lesbische Literatur

Thorsten Dönges – Künstlerische Leitung des queeren Literaturfestivals “Empfindlichkeiten”, Literarisches Colloquium Berlin

Thorsten Dönges, Literarisches Colloquium Berlin, Foto von Mandy Seidler

Thorsten Dönges, Literarisches Colloquium Berlin, Foto von Mandy Seidler

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In all times men have been in love with men, women with women.

As E.M. Forster wrote: „There always have been people like me and there always will be“.

Christopher Isherwood called EM Forster the great prophet of our tribe. So have these people really aways been forming one tribe? One community? Or is it much more complicated?

I am glad that so many writers, scientists, translators, friends are joining our festival „Empfindlichkeiten“. In our times, there is maybe something many [queer] people might have in common. It is the experience of what we call Coming Out – and usually you don´t tell your Mama: “Listen, Mama, I am hetero, but don´t be sad or angry…”

Maybe these people even in our days are the people who know how it feels to look different or to walk hand in hand with another person and to be afraid of hostile reactions. There still is homophobia and there is transphobia – in Africa, Russia and Orlando. And in Europe, Germany and Berlin.

We have asked the participants of this festival, writers and scientists, to write short essays on our subject. Many of the essays we received reflect on political questions, on history and they think about which writers could be part of a kind of queer literary tradition. And there is the discussion, how integrated and normalized – or how dissident, subversive and radical queer life should be these days.

…and let me celebrate those who have made this festival possible, with their work, their enthusiasm, their help:
Thank you Samanta Gorzelniak. Christine Wagner, Laura Ott. Mandy Seidler. Samuel Matzner. Yann Stutzig. Ronny Matthes. Christian Schmidt. Thank you Florian Höllerer. Thank you, dear colleagues. Thank you Siegessäule for being our media partner! Thank you: JAK Slovenian Book Agency, Pro Helvetia. Canadian Embassy. Antidiskriminierungsstelle des Bundes. S Fischer Stiftung. Kulturstiftung des Bundes

Thorsten Dönges’ opening speech – shortened version

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin. Foto von Tobias Bohm.

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin. Foto von Tobias Bohm.

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Thorsten Dönges, geboren 1974 in Gießen, studierte Germanistik und Geschichte in Bamberg. Seit 2000 ist er Mitarbeiter des Literarischen Colloquiums Berlin, wo er im Programmbereich insbesondere für die neuere deutschsprachige Literatur zuständig ist.

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Ich habe das Literaturfestival “Empfindlichkeiten” als Liveblogger begleitet; und sprach kurz vor Eröffnung mit Thorsten Dönges über Vorgeschichte und Ursprünge des Programms. Samanta Gorzelniak, Thorstens Partnerin in der Künstlerischen Leitung des Festivals, hat schriftlich auf meine Fragen geantwortet (Link hier). Mit Thorsten hatte ich ein zwangloses Gespräch. Hier ein – gekürztes – Protokoll/Transkript:

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Thorsten Dönges: Vor ein paar Jahren las ein Münchner Schriftsteller, Hans Pleschinski, hier am LCB aus seinem Thomas-Mann-Roman “Ludwigshöhe”. Es geht um alles Mögliche: Düsseldorf, die Aufarbeitung deutscher Vergangenheit… und eben auch: eine schwule Liebesgeschichte. Am nächsten Tag stand ich in der LCB-Küche. Und ein Kollege sagte, ganz freundlich: “Das war ja ein schwuler Abend, gestern.”

Da machte es Klack. Niemand würde nach einem Abend, bei dem ein Buch mit heterosexueller Liebesgeschichte vorgestellt wird, sagen: “Was für ein Hetero-Abend gestern. Schon spannend!” Mir wurde klar, dass die Rezeption einfach anders ist – und damit sicher auch der Schreibprozess. Autoren fragen sich: “Für wen schreibe ich das? Wer wäre vielleicht sogar dagegen, falls in meinem Roman ein Frauenpaar auftaucht?” Was macht das mit dem Text – mit der Produktion, und mit der Rezeption?

Es gab so viele Abstimmungen in den letzten Jahren: Ein Land führt die Ehe für alle ein. Andere lehnen sie ab. Schriftsteller beobachten das sehr wach. Sie nehmen daran teil – doch wie mischt man sich ein, als Autor? Dichter in Russland, deren Arbeit dann plötzlich als jugendgefährend gilt, als homosexuelle Propaganda… das sind so unterschiedliche Arbeits- und Schreib-Bedingungen…

“Autorentreffen”, das heißt: 20 oder 30 Leute sitzen um einen Tisch und sagen “Mir geht es folgendermaßen, als lesbische Autorin” – “Mir geht es anders. Ich will gar nicht so sehr als lesbische Autorin wahrgenommen werden.” – “Ich aber sehr wohl! Ich kämpfe total.” Das fand ich spannend – aber nicht spannend genug. Also sagten wir: Wir machen ein Festival. Wo dieser Austausch vorkommt. Aber eben auch: Performances, Musik, Lesungen – ein größerer Rahmen.

Hubert Fichte fragt in “Die zweite Schuld”: Gibt es einen Stil der homosexuellen Literatur? Henry James, dieses indirekte Sprechen… und das ist unser Aufhänger, als These und kleine Provokation. Klar, dass niemand antwortet „Zeig mir fünf Zeilen eines Schriftstellers und ich weiß: Sie ist lesbisch – oder eine Hetera mit acht Kindern.“ Doch als Gedankenspiel, um die Diskussion zu öffnen, fand ich Fichtes Frage interessant. Warum überhaupt Fichte? Ich weiß: Er wird selten übersetzt und hat international wenig Einfluss. Aber seine Geschichte mit dem LCB… in „Die zweite Schuld“ gibt es dieses große Interview mit Walter Höllerer. Er schreibt über die Anfänge des Hauses und die etwas niedliche Art, eine Schreibschule zu installieren.

