Kulturjournalismus

J.G. Ballard: “High-Rise” [Science-Fiction, Dystopie bei WDR 3, Gutenbergs Welt]

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Ein britischer Roman, 42 Jahre alt – der klingt, als sei er frisch geschrieben: „High Rise“ von James Graham Ballard erzählt von drei Männern, gebildet, kultiviert und liberal. Drei Besserbürger, denen Selbstverwirklichung und eigener Stil so wichtig sind, dass sie bei jedem Einkauf und jedem Stück Kultur, mit dem sie sich umgeben, erst fragen: Was sagt das über mich? Wie wohnt der Mensch, zu dem ich werden möchte? Was soll ich essen? Wie muss ich sprechen? Und welche Gesten und Ideen, welche Ängste oder Träume sind unter meinem Niveau – weil ich aufsteigen will?

Die Männer arbeiten als Arzt, Filmemacher und Architekt. Und sie sind Nachbarn, in einem Luxus-Wohnkomplex, 40 Etagen hoch. Der Architekt wohnt auf dem Dach – und blickt herab:

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„Das Gebäude war ein Zeugnis des guten Geschmacks. Der gut gestalteten Küche, formschöner Haushaltsgegenstände, des eleganten und nie protzigen Mobiliars. Doch wenn er die Apartments seiner Nachbarn aufsuchte, fühlte er sich physisch abgestoßen von den Konturen einer preisgekrönten Kaffeekanne und den gut aufeinander abgestimmten Farbgebungen. Er hätte sonstwas für eine vulgäre Nippesfigur auf dem Kaminsims gegeben, für ein weniger als schneeweißes Toilettenbecken, für einen Schimmer der Hoffnung.“

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Alle 2000 Bewohner stammen aus dem selben Milieu. Doch ihre Eigentumswohnungen sind nach Preis gestaffelt: Junge und Kreative wohnen in WGs, ganz unten. Apartments bis zur 30. Etage können sich nur höhere Angestellte leisten: das Bürgertum, das schuftet, um sich und der Familie „die zweitbesten“ Produkte im Leben zu sichern. Ganz oben gibt es kaum noch Kinder: Superreiche und Promis verwöhnen ihre Hunde, und geben dekadente Partys.

„High Rise“ handelt von der Macht der „feinen Unterschiede“. 1975 galt vieles davon noch als dunkle, absurde Satire: Kaum sind die Wohnungen belegt, beginnt ein Klassenkampf. Mehr noch – ein echter Bürgerkrieg!

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„Tatsächlich hatte sich das Hochhaus bereits in die drei klassischen sozialen Gruppen – in Unter-, Mittel- und Oberschicht – aufgeteilt. Die meisten Beschwerden richteten sich jetzt mehr gegen die anderen Bewohner als gegen das Gebäude. Das Versagen der Fahrstühle wurde Leuten aus den oberen und unteren Etagen zur Last gelegt, nicht den Architekten.“

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Luxus, Angst, Kontrollverlust – in den 70er Jahren waren es vor allem Katastrophenfilme wie „Flammendes Inferno“ oder „Westworld“, die in drastischen Bildern zeigten: Alles kann schief gehen. Jede Maschine hat Fehler, jedes System hat Schwachstellen und Spannungen. Moderne Bürger haben so viele Lebenslügen, Wut, Komplexe… daran kann jede Gesellschaft über Nacht zerbrechen.

Heute werden solche Geschichten vor allem als Psycho-Thriller erzählt: Das Unbehagen wächst nur langsam. Aktuelle Bücher, Filme, Serien zeigen zwar gern, wie alles eskaliert. Doch vorher nehmen sie sich viel Zeit, die Bruchstellen, Ursachen, Zusammenhänge zu zeigen. Der Karren fährt zwar gegen die Wand – aber meist in Zeitlupe.

„High-Rise“ dagegen hat das Tempo der 70er Jahre: Erst fallen ein paar Fahrstühle aus. Dann wird ein Hund im Pool ertränkt. Und sofort beginnt ein Häuserkampf mit Kannibalismus und Vergewaltigung, Ritualmorden und sämtlichen Horror- und Barbarei-Klischees. So wird der Roman schon nach dem ersten Drittel… zu freudlosem Trash:

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„Die fünf Obergeschossfahrstühle waren entweder außer Betrieb oder in die oberen Etagen gebracht worden und wurden dort mit blockierten Türen festgehalten. Der Eingang zur Halle im zehnten Stock war mit Tischen und Stühlen versperrt, die man aus der Grundschule geholt und die Treppe hinuntergeworfen hatte.“

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250 Seiten lang steigen drei Männer rauf und runter: anfangs mühelos. Dann tage- und wochenlang. Sie essen Hunde. Sie vergewaltigen und hassen. Auf Englisch klingt das monoton und lapidar. Auf Deutsch dagegen auch sprachlich oft absurd: Denn Übersetzer Michael Koseler baut Schachtelsätze voller Stilblüten. Eine „middle-aged woman“, eine Frau mittleren Alters, wird als „mittelalterliche“ Frau übersetzt. Durch solche Marotten klingen banale Sätze auf Deutsch plötzlich unnötig kompliziert.

„High Rise“ will zeigen, wie leicht ein Miteinander zerbricht, weil jede Schicht die Schuld bei „denen da oben“ oder „denen da unten“ sucht – zu selten aber im System selbst. 1975 – ganz kurz, bevor der Punk London erobert, schwelgt ein zynischer, systemkritischer Roman in… punkiger Zerstörungslust.

Psychologisch aber bleibt das lieblos, seicht und dumm – denn alles eskaliert so schnell, so grell, so langweilig-erwartbar… das Buch misslingt: als Lifestyle-Kritik. Es misslingt als Dystopie. Es misslingt als Psychogramm einer snobistischen Gesellschaft. Und es misslingt als Parabel über Bürgerkriege und abgeschottete Länder, in denen jede Ordnung zerfällt.

Der Autor hat sich einen tollen Handlungsort geschaffen. Und beißend narzisstische, verwöhnte Figuren – die einen Nerv treffen. Heute noch deutlich mehr als damals. „High Rise“ beschreibt ein Unbehagen, Risse und Symptome, die aktuell ständig Thema sind: Abstiegsangst, Elitenhass, Kultursnobismus, Aufstieg um jeden Preis und das Abschotten nach unten.

Deshalb ist „High Rise“ ein wichtiges, an vielen Stellen visionäres Buch. Nur leider: kein gutes, kein kluges, kein lesenswertes. Ein Arzt kann Krankheiten erkennen – und erklären. J.G. Ballard dagegen sieht nur Symptome. Er kann diese Symptome imitieren. Und baut daraus ein grelles, giftiges Horror-Märchen. Doch er versteht nicht viel. Und sagt: fast nichts.

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J.G. Ballard: “High-Rise”. Aus dem britischen Englisch von Michael Koseler. 256 Seiten. Diaphanes, Juni 2016. Original von 1975.

Text: Rezension von mir, für Christian Möllers Literatursendung “Gutenbergs Welt” auf WDR 3.

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“Wonder Woman” (2017): tolle Frau, gute Comics, schlechter Film [Deutschlandfunk Kultur]

meine Lieblings-Zeichnung, von Maris Wicks

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heute nochmal, ganz kurz, zum Film:

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Seit 1941 fasziniert Wonder Woman in Comics. Die Verfilmung ihrer Abenteuer scheitert – doch macht Lust aufs Lesen.

“Du schuldest dieser Welt gar nichts”, warnt eine Mutter ihren Sohn – und hofft, dass er stumm bleibt, sich nicht einmischt, unter die Räder kommt. Sie heißt Martha Kent. Ihren Sohn nannte sie Clark: Er stammt vom Planeten Krypton. Der Film hieß “Man of Steel”, und war 2013 Grundstein für eine zynische, oft deprimierende Helden-Filmreihe, die auch mit “Wonder Woman” (2017) nicht viel besser, schwungvoller, sehenswerter wird.

Am Ende von “Man of Steel” brach Superman, der in den Comics seit Jahrzehnten versucht, niemals zu töten, einem Gegner das Genick. Ich hoffte damals, dass dieser Totschlag in einer Fortsetzung besprochen, durchdacht, in Frage gestellt wird. Stattdessen war “Batman v. Superman” (2016) noch missmutiger, solipsistischer: Männer, die es hassen, Held zu sein und ihren Job nur machen, um Schlimmeres zu verhindern, schlagen voller Paranoia aufeinander ein. Wer will ich sein? Was habe ich der Welt zu geben? Wie kann ich helfen, sie zu gestalten?

“Wonder Woman”-Comics stellen diese Fragen seit 1941. Autoren und Autorinnen wie George Perez (ab 1987), Greg Rucka (ab 2002), Brian Azzarello (ab 2011) und Jill Thompson (2016) finden immer wieder große, politische, wunderbare Antworten. Ich habe zehn Comic-Empfehlungen hier im Link gesammelt: https://stefanmesch.wordpress.com/2017/06/15/wonder-woman-die-10-besten-comics-buchtipps-lesereihenfolge-empfehlungen/

Vom Kinobesuch rate ich ab. Denn “Wonder Woman” ist ein besserer Film als alle DC-Comic-Verfilmungen seit “The Dark Knight” (2008). Doch damit immer noch leider: kein guter. Prinzessin Diana lebt als einziges Kind auf der geheimen Amazonen-Insel Themyscira. Als der Spion und Pilot Steve Trevor auf der Insel notlandet und vom großen Krieg erzählt, der die Welt seit 1914 heimsucht, sind sich die Frauen einig: Kriegsgott Ares steckt dahinter. Diana, die nie zuvor einen Mann sah, zieht mit Steve in die Schützengräben Belgiens.

“Falls du einen Asteroiden stoppen willst, ruf Superman. Wenn du ein Verbrechen aufklären musst, Batman. Und um einen Krieg zu beenden, Wonder Woman”, erklärt Comicautorin Gail Simone die oft verwirrenden Mehrfachrollen der Figur: eine Prinzessin, die keine Hierarchien mag. Eine Vordenkerin aus einer vormodernen Zivilisation. Eine Diplomatin, die mit dem Schwert kämpft.

“Wonder Woman” scheitert erst in den letzten zehn Minuten: Als die Heldin von Liebe spricht, nachdem sie Gegner zerhackte. Als sich der Weltkrieg tatsächlich beenden lässt, indem ein Kriegsgott verdroschen wird. Und als klar wird: Diese Frau ist nicht (nur) körperlich oder moralisch stark, weil sie in einer utopischen Gender-Blase aufwuchs, die Frauen stärkte und ernst nahm. Sondern (mindestens: auch), weil sie eine heimliche Tochter von Zeus ist.

Nach “Man of Steel” war unklar, welche Lehren Superman ziehen würde. Kaum welche, zeigte erst die Fortsetzung “Batman v. Superman”. Nach “Wonder Woman” stehen ähnliche Fragen im Raum: Was tut diese enttäuschend martialische Kriegsprinzessin in den Jahren 1918 bis 2016? Wie handelt sie im zweiten Weltkrieg? Bleibt sie unentdeckt – statt Menschen auf der ganzen Welt zu inspirieren, das 20. Jahrhundert zu prägen? Ist die Moral erneut nur ein myopisches “Du schuldest dieser Welt gar nichts”?

Wenn ein einzelner Heldenfilm wie “Ant-Man” (2015) nur mäßig erfolgreich ist, fragt sich Hollywood nur: Investieren wir in eine Fortsetzung? Oder lieber nicht? Als der Heldinnenfilm “Supergirl” (1984) floppte, entschied Hollywood dagegen pauschal: Superheldinnen funktionieren nicht im Kino. Lieber keinen großen Versuch mehr wagen, die nächsten 30 Jahre.

Deshalb: Wunderbar, dass “Wonder Woman” fast nur gute Kritiken erhielt, international erfolgreich ist. Der Film macht Lust auf die Figur und ihre vielen Comics, Geschichten und Widersprüche. Er macht Lust auf weitere Filme von Regisseurin Patty Jenkins und Hauptdarstellerin Gail Gadot. Und er macht Lust auf viel mehr Blockbuster, in denen Frauen Männer retten, nicht umgekehrt. Über Krieg und Verantwortung, Unterdrückung, Moderne und Matriarchat, fremde Kulturen und das 20. Jahrhundert aber hat “Wonder Woman” erschreckend wenig zu sagen.

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wonder woman league of one moeller

schlechte Blogs, schlechte Bücher, schlechte Maßstäbe: Wo wird mir Literatur… zu platt?

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“Es gibt keine etablierte Praxis der Kritik von Genreliteratur, von Jugendliteratur und Young Adult-Literatur. Ein Teil dieser Sparten ist dafür zu jung, vor allem aber hat sich die etablierte Literaturkritik darum nie intensiv gekümmert. Blogger, Booktuber und Bookstagramer können hier auf keine etablierten Muster zurückgreifen, sie müssen neue Muster herausbilden.”

…schreibt Netzfreundin und Bloggerin Katharina Hermann in einem lesenswerten, klugen langen Grundsatztext auf 54Books (Link).

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Ich habe Kulturjournalismus studiert und schreibe heute sehr viel und gern über Genre- und Unterhaltungsliteratur, Mangas, Comics, TV-Serien, Popkultur.

“Selbstverständlich ist doch „ich habe mich gut unterhalten gefühlt“ ein legitimes Beurteilungskriterium für einen Unterhaltungsroman. Selbstverständlich ist „ich konnte mich mit der Protagonistin identifizieren“ ein legitimes Beurteilungskriterium für Jugendliteratur, die doch genau darauf in der Regel angelegt ist. Natürlich ist „das Buch ist lustig“ ein legitimes Beurteilungskriterium für ein Buch, das genau das sein will. Nur weil das keine klassischen literaturkritischen Parameter sind, ist das eben nicht unreflektiert oder dumm, sondern vielleicht: schlicht angemessen.

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Als Kritiker bin ich schnell gelangweilt von Büchern, Serien, Filmen, Comics, Erzählwelten, in denen…

1 – Figuren sich kaum entwickeln oder ändern; am Anfang schon absehbar ist, wie die Geschichte endet; oder jeder Teil, jede Episode nach dem selben Muster erzählt ist (z.B. “Monk”).

2 – Nebenfiguren so eindimensional bleiben, dass ich bei Frauen denke “Wow: Sexismus?” und bei Figuren of Color: “Wow: Rassismus?” (z.B. “Two Broke Girls”).

3 – EIN Geschlecht angesprochen oder als Zielgruppe gedacht wird, und alle Figuren des anderen Geschlechts am Rand bleiben (z.B. “Herr der Ringe”).

4 – Die Hauptfigur NUR triumphiert und wir eingeladen werden, uns an ihrer Seite dem Rest der Welt überlegen zu fühlen (z.B. James Bond, Batman).

5 – Sprache so egal ist, dass mich Klischees wie “rabenschwarze Nacht” und “ihr Herz blieb fast stehen” ablenken (z.B. die meisten deutschsprachigen Krimis).

6 – Figuren Berufe, Krankheiten oder Expertengebiete haben, die niemand richtig recherchiert hat (z.B. “Marienhof”).

7 – Alle Figuren außer den Helden Trottel, Abschaum, Monster bleiben (z.B. “Fear the Walking Dead”? Ich schwanke noch).

8 – Eine Grundstimmung ohne Höhen und Tiefen “zum Abschalten” einlädt: Statt Irritationen und Details, die man im Hinterkopf behalten sollte, bleibt alles ein harmloser, gemächlicher Brei (z.B. “Sturm der Liebe”).

9 – Gegner keine Argumente haben, nichts dazu lernen, oft nur für das “Falsche”, “Perverse” Andere stehen, über dessen Bestrafung wir uns freuen sollen (z.B. Märchen, “Law & Order”, Kinder- und viele Disney-Bösewichte).

10 – Dinge erzählt werden, die schon lange erzählt werden, auf eine Art und Weise, die niemanden stören, erschrecken, herausfordern soll (z.B. “heitere” Unterhaltungsromane).

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Nicht alles, was ich mag, muss in JEDER Hinsicht unbequem, überraschend, ikonoklastisch, schwierig, hermetisch sein.

Doch ich habe mehr Respekt vor einem Werk, das probiert, auf originelle Art und Weise mit meiner Geduld und meinen Erwartungen zu spielen, als mit einem Werk, das mir genau das geben will, was vermeintlich “alle” gerade “wollen”.

Ein Unterhaltungsroman, der mich *nur* unterhält, ein Jugendbuch, das es mir *nur* möglichst leicht macht, ein wenig Welt durch die Augen der möglichst netten Hauptfigur zu sehen, ein lustiger Roman, der *nur* lustig ist – das ist mir zu wenig. Ich mag Werke, die mir MEHR zeigen als nötig – und Fragen, Gefühle, Reaktionen auslösen, die mir nicht schon beim Blick aufs Cover versprochen wurden.

Das ist kein Argument gegen Katharinas Text oder die Arbeit vieler Blogger*innen.

Sondern einfach mein persönliches Kriterium beim Auswählen von Werken: Geben mir Geschichten nur DAS, womit ich eh gerechnet habe… habe ich keine Lust, meine Zeit mit ihnen zu verbringen. Kritiken und Empfehlungen haben für mich einen Mehrwert, sobald sie sagen “Achtung: Dieser Action-Film ist unerwartet traurig!” oder “Hey: Schau mal, was hier noch alles drin steckt!”

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Lohnt sich PROSANOVA – Festival für junge Literatur? [8. bis 11. Juni 2017, Hildesheim]

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8. bis 11. Juni 2017 | Hildesheim

über 60 Autor*innen & Künstler*innen

Infos & Tickets  |  Facebook  |  Wikipedia  |  Instagram

Zeitschrift BELLA triste  |  Studiengang Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus

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“Das studentische Team hat Wände gestrichen, Teppiche verlegt, Holzinseln gezimmert und Toiletten vergoldet.”

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“Der Schulranzen mit eingebauten Lautsprechern pumpt Beats in die fast fertige Cafébar.”

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“Lena und Martha sind gestern neun Stunden Transporter gefahren, um kostenlose Möbel von Hannover aufs Festivalgelände zu bringen.”

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“Auf dem Festivalgelände dürfen die Brennnesseln nicht vernichtet werden, weil für einige Schmetterlinge gerade Nistzeit herrscht.”

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“Es gibt noch nichts mit Glitzer. Es gibt was mit Hobelspänen und Sägen und Computern.”

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“Als es noch keine Vasen gab, haben wir Bierflaschen vergoldet.”

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„Nee, diese neuen, diese Schriftsteller oder wie sie sich nennen, die fangen immer Sätze an und beenden sie dann nicht. Und ich kann auch nichts damit anfangen. Da werden einem so Bruchstücke vorgeworfen und dann muss man gucken, wie es weiter geht.“ [beim Friseur um die Ecke]

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“Nachtschwärmer dösen in den Betten. Auf der Leinwand lesen virtuelle junge Leute.”

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„Lektoren, das sind einfach bessere Menschen. Bloß keinen Autor heiraten! Die sind wahlweise unglücklich, also von Selbstzweifeln zerfressen, oder im Höhenflug. Am Anfang denkste dir, das ist jetzt halt wegen dem Debüt, aber nee, das bleibt. Widerlich. Also: Hier laufen ja einige Lektoren rum. Ich muss los!“

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„Christina ist schon bevor sie das Diplom machte, mit ihrem Lebensgefährten an den Bodensee gezogen, um dort als Köchin in der Natur- und Wildnispädagogik zu arbeiten.”

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„All die kleinen Szenen, Begegnungen und Selbstdarstellungen des Publikums erinnern mich an Filme von Federico Fellini (1920-1993). Die ganze Kleidungsästhetik der Besucher ist später Fellini. Die Paletten sind Fellini, die alten Sofas, die ewige Sonne, die Gespräche, die Musik, das Herumstreunen und Herumschleichen – alles Fellini!“ [Autor Hanns-Josef Ortheil, 65; Gründer des Hildesheimer Studiengangs Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus]

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„Wir gehen durch, wir gehen ins Foyer, zur Veranstaltungstabelle, zum Kiosk, durch den Flur zur Mensa. Die Lesung hat noch nicht angefangen.“

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„Wir gehen raus auf den Schulhof. Wir gehen hoch, wir gehen in den Litroom. Wir gehen durch. Wir gehen auf den Schulhof. Diesmal andersrum. Wir gehen zur Mensa.”

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„2014 feiern wir PROSANOVA in einer leerstehenden Schule. In einer Schule, denke ich, ausgerechnet in einer Schule und schon denke ich Foucault, denke Überwachen und Strafen.“

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“Wir erfahren: in der Hauptschule am Alten Markt sind die ersten Mobbing-Videos Deutschlands entstanden.“

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„In dieser Schule wird getrunken, gefeiert und gevögelt werden. Die unsportlichen Bücherwürmer von früher haben sich zu Organisatoren der Maßlosigkeit entpuppt. […] Es geht darum, Jungautoren so sehr abzufüllen, dass man ihnen die Haare beim Kotzen halten wird.“

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„Marina und ich haben berechnet, dass wir ungefähr 10.000 Klopapierrollen bei Metro kaufen müssen, Marina will von allen Sachen 1000 kaufen, weil sie 1000 liebt.“

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„Wir arbeiten per Hotspot, weil der Techniker von der Telekom, der uns am Mittwoch das Internet bringen sollte, am Festivalgelände kein Klingelschild mit ‚BELLA triste‘ gefunden hat.“

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“Ich sehe zukünftigen Bachmannpreisträgern beim Aufbau einer Bühne zu.”

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„Auf wen oder was freust du dich am meisten?“ – „Tilman Rammstedt. Ich hoffe, ich darf ihn vom Bahnhof abholen.“

 

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“Ich nicke Thomas Klupp zu, ich grinse Helene Bukowski an, ich nicke Benjamin Quaderer zu, ich zwinkere Fiona Sironic zu, ich nicke Stefan Vidovic zu, ich grüße Florian Stern mit Handschlag, ich nicke ihm zu, ich lächle Katrin Zimmermann an, ich schlage mit Alina Rohrer ein, ich winke Fabian Hischmann zu, ich winke ab, ich schüttele den Kopf, ich lasse ihn hängen, ich nicke Ferdinand Schmalz zu.”

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“Auf einer der Holzbänke ist eine Frau ganz in einen E-Book-Reader versunken. Ich glaube, sie ist die erste Person, die ich auf PROSANOVA abseits der Bühnen lesen sehe.”

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„Dass so viele Ehemalige da sind, ist der beste Beweis dafür, dass die Hildesheimer Literatenschule keine bloße Schule ist. Sie ist eine Atmosphäre, eine biografische Heimat, eine Zeit- und Raum-Insel von großer Schönheit.“ [Ortheil]

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„Kai sagt, die alte Intimität sei wieder da, die Intimität von PROSANOVA 2005. Lagerfeuer, dicht zusammen sitzen, horchen und flüstern“

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Komme ich mit dem, was hier geboten wird, irgendwie zurecht oder weiter?, fragen sich die Alumni. „Einige genießen auch die Nostalgie der Rückkehr. Für sie ist Hildesheim jetzt eine leicht berührende Erinnerungsarbeit.“ [Ortheil]

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„Seit über zehn Jahren sind Paul Brodowsky, Thomas Klupp und Claudius Nießen der Schreibschule treu. Thomas umschifft elegant die unangenehmen Themen (Kesslerdebatte, Konkurrenzdruck, Vetternwirtschaft), er strahlt ins Publikum: Schreibschule, das sind warme, vereinende Strahlen der Liebe.“

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„Weil doch derzeit nichts Schwachsinnigeres und Dümmeres in unseren Feuilletons grassiert als die Schreibschulverdammnis: Unrecherchiert. Phrasenhaft. Reiner Feuilletonmüll. Und leider stimmt auch in der Polemik unseres geliebten Flo Kessler, den Hildesheim aufgezogen, genährt und gepäppelt hat (bis es ihm zuviel werden musste und er das Zuviel ausgekotzt hat) kaum etwas.“ [Ortheil]

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„Leif Randt liest von einem Planeten und der Universität dort, und lässt wie gewohnt alles in der Schwebe“

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„Jeder ist eingeladen, aber nur ganz bestimmte Leute kommen dann auch.“ [Ortheil]

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„Christian Kracht kommt dieses Mal nicht zu PROSANOVA, weil er in Afrika wohnt“

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“Talent ist Verpflichtung.” [Ortheil]

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Seit 2005 findet PROSANOVA alle drei Jahre statt:

2005 war ich Student und Praktikant, 2008 Mitglied der Künstlerischen Leitung, 2011 zum ersten Mal seit drei Jahren als Besucher zurück in der Stadt, 2014 moderierte ich ein Gespräch mit Kathrin Passig.

Auch 2017 bin ich da, und schreibe/blogge u.a. für die Festival-Dokumentation.

Nach jedem PROSANOVA-Festival erscheint ein Buch mit Snapshots, Szenen, Poetik- und Journalismus-Texten. Alle obigen Zitate sind nicht von mir, sondern von Imke Bachmann, Ronja von Rönne, Florian Stern, Michael Wolf und Juli Zucker, erschienen in “Prosanova 4. Ein Kommentar”, herausgegeben von Florian Stern und Hanns-Josef Ortheil, Edition Paechterhaus, 2015. Hier bestellen.

Leseprobe: Link

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Video von mir, zur Arbeit an PROSANOVA 2008:

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Die besten Comics & Graphic Novels 2016: meine Empfehlungen bei Deutschlandradio Kultur

Deutschlandradio Kultur - Comic-Empfehlungen 2016, Stefan Mesch.PNG

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bei Deutschlandradio Kultur empfehle ich meine 20 Comics des Jahres:

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schon 2015 stellte ich 20 aktuelle Reihen vor, hier (Link).

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20. Black Magick
Autor: Greg Rucka, Zeichnerin: Nicola Scott
Image Comics, Oktober 2015 bis Februar 2016.
5+ Hefte in 1+ Sammelbänden, wird Mitte 2017 fortgesetzt.

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Wer nie ein aktuelles US-Comic las, findet im Mystery-Thriller “Black Magick” einen simplen, geradlinigen Einstieg: Greg Rucka ist mein Lieblings-Comicautor, Nicola Scott eine der beliebtesten Zeichnerinnen. “Black Magick” zeigt Rowan Black, Ermittlerin in Portland, Oregon und Mitglied eines geheimen heidnischen Kults: Rowan ist eine Hexe. Sie hat okkulte Kräfte, wird in eine Geiselnahme verwickelt, muss Ritualmorde aufklären – ohne, sich vor Kollegen zu enttarnen.

