Kreatives Schreiben

PROSANOVA 2017: Stimmen der Presse & Fotos

19029498_1044416345703031_3038565397413340821_n (1)

Literaturfestival PROSANOVA 2017 | Foto: Mara Giese

.

Alle drei Jahre findet in Hildesheim PROSANOVA statt (Website), das Festival für junge deutschsprachige Literatur.

2011, als einen der ersten Beiträge in meinem Blogs, sammelte ich die Stimmen der Presse in einem Eintrag (Link).

Auch zu PROSANOVA 2014 machte ich eine Presseschau hier im Blog (Link).

.

Hier gesammelt: die wichtigsten Pressestimmen zu PROSANOVA 2017 (8. bis 11. Juni 2017, Hildesheimer Nordstadt)

.

01_”Das Publikum ist sehr jung. Die Stimmung ist relaxt, aber nicht kuschelig, nur freundlich und solidarisch. Auf die Platzhirsche der deutschen Literatur hat man mit Absicht deutlicher als zuvor noch verzichtet, aber alle Stimmen, die ich höre, sind mindestens interessant. Sascha Ehlert hat in der Welt die „große, laute, wütende, böse Literatur“ auf dem Festival vermisst. Grow up. Den starken Mann zu markieren hatte auf diesem Prosanova zum Glück niemand nötig.” Ekkehard Knörer, taz, “Liebesbriefe und Shitstorms”

02_”Welchen Einfluss kann das Prosanova auf den etablierten Literaturbetrieb haben? Und welche Impulse können davon für die Gesellschaft ausgehen? Die Sachbuchautorin Mithu Sanyal ist skeptisch: “Das sind alles Stimmen, die ich hier vertreten fühle, und die ich in der deutschen Literatur auch finde, aber ob das angekommen ist, dass das ein großer, wichtiger Teil der Literatur ist, das weiß ich nicht. Das ist immer noch dieses: Das ist eine Einzelstimme. Nein, es sind ganz viele. Das sind gar nicht mehr Einzelstimmen.” Auf dem Prosanova bleibt die junge Literaturszene weitgehend unter sich. Selbst in Hildesheim wissen nur wenige um das Festival. Gegenwartsliteratur in der Blase oder Impulsgeber mit Einfluss?” Simone Schlosser, Deutschlandfunk, “Literatur zwischen Stahlträgern”

03_4-Minuten-Audio-Feature von Jule Hoffmann bei Deutschlandfunk Kultur, “Das ‘andere’ Literatur-Festival in Hildesheim” (nur bis Dezember 2017 online)

04_”Wenn man Leute auf ihre Privilegien hinweist, fühlen sie sich oft auf den Schlips getreten. Das Festival schafft aber einen Raum für Frauen, People Of Color und nicht-binäre Personen, der sonst im Betrieb nicht vorhanden ist. Und darum geht’s: über Themen sprechen zu können, ohne die Quotenfrau dabei haben zu müssen.” Interview mit Autorin Sirka Elspass (Fragen von Juli Zucker) Missy Magazine, “Ich will weniger höflich sein”

05_kurze Notate und Snapshots, gesammelt für Logbuch Suhrkamp

06_Mitschnitte, Podcasts, Features und kurze Texte bei Litradio

07_Beiträge für Fabian Thomas’ Social-Media-Spiel “Diskursbingo” bei Instagram und Twitter sowie die Hashtags pn17 (Twitter | IG) und prosanova17 (Twitter | IG)

08_”Wir haben die vitale fünfzigjährige Hundesalonbesitzerin mit dem blinden Pudel aus dem dritten Stock des Gebäudes, in dessen ersten zwei Stockwerken das Festivalzentrum liegt, im Nokia am Ohr, die uns sagt, wir sollen die Party jetzt beenden, es sei zu laut. […] wir haben nach dem Festival eine Anzeige wegen Körperverletzung am Hals, weil die vitale Frau mit dem blinden Pudel, der wir schon am ersten Abend ein Zimmer im Dorint Hotel anbieten, die aber wegen ihres Hundes nicht woanders schlafen kann, aufgrund von Schlafmangel eine Depression bekommt, am Sonntag Abend erklärt uns die Polizei, dass wir die Veranstaltung für beendet erklären müssen, andernfalls rückt die Bereitschaftspolizei aus Hannover an und räumt das Gelände, und das wird dann richtig teuer.” PROSANOVA-Mitbegründer Paul Brodowsky über PROSANOVA 2005, Prosanova im Praesens II

09_kurze Text- und Bildmontage von mir, zur Einstimmung auf PROSANOVA 2017

10_”Ein Moment, den ich so schnell nicht vergessen werde, war die Autofahrt während der Commoonity. Eine wahnsinnig aufregende Performance. Wer da keinen Platz mehr ergattert hat, tut mir leid, denn ich hatte das krasse Gefühl von etwas sehr Einmaligem. Besonders schön war, dass ich meine Litaffin-Partnerin Juliane überredet habe, noch mitzukommen und diesen Moment mit ihr teilen konnte.” Fotos und kurze Statements im “Humans of New York”-Stil: Ann-Kathrin Canjé, “Humans of Prosanova”

11_kurzes Abschlussinterview mit Ole Schwabe, Mitglied der Künstlerischen Leitung, bei Radio Tonkuhle, Hildesheim: “Fazit Prosanova” (Audio)

12_”Um direkt bei Mithu M. Sanyal zu bleiben, die wirklich eine beeindruckende Frau ist, darf auch ihr Vortrag „Rape Revisited“ in meiner Highlight-Liste nicht fehlen. Ganz unprätentiös und klar hat sie über Vergewaltigung gesprochen. Welche falschen Annahmen darüber in der Gesellschaft herrschen, wie Vergewaltigungen historisch zu beleuchten sind und wie wir sie differenzierter im Verhältnis zu Sex betrachten können.” Juliane Noßack, Poesierausch, “So war das Prosanova 17”

13_”Das Programm ist gesprächslastig, diskussionsfreudig, am Debattenpuls und eben stark auf den Prozess, die Textarbeit, Unfertiges ausgerichtet. Die Auftretenden sind zum Großteil Autorinnen. Prosanova ist immer auch: Ein Wasserstandsbericht. Eine Zustandsbeschreibung der Szene. Wie wird gerade geschrieben und worüber und worüber muss jetzt mal gesprochen werden?” Fixpoetry, Andreas Thamm: “Plaudereien auf dem Prosanova: Birgit Birnbacher, Maren Kames, Yael Inokai”

…und, Teil 2: “Plauderein auf dem Prosanova II: Juan S. Guse, Alina Herbig”: “Weißt du einen Satz, eine Formulierung, irgendwas in deinem Buch, worüber du dich heute ärgerst? Alina: Ich glaube nicht, dass es Sätze sind, aber mir fallen beim Vorlesen immer wieder so Kleinigkeiten auf: Wieso hört der Satz da auf? Wieso habe ich da einen Punkt gemacht? Die Sachen streiche ich dann durch und lese ich auch anders. Ich habe auch ein paar Sachen schon für die zweite Auflage geändert. Es sind keine dramatischen Sachen. Andererseits glaube ich, dadurch, dass ich jetzt mit den Reaktionen auf diesen Roman konfrontiert werde, hätte ich wahrscheinlich, wenn ich die vorher mitgedacht hätte, einen ganz anderen Roman geschrieben. Ist aber vielleicht auch ganz gut, dass ich die vorher nicht hatte.”

14_”Ständig bilden sich Schlangen, obwohl es selten wirklich voll ist. Am Sonntag stellen sich Menschen schon in einer Schlange an, obwohl es bei der Insellesung auf dem Parkplatz ganz sicher keinen Einlassstopp geben wird, einfach aus Gewohnheit. Die Schlange, in der sich alle mehr oder weniger ordentlich einreihen.” Anke Dörsam, meermoabit, “Prosanova 2017”

15_”Die Mischung aus ungewöhnlichen Lesungen, Performances, Installationen, politischen Vorträgen, Panels und Partys ist zu hundert Prozent gelungen. Das alles wurde von Studierenden organisiert und wir staunen, zu welchen Höchstleistungen diese fähig sind. […] Ein großes Klassentreffen der jungen, hippen Literatur sozusagen. Wenn in drei Jahren mehr Menschen angelockt werden könnten, die sich (noch) nicht dem Literaturbetrieb verschrieben haben, wäre der Austausch über Literatur auf dem Festival wohl noch vielseitiger.” Litaffin, Ann-Kathrin Canjé, “Prosanova 17: Over and Out. Rückblick”

16_”Wie Sprache und Macht zusammenhängen, lerne ich außerdem noch einmal ausführlich in Hornscheidts Workshop „Exit Gender“. Gibt es etwas neben, zwischen, über oder unter „Mann“ und „Frau“? So lautet eine der Ausgangsfragen. Definitiv! Doch wie setze ich diese Varianten von Geschlecht in einem Text um, ohne dass es den Schreib- und Lesefluss stört? Indem ich beschreibe, was eine Person macht und welche Eigenschaften außer Geschlecht sie auszeichnet. Voller Eindrücke, neuer Erkenntnisse und Literaturtipps auf der persönlichen „must read“-Liste fährt Team Ullstein zurück nach Berlin und freut sich auf all das, was da zurzeit im Prozess ist und hoffentlich bald zu Büchern wird.” Marie Krutmann im Ullstein-Blog Resonanzboden, “Was ist eigentlich junge Literatur? Spurensuche auf dem Prosanova”

17_”Was auffiel war vor allem die Menge an Diskussions- und Gesprächsformaten, die es sich zum Ziel setzten nicht nur eine junge Literatur abzubilden, sondern diese in ihrem Kontext und vor dem Hintergrund eines literarischen Betriebs zu betrachten und zu hinterfragen.” Textmagazin, Milena, “Prosanova 17”

18_”Die inhaltliche Setzung wirkt weiterhin zu mutlos und unnötig insiderisch bis verkopft. Wo soll die große, laute, wütende, böse Literatur entstehen, die unsere Gegenwart auch mal nachhaltig kritisiert, wenn die talentiertesten Nachwuchsautorinnen und -autoren bei ihrem großen Jahrestreffen nur über öde-abstrakte Begriffe wie Material und Prozesse reden?” Sascha Ehlert in der Welt, “Last Exit: Hildesheim”

19_”Keine fertige »große, laute, wütende, böse Literatur« wird präsentiert, wie es Sascha Ehlert in der WELT fordert, sondern eine Literatur, die sich im Prozess versteht und mit ihrem Prozesshaften arbeitet – still –, und dafür benötigt es einen affirmativen Raum, um einen respektvollen Zugang zueinander zu finden, eine Art »erhabene Besänftigung« (PM), keine giftigen Schlagabtäusche und Konfrontationen. […] Als Abbild junger Literatur hat es allemal an verschiedensten Stellen gegen die männlichen, konservativen Kollektive der Literaturlandschaft ein Zeichen gesetzt.” Rudi Nuss im S.-Fischer-Blog hundertvierzehn, “Prosa Nova Orbis Hildesheim”

20_”*Vorlesen* gibt es nicht mehr. Aber wirklich von sich lassen möchte auch kaum ein Text. Bewegungen bleiben erstmal im Testmodus, im „Was-wäre-wenn“. Vielleicht müsste diese Literatur-Praxis sich ein Vorbild am Gelände nehmen. Wenn ich hierhin gehe und den Zaun hinter mir zuziehen lasse, komme ich nicht so schnell zurück. Bleib doch mal da, geh da doch mal weiter, verirr dich ein bisschen! Installation und Performance begegnen mir als Zitat, aber ich würde da gern weiter lesen und sehen, was passiert, wenn der Text sich von seiner Umgebung wirklich angehen lässt. Wenn er sich anstecken lässt von den Räumen und Situationen, in die er gestellt wird, statt seine eigene Atmo nochmal auszupacken. Für einen Moment.” Tilman Richter im Merkur: Zeitschrift für europäisches Denken, “Streamen, Floaten, Driften. Prosanova-Rumhängen”

21_”Damit die Autoren auf PROSANOVA | 17 nicht in der Überzahl sind, haben wir sehr viel gelesen und nicht bloß auf die Namen vertraut, die eh schon jede°r kennt. Oft lohnt es sich, die vorgetrampelten Wege zu verlassen. Wir hätten am Anfang auch nicht gedacht, dass das so einfach geht.” schöner Grundsatz-/Programmatiktext von Helene Bukowski bei Suhrkamp über zehn Grundsatzfragen der Festival- und Programmgestaltung, “Die zehn Eckpfeiler des Literaturfestivals PROSANOVA”

22_”Es geht um die noch andauernde Vorherrschaft des weißen, heterosexuellen Mannes. Um das einmal sehr deutlich zu sagen für diejenigen, die sich von der Terminologie weißer, heterosexueller Mann angegriffen fühlen – darin ist kein Vorwurf formuliert für das weiß– und heterosexuell-und männlich-geboren-sein, denn so ist man eben. Darin kann keine Schuld liegen. Es drückt bloß die Bewusstmachung aus, dass man durch diese angeborenen Merkmale mit dem größtmöglichen Privileg ausgestattet ist, dass man in unserer Gesellschaft genießen kann. Weil man maximal der Norm, dem Akzeptierten, dem Machtvollen und Gesehenem entspricht. Daraus entsteht ein Gefälle, das sich bewusst und unbewusst ausübt, das die Leute sortiert nach wichtig und weniger wichtig. Ein System der Über- und Unterordnung, das noch nicht allen geläufig zu sein scheint, und zu dem ich nie wieder die Klappe halten werde.” Tatjana van der Beek, Mitglied der künstlerischen Leitung von PROSANOVA 2017, im Festivalblog über die Sexismus-Debatte am Literaturinstitut Hildesheim: “Wenn Sexismus eine Neuigkeit ist”

23_”Wann verkommen politische Forderungen und Aussagen zur bloßen Attitüde? Wann sind sie großartig und klatschen genau ins Mark der Gegenwart? Und was haben Sätze aus dem Programmheft wie die Aufführung berührt politische, soziale und emotionale Themen wie Identität, Macht und Liebe mit subtiler Direktheit eigentlich mit Literatur zu tun? Beantwortet wurden diese Punkte mal schlechter und mal besser, ganz wie es sich für ein Festival gehört, das ästhetische Risiken eingeht und nicht einfach nur Großautoren-Polonaise veranstaltet. Auffälligerweise machten viele Schreibende einfach ihr Ding, hatten wenig zu tun mit dem Wording und den Ankündigungen des Festival.” etwas… schnippisch-ironisierender Text im Merkur von Florian Kessler & Lena Vöcklinghaus – der für mich stellenweise klingt (“Wording”), als sei die Diversity und Ideologiekritik, um die sich das Festival sehr bemühte, etwas, das… “der Literatur” hier unbeholfen aufgepfropft/angehaftet wird. “1000 kritische Bierbongs starren dich an”

…dazu noch einmal Ekkehard Knörer in der taz: “Maren Kames [hat] einen schönen kurzen Essay geschrieben als Vorwort fürs Institutsjahrbuch, gegen Angebertexte und ihre Verfasser. Aber dergleichen kann es für den scheidenden Studiengangsleiter Hans-Josef Ortheil in Hildesheim natürlich nicht geben, so hat er das Vorwort aus dem Jahrbuch gekickt. Außerdem hat das Institut wegen eines anonymen Studierendentexts gerade eine Sexismusdebatte am Hals – kein Wunder an einem Ort, an dem es kaum weibliche Lehrende gibt. Es wäre sehr zu wünschen, dass sich das und manches mehr unter Ortheils Nachfolger beziehungsweise doch hoffentlich: Nachfolgerin ändern wird.”

[kurz von mir: Mich irritiert/stört die Annahme, kritische Texte “könne es für Hanns-Josef Ortheil natürlich nicht geben”: Ich selbst fand Marens Text nicht übertrieben streitbar. Ich weiß nicht, warum er nicht als Vorwort veröffentlicht werden konnte/durfte… doch ich selbst schrieb schon ein (Link, 2007), zwei (Link, 2012) längere und kritischere Vorworte über Probleme in Hildesheim – ohne, dass Hanns-Josef Ortheil intervenierte: Ich fühlte mich von ihm bestärkt, solche Texte zu schreiben und zu veröffentlichen – auch in studiengangseigenen Verlagen. Siehe auch: Ekkehard Knörer, unten in den Kommentaren.]

24_Fotos und kurzer Text zum Festival-Samstag von Blogger Frank R. Rudkoffsky

25_”Der eine oder andere etablierte Name also, aber nicht die ganz großen Stars – klar, es geht ja um junge Literatur. Da wundert es zwar nicht, dass das klassische Lesungspublikum ab fünfzig aufwärts ausbleibt, ein bisschen mehr Durchmischung täte dem Ganzen aber dennoch gut, man hat den Eindruck, es ist fast ausschließlich der Literaturbetrieb anwesend: Nachwuchsautoren, Lektoren, Agenten. Ich selbst bin beruflich hier und fühle mich tatsächlich wie auf Klassenfahrt. […] Alle drei Jahre findet es statt, und genauso häufig wechseln die Kuratoren und mit ihnen die Veranstaltungsorte, Fragestellungen und Künstler. Auch deshalb haftet dem Prosanova vermutlich der Charme des Provisorischen an, des Unfertigen; vielleicht liegt es aber auch nur an den verlassenen Industriehallen, die dieses Jahr als Schauplatz dienen, an der Einrichtung aus Selbstgezimmertem, Sperrmüll und Omas Wohnzimmerdeko. Ein in jeglicher Hinsicht eigenwilliges und liebevoll gestaltetes Festival.” SchöneSeiten, Caterina Kirsten, “Prosanova | 17”

…auch Bloggerinnen & Freundinnen Mara Giese und Blauschrift sowie die Literatur-Vloggerin Luba Goldberg-Kusnetzova waren vor Ort – ich freue mich auf weitere Fazits, in den nächsten Tagen.

.


.

…und Teresa Streiß auf Facebook über ein Orga-Grundsatzproblem:

“Prosanova 2017: haben Sie ein festivalbändchen? Haben Sie auch einen stempel? Nein durch diese tür darfst du nicht raus. Nein hier kannst du nicht rein. Nein du darfst das nicht essen. Nein essen gibt es hier nicht. Nein bitte die andere tür. Haben Sie einen stempel? (Aber auch: inhaltlich top. Und slushys mit vodka!)

[…] dieses wochenende fühlte sich so an, als hätte das orgateam über all die tolle politik und Literatur das organisieren vergessen und ganz am ende nachschieben müssen. Vielleicht Sachzwänge (so denke ich mir das zurecht), von wegen räume nicht zu voll werden lassen und so, aber eher uncharmant gelöst durch “bürokratie” a la du brauchst diesen Stempel und dann dieses bändchen und du musst auf dieser liste stehen und die tür führt nur rein und die andere raus, aber morgen auch schon wieder anders. Gefühlt viele Kommunikationsprobleme innerhalb des teams, so sachen wie nein du ķannst nicht für jemand anderes eine karte für commoonity kaufen und abends dann hundert stunden warteliste weil warum hast du dir denn nicht von jemand anderem heute morgen schon eine kaufen gelassen? Und statt regelflexibilität und hauptziel wohlfühlen eher so nein essen dürfen nur die Künstler und vielleicht bleibt aber ja was übrig das kannst du dann vielleicht und die Künstler dürfen aber auch nur mittags und wenn sie abends wollen, müssen sie zahlen […]. Die essenssituation überhaupt eher so mau soll heißen: mittags gibt’s nix, generell, wenn man kein blaues bändchen hat. Und zeig gefälligst jedes mal deine pfandmarke, wenn du was neues kaufst, und stempel kontrollieren wir auch noch nachts um 4. (Dafür auch nachts um 4 noch: klo putzen, und geputzte klos find ich tendentiell sehr gut ja) Vielleicht würde ich zusammenfassen: sie war sehr deutsch, die junge deutsche gegenwartsliteraturorganisation. Aber wie gesagt: inhaltlich bzw von den veranstaltungen her vielleicht sogar mein liebstes prosanova bisher.”

von mir: Zustimmung. Ich wünsche mir für PROSANOVA 2020, dass das Festivalzentrum betretbar ist, ohne, vorher ein Ticket zu lösen. Dann wären nicht nur Studierende und Betriebsmenschen auf meinen Fotos – sondern hoffentlich z.B. auch viel mehr interessierte Anwohner*innen und Kurzbesucher*innen. #hermetik #blase #abgeschottet

.

Fotos von mir. Tag 1 (Donnerstag, 8. Juni):

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.
.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

Tag 2: Freitag, 9. Juni

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

Tag 3: Samstag, 10. Juni

.

.

.

.

.

.

.

..

.

,

.

.

.

..

.

.

.

,

.

.

.

.

..

.

.

.

.
.

.

.

.

.

Tag 4: Sonntag, 11. Juni

.

.

.

.

.

.

.

.

.

..

DSC07813

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

…und drei Fotos vom offiziellen Festival-Fotografen Paul Olfermann:

fast 800 – großartige! – Fotos auf der Facebook-Seite (Link)

.

.

.

.

Ich selbst studierte von 2003 bis 2008 in Hildesheim:

Bei PROSANOVA 2005 war ich Praktikant und Autor für die Festivalzeitung, 2008 Mitglied der Künstlerischen Leitung, 2011 und 2014 Gastautor bei der Festivalzeitung & Podiumsgast.

.

 

Lohnt sich PROSANOVA – Festival für junge Literatur? [8. bis 11. Juni 2017, Hildesheim]

.

8. bis 11. Juni 2017 | Hildesheim

über 60 Autor*innen & Künstler*innen

Infos & Tickets  |  Facebook  |  Wikipedia  |  Instagram

Zeitschrift BELLA triste  |  Studiengang Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus

.

.

“Das studentische Team hat Wände gestrichen, Teppiche verlegt, Holzinseln gezimmert und Toiletten vergoldet.”

.

.

“Der Schulranzen mit eingebauten Lautsprechern pumpt Beats in die fast fertige Cafébar.”

.

.

“Lena und Martha sind gestern neun Stunden Transporter gefahren, um kostenlose Möbel von Hannover aufs Festivalgelände zu bringen.”

.

.

“Auf dem Festivalgelände dürfen die Brennnesseln nicht vernichtet werden, weil für einige Schmetterlinge gerade Nistzeit herrscht.”

.

.

“Es gibt noch nichts mit Glitzer. Es gibt was mit Hobelspänen und Sägen und Computern.”

.

.

“Als es noch keine Vasen gab, haben wir Bierflaschen vergoldet.”

.

.

„Nee, diese neuen, diese Schriftsteller oder wie sie sich nennen, die fangen immer Sätze an und beenden sie dann nicht. Und ich kann auch nichts damit anfangen. Da werden einem so Bruchstücke vorgeworfen und dann muss man gucken, wie es weiter geht.“ [beim Friseur um die Ecke]

.

.

“Nachtschwärmer dösen in den Betten. Auf der Leinwand lesen virtuelle junge Leute.”

.

.

„Lektoren, das sind einfach bessere Menschen. Bloß keinen Autor heiraten! Die sind wahlweise unglücklich, also von Selbstzweifeln zerfressen, oder im Höhenflug. Am Anfang denkste dir, das ist jetzt halt wegen dem Debüt, aber nee, das bleibt. Widerlich. Also: Hier laufen ja einige Lektoren rum. Ich muss los!“

.

.

„Christina ist schon bevor sie das Diplom machte, mit ihrem Lebensgefährten an den Bodensee gezogen, um dort als Köchin in der Natur- und Wildnispädagogik zu arbeiten.”

.

.

„All die kleinen Szenen, Begegnungen und Selbstdarstellungen des Publikums erinnern mich an Filme von Federico Fellini (1920-1993). Die ganze Kleidungsästhetik der Besucher ist später Fellini. Die Paletten sind Fellini, die alten Sofas, die ewige Sonne, die Gespräche, die Musik, das Herumstreunen und Herumschleichen – alles Fellini!“ [Autor Hanns-Josef Ortheil, 65; Gründer des Hildesheimer Studiengangs Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus]

.

.

„Wir gehen durch, wir gehen ins Foyer, zur Veranstaltungstabelle, zum Kiosk, durch den Flur zur Mensa. Die Lesung hat noch nicht angefangen.“

.

.

„Wir gehen raus auf den Schulhof. Wir gehen hoch, wir gehen in den Litroom. Wir gehen durch. Wir gehen auf den Schulhof. Diesmal andersrum. Wir gehen zur Mensa.”

.

.

„2014 feiern wir PROSANOVA in einer leerstehenden Schule. In einer Schule, denke ich, ausgerechnet in einer Schule und schon denke ich Foucault, denke Überwachen und Strafen.“

.

.

“Wir erfahren: in der Hauptschule am Alten Markt sind die ersten Mobbing-Videos Deutschlands entstanden.“

.

.

„In dieser Schule wird getrunken, gefeiert und gevögelt werden. Die unsportlichen Bücherwürmer von früher haben sich zu Organisatoren der Maßlosigkeit entpuppt. […] Es geht darum, Jungautoren so sehr abzufüllen, dass man ihnen die Haare beim Kotzen halten wird.“

.

.

„Marina und ich haben berechnet, dass wir ungefähr 10.000 Klopapierrollen bei Metro kaufen müssen, Marina will von allen Sachen 1000 kaufen, weil sie 1000 liebt.“

.

.

„Wir arbeiten per Hotspot, weil der Techniker von der Telekom, der uns am Mittwoch das Internet bringen sollte, am Festivalgelände kein Klingelschild mit ‚BELLA triste‘ gefunden hat.“

.

.

“Ich sehe zukünftigen Bachmannpreisträgern beim Aufbau einer Bühne zu.”

.

.

„Auf wen oder was freust du dich am meisten?“ – „Tilman Rammstedt. Ich hoffe, ich darf ihn vom Bahnhof abholen.“

 

.

“Ich nicke Thomas Klupp zu, ich grinse Helene Bukowski an, ich nicke Benjamin Quaderer zu, ich zwinkere Fiona Sironic zu, ich nicke Stefan Vidovic zu, ich grüße Florian Stern mit Handschlag, ich nicke ihm zu, ich lächle Katrin Zimmermann an, ich schlage mit Alina Rohrer ein, ich winke Fabian Hischmann zu, ich winke ab, ich schüttele den Kopf, ich lasse ihn hängen, ich nicke Ferdinand Schmalz zu.”

.

.

“Auf einer der Holzbänke ist eine Frau ganz in einen E-Book-Reader versunken. Ich glaube, sie ist die erste Person, die ich auf PROSANOVA abseits der Bühnen lesen sehe.”

.

.

„Dass so viele Ehemalige da sind, ist der beste Beweis dafür, dass die Hildesheimer Literatenschule keine bloße Schule ist. Sie ist eine Atmosphäre, eine biografische Heimat, eine Zeit- und Raum-Insel von großer Schönheit.“ [Ortheil]

.

.

„Kai sagt, die alte Intimität sei wieder da, die Intimität von PROSANOVA 2005. Lagerfeuer, dicht zusammen sitzen, horchen und flüstern“

.

.

Komme ich mit dem, was hier geboten wird, irgendwie zurecht oder weiter?, fragen sich die Alumni. „Einige genießen auch die Nostalgie der Rückkehr. Für sie ist Hildesheim jetzt eine leicht berührende Erinnerungsarbeit.“ [Ortheil]

.

.

„Seit über zehn Jahren sind Paul Brodowsky, Thomas Klupp und Claudius Nießen der Schreibschule treu. Thomas umschifft elegant die unangenehmen Themen (Kesslerdebatte, Konkurrenzdruck, Vetternwirtschaft), er strahlt ins Publikum: Schreibschule, das sind warme, vereinende Strahlen der Liebe.“

.

.

„Weil doch derzeit nichts Schwachsinnigeres und Dümmeres in unseren Feuilletons grassiert als die Schreibschulverdammnis: Unrecherchiert. Phrasenhaft. Reiner Feuilletonmüll. Und leider stimmt auch in der Polemik unseres geliebten Flo Kessler, den Hildesheim aufgezogen, genährt und gepäppelt hat (bis es ihm zuviel werden musste und er das Zuviel ausgekotzt hat) kaum etwas.“ [Ortheil]

.

.

„Leif Randt liest von einem Planeten und der Universität dort, und lässt wie gewohnt alles in der Schwebe“

.

.

„Jeder ist eingeladen, aber nur ganz bestimmte Leute kommen dann auch.“ [Ortheil]

.

