen war.“

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Thorvald Steen: „Det hvite Badehuset“ (2017) [„Das weiße Badehaus“]

„Im Dezember ruft eine unbekannten Frau an und sagt, sie sei seine Cousine. Die Familie wurde noch nie erwähnt. Jetzt entdeckt er neue Wahrheiten und Verwandte, und mit ihnen erscheinen schwierige Fragen. Er lebt mit einer Erbkrankheit und nutzt einen Rollstuhl. Ist die Geheimhaltung in der Familie mit dem Chromosomenfehler verbunden, den er erbte? Thorvald Steen geht dort hinein, wo es brennt. Der Roman ist eine tiefgründige und bewegende Geschichte über Herkunft, Scham, Verzweiflung und die Kosten, ehrlich zu sein.“

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Ida Jackson: „Morfar, Hitler og jeg“ (2014) [„Opa, Hitler und ich“]

„Ida Jackson ist Enkelin von Per Pedersen Tjøstland – SS-Mann, Frontkämpfer und Redakteur der nationalsozialistischen Wochenzeitung Germananen. Durch Zufall erfuhr sie vom Hintergrund des Großvaters erfahren – und musste ihre Familie und sich selbst in einem ganz neuen Licht sehen musste. Sie erlaubt dem Leser eine Reise ins ideologische Universum der germanischen SS Norwegen, der vielleicht extremsten Organisation in Norwegens Geschichte. Sie nutzt die Begegnung mit dem Extremismus der Vergangenheit, um extreme Strömungen heute zu verstehen“

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Marte Michelet: „Den storste Forbrytelsen“ (1947) [„Das größte Verbrechen: Opfer und Täter im norwegischen Holocaust“]

„Eine schockierende Geschichte über Frontkämpfer, die Staatspolizei und die Nazi-Bürokraten, die den Völkermord in Norwegen erlaubten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam das junge jüdische Ehepaar Benzel und Sara Braude nach Kristiania. An einem anderen Rand der Stadt wird Stian Bech jr. erwachsen. Er ist der Sohn eines antisemitischen Obersten Richters und kämpft darum, den Erwartungen gerecht zu werden. Der Krieg gibt Bech jr. neue Möglichkeiten. Wer wollte die Juden in Norwegen auslöschen? Warum und wie könnte dieses Verbrechen passieren? Marte Michelets sorgfältige Überprüfung des norwegischen und deutschen Archivmaterials zeigt eine schockierende Geschichte und zugleich ein lebendiges Bild des jüdischen Lebens in Norwegen zwischen den Kriegen und in den tödlichen Besatzungsjahren.“

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Simon Stranger: „Leksikon om lys og morke“ (2018) [„Lexikon über Hell und Dunkel“]

„Was machte den bescheidenen Schustersohn Henry Rinnan zu einem der härtesten Faschisten Norwegens? Und warum sollte eine jüdische Familie nach dem Krieg in das Rinnan-Hauptquartier ziehen: ins Haus, das als Symbol des Bösen stand? Als Simon Stranger erfährt, dass die Familie seiner Frau in jenem Haus lebte, beginnt er in der Geschichte zu graben. Stranger stellt Stücke zusammen, die sich über ein Jahrhundert erstrecken und die schönsten und verletzlichsten Seiten des menschlichen Lebens berühren.“

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Sumaya Jirde Ali: „Ikkje ver redd sanne som meg“ (2018) [„Hab keine Angst vor mir wie ich“]

„Ich war dreizehn Jahre alt und entkam nicht dem Politischen. Ich trug es mit mir.“ Sumaya Jirde Ali kam als Kind nach Bodø. Am 22. Juli 2011 wurde sie in Oslo von dem Angriff betroffen: ihre eigene Identität und Zugehörigkeit. Wir bekommen auch einen Einblick in das, was wir tun, um dem Hass entgegenzuwirken.“

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Camara Lundestad Joof: „Eg snakkar om det heile tida“ (2018) [„Ich rede die ganze Zeit darüber“]

„Camara Lundestad Joof ist in Norwegen geboren, mit norwegischer Mutter und gambischem Vater. Das Buch zeigt den Rassismus, den Sie weiterhin erlebt, der ihre Tage infiziert und immer mitgedacht werden muss.“

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Marte Spurkland: „Klassen – fortellinger fra et skolear“ (2017)

„Während des Schuljahres 2016/17 hat die Journalistin und Schriftstellerin Marte Spurkland sieben Schüler*innen und ihre Lehrer*innen in der dritten Klasse der Sekundarstufe II begleitet. Die Schüler haben keine findigen Eltern, die die Probleme für sie lösen. Sie kämpfen darum, in etwas im Leben einsteigen. Holen sich das Zertifikat, das Ticket in die Zukunft. Was gewinnen wir als Gesellschaft, in der mehr Menschen den richtigen Weg gehen?“

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Anette Trettebergstuen, Bard Nylund:  „Homo“ (2017)

„Informativ und gut, aber generell „nur“ Mittelmaß: Wenn Sie ein Lern- und Spaßbuch über Queerness suchen, lesen Sie es. Mit Texten von u.a. unter anderem Nils Bech, Jens Stoltenberg, Knut Anders Sorum, Linn Skåber.“

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Line Baugsto: „Vi skulle vaert lover“ (2018) [„Wir hätten Löwen sein sollen“]

„Ein neues Mädchen in der Klasse! Malin ist aufgeregt. Vielleicht ist es eine neue beste Freundin? Doch das neue Mädchen ist sehr schüchtern: Leona ist nicht einfach zu erreichen. Es stellt sich heraus, dass sie ein Geheimnis versteckt, ein Geheimnis, das in der Garderobe des Turniers brutal offenbart wird. Leona [ist trans]. Dann bekommt Malin eine neue Herausforderung: Ist sie mutig genug, um Leona zu verteidigen?“ [Hm. Klingt von oben herab & nicht sehr empowernd. Bleibt Leona Nebenfigur ihrer eigenen Geschichte?]

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Monica Flatabo: „En sann jente“ (2017) [„So ein Mädchen“]

„Andrea Voll Voldum ist bewusstlos und wird von drei Männern weg getragen. Sie sagt, sie wurde stundenlang vergewaltigt. Mit Erfahrung und Hingabe erzählt Monica Flatabø eine erschütternde Geschichte über Vergewaltigungen im heutigen Norwegen. Warum gibt es so viele Jugendliche, die nicht wissen, was Vergewaltigung ist? Wie sprechen wir mit unseren Söhnen über Sex? Und warum ist Vergewaltigung immer noch ein großes soziales Problem in einem gleichwertigen und zivilisierten Land wie Norwegen?“

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Madeleine Schultz, Marta Breen, Jenny Jordahl: „F-Ordet“ (2015) [„Das F-Wort. 155 Gründe, Feminist*in zu werden“]

„Eine neue feministische Welle ist über uns! Gute Tipps, wie Sie typische Argumente und Klischees in der Debatte über Geschlechtergleichheit begegnen können. Das „F-Wort“ ist ein lustiges und politisches Selbsthilfebuch für diejenigen, die sich fragen, ob Sie Feministin sind oder nur bestätigen wollen, dass Sie Recht haben.“

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Tengehanne, Jostein Larsen: „Lykke til!“ (2017) [„Viel Glück! 52 Dinge, die du leider benötigst.“]

„Dein Leben wird aus einer endlosen Anzahl von Überraschungen bestehen. Selbst hier in einem der besten Länder der Welt wirst du Herausforderungen meistern. Du wirst deine Eltern enttäuschen. Aber nimm es leicht! Das ist in Ordnung! Hier sind 52 Dinge, die du erkennen und über die du lachen kannst. Passt gut als leichtes Geschenk für 18-jährige.“

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Janne S. Drangsholt: „Winterkrigen“ (2018) [„Der Winterkrieg“]

[Band 3 einer Serie] „Ingrid Winters Alltag ist wie immer von Herausforderungen geprägt. Bei der Arbeit: offene Bürolandschaften mit Clean-Desk-Politik und neuen synergiebildenden Formen des Teamworks, im Gegensatz zu Ingrids Traum vom Professortitel und Sabbatjahr. Zu Hause hat Ingrid Sorgen über Tochter Alva, die auf dem Fußballplatz in die falsche Richtung läuft und in der Klasse schikaniert wird. Zu Weihnachten sind Eltern und Schwiegereltern eingeladen.“

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Lene Wold: „Aere vaere mine dotre“ (2017) [„Ehre sei meinen Töchtern“]

„Ehrenmorde aus der Perspektive des Mannes. In den letzten drei Jahren verbrachte Lene Wold viel Zeit in Jordanien mit einem Vater, der sowohl seine Mutter als auch eine seiner beiden Töchter getötet hat, um die Familienehre wiederherzustellen. Wold hat mit der zweiten überlebenden Tochter gesprochen, die mehrere Jahre im Gefängnis war, zur Strafe für einen Mordversuch, mit dem sie sich vor ihrer Familie schützen wollte. Eine erschütternde Geschichte darüber, was einen Vater dazu bringt, gemeinschaftliche Werte vor das Leben der eigenen Kinder zu stellen.“

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Kristine Storli Henningsen: „Antisuper“ (2015)

„Beruhigender Spaß. Niemand ist die ganze Zeit glücklich. Die Autorin erreichte mit dem Blog Antisupermamma ein großes Publikum. Doch sie war anti-super, lange bevor sie drei Kinder in drei Jahren bekam. In ihrer ersten Ehe versuchte sie, einen Drogenabhängigen zu erfreuen. Als sie wieder heiratete, kam sie zu spät zur Hochzeitszeremonie. Kristine ist ausgebildete Figurentherapeutin und vertieft sich in den Perfektionismus der Moderne. Sie gibt uns eine neue Sicht dessen, was erstrebenswert ist. Nach dem Lesen dieses Buches fühlt es sich großartig an, ein gewöhnlicher Mensch zu sein.“

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Helene Uri: „Hvem sa hva?“ (2018) [„Wer hat was gesagt?“]

„Er sät wie ein Mädchen. Sie hat Haare auf ihrer Brust. Er fährt wie eine Kutsche, und es ist Zeit, dass sie sich aufregt. Seit vielen Jahren beschäftigt sich Helene Uri mit Sprache und Geschlecht. Sind Frauen in ihrer Sprache indirekter? Sie hat auch Gesprächen im Bus und auf der Party gehört, sie hat die Redezeit gemessen. Ein Buch darüber, wie Sprache die Realität spricht, aber auch wie sie sich formt.“

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Karin Fossum: „De Gales Hus“ (1999)

„Hajna ist eine sehr junge und elende Frau. Sie rennt durch ein Fenster und möchte sich umbringen, aber sie scheitert und überlebt. Eine schöne und genaue Wiedergabe davon, wie man in einer psychiatrischen Abteilung in Norwegen lebt.“

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Anja H. Hagelund: „Med himmelen under oss“ (2015) [„Mit dem Himmel unter uns“]

„Ein kurzer Roman über Verletzlichkeit, Beziehungen zu anderen Menschen und grüne Turnschuhe. Erika, 25, geht gern mittwochs in die Bibliothek. Es geht auch um Ole, der an einem Ort arbeitet, an dem „niemand wirklich sein will“. Erika hat Zwangshandlungen. Dies ist kein trauriges Buch: Sie können Humor finden und Tragikomik. Ein kleines Juwel von zwei verschiedenen Menschen, die ihr Leben nicht komplett in Ordnung bringen und sich in ihrer Andersartigkeit wiederfinden. Voller Wärme und Humor. Doch die Sprache hätte von einem besseren Lektorat profitiert.“

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Kristine Getz: „Hvis jeg forsvinner, ser du meg da?“ (2012) [„Wenn ich verschwinde, siehst du mich dann?“]

„Eine gut geschriebene Darstellung des Kampfes einer Frau mit ihrer Essstörung. Es war schwierig, das Buch wegzulegen, die Ehrlichkeit des Autors schafft das Gefühl, dass du bei ihr bist: Bei meiner Essstörung ging es nicht darum, im Restaurant einen Salat zu bestellen. Es ging nicht darum, ein kleines Stück Kuchen auf einer Geburtstagsparty zu essen, ein schlechtes Gewissen zu bekommen, sich ins Badezimmer zu schleichen. Unter dem Bedürfnis nach Kontrolle war Angst, Scham, Wertlosigkeit, Verzweiflung. Die Magersucht war bösartig, kalt und unbeschreiblich einsam. Und weil sie mich beherrschte, in mir lebte, brachte sie mich dazu, böse, verzweifelte Dinge zu tun.“

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Ingeborg Senneset: „Anorektisk“ (2017)

„Ehrliche, gnadenlose und originelle Darstellung aus dem Inneren der Magersucht. Geschrieben über drei Jahre, durch eine langsame Genesung, von einer Autorin in der einzigartigen Dreifachrolle Patientin, Journalistin und Krankenschwester. Wie erlebt die norwegische Psychiatrie einen Patienten mit Anorexie und Zwangsstörungen? Welche Spiele werden in einem Menschen gespielt, der eine Krankheit beenden wird, die seit ihrer Kindheit sowohl lebensrettend als auch lebensbedrohlich ist? Dieses Buch ist garantiert frei von Romantik.“

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Lotta Elstad: „Et eget Rom“ (2014) [„A Room of One’s own“]

„Eine feministische Satire über Geld, Titten und Professur. Anna Louisa Germaine Millisdotter, 70, lebt in einer großzügigen Wohnung und schläft seit 15 Jahren. Bis sie am 7. Dezember 2013 aufwacht und sich erinnert, dass die Welt sie braucht. Ein modernes satirisches Kammerspiel mit Platz für Bitcoins und Pussy Riot. Lotta Elstad ist vielleicht Norwegens wichtigste Satirikerin.“

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Lotta Elstad: „Je nekter a tenke“ (2017) [„Ich weigere mich, zu denken“]

„Lotta Elstads neuer Roman enthält den gleichen scharfen und intelligenten Humor wie ihre früheren Bücher. Wir treffen Hedda Møller nach einem traumatischen Flug: ein krisengeschütteltes Europa mit Zug und Bus, dreckige Zimmer in Hostels und ein One-Night-Stand in Berlin. Wieder zu Hause entdeckt sie eine ungewollte Schwangerschaft. Es sollte leicht sein, etwas dagegen zu tun. Ist es aber nicht. Eine schwarze, feministische zeitgenössische Komödie über Politik, Liebe und die Abgründe von Nähe.  Der Frauenkörper steht immer am Verhandlungstisch. Vor einer Abtreibung sind drei Tage Bedenkzeit vorgeschrieben. Hedda weigert sich, zu denken.“

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Ilona Wisniewska: „Hen“ (2016) [„Im Norden von Norwegen“]

„Nordnorwegens raues Klima, eine Handvoll Menschen, Tausende von Rentieren, eisiges Meer und Wind. Für die Helden dieses Buches ist Finnmark, die seit Jahrhunderten mit Ultima Thule identifizierte Region, das Zentrum der Welt und eine unendliche Geschichte. Finnmark ist das Ende. Es spielt keine Rolle, wo du hinschaust, denn es wird immer noch weit weg sein. Das Wort „Hen“ auf Norwegisch bezieht sich auf die Entfernung, es kann „auf der anderen Seite des Globus“ bedeuten und „gleich um die Ecke“. Hen ist gleichzeitig weit und nah. Es ist auch eine Geschichte über die Samen, die lange Zeit vom norwegischen Staat als Fremdkörper behandelt wurden.“

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Emil Andre Erstad: „Farvel, Syria“ (2016) [„Auf Wiedersehen, Syrien. Wenn ein Volk flieht.“]

„Norwegen hat beschlossen, dass wir für die nächsten drei Jahre 8000 Quotenflüchtlinge erhalten werden. Darüber hinaus kommen tausende andere Flüchtlinge alleine hierher. Was ist der Unterschied zwischen ihnen und Frauen, denen wir helfen müssen? Das Buch erklärt, warum die Gesellschaft für Flüchtlinge aufstehen muss, liefert gute Analysen und Erklärungen und der Autor gibt einen Einblick in eine bestimmte Flüchtlingspolitik für Norwegen und Verda.“ [Ich hoffe, die „Was ist der Unterschied?“-Frage im Klappentext ist rhetorisch gemeint und das Buch ist kein rechter Wir-können-nicht-allen-helfen-Müll, der das „Wirtschaftsflüchtlinge können ruhig sterben“-Narrativ stützt.]