Was mich herausforderte: Fichte liebt die Provokation – und denkt, die sind dort eigentlich alle… Fichte hatte überall diesen Homophobie-Verdacht: bei Grass und all den Lehrern hier. Er konfrontiert sie alle damit. „Wie haltet ihr es eigentlich so mit Arschfickern?“ Das wäre ein Satz, den er benutzt hätte, 1963. Und gerade das wieder hier ins Haus reinzubringen, fand ich sehr…

Ich hätte gern noch Alan Hollinghurst hier gehabt: Er schreibt an einem neuen Buch und sagte sehr britisch-freundlich ab. Genauso Ali Smith. Murathan Mungan, der wichtigste… ein enfant terrible in der Türkei. Meine Ko-Kuratorin Samanta Gorzelniak und ich haben uns gut ergänzt. Uns beiden lagen Autor*innen am Herzen, die der andere noch gar nicht kannte. Ich selbst mag Gunther Geltingers Bücher und freue mich sehr, dass er dabei ist. Antje Rávic Strubels aktuelles Buch, „In den Wäldern des menschlichen Herzens“, ist großartig. Aber das ist gemein: Wenn ich jetzt einzelne heraushebe.

Ich hatte noch nie vor einem Projekt so viel Respekt – denn irgendjemand fühlt sich immer ausgeschlossen. Oder alle sagen: „Kalter Kaffee: Wir haben doch schon Gleichgestellung.“ Doch die Reaktionen und die Essays und Statements der eingeladenen Autor*innen fand ich großartig – wie viel Herzblut. Und auch, 2016: wie viel Ratlosigkeit.

Wir wollten anfangs ein europäisches Festival. Asien, das wäre nochmal ein ganz anderes… das hätte mich überfordert. Aber dann weitete es sich aus: Wir wollten nach Russland schauen. So kam Masha Gessen ins Spiel – die aber in New York lebt. Dann Ricardo Domeneck – der aus Brasilien kommt, aber in Berlin lebt. Das waren finanzielle Grenzen. Am Anfang schrieben wir von “europäischen Autor*innen”. Jetzt sind wir international. Man könnte auch Michael Cunningham aus den USA einladen. Leute aus Vietnam, Thailand. Wäre sicher spannend – was Japaner zu unseren Fragestellungen sagen. Ob man überhaupt Leute findet, die gern kämen.”

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all my 2016 interviews on Queer Literature:

…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: “Empfindlichkeiten” Festival 2016:

Queere Literatur 2016: “Schrift”, “Maske”, “Körper” – drei [neue] Diskussionspanels auf dem Literaturfestival “Empfindlichkeiten” (LCB Berlin)

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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Queere Literatur – aus Europa und der Welt: Vom 14. bis 16. Juli 2016 veranstaltet das Literarische Colloquium Berlin (LCB, am Wannsee) ein Festival zu Homosexualitäten – “Empfindlichkeiten” (mehr Infos in der Spex und auf der LCB-Website).

Ich begleite das Festival als Liveblogger.

Der Freitag Vor- und Nachmittag gehörte drei großen, knapp zweistündigen Diskussions-Panels: “Maske”, “Körper” und “Schrift” [Link zu Statements, Fotos und Infos].

Am Folgetag – Samstag, 16. Juli – starten drei weitere, einstündige Diskussions-Panels: “Schrift”, “Maske”, “Körper”. Fotos vom Festival-Fotografen Tobias Bohm:

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14.00 Uhr: Schrift. Statements und Diskussion – mit: 

Alain Claude Sulzer (Basel)
Dieter Ingenschay (Berlin)
Édouard Louis (Paris)
Raziel Reid (Vancouver)
Kristof Magnusson (Berlin)

Moderation: Nina Seiler

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Statements aus der Diskussion, die mir im Gedächtnis blieben – schnell mitgetippt:

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I think literature is still a perfect art form to negotiate ideas of sexual identity. You don’t have to finance a movie: Writing is fairly cheap – and that’s what makes it so easy to express utopian ideas. – Kristof Magnusson

Young people are building their identities through the internet: There are infinite resources and information. The value of YA literature, now, is really to give them a sense of belonging und a sense of being less alone. – Raziel Reid

Schreiben ist für mich ein ästhetisches Verlangen. Es geht um den perfekten Satz und nichts anderes. – Alain Claude Sulzer.

When we talk about literature, we talk about privileged people: people who have time and energy to read novels. So when we talk about literature, we should always talk about the problems and the failures of literature – the people that literature can’t reach. The words don’t always BUILD us – sometimes, they completely fail. – Edouard Louis

We are never a woman, we are never gay, we are never black – we always fail, and that’s why we suffer: These institutions don’t work. There’s always the gap between us and the language that we’re using. These [labels and standards, for example: the concept/ideal of ‘masculinity’] never work. And maybe, the suffering comes from this failure, this distance. – Edouard Louis

…and, from the audience, Abdellah Taia remarked how often (supposed) “humour” is used to belittle, shame and be aggressive against queer people. Taia: “Sometimes, the best thing you can do is to get naked in front of all of them and say: ‘Now you can laugh’.”

