Hildesheim

Lohnt sich PROSANOVA – Festival für junge Literatur? [8. bis 11. Juni 2017, Hildesheim]

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8. bis 11. Juni 2017 | Hildesheim

über 60 Autor*innen & Künstler*innen

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Zeitschrift BELLA triste  |  Studiengang Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus

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“Das studentische Team hat Wände gestrichen, Teppiche verlegt, Holzinseln gezimmert und Toiletten vergoldet.”

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“Der Schulranzen mit eingebauten Lautsprechern pumpt Beats in die fast fertige Cafébar.”

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“Lena und Martha sind gestern neun Stunden Transporter gefahren, um kostenlose Möbel von Hannover aufs Festivalgelände zu bringen.”

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“Auf dem Festivalgelände dürfen die Brennnesseln nicht vernichtet werden, weil für einige Schmetterlinge gerade Nistzeit herrscht.”

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“Es gibt noch nichts mit Glitzer. Es gibt was mit Hobelspänen und Sägen und Computern.”

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“Als es noch keine Vasen gab, haben wir Bierflaschen vergoldet.”

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„Nee, diese neuen, diese Schriftsteller oder wie sie sich nennen, die fangen immer Sätze an und beenden sie dann nicht. Und ich kann auch nichts damit anfangen. Da werden einem so Bruchstücke vorgeworfen und dann muss man gucken, wie es weiter geht.“ [beim Friseur um die Ecke]

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“Nachtschwärmer dösen in den Betten. Auf der Leinwand lesen virtuelle junge Leute.”

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„Lektoren, das sind einfach bessere Menschen. Bloß keinen Autor heiraten! Die sind wahlweise unglücklich, also von Selbstzweifeln zerfressen, oder im Höhenflug. Am Anfang denkste dir, das ist jetzt halt wegen dem Debüt, aber nee, das bleibt. Widerlich. Also: Hier laufen ja einige Lektoren rum. Ich muss los!“

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„Christina ist schon bevor sie das Diplom machte, mit ihrem Lebensgefährten an den Bodensee gezogen, um dort als Köchin in der Natur- und Wildnispädagogik zu arbeiten.”

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„All die kleinen Szenen, Begegnungen und Selbstdarstellungen des Publikums erinnern mich an Filme von Federico Fellini (1920-1993). Die ganze Kleidungsästhetik der Besucher ist später Fellini. Die Paletten sind Fellini, die alten Sofas, die ewige Sonne, die Gespräche, die Musik, das Herumstreunen und Herumschleichen – alles Fellini!“ [Autor Hanns-Josef Ortheil, 65; Gründer des Hildesheimer Studiengangs Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus]

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„Wir gehen durch, wir gehen ins Foyer, zur Veranstaltungstabelle, zum Kiosk, durch den Flur zur Mensa. Die Lesung hat noch nicht angefangen.“

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„Wir gehen raus auf den Schulhof. Wir gehen hoch, wir gehen in den Litroom. Wir gehen durch. Wir gehen auf den Schulhof. Diesmal andersrum. Wir gehen zur Mensa.”

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„2014 feiern wir PROSANOVA in einer leerstehenden Schule. In einer Schule, denke ich, ausgerechnet in einer Schule und schon denke ich Foucault, denke Überwachen und Strafen.“

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“Wir erfahren: in der Hauptschule am Alten Markt sind die ersten Mobbing-Videos Deutschlands entstanden.“

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„In dieser Schule wird getrunken, gefeiert und gevögelt werden. Die unsportlichen Bücherwürmer von früher haben sich zu Organisatoren der Maßlosigkeit entpuppt. […] Es geht darum, Jungautoren so sehr abzufüllen, dass man ihnen die Haare beim Kotzen halten wird.“

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„Marina und ich haben berechnet, dass wir ungefähr 10.000 Klopapierrollen bei Metro kaufen müssen, Marina will von allen Sachen 1000 kaufen, weil sie 1000 liebt.“

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„Wir arbeiten per Hotspot, weil der Techniker von der Telekom, der uns am Mittwoch das Internet bringen sollte, am Festivalgelände kein Klingelschild mit ‚BELLA triste‘ gefunden hat.“

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“Ich sehe zukünftigen Bachmannpreisträgern beim Aufbau einer Bühne zu.”

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„Auf wen oder was freust du dich am meisten?“ – „Tilman Rammstedt. Ich hoffe, ich darf ihn vom Bahnhof abholen.“

 

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“Ich nicke Thomas Klupp zu, ich grinse Helene Bukowski an, ich nicke Benjamin Quaderer zu, ich zwinkere Fiona Sironic zu, ich nicke Stefan Vidovic zu, ich grüße Florian Stern mit Handschlag, ich nicke ihm zu, ich lächle Katrin Zimmermann an, ich schlage mit Alina Rohrer ein, ich winke Fabian Hischmann zu, ich winke ab, ich schüttele den Kopf, ich lasse ihn hängen, ich nicke Ferdinand Schmalz zu.”

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“Auf einer der Holzbänke ist eine Frau ganz in einen E-Book-Reader versunken. Ich glaube, sie ist die erste Person, die ich auf PROSANOVA abseits der Bühnen lesen sehe.”

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„Dass so viele Ehemalige da sind, ist der beste Beweis dafür, dass die Hildesheimer Literatenschule keine bloße Schule ist. Sie ist eine Atmosphäre, eine biografische Heimat, eine Zeit- und Raum-Insel von großer Schönheit.“ [Ortheil]

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„Kai sagt, die alte Intimität sei wieder da, die Intimität von PROSANOVA 2005. Lagerfeuer, dicht zusammen sitzen, horchen und flüstern“

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Komme ich mit dem, was hier geboten wird, irgendwie zurecht oder weiter?, fragen sich die Alumni. „Einige genießen auch die Nostalgie der Rückkehr. Für sie ist Hildesheim jetzt eine leicht berührende Erinnerungsarbeit.“ [Ortheil]

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„Seit über zehn Jahren sind Paul Brodowsky, Thomas Klupp und Claudius Nießen der Schreibschule treu. Thomas umschifft elegant die unangenehmen Themen (Kesslerdebatte, Konkurrenzdruck, Vetternwirtschaft), er strahlt ins Publikum: Schreibschule, das sind warme, vereinende Strahlen der Liebe.“

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„Weil doch derzeit nichts Schwachsinnigeres und Dümmeres in unseren Feuilletons grassiert als die Schreibschulverdammnis: Unrecherchiert. Phrasenhaft. Reiner Feuilletonmüll. Und leider stimmt auch in der Polemik unseres geliebten Flo Kessler, den Hildesheim aufgezogen, genährt und gepäppelt hat (bis es ihm zuviel werden musste und er das Zuviel ausgekotzt hat) kaum etwas.“ [Ortheil]

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„Leif Randt liest von einem Planeten und der Universität dort, und lässt wie gewohnt alles in der Schwebe“

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„Jeder ist eingeladen, aber nur ganz bestimmte Leute kommen dann auch.“ [Ortheil]

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„Christian Kracht kommt dieses Mal nicht zu PROSANOVA, weil er in Afrika wohnt“

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“Talent ist Verpflichtung.” [Ortheil]

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Seit 2005 findet PROSANOVA alle drei Jahre statt:

2005 war ich Student und Praktikant, 2008 Mitglied der Künstlerischen Leitung, 2011 zum ersten Mal seit drei Jahren als Besucher zurück in der Stadt, 2014 moderierte ich ein Gespräch mit Kathrin Passig.

Auch 2017 bin ich da, und schreibe/blogge u.a. für die Festival-Dokumentation.

Nach jedem PROSANOVA-Festival erscheint ein Buch mit Snapshots, Szenen, Poetik- und Journalismus-Texten. Alle obigen Zitate sind nicht von mir, sondern von Imke Bachmann, Ronja von Rönne, Florian Stern, Michael Wolf und Juli Zucker, erschienen in “Prosanova 4. Ein Kommentar”, herausgegeben von Florian Stern und Hanns-Josef Ortheil, Edition Paechterhaus, 2015. Hier bestellen.

Leseprobe: Link

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Video von mir, zur Arbeit an PROSANOVA 2008:

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Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus: die besten Bücher aus der “Schreibschule” Hildesheim

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Von 2003 bis 2008 studierte ich Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim:

eine trostlose Stadt – aber ein gutes Studium.

Pro Jahr bestehen 10 bis 15 Studierende die Aufnahmeprüfung und kommen – oft direkt nach dem Abitur – in die Stadt. Etwa fünf Jahre später schreiben sie eine Abschlussarbeit: manchmal ein wissenschaftlicher oder journalistischer Text. In vielen Fällen aber: ein Debütroman. Viele dieser Titel werden später in Verlagen veröffentlicht – und ich lese vier, fünf von ihnen pro Jahr.

ab.hier.kultur, das Alumni-Netzwerk des Hildesheimer Fachbereichs Kulturwissenschaften, bat mich im Sommer 2016, persönliche Favorien und Empfehlungen auszusprechen: Bücher von (Ex-)Kommilitoninnen, die ich mochte und empfehlen kann. Die Texte erschienen in “Kultur 16!”, der Zeitschrift des Netzwerks. [Ein anderer Artikel von mir, ebenfalls fürs Netzwerk, von 2013: Link.]

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Hildesheimer Namen auf Buchcovern

Seit dem Ende der 90er Jahre sind über 50 Bücher von jungen Autorinnen und Autoren, die in Hildesheim studiert haben, in großen Verlagen erschienen. Literaturkritiker Stefan Mesch stellt fünf persönliche Favoriten vor.

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Nora Wicke: „Vierstromland“.

Roman, 320 Seiten, Müry Salzmann 2014.

Ein solcher Tonfall, ein solches Thema misslingt fast immer: Eliza zieht nach Berlin. Bisher lebte sie mit ihrer großen Schwester in einem Internat bei Amsterdam, ihre Mutter hat eine junge Geliebte in Paris, ihr Vater eine neue Frau und weitere Kinder. Zwei ältere Zwillingsbrüder leben in Rumänien, bei den Großeltern. Nora Wicke lässt eine heimatlose Frau aus einer oft abweisenden, verstreuten Großfamilie mit serbischen, rumänischen und deutschen Wurzeln durch Europa reisen, jahrelang: Nebenjobs, Kälte, vorsichtige Briefe und Annäherungen. Ein leiser, melodischer, manchmal schleppender Roman über Europa – schwermütig, klug, fast nie kitschig.

Buch bei Goodreads (Link)

Vierstromland

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Sabrina Janesch: „Tango für einen Hund“.

Roman, 303 Seiten, Berlin Verlag 2014.

Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ blieb mir lange im Gedächtnis – auch, weil so viele Szenen, Einzelteile wie spitzes, ungeschliffenes Metall aus den Kapiteln stechen. „Tango für einen Hund“ ist ein glatteres, schnittigeres Buch – etwas seichter und weniger markant. Doch dafür so stimmig und professionell wie nichts anderes, das ich von Hildesheimern kenne: ein prima Jugendbuch, charmante Unterhaltung, ein wunderbar rundes Ding! Es geht um Weichei Ernesto, der seine Sommerferien in der Lüneburger Heide verschwendet, bis sein etwas dementer, energischer Onkel aus Argentinien einen Roadtrip durch die Pampa Niedersachsens anzettelt. Warmherzig, witzig, mit überzeugendem Ich-Erzähler. Und, versprochen: keine „Tschick“-Kopie.

Buch bei Goodreads (Link)

Tango für einen Hund

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Jan Fischer: „Ready. Wie ich mit digitalen Spielen erwachsen wurde“.

Autobiografisches Essay, 52 Seiten, Hanser 2016. [nur als E-Book]

Jan gehört zu meinen besten Freunden. Doch richtig nah kommen wir uns selten: Er traut sich als Kulturjournalist oft an die schwersten oder absurdesten Themen. Nur über eigene Ängste spricht er kaum. Wie großartig, dass ausgerechnet hier – in einem 50-Seiten-E-Book über die Mainstream-PC- und Videospiele der 80er, 90er, 00er Jahre – kluge Erinnerungen und Emotionen so viel Raum einnehmen: Jan schreibt, was ihn als Kind an Spielen reizte. Wie sie helfen. Womit sie faszinieren. Experten und Hardcore-Gamer werden Vieles kennen. An einigen Stellen: zu viel Pathos. Doch selbst, wer kein Interesse an Spielen hat, liest Jans Erinnerungen mit Gewinn: kulturwissenschaftliche Beobachtungen – leidenschaftlich, nah, verständlich.

Buch bei Goodreads (Link)

Ready

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Anne Köhler: „Nichts werden macht auch viel Arbeit. Mein Leben in Nebenjobs“.

Autobiografische Kolumen, 144 Seiten, Dumont 2010.

2015 veröffentlichte Anne Köhler einen Roman über eine junge, unglückliche Köchin in Hildesheim – der mich sehr langweilte: Mir war diese Hauptfigur zu zweifelnd, fade, flau. Besonders, weil Annes erstes Buch (2010) eine geisteiche, komplexe, viel liebenswertere Heldin hatte: Anne Köhler! Für jetzt.de schrieb Anne eine Kolumne über alle Nebenjobs, Praktika und bezahlten Projekte ihres Lebens. Wie viele Hildesheimer hatte sie Angst, alles nur oberflächlich zu wissen, zu wenig richtig zu beherrschen. Ihre Textsammlung hinterfragt diese Angst, bleibt aktuell, macht Mut – und empfiehlt sich besonders als Geschenk für Eltern oder Freunde, die nur geradere Lebenswege und Karrieren kennen. Leichte Texte. Schlaue Thesen!

Buch bei Goodreads (Link)

Nichts werden macht auch viel Arbeit : Mein Leben in Nebenjobs

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Funny van Money: „This is Niedersachsen und nicht Las Vegas, Honey. Auf Tabledance-Tour durch die Republik“.

Autobiografisches Sachbuch, 224 Seiten, Hanser Berlin 2012.

(Taschenbuch-Ausgabe 2014 bei Piper, mit neuem Titel: „Wie ich auszog, mich auszuziehen“.)

Um ihr Hildesheimer Kuwi-Studium zu finanzieren, tanzt Funny in einer Rotlicht-Bar in Hannover, nackt. Danach macht sie Diplom – mit einer kulturwissenschaftlichen, feministischen Selbstbeobachtung ihrer Rolle als Pole-Dance-Girl. Wer Spaß- und Comedy-Kolumnen sucht, wird hier enttäuscht: Funny schreibt auf hohem Niveau, häuft akademische Konzepte und Anglizismen. Stellenweise formuliert sie nerdy und verblasen wie ein Gender-Experte in der Spex. Trotzdem ist ihr Experiment so interessant, ihre Beobachtungen so originell, überraschend, kritisch, dass ich das Buch dauernd verschenken will. An jeden, der bei Sex-Workern nur an dümmliche Opfer denkt. Und bei Hildesheim nur an Bürgerlichkeit und Anpassung.

Buch bei Goodreads (Link)

This is Niedersachsen und nicht Las Vegas, Honey

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[Ich mochte auch Juan Guses “Lärm und Wälder” und Leif Randts “Schimmernder Dunst über CobyCounty”]

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Stefan Mesch, geboren 1983 bei Heidelberg, studierte von 2003 bis 2008 Kreatives Schreiben in Hildesheim. Er lebt und arbeitet als Autor und freier Journalist für u.a. Deutschlandradio Kultur und ZEIT Online in Berlin und schreibt an seinem ersten Roman, „Zimmer voller Freunde“.

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PROSANOVA Literaturfestival 2014, Hildesheim: Stimmen der Presse

Alle drei Jahre findet in Hildesheim PROSANOVA statt (Website), das Festival für junge deutschsprachige Literatur.

2011, als einen der ersten Beiträge in meinem Blogs, sammelte ich die Stimmen der Presse in einem Eintrag (Link).


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2014 schrieb ich einen kurzen Text über die Festivals 2005, 2008, 2011 und das Immer-wieder-neu-nach-Hildesheim-Kommen für die PROSANOVA-Festivalzeitung (Link):

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Hier gesammelt: die wichtigsten Pressestimmen zu PROSANOVA 2014 (29. Mai bis 1. Juni 2014, Hauptschule Alter Markt, Hildesheim).

1) “Hildesheim strotzt vor Selbstbewusstsein. Es hat dem deutschen Literaturinstitut in Leipzig den Ruf des etwas rebellischeren, angekratzten, dynamischeren voraus. Die Prosanova findet alle drei Jahre statt, weswegen die Veranstalter jede Menge Zeit haben, ein wundervolles Programm, eine wundervolle Atmosphäre zu erschaffen.”: Hannah Lühmann, ZEIT Online, “Wo sind hier die Germanistikhäschen?”

2) “Das Social Reading ist eindeutig einer der Höhepunkte des Festivals. Auch die Autoren scheinen sich in ihrer Doppelrolle als Autor und Lektor total wohl zu fühlen.”: Simone Schlosser, Deutschlandfunk, “Alles ist Literatur – oder eben auch nicht”

3) “Hier, im kleinen Biotop, wird nach allen Regeln der Kunst das literarische Feld beackert. “Der Literaturbetrieb ist auch irgendwie ein Schlangennest”, sagte Ina Hartwig, ihres Zeichens freie Literaturkritikerin. Ist hingegen das Festival, die Schreibschulen, das mit Watte ausstaffierte Versuchslabor, “die Simulation von Literaturbetrieb” nur die kuschelige Komfortzone des giftigen Betriebs?”: Nadine Hemgesberg, Die Welt: “Ein Schlangennest, in dem man kuscheln kann”

4) PROSANOVA-Tagebuch auf litaffin.de, von Johannes Spengler u.a.:

5) “Im Innenhof der ehemaligen Hauptschule (Alter Markt 70), einem Schuklassen-Oberstufenraum-Party-Lounge-Traum – Sofas, Sessel, Stühle, Polster, Tischtennisplatten, überall was zum Sitzen, rumlungern, liegen eben – […] Zwanglosigkeit meets Literatur.” Sylvia Kokot, Literatur und Feuilleton: “Prosanova also! Hildesheim also!”

6) Fotos “Später natürlich mehr darüber, wie Clemens Meyer eines Nachts eine Maus in seinem Bett fand, die somalische Piraterie und wie Jo Lendle, Annika Reich und Jan Brandt ihre Texte gegenseitig Korrektur lesen.”: “Erste Eindrücke aus Hildesheim”: Mara Giese im Buzzaldrin-Blog [noch weitere Beiträge kommen / folgen]

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7) zu Florian Kessler, Ina Hartwig und Georg Dietz: “…weil es hier um etwas anderes geht als um die Würdigung zweier Kritiker: Nämlich um die Frage nicht nach der Notwendigkeit der Kritik, sondern nach idealtypischen Ausdrucksformen der Kritik. Wie soll Kritik sein? Bitte hören Sie hin & entscheiden Sie selbst.” Oskar Piegsa auf achtmilliarden.com: “Wie soll Kritik sein?”

8) “Ein völlig größenwahnsinniges Unterfangen also, das überhaupt nur möglich ist, weil diese Studierenden dafür monatelang ihr Studium vernachlässigen oder ganz aussetzen, sich die Sache zu eigen machen, in ihr aufgehen. Wer die nötige Aufopferungsbereitschaft für den Größenwahn nicht schon mitbringt, wird vor Ort von den anderen angesteckt. Schon nach wenigen Monaten in Hildesheim konnte ich mir kaum noch vorstellen, dass dieser Ort und die Dinge, die wir dort taten, etwas anderes sein könnten als der glühende Mittelpunkt der Welt. Die Illusion ist perfekt: Weil die Stadt nichts hergibt, machen sich die Studierenden den kompletten Kulturbetrieb selbst. Eigenes Theater, eigene Filme, eigene Lesungen, eigene Kunst – und immer mit dem Blick nach vorn.” grandioser Text von Viktor Kümel, Mitglied der künstlerischen Leitung von PROSANOVA 2011, auf dem Open-Mike-Blog: “Aus der Mitte meines Brustkorbs”

9) “Aber: Es gibt diesen Moment natürlich nicht, in dem eine Schule aufhört, eine Schule, oder ein Festivalgelände anfängt, ein Festivalgelände zu sein. Was wir machen, ist lediglich, die Lesart zu ändern, Dinge so zu verschieben, dass man darin neue Strukturen erkennen könnte […]. Eine Schule ist ein Ort, an dem man rechnet und heimlich raucht. Ein Festivalgelände ist ein Ort, an dem man sich volllaufen lässt und unbehelligt raucht.” Juan Guse, Mitglied der künstlerischen Leitung von PROSANOVA 2014, im Logbuch Suhrkamp: “Gespräche mit Holz”

10) “Einige Zuschauer weinten während der Performance, andere, besonders Freunde von mir, ertrugen den Anblick nicht und verließen sie vorzeitig. Manche hatten Angst vor meiner Nacktheit. Manche kicherten. Manche flüsterten über meine Brüste, manche über meine Narben oder meine unrasierten Beine und andere über die Bekenntnisse an der Wäscheleine. Sie hatten alle Recht: Es ging sowohl um meine Brüste, als auch um meine Narben, meine unrasierten Beine und die Bekenntnisse an der Wäscheleine.” Sirka Elspaß auf Tumblr über ihre Literatur-Performance “An Artist Should Not Lie To Himself Or Others”: “Kein Abstand, keine Umarmung. Rückblick: Performance”

Video von S. Fischer Hundertvierzehn / “Fragen wie Fichte”: “Auf dem PROSANOVA-Festival in Hildesheim haben wir sieben Autoren vor die Kamera gelockt und ihnen Fragen wie Fichte gestellt: Jan Brandt, Antje Rávic Strubel, Thomas Klupp, Benedict Wells, Martin Kordic, Annika Reich, Ferdinand Schmalz.”

11) “Der oberflächliche Blick auf das Soziotop, das sich zum vierten Hildesheimer Schreibschulliteraturfestival Prosanova versammelte […]: sehr weiß, sehr mittelschicht, sehr lässig postmaterialistisch gekleidet im Ulf-Poschardt-Herzkaschper-Stil. […] An der Festivalfrittenbude keine Fritten, sondern Chili sin carne. Umgangsformen: rempeliges Hier-komm-ich auf den Gängen, ansonsten gepflegt.” Ekkehard Knörer im Merkur – deutsche Zeitschrift für europäisches Denken: “Et in Hildesheim ego: Prosanova 14”

12) “Erst im Nachhinein ist mir aufgefallen, wie nebensächlich es bei diesen Begegnungen wurde, ob jemand nun Romane, Gedichte oder Theaterstücke schreibt, Graphic Novels oder Songs, ob sie veröffentlicht sind oder nicht und in welcher Form, wie unhierarchisch das alles nebeneinander stand. Diese ganzen Kategorien und Eckdaten, sogar die biografischen, spielten kaum eine Rolle, in den seltensten Fällen wurde überhaupt anmoderiert, vorgestellt, eingeordnet, legitimiert. Das brauchte es gar nicht, die Autorinnen und Autoren waren einfach da: dort, wo sie sich selbst hingestellt hatten, ausgestattet mit den Waffen, die sie selbst frei gewählt hatten; sie sprachen für sich. Und man kann diese abenteuerliche Missachtung der Etikette nachlässig oder unhöflich finden, aber ich behaupte, dass sich gerade an solchen, vermeintlich unprofessionellen Stellen die ganze idealistische Radikalität zeigt, mit der dieses Festival seine eigenen Maßstäbe entwickelt […]” Victor Kümels Festival-Fazit auf dem Open-Mike-Blog: “PROSANOVA 14: Literatur als Körperwissen”

13) “Die Ausstrahlung über die eigenen Kreise hinaus dürfte sehr gering geblieben sein. […] Bei den Eröffnungsreden fiel zwar immer wieder das Wort «Dringlichkeit». Dringlich wurde es jedoch nur, als Wolfram Lotz über Piraterie in Somalia und die Absurdität des Hamburger Piratenprozesses sprach. Im Übrigen drehte sich alles eher um die Frage, «wie wir leben wollen». Das Gespräch ging kaum über die privaten Lebensentwürfe hinaus. Gemeint waren mit dem «Wir» die Schreibenden selbst, vielleicht noch die Schreibschüler im Publikum. Es scheint, als sei es für angehende Autorinnen und Autoren wichtiger, herauszufinden, wie man als Schriftsteller leben muss, als was in der Welt gerade geschieht.” Fabian Schwitter in der NZZ, “Das Literaturfestival Prosanova: Keine neuen Töne”

14) “PROSANOVA gehört für mich zu den Phänomenen, die man selbst erlebt haben muss. Zu den Phänomenen, die sich für Menschen, die nicht dabei gewesen sind, nur schwer beschreiben lassen. Als Literaturfestival lebt es natürlich vor allen Dingen von der Literatur, darüber hinaus hat es aber auch eine ganz besondere literarische Atmosphäre. Ich habe mich ein wenig gefühlt wie auf Klassenfahrt, überall traf ich auf Menschen, die eine ähnliche Begeisterung, Liebe, Obsession für Literatur haben, wie ich. Plötzlich habe ich mich nicht mehr wie ein seltsamer Literatur-Nerd gefühlt, sondern wie ein Teil eines Ganzen – aufgehoben, angekommen. Vielleicht war dieses Gefühl mein wahres PROSANOVA-Highlight” Mara Giese in ihrem Blog, buzzaldrins.com, “PROSANOVA: Eine Feier der Literatur”

15) 14) “Letztes Wochenende war PROSANOVA. Mein erstes Mal. Man bekommt dort eine Autorentasche mit weissen Mäusen und Schaumerdbeeren. Und eine großartige Lesung nach der anderen. Jan Brandt, Jo Lendle und ich haben zusammen ein neues Lesungsformat ausprobiert: #brandtlendlereich Social Reading.  Die Texte erschienen hinter uns auf einer Leinwand. Die Kommentare wurden eingeblendet und vorgelesen. Ich würde damit sofort auf Tour gehen […]” Annika Reich in ihrem Blog, “Prosanova”

16) “Es ging in den letzten Monaten immer wieder um drängende Erfahrungen, Unzulänglichkeiten und Relevanzfragen der Gegenwartsliteratur. Nichts könnte nach diesem Festival der Wahrheit ferner liegen. Was hier zu sehen war, muss nicht gegen eine Wirklichkeit bestehen, die es zu übertrumpfen gilt. Die Gegenwartsliteratur muss sich nicht einmal zu etwas bekennen. Sie ist, soviel ist nach diesen vier Tagen klar, selbst schon längst ein Teil der Wirklichkeit, und es ist bereichernd ihr zuzuhören, wenn sie deklamiert, flüstert oder laut nachdenkt.” Fabian Thomas und Ferdinand Schmalz [2 Texte], gemeinsam auf S. Fischer Hundertvierzehn: “PROSANOVA – was bleibt”

17) “Die Comic-Lesung Emotions can be expressed by the shape of a balloon ist sehr lustig und schön und ich will mir Aisha Franz’ Comic über die Agenten-Hündin Brigitte kaufen. Wir kaufen 2 Flaschen Rotwein, nach der ersten merken wir noch gar nichts, wir sagen „Morgen kaufen wir 3 Flaschen, oder 4 oder 5!“. Später Drama, so ein Drama, das eben kommt, wenn man Rotwein trinkt. Ich hab das Gefühl, jeder, auf den ich zu tanzen, tanzt vor mir weg. Die Musik finden wir alle doof. Warum wir trotzdem erst um 5 im Zelt sind, kann ich mir nicht erklären.” Sandra, Studentin am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, führte auf zersaugt.blogspot.de: “Prosanova: ein Festival-Tagebuch”

…über mein PROSANOVA-Gespräch mit Kathrin Passig schreibt Sandra: 

Wir sind viele, das Gespräch zwischen Stefan Mesch und Kathrin Passig ist sehr nett und interessant. Und Stefan Mesch sollte man wohl wirklich auf Facebook folgen.”

vielen Dank!