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Simen Ekern: „Europere“ (2015) [„Europäer“]

„Gut geschriebenes, leicht lesbares und interessantes Buch über die Krisen der letzten Jahre in Europa. Als Simen Ekern Ende der 1990er Jahre als Austauschstudent nach Brüssel zog, war die Stimmung optimistisch. Die „Erasmus-Generation“ sollte ein neues Europa schaffen, in dem nationale Unterschiede weniger wichtig sind als die Idee einer harmonischen europäischen Zukunft. Als er zehn Jahre später als Journalist in die EU-Hauptstadt zurückkehrte hat die schwierige wirtschaftliche Situation politischen Unternehmern mit sehr unterschiedlichen ideologischen Projekten viel Raum gelassen. Ekern führt den Leser zu italienischen Populisten, schottischen Separatisten und ungarischen Extremisten. Er spricht mit Brüsseler Bürokraten, französischen Patrioten – und einem griechischen Krimiautor. Der Kampf um Europas Zukunft ist intensiv, einschüchternd und unterhaltsam, und in diesem Buch treffen wir die Hauptfiguren.“

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Monika Steinholm: „Naermere kommer vi ikke“ (2016) [„Näher kommen wir nicht“]

„Jens hat Angst vor vielen Dingen. Er hat Angst, sich zu outen, Angst vor Wasser und Angst vor Blut. Edor hat vor nichts Angst. Er ist mit Beate zusammen, trainiert neue Eisbahnen, badet im Meer, schwimmt weiter hinaus, als er sollte. Edor badet nackt mit Celia, es ist ihm egal. Er klickt mit Mariell im Tiefkühlraum von Burger King, es macht einfach Spaß. Edor trifft Jens und fühlt, dass Jens cool ist, weil er ein Motorrad hat und Edor will hinterher sitzen. Edor braucht keinen Helm, er hat keine Angst zu sterben. Es gibt nur eine Sache, vor der er Angst hat, und so schafft Jens es, in seinem Bauch zu zerbröseln.“

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Monika Steinholm: „Fuck Verden“ (2015) [„Fick die Welt!“]

„Gunn ist gerade mit ihrer Mutter nach Tromsø gezogen. Die Mutter sitzt normalerweise drinnen und redet mit Fremden im Telefon. Gunn fährt einen Traktor herum. In der roten Abendtasche ihrer Großmutter findet sie ein Bild eines jungen Mannes. Sie sollte fragen, wer er ist. Niklas fehlt ein Gegenmittel. Ein Gegenmittel gegen den Drang, auf Facebook zu sitzen und die Bilder der Ex zu sehen. Ein Psychologe könnte etwas für Niklas tun, doch davon hält er nichts. Freundschaft, Mutter-Tochter-Beziehung, Suche nach der Herkunft und Versöhnung.“

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Monika Steinholm: „Under snoen“ (2017) [„Unter dem Schnee“]

[Band 3 und, scheint mir, der erste Band, für den man Vorwissen braucht.] „Es ist bald Weihnachten. Gunn hat beschlossen, keinen Kontakt zu ihrem Vater zu haben. Das wird schwierig, als er unerwartet an der Tür erscheint. Edor ist nach Brighton gereist, arbeitet bei Burger King und kann genau tun, was er will. Aber was will er? Jens versucht wieder, die Liebe zu finden, doch seine Gedanken fließen immer wieder zu Edor zurück. Es schneit viel. Im Radio empfehlen sie, dass jeder drinnen bleibt.“

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Camilla Sandmo: „Kan vi bare late som“ (2017) [„Können wir nur so tun?“]

„Wenn Emma nicht davon träumt, eine berühmte Bloggerin zu werden, macht sie Eistkunstlauf. Jossi betreibt Hockey und ist hauptsächlich damit beschäftigt, Spaß auf dem Eis zu haben. Nach einer Wette entwickelt sich langsam eine Freundschaft zwischen den beiden. Aber in Jossis Welt ist nicht alles vorhanden. Tolles Buch über Schulstress und Liebe. Die Geschichte handelt von einer lesbischen Beziehung. Es ist erfrischend, nicht „Bin ich eine Lesbe?“-, „Ich bin verwirrt, bin ich verrückt?“-Monologe in der Geschichte zu finden. Emma verliebt sich und so ist es.“

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Lisa Forfang Grimnes: „Kaoshjerte“ (2014) [„Chaosherz“]

„Minja ist sechzehn Jahre alt und erwacht ohne Erinnerung. Sie träumt von Händen, die sie in den Sumpf ziehen und einem Mann, der so schön ist wie die Unterwelt selbst – und plötzlich erinnert sie sich an den daran Preis, ihre verbotene Großmutter diesen Sommer zu besuchen: den besten Freund Joseph für immer und ewig zu verlieren. Eine Geschichte, die zwischen Realität und Mystik balanciert, über Freundschaft, Verwurzelung und Selbstvertrauen.“

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Elisabeth Ovreberg: „Blodets Galskap“ (2015) [„Der Wahnsinn des Blutes“]

„Ein brandneues Konzept, bei dem keine Brutalität verschont bleibt. Aber das Buch ist nicht frei von Klischees, und das zieht meine Sterne herunter. Insta-Liebe und, dass jeder so schön ist: Krieger Eskil gewinnt unerwartet seine Freiheit unter einer Bedingung. Er muss auf die entlegene Insel Gaptul gehen, damit er sich nicht an dem Urgroßvater rächen kann, der ihn als Gladiator gefangen hielt. Eskil will die Abkürzung über den Berg zu nehmen,. Hier trifft er die Nachtjäger aus einer isolierten Gesellschaft, in der sich die Bewohner ganz anders als gewöhnliche Menschen entwickelt haben. In der vielleicht gefürchtetsten Schlacht in der nordischen Region erkennt er, dass seine enormen Kräfte knapp werden.“

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Stig Beite Loken: „Drommelinsene“ (2018) [„Traum-Objektive“]

„Ein unterhaltsamer und nachdenklich stimmender Roman über eine Zukunft, in der sich die Menschen im technologischen Traum verlieren. Immobilienmakler Jonas Høller will einen virtuellen Ausblick haben, um ein Haus in Stavanger zu verkaufen. In der Show trifft er eine Frau. Um herauszufinden, wer Mathilde ist, unternimmt Jonas eine Reise zu Orten und Menschen, die er vorher nicht kannte.“

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Thore Hansen: „Skogland“(1988) [„Woodland“/“Forestland“]

„Es gibt eine Welt, nur einen Schritt von uns entfernt. Menschen, Wälder, Drachen, Zwerge, Elfen, Trolle, Shimoles, Schattenmenschen und Höhlenmenschen – alle gehören in Skogland, am Rande unserer Welt. Für die Bücher über Skogland hat Thore Hansen den Nordischen Kinderbuchpreis erhalten. | An imaginative and unique world, written in a simplistic and easy-to-read style which fits children and young teens perfectly. Its content, while down-to-earth and simple, is also poetic and contains many wise lectures. The series‘ ongoing central theme is definitely the balance between civilization vs. nature or the civilized vs. the primitive. This struggle is portrayed through the journey of three unlikely friends, the human child Kaim, the forestman Gwan and the dragon. The journey explores the dynamics between the different intelligent races, the lifestyle of living out in the wild, cultural and racial identity, and longing. A series shedding away from the usual run-of-the-mill D&D fantasy, and filled with a vibrant and well-realized world. The balance between humans, animals, nature and civilization is explored in depth and from different interesting angles. Easy to read, childish but also wise.“

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Elin Viktoria Unstad: „Vega“ (2017) [„Wega – der Kampf um eine neue Welt“]

„Ein harter und actiongeladener Roman über Vega, 17 Jahre. Der Energiekrieg zerstörte fast alles. Vega folgt den Regeln und hat Pläne für die Zukunft. Doch dieser Sommer wird nicht wie erwartet sein. Nach einer Weile tobt die Gesellschaft um sie herum. Die lebenswichtigen Solarzellen hören auf zu arbeiten. Einschränkungen werden verschärft. Aber die Behörden haben Kontrolle. Oder? | Vega ist ein hartes Mädchen und versteht, dass die Beziehung, in der sie lebt, nicht so groß ist, wie sie aussieht. Empfehlung!“

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ab hier: Titel, die wohl auf jeden Fall noch ins Deutsche übersetzt werden.

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Carl Frode Tiller: „Begynneleser“ (2017) [„Anfänge“]

„Das Leben des Umweltschützer Terje in umgekehrter Chronologie – vom Selbstmord bis zur Geburt: Warum ist es so gelaufen? Wir erhalten Einblick in Terjes Entscheidungen im Erwachsenenalter, Jugend und Kindheit; seine große Liebe zur Natur; und der Schmerz, der dadurch entsteht. Ein Roman, der in die entscheidende Frage von heute – die Klimadebatte – eingreift, sanft durch Terjes Geschichte erzählt.“

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Roy Jacobsen: „Seierherrene“ (1991) [„Die Sieger“]

„Hat die Arbeiterklasse gesiegt? Der Sprung von seinem Großvater als Ruder-Fischer an der Küste von Helgeland, die Hoffnung auf die Revolution und die Brüder, die zwei Generationen später in Oslo eine eigene Computerfirma starten wollen: Jacobsen beschreibt diese großartige Zeitspanne mit beeindruckenden Einsichten und Wissen. Im Mittelpunkt des Romans ist der Abbau oder Sprung in der norwegischen Nachkriegsgesellschaft: Generation mit Vätern und Mütter sollten aufstehen, aus der Arbeiterklasse. Ein Generationenroman, der stehen bleiben wird.“

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Gaute Heivoll: „Over det kinesiske hav“ (2013) [„Übers chinesische Meer“]

„Kurz vor dem Krieg will ein Ehepaar in dem kleinen Dorf im Süden Norwegens sein eigenes Pflegeheim für Atemkranke eröffnen: Der religiöse Christian Jensen, der stille, stets besorgte Matias und Onkel Josef, einer der beliebtesten im Dorf. Eine Geschwisterklasse von fünf Kindern zieht in das sogenannte Galeerenhaus. Joseph nennt sie nur „die Trolle aus Stavanger“, aber sie werden schnell Teil der Familie. Der Krieg endet, doch die ungewöhnliche Familie wird alles andere als Frieden erhalten. Denn bald werden sie von einer großen Tragödie getroffen, die sie den Rest ihres Lebens verfolgen wird. Eine Geschichte, die auf realen Ereignissen und authentischen Menschen basiert. Die durch ihr Leben und Handeln ihre Würde und Stärke zeigen.“

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Tore Renberg: „Mannen som elsket Yngve“ (2003) [„Der Mann, der Yngwe liebte“]

„Zusammen mit Helge und seiner Freundin Katrine ist Jarle Klepp die härteste Gang in der Schule. Sie haben kompromisslose Standpunkte zu den grundlegenden Fragen des Lebens: Weltordnung, Musik, Frisur. Der bisher heterosexuellste Jarle verliebt sich in Yngve. Yngve ist ein Eindringling, der Tennis spielt. Jarle muss ehrlich zu sich selbst und seinen eigenen Gefühlen sein und damit ein Netzwerk von Lügen gegen die alte Bande aufbauen.“

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Tore Renberg: „Kompani Orheim“ (2005) [Band 2 der selben Reihe; die in Deutschland erst ab Band 3 erschien]

„Stavanger in den 80er Jahren. Jarle, Mutter und Vater ziehen in ein Stadthaus mit Carport in der norwegischen Ölhauptstadt Stavanger. Alles sieht sehr gut für die kleine Kernfamilie aus, bis der Vater anfängt zu trinken. Jarle hat den starken Willen, das Beste aus der Welt zu machen, in der er lebt. Er verliebt sich in die Mädchen, wird Antirassist und Feminist. Doch was ist mit der Familie passiert? Warum haben sich diejenigen, die sich so gut leiden wollten, gegenseitig verletzt? “

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Tore Renberg: „Du er sa lys“ (2016) [„Du bist so leicht“]

„Was können wir über das Leben der anderen wissen? Es ist ein neues Jahr in dem kleinen Dorf. Eine dreiköpfige Familie zieht ins Nachbarhaus; die zwei Familien werden gute Freunde. Doch dann bekommt Jørgen etwas zu sehen, das ihn unruhig macht. Ein nervöses und bewegendes Buch über das, was wir uns nicht leisten können. Auch wenn es direkt vor uns spielt.“

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Arne Garborg: „Fred“ (1892)

„Das Leben der Hauptfigur Enok Hòve ist alles andere als friedlich. Er trauert Tag und Nacht, tut sich und seiner Familie weh. Am Ende treibt er sich selbst in den Tod. Sofort zeichnet das Buch ein kraftvolles Bild von der Natur und erzählt vom großen Wandel in Wirtschaft und Kultur, der das alte, sichere Dorfleben wiederbelebte. Eine tiefgründige Studie in religiöser Psychologie vor einer Gesellschaft in Transformation.“

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Britt Karin Larsen: „Som steinen skinner“ (2011) [„So, wie der Stein glänzt“]