Eine etwas altbackene Idee, in Band 1 noch nicht anspruchsvoller erzählt als in TV-Einerlei wie “Charmed” oder “Constantine”. Auch Rowans Vokuhila-Frisur lässt viele Szenen gestrig wirken. Doch Rucka ist Experte für Polizeiarbeit, liebt feministische, komplexe Ensembles, und Nicola Scott hat ein Auge für Lichtstimmung und Grusel. 2016 waren beide mit einer (leider steifen) Neuauflage von “Wonder Woman” ausgelastet. Doch 2017 geht “Black Magick” weiter.

Bisher kein dichter, raffinierter Comic. Aber ein einladender! Wer Rucka kennt, weiß: Seine Reihen werden schnell tiefer, klüger, dunkler.

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19. Arcadia
Autor: Alex Paknadel, Zeichner: Eric Scott Pfeiffer
Boom! Studios, Mai 2015 bis Februar 2016.
8 Hefte in einem Sammelband, abgeschlossen.

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“The Matrix, but better”, lobten Kritiker dieses Polit- und Cyberpunk-Drama über eine Familie, zerrissen zwischen der Kunstwelt Arcadia und der verwüsteten Erde: Ein Virus tötete sieben Milliarden Menschen – doch das Bewusstsein von vier Milliarden davon konnte in ein Netzwerk übertragen werden. Dort lebt die Oberschicht wie in einem grenzenlos bizarren Videospiel, mit Superkräften und allen Gestaltungsmöglichkeiten. Arbeiter dagegen haben nicht einmal genügend Rechenleistung, um sich Gesichter und Haut animieren zu lassen.

Lee Pepper sah seine Familie sterben; und bewacht seitdem ein Rechenzentrum für Arcadia-Daten in Russland. Während diplomatischer Machtspiele droht die lebendige Minderheit, “The Meat”, Arcadia den Stecker zu ziehen. Das Netzwerk aber hat eigene Druckmittel – und Lee und seine digitalisierte Frau, Tochter, Sohn stehen zwischen den Fronten. Leider sind die Zeichnungen von Eric Scott Pfeiffer freudlos, karg: Grandios versponnene Ideenwelten von Autor Alex Paknadel werden sinnlos nüchtern aufgemalt. Figuren und Konzept faszinierten mich wochenlang. Doch ein Lesespaß ist dieser holprige, graustichige Comic selten.

Ich hoffe, der Autor findet bessere Zeichner. Oder aus “Arcadia” wird eine elegante TV-Reihe: Herz, Talent, Ideen? Alles hier, im Überfluss. Jetzt fehlen noch Farbe, und liebevolle Details.

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18. The Violent
Autor: Ed Brisson, Zeichner: Adam Gorham
Image Comics, Dezember 2015 bis Juli 2016.
5 Hefte in einem Sammelband, in sich geschlossen – aber könnte fortgesetzt werden.

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Viele der besten Comics wollen beim Erzählen immer auch beweisen, was Comics leisten können – als eigene Kunstform. “The Violent” dagegen könnte auch ein Film sein, ein düsterer TV-Mehrteiler, Theaterstück oder sozialrealistischer Roman. Mason und Becky haben eine dreijährige Tochter, leben an der Armutsgrenze und tun alles, um nicht weiter abzurutschen. Becky war drogensüchtig, Mason saß im Gefängnis. Nichts soll je wieder schief gehen. Natürlich geht alles schief, sofort.

Ed Brisson zeigt ein beklemmend banales Drama um einen Mann auf Bewährung, der alle Risiken eingeht, um seiner großen Liebe zu beweisen: Wir schaffen das. Zeichner Adam Gorham hält viele nichtssagende Straßen und Wohnungen Vancouvers sympathisch nichtssagend fest. Ein Comic, der an keiner Stelle allergrößte Kunst sein will. Doch der gerade deshalb überzeugt:

Einfach, packend, ohne künstlerische Eitelkeiten, Schrullen. Ein großer, kleiner Wurf!

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17. Monstress
Autorin: Marjorie Liu, Zeichnerin: Sana Takeda
Image Comics, seit November 2015.
8+ Hefte, bisher ein Sammelband, wird fortgesetzt.

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Eine recht konventionelle Fantasy-Saga. Mit Kostümdesign und Architektur, so kunstvoll, dass alle Stärken der Reihe daneben zu Schwächen werden: Figuren? Plot? Solide. Doch erst die vielen Details (Zeichnerin: Sana Takeda) machen “Monstress” lesenswert. Einzelgängerin Maika trägt ein Monster in sich. Zwei reiche Hochkulturen führen Krieg. Beide halten sich für moralisch überlegen, aber sind zu jedem Tiefschlag fähig. Während Maikas Gegner für sich entscheiden: “Der Zweck heiligt die Mittel”, versucht die Außenseiterin, auch die schwächsten, taktisch unwichtigsten Leben zu schützen.

Ich brauchte gut 100 Seiten, um die Geschichte unter den barocken Steampunk- und Jugendstil-Klischees ernst zu nehmen. Zu viele Ideen hier wirken altbekannt. Der Rest zu oft verzweifelt möchtegern-originell. Tolle Kostüme und Architektur allein werden nicht entscheiden können, ob sich die Reihe lohnt: Wie klug, wie bitter werden Maikas Zwickmühlen weiter gedacht?

Politisch, psychologisch, grandios detailverliebt – oder doch nur Schauwerte, Kitsch, Effekte? Ich schwanke.

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16. Prez
Autor: Mark Russell, Zeichner: Ben Caldwell
DC Comics, Juni bis Dezember 2015.
Als zwölfteilige Heftreihe geplant, doch nach sechs Heften (in einem Sammelband) abgesetzt; sehr gute Kritiken, deshalb steht die Möglichkeit einer Fortsetzung im Raum.

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Ein Teenager als US-Präsident: 1973 zeigte ein albernes DC-Comic im “Richie Rich”-Stil fünf kurze Hefte lang, wie ein frecher Schüler das Establishment düpiert. 2015 gab es ein Remake über die junge Fast-Food-Angestellte Beth Ross, die via Twitter versehentlich zum Star wird, dann durch parteipolitische Intrigen Präsidentin. Trotz bester Kritiken las ich die Reihe erst im November, nach Trumps Wahlsieg – und war bestürzt, begeistert, fassungslos: der Comic der Stunde, schon wieder abgesetzt, wegen schlechter Verkaufszahlen.

“Prez” nutzt Klischees über die Generation Y, setzt raffinierte Spitzen gegen die Macht von Konzernen, US-Außenpolitik, Erregungs- und Populismus-Dynamiken im Netz – fast alles klüger, bissiger, subversiver als die besten taz-Artikel. Doch besonders Menschen über 40 fühlen sich wohl: So frisch und jugendlich die Reihe wirkt, ihr Blick erinnert an Satiriker der Generation X, Douglas Coupland, “Die Simpsons”. Auch charmant – doch etwas harmloser: Autor Mark Russels kapitalismuskritische “Familie Feuerstein”-Neuauflage von 2016.

Abgründig, schmerzhaft, unvergesslich: Ich kenne kaum dichtere, smartere Satire.

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15. Action Comics
Autor: Dan Jurgens; wechselnde Zeichner, v.a. Patrick Zircher und Tyler Kirkham
DC Comics, erscheint seit Juni 2016 zweimal im Monat; Heft 1 heißt “Action Comics 957”.
14+ Hefte in 3+ Sammelbänden, wird fortgesetzt. Parallel lesen: die Reihen “Superman”, “Trinity” und “Superwoman”.

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Immer wieder landen langjährige Heldencomics in erzählerischen Sackgassen – und räumen auf, indem ein komplizierter Zwischenfall (Zeitschleifen, Dimensionslöcher, parallele Welten) neue, simplere Zustände schaffen soll. 2011 hieß das: Superman und seine große Liebe Lois Lane werden ersetzt, durch jüngere Versionen, in einer neuen Welt. Jene Doppelgänger waren nie verheiratet, sind schroffer und pragmatischer; ein neuer Lex Luthor ist eher Antiheld als Schurke. 2015 strandete der ursprünglichere Superman in dieser neuen Gegenwart – in Dan Jurgens Reihe “Lois & Clark”: Er hat jetzt einen Sohn im Grundschulalter und lebt mit seiner Lois heimlich auf einer Farm.

2016, im nicht lesenswerten “The Final Days of Superman” starb der jüngere Superman. Seitdem übernimmt die ältere Version die Hauptrolle. In vier verknüpften, oft exzellenten Heftreihen – “Action Comics”, “Superman”, “Superwoman” und “Trinity” – wird dieses Durcheinander durchdacht, von allen Seiten. Es gibt zwei Lois Lanes. Kann man Lex Luthor trauen? Ein Fremder ohne Kräfte behauptet, Clark Kent zu sein. Supermans Sohn will selbst Held werden. Zu viele ermüdende Kämpfe, mittelmäßige Zeichnungen. Doch tolle Figurenarbeit, Rätsel, Ensembles und Intrigen.

Wirres Chaos? Nein: Ein Helden-Mosaik, so stimmig, herzlich, menschlich wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

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14. Harrow County
Autor: Cullen Bunn, Zeichner: meist Tyler Crook
Dark Horse Comics, seit Mai 2015.
18+ Hefte in 4+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Provinz und Außenseitertum, Pubertät und das Erwachen von Zauberkräften, Feminismus und Hexerei – all das passt zeitlos gut zusammen, und wird aktuell z.B. im feministischen Hexen-Comic “Sabrina” souverän erzählt. “Harrow County” dagegen ist eine Klasse für sich: Statt ältere Comic-Käufer anzusprechen, können Ton, Blick, Zeichnungen hier auch Zwölf- bis Achtzehnjährige erreichen. Toll kindlich-zeitloses Design, toll jugendliche Ängste, toll erwachsene Psychologie.

In Band 1 wird Emmy klar, dass sie die Wiedergeburt einer Hexe ist – und am 18. Geburtstag geopfert werden soll. Band 2 bis 4 werden, trotz schlimmer Ausgangslage, immer warmherziger, differenzierter, heimeliger: Wie findet man seine Rolle – am Ort, an dem man leben muss oder will? Was kann man der Gemeinschaft geben – doch was dürfen Familie und Nachbarn auf keinen Fall verlangen? Ein Grusel- und Coming-of-Age-Märchen über Heimat, Armut, Rassismus, weibliche Selbstverwirklichung während der Weltwirtschaftskrise.

Schaurige Nostalgie, meisterhaft schlicht gezeichnet und koloriert. Einfach – aber niemals kindisch!

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13. Detective Comics
Autor: James Tynion IV, Zeichner: meist Eddie Barrows oder Alvaro Martinez
DC Comics, seit Juni 2016 zweimal im Monat; Heft 1 heißt “Detective Comics 934”.
13+ Hefte in 2+ Sammelbänden (und einem Crossover-Band namens “Night of the Monster Men”, der übersprungen werden kann), wird fortgesetzt.

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Kate Kane ist Batwoman. Tim Drake war Robin. Cassandra Cain und Stephanie Brown kämpften als Batgirl. Wer nur die Batman-Filme kennt, ist überrascht, wie viele Unterstützer*innen Bruce Wayne im Comic um sich schart – eigensinnige Stimmen in Gotham City, mit interessanten Konflikten, Weltanschauungen, Dynamik. Weil Batman selbst meist wortkarg, kalt, paranoid bleibt, leuchten solche Konstrastfiguren. Doch in den großen monatlichen Heftreihen, “Batman” und “Detective Comics”, werden sie meist ignoriert, und ihre eigenen Serien (Ausnahme: “Batwoman” und Stephanie Browns “Batgirl”) bleiben zu oft zweitklassig, nebensächlich.

Autor James Tynion liebt die “Bat-Family”, gab vielen Figuren schon in “Batman Eternal” eine bessere Bühne. Sein Neustart bei “Detective Comics” ist ein Fest, ein Schachspiel, ein Charakter-Drama, in dem nicht nur Bruce glänzen darf, sondern endlich auch die vielen heimlichen oder unbekannteren Helden.

Große Auftritte – und ein Miteinander, das ich mir als Fan seit fast zehn Jahren wünsche!

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12. The Fix
Autor: Nick Spencer, Zeichner: Steve Lieber
Image Comics, seit April 2016.
6+ Hefte in mindestens 2 Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Bitter wie “Fight Club”, und zynischer, unverschämter als jede Hochstapler- oder Buddy-Cop-Komödie, die ich kenne: Roy und Mac sind die lustlosesten, nachlässigsten Polizisten der Welt. Nebenher schmuggeln sie Drogen, überfallen Rentner. Doch auch das bemerkenswert schlampig, lapidar. Immer wieder sterben Menschen. Besonders tragisch, dringlich, spannend wird das nie. Fressen oder gefressen werden? Leben und leben lassen? Egal: Wozu groß reflektieren?

“The Fix” warf mich um. Weil Krimis die Ermittler oft als Idealisten zeigen, die Gauner als virtuose, ehrenvolle Künstler. Roy und Mac sind Stümper, die einfach keinen Bock haben, sich Mühe zu machen mit anderen Menschen – doch die dafür von Autor Nick Spencer nie besonders in die Ecke gedrängt oder bestraft werden: “The Fix” fragt nicht nach Moral, Verpflichtung. Sondern zeigt, wie man arbeitet – sobald man jeden Ehrgeiz verloren hat.

Krimi? Nein. Ein aggressiv lässiges Portrait zweier Nihilisten, denen ganz Los Angeles am Arsch vorbei geht.

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11. Nailbiter
Autor: Joshua Williamson, Zeichner: Mike Henderson
Image Comics, seit Mai 2014.
27+ Hefte in 5+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Geniale Autorinnen und Autoren? Unbezahlbar! Doch was ist mit den nüchtern kompetenten Genre-Handwerkern, Story-Ingenieuren, Fließband-Erzählern, Routiniers? Seit 25 Heften liebe ich die simple, packende Erzählweise von Joshua Williamson – an dessen Arbeit nichts besonders tief, markant, klug, ambitioniert wirkt. Doch bei dem alles wunderbar spannend, kompetent vor sich hin schnurrt: knallige Cliffhanger, schnippische Dialoge, klare Figuren.

Es geht um Buckaroo, einen kleinen Ort im regnerischen Oregon, aus dessen Bevölkerung aus unerklärten Gründen immer neue Serienmörder hervortreten. Ein FBI-Ermittler, ein weiblicher Sheriff und ihr Ex-Freund, der als Killer “Nailbiter” überführt wurde, stolpern durch immer blutigeren, absurderen, surrealen Irrsinn. “Akte X”, mit schnelleren Antworten. “Twin Peaks”, doch ohne jeden Anspruch, Kunst zu sein. Ein glatte, souveräne Reihe – ohne “Das Schweigen der Lämmer”-Ambitionen.

Viele Psycho-Thriller scheitern, weil sie schwülstige Thesen zur Natur des Menschen suchen. “Nailbiter” hält den Ball viel flacher. Doch trifft dabei fast jedes Mal!

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10. Gute Nacht, Punpun
Autor und Zeichner: Inio Asano.
Shogagukan, 2007 bis 2013.
147 monatliche Kapitel, gesammelt in 13 Sammelbänden, abgeschlossen (2016 auf Deutsch).

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Wir kennen die Klischees: junge Männer, die sich über Monate ins Zimmer sperren. Schülerinnen in Uniform – fetischisiert, aber angefeindet. Japans Jugend, zerfleischt oder deformiert durch Prüderie, Erfolgsdruck, “toxic masculinity”.

Inio Asano zeichnet toll fotorealistische Hintergründe – doch tragisch hässliche, rotznasige Kinder. Deshalb wirkt “Punpun” die ersten drei, vier Bände lang wie eine patzig parodistische Mischung aus Rotz und Zuckerwatte: die Grundschulzeit eines Außenseiters, seine Tagträume, eine große Liebe. Die mittleren Bände zeigen Einsamkeit auf Mittel- und Oberschule, und sind betörend klug, hart, melancholisch. Im letzten Drittel sind Verlierer Punpun und seine Flamme Aiko am Ende – ruiniert von schlimmen Eltern, Pädagogen, dem System. Asanos Comic ist ein dunkler, epischer Bildungs- und Fehlbildungs-Roman, an vielen Stellen grell oder sentimental. Aber auf jeder Seite: dringlich, packend, wahr.

Ach so – und während hier fast jeder sonst konventionelle Manga-Körper hat, sieht sich Punpun selbst als läppisches Cartoon-Vögelchen.

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9. Wonder Woman: The True Amazon
Autorin und Zeichnerin: Jill Thompson
DC Comics, September 2016
als Buch erschienene Graphic Novel, 128 Seiten; hat ein recht offenes Ende: Fortsetzung sehr wahrscheinlich.

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2002 bis 2006 schrieb Greg Rucka moderne, sehr politische “Wonder Woman”-Comics. 2011 bis 2014 schuf Brian Azzarello ein blutiges, aber originelles Fantasy-Epos über Wonder Womans Krisen mit Zeus und Hera. Wer klagt, es gäbe kaum gute Geschichten über die Amazonen-Prinzessin, irrt. Was bisher aber schmerzlich fehlte: Bücher für Kinder im Grundschulalter.

Jill Thompson zeigt in fast naiven Aquarellen, wie Diana als verwöhnte, hochmütige junge Thronerbin um die Bewunderung der Amazonen aus dem Hofstaat ihrer Mutter kämpft – doch an Stallmeisterin Alethea scheitert. 120 Seiten lang glauben wir, zu lesen, wie aus Diana eine Heldin, Diplomatin und “True Amazon” wird. Tatsächlich aber nimmt die Geschichte, wie in einem archaischen Märchen, eine existenzielle, überraschend kraftvolle Wendung. Als Kind hätte mich das Buch über Jahre begeistert und schockiert. Noch heute, mit 33, kann ich die Fortsetzung nicht erwarten.

Harmlose Bilder. Doch die allergrößten Fragen, Themen, Konflikte.

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8. The Vision
Autor: Tom King, Zeichner: Gabriel Hernandez Walta
Marvel Comics, November 2015 bis November 2016.
12 Hefte in zwei Sammelbänden, abgeschlossen.

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Viele Marvel-Helden haben seit den 40er, 50er, 60er Jahren monatliche Auftritte in einer oder mehreren Heftreihen – und deshalb heute absurd barocke Vorgeschichten. Die Kunst der zwölfteiligen, abgeschlossenen Reihe “The Vision”? Für Band 1 (Heft 1 bis 6) spielt das Vorleben der Figur keine Rolle. Und in Band 2 (Heft 7 bis 12), sobald wir den melancholischen Roboter, sein Umfeld, alle akuten Konflikte verstehen, spannt Autor Tom King dann doch plötzlich große Bögen durch Jahrzehnte Marvel- und “Avengers”-Historie.

The Vision ist ein Kunstmensch, der sich spontan eine eigene Familie konstruiert, in die Vorstadt zieht, Alltag im “Mad Men”- oder Norman-Rockwell-Stil durchleben will. Sein herbstliches Idyll zerbricht – und was mit alten, simplen Roboter-Fragen wie “Haben Androiden-Kinder echte Liebe, Androiden-Nachbarn echten Respekt verdient?” beginnt, wird in Band 2 zu einem überraschend reifen Liebes-Drama (und: Superhelden-Duell).

Autor Tom King tut gern besonders tiefgründig, avantgardistisch. Oft gaukelt er Komplexität eher vor – durch Zeitsprünge, Montagen. Hier aber wirklich: Treffer!

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7. Billy Bat
Autor und Zeichner: Naoki Urazawa
Kodansha, Oktober 2008 bis August 2016.
165 monatliche Kapitel, gesammelt in 20 Sammelbänden, abgeschlossen (auch auf Deutsch fast vollständig).

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Rätsel-Serien wie “Lost” beantworten eine Frage, doch werfen dabei zwei neue auf – und lange vor dem Finale haben viele Fans alle Geduld verloren. Der Historien-Thriller “Billy Bat” zeigt eine geheimnisvolle Fledermaus, die über Jahrhunderte immer neuen Menschen immer Neues bedeutet – als Totem und Symbol, als Comic-Held und Maskottchen. Und als verborgene Stimme im Kopf, die u.a. das Attentat auf John F. Kennedy vorherzusagen scheint. Naoki Urazawa erzählt eine Kulturgeschichte von Zeichenkunst und Comic, von Groschenheften, Vergnügungsparks, Perfektionisten wie Walt Disney. “Billy Bat” fragt, was eine Figur bedeuten kann, über Generationen und Grenzen hinweg. Und, wo sich Comic-Kultur und Kulturimperialismus überschneiden – besonders zwischen Japan und den USA.

Ein warmherziges, überraschendes Geflecht aus liebevollen, meist klugen japanischen und amerikanischen Leben: Künstler und Strategen, Zyniker und Fans, Kapitalisten, Idealisten, Kinder, Kindsköpfe… und viele ältere Männer, die zurück schauen auf die großen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts.

Schwer und verkopft? Nein: “Billy Bat” erzählt ein Riesen-Epos – in überraschenden, optimistischen Häppchen. (Nur bitte nächstes Mal: mehr Frauen!)

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6. Injection
Autor: Warren Ellis, Zeichner: Declan Shalvey
Image Comics, seit Mai 2015, nach jeweils 5 Heften längere Pause.
10+ Hefte in 2+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Oft schreiben Comics schon schwarze Zahlen, sobald 5.000 Menschen ein Heft kauften. Deshalb können sie kantiger, seltsamer erzählen als Filme. Leider stammt Warren Ellis’ Verständnis von “kantig und seltsam” aus den 80er oder 90er Jahren: Paganismus, Cyberpunk, Hexerei, Verschwörungen, experimentelle Drogen… kein Ellis-Thema ist so crazy, mutig, originell, wie Ellis selbst zu glauben scheint – und darum war Band 1 von “Injection” ein zwar kluger, sympathischer globaler Ensemble-Fantasy-Techno-Thriller… aber eben: kein restlos origineller, gewitzter.

Die Reihe zeigt fünf brilliante (und großteils queere, bisexuelle) Forscher und Kollegen, die eine Erfindung – die Injection – in die Welt entließen, doch heute mit zunehmend monströsen Folgen ringen. Band 2 stellt Vivek in den Mittelpunkt, Millionär, Snob, Detektiv oder Exorzist (?) in Manhattan. Eine hochbegabte Sherlock-Holmes-Figur, bei der ich zum ersten Mal seit Jahren dachte: “Ja! Hier zeigt ein mindestens kongenialer Autor Methoden und Einfallsreichtum eines echten Genies.”

Ellis’ Versatzstücke, Puzzleteile sind oft nah am Klischee. Doch Ellis’ Gesamtbild und die Erzählweisen hier? Einzigartig. Unerhört originell!

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5. Die Stadt, in der es mich nicht gibt
Text und Zeichnungen: Kei Sanbe
Kadokawa, Juni 2012 bis März 2016.
44 monatliche Kapitel, gesammelt in 8 Sammelbänden, abgeschlossen (auch bald auf Deutsch). Fünfteiliger Epilog im Dezember 2016 abgeschlossen.

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“Vertraute Fremde”, ein Mainstream-Bestseller von Jiro Taniguchi, folgte einem Mann über 50, plötzlich zurück im Körper seines 14jährigen Ich. Kei Sanbe zeigt ein ähnlich melancholisches Zeitreise- und Kindheits-Drama – aber als Krimi: Pizzabote Satoru, Ende 20, wird in der Zeit zurück geworfen, oft nach kleineren Unfällen oder Verletzungen, und hat meist wenige Minuten Zeit, sie zu verhindern. Als seine Mutter ermordet wird, erlebt er einen drastischeren Zeitsprung: Er ist zurück im kalten Hokkaido, im Winter seines zehnten Lebensjahrs, über Monate gestrandet. Eine Mitschülerin wurde damals ermordet; der Täter wurde nie gefasst.

Lange wirken die Zeichnungen zu schlicht, naiv. Band 1 dreht sich banal im Kreis. Erst spät wird klar: Hier wird eine Mutter-Sohn-Geschichte über Courage, Vertrauen, soziales Engagement gezeigt, mit vielen starken, komplexen Frauen, Wärme, Lebensweisheit und einem raffinierten Katz-und-Maus-Spiel durch mehrere Zeitschleifen und -stränge. Ich hoffe, Autor (oder Autorin?) Kei Sanbe wird noch weiter über die verzweigenden Lebensläufe und schweren Entscheidungen der Figuren erzählen.

Simple Grundidee – doch endlos interessante Abzweigungen, Chancen, Varianten. Ab Band 2 wird das zum kleinen Wohlfühl-Meisterwerk.

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4. Darth Vader
Autor: Kieron Gillen, Zeichner: Salvador Larroca
Marvel Comics, Februar 2014 bis Oktober 2016.
26 Hefte (und das gelungene Crossover “Vader Down”), gesammelt in 4 (+1) Sammelbänden, wird mit der Spin-Off-Reihe “Doctor Aphra” fortgesetzt.

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Seit 2014 erzählen “Star Wars”-Romane und -Comics neue, offizielle Geschichten mit den alten Figuren. Jason Aarons Heftreihe “Star Wars” blieb hölzern. Doch Kieron Gillens “Darth Vader” wurde zum unerwarteten Highlight (…auch einen Blick wert: die Reihen “Han Solo” und “Poe Dameron”). Zeichner Salvador Larroca liebt Blaupausen, filigrane Technik; Autor Gillen herben Sarkasmus, dramatische Ironie, Realpolitik.

Dr. Aphra, eine gerissene Archäologin, kam so gut an, dass sie Ende 2016 ihre eigene Reihe erhielt. Auch die blutrünstigen Droiden BT-1 und 0-0-0 fanden Fans. Doch trotz zahlloser Szenen, die nur die Niedertracht, Kaltschnäuzigkeit aller Figuren ausstellen, bleibt schwarzer Humor kein Selbstzweck: Wie lebt, laviert, paktiert man als wichtiges, aber unbeliebtes Zahnrad in einem totalitären System?

Statt Vader zu vermenschlichen oder zu feiern, zeigen fünf kluge, knallige Bände, wie autoritäre Despoten allen schaden – den Machtlosen, der Welt, sich selbst.