.

„Christian Kracht kommt dieses Mal nicht zu PROSANOVA, weil er in Afrika wohnt“

.

.

“Talent ist Verpflichtung.” [Ortheil]

.


.

Seit 2005 findet PROSANOVA alle drei Jahre statt:

2005 war ich Student und Praktikant, 2008 Mitglied der Künstlerischen Leitung, 2011 zum ersten Mal seit drei Jahren als Besucher zurück in der Stadt, 2014 moderierte ich ein Gespräch mit Kathrin Passig.

Auch 2017 bin ich da, und schreibe/blogge u.a. für die Festival-Dokumentation.

Nach jedem PROSANOVA-Festival erscheint ein Buch mit Snapshots, Szenen, Poetik- und Journalismus-Texten. Alle obigen Zitate sind nicht von mir, sondern von Imke Bachmann, Ronja von Rönne, Florian Stern, Michael Wolf und Juli Zucker, erschienen in “Prosanova 4. Ein Kommentar”, herausgegeben von Florian Stern und Hanns-Josef Ortheil, Edition Paechterhaus, 2015. Hier bestellen.

Leseprobe: Link

..

Video von mir, zur Arbeit an PROSANOVA 2008:

.

Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus: die besten Bücher aus der “Schreibschule” Hildesheim

dsc00794

.

Von 2003 bis 2008 studierte ich Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim:

eine trostlose Stadt – aber ein gutes Studium.

Pro Jahr bestehen 10 bis 15 Studierende die Aufnahmeprüfung und kommen – oft direkt nach dem Abitur – in die Stadt. Etwa fünf Jahre später schreiben sie eine Abschlussarbeit: manchmal ein wissenschaftlicher oder journalistischer Text. In vielen Fällen aber: ein Debütroman. Viele dieser Titel werden später in Verlagen veröffentlicht – und ich lese vier, fünf von ihnen pro Jahr.

ab.hier.kultur, das Alumni-Netzwerk des Hildesheimer Fachbereichs Kulturwissenschaften, bat mich im Sommer 2016, persönliche Favorien und Empfehlungen auszusprechen: Bücher von (Ex-)Kommilitoninnen, die ich mochte und empfehlen kann. Die Texte erschienen in “Kultur 16!”, der Zeitschrift des Netzwerks. [Ein anderer Artikel von mir, ebenfalls fürs Netzwerk, von 2013: Link.]

.

Hildesheimer Namen auf Buchcovern

Seit dem Ende der 90er Jahre sind über 50 Bücher von jungen Autorinnen und Autoren, die in Hildesheim studiert haben, in großen Verlagen erschienen. Literaturkritiker Stefan Mesch stellt fünf persönliche Favoriten vor.

.

Nora Wicke: „Vierstromland“.

Roman, 320 Seiten, Müry Salzmann 2014.

Ein solcher Tonfall, ein solches Thema misslingt fast immer: Eliza zieht nach Berlin. Bisher lebte sie mit ihrer großen Schwester in einem Internat bei Amsterdam, ihre Mutter hat eine junge Geliebte in Paris, ihr Vater eine neue Frau und weitere Kinder. Zwei ältere Zwillingsbrüder leben in Rumänien, bei den Großeltern. Nora Wicke lässt eine heimatlose Frau aus einer oft abweisenden, verstreuten Großfamilie mit serbischen, rumänischen und deutschen Wurzeln durch Europa reisen, jahrelang: Nebenjobs, Kälte, vorsichtige Briefe und Annäherungen. Ein leiser, melodischer, manchmal schleppender Roman über Europa – schwermütig, klug, fast nie kitschig.

Buch bei Goodreads (Link)

Vierstromland

.

Sabrina Janesch: „Tango für einen Hund“.

Roman, 303 Seiten, Berlin Verlag 2014.

Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ blieb mir lange im Gedächtnis – auch, weil so viele Szenen, Einzelteile wie spitzes, ungeschliffenes Metall aus den Kapiteln stechen. „Tango für einen Hund“ ist ein glatteres, schnittigeres Buch – etwas seichter und weniger markant. Doch dafür so stimmig und professionell wie nichts anderes, das ich von Hildesheimern kenne: ein prima Jugendbuch, charmante Unterhaltung, ein wunderbar rundes Ding! Es geht um Weichei Ernesto, der seine Sommerferien in der Lüneburger Heide verschwendet, bis sein etwas dementer, energischer Onkel aus Argentinien einen Roadtrip durch die Pampa Niedersachsens anzettelt. Warmherzig, witzig, mit überzeugendem Ich-Erzähler. Und, versprochen: keine „Tschick“-Kopie.

Buch bei Goodreads (Link)

Tango für einen Hund

.

Jan Fischer: „Ready. Wie ich mit digitalen Spielen erwachsen wurde“.

Autobiografisches Essay, 52 Seiten, Hanser 2016. [nur als E-Book]

Jan gehört zu meinen besten Freunden. Doch richtig nah kommen wir uns selten: Er traut sich als Kulturjournalist oft an die schwersten oder absurdesten Themen. Nur über eigene Ängste spricht er kaum. Wie großartig, dass ausgerechnet hier – in einem 50-Seiten-E-Book über die Mainstream-PC- und Videospiele der 80er, 90er, 00er Jahre – kluge Erinnerungen und Emotionen so viel Raum einnehmen: Jan schreibt, was ihn als Kind an Spielen reizte. Wie sie helfen. Womit sie faszinieren. Experten und Hardcore-Gamer werden Vieles kennen. An einigen Stellen: zu viel Pathos. Doch selbst, wer kein Interesse an Spielen hat, liest Jans Erinnerungen mit Gewinn: kulturwissenschaftliche Beobachtungen – leidenschaftlich, nah, verständlich.

Buch bei Goodreads (Link)

Ready

.

Anne Köhler: „Nichts werden macht auch viel Arbeit. Mein Leben in Nebenjobs“.

Autobiografische Kolumen, 144 Seiten, Dumont 2010.

2015 veröffentlichte Anne Köhler einen Roman über eine junge, unglückliche Köchin in Hildesheim – der mich sehr langweilte: Mir war diese Hauptfigur zu zweifelnd, fade, flau. Besonders, weil Annes erstes Buch (2010) eine geisteiche, komplexe, viel liebenswertere Heldin hatte: Anne Köhler! Für jetzt.de schrieb Anne eine Kolumne über alle Nebenjobs, Praktika und bezahlten Projekte ihres Lebens. Wie viele Hildesheimer hatte sie Angst, alles nur oberflächlich zu wissen, zu wenig richtig zu beherrschen. Ihre Textsammlung hinterfragt diese Angst, bleibt aktuell, macht Mut – und empfiehlt sich besonders als Geschenk für Eltern oder Freunde, die nur geradere Lebenswege und Karrieren kennen. Leichte Texte. Schlaue Thesen!

Buch bei Goodreads (Link)

Nichts werden macht auch viel Arbeit : Mein Leben in Nebenjobs

.

Funny van Money: „This is Niedersachsen und nicht Las Vegas, Honey. Auf Tabledance-Tour durch die Republik“.

Autobiografisches Sachbuch, 224 Seiten, Hanser Berlin 2012.

(Taschenbuch-Ausgabe 2014 bei Piper, mit neuem Titel: „Wie ich auszog, mich auszuziehen“.)

Um ihr Hildesheimer Kuwi-Studium zu finanzieren, tanzt Funny in einer Rotlicht-Bar in Hannover, nackt. Danach macht sie Diplom – mit einer kulturwissenschaftlichen, feministischen Selbstbeobachtung ihrer Rolle als Pole-Dance-Girl. Wer Spaß- und Comedy-Kolumnen sucht, wird hier enttäuscht: Funny schreibt auf hohem Niveau, häuft akademische Konzepte und Anglizismen. Stellenweise formuliert sie nerdy und verblasen wie ein Gender-Experte in der Spex. Trotzdem ist ihr Experiment so interessant, ihre Beobachtungen so originell, überraschend, kritisch, dass ich das Buch dauernd verschenken will. An jeden, der bei Sex-Workern nur an dümmliche Opfer denkt. Und bei Hildesheim nur an Bürgerlichkeit und Anpassung.

Buch bei Goodreads (Link)

This is Niedersachsen und nicht Las Vegas, Honey

.

[Ich mochte auch Juan Guses “Lärm und Wälder” und Leif Randts “Schimmernder Dunst über CobyCounty”]

.

Stefan Mesch, geboren 1983 bei Heidelberg, studierte von 2003 bis 2008 Kreatives Schreiben in Hildesheim. Er lebt und arbeitet als Autor und freier Journalist für u.a. Deutschlandradio Kultur und ZEIT Online in Berlin und schreibt an seinem ersten Roman, „Zimmer voller Freunde“.

.

kultur-hildesheim-kreatives-schreiben-und-kulturjournalismus-stefan-mesch

Kreatives Schreiben, Creative Writing: Die besten Schreibratgeber

Creative Writing

.

Ich gebe Creative-Writing-Kurse an Unis und Schulen. [Liste hier.]

Ich habe Kreatives Schreiben studiert – in Hildesheim.

Trotzdem habe ich Probleme mit Büchern, die Menschen beim literarischen Schreiben helfen sollen:

.


If You Want to Write: A Book about Art, Independence and Spirit
  Writing Down the Bones: Freeing the Writer Within  A Year in the Life: Journaling for Self-Discovery

.

  • Schreibwerkstätten und Seminare in meinem Studium fragten meist – wie ihre amerikanischen Vorbilder: Seminare, Gruppenkurse und Workshops an US-Unis in z.B. Iowa, “Was will der Text? Was ist sein Potenzial, seine Stoßrichtung, seine Form, sein Anspruch? Funktioniert er – als das, was er sein will?”
    .
    Den guten, richtigen Text, die 25 großen Regeln… oder Verbote? Das ist zu eng, zu formelhaft gedacht: Zu viele populäre US-Autor*innen suchen eine Erfolgsformel. “Ein guter Krimi muss…”, “Am Anfang jeder Short Story soll…” Für Genre-Texte funktioniert das meist, als Grundgerüst. Doch literarisches Schreiben setzt sich über solche Regeln oft hinweg: Gute Texte “funktionieren”, obwohl sie ganz anders erzählen, als ihr Publikum anfangs erwartet.
    .
    Ich blättere gerne durch die großen US-Ratgeber, die viele Regeln und Verbote aufstellen. Doch sie sind 20 Jahre alt, von Männern geschrieben, die damals schon über 40 waren… und alles klingt staubig. Ich habe keinen Nerv für diese “Der Krimi-Opa hebt den Zeigefinger”-Nische:
    .
    Sol Stein:
    “On Writing” (1995)
    Robert McKee: “Story” (1997)
    .
    …aufs Drehbuch-Standardwerk “Save the Cat” (Blake Snyder, 2005) habe ich Lust. Kritik daran hier: Slate.com

 

Stein On Writing: A Master Editor of Some of the Most Successful Writers of Our Century Shares His Craft Techniques and Strategies  Story: Style, Structure, Substance, and the Principles of Screenwriting  Save the Cat!: The Last Book on Screenwriting You'll Ever Need

.

  • Mit vielen deutschen Krimis, Filmen, Serien, mit “Cobra 11”, Sebastian Fitzek, der “Wanderhure” kann ich nichts anfangen: Deutsche Unterhaltung fixiert sich oft besonders stark auf feste Strickmuster, starre Regeln, Zielgruppen – niemand soll irritiert oder überfordert werden.
    .
    Ich mag Uschtrin.de (wobei: das Handbuch kostet über 50 Euro? Im Ernst?), las aber noch nie eine Ausgabe der deutschen Creative-Writing-Zeitschrift “Federwelt”… weil ich immer Angst habe, dass dort die selben Menschen, die “Soko Wismar” und Kerstin Gier mögen, literarisches Schreiben erklären. Oft kommen mir Diskussionen in deutschen Autor*innenforen NOCH starrer und bizarr-verschulter vor als die (sehr schlechten) US-Gruppen.
    .
    Immer wieder stellen Facebook-Hobbyschreiber und Self-Publisher Fragen wie “Ist ein Prolog erlaubt?”, und deutsche Blogs und Kommentatoren antworten “Lieber nicht! Prologe sind schlecht!” [Der Link ist okay. Die vielen Deutschen aber, die solche Links lesen und fragen “Was ist denn jetzt die Regel? Wer nennt mir das genaue Erfolgsrezept?” machen mich irre.]
    .
    “Du willst deine Schreibe verbessern? 10 Gebote für einen spannenden Text.”
    .
    Menschen, die “Schreibe” schreiben?
    .
    Solche Schreibe spricht mich null an.

.

me me me .

Ich schreibe seit 2009 an meinem ersten Roman, „Zimmer voller Freunde“.

Die ersten Kapitel habe ich als Diplomarbeit eingereicht, zusammen mit einer Poetik, in der ich meine Arbeitsschritte, Absichten, Vorbilder und Lernerfolge erkläre. Ich habe die Texte auch gebloggt, hier (Link).

Schreibratgeber lese ich phasenweise, alle paar Jahre: Um aufzutanken, mich begeistern zu lassen, Neues zu lernen fürs Schreiben und meinen Unterricht… oder, um über schlechte Texte, Ratschläge zu schimpfen.

Als Kritiker lese ich täglich Literaturkritik, Kulturjournalismus, Interviews mit Autor*innen – aber fürs eigene Erzählen sind oft besonders der TV-Journalismus und die Episoden-Kritiken wichtig, die ich beim Kaffeetrinken lese, auf tvinsider.com (Link) und bei Alan Sepinwall.

Erzähltechniken, Kniffe, Klischees, Probleme und viele Beispiele finde ich auf TVTropes.org – meiner Lieblings-Website, die ich u.a. 2009 bei ZEIT Online erklärt und empfohlen habe. Wer schreibt oder mit Figuren arbeitet, Charaktere entwickelt: Schaut euch dort um!

.

10 Schreibratgeber, die ich empfehlen kann:

.

JACK M. BICKHAM, The 38 Most Common Fiction Writing Mistakes and how to avoid them

128 Seiten, 1992. Der erste Schreibratgeber, den ich las, mit 17, 2001: kurze, oft etwas alberne Kapitel über typische Anfängerfehler und Erzähl-Probleme. Unterhaltsam, einleuchtend, oft zu naheliegend – aber eine Lektüre, die ich nie bereute. Wäre Bickham noch am Leben, er würde heute wohl Spaß-Listen für Buzzfeed schreiben. Sein Buch “Scene and Structure” (1993, mit Jack Heffron) habe ich letzte Woche entdeckt und angelesen. Ich werde das kaufen.

The 38 Most Common Fiction Writing Mistakes

.

AUSTIN KLEON: Steal like an Artist. 10 Things nobody told you about being creative

160 Seiten, 2011. Ein absurd kurzes Anfänger- und Geschenkbuch, das Menschen Mut machen will, überall nach Inspiration zu suchen. Alles auf den Kopf zu stellen. Neu zu denken, zu remixen. Die Seiten – weißer Text auf schwarzem Grund – haben oft (recht konventionelle, müde) Diagramme und Banderolen… als hätte ein Starbucks-Mitarbeiter harmlose Weisheiten auf die Tafel gemalt. Das Buch selbst könnte bei Starbucks an der Kasse liegen. Als Mitbringsel. Sympathisch. Aber nur ein Anfang.

Steal Like an Artist: 10 Things Nobody Told You About Being Creative

.

JAMES N. FREY: Wie man einen verdammt guten Roman schreibt

200 Seiten, 1987. Grundlagen und Anfänger-Regeln, besonders für Krimi- und Genre-Autor*innen interessant. Ich las das Buch im Studium, 2006 – und wurde gut unterhalten. Nicht sehr tiefgehend oder anspruchsvoll. Aber eine Alternative zu McKee und Stein. Macht Mut. Macht Spaß. Nur glaube ich nicht, dass Menschen, die von Freys Hinweisen noch beeindruckt oder überrascht sind, schon für einen Roman bereit sein wären. Jeder aber, der sich tatsächlich schon Romane zutrauen kann, liest hier kaum Neues.

Wie man einen verdammt guten Roman schreibt (#1)

.

WILLIAM M. AKERS: Your Screenplay Sucks! 100 Ways to make it great

287 Seiten, 2008. Schwungvoll, knapp, präzise, unterhaltsam: ein Drehbuch-Ratgeber, der hilfreich war, als ich meinen Roman plottete. Das Buch, das ich Hildesheim-Freund*innen – also Menschen, die bereits drei, vier Jahre Schreiberfahrung haben – am ehesten schenken würde. Keine Offenbarung. Aber der stimmigste Ratgeber, den ich kenne.

Your Screenplay Sucks!: 100 Ways to Make It Great

.

SCOTT McCLOUD: Writing Comics

272 Seiten, 2006. Eine Offenbarung! McCloud schrieb/zeichnete 1993 einen recht akademischen, steifen Comic über Comics als Kunstform, „Comics richtig lesen“. Das war in Ordnung – aber sehr apologetisch: Comic-Nichtleser wurden an die Kunstform herangeführt, langsam und recht spröde. „Making Comics“ ist eine Fortsetzung – und ein Ratgeber, der die Praxis der Erzählens in Text und Bildern erklärt. Auch, wenn man nur schreibt (statt zu zeichnen): ein herrliches, super-aufschlussreiches Buch mit vielen sehr tiefgründigen Wahrnehmungs- und Poetik-Modellen. In keinem anderen Titel lernte ich mehr für mein eigenes Schreiben/Erzählen.

Making Comics: Storytelling Secrets of Comics, Manga and Graphic Novels

.

WALLACE STEGNER: On Teaching and Writing Fiction
E.M. FORSTER: Aspects of the Novel
JOHN GARDNER: The Art of Fiction

144 Seiten, 2002. 204 Seiten, 1927. 224 Seiten, 1984. Drei ältere, gesetzte Autoren sprechen über das literarische Erzählen: Gardner ist noch am ehesten Ratgeber, Forster eher Uni-Dozent… doch alle drei Titel las ich mit Freude und Gewinn. Eine Fülle von Beobachtungen, Haltungen, literarischen Urteilen, Anekdoten und Verknüpfungen – alles sehr klassisch und bildungsbürgerlich. Aber mit viel Esprit. Kluge Männer reden rum. (Im selben Stil, aber schlechter, weil selbstverliebter: James Woods recht konventionelle Essay-Sammlung „How Fiction works“. Unterhaltsam – aber als Ratgeber überhaupt nicht geeignet.)

On Teaching and Writing Fiction  Aspects of the Novel  The Art of Fiction: Notes on Craft for Young Writers

.

HANNS-JOSEF ORTHEIL, KLAUS SIBLEWSKI: Wie Romane entstehen

288 Seiten, 2008. In fast allen Uni-Seminaren, die ich bei Hanns-Josef Ortheil hatte, riet er zur kleinen Form: Anfänger sollen notieren. Genau hinschauen. Spazieren gehen. Riechen. Schmecken. Lauschen. Nach fünf Jahren las ich dieses – handfeste, praktische, selbstbewusste – Buch über die Arbeit an Romanen… und dachte „Ja! Auf DIESEM Niveau will ich lernen! Mehr davon.“ Ein Makro-Blick, der mir mehr entspricht und aus dem ich viel mehr lerne und begreife. Hier geht es ums Große – plausibel und überzeugend.

Wie Romane entstehen

.

ANNE LAMOTT: Bird by Bird. Some Instructions on Writing and Life.

237 Seiten, 1994: Blubbernd-persönliches Gute-Laune-Buch („Memoir“ wäre zu viel gesagt) einer älteren Autorin. Ins Deutsche übersetzt, aber vergriffen. Ich mag den Plauderton, den Optimismus und die Lebensweisheiten – doch kann nicht behaupten, viel gelernt zu haben. Ein amüsantes Zwischendurch-Buch einer sympathischen, aber nicht besonders geistreichen lustigen Tante. Ich würde mit Lamott in den Urlaub fahren. Einen Workshop würde ich nicht besuchen.

Bird by Bird: Some Instructions on Writing and Life

.

HANS PETER ROENTGEN: Drei Seiten für ein Exposé

200 Seiten, 2010. Roentgen ist ein beliebter deutscher Ratgeber-Autor. Ich mag, dass er präzise und hart urteilt – und weniger oberlehrerhaft formuliert als viele andere deutsche Schreib-Coaches. Der Exposé-Ratgeber ist anschaulich, sympathisch, aber sehr kurz und nicht besonders verkopft oder literarisch. Ein Exposé für „Zimmer voller Freunde“, mit dem ich zufrieden bin, habe ich immer noch nicht – stattdessen verlinke ich meist ein Exposé in Fotos/Bildern (Link).

Drei Seiten Für Ein Exposé[Schreibratgeber]

.

TSUGUMI OHBA, TAKESHI OBATA: Bakuman

20 Bände mit je 208 Seiten, 2009 bis 2013. Ein Manga über zwei Teenager, die hauptberuflich und möglichst erfolgreich Mangas für junge Männer schreiben und zeichnen wollen. Der erste Band wirkt hölzern, fadenscheinig – und als Erzählung hat „Bakuman“ Probleme: flache Frauenfiguren, endlose Dialoge, wenig psychologischer Tiefgang.

Die meiste Zeit sprechen Zeichner, Autoren, Redakteure, Konkurrenten und Kritiker über Für und Wider verschiedener Arbeits- und Erzählmethoden. Alles wird diskutiert – klug, kleinteilig, überraschend mitreißend. Eine Buchreihe, die ich am liebsten in der Hildesheimer Institutsbibliothek sähe (im Ernst) und die über alle Aspekte des Schreibens (vor allem für Genre-Autor*innen) immer neue Fragen, Aspekte erklärt, abwägt, diskutiert, veranschaulicht.

Wirklich: Die beste Geschichte über Techniken und Hürden beim Schreiben, die ich kenne. 4000 Seiten Erzählen-übers-Erzählen. Empfehlung!

Bakuman, Band 1: Traum und Realität

.

Die Hildesheim-Dozentin, von der ich am meisten praktische Schreib-Impulse mitnahm und die mir am wachsten, mitreißendsten, lohnendsten schien, heißt Corinna Antelmann. Sie lebt in Linz, schreibt Romane (nur angelesen: noch keine Empfehlung), Essays und macht Drehbuch- und Storytelling-Beratungen. 2008 erklärte sie in einem Blockseminar die Grundlagen der Drehbuch-Dramaturgie: Dreiaktstruktur, Wants und Needs, Wendepunkte, Themes.

Auch Roland Koch, einen unaufgeregten, sehr respektvollen Schriftsteller, kann ich als Dozent empfehlen.

Hanns-Josef Ortheil hat 2015 ein neues autobiografisches Buch veröffentlicht über die Schreibübungen, die er im Grundschulalter unter Anleitung seines Vaters machte, um aus der Sprachlosigkeit zu kommen: „Der Stift und das Papier: Roman einer Passion” (384 Seiten, Luchterhand 2015).

Wieder geht es ums genaue Hinsehen, Lauschen, Notieren, Üben. Ich las die ersten 50 Seiten, kann den Titel zwar generell empfehlen – aber bin im eigenen Roman mit ganz anderen Fragen, Techniken beschäftigt. Flanieren. Fingerübungen. Naturbeobachtungen: Das ist kein kein Modus, in dem ich gehe, lese, denke. So lange so ruhig hinsehen müssen, auf Gegenstände, Oberflächen, Landschaften, Tiere: Mich macht das erst ungeduldig. Dann wütend.

.

creative writing
.

Seit Oktober habe ich 150 Schreibratgeber angelesen, sortiert und vorgemerkt.

Letzte Woche fand ich auch diese Liste im Forum von Autorenwelt.de: Die besten Schreibratgeber.

23 Favoriten – angelesen und gemocht:

.

01: ROY PETER CLARK, “Writing Tools: 50 essential Strategies for every Writer”

  • 260 Seiten, USA 2006
  • sachlich, breites Themenfeld, nicht zu euphorisch-amerikanisch: schöne erste Orientierung

You need tools, not rules. 50 tools that will help any writer become more fluent and effective and more than 200 examples from literature and journalism. For students, aspiring novelists, and writers of memos, e-mails, PowerPoint presentations, and love letters.” [Klappentext, gekürzt]

Writing Tools: 50 Essential Strategies for Every Writer

.

02: GAIL CARSON LEVINE, “Writing Magic: Creating Stories that fly”

  • 168 Seiten, USA 2006
  • sympathische Young-Adult-Autorin will Menschen Mut machen – könnte zu bieder/harmlos sein.

“With humor, honesty, and wisdom, Gail Carson Levine shows you that you, too, can get terrific ideas for stories, invent great beginnings and endings, write sparkling dialogue, develop memorable characters. Writing exercises that will set your imagination on fire.” [Klappentext, gekürzt]

Writing Magic: Creating Stories that Fly
.

03: WILLIAM STRUNK Jr., E.B. WHITE, “The Elements of Style”

  • 105 Seiten, USA 1918 (!)
  • Standardwerk, das US-Grammatik und allererste Grundlagen erklärt – muss ich unbedingt endlich lesen!

“The most widely read and employed English style manual, used by individual writers as well as high school and college students of writing. It has conveyed the principles of English style to millions of readers. If you have any young friends who aspire to become writers, the second greatest favor you can do them is to present them with copies of “The Elements of Style.” The first greatest, of course, is to shoot them now, while they’re happy. – Dorothy Parker” [Klappentext, gekürzt]

The Elements of Style

.

04: BRIAN KITELEY, “The 3 a.m. Epiphany: Uncommon Writing Exercises that transform your Fiction”

  • 261 Seiten, USA 2005
  • originelle (manchmal aber: alberne, selbstverliebte) Aufgaben und Writing Prompts.

“Open the book, select an exercise, and give it a try. More than 200 intriguing writing exercises designed to help you think, write, and revise like never before.” [Klappentext, gekürzt]

The 3 A.M. Epiphany: Uncommon Writing Exercises That Transform Your Fiction

.

05: BETSY LERNER, “The Forest for the Trees: An Editor’s Advice to Writers”

  • 240 Seiten, USA 2000
  • viele Warnungen, viele Ermutigungen: sympathische… Ansprache einer Lektorin.

“Categorizing writers within personality types–the natural (who appears to do it effortlessly); the wicked child (with an axe to grind); the flasher (who loves to dazzle)–veteran editor and publishing insider Betsy Lerner helps readers to better understand their relationship to writing. Lerner understands the anxieties and concerns of writers who are just getting started.” [Klappentext, gekürzt]

The Forest for the Trees: An Editor's Advice to Writers

.

06: RANDY INGERMANSON, “Writing Fiction for Dummies”

  • 362 Seiten, USA 2009
  • sieht ramschig aus – aber ist sehr präzise, anschaulich, sympathisch.

“A complete guide to writing and selling your novel.  Aim high. Discover what every reader desperately wants from a story; home in on a marketable category; learn the self-management methods of professional writers. Create believable, unpredictable characters; build a strong plot with all six layers of complexity of a modern novel. Write a query letter, a synopsis, and a proposal; pitch your work to agents and editors without fear.” [Klappentext, gekürzt]

Writing Fiction for Dummies

.

07: EDWARD HIRSCH, “A Poet’s Glossary”

  • 736 Seiten, USA 2014
  • Lyrik: komplexes, aber spannendes und verständliches Register über Techniken und Traditionen.

“A compilation of forms, devices, groups, movements, isms, aesthetics, rhetorical terms, and folklore: Hirsch has delved deeply into the poetic traditions of the world, returning with an inclusive, international compendium. From the bards of ancient Greece to the revolutionaries of Latin America, from small formal elements to large mysteries.” [Klappentext, gekürzt]

A Poet's Glossary

.

08: RALPH KEYES, “The Courage to write: How Writers transcend Fear”

  • 240 Seiten, USA 1995
  • vielleicht zu anekdotisch, kuschelig: ein Mutmach-Buch für Autor*innen, denen die Puste ausgeht

I have to talk myself into bravery with every sentence, sometimes every syllable. – Cynthia Ozick. Anxiety is felt by writers at every level and can be harnessed to produce honest and disciplined work. Including comments of Pat Conroy, Amy Tan, Rita Dove, Isabel Allende, and others on how they transcended their own anxieties.” [Klappentext, gekürzt]

The Courage to Write: How Writers Transcend Fear

.