„Die Geschichte aus dem Gebiet zwischen Hedmark und Värmland im 18. Jahrhundert: Die Menschen haben ein hartes Wintertreffen, bei dem beide Ernten zerstört werden und die Vorräte durch große Schneemengen behindert sind. Bestehen Lina und die Kinder in Mostamägg, Jussi und der Priester auch diese harten Herausforderungen?“ [Band 3 eines Zyklus‘]

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Cecile Enger: „Himmelstormeren“ (2007) [„Hitzestürme“]

„Wer war Ellisif Wessel? Geboren 1866 hatte sie jede Gelegenheit, um ein komfortables und geschützt privilegiertes Leben zu leben, hinter dicken Samtvorhängen. Stattdessen ließ sie sich direkt in ihre Zeit fallen. Sie ließ sich in der Grenzzone des Landes nieder und entschied sich dafür, für die am wenigsten repräsentiertesten Menschen zu kämpfen. Mit Kamera und Worten dokumentierte sie das Elend unter der ärmsten Arbeiterklasse des Landes und wurde zu einem glühenden Schauspieler und Revolutionär. Zu Ellisifs Kampf für Gerechtigkeit kam ihr persönlicher Kampf um Ausbruch, gegen den Zweifel und gegen das eigene Leid. “

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Tomas Espedal: „Aret“ (2016)

„Ich würde gerne ein Buch über die Jahreszeiten schreiben unser Herbst Sommer Winter die hellen Tage von April und Juni die Dunkelheit des August beschreiben die Wochen Wochen die Tage des Tages und die Veränderungen, die immer dasselbe auf eine neue Art wiederholen.“ So einfach, so schön eröffnet Tomas Espedal das neue Buch. Seine Prosa hatte immer einen poetischen Unterton, und in diesem Buch ist die Poesie noch prominenter als zuvor. Ein Buch darüber, das gleiche ganze Leben zu lieben, auch wenn die Liebe nicht belohnt wird. Ein Buch über Altern und Verzweiflung, über Stagnation und Wiederholung. Die Handlung beginnt am 6. April, dem Datum, an dem der italienische Dichter Petrarca seine geliebte Laura zum ersten Mal sah, als sie 13 Jahre alt war. Offen und schön untersucht Tomas Espedal die Liebe eines Menschen, die Liebe, die nicht endet. Ist die große Liebe noch möglich?

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Lars Saabye Christensen: „Byens spor“ (2017) [„Die Spuren der Stadt“]

Der erste Band einer Trilogie und wir sind direkt nach dem Krieg in Oslo West, wo wir Ewald und Maj Kristoffersen mit ihrem Sohn Jesper treffen. Ewald arbeitet in einer Werbeagentur, die mit der Kampagne im Zusammenhang mit Oslos 900-jährigem Jubiläum beauftragt wurde und May engagiert sich beim Roten Kreuz. Hören Sie den Sound von Oslo. Sehen Sie die Straßen, die es zusammenbinden, die Leute, die darin leben. Sehen Sie Ewald und May, sehen Sie den Metzger, gehen Sie zum Arzt, hören Sie den Kosmopoliten in Bristol, hören Sie den Anruf von Frau Vik. Hören Sie, wie sich die Brille an Bristol klammert. Hören Sie das Geräusch von weinerlichen Bremsen.

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Jan Kjaerstad: „Berge“ (2017)

An einem Augusttag 2008 wurde Arve Storefjeld und mehrere in seiner Familie wurden tot in der Waldhütte bei Blankvann gefunden. Fünf Menschen mit durchgeschnittenen Kehlen. Jeder nimmt an, dass Terroristen hinter der Tat stehen. Die Journalistin Ine Wang hat sich in letzter Zeit dumm gefühlt. Aber die Morde an der Storefjeld-Familie verändern alles. Der Bezirksrichter Peter Malm lebt in seiner Freizeit ein zurückgezogenes Leben und beschäftigt sich mit seinen kleinen Projekten. Das Letzte, was er will, ist Aufmerksamkeit wegen dieser Angelegenheit. Für mehrere glückliche Jahre war Nicolai Berge mit Gry zusammen, Arve Storefjelds Tochter. Dann beendete sie es. Jetzt ist sie tot. Das Unwahrscheinliche passiert in der Welt immer und immer wieder. Trotzdem sind wir niemals vorbereitet. Berge ist die Geschichte eines schrecklichen Ereignisses, das in drei Teilen aus drei verschiedenen Blickwinkeln erzählt wird: ein Journalist, ein Richter, ein Ex-Freund. Berge ist ein Roman, der nicht über den 22. Juli erzählt, aber nicht ohne den 22. Juli geschrieben werden konnte.

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Vergessene Bücher, Geheimtipps: Norwegen, Gastland / Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2019

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2013, 2014 suchte ich für die „ZEIT Bibliothek der verschwundenen Bücher“ nach Literatur, die in Deutschland erschien – und wieder verschwand:

Bücher, nur noch aus zweiter Hand erhältlich.

Im Oktober 2019 ist Norwegen Ehrengast / Gastland der Frankfurter Buchmesse.

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Ich suchte vorbereitend nach Büchern, die…

a) in Deutschland erschienen und bis heute erhältlich (Link folgt)

b) in Norwegen erschienen, doch für den deutschen Markt interessant sind (Link, 100+ Titel)

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Unterwegs fand ich die ca. 30 Titel hier im Post.

Bücher, die in deutscher Übersetzung vorliegen und oft noch billig gebraucht erhältlich sind…

…und denen ich eine Neuauflage oder Neuausgabe wünsche, vor Oktober 2019.

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(Kurztexte: Klappentexte und Goodreads-Reviews, teils via Google Translate aus dem Norwegischen; meist gekürzt.)

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Johan Harstad: „Buzz Aldrin, wo warst du in all dem Durcheinander?“ (1999)

2013 gelesen; sehr gemocht. „Die kuriose, verspielte und poetische Geschichte eines schüchternen jungen Gärtners aus Stavanger: In dem Moment, als Buzz Aldrin am 11. Juli 1969 als zweiter Mann den Mond betritt, erblickt Mattias das Licht der Welt. Natürlich verbindet so etwas. Und wie Aldrin ist Mattias seither bei allem der zweite Mann gewesen, der unsichtbare Zweite hinter einem Ersten. Daran war für ihn nichts auszusetzen. Bis seine Freundin Helle ihm den Laufpaß gibt und Mattias auch noch seinen Job verliert. Mattias wird aus seiner Umlaufbahn gerissen, und das Leben schleudert ihn bis auf die Färöerinseln.“

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Jan Kjaerstedt: „Der Entdecker“ (2005)

dritter Teil einer Trilogie – steht aber, glaube ich, gut für sich allein: „Er war ein Verführer, ein Blender, ein abgebrühter Eroberer. Jonas Wergeland, der bekannte norwegische Fernsehstar, hat bitter dafür gebüßt: Seine Frau ist tot, er selber saß mehrere Jahre im Gefängnis. Nun muß Wergeland eine neues Leben beginnen und sich zugleich der Vergangenheit stellen…“

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Sigrid Unset: „Kristin Lavranstochter“ (1920)

„Set in 14th-century Norway, Nobel laureate Sigrid Undset tells the life story of one passionate and headstrong woman. The day-to-day life, social conventions and political and religious undercurrents of a period: Kristin is deeply devoted to her fathern. But as a student in a convent school she meets the charming and impetuous Erlend Nikulaussøn and defies her parents in pursuit of her own desires. Her saga continues through her marriage, their tumultuous life together raising seven sons as Erlend seeks to strengthen his political influence, and finally their estrangement as the world around them tumbles into uncertainty.“

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Knut Hamsun: „Segen der Erde“ (1917)

„Unter Verwendung autobiographischer Elemente erzählt Hamsun die Geschichte Isaks, des Bauern, der in der Einsamkeit des Nordlandes dem Moor ein Stück Erde abringt, es urbar und zu einer fruchtbaren, weithin angesehenen Oase des Lebens für viele macht. In seiner einfachen, manchmal biblisch anmutenden Sprache ist der Roman weder nur Heimat- noch nur realistisch erzählter Bauernroman. Das im Roman vertretene Menschenbild, im Dritten Reich emphatisch begrüßt und durch die Ereignisse dieser Zeit in seiner Glaubwürdigkeit erschüttert, hat dennoch nichts von seiner Überzeitlichkeit eingebüßt.“

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John Steinbeck: „Der Mond ging unter“ (1942)

„Taken by surprise, a small coastal town is overrun by an invading army with little resistance. The town is important because it is a port that serves a large coal mine. Colonel Lanser, the head of the invading battalion, along with his staff establishes his HQ in the house of the democratically elected and popular Mayor Orden. As the reality of occupation sinks in and the weather turns bleak, with the snows beginning earlier than usual, the „simple, peaceful people“ of the town are angry and confused.“

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Herbjorg Wassmo: „Dinas Vermächtnis“ (1997)

dritter Teil einer Trilogie. „Dinas Sohn Benjamin kehrt mit seiner jungen Tochter Karna in das nordnorwegische Anwesen Reinsnes zurück. Das 19. Jahrhundert neigt sich dem Ende zu; die dieser Veränderungen verlaufen im hohen Norden. Reinsnes ist verfallen, doch als die starke Dina aus Berlin zurückkehrt, sorgt sie mit ihrer Fähigkeit und ihrem Geschäftssinn für eine entscheidende Wende. „

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Gerd Brantenberg: „In alle Winde“ (1989)

Als eBook erhältlich; im Print nicht. „Die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens im Norwegen der sechziger Jahre. Über die Vergangenheit wird geschwiegen, ganz besonders, wenn die Eltern Nazikollaborateure waren; von Sexualität spricht niemand, schon gar nicht, wenn es um Homosexualität und Lesbischsein geht. Inger Holm aus Fredrikstad sucht ihren Weg aus der Enge. Nach der Schule arbeitet sie ein Jahr als Au-pair-Mädchen in Edinburgh, danach geht sie auf die Universität in Oslo. Allmählich wird ihr bewusst, dass sie Frauen liebt; aber auch, dass sie zumindest ihrer Mutter mitteilen möchte, von welcher Art ihr Leben sein wird.“

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Gerd Brantenberg: „Vom anderen Ufer. Autobiografische Erzählung.“ (1973)

„This was a cult classic novel in Scandinavia in the 1970s, about a young lesbian whose lone problem with her sexual identity is that society’s rejection of it often forces her to lie about who she is. I liked the very self-possessed character and the setting (glum Oslo).“ (…und auch „Umarmungen“, OT „Favntak“)

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Gerd Brantenberg: „Die Töchter Egalias“ (1977)

„In Egalia werden Frauen und Weibliches als Norm angesehen und Männer als das abweichende, untergeordnete Geschlecht. Dabei werden alle üblicherweise männlichen Wörter weiblich umgesetzt und umgekehrt.“

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Jens Bjorneboe: „Haie“ (1974)

Edit: Im Merlin-Verlag ist das Buch noch erhältlich. „Die „Geschichte eines Schiffsuntergangs“ ist eigentlich die Geschichte einer über ihre bestialischen Raufereien das Wohl des Schiffes vergessenden Besatzung. Die meuternde Mannschaft, auf engstem Raum des scheiternden Schiffes zusammengedrängt, wird zum Gleichnis der Menschheit, die in irrsinniger Gegnerschaft die Erde ihrem Untergang entgegentreibt. Das letzte Buch Bjørneboes ist ein literarisches Vermächtnis.“

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Jens Bjorneboe: „Jonas“ (1955)

„Jonas – das ist ein siebenjähriger Junge, dem wir in der Nacht vor seinem ersten Schultag begegnen, wie er im Traum frei über dem Fjord schwebt. Der alte Oberlehrer Jochumsen, der Literaturkritiker Werner, der Lehrer Marx, der Jungmann, der Priester, der kleine Bobbi: In der äußeren Schulhandlung geht der Sinn des Romans nicht auf. Und doch steht die Pädagogik in seinem Zentrum. | Bjørneboe’s book has been roundly condemned by educators wherever it has appeared. The fate of the little boy, Jonas, crushed by the enforced conformity of his education, is not, the author says, the central theme of the novel. „All the important persons in this novel are different variations of Jonas – all of them are Jonases. The theme of the book is not the boy Jonas, but the ‚being a Jonas.'““

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Jens Bjorneboe: „Stille“ (1973)

dritter Teil einer Trilogie; auch 1 und 2 interessieren mich: „Bjorneboe’s remarkable, fierce, and even savage fictional inquiry into what he saw as the nature of evil in the twentieth century.As with the first two novels in the trilogy, The Silence also rejects the traditional modes of fiction to posit instead an essay-like novel of ideas, philosophy, and argumentation. It is, in fact, even further removed from the loose fictional form of the two previous protocols, and owes more to the works of Foucault, Girard, and Sartre. Described by Bjorneboe as an anti-novel and absolutely final Protocol, The Silence was ahead of its time in its critique and discussion of the post-colonialist world. Here the inquiring narrator explores not just European history, as he did in the first two novels, but the crimes committed by Europeans against the rest of humanity in the name of expansion and conquest. Set in an unnamed country in northern Africa, the narrator is looking at Europe from the outside. With his friend Ali, an African revolutionary intellectual, he discusses in epic fashion the history of colonialism.“

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Toril Brekke: „Sara“ (2001)

„Sara – Mutter und Tochter eint nicht nur der Name. Gemeinsam müssen die beiden Frauen im Norwegen des 19. Jahrhunderts um ihre Eigenständigkeit kämpfen, sich gegen die Willkür der Männer stemmen und die Zumutungen der Gesellschaft ertragen. Ein schweres Leben ist es mitunter, aber stets gelingt es den beiden Saras, ihre Würde zu wahren. „

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Margaret Skjelbred: „Die Perlenkönigin“ (2004)

„Die kleine Signhild wächst auf dem Hof ihres Großvaters Håvard auf. Noch ahnt sie nichts von dem dunklen Familiengeheimnis. Auf eindringliche Weise erzählt Margaret Skjelbred von menschlichen Schicksalsschlägen: von verschmähter Liebe, Tod, von Gewalt in der Familie und von der versöhnenden Kraft der Liebe. – »In präzisen, poetischen Bildern verleiht Skjelbred den grauenhaften Erlebnissen eines kleinen Kindes Sprache.«“

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Agnar Mykle: „Das Lied vom roten Rubin“ (1956)

Teil 2 einer Trilogie. „“RUBIN“ – und der darauf folgende Prozess – bilden ein eigenes Kapitel in der norwegischen Nachkriegsgeschichte. Gegen Agnar Mykle wurde Klage erhoben. Der Fall war wichtig, weil er eine Debatte über Sexualmoral und Meinungsfreiheit aufwarf. Die Geschichte des Jungen Burkefots, der durch Scham, Niederlage und Triumph zu einem tieferen und gerechteren Verständnis seiner selbst führt, öffnete einer ganzen Generation die Augen. Der Roman ist ein intensiver und lebendiger Bildungsbericht.“