Ekkehard Knörer schreibt zu meinem Gespräch und meinen Texten:

“Einen schönen Stunt gab es am Freitag: Kathrin Passig und Dirk von Gehlen sprechen über das Digitale und die Literatur. So war das angekündigt. Auf der Bühne aber alles verkehrt. Kathrin Passig mit einem riesigen Namensschild “Dirk von Gehlen” um den Hals. Dirk von Gehlen trägt das Namensschild “Kathrin Passig”. Sie vertreten des jeweils anderen Positionen und ziehen das ziemlich souverän durch. Es kommt allerdings so erheiternd wie erschwerend hinzu, dass Kathrin Passig (als Dirk von Gehlen) zwar Kathrin Passig ist, aber Dirk von Gehlen (als Kathrin Passig) ist nicht Dirk von Gehlen. Dargestellt wird er nämlich von Stefan Mesch, einem Hildesheim-Absolventen. Er ist einer, der die Sache mit der Literatur außerordentlich ernst nimmt. Seit Jahren schreibt er an seinem ersten Roman, er soll im Sommer 2015 fertig sein. Es gibt auch ein Blog. Stefan Mesch liebt die Liste, das Durchnummerieren. Im Irgendwas mit Schreiben-Band hat er ein 100-Punkte-Manifest in eigener Sache verfasst. Ein ziemlich toller Text, schonungslos, nicht auf einen Nenner zu bringen, offen, peinlich, ehrlich, narzisstisch, nicht auszurechnen. In Paragraph 18 bringt er die Schreibschulsache in subjektiver Richtigkeit auf den Punkt:

“Ich will nicht wissen, ob viele Texte/Kurzgeschichten, die ich in Hildesheim diskutierte und verbessern half, die allerletzten Geschichten waren, die meine Freunde schrieben. ‘Höchstens drei von euch machen später mit Romanen Karriere’, klärte Hanns-Josef Ortheil schon in Woche 1. Wir waren 14 Anfänger – und schreiben heute, zehn Jahre später, fast alle noch in irgend einer Form. Doch ‘Roman-Autor(in), veröffentlicht’ dürfen sich tatsächlich nur Kai und Nora nennen, bisher. Für mich war Hildesheim eine Schreib- und Lebensverhinderungsanstalt. ‘Durchlässig wie Badeschaum’? ‘Offene Türen’?! Oft half über Monate nur grimmiges Weiterschreiben – während Freunde heulten und den Kübler-Ross-Phasen des Aufgebens folgten wie in jeder anderen Casting- und Reality-Show, ihre Romanversuche löschten, Nischen der Kultur-Vermittlung suchten, die schneller Lob oder besser Bezahlung brachten. (Dass bei diesem Ausharren, Weiterschreiben, Sich-Nicht-Beirren-Lassen auch reiche Eltern oder ein Arztsohn-Ego helfen – klar!)”

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…more to come (Süddeutsche Zeitung bisher nur in der Printausgabe!)

  • über 60 Fotos von mir (Link)
  • über 120 Fotos von Veronika Kaiser, Johanna Baschke und Marco Müller (Link)
  • fast alle Lesungen als Podcast / zum Nachhören bei Litradio.net (Link)

Mein Video zu Prosanova 2008 [ich war damals Teil der Künstlerischen Leitung]:

Stephan Porombka: 100 Fragen

stp titel - Bildrechte bei Stephan Porombka

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Ende 2013 postete ich, dass ich zwei wichtige persönliche Texte fertig habe:

Text 1 war mein Interview mit Maximilian Mosher über die Geldprobleme, Ängste, Schwierigkeiten als freier Kulturjournalist (Link).

Text 2 war eine Überraschung – die ich erst jetzt noch einmal teilen / bloggen kann:

Von 2003 bis 2008 lebte ich in Hildesheim. Studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus. Und lernte bei / schrieb für / arbeitete mit einem der besten und radikalsten Dozenten jenseits von Hogwarts:

Stephan Porombka (Details) war von 2003 bis 2013 Professor für Literaturwissenschaft und Kulturjournalismus.

Ich besuchte…

  • Ethnographisches Schreiben (SS 2007/08)
  • Literaturtheorie (WS 2006/07)
  • Literatur und Arbeitswelt (SS 2006)
  • Schreiben für lit-radio/lit05 (SS 2005/06)
  • Das erzählende Sachbuch (SS 2005)
  • Kultur, Literatur, Journalismus. (WS 2004/05)
  • Autobiographie (WS 2004/05)
  • Literatur und Radio (SS 2004)
  • Jetztzeit. Einführung in die Kulturwissenschaften (WS 2003/04)
  • Kriminalliteratur (WS 2003/04)
  • Einführung in den Kulturjournalismus (WS 2003/04)

…und arbeitete an zahllosen studentischen Buch-, Verlags-, Radio- und Netzprojekten.

Seit Sommersemester 2013 lehrt Stephan als Professor für Texttheorie und Textgestaltung an der UdK Berlin (Link)… und nach Abschied aus Hildesheim starteten Freunde, Ex-Studierende und Kollegen ein kleines Buchprojekt mit persönlichen Abschieds- und Erinnerungstexten.

Ich selbst schrieb im Oktober 2013 den folgenden Text – fast eine Woche lang, in New York: nostalgisch, euphorisch, nervös.

Stephan ist der Lehrende, der mir am meisten beibrachte. Und dessen Haltung als Denker / Schreibender / Akademiker und Netz-Jetztzeit-Gegenwarts-Beobachter mir plausibler wurde / näher kam als die jedes anderen deutschen Journalisten.

Viele sagen: Stephan Porombka ist das Beste, das Twitter zu bieten hat.

Für mich ist dieser Twitter-stp noch der langweiligste Teil.

Obwohl: die Selfies sind toll. Und die habe ich – zur Illustration dieses Blog-Posts – auch reichlich geklaut. Also: alle Bildrechte aller hier geposteten Fotos liegen weiterhin bei Stephan Porombka.

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stp 01 - Bildrechte bei Stephan Porombka

Lieber Stephan,

001 Wann wurdest du zuletzt bedroht, beleidigt oder ausgelacht?

002 Wofür würdest du gerne gelobt oder bewundert werden?

003 Wenn du als Gauner, Ganove leben müsstest – welche Sorte Verbrechen wäre dein Tagesgeschäft?

004 Sind Schuhe das Kleidungsstück, bei dem du dir am meisten Mühe gibst?

005 In welchem Alter hast du dein erstes Tattoo stechen lassen: erst Ende 30, Anfang 40?

006 Verkleidest du dich gern? Was war das aufwändigste Kostüm, das du je trugst?

007 Gibt es wichtige platonische Frauen in deinem Leben?

008 Wo hast du Selbstironie gelernt?

009 Reißt du absichtlich die Augen auf, sobald man dir Fragen stellt / du angestrengt zuhörst?

010 Du wurdest 1967 geboren, in Salzgitter. Wann klafften Zeitgeist und dein eigenes Leben am weitesten auseinander…? Welches dieser 45, 46 Jahre passte bisher am wenigsten zu dir?

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stp 02 - Bildrechte Stephan Porombka
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011 Hast du Brüder oder Schwestern? Ich wäre überrascht, falls es eine große, prägende Porombka-Sippe gibt.

012 Was mich sonst wundern würde: Du spielst ein Instrument. Du opferst Zeit für Videospiele. Du kochst gerne und ambitioniert. Du hast ein Herz für Katzen, Pflanzen, Fische. Du unterhältst dich lebhaft mit älteren Frauen. Du bist Fan einer Sportmannschaft, gläubig oder in gemeinnützigen Vereinen aktiv.

013 Warum fährst du kein Auto?

014 Tanzt du? Ich sehe dich als energischen, zu konzentrierten Tänzer.

015 Hast du vor Jahren auf Facebook ein Foto geteilt, das dich bei der Partnerwahl einer Tanzschule zeigt? Falls ja: Hast du als Schüler einen Tanzkurs, aber keinen Führerschein gemacht? Wozu?

016 Welchem Menschen bist du am meisten schuldig?

017 Wer ist dir ebenbürtig und kann dich gut verstehen?

018 Du hast zu Schulzeiten einen Band Gedichte veröffentlicht, „Eisblock“. Wann hast du aufgehört, Gedichte zu schreiben? Hast du erreicht, was du mit ihnen erreichen wolltest?

019 Wolltest du Gedichte schreiben – oder Dichter sein?

020 Gibt es Trends oder Haltungen aus deiner Kindheit, die heute verkümmert sind, dir fehlen? Lebst du in einer fundamental anderen Zukunft, als du als Jugendlicher hofftest?

stp 03 - Bildrechte Stephan Porombka.

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021 Hast du eine große, enttäuschte Liebe oder aufgehört, Fan eines Regisseurs, Künstlers, Autors zu sein?

022 Du stehst mit Popper-Frisur und hochnervösem Blick circa neunzehnjährig auf dem Cover eines Nostalgie-Buchs namens „Bohlweg-Zeiten – Die 80er in Braunschweig“. („Es war eine großartige Zeit. Braunschweig war groß genug, einer Jugend alles zu bieten. Und klein genug, dass man alles, auch das ganze seltsame Zeug, wirklich mitnehmen konnte.“) Wie bist du auf das Buch geraten? Falls diese Phase deines Lebens ein Buch wert war – warum haben es andere geschrieben, nicht du?

023 Wann hast du eine Psychoanalyse begonnen? Was hast du dir davon erhofft?

024 Hättest du gerne an einer Schreibschule wie Hildesheim studiert?

025 Als Erwachsener hast du Slam-Poetry, literarische Performances, Video-Slams gemacht; 2002 warst du als Nachwuchsautor beim Klagenfurter Literaturkurs. Hast du seitdem literarisch gearbeitet? Kommt da noch was?

026 Liegst du seit 35 Jahren abends mit einem Buch im Bett?

027 Liest du Bücher noch langsam und komplett – oder springst du hin und her, brichst ab, suchst Perlen?

028 Wie wichtig sind dir Raubkopien?

029 Wie hat dich das Internet verändert?

030 Wie hat es dir geschadet?

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031 Passen deine Geschwindigkeit, die Geschwindigkeit deines Berufs und das Tempo, mit der sich die Gesellschaft deinen Themen und Vorlieben nähert (oder, öfter: sich von ihnen entfernt) zusammen?

032 Du hast Germanistik, Theaterwissenschaft und Politikwissenschaften an der Berliner FU studiert. Wie gelangweilt, frustriert, wie fehl am Platz, allein und unterfordert warst du an dieser Uni?

033 Als Nebenjob hast du Deutschkurse geleitet, für Migranten. Wie humorvoll, charmant, wie überdreht, verspielt, motiviert warst du vor diesem Publikum?

034 1999 hast du über Hypertext promoviert. Anfang der 90er, für kurze Zeit, wurden solche Textformen von allen Seiten beachtet und bestaunt. Später kuckte man auf sie zurück wie auf Marusha, Bauchnabelpiercings oder das Wort „Datenautobahn“: Einerseits bist du Experte für diese frühe (literarische) Aufbruchs-Euphorie im Netz. Andererseits schien es später, als hättest du auf eine falsche Karte gesetzt, in Sackgassen geforscht, Knallfrösche gejagt. Und heute? Lohnt sich der Blick zurück? Waren Hypertexte prägend? Willst du das alles nochmal aufarbeiten, mit uns teilen?

035 Hältst du deinen Beruf für wichtig?

036 Was denkt deine acht- oder neunjährige Tochter über deine Arbeit?

037 Wie reagierst du, falls sie in zehn Jahren sagt: „Ich möchte irgendwas mit Kultur machen. Einfach irgendwas! Am besten, ich probiere mich an einer verschlafenen Uni wie Hildesheim ein paar Semester lang aus…“?

038 Bis vor zehn Jahren hast du an der Berliner Humboldt-Universität gelehrt. Als Juniorprofessor im Herbst 2003, in meinem ersten / deinem zweiten Hildesheimer Semester, hast du ein Seminar über Krimis geleitet; 2005 ein Seminar über Autobiografien. Interessieren dich Krimis? Autobiografien? Oder interessiert dich, die Regelhaftigkeit und Kniffe verschiedener Formen aufzuschlüsseln?

039 Musst du dich oft mit den Eltern von Studenten auseinandersetzen? Fühlst du dich dabei den Eltern oder den Studierenden näher?

040 Sagst du „Studenten“ oder „Studierende“? Werden Feministen wütend, wenn du „Studenten“ sagst?

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041 Ich kenne keinen Moment aus den letzten zehn Jahren, zu dem du Deutschland verlassen hast: Gehörst du hierher? Möchtest du (allein) in diesem Kulturraum schreiben, leben, sterben?

042 Gehörst du nach Berlin? Bist du Berliner? Wenn nicht: Was fehlt dir noch?

043 Andererseits hast du Salzgitter, Braunschweig: Du hast das Magazin der Autostadt Wolfsburg betreut und in Hildesheim absurde Mengen journalistischer Projekte mit lokalem Fokus forciert – Snapshots und Alltagstexte, ganz nah am (profanen) Leben der Stadt. „Hildesheim schön trinken“ über teilnehmende Beobachtungen in Kneipen, die „Fahrtenschreiber“-Protokolle über das Busliniennetz, wöchentliche Powerpoint-Präsentationen mit je 100 Fotos aus dem Straßenbild: Was bedeuten dir die Provinz und ihre kleinen, abgewirtschafteten Städte?

044 Gibt es Glamour in deinem Leben?

045 Warst du schon in dem Alter, das am besten zu dir passt – oder denkst du, es kommt noch?

046 In welchem Alter mochtest du dich am meisten?

047 Wir beide fotografieren uns oft selbst. Ich tue das nicht, weil ich mich mag – sondern, weil ich bei Fotos aus seltsamen Perspektiven oft denke „Oh. Aus DIESEM Winkel geht es, eigentlich…“ Gefällst du dir? Magst du deinen Körper?

048 Zu Beginn meines Studiums hatten deine Vorlesungen oft Show-Einlagen: Kurzfilme, eine Band, Live-Musiker, Verlosungen, Wettbewerbe… Zitate aus Theater oder Samstagabend-TV. Für viele Leute bist du der Professor, der den Moonwalk tanzt und in seiner Antrittsvorlesung „Rhetorik Reloaded“ ein Dutzend Lacher, Pointen platziert. An wem hast du dich dabei orientiert? Wovon hast du gelernt?

049 Was macht einen guten Lehrer aus?

050 Die Leute, die am meisten Angst vor dir hatten oder dich irgendwann hassten, waren Typen, die klare Strukturen wünschten: Wer Regeln wollte, war verwirrt oder verärgert.

051 (Ich selbst wollte keine. Und bin für die „Los: Macht! Sucht eine Richtung – und versucht, so weit / tief wie möglich vorzudringen!“-Freiheit vieler deiner Projekte sehr, sehr dankbar.)

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052 Gibt es Leute, von denen du nicht gemocht oder verstanden werden willst?

053 Gibt es Literaturbetriebs-Gestalten, mit denen du auf Kriegsfuß stehst?

054 Die meisten deiner (universitären) Buch-, Web-, Seminarprojekte haben eine Doppelspitze – du arbeitest mit Annett Gröschner, Steffen Martus, Guido Graf usw., und oft schaffen diese Zweier-Teams eine sympathische Dynamik. Meist herrscht die Aufteilung „guter Bulle / Quatschkopf-Bulle“. Aber: Möchtest du nicht mal NICHT „der Verrückte“ sein?

055 Du exponierst dich stärker als Mathias Mertens – ein oft zurückhaltender, bedachter Hildesheimer Medien-Professor – und führst dich selbst mit großem Genuss und Sarkasmus vor. 2009 begann Mathias, über Performanz beim Luftgitarre-Spielen zu forschen, gründete eine Luftrock-Band und nahm an Deutschland- und Weltmeisterschaften teil. Alle riefen: „Charmant. Wie mutig!“ Hättest du auf solchen Bühnen stehen können, wollen? Ich denke, der Backlash wäre härter gewesen: „Typisch Stephan. Heute also Luftgitarren-Clown. Was will er sich beweisen?“

056 Auf meine Frage, warum du nicht ständig im Fernsehen bist, bei „Kulturzeit“ o.ä., hast du recht karg geantwortet: „Das musst du das Fernsehen fragen, nicht mich.“

057 Andererseits bist du auf dem besten Weg, ein Star auf Twitter zu werden. Mich macht es müde, Tweets zu schreiben, kurze Einwürfe, Wortspiele, Aphorismen. Ich überlege mich dusslig. Du feuerst das so raus: Kommt diese Kurzform deinem Denken, Tempo, Kommunikationsbedürfnis am nächsten?

058 Sind deine Tweets allein für heute, jetzt? Sammelst du sie irgendwo, für ein Projekt – oder sollen sie flüchtig bleiben, verpuffen?

059 Auf deiner Website zitierst du Andy Warhol: „Besorgen Sie sich für jeden Monat einen Karton, werfen Sie dort alles hinein und kleben Sie ihn am Ende des Monats zu. Dann datieren Sie ihn und schicken ihn nach New Jersey rüber. Versuchen Sie, ihn im Auge zu behalten, aber wenn das nicht klappt und er verloren geht, ist das auch okay, denn dann gibt es weniger Sachen, über die Sie nachdenken müssen, und Sie sind eine weitere geistige Bürde los. Ich habe auch mit Schrankkoffern und überzähligen Möbelstücken angefangen, aber dann ging ich auf die Suche nach etwas Besserem, und jetzt tue ich alles in gleich große braune Pappschachteln mit einem farbigen Aufkleber an der Seite für den Monat des betreffenden Jahres.“ Sind Tweets und Facebook-Postings eine Möglichkeit für dich, „geistige Bürden“ auszusondern?

060 Du magst Quantified-Self-Projekte, Self-Tracking, Archive, Zettelkästen; protokollierst deine Bücher öffentlich via Goodreads, deine Songs via Spotify, deine Jogging-Routen via Runtastic. Welche Informationen, Bilder, privaten Standpunkte willst du auf keinen Fall im Internet gefunden wissen?

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061 2011 warst du ein halbes Jahr lang nicht auf Facebook, um (wem… dir selbst?) zu zeigen, dass das klappt. Warum hast du nie einen Text über diese Offline-Zeit geschrieben?

062 Warum schreibst du nicht dauernd Texte – über alle möglichen Medien-Erfahrungen und -Routinen? Dein Lese-Verhalten, dein Buchkauf-Verhalten, deine Sammel- und Archiv-Strategien entsprechen fast nie der Masse: Erklär uns, wie du Bücher findest / Zeitung liest / Bookmarks setzt / Zitate sammelst / Ideen ordnest…!

063 Würdest du auf eine Demonstration gehen? Skandieren?

064 Würdest du anders leben und arbeiten, wenn du kein Geld verdienen müsstest?

065 Würdest du lieber gegen eine Ente kämpfen, die groß ist wie ein Pferd – oder gegen hundert Pferde in Enten-Größe?

066 Die Enten-Frage wurde im Nerd-Forum Reddit diskutiert – und ich bin sicher, dass auch du sie längst gefunden, durchdacht, besprochen, neu verdreht hast: Ist dir dieses kulturelle Voraus-Sein, Bescheidwissen wichtig?

067 Hast du deine Uni-Kollegen und Altersgenossen abgehängt – oder überrumpeln dich Zukunft und Alltag noch genau so oft wie uns?

068 Du bist Experte für das Nächste: die nächsten Schreibformen, die nächsten „Schriftkulturen“. Bist du ein Hahn („Der Tag bricht an! Der Himmel stürzt ein!“) oder eine Eule („Noch ist es Nacht: Macht euch nicht verrückt!“)…?

069 Gibt es Dinge, deren Sterben / Verfall dir grade das Herz bricht?

070 Hast du Angst um die Verlagslandschaft, den Qualitätsjournalismus, die Kunstform Roman, die Künstlersozialkasse, Deutschlands kulturelle Vielfalt, regionale Zeitungen, kleine Buchhandlungen, Literatur-Literatur, Autorenkino, den Bachmannpreis, die Netzneutralität, die freie Theaterszene, die Haptik des guten alten Hardcovers und / oder die Schreib-Zukunft und das finanzielle Auskommen z.B. deiner Ex-Studentin Vea Kaiser, deren Roman „Blasmusikpop“ raubkopiert und von Buch-Piraten zum Download angeboten wird (Vea: „Was ihr hier macht, ist nichts anderes als Diebstahl. Und ihr schämt euch nicht einmal. […] Ist euch bewusst, dass ihr damit die Autoren versklavt?“)…?

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071 Denkst du, es läuft – so generell, im Wesentlichen, in der Kultur?

072 Kannst du dir vorstellen, ein Magazin oder ein Verlags-Imprint zu leiten und es richtig krachen zu lassen?

073 Schaust du mit deiner Tochter hippe All-Ages-Serien wie „Adventure Time“, „My Little Pony“ und „Yo Gabba Gabba“?

074 Fühlst du dich in der Geisteswelt der Weimarer Republik daheim? Salons? Flaneure? „Menschen am Sonntag“? Walter Benjamin? Egon Erwin Kisch?

075 Strengt es dich an, immer neuen Menschen ähnliche Sachen von vorne zu erklären? Wer sind deine idealen Zuhörer: Leute, die bei Null starten – oder Leute, die schon in den Diskursen drin sind? Erstsemester? Alte Hasen? Amateure? Experten?

076 Mit Texten / Büchern erreichst du viel mehr Menschen, als wenn du ein Seminar für 30 oder 40 Studierende gibst: Warum reißt du dir Beine aus – vor einem so kleinen, flüchtigen Kreis?

077 Stört dich, dass viele Uni-Projekte, die du betreut hast, in Kleinverlagen wie Glück & Schiller und der Edition Pächterhaus erschienen sind und schon nach zwei, drei Jahren vergriffen waren? Hatten diese Bücher ihren Zweck, zu ihrer Zeit – oder glaubst du, sie sollten online, als ebook usw. ein zweites Leben führen? Und, im Blick auf diese vielen Hildesheimer Selbstvergewisserungs- und Reflektions-Projekte: War dein Studium ähnlich prägend / aufreibend wie meines?