09: TILLIE OLSEN, “Silences”

  • 368 Seiten, USA 1978
  • Literaturwissenschaften: Welche Schwierigkeiten hatten berühmte Autor*innen? Welche Rahmenbedingungen fördern – oder ersticken – literarisches Arbeiten?

Silences single-handedly revolutionized the literary canon. Olsen broke open the study of literature and discovered a lost continent—the writing of women and working-class people. From the excavated testimony of authors’ letters and diaries we learn the many ways the creative spirit, especially in those disadvantaged by gender, class and race, can be silenced. Olsen recounts the torments of Melville, the crushing weight of criticism on Thomas Hardy, the shame that brought Willa Cather to a dead halt, and struggles of Virginia Woolf.” [Klappentext, gekürzt]

Silences

.

10: CARLA BERLING, “Vom Kämpfen und vom Schreiben”, überarbeitete Version von 2015 hier (Link)

  • 183 Seiten, Deutschland 2011
  • Tipp aus dem Autorenwelt-Forum: Eine sympathische Mutter (und, zwischenzeitlich: Sozialhilfeempfängerin) hat Probleme mit Verlagen… aber kriegt die Kurve. Einfach – aber spannend.

“Welche Erfahrungen macht eine, die losschreibt, um Schriftstellerin zu werden – mit viel Naivität und großer Leidenschaft. Rückschläge waren vorprogrammiert. Carla Berning berichtet von ihren Erfahrungen auf dem Weg zur Veröffentlichung. Ein Ratgeber, charmant und locker – ohne Ernsthaftigkeit vermissen zu lassen.” [Klappentext, gekürzt]

Vom Kämpfen und vom Schreiben

.

11: TERÉZIA MORA, “Nicht sterben”

“Terézia Moras Frankfurter Poetik-Vorlesungen: Als Autorin fühlt sich Mora von jeher in eine Welt von Störungen und Irritationen ausgesetzt, der sie sich erwehren muss, die aber auch zu Antriebskräften ihres Schreibens werden. Indem sie dem existentiellen Ursprung, Bedingungen und Grundlagen ihres Schreibens nachgeht, ist ihr neues Buch auch ein Nachdenken über die autobiographischen Hintergründe ihrer Entwicklung als Autorin.” [(schlechter, viel zu kitschig-umständlich-verquaster) Klappentext, gekürzt]

Nicht sterben

.

12: ALEXANDER STEELE, “Writing Fiction”

  • 304 Seiten, USA 2003
  • Grundlagenbuch – ohne besondere Kanten?

“The techniques of the Gotham Writers’ Workshop: Fundamental elements of fiction craft – character, plot, point of view, etc. – explained clearly and completely. Key concepts illustrated with passages from great works of fiction. Exercises. You will be a writer.” [schlimmer Klappentext, gekürzt]

Writing Fiction: The Practical Guide from New York's Acclaimed Creative Writing School

.

13: K.M. WEILAND, “Outlining your Novel: Map your Way to Success”

  • 186 Seiten, USA 2011
  • Ich bin ein großer Fan von Outlines und Struktur – aber skeptisch, weil das Buch nur 180 Seiten lang ist.

“Writers often look upon outlines with fear and trembling. But when properly understood, the outline is one of the most powerful weapons in a writer’s arsenal. This book will: Guide you in brainstorming plot ideas. Show you how to structure your scenes. Prevent dead-end ideas. Plus: important tips on plot, structure, and character.” [Klappentext, gekürzt]

Outlining Your Novel: Map Your Way to Success

.

14: MARTHA ALDERSON, “The Plot Whisperer: Secrets of Story Structure any Writer can master”

  • 256 Seiten, USA 2011
  • Regelpoetik… Bestseller-Formel… “foolproof blueprint”… dann lass mal hören: Ich bin gespannt!

“This is the ultimate guide for you to write page-turners that sell! When it comes to writing bestsellers, it’s all about the plot. Trouble is, plot is where most writers fall down. With this book, you’ll learn how to create stories that build suspense, reveal character, and engage readers–one scene at a time. A plotting system that’s as innovative as it is easy to implement. A foolproof blueprint to devise a successful storyline for any genre.” [Klappentext, gekürzt]

The Plot Whisperer: Secrets of Story Structure Any Writer Can Master

.

15: STEVEN JAMES, “Story trumps Structure: How to write unforgettable Fiction by Breaking the Rules”

  • 297 Seiten, USA 2013
  • 2002 las ich “Freistil” von Dagmar Benke: ein trockenes, recht flaches Buch über Filme mit ungewöhnlichen Plot-Strukturen. Steven James behandelt das selbe Thema – besser, hoffentlich.

“All too often, following the “rules” of writing can constrict rather than inspire you. You can shed those rules – about three-act structure, rising action, outlining, and more – to craft your most powerful, emotional, and gripping stories. When you focus on what lies at the heart of story – tension, desire, crisis, escalation, struggle, discovery – rather than plot templates and formulas, you’ll begin to break out of the box.” [Klappentext, gekürzt]

Story Trumps Structure: How to Write Unforgettable Fiction by Breaking the Rules

.

16: BRIAN McDONALD, “Invisible Ink: A practical Guide to Building Stories that resonate”

  • 170 Seiten, USA 2010
  • ein Hollywood-Hype-Titel mit sehr guten Kritiken: Ich bin neugierig.

“Acclaimed by successful screenwriters and authors, Invisible Ink is a helpful guide to the essential elements of the best storytelling. When people think of a screenplay, they usually think about dialogue-the “visible ink”. But a successful screenplay needs Invisible Ink as well, the craft below the surface of words. You will learn techniques for building a compelling story around a theme.” [Klappentext, gekürzt]

Invisible Ink: A Practical Guide to Building Stories That Resonate

.

17: CHRISTOPHER VOGLER, “The Writer’s Journey”

“How have the great works of cinema history used the principles of myth to create stories which are dramatic, entertaining, and psychologically true? Hitchcock to Lucas, Spielberg and Tarantino have used mythic structure to create powerful stories. The book also offers step-by-step guidelines designed to help readers to incorporate effective plot structure and characterization in their own writing. This edition has been updated to include analysis of “Titanic”, “The Lion King”, “Pulp Fiction” and “The Full Monty”.” [Klappentext, gekürzt]

The Writer's Journey

.

18: MARTHA ALDERSON: “Writing Deep Scenes: Plotting your Story through Action, Emotion and Theme”

  • 248 Seiten, USA 2015
  • Über Plot wird viel geredet – über einzelne Szenen nicht. Der Titel auf dieser Liste, den ich am dringendsten lesen will:

“This book teaches you how to write strong, layered, and engaging scenes–the secret to memorable, page-turning plots. It’s filled with practical tools for building layers and nuance into your scenes, employing the right scene types at the right junctures, and developing a profound understanding of how plot and scene intertwine. Inside you’ll learn: How scenes are comprised of three key layers: action, emotion, and theme. How to recognize each layer and weave them seamlessly into a scene.How to develop an intricate relationship between the action and emotion in every scene. How thematic imagery embedded in scenes increases a story’s tension and contributes to the story’s meaning. Using contemporary examples from a variety of genres, “Writing Deep Scenes” provides an effective method for plotting at the scene level. Use these techniques and enrich your fiction and memoirs with page-turning suspense and pathos, and explore new depths in every story you write.” [toller Klappentext, kaum gekürzt]

Writing Deep Scenes: Plotting Your Story Through Action, Emotion, and Theme

.

19: CHERYL St. JOHN, “Writing with Emotion, Tension and Conflict: Techniques for Crafting an expressive and compelling Novel”

“Emotional impact shouldn’t be dropped into your novel as an afterthought or forced upon your story with a pair of pliers and an iron grip. It should be carefully sewn into the fabric of the story. You’ll learn how to layer emotional moments and create a tapestry filled with conflict, pathos, and genuine feeling. Your ultimate goal is to make readers smile, weep, rage, and laugh right along with your characters.” [Klappentext, gekürzt]

Writing with Emotion, Tension, and Conflict: Techniques for Crafting an Expressive and Compelling Novel

.

20: DONALD MAASS, “The Fire in Fiction: Passion, Purpose and Techniques to make your Novel great”

  • 265 Seiten, USA 2009
  • Standardwerk/modernere Alternative zu Robert McKee und Sol Stein.

“Supercharge your story with originality and spark! Successful literary agent and author Donald Maass shows you techniques for capturing a special time and place, creating characters whose lives matter, nailing multiple-impact plot turns, making the supernatural real, infusing issues into fiction, and more. Story-enriching exercises at the end of every chapter to show you how to apply the practical tools just covered to your own work.” [Klappentext, gekürzt]

The Fire in Fiction: Passion, Purpose and Techniques to Make Your Novel Great

.

21: MARY KOLE, “Writing irresistible KidLit: The ultimate Guide to Crafting Fiction for Young Adult and Middle Grade Readers”

  • 240 Seiten, USA 2012
  • sympathisch praktischer Ratgeber für zwei konkrete Zielgruppen

“The YA and MG book markets are healthier and more robust than ever, and that means the competition is fiercer, too. Literary agent Mary Kole teaches you how to tailor your manuscript’s tone, length, and content to your readership, avoid common mistakes and cliches that are prevalent in YA and MG fiction and develop themes and ideas in your novel that will strike emotional chords.” [Klappentext, gekürzt]

Writing Irresistible KidLit: The Ultimate Guide to Crafting Fiction for Young Adult and Middle Grade Readers

.

22: MARY BUCKHAM, DIANA LOVE SNELL, “Break into Fiction: 11 Steps to Building a Story that sells”

  • 233 Seiten, USA 2009
  • Wieder ein Buch, bei dem ich denke “Stünde da ‘500 Seiten’, ich hätte mehr Lust”. All diese Themen – auf 233 Seiten?

“Based on their popular workshops, Mary Buckham and Dianna Love Snell have created a novel-writing system that anyone can follow. Easy-to-understand templates that guide the new writer through building a novel and show more experienced writers how to deepen a plot and take a first draft to the next level. Inspiring authors shall struggle no more with the help of this step-by-step guide!” [Klappentext, gekürzt]

Break Into Fiction: 11 Steps to Building a Story That Sells

.

23: FRANCOIS TRUFFAUT, “Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?”

  • 400 Seiten, Frankreich 1966
  • Seit ca. 2000 weiß ich, dass es dieses Buch gibt. Statt es zu kaufen, habe ich immer wieder lange Interviews mit Freunden und Autoren geführt. Es wird Zeit, dass ich endlich reinkucke:

“Humorvoll, klug, verschmitzt, ironisch, keiner Pointe und Anekdote abhold, so präsentierte sich Alfred Hitchcock in den ausführlichen Interviews, die François Truffaut mit ihm führte und in denen er 500 Fragen beantwortete. Entstanden ist daraus das vielleicht aufschlussreichste Filmbuch überhaupt, eine Hommage an Hitchcock und an das Filmemachen.” [Klappentext, ungekürzt]

Mr. Hitchcock, Wie Haben Sie Das Gemacht?

.

2005 und 2006, im Rahmen des Studiums, habe ich als Tutor das “Kulturtagebuch”-Projekt geleitet: 14 Studierende schrieben über ihr erstes Semester in Hildesheim.

Erzählen / Schreiben mit “Buffy”

wordpress pokédath.

Freundin K. gehört auf jede Liste meiner Lieblingsmenschen. Eine Hauptrolle in der Oberstufe, eine Schlüsselrolle in der Gegenwart, tolle Gastauftritte im Studium, ein wichtiger Kurzbesuch in Toronto: K. ist eine Kritikerin, eine Reibefläche, eine skeptische, kluge, hochnervöse Frau, die alles richtig machen will – und sich in grimmige, tragische Schlamassel manövriert. Ein toller Mensch. Und, für Romane: eine tolle Figur.

In „Zimmer voller Freunde“ existiert sie nicht.

Weil Helena, Sassi, Stoff – als Clique, Trio – allen Raum einnehmen. Weil ich drei Frauen in Stefans Welt balancieren kann, aber vier chaotisch und beliebig wirken. Weil alles, was ich auf 420 Seiten erzählen will, bereits mit diesen drei Figuren (…und all den anderen zentralen Frauen – Käthe, Antje, Chrissy, Dani, Sonja, Carmen…) erzählt werden kann. Und: Weil K. eigene Nebenfiguren mit sich brächte. Figuren, die meinen Roman belasten, stören, verderben können.


Teen Dramas tun sich furchtbar schwer, in ihren Ensembles Platz zu schaffen für Mauerblümchen / Spätzünder und erfahrene, zynische, (sexuell) selbstbewusste Helden: Viele Hemmnisse / Unsicherheiten „behüteter“ Jugendlicher wirken lächerlich (Streberin Andrea, „Beverly Hills 90210“: „Guys? I’ve never been on a roller coaster before!“), doch viele Erwachsenen-Probleme haben kaum Bezug zur Lebensrealität der Zielgruppe. („90210“-Draufgänger Dylan, im selben Alter: Alkoholiker, Millionenerbe, Ärger mit Mafia-Buchmachern.)

Ich mag, bis heute, Lösung / Ordnung bei „Willkommen im Leben“:

  • Hauptfigur Angela ist mittelmäßig souverän / erfahren…
  • …folgt der „erwachsenen“, forschen Rayanne…
  • …und lässt dabei ihre biedere Grundschulfreundin Sharon zurück.

.

Die drei männlichen Teenager spiegeln Angelas Konflikt:

  • Nachbar / Nerd Brian ist planlos, bieder, unerfahren…
  • Jordan Catalano hat eine Band, ein Auto, alle Freiheiten…
  • …und Rickie steht dazwischen – mittelmäßig souverän / erfahren.

[Sympathisch: Sowohl die „extremen“ Mädchen, Rayanne und Sharon, als auch die „extremen“ Jungs, Jordan und Brian, finden im Lauf der Staffel Gemeinsamkeiten und werden – hinter Angelas Rücken / ohne vermittelnde Instanz – Freunde.]

.

K., K.s große Liebe und dessen Mutter würden, im „Zimmer voller Freunde“-Gefüge, ein umständliches, dummes Ungleichgewicht schaffen:

  • „erwachsene“ Männer? Levin und Frank.
  • Norm / Mittelmaß? Stefan und Fred.
  • naiv / behütet? Stäcy (und: Fred, in Stefans Wahrnehmung).
  • „erwachsene“ Frauen? Stoff und Käthe.
  • Norm / Mittelmaß? Antje und Sassi.
  • naiv / behütet? Helena (und: Sassi, in Stefans Wahrnehmung).

K. wäre die dritte – mittelmäßig souveräne / erfahrene – weibliche Hauptfigur. K.s. Partner, ein stoischer Footballspieler – pragmatisch, trocken, notorisch gelangweilt von den „Kindsköpfen“ der Clique – der dritte „erwachsene“ Mann. Selbst seine Mutter – K.s größte Kritikerin: kalt, spöttisch, blasiert, zwei Zentner schwer – müsste ich durch 400 Seiten Handlung schleppen… und mit K.s eigener Familie / Mutter kontrastieren.

Um K.s Geschichte stimmig zu erzählen, muss ich zur deutschen Football-Kultur recherchieren, zwei neue Hauptfiguren, vier zusätzliche Eltern, diverse Geschwister zueinander und zu allen anderen Figuren positionieren. Ich müsste die Unterschiede / Gemeinsamkeiten von K., Stoff, Sassi, Helena so zuspitzen, dass alle vier Mädchen eine distinkt eigene, unverwechselbare / zentrale Rolle / Funktion im Roman (…und der Dynamik der Clique) erfüllen. Und über Fragen schreiben, die K.s Leben beherrschten – und mir ganz ungefragt in meine eigene Geschichte rasselten:

regionale Sportvereine, eifersüchtige „Schwiegermütter“, Wehrdienst; Sprüche / Werte wie „Ich bin ein echter Mann – ich trinke Wodka pur!“ und die verzweifelte, tägliche Panik Siebzehnjähriger (!), bei einem Partner „aufs falsche Pferd gesetzt zu haben“.

Dieser Dreck hat meine Jugend sinnlos dominiert.

Dieser Dreck soll bitte, bitte nicht auch noch mein Buch überfluten:

Kein Platz für K., im „Freundeversum“.

.

buffy s5 dawn

.

Das Ensemble von „Buffy – im Bann der Dämonen“ (1997 bis 2003 auf The WB / UPN, sieben Staffeln, 144 Episoden) hatte nach vier Jahren eine seltsame Schlagseite: zwei Partner von Buffy hatten die Serie verlassen, Buffys Schulfreunde fanden eigene Beziehungen, und menschlich / erzählerisch schien Buffy selbst das langweiligste Mitglied der Gruppe. „Restless“ (Link), die letzte Episode von Staffel 4, benannte / verschärfte das Problem, indem vier Hauptfiguren vier symbolische Tarotkarten zugewiesen wurden: Sophus für Mentor Giles, Animus für Kumpel Xander, Spiritus für Hexe Willow… und (gähn!) Manus für Buffy – das Mädchen fürs Grobe.

Über Nacht aber, zu Staffel 5, lebt eine Vierzehnjährige im Haushalt von Buffys Mutter: Buffys kleine Schwester, Dawn – eine Figur, die vier Jahre lang nicht existierte (Buffy war Einzelkind, Tochter einer alleinerziehenden Mutter), doch die fortan – Zauberei oder schlechtes Erzählen? – dazu gehört, als wäre sie schon immer Teil von Buffys (Wahl-)Familie und Clique.

„According to Buffy creator Joss Whedon, the introduction of Dawn in Season Five was partly so protagonist Buffy Summers could experience a ‘really important, intense emotional relationship’ with someone other than a boyfriend“, erklärt Wikipedia (Link). Tatsächlich dachten viele Kritiker zuerst an Seifenopern, Heldencomics und andere mäandernde, wacklig erzähle Fließband- und Endlos-Narrative:

  • Papa Schlumpf war der älteste Schlumpf, bis (…zu Staffel 6 der Trickfilm-Serie) ein nie zuvor erwähnter „Opa Schlumpf“ „von einer 500 Jahre langen Reise um die Welt“ zurückkehrte.
  • Staffel 8 von „Dallas“ war ein einziger langer, „böser Traum“, der endete, als die (vermeintlich tote) Hauptfigur Bobby Ewing aus der Dusche stieg.
  • 1979, im ersten „Star Trek“-Kinofilm, hatten Klingonen eine fremdartigere, neue Gesichts- / Stirn-Struktur als in der „Star Trek“-Fernsehserie, 1966 bis 69. Erst 2005 dichteten „Star Trek“-Autoren eine Erklärung: Alle Klingonen der Ursprungs-Serie waren genetisch modifizierte Agenten / Hybriden.

„Retroactive Continuity“ heißt der – durchschaubare – Erzähl-Trick (Link), bei dem neue „Fakten“ Altbekanntem widersprechen, doch eine hanebüchene, nachgelieferte Erklärung postuliert, dass es doch „eigentlich“, “in Wirklichkeit”, „schon immer“ so war: Lex Luthor war ein Nachbarsjunge von Clark Kent. Soap-Helden haben Schwestern und Brüder, die für fünf oder zehn Jahre nie erwähnt werden – und andere Väter als gedacht, denn ihre Mütter, erfahren sie mit 20, 30, 40, hatten Affären.

In Staffel 3 von „Dawson’s Creek“ zog Jens geheimnisvolle Halbschwester Eve nach Capeside – und versuchte, mit Dawson zu schlafen. Als die Einschaltquoten fielen, verschwand Eve über Nacht… und wurde nie mehr erwähnt. In Staffel 4 begann Dawson dann eine Liebelei mit Gretchen – der bislang kaum erwähnten großen Schwester von Pacey.

Auch Buffys plötzliche Schwester wurde „erklärt“: Dawn ist ein mystischer, okkulter „Schlüssel“, dessen Blut die Barriere zwischen Dimensionen einreißen kann. Damit Buffy – in ihrer Funktion als auserwählter Slayer – alles tut, um diesen Schlüssel vor der Höllen-Göttin Glory zu beschützen, gaben ihm geheimnisvolle Mönche die Gestalt eines jungen Mädchens – und fälschten die Erinnerungen aller Menschen, die mit Buffy und ihrer Mutter in Berührung kamen.

Josss Whedons Erzähl- und Experimentierfreude ist zu verdanken, dass dieser – reichlich doofe – Erzähl-Kniff spannend, mutig, frisch und clever wirkt (statt planlos / verzweifelt / abgestanden, wie die meisten anderen Retcons):

  • „Lost“ wechselt die Perspektive: Das kleine Häuschen in der Vorstadt… steht mitten im Dschungel. Wir haben die Kamera bislang nur niemals auf die Türschwelle gerichtet, und auf die Welt hinter den Fenstern.
  • „Buffy“ wechselt das Gesamtbild: Bisher lebten Mutter und Tochter hier im Haus. Doch über Nacht kamen Zauber-Mönche, verhexten alle Freunde: Seitdem hat Buffy eine Schwester.
  • Joss Whedon, als Erzähler, wechselt die Parameter: Bisher war Buffy ein Einzelkind. Wir werden sehen, wie sich das gesamte Erzählgefüge wandelt, wenn wir ihr die Verantwortung für eine vierzehnjährige Schwester geben.

Im letzten Kapitel von „Zimmer voller Freunde“ wird keine plötzliche Freundin K. aus den Kulissen hüpfen – „Ich war schon immer hier, und voll dabei: Überraschung!“ Doch es erschien mir albern, billig, verbissen, unbeholfen, zu behaupten „Das ist die ‘Zimmer voller Freunde’-Welt. Für eine K.-Figur ist hier kein Platz…“, und drei Erzähl-Instanzen eisern gleichzusetzen, von denen zweiund das weiß jeder, und mit diesem Wissen kann, in immer neuen Büchern, gespielt, probiert, gearbeitet werden!Kunstgriffe / Kunstfiguren sind:

  • Ich-Erzähler Stefan (A), 16 Jahre alt, erzählt „seine“ Kapitel mit allen perspektivischen Beschränkungen / Scheuklappen seines Milieus und Alters: Bekommt Frank in Kapitel 6 ein Handy geschenkt, denkt Stefan noch in Kapitel 7: „Das hat er sich wohl selbst gekauft, bestimmt“; und erst Kapitel aus Franks / Antjes Sicht sind „objektiver“ als die unzuverlässigen, tendenziösen Schilderungen Stefans.
  • „Stefan Mesch“, als Autor, Konstrukteur, Chronist (B), baut, circa 2008, aus seinen Tagebüchern / Erinnerungen und den Geschichten von Stoff, Sassi, Antje, Frank etc. ein „dramatisches, tiefgründiges Ensemble-Drama“ namens „Zimmer voller Freunde“ – doch ein Kapitel aus Franks / Antjes Sicht ist (…als Bauchredner-Trick, Gedankenspiel, literarische Emulation) noch fadenscheiniger als die tenziösen, aber wenigstens noch „selbst erlebten“ Kapitel Stefans.

.

„’How I Met Your Mother’“, schreibt TV Tropes, „makes [retroactive continuity] part of its regular routine, as the show is framed as the recollections of an Unreliable Narrator; Ted is regularly shown to remember things that are out of order or skips over events and people that he deems unimportant to that particular story. A lot of events and characters are only mentioned when they actually become relevant.“

Hier ist es einfach:

  • A: (Hauptfigur) Ted in der Gegenwart.
  • B: (Ich-Erzähler) Ted in der Zukunft, sich erinnernd.
  • C: Drehuchautoren, die diesen beiden Ted-Kunstfiguren eine Stimme geben.
  • A: Stefan Mesch, 16 Jahre alt, erzählt.
  • B: „Stefan Mesch“, ca. 2008, baut ein „Ensemble-Drama“, erzählt übers Erzählen.
  • C: Stefan Mesch – ich, heute, mit allem Wissen, allen Tricks – schreibt den Roman.

Vor drei Wochen schrieb ich über Retcons / Perspektivwechsel und große, plötzliche Veränderungen in Thomas Wolfes Roman-Welt:

„Die Thomas-Wolfe-Figur (ob nun „Eugene Gant“ oder „George Webber“) und „Esther Jacks“ (im echten Leben: Alice Bernstein) sind authentisch. Alles andere steht wie auf Rollen auf der Bühne, und wird verschoben, neu arrangiert, wie es am besten passt.

„Ist das deine Familie?“, „Ist das wirklich passiert?“, „Du warst selbst dort? Du kennst das alles?“ sind Fragen, die eine immense Dynamik entfalten – Dringlichkeit, voyeuristische Spannung, einen „intimen“ Sog: Sie schaffen Nähe zwischen Leser und Autor, machen Romane zu „Berichten“ über „Menschen“ – statt bloßen Fiktionen, voller Figuren.

Mein Stoff ist nicht die Summe meiner spärlichen Kleinstadt-, Provinz- und Alltags-Erfahrungen. Oder die drei-, viertausend Seiten biografisches Material über mich und meine Freunde, die ich damals geschrieben und gesammelt habe.

Sondern – ganz wie bei Wolfe – die Frage, wie man mit solchen Stoffen lebt und schreibt.“

.

„Alles andere steht wie auf Rollen auf der Bühne, und wird verschoben, neu arrangiert, wie es am besten passt“: Mal sehen, wann ich Freundin K. ins Spiel bringe. Vergessen ist sie nicht. „Verloren“ auf keinen Fall.

Und: Ich brauche keine Zauber-Mönche, um sie in zukünftige Romane zu schaffen.

.

.
Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

Erzählen / Schreiben… mit “Lost”

wordpress shifts.

Wer erzählt, erzählt auch vom Erzählen. Exponiert sich als Instanz, die Information auswählt und gewichtet – zeichnet keine „Wirklichkeit“, sondern das Selbstbild eines Menschen, der glaubt, Wirklichkeit sei darstellbar, in Sprache, und erzählens-wert, in dieser / jener Auswahl, Form, Gewichtung:

Jedes Foto stellt die Frage: Wer hält die Kamera? Wer und was fehlt, im Bild?

Jeder Text stellt die Frage: Wer schreibt das – wem? Glaubt dieser Mensch („Knallkopf“? „Hochstapler“?), Sprache sei… eine Kamera?

Lost“ (ABC, 2004 bis 2010, sechs Staffeln, 121 Episoden) hat mir sehr kurz sehr viel bedeutet: als eine Ensemble-Serie und pointierte Charakterstudie über Zäsuren und „zweite Chancen“. Obwohl die Hauptfiguren im Dschungel hausten, als Überlebende eines Flugzeugabsturzes, blieben die „Wir müssen Obdach finden, bevor es dunkel wird!“-Konflikte zweitrangig. Stattdessen wurde – in cleveren Rückblenden, Parallelgeschichten, Motivketten – über die Geworfenheit des Einzelnen sinniert, Rettung, Tilgung, Sühne, Wiedergutmachung… “Redemption“.

Jede Episode zeigt ein Mitglied des Ensembles als Perspektivträger: Alles, was ihm tagesaktuell, beim Überleben auf der Insel, widerfährt, wird konterkariert, ergänzt, in neues Licht gerückt durch Rückblenden ins Leben vor dem Absturz. Viele Taten, Ängste, Entscheidungen wirken paradox – bis parallel erzählte Rückblenden neue, überraschende Hintergründe öffnen: Er saß im Rollstuhl! Sie ist eine Kriminelle! Er hat gefoltert, beim Militär! etc.

„If there is a method of skewing the audience’s perception of events by rearranging the order of the scenes, LOST has used it“, erklärt TV Tropes. Doch verweist damit auch auf Probleme: In den banalsten, schlechtesten Zeiten erzählte „Lost“ keine Geschichte mehr… sondern häufte leere Andeutungen, Geraune, Taschenspielertricks zu einem möglichst hektischen Durcheinander in der Gegenwart – gespiegelt / gedoppelt durch neue, widersprüchliche Zusatz-Durcheinander in Rück-, Vor-, Seitwärts-Blenden:

Symbole, Figuren, Konflikte – so mehr-, viel-, doppeldeutig, dass sie bedeutungslos wurden. Komplexität als Selbstzweck. Vexierbilder. Beliebigkeit.

.

Jedes „Zimmer voller Freunde“-Kapitel erzählt – räumlich begrenzt, recht linear – von einer Figur an einem Ort: Stefan steht im Wald, am Rand einer Grill- und Hüttenparty. Sassi hilft Fred, einen Getränkewagen voll Alkohol über Bordsteinkanten zu hieven. Frank verkauft Bier und Würstchen, auf dem Fußballplatz [Hörprobe]. Antje lauert an der Tür des IT-Raums und zweifelt, ob sie klopfen soll.