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin

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Tobias Bohms Fotos vom zweiten Panel:

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15.00 Uhr: Maske. Statements und Diskussion – mit: 

Mario Fortunato (Roma)
Dmitry Kuzmin (Riga)
Suzana Tratnik (Ljubljana)
Luisge Martín (Madrid)

Moderation: Franziska Bergmann

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Statements aus der Diskussion, die mir im Gedächtnis blieben – schnell mitgetippt:

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Re-reading my own texts, I notice that in my writing, I’m revealing myself to myself in some ways that I never knew about. It’s like psychotherapy. – Suzana Tratnik

I’m a writer. I am absolutely gay. But I’m not an absolutely gay writer. I have plenty of other identities. – Luisgé Martin

To me, James Baldwin’s “Giovanni’s Room” is book about heterosexist normativities inherent to both the character and the author, damaging and ruining everything. – Dmitry Kuzmin

The very act of saying “clearly” is problematic. Who is saying that? How can he say that? – Dmitry Kuzmin

We live in this stupid society: The main part is: Expose yourself, be naked, go on television, do something completely stupid so people will talk about you. And writers are forced by the industry to get more and more on stage. Yesterday, an audience member asked us if our publishers ever censored us. But no, on contrary – they say: “Go on! Use strong words and be as vulgar as possible!” I’m sorry – I’m not interested in audiences. I have never in my life written one word thinking about my audience: I write because…. because… because… I don’t know. I like it, it’s interesting and it’s making me money, so I continue: It’s much better than working! Every time a book of mine comes out, I say: No – I don’t want to do any promotion for this book. I do refuse this industry. This kind of mass market. – Mario Fortunato

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin

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Tobias Bohms Fotos vom dritten Panel:

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17.00 Uhr: Körper. Statements und Diskussion – mit: 

Niviaq Korneliussen (Nuuk)
Masha Gessen (New York)
Izabela Morska (Gdańsk)
Ricardo Domeneck (São Paulo / Berlin)

Moderation: Dirk Naguschewski

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Statements aus der Diskussion, die mir im Gedächtnis blieben – schnell mitgetippt:

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I’m a 26-year old queer female writer from Greenland. Most other Greenlandic writers are male – and over 100. Very masculine writers who write about nature and being a proud Greenlander. Almost everyone in Greenland has read my book – and it’s not about being a proud Greenlander at all. It’s about being queer, and about finding home in countries other than Greenland. – Niviaq Korneliussen

It’s a privilege to talk about queer people openly, in the media. – Niviaq Korneliussen

People have a strange view of Brazil because women get naked there on five days a year. But it’s the biggest catholic country in the world: For women, for blacks and for homosexuals, it’s an extremely dangerous country. – Ricardo Domeneck

When I speak up and write, I often get messages that say: ‘Please don’t bring this disease of political correctness into Brazil’ – and these messages are always from white heterosexual men. – Ricardo Domeneck

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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all my 2016 interviews on Queer Literature:

…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: “Empfindlichkeiten” Festival 2016:

Queere Literatur 2016: Angela Steidele

Dr. Angela Steidele. Foto: Ben Chislett, Matthes und Seitz

Dr. Angela Steidele. Foto: Ben Chislett, Matthes und Seitz

Queere Literatur – aus Europa und der Welt: Vom 14. bis 16. Juli 2016 veranstaltet das Literarische Colloquium Berlin (LCB, am Wannsee) ein Festival zu Homosexualitäten – “Empfindlichkeiten” (mehr Infos in der Spex und auf der LCB-Website).

Ich werde das Festival als Liveblogger begleiten… und stelle bis Sonntag mehreren Künstler*innen, Autor*innen und interessierten Besuchern kurze Fragen über Queerness, Widerstand und das Potenzial homosexueller Literatur.

Den Anfang machten Katy Derbyshire (Link) und Kristof Magnusson (Link). Jetzt…

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Dr. Angela Steidele, Germanstin, Historikerin, Sachbuch- und Romanautorin und, beim Festival “Empfindlichkeiten”:

  • Freitag, 15. Juli, 11 Uhr auf dem Podium “Maske”, mit Ahmet Sami Özbudak (Istanbul), Hilary McCollum (Donegal), Thomas Meinecke (Eurasburg), Robert Gillett (London); Moderation: Franziska Bergmann
  • danach, ab 17 Uhr: mit einer literarischen Kurzlesung auf der Gartenbühne

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Angela Steidele wurde 1968 in Hamburg geboren. Sie studierte in Hildesheim und promovierte 2002 in Siegen. 2004 erschien das Sachbuch “In Männerkleidern” [unten hier im Blogpost: mehr!], 2011 “Geschichte einer Liebe: Adele Schopenhauer und Sybille Mertens”, 2015 ihr erster Roman, “Rosenstengel” (…über den historischen Fall, den sie bereits in “In Männerkleidern” behandelte). Sie lebt in Köln.

Angela Steidele auf Wikipedia  |  Angela Steidele bei Perlentaucher

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01_Eine eigene Arbeit, ein Text, Link oder Bild, der/das mich vorstellt und/oder der/das einen Blick wert ist:

Das Titelbild und die Rückseite meines Romans “Rosenstengel”:

Cover und Backcover von Angela Steideles Roman "Rosenstengel", erschienen bei Matthes und Seitz

Cover und Backcover von Angela Steideles Roman “Rosenstengel”, erschienen bei Matthes und Seitz

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02_Das Queerste, das ich in meiner Kindheit sah oder kannte…

… waren die beiden Mitarbeiterinnen der katholischen Leihbibliothek, die ich sehr mochte und die “nur aus wirtschaftlichen Gründen” zusammenlebten.