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3. The Fade Out
Autor: Ed Brubaker, Zeichner: Sean Phillips
Image Comics, August 2014 bis Januar 2016.
12 Hefte, gesammelt in 3 Sammelbänden, abgeschlossen.

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Ed Brubaker ist großer Krimi-Liebhaber und -Experte, und will in seinen Comics oft Stimmungen und Ton einer vergessenen Ära oder Vorlage treffen. Zwei Bände lang wirkt “The Fade Out” wie eine solche Hommage – auf den Film Noir der späten 40er Jahre, “Sunset Boulevard” und Raymond Chandler, auf bittere Verlierer im Sündenbabel Hollywood, die spät begreifen, dass sie für immer Spielfiguren bleiben zwischen Studiobossen, Mafiosi, Femmes fatales.

Dass Brubaker hier nicht nur aufwärmt, spielt, wird im finalen Band 3 beglückend offensichtlich: Was als guter Comic für Nostalgiker begann, wächst zu einem Stück Kunst, das wirklich jeder mit Gewinn lesen kann. Denn statt Figuren nur als Kanonenfutter hin und her zu schieben, zeigt Brubaker die großen Archetypen der McCarthy-Ära in einer Tiefe, Wärme, Farbigkeit, auf die ich nicht vorbereitet war. Ein Denkmal an mutige, gebrochene Menschen im LA der Studio-Ära.

Gewann den Eisner Award 2016. Freut jeden, der alte Krimis mag. Und verführt jeden, der Krimis nie sehr mochte!

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2. Invisible Republic
Text: Corinna Bechko und Gabriel Hardman, Zeichnungen: Gabriel Hardman
Image Comics, seit März 2015.
13+ monatliche Hefte in 2+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Verwaschene Farben. Ein passiver, hasenfüßiger Reporter ohne Esprit, Geist, Witz. Die arg pompöse Grundidee: Revolution auf einer fernen Kolonie der Erde, und eine Gegenrevolution, 40 Jahre später. Straßenschluchten, Nieselregen, brutalistische Betonbauten – als hätte man “Blade Runner” ohne großes Budget in einer Hertie-Filiale in Stuttgart gefilmt, im November 1980. “Invisible Republic” startet freudlos. Nie wirkte epische Science-Fiction prosaischer.

Doch meine Gewissheit, hier etwas ganz Besonderes, Einmaliges zu lesen, wächst: In jeder Geschichte, die auf historisch realen Freiheits- oder Klassenkämpfen fußt, schwingt Pathos oder linke Heldenverehrung, Parteilichkeit, Patriotismus. “Invisible Republic” kann das umschiffen – durch das besondere Setting: Wären all diese Partisanen und Agitatoren, Rebellen, Linksterroristen und Whistleblower in Prag, auf Kuba oder in Ost-Berlin, zu viele Menschen würden beim Lesen säuseln: “Prag! Kuba! Ost-Berlin! Schon auch eine schöne, hoffnungsvolle Zeit!”

Der blutige Freiheitskampf einer Kolonie. Und 40 Jahre später: das Ende einer Diktatur. So analytisch, pathosfrei, reflektiert erzählt, wie bei einer Erden-Nation niemals möglich.

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1. Panter
Autor und Zeichner: Brecht Evens.
Deutsch bei Reprodukt.
120 Seiten, abgeschlossen.

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Sollen wir das putzig finden? Christine ist traurig, weil ihre Katze starb – und entdeckt plötzlich einen neuen besten Freund: ein wilder, farbenfroher, charismatischer Panther springt aus ihrer Kinderzimmmer-Kommode und überredet sie, zu albern, zu kuscheln und zu flirten. Tier und Mensch, Alt und Jung, Groß und Klein – so innig wie Otto und Benjamin Blümchen, Calvin und Hobbes, Pete und das Schmunzelmonster.

Was aber wollen diese aggressiv drolligen Gestalten eigentlich von Kindern? Welche Balus wünschen sich einen Mogli – und wozu? “Panter” ist eine viel zu bunte, kuschelige, munter-bezaubernd-manipulative Graphic Novel über ein Kind, das umworben wird – von einem kunter-tupfig-lustig-bunten, allerliebsten… Raubtier.

Freundschaft? Nein. Der Belgier Brecht Evens zeigt die Dynamiken von Grooming, Missbrauch, sexueller Gewalt.

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und:

Gefeierte US-Reihen wie “Saga”, “Lazarus”, “Ms. Marvel” und “Southern Bastards” veröffentlichten auch 2016 neue Hefte und Sammelbände, auf gewohnt hohem Niveau. Auch der Manga “I am Hero” überzeugt seit Jahren.

“Westworld”: Empfehlung & Kritik

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Vom 7. bis 12. Dezember 2016 sehe ich die erste Staffel von “Westworld”…

…und werde zu jeder Episode kurze Ideen, Anmerkungen, Fragen bloggen. Ich bin Kulturjournalist und schreibe meist über Literatur. Doch ich liebe gute Serien (Favoriten: “Six Feet Under”, “Willkommen im Leben”, “Mad Men”, “Girls”, “Neon Genesis Evangelion”) und blogge hin und wieder ausführlich über Serien und Filme, z.B.

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Über “Westworld” – Michael Crichtons Drehbuch/Grundidee, den Film von 1973 und Staffel 1 der HBO-Serie von 2016 – spreche ich auch am 15. Dezember auf Deutschlandradio Kultur, im Magazin “Lesart”.

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Links zur Serie:

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1_01: Solide Kulissen, tolle Landschaften, ruhige und übersichtliche Kamerafahrten, grandiose Lichtstimmung! Ich fühle mich in dieser Erzählwelt wohl. Nur der “Kampfstern Galactica”-Look hinter den Kulissen stört: Seit über 20 Jahren sehen futuristische Anlagen fast immer gleich aus. Wollen (oft kreative) Mitarbeiter*innen so arbeiten – in dunklen, sterilen, monotonen Labors? Und müssen die Lagerräume und Sublevels immer aussehen wie in “The Pretender” oder Michael Crichtons “Coma”: super-creepy?

1_02: Die Hosts sind mir bisher, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, sympathisch. Doch Tonfall und Stimmung in der Zentrale machen mich kirre: Zu viele fluchende, paranoide, grundlos gehässige Kollegenschweine, die aufeinander einhacken. Ich denke a) an “unReal”, eine Soap über gnadenlose, bitchy Produzent*innen eines Reality-Formats, aber b) auch an die vielen Berichte über den Stolz, Perfektionismus und die übertrieben gute Stimmung der Menschen, die Disney-Parks betreiben: “Imagineers”. Im “Westworld”-Team wird mir der Conflict Ball zu hart, hämisch geworfen. Jeder sägt am Ast von jedem anderen? Das wird schnell unfreiwillig komisch.

1_03: Mich freut, dass der einzige Mensch, bei dem Libido, Begehren, Sexualität wichtig sind, queer oder lesbisch sein könnte: Elsie (Shannon Woodward). Und ich mag, wie gemütvoll und versponnen Bernard denkt, arbeitet, reagiert. Ich kann mir vorstellen, dass er der größte Sympathieträger wird. Oder, interessanter: für immer mehr Schwierigkeiten sorgt, Menschen in Gefahr bringt.

1_04: Shakespeare-Zitate? Uff. Immerhin: Mal sehen, ob Gertrude Stein zitiert wird/wichtig bleibt, und, ob “Westworld”-Fans deren Bücher durchsuchen. Trotzdem ist mir das drei Nummern zu… gravitätisch. Bei “Lost” nervte mich schnell, wie sicher sich vor allem die beiden alten Männer Locke und Ben sind, Hauptfiguren in einem großen, metaphysischen Spiel zu sein. Anthony Hopkins (als Robert Ford) und Ed Harris (als Gunslinger) raunen, schmunzeln, spielen, monologisieren im selben Stil… und gehen mir schon im Pilotfilm auf die Nerven: Ich weiß nicht, wieso Harris glaubt, es gäbe ein tieferes Level, eine versteckte Spielebene. Ich weiß nicht, wieso Hopkins nur darauf wartet, dass die Hosts ihre Schöpfer überflügeln. Doch ich fände schöner, klüger, subversiver, falls die beiden Männer nicht Recht hätten, und ihr metaphysisches Gewäsch… Gewäsch bleibt. (Schön an Harris: In echten Bezahl-Spielen sind reiche Geldgeber, “Walfische”, sehr wichtig – und ich glaube, über das Entitlement und die Illusionen von alten Männern, die viel Geld ausgeben, um in einem Spiel zu Göttern zu werden, kann man interessante(re) Geschichten erzählen. Toller Text z.B. über den Spiele- “Walfisch” Stephen Barnes.)

1_05: Mir scheint, das Hinter-den-Kulissen-Team hat bisher ein, zwei Figuren mehr als nötig. Muss jemand sterben oder gehen? Wer sind die Cylons, Maulwürfe, Betrüger? #balance

1_06: Wie lange dauert ein Narrative Loop, ein Erzähl-Durchgang im Park? Im Pilotfilm sah es aus wie ein Tag – doch die meisten Besucher*innen sind, denke ich, viel länger zu Besuch, und gute Storylines brauchen viel mehr Zeit. Wer räumt auf, wäscht die Kostüme, repariert die Kulissen? Und: Wann? Müssen Besucher*innen z.B. nachts für ein paar Stunden bestimmte Sets verlassen? Oder wird immer nur am Ende jedes Loops geputzt?

1_07: Wer genug Geld hat, um sich von anderen tagelang bedienen zu lassen, ist oft grausam, distanziert oder überraschend ordinär. Mir gefällt, dass das Produktionsteam Westworld als einen Ort beschreibt, in dem reiche Menschen Indianer töten wollen – weil das viel über Feindbilder sagt, Klassenkampf, Rassismen, Klischees. Ich wünsche mir viel mehr Szenen mit Besuchern: Was wollen sie kompensieren? Funktioniert die Illusion, für sie? Sobald im echten Leben Leute erzählen, warum sie MMORPGs spielen, in Disney-Parks reisen, Kreuzfahrten buchen, lassen ihre Gründe tief blicken. Mehr davon hier, bitte: Wie banal, wie rassistisch, wie plump muss der Park sein, damit Menschen dort gern ihr Geld lassen? Bisher z.B. scheinen mir die Gangster/bösen Hosts flach, schlecht geschrieben – was aber zu meiner Befürchtung passt: Ich halte Lee Sizemore (der Brite, der einfallslos flucht und die Storyline der Hosts entwarf) für einen Stümper. Und ich glaube, die Zielgruppe des Parks will eine eher flache Geschichte.

1_08: Dolores ist programmiert, um keiner Fliege etwas zuleide zu tun. Sie tötet die Fliege – und der Pilotfilm endet. Freund M.: “Das hätte nebenher gezeigt werden müssen, in einer beiläufigen Geste. Nicht als finaler Schock. Die Serie erzählt zu langsam, plump.”

1_09: Ich denke an Liverollenspiele – in denen sich Spieler*innen treffen und gemeinsam verabreden, eine Illusion aufrecht zu halten – und wünsche mir, dass a) mehr Besucher*innen die Illusion des Parks als Herausforderung verstehen, daran rütteln, die Roboter und Erzählmechaniken bewusst trollen, sich verhalten wie in einem Luzidtraum; und b) die Serie selbst zeigt, wo die Park-Illusion an ihre Grenzen gerät und, ob extreme Nähe zur Wirklichkeit gut für den Spielspaß ist… oder eben: gerade nicht. Dass im Saloon “Paint it black” von den Rolling Stones läuft, halte ich für ein gutes Zeichen: Den Machern des Parks ging es offenbar nicht darum, Geschichte (History) nachzubauen… sondern um eine möglichst mitreißende Oberfläche, Spielmechanik. Grundsätzlich also: Alles, was bisher zu schmuddelig, düster, hart war, um in den Holodeck-Episoden von “Star Trek” thematisiert zu werden? Hier ist Platz! Bitte erzählen, bitte hinterfragen!

1_10: Der Vorspann langweilt mich schon beim ersten Ansehen. Es gibt kaum HBO-Intros, die ich gern mehrmals sehe (vielleicht “Game of Thrones”, weil je nach Episode neue, andere Locations gezeigt werden; vielleicht “True Blood”, wegen Sound/Tempo/Dynamik). Doch bei “Westworld” denke ich an “Six Feet Under”, 2001: Wenn man bei HBO lange Intros noch heute wichtig/sinnvoll findet… will ich bitte etwas sehen, das ich nicht bereits 2001 sah. (Aber: Das sind 3D-Drucker, oder? Ich bin gespannt, ob die Serie noch etwas Interessantes/mir Neues zeigen wird, über z.B. das Drucken von Fleisch und Fasern.)

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2_01: Zu viele Serien starten mit einem Neuankömmling und seinen ersten Schritten durch ein ihm fremdes System. Im Pilotfilm erschien Teddy kurz als diese Sorte Figur – ein Gast, unterwegs zu einem weiteren Urlaub mit Dolores? Mich freut, dass Folge 1 dann anders verlief; doch Folge 2 trotzdem zeigt, wie neue Besucher – William und Logan – den Park erleben. Auch Maeve (Thandie Newton) hatte im Pilotfilm kaum Raum. Gut, dass offenbar nicht jede Folge vor allem um Dolores, Ford, Bernard kreisen wird.

2_02: Ich bin gesichtsblind – aber kann die “Westworld”-Rollen recht gut unterscheiden, durch Kostüme und die Trennung Park/Zentrale. Ein kleineres Problem sind Stimmen: Spricht Bernard mit Dolores – oder hört sie auch Fragen von Ford? Ich brauche noch Zeit, um das treffsicher zu hören. Den nackten Teddy im Säuberungs-Glaskasten erkannte ich nicht. Die Köpfe in Fords Büro sagen mir so wenig wie die Halle der Gesichter bei “Game of Thrones”. Und ein Problem für mich als Deutscher: “Fackeln im Sturm” ist lange her. Jedes US-Kind erkennt eine Konföderierten-Uniform; weiß wohl bereits, welches Jahrzehnt der Park nachbildet, wie Mexikaner, Schwarze, Nord-, Südstaatler und Native Americans hier zu- und gegeneinander stehen. Ich weiß es nicht.

2_03: Weniger Panorama- und Luftaufnahmen: In Folge 2 wirkt alles enger, etwas billiger inszeniert. Doch ich bin froh um den modernen Shuttle-Bahnhof, und habe hoffentlich bald ein wenig Überblick, wie die (grundlos düstere) Zentrale aufgebaut ist. [Trotzdem erinnerte mich der Bahnhof an z.B. das tiefste Level des Berliner Hauptbahnhofs. Ich denke oft: Hätte Deutschland noch mehr Geld – alles sähe bald so aus. Nur: mit mehr gebürstetem Stahl.]

2_04: Ich mag, wie viele Handlungsstränge parallel ablaufen. Aber wünschte, alles würde sich schneller, interessanter überschneiden. Meist haben Serien drei Stränge pro Episode. Ab vier parallelen Storylines wird es oft etwas träge. “Westworld” bleibt langsam, einfach, eher schlicht erzählt – doch durch die sechs, sieben Stränge hatte ich angenehm viel zu denken. Mein Partner hätte Park und Zentrale dagegen lieber kennen gelernt, indem pro Folge nur eine Figur genau verfolgt wird: ein Host, ein Gast, eine Mitarbeiterin wie Elsie, dann Bernard oder Ford… doch mir gefallen die schnellen Brüche, Abwechslungen, Kontraste. Aber: Serien mit vielen Strängen haben oft besondere Episoden, in denen von Anfang an oder plötzlich, mittendrin nur noch eine einzelne Figur ins Zentrum tritt. Deshalb: Bleibt die Struktur? Wirklich in jeder Folge?

2_05: Bei Maeves Flucht durch die Zentrale dachte ich erneut an Michael Crichtons “Coma”. Body Horror (Körper, mit denen etwas *überhaupt* nicht stimmt) und Rape Culture (Frauen als Objekt, Sex als Machtspiel) sind in fast jeder Szene Thema (wie in vielen HBO-Serien, durchgängig) – doch bisher sehe ich nicht, dass “Westworld” daraus interessante Fragen zieht: Stumpfe ich ab, wenn alle 15 Minuten eine Frau/Maschine/Puppe vergewaltigt wird? Der ganze Park scheint auf Mord, sexuelle Gewalt, “Hier darfst du mit Unterlegenen, die sich nicht wehren können, ohne Angst vor Strafe alles tun”-Versprechen zu setzen: ein recht simples Menschen-, Kunden-, Spieler-Bild. Gibt es NUR Gäste, die Westworld als Western-GTA-Sandbox genießen – und keinen, der das sinn- oder trostlos findet? Und: Werden jetzt zehn Folgen lang einfach nur Tabus verletzt, Verkommenheit gezeigt? Gibt es z.B. Kinder-Roboter, die für Sex bereit stehen? (Nebenbei: Trotz so vieler geschundener, manipulierter Körper wird bisher nichts über Behinderung erzählt.)

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3_01: Online-Freund Gabriel Yoran las meine Fragen zu Folge 1 – und stutzte, warum ich nicht auch z.B. nach dem narrativen Raum frage: “Wo ist da eigentlich was?” Jetzt, während Folge 3, überlegte ich tatsächlich dauernd: Wie werden die Hosts – z.B. Dolores für ihre vielen Verhöre – hinter die Kulissen transportiert? Warum brauchen Elsie und Stubbs Stunden, um den verirrten Host zu finden? Ist die Zentrale so schlecht überwacht, dass Maeve minutenlang flüchten kann – ohne, dass Sensoren Alarm schlagen? Sobald sich alles weiter zuspitzt, werden wir bestimmt auch Hubschrauber, Hovercrafts, absurde Technik mitten im Park sehen – dramatische Anachronismen. Und was liegt außerhalb der Anlage? Wann spielt das? Bernard führt einen simplen Video-Chat mit seiner (Ex-)Frau – doch sagt (lügt? witzelt?): “You know how hard it is to get an open line out here.” Wir wissen nichts über die Welt jenseits des Parks – und solche Auslassungen sollen, denke ich, späte Überraschungen, Schockeffekte, möglich machen. Doch ich würde lieber jetzt schon sehen, wie sich Park, Zentrale und Außenwelt/politische Gegenwart gegenseitig bedingen.

3_02: Dolores’ Kleid, Frisur, Haarfarbe: Alice im Wunderland. Ford lässt sie holen – und sie ist nackt. Bernard lässt sie holen – und sie bleibt angezogen. Ich mag diese Verhöre/Diskussionen (und bin meist überrascht, wie lange solche Szenen dauern, ohne, langweilig zu werden), doch ich habe Angst, dass eine menschliche Figur unsterblich werden wollte/sollte, und jetzt als Virus in den Hosts steckt: Arnold? Oder Charlie, Bernards toter Sohn?

3_03: Schön, wie schnell “Westworld” Leitmotive, Arc Words, Grundfragen und Gegensatzpaare etabliert. Sprechende Ortsnamen – Escalanto, Pariah, Sweetwater, die “Ghost Nation”. Wiederkehrende Sätze wie “There’s a path for everyone” oder “Not much of a rind on you” (Body Horror!). Ich mag, dass übers Träumen gesprochen wird, doch überraschend selten übers Spielen oder über Schuld/Unschuld, oder über Kunst/Künstlichkeit – als Gegenteil zu Natur/Natürlichkeit. Ich mag, dass Ford eine Pyramide entwirft und die Spitze nicht kennt. Ich mag, dass das Labyrinth eine besonders interessante Mitte hat, doch der Park selbst nach außen hin komplexer, attraktiver, reicher wird… und, dass die Serie gern mit Kreisen arbeitet statt mit simpleren Modellen wie “oben vs. unten”, “innen vs. außen”, “hinten vs. vorne”. Beginnt jede einzelne Folge mit Dolores? [Spoiler: nö.] Und wiederholen sich bedeutungsschwangere Sätze nur, weil Menschen/Künstler den Hosts Skripte schrieben – oder gibt es (wie z.B. in “Lost”) auch Wiederholungen, die suggerieren: Das ganze Universum hat hier eine gewisse Symmetrie, Sinnhaftigkeit, höhere Ordnung – nicht bloß der künstliche Park? Mich würde freuen, wenn der Park voll literarischer Motivketten steckt – doch die Zentrale, die echte Welt gar nicht. #realismus #zufall

3_04: Zu viele Szenen im Park sind nur spannend, weil wir nicht wissen, wer Host ist, wer Besucher. Auch Dolores’ Pistole ist für mich v.a. interessant, weil unklar bleibt, ob sie auch Menschen verletzt. Ich dachte erst, Besucher lassen sich erkennen, weil Leute im 19. Jahrhundert anders fluchten – doch für mich klingen fast alle Figuren gleich (…albern): Der Ton in der Zentrale bleibt zickig, lächerlich überspannt. Und auch im Park wird ständig “Fuck” gesagt. Will “Westworld” zeigen: Reiche Menschen sind triebgesteuert, vulgär? Die Technik wird sophisticated – aber der Mensch bleibt plump? Ein fauler Gast mault: “We should have done the Riverboat thing” – und dieses “Riverboat Thing” klingt wie eines der fadesten, abgeschmacktesten Angebote im Park: Ich bin gespannt, ob wir die Flussfahrt später noch sehen. Überhaupt wünsche ich mir mehr Besucher, die alles behindern, aus der Rolle fallen, scheitern. Mehr Theme-Park-Kritik und -Parodie-Momente!

3_05: Ist “Buffy” eine gut geschriebene Serie? Um das zu wissen, achte ich lieber darauf, wie sorgfältig ein secondary character wie Cordelia gearbeitet ist – nicht Heldin Buffy selbst. Ich bin besonders glücklich, wenn selbst tertiary characters wie Anya sorgfältige, liebevolle, intelligente Charakter-Momente haben. In “Westworld” schaue ich deshalb gern und genau auf kleine Rollen wie Elsie, Stubbs, Clementine, vielleicht auch Teddy: dass Anthony Hopkins und Evan Rachel Wood hundert kluge Sätze sagen dürfen bis Folge 10, ist keine so große Autoren-Leistung. Bitte zeigt mir, dass auch die Randfiguren keine Pappkameraden, Klischees sind! Ich mochte die Meta-Gespräche über Nebenrollen, hier in Folge 3, und warte ab, ob es sich “Westworld” als Serie so leicht macht wie Sizemore als Autor und a) viele tragische doomed Sidekicks einbaut und b) Frauenfiguren wie Maeve stärker und attraktiver machen will, indem die Autoren beschließen: “So. Aggression und Bitchiness um 20 Punkte erhöhen.”

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4_01: “You think the grief will make you smaller inside, like your heart will collapse in on itself, but it doesn’t. I feel spaces opening up inside of me like a building with rooms I’ve never explored.” Schönes Bild – und sympathisch, wie schnell Bernard fragt, wer solche Sätze für Dolores geschrieben hat, mit welcher Absicht. Trotzdem: Bisher hat “Westworld” nichts besonders Kluges über Schmerz, Verlust, Trauma erzählt. Da muss mehr kommen! (Bitte auch zum Begriff “Freiheit”.)

4_02: Gehören alle Native Americans im Park zur “Ghost Nation”? Sind alle in Decken gehüllte Bankräuber, die Hector Escaton (Rodrigo Santoro) begleiten, Hosts? Hat Wyatt die Kontrolle über die als Büffel-Monster verkleideten Schlächter; oder treten auch Besucher seinem Todes-Kult bei? Was tat Lawrence, um am Galgen zu enden? Noch immer sind mir alle “bösen” Hosts zu eindimensional – und ich wünschte, es gäbe mehr Native Americans und mehr Gäste, die bei ihnen leben. (…was aber vielleicht daran liegt, dass in Deutschland Indianer fetischisiert werden. Ich glaube, vor allem Ostdeutsche würden tausendmal lieber einen “Der mit dem Wolf tanzt”-Freizeitpark besuchen als einen Cowboy-Park.)

4_03: Folge 4 [Update: und 5, und alles aus 6 bis auf die lange Szene mit Maeve und Radioheads “Motion Picture Soundtrack”] ist für mich der trägste, schleppendste Teil der Staffel; vor allem der Western-Stränge wegen: teuer inszeniert, doch mit seichten Hosts in simplen Abenteuer-Szenen, ohne besondere Dringlichkeit, Spannung. Die Erlebnisse von William/Logan und von Ed Harris’ Gunslinger wirken auf mich wie Sidequests, Holodeck-Lappalien. Für Folge 4 schrieb Ed Brubaker, einer meiner Lieblings-Comicautoren (große Empfehlung: “The Fade Out”, 3 Bände), am Drehbuch mit. Doch für mich kippt die Serie hier von “sehen!” zu “weniger frustrierend als ‘Lost’, ‘Galactica’, ’24’ – doch oft genauso halb-durchdacht und schleppend.” Oder, um Logan zu zitieren: “I don’t have time for this color-by-numbers bullshit.”

4_04: Arnolds Schnitzeljagd zum/durchs Labyrinth wirkt recht… konventionell, bisher. Mich verwirrt, dass Ford und die Parkleitung nichts über das Symbol zu wissen scheinen, obwohl es an mehreren Stellen offen auftaucht; und, dass Ed Harris erst nach 30 Jahren Urlaub im Park diesen Indizien folgt. Schade, dass Armistice – die Frau mit dem Schlangen-Tattoo, gespielt von Ingrid Bolso Berdal – ein Host zu sein scheint: Bisher haben wir keine Besucherin länger im Park erlebt. [Edit: Doch. Ich dachte, Armistice und Marti seien die selbe Rolle.]

4_05: Theresa wirkt steif, etwas humorlos (eine Sorte Frau, die Zuschauer meist ablehnen), und, in fast allen Gesprächen, überrumpelt (eine Sorte Figur, von der Zuschauer schnell sagen: “Wie sinnlos. Sie stört nur!”). Romantisch, dass Bernard ihr riet, die Arme nicht zu verschränken – doch etwas patronizing. Dramatisch, dass Ford sie auf der Hazienda bedrohte und einschüchterte – doch: super-patronizing. Ford wirkt cartoonhaft böse: Entweder, er ist übermächtig, kann alles kontrollieren, wissen (…bis runter zur Klapperschlange). Oder, er überschätzt sich, und die Figur ist – genau wie Sizemore – eine Kritik an Hochmut/Hybris. So oder so: Die Menschen der Zentrale werden greller, plumper, langweiliger, mit der Zeit. Nicht: interessanter.