Fast immer sind diese szenischen, akuten Spannungsräume alltäglich, dörflich, jugendlich – eine Kragenweite, die u.a. „My so-called Life“ entspannt „realistisch“ wirken ließ: Wer holt uns ab? Wo fahren wir hin? Wen nehmen wir mit? Was denken die von mir? Wie komme ich heim? Figuren stehen auf der Schwelle und entscheiden, wie weit sie gehen wollen. Meine Aufgabe, als Erzähler? Für jede Szene so viele (im Zweifelsfall: gerade genug) Informationen liefern, dass die Tragweite ihrer Entscheidungen verständlich wird.

Zu viele Details? Geschwätzig, barock.

Zu wenige Eckdaten? Verwirrende Puzzles. Luftleerer Raum. Beliebigkeit.

.

lost s2 main cast

Link öffnen – [Link: Einbetten ist leider deaktiviert]

In Staffel 3 zeigt „Lost“ eine neue Figur – die überspannte Ärztin Juliet. Um ihre inneren Konflikte abzustecken, reichen 60 erste Sekunden: Juliet will Gäste empfangen, in ihrem kleinen Haus. Juliets Gesten und Routinen zeigen: Sie ist gewissenhaft und fleißig… aber unzufrieden mit sich selbst. Sie will das Richtige tun… doch handelt aus falschem Pflichtbewusstsein. Juliets Ansprüche, Wut und Energie laufen ins Leere.

Es braucht kein Vorwissen, um Spannung, Dringlichkeit dieses ersten Auftritts zu verstehen: Die Frau ist eine Ärztin? Unwichtig. Ihre Schwester hat Krebs? Egal. Das zählt erst später. (… aber: Ihr Lieblingsbuch ist „Carrie“, von Stephen King? Spannend! Eine mausige, überspannte Frau mag den Roman über ein mausiges, überspanntes Mädchen… das ihre gesamte High School tötet? Schlechtes Omen. Gutes Foreshadowing! Das darf gerne gezeigt / erzählt werden, in Juliets erster Szene…)

Erst sehr, sehr spät – Juliet ist als Figur gut positioniert, ihre inneren Konflikte sind klar (wenn auch, natürlich: lange nicht erklärt, benannt, ausgesprochen) – verlässt die Kamera Juliets enges, sauberes Häuschen. Und draußen, vor der Tür… beginnt der Dschungel. Juliet lebt auf der Insel! Sie gehört zur Gruppe der „Anderen“ – schweigsame, finstere Wilde, die in Staffel 1 und 2 in Lumpen und mit Kriegsbemalung durch die Büsche schlichen und Kinder entführten. Oh, the drama…!

Video 2: Fortsetzung der Szene: [Link öffnen – Einbetten ist leider deaktiviert]

.

Als ich „Zimmer voller Freunde“ plante, fand ich drei Perspektivträger – Antje, Stefan, Frank –, sechs weitere Hauptfiguren… und glaubte, alles erzählen zu können – mit nur diesen neun Personen:

Ein Theaterstück, in dem neun Darsteller die Bühne betreten. Eine Welt, die keine Erwachsenen zeigt. Ein enger, diskreter Bildausschnitt – mit Leerstellen wie bei Charlie Brown: Die Kamera schwenkt nie bis vorne zur Tafel. Oder hinaus, zur Tür.

Wovon erzähle ich nicht?

Wo fängt mein „außen“ an?

Tatsächlich überraschte mich beim Schreiben des Romans immer wieder, wie schnell (und: endgültig) ich mich entscheiden muss – für Vorgeschichten, Details, feste Größen, Hintergründe – und wie verwirrend, leer, ambivalent jede Szene scheint, der solche Parameter / präzise Kontexte fehlen:

Jetzt, heute ist Freitag, der 20. Juni. Antje ist hier, in der Stadt. Sie kommt gerade…? Vom Schulhof. Sie will…? Zum Bus, der sie nach Hause bringt, ins Dorf. Zu ihrem Vater. Ihren Brüdern. Einem Kaninchen… namens Valentin. Und einem Hund. Doch der hat keinen Namen…

…weil in „Zimmer voller Freunde“ schon fünf andere Hunde wichtig sind – drei mit, zwei ohne Namen: Wer lebt in welchem Dorf? Wer hat Geschwister? Was arbeiten die Eltern? Kennt Stefan Helena seit Klasse 7 – oder seit Klasse 9? Wie heißt Franks Klassenlehrer? Wie viele Großeltern von Käthe sind am Leben? Nur zwei…?! Aha…! Wann und wie starben die übrigen…?!

„Es ist halb sieben, Sonntag Abend. Wir stehen vor Franks Sofa, wir stehen in diesem großartigen Haus, und durch die Gartentür leuchten die Scheiben des Terrariums durchs Laub. Herr Wagenmach fuhr eben nach Heilbronn, zum Nachtdienst. Franziska und Franks Mutter liegen oben auf der Couch, kucken „Charmed“. Und morgen früh ist wieder Schule. Es wird Zeit.“ (“Zimmer voller Freunde”: Stefan, zu Beginn von Kapitel 9)

.

  • Ein Romancier des 19. Jahrhunderts hätte solche Details / Verortungen / Vogelperspektiven-Fakten immer weiter abgespult – unfehlbar, altklug, selbstbewusst auktorial, als Herr seiner Erzählwelt.
  • Ein „Lost“-Autor hätte lange getrickst, verschwiegen, verschoben – Lücken, Fragen, Leerstellen ausgestellt, als Herr seiner Erzählwelt (Schock! Überraschung, nach 25 Kapiteln: Franks Vater ist Polizist!).
  • Mit 15, 16, in jährlich 200 Einträgen meines „Timers“, habe ich Briefe transkribiert, Freunde interviewt, Gasteinträge gesammelt, aus meiner Wirklichkeit, für eine (imaginäre) Leserschaft ein möglichst „dramatisches, tiefgründiges Ensemble-Drama“ montiert– als Herr meiner Erzählwelt.

.

Erst heute, mit diesem Roman, muss ich entscheiden: Wollen wir – Autor und Leser, im Pakt, den wir für die Lektüre von „Zimmer voller Freunde“ eingehen – tun, als hätte ich alles hier im Griff… als virtuoser, kühler Autor?

Oder will ich Fehlbarkeiten, Bruchstellen, Beschränkungen ausstellen…?

„Das ist ja alles real…!“, schimpften Frauenrechtler über Alexander Maksiks Schul- und Parisroman „You deserve Nothing“ (2011): Ein eitler, selbstzogenener, narzisstischer US-Lehrer unterrichtet Philosophie in Paris, schläft mit einer 17jährigen Privatschülerin, unterstützt sie bei ihrer Abtreibung und wird gefeuert. Journalisten deckten auf, dass Maksik – als Lehrer in Paris – 2004 tatsächlich gefeuert wurde, weil er mit einer Schülerin schlief. Die junge Frau bereut die Affäre bis heute – und fühlt sich durch den Roman zusätzlich bloßgestellt.

„Das ist ja alles ganz verdreht…!“, schimpfte meine Mutter, als ich über meine Arbeit am Roman erzählte: „Du nennst den Berliner Ring im Buch ‘Südring’? Der echte ‘Südring’ liegt 200 Meter weiter südlich…! Du kannst das doch nicht einfach… biegen!”

„70 Prozent von ‘Feuchtgebiete’ sind autobiografisch“, schnodderte Charlotte Roche (als blöde Reporter unbedingt „konkrete“ Zahlen hören wollten) – und ich stimme, für „Zimmer voller Freunde“, zu: Bisher erzählen 2 (!) von zwanzig Kapiteln von einem „echten“, realen biografischen Moment, der tatsächlich an genau diesem Tag, mit diesen Leuten „wirklich so geschah“: Tausend Details, Stimmungen, Konflikte (und: Wortwechsel / Tagebucheinträge) sind real. Doch jedes Mal wähle ich, im Zweifelsfall, die erzählerische Lösung, die meine „Wahrheit“ zeigt / erklärt – nicht die empirische, blanke, biografische Wirklichkeit.

„Lost“ sagt: DAS ist die Situation. Wir zeigen sie aus DIESER Perspektive.

Dann fährt die Kamera hinaus – und Juliets Häuschen steht im Dschungel.

Die Fahrt hinaus – die neue, erweiterte Perspektive – schafft neue Komplikationen.

Neuen Kontext. Neue Fragen. Komplexität.

Aber immer auch: Widersprüche. Durcheinander.

„Erzählen“ heißt, in solchen breiten, übervollen, latent unübersichtlichen Figuren- und Handlungsnetzen nicht, in eigener Sprache alles durchzupausen, das „es gab“. Sondern die besten Winkel, Perspektiven, Rhythmen, Schnittfolgen zu finden. Streichen. Auslassen. Strukturieren. Der echte Hund hieß „Ronja“ und gehörte im wahren Leben Antje – nicht ihrem kleinen Bruder. Für meinen Roman wäre das – erzählerisch – ein Fehlgriff: ein schiefes Motiv, ein schlechter Name.

Eine falsche Fährte. Totes Gewicht.



.
Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

“Hier läuft doch noch was anderes…!” [Erzählen, TV, Literatur]

ZvF 001

“Hier läuft doch noch was anderes…!”

Erzählen, TV, Literatur.

von Stefan Mesch [Bio]

zur Arbeit an: “Zimmer voller Freunde” (Roman), 2009 bis 2012
.
Ich studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, in Hildesheim.
Schreibe meinen ersten Roman, “Zimmer voller Freunde”.
…und begleitend: ein Making-of über Recherche, Planung. Erleben.

.

Vorbilder? Referenzen? Inhalt:

.

Zimmer voller Freunde 01.

Beverly Hills, 90210:

Erzählanlass (01)

.

Mein Anlass, über Alltag, Jugend, Gegenwart zu schreiben, stammt aus „Beverly Hills, 90210“, der 293 Episoden / zehn Staffeln langen Jugendserie von Aaron Spelling, ausgestrahlt von Oktober 1990 bis Mai 2000; in Deutschland ab 1992, auf RTL:

  • das erste moderne „Teen Drama“

  • eine Ensemble-Serie mit sechs bis zehn befreundeten Hauptfiguren

  • ein (oft: didaktisches, moralisierendes) TV-Melodram, in dem weiße, privilegierte Schüler versuchten, mit fremden und eigenen Fehltritten / Schicksalsschlägen umzugehen.

Ab 1972 produzierten die US-Networks ABC, NBC und CBS „Afterschool Specials“ – schnelle, oft effekthascherisch inszenierte Lehrstücke über Schule und Alltag, mit Titeln wie „Me and Dad’s New Wife“, „She drinks a little“ oder „All the Kids do it“.

Ab 1984 folgte der Sparten- und „Frauensender“ Lifetime mit Rührstücken über Missbrauch, häusliche Gewalt, Essstörungen und anderen – aus Groschenheften, Kolportageromanen, Seifenopern und der Boulevardpresse bekannten – Vorstadt- und Hausfrauen-Ängsten.

Für das jüngste, kleinste und jugendlichste US-Network – FOX, gegründet 1986 – entwarf Aaron Spelling, in den 80er Jahren vor allem mit einstündigen „Night-Time Soaps“ wie „Der Denver-Clan“, „Die Colbys“ und „Hotel“ erfolgreich, eine Hybridform dieser beiden Formate: Eine wöchentliche, einstündige Serie über das freundliche, zuweilen naive High-School-Zwillingspaar Brandon und Brenda Walsh aus Minnesota, das seit dem Umzug der Eltern in den Nobel- und Villenbezirk Beverly Hills mit Versuchungen, Zwängen und Konflikten aus der Ober- und Unterschicht Los Angeles’ konfrontiert wird – Kokain und Designerdrogen, „Date Rapes“, Esstörungen… ein Katalog der Vorstadt- und Mittelstands-Ängste der Neunziger, exerziert an einer Clique armer, reicher Jugendlicher und ihren hilflosen, willensschwachen, verkrachten Eltern, Freunden und Lehrern, Woche für Woche lose verknüpfte „Cautionary Tales“ – die biederen, tadelnden, halbherzig dramatisierten „issues“/Probleme oft nur unbefriedigend „gelöst“ und in folgenden Episoden vergessen, ignoriert.

Seit 20 Jahren stoße ich – im Leben und in meiner Arbeit – auf Nachwirkungen, Zitate, Klischees und kulturelle Folgeschäden dieser Serie; und seit 20 Jahren ist jede Seh-Erfahrung, jedes Foto, jeder Gedanke an sie eine neue, ewig frische kleine Enttäuschung: „Beverly Hills, 90210“, das ist eine Grundidee, die mir bis heute sinnvoll, tragfähig, packend scheint – 293 Episoden über die Schwierigkeit, Ausbildung, Erwachsenwerden und Alltag zu meistern, gemeinsam, als Clique und Wahlverwandtschaft –, erzählt als schiefes, staubiges, ignorantes California-(Schauer-)Märchen.

.

90210 surfboardStraßenszene im Pilotfilm: Alltag in Los Angeles, 1990.

.

Jede Figur, jede Frage, jeder Konflikt bebt vor Potential – doch alle Drehbücher, jede „Lösung“ enttäuscht in ihrer biederen, geföhnten, reaktionären Schlichtheit. Im Text von „Zimmer voller Freunde“, in Stefans Entscheidungen und Erzählgestus, wird diese Enttäuschung spürbar:

Sonne scheint, Frau singt, es gibt nur junge, kluge, wichtige Figuren […], 2000 Einwohner und jeden Tag Sonne. Wir haben Riesenträume und wir leben schneller als der Rest. Wir brechen uns die Herzen und wir lieben uns zu Brei. Drei Jahre bis zum Abitur: Ich schreibe unsere Geschichte.“ [Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

und – galliger, enttäuschter – im selben Kapitel:

„…keine Familie und Erwachsene – nur als Statisten, Randfiguren: Mein Vater hat jetzt eine prima neue Stelle in Hongkong, und meine Eltern packen den Koffer. Sie fahren zum Flughafen. Sie winken und verschwinden. Und trotzdem ist das Haus, in dem ich lebe, immer aufgeräumt und mein – mein! – Kühlschrank immer voll: Brandon Walsh, der Held aus „Beverly Hills, 90210“, ist in derselben Wohn- und Elternsituation.“ [Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

Für Stefan – den Ich-Erzähler von „Zimmer voller Freunde“, 16 Jahre alt und in einer fundamental anderen Wohn-, Eltern-, Freundes-, Liebes- und Lebenssituation als Brandon Walsh – ist „Beverly Hills, 90210“ eine falsche Offenbarung, ein nutzloser Prophet, ein gebrochenes Versprechen aus der Kindheit: eine Verheißung, die nie wahr wurde. Eine Vorhersage, die sechs, sieben Jahre Zeit hatte, in Stefan (und mir selbst, im echten Leben) Wurzeln zu schlagen:

  • Beverly Hills, 90210“ versprach: Wir machen „deine“ „Wirklichkeit“ zum Thema – Alltag, Konflikte und alle denkbaren Schwierigkeiten von Sechzehn-, Siebzehnjährigen.
  • Beverly Hills, 90210“ versprach auch – und: deutlich lauter: Wir zeigen märchenhaft reiche, märchenhaft schöne Schüler, deren absurd sorgenfreies Leben in jeder Sekunde durch die absurdesten Schicksalsschläge vernichtet werden kann.

Dieses zweite Versprechen habe ich niemals hören wollen, und alle Reize, Signale, Warnungen, die ein Slogan wie „Leben auf der Überholspur“, so der deutsche Titel eines „90210“-Romans, erschienen 1993, setzte – Voyeurismus! Schadenfreude! Klassenkampf! Das tragisch-lustvoll auserzählte Zugrundegehen der Reichsten, Schönsten, Hochmütigsten, Behütetsten! – habe ich seit 20 Jahren überhört und ignoriert: „Beverly Hills, 90210“, das ist Flaubert und Proust, „Buddenbrooks“ und Fürstenroman, Hybris, Abstieg, böses Märchen, If there’s nothing missing in her life, then WHY do these tears come, at night? – aber für mich sind das nur störende Effekte, unnötige Zuspitzungen, Kitsch und Glitter, den ich übersehe:

  • Ich habe keine älteren Geschwister.

  • Ich habe bis heute Angst / Respekt vor Menschen, drei, vier Jahre älter.

  • Ich lese Bücher, Berichte, Interviews, um kommende, fremde Lebensabschnitte überblicken zu lernen.

Seit ich zehn Jahre alt bin, sollen Brendon, Brenda und ihre Freunde zeigen, wie man erfolgreich sechzehn, achtzehn, zweiundzwanzig Jahre alt ist, Cliquen knüpft, Freundschaften pflegt, auszieht, studiert, Geld verdient, lebt. Seit ich zehn Jahre bin, geben Brendon, Brenda und ihre Freunde vor…

„…was für mein Alter gut, gesund, normal und tolerabel ist. Ich lerne – ich lebe! – durch Filme und Serien.“ [Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

Das Weltbild (…und das Erzähl-/TV-Verständnis) der „Zimmer voller Freunde“-Figur „Stefan Mesch“ fußen auf einer Serie, die – in jeder Szene, 10 Jahre lang – immer nur genau so lange Realismus inszeniert und erträgt, wie solcher Realismus die grellsten, wirkungsvollsten oder bequemsten Effekte / Lösungen brachte:

Mein Anlass, über Alltag, Jugend, Gegenwart zu schreiben, stammt aus „Beverly Hills, 90210“. Und Stefan Mesch, der 16 Jahre alte Ich-Erzähler des Romans, „versteht“ Realität in ständiger Reibung mit einer Serie, die nie ernsthaft versuchte, „Realität“ zu verstehen – oder verständlich zu machen. [mehr zum Roman: hier]

.

.

Zimmer voller Freunde 02.

Thomas Wolfe:

Stoff (02)

.

Seit Thomas Wolfes Kleinstadt-, Familien-, Autoren- und Bildungsroman “You can’t go home again” / “Es führt kein Weg zurück” – erschienen 1940, von mir gelesen 2011 – verstehe ich meinen Erzählstoff als meinen Stoff:
  • Ich führte Tagebuch, von 1997 bis 2004.

  • Ich sammelte Gasteinträge, Interviews, Briefe, Dialoge.

  • 2003 kam ich nach Hildesheim. Und fürchtete bald, nichts erlebt / zu sagen zu haben, das einen Roman „rechtfertigt“.

Im Grundstudium, bis 2006, schrieb ich knapp 40 Kurzgeschichten, für Jahrgangs- und Jahresanthologien, Literaturzeitschriften, Wettbewerbe, e-Zines, Schreibwerkstätten und Buchprojekte. Gelegentlich schrieb ich Kurzprosa, zwei, drei Science-Fiction-Texte, montierte Briefe und Zitate.

Doch „eigentlich“ schrieb ich – recht selbstbewusst, halbwegs stilsicher – nur Texte, in denen junge Erwachsene Entscheidungen über Freundschaften, Beziehungen, ihr Verhältnis zu Eltern oder Heimat treffen, erzählt aus wechselnden Perspektiven, oft mit Auslassungen, Rückblenden, überraschenden Schnitten: Puzzles über Abschied, Verlust, Flucht, Rivalität.

  • ein junges Paar trennt sich nach dem Unfalltod ihrer Tochter

  • eine Sex-Wette zwischen Oberstufen-Kumpels endet auf den Schienen der Stadtbahn

  • vier Bewohner einer WG verlieren, bei Nabelschau und Streit am Küchentisch, allen Bezug zur Welt vor ihren Fenstern

  • als Schülerin allein und unbeliebt, versucht eine Neunzehnjährige, im Medizinstudium alles besser zu machen

  • Grundschulfreunde, deren Eltern vor 15 Jahren eine Affäre hatten, treffen sich als Erwachsene

Viel zu lange – und: viel zu verkrampft – mischte ich solchen Texten Elemente bei, die ich mit Ach und Krach von Schreiber-Freunden erfragt, mir angelesen oder ergoogelt hatte: psychiatrische, sexuelle, historische „große“ Enthüllungen und Eskalationen: Fehlgeburten, Selbstmordversuche, Zeitsprünge um zwanzig, fünfzig Jahre, Kokain, Flugreisen ins außereuropäische Ausland, Geschlechtsverkehr, Tumore.

Die besten „jungen“, deutschsprachigen Texte, die mir im Rahmen des Studiums – meist von Kommilitonen, im BELLA triste-Kontext – empfohlen wurden, hatten einen Erfahrungsreichtum und, wichtiger, eine Nonchalance, die mich… schwindeln ließ:

Erzähler aus meiner Generation, geboren in den 70ern und 80ern, doch zwischen zwei Kulturen aufgewachsen oder in der DDR, hatten schon mit 14, 15 ein archaisches Land- oder (andersrum) ein schnelles, dreckiges Stadtleben in vielen Subkulturen und Geheimnissen durchdrungen und verstanden, ließen Figuren jeden Alters reisen, feiern, lieben, trinken, sich verletzen – mit ruhiger Hand, ohne Aufregung.

Alle Großeltern hatten Charisma und kraftvolle Flüchtlings-/Weltkriegs-Lebensläufe, alle Frauen routinierten, etwas schwermütigen Sex, jedes Bühnenbild und jeder historische Exkurs wurde so kundig und gelassen gespannt, wie ich keinen Gang durch einen Drogeriemarkt schildern könnte… ohne vorher drei Bücher über Drogeriemärkte zu lesen:

Romane von Freunden (und / oder: Altersgenossen), die ich nicht zu lesen wage… weil sie – in ihrer Stoffwahl – so viel Welt, so viel Bewegung und beherztes „Dem Thema bin ich gewachsen. Den Raum habe ich verstanden. Dem werde ich erzählerisch gerecht!“ voraussetzen:

Mein Timer hat 367 Einträge. Mein Notenschnitt ist 2,1. Ich bin 5989 Tage alt und war zweimal betrunken, doch nie bekifft. Ich habe noch nie – für Geld – gearbeitet. Ich rauchte nie und habe nie Hackfleischbällchen bei IKEA gegessen. Ich habe noch nie ein Tor geschossen. Ich weiß nicht, wie man einen Kopfsprung macht. Ich war noch nie auf einem echten Rave. Kein Mensch wollte mich je küssen […]“ [Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

…schreibt Stefan Mesch, die 16 Jahre alte Hauptfigur aus „Zimmer voller Freunde“. Ihr 29 Jahre alter Autor hat viel geraucht, und fuhr Ende März 2009 zu IKEA, um Hackfleischbällchen zu probieren.

Sonst tat sich wenig.

Falls ich noch zwanzig Romane schreibe – „Dem Thema bin ich gewachsen. Den Raum habe ich verstanden. Dem werde ich erzählerisch gerecht!“ werde ich nur über eine Handvoll – häuslicher / privater – Milieus behaupten können: Fabulieren, und fünfzig Jahre weite Bögen spannen? Meine Hildesheimer Echokammern halten das für eine Grundvoraussetzung „großer“ Romane. Mir selbst misslang es, jahrelang. Die großen Romane über Danzig, Brahms, jüdische Flüchtlinge in Shanghai, besetzte Häuser in Hamburg… muss jemand anderes schreiben:

thomas wolfe: penguin cover

Thomas Wolfe wurde 1900 geboren, in Asheville, North Carolina. „You can’t go home again“ (1940) – ein Buch, das ich als Zwölftklässler, zum Warten auf den Bus, aus der Schulbibliothek stahl – ist sein letzter, vierter Roman, posthum veröffentlicht und erst von Wolfes Lektor in Romanform gebracht.

Ein junger Schriftsteller, der sich in New York mühsam über Wasser hält, kehrt für eine Trauerfeier zurück in die Kleinstadt seiner Kindheit – kurz nach Veröffentlichung seines ersten Romans, „Home to our Mountains“ und dem Börsencrash, bei dem seine Mutter Geld mit Immobilienspekulation verlor.

Die Feindseligkeit alter Freunde, Irritationen in der Familie und die Geworfenheit der Hauptfigur setzen sich draußen – in der Welt – fort: beim Umgang mit dem exzentrischem Lektor Foxhall Edwards (Wolfes Lektor Maxwell Perkins nachempfunden), einer misslungenen Soiree, veranstaltet von einem reichen Ehepaar, mit dessen weiblicher Hälfte, der Bühnenbildnerin Esther Jacks, Wolfes Hauptfigur eine Affäre hat, und im Besuch des Münchner Oktoberfests, umgeben von Pöbel, Kleinbürgern, Nazis.

Dringlich, kraftvoll, lesenswert werden diese – recht alltäglichen – Episoden, weil Wolfe nie große gedankliche Schritte abweicht vom Erfahrungshorizont seiner Figur: Provinzjunge „George Webber“ führt durch Räume und Milieus, die ihm am Herzen liegen und die er verstanden / durchdrungen hat.

Zu Literatur werden diese – sehr persönlichen – Berichte über Familie, Heimat, Freundschaft, weil eine authentische Figur authentische Räume beschreibt… in einem komplexen, artifiziellen Erzählgerüst:

  • Schau heimwärts, Engel“ (1929), Wolfes erster Roman, erzählt die ersten 19 Lebensjahre von Eugene Gant und seiner exzentrischen Familie im Bergstädtchen Altamont, Catawba.

  • Von Zeit und Strom“ (1935) beschreibt Gants Studienjahre und eine ausgedehnte Reise durch Europa. Am Ende des Romans sieht Gant den Dampfer zurück nach Amerika und verliebt sich in eine Passagierin: Bühnenbildnerin Esther Jack.

  • Es führt kein Weg zurück“ (posthum veröffentlicht, 1940), beschreibt, wie George Webber 1929, nach Veröffentlichung seines Romans „Home to our Mountains“ über das fiktive Bergstädtchen Old Catawba, zurück nach Libya Hill reist… und über die Zukunft mit Esther Jack, seiner langjährigen Affäre, entscheidet.

Hätte ich die Bücher chronologisch gelesen – vieles wäre mir geschwätzig, platt, unbeholfen erschienen. Doch (zufällig) am Höhepunkt zu beginnen, und diese Ebenen aus zusätzlichen, widersprüchlichen Fiktionalisierungen mit der Lektüre voriger Romane Stück um Stück zurückzwiebeln zu können, war ein großes – und: komplexes – Lesevergnügen:

Die Thomas-Wolfe-Figur (ob nun „Eugene Gant“ oder „George Webber“) und „Esther Jacks“ (im echten Leben: Alice Bernstein) sind authentisch. Alles andere steht wie auf Rollen auf der Bühne, und wird verschoben, neu arrangiert, wie es am besten passt.

Ist das deine Familie?“, „Ist das wirklich passiert?“, „Du warst selbst dort? Du kennst das alles?“ sind Fragen, die eine immense Dynamik entfalten – Dringlichkeit, voyeuristische Spannung, einen „intimen“ Sog: Sie schaffen Nähe zwischen Leser und Autor, machen Romane zu „Berichten“ über „Menschen“ – statt bloßen Fiktionen, voller Figuren.

Mein Stoff ist nicht die Summe meiner spärlichen Kleinstadt-, Provinz- und Alltags-Erfahrungen. Oder die drei-, viertausend Seiten biografisches Material über mich und meine Freunde, die ich damals geschrieben und gesammelt habe.

Sondern – ganz wie bei Wolfe – die Frage, wie man mit solchen Stoffen lebt und schreibt:

Wem schreibe ich das auf?

Wo ich gewesen bin. Wen es dort gab. Worauf wir warteten.

Wer wir sein wollten. Wer wir waren.

Wer uns fehlte.“

Für wen behält man das?“

[Zitate aus “Zimmer voller Freunde”]

.

.

Zimmer voller Freunde 03.

Dawson’s Creek:

Format (03)

.

Wenn ich meinen Freundeskreis und meine Jugend erklären will – und den Roman, den ich aus ihnen mache –, gibt es keinen besseren – schnellen, oberflächlichen – Vergleich als „Dawson’s Creek“…

eine US-Jugendserie (6 Staffeln, 1998 bis 2003), die mich im Jahr von „Zimmer voller Freunde“ (Juli 1999 bis Juli 2000: die 11. Klasse) beschäftigt, frustriert, entgeistert hat wie wenig sonst:

.

Der Drehbuchautor Kevin Williamson erzählt mit Anfang 30 seine Jugend nach, als autobiografisches Ensemble-Drama. Er zeigt vier Freunde in unserem Alter – Jen, Joey, Pacey und Dawson. Dawson will Filmemacher werden: Er ist sehr klug und talentiert. Joey ist seine beste Freundin und bemerkt, dass sie ihn liebt. Pacey ist Dawsons abgebrühter Kumpel: Er schläft mit seiner Lehrerin und weiß nicht, was er aus sich machen soll. Und Jen ist neu in der Nachbarschaft: Sie lebt bei ihrer religiösen Großmutter, weil sie sich in New York mit vielen falschen Freunden eingelassen hat und dabei ihre sogar jungfräuliche Unschuld verspielte. Es kostet Dawson große Überwindung, Jen diese sexuellen Fehler zu verzeihen. Doch er ist trotzdem fasziniert – denn sie ist viel geheimnisvoller als seine hausbackene Joey.

In jeder Folge gibt es Diskussionen und Spaziergänge am Hafen: Coming of Age in Capeside, einem verschlafenen Nest an der US-Ostküste. Provinzsorgen, ein Kuss am Pier, narzisstische Krisen auf der Veranda. Dawson und seine Freunde kennen jeden Film und jede Serie. Sie schauen nachts zusammen fern und in der Schule drehen sie eigene Projekte. Sie streiten sich im Kino und sie jobben in der Videothek. Sie reden pausenlos, und nur über sich selbst: Sie reden so wie wir, wie Stoff und ich.

Wenn Stoff und ich noch reden würden.“ [Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

.

Hinter allen – augenfälligen – Parallelen gibt es zwei tiefe Kerben, die mir „Dawson’s Creek“ ins Welt- und Serienverständnis riss:

  • DC“ funktioniert (als Jugendserie), weil [nach Staffel 1 oft nur noch: wenn] es realistische, kleinliche Freunde zeigt, in realistischen, kleinlichen Konflikten.

  • DC“ funktioniert (als Charakterstudie, dörfliches Ensemble-Drama), weil [nach Staffel 1 oft nur noch: wenn] es die Beschränktheit und Pedanterie der Freunde ausstellt, ihre Privilegien und Selbstbezogenheit, die pubertären Vorstellungen von Sex, Moral, Integrität.

1989 bis 1998 zeigte „Seinfeld“ Ennui und Neurosen vier schnöseliger Freunde aus Manhattan: eine Sitcom, die sich – trotzig, subversiv – als „show about nothing“ verstand, und deren treibende Konflikte keine realistischen Sorgen waren, sondern – Woody Allens Figuren denken ähnlich – das Gestotter und die Kleinlichkeit von Menschen, die alles analysieren und zergrübeln, doch ihre eigene Hybris / Arroganz ausblenden. Narzisstische, sorgenfreie Kindsköpfe, die alles durchschauen. Außer sich selbst.

1996 schrieb Kevin Williamson die Horrorfilm-Satire „Scream“: eine Clique (zynischer, übertrieben film- und medienkompetenter) Schüler, die mit den Slasher-Hororfilmen der 70er und 80er Jahre aufgewachsen sind, werden von einem kostümierten Schlitzer gejagt, der die Klischees, Tropen und Regeln „seines“ Filmgenres durchschaut, neu durchspielt, unterminiert.

Dawson’s Creek“ ist Fortsetzung und Coming-of-Age-Version dieser 90er-Jahre-Narrative: Die erste Generation von (Drehbuch-)Autoren, die mit Privatfernsehen, endlosen Syndication-Wiederholungen und Videotheken aufwuchs, erzählt von Figuren, für die jedes Trauma, jede Schwelle, jede neue Erfahrung in einem (vermeintlich: hilfreichen / vertrauten) Referenzrahmen aus vergleichbaren Film- und Fernsehszenen steht:

062

  • 2003 („Sie ist wach“), 2006 („Dirac“) und 2007 („Waffenwetter“) u.a. stellt Dietmar Dath halb-autobiografische Berichte über seine Breisburger Provinz- und Jugendfreunde neben Nacherzählungen / Schlüsselszenen aus US-High-School-Serien wie „Roswell“ (1999 bis 2002) und „Buffy – im Bann der Dämonen“ (1997 bis 2003).

  • 2007, in Thomas von Steinaeckers Roman „Wallner beginnt zu fliegen“, „rutschen“ Dialoge und Bilder aus Filmen wie „Lola rennt“ (1998), „Matrix“ (1999) und „American Beauty“ (1999) in (ansonsten: dem trockenen Alltags-Realismus von US-Erzählern wie John Updikes oder Jonathan Franzen verpflichtete) Gespräche der Figuren; ganz ohne „Achtung: Hier wird ein Filmzitat montiert!“-Markierungen.

Menschen, die ihr Leben „dramaturgisieren“. Eine Welt aus Wiederholungen, Klischees, medialer Nostalgie, Verweisen. Narzissmus / Hybris der Idee, man selbst sei Hauptfigur, umgeben von „Nebenrollen“, „Gaststars“ und „Statisten“. Eine erste Liebe – die man als vierzigste, fünfzigste „Liebe“ erlebt, im Referenzrahmen von teen dramas, Coming-of-Age-Romanen, Seifenopern, Musikvideos. Trost, Lernen, Identifikation, (geborgte) Lebenserfahrung – via Privatfernsehen. Selbst-Stilisierung. Tagebücher. Die Kluft zwischen „Wirklichkeit“ und „Wahrheit“.

Mit 17 empfand ich „Dawson’s Creek“ als faszinierende, doch weitgehend missglückte Serie:

  • weil „Sympathieträger“ wie Dawson und Joey oft selbstsüchtig, bigott, arrogant und altklug über Fremde, Erwachsene und Freunde urteilten?

  • weil jedes Nicht-Problem zerredet wird, doch sich alle Hauptfiguren „Spaß“, „Mut“ und allen spontanen, pubertären Exzessen verweigern?

Nein:

  • Die altkluge Sprache kenne ich aus meinen eigenen Tagebüchern / Filmkritiken, und finde sie – als ironisches, oft rührendes Stilmittel – in der Figurensprache vieler „gernegroßer“ Erzähler, z.B. in C.D. Paynes „Youth in Revolt“-Romanen (ab 1993) oder Judith Zanders „Dinge, die wir heute sagten“ (2010).

  • Unsympathische“ Hauptfiguren sind (oft auch) überraschende Hauptfiguren. Ich muss den biederen, unfairen Dawson und die verdruckste, arrogante Joey nicht mögen, um mich (sehr produktiv, mit großem Vergnügen) an ihnen abzuarbeiten.

  • …und dass in Capeside „nie etwas passierte“, schien mir sehr tröstlich:

.

An einem ihrer ersten Tage in der Nachbarschaft, in Folge 4 von „Dawson’s Creek“, trat Jen ins Krankenzimmer ihres komatösen Opas. Griff seine Hand und sagte müde, aber nicht unglücklich: „Das war wieder eine heftige Woche in Capeside.“

Es war nichts Großes geschehen.

Doch sie hatte Recht.

Die knirschenden Gespräche. Die täglichen, trüben Sorgen.

Wahrscheinlich gibt es jedes Jahr nur drei, vier Tage, die wirklich heftig sind, heftig auf Leben-oder-Tod-Niveau. Der Rest der Zeit, aller Alltag, hat nur die zähflüssige, zweite Sorte heftig im Programm; ein Heftig in Schattierungen, die keine eigenen Namen tragen. Wie oft schleudern Drogendealer Brandsätze durchs Fenster…? Oft handelt „Dawson’s Creek“ von nichts als konkurrierenden Ideen zwischen Freunden. Den vagen Ängsten und Gefühlen einer Gruppe Schülern. So ernst und gut, als sei das legitim, als Thema einer Serie. Als seien solche Tage, nur für sich, bereits erzählenswert.

[Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

.

  • Dawson’s Creek“ fragt, was Fiktion und Erzählen leisten können; für Menschen, nervös, befangen, unerfahren, in einem nicht-fiktionalen, nicht-glamourösen, unsauberen, vielstimmigen Alltag.

  • Dawson’s Creek“ fragt, ob Fiktion und Erzählen Sinn stiften – oder schaden, wenn Wissen als Second-Hand-Erfahrung, medial vermittelt, aus Hollywood- und Trash-Filmen abgegriffen wird.

Und „Dawson’s Creek“ scheitert.

.

Weil die „reale Welt“, das Leben in Capeside, glatt, sauber, film-/romanhaft alle Klischees reproduziert, von denen sich „Dawson’s Creek“ abgrenzen will: Die Serie stellt vier bis sechs dynamische, komplexe Jugendliche (und eine freche, amüsante christliche Großmutter) einsam und plump zwischen flachen Eltern- und Lehrer-Figuren, lustlose Pappkameraden, schnell vergessenen Gaststars:

  • Dass Dawson lebt und handelt, als gäbe es drei, vier „wertvolle“ Personen – und sonst nur Pöbel und Statisten, ist eine irrwitzige, toll pubertäre, bigotte, verkrachte, großartige erzählerische Perspektive.
  • Dass Dawson in einer Serienwelt leben / handeln darf, in der es wirklich nur drei bis vier wertvolle Personen gibt, ist oft so schäbig, öde, flach, verkitscht und pointenlos wie das Gerede von Joey – oder den „Seinfeld“-Freunden:

In „Zimmer voller Freunde“ träumt Frank von häuslichen, munteren Muttis; Figuren aus Sitcoms wie „Hör mal, wer da hämmert“. Stefan will Breitbild, Orchester, Steadicam-Fahrten und Dolby Surround. Antje („Wir haben nur drei Programme. Mich interessiert das nicht.“) versucht, ohne Helden, Leitbilder auszukommen. Und Stoff macht keinen Unterschied – zwischen „Menschen“ und „Figuren“.

Wenn ich meinen Freundeskreis und meine Jugend erklären will – und den Roman, den ich gerade aus ihnen mache –, gibt es… auch auf den zweiten Blick… keinen besseren Vergleich als „Dawson’s Creek“.

.

.

Zimmer voller Freunde 04.

“Willkommen im Leben”:

Ton (04)

.

Du schreibst ein Buch über Schüler? Dorfjugend?“ – „Elftklässler, ja.“ – „Ein Jugendbuch?“ – „Ich… bin nicht sicher.“

  • Zugriff und Stil ähneln US-Erzählern wie John Updike, Stewart O’Nan.

  • Zielgruppe? Leser von 25 bis 40, meine „Generation“.

  • Doch meinen Ansprüchen wird „Zimmer voller Freunde“ erst gerecht, wenn Siebzehnjährige das Buch im Schwimmbad lesen – und in der Clique verleihen.

Passt „Jugendbuch“, als Etikett, auf den Roman? Nur, falls “Willkommen im Leben“ / „My so-called Life“ (1994/95 auf ABC, eine Staffel, 19 Episoden) eine „Jugendserie“ ist. Beides zeigt Alltag, Freundschaft, Familienleben. Macht Teenager zu Perspektivträgern, Erzählern. Doch steht jedes Format, das sich auf Lebenswelten Jugendlicher konzentriert, im Jugend-Genre?

  • 2007 produzierten Edward Zwick und Marshall Herskovitz „quarterlife“, eine (ABC-)Webserie über College-Absolventen, die sich zum ersten Mal auf dem Arbeitsmarkt behaupten.

  • 1999 bis 2002 produzierten Zwick und Herskovitz die ABC-Familienserie „Once and again“ („Nochmal mit Gefühl“) über eine geschiedene Frau Anfang 40, die mit ihrem Partner und je zwei Kindern zwischen 9 und 16 eine Patchwork-Familie wagt.

  • 1987 bis 1991 produzierten Zwick und Herskovitz eine ABC-Serie über junge Eltern und ihre ledigen Freunde, „thirtysomething“ („Die besten Jahre“). Werber, Journalisten, eine Fotografin und eine „Career Woman“, die Arbeit und Familie balancieren.

Willkommen im Leben“ zeigt Alltag (und altersgemäß „tiefsinnige“ Einsichten und Monologe) von Angela Chase, einer behüteten Fünfzehnjährigen aus einem Vorort Pittsburghs, die zum Start der zehnten Klasse Eltern und alte Freunde – Nerd-Nachbar Brian und die häusliche, „anständige“ Sharon – vor den Kopf stößt, als sie ihr Haar rot färbt und sich Punk-Mädchen Rayanne und Hispano-Außenseiter Rickie zuwendet.

19 Episoden erzählen vom Abnabelungsprozess zu ihren Eltern und Angelas erster, oft tragikomischer Beziehung mit Jordan Catalano, einem Fleecepulli-Jungen mit Gitarre, altem Cabrio und Lese-Rechtschreib-Schwäche.

  • Ich sah „Willkommen im Leben“ 1995/96, mit zwölf.

  • 1997 und 1999, mit 14 und 16, in Nachmittags-Wiederholungen.

  • 2009, mit 26, zur Vorbereitung von „Zimmer voller Freunde“.

Bei jedem Durchgang erschien mir Angelas Leben „authentisch“, „realistisch“, „persönlich“, „dringlich“ – ohne schrille Misstöne, Hysterie, Übertreibungen, Eskapismus und Melodrama, die bei „Beverly Hills, 90210“ oder „Dawson’s Creek“ schnell Überhand gewannen: Stewart O’Nan (Link: Text von mir) nennt seine (Vorstadt-)Romane „domestic fiction“ – und ich verstehe, wenn der Begriff falsche, staubige Assoziationen weckt: Muttis und Blumenbeete, Leben in der Spielstraße, Milch, Kekse, Schwangerschaftsstreifen – die Welt von Pinterest und Chefkoch.de. Eng. Apolitisch. Hohl.

Willkommen im Leben“ – und: O’Nan, Richard Yates, John Updikes „Rabbit“-Romane – sind Beispiele für gelungene „domestic fiction“: In einer Hierarchie menschlicher Bedürfnisse – z.B. in Maslovs Fünf-Stufen-Pyramide: physische Ansprüche, Sicherheit, sozialer Anschluss, Wertschätzung, Selbstverwirklichung – bleiben die Ziele von Thriller- und Fantasy-Figuren oft (langweilig, für mich uninteressant) auf der untersten Ebene: „Die Pferde brauchen Futter!“, „Wir müssen Obdach finden, bevor es dunkel wird!“, „Jemand muss rein – und meine Tochter da raus holen!“.

domestic fiction“ folgt Menschen, die grundsätzlich sicher sind: Kein anderes Genre kann so differenziert, zeitbezogen, offen Fragen zu Identität, Familie, Elternschaft, Sexualität, Lebenszielen, Gemeinschaft stellen. Und während die Ziel- und Altersgruppen der Zwick-/Herzskovitz-Serien ständig wechseln, bleibt die Arbeitsweise der jeweiligen Serien-Autoren dieselbe: eine Gruppe Schreiber sammelt „authentische“, „realistische“, „persönliche“, „dringliche“ Alltags-, Generations- und Lebenserfahrungen. Erlebnisse, so mundane, dass sie jeder (er-)kennt. Und – hier wird es Kunst und Kunstgriff – hängt diese Erkenntnis-Nuggets an Figuren und Figurensprache, so eigensinnig, dass sie einmalig / authentisch wirken:

mscl wordpress

Im August 1994, am Ende des Pilotfilms von „Willkommen im Leben“, kommt Angela nach Mitternacht zurück nach Hause. Sie streift die Schuhe ab und steigt barfuß die Treppe hoch, um niemanden zu wecken. Von oben fällt Licht auf ihr rot gefärbtes Haar. Und vorne, im Schlafzimmer der Eltern, läuft der Fernseher: Ihre Mutter sitzt alleine auf dem Ehebett und schaut durch alte Alben oder Adressbücher. James Stewart, in schwarzweiß und ohne Ton, sagt auf dem Bildschirm seiner Tochter gute Nacht. Angela lehnt den Kopf an den Türrahmen. „Meine Mutter wurde adoptiert“, sagt sie im Off. „Eine Zeit lang hat sie ihre richtigen Eltern gesucht.“ Sie macht eine Pause. „Das tun wir wohl alle.“ [Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

Als Teenager traf „Willkommen im Leben“ bei mir auf große, größte Resonanz:

  • Fast nichts passt / ereignet sich: Angela verbringt viel Zeit damit, still zu klagen, dass ihr Leben nur sehr langsam, schwerfällig Fahrt aufnimmt. Erwachsenwerden, das ist Warten, die Zähne zusammenbeißen, die Nerven behalten. („I thought, at least, that by the age of 15, I would have a love life. But I don’t even have a ‘like’ life.“)

  • Oft missglücken Angela und ihren Nicht-Mehr- oder Noch-nicht-so-richtig-Freunden die banalsten Vorhaben (Tanzen gehen, ein Konzert besuchen, zu selbstbezogenen, nervösen Eltern durchdringen)… ohne, dass die Autoren dabei einladen, über Pech, Missgeschick und pubertäre Beschränktheit der Beteiligten zu lachen.

  • und, in den Worten des „TV Tropes“-Wikis: “Often, the show took a comic plot and subverted it by playing it for drama (and, arguable, realism) rather than for humor – and this was both much funnier and much more painful than it would have been as a comedy.”

Die tagesaktuellen, akuten „Klappt es? Misslingt es?“-Spannungsbögen einzelner „Zimmer voller Freunde“-Kapitel bleiben oft in dieser – sehr unspektakulären – Größenordnung:

  • Darf Antje die Wohnung ihrer Mutter sehen, hinter deren Rücken?

  • Soll Frank am 18. Geburtstag durch die Schule trotten?

  • Kann Stefan Stoff zur Rede stellen, bevor die Stadtbahn kommt?

Die größte Arbeit / Mühe an „Zimmer voller Freunde“ ist, 420 Seiten lang Spannung und Dringlichkeit zu schüren für eine lose Gruppe pubertärer Figuren, die – einerseits – stets ganz, ganz oben auf der Pyramide über Selbstbilder und Rollen philosophieren… aber – andererseits – vor jedem selbstbestimmten Schritt die dümmsten, dörflichsten „Hoffentlich hat Papa heute Abend Lust, uns in die Disko zu fahren!“-Konflikte lösen müssen:

Ich war zweimal in Sassis Flur.

[…] Ich war elfmal bei Stoff, gut fünfzigmal bei Fred, ich war dreihundertmal bei Frank und ich war viermal bei den Langs, viermal in 28 Monaten, denn Dawson hat den Führerschein, ein Ruder- und das Motorboot; und jedes Prolo-Kind in jeder Stadt hat Straßenbahnen, Züge, einen Nachtbus. Aber von meinem Dorf zu Helena sind es zwölf Kilometer. Hinter die Au, zu Fred, beinahe 15. Runter in Danis Dorf fast 19. Das ist doppelt so weit wie von der Bronx zum Central Park.“ [Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

Der Ton, in dem „Willkommen im Leben“ von Jugend, Erwachsenwerden und den – manchmal: läppisch narzisstischen; manchmal: hochkomplexen, drastischen – Fragen ganz oben auf der Pyramiden-Spitze erzählt, ist „authentisch“, „realistisch“, „persönlich“ und „dringlich“. Als Elftklässler, Auf-den-Schulbus-Warter, Leser, Zuschauer half mir dieser Ton, eine artifizielle, oft sehr pointierte US-Serie sehr ernst und sehr persönlich nehmen zu können (ohne mich, wie bei „90210“ und „Dawson’s Creek“, ständig latent „betrogen“ und manipuliert zu fühlen). Als Autor, heute, hilft mir derselbe Ton, sehr persönliche, biografische Momente zugänglich, relevant, auf-der-Decke-im-Schwimmbad-lesefreundlich zu erzählen.

Jugendbuch“ ist (aus Gründen, die ich im nächsten Teil erläutere) kein guter Leit- und Sammelbegriff für meine Arbeit. „domestic fiction“ – so un-sexy, apolitisch und „Schatz? Da ist schon wieder Laub in unserer Regenrinne!“ das klingt – passt besser. Und greift tiefer:

[…a]ls mir in der Grundschule die Freunde fehlten, las ich „TKKG“.

Als ich kein Super-NES bekam, las ich die Spiele-Tests in Mega Fun oder Total!.

Als ich vor „Akte X“ zu Bett gehen musste, las ich den TeleVision-Episodenguide.

Und heute? Seit Sassis Zorn die beiden einzig nennenswerten Mädchen meiner Welt verstören (und fast verjagen…) konnte? Blicke ich auf Kunstfiguren wie Dawson, Joey, Jen. Denn alles, was ich fühlen und erleben will, wird irgendwo für mich beschrieben und erklärt. In einem Buch, in einer Serie, in Zeitschriften, in einem Song, im Netz. In den Erzählungen und Selbstzeugnissen fremder Menschen! Wann treffe ich geschlechtsreife, reale junge Frauen? Wo bleiben echte Kellys und Rayannes? Ich sprach noch nie mit einer richtigen Studentin. Ich saß noch nie bei einer echten Achtzehnjährigen im Auto. Vor einer wildfremden und dubiosen Chrissy, vor einer schwabbeligen Dani, vor einer stutenbissigen […] Nina […] habe ich oft beinahe… Angst. Denn ich weiß sehr genau, wie Major Kira oder Lois Lane agieren. Ich habe Miss Parker aus „Pretender“ weinen sehen! Doch keine einzige geglückte weibliche Figur im echten Leben. Weiß Stoff, wie man sich fühlt, wenn man allein über den Schulhof muss? Oder gezwungen ist, sich auszuziehen, vor einer Doppelstunde Sport? Oder am Rand von einer Party steht, auf der sich niemand freut, dass man gekommen ist?

Ich brauche die Teenager im Fernsehen (und, im Notfall: Frank) damit ich weiß, was für mein Alter gut, gesund, normal und tolerabel ist. Ich lerne – ich lebe! – durch Filme und Serien.“ [Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

Willkommen im Leben“ war bis heute der beste dieser „Lehrer“. Und – fast 20 Jahre nach der ersten Ausstrahlung – weiterhin sehenswert.

.

.

Zimmer voller Freunde 05.

“Mad Men”:

Verfremdung / Distanz (05)

.

Der dümmste, schlimmste, widerlichste Satz, den ich 2012 las, stand auf der Facebook-Pinnwand einer Bekannten (und jungen Mutter):

Das Beste, was ein Vater für seine Kinder tun kann, ist, ihre Mutter zu lieben.“

Schlimm scheint mir dabei weniger die Aussage („Wenn Vatis Muttis ganz doll lieben, tut das der ganzen family gut!“), als das Männer-, Frauen-, Familien- und Rollenverständnis dahinter: Abgründe tun sich auf – allein, wenn ich mich frage, was geschehen wäre, hätten meine Eltern versucht, nach dieser Maxime zu leben. Ein kleiner, verkrachter, überspannter Satz, der – zu Ende gedacht, und an konkreten Menschen durchgespielt – einen monströsen Konflikt spannt.

Mad Men“ (AMC, seit 2007, bislang fünf Staffeln) ist das aktuellste Ensemble Drama, das mir auf ähnliche Weise – meist mit nur einer kurzen, brillant verkrachten Aussage – den Boden unter den Füßen entreißt. Eine ruhig erzählte, gediegen inszenierte Werber- und 60er-Jahre-Serie, in der oft 30, 35 Minuten am Stück nichts zu passieren scheint. Alle Figuren sind lauernd, zurückhaltend, gepflegt, voller Selbstbeherrschung und (vermeintlich: sicher) eingeschnürt ins Korsett ihrer Klasse, ihres Berufs und der historischen Ära.

Ich weiß, wie viele Leute ‘Mad Men’ mögen…”, seufzte ein Toronto-Freund im Frühling. “Aber jedes Mal, wenn es im Fernsehen läuft, schalte ich [gefühlt] in dieselbe Szene: eine Frau sitzt am Schreibtisch. Eine andere Frau tritt hinzu. Sie sagt: ‘Hier ist der… Tacker.’ Dann starren sich beide an – schweigend und ernst.”

Man spürt, als Zuschauer: Hier läuft noch etwas anderes. Noch im banalsten Dialog vollführen „Mad Men“-Figuren einen schmerzhaften, nie völlig überzeugenden Balanceakt: Sie täuschen einander – und sich selbst. Und jederzeit können diese Täuschungen scheitern. Dünnes Eis. Großes Risiko.

Die Elftklässler in „Zimmer voller Freunde“ sind zorniger, offener, leichtsinniger: Sie haben weniger zu verlieren, viel zu verbergen (aber amüsant wenig Übung / Routine, sich erfolgreich zu verstellen), und viele von ihnen genießen es, hässliche Wahrheiten auszusprechen, einander zu reizen: Das Milieu des Romans ist ähnlich nervös, die Figuren ähnlich empfindlich – doch die „Betriebstemperatur“ von „ZvF“ ist höher als beim unterkühlten, trockenen, oft scheinbar „ruhigen“ „Mad Men“:

“Mad Men can be difficult to watch if you aren’t into/accustomed to understated drama. Almost all of the show is dialogue and minute physical interactions with larger dramatic implications.” [Zitat aus einer Diskussion im Webforum Reddit, Link]

Die (kleine) „Mad Men“-Taktik, dir mir in vielen „Zimmer voller Freunde“-Szenen hilft, Figuren in Position zu bringen, Konflikte zu schärfen, Spannungen zu schüren, sind „schlimme“, suggestive Sätze:

  • This never happened. You’ll be amazed how much this never happened“, der väterliche, gut gemeinte Rat, persönliche Schwächen unter den Teppich zu kehren, indem man lebt, als wäre nie etwas entgleist („Mad Men“, fünfte Episode der zweiten Staffel), hängt seit drei Staffeln beiden Figuren – dem Ratgeber und der Empfängerin – in jeder Szene als hässliches Echo nach: „Ja? Wirklich? Ist all das für dich nie passiert?“, will man als Zuschauer ständig fragen: „Ist es bewältigt – nur, weil du sagst: ‘Das ist vorbei’…?“

  • We’re dealing with the emotions of a child“, urteilte ein Psychologe (sehr früh: in Episode 7 von Staffel 1) über Betty Draper, Hausfrau und Mutter. Seitdem wirkt jede Handlung Bettys – als Ehefrau und Mutter, als Tochter und „Erwachsene“ – wie Teil eines heimlichen Experiments: Sind Bettys Handlungen erklär-, entschuld-, entschlüsselbar? Hilft uns die (überhebliche, boshafte) Betty-ist-ein-Kind-Behauptung, um ihre Taten und Urteile zu verstehen?

Diese Sätze – Zuschreibung oder Selbstaussage – müssen nicht korrekt sein oder eindeutig: Sie sind kein „Schlüssel“, um Figuren zu enträtseln. Im besten Fall schwingen sie – als offene Fragen und Verweise auf größere Themen – im Lauf der Serie immer weiter mit, und werden, in späteren Entscheidungen / Konflikten, aus immer neuen Perspektiven, zur Diskussion gestellt:

Mach du nur immer alles richtig, Maus. Mach bitte nie irgendwas falsch! In Ordnung? Gut? Habe ich dein Wort?“ …verlangt ein Vater in „Zimmer voller Freunde“.

Jedes Mal, wenn ich ein Mädchen sehe, wünsche ich mir, ich wäre mit ihr zusammen. Das ist das einzige, was ich wirklich will.“ …schreibt Frank.

Ich hasse sie. Ich hasse sie alle. Was für arme Menschen!“ …erklärt B, als eine mehrerer Figuren, die überall „Statisten“, “Figuren”, „Marionetten“ sehen.

Mein letztes Beispiel – über Bande gespielt: „Für ihre Tochter würden die beiden alles tun“, belächelt X die Eltern von Y. „Doch Y belügt sie, wo sie kann.“

Das spannt – für X und Y, und alle folgenden Kapitel – Fragen:

  • Was heißt „alles tun“: Bleibt Ys Familie bei allen Problemen und Zumutungen loyal? Was wird ihnen, im Lauf der Handlung, von Y abverlangt?

  • Wünscht sich X insgeheim solche Eltern? Haben Y und X „passende“ Eltern? Was wäre, wenn X mit Ys Eltern leben müsste?

  • Sind diese Eltern „stark“ oder „schwach“? „Gut“ oder „schlecht“?

  • Und: Falls Y tatsächlich „lügt, wo sie kann“, wie belastbar ist dann die Freundschaft zwischen X und Y?

.

mad men unsympathetic characters.

Ich lese Bücher, um – in Ruhe, mit großer Konzentration, Intensität – einzelnen Erzählern, der Schönheit (oder: Absurdität) ihres Denkens zu folgen. Tolle Sprecher, tolle Stimmen, tolles Denken wie bei Ruth Klüger, Joan Didion, Marcel Proust, Nabokovs „Lolita“.

Doch sobald mehr als zwei Figuren im Zentrum stehen, sind Serien das reichere, besser entwickelte, erwachsenere Format: Sie haben…

  • Schauspieler (Charisma! Sex-Appeal! Nonverbale Kommunikation!).

  • eine Trickkiste aus Bildsprache, Schnitten, Ton, Musik.

  • und, idealerweise: sechs, sieben, acht Jahre Zeit, Figuren aufzubauen, einem Publikum vorzustellen, sie wachsen zu lassen oder zu zerstören, korrumpieren.

Gemeinhin gelten Romane als bestes Medium für Empathie, Identifikation, Sich-selbst-im-Geschehen-Verlieren: Wer eine Hauptfigur nicht sehen muss, reicht ihr schnell zutraulich die Hand und lässt sich führen. Kinder-Helden wie Charlie Brown und Romance-Ich-Erzählerinnen wie Bella Swan sind absichtlich so offen, schlicht, neutral wie möglich gestaltet; und „Tim & Struppi“ lockt mit Hintergründen / Szenerien, detailverliebt und realistisch, doch die Figuren bleiben simple Chiffren:

Projektionsflächen, Identifikationsangebote, so offen, locker, harmlos, dass man – ohne Reibung, Widerstände, Entfremdungen, „Wie ist der denn drauf?“-Irritationen – in die Beobachter- und Heldenrolle schlüpfen, sich mitreißen lassen, staunen kann.

Vor allem Genre-Romane [und: Jugendbücher] laden ein, sich der Hauptfigur und / oder dem Erzähler gemein zu machen: Identifikation. Empathie. Katharsis, wie sie Aristoteles forderte.

Seit etwa 15 Jahren entwickeln Serien wie „Mad Men“ [gelungen, meiner Ansicht nach: „Six Feet Under“, „Weeds“, „Enlightened“, „Girls“] eine eigene, gegenläufige Tradition: abschreckende Hauptfiguren. Stolper-Sätze. Verfremdung. „Wie ist der denn drauf?“

Im Juli 1993, in meinem letzten Sommer vor dem Gymnasium, besuchte ich alle Figuren meiner Grundschulklasse. Sogar die Türken und das Mädchen aus der DDR, das nur eine Dreizimmerwohnung hatte. Wir spielten Barbie oder Lego, ich fragte nach dem Weg zum Klo – und alle fanden mich erst später, im Hobbyraum oder Speicher. Doch niemand schien gekränkt. Einige Eltern wirkten fast… geschmeichelt, gaben eine Führung durch ihr Haus. Mehrere Kinder luden mich ein zweites Mal ein. Und mit zwei, dreien habe ich stundenlang gespielt – friedlich, in zwei getrennten Zimmern.“ [Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

Mögen muss man solche Protagonisten nicht.

Doch es macht Spaß, sie zu beobachten – in ihrer Hybris und ihren Balanceakten. In ihren Selbsttäuschungen. In ihrem Korsett. Ihrer verkrachten Sprache.

Dünnes Eis. Großes Risiko. „Wie sind die alle drauf?“

.

.

Zimmer voller Freunde 06.

“Neon Genesis Evangelion”:

Hauptfiguren (06)

.

Viele Serien haben zwei, drei starke Schlüsselreize, mit denen sie Zuschauer locken, Programmnischen besetzen, Zielgruppen abstecken: ein Publikum an sich binden.

Sailor Moon“ – 1992 bis 1997, 200 Episoden, TV Asahi (Japan) – hat ungefähr dreihundert:

Freundschaft! Schulmädchen! Zauberei! Dämonen, Hexen, Reinkarnation! Slapstick! Science Fiction! Romantik! Achtklässler als Superheldinnen! Schleifen! Sternchen! Kätzchen! Zeitreisen! Ein stolzes, glückliches Lesbenpaar!

Das – von mir lange unterschätzte – Alleinstellungsmerkmal, das junge Frauen an die Serie (und den zugrunde liegenden Manga) band, war ihr Ensemble: erst fünf, dann zehn, am Ende dreizehn verschiedene Mädchen, die – als Freundinnen, als Kriegerinnen, als Team und in verschiedenen Paaren / Konstellationen – kämpfen, feiern, arbeiten, lernen und reisen. Freundschaft als Rückhalt, Band, Quelle innerer Kraft und Lebensmittelpunkt, stärker als der Tod, zäher als die Zeit – zwischen Mädchen unterschiedlichsten Charakters (und: mit den seltsamsten Haarfarben!).

Jedes Ensemble, in dem ein Mädchen / eine Frau Platz findet, macht – in Positionierung, Wertschätzung, Prioritäten, Erfolg oder Misserfolg dieser Frauen-Figur – Aussagen über Gewicht und Rolle der Frau „an sich“. Ensembles aber, die zwei oder mehr Frauen einbauen, zeigen (automatisch):

  • Frauen haben verschiedene Rollen, Chancen, Potenzial.

  • Frauen haben verschiedene Möglichkeiten, diese Rollen („erfolgreich“) zu füllen.

.

Representation matters“, sagen Akademiker, Feministen, Zuschauer-Lobbys – und werfen Fragen auf wie:

  • Warum sind alle Frauen in den Comics des DC-Verlags schlank?

  • Warum waren bis vor 15 Jahren Sitcoms über schwarze Mittelklassefamilien Mainstream, doch heute nur Nischenprogramm auf Nischen-Sendern?

  • Warum finden im Ensemble von „Verbotene Liebe“, einer Soap mit 24 Hauptrollen, wenige Spanier, Latinos, Figuren aus Urlaubsländern Platz… doch in fast 20 Jahren keine Figur mit russischem, polnischem, türkischem Hintergrund?

a00029

Bechdel-Test (Link): bestanden!

.

Für „Zimmer voller Freunde“ habe ich kein Ensemble entworfen: Ich wollte ein Jahr meiner Jugend beschreiben, in dem Freundschaften zerbrachen, Konflikte eskalierten, Porzellan zerschlagen wurde. Ein Scharnier. Ein Kahlschlag. Ein Anfang: Stefan ist 16 und verlor – über Nacht, ohne Erklärung – den Anschluss an seinen Freundeskreis. Helena, Stoff, Sassi meiden ihn. Er will zurück in ihre Clique, um jeden Preis. Ein klarer Konflikt.

Eine Hauptfigur. Drei Frauen.

Kontrastiert, ergänzt, gestört wird dieser Plot durch Freund Frank – ein kluger, chronisch gelangweilter Oberstufen-Casanova, erfahrener, geschickter, hungriger, schneller, den Eltern, Partner und Lehrer ermahnen, dass er sich Zeit lassen soll: ein Kompromiss-Gebrauchtwagen, eine Kompromiss-Beziehung, drei letzte Kompromiss-Jahre, bevor er ausziehen, ein Erwachsenenleben führen darf – wäre das zu viel verlangt?

“Frank war am Freitag be Renault: Der Neuwagen, den er braucht, kostet 24.700 Mark. “Nur für ein Auto? Halt dein Geld zurück. Denk an die Zukunft!”, sagte Carmen.

Aber das ist die Zukunft!

“Ich bin fast 18 – soll ich warten, bis ich 40 bin?”

“Du brauchst kein Auto, Frank: Wir fahren dich überall hin. Bau einen Unfall, und dein Geld ist weg. Mach einen Fehler, und du hast alles verloren.”

[Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

Zwei Perspektiven – und parallele, eigene Geschichten –, die ich seit (etwa) 2006 erzählen will, zwei Protagonisten, deren Welten, Prioritäten (und: Unterschiede) ich verstehe, aus dem Teil meiner Jugend / Gegenwart, von dem ich weiß:

  • Dem werde ich erzählerisch gerecht.

  • Das stand noch nicht in 15 anderen Romanen.

  • Falls ich (nur) Zeit habe, ein Buch zu schreiben, kreuzen sich hier, in diesen beiden Schüler-Leben, im Schuljahr 1999 / 2000, die Fragen, Konflikte, über die ich schreiben will.

Soviel zu allem, was ich „mitbringe“ – Rohmasse, Prägung, biografisches Material. Das Zeug, das „raus will“: Gruppen, Freundschaft, Rivalität. Heimat, Familie, Ambition. Kompromisse, Verlust. Sexualität. Fernsehen. Tagebücher. Zeitgeschichte.

Freundin A. hat eine – zwanglose, persönliche – Vorliebe für Gruppen: Oft schart sie „Herden“ um sich, ohne, es zu merken. Freunde treffen die Familie. Kinder spielen mit Hunden. Verwandte bringen Freunde mit… und plötzlich sitzen wir zu acht, zehnt, zwölft am Esstisch, „Suppe haben wir auch noch!“, „Bleibt gerne: Gleich kommen die anderen vorbei!“, „Wartet! Ihr da vorne – die kommen nicht hinterher!“.

Mein Ideal von sinnvoll / gut verbrachter Zeit sind Zweiter-Aktivitäten: Einem Gegenüber kann ich zuhören, einem Freund werde ich gerecht. Im Pulk verreisen, essen, spazieren, zu fünft Entscheidungen treffen, zu zehnt Prioritäten setzen, in einer Clique, Klasse, Großfamilie, Redaktion um Aufmerksamkeit betteln… menschlich ist mir das ungeheuer lästig.

Nur literarisch macht es ungeheuren Sinn:

Frank schreibt am 8. August 1999: Vorhin war ich mit Stefan und den Ridgebacks im Wald. […] Danach haben wir uns „Dawson’s Creek“ angetan. Die Kinder aus Creek nehmen jeden Scheiß ernst. Sie übertreiben sich und machen aus Sex einen Elefanten. Stefan hat mir mal einen Tag aus seinem Timer vorgelesen, um zu beweisen, dass er spannend ist. Sein Tag war drei Times-New-Roman-Seiten lang. Es stehen zwar Gedanken drin. Aber auch sehr viel Mist!

Ich habe noch nie in meinem Leben drei Seiten erlebt. So etwas gibt es nicht, wenn man 10.-Klässler ist.“ [Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

Zimmer voller Freunde“ hätte ein hastiger, glatter Roman werden können über einen Außenseiter, Stefan Mesch, und seine Startschwierigkeiten mit Freundschaft (Stoff), Liebe (Helena), Konkurrenz (Frank):

Die Menschen in Stefans Welt wären dabei weniger Menschen – als rhetorische „Widerstände“: Stefan-Mesch-Kontraste, Stefan-Mesch-Sparringpartner, die, als Stefan-Mesch-Antipoden, helfen, die Stefan-Mesch-Geschichte möglichst effektiv, dramatisch zu erzählen. Eine Hauptfigur – und eine Welt aus Nebenrollen, die dieser Figur zuspielt.

2009 beschlich mich der Verdacht, dass ich ein… Jugendbuch (?) plane. 2010, vierzig Young-Adult-Romane später, konnte ich die Frage verneinen: Im YA-Genre läuft alles auf den Helden zu. Nicht jede Hauptfigur ist „glatt“, einfach und „offen“, lädt ein zur reibungslosen Identifikation. Doch oft bleiben Perspektive und Nebenrollen solipsistisch: Ein Teenager – und wie er seine Welt sieht.

  • Mitfiebern, Eintauchen: Identifikation

  • Nebenrollen, im Kreis oder sternförmig auf die Hauptfigur ausgerichtet

  • Ein Milieu, ein Konflikt; fast immer: nur eine Perspektive.

Zimmer voller Freunde“ stellt drei Figuren gegeneinander: Stefan (als Ich-Erzähler / Autoren-Ich), sein bester Freund (?) Frank und ein Mädchen aus dem Schulbus, das beide kaum kennen: Antje. Alle drei gehen in dieselbe Schule in der Kreisstadt. Und alle drei wollen – aus jeweils anderen Absichten und Gründen – Zugang zu einer kleinen Wohnung. Drei einzelne, zunächst getrennte Handlungsstränge. Und dann: ein Schuljahr voller Kollisionen.

Für „Zimmer voller Freunde“ habe ich kein Ensemble entworfen. Doch sehr lange malte ich Netze, Gitter, Pfeile, strich Freunde, Partner, Geschwister, Lehrer, schob Rollen in- und auseinander, im Mittelpunkt ein Protagonisten-Dreieck, Stefan-Antje-Frank, und das Bemühen, alle anderen Rollen so auszurichten, dass…

  • sie Stefan wie Frank etwas jeweils eigenes bedeuten.

  • augenfällig mehr sind als die Summe ihrer jeweiligen (Doppel-)Rollen / Funktionen.

  • Antje einen frischen, skeptischen, genuin dritten Blick werfen kann.

Mühevoll war nie, Konflikte dreier – jeweils auf eigene Weise: toll bekloppter – Protagonisten klug gegeneinander auszuspielen (Zopfdramaturgie (Link), unzuverlässige Erzähler (Link), Rashomon-Effekt (Link), bla blubb…), sondern, für all ihre Gegenüber stimmige, differenzierte Positionen zu schaffen. Am Ende – im Sommer 2008 – half mir ein Text (Link) über „Harry Potter“ und „Neon Genesis Evangelion“, eine Science-Fiction-Anime-Serie, 1995, 26 Episoden, TV Tokyo.

.

evangelioncast trios geodeisic cast

nur ein Trio, das nicht nebeneinander steht: Ritsuko (ganz links) und Misato / Ryoji (ganz rechts, mit Kreuzen)

.

Im Zentrum von „Evangelion“ (und „Harry Potter“, und „Zimmer voller Freunde“) steht ein „Power Trio“ (TV Tropes, Link), drei Figuren mit unterschiedlichem Blick und komplizierter Dynamik – eine gängige Helden-Konstellation: Kirk, Spock, McCoy („Star Trek“), Pippi, Thomas, Annika („Pippi Langstrumpf“), Luke Skywalker, Han Solo, Leia („Star Wars“), Ash, Rocko, Misty („Pokémon“), „Die drei Fragezeichen“, „Die drei Musketiere“, „Drei Engel für Chalie“ usw..

Das Besondere an „Harry Potter“ und „Evangelion“ ist, dass ihre (sehr großen, potenziell unübersichtlichen) Ensembles das zentrale Protagonisten-Trio spiegeln – und also: die Nebenrollen als eigene, kontrastierende Trios anordnen:

  • drei (14jährige) Protagonisten: Shinji, Rei, Asuka

  • drei (erwachsene) Mentoren: Misato, Ritsuko, Ryoji

  • ein Trio aus Mitschülern (Toji, Hikari, Kensuke), ein Trio aus Technikern (Makoto, Maya, Shigeru), ein Trio aus A.I.s / Computern (Caspar, Melchior, Balthasar), ein Trio aus UN-Organisationen (NERV, SEELE, GEHIRN).

.

Zimmer voller Freunde“ benutzt eine eigene Variante:

  • drei Perspektivträger / Hauptfiguren: Stefan, Frank, Antje.

  • drei Menschen [rot markiert], die zwischen sie geraten / für jeweils zwei von ihnen sehr unterschiedliche Rollen / Bedeutungen einnehmen.

  • drei Figuren [blau markiert] als Gegenstimmen, Komplikation für jeweils eine Haupt- und eine „rote“ Figur.

.

Figuren ZvFdrei Erzähler – und die sechs wichtigsten Figuren, die sie umgeben.

.

In meinen Tagebüchern und Antjes, Franks und meinem realen Schuljahr 1999 / 2000 spielten 60, 80 Menschen ihre Rollen. In „Zimmer voller Freund“ sind es unter 30 – und sobald neun zentrale Figuren, in ihren Dreier-Konstellationen, gesetzt waren, fügte sich der Rest.

Ziel des Romans war nie, autobiografisch zu erzählen, möglichst perfekt abzubilden, was MIR vor beinahe 15 Jahren, auf einem Provinzgymnasium, mit einer Handvoll Freunden widerfuhr. „Zimmer voller Freunde“ ist… breiter:

  • Menschen haben verschiedene Rollen, Chancen, Potenzial.

  • Menschen haben verschiedene Möglichkeiten, diese Rollen („erfolgreich“) zu füllen.

Stefan Mesch, 16 Jahre alt, Protagonist und Ich-Erzähler, glaubt, er stünde – allein, stolz, kontrolliert und würdevoll – im Mittelpunkt seines Jugendbuchs, Bildungsromans, Ensemble-Dramas:

Ich schreibe Timer.

Ich schreibe zwei oder drei Seiten jeden Tag, 200 Einträge pro Jahr.

Es gibt zehntausend Dinge, die ich nicht kann oder nicht will – doch das kann ich: Ich schreibe auf, was uns passiert und mache daraus ein dramatisches, tiefgründiges Ensemble-Drama.“ [Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

Stefan Mesch irrt.

Er ist einer von dreien. Einer von neun. Einer von beinahe 30.

und wie dieser Irrtum Stefan einholt / überrumpelt, ist eines meiner Haupt-Erzählvergnügen.

.

.

Zimmer voller Freunde 07.

Babylon 5:

Spannungsbögen (07)

.

Erzählerische Kniffe, Humor, Figuren von „Seinfeld“ wirken heute, über 20 Jahre nach den ersten Staffeln, recht angestaubt, konventionell: eine Alltags-Sitcom über misanthrope, weiße New Yorker Singles, verwöhnt und selbstbezogen. Moderne Zuschauer / Nachgeborene vergessen schnell (Link), wie viele Sitcom-Konventionen, -Standards erst in „Seinfeld“ ihre Form fanden:

Babylon 5“ (TNT / Warner, 1993 bis 1998, fünf Staffeln mit 110 Episoden, später mehrere Filme / Spin-Offs) zeigt Besatzung und Diplomaten / Botschafter einer Raumstation im Jahr 2258, die sich um Frieden zwischen Menschen und einem Dutzend fremder Völker bemüht. Eine Ensemble-Serie mit 20 zentralen Rollen, deutlich billiger inszeniert als die zeitgleich entwickelte „Star Trek“-Raumstation „Deep Space Nine“ (1993 bis 1999)…

aber mit Erzählfreude, langem Atem und der – damals: unerhörten – Ambition, einen komplexen, durchdachten, fünf Jahre langen „Story-Arc“ zu spannen:

  • Seinfeld“ prägte einen neuen Ton für Sitcoms / Comedy.

  • Babylon 5“ prägte Spannungsbögen, serialized Storytelling.

.

Noch heute erzählen viele Serien „episodisch“ (in Deutschland: nahezu alle; in den USA: oft Produktionen des Konsens- und Berieselungs-Senders CBS). Statische Figuren, statische Konflikte, alle Fragen / Probleme zum Ende der jeweiligen Episode gelöst, bewältigt – ein schlichter, klarer, verlässlicher Status Quo, der acht, neun Jahre tragen kann, flexibel genug, um bockige Darsteller zu feuern / zu ersetzen, aber so simpel und einsteigerfreundlich, dass Episoden auch in falscher Reihenfolge oder mit großen Lücken verständlich bleiben.

Viele moderne (meist: einstündige) Drama-Serien dagegen versuchen sich seit „Babylon 5“ an einem durchgängigen Spannungsbogen: Jede Episode soll wichtig sein, Mosaikstein eines komplexen, sich langsam enthüllenden Gesamtbilds:

  • Grey’s Anatomy“, recht konservativ erzählt, plant zu Beginn eines Serien-Jahres Romanzen, Hochzeiten, Unfälle aller Figuren, „Character Arcs“ für jeweils 22 Episoden.

  • Lost“ hatte zwar zur ersten Staffel vage Ideen, was in Staffel 2 oder 3 geschehen kann. Doch erst im vierten Jahr, als ABC einen verbindlichen Endpunkt setzte (sechs Staffeln, 121 Episoden), planten die „Lost“-Autoren Abschluss, Auflösung, finale Dénouements.

  • Babylon 5“ ging einen Schritt weiter – mit einem konkreten Fünf-Jahres-Plan: 5 Staffeln, je 22 Episoden, verschlungene, von langer Hand geplante Routen, auf denen alle Völker, Figuren, Konflikte stimmige, oft tragische / überraschende Endpunkte erreichten.

.

US-Schauspieler dürfen sechs Jahre lang für eine Serie unter Vertrag genommen werden – vor Staffel 7 beginnen neue, zähe Verhandlungen. Eine Stunde US-Prime-Time-TV hat fünf Werbeblocks – und viele Drama-Serien-Drehbücher damit fünf Akte und einen Teaser / Prolog. Ein Spielfilm-Drehbuch hat drei – ungleich große – Akte und in der Mitte einen zentralen Wendepunkt… oft also eine Art Vier-Akt-Struktur.

b5 aliens.

Persönlich leuchten mir – seit „Babylon 5“, 1998 – Fünf-Akt-Strukturen ein:

  • Exposition: Figuren. Orte. Fragen. Rätsel. Ärger!

  • Steigerung: Böse Überraschungen. Hässliche Wahrheiten. Eskalation!

  • Peripetie: Lösungen, Ziele, Hoffnung? Nein: Alles ändert sich.

  • retardierendes Moment: Scheitern. Patts. Stolpern. Die Zeit rennt fort.

  • Katastrophe: Jeder weiß jetzt, was er tun muss. Wählt, kämpft. Zahlt seinen Preis. Konsequenzen!

.

Trotz bester Absichten hatte „Babylon 5“ Schwierigkeiten: Fast 20 erste Episoden, die ein Gefühl falscher Sicherheit vermitteln wollten – aber nur langweilten. Ein Hauptdarsteller, Michael O’Hare, dessen Figur zur zweiten Staffel ersetzt werden musste, und drei zentrale Frauen – Lyta, Talia, Susan Ivanova –, deren Character-Arcs verschoben / auf Ersatz-Figuren übertragen wurden: Staffel 4 führte alle Konflikte hastig, überstürzt zu Ende, weil eine fünfte Staffel fraglich schien… und als Jahr 5 doch noch bewilligt wurde, fehlten dieser letzten („Post-Script“-)Season Überraschungen.

Staffel 2 und 3 von „Babylon 5“ aber sind eine atemblose, klug orchestrierte Parade, nein: Lawine hässlicher Wendungen, Katastrophen und unerhörter, das Macht- und Figurengefüge der Serie erschütternder „Wham-Episodes“ (Link) und „Nothing is the same anymore!“(Link)-Enthüllungen: Mit jeder Szene wird alles schlimmer, schneller, dunkler und globaler / epischer. Sog! Tempo! Dringlichkeit!

.

Für „Zimmer voller Freunde“ halfen „Babylon 5“ (und / aber: auch viele misslungene Handlungsbögen, z.B. bei „Veronica Mars“, „Akte X“, „Battlestar Galactica“, „Lost“, „Avatar – Herr der Elemente“) auf mehreren Ebenen:

.

Die Umbrüche / Katastrophen / Entscheidungen, die ich behandeln will, geschahen (biografisch) zwischen…

  • 1997 (…ich war 14, Ende der achten Klasse), und

  • 2003 (…ich war 20, fertig mit Zivildienst / FSJ, bereit, Heimat und Freunde zu verlassen.)

Mein letzter möglicher „Vorher“-Zeitpunkt – bevor Stoff, Antje, Helena, Sassi, Frank etc. kollidierten – war Spätherbst 1999, Klasse 11; der frühstmögliche Punkt, unsere Geschichten schlüssig zu beenden, das Abitur, Juni 2002: Idealerweise, wenn Leser / Finanzen und Gesundheit stimmen, setze ich „Zimmer voller Freunde“ sofort fort, mit einem Buch über 2000 / 2001, und einem Abschlussband, bis 2002.

Ein „Zimmer voller Freunde“-Kapitel…

  • hat 12 bis 19 Seiten.

  • wird aus der Perspektive von Antje, Stefan oder Frank erzählt.

  • und jeweils sechs Kapitel, ca. 85 Seiten, ergeben einen Akt.

.

Anfangs schienen fünf Kapitel pro Akt stimmiger, „symmetrischer“ – doch dieser Fünfer-Rhythmus wird durchschaubar / monoton, weil er nur folgende Optionen / Einteilungen erlaubt:

  • 2 (selten: 1) Kapitel von Frank.

  • 2 (selten: 1) Kapitel von Stefan.

  • Kapitel von Antje… so viele wie möglich / übrig.

.

Ich stellte Akt 1 eine kurze, griffige Eröffnungsszene voran – szenischer / linearer als gewöhnliche Kapitel: ein Prolog / Teaser, in dem Stoff eine überraschende Rolle spielt; und entschied, jeden Akt mit einer (kurzen, schnellen, suggestiven) sechsten Szene im selben Stil zu schließen:

  • Prolog, Juni 1999: Stoff, via Antje.

  • Akt 1, Juli 1999: Kapitel Stefan – Frank – Antje – Stefan – Frank.

  • sechste Szene, Juli 1999: Stoff, via Stefan.

  • Akt 2, September 1999: Kapitel Frank – Stefan – Antje – Stefan – Frank.

  • sechste Szene, September 1999: Stoff, via Sassi… etc.

.

Das klingt abstrakt, verkopft – doch fügt sich schnell zu einem dynamischen, guten „Stundenplan“ – fünf Akte / „Wochentage“, je sechs Kapitel / „Fächer“ – flexibel genug, drei Handlungssträngen (Antje, Stefan, Frank) zu folgen, ohne, dass Leser sofort errechnen, welche Figur „als nächstes kommt“:

  • 30 Kapitel (und ein Prolog).

  • 5 Akte: Juli, September und Dezember 99, Mai und Juli 2000.

.

Wordpress Romanplan.

Die Handlung des Romans beginnt so spät wie möglich (…keine 20 Kapitel „falsche Sicherheit“, kein langsames in-die-Gänge-Kommen) – doch alle Figuren starten an Orten, absichtlich weit entfernt von ihren jeweiligen Zielen: „Babylon 5“ zeigt einen Feigling, der fünf Jahre später seine Heimatwelt regiert, einen Terroristen, der zum Gelehrten / passiven Widerständler wird, Freundschaften, Gelöbnisse, Allianzen, die überraschend zerbrechen:

Erzähler, die solche Endpunkte schon zu Beginn mitdenken, können sich die jeweils klügste, dramatischste Route wählen, die jede Figur auf ihrem Character-Arc zurücklegen wird. Entsprechend viele Probleme, Ängste, Konflikte, die real / biografisch schon 1997, 1998 bewältigt wurden, bleiben bei „Zimmer voller Freunde“ in der Gegenwart – Sommer 1999 bis Sommer 2000: Ereignisse, Tagebücher, Entwicklungen von 1997 bis 2003 – das wären sechs langsame, getrogene Romane – oder eben: drei schnelle, furiose.

.

Meine wichtigste Lektion aus „Babylon 5“ handelt vom Vertrag, den Leser und Autor zu Beginn einer Geschichte schließen:

The Coming Of Shadows” [Staffel 2, Episode 9] „…[is] a defining moment in the series’ run, a dividing line between what came before and everything after. […] This is a specific event where the rules that viewers thought would hold true for the entire series are no longer true. But this isn’t just an issue of unexpected plot twists. It’s the way those twists are portrayed via magnificent moments, like an instant of horrible luck destroying the possibility of peace. It’s the way a year of developing characters who seem to embody right and wrong is flipped entirely in a scene of impressive dramatic irony. Before the mid-’90s, television didn’t work this way. Babylon 5 was one of the series that opened the door to the possibility that good wouldn’t always defeat evil, when a space station devoted to peace ended up triggering a war.

.

schreibt Rowan Kaiser auf AVClub.com (Link) – und zeigt: „Babylon 5“ wirkt so dynamisch, dramatisch, unerhört, weil Regeln, Gewichte und Strukturen, die sich die Serie zu setzen schien („Wer sind die Hauptfiguren?“, „Wer sind die Guten?“, „Was ist Funktion, Anspruch, Hoheitsgebiet dieser Station?“) Stück für Stück verdreht, ersetzt, auf den Kopf gestellt wurden:

Eine Welt / Konzept / Ensemble mit klaren Parametern…

die so rasant und tiefgreifend ersetzt / verwandelt werden…

bis sich, endlich zeigt:

Es ging – von Anfang an! – um eine andere, komplexere Welt, Parameter, die die handelnden Figuren lange nicht bemerkten oder begriffen.

Die Rollen, die jeder zu spielen glaubt, sind ganz anders als die, die er schlussendlich spielt.

.

Zimmer voller Freunde“ (Link) handelt…

von Schulhof-Casanova Frank, der alles tut, um „eine liebe Freundin“ zu finden.

von Außenseiter Stefan, der alles tut, um seine Freundschaften mit Stoff (stolz, schnippisch) und Helena (schüchtern, verkopft) zu retten.

von Antje, allein, nervös, die alles tut, um neue Ordnung / Sicherheit in ihre Familie zu bringen.

Schwerpunkte, Helden, Lebensziele und Allianzen meines Romans sind leicht verständlich, klar benannt – eine süffige, leicht erzählte Geschichte mit Sympathieträgern und Gegnern, Freunden, Außenseitern, Rivalen, Schurken, klaren Zielen. Und / aber, dahinter: eine andere, größere Geschichte. Die nicht im Exposé steht. Oder im Klappentext:

Atemberaubend, unerhört an „Babylon 5“ waren nicht die Schlenker, Ausfallschritte und Saltos, die diese Serie fünf Jahre lang, in fünf dramaturgisch (meist / überraschend:) stimmigen Akten, schlug – sondern, wie Autoren jedes Jahr sehr überzeugend versicherten: „DAS wäre zuviel!“, „DAS ist nicht drin!“, „DIESE Leute sind sicher!“, „HIER ist die Grenze!“…

nur, um alle Grenzen – lustvoll, dramatisch, überraschend! – zu überschreiten.

.


.

Zimmer voller Freunde 08.

“Ugly Betty”:

Gegner / Klischees (08)

.

Ich ignoriere Sitcoms, Kabarett, Comedians, Satire, „Spaß“-Lieder und -Videos, Komödien und alle Menschen, die Witze erzählen; verlasse den Raum oder starre zu Boden, bis Schenkel geklopft, Beifall geheischt, alle Häme ausgeschüttet wurde:

Ich habe keinen Humor“, rechtfertige ich mich.

Doch das ist… Quatsch:

Ugly Betty“ (ABC, 2006 bis 2010, vier Staffeln, 85 Episoden) trifft meine Tempo-, Sarkasmus-, Dialoggefechts- und Irrwitz-Ideale, konnte mich – als Drama und Comedy – zwei Jahre lang unterhalten, und heute finde ich große „Betty“-Stilmittel, erzählerische Spurenelemente in Serien wie „Glee“, „Girls“, „Happy Endings“:

.

  • Jede Szene zeigt einen Streit / harten Schlagabtausch.

  • Streitpunkte sind Ideologien: tiefe Unterschiede zwischen den Streitenden.

  • In einem Ensemble aus ca. 12 Figuren kann jeder jeden attackieren…

  • jeder (auch: Unsympathen / Antagonisten) kann jederzeit Recht haben

  • oder (auch: Helden / Sympathieträger) sich schlimm lächerlich machen.

.

In all diesen Debatten, Streits, Konflikten wird – trotzdem – deutlich:

  • Figuren respektieren ihre (fundamentalen) Unterschiede.

  • Autoren legen Wert auf Spannbreite, soziale, kulturelle, sexuelle, ideologische Vielfalt der Stimmen und Standpunkte.

  • und das ständige, raue Mit- und Gegeneinander zeigt: Es gibt distinkt verschiedene Arten, „erfolgreich“ oder „schön“ zu sein, „gute Arbeit zu leisten“ usw. Jeder kann von jedem lernen. Doch jeder kann auch – von jedem anderen – in die Tasche gesteckt, verletzt, großer Lächerlichkeit preisgegeben werden.

.

Ugly Betty“ ist ein Aschenputtel- und Großraumbüro-Märchen, zu gleichen Teilen inspiriert von „Der Teufel trägt Prada“ (Buch: 2003, Verfilmung: 2006) und der kolumbianischen Telenovela „Y Soy Betty, La Fea“ (1999 bis 2001, auch Vorbild von „Verliebt in Berlin“ auf Sat.1, 18 Monate älter / früher als „Ugly Betty“):

.

.

Betty Suarez, eine idealistische [wenn’s dem Humor dient: naive], enthusiastische [überdrehte] Latina aus Queens, wird über Nacht zur Assistentin / Sekretärin von Daniel Meade, dem bübischen [dumpfen], verspielten [gefährlich unreifen / ahnungslosen] Herausgeber des MODE Magazine.

Schnell versteht Betty, dass sie nur eingestellt wurde, weil Daniel mit allen bisherigen Sekretärinnen schlief: Niemand glaubt an Bettys Fähigkeiten – und niemand glaubt an Daniels Qualifikation, denn seinem Vater gehört die Verlags-/Pressegruppe. Vier Staffeln / Jahre lang sind Betty (später: als Autorin, Redakteurin) und Daniel vor allem beschäftigt, gegenseitige Patzer, Fehltritte und Überreaktionen auszubügeln. Prinzen und Telenovela-Romantik fehlen – denn Integrität, Loyalität, Selbstverwirklichung („Stil lernen“ vs. „Einfach-man-selbst-Sein“) und Karriere sind für die „Ugly Betty“-Figuren wichtigere Ziele.

Trotz allem Tempo, Schwung hätte mich das dauer-aufgeregte Fräuleinwunder (Peggy Olsen mit „Kinderkanal“-Look und -Attitüde…) schnell gelangweilt; stünden Betty und Daniel als Sympathieträger alleine in einer Welt klischeehafter „Reich und schön“-Figuren:

Bettys müde Schwester (Friseursalon, halbwüchsiger Sohn, Pech mit den Männern im Viertel), der fürsorgliche papi („Ich habe gekocht“, „Morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus“ etc.), Empfangs-Dummchen Amanda, Lakai / Schoßhund Marc und Hexe / Drache / „Medusa“ Wilhelmina Slater (Vanessa Williams), die vor 30 Jahren selbst Assistentin war – und Bettys Oversharing, Overcaring usw. am schärfsten kritisiert:

Ich tue nichts anderes als Scheiße dosieren“, schrieb Flaubert über die Arbeit an „Madame Bovary“ […behauptet Stephan Porombka auf Twitter].

Das leuchtet ein – denn auch meine „Zimmer voller Freunde“-Gespräche fordern oft die schlimmsten, unbequemsten, verletzendsten Sätze, die zwei Figuren wechseln können:

.

Mein Ziel ist nie

  • Kontrahenten als Widerlinge, Feinde, trashige „Monster“ zu inszenieren.

  • kalkuliertes Mitleid / Schadenfreude zu wecken, indem ich Außenseiter / Minderheiten möglichst originell beschimpfen, bloßstellen lasse.

  • eine Kluft zu ziehen zwischen „klugen, guten“ Figuren und dem „Pöbel“.

  • meine Erzählwelt einfacher zu machen, indem Figuren leichthin Zuschreibungen, Schubladen, Vorurteile nutzen.

.

Ein Mädchen stakst über die Kieswege des Bahnhofswiesenparks. Sie trägt einen Trekkingrucksack, Hochwasserhosen und ein unmögliches Regencape. […] Auf ihre Doc Martens hat sie Hippieblümchen gemalt, mit blauem Plaka-Lack. An ihrem Armband hängen Kronkorken und Kreuze. Gesicht und Arme sind, wie jedes Jahr um diese Zeit, voll heller Sommersprossen. […]

Wenn alles, was ein Fremder von uns sieht – Kleidung, Haltung, die Summe unserer Äußerlichkeiten – eine Art sichtbare Grenze darstellt zum versteckten, komplizierteren Innenleben, das man erst später, als Freund oder Vertrauter, zu überblicken lernt, wie man als Reisender ein fremdes Land entdeckt… dann ist sie Belgien. Ein Streifen Welt, in dem es nichts zu sehen gibt. Ein überraschungsloses Stückchen Mensch. Eine Landkarte ohne weiße Flecken. Hundert Prozent Klischees und Langeweile.“

(Stefan, über Nicht-Freundin Sassi, Zitat aus “Zimmer voller Freunde”)

Niemand urteilt schneller, bräsiger, gehässiger als Teenager. Nie wieder klaffen Anspruch und eigene Leistungen so weit auseinander. Die Elftklässler in „Zimmer voller Freunde“ haben einen sehr genauen Blick für Fehler, Schwachstellen, Heuchelei – doch eine furchtbar dünne Haut, pubertäre Hybris und zahllose eigene Angriffsflächen.

.

Lüg dich nicht an: Alle hängen dich ab. Jeder sortiert dich aus! Wenn ich dein Leben hätte – ich würde mich im Wald verstecken und heulen.“ (Frank, zu Stefan, “Zimmer voller Freunde”)

.

Es gibt Neben- und Hauptfiguren.

Es gibt nur zwei bis drei bedeutungsvolle Menschen.

Es gibt Verlierer, die die Trost- und Sonderpreise kriegen.

Es gibt die Guten. Und den Rest.“ (Stefan, in Sortier-Laune, “Zimmer voller Freunde”)

.
‘„Der Frank ist ein ganz Lieber. Und anständig!“, sagt Carmens Mutter. „Ich finde, wir sind so richtig stolz auf den.“
Na ja…“, sagt Carmen.
Stolz? Auf was?“
Herlinde stockt. „Er ist…“ Sie überlegt.
Er hat ja schon…“, setzt Carmen an.
Dann wird sie still.
Sigrid gießt Kaffee fort. Man schweigt.’

(die Frauen in Franks Familie, über Frank, “Zimmer voller Freunde”)

.

Jedes Urteil weckt zwei große Fragen, wirkt in zwei Richtungen: Es charakterisiert Opfer und Richter – und stellt beide zur Diskussion: Antje nennt viele Dinge „wertlos“. Frank benutzt „sinnlos“. Stefan „unwichtig“ – denn Antje sucht Werte, Sicherheiten. Frank Spielraum / Optionen. Stefan Pathos und Gewicht… Ich selbst, als Autor, überlege in jeder Szene: Was ist das Schlimmste, Unbequemste, das diese Figur jetzt hören könnte? Was macht das größte Fass auf? Was würde ein Erwachsener, in diesem Gespräch, für sich behalten?

  • Eins wollte ich dir seit Jahren sagen: Du bist ein richtig arroganter Sack!“, kläffte mich mit 15 ein Mathe-Lehrer an. Im Flur, drei Jahre, nachdem er mich zum letzten Mal unterrichtet hatte.

  • Sag nichts. Jedes Mal, wenn du den Mund aufmachst, kommt Scheiße raus“, riet mir mein Vater mit 14.

  • Du findest keine Freundin. Auch nicht mit 18 oder 19…!“, versprach Freund Frank – und war sicher genug, darauf Geld zu verwetten.

Bestimmt ließ ich selbst 100 Sätze fallen, die ebenso verletzend waren – und wäre „Zimmer voller Freunde“ ein Aufmarsch möglichst schlimmer Stimmen, Fehlverhalten, Machtspiele, Respektlosigkeiten, hätte ich Gesprächs- und Streitkultur von „Family Guy“ oder „Hausmeister Krause“ analysiert – nicht „Ugly Betty“: härter, hässlicher, gehässiger geht immer.

.

ub zvf.

Ugly Betty“ aber hat mir beigebracht…

  • mit möglichst klugem, präzisem Sticheln / Streiten Figuren (und ihre Unterschiede) möglichst dynamisch, klug, präzise szenisch auszustellen.

  • dass solche Streits besser werden, je klüger und gerechtfertigter alle Argumente, auf beiden Seiten, sind.

  • dass sich Figuren plump oder dreist verhalten können – ohne, Klischees zu bleiben.

.

Eine 42-minütige „Ugly Betty“-Episode braucht Bettys aufgekratzten Idealismus. Bübische Dummheiten von Daniel. Amanda als blondes Gift, Marc als gehässigen Clown, Wilhelmina als Hexe, Drache, Teufel in Prada. Und egal, wie viel Charakterentwicklung / Wachstum meine „Zimmer voller Freunde“-Teenager erfahren – Stefan ist altklug, forsch, verbohrt. Frank drückt leichthin auf jeden Knopf, der ihm begegnet. Antje findet jedes Jahr in jeder Suppe.

Brillant aber, wie „Ugly Betty“ diese „dicken Pinselstriche“ rechtfertigt, immer weiter denkt: Denn Daniel, Wilhelmina, Marc – zeigt sich sehr schnell – könnten auch anders. Sie wissen, was sie tun. Und alle senken die Masken – in überraschenden, überraschend plausiblen und oft: ziemlich rührenden / klugen – „Ich weiß schon, was ich tue!“-Momenten, gegen Ende einer Episode: Überzeichnungen, Klischees werden als bewusste Entscheidung gerechtfertigt / erklärt – weil sich diese Leute selbst zeichnen, absichtlich: „Klar bin ich bübisch / eine Hexe / Dummchen an der Rezeption: Das ist ja gerade der Clou…!“

In allen Machtspielen und Urteilen in Bettys Welt wird – passend für eine Serie über die Modebranche – nicht kritisiert, wer jemand IST… sondern stets, wie er sich präsentiert / gibt / inszeniert: Erfolg haben „Betty“-Figuren nicht, weil sie sind – sondern, weil sie sich bewusst (!) VERHALTEN, und wer in Fick-mich-Stiefel oder Jesuslatschen, Nerzmäntel oder „Guadalajara!“-Ponchos schlüpft, darf alle Privilegien nutzen, die mit solcher Kleidung / Auftritten kommen… doch muss alle Konsequenzen – und Kritik der restlichen Figuren – ertragen.

.

Die „Betty“-Schlaufe?

  • Eine (klischeehafte) Figur A bezichtigt eine (klischeehafte) Figur B der Klischeehaftigkeit.

  • B schießt – sehr klug – zurück, trifft wunde Punkte bei A…

  • erklärt / rechtfertigt ihr B-Verhalten überraschend plausibel…

  • und bringt A dazu, neu zu hinterfragen, ob / wie sie ihr A-Verhalten und ihre eigenen A-Klischees instrumentalisiert.

.

Künftig sehen Zuschauer – auch bei klischeehaften Auftritten von A oder B – einen Menschen, der sich entschieden hat, so aufzutreten. Und A und B können sich in neuen Streits – auf zwei Ebenen verhandeln: Sie können angreifen, wer sie sind. Und, wer sie scheinen / für wen sie sich zu sein entscheiden.

Braucht eine Szene Hexe, Clown oder Dummchen, liegen diese Archetypen – im „Ugly Betty“-Ensemble – griffbereit. Aber Zuschauer sehen statt der Hexe künftig eine Frau, die sich entschieden hat, Hexe zu sein. Verdoppelte Angriffsfläche. Verdoppelte Verwendungsmöglichkeiten. Neuer Text und neuer Subtext.

Doppelt komplex.

Aber, wenn’s denn sein muss: Immer noch (wunderbar) flach!

.

Ankucken – ein Bilderbuch-Beispiel aller Kinffe, die ich beschrieb:


.

Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

Erzählen / Schreiben… mit “Babylon 5”

wordpress babylon 5 story-arc.

Erzählerische Kniffe, Humor, Figuren von „Seinfeld“ wirken heute, über 20 Jahre nach den ersten Staffeln, recht angestaubt, konventionell: eine Alltags-Sitcom über misanthrope, weiße New Yorker Singles, verwöhnt und selbstbezogen. Moderne Zuschauer / Nachgeborene vergessen schnell (Link), wie viele Sitcom-Konventionen, -Standards erst in „Seinfeld“ ihre Form fanden:

Babylon 5“ (TNT / Warner, 1993 bis 1998, fünf Staffeln mit 110 Episoden, später mehrere Filme / Spin-Offs) zeigt Besatzung und Diplomaten / Botschafter einer Raumstation im Jahr 2258, die sich um Frieden zwischen Menschen und einem Dutzend fremder Völker bemüht. Eine Ensemble-Serie mit 20 zentralen Rollen, deutlich billiger inszeniert als die zeitgleich entwickelte „Star Trek“-Raumstation „Deep Space Nine“ (1993 bis 1999)…

aber mit Erzählfreude, langem Atem und der – damals: unerhörten – Ambition, einen komplexen, durchdachten, fünf Jahre langen „Story-Arc“ zu spannen:

  • Seinfeld“ prägte einen neuen Ton für Sitcoms / Comedy.

  • Babylon 5“ prägte Spannungsbögen, serialized Storytelling.

 .

Noch heute erzählen viele Serien „episodisch“ (in Deutschland: nahezu alle; in den USA: oft Produktionen des Konsens- und Berieselungs-Senders CBS). Statische Figuren, statische Konflikte, alle Fragen / Probleme zum Ende der jeweiligen Episode gelöst, bewältigt – ein schlichter, klarer, verlässlicher Status Quo, der acht, neun Jahre tragen kann, flexibel genug, um bockige Darsteller zu feuern / zu ersetzen, aber so simpel und einsteigerfreundlich, dass Episoden auch in falscher Reihenfolge oder mit großen Lücken verständlich bleiben.

Viele moderne (meist: einstündige) Drama-Serien dagegen versuchen sich seit „Babylon 5“ an einem durchgängigen Spannungsbogen: Jede Episode soll wichtig sein, Mosaikstein eines komplexen, sich langsam enthüllenden Gesamtbilds:

  • Grey’s Anatomy“, recht konservativ erzählt, plant zu Beginn eines Serien-Jahres Romanzen, Hochzeiten, Unfälle aller Figuren, „Character Arcs“ für jeweils 22 Episoden.

  • Lost“ hatte zwar zur ersten Staffel vage Ideen, was in Staffel 2 oder 3 geschehen kann. Doch erst im vierten Jahr, als ABC einen verbindlichen Endpunkt setzte (sechs Staffeln, 121 Episoden), planten die „Lost“-Autoren Abschluss, Auflösung, finale Dénouements.

  • Babylon 5“ ging einen Schritt weiter – mit einem konkreten Fünf-Jahres-Plan: 5 Staffeln, je 22 Episoden, verschlungene, von langer Hand geplante Routen, auf denen alle Völker, Figuren, Konflikte stimmige, oft tragische / überraschende Endpunkte erreichten.

.

US-Schauspieler dürfen sechs Jahre lang für eine Serie unter Vertrag genommen werden – vor Staffel 7 beginnen neue, zähe Verhandlungen. Eine Stunde US-Prime-Time-TV hat fünf Werbeblocks – und viele Drama-Serien-Drehbücher damit fünf Akte und einen Teaser / Prolog. Ein Spielfilm-Drehbuch hat drei – ungleich große – Akte und in der Mitte einen zentralen Wendepunkt… oft also eine Art Vier-Akt-Struktur.

b5 aliens.

Persönlich leuchten mir – seit „Babylon 5“, 1998 – Fünf-Akt-Strukturen ein:

  • Exposition: Figuren. Orte. Fragen. Rätsel. Ärger!

  • Steigerung: Böse Überraschungen. Hässliche Wahrheiten. Eskalation!

  • Peripetie: Lösungen, Ziele, Hoffnung? Nein: Alles ändert sich.

  • retardierendes Moment: Scheitern. Patts. Stolpern. Die Zeit rennt fort.

  • Katastrophe: Jeder weiß jetzt, was er tun muss. Wählt, kämpft. Zahlt seinen Preis. Konsequenzen!

 .

Trotz bester Absichten hatte „Babylon 5“ Schwierigkeiten: Fast 20 erste Episoden, die ein Gefühl falscher Sicherheit vermitteln wollten – aber nur langweilten. Ein Hauptdarsteller, Michael O’Hare, dessen Figur zur zweiten Staffel ersetzt werden musste, und drei zentrale Frauen – Lyta, Talia, Susan Ivanova –, deren Character-Arcs verschoben / auf Ersatz-Figuren übertragen wurden: Staffel 4 führte alle Konflikte hastig, überstürzt zu Ende, weil eine fünfte Staffel fraglich schien… und als Jahr 5 doch noch bewilligt wurde, fehlten dieser letzten („Post-Script“-)Season Überraschungen.

Staffel 2 und 3 von „Babylon 5“ aber sind eine atemblose, klug orchestrierte Parade, nein: Lawine hässlicher Wendungen, Katastrophen und unerhörter, das Macht- und Figurengefüge der Serie erschütternder „Wham-Episodes“ (Link) und „Nothing is the same anymore!“(Link)-Enthüllungen: Mit jeder Szene wird alles schlimmer, schneller, dunkler und globaler / epischer. Sog! Tempo! Dringlichkeit!

 .

Für „Zimmer voller Freunde“ halfen „Babylon 5“ (und / aber: auch viele misslungene Handlungsbögen, z.B. bei „Veronica Mars“, „Akte X“, „Battlestar Galactica“, „Lost“, „Avatar – Herr der Elemente“) auf mehreren Ebenen:

 .

Die Umbrüche / Katastrophen / Entscheidungen, die ich behandeln will, geschahen (biografisch) zwischen…

  • 1997 (…ich war 14, Ende der achten Klasse), und

  • 2003 (…ich war 20, fertig mit Zivildienst / FSJ, bereit, Heimat und Freunde zu verlassen.)

Mein letzter möglicher „Vorher“-Zeitpunkt – bevor Stoff, Antje, Helena, Sassi, Frank etc. kollidierten – war Spätherbst 1999, Klasse 11; der frühstmögliche Punkt, unsere Geschichten schlüssig zu beenden, das Abitur, Juni 2002: Idealerweise, wenn Leser / Finanzen und Gesundheit stimmen, setze ich „Zimmer voller Freunde“ sofort fort, mit einem Buch über 2000 / 2001, und einem Abschlussband, bis 2002.

Ein „Zimmer voller Freunde“-Kapitel…

  • hat 12 bis 19 Seiten.

  • wird aus der Perspektive von Antje, Stefan oder Frank erzählt.

  • und jeweils sechs Kapitel, ca. 85 Seiten, ergeben einen Akt.

.

Anfangs schienen fünf Kapitel pro Akt stimmiger, „symmetrischer“ – doch dieser Fünfer-Rhythmus wird durchschaubar / monoton, weil er nur folgende Optionen / Einteilungen erlaubt:

  • 2 (selten: 1) Kapitel von Frank.

  • 2 (selten: 1) Kapitel von Stefan.

  • Kapitel von Antje… so viele wie möglich / übrig.

 .

Ich stellte Akt 1 eine kurze, griffige Eröffnungsszene voran – szenischer / linearer als gewöhnliche Kapitel: ein Prolog / Teaser, in dem Stoff eine überraschende Rolle spielt; und entschied, jeden Akt mit einer (kurzen, schnellen, suggestiven) sechsten Szene im selben Stil zu schließen:

  • Prolog, Juni 1999: Stoff, via Antje.

  • Akt 1, Juli 1999: Kapitel Stefan – Frank – Antje – Stefan – Frank.

  • sechste Szene, Juli 1999: Stoff, via Stefan.

  • Akt 2, September 1999: Kapitel Frank – Stefan – Antje – Stefan – Frank.

  • sechste Szene, September 1999: Stoff, via Sassi… etc.

.

Das klingt abstrakt, verkopft – doch fügt sich schnell zu einem dynamischen, guten „Stundenplan“ – fünf Akte / „Wochentage“, je sechs Kapitel / „Fächer“ – flexibel genug, drei Handlungssträngen (Antje, Stefan, Frank) zu folgen, ohne, dass Leser sofort errechnen, welche Figur „als nächstes kommt“:

  • 30 Kapitel (und ein Prolog).

  • 5 Akte: Juli, September und Dezember 99, Mai und Juli 2000.

.

Wordpress Romanplan.

Die Handlung des Romans beginnt so spät wie möglich (…keine 20 Kapitel „falsche Sicherheit“, kein langsames in-die-Gänge-Kommen) – doch alle Figuren starten an Orten, absichtlich weit entfernt von ihren jeweiligen Zielen: „Babylon 5“ zeigt einen Feigling, der fünf Jahre später seine Heimatwelt regiert, einen Terroristen, der zum Gelehrten / passiven Widerständler wird, Freundschaften, Gelöbnisse, Allianzen, die überraschend zerbrechen:

Erzähler, die solche Endpunkte schon zu Beginn mitdenken, können sich die jeweils klügste, dramatischste Route wählen, die jede Figur auf ihrem Character-Arc zurücklegen wird. Entsprechend viele Probleme, Ängste, Konflikte, die real / biografisch schon 1997, 1998 bewältigt wurden, bleiben bei „Zimmer voller Freunde“ in der Gegenwart – Sommer 1999 bis Sommer 2000: Ereignisse, Tagebücher, Entwicklungen von 1997 bis 2003 – das wären sechs langsame, getrogene Romane – oder eben: drei schnelle, furiose.

.

Meine wichtigste Lektion aus „Babylon 5“ handelt vom Vertrag, den Leser und Autor zu Beginn einer Geschichte schließen:

The Coming Of Shadows” [Staffel 2, Episode 9] „…[is] a defining moment in the series’ run, a dividing line between what came before and everything after. […] This is a specific event where the rules that viewers thought would hold true for the entire series are no longer true. But this isn’t just an issue of unexpected plot twists. It’s the way those twists are portrayed via magnificent moments, like an instant of horrible luck destroying the possibility of peace. It’s the way a year of developing characters who seem to embody right and wrong is flipped entirely in a scene of impressive dramatic irony. Before the mid-’90s, television didn’t work this way. Babylon 5 was one of the series that opened the door to the possibility that good wouldn’t always defeat evil, when a space station devoted to peace ended up triggering a war.

.

schreibt Rowan Kaiser auf AVClub.com (Link) – und zeigt: „Babylon 5“ wirkt so dynamisch, dramatisch, unerhört, weil Regeln, Gewichte und Strukturen, die sich die Serie zu setzen schien („Wer sind die Hauptfiguren?“, „Wer sind die Guten?“, „Was ist Funktion, Anspruch, Hoheitsgebiet dieser Station?“) Stück für Stück verdreht, ersetzt, auf den Kopf gestellt wurden:

Eine Welt / Konzept / Ensemble mit klaren Parametern…

die so rasant und tiefgreifend ersetzt / verwandelt werden…

bis sich, endlich zeigt:

Es ging – von Anfang an! – um eine andere, komplexere Welt, Parameter, die die handelnden Figuren lange nicht bemerkten oder begriffen.

Die Rollen, die jeder zu spielen glaubt, sind ganz anders als die, die er schlussendlich spielt.

.

Zimmer voller Freunde“ (Link) handelt…

von Schulhof-Casanova Frank, der alles tut, um „eine liebe Freundin“ zu finden.

von Außenseiter Stefan, der alles tut, um seine Freundschaften mit Stoff (stolz, schnippisch) und Helena (schüchtern, verkopft) zu retten.

von Antje, allein, nervös, die alles tut, um neue Ordnung / Sicherheit in ihre Familie zu bringen.

Schwerpunkte, Helden, Lebensziele und Allianzen meines Romans sind leicht verständlich, klar benannt – eine süffige, leicht erzählte Geschichte mit Sympathieträgern und Gegnern, Freunden, Außenseitern, Rivalen, Schurken, klaren Zielen. Und / aber, dahinter: eine andere, größere Geschichte. Die nicht im Exposé steht. Oder im Klappentext:

Atemberaubend, unerhört an „Babylon 5“ waren nicht die Schlenker, Ausfallschritte und Saltos, die diese Serie fünf Jahre lang, in fünf dramaturgisch (meist / überraschend:) stimmigen Akten, schlug – sondern, wie Autoren jedes Jahr sehr überzeugend versicherten: „DAS wäre zuviel!“, „DAS ist nicht drin!“, „DIESE Leute sind sicher!“, „HIER ist die Grenze!“…

nur, um alle Grenzen – lustvoll, dramatisch, überraschend! – zu überschreiten.

.


.

Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

.

Stefan Mesch: Publikationen und Termine, Mai 2012

Termine, Artikel, Veröffentlichungen

.

wichtige Veröffentlichungen, 2011/12:

  • Futter für die Bestie: 528 Wege… zum nächsten guten Buch. Essay, erschienen in Ausgabe 31 von “BELLA triste – Zeitschrift für junge deutschsprachige Literatur”, Hildesheim 2011. [Link; Ergänzungen hier und hier.]
  • Wofür stehst du? Junge Literatur, Poesie… und Position. Essay zur Gegenwartsliteratur, Literaturfest München, September 2011. [fab:muc.de]
  • Schreibversuche. Schreibschulprosa. Stadtgeschichten. Vorwort zur jährlichen “Landpartie”-Anthologie des Studiengangs Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, März 2012. [Link; Edition Pächterhaus]

.

Literatur und Netzkultur für DIE ZEIT:

  • eBook nach Fukushima: In ‘Aftershocks’ berichten Blogger und Autoren über die Tage nach dem Tsunami. [ZEIT Online, Mai 2011]
  • Barbara Honigmann (Interview): Die jüdische Autorin über Heimat, Traumata und Emanzipation. [ZEIT Online, Oktober 2011]
  • eBooks und Social Reading: Auf Plattformen wie Slicebooks und Longreads werden Hobby-Leser zu Kuratoren. [ZEIT Online, November 2011]
  • Brewster Kahle (Interview): Der Archivar und OpenLibrary-Erfinder über Bibliotheken, freies Wissen und den Kampf gegen Amazon und Google. [ZEIT Online, April 2012]
  • Bücher für den Sommer! Persönliche Empfehlung für den Comic ‘Daytripper’ von Gabriel Bá und Fabio Moon. [ZEIT Online, Juli 2011]
  • Bücher für Weihnachten! Persönliche Empfehlung für den Coming-of-Age-Roman ‘Das also ist mein Leben’ von Stephen Chbosky. [ZEIT Online, Dezember 2011]

.

TV, Comics, Feminismus etc. im Berliner Tagesspiegel (Print):

  • Heimwerker: Die neuen Autonomen. Urban Gardening, Etsy, Do-it-Yourself als Luxus und Selbstverwirklichung. Eine Rundschau. [Link, August 2011]
  • ‘Green Lantern’ in Comic und Kino: Übersicht/Einführung ins “vielleicht letzte große triviale Epos” im Medium Comic. [Link, Juli 2011]
  • US-TV-Serien werden immer konservativer. Hausfrauen, Prinzessinnen, Sexobjekte… von ‘Panem’ bis ‘Bridesmaids’. [Link, September 2011]
  • ‘Netzspiegel’ Online-Kolumne: Literatur-Empfehlungen, Netzwerke und die BookDNA-Datenbank. [November 2011, Link, November 2011]

.

verstreute Veröffentlichungen:

  • 25 Jahre mit “Green Lantern” (Interview): Sally Pascale, Hausfrau und Bloggerin, über die monatliche Comic-Reihe. [englisch, August 2011, Link]
  • Literaturfestival ‘PROSANOVA’: kurze Glosse über Eventplanung und Perfektionismus in der ‘PROSANOVA’-Festivalzeitung. [Mai 2011, Link]

.

Lektorat:

  • “Die Magier von Montparnasse” (Oliver Plaschka, Klett-Cotta; Fantasy) erscheint im Taschenbuch. [August 2011, Amazon.de]
  • “Weiter Weg” (Martin Spieß, Birnbaum Verlag; Short Stories) erscheint im Taschenbuch. [Juni 2011, Amazon.de]
  • Verlagsgutachten für Natalie Buchholz, Michael Zöllner und Franziska Schneider, Klett-Cotta / Tropen-Verlag [2011, Wikipedia.de]

.

Lesungen, Akademisches u.a.:

  • Lesung: “Zimmer voller Freunde” Literaturbüro Freiburg, ‘zwischen/miete’-Lesereihe, 4. November 2011. [Details]
  • Übersetzung ins Englische: Fünf Festreden / Ansprachen für Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, für seine Reise durch Kanada, April 2012.
  • Übersetzung ins Deutsche: Pressestimmen / Zitate für die Website des Goethe-Institut Toronto, April 2012.
  • Moderation [Englisch]: Picador-Gastprofessorin und Schriftstellerin Fiona Maazel im Centraltheater Leipzig, 15. Mai 2012. [Details]
  • Gastvorlesung / Seminar: ‘Entenhausen finden Sie überall: Kulturwissenschaftliche Methoden am Beispiel Comic’, Universität Hildesheim, 21. Mai 2012. [Details]

.

Literatur: Scouting & Kritik

  • Lektüre von jährlich ca. 80 Romanen / 160 Comics… auf Goodreads.com bewertet und sortiert. [Profil; Übersicht 2011, Übersicht 2012]
  • monatliche Liste: 23 neue, vielversprechende, unbekannte Bücher – gesammelt und verlinkt [“Underdog Literature”, seit Juni 2011]
  • monatliche Liste: 15 unbekanntere Kinofilme / Arthouse-Produktionen – gesammelt und verlinkt [“Underdog Cinema”, seit März 2012]
  • sporadische Liste: Netz-/Presseschau, Debatten, Links, Funstücke – gesammelt und sortiert [“Underdog Journalism”, seit April 2012]
  • persönliche Empfehlungen: Die 20 besten Lektüren 2011 [Blog, Januar 2012]

.

stefanmesch.wordpress.com: nennenswerte Einträge

  • Superhelden-Comics: gute Einstiegspunkte / Lektüre-Listen für u.a. “Superman”, “Green Lantern” und “Batwoman”. [Link, englisch, seit Dezember 2011]
  • Ayelet Waldman (Interview): langes Gespräch mit der Autorin, Anwältin, TV-Produzentin, Kolumnistin. [Link, englisch, November 2011]
  • Anne Köhler (Interview): Gespräch mit der Autorin, Kolumnistin und Gelegenheits-Jobberin zum Erscheinen ihres Buches. [Link, November 2011]
  • “Helden meiner Kindheit”: private Medien- und Trickfilm-Biografie, ca. 1987 bis 1995. [Link, Juni 2011]
  • seit Ende Mai 2011 knapp 100 Einträge [davon zwei Drittel Englisch] und ca. 35.000 Besucher.

Social Media:

  • Facebook [Link]
  • Google Plus [nur sporadisch, Link]
  • Twitter [nur sporadisch, Link]
  • Goodreads [Bücher / Lektüren, Link]
  • Criticker [Filme, Link]
  • IMDb [Watchlist für zukünftige Filme, Link]
  • last.fm [Musik / Webradio, Link]
  • Youtube [sporadische Videos, Link]
  • ZEIT Online [Link]

mehr:

Landpartie 2012: Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus, Hildesheim

Die “Landpartie 2012” erscheint in der Hildesheimer “Edition Pächterhaus”. Zur Website: Link.

.

Von 2005 bis 2011 habe ich literarische Texte in der jährlichen “Landpartie”-Anthologie meines Studiengangs – Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, Universität Hildesheim (Link) – veröffentlicht.

2012 wurde ich gebeten, das Vorwort zu schreiben. Kurz, knapp, empathisch: Ein Text über eine schreckliche Stadt… voller großer, ambitionierter Projekte:

.

Schreibversuche. Schreibschulprosa. Stadtgeschichten.

von Stefan Mesch (Link), Februar 2012

.

Als meine jüngste Schwester 15 war, im Frühling 2008, kam sie zwei Wochen lang nach Hildesheim: Sie sah die schroffen, grauen Korridore der Universität, den schroffen, grauen Hildesheimer Bahnhof, die Spielotheken, Eros-Center, Ein-Euro-Shops und Discount-Bäcker in der Fußgängerzone. Sie aß nur Feldsalat (von Lidl), Baguette (von Kaufland) und Kinder-Milch-Mäuse (von Aldi), denn zum Kochen hatten wir keine Zeit; für Restaurants kein Geld.

Herr Mohnsame, der Postbeamte zwei Stockwerke unter mir, war in der Badewanne gestorben: Wir rochen einen milden, süßlichen Geruch im Treppenhaus. Es brauchte fünf, sechs weitere Tage, bevor die Wohnungstür geöffnet und die Leiche gefunden wurde.

„Hildesheim ist die einzige Stadt, in der eine McDonalds-Filiale im Zentrum schließen muss, weil ihr die Kundschaft fehlt“, schrieb Freundin Jule (Link). „Was prägt die Stadt? Zehn Prozent weniger Menschen…“, klagen Soziologen auf Youtube (Link). „Aber die Dramatik, die [hinter solchen Zahlen] steht, macht sich kein Mensch klar: Bei der demografischen Entwicklung sind die Studenten, die immer neu kommen, jedes Semester, der einzige Refresh, den Hildesheim noch hat.“

.

Schützenfeste, Nazi-Demos, katholische Gymnasien. Schrebergärten, Mietkasernen, am Wochenende Fachwerk- oder Mittelalter-Kitsch. Nagelstudios, Industrieruinen und ein Haushaltsdefizit, dem mit Streichungen am Stadttheater, der Musikschule, der AIDS-Hilfe, dem Freibad, den Bibliotheken und Museen begegnet wird: Hildesheim liegt 30 Kilometer unter Hannover. Es hat knapp 100.000 Einwohner. Alle Männer tragen Windjacken, führen kleine Hunde aus und denunzieren Falschparker. Alle Frauen füllen Regale bei Ihr Platz auf und haben seit 15 Jahren nicht gelächelt.

Im Sommer 2003, als ich die Eignungsprüfung (zum Studiengang ‘Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus’) bestand, ging meine Mutter mit mir mexikanisch essen. Drei Monate später – ich hatte gerade meine Wohnung in der Hildesheimer Nordstadt bezogen – war das Lokal bankrott. Und jedes Mal, an jedem grauen Freitag- oder Samstagabend, an dem Freundin Stephi und ich in den folgenden Jahren erschöpft in unseren Hildesheimer Wohnungen saßen und „eine Abwechslung“ oder „etwas Schönes“ brauchten, fuhren wir raus an die Umgehungsstraße und kauften Ein-Euro-Burger bei Burger King.

Es gab kaum andere Optionen. Niemand, den wir damals kannten, traf sich (zum Reden, einfach so) in Restaurants. Und jeder teurere, hochwertigere Abend hätte – für uns, in dieser Stadt, im dritten oder vierten Semester – frivol und unverdient pompös gewirkt:

.

„Besser!“, „Schöner!“, „Freundlicher!“, „Aufwändiger!“, „Mehr!“ kosten Zeit, Mut, Aufwand, Einsatz, Energie. Als Alltagsrahmen / Lebenskulisse / Stadt aber fragt Hildesheim bei jedem Plan, jeder anspruchsvollen Bemühung: „Ist das jetzt wirklich nötig? Kannst du dir diesen Aufwand leisten?

Das Hildesheimer Bahnhofsviertel braucht kein mexikanisches Restaurant. Es braucht, hat sich gezeigt, nicht einmal einen schäbigen McDonald‘s.

.

„Man wird gemeinsam mit anderen lernen, über eigene und fremde Texte zu sprechen“, umriss Professor Stephan Porombka (Link) 2008 den Reiz (und… Wahnwitz!) eines Studiums an der Hildesheimer „Schreibschule“. „Man wird eine literarische oder kulturjournalistische Zeitschrift mit herausgeben; man wird Schreib- und Buchprojekte realisieren; man wird aber auch in Theater-, Musik- und Kunstprojekten mitarbeiten; man wird selbst dauernd Texte schreiben, Texte redigieren, lektorieren, editieren, publizieren und vermarkten; man wird Netzwerke knüpfen, Grüppchen, Gruppen, Gruppierungen, Fraktionen bilden, vielleicht ganze Bewegungen initiieren.“

Jede Eckkneipe, jeder Schnäppchenmarkt, jeder Gang durch enge, dunkle Hildesheimer Behörden drischt uns die hässliche Wahrheit ins Gesicht, dass Literatur – im wahren Leben, im öffentlichen Trott – nichts zählt, kaum hilft, „den Leuten auf der Straße“ nichts bedeutet. Im Studium selbst dagegen kann jedes Kleinprojekt, jede erste, zaghafte Idee den wilden Sog und Terror eines Castingshow-Finales entwickeln: Der Stadt fehlen Stil und Dringlichkeit. Dem Studium fehlen die Zwischentöne, Atempausen.

Aus dieser Kluft zwischen Ambition und Welt, aus dieser Spannung zwischen „Liebes Milieu: Ich möchte schreiben – jeden Tag!“ und „Kindskopf? Schluss! Wer wartet auf deinen Senf? Deine Bücher?“, erwächst die schönste, stärkste (Hildesheimer) treibende Kraft:

Trotz!

.

Seit 1999 haben Hildesheimer Absolventen – neben Tausenden Rezensionen, Kolumnen, Interviews, Reportagen, Sachtexten, Blogposts, Satiren und Cartoons – etwa 30 Romane, Lyrik- und Erzählungssammlungen veröffentlicht (Link). Bemerkenswerter als diese „erwachsenen“, „fertigen“ Einzelkämpfer-Projekte aber sind jene 25 Gruppen- und Gemeinschaftstitel, die bereits während des Studiums geschrieben, editiert und verlegt werden konnten.

Jährliche Landpartie-Anthologien, seit 2005. Vier Zweitsemester-Sammlungen, 2004 bis 2010. Und eine Flut kulturjournalistischer Projekte… die oft ganz neue, überraschende Fäden ziehen durchs provinzielle Einerlei: die Kneipen-Portraits in „Hildesheim schön Trinken“ (Link), „1000 Sätze, die man lesen muss, bevor man stirbt – in Hildesheim“ (Link), oder „Fahrtenschreiber“ (Link), die Reiseberichte aus dem lokalen Nahverkehr.

.

Die landpartie |12 (Link) versammelt 38 Texte und Stimmen. Es wäre dumm, faul, müde und ignorant, ihre Arbeiten als Such- und Fluchtbewegungen im Hildesheimer Alltag zu verstehen. Oder – schlimmer noch! – als Reaktionen der Schreibenden aufeinander: Man wird diesen Werkschauen nicht gerecht, wenn all ihr vielstimmiger Irrsinn – Jahr für Jahr – nur wieder auf seine Hildesheimlichkeit, auf seine Schreibschulhaftigkeit und Homogenität abgeklopft wird.

Natürlich schreibt hier „eine Stadt“. Natürlich spricht hier (auch) „ein Studiengang“. Zuallererst jedoch betreten einzelne Studentinnen und Studenten – nur einmal jedes Jahr, ein paar von ihnen erst zum ersten oder zweiten Mal – die einzige Bühne, die sie gezielt für ihre Texte gezimmert und ausgeleuchtet haben.

Die „Landpartie“ ist der beste Grund, Rahmen, Vorwand und Anlass, den besten Text zu schreiben, den man bis heute zu schreiben imstande ist. Die „Landpartie“ ist Testgelände, Schaufenster, Labor. Und in der Summe, in ihren alljährlichen Fortsetzungen, wird sie zum Türrahmen, in den man seine Kerben ritzt, damit man selbst – und jeder, den es interessiert – ermessen kann, wie weit man als Autor im vergangenen Jahr gewachsen ist.

.

„Es ist uns wichtig, klar zu zeigen, dass diese Anthologie ‘erwachsen’ geworden ist“, erklärte mir Herausgeberin Lew Weisz. „Die Texte sollten wahrgenommen werden als zur Gegenwartsliteratur gehörend. Es wäre schade, das Projekt herunter zu brechen auf: ‘Hier kommt mal wieder eine Anthologie Studierender des Hildesheimer Literaturinstituts’.“

2004, nach kaum fünf Monaten in der Stadt, beschlossen wir – der Jahrgang 2003 –, erste Erzählungen und Fotos in einem eigenen Buch zu sammeln. Das Thema? Hildesheim. Der Titel? „Stattflucht“ (Link), mit allen gewitzten Konnotationen: „Wir schreiben ein Buch über die Stadt – statt aus der Stadt zu flüchten.“

Am schwersten war die Suche nach einem guten Untertitel: „Stadtgeschichten“? „Eine Anthologie“? Fast fünf Minuten lang hing – allen Ernstes – die Idee im Raum, das Buch „14 Schreib-Versuche“ zu nennen. Und wie Gespenster – oder ein schlechter Geruch – schweben noch heute genau diese drei Grund-Unsicherheiten über jeder neuen Hildesheimer Sammlung:

Ist jedes Hildesheimer Buch ein Buch „über Hildesheim“?

Ist jeder Text aus einer Schreibschule ein „Schreibschul-Text“?

Ist jeder ungewohnte Schritt, jeder erzählerische Sprung ein „Schreib-Versuch“?

.

Die 38 folgenden Texte verdienen klügere Fragen. Und einen weniger pauschalen Blick.

Sie sind Versuche von Schreibschülern, in einer schroffen, grauen Stadt.

Und… sie sind – deutlich, trotzig, schreiend! – mehr.

Ich wünsche mir, dass für diese (mittlerweile: achte) Hildeshimer Werkschau jenes „Mehr“ die Hauptrolle spielt. Und nicht, zum x-ten Mal: die Mietkasernen und Matratzen-Outlets. Die Hildesheimer Ausbrüche und Ängste.

Der Schreibschul-Generalverdacht.

.

Dieser Text – über den Studiengang “Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus” in Hildesheim (Link) – erschien ursprünglich als Vorwort zu: “Landpartie 12”, Edition Pächterhaus, 2012.

.

Mit Texten von: Kathrin Bach, Jonas Bohlken, Virginia Brunn, Dana Buchzik, Heidrun Eberl, Anna Fastabend, Jan Fischer, Karl Wolfgang Flender, Viktor Gallandi, Anna Gräsel, Moritz Grote, Juan S. Guse, Perspehone Haasis, Alina Herzog, Ana Teresa Hesse, Martin Hofstetter, Nicole von Horst, Yvonne Janetzke, Christoph Jehlicka, Juliana Kálnay, Fionna Kessler, Paul Klammbauer, Hannah Kurzenberger, Jan Mauer, Laetizia Praiss, Marc Oliver Rühle, Julia Sandforth, Marielle Sophie Shavan, Mareike Schneider, Franziska Schurr, Jacob Teich, Stefan Vidović, Lew Weisz, Philipp Winkler, Victor Witte, Ruben Zumstrull

.

mehr Informationen:

  • Hildesheim: Eine Stadt, erklärt in 8 Videos (Link)
  • “Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus”: Ein Interview mit Marlen Schachinger (Link)
  • “Kulturtagebuch: Leben und Schreiben in Hildesheim”. Nachwort von Stefan Mesch, 2007 (Link)
  • “Kulturtagebuch: Leben und Schreiben in Hildesheim”. Rezension von Ingo Steinhaus. (Link)

die bisherigen “Landpartie”-Anthologien, seit 2005:

Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim: Interview

.

Marlen Schachinger, eine Wiener Autorin und Literaturwissenschaftlerin, befragt für ihre Promotion verschiedene Absolventen der deutschsprachigen Schreibschulen in Leipzig (Link), Biel (Link) und Hildesheim (Link).

Eine gute Gelegenheit, entlang Schachingers (vielen!) Fragen das Hildesheimer Literatur- und Journalismusstudium zu erklären:

Ich selbst war von Herbst 2003 bis Weihnachten 2008 in der Stadt (Link)

…habe 2006 mit 16 Erstsemestern ein 500-Seiten-Buch über den Schreib- und Studienalltag zusammengestellt (Link). Danach zwei Jahre lang eine Zeitschrift für junge Literatur (Link) mitherausgegeben und ein großes Literaturfestival (Link) mitorganisiert…

…bis Ende 2008 dann alle nötigen Seminare und Vorlesungen besucht waren.

Ich ging nach Toronto, für ein Praktikum (Link). Und schreibe seit Mitte 2009 an “Zimmer voller Freunde”, meinen ersten Roman (und zugleich Diplom-/Abschlussarbeit).

Mehr Links und Arbeitsproben hier (Link).

.

Marlen Schachinger: Weshalb fiel Ihre Wahl auf Hildesheim?

.

Stefan Mesch: Ich habe als Schüler mehrere Stunden pro Tag Tagebuch und Filmkritiken geschrieben und war ein großer Fan von komplizierten TV-Serien wie ‘Babylon 5’, ‘Willkommen im Leben’ oder ‘Neon Genesis Evangelion’.

Mein Traumberuf war damals Showrunner / ausführender Produzent, der (realistischere) ‘Notfallplan’ Fernsehkritiker… und falls alles schief geht, Psychologe.

Nach dem Abitur arbeitete ich für ein Jahr in einem Behindertenheim und suchte online, nebenher, nach guten Studiengängen. Mein Favorit war die Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam (Link), die einzigen beiden Alternativen das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig (Link) und der Studiengang ‘Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus’ in Hildesheim (Link).

Alle drei Unis hatten Eignungsprüfungen und verlangten mehrere Arbeitsproben, also schrieb ich im Herbst 2003 eine Handvoll Kurzgeschichten, Essays und Filmkritiken und bewarb mich im Januar, jeweils zum Wintersemester 2004.

Alle drei Institute luden mich zur künstlerischen Eignungsprüfung ein:

Potsdam machte einen tollen Eindruck – die Hochschule, der Lehrplan, die Studenten -, aber das Gespräch fand vor einem Gremium mit 9 (!) Dozenten statt, und ich glaube, ich stotterte sehr defensiv herum – eine Art Verhör, ziemlich kalt und feindselig, und ich selbst schlimm verunsichert / richtungslos.

Die Eignungsprüfung in Hildesheim…

…lief viel besser: eine kurze Begrüßung, eine Schreibaufgabe, für die man sich frei auf dem Gelände bewegen durfte, und dann ein Gespräch mit drei – wachen, lebendigen, interessierten – Dozenten.

Hildesheim ist eine kleine, schroffe, ärmliche, traditionell katholische Stadt, im zweiten Weltkrieg von Brandbomben zerstört und sehr pragmatisch / schmucklos wieder aufgebaut: schöne Natur und ein paar letzte, sympathische Fachwerkhäuser und Kloster/Kirchen, aber kaum Restaurants, kein… bürgerliches Publikum – ein graues, muffiges, pragmatisch-kaltes “Geistesklima” (Link): Trinkerkneipen, Schützenfeste, Spielotheken… sogar der McDonald’s am Bahnhof hat schließen müssen.

Ausgerechnet in diesem Nest, drei Stunden von Berlin, 40 Minuten von Hannover, versammeln sich pro Jahr etwa 150 Kulturwissenschaftler (Link) – drei Viertel davon direkt nach dem Abitur, und 85 Prozent Frauen – und studieren an der Domäne Marienburg (Link), einem idyllischen, kleinen, grünen Mini-Hogwarts am Stadtrand.

Beginnend mit der Prüfung fühlte ich mich dort verstanden, gefördert und gut aufgehoben. Auch, weil die meisten Mitbewerber in meinem Alter – 19 bis 22 – waren: Das Eignungsgespräch am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, zehn Tage später, machte zwar ähnlichen Spaß… aber ich traf dort vor allem Mittzwanziger, die alle bereits etwas anderes studiert hatten und sich in Leipzig, binnen drei Jahren, den letzten Schliff für ihr eigenes Schreiben und ein paar wichtige Kontakte holen wollten.

Ich hatte das Gefühl, jeder war bereits ausgebildeter Kirchenmusiker (Link), Jurist (Link) oder Steinmetz (Link), und mir in Können und Lebenserfahrung weit voraus.

Das sagte ich dann auch, im Gespräch: Mir erscheint Hildesheim bis heute als der schlüssigere Ort. Jedenfalls für junge Leute, die noch Zeit brauchen.

.

Marlen Schachinger: Welche Erfahrungen machten Sie in Hildesheim? Mit dem Lehrbetrieb? Mit ProfessorInnen? Mit StudienkollegInnen? Mit Konkurrenz? Mit Reaktionen von außen (Literaturbetrieb, privates Umfeld, Verlage, Jury-Gremien etc.)

.

Stefan Mesch: Das ist eine schreckliche, sehr schlecht gestellte Frage.

Ich war fünf Jahre lang in Hildesheim… und Sie wollen eine Zusammenfassung von… allem? 🙂

Ich habe 2006, für das Buch ‘Kulturtagebuch – Leben und Schreiben in Hildesheim’ (Link) zwei längere Texte geschrieben, die ich gerne [Ende September] online stelle und verlinke:

  • eine (recht sachliche) Einführung in das Studienkonzept (Link folgt)
  • …und ein persönlicherer Text über die Jahre 2003 bis 2006 (Link)

.

Jährlich bewerben sich in Hildesheim 400 bis 600 “Schreibschüler”. 40 werden zur Eignungsprüfung eingeladen… und zwischen 10 und 20 bilden dann einen Jahrgang. In meinem Jahrgang, 2003, waren das fünf Männer und neun Frauen. Die jüngste Frau war 17. Die älteste 28. Die meisten 19 oder 20.

Fast alle haben das Studium abgeschlossen, und fast jeder von uns verdient heute mit seinem Schreiben Geld: als Literaturkritiker, als Comedy-Autor, als Volontärin bei einer großen Tageszeitung, als Redakteurin im Kultur-Radio, als Lehrbeauftragter – mit Schreib-Seminaren… Ein Freund verdient das meiste Geld als Minnesänger auf Mittelalter-Liverollenspielen.

Ein paar von uns schreiben tatsächlich Romane. Ein paar dieser Romane wurden tatsächlich abgeschlossen… und tatsächlich verlegt.

Und es gibt, bis heute, niemanden in dieser Gruppe, den ich nicht entweder sehr mag… oder sehr hasse.

.

Trotzdem darf man sich Hildesheim nicht als kleine, idyllische und abgeschottete “Akademie” vorstellen, in der verschworene Kleingruppen von den Meistern lernen: Noch in den Neunzigern studierten in Hildesheim vor allem angehende Lehrer und Pädagogen – und auch das kulturwissenschaftliche Institut (Link) bildete ursprünglich “nur” Kultur-Pädagogen aus.

Das hat sich – beginnend mit der Umbenennung zu “Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis”, Mitte der Neunziger – immer weiter differenziert: Man verlässt Hildesheim als diplomierter Kulturwissenschafter (Link)… nach ca. neun Semestern in den Studiengängen (Link)

  • Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis (Link)
  • Szenische Künste (Link)
  • Philosophie – Künste – Medien
  • …oder Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus (Link)

Die wichtigsten Vorlesungen und fast alle Projekte / Seminare finden für Studierende all dieser Studienrichtungen statt… und in den Nebenfächern (Psychologie, Soziologie, Politik, Kulturpolitik, Kunst u.a.) stoßen oft auch Studierende aus den anderen drei Fachbereichen der Universität (Link) hinzu – das sind (frappant oft) Leute aus dem Landkreis und der Region, die Lehrer werden möchten und… unendlich viel pragmatischer und weniger elitär sind.

Aber eben auch: viel, viel klarere Ziele haben. Und nur wenig Geduld mit exzentrischen “Künstlern”.

.

.

.

.

.


  1. Inwiefern und wodurch fühlten Sie sich in Hildesheim in Ihrem Bestreben, AutorIn zu werden, unterstützt?
  2. Worin sehen Sie rückblickend die Vorteile dieses bzw. eines solchen Studiums?
  3. Und verglichen mit anderen AutorInnen, die ohne spezifisches Studium/Ausbildung ihren Weg gehen, sich autodidaktisch weiterbilden …: Würden Sie sagen, es ist von Vorteil, in Hildesheim oder an anderen Ausbildungsstätten Seminare zu besuchen? Inwiefern?
  4. Verglichen mit anderen AutorInnen, die ohne spezifisches Studium ihren Weg gehen, sich autodidaktisch weiterbilden … Würden Sie sagen, dass die universitäre Struktur für diese Art von Studium von Vorteil oder Nachteil ist? Weshalb? Wie sollte idealerweise der Rahmen für eine Lehre in diesem Bereich aussehen?
  5. Nehmen bzw. nahmen Sie auch an anderen Aus- und Weiterbildungs-Lehrgängen für AutorInnen teil? Wenn ja, an welchen? Vergleichen Sie diese bitte im Hinblick auf Arbeitsweise, Lehrangebote, Erfahrung kurz miteinander. Wenn nein: Bitte um Ihre Beweggründe?
  6. Wie erging es Ihnen bei Ihrer Abschlussarbeit? Wie seither? Hat die dazwischen liegende Zeit auch Ihren Blick auf Hildesheim bzw. auf den Arbeits- und Lebensbereich AutorIn-Sein verändert? Inwiefern? Haben sich Ansichten bzgl. des Literaturbetriebs verändert?
  7. Welche Auswirkungen hatte der Besuch (möglichst konkret) für Ihr Schreiben? Ihren Werdegang? Hat es Ihren Weg in den Literaturbetrieb geebnet? Wenn ja, inwiefern? Wenn nein: Weshalb nicht?
  8. Welche Ihrer Erwartungen wurden nicht oder nur begrenzt erfüllt?
  9. Wie wird sich durch die Zunahme der Angebote im deutschsprachigen Raum die literarische Szene Ihrer Ansicht nach verändern?