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03_Ein queeres Buch, das mich beeinflusst hat (und wie?)…

“Orlando” von Virginia Woolf – einer der schönsten und gelungensten und ästhetisch anspruchsvollsten Romane der Weltliteratur. Nicht nur, weil das Buch – auch – eine Liebeserklärung an Woolf’s Geliebte Vita Sackville-West ist. Es ist v. a. ein Buch über das prinzipielle Scheitern jedes Versuchs, eine Biographie zu schreiben. Der Erzähler beginnt als viktorianischer Positivist, der Orlandos Biographie schildern will, und je weiter er in der abenteuerlichen, nicht vermittelbare Lebensgeschichte Orlandos kommmt, desto stäkrer bezweifelt er sein eigenes Vorhaben, bis er schließlich nicht mehr weiter weiß: eine im doppelten Sinne “queere” Biographie, die die Biographie als Gattung für unmöglich erklärt und gleichzeitig augenzwinkernd viel über Vita Sackville-West – und Virginia Woolf – erzählt. Und mir als Biographin grundsätzlich den Weg weist.

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04_Ein anderes Stück queerer Kultur [andere Kunstformen], das mich beeinflusst hat (und wie?)…

Shakespeare rauf und runter! Alle Musikdramen von Richard Wagner, Händels Opern, Monteverdis “Orfeo”, natürlich Mozart (Così fa tutte!). Strauss’ “Rosenkavalier’. Alle früheren Kastratenrollen, die dann im 20. Jahrhundert von Frauen gesungen wurden (um jetzt leider wieder von Countertenören übernommen zu werden – ein queerer Rückschritt!). Als ich mit 12 Jahren den Hollywoodstreifen “Queen Christina” (1933) mit Greta Garbo in der Hauptrolle sah – war’s um mich geschehen. Ach und nicht zu vergessen: ‘Some like it hot’ – für die Ewigkeit!

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05_Mich ehrt, wenn meine Arbeiten in einer Buchhandlung oder Ausstellung neben folgenen Autor*innen stehen:

“Steidele, Angela” macht sich im Alphabet neben “Stein, Gertrude” sehr gut.

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06_Zu viele Menschen denken bei „Homosexualität“ zuerst oder fast nur an schwule Männer. Ich wünschte, stärker in den Fokus rücken…

Der Satz ist richtig: Wir Lesben haben immer noch gewaltig Nachholbedarf an Sichtbarkeit. Die Verlagerung des Fokus von “schwul” auf “queer” verlängert die öffentliche Unsichtbarkeit lesbischer Frauen und kann als moderne Variante von Frauen- und Lesbenfeindlichkeit interpretiert werden.

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07_Ein queerer Moment in Berlin (oder in Deutschland), an den ich mich lange erinnern werde:

Als unsere Kölner Standesbeamtin erklärte: “Aus rechtlichen Gründen muss ich jetzt immer von einer ‘Eingetragenen Lebenspartnerschaft’ sprechen. Ich habe das hiermit einmal getan – und werde fortan ‘Ehe’ sagen.”

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08_Folgende Expert*innen, Autor*innen, Aktivisit*innen, folgende Orte, Institutionen und Diskurse haben mein (Selbst-)Verständnis beeinflusst oder geprägt:

Mein Doktorvater Prof. Dr. Wolfgang Popp und sein Forschungsschwerpukt ‘Homosexualität und Literatur’ an der Uni-GH Siegen. Die in den 1990-er Jahren dort alle zwei Jahre stattfindenden Tagungen waren intellektuelle Höhepunkte und zugleich Ermutigungen, in einem damals noch belächelten Sachgebiet ernsthafte Forschungen zu betreiben, die alle (nicht nur die LGTB-Community) etwas angehen.

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09_Folgende Expert*innen, Autor*innen, Aktivisit*innen, Orte, Institutionen, Themen verdienen mehr Aufmerksamkeit/Zuwendung:

Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Lesben in NRW, Düsseldorf
Frauengeschichtsverein Köln
Centrum Schwule Geschichte Köln

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10_Ein heterosexueller Ally/Verbündeter, dem ich dankbar bin und/oder den ich schätze:

Prof. Dr. Dan Wilson, dessen grundlegendes, kluges und originelles Buch “Goethe Männer Knaben. Ansichten zur ‘Homosexualität’ (Insel Verlag) ich zusammen mit ihm bearbeiten und übersetzen durfte.

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11_Ein Gast beim „Empfindlichkeiten“-Festival, auf den ich mich besonders freue:

Kristof Magnusson – er betritt den Raum und schon hagelt die erste geistreiche Pointe.

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12_Eine politische oder öffentliche Figur, über die wir dringend mehr reden müssen. Und eine, über die wir weniger reden sollten:

Wir sollten viel weniger über die ganze AfD reden – die boykottieren die Medien, warum boykottieren die Medien sie nicht umgekehrt?

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13_Eine queere Figur, ein queerer Star oder eine queere Geschichte aus dem Mainstream, über deren Popularität/Strahlkraft ich mich freue:

Athene, Dionysos, Apollo, Sappho, Christina von Schweden, Ludwig II. von Bayern, Richard Wagner, Oscar Wilde, Virginia Woolf, Greta Garbo, Marlene Dietrich, Cathérine Deneuve, Miss Piggy, Ernie und Bert, Dick und Doof.