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5_01: “Your mind is a walled garden.” Bisher überzeugen mich die Metaphern für Bewusstsein und Erinnerung, die Ford und Bernard so lieben, nicht – und auch die Umsetzung solcher Bewusstseins-Prozesse und -Glitches in filmische Bilder könnte mutiger, origineller sein. Beide Männer sprechen viel über Eleganz – doch betreiben eine Kunstwelt, in der “Eleganz” oft nur die plumpsten Ventile/Angebote für Gewalt und Sex maskieren, rechtfertigen, aufhübschen soll. Wie “elegant” ist “Westworld” als TV-Serie… und sollen wir “Eleganz” hier als echten Wert, Leistung verstehen (Kunst! Zivilisation!) oder als Kosmetik, Oberfläche, dekadente (Selbst-)Täuschung: eine Rechtfertigung/Ausrede, um Gewalt auszuüben…?

5_02: Sind Lawrence und El Lazo die selbe Figur, in zwei verschiedenen Loops? Oder nur der selbe Roboter, aber mit einem neu aufgesetzten/eingespielten Rollenprofil? Falls Host-Körper nur noch “Trägermedien” für ein digitales Bewusstsein sind: Könnte jemand (Arnold? Dolores?) durch andere Hosts huschen, in sie überspringen? Oder sie fernsteuern? Gibt es Hosts, die zeitgleich mehrere Körper kontrollieren? Kann man Bewusstsein kopieren, auf separate Roboter aufspielen, kann sich eine Host-Persönlichkeit zeitgleich in zwei Körpern entwickeln, spalten: digitale Zwillinge? Oder gibt es umgekehrt – wie bei den Borg – ein Hive-Mind, einen Schwarm?

5_03: Bei “Lost” nervten mich mysteriöse Tiere – weil dort jedes Wesen, das sich seltsam verhielt, sofort die Frage nach einer höheren Instanz (“Ist die Erzählwelt von ‘Lost’ übernatürlich?”) aufwarf, oder nach einem tieferen Sinn (“Sind den Autoren von ‘Lost’ Motivketten so wichtig, dass sie den Realismus der Erzählwelt opfern – um durch seltsame Tiere ein paar literarische Effekte zu setzen?”). “Westworld” dagegen darf das – denn wenn sich ein Tier im Park seltsam verhält, denke ich: “Was verrät das über das Design des Parks, die Agenda von Ford oder Arnold?”, nicht: “Zeigt sich in dieser Anomalie ein Gott innerhalb (Mystik!) oder außerhalb (Autoren!) der Erzählwelt?” Trotzdem: Fords Klapperschlange, Fords Windhund, Felix’ Vogel? Bisher wirken diese Tier-Spielereien beliebig. [Update nach Folge 7: Hat Ford gelogen – und die Katze und/oder den Hund als Kind selbst getötet?] #intelligentdesign

5_04: Ich mag, wie genussvoll sarkastisch Elsie den “necro-perv” Dustin in die Ecke treibt, und denke an Veronica Mars‘ Schwung (und Hass). Schlimm nur, dass fast alle Menschen (größte Ausnahmen: die zwei ungesunden Sentimentalos William und Bernard) die schmierigsten “Männer sind Schweine”-Klischees bedienen. Sieht jeder hier die Hosts als “Dolls” und “Fuck Puppets”? Will “Westworld” Sympathie für Hosts schaffen, indem die Menschen immer tiefer sinken? Und: Als Arnold vor 30 Jahren fast den Park zerstörte – war das ein Akt der Gewalt gegen Hosts? Oder gegen die Besucher und das Management? #roboterrechte #hostsalsbesseremenschen

5_05: “William doesn’t want to sexually engage with the hosts. How much of that is him being moral and how much of it is him being scared of his own desires?” Eine wichtige Frage, aus einem sympathischen Interview mit Darsteller Jimmy Simpson: Jede “Westworld”-Figur, die glaubt, das “Gute”, “Richtige” zu tun, wirkt dabei etwas… platt. Absichtlich? Sollen wir Dolores feiern, wenn sie sagt “People come here to change the story of their lives. I imagined a story where I didn’t have to be the damsel”? Ist es so leicht, sogar fürs Hosts – sich aus der Unmündigkeit zu befreien? Dass Dolores jetzt Hemd und Hose trägt, gibt mir noch kein “Yeah! Strong Female Characters!”-Hochgefühl. Als Zuschauer aber freut mich, wie unklar, ambivalent das bleibt. Ich will das mögen. Doch mag noch mehr, dass mich die Serie immer wieder daran erinnert, was genau ich da mögen will/soll: eine Kette von inszenierten, sentimentalen Erzähl-Effekten. 

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6_01: Es gibt zwei… Komplexitäts-Regler, an denen die Serie beliebig drehen kann. Die Autoren können psychologisch fragen: “Wozu ist jede Figur fähig? Wie tief, weit kann sie sich entwickeln, wie klug können Gegner ihr widersprechen, welche geheimen Absichten, Widersprüche lauern in ihr?” (Ford, Theresa, Logan – sogar Sizemore?) Oder die Autoren fragen nur technisch: “Welche Backdoors, Rätsel, Programme, Bewusstwerdungsprozesse schlummern in den Hosts?” (Dolores, Teddy, Maeve – sogar Clementine?) In beiden Fällen geht es um Figuren und ihr Potenzial. Doch Variante 1 braucht Psychologie, Debatten. Variante 2 vor allem Schocks, Science-Fiction-Bla, drastische Twists. Ich fürchte, das ist der Serie wichtiger. Statt “Huch: diese Figur hat viel mehr Tiefe als gedacht!” setzt jede Folge auf “Whoa: In diesem Host laufen noch drei, vier weitere geheime, unbewusste Sub-Routinen!” Buh!

6_02: Das für mich größte Problem der Serie: Wie wenig die Zentrale sieht, bemerkt. Ich verstehe, dass der Park weitläufig ist. Ich verstehe nicht, warum die Hosts keine Kamera im Auge haben. Warum Felix und Sylvester nicht überwacht werden. Warum keine Karte in der Zentrale live Alarm schlägt, sobald jeder Mensch und jeder Host in Park oder Zentrale atypische Bewegungen macht. Logan und der Gunslinger waren mehrmals in Gefahr, in Außenbereichen des Parks. Wie viel Gewalt Hosts ausüben dürfen und, wie schnell und effektiv jemand in der Zentrale darauf reagieren kann, scheinen die “Westworld”-Autoren von Fall zu Fall zu entscheiden – oder selbst nicht genau zu wissen. Buh!

6_03: Ich kann nicht fassen, dass ich noch immer sehnsüchtig an die Soap/Satire “unReal” denke, sobald in der Zentrale gestritten wird: Das ständige “Shit! What the fuck?” geht mir (besonders bei Elsie) auf die Nerven. Szenen wie zwischen Sizemore, Theresa und Charlotte Hale sah ich vor 20 Jahren in “Verbotene Liebe”. (Nochmal: Warum erfinden die eitlen, von sich selbst überzeugten “Westworld”-Schreiber einen so platten, eindimensional satirischen Autor?) Schwitzende Büromenschen, die erschreckt auf Bildschirme starren und in alle Richtungen lügen, sah ich vier Staffeln lang in “24” (…dann hatte ich genug). Das “gruselige” Theater und das “gruselige” Sublevel wirkten albern. Und ich verstehe Elsie, wenn sie zischt: “It’s like everybody around here has got some kind of fucking agenda except for me.” Statt Tiefgang: Gifteleien, Wassertreten, künstliches Drama, Scheinkomplexität. Shenanigans, unwürdig für eine scheinbar raffinierte, “elegante” Serie über raffinierte, hochintelligente Profis. Buh!

6_04: Ich schrieb im Tagesspiegel, wie viel Respekt ich vor Nacktszenen, öffentlicher Entblößung habe. Dolores sollen wir als Zuschauer, glaube ich, schwierig oder tragisch finden. Thandie Newton dagegen hat eine heroische, gewollt sympathische, schlichtere Rolle. Einfacher geschrieben – doch großartig gespielt: verletzlich-aber-bedrohlich, schnippisch-aber-ratlos, zynisch-aber-empathisch. Maeve als Heldin der Serie. Wow.

6_05: Vor knapp zehn Jahren wollte Autor Dwayne McDuffie mehrere schwarze Held*innen ins Ensemble des “Justice League”-Comics aufnehmen – doch wurde von seinen Vorgesetzten bei DC Comics an die “Rule of Three” erinnert: Zeigt ein Plakat, Heftcover o.ä. drei schwarze Figuren, glaubt das Mainstream-Publikum “Nichts für mich: Das ist ein Nischen-Produkt für Schwarze.” Mich freut, dass – trotz des Western-Settings – in fast jeder “Westworld”-Szene Figuren of Color wichtige Rollen spielen. Und, dass bisher kein Gegner ihre Hautfarbe als Vorwand nutzte, um sie herabzusetzen (…bis auf Arschloch Sylvester, als er seinen Kollegen Felix “Ding Dong” nennt).

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7_01: Für fast jede Szene in Folge 7 spricht eine Figur über ihre Vorgeschichte und/oder Sehnsüchte. Theresa fehlen leider solche Szenen. Und Dr. Ford wirkt eher noch eindimensionaler, mit der Zeit. Ich denke an Robert Loggia in einer meiner Lieblingsserien, “Wild Palms” (5 Folgen, 1992). An Dennis Hopper als Bowser im “Super Mario”-Kinofilm (1993). Und an mehrere – besser geschriebene – Walt-Disney-artige Theme-Park-Leiter in Naoki Urasawas Manga “Billy Bat”: Hopkins ist keine Katastrophe. Doch seine Mimik nervt, und Fords philosophische Fragen, Ideen scheinen mir immer zwei Levels weniger klug/verstörend, als sich die “Westworld”-Autoren das wohl vorstellten. #knappvorbei

7_02: Mir geht zwar nahe, wie Maeve oder Dolores mit ihren Sinnkrisen, ontologischen Brüchen, Bewusstseins-Problemen umgehen. Welche Haltung sie zur Welt, ihren Rollen und den anderen Figuren finden, in einer verwirrenden Gegenwart, nach einer traumatischen Vergangenheit (oder mehreren traumatischen Vergangenheiten!), als meist machtlose Frauen. Die recht flachen, schematischen Vorgeschichten von z.B. Ford (real), Bernard (erfunden) oder Teddy (erst idealistisch-aber-seicht, dann, mit seiner neuen Rolle in Wyatts Massaker, geändert zu zynisch-aber-seicht) sind mir dagegen zu Schema F, sentimental. Das ist wohl Absicht: Dass “Westworld” beim Effekte-Setzen immer auch zeigen will, wie leicht es sich viele Serien, Geschichten darin machen, Effekte zu setzen und Freudian Excuses für ihre Figuren zu bauen. Aber: Zugleich die Idee “Serien sind voller Kitsch, weil Menschen Kitsch brauchen!” zu behandeln UND fünfmal pro Folge Kitsch zu liefern, in der Hoffnung, dass wir Zuschauer rufen “Hach. Wie traurig und bewegend!”… ist eine Gratwanderung, die, finde ich, hier oft misslingt.

7_03: Delos will 30 Jahre Nutzer- und Besucherdaten aus dem Park schmuggeln. Ich bin gespannt, was solche Daten wichtig macht, wem Westworld heimlich nützt (oder nutzen sollte, gegen Fords Willen). Als Facebook-Nutzer denke ich, klar, erstmal an Persönlichkeitsprofile, Targeting. Als jemand, der sich bei Sci-Fi oft langweilt, an Supersoldaten oder “Matrix”-artige “Wie lässt sich Wahrnehmung manipulieren, um Menschen ruhig zu stellen?”-Pläne. Im Großen aber bin ich positiv überrascht, dass “Westworld” bisher niemals metaphysisch wurde: kein Roboter-Pinocchio, der endlich echter Junge werden will, kein toter Charlie als Geist in der Maschine, keine Replacement Goldfishes und – trotz Maeves Storyline – auch keine KI, die sich als besserer, reinerer Mensch versteht, oder nächste Stufe der Evolution. Alles, was bisher metaphysisch, religiös hätte wirken können – Dolores’ “Erwachen”, Arnolds Spiel, Bernards Reveries – passierte nur, weil Programmierer es absichtlich so programmierten. Kein Twist der Serie wollte bisher zeigen: Maschinen überflügeln uns durch spontanes, unerklärliches Eigenleben; Menschen waren Götter/Schöpfer, doch jetzt sind ihre Schöpfungen plötzlich bessere Schöpfer. Sondern nur: Niemand weiß genau, was Ford und Arnold diesen Maschinen erlauben, möglich machen. #keingottkitsch

7_04: Schön, dass Bernard am Krankenbett das selbe Outfit trägt wie in der Zentrale. Schnellere Menschen denken wohl gleich: “Eine gebaute Erinnerung. Bernard ist ein Cylon!” – doch ich sah es nicht kommen. Auch Theresas Tod überraschte, schüttelte mich – gute Arbeit! Nur, dass [Spoiler:] William und der Gunslinger/Man in Black identisch sind, weiß ich leider schon seit Folge 2 – weil ich Williams Namen googelte und sofort Schlagzeilen zum “Westworld”-Finale gezeigt bekam]. Ich bin träger, langsamer als viele Netz-Nerds und freue mich, wenn mich eine Serie austrickst, überrumpelt: Williams… Situation hätte ich aber frühestens hier, in Folge 7, in Betracht gezogen, während des Gesprächs im Zug: “[Logan] wanted to see what was at the end of all this. And yet, here you are. Your friend didn’t make it this far. Maybe you’ve got more of an appetite for this than you think.” (Wichtig nur, weiterhin: an den äußeren Rand zu gehen ist Roberts Vorstellung vom Ende der Westworld-Erfahrung. Arnolds Vorstellung sieht vor, in die Mitte zu gehen, ins Zentrum des Labyrinths. Das sind zwei verschiedene Ideen davon, was eine Geschichte und ein sinnerfülltes Leben ausmachen, und ich hoffe, beide werden von der Serie noch gut zu Ende gedacht und kontrastiert.)

7_05: Ist die große Lektion von “Westworld”: Das Leben hat keine Bedeutung – doch Bedeutung zu schaffen (wie Robert, als Schöpfer), lohnt sich…? (Falls ja: Warum ist Robert dann so fürchterlich, in jeder Hinsicht?) Wohl eher nicht: Das Leben hat keine Bedeutung – doch Geschichten durchaus, und sie bis zum Ende zu lesen, durchzuarbeiten (wie Ed Harris), lohnt sich…? Wohl leider auch nicht (obwohl ich das persönlich glaube): Das Leben hat keine Bedeutung – doch selbst mit läppischen “Spielfiguren” sollte man ordentlich umgehen (wie William – wobei ich mich frage, ob er Dolores noch als Figur sieht, oder wir als Zuschauer vor allem denken sollen: “Mist! Er projiziert. Was für ein Träumer, was für ein Tölpel”…?) Nachtrag, nach Folge 10: Die tatsächliche Lektion [Erst Leid macht uns zur vollständigen Persönlichkeit] war mir zu seicht – doch mich freut, wie klug und deutlich das “Westworld”-Finale alle Lektionen, die ich hier aufliste, als Fehlschlüsse/zu-kurz-gedacht zeigt.

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8_01: Theresas Geschichte scheint vorbei – und ich bin unzufrieden. Eine ältere, markante, vermeintlich kompetente Frau, die sieben Folgen lang nur reagieren konnte… doch kaum Kontrolle, keine Chance hatte, zu zeigen, wofür sie steht und, warum sie ein Gewinn ist, in ihrer Rolle/Position. Das ist für mich Captain-Janeway-Feminismus: Wer diese Sorte ältere, autoritäre, ‘kalte’ Frau respektiert, freut sich kurz. Doch wer solche Frauen nervig findet, hat keinen Grund, nach sieben Folgen zu sagen: “Doch – interessante Figur. Und gut, dass sie so nüchtern blieb und viel Verantwortung trug!” (Ich denke an Chefin Erin Driscoll in Staffel 4 von “24”: auf den ersten Blick stark – doch dramaturgisch ein Witz.)

8_02: Erst jetzt verstanden: Das schwarze Gebälk des Kirchturms in der Wüste ist der Turm, den Ford in Folge 2 “White Church” nannte; die Kirche war außen nur weiß verkleidet. Ich weiß nicht, ob “Westworld” hier clever mit Schwarz-gegen-Weiß- und Unter-Weiß-ist-Schwarz- und Weiß-und-Schwarz-nehmen-sich-nichts-Kontrasten spielt? [Und: Ist Arnold in diesem “Die Hosts lernen tanzen”-Dorf gestorben, damals?] Könnte man Figuren sogar paarweise anordnen, je zwei Rollen, die auf den selben Konflikt “hell” (idealistisches Menschenbild) oder “dunkel” (zynisches Menschenbild) reagieren? William und Logan, Arnold und Ford, Bernard und Theresa, Dolores und Maeve, Sylvester und Felix? Ist Stubbs ein Gegenpart zu Elsie? Wer vertritt die gegenteilige Weltanschauung von Charlotte? […erst später verstanden: Das Dorf mit der weißen Kirche war nicht nur ein namenloses “Testdorf”/Beta Village für den Park – sondern Escalante, aus Teddys/Wyatts Backstory.]

8_03: Ich hoffe, Williams’ und Dolores’ Reise an den Rand des Parks ist trotz Logans Rückkehr noch nicht um – und, dieses “Ende” des Park-Erlebnisses wird uns zeigen, wie Ford als Erzähler denkt: Wie er sich die Spitze, das Fazit, die schwerste Stufe, Quintessenz eines Parkbesuchs vorstellt. Glaubt auch Ford, der Park soll den Besuchern zeigen, “wer sie wirklich sind”? Ich mag den Rand der “Truman Show” und hoffe auf eine visuell interessante Lösung.

8_04: Schön auch Dolores’ Kohlezeichnung des Tals – die nur funktioniert, so lange das Leintuch NICHT glatt und gerade hängt. Ich weiß nicht, ob das als Metapher gedacht war und für welches Sinnbild das stünde – doch der Effekt wird mir lange im Gedächtnis bleiben: ein einfaches Gemälde, ‘schief’ auf eine völlig unebene Oberfläche aufgetragen, die irgendwelche unwichtigen (?) Gegenstände überdeckt, deren Form/Kanten trotzdem jeden Strich bestimmen. The past is never dead – it’s not even past? Man kann nur ‘gerade’ zeichnen, indem man völlig schief zeichnet und all das verdeckte Zeug untendrunter mitdenkt?

8_05: Ein großes Fass – vielleicht das größte der Serie – ist die Frage nach Gewalt als Agency. Ich schrieb schon weiter oben, dass ich als Besucher/Spieler im Park am liebsten gar keine Gewalt ausüben würde. Weil das ein Spiel, in dem ich selbst nicht sterben kann, interessanter, raffinierter macht. Und, weil ich – wie William, anfangs – glauben will, dass es sich lohnt, als Mensch das Richtige zu tun statt das Einfache/Bequeme. Mein Partner mag “Westworld”, doch ist angewidert, wie viele Messerwunden, zerschossene Köpfe, Gewaltorgien in jeder Folge gezeigt werden. “Das ist eben HBO. In fünf Jahren sehen wir Serien, in denen Frauen nur noch nackt durch Blut waten, 60 Minuten lang”, witzelte ich. Aber im Ernst: “Westworld” ist eine Serie, in der es dauernd Gewalt gibt – doch bisher habe ich (anders als in z.B. “24”, in vielen “Batman”-Filmen und -Comics, in den meisten Krimis) noch keine einzige “Westworld”-Szene gesehen, die mir zu vermitteln schien: “Gut so. Manchmal ist Gewalt nötig.” Ich bin gespannt, was mit Maeve und ihrer Armee passiert, und ob die Serie uns dazu verführen soll, sie als feministischen, kick-ass Terminator zu feiern, sobald sie zurück schlägt. Sylvesters Kehle durchzuschneiden kam mir nicht wie ein “Hurra! Die unterdrückte Frau hat Agency! SO sieht Stärke aus!”-Triumph-Moment vor. Niemand, der bisher irgendwen erschoss, erschlug, kalt stellte, schien von der Serie dafür als Held gelobt zu werden. #pazifismus #idealismus

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Bei Romanen weiß ich oft schon nach der Hälfte, ob sie funktionieren.

Bei Serien aber ist oft das (Staffel-)Finale entscheidend: Manchmal zeigt erst die letzte Folge, ob die Autor*innen wussten, was sie tun – oder einfach vor sich hin erzählten. Gleich sehe ich Folgen 9 und 10. Vorher noch: Fragen – an deren Antworten sich zeigen wird, ob “Westworld” eine Zwischendurch-Serie ist… oder ein (kleines) Must-See:

  • Gibt es “Geister” im Code der Hosts?
  • Machte sich Arnold unsterblich – lebt er in z.B. Dolores weiter?
  • Ist der heutige Arnold, die Stimme in z.B. Dolores’ Kopf, ein “echter” Mensch, der sein Bewusstsein digitalisieren konnte und jetzt als Programm lebt – oder nur der digitale Abdruck eines Menschen, angefertigt von ihm selbst, zu Lebzeiten?
  • Wie sehr werden Maeve und Dolores für ihre “Menschwerdung” gefeiert: Ist das Ziel, möglichst menschlich zu werden – oder sind Hosts die besseren Menschen?
  • Wie menschlich können Hosts, wie unsterblich können Menschen in “Westworld” werden?
  • Beneiden Hosts die Menschen… doch beneidet kein sterblicher Mensch stattdessen die Hosts – und wünscht/kauft sich digitale Upgrades?
  • Will die Serie (kitschig) zeigen: Geist, Herz, Liebe, Menschenwürde können aus einem biologischem oder aus einem künstlichen Bewusstsein entspringen – sie haben den selben Wert, sind gleich “echt”, gleich “tief”?
  • Die ersten Folgen zeigten viel Milch. Kommt da noch was?
  • Teddys Rolle blieb recht sinnlos: Wertet das Ende die Figur noch etwas auf?
  • War Sizemore nur eine harmlose Witzfigur?
  • Lebt Elsie noch? [Spoiler]
  • Und Stubbs?
  • Wo ist Maeves Tochter?
  • Und Lawrences’ Tochter – die das Labyrinth in den Staub zeichnete: Gehört sie, wie Dolores, zu einer Sorte Hosts, die von Arnold “erweckt” wurde?
  • Gibt es Hosts mit mehreren Körpern?
  • Wozu braucht Charlotte die Daten?
  • Sehen wir die Außenwelt – und wird diese Welt besser oder schlechter, falls es Charlotte gelingt, die Daten dort zu benutzen?
  • Sehen wir Fords neues Narrativ, und erzählt es (…auch: auf einer Meta-Ebene) davon, was am alten Narrativ nicht klappte?
  • Wird Staffel 2 grundsätzlich anders erzählen? Wird Staffel 2 so erzählen, wie sich Ford ein besseres Park-Narrativ vorstellt? (…oder, meta: Wird Ford erklären, was an der Erzählweise von Staffel 1 problematisch war?)
  • Wie spiegelt das Finale den Pilotfilm? Haben sich viele Storylines und Machtverhältnisse in der Zentrale am Ende nur im Kreis gedreht – will “Westworld” zeigen, dass auch echte Menschen oft in einem Loop leben, oder einem “Pfad” folgen müssen?
  • Gibt es eine Möglichkeit, den Park als Besucher besser, ganz anders durchzuspielen als William und der Gunslinger? Fragt Staffel 2 (und/oder: Fords neues Narrativ) nach anderen, positiveren Spielweisen anderer Besucher – oder sind Park und/oder Narrativ und/oder Hosts bis dahin eh kaputt, unspielbar?
  • am Wichtigsten:Sehen wir das Zentrum des Labyrinths, und hat es damit zu tun, wie Arnold starb? Teddy erklärte in Folge 5: “The maze is an old native myth. […] at the center, there’s a legendary man who had been killed over and over again countless times, but always clawed his way back to life. The man returned for the last time and vanquished all his oppressors in a tireless fury. He built a house. Around that house he built a maze so complicated, only he could navigate through it. I reckon he’d seen enough of fighting.”
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    Ich muss an Fords creepy Roboter-Familie denken und frage mich, ob wir im Zentrum des Labyrinths ein vergleichbares Haus von Arnold sehen – oder: eine abstraktere Idee davon, was sich Arnold unter “Zuhause”, “Heimkommen”, “Nicht-mehr-Kämpfen-Müssen” vorstellt.

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9_01: Zwei “Westworld”-Konzepte, zu denen ich mir Fanpages, Texte, Apps wünsche: Das 20-Punkte-Persönlichkeitsprofil der Hosts. Candor, Vivacity, Coordination, Meekness, Humility, Cruelty, Self-Preservation, Patience, Decisiveness, Imagination, Curiosity, Aggression, Loyalty, Empathy, Tenacity, Courage, Sensuality, Charm, Humor, Bulk Apperception. Und die Idee, dass jede Host-Persönlichkeit auf einer (traumatischen) “Cornerstone”-Erinnerung fußt. Was ist deine Cornerstone-Erinnerung? Die Szene, aus der sich alles weitere erklärt?

9_02: Jedes “Dr. Quinn”-TV-Westerndorf hat einen Arzt und einen Prieser. Dass solche Standardfiguren in Sweetwater keine Rolle spielten, freute mich – aber hätten Dolores und Maeve bei ihren ersten Zweifeln, Aussetzern die Ratgeber, Ansprechpartner gehabt, die echte Frauen in den 1880ern in ihren Städtchen hatten… hätten sie ihre Welt weniger schnell und grundsätzlich in Frage gestellt. Dass jetzt, kurz vor Schluss, plötzlich Kirche und Beichtstuhl wichtig werden, lässt mich nochmal grundsätzlicher fragen: Schön, dass fast alle Figuren Atheisten sind (oder ihr Vertrauen jedenfalls in andere Faktoren legen als in Gott). Doch “Gott” ist in “Westworld” nur noch Synonym für “Die Person, die am schnellsten denkt, am meisten Macht und Gestaltungsraum hat.” Das ist zu wenig.