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André Bjerke (unter dem Pseudonym Bernhard Borge): „Tod im Blausee“ (1942)

„Eine Gruppe von Jugendlichen reist in eine Hütte, um den Grund herauszufinden, warum ein guter Freund Selbstmord begangen hat. Während einiger Tage des Herbstes sind sie einer Reihe nervöser Erfahrungen ausgesetzt. Alles bewegt sich an der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit, in einem Schleier des Unglücks, bis der Psychoanalytiker Kai Bugge das Geheimnis durchkreuzt und die Lösung vorstellt.“

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André Bjerke (unter dem Pseudonym Bernhard Borge): „Tote Männer gehen an Land“ (1947)

„Ein junger Mann versucht, aus dem alten Kap ein Hotel zu machen. Aber dann beginnt es mit unheimlichen und mysteriösen Dingen. Hier sind Aberglaube und schwarze Magie und tote Männer in tropfenden Öllecks. Und die ganze Zeit ist die Aufregung an der Spitze.“

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Tor Age Bringsvaerd: „Die Stadt der Metallvögel“ (1983)

(2017 als eBook) „Nach dem Erscheinen des grossen Pilzes befindet sich die Welt in einem post-apokalyptischen Zustand. Der letzte überlebende Mensch sucht in dieser Welt, die von permanenter Dunkelheit gezeichnet und von Tiermenschen belebt wird, nach seiner ursprünglichen Herkunft. Seine Ermittlungen führen ihn nicht nur aus dem Königreich der Felin (Katzenmenschen) zum Raum der Kaan (Hundemenschen), sondern auch zu den Gna (Rattenmenschen) und in die alte Götterstadt der Ker Shus. – Ein gelungener Science Fiction Roman, der durch glaubwürdige Darstellung einer postapokalyptischen Welt und nicht-linearen Erzählweise überzeugt.“

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Vera Henriksen: „Der silberne Hammer“ (1961)

„Tells the story of Sigrid Toredotter, from she’s fifteen, and is married away to the much older Olve. The first book in Vera Henriksen’s trilogy from the early Middle Ages. The action takes place in a dramatic breakdown when Olav Haraldsson tries to complete the Christianity of the country.“

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Andreas Haukland: Flut und Ebbe

Einziges (?) Buch von Haukland auf Deutsch; der Wikipedia-Eintrag machte mir Lust: „Haukland war ein Pionier in der neuen realistischen Poesie. Er beleuchtete soziale Klassen, die zuvor geschwiegen hatten. Haukland selbst hatte eine schwierige Kindheit und Jugend. Er schrie seine Verachtung für diese Umgebung aus, wurde oft von seiner Autobiographie inspiriert und machte expressive und gesprochene Darstellungen des Lebens von Nordland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Andreas Haukland war ein produktiver Autor; insgesamt 27 Bücher. Das erste kam 1898 und das letzte 1933, im selben Jahr wie er starb. Sein Hauptwerk: Vor allem die vier Bücher über Ol-Jørgenwie; die erste wirkliche proletarische Quelle in der norwegischen Literatur.“

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Ragnar Hovland: „Dr. Munks Vermächtnis“ (1996)

„Dr. Munk sucht die zwei Männer über 40, mit denen er vor 20 Jahren zusammen in einer Band spielt und überredet sie, sich auf eine Konzertreise zu begeben, was nicht einfach ist, weil die beiden anderen etabliert sind. Aber Dr. Munk wird einen unbekannten Sohn finden, der in Heidelberg studiert.“

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Sigurd Hoel: Begegnung am Meilenstein (1947)

„In this moving and profound novel, Sigurd Hoel explores belief and traitorism through the major character’s memories of the underground during World War II in Norway. At the dark center of this work are questions of why certain individuals turn against their own country, their own values, and their own „selves“.“

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Sigurd Hoel: Der Trollring (1958)

„A historical saga, murder mystery, and domestic tragedy. Sigurd Hoel’s last novel is set in the early nineteenth century, following Norway’s independence from Denmark and during the country’s struggle to escape Danish domination. The story of an idealistic young farmer named Havard Viland and his struggle against religious bigotry, mindless conformity, and political and intellectual stagnation. The farmer wants to bring hope and dignity into the lives of everybody, even the lowliest cotter, but he is an outsider in his backward rural community. Tricked into marriage, gradually cut off, pushed into the position of scapegoat, and deliberately misunderstood, Havard becomes the personification of stifled goodwill and strangulated progress. It is shocking that he becomes the victim of a circle of aggressive neighbors and officials intent on maintaining the status quo.“

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Aksel Sandemose: Der Werwolf (1958)

„The thirst for power over others‘ lives, the lust to destroy what cannot be possessed or controlled:  Norwegian society from World War I to the 1960s. The relationship between one woman and two men, and stories of people „carried off by the werewolf“ are told with lots of turns, curves and seemingly irrelevant stops. Somebody might find this chaotic, but I found it fascinating.“

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Trygve Gulbranssen: „Und ewig singen die Wälder“ (1933)

„The story of three generations of an old-lineage Norwegian family making their life in the northern woods (circa 1750’s.) Main themes are the struggle between tradition and innovation, the prejudices of pastoral society, and a study in human nature and man’s ability to make peace with it.“

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Mette Newth: „Das dunkle Licht“ (1995)

„Thirteen-year-old Tora has leprosy and is sent from her family’s remote mountain farm to the leprosy hospital in the bustling port of Bergen. In early-nineteenth-century Norway, lepers are quarantined in this hospital and no longer considered among the living. But even as her body gradually fails her, Tora’s new life blossoms. She finds strength through helping her fellow patients, both young and old, and she decides to see for herself what the Bible says about leprosy. To do so, she must make friends with the young and angry Mistress Dybendal, the only person at the hospital who can teach her to read.“

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Lynne Marie Rypdal: Das blühende Land (poems) (2000)

noch erhältlich. „Verse voller Licht. Ein Licht, aus dem Rhythmus sprudelt und die Substanz vielseitger, ausdrucksvoller Bilder, denen nicht die Zeit gegeben wird, sich in Rhetorik zu verwandeln. Geschwindigkeit und Weisheit: Was für eine originelle jugendliche Kombination wird uns in deutscher Sprache aus Norwegen gebracht!“

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Aimee Sommerfelt: „Der Weg nach Agra“ (1959)

„The story is about a 13 or 14 year old boy named Lalu and his 7 year old sister, Maya, set in India. Maya has been lucky enough to receive a spot at the local school, and Lalu is determined to learn to read from her, but poor Maya is going blind. A friend tells Lalu that at the hospital in Agra, they can cure blindness, but Lalu’s family has no way to send Maya. So Lalu volunteers to take her himself–to walk 475km by themselves. Along the way, the siblings meet good people and bad; a cobra, bear, and elephant; suffer and grow. Some might object that Maya cries a lot.“

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Anne-Cath Vestly: „Aurora aus Hochhaus 7“ (1966)

„When Aurora’s family moves into a high-rise apartment complex in Oslo, she becomes conscious for the first time of how unusual they are. Aurora’s mother is a lawyer and her graduate-student father stays home to care for her and baby Socrates — a situation that raises eyebrows among the neighbors and leads to some embarrassing situations for Aurora, who must answer the nosy questions of ladies at Socrates‘ baby clinic and is puzzled by her new friends‘ scenario for playing „“Mothers and Fathers,““ Aurora’s daily adventures — a bungled trip to the supermarket, confrontation with the scary boy from upstairs, a visit from Granny — have a comfy universality.“

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Rune Belsvik: „Vom kleinen Land am Bach“ (2007)

„Im kleinen Land am Bach ist die Welt noch in Ordnung – hier leben Trottelpups, der am liebsten Ploppsteine in den Bach wirft, Oktavia, die so gerne singt, der Zwiebackfuchs, der neben Brot und Zwieback das leckerste Marzipan der Welt herstellt, der Stiefelstinker und der Grottenschniefer, die sich erst nicht ausstehen können und dann doch zu Freunden werden. Ein poetisches Buch zum Vorlesen und Selberlesen, für alle Mumin- und Winnie-the-Pooh-Fans.“

Blogs, Bücher, Plattformen in Deutschland: Wem folgen? [Vortrag am LCB Berlin]

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Am 13. März spreche ich am LCB Berlin: ein 90-Minuten-Vortrag über das Entdecken von Büchern, online.

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  • Welche Plattformen stellen Neuerscheinungen vor?
  • Wo finden sich Geheimtipps, Entdeckungen?
  • Welche Blogs, Multiplikator*innen, Twitter-, Instagram-, Facebook-Accounts vernetzen und informieren?
  • Wie behalte ich, durch Listen und Tools wie Goodreads, den Überblick?

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Noch zwei Tage lang, bis Dienstag, bleibt dieser Blog-Eintrag Work-in-Progress:

Habt ihr Ideen, Anregungen, Adressen? Für alle, die sich für deutschsprachige Gegenwartsliteratur interessieren? 

Vor allem aber: Für Übersetzer*innen aus dem Ausland, die online über die deutschsprachige Literaturszene informiert bleiben wollen?

Kommentiert – oder mailt mir eure Tipps! das.ensemble@gmail.com & drüben bei Facebook: facebook.com/smesch

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Am internationalen Übersetzertreffen des Literarischen Colloquiums Berlin nehmen in diesem Jahr 34 Übersetzerinnen und Übersetzer aus 29 Ländern teil, die die deutschsprachige Literatur in 27 verschiedene Sprachen übertragen. Nach einem mehrtägigen Seminarprogramm im LCB besuchen wir die Leipziger Buchmesse, wo am Donnerstag, 15. März um 11 Uhr im Übersetzerzentrum (Halle 4, Stand C500) eine Podiumsdiskussion mit ausgewählten Teilnehmern stattfindet.

Mit dabei sein werden Zofia Sucharska (Polen), Anna Kukes (Russland), Nelia Vakhovska (Ukraine), Chrytsyna Nazarkevich (Ukraine), Katalin Rácz (Ungarn), Jaugen Bialasin (Belarus), Katarina Széherova (Slowakei), Marie Voslářová (Tschechien), Zdravka Evstatieva (Bulgarien), Radu Alexe (Rumänien), Meral Tarar Tutus (Serbien), Vanda Kušpilić (Kroatien), Marina Aganthangelidou (Griechenland), Natia Datuashvili (Georgien), Anne Folkertsma (Niederlande), Giulia Disanto (Italien), Margherita Carbonaro (Italien), Alexia  Valembois (Frankreich), Rebecca DeWald (Großbritannien), Mandy Wight (Großbritannien), Paula Kuffer (Spanien), Ramon Farres (Spanien), Kathleen Thorpe (Südafrika), Daniel Bowles (USA), Mariana de Ribeiro de Souza (Brasilien), Martina Fernandez Polcuch (Argentinien), Amira Amin (Ägypten), Donya Moghaddamrad (Iran), Raikhan Shalginbayeva (Kasachstan), Ma Jian (China), Subroto Saha (Indien), Jiwon Oh (Südkorea), Nihat Ülner (Türkei), Gülperi Zeytinoglu (Türkei) und Katalin Rácz (Ungarn).

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Übersetzer*innen, die auf Facebook & Twitter networken: 

Katy Derbyshire | Shelley Frisch | Rachel Hildebrandt | Charlotte Collins | Rebecca DeWaldWilliam Gregory | Meytal Radzinski | Ruth Martin | Jamie Searle Romanelli | Lyn Marven | Jenny Watson | Ruth Ahmedzai Kemp | Jen Calleja | Susan Bernofsky | Daniel Hahn | Lucina Schell | Paula Kirby (GDR expert) | Anne Marie Jackson | Stefan Tobler | Mandy Wight | Sarah Pybus | Jessica West | Karen Leeder | Sally-Ann Spencer | Meike Ziervogel | Charlotte Ryland | Emma Rault | Jackie Smith | Amanda Price | Vivid Meaning | Elka Sloan | Louise Lalaurie | CMC Translations | Tony Malone | Julia SanchesKatharina Bielenberg | Deborah Smith | Ruth Clarke | Melanie J. Florence | Sophie Hughes | Marta Dzuirosz | Laura Watkinson | Lillie Langtry | Steph Morris | Petra Hardt (Suhrkamp) | Emma Ramadan | Theodora Danek | Tim Gutteridge | Geraldine Brodie | Lawrence Schimel | Susan Reed | Walter Schlect | Anna Holmwood | Lissie Jacquette | Saskia Vogel | Lucy Moffatt | Alyson Coombes | Tim Mohr | Christine Moser | Nick Rosenthal | Maria Snyder | Mandy Wight

…und Bradley Schmidts Blog „Leipzig is lit“

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…und der Hashtag #translationsthurs

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We read Indie | das Debüt | SchöneSeiten | 54Books | Literaturen | Buzzaldrins Bücher | Klappentexterin | Muromez | Zeilensprünge

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Facebook-Seiten von Verlage und Initiativen:

Indiebookday | Kurt-Wolf-Stiftung | Hotlist | Alliance internationale des éditeurs indépendants

Culturbooks | kookbooks | Mairisch | Verbrecher Verlag | Kremayr & Scheriau | MerveHablizel Verlag | Luftschacht Verlag | Matthes & Seitz | Schöffling | Männerschwarm | Kein & Aber | Verlag Antje Kunstmann | Liebeskind | Frohmann Verlag | Jung und Jung | mikrotext | Salis | Steidl | Frankfurter Verlagsanstalt | WeidleGuggolz | avant [Comics] | Reprodukt [Comics] | Edition Moderne [Comics]

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internationale Facebook-Seiten:

Global Literature in Libraries Initiative | McSweeney’s | The Millions | Book Riot | Literary Hub | Afrolivresque (Franz. & Englisch)

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Websites von Verlagen, die Jugendbücher veröffentlichen:

Arena | Loewe | Carlsen | Magellan | Beltz & Gelberg | Hanser | mixtvision | Ravensburger | dtv Jugendbuch | script5 | Oettinger | Egmont | cbt | Fischer FJB | Thienemann | Gerstenberg | Twitter-Account: buuu.ch

Instagram:

Die meisten Buchblogs sind auch auf Instagram. Explizit sehenswert: Literarischer Nerd | Literakt …und, Videos: Autor*innenlesungen auf Zehnseiten.de

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Rezensionsportale, Online-Magazine:

Literaturkritik.de | Litrix | litaffin | Literatur & Feuilleton | Buecherkinder (Kinderbücher) | Literaturport | Literaturcafé | Fixpoetry | Poetenladen | Lyrikline | Litprom | SWR-Bestenliste

Aggregator Perlentaucher | Perlentaucher-Newsletter „Bücherbrief“ | …und, ähnlich: der „Börsenblatt-Bestseller-Newsletter“

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Print-Magazine:

Buchkultur | BÜCHER Magazin (auch sympathische FB-Seite) | Volltext | Buchreport | Börsenblatt | Buchmarkt

Genre & Krimi:

Krimi-Bestenliste | Phantastik-Bestenliste | „die 7 besten Bücher für junge Leser“ (monatlich) | SERAPH-Preis | Krimi-Couch | Histo-Couch [weitere Sparten-Websites, jeweils couch.de] | TOR Online (Deutsch) | Heyne: die Zukunft | Darkstars Fantasy-News | Markus Mäurer (Twitter) | das Syndikat | FantasyGuide (Twitter) | Herland: Feminismus & Krimis

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Selfpublishing [in Deutschland nennen sich unabhängige Verlage gern „Indie-Verlage“; doch Selfpublishing-Autor*innen ganz ohne Verlag gern „Indie-Autor*innen“: Indie-Autor*innen veröffentlichen selten in Indie-Verlagen.]

Federwelt (auch Verlags-Autor*innen. Oft Fokus auf Handwerk und Selbstorganisation) | Selfpublisher-Bibel | Uschtrin.de | R Benke-Bursian (Twitter) | Matthias Matthing (Twitter)

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Social Reading & Blogs:

50 Buchblogs, die ich empfehle | Krimi-Blogs, die ich empfehle (2014) | Booktube-Videos, die ich empfehle | 1000+ Buchblogs auf Lesestunden.de | tagesaktuelle Blogposts und Feuilleton-Texte, gesammelt bei lit21.de

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Leseportale:

LovelyBooks | MojoReads | NetGalley | VorabLesenLiteraturschock

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Agenturen, mit denen ich gute Erfahrungen machte:

Graf & Graf | Agentur Michael Gaeb | Werner Löcher-Lawrence [auch Übersetzer] | Langenbuch & Weiss sowie Scout Jana-Maria Hartmann (Chicago)

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Goodreads: Books my friends are reading (Liste)

30 Goodreads-User*innen, die deutsche Gegenwartsliteratur mögen und oft bewerten: Agnieszka | Philipp | Yvo | Martin | Thomas | Marie | Patrick | SusanneFabian | Alexandra | Frau Zerstreuung | Wiebke | Booklunatic | Steffi | Kathrin | Antje | Silke | Dazessin | Barbara | Lese lust | Sabine | Clara | Martin | Ira | Dennis | Matthias | Georg | Rabenfrau | Thomas H. | …und ich selbst

Twitter-Accounts, die oft über deutsche Literatur-Debatten und Neuerscheinungen posten:

Karla Paul | SalonLit_ | Österreichische Gesellschaft für Literatur | Jan Drees | Patrick HutschDirk Pilz | WhoisKafka | Fabian ThomasCarsten Otte | Ruth liest | CrowandKrakenNadine Epilogues | XMarieReads | Buchwurm_Blog | Bookster HRO | IR_head | RedustrialBlog | Matthias Huber | Stefanie Laube | Claudia Dürr | Marcus Kufner | meineliteraturwelt | Peter Peters | Florian Eckardt | SkylineofBooks | Verena Schmetz | Literatur in Berlin | Maren Appeldorn | Misshappyreading | Sameena Jehanzeb | HerrBooknerd | Was mit Büchern | letusreadsomebooks | Die Buchbloggerin | dasfoejetong | Frau Hemingway | Sharon Baker | Wolfgang Ferchl | Wunderliteratur | Frank Beck | Tilman Winterling | Eszter Bolla | Re-book | Literatur_Papst | Mario Max | Papiergeflüster | Klaus N. Frick | Wolfgang Tischer

Neuerscheinungen finden?

Blogger Ilja Regier [Muromez] verlinkt alle 6 Monate ca. 40 Verlagskataloge im Blog. Eintrag zu Frühling 2018 | ähnlicher Eintrag von mir

Literaturkritik.de listet öffentlich alle Titel auf, die als Rezensionsexemplar eingereicht wurden: Link

präzise Amazon-Suchen, z.B. deutschspr. Gegenwartsliteratur, nach Erscheinungstermin (absteigend)

Buchhandel.de / Verzeichnis lieferbarer Bücher (noch präzisere Suchparameter, customizable)

Neuerscheinungs-Listen bei LovelyBooks

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„Wo findest du neue Bücher? Wie stößt du auf interessante Titel?“

Frage ich das Kritiker*innen, Blogger*innen, Autor*innen, Veranstalter*innen… höre ich zu oft:

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a) „Ich lese halt durch alle Verlagsvorschauen, zweimal pro Jahr“ oder, knapper „Ich lese durch die Vorschauen meiner acht bis zwölf Lieblingsverlage. Die anderen enttäuschen mich eh fast immer, lehrte mich die Erfahrung.“

oder:

b) „Ich suche, stöbere selbst kaum noch. Ich habe Freund*innen, die meinen Geschmack gut genug kennen, dass ich weiß: Wenn X mir ein Buch empfiehlt, sollte ich es lesen!“

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Vielleicht reicht das.

Er reicht für fast alle im Literaturbetrieb (…außer Buchhändler*innen):

  • Favoriten und recht enge Parameter bestimmen.
  • vertrauenswürdige Empfehler*innen suchen.
  • sagen: „Was mich auf DIESEN Kanälen erreicht, nehme ich besonders ernst. Alles andere muss erst sehr laut, sehr sichtbar, sehr besonders sein, dass ich es irgendwann später, auf Umwegen, wahr nehme.“

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Mir reicht das nicht.

Wenn ich nicht aktiv suche, lese ich vor allem Bücher von Lieblings-Autor*innen: arrivierte Namen, die mir ein Begriff sind. Ich verlasse mich auf Klassiker, Vertrautes. Mache viel zu selten Entdeckungen – denn die Hemmschwelle bei unbekannteren Stimmen ist höher.

Immer, wenn ich 20 Bücher aussuche, sind sechs oder sieben von Frauen. Nie 10. Nie mehr als 10: Männer sind sichtbarer. Sie werden öfter besprochen, empfohlen. Beim Roman eines Manns denke ich: „Das ist ein Buch. Also: relevant für mich!“ Beim Buch einer Frau denke ich: „Ist das überhaupt Literatur? Oder doch nur: Frauen-Unterhaltung?“

Ein Buch bei Suhrkamp, Hanser, Rowohlt, S. Fischer: nehme ich ernst.

Bei Büchern aus Kleinverlagen denke ich: Das Buch wird wenig Publikum erreichen. Der Verlag kann oft kaum Geld auszahlen, nicht viel Energie in PR und Werbung stecken: Hatte der Autor, die Autor*in Geld genug, um sich viel Zeit zu nehmen, beim Schreiben? Ist das ein Buch, das ihm/ihr maximal wichtig ist? Oder doch: ein Schnellschuss, ein Kompromiss, eine Schrulle – für ein Nischen-Publikum? Etwas, hinter dem kein großer Verlag stehen will?

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EIN Buch zu finden, ist frustrierend.

Ich suche ständig, parallel:

  • ein Buch, das ich als nächstes lesen kann.
  • ein aktuelles Buch, über das „alle“ reden – und bei dem ich dabei sein will.
  • ein Buch, das in ca. sechs Wochen erscheint und das ich als Rezensent im Radio vorstellen / empfehlen kann.
  • Bücher für alle, denen ich oft Bücher schenke: Ein existenzielles, packendes Buch für meinen Partner. Ein spannendes, makellos geplottetes Buch für meinen besten Freund. Ein Buch, das meinen neunjährigen Neffen begeistert. Ein Buch, von dem ich online sagen kann „Wenn ihr dieses Jahr EIN Buch lest: Nehmt das hier!“ usw.

Das sind Standard-„Suchanfragen“, die immer gelten.

Oft aber habe ich EINE akute, konkrete Vorgabe, z.B. von meinem Radio-Redakteur. Bis Juni etwa suche ich Bücher, in denen Töchter autobiografisch über den Vater schreiben. Die Bücher müssen, idealerweise:

  • …jünger als zwei Jahre sein.
  • …in deutscher Übersetzung vorliegen.
  • …so klug und literarisch sein, dass ich sie im Radio empfehlen kann.

Jedes Mal, wenn ich einen so konkreten Suchauftrag habe, finde ich unterwegs interessante Bücher, die nicht richtig passen, zu den genauen Parametern:

  • Vater-Töchter-Bücher, nicht auf Deutsch
  • Jugendbücher, nicht autobiografisch
  • interessante Bücher eine Frau, die vor 20 Jahren über ihren Vater schrieb
  • Familien-Mangas etc.

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Diese Entdeckungen helfen mir akut bei meiner Arbeit nicht.

Doch sie zu speichern, ist wichtig und motivierend – denn oft habe ich fünf Monate später einen Schwerpunkt, einen Auftrag, ein Projekt, bei dem es plötzlich wirklich um gute Jugendbücher geht. Oder Mangas. Oder Vater-Tochter-Klassiker.

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Unter Zeitdruck EIN passendes Buch finden, z.B. für meinen besten Freund?

Stress und Frust.

Befriedigend wird das Scouten, Stöbern, Herumsuchen, sobald ich zwei Zwischenstufen einbaue:

  • Ich markiere die Bücher, die mir gerade nichts bringen – doch die mir interessant scheinen. Damit ich immer, wenn ich Zeit habe, durch Leseproben lesen kann: Meine das-will-ich-anlesen-Liste. Sie enthält 4500 Titel.
  • Später gehe ich durch diese 4.500 Titel der das-will-ich-anlesen-Liste und entscheide nach der Leseprobe, was ich tatsächlich kaufen und weiter lesen würde: Meine angelesen-und-sehr-gemocht-Liste. Sie enthält über 2000 Titel.

Bücher, deren Leseprobe mich überzeugte. Doch die ich gerade in kein Projekt einbinden kann, und deren Lektüre für mich reine Privatsache wäre.

Immer, wenn ich einen Auftrag kriege wie „Empfiehl sechs aktuelle Jugendbücher“, kann ich meine angelesen-und-sehr-gemocht-Liste öffnen und habe endlich Grund / Vorwand, Bücher, auf die ich seit Monaten Lust habe, zu lesen.

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Reicht eine Leseprobe, um zu ein gutes Buch zu erkennen?

Nein. Ich lese oft Bücher an, finde den Stil, Ton, Rhythmus, das Vokabular und die Atmosphäre auf den ersten 5 Seiten großartig. Doch Monate später, wenn ich das Buch komplett lese, merke ich: Es ist gut geschrieben – aber nicht gut erzählt.

Umgekehrt habe ich sicher viele gut erzählte Bücher angelesen und aussortiert: weil die Leseprobe nicht kunstvoll, dringlich, ambitioniert, literarisch genug war.

Für Übersetzer*innen gibt es ein Zusatz-Problem: Wie kunstvoll müssen Bücher, die übersetzt werden, formuliert sein? Reicht mittelguter Stil nicht oft – so lange der Plot stimmt? In der Übersetzung kann man vieles noch einmal aufwerten, literarischer machen, ausbalancieren, retten.

Natürlich sind Leseproben nicht genug, um ein Urteil zu fällen. Aber mich irritiert, wie schnell Leute sagen „Ach: eine Leseprobe? Das ist doch oberflächlich. Was willst du da schon sehen? Raus lesen? Fest machen? Du musst 80 Seiten lesen, mindestens!“

Diesen Menschen antworte ich: Ihr zappt. Schaut Film-Trailer. Entscheidet STÄNDIG auf Basis von 20, 30 Sekunden, ob eine Serie, ein Film, ein Youtube-Video relevant für euch ist. Ich glaube, mit Übung und Sprachgefühl kann ich als Leser aus einer Leseprobe genauso schnell Schlüsse ziehen über die „Production Values“, den Ton und die Zielgruppe eines Buches…. wie ihr als Zapper über Look, Ton, Zielgruppe eines Streams.

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Mein Anspruch: in alles, das empfohlen wird, erfolgreich ist und / oder in Verlagen erscheint, die ich respektiere, kurz rein zu lesen. Auch, weil Cover, Klappentext etc. oft falsche Bilder vermitteln. Zwei Minuten mit der Amazon-Leseprobe verrät mir fast immer mehr als die beste Rezension, der klügste Klappentext.

Das Zeitfenster, in dem ich Bücher an Redaktionen pitchen, mit Büchern Geld verdienen kann, wird schnell enger:

  • Ich habe noch keine Redaktion, die mich große Titel wie „Lincoln at the Bardo“ oder „Die Ermordung des Commendatore“ lesen lässt: Solche Bücher werden von Journalist*innen besprochen, 15 Jahre älter als ich. Bei Deutschlandfunk Kultur durfte ich Elena Ferrantes Neapel-Romane besprechen – weil ich 6 Monate vor der deutschen Veröffentlichung immer wieder sagte „Das war hyper-erfolgreich in den USA und Italien. Trust me on this: Lasst uns schon jetzt darüber berichten.“
  • Wenn Bücher von zu vielen anderen Blogger*innen und Kolleg*innen besprochen und empfohlen werden, verliere ich oft die Lust, sie selbst zu lesen. Oft sind das Zeitfenster von ca. drei Wochen, von „Online hörte ich noch kein Wort über das Buch, in meiner Blase“ zu „25 Konkurrent*innen posteten das auf Instagram.“
  • Aktuell sind TV-Serien mein größtes Problem. 2013 las ich die „Jessica Jones“-Comics. Doch kein Redakteur hätte mir eine Plattform gegeben für 10+ Jahre alte Comics, in Deutschland nie erschienen. Am 18. November 2015 schien die Figur zu interessieren. Am 20. November 2015 hatte mein halber Freundeskreis eine Meinung zu allen 13 Episoden von Staffel 1. Der Anime „Your Name“? Die Comic-Verfilmung „Lazarus“? Die Netflix-Serie „The Chilling Adventures of Sabrina“? Das Zeitfenster von „interessiert keinen“ zu „kennt eh schon jeder“ wird frustrierend klein.

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Mein Fazit?

Mir tut sehr gut, so viel wie möglich anzulesen. Listen anzulegen.

Ich werde unruhig, wenn ich in einer Buchhandlung stehe und von zu vielen aktuellen Büchern, die dort ausliegen, noch nie gehört habe.

Ich habe diese Bücher dann nicht EIN MAL verpasst, sondern wiederholt.