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14_Am Literarischen Colloquium Berlin…

Dem lcb verdanke ich eine ganz entscheidende Ermutigung zur Ausweitung meines Werks. 2011 habe ich mich – damals noch reine Sachbuchautorin – mit 50 Manuskriptseiten (mehr hatte ich nicht) meines ersten Romanversuchs “Rosenstengel” um den Alfred-Döblin-Preis beworben, den Günter Grass gestiftet hat und den das lcb alle zwei Jahre auslobt. Dabei spielt man dann am Wannsee ein bisschen das Wettlesen von Klagenfurt nach. Aus über 500 Einsendungen wurde mein Manuskript herausgefischt und ich durfte an der Finalrunde (die letzten sechs) teilnehmen. Gewonnen habe ich an dem Tag zwar nicht den Preis, dafür aber, nach vielen Gesprächen dort, den Mut, diesen Roman tatsächlich zu schreiben. Für mich persönlich war das der Durchbruch zu einer neuen Ästhetik, beruflich als Autorin habe ich auf dem Markt eine größere Sichtbarkeit gewonnen (all die überaus verdienstvollen SachbuchautorInnen gehen ja unverdienterweise unter) , und dann gab’s auch noch den Bayerischen Buchpreis 2015. – Es lebe das lcb!

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15_Ein queeres literarisches Event, das ich mir wünsche:

Es gibt eines, dem ich noch viel mehr Beachtung wünsche: Das “Querlesen” im Musikdorf Ernen in der Schweiz. Es findet jedes Jahr Ende Juli in diesem wunderschönen Dorf im Goms/Wallis statt, also zB. jetzt am 23./24. Juli. “Wir” übernehmen dann dieses wunderschöne Schweizer Bergdorf, tagsüber wandert man am Aletschgletscher mit Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau, abends hört man ein klassisches Konzert in der Barockkirche oder besucht eine Lesung – geht’s schöner im Sommer?

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16_Ein queeres guilty pleasure in meinem Leben:

Bei meiner Unschuld – ich weiß nicht einmal, was ein ‘queeres guilty pleasure‘ ist! Hört sich allerdings vielversprechend an. Vielleicht kann es mir bei den “Empfindlichkeiten” eine erklären, zeigen oder gar – beibringen?

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17_Queere Texte handeln oft von Sexualität, Identität/Selbstfindung und Diskriminierung. Andere Themen/Fragen, denen ich in queeren Texten mehr Gewicht wünsche:

Dem würde ich widersprechen. Viele Werke der zu den “Empfindlichkeiten” anreisenden AutorInnen handeln von weitaus mehr als der eigenen Nabelschau. Und umgekehrt gilt: Welcher Mainstream-Roman funktioniert ohne Liebesgeschichte?

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18_Ein Staat, eine Stadt, Region, Kultur oder eine Szene, aus der ich wichtige queere Impulse erhalte (welche?) oder über die wir mehr sprechen müssen:

Der rheinische Karneval ist tatsächlich subversiver als manche CSD-Demo. Das ganze Köln (nicht nur die Community) ist dann durch und durch queer. Das fängt bei der kölschen Jungfrau an (Teil des Dreigestirns zusammen mit Prinz und Bauer), die immer von einem Mann verkörpert werden muss und hört beim “Stippeföttchetanz” (Po an Po reiben) der Roten Funken (eine Karnevalsgarde, mit den komischen Uniformen) noch lange nicht auf. Ganz Köln ergibt sich einer Anarchie, die jedwede Normen, Gesetze, Annahmen, was ‘normal’ ist, sprengt – die Kategorie “Geschlecht” gehört stets zu den allerersten Grenzen, die eingerissen werden. Wer wirklich einmal wissen will, wie eine völlig queere Stadt enthemmt tanzt, säuft und feiert, muss zu Weiberfastnacht mal kommen und bis zur Nubbelverbrennung am Dienstag Abend bleiben. Ich geh übrigens zu Karneval immer als Skilangläuferin – weg von Köln.

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19_Wenn Universitäten und Akademiker auf queere Diskurse (und: Gender-Diskurse) blicken, denke ich…

…dass dann zu viel von “intersektionell” und “Queerness” die Rede ist. Auch die ästhetischen Unworte “Performanz” und “Performativität” wurden jetzt etwas lang schon durchdekliniert. Es ist tief bedauerlich, dass die akademische Genderforschung null Relevanz für Gesellschaft und Alltagsleben besitzt und praktische Emanzipationsbestrebungen von Frauen, Lesben, Schwulen, Trans* usw. politisch gesehen im Stich lässt.

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20_Ein Mensch (oder, abstrakter: eine Eigenschaft/ein Wesenszug), den ich sehr sexy finde:

Humor. (O, hallo Kristof, schön dich zu sehen!)

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21_Kulturvermittler*innen, Institutionen, Journalist*innen machen, nach meiner Erfahrung, im Umgang mit queerer Kultur manchmal folgenden Fehler:

Zu denken, es hätte nichts mit ihnen selbst zu tun.

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22_Wie/wo/wann profitierte ich künstlerisch von meiner eigenen Queerness? Und steht/stand sie mir je im Weg, war sie je eine Schwierigkeit für mich?

“Women only stir my imagination”. Diesem Satz von Virginia Woolf habe ich nichts hinzuzufügen (sorry, Kristof!). – Als promovierte Literaturwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt “Geschichte der weiblichen Homosexualität” hatte ich im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts nur geringe Chancen auf eine Stelle im deutschsprachigen Wissenschaftsbetrieb. Nach dem Motto “Krisen neu bewerten” bin ich heute froh darüber. Als Autorin hatte ich eventuell sogar Vorteile – Mainstreamverlage zB schmücken sich mittlerweile auch ganz gern mit ein paar Exoten.

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23_Eine Video-Kampagne, die queere Jugendliche vom Selbstmord abhalten will, verspricht: „It gets better.“ DOES it get better? Wo und für wen? Wann/wie wurde es für dich besser? Was muss noch anders/besser werden?