9_03: “I want to love Westworld. I go into every episode of the show hoping that this will be the week the games get put aside so Nolan and Joy can start telling the real story, but with each passing week it feels like the games are the real story“, klagt Alan Sepinwall in seinem besten Text zur Serie – der Kritik zu Folge 9. Ich stimme zu…

9_04: …denn alles, was die Figuren und ihre Standpunkte ausmacht, kann/soll in dieser Erzählung dauernd geändert, verdreht, zurückgenommen werden, möglichst dramatisch. Bei den Hosts sowieso: Wer kann sagen, wer Teddy, Maeve, Dolores “wirklich” sind? Doch auch bei Logan, William, dem Gunslinger und den Figuren in der Zentrale: Charlottes Andeutungen, Fords beredtes Schweigen etc. machen mir keinen Spaß – denn auch nach neun Folgen weiß ich kaum, wofür diese Leute stehen, und fürchte auf weitere Enthüllungen, die wieder alles umwerfen. Am schlimmsten ist für mich Arnold. Eine Figur ohne Gesicht, deren Weltanschauung, Privatmythologie entscheidend ist für unser Verständnis vom Park, dem Menschenbild hinter den Hosts, Haltung und Philosophie der kompletten Serie. Bernard ist eine Marionette, Ford ein Rätsel, Arnold eine körperlose Stimme, Theresa tot, Sizemore ein schlechter Witz, William macht sich vermutlich etwas vor, der Gunslinger lässt sich nicht in die Karten sehen, und Maeve, Teddy, Dolores sind nur wandelnde Fragezeichen. Das sind keine Figuren, die kluge Standpunkte klug diskutieren. Sondern Chiffren, die hin- und hergeschoben werden können, nach Belieben.  

9_05: “Wer ist die Frau mit dem Ronja-von-Rönne-Gesicht?” …war alles, was mir zu Angela einfiel. Erst später, online, habe ich verstanden, dass ich den Host hätte erkennen müssen, dass Angela zu drei verschiedenen Momenten drei verschiedene Rollen spielt. Die Western-Storylines bleiben halbdurchdacht, leben von Vertröstungen: El Lazo, Teddys Rolle in Wyatts Massaker, die “Ghost Nation”… immer sind Hosts und Spieler unterwegs, stoßen dabei auf vielsagende Namen, bedrohliche Andeutungen – doch alles bleibt nur hastiger, lästiger, nichtssagender Zwischenschritt, und hinter jedem großen, vermeintlich wichtigem Namen verpufft die selbe Sorte Wegwerf-Bösewicht. Vielleicht ist das Methode – denn auch Hectors Safe ist leer und damit nur MacGuffin/Mittel, die Geschichte voran zu treiben. Als Zuschauer machen mir solche Szenen keinen Spaß, und je länger ich über sie nachdenke, desto ärgerlicher und unlogischer scheint mir alles. Warum z.B. glaubt Hector sofort, in einer Kunstwelt zu leben? Er weiß, dass Maeve die Safe-Kombination kennt und den Safe hätte leeren können. Der Sex im brennenden Zelt, am Ende: Trash.

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10_01: “We have now basically arrived at the plot of the original movie — theme park robots violently escape the shackles of their programming — only in a circumstance where we are rooting for the robots to wipe their tormentors from the face of the planet, is intriguing. That is a show I reckon I could have fun watching, provided it’s not the same overconfident, antiseptic puzzle box that too much of this season was — especially since it all seems to be a prologue for what the actual show will be about”, fasst Alan Sepinwall zusammen. Mich freut – immerhin – dass Staffel 2 ganz andere Konflikte und Hierarchien zeigen muss. Ein paar Ideen zu Season 2, bei TV Tropes.

10_02: Ich denke oft an “The Dark Knight Rises” von 2012. “The Dark Knight” (2008) fand ich großartig – doch die Fortsetzung steckte voll riesiger Sätze, Fragen, Konzepte, bei denen ich bis heute vermute: “Das sieht nur aus wie eine Idee. Das klingt nur wie ein großer Satz.” (z.B. die Bezüge zur Occupy-Bewegung.) Auch bei “Westworld” gibt es solche Nolan-Sätze, unvergesslich: “A metaphor.” – “You mean a lie.” – “Yeah.” Entweder, Jonathan Nolan hat sehr, sehr lang über solche Sätze und die riesigen Fässer, die sie öffnen, nachgedacht… oder doch: viel zu kurz.

10_03: Arnold trauert um seinen Sohn und bringt sich (mit Dolores’ Hilfe) um, damit die Investoren Roboter für eine Gefahr halten und den Park nicht öffnen. Ford sind alle Menschen egal – er bringt sich (mit Dolores’ Hilfe) um, um den Hosts Kontrolle über den Park zu schenken? Ich verstehe ungefähr, was beide Männer am Park stört. Doch ich verstehe nicht, was diese Selbstmorde dafür so zwingend macht – oder erzählerisch zu einem großen Gewinn. [Seltsam auch, wie steif, roboterhaft alle Delos-Aktionäre wirkten, am Strand und während der Gala.] #lapidarerabgang

10_04: Tessa Thompson spielt toll – und ich hoffe sehr, dass Charlotte Hale überlebt. Doch folgende Sätze glaube ich ihr nicht: “But for all of Ford’s obsessing with the hosts’ verbal tics and convoluted backstories, most of the guests just want a warm body to shoot or to fuck. They would be perfectly happy with something a little less baroque.” Hier lässt “Westworld” die Antagonistin (?) sagen: “Tiefgang/barocke Erzählwelten sind Ballast.” Als sollten wir als Zuschauer denken: “Nein! Barockes Erzählen ist großartig, und ‘Westworld’ beweist es!” Doch für mich ist die Serie als Serie kein überzeugendes Argument dafür – und mich stört, dass die Autoren hier so tun, als würde jeder, den “Westworld” nicht überzeugt, stattdessen einfach nur nach “a warm body to shoot or to fuck” verlangen. #strawmanargument

10_05: Das selbe Problem, deutlich größer: Ich hätte als Parkbesucher Mühe, mich zu motivieren. Denn wollen Gäste wirklich einen Park, in dem sie nie sterben, ihre Taten kaum Konsequenzen haben? Fast alle Gamer, die ich kenne, suchen herausfordernde Spielwelten. Folge 10 tut so, als hätte sich Delos geirrt, und Ford müsste der Park-Spielmechanik (bzw. den Hosts) ein überfälliges Geschenk machen: die Fähigkeit, zurück zu schlagen. Auf der “Menschenrechte für Roboter”-Ebene verstehe ich das. Doch so zu tun, als wollten alle Menschen alle Hosts 30 Jahre lang nur verlieren sehen – weil Menschen nunmal so sind? Ich glaube das nicht.

10_06: Das selbe Problem – so groß, dass es der ganzen Staffel schadet: Fords Pyramide und Arnolds Labyrinth sind das selbe System. Man wird in mehreren Stufen/Schritten zur Person: 1) Memory, 2) Improvisation, 3) Self-Interest, 4) Suffering. Wenn Maeve sagt, dass sie die Erinnerungen an ihrer Tochter behalten will, wenn Bernard von Cornerstones spricht, wenn Dolores ihre toten Eltern nicht hinter sich lassen will… sollen wir diese Figuren (Hosts!) reif und menschlich finden. Aber: Ich sehe keinen Grund, dieser (netten, aber flachen) Idee erst Strahlkraft zu geben, indem man behauptet Park-Besucher, normale Menschen etc. tun fast immer alles, um Leid oder Widerstände auszublenden. Die “Lösung” des Labyrinths wirkt groß, weil 08/15-Menschen in “Westworld” viel zu klein, schwach, unreif wirken.

10_07: Arnold ist Bernard. Arnolds Sohn ist Bernards Sohn. Dolores ist Wyatt. Dolores hört Arnolds Stimme. Doch eigentlich hört sich Dolores, im bicameral-mind-Modell, selbst: Dolores ist Arnold ist Dolores ist Dolores (…und, klar: William ist der Gunslinger; und Teddy fragte sich kurz, ob er selbst Wyatt war): Folge 9 und 10 tun so, als seien all das besondere, kluge dramaturgische Kniffe. Mir wären ein gut gespielter, präzise ausgearbeiter Arnold, ein Wyatt mit klarer Haltung, deutliche Unterschiede zwischen Arnold und Bernard etc. lieber gewesen statt eine Gleichung, bei der jede unbekannte Variable wurstig “erklärt” wird mit “X? Das ist ein Teil von Y. Und Y ist eigentlich Z. Und Z war mal X.”

10_08: Schön, dass das Finale – wie die ersten vier Folgen – mit Dolores begann. Schön, dass mehrere Bögen geschlossen wurden (z.B. das Foto von Julia, am Times Square). Trotzdem freut mich, dass “Westworld” keinen großen Loop erzählte und alle Figuren mit ganz neuen Konflikten und Rollen zurück lässt: Dolores als Tyrannin? Maeve als militanter Freedom Fighter? Empathiker Bernard, der sich die ganze zweite Staffel fragen kann, welche Rechte Menschen haben und, ob der Zweck die Mittel heiligt…?

10_09: James Marsden spielte in vielen Liebesfilmen den Romantic False Lead – ein netter Kerl, den die Hauptfigur später für Mr. Right verlässt. Ich hätte mir für Teddy eine bessere, halbwegs stimmige Geschichte oder Entwicklung gewünscht – doch freue mich, dass “Westworld” bei keiner Heldin zeigt: “Hier ist ein Mann – und er kann dich retten.” Besonders William erscheint mir (während der 30 Jahre zwischen “Ich suche Dolores” zu “Ich vergewaltige sie in der Scheune”) als selbstmitleidiger, schäbiger, nutzloser Fuckboy: eine narzisstische Knalltüte, die “Liebe” liebt – doch seine Partnerin hängen lässt.

10_10: “Die Serie hat ein plattes Menschenbild: Der Park soll zeigen, wer Leute wirklich sind – doch enthüllt bei William, dass er ein weinerlicher, leerer Soziopath ist? Warum sind alle Menschen in dieser Serie im Grunde ihres Herzens Müll?”, klagte ich nach dem Finale. “Nein”, widersprach mein Partner: “Ich glaube, Williams Storyline soll einfach zeigen: Der Park macht krank. Jeden.”

10_11: Elsie küsst Clementine. Besucherin Marti schläft mit Clementine. Logan liegt mit zwei weiblichen und einem männlichen Host im Bett. Nach drei, vier Folgen aber verschwinden alle queeren Momente. Besser als nichts? Oder, wie Buzzfeed findet: deprimierend wenig?

10_12: Toll inszenierte Szene – doch für mich Tiefpunkt, Widerspruch: Wir sollen den Ausbruch von Hector, Armistice, Felix und Maeve sexy, kathartisch, “Matrix”-mäßig großartig finden – oder? “Westworld” zeigte neun Folgen lang: Leere, selbstzufriedene Gaffer wie Logan lechzen nach Gewalt. Die Serie tat so viel, um mir jede Lust auf explodierende Köpfe zu nehmen. Wozu dieser Schritt zurück? Massaker sind okay, wenn die Hosts gewinnen? (Aber: Es gibt mehrere Parks? “Samurai World”? “Shogun World”? Vorfreude!)

10_13: Ich tue mich ähnlich schwer damit, zu klatschen, wenn Dolores den Gunslinger im Finale durch die Kirche schleift, wie er sie im Pilotfilm Richtung Scheune schleifte: Die Serie hat eindringlich und engagiert gezeigt, wie schnell Frauen, Minderheiten, Schwächere Gewalt erleben können und, wie machtlos sie sind. Aber der… recht billige “Your time is over, trauriger alter Mann!”-Feminismus im Finale langweilt mich – und ich habe Angst, dass Staffel 2 ähnlich plump nach Parallelen suchen wird zwischen Maeves Kampf und z.B. der schwarzen Bürgerrechtsbewegung.

10_14: Der größte “Autoren? Das ist nicht so gesellschafskritisch, clever, wie ihr hofft”-Moment (hier wirklich: “A metaphor? You mean a lie.”), schon in Folge 9: “We humans are alone in this world for a reason. We murdered and butchered anything that challenged our primacy. […] Do you know what happened to the Neanderthals, Bernard? We ate them. We destroyed and subjugated our world. And when we eventually ran out of creatures to dominate, we built this beautiful place.” …erklärt Dr. Ford – vor einem Indianer-Federschmuck, der vergessen in der Ecke hängt. 

10_15: Maeve sieht Mutter und Tochter im Zug – und steigt wieder aus. “Gut, dass sie umdreht”, sagt mein Partner: “Statt nur sich selbst in Sicherheit zu bringen, will sie den anderen Hosts helfen. Die Revolution muss von innen kommen! Draußen hätte sie sich verstellen müssen, um nicht als Host aufzufallen: Das selbe traurige Versteckspiel wie kurz davor im Park.” Das stimmt – doch falls es so gemeint war, hätte es klarer gezeigt werden müssen. Ich sah nur “Oh: Sogar bei Robo-Mamis bestimmen Muttergefühle alles.

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(Freund O. wirft ein: “Du hast bei Maeves Ende etwas übersehen: Bernard macht klar, dass Maeve eben nicht frei war – sondern nach einem Programm gehandelt hat, dessen nächster Schritt “outside infiltration”. Indem sie sich – getrieben von der Erinnerung an das Trauma, ihre Tochter zu verlieren – aber tatsächlich entscheidet, zu bleiben, bricht sie zum ersten Mal die Programmierung. Klar kann man sich darüber beschweren, dass es jetzt grade die “Muttergefühle” sind. Aber ich finde, es geht weiter als das.)

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  • Autor Michael Crichton schrieb 1990 den Roman “Jurassic Park” (verfilmt 1993) – über einen Vergnügungspark voller Saurier, die außer Kontrolle geraten. Schon 1973 schrieb er das Drebuch “Westworld” – über einen Vergnügungspark voller Roboter, die außer Kontrolle geraten.

 

  • “Westworld” ist ein charmanter, sehr geradliniger und simpler Actionfilm. Immerhin aber: trotzdem eine überraschend deutliche Kritik an Menschen, die bei einem Park voller Roboter zuerst denken “Toll: Marionetten, die ich töten oder sexuell missbrauchen kann!”

 

  • Crichton war kein sehr kunstfertiger Autor (oder Regisseur); er starb 2008. Trotzdem hatte er einen sehr genauen Blick auf Technik und Arbeitswelten, z.B. als Produzent von “Emergency Room”. Vor “Westworld” schrieb er v.a. Groschenromane unter Pseudonym; nach “Westworld” Klassiker wie “Coma” und “Jurassic Park”.

 

  • 1976 gab es einen zweiten Kinofilm, “Futureworld”, über den Versuch, Politiker durch Klone/Roboter zu ersetzen, und 1980 eine kurze, erfolglose TV-Serie, “Beyond Westworld”, über Undercover-Roboter, die Terrorakte begehen: beides entstand ohne Crichtons Beteiligung.
  • Ich dachte lange, “Westworld” sei eine Romanverfilmung. Aber:
“It [Westworld] didn’t work as a novel, and I think the reason for that is the rather special structure of this particular story. It’s about an amusement park built to represent three different sorts of worlds: a Western world, a Medieval world and a Roman world. The actual detailing of these three worlds—and also the kinds of fantasies that people experienced in them—were movie fantasies, and because they were movie fantasies, they got to be very strange-looking on the written page. They weren’t things that had literal antecedents, literary antecedents. They were things that had antecedents in John Ford and John Wayne and Errol Flynn—that sort of thing. In some ways, it’s a lot cleaner as a movie, because it’s a movie about people acting out movie fantasies. As a result, the film is intentionally structured around old movie cliche situations—the shoot-out in the saloon, the sword fight in the castle banquet hall—and we very much tried to play on an audience’s vague memory of having seen it before, and, in a way, wondering what it would be like to be an actor in an old movie”, schreibt Crichton auf seiner Website.
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“In that usual Michael Crichton fashion, he never wrote anything that was just a film-there was always a massive world behind it that could be mined.” – Jonathan Nolan [Showrunner der HBO-Serie]

“Crichton wrote this as an original screenplay and then directed it. There’s no book. What you feel in the film is there’s this larger world that he barely has time to explore. It leaves you breathless. Westworld goes from one f-king massive idea to the next. At one point in there, he references why the robots are misbehaving. He describes the concept of the computer virus. When they were shooting the film it was the same year, or the year before, the appearance of the first actual computer virus. This is why Crichton was so brilliant. He knew so much about the technologies that were about to emerge, spent so much time thinking about how they would actually work.” – nochmal Jonathan Nolan, Zitat ebenfalls via Michaelcrichton.com

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“Westworld” (1973) ist also weniger ein Film darüber, wie es sich anfühlen würde, im Wilden Westen zu leben – als darüber, wie es sich anfühlt, in einem (plötzlich, nach Fehlfunktion der Roboter: sehr brutalen und existentiellen) FILM zu stecken.
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“Westworld” (2016) tut das selbe – doch zieht stattdessen vor allem Videospiel- und Liverollenspiel-Vergleiche: Wie fühlt es sich an, in einem Action- oder (frauenfeindlichen) Sex-Spiel zu stecken?

Und: Wie fühlt es sich an, eine fremdgesteuerte Nebenfigur (ein Non-Player-Character) in einem solchen Spiel zu sein… und das allmählich zu begreifen?

Das Feuilleton vergleicht teure Serien oft mit Dickens etc.: ein modernes Epos, der Roman des 21. Jahrhunderts. “Westworld” zeigt eine Welt, in der statt Serien ein Western-Spiel diesen Rang einnimmt: Es gibt viele Diskussionen der Park-Macher, -Autoren, -Manager darüber, wie sich das “Narrativ” des Parks entwickeln soll.
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So wird “Westworld” zu einer Art… Meta-Kommentar darüber, was solche Serien heute mit ihren Zuschauern machen, was sie uns über uns selbst spiegeln.
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Trotz dieser vielen technischen Gespräche über Erzählkunst, Identifikation, sich-in-Fiktionen-Spiegeln, Empathie, Rollenmuster usw. ist “Westworld” aber auch eine konventionelle, typische HBO-Serie: krasse Gewalt, minutenlange Nacktszenen, alberne Cliffhanger, übertriebene Wendungen, allerlei abgeschmackte Sentimentalitäten. Die Serie versucht, gleichzeitig sentimental zu sein und zu zeigen: “Schau, wie sehr Menschen sich nach solchen sentimentalen Rollen sehnen!”

Das wirklich Neue daran wurde mir klar, als ich den Film von 1973 sah: viele Motive wurden von 1973 übernommen. Die FORM dagegen stammt komplett aus dem 21. Jahrhundert: ein… recht gnadenloses, enges Erzähl-Korsett, das wir erst seit ca. 15 Jahren kennen – aus Serien wie “Lost”, “Kampfstern Galactica”, “Game of Thrones”. Ich sah noch nie eine Serie, die mir die Erzählform “teure US-Prestige-Serie voller Wendungen, Sex und Gewalt” SO deutlich als Konstrukt/Schema vorführte. Zugleich als mitreißende, oft überzeugende Serie… und als Meta-Kommentar über solche Serien: “Schau, welche immer gleichen blöden Zahnräder ein Uhrwerk namens ‘anspruchsvolle Serie’ bilden.”

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In der Serie selbst sind alle Roboter-Persönlichkeiten jeweils um eine Verlusterfahrung, ein Trauma, eine wichtige Erinnerung herum gebaut – die “Cornerstone Memory”. Das heißt: es gibt EINE Geschichte, aus der heraus sich deine Persönlichkeit verstehen lässt – meist eine leidvolle Verlusterfahrung. “Westworld” erzählt dann…
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a), zynisch: …wie schnell und billig man mit solchen rührseligen Backstories überzeugende Figuren und Erzählungen bauen kann.
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aber auch b), etwas rührselig-buddhistisch… dass Leid eine Person erst zur Person macht – Menschen wie Roboter – und ein Leben ohne Prägung durch Leid und Widerstand kein Leben wäre: Wir werden erst durch Reibung zu Personen, und ich muss mir eine Narration über mich selbst erzählen, um mich selbst begreifen zu können.

Ich kenne keine Serie, in der so viel über das Erzählen (und Erinnern, und Spielen) gesprochen wird. aber: all das stammt aus dem 21. Jahrhundert, nicht aus Crichtons Ursprungs-Vision: eine TV-Serie aufgeschnitten/seziert als Erzählform über das Erzählen von Erzählformen. Erzählen… am offenen Herzen einer Erzählung. #meta
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Als Zuschauer fand ich den Pilotfilm großartig und die Welt des Parks und der Roboter sehr faszinierend. Insgesamt kann ich die Serie auch empfehlen. Aber: So vieles kennt man schon aus anderen Serien, und so viele abgeschmackte Elemente werden hier als abgeschmackte Elemente vorgestellt/ausgestellt, doch dann trotzdem in vollem Ernst benutzt, dass ich an zu vielen Stellen dachte:
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Boah… ja. Wie sentimental und kalkuliert. Typisch HBO-Serie!
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Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind: Kritik, Probleme, Fragen, Fehler

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Ich bin Literatur- und Comickritiker (Texte hier), doch schreibe gerne auch über TV-Serien, große Franchises, Kino; und war heute Nachmittag für Deutschlandradio Kultur in der Pressevorstellung / Vorpremiere zu “Fantastic Beasts and where to find them”.

Morgen früh spreche ich im Magazin “Lesart” über den (gelungenen!) Film, JK Rowlings (enttäuschendes) Theaterstück “Harry Potter and the Cursed Child” und die vielen Hintergrund-Texte auf u.a. Pottermore – zwischen 10 und 11, Link hier.

Schon heute: lose Gedanken zum Film.

Spoilerfrei.

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Die Handlung: “Harry Potter” spielt in den 90er Jahren, in Großbritannien. Zauberschüler lernen dort aus dem Sachbuch “Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind”, erschienen 1927, verfasst vom magischen Zoologen Newt Scamander. Im Kinofilm (dem ersten einer fünfteiligen Reihe; Drehbuch: JK Rowling) reist Scamander 1926 nach New York und verliert einen Koffer voller Tierwesen. Viele brechen aus und stiften Unordnung in der Stadt – so groß, dass auch Nichtmagier bald begreifen könnten: Es gibt Hexen und Zauberer, mitten unter ihnen. 

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01_Sehen oder nicht? Sehen!

02_In einem Satz: Schwungvoll, herzlich, selbstbewusst – und überraschend zugänglich: sorgfältige, detailverliebte Mainstream-Unterhaltung, in der fast alles (Plot, Darsteller, Ausstattung, Emotionen/Figurendynamik) etwas besser ist als nötig/erwartet.

03_Das größte Problem: “Harry Potter” konnte sieben Bände lang eine überraschende Welt und ihre Spielregeln enthüllen. “Fantastic Beasts” spielt 1926 – und bleibt für “Potter”-Fans recht geheimnislos und oberflächlich: Wir wissen, wen die Hauptfigur heiratet. Wir wissen (grob), welche Konflikte die Welt der Zauberer bis 1945 bestimmen. Anders als bei Prequels wie z.B. Episode I bis III von “Star Wars” fehlt “Beasts” eine “Hier entrollt sich eine Tragödie”- oder “Wie konnte es so weit kommen?”-Stimmung.

04_Vorher “Potter” lesen, oder alle 8 “Potter”-Filme sehen? Ich glaube, wer “Harry Potter” gar nicht kennt, hätte den größten Spaß – weil er die geheime Welt der Magier hier im Film durch die Augen von Muggel / No-Maj / Nichtmagier Jacob Kowalski kennen lernt. “Beasts” ist überraschend zugänglich, verständlich, einsteigerfreundlich.

05_Ein Film für Kinder? Ab ca. 10, ja. Eine Grundstimmung wie im (viel schlechteren) Fantasy-Abenteuerfilm “Jumanji” (1995: Tiere, Monster, Sense of Wonder), Verfolgungsjagden, Stadtpolitik, Milieus wie in der Trickserie “Avatar: Legend of Korra” (2012: magische Kämpfe im Großstadt-Dekor der 20er Jahre); viel Urban Fantasy: “Dr. Who”/”Torchwood” trifft “Dresden Files” trifft “Men in Black” trifft Pixar-Fantasy wie “The Incredibles”. Insgesamt etwa so düster/”erwachsen” wie “Harry Potter und der Feuerkelch”.

06_Die Altersfreigabe ab sechs Jahren… überrascht mich: Der Film gibt sich keine Mühe, kindgerecht oder kinderfreundlich zu wirken, alle Hauptfiguren sind erwachsen, es gibt Todesfälle, Horror-Elemente, viel weniger Lieblichkeit als z.B. in den ersten “Potter”-Büchern und Filmen. Nichts wirkt kindlich. Nichts wirkt kindisch. Aber deshalb wirkt auch nichts besonders einladend, auf Grundschulkinder.

07_Keine Recherche nötig: Etwa fünf Tierwesen spielen größere Rollen im Film, insgesamt kommen ca. 15 Spezies vor – doch alles, was ich wissen muss, erfahre ich bequem im Verlauf des Films. Deshalb: nicht nötig, das “Tierwesen”-(Schul-)Buch von 2001 zu lesen. Auch Rowlings neue Bonustexte auf “Pottermore” haben meine Erwartungen v.a. sinnlos überhöht. Und: Zu “Harry Potter and the Cursed Child” (und z.B. dem Tierwesen, das dort eine wichtige Rolle spielt) hat der Film *gar keine* expliziten Bezüge.

08_Ich selbst genoss die Potter-Romane, besonders Band 3 und 4 – und mag besonders, wie politisch, düster und komplex die Reihe wird (langer Text von mir zu Band 7: Link). Außerdem liebe ich die schlagfertigen Hauptfiguren, ihre Freundschaften und Streits. Von den Verfilmungen sah ich nur Teil 1 und 2: zu kindisch, zu drollig – doch ich weiß, dass die späteren Filme reifer werden. 2016 las ich “Harry Potter and the Cursed Child” (und fand es holprig, lieblos, müde), 2012 war ich genervt und enttäuscht von Rowlings “Ein plötzlicher Todesfall” (Kritik von mir bei ZEIT Online). Ich stehe der “Potter”-Welt wohlwollend gegenüber.

09_4 von 5 Sternen. Empfehlung. Aber, wie bei “Star Wars: Das Erwachen der Macht”: Die Erzählwelt und ihre Abgründe bleiben harmloser, unpolitischer, seichter, als sie sein müssten. Ein Film, der allen gefallen wird – weil er kaum Risiken eingeht.

10_Warum keine 5 Sterne? Zwei der vier Held*innen und alle Antagonisten und Nebenrollen bleiben mir zu flach, im Finale wird ein großes Problem viel zu vorschnell und bequem gelöst, und während Harry, Ron, Hermine uns an Traumata, Konflikte unserer Schulzeit erinnern, bleiben mir die Erwachsenen hier im Film recht fremd. Wundervoll stimmige, einladende, sympathische Unterhaltung – doch weder besondere Film- noch Erzählkunst.

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Gedanken, Probleme, Fragen.

Ab hier: Spoiler / Details aus der Handlung!

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11_Hauptdarsteller Eddie Redmayne (“The Danish Girl”; Stephen Hawking in “Die Entdeckung der Unendlichkeit”) erinnert mich (im Guten wie im Schlechten) an Hugh Grant: ein überforderter, stotternder, charmant-naiver Brite, idealistisch – doch oft zögerlicher, tölpelhafter, als mir lieb war. Keine besonders originelle Figur; auch deutlich flacher/harmloser als Harry.

12_Katherine Waterston (“Steve Jobs”; Nebenrolle in “Boardwalk Empire”) als in Ungnade gefallene magische New Yorker Beamtin/Ermittlerin wirkte auf mich an vielen Stellen zu passiv, arglos, schwer von Begriff, vertrauensselig. Alle vier Held*innen waren ein Tick dümmlicher als nötig. Gute Schauspieler in sympathischen Rollen… doch ich wünschte, sie wären smarter, zupackender.

13_Einige Fans sind enttäuscht, dass Johnny Depp mitspielt – nach den Ausfällen gegen seine Exfrau Amber Hearst.

14_Depp spielt den Zauber-Nazi, Populisten, Hitler-als-Magier-Bösewicht Gellert Grindelwald – der Jugendfreund und -schwarm von Albus Dumbledore. Er ist im Film nur für Sekunden zu sehen: ein feister, bleicher, germanischer Mann mit weißblondem Scheitel. Dumbledore wird erwähnt. Er war schon in den 10er-Jahren Lehrer in Hogwarts und bemühte sich vergeblich, zu verhindern, dass Newt Scamander wegen seiner gefährlichen Tiere der Schule verwiesen wird, kurz vor dem Abschluss.

15_Alle (sechs? acht?) Bösewichte, Antagonisten im Film werden viel zu schnell verbraucht, besiegt oder töten sich gegenseitig. Und alle bleiben mir zu oberflächlich: Mary Lou Barebone als Hexenjägerin/Waisenhausleiterin wirkt wie das (lieblose) Klischee einer völlig freudlosen fundamentalistischen Christin. Kein Charisma, keine guten Argumente, eine flache, trostlose Figur. Ihre Adoptivtochter – weißblondes Haar, Zöpfe, creepy Blick – wirkt auf mich wie aus einer Horrofilm-Parodie, bei allen Szenen im Waisenhaus dachte ich an (bessere!) Momente aus z.B. “Bates Motel”. [Aber: Mir waren auch schon die Dursleys, Harrys Muggel-Verwandte, viel zu eindimensional-monströs-engstirnig gezeichnet.]

16_Seraphina Picquery, die schwarze Präsidentin der MACUSA-Behörde, ist die einzige wichtige Figur of Color – und erinnert mich in ihrer Haltung und Kälte/Besonnenheit an Realpolitikerinnen wie Angela Merkel, Hillary Clinton. Ich mag, wenn wichtige Behörden, Staaten nicht von besonders gütigen, harmlosen, väterlichen Figuren kontrolliert werden… sondern eine Erzählwelt auch mitdenkt/zeigt, wie schnell man sich die Finger schmutzig macht, welche grausamen Entscheidungen man treffen muss. Bei Seraphina glückt das nicht: Sie wirkt überfordert und gibt alle Befehle – selbst Todesurteile – aus einer wenig informierten “Uff. Na: Wenn das so ist…? Tja. Ich befehle jetzt. Muss ja”-Haltung heraus.

17_Wurde der Subplot um Zeitungsmagnat Henry Shaw und seine beiden Söhne gekürzt? Alle drei Männer sind wenig originell und erinnern mich an Polit-Bedrohungen wie Senator Kelly aus den “X-Men” (…aber: ich mochte sehr, wie aggressiv und bedrohlich Langdon Shaw plötzlich die Baseballkeule schwang, im Büro). Richtig genutzt wurden diese Leute nicht: Ich muss auch an die vielen flachen konservativen Nebenfiguten in Rowlings “Ein plötzlicher Todesfall” denken. Mehr Tiefgang für Reaktionäre und das Establishment, bitte!

18_Colin Farrell als Auror Percival Graves machte mir Spaß (und ich ärgere mich, dass die Figur sich am Ende… entlarvt/verwandelt und Farrell in Fortsetzungen wohl nicht mehr auftauchen kann); doch Ezra Miller als Credence Barebone ging mir auf die Nerven – auf eine ähnliche Art wie Kylo Ren in “Star Wars 7”: gemeingefährliche Emo-Jungs, weiße, schlacksige, enttäuschte Jammerlappen, das unerschöpfliche Wut- und Selbsthass-Potenzial von blassen Bubis, die dem Millennial- und Generation-Y-Klischee entsprechen. Ich mag Miller. Doch fand diese Rolle und ihre Entwicklung… schockierend flach. Und ich frage mich, ob sich Farrell und Miller wirklich so oft hätten anfassen müssen, in dunklen Gassen, vor Erregung zitternd. #schwulersubtext #schwulerselbsthass

19_Ich weiß nicht, was “Fantastic Beasts” über (Anti-)Rassismus, fragile Männlichkeit, Gefolgschaften, Autorität, Populismus, Selbsthass und Angst vor dem anderen erzählen will: die Botschaft wirkt zugleich holzhammrig und neblig/unsortiert. Doch das dachte ich schon bei den Todessern in “Harry Potter” und, schlimmer, bei der Psychologie der neuen bösen Figur in “Harry Potter and the Cursed Child”: Man merkt jedes Mal, dass sich Rowling gegen Faschismus und Ungerechtigkeit positionieren will. Doch ich finde nicht, dass ihr dabei besonders originelle, intelligente, erschütternde Analogien gelingen. Gut gemeint. Aber: Was will sie sagen?

20_Ich liebe Jacob Kowalski. Ein gutmütiger Sidekick bleibt in vielen Filmen nur Nervensäge, Klischee. Auch Ron Weasley hat mich nie begeistert oder gerührt. Doch Jacob-Darsteller Dan Fogler ist witzig, ohne, lächerlich zu wirken. Tolpatschig, ohne, mich mit Slapstick zu nerven (…die Graphorn-Verfolgungsjagd durch den Central Park dauerte mir zu lange). Tatsächlich ist die Figur das Herz des Films, und ich freute mich über jeden Blick, jeden Satz, jede Reaktion. [Es hilft, dass ich nach wenigen Szenen an meinen Partner denken musste, Freund M.]

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21_Vor “Mad Men” hätte ich Queenie Goldstein, die zweitwichtigste Frau im Film, gemocht: eine Assistentin, die im Patriarchat voran kommt, indem sie sich in allen entscheidenden Momenten dumm stellt oder Vorurteile über Frauen demonstrativ erfüllt. Tatsächlich aber war Sekretärin Joan aus “Mad Men” so viel klüger, raffinierter – und traf auf intelligentere Widerstände: mir blieb Queenie, die blonde Gedankenleserin mit der Quiekstimme, zu harmlos und nah am Klischee.

22_Tolles Set-Design, grandiose Ausstattung! Im August sah ich den Kinofilm “Genius”: Schriftsteller Thomas Wolfe und sein Lektor in New York, Ende der 20er bis 1938. Drei Wohnzimmer, ein Büro, zwei Straßenzüge. Für mehr New York reichte das Budget nicht. “Beasts” dagegen macht die Ära tatsächlich lebendig. Ich mag, wie viele ärmliche und einfache Apartments und Straßen gezeigt werden, und, dass der Film keine kitschig-disneyhaft sauber-golden-überstilisierte Art-Deco-Welt behauptet. Und ich mag, dass er im November spielt: ein Film-New-York, das mir plausibel und attraktiv scheint, doch das ich – in diesem Licht, in dieser Stimmung – noch kaum sah, im Kino. [Man merkt/denkt an keiner Stelle: Das wurde in Liverpool gedreht.]

23_Aber: Obwohl Lokal- und Zeitkolorit stimmen und das Setting, 1926, dem Film fast allen Charakter verleiht, erfahre ich hier nichts Tieferes über die Epoche, den Zeitgeist, Konflikte und das Menschenbild. 1926 heißt im Film nur: Es gibt (zum Glück) keine Handys, es gibt (zum Glück) keine Kameras, und Muggel-Polizisten und -Reporter tauchen bequem spät auf. Das reicht nicht: Die britischen Zauberer/Hexen bei “Potter” wirkten oft vorgestrig, verbohrt, aus der Zeit gefallen… “Beasts” dagegen zeigt mir zu viele Zaubernde, die auch im Jahr 2016 genau so leben, arbeiten und entscheiden könnten. Wo sind die Vorurteile, die Beschränkungen, die Werte der 20er Jahre?

24_Newt Scamander ist ein Huffelpuff und trägt einen Schal in Huffelpuff-Farben – doch das wird nie tiefer beleuchtet. Ich hätte gern mehr darüber erfahren, wie das Hogwarts-Haus und die Figur zusammenpassen. (Nur die Tierliebe / Empathie und eine gewisse… Aufgeschlossenheit, Gutmütigkeit?)

25_Auch die Tierwesen bleiben flach, uninteressant. Ein paar Kritiken machen Pokémon-Vergleiche oder Pokémon-Go-Witze (“Wo sind solche Wesen zu finden? Überall, seit der App!”), und natürlich gibt (Link) es oberflächliche Parallelen (Link). Insgesamt geht es leider kaum um Zoologie, das Nebeneinander von Mensch und Tier usw., Scamander steht zwar auf Seiten der Wesen und des Artenschutzes, doch ich erhoffte mir viel mehr. [Das Bowtruckle erinnerte mich an Baby Groot aus “Guardians of the Galaxy 2”; und der recht amerikanische Donnervogel Frank an den sehr amerikanischen Weißkopf-Seeadler.]

26_Ich hasste den Deus ex Machina im Finale: Die Zaubernden werden nicht enttarnt, der Donnervogel hilft mit magischem Regen, das Gedächtnis aller (!) Bewohner*innen Manhattans zu löschen. Von aktuellen TV-Serien bin ich gewohnt, dass ständig das Undenkbare geschieht – und nie mehr rückgängig zu machen ist. Deshalb enttäuscht mich, wie bequem und spannungslos alle Ordnung wiederhergestellt wird. Und: Alle sieben “Potter”-Romane hatten eine Krimi-Struktur und erinnerten an Plots von z.B. Agatha Christie. “Beasts” habe ich nicht als Krimi gesehen/verstanden. Deshalb: ein gemütlicher, launiger Film. Doch kein sehr spannender – und wenig Dringlichkeit für Teil 2.

27_Insgesamt aber: gutes Timing; kurzweilige, gut balancierte Szenen. Der Kakerlaken-Teekannen-Wurf wirkte zu künstlich/videospielhaft, der Ausbruch aus dem Ministerium mit Queenies Hilfe schien mir zu leicht, und die Sätze, die Percival, Newt, Portentina im Finale an Credence richten, um ihn zu beruhigen, wirkten auf mich schwach und billig. Beide Szenen in Newts TARDIS-artigem Koffer-Biotop schienen mir sehr lang – doch wunderbar geglückt: idyllische Sets, kluge Gespräche. Schön für mich als “Batman”-Fan: der viele weiße Marmor in der Exekutions-Szene (auch, wenn Profi Tina viel zu lange brauchte, um vom Stuhl in Sicherheit zu springen.)

28_Ich las “Harry Potter and the Cursed Child” (Theaterstück in zwei Teilen, erschienen 2016) am Wochenende. Keine Katastrophe – doch ich musste mich durch Teil 2 quälen, habe tausend Einwände, was die Zeitreise-Logik betrifft, und bin von allen Familiendynamiken unterwältigt: 2 Sterne. Rowlings Stück fühlte sich an wie eine lästige Hausaufgabe. Trotzdem sind für mich “Child” und “Beasts” zwei Seiten der selben Medaille: “Child” ist eine Fortsetzung (spielt ca. 2018), “Beasts” ein Prequel (1926). “Child” ist nur für super-bewanderte Potter-Fans komplett verständlich, bei “Beasts” muss man gar nichts wissen. “Child” weckt die Befürchtung: “Ist Rowling auf dem absteigenden Ast?”, “Beasts” zeigt: “Wow. Nein: Sie kann es (doch) noch!”. “Child” ist ein komplexer, aber verwirrender und müder Ausläufer, “Beasts” Frischzellenkur, Neustart, einladender, einsteigerfreundlicher, fast perfekter Mainstream: etwas seicht, aber eine stimmige Erweiterung der “Potter”-Welt.

29_Meine Hoffnungen für Filme 2, 3, 4 und 5: mehr andere Handlungsorte / nicht länger (nur) New York. (Die nordamerikanische Zauberschule Ilvermorny zu sehen, ist mir dabei nicht besonders wichtig: schöner Artikel dazu, auf Weltenbau-Wissen.de). Komplexere, weniger leicht zu besiegende Faschisten und Populisten (Ich hoffe, die Filmreihe zeigt den zweiten Weltkrieg bis einschließlich 1945, und die Lestrange-Familie wird/bleibt wichtig: mehr über Leta Lestrange u.a. hier). Statt bloßen “tierischen” Wesen wünsche ich mir mehr über das Mit- und Gegeneinander zu Kulturen wie den Zentauren, Trollen, Merpeople. Ich hoffe, Queenie hat in den Fortsetzungen eine Funktion/Existenzberechtigung. Als Deutscher bin ich gespannt, wie viel wir von (Nazi-)Deutschland sehen und, ob der Magier-Diplomat mit dem deutschen Akzent noch einmal auftaucht. Und – das war bei schon bei Harry so: Noch bin ich nicht sicher, ob wir Newt als Person reizend, bezaubernd, wunderbar finden sollen… oder ganz schön schwierig. Ich selbst wäre nicht gern von den Entscheidungen eines Menschen wie Newt abhängig – und bin gespannt, ob diese Kantigkeit und seine Brüche noch ausgebaut und betont werden. (Bei Harry gelang das wunderbar.)
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zuletzt:
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2014, zur Fußball-WM, erschien ein neuer “Pottermore”-Text Rowlings zur Quidditch-WM 2014 (Link: Text von mir, ZEIT Online). Dort wird erwähnt, dass Luna Lovegood, eine Klassenkameradin Harrys, mittlerweile mit dem Enkel von Newt verheiratet ist, Rolf Scamander. Wir wissen, dass Rolf dunkelhäutig ist (“swarthy”), und wir wissen durch das “Phantastische Wesen”-Schulbuch, dass Newt Porpentina heiratete. Im Film sind Newt und Porpentina weiß – das heißt, vermutlich wird ihr Sohn oder ihre Tochter eine große Liebe mit einer Person of Color erleben. Schade, dass nicht Newt selbst oder Tina nicht-weiß sind: Eine Filmreihe, die auf Hitler, Grindelwald, den zweiten Weltkrieg zusteuert, wäre mit Hauptfiguren of Color sicher interessanter. (That being said: Ich denke, Porpentina und Queenie sind Jüdinnen.)
und, Nachtrag: Ich merke erst jetzt, dass Newt Scamanders Londoner Verlag “Obscurus Books” heißt. Im ersten Jahr, nachdem es Newt nicht gelang, einen Obscurus und seinen Obscurial zu retten, erscheint sein Hauptwerk in diesem Verlag. #schuldgefühle? #tribut?
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Video: Bücher auf Youtube – Literaturkritik, BookTube, Vlogs

wordpress Vlog

august münchen 2015

Blogs und Literaturkritik:

Seit fünf Jahren führen wir eine große Qualitäts- und Grundsatzdebatte. Dass Blogs ein sinnvoller Ort sein können, um über Bücher zu sprechen, stellt mittlerweile niemand mehr in Frage. Was aber ist mit Videos? Vlogs?

Im Juli 2015 portraitierte die Süddeutsche Zeitung Sara Bow, Mode- und Buchbloggerin: http://www.sueddeutsche.de/kultur/buchkritikerin-auf-youtube-sehrsehrsehr-lustig-lest-es-1.2558228

“Sara! Mir grauts vor dir” antwortete Blogger Thomas Brasch und schrieb: ” ich finde es grauenvoll, dass diese Darbietungen, dieses ungenierte Plappern von Sara Bow & Co. erfolgreich Bücher verkauft. Soviel Neid muss sein. […] Mit solchen Formaten trifft die Anspruchslosigkeit eines selbstgefälligen Youtube-Sternchens auf die Anspruchslosigkeit naiver Teenies.”https://thomasbrasch.wordpress.com/2015/07/11/sara-mir-grauts-vor-dir/

Sara Bow ist 21 – und weder sprachlich noch in der Auswahl ihrer Bücher mein Fall. Trotzdem imponieren mir Youtuber und Vlogger, und ich sammle seit Jahren Mut für ein eigenes Video. Ich rede u.a. bei Deutschlandradio Kultur über Bücher. Aber: mit einer Redaktion, in einem Studio. Im Alleingang vor die Kamera treten, ein eigenes Format entwickeln… das habe ich jetzt zwei Tage lang, zum ersten Mal, probiert.

Es macht Spaß. Es frisst Zeit, kostet Kraft und führt mir vor Augen, wie viel ich zu lernen habe und wie viel schief gehen kann. Ob ich ein zweites, drittes Video drehe, hängt auch vom Feedback und der Resonanz ab: Bringt das hier was? Wer schaut das, und wozu? Es war VIEL mehr Arbeit als ein Blogpost oder ein Artikel – und es sieht amateurhafter aus.

Mein Lieblings-Vlogger ist Michael Buckley, den ich u.a. für ZEIT Online portraitiert habe, http://www.zeit.de/digital/internet/2010-01/youtube-buckley

Mein deutscher Lieblings-Booktuber ist Andreas Dutter, Brivido Libro: https://www.youtube.com/user/brividolibro

Ich empfehle auch Herbert liest,https://www.youtube.com/user/LiteraturEskorte

und Iris Radischs Videos (die grade leider immer seltener/sporadischer werden): http://www.zeit.de/serie/lesetipp

mehr zu Literaturblogs u.a. auf meinem Blog, https://stefanmesch.wordpress.com/2015/07/28/die-besten-buchblogs-und-literaturblogs-50-empfehlungen-links/

Video-Link auf Youtube: https://youtu.be/3CH3YYE7AdY

weiteres Videos von mir hier: Youtube-Channel, smesch83

 

Stefan Mesch: Publikationen und Termine, Mai 2012

Termine, Artikel, Veröffentlichungen

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wichtige Veröffentlichungen, 2011/12:

  • Futter für die Bestie: 528 Wege… zum nächsten guten Buch. Essay, erschienen in Ausgabe 31 von “BELLA triste – Zeitschrift für junge deutschsprachige Literatur”, Hildesheim 2011. [Link; Ergänzungen hier und hier.]
  • Wofür stehst du? Junge Literatur, Poesie… und Position. Essay zur Gegenwartsliteratur, Literaturfest München, September 2011. [fab:muc.de]
  • Schreibversuche. Schreibschulprosa. Stadtgeschichten. Vorwort zur jährlichen “Landpartie”-Anthologie des Studiengangs Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, März 2012. [Link; Edition Pächterhaus]

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Literatur und Netzkultur für DIE ZEIT:

  • eBook nach Fukushima: In ‘Aftershocks’ berichten Blogger und Autoren über die Tage nach dem Tsunami. [ZEIT Online, Mai 2011]
  • Barbara Honigmann (Interview): Die jüdische Autorin über Heimat, Traumata und Emanzipation. [ZEIT Online, Oktober 2011]
  • eBooks und Social Reading: Auf Plattformen wie Slicebooks und Longreads werden Hobby-Leser zu Kuratoren. [ZEIT Online, November 2011]
  • Brewster Kahle (Interview): Der Archivar und OpenLibrary-Erfinder über Bibliotheken, freies Wissen und den Kampf gegen Amazon und Google. [ZEIT Online, April 2012]
  • Bücher für den Sommer! Persönliche Empfehlung für den Comic ‘Daytripper’ von Gabriel Bá und Fabio Moon. [ZEIT Online, Juli 2011]
  • Bücher für Weihnachten! Persönliche Empfehlung für den Coming-of-Age-Roman ‘Das also ist mein Leben’ von Stephen Chbosky. [ZEIT Online, Dezember 2011]

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TV, Comics, Feminismus etc. im Berliner Tagesspiegel (Print):

  • Heimwerker: Die neuen Autonomen. Urban Gardening, Etsy, Do-it-Yourself als Luxus und Selbstverwirklichung. Eine Rundschau. [Link, August 2011]
  • ‘Green Lantern’ in Comic und Kino: Übersicht/Einführung ins “vielleicht letzte große triviale Epos” im Medium Comic. [Link, Juli 2011]
  • US-TV-Serien werden immer konservativer. Hausfrauen, Prinzessinnen, Sexobjekte… von ‘Panem’ bis ‘Bridesmaids’. [Link, September 2011]
  • ‘Netzspiegel’ Online-Kolumne: Literatur-Empfehlungen, Netzwerke und die BookDNA-Datenbank. [November 2011, Link, November 2011]

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verstreute Veröffentlichungen:

  • 25 Jahre mit “Green Lantern” (Interview): Sally Pascale, Hausfrau und Bloggerin, über die monatliche Comic-Reihe. [englisch, August 2011, Link]
  • Literaturfestival ‘PROSANOVA’: kurze Glosse über Eventplanung und Perfektionismus in der ‘PROSANOVA’-Festivalzeitung. [Mai 2011, Link]

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Lektorat:

  • “Die Magier von Montparnasse” (Oliver Plaschka, Klett-Cotta; Fantasy) erscheint im Taschenbuch. [August 2011, Amazon.de]
  • “Weiter Weg” (Martin Spieß, Birnbaum Verlag; Short Stories) erscheint im Taschenbuch. [Juni 2011, Amazon.de]
  • Verlagsgutachten für Natalie Buchholz, Michael Zöllner und Franziska Schneider, Klett-Cotta / Tropen-Verlag [2011, Wikipedia.de]

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Lesungen, Akademisches u.a.:

  • Lesung: “Zimmer voller Freunde” Literaturbüro Freiburg, ‘zwischen/miete’-Lesereihe, 4. November 2011. [Details]
  • Übersetzung ins Englische: Fünf Festreden / Ansprachen für Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, für seine Reise durch Kanada, April 2012.
  • Übersetzung ins Deutsche: Pressestimmen / Zitate für die Website des Goethe-Institut Toronto, April 2012.
  • Moderation [Englisch]: Picador-Gastprofessorin und Schriftstellerin Fiona Maazel im Centraltheater Leipzig, 15. Mai 2012. [Details]
  • Gastvorlesung / Seminar: ‘Entenhausen finden Sie überall: Kulturwissenschaftliche Methoden am Beispiel Comic’, Universität Hildesheim, 21. Mai 2012. [Details]

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Literatur: Scouting & Kritik

  • Lektüre von jährlich ca. 80 Romanen / 160 Comics… auf Goodreads.com bewertet und sortiert. [Profil; Übersicht 2011, Übersicht 2012]
  • monatliche Liste: 23 neue, vielversprechende, unbekannte Bücher – gesammelt und verlinkt [“Underdog Literature”, seit Juni 2011]
  • monatliche Liste: 15 unbekanntere Kinofilme / Arthouse-Produktionen – gesammelt und verlinkt [“Underdog Cinema”, seit März 2012]
  • sporadische Liste: Netz-/Presseschau, Debatten, Links, Funstücke – gesammelt und sortiert [“Underdog Journalism”, seit April 2012]
  • persönliche Empfehlungen: Die 20 besten Lektüren 2011 [Blog, Januar 2012]

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stefanmesch.wordpress.com: nennenswerte Einträge

  • Superhelden-Comics: gute Einstiegspunkte / Lektüre-Listen für u.a. “Superman”, “Green Lantern” und “Batwoman”. [Link, englisch, seit Dezember 2011]
  • Ayelet Waldman (Interview): langes Gespräch mit der Autorin, Anwältin, TV-Produzentin, Kolumnistin. [Link, englisch, November 2011]
  • Anne Köhler (Interview): Gespräch mit der Autorin, Kolumnistin und Gelegenheits-Jobberin zum Erscheinen ihres Buches. [Link, November 2011]
  • “Helden meiner Kindheit”: private Medien- und Trickfilm-Biografie, ca. 1987 bis 1995. [Link, Juni 2011]
  • seit Ende Mai 2011 knapp 100 Einträge [davon zwei Drittel Englisch] und ca. 35.000 Besucher.

Social Media:

  • Facebook [Link]
  • Google Plus [nur sporadisch, Link]
  • Twitter [nur sporadisch, Link]
  • Goodreads [Bücher / Lektüren, Link]
  • Criticker [Filme, Link]
  • IMDb [Watchlist für zukünftige Filme, Link]
  • last.fm [Musik / Webradio, Link]
  • Youtube [sporadische Videos, Link]
  • ZEIT Online [Link]

mehr:

“Nichts werden macht auch viel Arbeit”: Autorin Anne Köhler im Interview

frech vom Bildschirm abfotografiert: fünf Praktikantinnen des DuMont-Verlags mit Anne Köhlers Bericht/Sammlung “Nichts werden macht auch viel Arbeit”, 2010.

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Letzten Oktober interviewte ich meine Hildesheim-Kollegin, Autorin, Journalistin und passionierte Nebenjobberin Anne Köhler zu ihrem neuen Buch “Nichts werden macht auch viel Arbeit: Mein Leben in Nebenjobs” für das Karriere-Ressort bei ZEIT Online.

Hier ist die (deutlich längere), erste Version unseres Gesprächs: weniger geschliffen – aber mit mehr Details zu Annes Methodik, Erfahrungen und eigenen Interessen.

Eine Art Director’s Cut. Viel Spaß!

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“Meine Interessen sind ärgerlich vielfältig.“

Seit fünfzehn Jahren wechselt die Autorin Anne Köhler ihre Jobs: Ein Interview über Selbstverwirklichung – und Existenzangst.

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Anne Köhler: ‘Nichts werden macht auch viel Arbeit. Mein Leben in Nebenjobs’

DuMont Verlag, Köln 2010.

Perlentaucher (Link) | Amazon.de (Link) | Goodreads.com (Link)

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Stefan Mesch: ‘Anne und ihre Jobs’ hieß die Kolumne, für die du deine Arbeit in 21 Studiengängen, Praktika und Aushilfsjobs beschrieben hast. Jetzt sind die Texte als Buch erschienen, „Nichts werden macht auch viel Arbeit. Mein Leben in Nebenjobs.“ Womit begann deine Karriere?

Anne Köhler: Ernsthaft begann sie wohl, als ich verstand, wie enorm hilfreich es ist, fünf Jahre alt und süß zu sein: Ich konnte an den Haustüren im Dorf selbstgepflückte Blumensträuße verkaufen. Ich habe viel früh ausprobiert, als Schülerin in der Gärtnerei gejobbt, mich in der Jugendpolitik engagiert, in den Ferien als Kinder- und Jugendbetreuerin. Das waren erst Versuche, mit viel Spaß verbunden. Irgendwann ging es dann mehr darum, Geld verdienen zu müssen – und damit veränderten sich auch die Jobs.

Stefan Mesch: Ende der Neunziger, nach deinem Abitur, hast du Architektur und Kunstgeschichte in Berlin studiert und nebenher bei der Post und als Messehostess gearbeitet. Doch du hast alles abgebrochen: die Studiengänge und die Jobs.

Anne Köhler: Ich wusste, dass ich Kunst studieren will, aber dafür muss man Mappen füllen, für die Bewerbung und die Aufnahmeprüfungen. In jeder Mappe mussten Originale sein, und weil die Bewerbungsfristen oft in den gleichen Monaten lagen, waren nicht mehr als 1 bis 2 Bewerbung pro Jahr zu schaffen. Ich konnte mir für diese „Mappenphase“ nicht vorstellen, dass es für mich gut wäre, nur alleine mit mir zu arbeiten. Darum waren Architektur und Kunstgeschichte nahe liegende Fächer: Ich wollte möglichst viel lernen. Ich glaube auch, dass mich diese Zeit tatsächlich sehr im Positiven geprägt hat. Doch trotz drei Jahren Vorbereitung hat es dann nie zum Kunststudium gereicht – ich war immer ganz gut, aber nie gut genug. Keiner konnte mich richtig einordnen, denn ich habe schon damals sehr viel mit Texten gearbeitet.

Stefan Mesch: Früh morgens im Postzentrum Briefe zu sortieren war ein recht angenehmer Nebenjob für dich, aber das Kellnern auf der Messe fiel dir furchtbar schwer.

Anne Köhler: Wenn du für wenig Geld im Nadelstreifenkostüm und auf hohen Schuhen zwölf Stunden lang bis tief in die Nacht gekellnert hast, träumst du von einer Welt ohne Schmerzen in den Füßen. Aber das Deprimiendste ist wohl, wenn du so einen Job nur des Geldes wegen machen musst: Dann verliert man schnell die Lust und bringt immer weniger Energie dafür auf. Auf lange Sicht hat davon keiner etwas.

Stefan Mesch: Dein letztes Studium wolltest du beenden, Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. War es ein gutes Gefühl, 2006 Diplom zu machen?

Anne Köhler: Ich fing in Hildesheim erst im Studiengang Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis an – meine Schwerpunkte waren Malerei, Bildende Kunst und Fotografie; das Kreative Schreiben nur eines der vielen Zusatzfächer. Aber im Lauf der Zeit wurde es immer wichtiger. Man fühlt sich ja schon ein bisschen blöd, wenn man so viele Studiengangswechsel erklären muss. Aber heute denke ich, dass sich darin vielleicht einfach ankündigte, wie mein Leben später verlaufen wird: Meine Interessen sind ärgerlich vielfältig. Das Schreiben ist die Basis. Etwas, was immer da war und wohl auch immer bleibt. Ob dazu ein Diplom nötig ist, muss jeder selbst entscheiden. Aber für mich persönlich war es irgendwie schon wichtig, mal etwas zu Ende zu führen… auch, wenn bis heute nie jemand nach diesem Diplomzeugnis fragte!

Stefan Mesch: Jetzt jobbst du seit vier Jahren in Berlin. Wie läuft da ein typischer Tag ab? Was hast du heute gemacht?

Anne Köhler: Na, heute ist ja Sonntag! Nicht, dass das an meinem Rhythmus sehr viel ändert, aber ich hatte vor, heute nur Freizeit-Dinge zu tun. Aber jetzt führe ich ein Interview und feile am Exposé zu dem ‘Roman-Dings’, an dem ich schon lange arbeite. Und morgen früh bin ich im Nachbarschaftsbüro: Das Büro ist im Wochenrhythmus abwechselnd bei mir im Arbeitszimmer und bei einem befreundeten Autor. Fünf Tage pro Woche sind wir bis mittags zu zweit, trinken viel guten Kaffee und sitzen bienenfleißig am selben Schreibtisch. Jeder arbeitet an seinem Text, doch manchmal schauen wir uns über die Bildschirme hinweg an und seufzen oder nicken verständnisvoll, strecken die Arme nach oben, machen Kaffeepause… Wir ringen nach Luft. Wir suchen nach Wörtern und Sätzen. Nachmittags ist dann Zeit für Nebenjobs. Im Moment halte ich auch nach Kneipen Ausschau, in denen ich kellnern kann.

Stefan Mesch: Die größte Mühe scheint oft, eine brauchbare Balance zu finden.

Anne Köhler: Am liebsten nutze ich die Zeit für meine Texte, aber sobald ich Geld brauche, schaue ich, was sich auftreiben lässt. Das kann beinahe alles sein – Sekretärin, Köchin, Journalistin, Küchenhilfe oder Kellnerin. Die Zeiträume, die ich allein mit Schreiben verbringe, dürfen gerne größer sein. Aber ich will die Abwechslung nicht missen, die meine Nebenjobs bringen: Man lernt etwas dazu, findet neue Menschen und Perspektiven…

Stefan Mesch: …und wird für wenig Lohn ausgenutzt.

Anne Köhler: Viele Jobs sind völlig unangemessen bezahlt. Wenn man für fünf Euro pro Stunde in der Silvesternacht alleine in der Kneipe schuftet, fragt man sich schon, warum man das überhaupt zulässt. Es ist auch anstrengend, sich Sorgen um die Miete machen zu müssen. Von Dingen wie Vorsorgen und Versicherungen ganz zu schweigen!

Stefan Mesch: Denkst du, Frauen laufen stärker Gefahr, als schlecht bezahlte Servicekraft ausgebeutet zu werden?

Anne Köhler: Das ist jetzt wohl so eine Gender-Frage. Ich habe keine Ahnung, denn ich bin ja immer als Frau unterwegs. Ich vermute aber, so lange es mehr Frauen in Service-Jobs gibt, werden sie dort auch stärker ausgebeutet. Bei meinen Nebenjobs gab es bisher nie Unterschiede in der Bezahlung – aber vielleicht haben es Männer auch schwerer, flexible Servicejobs zu finden?

Stefan Mesch: Oder sie stehen stärker unter Druck, „richtiges“ Geld zu verdienen, Versorger zu sein?

Anne Köhler: Ich wäre gerne Mitversorger! Ich könnte mir auch nicht vorstellen, mit dem Arbeiten aufzuhören, wenn ich mal Kinder bekommen sollte. Insofern müsste mein Mann heute keinen größeren Druck spüren, viel Geld zu verdienen, als ich selbst.

Stefan Mesch: Trotzdem könntest du im Moment keine Familie versorgen. Was heißt das für die Liebe? Genießt du diese Freiheit – oder fürchtest du dich auch?

Anne Köhler: Und ob ich die Freiheit genieße! Und klar fürchte ich mich! Aber nicht die ganze Zeit: Ein Kind würde viel verändern. Ich würde dann vielleicht auch mehr Kompromisse eingehen, was meine Jobs angeht. Aber ich glaube trotzdem, dass ich auch das hinkriege: Im Idealfall hat man ja auch noch einen Partner, für den dasselbe gilt. Dann muss man eben gut zusammenarbeiten und dafür sorgen, dass keiner zu kurz kommt. Eine Entscheidung für ein Kind wäre auch eine Entscheidung für eine Veränderung meiner Lebensumstände. Ich bräuchte einen festeren Job… und ob es einfach wäre, den zu finden, lasse ich mal dahingestellt.

Stefan Mesch: Eine der traurigsten Stellen im Buch ist der Moment, als du mit 30 merkst, wie viel Talent du zur Köchin hast… und dann bedauerst, dieses Talent nicht schon zum Abitur entdeckt zu haben. Hättest du, rückblickend, früher lieber noch viel mehr Dinge ausprobiert?

Anne Köhler: Ich fand das selbst sehr traurig. Aber was nützt das Grämen? Ich versuche jetzt, mich darüber zu freuen, dass ich mein Talent zur Köchin überhaupt fand. An sich selbst ein Talent zu entdecken, etwas, das einem leicht von der Hand geht und trotzdem enorm fordert, ist immer ein Glück, diese Dinge sind sehr selten – denn außer dem Schreiben war das Kochen wirklich der einzige Job, zu dem ich fast immer gern gegangen bin.

Stefan Mesch: Glaubst du, du hast so viele Jobs hinter dir, weil du dich fürchtest, zu viel auf eine Karte zu setzen? Du könntest ja auch heute noch eine Ausbildung zur Köchin machen, oder?

Anne Köhler: Es gibt Leute, die mit über dreißig noch einmal komplett neu anfangen, und ich bewundere das. Ich glaube nicht einmal, dass mir dazu der Mut fehlt. Aber es ist ja so: Wenn ich jetzt Köchin werde, könnte ich nicht mehr schreiben. Auf hohem Niveau zu kochen verlangt einem viel ab, körperlich und psychisch, und man muss unendlich viel Zeit investieren. Und wenn man nachts um eins von einer 12-Stunden-Schicht erschöpft nach Hause kommt und trotzdem noch zwei bis drei Stunden nicht schlafen kann, weil das Adrenalin durch die Adern pocht – da ist an Schreiben nicht zu denken.

Eine ernsthafte Arbeit anzunehmen, für die ich bereit bin, all meine Energie aufzubringen, würde bedeuten, das Schreiben in den Hobbybereich zu verfrachten. Dazu bin ich eben nicht bereit. Und darum ist auch Grämen sinnlos: Hätte ich mit 20 anders entschieden, wäre ich heute vielleicht eine sehr gute Köchin. Aber das Buch hätte ich dann nicht geschrieben, und vielleicht auch nie ein anderes.

Stefan Mesch: Denkst du, Berufung und Beruf finden oft gut zusammen? Bekommen Kinder genug Möglichkeiten, um sich auszuprobieren?

Anne Köhler: Ich glaube wirklich, dass viele Menschen leider nicht das Glück haben, ihre Talente zu entdecken. Die beste Schule ist die Praxis. Denn wie soll man sicher sein, dass man einen Beruf für sehr lange sehr gerne machen wird, wenn man nicht die Chance hat, ihn eine Weile auszuprobieren?

Stefan Mesch: Wie hat sich der Blick auf deine Lebensumstände in diesen fast 15 Jahren verändert? Bewundert oder bemitleidet man dich? Sind Leute neidisch?

Anne Köhler: Ich glaube, früher habe ich mich selbst manchmal viel zu bitterernst genommen. Da hat allem die Leichtigkeit gefehlt. Ich glaube, dass man fremde Lebensumstände zu oft im Vergleich zur eigenen Situation beurteilen will. Wenn gerade der Gerichtsvollzieher klingelt, kann man wenig Verständnis für den besten Freund aufbringen, der gerade jammert, dass er sich in diesem Jahr nur Urlaub in Italien statt in der Karibik leisten kann, doch wenn ich selbst gerade seit vier Wochen auf Bora Bora Drinks mit Schirmchen schlürfe, kann ich auch den besten Freund ein bisschen bedauern.

Stefan Mesch: Darum erscheinen schon seit Jahren Bücher über diese „Generation Praktikum“. Ein paar sind wütend und politisiert. Andere feiern einfach eine junge, prekäre Boheme und schildern Armut und Unsicherheit als Lifestyle.

Anne Köhler: Ich selbst erzähle von sehr persönlichen Arbeitssituationen, doch dabei schwingen immer Themen mit, die viele Leute meines Alters beschäftigt. Aber mir war wichtig, nicht in den Tonfall zu kippen, der nur anprangert und das eigene Leid beklagt. Die Hochs und Tiefs nicht schönen, aber mein Scheitern im Rückblick auch von der humorvollen Seite nehmen. Ich finde es völlig in Ordnung, mir nicht alles leisten zu können und auch mal zu verzichten. Aber jeden Euro drei Mal umdrehen zu müssen, nervt halt oft auch. Und was noch mehr belastet, ist das Gefühl, oft unterbezahlt zu werden. Generell aber will ich gern lernen, mich nicht so oft zu beschweren, denn die Künstlerförderung in Deutschland ist – verglichen mit vielen anderen Ländern – gar nicht so schlecht. Ich wollte immer Schreibzeit haben und die Möglichkeit, spontan Stipendien anzunehmen. Ein fester Job kam nie wirklich infrage. So viele Berufsgruppen sind unterbezahlt, und persönlich hoffe ich auch, irgendwann auf einer etwas festeren Basis zu stehen. Aber bis dahin genieße ich eben, dass ein Taxi spät in der Nacht durch halb Berlin ein seltener Luxus für mich ist.

Stefan Mesch: Der größte Vorzug ist vielleicht die große Ungebundenheit: Du hast ein Praktikum in Israel gemacht und Schreibstipendien in Krakau und Rumänien, du könntest schon morgen ganz woanders leben. Andererseits buchen Bankangestellte in unserem Alter schon ihre ersten Kreuzfahrten. Diese Leute kennen, wenn sie wollen, Bora Bora und Italien!

Anne Köhler: Es tut schon gut, ganz woanders zu sein. Aber ohne das Gefühl, danach wieder „nach Hause“ zu kommen, würde mir etwas Wichtiges fehlen: Ich bin ein Mensch, der eine Basis braucht, meine Bücher, meine Küchenausstattung, all die Dinge, die ich mir über die Jahre hinweg zusammengefunden habe. Ich gehöre nicht zu den Minimalisten, die Wert darauf legen, dass alle Sachen in zwei Koffer passen! Du fragst, ob ich meine Freiheit auch genug nutze. Aber es ist nicht immer notwendig, alles in Anspruch zu nehmen, was an Möglichkeiten vor mir liegt: Manchmal reicht schon das Gefühl, dass diese Möglichkeiten da sind.

Das Dümmste ist, dass man nie richtig Urlaub, echte Ferien und Wochenenden, nie so richtig frei: Wenn das Schreiben ein Luxus ist, dann nutzt man dafür auch jede freie Minute. Und dann sind schnell vier Jahre vorbei und man weiß nicht mehr, wann man das letzte Mal ein paar Tage am Stück einfach nicht gearbeitet hat. Das macht auch nicht gerade umgänglicher: Das Schreiben ist eine ärgerliche Passion.

Stefan Mesch: Das Schreiben oder die vielen Nebenjobs?

Anne Köhler: Naja, wenn man oft die Nebenjobs wechselt, entwickelt sich in den einzelnen Bereichen natürlich relativ wenig weiter. Auf der Buchklappe wird das „die flachste Karriereleiter der Welt“ genannt. So lange ich mein Schreiben als das eigene Hauptanliegen empfinde, leidet darunter natürlich alles andere – auch die reine Spaß-Freizeit. Man kann einfach schlecht entspannen, weil man immer das Gefühl hat, die freie Zeit nutzen zu müssen. Das Schreiben braucht viel Zeit, Disziplin und Konzentration. Es lässt jeden Versuch scheitern, ein ganz normales Leben zu führen. Aber ach, es ist auch schön!

Stefan Mesch: Und rückblickend – lief dein Leben schief? Hast du ein Ziel gehabt und dann verfehlt? Oder dich unterwegs verlaufen?

Anne Köhler: Kennst Du den Turm von Pisa? Auch dort war ich, ehrlich gesagt, noch nie. Von unten sieht er wohl nicht sehr vertrauenerweckend aus. Aber wenn man erstmal oben ist, ist der Ausblick, denke ich, trotzdem ganz schön. Wenn nicht zu viel Gedrängel herrscht. Und wenn er nicht gerade einstürzt!

So ähnlich ist das mit dem Leben und den Zielen: Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass mein Leben nicht schief lief. Aber unterwegs habe ich das oft anders empfunden: An einigen Zielen bin ich gescheitert, aber dadurch gewachsen. Das war vielleicht am schönsten beim Schreiben dieses Buchs: Im Rückblick hat vieles doch einen Sinn ergeben – und wenn es nur der war, dass ich darüber lachen konnte.

Stefan Mesch: Und in zehn Jahren…?

Anne Köhler: Ich kann mir viel vorstellen! Vielleicht bin ich dann Köchin in einem kleinen Lokal in Hong Kong, das „Abendbrot“ heißt. Einmal im Jahr mache ich Urlaub in Biarritz. Oder ich bin Zahlenansagerin in einer noch kleineren Kaschemme auf Island. Oder ich habe einen Mann und drei Kinder und bin halb Hausfrau und halb Schreiberin. Ist es nicht schön, manche Dinge noch nicht ganz genau zu wissen?

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verwandte Links:

Kulturtagebuch: Leben und Schreiben in Hildesheim

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Alle zusammen – jeder für sich.
Lose Notizen über die Dramaturgie einer Sammlung loser Notizen.

von Stefan Mesch (Link), Februar 2007

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Dieser Text – über den Studiengang “Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus” in Hildesheim (Link) – erschien ursprünglich als Nachwort von: “Kulturtagebuch: Leben und Schreiben in Hildesheim” (Link), Glück & Schiller Verlag, 2007.

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1: Das Wesentliche

Was für ein blöder Abend [Was für ein blödes Jahr!]: Ich zahle den Espresso und knöpfe meinen Mantel zu, packe den Text ein und drehe mich zu den anderen. Wir sind im „Einstein“, einem aseptischen Café an der Uni; es ist der letzte Tag des Wintersemesters und kurz nach Mitternacht. „Warum Berlin?“ war das Motto unserer Lesung, es ging um Hildesheimtexte und Berlintexte [ungefähr 20 Stück]: eine kleine, unaufdringliche „Bitte bleib’ doch!“-Geste für einen Philosophieprofessor, der in die Hauptstadt wechseln will; Eintritt frei. Ich habe einen zwei Jahre alten Hildesheim-Weltschmerztext vorgelesen, hübsche Studenten mit diffusen Sorgen in einer hässlichen Stadt [„Ich drücke auf alle Knöpfe, die ich finden kann, und nichts passiert.“]. Der Text hat sich schlecht gehalten: Weltschmerz in Hildesheim, dieser Bogen ist überspannt.

Wir packen unsere Sachen. Innerlich sind wir schon in den Semesterferien: beim nächsten Praktikum, den anstehenden Deadlines oder daheim, bei den Eltern. Ich habe Leif gesagt, er soll mir eine Mail schicken, wenn er ein Lektorat braucht. Ich habe Jan versprochen, mit ihm trinken zu gehen, sobald ich den Kopf frei habe. Ich nehme Alex in den Arm und wünsche ihr viel Spaß in Baden-Baden [SWR, Hörspielredaktion], „Die Kolumne schicke ich dir am Wochenende; früher werde ich nicht fertig. Und über den Theaterhaustext reden wir im April noch mal, ja? Ist grad alles sehr viel.“ Sie schultert ihre Tasche. Johannes schultert seine Gitarre. Die Kellnerin gähnt. Wir versichern uns, dass wir zufrieden sind [kaum Publikum, aber der Philosophieprofessor hat geklatscht und sich gefreut], doch während wir uns verabschieden fühlt es sich an, als sei dieser Abend irgendwie vorbeigeschrammt am Wesentlichen – was auch immer das ist: das Wesentliche.

Das Wesentliche ist das Gefühl, dass es gar nicht anders geht; die Gewissheit, am richtigen Ort zu sein und mit den richtigen Leuten an den richtigen Dingen zu arbeiten. Das Wesentliche ist die Literatur, Training und Dressur einer distinkt eigenen Erzählstimme. Wesentlich für die Entwicklung dieser Stimme wiederum ist das Beobachten und Durchdringen der Gegenwart: kulturjournalistisches Einsaugen und Experimentieren, Notieren, Verlinken und Symptomatisieren. Sich wund reiben an der Welt, und jeden Trend, jedes Reiz- und Modewort der Feuilletons als Spitze eines ganzen Eisberges kulturhistorischer Interdependenzen durchblicken zu lernen. Entsprechend hat Hanns-Josef Ortheil guten Grund, uns z.B. Bachs „Kunst der Fuge“ ans Herz zu legen, wenn es um Dramaturgie und erzählerisches Timing geht. Wir dürfen uns [so der bemüht-allgegenwärtige Hildesheimgedanke der Interdisziplinarität] nicht auf eine Epoche und einen kulturwissenschaftliche Bereich beschränken; und deshalb lässt sich jemand wie Bach unmöglich ausklammern. Oder Braque. Oder Beckett.

Kulturwissenschaftler werden, ohne Marschall McLuhan zu kennen? David Lynch, Chris Cunningham, Thomas Kling? Unmöglich! Wir müssen wissen, wie Susan Sontag und Neil Gaiman mit Welt verfahren, wie Gregory Crewsdson und Therézia Mora sehen, wie Jo Gerner und Kurt Schwitters sprechen, worüber Buffy oder Kraftwerk singen.

Bevor ich nach Hildesheim kam, stellte ich mir eine Schreibschule als staubige Parallelwelt vor, in der Bügelfaltenbuben und Hornbrillenfrolleins tagein, tagaus über Henry James und Gertrude Stein plauschen – stattdessen saß ich im ersten Semester [Winter 2003/2004; und bis heute keine abgeschlossene Zwischenprüfung] montags im „Xena“- und dienstags im „Twin Peaks & Akte X“-Seminar, und nach sechs Wochen hielt ich meine ersten beiden Referate, über „Batman“ und lesbische Fanfiction. Herrlich! Statt isoliertem Fachidiotentum lernen wir hier – immer am konkreten Gegenstand – neue Methoden des Begreifens und Hinterfragens. Deshalb sind die Gegenstände – so gern man sich auch in ihnen verliert – fast ein wenig auswechselbar.

„Merken oder nicht? Kaufen oder nicht? Wichtig oder nichtig oder irgendwas dazwischen?“, rätselt Tilman über das Kulturkuddelmuddel im „Jetztzeit“-Seminar. Falsche Fragen, Til: Was zählt, ist der Blick, nicht das Artefakt! Denn das Wesentliche beginnt nicht erst beim Schreiben. Auch nicht beim Beobachten. Nein, das Wesentliche ist ein allen Dingen vorausgehender Denkprozess [„geistreich, horizontöffnend, vielschichtig, wendig, schön und warmherzig“, wie Johannes schreibt, ich füge noch „erratisch“, „spielerisch“ und „mutig“ hinzu]. Und dieser Denkprozess wird im Dokumentarfilm-Seminar genauso gefordert wie bei „Junge deutsche Gegenwartsliteratur“. Er hilft beim Geigenspiel und beim Busfahren, im Kino und an der Supermarktkasse. Und [ja, auch das] bei der Lektüre von „To kill a Mockingbird“. Oder Gertrude Stein.

Deshalb freut sich Tessa: „Wenn ich schreiben müsste, kann ich immer noch Plakate entwerfen. Und wenn ich Plakate entwerfen sollte, schreiben!“. Und deshalb ärgert sich Marcel: „Offenbar weiß in Hildesheim niemand zu keiner Zeit hundertprozentig, was er gerade tut.“

Beide haben Recht. Denn egal, ob wir rausgehen und studieren oder drinnen bleiben und schreiben, ob wir Klassiker lesen oder Seifenopern kucken, ob wir arbeiten oder leben, konsumieren oder produzieren, alles ist irgendwie nützlich, und läuft doch stets Gefahr, am Wesentlichen [Der Welt? Dem Schreiben?] vorbeizuschrammen – so weit dieser Begriff des „Wesentlichen“ in Hildesheim auch gefasst wird [Kraftwerk? Hilfe!]. Im „Einstein“ gehen die Lichter aus. Ich zünde mir eine Zigarette an und fahre in die Nordstadt, parke den Wagen in meiner Straße. Dann schaue ich auf die Uhr: halb eins. Lutz’ WG will heute irgendwas feiern, ich habe nur sehr halbherzig zugehört [ich muss arbeiten!]. Jetzt gehe ich doch noch kurz rüber, drei Häuser weiter, aber schon vor der Haustür höre ich den Bass, die vielen Stimmen [„Wichtig oder nichtig oder irgendwas dazwischen?“] und schüttle den Kopf. Nein, lieber nicht: Ich will mich nicht für alles und jeden hier interessieren müssen, 24/7; heute Abend wird das einfach nichts mehr. Ich gehe hoch in meine Wohnung und erledige meine E-Mails [Was für ein blöder Abend!].

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2: Das Eigene

„Setzt euch der Welt aus, kuckt euch um! Nehmt alle Dinge in die Hand und überprüft ihre Textur!“ Das ist ein guter Ansatz, um Menschen zum Denken [und zum Schreiben] zu bringen. Doch wer im Juli die Eignungsprüfung erfolgreich bestanden hat, der will im folgenden Oktober keine neuen Denkansätze zwischen die Beine geschleudert kriegen, sondern „auf dem Pferd des schönen Satzes und dem Gewand der Großgeistigkeit in den Domänenhof einreiten“, wo ihn alle erst einmal kräftig für seine Einzigartigkeit beklatschen [„Ich veröffentliche auf jetzt.de!“, „Ich liebe Douglas Adams!“, „Ich habe auf Kuba gelebt!“].

In meinem ersten Hildesheimer Winter [Rückblende!] machte ich in allen Seminaren doofe Wortmeldungen, schaute mir Abends mit einem überdrehten Stöckelschuhmädchen schräge Kinofilme an und fühlte mich sehr suave. Und jeden Mittwoch, an meinem Uni-freien Tag, schrieb ich eine neue Kurzgeschichte. Bei Schriftgröße 12 schafft man in anderthalb Stunden ungefähr drei Seiten.

An einem nebligen Wochenende im Februar luden die Professoren [Ortheil und Porombka] dann zur großen Textwerkstatt [Schlüsselmoment!]. Mein Text handelte von einem unglaublich faszinierenden jungen Mann, dessen Vater in der Eröffnungsszene [Rückblende! Schlüsselmoment!] den Familienwellensittich in den Staubsauger saugt. Während ich las, starrte Ortheil mit leeren, traurigen Augen ins Nichts; nach einer Seite sagte er: „Danke, das reicht.“

Porombka machte eine wegwerfende Handbewegung, „Herr Mesch, das ist Trash!“. Anschließend empfahlen sie mir Hemingway, als Sofortmaßnahme gegen zähe Dialoge und Schachtelsätze, und geschlagen fuhr ich zurück in die Nordstadt. Ich verfluchte Ortheil [Er war gelangweilt. Mein Text hat ihn gelangweilt!], ich verfluchte Porombka [Sie haben uns monatelang ins Leere schreiben lassen! Und sie hassen jedes Wort, das ich jemals ausgesprochen habe!], ich blieb zwei Wochen in der Wohnung und las alle Romane von Hemingway. „This place is a prison / and these people aren’t your friends“, auf Endlosschleife im CD-Player.

Verdammt, nein: Wer nach Hildesheim kommt, der will ankommen, nicht umdenken. Es ist schwer genug, den Daheimgebliebenen unsere Arbeit zur erklären: „Unser Team entwickelt gerade Discounter-Knockoffs der ‚Müller’-Fruchtmolkedrinks. Damit revolutionieren wir den Fruchtmolkemarkt! Und was machst du?“ – „Ich habe einen Kurztext über den kulturellen Mehrwert von Essiggurken geschrieben.“

Selbstzweifel? Lieber nicht, sonst stolpert man bald mit abgehackten Händen und verkniffenen Lidern ins Opferdenken und zieht dabei eine Rotzfahne patzig-hilfloser Texte hinter sich her. Denn was wird noch groß leuchten, sobald man vor lauter Weltekel gar nicht mehr richtig beobachten und hinschauen will? Die große Zumutung, das schlichtweg Infame an Ortheils Grundkurs-Appell [„Anhalten! Umdrehen! Noch einmal ganz von vorne beginnen, bei der Beschreibung eines Schwimmbads, einer Bushaltestelle oder des Glutpunkts einer Zigarre!“] ist die Selbstverständlichkeit, mit der alles, was wir bislang geschrieben haben, als Amateurkram abgetan wird:

Ortheil dringt in die WGs und Hotelzimmer, Altbauwohnungen und Küstendörfer unserer Prosa ein, rüttelt an den Hauptfiguren, der Fototapete vor den Fenstern und den Hunde- oder Kinderattrappen in den Nebenzimmern, reibt mit dem Finger über unsere Requisiten und zeigt uns den Staub, der sich dort abgelagert hat. Er ist der große böse Wolf, der alles zum Einsturz bringt, und dafür muss er nicht einmal kräftig pusten [Im zweiten Semester habe ich viele, viele Bücher gelesen, mir alle Wortmeldungen zweimal überlegt, und das Stöckelschuhmädchen maulte auf meiner Mailbox, dass ich krankhaft und verbissen geworden sei].

„Wenn ich früher aus dem Alltag flüchten wollte, habe ich geschrieben“, schreibt Tessa. „Aber was passiert, wenn mein Schreiben Alltag wird? Wohin gehe ich dann?“ Das ist hübsch gedacht und gut formuliert, doch vielleicht greift der Gedanke einer „Flucht ins Schreiben“ zu kurz. Denn bei mir knarrt da sofort die Tür zu einem Turmzimmerchen auf, in dem eine Kerze blakt und eine Feder kratzt, während der Nachtwind müde mit den Vorhängen tanzt. Wer sich ins Schreiben flüchtet, der ist anderswo und damit aus dem Spiel.

Jene [wenigen] Schreiber aber, die mir in Hildesheim richtig ans Herz gewachsen sind [und alle „echten“ Autoren, die ich verehre und verschlinge; Hemingway gehört nicht dazu] haben ein ganz anderes, weit weniger romantisiertes Selbstverständnis: Statt sich in hastig zusammengezimmerte Kitschkulissen zurückzuziehen, spielen sie mit Realität, legen den Filter ihrer Wahrnehmung über das ganz, ganz Konkrete. Mit „Flucht“ hat ein solches Sich-selbst-auf-die-Welt-Anwenden nichts zu tun, sondern [nochmal Johannes] mit der „grundlegenden Bereitschaft, alles, was man hat, nach vorne zu werfen.“

Eben das, irrt man leider bereits nach zweidrei Wochen Hildesheim, tut man doch auch: Die eigene Stimme erheben und darauf warten, dass die Kuwikakophonie der Domäne und das ewige „Amélie“-Gedudel im Hofcafé verwundert verstummen und alle raunen: „Kurios, kurios. Was für eine interessante Person.“ Doch wenn jeder etwas Besonderes ist [das habe ich bei meinem vorletzten Kinobesuch gelernt, sans Stöckelschuhmädchen], dann ist keiner mehr etwas Besonderes. Kaum ist man angekommen muss man begreifen: Hildesheim pflügt durch unsere Texte, mäkelt an unseren Begrifflichkeiten, ein Studiengang dringt in Bereiche ein, die niemand bislang in Frage gestellt hat, und Institution pisst in unseren ureigensten Schutzraum.

„Ha! Schutzraum!“, schreit Tessa jetzt auf, „Da sind wir doch wieder beim Turmzimmerchen, Stefan! Genau davon rede ich doch!“ Pustekuchen!
Denn mit „Schutzraum“ meine ich nicht unsere Kreativität, sondern unser Selbst. Ein Selbst, dessen Defizite man in der Schule und vor den Eltern bequem-kokett kaschieren konnte, indem man auf jede Forderung, der man sich nicht gewachsen sah, und auf jedes Spiel, das man verlieren würde, mit „etwas Geistreichem, Unerwartetem“ [Kreativität? Nein: überdrehter Unfug, der sich allen Bewertungskriterien entzog!] reagierte: das Schreiben als Übersprungshandlung und Schutzschild. Ich habe nie „die Aufgabe“ erfüllt; niemals den Hauptpreis gewonnen. Aber ich war immer verdammt geschickt darin, „Sonderpreise“ abzustauben – für Leistungen, die eigentlich gar nicht gefragt waren. Doch Aufschneider erkennen einander. Und wer in Hildesheim trotzdem Eintrittskarten für seine Turmzimmerchen verschachern will, sein Blendwerk hastig in irgendwelchen Zeitschriften veröffentlicht [been there, done that!] und sich Ortheil und Porombka einlädt [im Glauben, sie würden andächtig im Türrahmen verharren und seufzen: „Uiuiui, Hut ab!“], der sollte wenigstens vorher den Fußboden wischen, Kaffee aufsetzen und seine Menschenmaske bereit halten.

Denn all dieser grell-geile Innerlichkeits-Kitsch wird in einer Textwerkstatt schnell beiseite gefegt. Und plötzlich ist da nichts mehr, das man zwischen sich und die Kritik schieben kann; plötzlich tut es weh. Irgendwann im dritten Semester stellte ich meine Türklingel ab.

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3: Das Richtige

„Wie kannst du so urteilen?“, fragt Inga, „Du sprichst deine Meinung aus, als sei sie schlicht die Wahrheit. Stefan, das bist nur du. Das ist nur dein Blick!“ Wir sitzen in Lutz’ Küche und trinken Wodka; es ist vier Uhr morgens, als ich [doch noch] rüberkam, waren alle Gäste schon wieder fort. Nur Marcel nahm mich noch kurz beiseite, nach dem dritten Eierbecher [die Gläser waren alle], er trug bereits seine Jacke: „Kannst du kurz was zu meiner Lyrik sagen, bevor ich gehe?“ – „Lyrik. Ja, klar. Gerne.“ [Warum heute, warum jetzt? Ich bechere mir gerade meine Sozialphobie vom Hals!]

„Mich hat’s kalt gelassen“, sage ich ihm, „Ich versteh’ den Ansatz, und deine Richtung stimmt. Aber die Motive, dieses ganze ‚Rot’ und ‚Blut’ und ‚Bloody Mary’, da werden mir Assoziationen mit einer solchen Wucht reingesemmelt, dass ich denke: ‚Nee, Freundchen – so einfach kriegste mich nicht!’. Die Bilder suggerieren nichts, sie manipulieren. Aber viel zu plump. Und man merkt: Für dich steht da nichts auf dem Spiel. Du fehlst; in deinem eigenen Text.“ – „Aha“, sagt Marcel, „okay“, sagt Marcel, „vielleicht schicke ich was Neues.“ Wir verabschieden uns.

Vor anderthalb Jahren, als Ortheil uns die Idee dieses Projekts skizzierte, leuchteten seine Augen: „Schreibwerkstatt“ und „Arbeitsjournal“, „Symptomatisierung“ und „Poetik“, alle Wörter also, die durch diesen Studiengang schwirren wie rastlose kleine Insekten, sollten von den Erstsemestern auf Nadeln gepinnt und von uns Herausgebern in einer schönen, hellen Vitrine arrangiert werden. Auch meine Augen leuchteten. Allerdings sah ich andere Begriffe: „Gruppendynamik“ und „Konkurrenz“, „Privatmythologie“ und „Selbstdarstellung“. Ich wusste: Das wird Stress. Ich hoffte: Das wird vertrackter, interessanter Stress. Ich hatte keine Ahnung.

Es wurde das schlimmste, aber auch das sinnvollste Projekt, an dem ich jemals beteiligt war. Donnerstags Abends, nach dem Tutorium, setzte ich Kaffee auf und begann, die Tagebücher der vergangenen Woche zu sichten. Sonntag Abends war der Rohschnitt fertig und die neuen Wochenprotokolle trudelten ein: Ich konnte alle Partys und Seminare, Krisen und Küchentischgespräche nachlesen, die ich in den letzten Tagen verpasst hatte.

Einen der letzten KT-Texte, den ich erhielt, war Ingas Schlussmonolog: „Ich habe kreative Prozesse niemals stetig erlebt, nicht im Schreiben, nicht als Selbstverwirklichung. Vielleicht, weil man ein Selbst bräuchte, um es zu verwirklichen, ein Selbst, das man kennt.“ Mittlerweile war April, ich war lange nicht draußen gewesen und rief sie an, fragte, ob ich ihr irgendwie helfen könne. Inga verschluckte sich. Sie lachte kurz auf [„glockenhell und ein wenig schrill“, wie Lea schreibt], der Anruf war ihr sehr unangenehm. „Das war ein Text“, sagt Inga, „keine persönliche Mail!“ [„Ich bin eine Person“, hatte mich Meike kurz vorher erinnern müssen, „keine ‚schlecht funktionierende Figur’!“]

Auch heute Abend, zwischen den Resten dieser verpassten Party, kipple ich zwischen Mensch und Mentorenrolle, bin Teil dieser Kollektivmisere und trotzdem Beobachter. Inga will wissen, mit welcher Berechtigung ich über Marcels Lyrik spreche. Nicht als Angriff – sie fragt sich wirklich und ehrlich: Wo ist die Grenze?
Ich weiß es nicht. Denn ich höre die Zahnräder der Hildesheimmaschinerie jedes Mal bedenklich knirschen, wenn sich in Seminaren verwirrte Erstsemester melden und ganz ehrlich und arglos fragen, ob man das überhaupt darf: alles und jedes forsch in die Hand nehmen und daran kratzen; es durchschütteln, nur um zu sehen, was dann damit passiert. Wenn Lea mit schweißnassen Händen den Anruf eines unserer „Fahrtenschreiber“-Lektoratsopfer annehmen muss [„Bitte, bitte stellen Sie keine Fragen mehr!“], dann werden Grenzen überschritten in Bereiche jenseits eines Studiums, einer kulturwissenschaftlichen Tätigkeit.

Hildesheim zwingt uns, Urteile zu fällen. Über Texte, über die Menschen dahinter, über die gesamte Kultur. Und diese Urteile selbstsicher [Inga fragt: selbstgerecht?] in Text zu übersetzen. Doch was hat mein Blick auf der Lyrik von Marcel Maas zu suchen, auf der Musik von Kraftwerk, auf dem Urteil von Professor Doktor Stephan Porombka? Die Ängste Inga Machels, die Poetik Ernest Hemingways, die Sexualität Meike Blatzheims, die geschwollenen Fußknöchel eines Mädchens, das jetzt wieder alleine im Kino sitzt – soll ich mir das ansehen; darf ich wirklich durch all diese Räume panzern, auf der Suche nach Leuchten und Symptomatik?

Lutz gießt uns Wodka nach. „Ich glaube nicht, dass uns Hildesheim irgend etwas gibt“, sage ich zu Inga, „Dass uns dieses Studium bereichert. Wir wachsen nicht, wir werden zusammengepresst.“ Ich klinge wie in meinem Weltschmerztext, aber das macht es nicht weniger wahr: Ich schreibe immer weniger. Ich sage immer weniger. Ich gehe kaum noch vor die Tür.

Hildesheim macht aus meinen wolkigen Meinungen und Sätzen kleine, feste Klumpen; Hildesheim bringt mich auf den Punkt. „Inga, ich habe nur meine Stimme, nur meinen Blick. Aber das heißt auch: Ich habe meine Stimme, meinen Blick! Und ich lerne gerade, damit Dinge zu sehen und auszusprechen, die ich sehen und aussprechen kann. Als ich dein KT gelesen habe, zuckte ich ständig zusammen und dachte ‚Oh Gott, was ist das denn für ein Blick?’. Das sind die Passagen, die ich ins fertige Buch übernommen habe, bei allen Autoren: Sätze, die ich nie geschrieben hätte – die ich nie hätte schreiben können! Dafür sind wir hier, Inga. Um alles wegzunehmen, auszustreichen. Bis nur noch das Wesentliche übrig ist. Bis unsere Texte das sind, was sie sein wollen: unsere Texte.“

Inga sieht irgendwie seltsam aus, aber ich habe mich in Rage geredet, ich bin sehr ernst und sehr betrunken: „Du weißt nicht, wie das war: monatelang in meinem Loch zu hocken und eure Vertraulichkeiten zu verschneiden; Vertraulichkeiten, die nicht an mich adressiert waren. Als ich deinen Schlussmonolog las, habe ich geheult. Und gedacht: ‚Danke, dass ich das lesen darf; danke, dass das jeder lesen darf!’ Und natürlich ist es Gestotter und natürlich holpert es noch an allen Ecken und Enden, aber es ist so offensichtlich, dass du etwas sagen willst, das nur du sagen kannst. Das ist der Text von dir, auf den ich warte. Ich weiß, dass er kommt. Und wenn’s noch zehn Jahre dauert.“

Inga sieht mich lange an, dann fährt sie sich über das Gesicht und dreht sich weg. „Warte kurz!“, sagt sie und steht auf, „Warte.“ Ich sehe ihren Rücken, ihre Schultern [Lutz greift nach ihrer Hand]. „Es geht gleich wieder. Entschuldige.“ Sie schluckt. „Alles okay. Tut mir Leid.“ Als sie sich wieder umdreht, lächelt sie.

Stefan Mesch,
im Februar 2007

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mehr Informationen:

  • “Kulturtagebuch: Leben und Schreiben in Hildesheim”. Rezension von Ingo Steinhaus. (Link)
  • “Kulturtagebuch” bei Goodreads.com (Link)
  • Hildesheim: Eine Stadt, erklärt in 8 Videos (Link)
  • “Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus”: Ein Interview mit Marlen Schachinger (Link)

Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim: Interview

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Marlen Schachinger, eine Wiener Autorin und Literaturwissenschaftlerin, befragt für ihre Promotion verschiedene Absolventen der deutschsprachigen Schreibschulen in Leipzig (Link), Biel (Link) und Hildesheim (Link).

Eine gute Gelegenheit, entlang Schachingers (vielen!) Fragen das Hildesheimer Literatur- und Journalismusstudium zu erklären:

Ich selbst war von Herbst 2003 bis Weihnachten 2008 in der Stadt (Link)

…habe 2006 mit 16 Erstsemestern ein 500-Seiten-Buch über den Schreib- und Studienalltag zusammengestellt (Link). Danach zwei Jahre lang eine Zeitschrift für junge Literatur (Link) mitherausgegeben und ein großes Literaturfestival (Link) mitorganisiert…

…bis Ende 2008 dann alle nötigen Seminare und Vorlesungen besucht waren.

Ich ging nach Toronto, für ein Praktikum (Link). Und schreibe seit Mitte 2009 an “Zimmer voller Freunde”, meinen ersten Roman (und zugleich Diplom-/Abschlussarbeit).

Mehr Links und Arbeitsproben hier (Link).

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Marlen Schachinger: Weshalb fiel Ihre Wahl auf Hildesheim?

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Stefan Mesch: Ich habe als Schüler mehrere Stunden pro Tag Tagebuch und Filmkritiken geschrieben und war ein großer Fan von komplizierten TV-Serien wie ‘Babylon 5’, ‘Willkommen im Leben’ oder ‘Neon Genesis Evangelion’.

Mein Traumberuf war damals Showrunner / ausführender Produzent, der (realistischere) ‘Notfallplan’ Fernsehkritiker… und falls alles schief geht, Psychologe.

Nach dem Abitur arbeitete ich für ein Jahr in einem Behindertenheim und suchte online, nebenher, nach guten Studiengängen. Mein Favorit war die Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam (Link), die einzigen beiden Alternativen das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig (Link) und der Studiengang ‘Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus’ in Hildesheim (Link).

Alle drei Unis hatten Eignungsprüfungen und verlangten mehrere Arbeitsproben, also schrieb ich im Herbst 2003 eine Handvoll Kurzgeschichten, Essays und Filmkritiken und bewarb mich im Januar, jeweils zum Wintersemester 2004.

Alle drei Institute luden mich zur künstlerischen Eignungsprüfung ein:

Potsdam machte einen tollen Eindruck – die Hochschule, der Lehrplan, die Studenten -, aber das Gespräch fand vor einem Gremium mit 9 (!) Dozenten statt, und ich glaube, ich stotterte sehr defensiv herum – eine Art Verhör, ziemlich kalt und feindselig, und ich selbst schlimm verunsichert / richtungslos.

Die Eignungsprüfung in Hildesheim…

…lief viel besser: eine kurze Begrüßung, eine Schreibaufgabe, für die man sich frei auf dem Gelände bewegen durfte, und dann ein Gespräch mit drei – wachen, lebendigen, interessierten – Dozenten.

Hildesheim ist eine kleine, schroffe, ärmliche, traditionell katholische Stadt, im zweiten Weltkrieg von Brandbomben zerstört und sehr pragmatisch / schmucklos wieder aufgebaut: schöne Natur und ein paar letzte, sympathische Fachwerkhäuser und Kloster/Kirchen, aber kaum Restaurants, kein… bürgerliches Publikum – ein graues, muffiges, pragmatisch-kaltes “Geistesklima” (Link): Trinkerkneipen, Schützenfeste, Spielotheken… sogar der McDonald’s am Bahnhof hat schließen müssen.

Ausgerechnet in diesem Nest, drei Stunden von Berlin, 40 Minuten von Hannover, versammeln sich pro Jahr etwa 150 Kulturwissenschaftler (Link) – drei Viertel davon direkt nach dem Abitur, und 85 Prozent Frauen – und studieren an der Domäne Marienburg (Link), einem idyllischen, kleinen, grünen Mini-Hogwarts am Stadtrand.

Beginnend mit der Prüfung fühlte ich mich dort verstanden, gefördert und gut aufgehoben. Auch, weil die meisten Mitbewerber in meinem Alter – 19 bis 22 – waren: Das Eignungsgespräch am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, zehn Tage später, machte zwar ähnlichen Spaß… aber ich traf dort vor allem Mittzwanziger, die alle bereits etwas anderes studiert hatten und sich in Leipzig, binnen drei Jahren, den letzten Schliff für ihr eigenes Schreiben und ein paar wichtige Kontakte holen wollten.

Ich hatte das Gefühl, jeder war bereits ausgebildeter Kirchenmusiker (Link), Jurist (Link) oder Steinmetz (Link), und mir in Können und Lebenserfahrung weit voraus.

Das sagte ich dann auch, im Gespräch: Mir erscheint Hildesheim bis heute als der schlüssigere Ort. Jedenfalls für junge Leute, die noch Zeit brauchen.

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Marlen Schachinger: Welche Erfahrungen machten Sie in Hildesheim? Mit dem Lehrbetrieb? Mit ProfessorInnen? Mit StudienkollegInnen? Mit Konkurrenz? Mit Reaktionen von außen (Literaturbetrieb, privates Umfeld, Verlage, Jury-Gremien etc.)

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Stefan Mesch: Das ist eine schreckliche, sehr schlecht gestellte Frage.

Ich war fünf Jahre lang in Hildesheim… und Sie wollen eine Zusammenfassung von… allem? 🙂

Ich habe 2006, für das Buch ‘Kulturtagebuch – Leben und Schreiben in Hildesheim’ (Link) zwei längere Texte geschrieben, die ich gerne [Ende September] online stelle und verlinke:

  • eine (recht sachliche) Einführung in das Studienkonzept (Link folgt)
  • …und ein persönlicherer Text über die Jahre 2003 bis 2006 (Link)

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Jährlich bewerben sich in Hildesheim 400 bis 600 “Schreibschüler”. 40 werden zur Eignungsprüfung eingeladen… und zwischen 10 und 20 bilden dann einen Jahrgang. In meinem Jahrgang, 2003, waren das fünf Männer und neun Frauen. Die jüngste Frau war 17. Die älteste 28. Die meisten 19 oder 20.

Fast alle haben das Studium abgeschlossen, und fast jeder von uns verdient heute mit seinem Schreiben Geld: als Literaturkritiker, als Comedy-Autor, als Volontärin bei einer großen Tageszeitung, als Redakteurin im Kultur-Radio, als Lehrbeauftragter – mit Schreib-Seminaren… Ein Freund verdient das meiste Geld als Minnesänger auf Mittelalter-Liverollenspielen.

Ein paar von uns schreiben tatsächlich Romane. Ein paar dieser Romane wurden tatsächlich abgeschlossen… und tatsächlich verlegt.

Und es gibt, bis heute, niemanden in dieser Gruppe, den ich nicht entweder sehr mag… oder sehr hasse.

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Trotzdem darf man sich Hildesheim nicht als kleine, idyllische und abgeschottete “Akademie” vorstellen, in der verschworene Kleingruppen von den Meistern lernen: Noch in den Neunzigern studierten in Hildesheim vor allem angehende Lehrer und Pädagogen – und auch das kulturwissenschaftliche Institut (Link) bildete ursprünglich “nur” Kultur-Pädagogen aus.

Das hat sich – beginnend mit der Umbenennung zu “Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis”, Mitte der Neunziger – immer weiter differenziert: Man verlässt Hildesheim als diplomierter Kulturwissenschafter (Link)… nach ca. neun Semestern in den Studiengängen (Link)

  • Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis (Link)
  • Szenische Künste (Link)
  • Philosophie – Künste – Medien
  • …oder Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus (Link)

Die wichtigsten Vorlesungen und fast alle Projekte / Seminare finden für Studierende all dieser Studienrichtungen statt… und in den Nebenfächern (Psychologie, Soziologie, Politik, Kulturpolitik, Kunst u.a.) stoßen oft auch Studierende aus den anderen drei Fachbereichen der Universität (Link) hinzu – das sind (frappant oft) Leute aus dem Landkreis und der Region, die Lehrer werden möchten und… unendlich viel pragmatischer und weniger elitär sind.

Aber eben auch: viel, viel klarere Ziele haben. Und nur wenig Geduld mit exzentrischen “Künstlern”.

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  1. Inwiefern und wodurch fühlten Sie sich in Hildesheim in Ihrem Bestreben, AutorIn zu werden, unterstützt?
  2. Worin sehen Sie rückblickend die Vorteile dieses bzw. eines solchen Studiums?
  3. Und verglichen mit anderen AutorInnen, die ohne spezifisches Studium/Ausbildung ihren Weg gehen, sich autodidaktisch weiterbilden …: Würden Sie sagen, es ist von Vorteil, in Hildesheim oder an anderen Ausbildungsstätten Seminare zu besuchen? Inwiefern?
  4. Verglichen mit anderen AutorInnen, die ohne spezifisches Studium ihren Weg gehen, sich autodidaktisch weiterbilden … Würden Sie sagen, dass die universitäre Struktur für diese Art von Studium von Vorteil oder Nachteil ist? Weshalb? Wie sollte idealerweise der Rahmen für eine Lehre in diesem Bereich aussehen?
  5. Nehmen bzw. nahmen Sie auch an anderen Aus- und Weiterbildungs-Lehrgängen für AutorInnen teil? Wenn ja, an welchen? Vergleichen Sie diese bitte im Hinblick auf Arbeitsweise, Lehrangebote, Erfahrung kurz miteinander. Wenn nein: Bitte um Ihre Beweggründe?
  6. Wie erging es Ihnen bei Ihrer Abschlussarbeit? Wie seither? Hat die dazwischen liegende Zeit auch Ihren Blick auf Hildesheim bzw. auf den Arbeits- und Lebensbereich AutorIn-Sein verändert? Inwiefern? Haben sich Ansichten bzgl. des Literaturbetriebs verändert?
  7. Welche Auswirkungen hatte der Besuch (möglichst konkret) für Ihr Schreiben? Ihren Werdegang? Hat es Ihren Weg in den Literaturbetrieb geebnet? Wenn ja, inwiefern? Wenn nein: Weshalb nicht?
  8. Welche Ihrer Erwartungen wurden nicht oder nur begrenzt erfüllt?
  9. Wie wird sich durch die Zunahme der Angebote im deutschsprachigen Raum die literarische Szene Ihrer Ansicht nach verändern?