  • Vorschau-Listen wie „The Millions‘ Most Anticipated“ und die User-Rankings im Goodreads-Bereich „Listopia“ zeigen mir englischsprachige Neuerscheinungen, Monate vor Veröffentlichung
  • Ich markiere mir interessante US-Bücher auf Goodreads und lese in die Leseprobe, sobald sie online ist (meist: wenige Tage vor dem US-Release)
  • Am Ende jedes Jahres schaue ich noch einmal durch US-Bestenlisten und -Blogs.
  • ca. Juli und ca. Dezember durchsuche ich deutschsprachige Verlags-Vorschauen
  • Alle ca. 2 Monate schaue ich bei Amazon, welche Bücher bald erscheinen, und mache Vorschläge an meine Auftraggeber*innen.
  • …dann kommen die deutschsprachigen Bestenlisten, Preise / Longlists / Hotlists und Jahres-End-Rankings.

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Es gibt Bücher, die ich seit Jahren lesen will – und bei denen ich auf einen aktuellen Anlass warte: eine Verfilmung, eine Serie, ein neues Buch des Autors. Sobald das erste Jugendbuch von z.B. Adam Silvera in Deutschland erscheint, kann ich das Gesamtwerk vorstellen, in deutschen Medien.

Und es gibt viele Bücher, die ich gern lesen würde, die mir wiederholt empfohlen wurden, bei denen mich die Leseprobe überzeugte, z.B. Mark-Uwe Klings „Qualityland“. Ein Buch, über das so viel geschrieben wurde, dass leider einfach egal ist, was Stefan Mesch noch zu sagen hat – vier Monate nach Erscheinen.

Und ganz zuletzt gibt es überraschend viele Titel, die ich beim Lesen der Leseprobe aussortierte – doch von denen Freund*innen immer wieder sagen: „Das war toll! Schau noch mal rein!“ Jakob Nolte, Ben Lerner, Alice Munro…

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Videos, die begeistern: Social Media für Verlage, Literaturhäuser & Kulturstätten [Vortrag am Goethe-Institut München, 2018]

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Am Freitag – 26. Januar 2018 – spreche ich am Goethe-Institut München über Booktube- und Literatur-Videos:

– Welche Formate gelingen?

– Was hat besonderen Erfolg?

– Wer teilt, schaut, profitiert von Buch-Videos?

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und größer:

– Welche digitalen Inhalte und welche Aufbereitung wünsche ich mir von Verlagen, Literaturhäusern, Institutionen?

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Ich bin freier Literaturkritiker für u.a. Deutschlandfunk Kultur, spreche oft live über Bücher – gern auch vor der Kamera (Link) oder auf Bühnen (Link).

Auf Youtube lese/teile ich Kapitel meines Romandebüts, „Zimmer voller Freunde“.

2015 machte ich ein eigenes BookTube-Video über meine Hassliebe zu und meine Probleme mit Videos im Netz:


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längere Texte von mir – zu Social Reading, Blogs und Vlogs:

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2015: 50 Buch- und Literaturblogs (Empfehlungen)

2015: mein BookTube-Video (kurzer Text zu den Hintergründen)

2015: #blogfragen – Buchblogs und ihre Schwerpunkte, Hintergründe (Statements)

2016: BookTube bei Deutschlandfunk Kultur (Empfehlungen, Text) …kürzer hier (Link)

2016: Vortrag / Tipps zur Leipziger Autorenrunde: Autoren & Journalisten auf Facebook – wie finde ich Kontakte im Netz?

2017: Social Reading: Gründe für und gegen Goodreads & Lovelybooks (DKultur) …kürzer hier (Link)

2017: Was haben so viele Buchblogs gegen Graphic Novels, Comics? (Statements)

aktuell arbeite ich an Texten zu Twitter – und zum Blockieren und Rechtsruck auf Facebook.

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Was ich mir von Vlogger*innen und Boooktube-Videos wünsche, kam in meinem eigenen Booktube-Video zur Sprache.

pointierter, schriftlich:

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1: gelungene Booktube-Videos?

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_Eine gute Kamera? Gern. Wichtiger: ein sehr gutes Mikro.

_Mein Hauptgrund, Videos abzuschalten: Die Person wirkt aufgesetzt, affektiert oder fühlt sich vor der Kamera nicht wohl.

_Ein gut gemachter Vorspann wirkt professionell. Trotzdem langweilen Intros; erst recht beim vierten, fünften Sehen. Lieber, wie bei immer mehr TV-Serien, eine höchstens drei Sekunden lange „Title Card“.

_Fast alle Videos erklären die ersten ca. 30 Sekunden lang, was uns erwartet. Eine Aufgabe, die der Video-Titel übernehmen kann. Bitte so schnell wie möglich rein in die Kritik, Beschreibung etc.!

_Wer „Du“ sagt, wirkt oft herablassend-kumpelig. Auch „Hallo, ihr Lieben“ wirkt auf mich aufgesetzt. Jede Begrüßung spricht Zielgruppen an oder stößt sie ab. Ich würde einfach „Hallo“ sagen – oder, besser noch: auf Anreden verzichten.

_Ein Klangteppich/Instrumentalstück, das alles Video (leise) untermalt, stört mich nicht. Zu laut oder dudelnd aber wird es nervig (Negativ-Beispiel hier, gegen Ende).

_Je mehr Fokus auf Deko liegt, besonderer Mode oder eigens gestalteten Grafiken und Gimmicks, desto wichtiger ist mir, dass die Person authentisch und entspannt ist, sich in ihrer Umgebung wohl fühlt.

_Seitenzahl, Verlag, Übersetzer*in, Preis des Buchs: Bitte einfach in der Video-Beschreibung.

(_BookTube-Videos über alles, was Schullektüre oder aktueller Prüfungsstoff ist, haben großen Erfolg.)

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2: sympathische Persönlichkeiten!

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_Menschen folgen schnell Menschen, die ihrer eigenen Schicht, Alter, Stil und Habitus entsprechen. Ein älterer Buchblogger wie Jochen Kienbaum hat mehr ältere Männer unter seinen Followern – schon ohne, sich um diese Zielgruppe besonders zu bemühen.

_Eine punkige Booktuberin bringt punk-affine Follower mit. Ein queerer Blogger hat queere Fans. Wer bieder oder professoral auftritt, wird biedere Menschen erreichen.

_Autorin Isabel Bogdan (wir sind Netzfreunde, ich liebe ihren Ton und ihre entspannte, positive Art) wird, scheint mir, von JEDER Isabel-Bogdan-ähnlichen Leserin geliebt, gekauft, gelesen. Und weil z.B. mehr Menschen, die Bücher lieben, aussehen wie Christiane Westermann als Harald Schmidt, würde ich *immer* auf Westermann als Multiplikatorin/Gesicht setzen. Ich frage mich oft, ob mehr Leute denken „Stefan und ich haben was gemeinsam!“ als „Hm. Der ist irgendwie komisch, und ganz anders.“

_Bei Zweier-Gesprächen, Gruppenprojekten und jedem Podium: Sobald das Ziel ist, eine breite Öffentlichkeit anzusprechen, bitte möglichst verschiedenen Altersgruppen, Schichten etc. sichtbar machen und Bühnen bieten. Sonst sind nur Leute interessiert, die aussehen/sich kleiden etc. wie die (sich oft zu ähnlichen) Menschen im Rampenlicht.

_Ich höre am liebsten schnellen, geistreichen, selbstironischen Leuten zu, besonders auf Youtube. Ich schalte Leute ab, die…

…zu mausig, schleppend, phlegmatisch sprechen.
…aufgesetzt fröhlich tun.
…dozieren, palavern, Arroganz und Weltekel feiern.
…Gesprächspausen machen, den Faden verlieren. (Deshalb: Videos gern straffen; auch kleinere Pausen raus schneiden.)

_bitte also: Menschen, „die man gern sieht“ – und die sich freuen, ein Video für uns zu drehen, über ein Thema, das ihnen wichtig ist: Energie, Schwung, Dringlichkeit, Tempo, Authentizität!

_Nicht die klügste, attraktivste oder professionellste Person wird geteilt. Sondern die Stimme, die man sich am liebsten einladen würde: weil man sie gern hört; ihre Nähe und ihr Reden sogar nach Stunden noch tolerieren (nein: genießen!) könnte. Es gibt nicht viele solcher Leute.

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3: Ideen, Formate:

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_75 Prozent der Menschen im Netz öffnen NIE Info-Videos.

_Wird mir ein Video empfohlen, muss ich überlegen: Stelle ich den Ton an? Kann ich das Video hier (Bett, S-Bahn, Büro etc.) hören, ohne zu stören? Muss ich auf den Bildschirm schauen, um das Video zu verstehen? Darf ich das Browser-Fenster wechseln? Oft ignoriere ich das Video, oder schiebe es tagelang auf.

_Texte kann ich überfliegen. In Videos muss ich Probe-Hören und brauche lange, um mich zu orientieren und die Struktur zu verstehen. Die Entscheidung „Gefallen mir Stimme, Habitus, Tempo der Person?“ treffe ich in wenigen Sekunden. Die Entscheidung „Ist dieses Video relevant für mich?“ braucht oft über eine Minute. Das macht mich wütend – denn ich fühle mich hingehalten, ausgeliefert: Texte kann ich schneller scannen, einordnen.

_Je weniger visuell geschieht (und: je leichter ich z.B. nebenher noch den Abwasch machen könnte), desto länger darf ein Video sein.

_Bei Videos, die ich nur schaue, weil mir die Person sympathisch ist, habe ich kein Problem mit 20, 30 Minuten Erzählen, Geplapper. Doch bei Videos, die geteilt und von möglichst vielen Leuten verstanden und gemocht werden sollen, sind bereits 3 Minuten lang.

_Ich mag Interviews/O-Töne, die als 3-Minuten-Videos veröffentlicht werden. Wenn ich mehr sehen will, kann ich in einer Playlist weitere Häppchen finden. (Gute Länge und Aufbereitung: Sam Jones‘ tolles Celebrity-Interview-Format „The Off Camera Show“)

_Lange Videos? Am liebsten Dialoge! Das Mit- und Gegeneinander der Stimmen schafft Spannung. Meine Mutter hört das Literaturmagazin „Lesart“: Wenn sich Moderator und Gast/Expertenstimme nicht mögen oder etwas knirscht, hört sie besonders genau hin.

_Wer Gefühle hat beim Sprechen, stellt Sog her und affiziert – doch allein vor einer Kamera sitzen? Dabei authentisch Gefühle aufbauen? Das scheitert meist.

_Besser: keine nüchterne „Buchbesprechung“ anzukündigen, sondern vorher zu wissen, ob die Lektüre und das Video in einem Gefühl gründen. Wütender Rant oder kühle Polemik? Persönliche Anekdote? Schwärmen fürs Lieblingsbuch? Hilfreich auch, wenn schon der Video-Titel ankündigt, dass es um Emotionen, Gefühle geht. „Ein perfides Buch!“, „Meine Lieblingsreihe!“, „Ich habe mich geärgert über…“ etc.

_Eine Rezensions (gilt für Buchblogs und BookTube) kriegt kaum Klicks. Erfolgreicher?

…Die 10 besten/schlechtesten/wichtigsten…
…Warum ich (Genre, Format, Autorin) X lese/liebe/boykottiere/nicht empfehlen kann.
…persönliche „Kulturtechniken“ wie: Warum ich gebrauchte Bücher kaufe; Warum ich gern von Hand schreibe.
…biografische, identitätspolitische oder (lokal)geografische Klammern wie „Bücher, die mich zur Feministin machten“, „Schottland lesen“, „lesbische Romanzen, die mir nahe gehen“ etc.

_Menschen suchen meist Empfehlungen, Buchtipps. Keine Rezensionen/Kritiken, deren Fazit lautet „Das Buch ist durchwachsen.“

_Ein Booktube-Klischee: Junge Frauen halten Cover. „Schaut, wie das glitzert. Hört, wie das raschelt!“. Doch die Haptik eines Buchs kann man in Videos SO gut vermitteln – warum keine Serie über Buchgestaltung? Pop-Up-Bücher? Bildbände? Design und Typografie? Hässliche Cover? Oberflächenreize? Her damit!

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4: Inhalte streuen, teilen

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_PR-Beraterin Kerstin Hoffmann entwickelte eine großartige „Content-Ampel“ (Link): idealer Content zum Teilen ist…

dringend benötigt | aktuell/kommt zum richtigen Zeitpunkt | emotional/bewegend | dauerhaft relevant | fesselnd | nützlich | …und lädt zum Kommentieren, Teilen, Interagieren ein

_Jo Lendle sagte 2013, kein Social-Media-Beitrag von Verlagen schien ihm trauriger als das immer gleiche „Am Dienstag erscheint unser Buch XY. Na? Freut ihr euch auch schon so?“

_Ich hasse Vorankündigungen. Besonders für Bücher! So lange es keine Leseprobe gibt, heißen Ankündigungen für mich: „Du wirst ein Buch, das interessant oder Mist sein könnte, jetzt wochen-, monatelang im Kopf behalten.“ Ich freue mich über jeden Titel, bei dem zwischen „Klingt interessant“ und „Angelesen, nichts für mich“ 30 Sekunden liegen. Nicht: 9 Monate.

_Deshalb, generell: Bitte nicht zu oft Fans, Facebook-Publikum etc. auf Türen hinweisen, die sich eh noch nicht öffnen lassen.

_Wer ein Buch, eine Lesung etc. ankündigen will, macht den Beitrag relevanter, indem etwas verlinkt wird, das JETZT schon begutachtet werden kann: Videos einer vorigen Lesung, ein Interview, notfalls ein Behind-the-Scenes-Foto oder ein Lebenslauf.

_Karla Paul rät Institutionen, Verlagen, Personenmarken, drei Adjektive/Eigenschaften zu wählen und Inhalte zu teilen, die diesen Eindruck, dieses Bild festigen. Müsste ich wählen, wäre das für mich…

…neugierig, kritisch, intim (Adjektive)

… Buchtipps, Diversity, Fankultur (Themenfelder)

_Klare, eindeutige Aussagen liken Leute am schnellsten: Postings, die zum Mit-Freuen einladen oder Statements enthalten, die man gern unterstreicht, bekräftigt.

_Links werden viel öfter geklickt, wenn sie Vorschaubilder enthalten. Am besten Fotos aus sehr guten Kameras. Fotos die, ideal, ein menschliches Gesicht zeigen.

_Ich nehme mir immer wieder Zeit, in Antiquariaten oder vor Regalen „neutrale“ Fotos zu machen. Fotos, die sagen: „Hier geht es um Buchkultur“, ohne, ein konkretes Buch zum Motiv zu machen. Diese Fotos helfen bei Link- und Text-Postings auf Facebook und Twitter und machen die Beiträge viel attraktiver. [Deutschlandfunk Kultur macht das auf Facebook: Bücherregal-Fotos, oft zu quadratischen Texttafeln verarbeitet.]

_Es lohnt sich, keine Handy- oder unbearbeiteten Fotos zu posten. „Wertige“ Bilder sind den Mehraufwand wert.

_Die Reichweite auf Facebook wird für Seiten immer weiter eingeschränkt. Mario Sixtus: „[Mittlerweile] erreiche ich mit einem Posting von 500 Fans ca. 50 – was mir Facebook stets verbunden mit der freundlichen Aufforderung mitteilt, das Posting doch ein wenig zu promoten. Deshalb mache ich mit anderen Projekten nichts mehr auf Facebook.“

_Mein größter Wunsch: Ich nehme Postings ernst, wenn Institutionen oder Influencer*innen kein „Business as usual“ machen – sondern erklären, warum, was sie gerade teilen, FÜR SIE AKUT besonders und wichtig ist: „Wir freuen uns, weil…“, „Wir sind nervös, weil…“, „Wir machen jetzt etwas, das neu für uns ist…“. Ein Posting-Text soll mir erkären: Warum ist das den Beteiligten, Veranstalter*innen, Produzent*innen wichtig? Gern auch: Steht etwas auf dem Spiel?

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5: Multiplikator*innen

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_Wer teilt meine Inhalte? Oft die immer selben Leute. Ich bedanke mich. Lese besonders aufmerksam durch deren eigene Postings. Und füge sie auf Facebook (privaten) Listen hinzu, damit ich jeden Inhalt von ihnen sehe.

_Sinnvoll: Listen anlegen, welche Menschen oder Insitutionen ein ähnliches Profil pflegen wie man selbst (…oder einfach nur: den selben Humor haben, die selben Fotos schön finden, ähnlich ticken) und dann die Follower*innen dieser Profile sichten und ihnen folgen (Twitter) oder sie abonnieren (Facebook).

_Oft helfen wenige, sehr gezielte Anfragen, Markierungen oder Direktnachrichten: „Schau mal, was ich gerade gepostet habe.“

_Die AfD schreibt bei fast allen Facebook-Postings und Bildtafeln „bitte teilen!“. Und (hasserfüllte) Menschen gehorchen. Mich selbst macht der Appell „bitte teilen!“ trotzig. Doch es hilft, ab und zu laut zu sagen: „Ich würde mich freuen, wenn ihr das teilt“ oder „Dieser Blogpost war Mühe: Kennt ihr Leute, die das interessieren könnte? Teilt gern!“

_2014 half ich, einen deutschen Thriller zu promoten, indem ich Krimi- und Thriller-Blogs suchte und eine Liste mit ca. 120 Leser*innen erstellte, von denen ich hoffte, dass sie das Buch mögen würden. Wer Publikum für sein Buch sucht, muss wissen: Welche Bücher sind ähnlich? Wo wurden diese ähnlichen Bücher besprochen? Veranstaltungen: Wer war auf ähnlichen Veranstaltungen, hat berichtet? Wer jährlich etwas plant, sollte Listen anlegen: Wer hat letztes Jahr unsere Inhalte geteilt, sich besonders interessiert?

_Die Büchergilde kooperiert mit Blogger*innen: Sie stellt frühzeitig das nächste Programm vor, und wer Zeit/Lust hat, kann einen Text über ein Buch seiner Wahl schreiben. Das funktioniert gut, weil a) der Pool der beteiligten Blogger*innen groß ist, b) die Zeitpläne nicht sehr eng und c) Es so viele Bücher gibt, dass niemand regelmäßig teilnehmen oder Kompromisse machen muss. Bei Kooperationsanfragen an Blogger*innen hilft, deutlich zu sagen: „Falls es gerade nicht passt, mit DIESER Idee: Es gibt weitere Ideen, und terminlichen Spielraum.“

_Mein Twitter-Account hat erst Erfolg (3000 Follower), seit ich selbst sehr großzügig und proaktiv folge, like, lese. „Follow for follow“ wirkt billig und verzweifelt. Doch ich glaube, wer auf Twitter, Instagram, Facebook wachsen will, MUSS erstmal in Vorleistung gehen und aktiv anderen Accounts zeigen: „Ich interessiere mich für dich, ich bin Teil deines Publikums.“ Überraschend viele dieser Leute folgen dann zurück – falls das Interesse echt und kontinuierlich ist.

_Wer ist mein Publikum? Besonders alle, die meinen Konkurrent*innen, Equals etc. folgen. Das Goethe-Institut tut gut daran, herauszufinden, wer z.B. der Deutschen Welle folgt. Lässt sich eine Liste mit 20, 30 verwandten Institutionen anlegen, auch für lokale einzelne Institute?

_Sinnvoll: Statements von Menschen sammeln, die selbst große Followings haben. Ein Beitrag, in dem 99 gut vernetzte Branchen-Menschen kluge Sätze sagen, wird viral gehen, innerhalb dieser Branche.

_Maßgebliche Accounts der deutschsprachigen Buchkultur- und Literaturszene? Forough Book traf eine gute Auswahl, in den ersten ca. 300 Accoutns: LINK

_Amazon lädt Gruppen/Cliquen von Buchblogger*innen ein, sich auf ein gemeinsames Apartment während der Leipziger Buchmesse 2018 zu bewerben. Ich finde sinnvoll, dass hier Menschen eine Wohnung teilen werden, die sich bereits kennen. Grundsätzlich aber würde ich IMMER fünf recht breit gestreute, diverse Multiplikator*innen einbinden – um möglichst diverse Follower- und Fan-Bases zu erreichen.

_Jeder kulturelle Inhalt spricht auch noch andere, eigene Gruppen und Communities an. Wer Inhalte streuen will, sollte diese anderen Szenen kennen: In welchen Facebook-Gruppen vernetzen sie sich? Gibt es Fachpresse und Influencer*innen? Uni-Bezug, Akademiker*innen?

_Wer Videos produziert, kann damit planen: Eine Manga-Besprechung, ein Fantasy-Roman, eine Mexiko-Novelle und ein Buch, in dem jemand Bäcker wird, sorgen dafür, dass die Manga-, die Fantasy-, die Mexiko- und die Back-Gemeinde dich erstmals und einmalig auf dem Schirm hat. Kontakte, die sich pflegen lassen.

_Deshalb: Bei vielen Inhalten auch diese Zweit-Zielgruppen, periphery demographics suchen. „Meine größten Verkaufserfolge“, schreibt Autor Karl-Ludwig von Wendt, „verdanke ich der Produktverbindung meiner Jugendbücher mit Minecraft, […dem] erfolgreichsten Computerspiel aller Zeiten. Oft schon habe ich gedacht, dass die Verbindungen »komplementärer« Bücher über Verlagsgrenzen hinweg besser genutzt werden könnten. Die Erkenntnis beispielsweise, dass Leser, die Karl Olsberg mögen, auch gerne Thriller von Mark Elsberg lesen (und umgekehrt, hoffe ich), wird bisher vor allem vom Amazon-Empfehlungsalgorithmus genutzt.“

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6: Community

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_Buchhändler Florian Valerius gewann mit seinem Instagram-Account „Literarischer Nerd“ den Buchblog-Award 2017. Die Buchtipps und -fotos wirken knapp und simpel; doch er investiert ein, zwei Stunden täglich, um Instagram-Kommentare zu schreiben, zu beantworten, auf Follower*innen zu reagieren. Das sorgt für Likes, Engagement, Reichweite. (Dafür muss man der Typ sein: Auf Facebook habe ich Spaß an Kommentaren und Debatten. Auf Twitter like und teile ich nur.)

_Wer viel liest, hat oft auch Expertenwissen (oder, im Schlechten: Streber- und Pedanten-Tendenzen) und hilft (oder, im Schlechten: korrigiert) gern. Ich liebe es, auf Facebook Recherche-Fragen zu stellen (Autor Neil Gaiman auf Twitter z.B. auch).

_Empfehlung, auf Facebook: das „Bücher Magazin“. Redakteurin Elisabeth Dietz stellt simple, offene Fragen („Welche Figur werden Sie nie vergessen?“ etc.) und nimmt sich Zeit, zu reagieren, Engagement der Fans zu honorieren. „Helf mir mal“, „Ich brauche Empfehlungen“ etc. sind Appelle, auf die sich viele Facebook-Nutzer*innen freuen. Keine falsche Scham, Zurückhaltung!

_Kein gutes Posting der Facebook-Seite des Goethe-Instituts: „Heute vor einem Jahr eröffnete die Elbphilharmonie Hamburg. In einem Grafik-Interview kommentiert der Illustrator Till Laßmann, wie er die Elbphilharmonie wahrnimmt und wie sie im Verhältnis zur Subkultur steht. Was meint ihr dazu?“ Niemand kommentierte den Beitrag. Wohl, weil man den Link öffnen muss, um Till Laßmann Standpunkte zu sehen. Dann einen eigenen Standpunkt formulieren – der auch noch (viel zu abstrakt und emotionslos formuliert!) „das Verhältnis zur Subkultur“ berücksichtigt? Mein Vorschlag: „Ein teurer Hype? Die Elbphilharmonie lässt Illustrator Till Laßmann kalt. Sein idealer Kulturort sind die Hamburger Bücherhallen. Was ist Ihrer?“

_Hilfreich, wenn Institutionen Follower nach Meinungen fragen? Auf Gebieten fragen, in dem sich Menschen sicher/bewandert fühlen: „Tee ist das Lieblingsgetränk unseres Autors der Woche. Was ist Ihres?“ ist besser als „Welchen Henry-James-Roman mochten Sie am liebsten?“. Bei Kultur, Geschichten gern auch nach Filmen mit-fragen. Follower reagieren stärker auf Pop- und Celebrity-Kultur, weil sie dort Inhalte besser kennen und sich mehr Urteile zutrauen.

_Beliebt, wichtig: „Identitätspolitische“ Listen. „Bücher für Jungen“, „Filme von schwulen Regisseuren“, „Serien mit geschiedenen Frauen“, „Deutsch-türkische Reportagen“ etc.

_Bitte nie erwarten, dass viele Facebook-Fans aufs Twitter-Profil folgen; oder sich auf Youtube anmelden und „Daumen hoch“ drücken: Aktives Publikum wechselt kaum die Plattform. Wer Youtube- oder WordPress-Abonnent*innen sucht, sollte auf Youtube, WordPress Engagement zeigen, liken, kommentieren. Nicht, aus Bequemlichkeit, auf Facebook.

_Es gibt gefälligen, auf Dauer aber ärgerlich banalen Buchkultur-Content, den man auch als Institution leicht teilen kann – weil er keine Position bezieht und selten Diskussionen entfacht. #bookporn-Fotos, Illustrationen von MyModernMet und BoredPanda, Cartoons von u.a. Tom Gauld; auch harmlose Zitate übers Schreiben und die große Bücherliebe findet man leicht bei Goodreads.

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7: Chancen fürs Goethe-Institut?

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_Will das Institut eigene BookTube-Videos produzieren? Erst besser mit bestehenden BookTuber*innen kooperieren – sie auf Podien einladen. Oder als Publikum passender Veranstaltungen. Gern auch: Interviews zwischen Autor*innen und Booktuber*innen organisieren.

_Sollen im Haus Videos gedreht werden? Dann lieber: keine großen Schnitte, keine Materialschlacht. Einfach die charismatischen, ausdrucksvollen, leidenschaftlichen, selbstbewussten Goethe-Mitarbeiter*innen filmen – mit gutem Mikro, vor sympathischer Kulisse, ausgeleuchtet. Sie zwei Minuten sprechen lassen – über Veranstaltungen, Kultur, Themen, Programmpunkte, die sie begeistern, die ihnen spürbar wichtig sind. Der Goethe-Youtube-Kanal spricht vor allem Menschen an, die Deutsch lernen. Ich wünsche mir mehr Videos der Reihe „im Gespräch“ (2015 beendet – nach 18 Videos mit älteren weißen Männern im Anzug.)

_Welche Expert*innen gibt es im Haus? Ich machte 2009 ein Praktikum in Toronto, bei Jutta Brendemühl. Sie twittert fast nur auf Englisch, über deutschen Film – und hat damit ein recht großes Following, als Expertin/Multiplikatorin. Ich würde raten, eine Liste anzulegen und periodisch zu fragen: „Jutta? Welche drei deutschen Filme haben Chancen in der Award Season?“ etc. – als Blogpost, Liste, Video o.ä.

_Schneller Content, der vor allem Auslandsdeutsche und Sprachschüler*innen anspricht (…mich selbst eher langweilt): „Was ist Ihr Lieblingswort?“-, „Wie übersetzt man folgende Redewendung?“-, „Ist das Wort ‚Habseligkeiten‘ nicht wunderbar?“-Texttafeln (hier: immer auch schauen, was die Social-Media-Redaktion des Duden gerade erfolgreich zeigt/teilt); und „Deutschland: ein Weihnachtsmarkt“-, „Deutschland: eine typische Brotzeit“-Fotos. Hier hilft der Blick auf Content (und Fans) von Facebook-Seiten wie „German Culture“: keine Hochkultur – sondern Alltagsbräuche und historische Gebäude.

_Mehr Diskussionen, Kommentare, Engagement auf Facebook? Schaut, welche Texttafeln Deutschlandfunk Kultur teilt, und welche Fragen das Bücher Magazin stellt.

_Auf den Facebook-Seiten einzelner Institute wünsche ich mir mehr Fotos dazu, wie die Gebäude aussehen und eingerichtet sind. Gern: Praktikant*innen mit Alltagsfotos und kurzen, persönlicheren Texten; einzelne Sprachlehrer*innen und Mitarbeiter*innen vorstellen und sichtbarer machen; Fragebögen beantworten (oder z.B. „Im Mai stellen vier unserer Mitarbeiter in Kyoto ihre Lieblingsfilme über Japan vor: jeden Montag.“)

_Falls auf den FB-Seiten einzelner Institute mehr Engagement erwünscht ist: Nach Tipps für z.B. Restaurants, Bars in der Nachbarschaft fragen. Oder einen Buchpreis vergeben für die Person, die das schönste Foto einer lokalen Goethe-Veranstaltung online teilt, jeden Monat, mit Publikumsvoting.

_Die Facebook-Seite des Literarischen Colloquiums Berlin vermittelt mir einen guten Eindruck, wie es dort aussieht: Wo der Eingang ist, wo ich sitzen werde, welches Publikum ich dort treffe. Ich wünsche mir das oft, bei Veranstaltern: Fotos, die mir genug Orientierung geben und so viel Lust machen, dass ich allein und ohne Vorkenntnis an einem Tag, an dem es furchtbar regnet, sagen könnte: „Ich gehe jetzt spontan ins Institut. Ich erkenne es schon von der anderen Staßenseite aus. Weiß, wo ich Tickets kaufen. Und, dass Menschen in meinem Alter da sind.“ Also: Den Veranstaltungs- und Begegnungsort (und z.B. die institutseigenen Bibliotheken) plastischer, greifbarer machen, online.

_Welche deutschsprachigen Bücher (in Übersetzung), welche Filme, welche Stars kennt das Publikum im Gastland? Kann man Brücken schlagen? Im German Book Club in Toronto saßen irritierend viele Herren 70+, die über Max Frisch, Hermann Hesse reden wollten. Der meist-gelikte aktuelle Post auf der Goethe-Facebook-Seite zeigt Kafkas Schlafzimmer (als Computeranimation). Mein Rat ist nicht: „Noch mehr Frisch! Auf ewig Kafka!“ Aber: Welche Referenzen ziehen im Gastland? Wollen mehr Leute „Victoria“ sehen, sobald das Facebook-Posting „Run Lola Run“ erwähnt?

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BookTube: 16 Empfehlungen, deutschsprachig.

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vier Belletristik- und Unterhaltungs-BookTuberinnen:

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der klassische Bildungsbürger-Duktus:

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junge, sehr professionelle Youtube-Stars (oft queer, oft Jugendbuch):

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und, jeweils mit Problemen:

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Ich mag zudem:

 

gelesen 2017: meine zehn besten Bücher das Jahres

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Zehn Bücher, die ich möglichst vielen Menschen empfehlen kann:

meine Entdeckungen 2017.

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2015 empfahl ich Bücher etwas ausführlicher.

Favoriten 2016 | Favoriten 2014 | Favoriten 2013 | Favoriten 2012 | Favoriten 2011

Lieblingscomics 2017 hier (Link).

Und: Songs 2017 (Link)!

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10: RENEE WATSON, „Piecing me together“
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09: SCOTT SNYDER, JEFF LEMIRE, „A.D. After Death“
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08: RYAN NORTH, „The Unbeatable Squirrel Girl beats up the Marvel Universe“ (Graphic Novel, funktioniert für sich allein – doch die gesamte „Suirrel Girl“-Reihe ist lesenswert)
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07: JEFF LEMIRE, „Royal City“
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06: NOELLE STEVENSON, „Nimona“
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05: STEFANIE HÖFLER, „Mein Sommer mit Mucks“
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03: MANU LARCENET, „Brodecks Bericht“
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01: TIM WINTON, „Inselleben“
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Die besten Bücher 2018: erste Favoriten und Empfehlungen [Buchtipps, Romane]

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bereits gelesen:

KENT HARUF, „Lied der Weite“

gelesen in der deutschen Ausgabe von 1999, „Flüchtiges Glück“, die selbe Übersetzung durch Rudolf Hermstein. Harmlos, einfach, etwas süßlich… doch toll atmosphärisch, warmherzig.

„Victoria, siebzehn und schwanger, wird von ihrer Mutter vor die Tür gesetzt. Da überredet ihre Lehrerin Maggie die Brüder McPheron, zwei alte Viehzüchter, das Mädchen bei sich aufzunehmen. Ein erst widerwilliger Akt der Güte, der das Leben von sieben Menschen in der Kleinstadt Holt in Colorado umkrempelt und verwandelt.“ [Klappentext, ungekürzt]

[Diogenes. 12. Januar]

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angelesen und gemocht:

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neue Bücher 2018 Jon McGregor, Nickolas Butler, Jesmyn Ward

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JON McGREGOR, „Speicher 13“

„Die dreizehnjährige Rebecca Shaw kehrt von einer Moorwanderung nicht zurück. Ein Hubschrauber wird eingesetzt, Beamte durchkämmen die Gegend, Taucher kontrollieren die umliegenden Speicherseen. Auch die Dorfbewohner beteiligen sich an der Suche. Sie müssen einen Weg finden, im Schatten der Ereignisse ihren Alltag zu bewältigen. Jon McGregor erzählt, wie Menschen mit einer Tragödie umgehen, die sie aus nächster Nähe miterleben, und was von dieser Tragödie den Wandel der Zeit überdauert.“ [Klappentext, gekürzt]

[Liebeskind, 22. Januar]

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NICKOLAS BUTLER: „Die Herzen der Männer“

„Wer will schon ein Kind, das weder Freunde noch Selbstbewusstsein besitzt? Je intensiver sich Nelson nach Zuwendung sehnt, desto stärker sondert sich der Vater ab. Nelsons bester Freund aus dem Pfadfinderlager, ist das genaue Gegenteil: Jonathan ist bei allen beliebt und pragmatisch. Was aber treibt jemanden wie Jonathan dazu, sich mit einem Außenseiter anzufreunden? Und stand Jonathan wirklich immer so rückhaltlos zu ihm? Das Leben im rauhen Wisconsin verlangt den Freunden Prüfungen ab, die Loyalität auf eine harte Probe stellen.“ [Klappentext, gekürzt]

[Klett-Cotta, 10. Februar]

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JESMYN WARD: „Singt, ihr Lebenden und Toten, singt“

„Jojo und seine kleine Schwester Kayla leben bei ihren Großeltern an der Golfküste von Mississippi. Ihre Mutter nimmt Drogen und arbeitet in einer Bar. Als der weiße Vater der Kinder aus dem Gefängnis entlassen wird, fährt die Familie zur »Parchment Farm«, dem staatlichen Zuchthaus, um ihn abzuholen. Eine Reise voller Gefahr und Hoffnung. Wie bewahrt man Würde, Liebe und Achtung, wenn man sie nicht erfährt? Ein Familienporträt voller Anspielungen auf das Alte Testament und die Odyssee.“ [Klappentext, gekürzt]

[Kunstmann, 14. Februar]

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neue Bücher 2018 Catalin Mihuleac, Bettina Wilpert, Noelle Revaz

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CATALIN MIHULEAC: „Oxenberg & Bernstein“

„Die reiche Dora Bernstein und ihr Sohn Ben aus Amerika besuchen Iasi, die Wiege der rumänischen Kultur. Eine junge Frau, Suzy, zeigt ihnen die Stadt. Wenig später macht Ben ihr einen Antrag. Sie heiraten, und Suzy beginnt, sich für die Geschichte ihrer neuen Familie und die ihrer alten Heimat genauer zu interessieren. Sie stößt auf ein Mädchen, das 1947 mit 17 Jahren nach Wien kam. Als Einzige einer angesehenen Familie überlebte sie das Pogrom in Iasi und den Holocaust. Im Wiener Rothschild-Spital findet sie Zuflucht und erweist sich als begabte Schneiderin. Dort trifft sie einen GI, der ihr den Hof macht.“ [Klappentext, gekürzt]

[Zsolnay, 19. Februar]

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BETTINA WILPERT: „Nichts, was uns passiert“ [Debüt, deutschsprachig]

„Leipzig. Universität und Fußball-WM. Gute Freunde, eine Geburtstagsfeier. Anna sagt, sie wurde vergewaltigt. Jonas sagt, es war einvernehmlicher Geschlechtsverkehr. Aussage steht gegen Aussage. Nach zwei Monaten nah an der Verzweiflung zeigt Anna Jonas schließlich an, doch im Freundeskreis hängt bald das Wort „Falschbeschuldigung“ in der Luft. Der Roman thematisiert, welchen Einfluss eine Vergewaltigung auf Opfer, Täter und das Umfeld hat und wie eine Gesellschaft mit sexueller Gewalt umgeht.“ [Klappentext, gekürzt]

[Verbrecher Verlag, 28. Februar]

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NOELLE REVAZ: „Von wegen den Tieren“ [Neuauflage]

„Bauer Paul ist engstirnig und hartherzig, ein Schläger und Trinker. Er selbst merkt das nicht. Kunstvoll lässt Revaz ihn seine Welt schildern: ein wortkarger und harter Mann, der seine Frau nur »Vulva« nennt, seine Kinder nicht beim Namen kennt und zuschlägt, »weil was man gern hat, das klopft man«. Doch dieser Sommer ist anders, denn Vulva wird krank, die Tiere geraten in Gefahr, und der Wanderarbeiter Georges bringt neue Töne in Pauls Leben.“ [Klappentext, gekürzt]

[Wallstein, 5. März, schon 2004 in dieser Übersetzung veröffentlicht]

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neue Bücher 2018 Donal Ryan, Sara Novic, Celeste Ng

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DONAL RYAN: „Die Lieben der Melody Shee“

„Als Melodys Mann sich nach zwei Fehlgeburten heimlich sterilisieren lässt, beantwortet sie diesen Vertrauensbruch mit einer Affäre und wird schwanger – von einem ihrer Schüler. Im erzkatho­lischen Irland schwankt Melody schwankt zwischen dem stillen Glück und der Schuld, die sie mit seiner Entstehung auf sich geladen hat. Die Entscheidung, die sie letztlich trifft, ist so unkon­ventionell wie mutig.“ [Klappentext, leicht gekürzt]

[Diogenes, 28. März]

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SARA NOVIC: „Das Echo der Bäume“

„Es ist 1991, in der Nähe von Zagreb, in einem Land, in dem Nachbarn zu Feinden geworden sind. Ana gelingt die Flucht nach Amerika, zusammen mit ihrer kleinen Schwester Rahela, die noch ein Baby ist. Rahela wächst sorglos heran, doch Ana kann nicht vergessen. Bis sie eines Tages beschließt, zurückzukehren in das heutige Kroatien, das für sie noch immer voller Wunder ist und einmal ihre Heimat war …“ [Klappentext, gekürzt]

[btb, April – ich las vor zwei Jahren das US-Original, „Girl at War“ ca. zur Hälfte und verlor dann das Interesse: Es las sich wie ein kompetent geschriebenes Jugendbuch, bei dem mir Ton und Themen zu bekannt vorkamen.]

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CELESTE NG: „Kleine Feuer überall“

„Elena Richardson steht in Bademantel und den Tennisschuhen ihres Sohnes auf dem Rasen und starrt in die Flammen. Sie passte gut nach Shaker Heights, den wohlhabenden Vorort von Cleveland, Ohio. Ihr Mann ist Partner einer Anwaltskanzlei, sie schreibt Kolumnen für die Lokalzeitung, die vier halbwüchsigen Kinder sind bis auf das jüngste, Isabel, wohlgeraten. Doch es brennt.“ [Klappentext, gekürzt]

[dtv, 20. April]

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neue Bücher 2018 William Finnegan, Matt Ruff, George Saunders

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WILLIAM FINNEGAN: „Barbarentage“

[Nonfiction] „Vor fünfzig Jahren verfällt William Finnegan dem Surfen. Damals verschafft es ihm Respekt, dann jagt es ihn raus in die Welt – Samoa, Indonesien, Australien, Südafrika –, als Familienvater mit Job beim New Yorker dient es der Flucht vor dem Alltag.“ [Klappentext, gekürzt]

[Suhrkamp, 2. Mai]

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MATT RUFF: „Lovecraft Country“

„Als Atticus Turners Vater verschwindet, macht Atticus sich wohl oder übel auf die Suche: nach „Lovecraft Country“ in Neuengland, Mitte der 50er Jahre ein Ort der schärfsten Rassengesetze in den USA. Mit Hilfe seines Onkels George, Herausgeber des „Safe Negro Travel Guide“, und seiner Jugendfreundin Letitia gelangt er bis zum Anwesen der Braithwhites. Dort tagt eine rassistische Geheimloge: Matt Ruff erzählt mit überbordender Phantasie und teuflischem Humor die wahnwitzigen Abenteuer einer schwarzen Familie.“ [Klappentext, gekürzt]

[Hanser, 14. Mai]

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GEORGE SANDERS, „Lincoln im Bardo“

„Während des amerikanischen Bürgerkriegs stirbt Präsident Lincolns geliebter Sohn Willie mit elf Jahren. Laut Zeitungsberichten suchte der trauernde Vater allein das Grabmal auf, um seinen Sohn noch einmal in den Armen zu halten. Bei George Saunders wird daraus eine allumfassende Geschichte über Liebe und Verlust: Im Laufe dieser Nacht, in der Abraham Lincoln von seinem Sohn Abschied nimmt, werden die Gespenster wach. Warum lieben wir überhaupt, wenn wir doch wissen, dass alles zu Ende gehen muss?“ [Klappentext, gekürzt]

[Luchterhand, 14. Mai]

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neue Bücher 2018 Jens Rehn, Hala Alyan, Naomi Alderman

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JENS REHN: „Nichts in Sicht“ [Neuauflage: 2013 zur Hälfte gelesen, dann aus Versehen das Ende erfahren und das Interesse verloren.]

Okay, Schöffling – vergesst es. Die Website hat den selben Klappentext, der mir das Buch ruinierte 2014. Ihr seid schreckliche Menschen!

[Schöffling, 22. Mai]

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HALA ALYAN: „Häuser aus Sand“

„Salma musste ihre Heimat Jaffa verlassen und fand in Nablus mit Mann und Kindern einen neuen Platz. Der Garten wird zum Paradies. Salmas Tochter dagegen fühlt sich dem Haus und Nablus so verbunden, wie Salma Jaffa. Salma muss erleben, wie ihr Sohn ihr im Sechstagekrieg genommen wird und ihre Tochter nach Kuwait flieht. Alia hasst ihr neues, beengtes Leben und durchlebt die selbe Sehnsucht nach der Heimat und den Widerstand ihrer eigenen Kinder gegen ihr Festhalten an alten Regeln. Zwanzig Jahre später verlieren Alia und ihre Familie erneut ihr Zuhause und retten sich nach Boston, Paris, Beirut. Wieder einmal wird ihre Geschichte von anderen bestimmt und geschrieben.“ [Klappentext, gekürzt]

[Dumont, 18. Juni]

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NAOMI ALDERMAN: „Die Gabe“

„Ein nigerianisches Mädchen am Pool. Die Tochter einer Londoner Gangsterfamilie. Eine US-amerikanische Politikerin. Von heute auf morgen haben Frauen weltweit die Gabe – sie können mit ihren Händen starke Stromstöße aussenden. Ein Ereignis, das die Machtverhältnisse und das Zusammenleben aller Menschen unaufhaltsam und auf schmerzvolle Weise verändern wird.“ [Klappentext, gekürzt]

[Heyne, 12. März]

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deutschsprachige Literatur, noch nicht angelesen:

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Literatur 2018 Anja Kampmann, Milena Michiko Flasar, Andreas Maier

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ANJA KAMPMANN, „Wie hoch die Wasser steigen“, Hanser, 28. Januar.

„Wenzel Groszak, Ölbohrarbeiter auf einer Plattform, verliert in einer stürmischen Nacht den einzigen Freund. Er reist nach Ungarn, bringt dessen Sachen zur Familie. Und jetzt? Vor der westafrikanischen Küste wird er seine Arbeitskleider wegwerfen, wird über Malta und Italien aufbrechen nach Norden, in ein erloschenes Ruhrgebiet, seine frühere Heimat.“ [Klappentext, gekürzt]

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