Mein Coming-out war wie ein zweites Geborenwerden, eine Befreiung, und ich wünsche allen Jugendlichen von Herzen, Mut zu sich zu haben, egal, wen und wie sie lieben. Und uns Großen wünsche ich den Mut, immer und überall zu zeigen, wen und wie wir lieben. Ob Lehrerinnen an Schulen oder Profi-Fußballer: Wir selber müssen uns selber noch viel selbstverständlicher werden, bevor wir anderen selbstverständlich werden.

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Angela Steidele war 2006 und 2007 Gastdozentin an der Universität Hildesheim. 2005 leitete ich dort ein Kreatives-Schreiben-Tutorium für Erstsemester, die fünf Monate lang über die Uni und ihren Alltag schrieben, für das Gruppenprojekt “Kulturtagebuch – Leben und Schreiben in Hildesheim”.

Hanns-Josef Ortheil lud Angela Steidele ein, in einem Seminar ihr Buch “In Männerkleidern” vorzustellen.

Einer der Studenten schrieb damals beeindruckt:

“Angela Steidele, eine diplomierte Kulturwissenschaftlerin, wird ihr Buch „In Männerkleidern“ vorstellen. Eine wissenschaftliche Biografie über Catharina Margaretha Linck, bekannt als Anastasius Lagrantinus Rosenstengel. Mehr hat Ortheil letzte Stunde nicht gesagt, und mehr muss man auch gar nicht wissen: Die Story, die sich aus diesen beiden Namen ergibt, ist reizvoll genug. Eine Frau verkleidet sich als Mann, heiratet, dann kommen Inquisition und Gefängnis und das bittere Ende. Das alles aber nicht als pseudo-dokumentarischer Historienroman mit dem „Ich war dabei!“-Gestus, sondern solide belegt an historischen Quellen, verfasst von einer Kuwi-Absolventin. Das klingt so grundlegend widersinnig, das muss ich mir anhören.

[…] Boah, was für eine Frau! Aber warum? Ich glaube, weil sie etwas verkörpert, das Hildesheim oft fehlt: Unaufgeregtheit, Bescheidenheit, Forschergeist, Selbstironie, Nachdenklichkeit… Angela Steidele setzt allen Ringelsocken und Regenbogenstulpen und Cordjacketts und Rock-über-Hose, aller lärmend zur Schau gestellten Individualität und allem penetrant zelebrierten Lesbentum die höfliche Zurückhaltung (ja, das trifft es: Höflich ist diese Zurückhaltung!) eines gefestigten Charakters entgegen. Klar: Hinterher werden manche sagen, Steidele habe bieder gewirkt, wie eine Lehrerin, nicht extravagant genug. Ein kleinakademisches Pflänzchen am Wegesrand. Schwachsinn, sage ich: Diese Frau hat gestrahlt, aus der Ruhe und Selbstgewissheit heraus, etwas zu tun, das ihr nicht nur Spaß macht, sondern ganz nebenbei (oder doch hauptsächlich?) auch schön und gut und wahr ist – eine echte Wissenschaftlerin. Wenn ich es mir recht überlege, möchte ich werden wie Angela Steidele. Zwar möchte ich ständig wie irgend jemand anderes werden, und diese Idole unterscheiden sich auch immer grundlegend, doch heute Abend möchte ich werden wie sie: unaufgeregt, selbstgewiss, klug und menschlich. Gebt mir mehr Adjektive für unspektakuläres Wohlgefallen! Gebt mir mehr Adjektive für schlichte Sympathie!”

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all my 2016 interviews on Queer Literature:

…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: “Empfindlichkeiten” Festival 2016:

Homosexualität am Literarischen Colloquium Berlin: Ronny Matthes vom Festival “Empfindlichkeiten” im Interview

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit fürs Festival "Empfindlichkeiten": Ronny Matthes

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit fürs Festival “Empfindlichkeiten”: Ronny Matthes

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Queere Literatur – aus Europa und der Welt: Vom 14. bis 16. Juli 2016 veranstaltet das Literarische Colloquium Berlin (LCB, am Wannsee) ein Festival zu Homosexualitäten – “Empfindlichkeiten” (mehr Infos in der Spex und auf der LCB-Website).

Ich werde das Festival als Liveblogger begleiten… spreche bis Sonntag mit Künstler*innen, Autor*innen und interessierten Besuchern über Queerness, Widerstand und das Potenzial homosexueller Literatur…

…und, zur Eröffnung, mit Ronny Matthes über das Potenzial und den Kontext des Festivals:

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Mein Name ist Ronny Matthes. Ich studierte Geistes- und Kunstwissenschaften. Sonst mache ich PR für die Verlage Albino und Bruno Gmünder und schreibe frei für das VICE-Magazin. Für „Empfindlichkeiten“ betreue ich die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

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Ist „Empfindlichkeiten“ das erste queere Festival des Literarischen Colloquiums? Warum jetzt?

Besser spät als nie! Das LCB ist die erste große öffentliche literarische Institution, die mit einem solchen Festival aufwartet, ja. Etwas Vergleichbares gab es in Deutschland noch nicht.

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Ihr habt knapp 40 Autor*innen, Künstler*innen, Performer*innen eingeladen. Es wird Lesungen geben, Gesprächsrunden – was noch?

Es gibt Lesungen, Performances, ein Puppenspiel (!), Diskussionen, Konzerte, Getränke und Speisen, DJ-Sets, Gespräche.

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Richten sich alle Programmpunkte ans erwachsene Publikum? Oder gibt es auch z.B. queere Jugendbücher? Und wird “Empfindlichkeiten” sehr akademisch – oder liegt auch queere Unterhaltungs- und Genre-Literatur im Fokus?