078 Viele deiner Monografien und eigenständigen Publikationen handeln davon, mit welchen Kniffen Menschen einen bestimmten (falschen) Eindruck erwecken wollen: „Felix Krulls Erben. Die Geschichte der Hochstapelei im 20. Jahrhundert.“ (2001), „Böse Orte. Stätten nationalsozialistischer Selbstdarstellung heute“ (2006). Welche Trickser, Inszenierungen stehen dir näher – die souveränen / erfolgreichen? Oder die gescheiterten?

079 Was ist der Kniff, der Clou, der große Trick an der Persona „Stephan Porombka, Professor für Kulturjournalismus“…?

080 Wenn dir Individualität so wichtig ist – warum fasziniert dich das Leben in Ameisenkollektiven?

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081 Im Frühsommer 2004, im zweiten Semester, fuhren wir nach Berlin, um mit Steffen Martus und Studenten der Humboldt-Universität am Web-Magazin www.lit04.de zu arbeiten. Ich hatte damals Angst, für ein Studium an der „Schreibschule“ Hildesheim viel zu wenig gelesen und verstanden zu haben: Du ludst uns in deine Wohnung, zu Kuchen, Fladenbrot und Hummus – und das größte Zimmer hatte eine fast zehn Meter breite, sehr hohe Altbau-Wand, verstellt von Büchern. Ich war entsetzt, erschlagen. Eingeschüchtert. Große Werkausgaben, Journalismus, Fachliteratur, neue Pop-Romane, ein Spider-Man-Sammelband, „Akira“, alle Sorten Klassiker und Exoten. Zwei Jahre vorher hatte ich Simone de Beauvoirs „Sie kam und blieb“ gelesen – und sogar DAS stand hier, in einem kleinen Bücherschrank, abseits, im Nebenzimmer. „Sie kam und blieb“ ist ein zerquälter, verkopfter, angestrengt psychologischer Roman über eine Künstler-Dreiecksbeziehung. Ich fand ihn toll – aber hätte schon damals fragen sollen: DU liest das? Du liest DAS? Warum dieses Buch? Die anderen 4000 Bücher in deiner Wohnung habe ich verstanden. Dieses eine nicht.

082 In Episode 20 von „Ally McBeal“ übernimmt Richard Fish die Verteidigung eines französischen Bistros, das einen Kellner wegen Heterosexualität gefeuert hat. Richard hält es für sinnvoll, dass Bistros gezielt schwule Kellner anwerben – weil Schwule kultivierter sind: „In ihrer Jugend sitzen sie die ganze Zeit herum und überlegen, warum sie schwul sind. Dann lesen sie Bücher. Das viele Lesen macht sie kultiviert.“ Warum hast DU so viel gelesen? Und welche persönliche Frage trieb dich in deiner Jugend um – und brauchte viel Zeit, beantwortet zu werden?

083 Ich kann recht gut mit einem Professor leben, der 20 Prozent cooler ist als ich. Doch deine Kalauer stacheln ständig Zweit- und Drittesemester-Gockel zu verzweifelten, schwitzigen „Herr Professor! Lass uns Buddies werden!“-Kampagnen an: Nerven dich all die Windhosen / Wirbelstürme aus angestrengter, gernegroßer Witzischkeit um dich herum? Jungs, die sich dir beweisen wollen?

084 Kannst du in Berlin auf die Straße kotzen, ohne Angst zu haben, dass ehemalige Hildesheimer zusehen?

085 Kannst du dir vorstellen, eine 11 oder 12 Jahre ältere Frau zu heiraten?

086 Du selbst hast Lehrbücher wie „Kritiken schreiben“ und „Werkstattgespräche mit Theaterkritikern“ verfasst, veröffentlichst selbst aber keine (kaum?) solcher Texte. Warum nicht?

087 Du trägst sehr auffällige Ringe, an beiden Händen. An einen (zusätzlichen) Ehering kann ich mich nicht erinnern – sind Ringe für DICH dir wichtiger als ein Ring für ein WIR?

088 Schreiber, Journalisten, Erzähler generell sind für dich Beobachter: Leute, die hinsehen, sich auf Fremdes einlassen. Wirst du wütend, wenn sich Autoren stattdessen Sachen aus dem Arsch ziehen? Dinge schönfärben, verdrehen, hübsch arrangieren?

089 Ich würde dich gerne als Reporter auf Hip-Hop-Konzerte, Liverollenspiele, Piraten-Parteitage, auf Elternabende, Jugendgottesdienste, zum Börsenverein des deutschen Buchhandels schicken: Welche Soziotope würdest du gerne als teilnehmender Beobachter besuchen / beschreiben?

090 Es gibt sehr viele Fotos, auf denen du Brotscheiben arrangierst, mit Sirup bemalst, dekorierst und verformst: Wärst du bildender Künstler – wäre Brot eins deiner Lieblingsmedien?

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stp 09 - Bildrechte Stephan Porombka
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091 Hast du das Gefühl, ich nehme dich mit diesen Fragen in die Mangel?

092 Wünschst du dir, ich würde dich stärker in die Mangel nehmen?

093 Würdest du lieber lesen, wie ich einer anderen Person Fragen stelle?

094 Ich war von 2003 bis 2008 in Hildesheim und habe über 20 deiner Seminare, Vorlesungen, Übungen besucht: „Jetztzeit“, „Der Literaturbetrieb“, „Ethnographisches Schreiben“, „Grundkurs Kulturjournalismus“, „Literatur und Arbeitswelt“, „Poetik des Sachbuchs“, „lit.radio“… Du selbst warst danach noch bis 2013 an der Uni. Wie liefen diese letzten fünf Jahre für dich weiter – eine Studenten-Generation, die ich höchstens von Facebook kenne? Hat sich das Bleiben gelohnt?

095 Warum wurdest du Vizepräsident der Uni? So viele Hildesheim-Bürohengste, mit denen du dich umgeben musstest, haben mich in ihrer schmierig-provinziellen Art an Autohändler erinnert. Was wolltest du bei diesen Menschen?

096 Im Januar 2013, in deinen letzten Wochen in der Stadt, stand ein Holzschnitt in deinem Büro: „Radikalität ist Menschenpflicht“. Das stand dort, weil…?

097 Ich brauchte fünf Jahre, um mich meiner Diplomprüfung zu stellen. 2008 hatte ich zu Ende studiert. Aber erst 2013 wollte ich Hanns-Josef Ortheil und dir mein Romanprojekt zur Bewertung vorlegen, „Zimmer voller Freunde“. Meine größte (akademische) Angst in diesen Jahren war, dass einer von euch sagt: „Wie abgeschmackt.“ Im ersten Semester, Anfang Februar 2004, nanntest du einen Text von mir „Trash“ – und ich kann Uni-Textwerkstätten über Prosa von Freunden erinnern, nach denen diese Freunde sagten: „Ich werde keine Prosa mehr schreiben. Das ist nicht meine Zukunft. Ich habe mich geirrt.“ Hast du Angst, dass deine Kritik Leute dazu bringt, ihr Schreiben aufzugeben? Und umgekehrt: Glaubst du, es ist deine Aufgabe als Professor, Studierende beim Schreiben zu halten? Ihnen Gründe zum literarischen Erzählen zu geben, wenn ihnen selbst keine mehr einfallen?

098 Die Website der Universität der Künste, wo du seit April 2013 unterrichtest, sagt, du bist jetzt Professor im Bereich „Verbale Kommunikation“. Was ist DAS für ein Eso-Selbsthilfe-Ausdruck…?

099 Gibt es Putzfrauen, Hausmeister, Busfahrer o.ä. aus zehn Jahren Hildesheim, die du sehr mochtest und vermisst?

100 Spielen? Kämpfen? Oder Arbeiten? Ich tippe – trotz allem – auf Arbeiten.

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stp - Bildrechte irgendwelche udk-kiddies
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verwandte Links:

“Kein Arsch kennt Uwe Tellkamp”: Wozu junge Bücher? Wozu PROSANOVA 2014.

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[Schreiben im Abseits | “Junge Literatur?!?” | “Kein Arsch kennt Uwe Tellkamp”]

Noch zweieinhalb Wochen zu PROSANOVA – dem Festival für junge deutschsprachige Literatur in Hildesheim. [29. Mai bis 1. Juni 2014, Infos hier]

Die ersten studentischen Radiosendungen und “Hoffen wir mal, dass es viral geht!”-Videos ziehen durch Facebook. Und ich bin angetan:

Das Litradio Net-Feature (http://litradio.net/litmix-pn14/) macht Spaß – vor allem das lange Gespräch mit Lena Vöcklinghaus (ab ca. 29:00).

Auch die sympathisch banalen “Sturm Hund Struppi”-Quatschvideos von litradio.net schaffens jedes Mal, mich 5, 6 Minuten lang zu überraschen / irritieren / in “doof-aber-witzig!”-Laune zu ziehen.

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Trotzdem kurz – so von außen und grundsätzlich:

2005, beim ersten PROSANOVA, waren Jan Fischer und ich in der Redaktion der Festivalzeitung. Die Festivalzeitung ist eins dieser halb-offiziellen und halb-unabhängigen Organe – wie Litradio und “Sturm Hund Struppi” heute – die einerseits Identität schaffen, Stimmung machen, über das Festival informieren.

Aber andererseits quer stehen wollen – freier, kritischer, MEHR sein wollen als ein Sprachrohr der Festival-Orga.

Jan und ich sollten uns damals Ressorts / Formate für die Zeitung überlegen… und weil die Prosa Nova-Leiter ständig verzückt und starry-eyed “Wir haben’s geschafft: UWE TELLKAMP kommt. SOLCHE NAMEN konnten wir gewinnen! Wahnsinn!” riefen, war unser erster Vorschlag: eine Straßen-Umfrage. In Hildesheim. Über all diese – ach-so-relevanten? – Autoren:

“Wir nennen das Umfrage-Feature ‘Kein Arsch kennt Uwe Tellkamp‘!”

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Ich würde das heute nicht mehr machen. Und die beiden Features von gestern / heute (Litradio Litmix und Sturm Hund Struppi 04) zeigen ganz gut, was sich verändert hat:

Nicht jeder liest. Fast *niemand* liest Literatur-Literatur / junge deutsche Texte.

Oder würde behaupten, dass dort – gesellschaftlich, kulturell – grade etwas RICHTIG Großes, Wegweisendes, Relevantes passiert. Bücher sind für Liebhaber und Freaks. Und kleine, schrullige, abseitige, anspruchsvolle junge deutschsprachige Bücher… sind die Nische in der Nische.

Dass PROSANOVA seit 9 Jahren immer wieder sagt: “Trotzdem spannend! Trotzdem toll! Wir stellen das vor. Wir machen das sichtbar. Wir finden so vieles SO gut, dass wir das FEIERN wollen – mit euch!” ist… großartig.

Vielleicht nicht zwingend / weltbewegend / nötig für jeden, der zwei Katzenkrimis liest pro Jahr – aber RICHTIG zwingend / weltbewegend / nötig für die Menschen, die junge deutsche Literatur lesen, vermitteln, schreiben:

Eine Theater-Bekannte bat mich neulich zu einer Besprechung – am 31. Mai und 1. Juni. “Das geht nicht. Da ist PROSANOVA. Das ist nur alle drei Jahre. Und für uns Schreib-Menschen… wie Weihnachten. Ich MUSS da hin!”

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Wenn Max in “Sturm Hund Struppi 4” Hildesheimer Verkäuferinnen, mit-Jeansjacke-am-Stehtisch-rumsteh-Männer und Teenager (“Ihr geht zur Hauptschule?”) fragt, ob / warum ihr Herz keinen Riesensprung macht, sobald sie “Festival für junge deutschsprachige Literatur” hören… wird mir schlecht. Mehr als vor 9 Jahren.

Weil…

…ich die Wut verstehe, mit der Journalisten (und seis nur bei der PROSANOVA-Festivalzeitung) auf Behauptungen reagieren wie “Uwe Tellkamp: Toller geht’s nicht! DAS ist wichtig und spannend!”

[Ich glaube, Florian Kesslers ZEIT-Artikel war auch deshalb für viele enttäuschte Wenig-Leser so befreiend und willkommen: Er spricht den Menschen aus dem Herzen, die EH glauben, dass in keiner Buchhandlung irgend etwas auf dem Neuerscheinungs-Tischchen liegt, das WIRKLICH wichtig, dringend ist.]

Der Wunsch dieser Hildesheimer Redaktionen, immer wieder zu zeigen: Die Welt dreht sich nicht um Hildesheim. Oder um diese Bücher. Oder um das Festival… leuchtet mir erstmal ein. [Uwe Tellkamp ist super. Aber das nur am Rand. Und: Uwe Tellkamp hat den deutschen Buchpreis gewonnen – aber wird heute wohl in der Hildesheimer Fußgängerzone IMMER noch nicht gekannt.]

Nur… sind wir heute…

…in einer GANZ anderen Lage, wenn’s um Literatur, Information, PR und Teilen geht:

Ich kann Uwe-Tellkamp-Kapitel auf Facebook verlinken. Ich kann Youtube-Videos teilen. Ich könnte JEDEM in meiner Blase (und, in Blogs: auch weit über diese Blase hinaus) ganz konkret und offen aufzeigen, WAS mich an junger Literatur begeistert. WAS sich lohnt. WO es spannend wird.

Und da sehe ich Journalisten / Berichterstatter heute in einer ganz anderen Verantwortung als vor neun Jahren:

Ihr könnt uns ZEIGEN, warum sich PROSANOVA lohnt. Ihr könnt informieren. Kuratieren. Teilen. Begeistern. Ihr müsst nicht immer wieder diese bräsige und rhetorische (und klassistische!) “Wen interessiert das? Interessiert das die Hildesheimer Fußgängerzonen-Menschen?”-Fragen stellen. Ihr müsst GAR NICHT MEHR fragen.

Denn ihr habt jetzt die Mittel, ANTWORTvorschläge zu geben. WO sind die tollen Autoren? WER hätte Spaß auf diesem Festival? WAS ist das Spannende an junger deutschsprachiger Literatur?

Meine Lieblingsstelle – verunglückt, überraschend, toll aus dem Ruder laufend – im Litradio-Feature kommt gleich zu Beginn: Die rebellisch-kritisch-süffisanten Jungreporter-Schnösel fragen Anwohner, ob sie Lust hätten, 30 EURO (!1!!1) für ein PROSANOVA-Ticket zu zahlen.

Und statt “Nie im Leben!” und “Was ist ein Ticket?” und “30 Euro? Das gebe ich nur für Helene-Fischer-Konzerte oder in der Spielothek aus!” sagen die Hildesheimer Befragten: “Ja. Grundsätzlich schon. Kommt auf die Autoren an. Warum nicht? Und bei uns im Garten ist noch Platz für Zelte.”

Nicht alles muss affirmativ sein. Nicht jeder muss werben und begeistern. Und: ich selbst bin auch oft genervt von den Literatur-Freunden, die sich für ALLES begeistern und jedes Buch mit Lesebändchen und Schutzumschlag “traumhaft schön” finden.

Aber ich glaube, die PROSANOVA-“Berichterstattung” (?) oder -“PR” (?) geht am Thema vorbei: NIEMAND behauptet ernsthaft, ein Hildesheimer Festival mit… Kathrin Röggla, Antje Ravic Strubel und Dietmar Dath (who are these people?) sei das Ereignis des Jahres. Für jeden, der durch die Fußgängerzone läuft.

Doch es IST nen Blick wert. Und: Wenn sich Außenstehende erstmal wenig interessieren, muss das nicht an der Hybris und dem Bauchnabelblick der Veranstalter liegen (“Geil! Uwe Tellkamp!”)… aber auch nicht an der Ignoranz ALLER ALLER “normalen” Hildesheimer.

Seit 10 Jahren passiert mir – mit “normalen” Wenig-Lesern – fast nie: “Oh. Ich lese keine Bücher. Das interessiert mich nicht!”. Sondern – viel, viel öfter: – “Stefan? Du hast mir Marcus Braun empfohlen. Fand ich blöd. Du hast mir eine Bella Triste geschenkt. Fand ich witzlos. Du hast ein Interview mit Kathrin Röggla verlinkt – war jetzt nicht meins.”

Oft liegts nicht am grundsätzlich fehlenden Interesse. Sondern an falsch vermittelter, falsch adressierter, vorschneller oder unüberlegter Begeisterung: Wir haben – grade hier, via Social Media – SO VIELE Möglichkeiten, zu zeigen, WAS toll ist an Uwe Tellkamp.

Stattdessen nur Hauptschüler vorzuführen, weil die nicht rufen “Oha! Interessant!!”… bringt nichts. Es ist UNSER Job, zu zeigen, WAS interessant ist. An Tellkamp. An PROSANOVA. An Literatur.

Falls der Funke nicht überspringt, liegt das im Zweifelsfall fast IMMER an mir und meiner Vermittlung.

Nicht an den Menschen in der Hildesheimer Fußgängerzone.

[So. Kurz runtergetippt und ursprünglich auf meiner Facebook-Seite gepostet. Teilt und kommentiert gerne.]

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Ich selbst war 2008 Mitglied der Künstlerischen Leitung des zweiten PROSANOVA-Festivals:


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Links:

  • PROSANOVA 2011: Fotos
  • PROSANOVA 2011: Stimmen der Presse
  • PROSANOVA 2011: Eine Welt für sich
  • junge Literatur: 50 Empfehlungen
  • junge Literatur: Wo / wie findet man neue Bücher?

    PROSANOVA ist das größte Festival für junge Literatur im deutschsprachigen Raum. Vom 29. Mai bis zum 1. Juni trifft sich in Hildesheim wieder die junge Literaturszene zu Text, Tanz und Gespräch. In über 40 Veranstaltungen feiern 70 Künstlerinnen und Künstler ihr persönliches Bekenntnis zur Literatur.

    Autorinnen und Autoren, u.a.

    Adler & Söhne | als wir von den bäumen runterkamen | Jan Brandt | Katja Brunner | Carolin Callies | Lars Claßen | Ann Cotten | Kenah Cusanit | Dietmar Dath | Michel Decar | Dorothee Elmiger | Joseph Felix Ernst | Guido Graf | Verena Güntner | G13 | Martina Hefter | Susanne Heinrich | Fabian Hischmann | Maren Kames | Florian Kessler | Thomas Klupp | Martin Kordic | Jan Kuhlbrodt | Kevin Kuhn | Svealena Kutschke | Jo Lendle | Wolfram Lotz | Clemens Meyer | Matthias Nawrat | Claudius Nießen | Jakob Nolte | Hanns-Josef Ortheil | Thomas Pletzinger | Leif Randt | Annika Reich |Monika Rinck | Kathrin Röggla | Christian Schärf | Oliver Scheibler | Ferdinand Schmalz | Sabine Scho | Jan Skudlarek | Kai Splittgerber | Saša Stanišić | Antje Rávic Strubel | Thalstroem| TRAUMAWIEN | Stefanie de Velasco |Katrin Zimmermann

Literatur Futur – neue Formen der Literaturvermittlung [Mai 2013, Hildesheim]

litfutur - neue formen der literaturvermittlung, hildesheim.

Am 24. und 25. Mai 2013 luden Guido Graf (Link) und 30 Studierende der Universität Hildesheim (Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus / Kulturwissenschaften und Ästhetische Kommunikation) zu einer Tagung ein… über Literaturvermittlung in digitalen Zeiten:

  • Wie verändert das Netz unser Lesen?
  • Welche Räume, Bühnen, Verstärker helfen Literatur?
  • Wird’s jetzt toll, klug, besser? Oder brechen die alten Netze weg?

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Heute – am zweiten Tag der Konferenz, um 16 Uhr – spreche ich mit Karla Paul (von Lovelybooks) und Alexander Viess (vom Börsenverein des deutschen Buchhandels) auf dem Podium “Partizipative Formen der Buchrezeption” über Buchtipps, Buchblogs, Empfehlungen… und besseres Lesen mit und im Netz:

“Wer ein Buch zuklappt, verlässt nicht zwangsläufig die Welt zwischen seinen Deckeln. Bücher klingen nach, regen an, sie werden kritisiert, zitiert, empfohlen, bewertet, geteilt. In den Echokammern des Internets bekommt die Stimme des Lesers ein immer größeres Gewicht. Ein Gespräch über Buchcommunities, Leserblogs und das Phänomen Social Reading.”

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Außerdem bin ich heute – den ganzen Tag über – Liveblogger, und halte (hier, in diesem Blogpost, immer aktualisiert) ein paar Statements, Fragen, Ideen aus den anderen Veranstaltungen und Panels fest.

Tagesaktuelle Tweets, Zwischenrufe, Fotos gibt’s auch bei Twitter – unter dem hashtag #litfutur (Link).

Updates? Runterscrollen!

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Die Teilnehmer / Gäste:

und – als “Literarische Boygroup”  Text, Drugs & Rock’n’Roll – Hildesheim-Alumni

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[Updates folgen. Ladet die Seite neu, in den nächsten Minuten!]

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10 Uhr

Futur II – Es wird erzählt worden sein

Ist der Literaturbetrieb imstande, sich selbst neu zu erfinden? Welche Verschiebungen stehen uns im Beziehungsgefüge seiner Akteure und Institutionen bevor? Ausgehend von einer Soundlecture werden Unsicherheitskompetenzen erprobt, Antworten skizziert und Perspektiven auf das, was kommen kann, entworfen.

Mit

Rabea Edel, Hauke Hückstädt, Johannes Ismaiel-Wendt, Kathrin Passig und Alexander Vieß

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Statements vom Panel:

“Wer braucht Zukunft? Jugend braucht Zukunft. Alter braucht Zukunft. […] Verteidigung braucht Zukunft. Herkunft braucht Zukunft. Österreich braucht Zukunft. Paderborn braucht Zukunft. […] Vinyl braucht Zukunft. Geschichte braucht Zukunft.”

(Johannes Ismaiel-Wendt – als Sound-Lecture / Performance)

“Zukunft ist nichts Neues. Die Metaphern der Zukunft sind nichts Neues.”

(Johannes Ismaiel-Wendt – als Sound-Lecture / Performance)

“Ich las, dass das Feuilleton ‘vielleicht an Bedeutung gewinnen könnte’ – ‘Orientierung bietet’ in diesem Dschungel, in dem es ‘so viel Schlechtes gibt’.”

(Johannes Ismaiel-Wendt – als Sound-Lecture / Performance)

“Es ist ja relativ hipp im Moment, über Technik als Akteur zu reden – z.B. Drohnen, die eigenmächtig irgendwelche Handlungen übernehmen / vollziehen.”

(Johannes Ismaiel-Wendt)

“Lesungen, in Deutschland / Österreich / Schweiz… kommt mir immer noch vor wie Ordnungsamt. Ich MUSS relativ schlecht sitzen. Das Publikum hüstelt. Die Luft ist schlecht. Das Mikrofon fiepst: Ich möchte Räume, die nicht ausgrenzen. Die gut klingen. Die Kommentarfunktionen haben. Die das Lese-Erlebnis zu Hause bei WEITEM übertreffen. […] Und ich möchte Autoren… die… nicht schuffelig sind.”

(Hauke Hückstädt – fuck, yeah!)

“Bei Filme und Serien gilt als Privatsache, was man verfolgen will – und was nicht. Bei Büchern dagegen wird noch so getan, als gäbe es Dinge, die wir ALLE verfolgen und lesen müssen. […] Soll man versuchen, den Leser zu moralisch erbauender Lektüre hin-erziehen? Oder herausfinden, was ER persönlich lesen will?”

(Kathrin Passig, über Lese-Empfehlungen)

“Mir widerstrebt die Vorstellung, dass es IRGENDWAS gibt, das man sich “AUF KEINEN FALL” entgehen lassen sollte: Als ALLE Leser von ‘lovelybooks’ oder gleich als ALLE Menschen / Leser.”

(Kathrin Passig, über Literatur-Empfehlungs-Druck / -Diktatur)

“Bei Literatur-Empfehlungen geht es immer auch ein bisschen um Macht: ‘Ich möchte, dass IHR bitte so seid, wie ich selbst bin. Es wäre eine schönere Welt für mich, wenn ihr alle das gut finden würdet, wie ich: Es gibt eben nicht DAS eine BESTE Buch FÜR ALLE.'”

(Kathrin Passig, über übergriffige / penetrante persönliche Empfehlungen)

“Sind wir Verkäufer einer Ware? Oder sind wir Überbringer von schönen Geschichten? Dieser Widerspruch zieht sich durch unsere Rolle als Literaturvermittler. Ich wünsche mir, dass wir wegkommen von dichotomen Weltsichten: Weg von den Leuten, die sagen “Alles muss neu werden!”, aber auch von den Leuten, die sagen: “Wir brauchen NUR noch kleine Buchhandlungen und kleine Verlage – alles andere ist Bullshit.””

(Alexander Viess, über das Selbstbild von Literatur-Vermittlern)

“Papier ist tot? Als Verlegerin eines Print-Magazin gehe ich da nicht mit: Papier kann, als Zukunftstechnik, genauso mit- und nachziehen.”

(Rabea Edel)

“Die Technik ist revolutionär – aber die Erzählungen sind die alten: Die Schreibmaschine hat doch AUCH nichts an Erzählungen verändert. Und die elektrische Schreibmaschine auch nicht… oder?”

(Hauke Hückstädt)

“Die Autoren, denen ich begegne, kommen mir doch recht desinteressiert am Internet vor: Die lesen mal kurz eine Mail… aber von DENEN zu erwarten, Netz-Literatur neu zu erfinden…?”

(Kathrin Passig, skeptisch)

“Das Smartphone rausholen? Als Publikum, auf einer Literatur-Veranstaltung? Das gehört sich noch nicht. Würde ich eine Twitter-Wall aufstellen… ich würde Haue kriegen. NIRGENDWO wird Technik so unterschätzt wie im Literaturbereich.”

(Hauke Hückstädt)

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11.30 Uhr

“It’s f***ing May 2013!” – Positionen zur Autorschaft von morgen

Steile Thesen gibt es viele. Aber welche Rolle spielen die Schlagworte des digitalen Wandels wie Transparenz, Partizipation und Kollaboration wirklich? In der Auseinandersetzung mit radikalen Umbruchsvisionen erörtern Gegenwartsautoren ihr Verständnis von Autorschaft.

Mit

Rabea Edel, Simone Kornappel, Sascha Lobo und Daniela Seel

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Rabea Edel, Sascha Lobo, Simone Kornappel, Moderator Victor Kuemel, Daniela Seel bei Litfutur, Hildesheim.

Statements vom Panel:

“Mein Standard-Thema: Die Zukunft von IRGENDWAS. Denn das kann man in dem Moment, in dem der Artikel geschrieben wird, nicht überprüfen: die Zukunft.”

(Sascha Lobo)

“Tatsächlich spielt Twitter bei meiner direkten Autorenschaft, wenn ich schreibe, praktisch KEINE Rolle im Schreibprozess. (Aber) ich habe schon vor einigen Jahren – 2009, 2010 – versucht, Echtzeit-Programme wie Google Docs in meine Autorenschaft / Arbeit einzubauen.”

(Sascha Lobo)

“Social Media? Für den Kontakt mit dem Leser: Dort mache ich das, was der Verlag NICHT an PR-Arbeit für mich übernimmt. Ich probiere das alles ein bisschen aus… und es hilft dem Ringsum-Effekt. Aber mit dem Schreiben selbst hat es nichts zu tun.”

(Rabea Edel)

“Ich mache das lieber in meinem Kämmerlein. Ich KANN nicht mit jemand anderem zusammen ein Gedicht schreiben. Ich ziehe mir interessante Themen und Ideen aus dem Stream und werde bei Facebook mit Links versorgt. Aber mehr passiert nicht.”

(Simone Kornappel über Input bei Facebook… und Lyrik)

“Community und Kommentare sind ganz essentiell. So ist das kook-Label entstanden, daraus ging kookbooks hervor… Die Community war für uns ein Instrument zur Selbstermächtigung. Wir hatten Feedback-Schleifen, Werkstätten, konnten uns gegenseitig fragen: “Gibt es noch Lyrik? Was kann das? Was macht das? Hat das mit uns zu tun?””

(Daniela Seel)

“Wenn ich immer nur mit mir selbst zu tun hätte… DAS wäre ja ein Scheiß!”

(Daniela Seel, über Werkstätten, Social Media, Dialoge)

“Es gibt halt unfassbar viele Besserwisser, die einem bei JEDEM Komma sagen: ‘Nein – DAS ist aber falsch.’ Dass man einen Real-Time-Spellchecker hat, daran haben wir uns gewöhnt. Aber ein Real-Time-Fact-Checker… das ist spannend.”

(Sascha Lobo, übers öffentliche Schreiben und Kommentarfunktionen WÄHREND des Schreibprozess’)

“Der Roman als geschlossenes, abgeschlossenes Werk ist gar nicht so alt… und vielleicht gerade schon wieder in Auflösung begriffen: Stell dir vor, du schreibst ein Buch, Absatz für Absatz, und veröffentlichst das immer so raus… stündlich: Absatz für Absatz.” (Sascha Lobo) – “Das wäre, für mich persönlich, eine Horrorvorstellung.” (Rabea Edel) – “Das würde auch mich völlig entgeistern und verstören. Mit einer dauernden [Echtzeit-]Kommentarfunktion käme ich überhaupt nicht zurecht. Es wäre schrecklich, im Schreibprozess noch so einen Cocktail-Party-Effekt im Nacken zu haben: Ich würde das Gedicht NIEMALS fertig bekommen.” (Simone Kornappel)

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13.45 Uhr

Von Druckerpresse bis E-Book – Der Verlag der Gegenwart und seine Zukunft

Was bedeutet es, morgen einen Verlag zu führen? Ein Gespräch über Unternehmensphilosophien und Märkte, Rückbesinnung und Neuorientierung. Und die Frage, wofür wir heute überhaupt noch Verlage brauchen.

Mit

Daniela Seel, Sascha Lobo, Jo Lendle und Kai Splittgerber

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Jo Lendle, Daniela Seel, Sascha Lobo, Kai Splittgerber, Literatur Futur, Hildesheim.

“In Zukunft müssen Verlage Bücher für Leser machen – nicht mehr für Buchhändler.”

(Kai Splittgerber)

“Wo findet Literatur statt – und was macht das mit mir? Was sind das für Räume? […] Was ist das Fixierte daran und was ist das, was sich bewegt – und ist nicht auch das Fixierte beweglich?”

(Daniela Seel)

“Der Verlag von morgen wird ein Verlag sein, den es schon gibt: Der Selbstverlag. […] Seit das Umblättern vom Wischen abgelöst ist […] sitzt der Leser dem Autor förmlich auf dem Schoß – so direkt ist der Kontakt. […] In die Läden kommt man nun ohne jede Hürde – nur heißen sie jetzt ‘Plattform’.”

(Jo Lendle)

“Das Verbessern der Texte lässt sich zukaufen… wenn einem daran liegt.”

(Jo Lendle über Self-Publishing)

Jo Lendle zitiert Clay Shirky: “Institutionen [Verlage!] versuchen, das Problem zu bewahren, für das sie die Lösung sind.”

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“Ich glaube, dass Plattformen wie der Kindle ein Übergangsphänomen sind: Ich glaube, das Lesegerät der Zukunft ist… der Browser.”

(Sascha Lobo)

“Über Bücher wird geredet… aber es wird nicht DORT [auf jeden Websites] geredet, wo die Bücher verkauft werden. Auf Facebook – diesem riesigen Social Monster – wird gesprochen. Aber nicht verkauft.”

(Sascha Lobo)

“Der Motor des Verkaufs? Das Gespräch. Facebook? Ein Gesprächsmedium. Wie findet das zusammen? Soulbooks.” [Lobos ebook-Plattform. Aber nicht DIE hier – oder?]

(Sascha Lobo)

“Hanser ist jetzt eher ein System das sich überlegt: ‘Was steht denn in Büchern drin?’, nicht: ‘Was MACHEN wir dann nachher damit?” […] Das ist die Filterfunktion der Verlage… die es in Zukunft weniger geben wird. Der Verlag nimmt sich die Aufgabe und das Recht, auszuwählen – und das ist, finde ich, die allererste und edelste und wichtigste Aufgabe.”

(Jo Lendle)

“Self-Publishing ist als Methode super… aber es gibt mir als Leser so wenig: Ich muss noch viel mehr filtern und auswählen, alleine.”

(Sascha Lobo)

“Ich glaube, dass es in Zukunft vor Weihnachten vier Bücher gibt, die alle kaufen.”

(Sascha Lobo)

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15 Uhr

Laute Leser – Partizipative Formen der Buchrezeption

Wer ein Buch zuklappt, verlässt nicht zwangsläufig die Welt zwischen seinen Deckeln. Bücher klingen nach, regen an, sie werden kritisiert, zitiert, empfohlen, bewertet, geteilt. In den Echokammern des Internets bekommt die Stimme des Lesers ein immer größeres Gewicht. Ein Gespräch über Buchcommunities, Leserblogs und das Phänomen Social Reading.

Mit

Stefan Mesch, Karla Paul und Alexander Vieß

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großer Spaß!

Guido Graf, Alexander Vieß, Karla Paul, Stefan Mesch, Lew Weisz... Foto von Clara Ehrenwerth.

twitter-feedback litfutur Stefan Mesch.

16.30 Uhr

3 x 2 – Neue Spielräume der Literaturvermittlung

Wo alte Gewissheiten erodieren, entstehen Spielräume für unerwartete Verbindungen. Eine Kirche wandelt sich zum Literaturhaus, Buchverlage investieren in soziale Medien und Selfpublishing-Autoren werden ernst zu nehmende Mitspieler im literarischen Feld. In drei intimen Gesprächsrunden diskutieren wir gemeinsam das Potenzial neuer Vermittlungsformen.

Mit

Hauke Hückstädt und Laura Klatt,

Jo Lendle und Karla Paul,

Gesine von Prittwitz und Kai Splittgerber

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gesine von prittwitz, kai splittgerber, litfutur Hildesheim.

“Auf dieser Konferenz wird immer über ‘Experten’ gesprochen. Jeder auf dem Podium ist ein ‘Experte’. Aber JEDER Leser ist ein Experte – insbesondere die Studenten der Hildesheimer Uni, die das hier organisiert haben.”

(Hauke Hückstädt)

“Ich bin es leid, dass die Literatur immer so… Ich finde, sie braucht feste Orte. Ich bin überhaupt nicht dafür, dass sie ÜBERALL hingeht: In die Schwimmbäder, in die Fabrikhallen… ich finde, die Literatur biedert sich an. Das soll sie nicht. Ich wünschte ihr mehr Selbstbewusstsein.”

(Hauke Hückstädt)

“Nicht jeder Text, nicht jeder Autor braucht die selbe Form der Lesung. Es muss verschiedene Formate geben. Was brauchen wir für DIESEN Text, für DIESEN Nachmittag, damit der Text bei den Lesern gut ankommt, und beide Seiten den Raum, Tag, Nachmittag mit einem guten Gefühl verlassen.”

(Laura Klatt)

“Ich verweigere mich grundsätzlich der Nutzung des Telefons als… Telefons.”

(Karla Paul)

“Als Feuchtgebiete rauskam, bekam ich ein Exemplar zurück geschickt von einem Leser, der mit dem Buch nicht zufrieden war: Alle Seiten waren mit Scheiße verklebt. Da hätte ich mir doch lieber die Rückmeldung am Telefon gewünscht.”

(Jo Lendle)

“Der Buchhändler fällt immer weiter weg: Man sieht ihn nicht mehr als Mensch und Berater, sondern tatsächlich einfach als Kasse – denn nur noch ganz, ganz wenige Buchhändler gibt, die mir sagen können, WAS in dem Buch steht. Man ist immer weniger gewohnt, dass man tatsächlich zu DENEN hingehen kann. Also… zu wem gehe ich? Wen ich rufe ich an? Wo habe ich den nächsten Kontakt? Zu dem, der auf dem Buch drauf steht: Der Verlag… oder aber: der Autor direkt.”

(Karla Paul)

“Die Mehrzahl der Verlage hat das dialogische Prinzip von Social Media noch überhaupt nicht verstanden.”

(Gesine von Prittwitz)

“Der Kardinalsfehler, den die Verlage und die Autoren machen, ist: Wir [Leser] wollen nicht mit einem Verlag reden. Wir wollen nicht mit einem Buch reden. Wir wollen mit einem Autor reden.”

(Gesine von Prittwitz)

“Das Self-Publishing… weil ich glaube, das war ein Bestandteil der Frage… irgendwas war da mit Self-Publishing…”

(Gesine von Prittwitz)

“Ich kenne kein für mich momentan interessantes [literarisches] Netzwerk. Ich kann mir kein interessantes [Literatur-]Netzwerk vorstellen. […] Ich glaube, es braucht vielleicht einen nächsten Technik-Sprung.”

(Kai Splittgerber)

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PROSANOVA 2008: Literatur-Ausstelllung [pic post]

Freundin K. macht ihren Master in Literaturvermittlung – und half 2008 bei PROSANOVA: Festival für junge deutschsprachige Literatur beim Kuratieren einer kleinen Ausstellung im Rahmenprogramm, über junge Texte und ihre… Inspirationen, Motive und Artefakte.

K.: “Hast du Fotos, von damals? Von der Ausstellung? Dem Raum?”

Habe ich. Aber nicht viele, und keine sehr guten. Trotzdem kurz – für K. und jeden, den es interessiert: Ein paar Fotos von damals, Mai 2008.

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“Hier läuft doch noch was anderes…!” [Erzählen, TV, Literatur]

ZvF 001

“Hier läuft doch noch was anderes…!”

Erzählen, TV, Literatur.

von Stefan Mesch [Bio]

zur Arbeit an: “Zimmer voller Freunde” (Roman), 2009 bis 2012
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Ich studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, in Hildesheim.
Schreibe meinen ersten Roman, “Zimmer voller Freunde”.
…und begleitend: ein Making-of über Recherche, Planung. Erleben.

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Vorbilder? Referenzen? Inhalt:

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Zimmer voller Freunde 01.

Beverly Hills, 90210:

Erzählanlass (01)

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Mein Anlass, über Alltag, Jugend, Gegenwart zu schreiben, stammt aus „Beverly Hills, 90210“, der 293 Episoden / zehn Staffeln langen Jugendserie von Aaron Spelling, ausgestrahlt von Oktober 1990 bis Mai 2000; in Deutschland ab 1992, auf RTL:

  • das erste moderne „Teen Drama“

  • eine Ensemble-Serie mit sechs bis zehn befreundeten Hauptfiguren

  • ein (oft: didaktisches, moralisierendes) TV-Melodram, in dem weiße, privilegierte Schüler versuchten, mit fremden und eigenen Fehltritten / Schicksalsschlägen umzugehen.

Ab 1972 produzierten die US-Networks ABC, NBC und CBS „Afterschool Specials“ – schnelle, oft effekthascherisch inszenierte Lehrstücke über Schule und Alltag, mit Titeln wie „Me and Dad’s New Wife“, „She drinks a little“ oder „All the Kids do it“.

Ab 1984 folgte der Sparten- und „Frauensender“ Lifetime mit Rührstücken über Missbrauch, häusliche Gewalt, Essstörungen und anderen – aus Groschenheften, Kolportageromanen, Seifenopern und der Boulevardpresse bekannten – Vorstadt- und Hausfrauen-Ängsten.

Für das jüngste, kleinste und jugendlichste US-Network – FOX, gegründet 1986 – entwarf Aaron Spelling, in den 80er Jahren vor allem mit einstündigen „Night-Time Soaps“ wie „Der Denver-Clan“, „Die Colbys“ und „Hotel“ erfolgreich, eine Hybridform dieser beiden Formate: Eine wöchentliche, einstündige Serie über das freundliche, zuweilen naive High-School-Zwillingspaar Brandon und Brenda Walsh aus Minnesota, das seit dem Umzug der Eltern in den Nobel- und Villenbezirk Beverly Hills mit Versuchungen, Zwängen und Konflikten aus der Ober- und Unterschicht Los Angeles’ konfrontiert wird – Kokain und Designerdrogen, „Date Rapes“, Esstörungen… ein Katalog der Vorstadt- und Mittelstands-Ängste der Neunziger, exerziert an einer Clique armer, reicher Jugendlicher und ihren hilflosen, willensschwachen, verkrachten Eltern, Freunden und Lehrern, Woche für Woche lose verknüpfte „Cautionary Tales“ – die biederen, tadelnden, halbherzig dramatisierten „issues“/Probleme oft nur unbefriedigend „gelöst“ und in folgenden Episoden vergessen, ignoriert.

Seit 20 Jahren stoße ich – im Leben und in meiner Arbeit – auf Nachwirkungen, Zitate, Klischees und kulturelle Folgeschäden dieser Serie; und seit 20 Jahren ist jede Seh-Erfahrung, jedes Foto, jeder Gedanke an sie eine neue, ewig frische kleine Enttäuschung: „Beverly Hills, 90210“, das ist eine Grundidee, die mir bis heute sinnvoll, tragfähig, packend scheint – 293 Episoden über die Schwierigkeit, Ausbildung, Erwachsenwerden und Alltag zu meistern, gemeinsam, als Clique und Wahlverwandtschaft –, erzählt als schiefes, staubiges, ignorantes California-(Schauer-)Märchen.

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90210 surfboardStraßenszene im Pilotfilm: Alltag in Los Angeles, 1990.

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Jede Figur, jede Frage, jeder Konflikt bebt vor Potential – doch alle Drehbücher, jede „Lösung“ enttäuscht in ihrer biederen, geföhnten, reaktionären Schlichtheit. Im Text von „Zimmer voller Freunde“, in Stefans Entscheidungen und Erzählgestus, wird diese Enttäuschung spürbar:

Sonne scheint, Frau singt, es gibt nur junge, kluge, wichtige Figuren […], 2000 Einwohner und jeden Tag Sonne. Wir haben Riesenträume und wir leben schneller als der Rest. Wir brechen uns die Herzen und wir lieben uns zu Brei. Drei Jahre bis zum Abitur: Ich schreibe unsere Geschichte.“ [Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

und – galliger, enttäuschter – im selben Kapitel:

„…keine Familie und Erwachsene – nur als Statisten, Randfiguren: Mein Vater hat jetzt eine prima neue Stelle in Hongkong, und meine Eltern packen den Koffer. Sie fahren zum Flughafen. Sie winken und verschwinden. Und trotzdem ist das Haus, in dem ich lebe, immer aufgeräumt und mein – mein! – Kühlschrank immer voll: Brandon Walsh, der Held aus „Beverly Hills, 90210“, ist in derselben Wohn- und Elternsituation.“ [Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

Für Stefan – den Ich-Erzähler von „Zimmer voller Freunde“, 16 Jahre alt und in einer fundamental anderen Wohn-, Eltern-, Freundes-, Liebes- und Lebenssituation als Brandon Walsh – ist „Beverly Hills, 90210“ eine falsche Offenbarung, ein nutzloser Prophet, ein gebrochenes Versprechen aus der Kindheit: eine Verheißung, die nie wahr wurde. Eine Vorhersage, die sechs, sieben Jahre Zeit hatte, in Stefan (und mir selbst, im echten Leben) Wurzeln zu schlagen:

  • Beverly Hills, 90210“ versprach: Wir machen „deine“ „Wirklichkeit“ zum Thema – Alltag, Konflikte und alle denkbaren Schwierigkeiten von Sechzehn-, Siebzehnjährigen.
  • Beverly Hills, 90210“ versprach auch – und: deutlich lauter: Wir zeigen märchenhaft reiche, märchenhaft schöne Schüler, deren absurd sorgenfreies Leben in jeder Sekunde durch die absurdesten Schicksalsschläge vernichtet werden kann.

Dieses zweite Versprechen habe ich niemals hören wollen, und alle Reize, Signale, Warnungen, die ein Slogan wie „Leben auf der Überholspur“, so der deutsche Titel eines „90210“-Romans, erschienen 1993, setzte – Voyeurismus! Schadenfreude! Klassenkampf! Das tragisch-lustvoll auserzählte Zugrundegehen der Reichsten, Schönsten, Hochmütigsten, Behütetsten! – habe ich seit 20 Jahren überhört und ignoriert: „Beverly Hills, 90210“, das ist Flaubert und Proust, „Buddenbrooks“ und Fürstenroman, Hybris, Abstieg, böses Märchen, If there’s nothing missing in her life, then WHY do these tears come, at night? – aber für mich sind das nur störende Effekte, unnötige Zuspitzungen, Kitsch und Glitter, den ich übersehe:

  • Ich habe keine älteren Geschwister.

  • Ich habe bis heute Angst / Respekt vor Menschen, drei, vier Jahre älter.

  • Ich lese Bücher, Berichte, Interviews, um kommende, fremde Lebensabschnitte überblicken zu lernen.

Seit ich zehn Jahre alt bin, sollen Brendon, Brenda und ihre Freunde zeigen, wie man erfolgreich sechzehn, achtzehn, zweiundzwanzig Jahre alt ist, Cliquen knüpft, Freundschaften pflegt, auszieht, studiert, Geld verdient, lebt. Seit ich zehn Jahre bin, geben Brendon, Brenda und ihre Freunde vor…

„…was für mein Alter gut, gesund, normal und tolerabel ist. Ich lerne – ich lebe! – durch Filme und Serien.“ [Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

Das Weltbild (…und das Erzähl-/TV-Verständnis) der „Zimmer voller Freunde“-Figur „Stefan Mesch“ fußen auf einer Serie, die – in jeder Szene, 10 Jahre lang – immer nur genau so lange Realismus inszeniert und erträgt, wie solcher Realismus die grellsten, wirkungsvollsten oder bequemsten Effekte / Lösungen brachte:

Mein Anlass, über Alltag, Jugend, Gegenwart zu schreiben, stammt aus „Beverly Hills, 90210“. Und Stefan Mesch, der 16 Jahre alte Ich-Erzähler des Romans, „versteht“ Realität in ständiger Reibung mit einer Serie, die nie ernsthaft versuchte, „Realität“ zu verstehen – oder verständlich zu machen. [mehr zum Roman: hier]

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Zimmer voller Freunde 02.

Thomas Wolfe:

Stoff (02)

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Seit Thomas Wolfes Kleinstadt-, Familien-, Autoren- und Bildungsroman “You can’t go home again” / “Es führt kein Weg zurück” – erschienen 1940, von mir gelesen 2011 – verstehe ich meinen Erzählstoff als meinen Stoff:
  • Ich führte Tagebuch, von 1997 bis 2004.

  • Ich sammelte Gasteinträge, Interviews, Briefe, Dialoge.

  • 2003 kam ich nach Hildesheim. Und fürchtete bald, nichts erlebt / zu sagen zu haben, das einen Roman „rechtfertigt“.

Im Grundstudium, bis 2006, schrieb ich knapp 40 Kurzgeschichten, für Jahrgangs- und Jahresanthologien, Literaturzeitschriften, Wettbewerbe, e-Zines, Schreibwerkstätten und Buchprojekte. Gelegentlich schrieb ich Kurzprosa, zwei, drei Science-Fiction-Texte, montierte Briefe und Zitate.

Doch „eigentlich“ schrieb ich – recht selbstbewusst, halbwegs stilsicher – nur Texte, in denen junge Erwachsene Entscheidungen über Freundschaften, Beziehungen, ihr Verhältnis zu Eltern oder Heimat treffen, erzählt aus wechselnden Perspektiven, oft mit Auslassungen, Rückblenden, überraschenden Schnitten: Puzzles über Abschied, Verlust, Flucht, Rivalität.

  • ein junges Paar trennt sich nach dem Unfalltod ihrer Tochter

  • eine Sex-Wette zwischen Oberstufen-Kumpels endet auf den Schienen der Stadtbahn

  • vier Bewohner einer WG verlieren, bei Nabelschau und Streit am Küchentisch, allen Bezug zur Welt vor ihren Fenstern

  • als Schülerin allein und unbeliebt, versucht eine Neunzehnjährige, im Medizinstudium alles besser zu machen

  • Grundschulfreunde, deren Eltern vor 15 Jahren eine Affäre hatten, treffen sich als Erwachsene

Viel zu lange – und: viel zu verkrampft – mischte ich solchen Texten Elemente bei, die ich mit Ach und Krach von Schreiber-Freunden erfragt, mir angelesen oder ergoogelt hatte: psychiatrische, sexuelle, historische „große“ Enthüllungen und Eskalationen: Fehlgeburten, Selbstmordversuche, Zeitsprünge um zwanzig, fünfzig Jahre, Kokain, Flugreisen ins außereuropäische Ausland, Geschlechtsverkehr, Tumore.

Die besten „jungen“, deutschsprachigen Texte, die mir im Rahmen des Studiums – meist von Kommilitonen, im BELLA triste-Kontext – empfohlen wurden, hatten einen Erfahrungsreichtum und, wichtiger, eine Nonchalance, die mich… schwindeln ließ:

Erzähler aus meiner Generation, geboren in den 70ern und 80ern, doch zwischen zwei Kulturen aufgewachsen oder in der DDR, hatten schon mit 14, 15 ein archaisches Land- oder (andersrum) ein schnelles, dreckiges Stadtleben in vielen Subkulturen und Geheimnissen durchdrungen und verstanden, ließen Figuren jeden Alters reisen, feiern, lieben, trinken, sich verletzen – mit ruhiger Hand, ohne Aufregung.

Alle Großeltern hatten Charisma und kraftvolle Flüchtlings-/Weltkriegs-Lebensläufe, alle Frauen routinierten, etwas schwermütigen Sex, jedes Bühnenbild und jeder historische Exkurs wurde so kundig und gelassen gespannt, wie ich keinen Gang durch einen Drogeriemarkt schildern könnte… ohne vorher drei Bücher über Drogeriemärkte zu lesen:

Romane von Freunden (und / oder: Altersgenossen), die ich nicht zu lesen wage… weil sie – in ihrer Stoffwahl – so viel Welt, so viel Bewegung und beherztes „Dem Thema bin ich gewachsen. Den Raum habe ich verstanden. Dem werde ich erzählerisch gerecht!“ voraussetzen:

Mein Timer hat 367 Einträge. Mein Notenschnitt ist 2,1. Ich bin 5989 Tage alt und war zweimal betrunken, doch nie bekifft. Ich habe noch nie – für Geld – gearbeitet. Ich rauchte nie und habe nie Hackfleischbällchen bei IKEA gegessen. Ich habe noch nie ein Tor geschossen. Ich weiß nicht, wie man einen Kopfsprung macht. Ich war noch nie auf einem echten Rave. Kein Mensch wollte mich je küssen […]“ [Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

…schreibt Stefan Mesch, die 16 Jahre alte Hauptfigur aus „Zimmer voller Freunde“. Ihr 29 Jahre alter Autor hat viel geraucht, und fuhr Ende März 2009 zu IKEA, um Hackfleischbällchen zu probieren.

Sonst tat sich wenig.

Falls ich noch zwanzig Romane schreibe – „Dem Thema bin ich gewachsen. Den Raum habe ich verstanden. Dem werde ich erzählerisch gerecht!“ werde ich nur über eine Handvoll – häuslicher / privater – Milieus behaupten können: Fabulieren, und fünfzig Jahre weite Bögen spannen? Meine Hildesheimer Echokammern halten das für eine Grundvoraussetzung „großer“ Romane. Mir selbst misslang es, jahrelang. Die großen Romane über Danzig, Brahms, jüdische Flüchtlinge in Shanghai, besetzte Häuser in Hamburg… muss jemand anderes schreiben:

thomas wolfe: penguin cover

Thomas Wolfe wurde 1900 geboren, in Asheville, North Carolina. „You can’t go home again“ (1940) – ein Buch, das ich als Zwölftklässler, zum Warten auf den Bus, aus der Schulbibliothek stahl – ist sein letzter, vierter Roman, posthum veröffentlicht und erst von Wolfes Lektor in Romanform gebracht.

Ein junger Schriftsteller, der sich in New York mühsam über Wasser hält, kehrt für eine Trauerfeier zurück in die Kleinstadt seiner Kindheit – kurz nach Veröffentlichung seines ersten Romans, „Home to our Mountains“ und dem Börsencrash, bei dem seine Mutter Geld mit Immobilienspekulation verlor.

Die Feindseligkeit alter Freunde, Irritationen in der Familie und die Geworfenheit der Hauptfigur setzen sich draußen – in der Welt – fort: beim Umgang mit dem exzentrischem Lektor Foxhall Edwards (Wolfes Lektor Maxwell Perkins nachempfunden), einer misslungenen Soiree, veranstaltet von einem reichen Ehepaar, mit dessen weiblicher Hälfte, der Bühnenbildnerin Esther Jacks, Wolfes Hauptfigur eine Affäre hat, und im Besuch des Münchner Oktoberfests, umgeben von Pöbel, Kleinbürgern, Nazis.

Dringlich, kraftvoll, lesenswert werden diese – recht alltäglichen – Episoden, weil Wolfe nie große gedankliche Schritte abweicht vom Erfahrungshorizont seiner Figur: Provinzjunge „George Webber“ führt durch Räume und Milieus, die ihm am Herzen liegen und die er verstanden / durchdrungen hat.

Zu Literatur werden diese – sehr persönlichen – Berichte über Familie, Heimat, Freundschaft, weil eine authentische Figur authentische Räume beschreibt… in einem komplexen, artifiziellen Erzählgerüst:

  • Schau heimwärts, Engel“ (1929), Wolfes erster Roman, erzählt die ersten 19 Lebensjahre von Eugene Gant und seiner exzentrischen Familie im Bergstädtchen Altamont, Catawba.

  • Von Zeit und Strom“ (1935) beschreibt Gants Studienjahre und eine ausgedehnte Reise durch Europa. Am Ende des Romans sieht Gant den Dampfer zurück nach Amerika und verliebt sich in eine Passagierin: Bühnenbildnerin Esther Jack.

  • Es führt kein Weg zurück“ (posthum veröffentlicht, 1940), beschreibt, wie George Webber 1929, nach Veröffentlichung seines Romans „Home to our Mountains“ über das fiktive Bergstädtchen Old Catawba, zurück nach Libya Hill reist… und über die Zukunft mit Esther Jack, seiner langjährigen Affäre, entscheidet.

Hätte ich die Bücher chronologisch gelesen – vieles wäre mir geschwätzig, platt, unbeholfen erschienen. Doch (zufällig) am Höhepunkt zu beginnen, und diese Ebenen aus zusätzlichen, widersprüchlichen Fiktionalisierungen mit der Lektüre voriger Romane Stück um Stück zurückzwiebeln zu können, war ein großes – und: komplexes – Lesevergnügen:

Die Thomas-Wolfe-Figur (ob nun „Eugene Gant“ oder „George Webber“) und „Esther Jacks“ (im echten Leben: Alice Bernstein) sind authentisch. Alles andere steht wie auf Rollen auf der Bühne, und wird verschoben, neu arrangiert, wie es am besten passt.

Ist das deine Familie?“, „Ist das wirklich passiert?“, „Du warst selbst dort? Du kennst das alles?“ sind Fragen, die eine immense Dynamik entfalten – Dringlichkeit, voyeuristische Spannung, einen „intimen“ Sog: Sie schaffen Nähe zwischen Leser und Autor, machen Romane zu „Berichten“ über „Menschen“ – statt bloßen Fiktionen, voller Figuren.

Mein Stoff ist nicht die Summe meiner spärlichen Kleinstadt-, Provinz- und Alltags-Erfahrungen. Oder die drei-, viertausend Seiten biografisches Material über mich und meine Freunde, die ich damals geschrieben und gesammelt habe.

Sondern – ganz wie bei Wolfe – die Frage, wie man mit solchen Stoffen lebt und schreibt:

Wem schreibe ich das auf?

Wo ich gewesen bin. Wen es dort gab. Worauf wir warteten.

Wer wir sein wollten. Wer wir waren.

Wer uns fehlte.“

Für wen behält man das?“

[Zitate aus “Zimmer voller Freunde”]

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Zimmer voller Freunde 03.

Dawson’s Creek:

Format (03)

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Wenn ich meinen Freundeskreis und meine Jugend erklären will – und den Roman, den ich aus ihnen mache –, gibt es keinen besseren – schnellen, oberflächlichen – Vergleich als „Dawson’s Creek“…

eine US-Jugendserie (6 Staffeln, 1998 bis 2003), die mich im Jahr von „Zimmer voller Freunde“ (Juli 1999 bis Juli 2000: die 11. Klasse) beschäftigt, frustriert, entgeistert hat wie wenig sonst:

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Der Drehbuchautor Kevin Williamson erzählt mit Anfang 30 seine Jugend nach, als autobiografisches Ensemble-Drama. Er zeigt vier Freunde in unserem Alter – Jen, Joey, Pacey und Dawson. Dawson will Filmemacher werden: Er ist sehr klug und talentiert. Joey ist seine beste Freundin und bemerkt, dass sie ihn liebt. Pacey ist Dawsons abgebrühter Kumpel: Er schläft mit seiner Lehrerin und weiß nicht, was er aus sich machen soll. Und Jen ist neu in der Nachbarschaft: Sie lebt bei ihrer religiösen Großmutter, weil sie sich in New York mit vielen falschen Freunden eingelassen hat und dabei ihre sogar jungfräuliche Unschuld verspielte. Es kostet Dawson große Überwindung, Jen diese sexuellen Fehler zu verzeihen. Doch er ist trotzdem fasziniert – denn sie ist viel geheimnisvoller als seine hausbackene Joey.

In jeder Folge gibt es Diskussionen und Spaziergänge am Hafen: Coming of Age in Capeside, einem verschlafenen Nest an der US-Ostküste. Provinzsorgen, ein Kuss am Pier, narzisstische Krisen auf der Veranda. Dawson und seine Freunde kennen jeden Film und jede Serie. Sie schauen nachts zusammen fern und in der Schule drehen sie eigene Projekte. Sie streiten sich im Kino und sie jobben in der Videothek. Sie reden pausenlos, und nur über sich selbst: Sie reden so wie wir, wie Stoff und ich.

Wenn Stoff und ich noch reden würden.“ [Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

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Hinter allen – augenfälligen – Parallelen gibt es zwei tiefe Kerben, die mir „Dawson’s Creek“ ins Welt- und Serienverständnis riss:

  • DC“ funktioniert (als Jugendserie), weil [nach Staffel 1 oft nur noch: wenn] es realistische, kleinliche Freunde zeigt, in realistischen, kleinlichen Konflikten.

  • DC“ funktioniert (als Charakterstudie, dörfliches Ensemble-Drama), weil [nach Staffel 1 oft nur noch: wenn] es die Beschränktheit und Pedanterie der Freunde ausstellt, ihre Privilegien und Selbstbezogenheit, die pubertären Vorstellungen von Sex, Moral, Integrität.

1989 bis 1998 zeigte „Seinfeld“ Ennui und Neurosen vier schnöseliger Freunde aus Manhattan: eine Sitcom, die sich – trotzig, subversiv – als „show about nothing“ verstand, und deren treibende Konflikte keine realistischen Sorgen waren, sondern – Woody Allens Figuren denken ähnlich – das Gestotter und die Kleinlichkeit von Menschen, die alles analysieren und zergrübeln, doch ihre eigene Hybris / Arroganz ausblenden. Narzisstische, sorgenfreie Kindsköpfe, die alles durchschauen. Außer sich selbst.

1996 schrieb Kevin Williamson die Horrorfilm-Satire „Scream“: eine Clique (zynischer, übertrieben film- und medienkompetenter) Schüler, die mit den Slasher-Hororfilmen der 70er und 80er Jahre aufgewachsen sind, werden von einem kostümierten Schlitzer gejagt, der die Klischees, Tropen und Regeln „seines“ Filmgenres durchschaut, neu durchspielt, unterminiert.

Dawson’s Creek“ ist Fortsetzung und Coming-of-Age-Version dieser 90er-Jahre-Narrative: Die erste Generation von (Drehbuch-)Autoren, die mit Privatfernsehen, endlosen Syndication-Wiederholungen und Videotheken aufwuchs, erzählt von Figuren, für die jedes Trauma, jede Schwelle, jede neue Erfahrung in einem (vermeintlich: hilfreichen / vertrauten) Referenzrahmen aus vergleichbaren Film- und Fernsehszenen steht:

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  • 2003 („Sie ist wach“), 2006 („Dirac“) und 2007 („Waffenwetter“) u.a. stellt Dietmar Dath halb-autobiografische Berichte über seine Breisburger Provinz- und Jugendfreunde neben Nacherzählungen / Schlüsselszenen aus US-High-School-Serien wie „Roswell“ (1999 bis 2002) und „Buffy – im Bann der Dämonen“ (1997 bis 2003).

  • 2007, in Thomas von Steinaeckers Roman „Wallner beginnt zu fliegen“, „rutschen“ Dialoge und Bilder aus Filmen wie „Lola rennt“ (1998), „Matrix“ (1999) und „American Beauty“ (1999) in (ansonsten: dem trockenen Alltags-Realismus von US-Erzählern wie John Updikes oder Jonathan Franzen verpflichtete) Gespräche der Figuren; ganz ohne „Achtung: Hier wird ein Filmzitat montiert!“-Markierungen.

Menschen, die ihr Leben „dramaturgisieren“. Eine Welt aus Wiederholungen, Klischees, medialer Nostalgie, Verweisen. Narzissmus / Hybris der Idee, man selbst sei Hauptfigur, umgeben von „Nebenrollen“, „Gaststars“ und „Statisten“. Eine erste Liebe – die man als vierzigste, fünfzigste „Liebe“ erlebt, im Referenzrahmen von teen dramas, Coming-of-Age-Romanen, Seifenopern, Musikvideos. Trost, Lernen, Identifikation, (geborgte) Lebenserfahrung – via Privatfernsehen. Selbst-Stilisierung. Tagebücher. Die Kluft zwischen „Wirklichkeit“ und „Wahrheit“.

Mit 17 empfand ich „Dawson’s Creek“ als faszinierende, doch weitgehend missglückte Serie:

  • weil „Sympathieträger“ wie Dawson und Joey oft selbstsüchtig, bigott, arrogant und altklug über Fremde, Erwachsene und Freunde urteilten?

  • weil jedes Nicht-Problem zerredet wird, doch sich alle Hauptfiguren „Spaß“, „Mut“ und allen spontanen, pubertären Exzessen verweigern?

Nein:

  • Die altkluge Sprache kenne ich aus meinen eigenen Tagebüchern / Filmkritiken, und finde sie – als ironisches, oft rührendes Stilmittel – in der Figurensprache vieler „gernegroßer“ Erzähler, z.B. in C.D. Paynes „Youth in Revolt“-Romanen (ab 1993) oder Judith Zanders „Dinge, die wir heute sagten“ (2010).

  • Unsympathische“ Hauptfiguren sind (oft auch) überraschende Hauptfiguren. Ich muss den biederen, unfairen Dawson und die verdruckste, arrogante Joey nicht mögen, um mich (sehr produktiv, mit großem Vergnügen) an ihnen abzuarbeiten.

  • …und dass in Capeside „nie etwas passierte“, schien mir sehr tröstlich:

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An einem ihrer ersten Tage in der Nachbarschaft, in Folge 4 von „Dawson’s Creek“, trat Jen ins Krankenzimmer ihres komatösen Opas. Griff seine Hand und sagte müde, aber nicht unglücklich: „Das war wieder eine heftige Woche in Capeside.“

Es war nichts Großes geschehen.

Doch sie hatte Recht.

Die knirschenden Gespräche. Die täglichen, trüben Sorgen.

Wahrscheinlich gibt es jedes Jahr nur drei, vier Tage, die wirklich heftig sind, heftig auf Leben-oder-Tod-Niveau. Der Rest der Zeit, aller Alltag, hat nur die zähflüssige, zweite Sorte heftig im Programm; ein Heftig in Schattierungen, die keine eigenen Namen tragen. Wie oft schleudern Drogendealer Brandsätze durchs Fenster…? Oft handelt „Dawson’s Creek“ von nichts als konkurrierenden Ideen zwischen Freunden. Den vagen Ängsten und Gefühlen einer Gruppe Schülern. So ernst und gut, als sei das legitim, als Thema einer Serie. Als seien solche Tage, nur für sich, bereits erzählenswert.

[Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

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  • Dawson’s Creek“ fragt, was Fiktion und Erzählen leisten können; für Menschen, nervös, befangen, unerfahren, in einem nicht-fiktionalen, nicht-glamourösen, unsauberen, vielstimmigen Alltag.

  • Dawson’s Creek“ fragt, ob Fiktion und Erzählen Sinn stiften – oder schaden, wenn Wissen als Second-Hand-Erfahrung, medial vermittelt, aus Hollywood- und Trash-Filmen abgegriffen wird.

Und „Dawson’s Creek“ scheitert.

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Weil die „reale Welt“, das Leben in Capeside, glatt, sauber, film-/romanhaft alle Klischees reproduziert, von denen sich „Dawson’s Creek“ abgrenzen will: Die Serie stellt vier bis sechs dynamische, komplexe Jugendliche (und eine freche, amüsante christliche Großmutter) einsam und plump zwischen flachen Eltern- und Lehrer-Figuren, lustlose Pappkameraden, schnell vergessenen Gaststars:

  • Dass Dawson lebt und handelt, als gäbe es drei, vier „wertvolle“ Personen – und sonst nur Pöbel und Statisten, ist eine irrwitzige, toll pubertäre, bigotte, verkrachte, großartige erzählerische Perspektive.
  • Dass Dawson in einer Serienwelt leben / handeln darf, in der es wirklich nur drei bis vier wertvolle Personen gibt, ist oft so schäbig, öde, flach, verkitscht und pointenlos wie das Gerede von Joey – oder den „Seinfeld“-Freunden:

In „Zimmer voller Freunde“ träumt Frank von häuslichen, munteren Muttis; Figuren aus Sitcoms wie „Hör mal, wer da hämmert“. Stefan will Breitbild, Orchester, Steadicam-Fahrten und Dolby Surround. Antje („Wir haben nur drei Programme. Mich interessiert das nicht.“) versucht, ohne Helden, Leitbilder auszukommen. Und Stoff macht keinen Unterschied – zwischen „Menschen“ und „Figuren“.

Wenn ich meinen Freundeskreis und meine Jugend erklären will – und den Roman, den ich gerade aus ihnen mache –, gibt es… auch auf den zweiten Blick… keinen besseren Vergleich als „Dawson’s Creek“.

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Zimmer voller Freunde 04.

“Willkommen im Leben”:

Ton (04)

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Du schreibst ein Buch über Schüler? Dorfjugend?“ – „Elftklässler, ja.“ – „Ein Jugendbuch?“ – „Ich… bin nicht sicher.“

  • Zugriff und Stil ähneln US-Erzählern wie John Updike, Stewart O’Nan.

  • Zielgruppe? Leser von 25 bis 40, meine „Generation“.

  • Doch meinen Ansprüchen wird „Zimmer voller Freunde“ erst gerecht, wenn Siebzehnjährige das Buch im Schwimmbad lesen – und in der Clique verleihen.

Passt „Jugendbuch“, als Etikett, auf den Roman? Nur, falls “Willkommen im Leben“ / „My so-called Life“ (1994/95 auf ABC, eine Staffel, 19 Episoden) eine „Jugendserie“ ist. Beides zeigt Alltag, Freundschaft, Familienleben. Macht Teenager zu Perspektivträgern, Erzählern. Doch steht jedes Format, das sich auf Lebenswelten Jugendlicher konzentriert, im Jugend-Genre?

  • 2007 produzierten Edward Zwick und Marshall Herskovitz „quarterlife“, eine (ABC-)Webserie über College-Absolventen, die sich zum ersten Mal auf dem Arbeitsmarkt behaupten.

  • 1999 bis 2002 produzierten Zwick und Herskovitz die ABC-Familienserie „Once and again“ („Nochmal mit Gefühl“) über eine geschiedene Frau Anfang 40, die mit ihrem Partner und je zwei Kindern zwischen 9 und 16 eine Patchwork-Familie wagt.

  • 1987 bis 1991 produzierten Zwick und Herskovitz eine ABC-Serie über junge Eltern und ihre ledigen Freunde, „thirtysomething“ („Die besten Jahre“). Werber, Journalisten, eine Fotografin und eine „Career Woman“, die Arbeit und Familie balancieren.

Willkommen im Leben“ zeigt Alltag (und altersgemäß „tiefsinnige“ Einsichten und Monologe) von Angela Chase, einer behüteten Fünfzehnjährigen aus einem Vorort Pittsburghs, die zum Start der zehnten Klasse Eltern und alte Freunde – Nerd-Nachbar Brian und die häusliche, „anständige“ Sharon – vor den Kopf stößt, als sie ihr Haar rot färbt und sich Punk-Mädchen Rayanne und Hispano-Außenseiter Rickie zuwendet.

19 Episoden erzählen vom Abnabelungsprozess zu ihren Eltern und Angelas erster, oft tragikomischer Beziehung mit Jordan Catalano, einem Fleecepulli-Jungen mit Gitarre, altem Cabrio und Lese-Rechtschreib-Schwäche.

  • Ich sah „Willkommen im Leben“ 1995/96, mit zwölf.

  • 1997 und 1999, mit 14 und 16, in Nachmittags-Wiederholungen.

  • 2009, mit 26, zur Vorbereitung von „Zimmer voller Freunde“.

Bei jedem Durchgang erschien mir Angelas Leben „authentisch“, „realistisch“, „persönlich“, „dringlich“ – ohne schrille Misstöne, Hysterie, Übertreibungen, Eskapismus und Melodrama, die bei „Beverly Hills, 90210“ oder „Dawson’s Creek“ schnell Überhand gewannen: Stewart O’Nan (Link: Text von mir) nennt seine (Vorstadt-)Romane „domestic fiction“ – und ich verstehe, wenn der Begriff falsche, staubige Assoziationen weckt: Muttis und Blumenbeete, Leben in der Spielstraße, Milch, Kekse, Schwangerschaftsstreifen – die Welt von Pinterest und Chefkoch.de. Eng. Apolitisch. Hohl.

Willkommen im Leben“ – und: O’Nan, Richard Yates, John Updikes „Rabbit“-Romane – sind Beispiele für gelungene „domestic fiction“: In einer Hierarchie menschlicher Bedürfnisse – z.B. in Maslovs Fünf-Stufen-Pyramide: physische Ansprüche, Sicherheit, sozialer Anschluss, Wertschätzung, Selbstverwirklichung – bleiben die Ziele von Thriller- und Fantasy-Figuren oft (langweilig, für mich uninteressant) auf der untersten Ebene: „Die Pferde brauchen Futter!“, „Wir müssen Obdach finden, bevor es dunkel wird!“, „Jemand muss rein – und meine Tochter da raus holen!“.

domestic fiction“ folgt Menschen, die grundsätzlich sicher sind: Kein anderes Genre kann so differenziert, zeitbezogen, offen Fragen zu Identität, Familie, Elternschaft, Sexualität, Lebenszielen, Gemeinschaft stellen. Und während die Ziel- und Altersgruppen der Zwick-/Herzskovitz-Serien ständig wechseln, bleibt die Arbeitsweise der jeweiligen Serien-Autoren dieselbe: eine Gruppe Schreiber sammelt „authentische“, „realistische“, „persönliche“, „dringliche“ Alltags-, Generations- und Lebenserfahrungen. Erlebnisse, so mundane, dass sie jeder (er-)kennt. Und – hier wird es Kunst und Kunstgriff – hängt diese Erkenntnis-Nuggets an Figuren und Figurensprache, so eigensinnig, dass sie einmalig / authentisch wirken:

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Im August 1994, am Ende des Pilotfilms von „Willkommen im Leben“, kommt Angela nach Mitternacht zurück nach Hause. Sie streift die Schuhe ab und steigt barfuß die Treppe hoch, um niemanden zu wecken. Von oben fällt Licht auf ihr rot gefärbtes Haar. Und vorne, im Schlafzimmer der Eltern, läuft der Fernseher: Ihre Mutter sitzt alleine auf dem Ehebett und schaut durch alte Alben oder Adressbücher. James Stewart, in schwarzweiß und ohne Ton, sagt auf dem Bildschirm seiner Tochter gute Nacht. Angela lehnt den Kopf an den Türrahmen. „Meine Mutter wurde adoptiert“, sagt sie im Off. „Eine Zeit lang hat sie ihre richtigen Eltern gesucht.“ Sie macht eine Pause. „Das tun wir wohl alle.“ [Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

Als Teenager traf „Willkommen im Leben“ bei mir auf große, größte Resonanz:

  • Fast nichts passt / ereignet sich: Angela verbringt viel Zeit damit, still zu klagen, dass ihr Leben nur sehr langsam, schwerfällig Fahrt aufnimmt. Erwachsenwerden, das ist Warten, die Zähne zusammenbeißen, die Nerven behalten. („I thought, at least, that by the age of 15, I would have a love life. But I don’t even have a ‘like’ life.“)

  • Oft missglücken Angela und ihren Nicht-Mehr- oder Noch-nicht-so-richtig-Freunden die banalsten Vorhaben (Tanzen gehen, ein Konzert besuchen, zu selbstbezogenen, nervösen Eltern durchdringen)… ohne, dass die Autoren dabei einladen, über Pech, Missgeschick und pubertäre Beschränktheit der Beteiligten zu lachen.

  • und, in den Worten des „TV Tropes“-Wikis: “Often, the show took a comic plot and subverted it by playing it for drama (and, arguable, realism) rather than for humor – and this was both much funnier and much more painful than it would have been as a comedy.”

Die tagesaktuellen, akuten „Klappt es? Misslingt es?“-Spannungsbögen einzelner „Zimmer voller Freunde“-Kapitel bleiben oft in dieser – sehr unspektakulären – Größenordnung:

  • Darf Antje die Wohnung ihrer Mutter sehen, hinter deren Rücken?

  • Soll Frank am 18. Geburtstag durch die Schule trotten?

  • Kann Stefan Stoff zur Rede stellen, bevor die Stadtbahn kommt?

Die größte Arbeit / Mühe an „Zimmer voller Freunde“ ist, 420 Seiten lang Spannung und Dringlichkeit zu schüren für eine lose Gruppe pubertärer Figuren, die – einerseits – stets ganz, ganz oben auf der Pyramide über Selbstbilder und Rollen philosophieren… aber – andererseits – vor jedem selbstbestimmten Schritt die dümmsten, dörflichsten „Hoffentlich hat Papa heute Abend Lust, uns in die Disko zu fahren!“-Konflikte lösen müssen:

Ich war zweimal in Sassis Flur.

[…] Ich war elfmal bei Stoff, gut fünfzigmal bei Fred, ich war dreihundertmal bei Frank und ich war viermal bei den Langs, viermal in 28 Monaten, denn Dawson hat den Führerschein, ein Ruder- und das Motorboot; und jedes Prolo-Kind in jeder Stadt hat Straßenbahnen, Züge, einen Nachtbus. Aber von meinem Dorf zu Helena sind es zwölf Kilometer. Hinter die Au, zu Fred, beinahe 15. Runter in Danis Dorf fast 19. Das ist doppelt so weit wie von der Bronx zum Central Park.“ [Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

Der Ton, in dem „Willkommen im Leben“ von Jugend, Erwachsenwerden und den – manchmal: läppisch narzisstischen; manchmal: hochkomplexen, drastischen – Fragen ganz oben auf der Pyramiden-Spitze erzählt, ist „authentisch“, „realistisch“, „persönlich“ und „dringlich“. Als Elftklässler, Auf-den-Schulbus-Warter, Leser, Zuschauer half mir dieser Ton, eine artifizielle, oft sehr pointierte US-Serie sehr ernst und sehr persönlich nehmen zu können (ohne mich, wie bei „90210“ und „Dawson’s Creek“, ständig latent „betrogen“ und manipuliert zu fühlen). Als Autor, heute, hilft mir derselbe Ton, sehr persönliche, biografische Momente zugänglich, relevant, auf-der-Decke-im-Schwimmbad-lesefreundlich zu erzählen.

Jugendbuch“ ist (aus Gründen, die ich im nächsten Teil erläutere) kein guter Leit- und Sammelbegriff für meine Arbeit. „domestic fiction“ – so un-sexy, apolitisch und „Schatz? Da ist schon wieder Laub in unserer Regenrinne!“ das klingt – passt besser. Und greift tiefer:

[…a]ls mir in der Grundschule die Freunde fehlten, las ich „TKKG“.

Als ich kein Super-NES bekam, las ich die Spiele-Tests in Mega Fun oder Total!.

Als ich vor „Akte X“ zu Bett gehen musste, las ich den TeleVision-Episodenguide.

Und heute? Seit Sassis Zorn die beiden einzig nennenswerten Mädchen meiner Welt verstören (und fast verjagen…) konnte? Blicke ich auf Kunstfiguren wie Dawson, Joey, Jen. Denn alles, was ich fühlen und erleben will, wird irgendwo für mich beschrieben und erklärt. In einem Buch, in einer Serie, in Zeitschriften, in einem Song, im Netz. In den Erzählungen und Selbstzeugnissen fremder Menschen! Wann treffe ich geschlechtsreife, reale junge Frauen? Wo bleiben echte Kellys und Rayannes? Ich sprach noch nie mit einer richtigen Studentin. Ich saß noch nie bei einer echten Achtzehnjährigen im Auto. Vor einer wildfremden und dubiosen Chrissy, vor einer schwabbeligen Dani, vor einer stutenbissigen […] Nina […] habe ich oft beinahe… Angst. Denn ich weiß sehr genau, wie Major Kira oder Lois Lane agieren. Ich habe Miss Parker aus „Pretender“ weinen sehen! Doch keine einzige geglückte weibliche Figur im echten Leben. Weiß Stoff, wie man sich fühlt, wenn man allein über den Schulhof muss? Oder gezwungen ist, sich auszuziehen, vor einer Doppelstunde Sport? Oder am Rand von einer Party steht, auf der sich niemand freut, dass man gekommen ist?

Ich brauche die Teenager im Fernsehen (und, im Notfall: Frank) damit ich weiß, was für mein Alter gut, gesund, normal und tolerabel ist. Ich lerne – ich lebe! – durch Filme und Serien.“ [Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

Willkommen im Leben“ war bis heute der beste dieser „Lehrer“. Und – fast 20 Jahre nach der ersten Ausstrahlung – weiterhin sehenswert.

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Zimmer voller Freunde 05.

“Mad Men”:

Verfremdung / Distanz (05)

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Der dümmste, schlimmste, widerlichste Satz, den ich 2012 las, stand auf der Facebook-Pinnwand einer Bekannten (und jungen Mutter):

Das Beste, was ein Vater für seine Kinder tun kann, ist, ihre Mutter zu lieben.“

Schlimm scheint mir dabei weniger die Aussage („Wenn Vatis Muttis ganz doll lieben, tut das der ganzen family gut!“), als das Männer-, Frauen-, Familien- und Rollenverständnis dahinter: Abgründe tun sich auf – allein, wenn ich mich frage, was geschehen wäre, hätten meine Eltern versucht, nach dieser Maxime zu leben. Ein kleiner, verkrachter, überspannter Satz, der – zu Ende gedacht, und an konkreten Menschen durchgespielt – einen monströsen Konflikt spannt.

Mad Men“ (AMC, seit 2007, bislang fünf Staffeln) ist das aktuellste Ensemble Drama, das mir auf ähnliche Weise – meist mit nur einer kurzen, brillant verkrachten Aussage – den Boden unter den Füßen entreißt. Eine ruhig erzählte, gediegen inszenierte Werber- und 60er-Jahre-Serie, in der oft 30, 35 Minuten am Stück nichts zu passieren scheint. Alle Figuren sind lauernd, zurückhaltend, gepflegt, voller Selbstbeherrschung und (vermeintlich: sicher) eingeschnürt ins Korsett ihrer Klasse, ihres Berufs und der historischen Ära.

Ich weiß, wie viele Leute ‘Mad Men’ mögen…”, seufzte ein Toronto-Freund im Frühling. “Aber jedes Mal, wenn es im Fernsehen läuft, schalte ich [gefühlt] in dieselbe Szene: eine Frau sitzt am Schreibtisch. Eine andere Frau tritt hinzu. Sie sagt: ‘Hier ist der… Tacker.’ Dann starren sich beide an – schweigend und ernst.”

Man spürt, als Zuschauer: Hier läuft noch etwas anderes. Noch im banalsten Dialog vollführen „Mad Men“-Figuren einen schmerzhaften, nie völlig überzeugenden Balanceakt: Sie täuschen einander – und sich selbst. Und jederzeit können diese Täuschungen scheitern. Dünnes Eis. Großes Risiko.

Die Elftklässler in „Zimmer voller Freunde“ sind zorniger, offener, leichtsinniger: Sie haben weniger zu verlieren, viel zu verbergen (aber amüsant wenig Übung / Routine, sich erfolgreich zu verstellen), und viele von ihnen genießen es, hässliche Wahrheiten auszusprechen, einander zu reizen: Das Milieu des Romans ist ähnlich nervös, die Figuren ähnlich empfindlich – doch die „Betriebstemperatur“ von „ZvF“ ist höher als beim unterkühlten, trockenen, oft scheinbar „ruhigen“ „Mad Men“:

“Mad Men can be difficult to watch if you aren’t into/accustomed to understated drama. Almost all of the show is dialogue and minute physical interactions with larger dramatic implications.” [Zitat aus einer Diskussion im Webforum Reddit, Link]

Die (kleine) „Mad Men“-Taktik, dir mir in vielen „Zimmer voller Freunde“-Szenen hilft, Figuren in Position zu bringen, Konflikte zu schärfen, Spannungen zu schüren, sind „schlimme“, suggestive Sätze:

  • This never happened. You’ll be amazed how much this never happened“, der väterliche, gut gemeinte Rat, persönliche Schwächen unter den Teppich zu kehren, indem man lebt, als wäre nie etwas entgleist („Mad Men“, fünfte Episode der zweiten Staffel), hängt seit drei Staffeln beiden Figuren – dem Ratgeber und der Empfängerin – in jeder Szene als hässliches Echo nach: „Ja? Wirklich? Ist all das für dich nie passiert?“, will man als Zuschauer ständig fragen: „Ist es bewältigt – nur, weil du sagst: ‘Das ist vorbei’…?“

  • We’re dealing with the emotions of a child“, urteilte ein Psychologe (sehr früh: in Episode 7 von Staffel 1) über Betty Draper, Hausfrau und Mutter. Seitdem wirkt jede Handlung Bettys – als Ehefrau und Mutter, als Tochter und „Erwachsene“ – wie Teil eines heimlichen Experiments: Sind Bettys Handlungen erklär-, entschuld-, entschlüsselbar? Hilft uns die (überhebliche, boshafte) Betty-ist-ein-Kind-Behauptung, um ihre Taten und Urteile zu verstehen?

Diese Sätze – Zuschreibung oder Selbstaussage – müssen nicht korrekt sein oder eindeutig: Sie sind kein „Schlüssel“, um Figuren zu enträtseln. Im besten Fall schwingen sie – als offene Fragen und Verweise auf größere Themen – im Lauf der Serie immer weiter mit, und werden, in späteren Entscheidungen / Konflikten, aus immer neuen Perspektiven, zur Diskussion gestellt:

Mach du nur immer alles richtig, Maus. Mach bitte nie irgendwas falsch! In Ordnung? Gut? Habe ich dein Wort?“ …verlangt ein Vater in „Zimmer voller Freunde“.

Jedes Mal, wenn ich ein Mädchen sehe, wünsche ich mir, ich wäre mit ihr zusammen. Das ist das einzige, was ich wirklich will.“ …schreibt Frank.

Ich hasse sie. Ich hasse sie alle. Was für arme Menschen!“ …erklärt B, als eine mehrerer Figuren, die überall „Statisten“, “Figuren”, „Marionetten“ sehen.

Mein letztes Beispiel – über Bande gespielt: „Für ihre Tochter würden die beiden alles tun“, belächelt X die Eltern von Y. „Doch Y belügt sie, wo sie kann.“

Das spannt – für X und Y, und alle folgenden Kapitel – Fragen:

  • Was heißt „alles tun“: Bleibt Ys Familie bei allen Problemen und Zumutungen loyal? Was wird ihnen, im Lauf der Handlung, von Y abverlangt?

  • Wünscht sich X insgeheim solche Eltern? Haben Y und X „passende“ Eltern? Was wäre, wenn X mit Ys Eltern leben müsste?

  • Sind diese Eltern „stark“ oder „schwach“? „Gut“ oder „schlecht“?

  • Und: Falls Y tatsächlich „lügt, wo sie kann“, wie belastbar ist dann die Freundschaft zwischen X und Y?

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mad men unsympathetic characters.

Ich lese Bücher, um – in Ruhe, mit großer Konzentration, Intensität – einzelnen Erzählern, der Schönheit (oder: Absurdität) ihres Denkens zu folgen. Tolle Sprecher, tolle Stimmen, tolles Denken wie bei Ruth Klüger, Joan Didion, Marcel Proust, Nabokovs „Lolita“.

Doch sobald mehr als zwei Figuren im Zentrum stehen, sind Serien das reichere, besser entwickelte, erwachsenere Format: Sie haben…

  • Schauspieler (Charisma! Sex-Appeal! Nonverbale Kommunikation!).

  • eine Trickkiste aus Bildsprache, Schnitten, Ton, Musik.

  • und, idealerweise: sechs, sieben, acht Jahre Zeit, Figuren aufzubauen, einem Publikum vorzustellen, sie wachsen zu lassen oder zu zerstören, korrumpieren.

Gemeinhin gelten Romane als bestes Medium für Empathie, Identifikation, Sich-selbst-im-Geschehen-Verlieren: Wer eine Hauptfigur nicht sehen muss, reicht ihr schnell zutraulich die Hand und lässt sich führen. Kinder-Helden wie Charlie Brown und Romance-Ich-Erzählerinnen wie Bella Swan sind absichtlich so offen, schlicht, neutral wie möglich gestaltet; und „Tim & Struppi“ lockt mit Hintergründen / Szenerien, detailverliebt und realistisch, doch die Figuren bleiben simple Chiffren:

Projektionsflächen, Identifikationsangebote, so offen, locker, harmlos, dass man – ohne Reibung, Widerstände, Entfremdungen, „Wie ist der denn drauf?“-Irritationen – in die Beobachter- und Heldenrolle schlüpfen, sich mitreißen lassen, staunen kann.

Vor allem Genre-Romane [und: Jugendbücher] laden ein, sich der Hauptfigur und / oder dem Erzähler gemein zu machen: Identifikation. Empathie. Katharsis, wie sie Aristoteles forderte.

Seit etwa 15 Jahren entwickeln Serien wie „Mad Men“ [gelungen, meiner Ansicht nach: „Six Feet Under“, „Weeds“, „Enlightened“, „Girls“] eine eigene, gegenläufige Tradition: abschreckende Hauptfiguren. Stolper-Sätze. Verfremdung. „Wie ist der denn drauf?“

Im Juli 1993, in meinem letzten Sommer vor dem Gymnasium, besuchte ich alle Figuren meiner Grundschulklasse. Sogar die Türken und das Mädchen aus der DDR, das nur eine Dreizimmerwohnung hatte. Wir spielten Barbie oder Lego, ich fragte nach dem Weg zum Klo – und alle fanden mich erst später, im Hobbyraum oder Speicher. Doch niemand schien gekränkt. Einige Eltern wirkten fast… geschmeichelt, gaben eine Führung durch ihr Haus. Mehrere Kinder luden mich ein zweites Mal ein. Und mit zwei, dreien habe ich stundenlang gespielt – friedlich, in zwei getrennten Zimmern.“ [Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

Mögen muss man solche Protagonisten nicht.

Doch es macht Spaß, sie zu beobachten – in ihrer Hybris und ihren Balanceakten. In ihren Selbsttäuschungen. In ihrem Korsett. Ihrer verkrachten Sprache.

Dünnes Eis. Großes Risiko. „Wie sind die alle drauf?“

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Zimmer voller Freunde 06.

“Neon Genesis Evangelion”:

Hauptfiguren (06)

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Viele Serien haben zwei, drei starke Schlüsselreize, mit denen sie Zuschauer locken, Programmnischen besetzen, Zielgruppen abstecken: ein Publikum an sich binden.

Sailor Moon“ – 1992 bis 1997, 200 Episoden, TV Asahi (Japan) – hat ungefähr dreihundert:

Freundschaft! Schulmädchen! Zauberei! Dämonen, Hexen, Reinkarnation! Slapstick! Science Fiction! Romantik! Achtklässler als Superheldinnen! Schleifen! Sternchen! Kätzchen! Zeitreisen! Ein stolzes, glückliches Lesbenpaar!

Das – von mir lange unterschätzte – Alleinstellungsmerkmal, das junge Frauen an die Serie (und den zugrunde liegenden Manga) band, war ihr Ensemble: erst fünf, dann zehn, am Ende dreizehn verschiedene Mädchen, die – als Freundinnen, als Kriegerinnen, als Team und in verschiedenen Paaren / Konstellationen – kämpfen, feiern, arbeiten, lernen und reisen. Freundschaft als Rückhalt, Band, Quelle innerer Kraft und Lebensmittelpunkt, stärker als der Tod, zäher als die Zeit – zwischen Mädchen unterschiedlichsten Charakters (und: mit den seltsamsten Haarfarben!).

Jedes Ensemble, in dem ein Mädchen / eine Frau Platz findet, macht – in Positionierung, Wertschätzung, Prioritäten, Erfolg oder Misserfolg dieser Frauen-Figur – Aussagen über Gewicht und Rolle der Frau „an sich“. Ensembles aber, die zwei oder mehr Frauen einbauen, zeigen (automatisch):

  • Frauen haben verschiedene Rollen, Chancen, Potenzial.

  • Frauen haben verschiedene Möglichkeiten, diese Rollen („erfolgreich“) zu füllen.

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Representation matters“, sagen Akademiker, Feministen, Zuschauer-Lobbys – und werfen Fragen auf wie:

  • Warum sind alle Frauen in den Comics des DC-Verlags schlank?

  • Warum waren bis vor 15 Jahren Sitcoms über schwarze Mittelklassefamilien Mainstream, doch heute nur Nischenprogramm auf Nischen-Sendern?

  • Warum finden im Ensemble von „Verbotene Liebe“, einer Soap mit 24 Hauptrollen, wenige Spanier, Latinos, Figuren aus Urlaubsländern Platz… doch in fast 20 Jahren keine Figur mit russischem, polnischem, türkischem Hintergrund?

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Bechdel-Test (Link): bestanden!

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Für „Zimmer voller Freunde“ habe ich kein Ensemble entworfen: Ich wollte ein Jahr meiner Jugend beschreiben, in dem Freundschaften zerbrachen, Konflikte eskalierten, Porzellan zerschlagen wurde. Ein Scharnier. Ein Kahlschlag. Ein Anfang: Stefan ist 16 und verlor – über Nacht, ohne Erklärung – den Anschluss an seinen Freundeskreis. Helena, Stoff, Sassi meiden ihn. Er will zurück in ihre Clique, um jeden Preis. Ein klarer Konflikt.

Eine Hauptfigur. Drei Frauen.

Kontrastiert, ergänzt, gestört wird dieser Plot durch Freund Frank – ein kluger, chronisch gelangweilter Oberstufen-Casanova, erfahrener, geschickter, hungriger, schneller, den Eltern, Partner und Lehrer ermahnen, dass er sich Zeit lassen soll: ein Kompromiss-Gebrauchtwagen, eine Kompromiss-Beziehung, drei letzte Kompromiss-Jahre, bevor er ausziehen, ein Erwachsenenleben führen darf – wäre das zu viel verlangt?

“Frank war am Freitag be Renault: Der Neuwagen, den er braucht, kostet 24.700 Mark. “Nur für ein Auto? Halt dein Geld zurück. Denk an die Zukunft!”, sagte Carmen.

Aber das ist die Zukunft!

“Ich bin fast 18 – soll ich warten, bis ich 40 bin?”

“Du brauchst kein Auto, Frank: Wir fahren dich überall hin. Bau einen Unfall, und dein Geld ist weg. Mach einen Fehler, und du hast alles verloren.”

[Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

Zwei Perspektiven – und parallele, eigene Geschichten –, die ich seit (etwa) 2006 erzählen will, zwei Protagonisten, deren Welten, Prioritäten (und: Unterschiede) ich verstehe, aus dem Teil meiner Jugend / Gegenwart, von dem ich weiß:

  • Dem werde ich erzählerisch gerecht.

  • Das stand noch nicht in 15 anderen Romanen.

  • Falls ich (nur) Zeit habe, ein Buch zu schreiben, kreuzen sich hier, in diesen beiden Schüler-Leben, im Schuljahr 1999 / 2000, die Fragen, Konflikte, über die ich schreiben will.

Soviel zu allem, was ich „mitbringe“ – Rohmasse, Prägung, biografisches Material. Das Zeug, das „raus will“: Gruppen, Freundschaft, Rivalität. Heimat, Familie, Ambition. Kompromisse, Verlust. Sexualität. Fernsehen. Tagebücher. Zeitgeschichte.

Freundin A. hat eine – zwanglose, persönliche – Vorliebe für Gruppen: Oft schart sie „Herden“ um sich, ohne, es zu merken. Freunde treffen die Familie. Kinder spielen mit Hunden. Verwandte bringen Freunde mit… und plötzlich sitzen wir zu acht, zehnt, zwölft am Esstisch, „Suppe haben wir auch noch!“, „Bleibt gerne: Gleich kommen die anderen vorbei!“, „Wartet! Ihr da vorne – die kommen nicht hinterher!“.

Mein Ideal von sinnvoll / gut verbrachter Zeit sind Zweiter-Aktivitäten: Einem Gegenüber kann ich zuhören, einem Freund werde ich gerecht. Im Pulk verreisen, essen, spazieren, zu fünft Entscheidungen treffen, zu zehnt Prioritäten setzen, in einer Clique, Klasse, Großfamilie, Redaktion um Aufmerksamkeit betteln… menschlich ist mir das ungeheuer lästig.

Nur literarisch macht es ungeheuren Sinn:

Frank schreibt am 8. August 1999: Vorhin war ich mit Stefan und den Ridgebacks im Wald. […] Danach haben wir uns „Dawson’s Creek“ angetan. Die Kinder aus Creek nehmen jeden Scheiß ernst. Sie übertreiben sich und machen aus Sex einen Elefanten. Stefan hat mir mal einen Tag aus seinem Timer vorgelesen, um zu beweisen, dass er spannend ist. Sein Tag war drei Times-New-Roman-Seiten lang. Es stehen zwar Gedanken drin. Aber auch sehr viel Mist!

Ich habe noch nie in meinem Leben drei Seiten erlebt. So etwas gibt es nicht, wenn man 10.-Klässler ist.“ [Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

Zimmer voller Freunde“ hätte ein hastiger, glatter Roman werden können über einen Außenseiter, Stefan Mesch, und seine Startschwierigkeiten mit Freundschaft (Stoff), Liebe (Helena), Konkurrenz (Frank):

Die Menschen in Stefans Welt wären dabei weniger Menschen – als rhetorische „Widerstände“: Stefan-Mesch-Kontraste, Stefan-Mesch-Sparringpartner, die, als Stefan-Mesch-Antipoden, helfen, die Stefan-Mesch-Geschichte möglichst effektiv, dramatisch zu erzählen. Eine Hauptfigur – und eine Welt aus Nebenrollen, die dieser Figur zuspielt.

2009 beschlich mich der Verdacht, dass ich ein… Jugendbuch (?) plane. 2010, vierzig Young-Adult-Romane später, konnte ich die Frage verneinen: Im YA-Genre läuft alles auf den Helden zu. Nicht jede Hauptfigur ist „glatt“, einfach und „offen“, lädt ein zur reibungslosen Identifikation. Doch oft bleiben Perspektive und Nebenrollen solipsistisch: Ein Teenager – und wie er seine Welt sieht.

  • Mitfiebern, Eintauchen: Identifikation

  • Nebenrollen, im Kreis oder sternförmig auf die Hauptfigur ausgerichtet

  • Ein Milieu, ein Konflikt; fast immer: nur eine Perspektive.

Zimmer voller Freunde“ stellt drei Figuren gegeneinander: Stefan (als Ich-Erzähler / Autoren-Ich), sein bester Freund (?) Frank und ein Mädchen aus dem Schulbus, das beide kaum kennen: Antje. Alle drei gehen in dieselbe Schule in der Kreisstadt. Und alle drei wollen – aus jeweils anderen Absichten und Gründen – Zugang zu einer kleinen Wohnung. Drei einzelne, zunächst getrennte Handlungsstränge. Und dann: ein Schuljahr voller Kollisionen.

Für „Zimmer voller Freunde“ habe ich kein Ensemble entworfen. Doch sehr lange malte ich Netze, Gitter, Pfeile, strich Freunde, Partner, Geschwister, Lehrer, schob Rollen in- und auseinander, im Mittelpunkt ein Protagonisten-Dreieck, Stefan-Antje-Frank, und das Bemühen, alle anderen Rollen so auszurichten, dass…

  • sie Stefan wie Frank etwas jeweils eigenes bedeuten.

  • augenfällig mehr sind als die Summe ihrer jeweiligen (Doppel-)Rollen / Funktionen.

  • Antje einen frischen, skeptischen, genuin dritten Blick werfen kann.

Mühevoll war nie, Konflikte dreier – jeweils auf eigene Weise: toll bekloppter – Protagonisten klug gegeneinander auszuspielen (Zopfdramaturgie (Link), unzuverlässige Erzähler (Link), Rashomon-Effekt (Link), bla blubb…), sondern, für all ihre Gegenüber stimmige, differenzierte Positionen zu schaffen. Am Ende – im Sommer 2008 – half mir ein Text (Link) über „Harry Potter“ und „Neon Genesis Evangelion“, eine Science-Fiction-Anime-Serie, 1995, 26 Episoden, TV Tokyo.

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evangelioncast trios geodeisic cast

nur ein Trio, das nicht nebeneinander steht: Ritsuko (ganz links) und Misato / Ryoji (ganz rechts, mit Kreuzen)

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Im Zentrum von „Evangelion“ (und „Harry Potter“, und „Zimmer voller Freunde“) steht ein „Power Trio“ (TV Tropes, Link), drei Figuren mit unterschiedlichem Blick und komplizierter Dynamik – eine gängige Helden-Konstellation: Kirk, Spock, McCoy („Star Trek“), Pippi, Thomas, Annika („Pippi Langstrumpf“), Luke Skywalker, Han Solo, Leia („Star Wars“), Ash, Rocko, Misty („Pokémon“), „Die drei Fragezeichen“, „Die drei Musketiere“, „Drei Engel für Chalie“ usw..

Das Besondere an „Harry Potter“ und „Evangelion“ ist, dass ihre (sehr großen, potenziell unübersichtlichen) Ensembles das zentrale Protagonisten-Trio spiegeln – und also: die Nebenrollen als eigene, kontrastierende Trios anordnen:

  • drei (14jährige) Protagonisten: Shinji, Rei, Asuka

  • drei (erwachsene) Mentoren: Misato, Ritsuko, Ryoji

  • ein Trio aus Mitschülern (Toji, Hikari, Kensuke), ein Trio aus Technikern (Makoto, Maya, Shigeru), ein Trio aus A.I.s / Computern (Caspar, Melchior, Balthasar), ein Trio aus UN-Organisationen (NERV, SEELE, GEHIRN).

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Zimmer voller Freunde“ benutzt eine eigene Variante:

  • drei Perspektivträger / Hauptfiguren: Stefan, Frank, Antje.

  • drei Menschen [rot markiert], die zwischen sie geraten / für jeweils zwei von ihnen sehr unterschiedliche Rollen / Bedeutungen einnehmen.

  • drei Figuren [blau markiert] als Gegenstimmen, Komplikation für jeweils eine Haupt- und eine „rote“ Figur.

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Figuren ZvFdrei Erzähler – und die sechs wichtigsten Figuren, die sie umgeben.

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In meinen Tagebüchern und Antjes, Franks und meinem realen Schuljahr 1999 / 2000 spielten 60, 80 Menschen ihre Rollen. In „Zimmer voller Freund“ sind es unter 30 – und sobald neun zentrale Figuren, in ihren Dreier-Konstellationen, gesetzt waren, fügte sich der Rest.

Ziel des Romans war nie, autobiografisch zu erzählen, möglichst perfekt abzubilden, was MIR vor beinahe 15 Jahren, auf einem Provinzgymnasium, mit einer Handvoll Freunden widerfuhr. „Zimmer voller Freunde“ ist… breiter:

  • Menschen haben verschiedene Rollen, Chancen, Potenzial.

  • Menschen haben verschiedene Möglichkeiten, diese Rollen („erfolgreich“) zu füllen.

Stefan Mesch, 16 Jahre alt, Protagonist und Ich-Erzähler, glaubt, er stünde – allein, stolz, kontrolliert und würdevoll – im Mittelpunkt seines Jugendbuchs, Bildungsromans, Ensemble-Dramas:

Ich schreibe Timer.

Ich schreibe zwei oder drei Seiten jeden Tag, 200 Einträge pro Jahr.

Es gibt zehntausend Dinge, die ich nicht kann oder nicht will – doch das kann ich: Ich schreibe auf, was uns passiert und mache daraus ein dramatisches, tiefgründiges Ensemble-Drama.“ [Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

Stefan Mesch irrt.

Er ist einer von dreien. Einer von neun. Einer von beinahe 30.

und wie dieser Irrtum Stefan einholt / überrumpelt, ist eines meiner Haupt-Erzählvergnügen.

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Zimmer voller Freunde 07.

Babylon 5:

Spannungsbögen (07)

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Erzählerische Kniffe, Humor, Figuren von „Seinfeld“ wirken heute, über 20 Jahre nach den ersten Staffeln, recht angestaubt, konventionell: eine Alltags-Sitcom über misanthrope, weiße New Yorker Singles, verwöhnt und selbstbezogen. Moderne Zuschauer / Nachgeborene vergessen schnell (Link), wie viele Sitcom-Konventionen, -Standards erst in „Seinfeld“ ihre Form fanden:

Babylon 5“ (TNT / Warner, 1993 bis 1998, fünf Staffeln mit 110 Episoden, später mehrere Filme / Spin-Offs) zeigt Besatzung und Diplomaten / Botschafter einer Raumstation im Jahr 2258, die sich um Frieden zwischen Menschen und einem Dutzend fremder Völker bemüht. Eine Ensemble-Serie mit 20 zentralen Rollen, deutlich billiger inszeniert als die zeitgleich entwickelte „Star Trek“-Raumstation „Deep Space Nine“ (1993 bis 1999)…

aber mit Erzählfreude, langem Atem und der – damals: unerhörten – Ambition, einen komplexen, durchdachten, fünf Jahre langen „Story-Arc“ zu spannen:

  • Seinfeld“ prägte einen neuen Ton für Sitcoms / Comedy.

  • Babylon 5“ prägte Spannungsbögen, serialized Storytelling.

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Noch heute erzählen viele Serien „episodisch“ (in Deutschland: nahezu alle; in den USA: oft Produktionen des Konsens- und Berieselungs-Senders CBS). Statische Figuren, statische Konflikte, alle Fragen / Probleme zum Ende der jeweiligen Episode gelöst, bewältigt – ein schlichter, klarer, verlässlicher Status Quo, der acht, neun Jahre tragen kann, flexibel genug, um bockige Darsteller zu feuern / zu ersetzen, aber so simpel und einsteigerfreundlich, dass Episoden auch in falscher Reihenfolge oder mit großen Lücken verständlich bleiben.

Viele moderne (meist: einstündige) Drama-Serien dagegen versuchen sich seit „Babylon 5“ an einem durchgängigen Spannungsbogen: Jede Episode soll wichtig sein, Mosaikstein eines komplexen, sich langsam enthüllenden Gesamtbilds:

  • Grey’s Anatomy“, recht konservativ erzählt, plant zu Beginn eines Serien-Jahres Romanzen, Hochzeiten, Unfälle aller Figuren, „Character Arcs“ für jeweils 22 Episoden.

  • Lost“ hatte zwar zur ersten Staffel vage Ideen, was in Staffel 2 oder 3 geschehen kann. Doch erst im vierten Jahr, als ABC einen verbindlichen Endpunkt setzte (sechs Staffeln, 121 Episoden), planten die „Lost“-Autoren Abschluss, Auflösung, finale Dénouements.

  • Babylon 5“ ging einen Schritt weiter – mit einem konkreten Fünf-Jahres-Plan: 5 Staffeln, je 22 Episoden, verschlungene, von langer Hand geplante Routen, auf denen alle Völker, Figuren, Konflikte stimmige, oft tragische / überraschende Endpunkte erreichten.

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US-Schauspieler dürfen sechs Jahre lang für eine Serie unter Vertrag genommen werden – vor Staffel 7 beginnen neue, zähe Verhandlungen. Eine Stunde US-Prime-Time-TV hat fünf Werbeblocks – und viele Drama-Serien-Drehbücher damit fünf Akte und einen Teaser / Prolog. Ein Spielfilm-Drehbuch hat drei – ungleich große – Akte und in der Mitte einen zentralen Wendepunkt… oft also eine Art Vier-Akt-Struktur.

b5 aliens.

Persönlich leuchten mir – seit „Babylon 5“, 1998 – Fünf-Akt-Strukturen ein:

  • Exposition: Figuren. Orte. Fragen. Rätsel. Ärger!

  • Steigerung: Böse Überraschungen. Hässliche Wahrheiten. Eskalation!

  • Peripetie: Lösungen, Ziele, Hoffnung? Nein: Alles ändert sich.

  • retardierendes Moment: Scheitern. Patts. Stolpern. Die Zeit rennt fort.

  • Katastrophe: Jeder weiß jetzt, was er tun muss. Wählt, kämpft. Zahlt seinen Preis. Konsequenzen!

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Trotz bester Absichten hatte „Babylon 5“ Schwierigkeiten: Fast 20 erste Episoden, die ein Gefühl falscher Sicherheit vermitteln wollten – aber nur langweilten. Ein Hauptdarsteller, Michael O’Hare, dessen Figur zur zweiten Staffel ersetzt werden musste, und drei zentrale Frauen – Lyta, Talia, Susan Ivanova –, deren Character-Arcs verschoben / auf Ersatz-Figuren übertragen wurden: Staffel 4 führte alle Konflikte hastig, überstürzt zu Ende, weil eine fünfte Staffel fraglich schien… und als Jahr 5 doch noch bewilligt wurde, fehlten dieser letzten („Post-Script“-)Season Überraschungen.

Staffel 2 und 3 von „Babylon 5“ aber sind eine atemblose, klug orchestrierte Parade, nein: Lawine hässlicher Wendungen, Katastrophen und unerhörter, das Macht- und Figurengefüge der Serie erschütternder „Wham-Episodes“ (Link) und „Nothing is the same anymore!“(Link)-Enthüllungen: Mit jeder Szene wird alles schlimmer, schneller, dunkler und globaler / epischer. Sog! Tempo! Dringlichkeit!

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Für „Zimmer voller Freunde“ halfen „Babylon 5“ (und / aber: auch viele misslungene Handlungsbögen, z.B. bei „Veronica Mars“, „Akte X“, „Battlestar Galactica“, „Lost“, „Avatar – Herr der Elemente“) auf mehreren Ebenen:

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Die Umbrüche / Katastrophen / Entscheidungen, die ich behandeln will, geschahen (biografisch) zwischen…

  • 1997 (…ich war 14, Ende der achten Klasse), und

  • 2003 (…ich war 20, fertig mit Zivildienst / FSJ, bereit, Heimat und Freunde zu verlassen.)

Mein letzter möglicher „Vorher“-Zeitpunkt – bevor Stoff, Antje, Helena, Sassi, Frank etc. kollidierten – war Spätherbst 1999, Klasse 11; der frühstmögliche Punkt, unsere Geschichten schlüssig zu beenden, das Abitur, Juni 2002: Idealerweise, wenn Leser / Finanzen und Gesundheit stimmen, setze ich „Zimmer voller Freunde“ sofort fort, mit einem Buch über 2000 / 2001, und einem Abschlussband, bis 2002.

Ein „Zimmer voller Freunde“-Kapitel…

  • hat 12 bis 19 Seiten.

  • wird aus der Perspektive von Antje, Stefan oder Frank erzählt.

  • und jeweils sechs Kapitel, ca. 85 Seiten, ergeben einen Akt.

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Anfangs schienen fünf Kapitel pro Akt stimmiger, „symmetrischer“ – doch dieser Fünfer-Rhythmus wird durchschaubar / monoton, weil er nur folgende Optionen / Einteilungen erlaubt:

  • 2 (selten: 1) Kapitel von Frank.

  • 2 (selten: 1) Kapitel von Stefan.

  • Kapitel von Antje… so viele wie möglich / übrig.

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Ich stellte Akt 1 eine kurze, griffige Eröffnungsszene voran – szenischer / linearer als gewöhnliche Kapitel: ein Prolog / Teaser, in dem Stoff eine überraschende Rolle spielt; und entschied, jeden Akt mit einer (kurzen, schnellen, suggestiven) sechsten Szene im selben Stil zu schließen:

  • Prolog, Juni 1999: Stoff, via Antje.

  • Akt 1, Juli 1999: Kapitel Stefan – Frank – Antje – Stefan – Frank.

  • sechste Szene, Juli 1999: Stoff, via Stefan.

  • Akt 2, September 1999: Kapitel Frank – Stefan – Antje – Stefan – Frank.

  • sechste Szene, September 1999: Stoff, via Sassi… etc.

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Das klingt abstrakt, verkopft – doch fügt sich schnell zu einem dynamischen, guten „Stundenplan“ – fünf Akte / „Wochentage“, je sechs Kapitel / „Fächer“ – flexibel genug, drei Handlungssträngen (Antje, Stefan, Frank) zu folgen, ohne, dass Leser sofort errechnen, welche Figur „als nächstes kommt“:

  • 30 Kapitel (und ein Prolog).

  • 5 Akte: Juli, September und Dezember 99, Mai und Juli 2000.

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Wordpress Romanplan.

Die Handlung des Romans beginnt so spät wie möglich (…keine 20 Kapitel „falsche Sicherheit“, kein langsames in-die-Gänge-Kommen) – doch alle Figuren starten an Orten, absichtlich weit entfernt von ihren jeweiligen Zielen: „Babylon 5“ zeigt einen Feigling, der fünf Jahre später seine Heimatwelt regiert, einen Terroristen, der zum Gelehrten / passiven Widerständler wird, Freundschaften, Gelöbnisse, Allianzen, die überraschend zerbrechen:

Erzähler, die solche Endpunkte schon zu Beginn mitdenken, können sich die jeweils klügste, dramatischste Route wählen, die jede Figur auf ihrem Character-Arc zurücklegen wird. Entsprechend viele Probleme, Ängste, Konflikte, die real / biografisch schon 1997, 1998 bewältigt wurden, bleiben bei „Zimmer voller Freunde“ in der Gegenwart – Sommer 1999 bis Sommer 2000: Ereignisse, Tagebücher, Entwicklungen von 1997 bis 2003 – das wären sechs langsame, getrogene Romane – oder eben: drei schnelle, furiose.

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Meine wichtigste Lektion aus „Babylon 5“ handelt vom Vertrag, den Leser und Autor zu Beginn einer Geschichte schließen:

The Coming Of Shadows” [Staffel 2, Episode 9] „…[is] a defining moment in the series’ run, a dividing line between what came before and everything after. […] This is a specific event where the rules that viewers thought would hold true for the entire series are no longer true. But this isn’t just an issue of unexpected plot twists. It’s the way those twists are portrayed via magnificent moments, like an instant of horrible luck destroying the possibility of peace. It’s the way a year of developing characters who seem to embody right and wrong is flipped entirely in a scene of impressive dramatic irony. Before the mid-’90s, television didn’t work this way. Babylon 5 was one of the series that opened the door to the possibility that good wouldn’t always defeat evil, when a space station devoted to peace ended up triggering a war.

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schreibt Rowan Kaiser auf AVClub.com (Link) – und zeigt: „Babylon 5“ wirkt so dynamisch, dramatisch, unerhört, weil Regeln, Gewichte und Strukturen, die sich die Serie zu setzen schien („Wer sind die Hauptfiguren?“, „Wer sind die Guten?“, „Was ist Funktion, Anspruch, Hoheitsgebiet dieser Station?“) Stück für Stück verdreht, ersetzt, auf den Kopf gestellt wurden:

Eine Welt / Konzept / Ensemble mit klaren Parametern…

die so rasant und tiefgreifend ersetzt / verwandelt werden…

bis sich, endlich zeigt:

Es ging – von Anfang an! – um eine andere, komplexere Welt, Parameter, die die handelnden Figuren lange nicht bemerkten oder begriffen.

Die Rollen, die jeder zu spielen glaubt, sind ganz anders als die, die er schlussendlich spielt.

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Zimmer voller Freunde“ (Link) handelt…

von Schulhof-Casanova Frank, der alles tut, um „eine liebe Freundin“ zu finden.

von Außenseiter Stefan, der alles tut, um seine Freundschaften mit Stoff (stolz, schnippisch) und Helena (schüchtern, verkopft) zu retten.

von Antje, allein, nervös, die alles tut, um neue Ordnung / Sicherheit in ihre Familie zu bringen.

Schwerpunkte, Helden, Lebensziele und Allianzen meines Romans sind leicht verständlich, klar benannt – eine süffige, leicht erzählte Geschichte mit Sympathieträgern und Gegnern, Freunden, Außenseitern, Rivalen, Schurken, klaren Zielen. Und / aber, dahinter: eine andere, größere Geschichte. Die nicht im Exposé steht. Oder im Klappentext:

Atemberaubend, unerhört an „Babylon 5“ waren nicht die Schlenker, Ausfallschritte und Saltos, die diese Serie fünf Jahre lang, in fünf dramaturgisch (meist / überraschend:) stimmigen Akten, schlug – sondern, wie Autoren jedes Jahr sehr überzeugend versicherten: „DAS wäre zuviel!“, „DAS ist nicht drin!“, „DIESE Leute sind sicher!“, „HIER ist die Grenze!“…

nur, um alle Grenzen – lustvoll, dramatisch, überraschend! – zu überschreiten.

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Zimmer voller Freunde 08.

“Ugly Betty”:

Gegner / Klischees (08)

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Ich ignoriere Sitcoms, Kabarett, Comedians, Satire, „Spaß“-Lieder und -Videos, Komödien und alle Menschen, die Witze erzählen; verlasse den Raum oder starre zu Boden, bis Schenkel geklopft, Beifall geheischt, alle Häme ausgeschüttet wurde:

Ich habe keinen Humor“, rechtfertige ich mich.

Doch das ist… Quatsch:

Ugly Betty“ (ABC, 2006 bis 2010, vier Staffeln, 85 Episoden) trifft meine Tempo-, Sarkasmus-, Dialoggefechts- und Irrwitz-Ideale, konnte mich – als Drama und Comedy – zwei Jahre lang unterhalten, und heute finde ich große „Betty“-Stilmittel, erzählerische Spurenelemente in Serien wie „Glee“, „Girls“, „Happy Endings“:

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  • Jede Szene zeigt einen Streit / harten Schlagabtausch.

  • Streitpunkte sind Ideologien: tiefe Unterschiede zwischen den Streitenden.

  • In einem Ensemble aus ca. 12 Figuren kann jeder jeden attackieren…

  • jeder (auch: Unsympathen / Antagonisten) kann jederzeit Recht haben

  • oder (auch: Helden / Sympathieträger) sich schlimm lächerlich machen.

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In all diesen Debatten, Streits, Konflikten wird – trotzdem – deutlich:

  • Figuren respektieren ihre (fundamentalen) Unterschiede.

  • Autoren legen Wert auf Spannbreite, soziale, kulturelle, sexuelle, ideologische Vielfalt der Stimmen und Standpunkte.

  • und das ständige, raue Mit- und Gegeneinander zeigt: Es gibt distinkt verschiedene Arten, „erfolgreich“ oder „schön“ zu sein, „gute Arbeit zu leisten“ usw. Jeder kann von jedem lernen. Doch jeder kann auch – von jedem anderen – in die Tasche gesteckt, verletzt, großer Lächerlichkeit preisgegeben werden.

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Ugly Betty“ ist ein Aschenputtel- und Großraumbüro-Märchen, zu gleichen Teilen inspiriert von „Der Teufel trägt Prada“ (Buch: 2003, Verfilmung: 2006) und der kolumbianischen Telenovela „Y Soy Betty, La Fea“ (1999 bis 2001, auch Vorbild von „Verliebt in Berlin“ auf Sat.1, 18 Monate älter / früher als „Ugly Betty“):

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Betty Suarez, eine idealistische [wenn’s dem Humor dient: naive], enthusiastische [überdrehte] Latina aus Queens, wird über Nacht zur Assistentin / Sekretärin von Daniel Meade, dem bübischen [dumpfen], verspielten [gefährlich unreifen / ahnungslosen] Herausgeber des MODE Magazine.

Schnell versteht Betty, dass sie nur eingestellt wurde, weil Daniel mit allen bisherigen Sekretärinnen schlief: Niemand glaubt an Bettys Fähigkeiten – und niemand glaubt an Daniels Qualifikation, denn seinem Vater gehört die Verlags-/Pressegruppe. Vier Staffeln / Jahre lang sind Betty (später: als Autorin, Redakteurin) und Daniel vor allem beschäftigt, gegenseitige Patzer, Fehltritte und Überreaktionen auszubügeln. Prinzen und Telenovela-Romantik fehlen – denn Integrität, Loyalität, Selbstverwirklichung („Stil lernen“ vs. „Einfach-man-selbst-Sein“) und Karriere sind für die „Ugly Betty“-Figuren wichtigere Ziele.

Trotz allem Tempo, Schwung hätte mich das dauer-aufgeregte Fräuleinwunder (Peggy Olsen mit „Kinderkanal“-Look und -Attitüde…) schnell gelangweilt; stünden Betty und Daniel als Sympathieträger alleine in einer Welt klischeehafter „Reich und schön“-Figuren:

Bettys müde Schwester (Friseursalon, halbwüchsiger Sohn, Pech mit den Männern im Viertel), der fürsorgliche papi („Ich habe gekocht“, „Morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus“ etc.), Empfangs-Dummchen Amanda, Lakai / Schoßhund Marc und Hexe / Drache / „Medusa“ Wilhelmina Slater (Vanessa Williams), die vor 30 Jahren selbst Assistentin war – und Bettys Oversharing, Overcaring usw. am schärfsten kritisiert:

Ich tue nichts anderes als Scheiße dosieren“, schrieb Flaubert über die Arbeit an „Madame Bovary“ […behauptet Stephan Porombka auf Twitter].

Das leuchtet ein – denn auch meine „Zimmer voller Freunde“-Gespräche fordern oft die schlimmsten, unbequemsten, verletzendsten Sätze, die zwei Figuren wechseln können:

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Mein Ziel ist nie

  • Kontrahenten als Widerlinge, Feinde, trashige „Monster“ zu inszenieren.

  • kalkuliertes Mitleid / Schadenfreude zu wecken, indem ich Außenseiter / Minderheiten möglichst originell beschimpfen, bloßstellen lasse.

  • eine Kluft zu ziehen zwischen „klugen, guten“ Figuren und dem „Pöbel“.

  • meine Erzählwelt einfacher zu machen, indem Figuren leichthin Zuschreibungen, Schubladen, Vorurteile nutzen.

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Ein Mädchen stakst über die Kieswege des Bahnhofswiesenparks. Sie trägt einen Trekkingrucksack, Hochwasserhosen und ein unmögliches Regencape. […] Auf ihre Doc Martens hat sie Hippieblümchen gemalt, mit blauem Plaka-Lack. An ihrem Armband hängen Kronkorken und Kreuze. Gesicht und Arme sind, wie jedes Jahr um diese Zeit, voll heller Sommersprossen. […]

Wenn alles, was ein Fremder von uns sieht – Kleidung, Haltung, die Summe unserer Äußerlichkeiten – eine Art sichtbare Grenze darstellt zum versteckten, komplizierteren Innenleben, das man erst später, als Freund oder Vertrauter, zu überblicken lernt, wie man als Reisender ein fremdes Land entdeckt… dann ist sie Belgien. Ein Streifen Welt, in dem es nichts zu sehen gibt. Ein überraschungsloses Stückchen Mensch. Eine Landkarte ohne weiße Flecken. Hundert Prozent Klischees und Langeweile.“

(Stefan, über Nicht-Freundin Sassi, Zitat aus “Zimmer voller Freunde”)

Niemand urteilt schneller, bräsiger, gehässiger als Teenager. Nie wieder klaffen Anspruch und eigene Leistungen so weit auseinander. Die Elftklässler in „Zimmer voller Freunde“ haben einen sehr genauen Blick für Fehler, Schwachstellen, Heuchelei – doch eine furchtbar dünne Haut, pubertäre Hybris und zahllose eigene Angriffsflächen.

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Lüg dich nicht an: Alle hängen dich ab. Jeder sortiert dich aus! Wenn ich dein Leben hätte – ich würde mich im Wald verstecken und heulen.“ (Frank, zu Stefan, “Zimmer voller Freunde”)

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Es gibt Neben- und Hauptfiguren.

Es gibt nur zwei bis drei bedeutungsvolle Menschen.

Es gibt Verlierer, die die Trost- und Sonderpreise kriegen.

Es gibt die Guten. Und den Rest.“ (Stefan, in Sortier-Laune, “Zimmer voller Freunde”)

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‘„Der Frank ist ein ganz Lieber. Und anständig!“, sagt Carmens Mutter. „Ich finde, wir sind so richtig stolz auf den.“
Na ja…“, sagt Carmen.
Stolz? Auf was?“
Herlinde stockt. „Er ist…“ Sie überlegt.
Er hat ja schon…“, setzt Carmen an.
Dann wird sie still.
Sigrid gießt Kaffee fort. Man schweigt.’

(die Frauen in Franks Familie, über Frank, “Zimmer voller Freunde”)

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Jedes Urteil weckt zwei große Fragen, wirkt in zwei Richtungen: Es charakterisiert Opfer und Richter – und stellt beide zur Diskussion: Antje nennt viele Dinge „wertlos“. Frank benutzt „sinnlos“. Stefan „unwichtig“ – denn Antje sucht Werte, Sicherheiten. Frank Spielraum / Optionen. Stefan Pathos und Gewicht… Ich selbst, als Autor, überlege in jeder Szene: Was ist das Schlimmste, Unbequemste, das diese Figur jetzt hören könnte? Was macht das größte Fass auf? Was würde ein Erwachsener, in diesem Gespräch, für sich behalten?

  • Eins wollte ich dir seit Jahren sagen: Du bist ein richtig arroganter Sack!“, kläffte mich mit 15 ein Mathe-Lehrer an. Im Flur, drei Jahre, nachdem er mich zum letzten Mal unterrichtet hatte.

  • Sag nichts. Jedes Mal, wenn du den Mund aufmachst, kommt Scheiße raus“, riet mir mein Vater mit 14.

  • Du findest keine Freundin. Auch nicht mit 18 oder 19…!“, versprach Freund Frank – und war sicher genug, darauf Geld zu verwetten.

Bestimmt ließ ich selbst 100 Sätze fallen, die ebenso verletzend waren – und wäre „Zimmer voller Freunde“ ein Aufmarsch möglichst schlimmer Stimmen, Fehlverhalten, Machtspiele, Respektlosigkeiten, hätte ich Gesprächs- und Streitkultur von „Family Guy“ oder „Hausmeister Krause“ analysiert – nicht „Ugly Betty“: härter, hässlicher, gehässiger geht immer.

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ub zvf.

Ugly Betty“ aber hat mir beigebracht…

  • mit möglichst klugem, präzisem Sticheln / Streiten Figuren (und ihre Unterschiede) möglichst dynamisch, klug, präzise szenisch auszustellen.

  • dass solche Streits besser werden, je klüger und gerechtfertigter alle Argumente, auf beiden Seiten, sind.

  • dass sich Figuren plump oder dreist verhalten können – ohne, Klischees zu bleiben.

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Eine 42-minütige „Ugly Betty“-Episode braucht Bettys aufgekratzten Idealismus. Bübische Dummheiten von Daniel. Amanda als blondes Gift, Marc als gehässigen Clown, Wilhelmina als Hexe, Drache, Teufel in Prada. Und egal, wie viel Charakterentwicklung / Wachstum meine „Zimmer voller Freunde“-Teenager erfahren – Stefan ist altklug, forsch, verbohrt. Frank drückt leichthin auf jeden Knopf, der ihm begegnet. Antje findet jedes Jahr in jeder Suppe.

Brillant aber, wie „Ugly Betty“ diese „dicken Pinselstriche“ rechtfertigt, immer weiter denkt: Denn Daniel, Wilhelmina, Marc – zeigt sich sehr schnell – könnten auch anders. Sie wissen, was sie tun. Und alle senken die Masken – in überraschenden, überraschend plausiblen und oft: ziemlich rührenden / klugen – „Ich weiß schon, was ich tue!“-Momenten, gegen Ende einer Episode: Überzeichnungen, Klischees werden als bewusste Entscheidung gerechtfertigt / erklärt – weil sich diese Leute selbst zeichnen, absichtlich: „Klar bin ich bübisch / eine Hexe / Dummchen an der Rezeption: Das ist ja gerade der Clou…!“

In allen Machtspielen und Urteilen in Bettys Welt wird – passend für eine Serie über die Modebranche – nicht kritisiert, wer jemand IST… sondern stets, wie er sich präsentiert / gibt / inszeniert: Erfolg haben „Betty“-Figuren nicht, weil sie sind – sondern, weil sie sich bewusst (!) VERHALTEN, und wer in Fick-mich-Stiefel oder Jesuslatschen, Nerzmäntel oder „Guadalajara!“-Ponchos schlüpft, darf alle Privilegien nutzen, die mit solcher Kleidung / Auftritten kommen… doch muss alle Konsequenzen – und Kritik der restlichen Figuren – ertragen.

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Die „Betty“-Schlaufe?

  • Eine (klischeehafte) Figur A bezichtigt eine (klischeehafte) Figur B der Klischeehaftigkeit.

  • B schießt – sehr klug – zurück, trifft wunde Punkte bei A…

  • erklärt / rechtfertigt ihr B-Verhalten überraschend plausibel…

  • und bringt A dazu, neu zu hinterfragen, ob / wie sie ihr A-Verhalten und ihre eigenen A-Klischees instrumentalisiert.

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Künftig sehen Zuschauer – auch bei klischeehaften Auftritten von A oder B – einen Menschen, der sich entschieden hat, so aufzutreten. Und A und B können sich in neuen Streits – auf zwei Ebenen verhandeln: Sie können angreifen, wer sie sind. Und, wer sie scheinen / für wen sie sich zu sein entscheiden.

Braucht eine Szene Hexe, Clown oder Dummchen, liegen diese Archetypen – im „Ugly Betty“-Ensemble – griffbereit. Aber Zuschauer sehen statt der Hexe künftig eine Frau, die sich entschieden hat, Hexe zu sein. Verdoppelte Angriffsfläche. Verdoppelte Verwendungsmöglichkeiten. Neuer Text und neuer Subtext.

Doppelt komplex.

Aber, wenn’s denn sein muss: Immer noch (wunderbar) flach!

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Ankucken – ein Bilderbuch-Beispiel aller Kinffe, die ich beschrieb:


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Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

Erzählen / Schreiben… mit Thomas Wolfe

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Seit Thomas Wolfes Kleinstadt-, Familien-, Autoren- und Bildungsroman “You can’t go home again” / “Es führt kein Weg zurück” – erschienen 1940, von mir gelesen 2011 – verstehe ich meinen Erzählstoff als meinen Stoff:

  • Ich führte Tagebuch, von 1997 bis 2004.

  • Ich sammelte Gasteinträge, Interviews, Briefe, Dialoge.

  • 2003 kam ich nach Hildesheim. Und fürchtete bald, nichts erlebt / zu sagen zu haben, das einen Roman „rechtfertigt“.

Im Grundstudium, bis 2006, schrieb ich knapp 40 Kurzgeschichten, für Jahrgangs- und Jahresanthologien, Literaturzeitschriften, Wettbewerbe, e-Zines, Schreibwerkstätten und Buchprojekte. Gelegentlich schrieb ich Kurzprosa, zwei, drei Science-Fiction-Texte, montierte Briefe und Zitate.

Doch „eigentlich“ schrieb ich – recht selbstbewusst, halbwegs stilsicher – nur Texte, in denen junge Erwachsene Entscheidungen über Freundschaften, Beziehungen, ihr Verhältnis zu Eltern oder Heimat treffen, erzählt aus wechselnden Perspektiven, oft mit Auslassungen, Rückblenden, überraschenden Schnitten: Puzzles über Abschied, Verlust, Flucht, Rivalität.

  • ein junges Paar trennt sich nach dem Unfalltod ihrer Tochter

  • eine Sex-Wette zwischen Oberstufen-Kumpels endet auf den Schienen der Stadtbahn

  • vier Bewohner einer WG verlieren, bei Nabelschau und Streit am Küchentisch, allen Bezug zur Welt vor ihren Fenstern

  • als Schülerin allein und unbeliebt, versucht eine Neunzehnjährige, im Medizinstudium alles besser zu machen

  • Grundschulfreunde, deren Eltern vor 15 Jahren eine Affäre hatten, treffen sich als Erwachsene

Viel zu lange – und: viel zu verkrampft – mischte ich solchen Texten Elemente bei, die ich mit Ach und Krach von Schreiber-Freunden erfragt, mir angelesen oder ergoogelt hatte: psychiatrische, sexuelle, historische „große“ Enthüllungen und Eskalationen: Fehlgeburten, Selbstmordversuche, Zeitsprünge um zwanzig, fünfzig Jahre, Kokain, Flugreisen ins außereuropäische Ausland, Geschlechtsverkehr, Tumore.

Die besten „jungen“, deutschsprachigen Texte, die mir im Rahmen des Studiums – meist von Kommilitonen, im BELLA triste-Kontext – empfohlen wurden, hatten einen Erfahrungsreichtum und, wichtiger, eine Nonchalance, die mich… schwindeln ließ:

Erzähler aus meiner Generation, geboren in den 70ern und 80ern, doch zwischen zwei Kulturen aufgewachsen oder in der DDR, hatten schon mit 14, 15 ein archaisches Land- oder (andersrum) ein schnelles, dreckiges Stadtleben in vielen Subkulturen und Geheimnissen durchdrungen und verstanden, ließen Figuren jeden Alters reisen, feiern, lieben, trinken, sich verletzen – mit ruhiger Hand, ohne Aufregung.

Alle Großeltern hatten Charisma und kraftvolle Flüchtlings-/Weltkriegs-Lebensläufe, alle Frauen routinierten, etwas schwermütigen Sex, jedes Bühnenbild und jeder historische Exkurs wurde so kundig und gelassen gespannt, wie ich keinen Gang durch einen Drogeriemarkt schildern könnte… ohne vorher drei Bücher über Drogeriemärkte zu lesen:

Romane von Freunden (und / oder: Altersgenossen), die ich nicht zu lesen wage… weil sie – in ihrer Stoffwahl – so viel Welt, so viel Bewegung und beherztes „Dem Thema bin ich gewachsen. Den Raum habe ich verstanden. Dem werde ich erzählerisch gerecht!“ voraussetzen:

Mein Timer hat 367 Einträge. Mein Notenschnitt ist 2,1. Ich bin 5989 Tage alt und war zweimal betrunken, doch nie bekifft. Ich habe noch nie – für Geld – gearbeitet. Ich rauchte nie und habe nie Hackfleischbällchen bei IKEA gegessen. Ich habe noch nie ein Tor geschossen. Ich weiß nicht, wie man einen Kopfsprung macht. Ich war noch nie auf einem echten Rave. Kein Mensch wollte mich je küssen […]“ [Zitat aus “Zimmer voller Freunde”]

…schreibt Stefan Mesch, die 16 Jahre alte Hauptfigur aus „Zimmer voller Freunde“. Ihr 29 Jahre alter Autor hat viel geraucht, und fuhr Ende März 2009 zu IKEA, um Hackfleischbällchen zu probieren.

Sonst tat sich wenig.

Falls ich noch zwanzig Romane schreibe – „Dem Thema bin ich gewachsen. Den Raum habe ich verstanden. Dem werde ich erzählerisch gerecht!“ werde ich nur über eine Handvoll – häuslicher / privater – Milieus behaupten können: Fabulieren, und fünfzig Jahre weite Bögen spannen? Meine Hildesheimer Echokammern halten das für eine Grundvoraussetzung „großer“ Romane. Mir selbst misslang es, jahrelang. Die großen Romane über Danzig, Brahms, jüdische Flüchtlinge in Shanghai, besetzte Häuser in Hamburg… muss jemand anderes schreiben:

thomas wolfe: penguin cover

Thomas Wolfe wurde 1900 geboren, in Asheville, North Carolina. „You can’t go home again“ (1940) – ein Buch, das ich als Zwölftklässler, zum Warten auf den Bus, aus der Schulbibliothek stahl – ist sein letzter, vierter Roman, posthum veröffentlicht und erst von Wolfes Lektor in Romanform gebracht.

Ein junger Schriftsteller, der sich in New York mühsam über Wasser hält, kehrt für eine Trauerfeier zurück in die Kleinstadt seiner Kindheit – kurz nach Veröffentlichung seines ersten Romans, „Home to our Mountains“ und dem Börsencrash, bei dem seine Mutter Geld mit Immobilienspekulation verlor.

Die Feindseligkeit alter Freunde, Irritationen in der Familie und die Geworfenheit der Hauptfigur setzen sich draußen – in der Welt – fort: beim Umgang mit dem exzentrischem Lektor Foxhall Edwards (Wolfes Lektor Maxwell Perkins nachempfunden), einer misslungenen Soiree, veranstaltet von einem reichen Ehepaar, mit dessen weiblicher Hälfte, der Bühnenbildnerin Esther Jacks, Wolfes Hauptfigur eine Affäre hat, und im Besuch des Münchner Oktoberfests, umgeben von Pöbel, Kleinbürgern, Nazis.

Dringlich, kraftvoll, lesenswert werden diese – recht alltäglichen – Episoden, weil Wolfe nie große gedankliche Schritte abweicht vom Erfahrungshorizont seiner Figur: Provinzjunge „George Webber“ führt durch Räume und Milieus, die ihm am Herzen liegen und die er verstanden / durchdrungen hat.

Zu Literatur werden diese – sehr persönlichen – Berichte über Familie, Heimat, Freundschaft, weil eine authentische Figur authentische Räume beschreibt… in einem komplexen, artifiziellen Erzählgerüst:

  • Schau heimwärts, Engel“ (1929), Wolfes erster Roman, erzählt die ersten 19 Lebensjahre von Eugene Gant und seiner exzentrischen Familie im Bergstädtchen Altamont, Catawba.

  • Von Zeit und Strom“ (1935) beschreibt Gants Studienjahre und eine ausgedehnte Reise durch Europa. Am Ende des Romans sieht Gant den Dampfer zurück nach Amerika und verliebt sich in eine Passagierin: Bühnenbildnerin Esther Jack.

  • Es führt kein Weg zurück“ (posthum veröffentlicht, 1940), beschreibt, wie George Webber 1929, nach Veröffentlichung seines Romans „Home to our Mountains“ über das fiktive Bergstädtchen Old Catawba, zurück nach Libya Hill reist… und über die Zukunft mit Esther Jack, seiner langjährigen Affäre, entscheidet.

Hätte ich die Bücher chronologisch gelesen – vieles wäre mir geschwätzig, platt, unbeholfen erschienen. Doch (zufällig) am Höhepunkt zu beginnen, und diese Ebenen aus zusätzlichen, widersprüchlichen Fiktionalisierungen mit der Lektüre voriger Romane Stück um Stück zurückzwiebeln zu können, war ein großes – und: komplexes – Lesevergnügen:

Die Thomas-Wolfe-Figur (ob nun „Eugene Gant“ oder „George Webber“) und „Esther Jacks“ (im echten Leben: Alice Bernstein) sind authentisch. Alles andere steht wie auf Rollen auf der Bühne, und wird verschoben, neu arrangiert, wie es am besten passt.

Ist das deine Familie?“, „Ist das wirklich passiert?“, „Du warst selbst dort? Du kennst das alles?“ sind Fragen, die eine immense Dynamik entfalten – Dringlichkeit, voyeuristische Spannung, einen „intimen“ Sog: Sie schaffen Nähe zwischen Leser und Autor, machen Romane zu „Berichten“ über „Menschen“ – statt bloßen Fiktionen, voller Figuren.

Mein Stoff ist nicht die Summe meiner spärlichen Kleinstadt-, Provinz- und Alltags-Erfahrungen. Oder die drei-, viertausend Seiten biografisches Material über mich und meine Freunde, die ich damals geschrieben und gesammelt habe.

Sondern – ganz wie bei Wolfe – die Frage, wie man mit solchen Stoffen lebt und schreibt:

Wem schreibe ich das auf?

Wo ich gewesen bin. Wen es dort gab. Worauf wir warteten.

Wer wir sein wollten. Wer wir waren.

Wer uns fehlte.“

 

Für wen behält man das?“

[Zitate aus “Zimmer voller Freunde”]

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Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

Underdog Literature, August 2012: 15 fresh or forgotten, off-the-wall titles

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Here are 15 books that caught my interest lately.

Fresh, off-beat, quirky or curious titles that might deserve more attention:

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01: PETER HELLER, “The Dog Stars”, 336 pages, 2012.

02: RAFAEL YGLESIAS, “A happy Marriage”, 384 pages, 2009.

03: JONATHAN TROPPER, “One Last Thing before I go”, 336 pages, 2012.

04: JENNY LAWSON, “Let’s pretend this never happened”, 318 pages, 2012. [Comedy / Memoir]

05: LAURIE NOTARO, “I love everybody”, 240 pages, 2004. [Comedy / Memoir]

06: CAITLIN MORAN, “How to be a Woman”, 320 pages, 2011. [Comedy / Memoir / Feminism]

07: PETER DE VRIES, “The Blood of the Lamb”, 248 pages, 1963.

08: RUTH PICARDI, “Before I say Goodbye”, 128 pages, 1998. [Memoir]

09: DONALD RICHIE, “The Japan Journals: 1947 – 2004”, 510 pages, 2004. [Memoir]

10: KAMAL al-SOLAYLEE, “Intolerable: A Memoir of Extremes”, 224 pages, 2012. [Memoir]

11: LAUREN GREENFIELD, “Thin”, 224 pages, 2006. [Photography / Nonfiction]

12: CARL NIXON, “Rocking Horse Road”, 234 pages, 2007. [Crime, New Zealand, German edition here.]

13: ÉDOUARD LEVÉ, “Suicide”, 123 pages, 2008. [Nonfiction / Memoir, German edition here.]

14: STEPHAN THOME, “Fliehkräfte”, 474 pages, 2012. [German]

15: KEVIN KUHN, “Hikikomori”, 240 pages, 2012. [German; Hildesheim / writing colleague of mine.]

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Here are five books that made me curious enough to buy them:

01: WILLY VLAUTIN, “The Motel Life”, 240 pages, 2006.

02: MARCUS JENSEN, “Oberland”, 506 pages, 2004. [German]

03: JEFF NOON, “Vurt”, 342 pages, 1993. [Sci-Fi / Cyberpunk]

04: INIO ASANO, “Solanin”, 424 pages, 2006. [Slice-of-Life Manga]

05: JOHN JEREMIAH SULLIVAN, “Pulphead”, 365 pages, 2011. [Essays / Cultural Criticism; German edition here.]

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…and finally, here are three books that I read – and that were really good:

4 of 5 stars: BRIAN SELZNICK, “The Invention of Hugo Cabret”, 544 pages, 2007. [Illustrated Novel, for kids: If you’re older than 12, you might be bored. But it works really well for the target audience, and I enjoyed it.]

4 of 5 stars: FUNNY VAN MONEY, “This is Niedersachsen und nicht Las Vegas, Honey: Auf Tabledance-Tour durch die Republik”, 224 Seiten, 2012. [Nonfiction, German]

5 of 5 stars: JOACHIM HELFER, RASHID al-DAIF, “Die Verschwulung der Welt: Rede gegen Rede. Beirut – Berlin”, 199 pages, 2006. [Nonfiction, German]

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related Posts:

and:

Stefan Mesch: Publikationen und Termine, Mai 2012

Termine, Artikel, Veröffentlichungen

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wichtige Veröffentlichungen, 2011/12:

  • Futter für die Bestie: 528 Wege… zum nächsten guten Buch. Essay, erschienen in Ausgabe 31 von “BELLA triste – Zeitschrift für junge deutschsprachige Literatur”, Hildesheim 2011. [Link; Ergänzungen hier und hier.]
  • Wofür stehst du? Junge Literatur, Poesie… und Position. Essay zur Gegenwartsliteratur, Literaturfest München, September 2011. [fab:muc.de]
  • Schreibversuche. Schreibschulprosa. Stadtgeschichten. Vorwort zur jährlichen “Landpartie”-Anthologie des Studiengangs Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, März 2012. [Link; Edition Pächterhaus]

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Literatur und Netzkultur für DIE ZEIT:

  • eBook nach Fukushima: In ‘Aftershocks’ berichten Blogger und Autoren über die Tage nach dem Tsunami. [ZEIT Online, Mai 2011]
  • Barbara Honigmann (Interview): Die jüdische Autorin über Heimat, Traumata und Emanzipation. [ZEIT Online, Oktober 2011]
  • eBooks und Social Reading: Auf Plattformen wie Slicebooks und Longreads werden Hobby-Leser zu Kuratoren. [ZEIT Online, November 2011]
  • Brewster Kahle (Interview): Der Archivar und OpenLibrary-Erfinder über Bibliotheken, freies Wissen und den Kampf gegen Amazon und Google. [ZEIT Online, April 2012]
  • Bücher für den Sommer! Persönliche Empfehlung für den Comic ‘Daytripper’ von Gabriel Bá und Fabio Moon. [ZEIT Online, Juli 2011]
  • Bücher für Weihnachten! Persönliche Empfehlung für den Coming-of-Age-Roman ‘Das also ist mein Leben’ von Stephen Chbosky. [ZEIT Online, Dezember 2011]

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TV, Comics, Feminismus etc. im Berliner Tagesspiegel (Print):

  • Heimwerker: Die neuen Autonomen. Urban Gardening, Etsy, Do-it-Yourself als Luxus und Selbstverwirklichung. Eine Rundschau. [Link, August 2011]
  • ‘Green Lantern’ in Comic und Kino: Übersicht/Einführung ins “vielleicht letzte große triviale Epos” im Medium Comic. [Link, Juli 2011]
  • US-TV-Serien werden immer konservativer. Hausfrauen, Prinzessinnen, Sexobjekte… von ‘Panem’ bis ‘Bridesmaids’. [Link, September 2011]
  • ‘Netzspiegel’ Online-Kolumne: Literatur-Empfehlungen, Netzwerke und die BookDNA-Datenbank. [November 2011, Link, November 2011]

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verstreute Veröffentlichungen:

  • 25 Jahre mit “Green Lantern” (Interview): Sally Pascale, Hausfrau und Bloggerin, über die monatliche Comic-Reihe. [englisch, August 2011, Link]
  • Literaturfestival ‘PROSANOVA’: kurze Glosse über Eventplanung und Perfektionismus in der ‘PROSANOVA’-Festivalzeitung. [Mai 2011, Link]

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Lektorat:

  • “Die Magier von Montparnasse” (Oliver Plaschka, Klett-Cotta; Fantasy) erscheint im Taschenbuch. [August 2011, Amazon.de]
  • “Weiter Weg” (Martin Spieß, Birnbaum Verlag; Short Stories) erscheint im Taschenbuch. [Juni 2011, Amazon.de]
  • Verlagsgutachten für Natalie Buchholz, Michael Zöllner und Franziska Schneider, Klett-Cotta / Tropen-Verlag [2011, Wikipedia.de]

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Lesungen, Akademisches u.a.:

  • Lesung: “Zimmer voller Freunde” Literaturbüro Freiburg, ‘zwischen/miete’-Lesereihe, 4. November 2011. [Details]
  • Übersetzung ins Englische: Fünf Festreden / Ansprachen für Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts, für seine Reise durch Kanada, April 2012.
  • Übersetzung ins Deutsche: Pressestimmen / Zitate für die Website des Goethe-Institut Toronto, April 2012.
  • Moderation [Englisch]: Picador-Gastprofessorin und Schriftstellerin Fiona Maazel im Centraltheater Leipzig, 15. Mai 2012. [Details]
  • Gastvorlesung / Seminar: ‘Entenhausen finden Sie überall: Kulturwissenschaftliche Methoden am Beispiel Comic’, Universität Hildesheim, 21. Mai 2012. [Details]

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Literatur: Scouting & Kritik

  • Lektüre von jährlich ca. 80 Romanen / 160 Comics… auf Goodreads.com bewertet und sortiert. [Profil; Übersicht 2011, Übersicht 2012]
  • monatliche Liste: 23 neue, vielversprechende, unbekannte Bücher – gesammelt und verlinkt [“Underdog Literature”, seit Juni 2011]
  • monatliche Liste: 15 unbekanntere Kinofilme / Arthouse-Produktionen – gesammelt und verlinkt [“Underdog Cinema”, seit März 2012]
  • sporadische Liste: Netz-/Presseschau, Debatten, Links, Funstücke – gesammelt und sortiert [“Underdog Journalism”, seit April 2012]
  • persönliche Empfehlungen: Die 20 besten Lektüren 2011 [Blog, Januar 2012]

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stefanmesch.wordpress.com: nennenswerte Einträge

  • Superhelden-Comics: gute Einstiegspunkte / Lektüre-Listen für u.a. “Superman”, “Green Lantern” und “Batwoman”. [Link, englisch, seit Dezember 2011]
  • Ayelet Waldman (Interview): langes Gespräch mit der Autorin, Anwältin, TV-Produzentin, Kolumnistin. [Link, englisch, November 2011]
  • Anne Köhler (Interview): Gespräch mit der Autorin, Kolumnistin und Gelegenheits-Jobberin zum Erscheinen ihres Buches. [Link, November 2011]
  • “Helden meiner Kindheit”: private Medien- und Trickfilm-Biografie, ca. 1987 bis 1995. [Link, Juni 2011]
  • seit Ende Mai 2011 knapp 100 Einträge [davon zwei Drittel Englisch] und ca. 35.000 Besucher.

Social Media:

  • Facebook [Link]
  • Google Plus [nur sporadisch, Link]
  • Twitter [nur sporadisch, Link]
  • Goodreads [Bücher / Lektüren, Link]
  • Criticker [Filme, Link]
  • IMDb [Watchlist für zukünftige Filme, Link]
  • last.fm [Musik / Webradio, Link]
  • Youtube [sporadische Videos, Link]
  • ZEIT Online [Link]

mehr:

People are weird…! Search Queries, 2011

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after half a year of blogging… here are some of the most bizarre, funny or curious search terms of my visitors:

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„Catwoman Sex with Batman manga“, “batman catwoman sex”, “catwoman damsel”, “batman tickling cat women”, “batman catwoman sex video”, “Male Catwoman”, “melon breasted women”, “Catwoman oversexualized in Arkham City” [and TONS of other, related terms]…

…led people HERE: “Crazy for Batman: Catwoman, melon-breasted Damsel”

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“Spacegirl sexual”, “Green Lantern kissing gorgeous”, “feminist analysis of Green Lantern movie”, “spacegirl + rape + comic + green”, “Robin nearly killing Wonder Woman”, “Sue Storm’s breasts”, “Wonder Woman dies”…

…led people HERE: “Interview: Sally Pascale, comic book reader, feminist, blogger… and the internet’s most outspoken ‘Green Lantern’ fan”

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“Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus Leipzig”…

…led people HERE: “Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim: Interview”

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queries that made me smile:

“Sinestro is handsome”, “Kyle Rayner adorable”, “friendship animation video”, “new trend tall women short men”, “feminist boss” [better try this website. or this.]

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queries that made me yawn:

“hypermuscular females”, “flat women perky nipples veins”, “robin and starfire sex comic”, “green lantern sexy jade”, “red lanterns bleez sexy”, “sexy batgirl and wonder woman flirting fan art”

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queries that made me wonder:

“dead parents; dead children; educated, urbane women with idiot husbands/boyfriends/girlfriends/friends”, „massive legs woman“, “blodens healing machine”, “you were a horrible mother”

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good German queries:

“Autoren über 50” [knapp vorbei: Link], “Zimmer voller Leben” [knapp vorbei: Link], “verdrängt Fernseher Buch” [knapp vorbei: Link], “Geschenke in Toronto kaufen” [knapp vorbei: Link], “Niggemeier hetzt” [knapp vorbei: Link], “imdb persönliche Empfehlungen” [Link], “Hoffnungsträger des Jahres 2011” [Link], “Zielgruppentheater” [Link]

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absurd German queries:

  • “Geheime Welten Hildesheim”
  • “Eierbecher”
  • “blöde e-Mails”
  • “Schneider the spider aus Familie Feuerstein”
  • “Im Fahrgestell eines Lieferwagens”
  • “Warum geben Menschen schlechte Ratschläge?”
  • “Mein Mann arbeitet zuviel”
  • “Hildesheim mein Hildesheim da ist die Welt”

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and here’s my favourite, so far:

  • “Clark Kent blushed around her” [Link]

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related Links: