Journalismus

Freunde – oder Trolle? Widerspruch & Journalismus.

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19. November: Trump-Anhänger zeigen den Hitlergruß und rufen „Heil“ oder „Hail“.

22. November: Geschichts-Student sagt auf Twitter: „Als jemand, der Geschichte studiert, erinnere ich daran: the Nazis were bad.“

zwei Stunden später: jemand antwortet: „Aber dann kann man ja auch gleich sagen: Alle Leute aus Nordkorea sind „bad“. Nein. Einer von vielleicht 300 Nazis war ‚bad‘. Die restlichen machten eben ihren Job. Was für eine undifferenzierte und geschichtsvergessene Aussage!“

Ich mag die Diskussionskultur meiner Facebook-Freund*innen:

Wir bleiben meist sachlich, respektvoll, konstruktiv, offen, und bei jedem Posting von mir gibt es Zwischenfragen, Einwände, Links und neue Ideen, aus denen ich lerne und an denen ich mich, im besten Sinn, reibe. Gespräche auf Facebook – auch und besonders: über Politik – bringen mir fast immer viel. Danke dafür!

Doch ich merke auch:

Es ist viel zu einfach für eine einzelne Person, für EINEN Troll oder Provokateur, uns alle stundenlang in Diskussionsthreads an den Rand unserer Kräfte zu bringen…

…mit ein paar Zwischenfragen, mit „Oha: Was soll das heißen?“-Vergleichen oder mit Aussagen wie: „Ihr alle seht das so? Tja. Überzeugt mich nicht. Ich sehe das anders. Deal with it.“

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Richard Gutjahr schreibt:

„Die Menschen von heute sind quasi vor dem Fernseher geboren worden, haben jeden Abend 15 Minuten aus der Welt vorgespielt bekommen und dachten, dass sei die Wirklichkeit. Jetzt plötzlich erkennen sie, dass sie nur Schattenspiele an der Wand beobachtet haben und dass die Welt da draußen sehr viel größer und komplexer ist als das, was sie aus Zeitung und Fernsehen kannten. Und wie bei Platon ist das Publikum erstmal geschockt und orientierungslos. Das grelle Licht außerhalb der Höhle blendet und tut in den Augen weh, die Menschen suchen nach Halt und Orientierung. Genau in dieser Phase kommen dann Vereinfacher wie Donald Trump oder Frauke Petry und bieten scheinbar einfache Antworten. Ich glaube gar nicht, dass jeder ihrer Anhänger ihnen 100-prozentig glaubt. Das Problem ist eher: Die Menschen wollen nicht zurück in die Höhle und zu den alten Schattenspielern, denn von denen fühlen sie sich ein Stück weit betrogen, weil sie ihnen suggeriert haben, dass das, was sie sendeten, wahr und die ganze Welt sei. Jetzt hat man 1000 andere Quellen und Möglichkeiten, auf die bekannten Wahrheiten zu schauen und plötzlich merkt man, dass diese nicht immer das ganze Bild gezeigt haben.

Man tut uns Journalisten und Medien Unrecht, wenn man daraus schlussfolgert, dass da absichtlich gelogen wird. Aber viele Leute empfinden das so. Und so stehen wir, die Medien, teilweise zu Recht in der Diskussion, auch wenn wir nicht alleine Schuld sind an dieser Situation. Jetzt geht es darum, das verlorene Vertrauen bei jedem einzelnen wieder zurück zu gewinnen.“ [Quelle: hier.]

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Selbst eine Aussage wie „The Nazis were bad“ wird hinterfragt.

Das finde ich erstmal gut.

Doch ich merke: Die Aussage wird meist von genau jenen Leuten hinterfragt, die damit sagen wollen „Tja: Ihr Journalist*innen seid schlimme Vereinfacher, und ihr denkt in Schubladen!“

Für mich bedeutet das, dass ich als Journalist – auch auf Facebook, in meinem privaten Profil – einen Satz wie ‚The Nazis were bad‘ gar nicht mehr schreiben würde.

Weil ich wüsste: Es gibt zehn, fünfzehn Facebook-Freunde von mir, die das kommentieren würden mit „Was für eine pauschale Aussage. Stefan? So kann man das nicht sagen.“

Und weil solcher Widerspruch so schnell kommt, im Moment, bei egal welcher Aussage, verstricke ich mich zu oft in Relativierungen:

„Ich persönlich finde, nach allem, was ich weiß, dass die Nazis ja größtenteils – sicherlich nicht als Einzelpersonen, für sich, doch auf jeden Fall aber als politische Kraft – eher schlecht als gut waren. Aber: Ich will damit jetzt nicht z.B. Stalin verharmlosen, oder irgendwen verteufeln. Und: ICH habe nicht Geschichte studiert. Ich bin sicher, da gibt es Grautöne.“

Uff.

Ich fürchte, jene Handvoll „kritischer“ Kommentarschreiber, die in solchen Momenten sofort widersprechen, schimpfen, mich zu mehr „Sachlichkeit“ anhalten, werden das IMMER tun. Egal, wie differenziert ich formuliere, und egal, wie sehr ich mich vor Schubladen hüte. Sind das „Freunde“? Oder sind das Trolle?

Ich glaube nicht, dass sie Einspruch erheben, weil sie sich wirklich um Differenzierung sorgen, oder um die journalistische Qualität meiner Texte.

Mich haben Philosophie, Rhetorik und Logik-Spiele nie besonders interessiert. Ich arbeite mich selten daran ab, ob und wie ich einem konkreten Satz widersprechen könnte/müsste. Falls jemand postet „Heute ist ein schöner Tag“, kommentiere ich nicht: „Für dich. Das kann man nicht allgemein sagen“ oder „Wie bitte definierst du ’schön‘? Die Aussage bleibt wertlos!“ oder „Ist der ‚Tag‘ schön oder nur dein persönlicher Eindruck von diesem Tag? Du verallgemeinerst.“

Aber: Leute, die Spaß an solchen Kämpfen haben, kommentieren eben besonders gern – und sie können mir mit fünf, sechs Fragen oder Rhetorik-Ermahnungen irrsinnig viel Zeit und Energie nehmen.

Zu oft in letzter Zeit merke ich: Das sind die Leser*innen, die ich zuerst im Kopf habe. DAS sind die Menschen, für die ich formuliere und an die ich zuerst denke, bei jedem Wort, das ich abwäge.

Ich weiß nicht, ob das meine Texte besser macht.

Oder, ob ich damit Leuten mehr Einfluss, Raum, Bühne gebe, als sie verdienen.

Ist die Lektion für mich „Sei noch differenzierter: Sichere dich nach allen Seiten ab, rhetorisch, damit man dich nicht falsch versteht!“…?

Oder „Wer dich falsch verstehen will, wird IMMER etwas finden“…?

Zu oft reicht ein einzelner Provokateur oder Rhetorik-Trickser, um mich und eine Handvoll Mit-Kommentator*innen für Stunden zu beschäftigen. Ist das den Aufwand wert? Muss ich auf viele Einwände eingehen – als guter Journalist?

Mich macht traurig, dass selbst ein Satz wie „Die Nazis waren schlimm“ so viel Gegenwind, so viel Argwohn weckt. Ich habe Angst, zu hören „Du bist undifferenziert!“. Doch ich frage mich seit ein paar Wochen täglich: „Wünschen sich die Leute, die mir das oft vorwerfen, wirklich Differenzierung? Oder hoffen sie nur, dass ich mich verzettele? Und zugebe: Ich weiß eigentlich gar nichts. Nicht einmal, ob die Nazis ’schlimm‘ waren.“

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nazis-were-bad

Screenshot: @Michael1979, auf Twitter.

Sandra Gugić: „Astronauten“ (Interview)

Sandra Gugic. Foto: Dirk Skiba

Sandra Gugic. Foto: Dirk Skiba

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„Sag Ihnen, du hast mich schweben sehen“

Der erste Roman: Sandra Gugić und ihr Debüt „Astronauten“

von Stefan Mesch

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Mein Lieblingstext beim Open Mike 2012 hieß „Junge Frau, undatiert“. Wegen Sätzen wie „Ich bleibe nie lange. Meine Habseligkeiten passen in einen großen blauen Koffer aus Polykarbonat sowie einen stabilen Rucksack für Laptop, Kamera und Stativ.“

Das altmodische „Habseligkeiten“, das charmant umständliche „sowie“, das klug-präzsie „Polykarbonat“: Sandra Gugić, geboren 1976 in Wien, schafft Atmosphäre, Suggestionsräume – kein Wort wirkt beliebig. Aber jedes strebt in eine andere Richtung.

2015 erschien ihr Debütroman: „Astronauten“ (199 Seiten, C.H. Beck).

Künstler, Taxifahrer, jugendliche Vandalen, verlassene Hotels, schäbige Hinterhauswohnungen, Paranoia im Villenviertel. Ein Großstadt-Mosaik, dessen Anspruch und raffinierte Vielstimmigkeit mich überzeugte – aber hundert Fragen aufwarf. 24 davon habe ich Sandra Gugić gestellt.

Ein Interview, kurz vor Gugićs „Astronauten“-Lesung zum 23. Open Mike 2015.

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Was ist dieser Roman, „Astronauten“? Was erzählst du?

Es ist ja immer recht unangenehm, den eigenen Text zu erklären oder zusammenzufassen. Es steht ja alles drin im Roman. Mich interessieren gesellschaftliche Mechanismen, Parallelgesellschaften, Randexistenzen. Aber wo ist eigentlich der Rand, und wer zieht die Linien?

Was macht unsere Identität aus? Wie funktioniert oder scheitert unsere Gemeinschaft? Das sind die Fragen, die mich beschäftigen und sich auch in dieser formalen Lösung mit sechs verschiedenen Erzählstimmen spiegeln.

Was ist dieser Roman? Ha, jetzt will ich auch mal Pathos schreiben: ein Herz, das schlägt!

Gab es eine Keimzelle – eine erste Idee?

Ich habe mit nur einem Ich-Erzähler begonnen, Darko. Er war die Keimzelle, daraus wurde der Ursprungstext – aber alle späteren Figuren kamen schon vor. Die zweite Stimme war sein Vater, Alen. So ging das weiter, ich glaube in der Reihenfolge Mara, Niko. Alex kam ganz am Schluss dazu, dafür fiel eine andere Stimme raus. Es war einfach so, dass eine Figur nach der anderen das Wort ergriffen hat.

War Kapitel 1 dein erstes Kapitel? Hast du chronologisch geschrieben?

Das erste Kapitel entstand so ungefähr in der Reihenfolge, aber ich arbeite immer parallel, gehe im Text vor und wieder rückwärts, endlose Schleifen. Chronologisch im eigentlichen Sinne aber nicht. Das lineare Erzählen ist nicht meine Sache, mit einer linearen Art des Erzählens kann ich immer nur wieder ähnliche Weltbilder reproduzieren, aber alles geschieht gleichzeitig, parallel zueinander, es bleibt den Wegen zu folgen, die durch eine konsequente Ablehnung von Geradlinigkeit überzeugen.

Das multiperspektivische und nichtlineare Erzählen und Schreiben war für mich logische Konsequenz, um die verschiedenen Stimmen in all ihrer Dringlichkeit, ihren Gedankenschleifen, Parallelen, Widersprüchen und in dem hohen Tempo wiedergeben zu können, in dem sie sich mir erzählt haben.

Ist das ein technisches Problem für dich, bei Print-Büchern? Hättest du lieber ein Netz entwickelt, das man nonlinear lesen kann – oder das Sprünge erlaubt?

Ganz im Gegenteil. Ich sehe kein Problem, weder als technisches noch als erzählerisches, ich sehe eine Herausforderung, das Schreiben als eine Einladung zu Experiment und Spiel, der ich gefolgt bin.

Es gibt keine gerade Linie, weder in den Dingen, noch in der Sprache. Die Syntax ist die Gesamtheit von notwendigen Abwegen, die stets von neuem geschaffen werden, um das Leben in den Dingen sichtbar zu machen. // Deleuze, Kritik und Klinik

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Sandra Gugic, Foto privat

Sandra Gugic, Foto privat

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Wie nah ist das fertige Buch an dem, was du dir zu Beginn der Arbeit vorgestellt hast? Hattest du einen Plan?

Der Plan war: das muss erzählt werden, vieles hat sich mir erst im Schreiben erzählt und erschlossen, also das Verfertigen und Vervollständigen der Gedanken beim Schreiben. Vor allem beim ersten Roman ist das wahrscheinlich normal, ich weiss aber auch nicht, wie es anders gehen könnte. Ich wiederhole: Der Text ist ja angeblich klüger als die Autorin.

“Figuren, die sich mir erzählt haben” klingt schwülstig: Die Autorin als Medium, das fremde Stimmen hört.

Haha, ja Stimmen hören. Genau. Aber was, nichts dergleichen. Was ich meine ist: Das Schreiben beginnt im weißen Rauschen der Welt, Stimmen die sich da rauslösen, dringliche Stimmen, wütende Stimmen, die etwas zu sagen haben oder die angeblich nichts zu sagen haben und es trotzdem sagen. Immer noch schwülstig? Wurschtweil. So lass ich das jetzt stehen!

Hat das Buch eine Hauptfigur?

Es gibt keine Hauptfigur bzw. ist es immer die/der gerade spricht, die nach vorne tritt. Wer spricht, hört sich ja auch nur selbst oder das Rauschen seiner/ihrer Gedanken. Die Figuren waren manchmal launisch oder spröde oder unzugänglich. Ich liebe alle meine Figuren. Durchwegs Spaß gemacht hat mir Zeno, eine Freundin von mir hat gemeint, Zeno und ich, wir haben einiges gemeinsam.

Ging unterwegs etwas schief? Haben dich Figuren überrascht?

Der Weg war die Hölle war die Reise wert. Die Figuren haben mich rechts und links überholt, aber nie dumm sterben lassen.

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"Astronauten", erschienen 2015 bei C.H. Beck

„Astronauten“, erschienen 2015 bei C.H. Beck

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Wie hast du dich aufs Schreiben vorbereitet? Und wie – in welchem Rahmen, Rhythmus – hast du geschrieben?

Ich hab mich nicht vorbereitet. Ich hab einfach geschrieben. Zuhause, weil ich mir kein Büro leisten konnte und Bibliotheken mich nervös machen. Manchmal tagsüber im Café, wenn mir die Decke auf den Kopf gefallen ist. Auf einem baufälligen kleinen Balkon in Pankow. Im Hinterhof auf der Sonnenallee. In Wien, in Leipzig und in Berlin. Manchmal im Zug. Viel nachts, weil das eine unruhige Zeit in meinem Leben war und nachts alles etwas ruhiger ist, keiner ruft an, keine emails, auch die Stadt ist ruhiger als sonst.

Wann wusstest du: Das wird ein gutes Buch?

Alles was ich immer wusste war: Es muss geschrieben werden. Ich hab oft gezweifelt, dann war ich wieder euphorisch. Das ist wohl auch normal so. Aber alles was ich wusste war: Es muss.

War „Astronauten“ ein Kraftakt?

Schreiben ist für mich ein Kraftakt wie auch ein Rausch. Sprachlich und inhaltlich präzise an einem Text zu arbeiten kostet sehr viel Kraft, diese Kraft überträgt sich aber auch, schwingt zurück, wenn dieser Sog entsteht, der einen in den Text hineinzieht und in eine andere Welt katapultiert, ein gigantisches Eskapismuskatapult schleudert einen also raus in einen unbekannten Raum, dazwischen ein Schweben, vielleicht eine Millisekunde Schwerlosigkeit, und am Ende des Textes findet man sich allein wieder, auf sich selbst zurückgeworfen und leicht verkatert wie nach einer allzu langen Nacht, wenn die rauschhaften Gespräche und Begegnungen noch im Kopf nachhallen, die Gerüche, die Musik, die verpassten Gelegenheiten, die Peinlichkeiten, die unerfüllten Wünsche, während die Sonne schon gnadenlos hoch am Himmel steht und die Realität eines neuen Tages hereinbricht.

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Sandra Gugics Facebook-Profilbild. Foto: privat

Sandra Gugics Facebook-Profilbild. Foto: privat

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Warum hat die Stadt keinen Namen?

Die Stadt braucht keinen Namen, nicht in diesem Roman. Ich habe sie aus verschiedenen Orten der Realität zusammengepuzzelt, die Stadtkulisse ist fiktiv, trotzdem höre ich immer wieder von Leser/innen, dass sie diesen oder jenen Ort zu erkennen glauben, sich sicher sind. Das macht mir Spaß, wenn ich mir vorstelle, wie jede/r vielleicht seine Stadt hineininterpretiert. Es würde der Geschichte nichts hinzufügen, hätte die Stadt einen Namen.

Du benutzt Adjektive, bei denen ich Bücher oft weglege: „schneeweiß“, „hauteng“, „raspelkurz“, „blitzschnell“, „haarscharf“. Mir sind diese Worte zu verbraucht, abgeschmackt.

Das kenne ich ebenso, mein persönliches Hasswort ist „schmunzeln“. Was soll das wirklich bedeuten? Wie soll das aussehen, außer idiotisch, und warum macht das irgendjemand? Schmunzeln macht mich aggressiv. Als Wort, versteht sich. Aber ein Satz besteht ja für gewöhnlich nicht aus einem Wort. Und ein ganzer Roman auch nicht. Oder?

„Die Hitze liegt wie Sirup über der Stadt“. Im Ernst? Rollst du nicht die Augen, wenn du das anderswo liest?

Im Ernst: Ein schneeweißer Elefant steht mitten im Raum, die Augen geschlossen. Der Elefant realisiert: Ich bin hier drin, nein, er döst und träumt, wie er Honig aus dem Kopf eines Plastikbären auf ein blasses Stück Toastbrot drückt. Von rechts zischt ein rotes Etwas ins Bild, ein Eichhörnchen, es springt, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, blitzschnell und unfassbar anmutig auf den Rücken des Elefanten, zwischen den Zähnen hat es einen Rotstift, es hält inne und schmiegt sich an die Elefantenhaut, zwischen die Falten, spürt die Wärme, rollt dabei verzückt mit den Augen, getrieben von einer Angst, die Augen zu schließen und abzutauchen in eine Finsternis, die knapp hinter dieser Hautwärme liegt, eine Finsternis, in der das Eichhörnchen vor allem Angst hat, das ihm gerade in den Sinn kommt, jetzt gleitet die Spitze des Stifts über die Elefantenhaut, kritzelt mit manisch rhythmisch schabenden Geräuschen unermüdlich pejorative Hieroglyphen. Die Lider des Elefanten flackern, die Ohren schlackern, er stöhnt leise, vielleicht schwitzt er sogar, auf jeden Fall: Er schmunzelt.

Viele Leserstimmen und Kritiken zu “Astronauten” sind respektvoll, aber ein bisschen verhalten und nervös: Keiner scheint sich sicher, dass er das Buch richtig verstanden, die Handlungsstränge korrekt entwirrt hat. Hattest du Bedenken, dass das Buch zu dicht/verkopft wird?

Habe ich mit „Astronauten“ tatsächlich jemanden nervös gemacht, zum Nachdenken gebracht, auf die Suche nach Lösungen geschickt? Wenn ja, wunderbar. Dann bin ich froh.

In der Textarbeit an „Astronauten“ habe ich mir Fragen gestellt – und will auch keine fertigen Lösungen anbieten, es gibt genau genommen nichts richtig zu verstehen, es gibt nichts falsch zu verstehen. Aber selbstverständliche gibt es etwas zu verstehen.

Nein, ich hatte keine Bedenken, ja ich hatte selbstverständlich alle möglichen Bedenken, weil ich kritisch und hart mit meiner Arbeit bin, aber vor allem habe ich „Astronauten“ geschrieben, ohne an Markt und Konsequenzen zu denken, ich habe das Buch geschrieben, weil ich es genau so schreiben wollte, ich habe ein fertiges Manuskript an die Verlage geschickt, weil ich es ohne Verlagsdruck oder übertriebene Formung/Beeinflussung im Schreibprozess finalisieren wollte, weil ich frei schreiben wollte, auf die Gefahr hin, dass es vielleicht niemand drucken will, auf den Gewinn hin, dass ich genau die erzählerischen Entscheidungen getroffen habe, die ich für richtig gehalten habe.

Respekt! Das verstehe ich gut – und ich glaube, es hat sich gelohnt. Wie war dein Jahr als Debütantin? Und: Waren die Reaktionen in Österreich und Deutschland unterschiedlich?

Das Jahr war großartig und schrecklich und schön und hässlich und lang und zäh und verdammt müde verdammt schnell und auf und ab undsoweiter. Reaktionen waren da, sowohl in Österreich als auch in Deutschland, überaus erfreuliche und weniger erfreuliche. In die Schweiz durfte ich auch reisen, ich erinnere mich an einen Ausflug auf einen Gletscher, da stand ich allein, kurz bevor die letzte Gondel ins Tal zurück fuhr und in diesem Moment war alles gut und das Wasser war kalt und klar.

Aus psychohygienischen Gründen sollte ich mich mit diesen und jenen Reaktionen weder über Gebühr beschäftigen, noch sie auswerten. Was ich muss, ist weiter schreiben.

Kritik ist eilig, packt einen kurz, zwischendrin, und rüttelt einen durch. Relativiert die Mühsal langer Strecken, macht sich auf eine Art lustig über das gewichtige größerer Projekte, in die man sich verbissen hat, Kritik kichert darüber böse, und das hilft einem irgendwie, im Verlorenen. Das stachelt einen immer wieder neu an. Man schreit dann rum. Das tut der Arbeit gut. // Rainald Goetz, „Abfall für alle“.

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Sandra Gugic, Foto privat

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Du bist die einzige Autorin, die ich mit Farbtönen, Farbstimmungen verbinde – weil das “Astronauten”-Cover und viele deiner Social-Media-Fotos mit ähnlichen Farbverläufen arbeiten. Erzähl mehr über diese Farben!

Wenn ich schreibe, arbeite ich nicht direkt mit bestimmten Farben, aber stark mit Bildern. Schnappschüsse, die ich unterwegs mache, sind eine Ergänzung zu meinem Notizbuch. Einige dieser Bilder finden sich dann in den Texten wieder. Wie beispielsweise das tote Eichhörnchen, das in „Astronauten“ vorkommt, ich habe es beim Joggen gefunden. Das „Astronauten“-Cover habe ich selbst gestaltet, das verwendete Foto ist ein Schnappschuss, den ich bei einer Zugfahrt mit meinem Smartphone gemacht habe.

Was hast du aus “Astronauten” gelernt?

Ich habe mir abgewöhnt zu glauben: Der Schreibtisch ist eine Wiese mit Schubladen. 
Ich habe mir abgewöhnt zu erklären: Arbeit macht Spaß.
Ich habe mir abgewöhnt zu hoffen: Spaß könne die Welt verändern.
Ich habe mir abgewöhnt zu meinen: Nur das Interessante ist interessant.
Ich habe mir abgewöhnt zu antworten: Literatur ist überflüssig. 
Ich habe mir abgewöhnt zu antworten: Literatur ist notwendig.
(…) // Wolf Wondratschek, Gewohnheiten

Wem empfiehlst du ‘Astronauten’?

Meinst du nach dem Motto „Kunden, die XX kauften, kauften auch XY“? Oder: „Du bist, was du liest“?

Wenn ich über die Leser/innen nachdenke, die mich nach Lesungen angesprochen haben, waren das sehr unterschiedliche Menschen ohne besondere gemeinsame Merkmale – außer vielleicht: ein wacher Geist, Neugier, eine Prise Ironie. Die Neigungsgruppe „Lesender Mensch“, hungrig auf und aufgeschlossen für Literatur, die auch ein paar Ecken und Kanten haben darf.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass noch folgende Begebenheit zitiert werden muss:

Ein paar Monate nach unserem Interview rief ich Herrn Frisch an, um zu fragen, ob er irgendwelche letzten Änderungen oder Kommentare hinzuzufügen hätte. „Ja“, sagte er. „Sagen Sie denen, dass ich für einen ganz kurzen Moment geflogen bin. Nur für einen Moment. –– Zur Küche und wieder zurück. Aber dass Sie mich haben fliegen sehen.“ // The Paris Review, Max Frisch im Interview

In meinem Fall also: SAG IHNEN, DU HAST MICH SCHWEBEN SEHEN!

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www.sandragugic.com

LobbyControl: gegen Lobbyismus im Berliner Regierungsviertel

Lobbycontrol Führung Berlin Regierungsviertel

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Der Expertenstaat

LobbyControl will aufdecken, wie Konzerne, Verbände und Agenturen den Bundestag beeinflussen.

Ein Rundgang durch den „Lobbydschungel“ im Berliner Regierungsviertel.

von Stefan Mesch

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Es geht um Input von Expertise.“

Dietmar Jazbinsek steht zwischen Reichstagsufer und Bundespresseamt. Oktober, Sonntagnachmittag. Viel Wind. Viel Sonne. Ausflugswetter: Heute haben über 40 Aktivisten, Touristen, Interessierte eine zweistündige Führung durch Berlin-Mitte gebucht.

Und Sie schreiben mit. Für wen?“ – „Edition Büchergilde.“ – „Aha.“

Ich sage nicht, dass wir Texte zum Thema „Expertentum“ sammeln – zu Wirkung und Vermarktung des Begriffs „Experte“. Doch obwohl er mein Thema nicht kennt, spricht Lobby-Kritiker Jazbinsek auf seiner lobbykritischen LobbyControl-Führung durch die Lobby-Szene Berlins zwar viel von Lobbyisten – aber fast genauso viel, immer weiter, von Experten, Expertise, Expertenwissen. Als gehöre das zusammen: Experten als Lobbyisten. Lobbyisten als Experten.

Lobbyismus kommt von Lobby – dem alten englischen Ausdruck für die Vorhalle des Parlaments. Dort tummelten sich Vertreter/innen unterschiedlicher Interessen, um mit Abgeordneten ins Gespräch zu kommen. Lobbyisten werden manchmal mit schwarzen Koffern voller Geld assoziiert. Dabei sind medialer Druck oder Arbeitsplatzargumente meist wichtigere Mittel.*

Es geht uns nicht um Schwarzgeld, Korruption, Bestechung“, sagt Jazbinsek. „Das überwachen Vereine wie Transparency International.“ LobbyControl e.V. beobachtet seit 2005 Lobbyisten. Die „Initiative für Transparenz und Demokratie“ sitzt in Köln, hat zehn Mitarbeiter und ein kleines Büro in Berlin. Eine eigene Watchgroup – nur für legalen Lobbyismus? Kurz klingt das für mich zweitklassig. Nebensächlich.

Denn beim Wort „Lobbyist“ denke ich an Betteln, Nörgeln, Jammern, Buhlen. An einen schwitzigen Händedruck, gequältes Lächeln, an ängstliche Milchbauern, die von der CSU neue Subventionen erquängeln, an streikende Hebammen, denen niemand zuhört, oder an die Angst der Rechten vor einer dubiosen „Homolobby“: Berufs- oder Bevölkerungsgruppen, die Gefahr laufen, abgehängt zu werden – und laut um Einfluss flehen. Nervige Bittsteller. Zaungäste. Unterlegene.

Auf 622 Bundestagsabgeordnete kommen geschätzte 5.000 Lobbyisten, allein in Berlin. Sie wollen der Macht ganz nah sein, auch räumlich, und mieten ihre Büros zwischen Reichstag und S-Bahnhof Friedrichstraße, zwischen Gendarmenmarkt und Potsdamer Platz. PR-Agenturen, Verbände und sogenannte Denkfabriken, die gezielt Einfluss auf Politik und Gesetzgebung, Medien und Öffentlichkeit nehmen wollen. Um 736 Abgeordnete des Europäischen Parlaments in Brüssel kümmern sich bis zu 20.000 Lobbyisten; auf einen Volksvertreter kommen also mehr als 27, schreibt Evelyn Runge in der ZEIT.

Wir stehen vor der geschlossenen Tür eines Bürogebäudes, in dem u.a. der Deutsche Brauer-Bund für „Erhaltung und Förderung des guten Rufs des deutschen Bieres“ kämpft und wirbt. Wir sind 15 ernste Menschen in Turnschuhen und Übergangsjacken, zwei Drittel über 50, der Rest studentisch. Neben uns ein Hundehaufen. Teure Cafés. Der großen Nachfrage wegen finden heute zwei LobbyControl-Führungen parallel statt: Dietmar Jazbinsek hat das Konzept vor sieben Jahren entwickelt. Um vor Ort zu informieren. Und, um als Aktivist im Viertel der Lobbyisten Präsenz zu zeigen – nah an Empfangstresen, Bürotüren. Und Lobbys.

Tatsächlich passen Industrieverbände und Interessensgruppen wie der Brauer-Bund schlecht zu meinem Bild vom schwitzigen, bettelnden Lobbyisten: „Unternehmen und ganze Branchen suchen Nähe und Kontakt zum Parlament“, erklärt Jazbinsek, „um persönlich auf Gesetzesentwürfe und das politische Klima Einfluss zu nehmen.“ Sie laden auf Partys und Empfänge, schalten Anzeigen, geben Studien und Gutachten in Auftrag, wollen die öffentliche Meinung prägen, Appelle in Medien platzieren.

Seit 1969 kürt das Tabakforum einen prominenten „Pfeifenraucher des Jahres“, charmant, ohne offene Agenda. „2013 zum Beispiel den Herrn Lammert, CDU. Präsident des deutschen Bundestags.“ Der Brauer-Bund ernennt einen „Botschafter des Bieres“, zuletzt u.a. Cem Özdemir, Peter Altmaier, Volker Kauder.

Nichts davon ist verboten. Einiges davon ist anrüchig. Das Meiste ist profane, handwerklich gut umgesetzte Öffentlichkeitsarbeit. Aber zusammengenommen zeigen die Dokumente, wie Konzerne in Deutschland vorgehen, wenn sie Einfluss auf Medien, Politik und Öffentlichkeit nehmen, schreiben Sebastian Heiser und Martin Kaul 2011 in der taz über die „Geheimpapiere der Atom-Lobby“.

Heute, am geschlossenen Brauer-Bund-Büro, erinnert Jazbinsek an die Debatten um Alkopops und jugendliches „Komasaufen“ ab Mitte der Nuller Jahre: Um erst mehr Bier, bald härteren Alkohol bei jungen Frauen abzusetzen, brachten Spirituosenhersteller fruchtige und süße Mischgetränke auf den Markt und warben um junge Käufer. Der Drogen- und Suchtrat forderte Werbeverbote.

Der Brauer-Bund, der Profisport, die Industrie- und Handelskammer, die Werbewirtschaft… alle stellten sich gegen den Suchtrat und gaben eigene Gutachten in Auftrag.“ Von Brauern bezahlte Experten sollten belegen: Falls durch neue Steuern, Werbeverbote und staatliche Regulierung der Absatz und Profit von Brauereien sinkt, geht der deutsche Vereinssport kaputt – weil die Vereine von Brauereien gesponsert werden. Die Bundesliga ist in Gefahr. Das Privatfernsehen. Und: öffentliche Toiletten!

Ein Werbeverbot für vier Billboards [im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg] gilt als unwahrscheinlich. Die Firma Ströer durfte sie aufstellen, weil sie die Instandhaltung einiger Brunnen und öffentlicher Toiletten im Bezirk finanziert. Das ist Sponsoring im Wert von insgesamt 240.000 Euro im Jahr. Ein Betrag, der dem Bezirk fehlen würde – angesichts des erwarteten Haushaltsdefizits von 4,9 Millionen Euro für 2013, schreibt die taz 2013 über den Versuch einer Bürgerinitiative, Außenwerbung einzuschränken – und die unerwarteten Verstrickungen, finanziellen Abhängigkeiten zwischen Staat und Firmen, die solchem Widerstand im Weg stehen.

Lobbycontrol Führung Berlin 2

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Es geht um Vermarktung von Expertise: Interessenverbände geben Gutachten in Auftrag. Für viel Geld kann man bei Agenturen nachweisen lassen, dass z.B. die Erde eine Scheibe ist“, höhnt Jazbinsek. Dabei sind Gutachter, Studien, Experten für parlamentarische Entscheidungen unerlässlich. Denn bevor Abgeordnete über Gesetzesvorhaben abstimmen, müssen sie alle Risiken und Folgen abzusehen versuchen: Sie rufen Kommissionen ein. Kontaktieren Wissenschaftler, Aktivisten, NGOs. Und eben: Wirtschaftsvertreter.

Zu oft, behauptet Jazbinsek, finden solche von der Wirtschaft finanzierten Experten heraus: Was Konzernchefs gut tut, ist für alle gut. Nur, was die Wirtschaft stärkt, hat Zukunft. Je schwächer der Staat, desto stärker die Segnungen des freien Markts. Von Konzernen und Verbänden finanzierte Gutachten entwerfen einen „Himmel“ – oder eine „Hölle“: Überall, wo durch Gesetze und Kontrollen wirtschaftliche Hürden gesetzt oder die Rechte und Interessen Schwächerer über das Wohl von Arbeitgebern gestellt werden, sind Wachstum, Fortschritt, Freiheit in Gefahr. Die einzige Chance auf Zukunft… und auf saubere öffentliche WCs? Lobbyisten sagen: weniger Reglements. Mehr Raum für Unternehmen und Konzerne. Ein starker Staat tue allen weh. Nur eine starke Wirtschaft bringt Menschen weiter.

Fehlt dem Brauer-Bund Geld für Werbung, sehen die Experten des Brauer-Bundes das deutsche Qualitätsfernsehen in Gefahr: ProSieben und RTL II“, sagt Jazbinsek. Die Gruppe lacht – verbittert, überheblich. Die grauhaarige Krankenschwester mit dem Stop-CETA-Button. Die grauhaarige Lehrerin mit Jamie-Lee-Curtis-Frisur. Das Paar mit Trekkingrucksack, Pudelmützen. Keiner hier sieht aus, als könne er mehr als acht private Sender nennen. Oder zwei Serien aus dem aktuellen RTL-II-Programm.

Lobbyisten stellen sich gerne als Informationsdienstleister für die Politik dar. Mit zahlreichen Studien sollen die eigenen Positionen sachlich untermauert werden. Immer wieder fällt auf, dass der vermeintliche wirtschaftliche Nutzen überzogen dargestellt wird, wenn Unternehmen etwas politisch durchsetzen wollen. Ein Beispiel aus jüngster Zeit: die TTIP-Studien der Bertelsmann-Stiftung.*

Wir stehen noch immer auf dem Bürgersteig. Dietmar Jazbinseks Tour führt von einer Bürofassade zur nächsten: Er weist auf Firmenschilder aus Messing oder gebürstetem Stahl, zeigt auf die Eingangstüren und dunklen Lobbys. Doch zu sehen gibt es nichts. Alles hat geschlossen: Sonntag.

Unsere Tour ist ein Selbstläufer. 2014 hatten wir 150 Führungen.“ Gewöhnlich finden sie werktags statt – doch gestern war eine große Demo gegen TTIP, das US-Freihandelsabkommen. „Über Lobbyismus als solchen brauche ich Ihnen nicht viel zu erzählen. Oder? Sie waren gestern auch alle auf der Demo?“ Jeder nickt. 15 Leute, ohne Ausnahme. „Dazu möchte ich Ihnen gratulieren!“

Knapp die Hälfte der Teilnehmer lebt nicht in Berlin. Doch alle haben gestern protestiert – und lassen mit der 10 Euro teuren Führung ihr persönliches Protest- und Engagement-Weekend ausklingen. Spricht Jazbinsek von „Front Groups“ oder „Third Parties“, nicken die älteren Männer. Bei trockenen Witzen schnauben und seufzen die Frauen. Er spricht über „Frau Merkel“ und „den lieben Herrn Söder“, und irgendwer mit grauem Haar wirft allen bitteren Pointen ein süffisantes „Na: Das ist doch toll!“ hinterher.

Seit einigen Jahren schaffen sich Lobbyisten zudem (halb)öffentliche Orte: Flagship-Stores und Showrooms, Musterfilialen und öffentliche Cafés, bis hin zu großen repräsentativen Veranstaltungsräumen (Allianz, Telekom). Dort veranstalten Verbände und Unternehmen Diskussionsrunden und Events, zu denen auch die Politik regelmäßig eingeladen wird. Gerne werden diese neuen Orte auch als Form der Transparenz beschrieben. Allerdings bleibt diese „Transparenz“ oberflächlich.*

Wir stehen am Firmenschild der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, die für freie Wirtschaft und die Interessen der Arbeitgeber wirbt – indem sie eigenes Schul- und Lehrmaterial für den Unterricht anbietet. Dann stehen wir an der Tür der American Chamber of Commerce – deren Anwälte verhindern konnten, dass Togo abschreckende Fotos auf Zigarettenschachteln druckt. Im überdachten Zollernhof des ZDF stehen wir zum ersten Mal länger als zwei Minuten in einem Gebäude. „Manchmal werfen sie mich hier raus. Heute störe ich wohl gerade nicht?“

In mehreren Empfangshallen und Lobbys hat Jazbinsek Hausverbot, „wegen despektierlicher Äußerungen“. Manchmal, sagt er, kommen auch Lobbyisten an die Türschwellen und schimpfen – oder melden sich als Teilnehmer zu Führungen an, um mitzuhören. Er klingt stolz.

Kurz führt er uns in den Showroom von Daimler-Benz. Doch noch bevor er sprechen kann, fragen Anzugträger, was wir wollen. „Nur kucken“, sagt er, dreht sich um – grundlos triumphierend, als hätte er gerade etwas bewiesen. Eine Grauhaarige sagt ihrem Begleiter: „Er wollte uns nur zeigen, wie schnell er wieder gehen muss!“

Jazbinek lobt Sahra Wagenknechts „Impertinenz“ in Talkshows. Er freut sich über die aktuellen VW- und ADAC-Skandale. „Wie kindlich, eigentlich“, sagt mein Freund, als ich vom Nachmittag und all den Fußmatten, Schwellen, Türklinken erzähle: „Zwei Stunden lang im Kalten stehen, vor Firmen- und Klingelschildern? Im Grunde ist das lächerlich.“

Im 300 Seiten dicken „LobbyPlanet“, dem „Lobbyführer“ durch Berlin, zeigt LobbyControl in mehreren Routen, „wo zwischen touristischen Sehenswürdigkeiten und glitzernden Einkaufswelten Politik gemacht wird.“ Der Ton erinnert mich an Foodwatch, Thilo Bodes gut gemeinte und erfolgreiche – aber mir oft populistisch, patzig scheinende – Watchgroup zum Thema Ernährung und Etikettenschwindel:

Unseren Kindern wird in der Schule der Kopf verdreht mit Schulmaterialien und Kooperationsprojekten, die von Unternehmen wie RWE, VW oder Wirtschaftsverbänden angeboten werden: Mittlerweile beteiligen sich 16 der 20 umsatzstärksten Unternehmen in Deutschland an der Erstellung von Unterrichtsmaterialien* Fotos zeigen LobbyControl-Aktivisten mit Schildern: „Bildung statt Meinungsmache!“ Simple Slogans, Unterschriftenlisten. Viel Stolz und viel Empörung: Gestört wird das diskrete Beisammensein von Politikern und Interessenvertretern allenfalls durch die Stadtführungen von LobbyControl, die regelmäßig vor der Aufzugtür Station machen.*

LobbyControl hat einen Etat von 600.000 Euro. „Wenn man erstmal Tagesschau- und Heute-Journal-tauglich ist“, erklärt Jazbinsek, „wachsen auch die Spenden.“ Der Verein übt Kritik an Studien und Konzern-PR, will Gegengewicht und Korrektiv sein, kämpft um Deutungshoheit. Meldungen wie „Vom Ministerium zur Allianz-Lobbyistin: Ex-Staatssekretärin (FDP) wechselt die Seiten“ sollen aufrütteln. Politischen Druck aufbauen.

Lobbycontrol Führung Berlin 3

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Besonders die bezahlten Nebentätigkeiten von Abgeordneten sorgen für Debatten um Einflussnahme, Interessenkonflikte und Transparenz: LobbyControl „setzt sich für erweiterte Offenlegungspflichten ein.“ Oft geht es auch um Greenwashing: den Versuch von Unternehmen, sich durch PR-Aktionen besonders umweltfreundlich zu geben. Und um die „Drehtür“, mit der Lobbyisten in die Politik und Politiker in Lobby-Positionen wechseln und sich ihr Insiderwissen von Konzernen bezahlen lassen. Das „Lobbypedia“-Wiki dokumentiert Verstrickungen.

Lobbyismus zeigt sich deutlicher im öffentlichen Raum. So hängten im Wahlkampf 2013 nicht nur die Parteien Plakate auf, sondern auch Lobbyverbände wie ‚Die Familienunternehmen‘. Auch wenn sich Lobbykampagnen an die Öffentlichkeit wenden, sollen ihre eigentlichen Hintergründe und Ziele, manchmal auch Initiatoren und Geldgeber, nicht selten lieber unerkannt bleiben. Es bleibt für die Öffentlichkeit in vielen Fällen unbekannt, wer auf wichtige Entscheidungen maßgeblich Einfluss hatte.*

Wird wirklich nur, wer sich eigene Räume im Regierungsviertel leisten kann, zuverlässig gesehen und gehört? „Man muss nah an der Politik sein und Abgeordnete ‚positiv begleiten‘, mit viel persönlichem Kontakt. Freunde macht man sich am besten, wenn man sie noch nicht braucht. Erst schafft man Nähe durch Einladungen, gemeinsames Feiern, Preise wie ‚Pfeifenraucher des Jahres‘. Die ersten Forderungen kommen viel später“, erklärt Jazbinsek. So macht Kapital politische Einflussnahme leichter: Verbände behalten Jugend- und Nachwuchsorganisationen der Parteien im Auge wie Bundesliga-Scouts – um möglichst früh an Jungpolitiker zu treten.

Wer einen besseren Zugang und das bessere Kontaktnetzwerk hat, wer früher an Informationen kommt, ist klar im Vorteil. Im Vorteil gegenüber Wettbewerbern, aber auch allzu oft gegenüber schwächeren, am Allgemeinwohl ausgerichteten Interessen. Diese schwächer repräsentierten Interessen geraten leicht unter die Räder.*

Dietmar Jazbinsek ist Mitte 50. Er ist Gesundheitswissenschaftler und Journalist; arbeitet vor allem gegen Tabakkonzerne: die Zigarettenlobby. Während es kühler wird und er uns immer neue Empfangstresen und Fußmatten zeigt, veröffentlichen die ersten Zeitungen Analysen der TTIP-Demo vom Vortag: Was spricht gegen Freihandel? Lassen sich die Demonstranten von simplem Anti-Amerikanismus leiten? Warum marschierten so viele Rechte mit? „Die Proteste gegen TTIP bedienen vor allem rechtspopulistische Ressentiments“, fasst Spiegel Online zusammen.

Ich bin auch dagegen. Weil damit sozusagen die Wirtschaft quasi über die Politik gesiegt hätte und wir dann in allen möglichen Lebensbereichen kein Mitbestimmungsrecht mehr hätten“, erklärt eine Anti-TTIP-Demonstrantin dem Vlog-Reporter Tilo Jung: „Und das würde dann von den Konzernen hier strukturiert werden, das Leben hier, mehr oder weniger, in den sich jetzt noch demokratisch nennenden Ländern. Oder Deutschland. Das wäre schlimm!“

Das Kräfteverhältnis von Journalismus zu PR verschlechtert sich weiter, und auch die Grenzen verwischen häufiger. Vorgefertigte Informationen von Interessengruppen („PR-Material“) finden immer wieder ungefilterten Zugang zu den Medien. Vorproduzierte Beiträge, mediengerecht aufgemachte „Studien“ und attraktives Bildmaterial werden angesichts von Zeitdruck und Personalmangel teilweise ungeprüft übernommen. Über die Beeinflussung der Öffentlichkeit und spezifischer Zielgruppen wie Wissenschaftler/innen, Journalist/innen oder anderen Multiplikatoren üben „Public Affairs“-Agenturen indirekte Einflussnahme auf die Politik.*

LobbyControl will die „massiven Ungleichgewichte“ sichtbar machen – und inszeniert sich als mutiger, engagierter David im Kampf gegen Goliaths, die allesamt „in bester Lage“ Büros einrichten und Politiker hofieren können: „TTIP läuft auf eine Art Staatsstreich hinaus“, sagt Jazbinsek. Alle nicken. „US-Knast“, sagt Jazbinsek, wenn er „Gefängnis“ meint. Alle nicken. „Unsere liebe Frau Merkel“, „unser lieber Herr Kauder“… finden alle Zuhörer diesen „Heute Show“- Sarkasmus gewitzt?

Zu vieles hier klingt für mich harsch, polemisch, vage und pauschal – nach Buhlen, Jammern, Nörgeln, Quängeln: Die Anti-TTIP-Demonstranten gestern, die Anti-Lobby-Aktivisten heute haben den Ton von Bittstellern, Abgehängten, Unterlegenen. Genau so, wie ich mir Lobbyisten vorstellte, bisher: „Und hier ist noch ein teures Büro! In bester Lage!“, sagt Dietmar Jazbinsek triumphierend. Vor wie vielen Klingelschildern kann man stehen und entrüstet sein, in 120 Minuten?

Sobald Begriffe wie „US-Knast“ fallen, lege ich Zeitungsartikel fort. Schon bei „die Tabaklobby“, „die Atomlobby“ fragte ich mich bisher: Sind das nicht Kampfbegriffe? Schreckgespenster? Schubladen wie die „Homolobby“? Wenn Foodwatch den „Goldenen Windbeutel“ für „die dreisteste Werbelüge“ verleiht, klingt das für mich so populistisch, flach, bemüht und abstoßend wie die PR-Texte der Brauer zum „Botschafter des Bieres“. Ich war auf keiner TTIP-Demo. Ich klicke Online-Petitionen fort, deren Anliegen mir wichtig sind – statt meinen Namen unter Texte zu setzen und neben Rednern zu laufen, bei denen mir ein Satz, eine Wendung grell, böse, unpräzise, zu populistisch scheint. Egal, wie gut dieser Aktivismus gemeint scheint.

„In der U-Bahn wurde uns vorgeworfen, dass wir das Kind instrumentalisieren“, erzählt ein Elternpaar: An ihrem Kinderwagen steht auf großen, aber stümperhaft bemalten Pappquadraten „STOP TTIP“. Die Gruppe lacht über den Vorwurf. Ich denke: Doch. In meiner Kindheit war mein Vater CDU-Mitglied. Ich will nicht wissen, welche Schilder und Slogans er an meinen Kinderwagen geheftet hätte.

Deregulieruns- und Privatisierungsmaßnahmen verkleinern den demokratischen Raum. Die Entgrenzung der Märkte hat die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse zugunsten großer Unternehmen und der Kapitalseite verschoben. Produktionsstandorte werden verlegt, Gewinne steuersparend zwischen Tochtergesellschaften verschoben und Aktienkurse besser versorgt als die eigenen Angestellten.*

Sind Zuhörer so homogen, dass sich ein Redner kaum Mühe geben muss, sie noch zu überzeugen, sprechen Amerikaner von „preaching to the choir“: Kein Priester muss versuchen, mit seiner Predigt den Kirchenchor zu bekehren – denn der hängt eh schon an seinen Lippen. Und obwohl Jazbinsek ruhig, offen, einfach und, im Großen, überzeugend spricht… fehlt der Tour alle Spannung: Ist jeder hier, um sich erzählen zu lassen, was er eh schon weiß? Wollen wir uns als Protest- und Kapitalismuskritik-Experten fühlen – indem ein echter Experte unsere Ängste, Ahnungen, Ressentiments bestätigt? Und uns persönlich zum Demonstrieren gratuliert?

Lobyisten prägen mit, wie unsere Welt aussieht“, fasst Jazbinsek zusammen. Die Kommissionen im Bundestag laden „zu Experten ernannte Interessensvertreter ein. Vordergründig geht es um externen Sachverstand, Expertise.“ Aber, so „LobbyPlanet“: „Das Ideal einer ausgewogenen und gleichberechtigten Interessenvertretung, bei der sich das beste Argument durchsetzt, ist eine Illusion.“

Ich bin Journalist. Fakten müssen stimmen. Und ich bin Autor. Ich will, dass der Ton stimmt. Jazbinseks Anekdoten sind oft großartig – aufschlussreich, klar, mit überraschenden Zusammenhängen: „Taiwan und der Iran sind wichtige Märkte für US-Tabakkonzerne. Denn Rauchen gilt als patriarchal. Überall, wo Frauenrechte erst allmählich zum Thema werden, werden auch Zigaretten begehrter: Sie werden zum Symbol moderner, emanzipierter Frauen.“

Warum kommen mir Sätze wie „Verbände wollen die öffentliche Meinung prägen, Appelle in Medien platzieren“ grenzwertig vor: einen Tick zu grell, populistisch? Warum hätte ich einen Satz wie „Die Atomlobby will ihre Botschaften in Medien platzieren“ sofort als „paranoid“ verworfen?

Dazu kommen Stiftungen und sogenannte Denkfabriken (Think Tanks). Kampagnen sollen den Eindruck vermitteln, dass man eine mehrheitsfähige Meinung vertritt. Mit Slogans wie ‚Mehr Mut zum Markt‘ (Stiftung Marktwirtschaft) soll etwa der Rückbau des Sozialstaates in den Köpfen der Menschen als unumgänglich und zu ihrem eigenen Wohl geschehend verankert werden.*

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2011 entdeckten US-Wirtschaftspsychologen den „IKEA-Effekt“: Menschen falteten Origami-Tiere und sollten eine Summe festlegen, die sie für ihre fertigen Tiere zu zahlen bereit waren. Was sie selbst falteten, kam ihnen wertvoller vor als die Arbeit anderer. Scheinen uns IKEA-Möbel ein bisschen wertvoller – weil wir Mühe hatten, sie aufzubauen? Sind wir so stolz auf unsere Leistung, dass Dinge für uns kostbarer werden… die uns etwas abverlangen?

Ich gebe noch eine Liste herum“, sagt Dietmar Jazbinsek zum Abschied: „Tragen Sie Ihre Mailadressen ein, dann schicken wir weitere Informationen.“ – „Sie meinen aber nicht den LobbyControl-Newsletter?“, fragt eine Grauhaarige zurück. „Den haben wir doch schon lange!“ Wieder nicken alle. Preaching to the choir.

Nach Auskunft des Bundestags haben fast 1000 Lobbyisten dauerhaften Zugang zu Gebäude, [weil ihnen die parlamentarischen Geschäftsführer der Fraktionen Hausausweise ausstellen]. Sie können ihrer Tätigkeit im Verborgenen nachgehen. Der Bundestag weigert sich, die Namen der Einflüsterer bekannt zu geben. Es wird nicht einmal eine Liste ihrer Organisationen veröffentlicht, schreibt Robert Roßmann in der SZ.

So lange Büros im Regierungsviertel den Verbänden wichtig sind, um Nähe, Präsenz zu zeigen… sind Demonstrationen, Lobbyführungen, aus-dem-Haus-Gehen den Gegnern von Verbänden wohl genauso wichtig – aus den selben Gründen. Empfehlen kann ich den Spaziergang nicht – wenn alles auch ausführlicher, faktensatt im „LobbyPlanet“ steht und online. Doch vielleicht geht es weniger um meinen persönlichen Widerwillen, zuzuhören, wenn Menschen „unsere liebe Frau Merkel“ sagen, oder „sich jetzt noch demokratisch nennende Länder“.

Sondern darum, sich anzuziehen. Eine Tour zu buchen. Zu bezahlen. Auf Fußmatten und neben Hundehaufen zu stehen, zu frösteln und durch die Glasscheiben auf „die da drinnen“ zu schauen, die mit „denen da oben“ per du sind. Dass ich bisher bei Lobbyisten an schwitzige Schlipsfiguren dachte, die jeder ignoriert, und bei „die Tabaklobby“ an polemische Kampfbegriffe, zeigt, wie dringend es Gegengewichte braucht. Fakten und Kontexte, wie sie LobbyControl seit zehn Jahren sammelt, gewichtet, erklärt und verbreitet.

Abgeordnete sind nicht dumm“, sagt Jazbinsek. „Sie wissen, dass Wirtschaftsvertreter einseitig argumentieren – und hören bewusst auch Gegenstimmen an.“ Im besten Fall sind die Kommissionen Sammelbecken für jede Sorte Experte. Im schlechtesten Fall machen Lobbyisten Stimmung im Parlament. Und Anti-Lobbyismus-Lobbyisten Stimmung vor der Tür. Stimmungsmache gegen Stimmungsmacher. Feuer – bekämpft mit Feuer.

Mit * markierte Zitate: LobbyPlanet Berlin 2015, teilw. gekürzt

lobbycontrol berlin führung 2015

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Stefan Mesch, geboren 1983, ist Autor und Kulturjournalist. Er schreibt für ZEIT Online, der Freitag, Deutschlandradio Kultur und den Berliner Tagesspiegel und ist Experte für u.a. US-Literatur, Superheldencomics, die Seifenoper „Verbotene Liebe“ und das Entdecken vergessener Bücher.

mehr Infos zum „Experten“-Projekt der Edition Büchergilde: hier.

„Der Journalismus ist kaputt“? Hass-Texte und Abdiss-Journalismus, ZEIT Online

Erika-Fuchs-Stiftung / Disney

Erika-Fuchs-Stiftung / Disney


Am 22. April (Mittwoch) schrieb ich auf ZEIT Online über polemische Texte und „Bullshit-Journalismus“:
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Debatten: „Die Hassknechte vom Abdiss-Dienst.

Feminismus, Ego und Debattedebattedebatte: Täglich platzt jemandem irgendwo der Kragen. Alles Neinsager und Rebellen? Oder doch nur Pseudohass?“ von Stefan Mesch

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Zum ersten Mal schrieb ich im März über das Thema. Diese erste Version sollte eigentlich nur redigiert / gekürzt werden; doch weil noch bis April jede Woche neue, umstrittene Texte über Debattenkultur, Wut und Ablehnung veröffentlicht wurden, schrieb ich den Text letzte Woche noch einmal (fast völlig) neu.

Hier im Blog, als Bonus: die frühe Version.

Wut im März!

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Junge Texte werden patzig, wütend, derb: Dem Journalismus platzt der Kragen. Neue Kritiker, Neinsager und Rebellen – oder nützliche Idioten?

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200 Dollar pro Woche, für drei lange Essays und Artikel: Schon lange vor dem Studium wollte M. Kulturkritiker werden. Als freier Journalist alle Kanten der Gegenwart ausmessen. Markante Ich-Texte schreiben wie Joan Didion, David Sedaris. Mit anderen jungen, eigensinnigen Denkern, Welterklärern, Spürhunden, Experten die großen US-Magazine erobern – Harper’s und Vogue, Salon und den New Yorker.

Mitte 20 war er unbezahlter Redakteur bei Worn, einem Indie-Magazin über Außenseitermode. Dann lockte ein erster bezahlter Job – fürs kommerzielle Online-Feuilleton, im Ressort „Style“: freie Themenwahl, drei Texte pro Woche. Kaum redaktionelle Vorgaben; doch auch kaum redaktionelle Betreuung. Hauptsache irgendwas mit Mode – „Content“, den Menschen in Massen klicken, teilen, kommentieren wollen.

M.s Eltern halfen weiterhin bei Essen und Miete. Fünf Tage pro Woche stand er als Barista im Café. Und sieben Nächte pro Woche lag er wach: „Was, wenn kein Mensch meine Artikel klickt? Bringe ich hier Umsatz, Reichweite, Reaktionen? Oder bleibe ich Risiko? Ballast?“ Über 130 Mal musste er entscheiden: Welche Themen hatten Dringlichkeit? Was bringt viele Menschen weiter – oder auf die Palme? Was wird geklickt auf Twitter und Facebook, zwischen 1000 anderen Angeboten – und mit Gewinn gelesen?

Er lud seinen Freundeskreis zum Brainstorming, immer wieder. Vor allem die Frauen sollten reden: Was stört, nervt und beschäftigt sie? Wo mischt sich Mode in ihr Leben? Freundin D., der einzige Single, kochte fast über: „Schreib über Brautjungfernkleider. Die sind totaler Bullshit. Oder über teure Babysachen. So ein Bullshit! Warum schreibt keiner, was für ein Bullshit Kleidergrößen sind? Mir fehlen Texte, die alles anprangern!“

Für D. stand fest: Die Modewelt, der Mode-Diskurs, die ganze Branche war Bullshit. Das Sprechen über Mode war kaputt. Sie wünschte sich Journalismus, der zum Kronzeugen für ihre Wut, zum Megafon für ihren Ärger wird – und alle Missstände täglich neu entlarvt. Ihr fehlten klare, laute Pranger- und Endlich-sagts-mal-einer-Texte, die ihren persönlichen Frust in Worte fassten, ihn online, öffentlich, plausibel teil- und like-bar machten: Shopping ist scheiße. Anpassen ist scheiße. „Sich hübschmachen“ für Dates und Arbeitgeber: Riesenscheiße!

Könnten nicht auch kommerzielle Plattformen jeden Tag an Hunderten Beispielen beweisen: Der Kaiser trägt keine Kleider? Warum zeigt Journalismus, als vierte Gewalt, so selten Zähne?

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Lästern, Haten, Bashen, Ranten

Ich klicke „gefällt mir“, wenn mir Texte aus dem Herzen sprechen. Ich teile, zitiere, poste, tweete Journalismus, der Worte findet für meine eigenen Fragen, Ängste: Wenn mir fremde Menschen neu bestätigen und spiegeln, was ich selbst dachte, irgendwie – nur eben bisher nie: so schön, so öffentlich, so laut und so präzise. Zeitungen sind Speaker’s Corners und Echokammern, Enthüller und Entblößer, Stimmungslabors und Meinungsmacher, Sturmgeschütze der Demokratie… und des Populismus. Ich bin froh, dass so viele und so verschieden wütende Stimmen in Feuilletons Position beziehen. „Ich“ sagen. Widerspruch einlegen. Oder auch mal: lästern, haten, bashen, ranten.

Doch reicht das? Texte feiern, weil sie mein Weltbild, meine Vorurteile stützen? Meinen Frust aufgreifen und genussvoll „Bullshit!“ rufen? Mir sagen, was ich eh schon weiß, zu wissen glaube… oder etwas attackieren und verhöhnen, das ich im Alltag selbst gern attackieren und verhöhnen würde? Ventil-Journalismus, verfasst von Hassknechten und Abdiss-Diensten? Wie viele „kontroverse“ Autorinnen und Autoren sind nur als „Querdenker“, „mutige Schimpfer“ getarnte Schmeichler, die ihrer Zielgruppe die jeweils passenden Ressentiments nachbeten?

Ronja Larissa von Rönne studiert Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim – zehn Jahre nach mir selbst, zehn Jahre jünger als ich und ähnlich aufgekratzt-genervt wie ich mit 22. Tief in den grauen, miefigen Semesterferien stieg sie ohne Hose aufs Bett und postete Selfies – zwischen Shirt und Schenkel, auf halber Hüfte: eine Packung Goudascheiben aus dem Supermarkt. Selfie-Strebertum oder Selfie-Schönheitsideale, sagen diese Scheißegal-Posen, sind Bullshit. Und 22-Sein in Hildesheim ist Käse.

Ich folge dem Ronjas Blog und Ronjas Facebook-Ich. Ihre strahlende, derbe Patzigkeit trifft einen Nerv. Während der halbe Studiengang für ein Literaturfestival putzt und dekoriert, schreibt sie auf jetzt.de: „Es geht darum, Jungautoren so sehr abzufüllen, dass man ihnen die Haare beim Kotzen halten wird.“ Als ich meine alten Schulfreunde zum Weihnachts-Raclette treffe, bloggt sie über ihre eigene Fahrt ins Dorf der Eltern: „Die Stufenschönste ist mittlerweile fett und der ehemalige Klassensprecher hat sich vor einen ICE 3 geworfen. […] Man stellt sich die zerfetzten Einzelteile dieses Arschlochs im Schnee glitzernd vor.“

Ronjas Zorn macht Spaß – in allen Übertreibungen. Sie schreibt, sie will mit einem Mann aus der Supermarktschlange ins Bett, weil „in dessen Einkaufskorb weder Ziegenkäse noch Avocadocreme, sondern ein Tetrapak Rotwein und eine TK Pizza lagen.“ Ich teile den Text auf Facebook. Ronja erhält ein Angebot, Redakteurin im Welt-Feuilleton zu werden.

Wie wütend wollen wir schreiben? Leben? Wie viel Entrüstung und Verweigerung braucht ein debattenstarker Kulturteil? Reinigen Wuttexte die Luft – wie ein Gewitter? Oder plustern sich Leser und Redaktionen gegenseitig in blinde Hysterie? Was kam zuerst: der Wutbürger – oder der Journalist, der mit solchen Texten Stimmung und Auflage machen will? Wie viele Kleider trägt der Kaiser wirklich? Sind Schreiber, die mit Brandreden Likes und Zuspruch sammeln… Brandstifter? Querdenker? Populisten?

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Jungmädchen-Blog im Feuilleton?

Vor fast zehn Jahren wischte Literaturkritiker Helmut Böttiger eine ganze literarische Generation ins Aus: „Warum die deutsche Gegenwartsliteratur so brav, ordentlich und monoton ist“, fragt sein pauschaler Schlag gegen damals junge Autoren. Böttigers Diagnose: Viele Schreiber an Instituten in Hildesheim und Leipzig feilen konforme, schnittige Texte – ohne Inhalt, Dringlichkeit und Aussage.

Letzten Januar fragte Ex-Schreibschüler Florian Kessler: „Warum ist die deutsche Gegenwartsliteratur so brav und konformistisch?“. Das selbe Ressentiment. Die selbe Pseudo-Wut. Schon in der Überschrift die alte, gleiche rhetorische Frage. Nur reicht die Diagnose bei Kessler um eine zusätzliche Ecke: Hildesheimer Texte sind so angepasst, schreibt er, weil viele erfolgreiche Schreibschüler saturierte Eltern haben – die weiterhin bei Essen und Miete helfen. Diese Kinder des Bildungsbürgertums schreiben blutleere Bildungsbürger-Texte.

Zwischen diesen Zuschreibungen, Vorwürfen und Rollen schreibt Ronja Larissa von Rönne – Schnöselname? Schnöselherkunft? Verwöhnte Tochter aus Bayern? – seit knapp sechs Wochen für die Welt: Ein Feuilleton-Aufmacher, in dem sie rät, Wut endlich auszuleben („Es muss weh tun!“) und einem alten Schulfeind unvermittelt ins Gesicht schlägt. Ein Berlinale-Text, der Berlinale-Parties als bodenlosen Bullshit entlarven will. Beide Texte sind patzig, derb. Viel diskutiert. Beide Texte bleiben selbstbewusst in der – im klassischen Feuilleton noch immer ungewohnten – Ich-Perspektive.

Ronja spielt mit Hassmädchen-Klischees. Lästert, hatet, basht und rantet. Ich rolle die Augen… doch habe Spaß: Ist das jetzt „brav und konformistisch“? Markant? Joan Didion 2015? Die vierte Gewalt? Populistischer Bullshit? Oder, wie viele Freunde über 30 bashen: ein Jungmädchen-Blog, der sich ins Feuilleton verirrt hat?

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Neoliberale Selbstdarstellungsschule?

Ich fürchte, zu viele aktuelle journalistischen Texte muss ich von unten her verstehen – aus ihren Leserkommentaren. Aus der Begeisterung, dem Widerspruch, den Klickzahlen und der Empörung, die sie abwerfen. Und abwerfen wollen. Schon seit 1996 ist die US-Kulturseite Slate geschickt auf größten Krawall gebürstet: Jede Schlagzeile dort klingt provokant verdreht. Jede These unerhört und frech. Slate ist gegen alle, aus Kalkül: Ich lese mich wütend. Ich lese zu viel. Jeder Satz regt mich nur weiter auf.

„Kommentare überholen Recherchen“, fasst auch die taz ihre Erfahrungen mit Wut-Autoren, Wut-Lesern und Endlich-sagts-mal-einer-Texten zusammen: „Kommentare, Polemiken und Satire-Artikel“ wurden 2014 zum ersten Mal deutlich häufiger geteilt als „harte Themen und aufwändige Recherchen.“ Auch in der SZ fragten Lars Weisbrod und Nadja Schlüter in knapp 30 Kolumnen bewusst polemisch: „Woher der Hass?“ und wollten enträtseln, weshalb bei Reizthemen wie Laubbläsern, Payback und Veronica Ferres fast jeder Leser „Bullshit!“ schreit.

„Tatsächlich ist das Ich zurückgekehrt in den deutschsprachigen Journalismus“, schreibt Hannah Lühmann, selbst oft gerne „Bullshit!“ polternde Autorin, nach deutlicher Kritik auf zwei kokettiert wütende Berlinale-Ich-Texte von Ronja von Rönne und Katharina Link: „Nun aber sind ein paar der neuen Ich-Schreibenden eben weiblich, und alle sind sich auf einmal sicher, dass die Ursache hierfür ein grassierender Narzissmus sein muss, herangewachsen in einer neoliberalen Selbstdarstellungsschule.“ [guter Text, mittlerweile auch online.]

Mode-Experte M. wollte keinen einzigen „Bullshit“-Wut-und-Mode-Text veröffentlichen. Er arbeitete 11 Monate lang gewissenhaft sein Pensum ab. Schrieb liebevolle, konfliktfreie Texte zu Dumping-Lohn und kellnerte weiter im Café. Gab danach – ausgebrannt, verunsichert und kaum beachtet – seine journalistische Karriere auf. Und macht heute ein Aufbaustudium: PR und Pressearbeit.

Und Florian Kesslers Beitrag schien mir später – ausgeruht – gelungener als beim ersten Lesen. Statt „Schreibschule ist Bullshit!“ fragt Kessler tatsächlich nüchterner: Wer kann sich einen Karriereversuch in Literaturbetrieb und Feuilleton noch leisten? Wie viele Talente, Stimmen blieben außen vor, weil ihre Familien keine Hilfe sein können während Ausbildung und jahrelangem Stottern im Kulturbetrieb? Kein Ranschmeißer-Text. Kein Bullshit-Populismus. Nichts, das kalkuliert größten Zuspruch sucht durch möglichst plakativen Widerspruch.

Doch spielen solchen Nuancen eine Rolle? Für erste bleibt Ronja von Rönne die Aggro-Redakteurin unter Nabelschau-Verdacht. Kesslers Text wird weiterhin ständig als Beleg zitiert, dass junge Texte Bullshit sind, alle Schreiber brav und monoton. Wer Ressentiments zum Thema macht, lockt Neinsager, Zyniker und Nihilisten. Menschen, die den Untergang verkünden – oder sich begeistern, dass eine Zeitung solche Untergänge prophezeit: „Der Journalismus ist kaputt“, versprachen die Krautreporter in ihrer Crowdfunding-Kampagne: „Wir kriegen das wieder hin.“

Bin ich der einzige, dem schon dieser wunderbare, derbe, apokalyptische erste Satz – „Der Journalismus ist kaputt“ – die 60 Euro Abo-Gebühr wert waren? Nicht selten tut es gruselig gut, an prominenter Stelle, patzig, wütend, derb zu lesen: „Hier hakt es. Das läuft schief. Das hier ist Bullshit. Achtung!“ Klar will man uns verführen – zur Wut, zur Angst, zum Tweeten, Teilen, Liken oder zum Widerspruch. Klar sind solche Texte oft unerhört kokett. Doch nach wie vor scheint mir ihre größte, wichtigste Provokation, dass sie aktuell geballt von jungen, lautstarken Frauen kommen. Selbstbewusst. Plakativ. Oft strahlend. Manchmal doof.

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