Wir haben einen Autor aus dem Genre Young Adult dabei, Raziel Reid. 2014 gewann er mit “Movie Star” (im engl. Original “When Everything Feels Like the Movies”) den kanadischen Governor General’s Literary Award für die Sparte “Jugendbuch” und löste damit einen Skandal aus – denn das Buch ist sehr explizit, hart, berührend, schrill, todtraurig.

Ich denke, dass es auch für junge Leute interessant wird: Die geladenen Gäste aus sehr unterschiedlichen Generationen – was man besonders in den Panels/Diskussionsrunden sieht: Da sitzt Ingenschay mit Sulzer mit Louis mit Reid mit Magnusson. Allzu akademisch, hoffe ich, wird es nicht. Sicherlich lassen sich viele Diskussionen nicht ohne spezifisches Vokabular führen. Aber mein Wunsch ist, dass das Festival allen zugänglich ist, auch sprachlich.

Als “queere Genreliteratur” verstehen sich sicherlich die wenigsten der geladenen Autor_innen. Viele sind ja bei Mainstream-Verlagen und nicht bei queeren/schwulen/lesbischen Kleinverlagen. Eher als: Queer, im Mainstream angekommen.

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Welche neuen und oder internationalen Namen legst du uns besonders ans Herz?

Saleem Haddad und Raziel Reid – sicherlich die neuesten und jüngsten Stimmen im Programm. Etablierter mittlerweile: Edouard Louis.

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Hast du aktuelle queere Buchtipps? Aus dem Festivalprogramm… und außerhalb?

Haddads „Guapa“ kommt hoffentlich bald auf Deutsch. Dann eben Reids „Movie Star“. Edouard Louis’ „Das Ende von Eddy“ ist gerade als Taschenbuch erschienen. Nicht auf dem Festival, aber von mir empfohlen: Karen-Susan Fessels „Bilder von ihr“ – ein Klassiker der lesbischen Literatur, neu aufgelegt. Außerdem „Wir Propagandisten“ von Gabriel Wolkenfeld und „Jetzt sind wir jung“ von Julian Mars.

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Hilft das LCB queeren Künstler*innen aus Ländern, die Homosexualität kriminalisieren? Wie?

Falls Einladen als Hilfe gilt: Wir kümmern uns um Visum, Unterbringung, Kost und Logis. Außerdem sind wir an einem langfristigen Kontakt mit diesen Autor_innen interessiert. (Wie mit allen, mit denen wir zusammenarbeiten.)

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Wie hat sich das Festival im Lauf der Planung verändert? Musstet ihr etwas umschmeißen oder neu denken? Worauf freust du dich besonders?

Die Kulturstiftung des Bundes hat das Projekt im Frühjahr 2016 bewilligt. Sicherlich fanden aber schon vorher Planungen statt. Ich wurde ins Boot geholt, als das Konzept schon stand: Die künstlerische Leitung liegt bei Thorsten Dönges und Samanta Gorzelniak. Ich freue mich besonders auf den Mix aus Lesungen, Diskussionen und Musik – weil es verspricht, keine akademische Selbstbespiegelung zu werden, sondern ein Festival für alle. Man kann sich die Rosinen herauspicken.

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Macht die Pressearbeit Mühe? Sind Nischen- und Szene-Plattformen offener fürs Festival – und wird Homosexualität noch immer zuerst als „sexuell“ gelesen/begriffen?

Presse fürs LCB macht Spaß und Mühe. Spaß, weil es bei den Medien einen Vertrauensvorschuss bringt, für eine etablierte Institution zu arbeiten: Man kennt sich und berichtet gern. Mühe, weil auch 2016 Medienvertreter_innen zusammenzucken, wenn das Wort “Homosexualität” fällt. Bei Medienvertreter_innen, die man persönlich kennt und die selbst schwul/lesbisch sind, ist der Zugang sicherlich einfacher. Der Queerspiegel [queere Sonderseiten im Berliner Tagesspiegel] z.B. widmet „Empfindlichkeiten“ eine Online-Serie mit Autoren-Statements und heute, Donnerstag, auch ein großes Print-Feature. Aber auch nicht-schwul/lesbische Medien waren interessiert – Zeitungen, Zeitschriften, Print und Online, Blogs und Radio.

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Warum der Titel „Empfindlichkeiten“?

Der Name kommt vom Roman- und Glossenzyklus “Die Geschichte der Empfindlichkeit” von Hubert Fichte.

Fichte hielt sich 1963/64 am Literarischen Colloquium auf und verarbeitete diese Zeit im dritten Band der Geschichte der Empfindlichkeit, dem Glossenband “Die Zweite Schuld”.

„Gibt es so etwas wie einen Stil der Homosexuellen, gibt es homosexuelle Romanciers im Gegensatz zu Schriftstellern mit homosexuellen Neigungen? Henry James veräppelt Mrs. Penniman, die Wörter kursiv setzt. Henry James setzt kursiv, in Anführungsstriche, in Klammern. Schwule Sprache ist uneigentlich, ist indirekte Sprache. Nirgends so viele Anführungsstriche wie auf dem Plakat zum Faschingsfest in der Stricherbar. Aber sind Sousentendus, Verfremdungen, Übertreibungen, Ironie, Travestie bei Henry James häufiger als bei Guy de Maupassant oder bei Norman Mailer – die Wahl der Beispiele drückt kein Qualitätsurteil aus –, es ist nur so schwer, erklärt heterosexuelle Schriftsteller zu finden. Von homosexuellen Autoren, von homosexueller Literatur sprechen, setzt voraus, daß es heterosexuellen literarischen Stil gibt, heterosexuelle Kriteria. Und: Kann es die Aufgabe der Literaturkritik sein, biologistische Kriterien zu kanonisieren, die von den Biologen jede Saison ausgewechselt werden?”

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Hubert Fichte starb 1986. Ist er wirklich noch immer das Nonplusultra für anspruchsvolle schwule Literatur, im deutschsprachigen Raum?

Als jemand, der sich viel mit schwulen Autoren beschäftigt: Fichte ist wichtig, aber auch outdated. In meinem Bekanntenkreis haben fast nur die Ü40-jährigen etwas von ihm gelesen. Das ist schade, denn gerade sein “Versuch über die Pubertät” ist ein zeitloser Text, der Pflichtlektüre in Schulen werden sollte.

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Outdated – inwiefern?

Die Sprache ist aus heutiger Sicht sehr unzugänglich, finde ich. Aus der Zeit gefallene Bilder, viel Stricherromantik, viel Klappen, viel heute-nicht-mehr-Existierendes aus der schwulen Subkultur der 70er und 80er.

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Viele Freunde von mir kennen ihn vom Namen her – aber wissen nicht, dass er schwul (bisexuell?) war, weil Zeitungsartikel oft viel über seine Freundschaft/Beziehung zur Fotografin Leonore Mau sprechen. Oder er wird als Hamburg-Autor, Lokal-Autor, Kneipen-, Szene-, früher Pop-Autor erinnert.

Fichte war ja jemand, der sein literarisches Schaffen gerade über die eigene Homo-/Bisexualität definierte. In meiner Eigenwahrnehmung habe ich immer mehr Fichte auf dem Schirm als Mau. Ich könnte mir aber erklären, warum es manche so wahrnehmen, als wenn Mau mehr rezipiert wird: Bild schlägt Text, ist zugänglicher, schneller erfassbar, mit einem Blick umfassend gesehen.

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Ist Fichtes „Die zweite Schuld“ lesenswert? Erfahre ich viel über das Literarische Colloquium vor 50 Jahren?

Das sind hinreißende Interviews (Fichtes große Stärke!) und Tagebuchskizzen. Übers LCB selbst erfährt man nicht so viel – vielmehr über die Personen, die es mit Leben füllten. Von bitterböse bis charmant, immer brutal ehrlich, selten schmeichelhaft, schildert Fichte die Menschen am LCB zur Gründungszeit. Wer etwas für Literaturgeschichte übrig hat, sollte es unbedingt lesen.

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Wo wird sonst in Berlin über queere Literatur gesprochen? Hast du Tipps?

Die „Literatunten“ und das „Queere Literarische Quartett“ im Prinz Eisenherz Buchladen sind die beiden “Institutionen”, die ich nennen und empfehlen kann. Sonst auch in den Feuilletons der Stadt, im Queerspiegel des Tagesspiegels und im Buchteil der Siegessäule.

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Erlebst du, dass sich Autor*innen verbitten, als queerer Autor gesehen, rezipiert, verstanden zu werden? Oder nimmt jeder dieses Label an?

Bisher hat sich niemand beschwert. Aber das wird sich sicher in den Diskussionen zeigen. Denn: What’s queer today is not queer tomorrow.

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Weißt du von ungeouteten prominenten Autor*innen? Oder ist das im Literaturbetrieb kein Thema?

Ich kenne nur Gerüchte um nicht-geoutete Fußballer. Ich glaube, in der Domäne Literatur ist das große Tabu um Homosexualität nicht mehr so wirkmächtig wie z.B. im Sport, in der Kirche, in der Armee…

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Wer sind für dich die wichtigsten queeren deutschsprachigen Stimmen, aktuell?

Sicherlich Antje Rávic Strubel, Alain-Claude Sulzer, verlegerisch Joachim Bartholomae, der sich selbst ja schon seit Jahrzehnten an den Fragen, die beim Festival verhandelt werden, abarbeitet.

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Wen würdest du gern das nächste Mal einladen? Gibt es ein nächstes Mal?

Falls es ein nächstes Mal gibt, was ich hoffe: definitiv Edmund White, solange er noch lebt, und Alexis De Veaux. Und unbedingt Garth Greenwell! Ein sehr vielversprechendes Debüt.

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Du bist selbst queer? Was macht queere Literatur mit dir? Und: Warum sollten Hetero-Leser*innen mitlesen, sich angesprochen fühlen?

Ich definiere mich selbst als schwulen Mann, kann aber mit dem Label „queer“ viel anfangen, sofern es nicht in die post-moderne Beliebigkeit rutscht. Hetero-Leser_innen sollten sich von queerer Literatur angesprochen fühlen, weil Fragestellungen, Probleme, Themen in viel queerer Literatur universell sind. Außerdem bereichert ein queerer Blick auf Altbekanntes den Horizont.

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Zu Menschen, die noch auf der Kippe stehen, ob sie „Empfindlichkeiten“ besuchen, sagst du…?

Eine Fahrt an den Wannsee hat noch keiner und keinem geschadet, und ihr werdet euch beim Durchblättern des Readers danach ärgern, wenn ihr seht, was für spannende Fragen verhandelt wurden. Empfindlichkeiten ist sicherlich die einmalige Chance, so viele queere Autor_innen auf einem Haufen zu sehen und tatsächlich mit ihnen diskutieren zu können – nicht nur Wasserglaslesungen zu sehen, sondern tatsächlich in den Diskurs zu treten. Außerdem verpasst ihr das beste Catering Kreuzbergs: Der Südblock kocht.

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all my 2016 interviews on Queer Literature:

…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: “Empfindlichkeiten” Festival 2016: