Hanns-Josef Ortheil

Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus: die besten Bücher aus der “Schreibschule” Hildesheim

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Von 2003 bis 2008 studierte ich Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim:

eine trostlose Stadt – aber ein gutes Studium.

Pro Jahr bestehen 10 bis 15 Studierende die Aufnahmeprüfung und kommen – oft direkt nach dem Abitur – in die Stadt. Etwa fünf Jahre später schreiben sie eine Abschlussarbeit: manchmal ein wissenschaftlicher oder journalistischer Text. In vielen Fällen aber: ein Debütroman. Viele dieser Titel werden später in Verlagen veröffentlicht – und ich lese vier, fünf von ihnen pro Jahr.

ab.hier.kultur, das Alumni-Netzwerk des Hildesheimer Fachbereichs Kulturwissenschaften, bat mich im Sommer 2016, persönliche Favorien und Empfehlungen auszusprechen: Bücher von (Ex-)Kommilitoninnen, die ich mochte und empfehlen kann. Die Texte erschienen in “Kultur 16!”, der Zeitschrift des Netzwerks. [Ein anderer Artikel von mir, ebenfalls fürs Netzwerk, von 2013: Link.]

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Hildesheimer Namen auf Buchcovern

Seit dem Ende der 90er Jahre sind über 50 Bücher von jungen Autorinnen und Autoren, die in Hildesheim studiert haben, in großen Verlagen erschienen. Literaturkritiker Stefan Mesch stellt fünf persönliche Favoriten vor.

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Nora Wicke: „Vierstromland“.

Roman, 320 Seiten, Müry Salzmann 2014.

Ein solcher Tonfall, ein solches Thema misslingt fast immer: Eliza zieht nach Berlin. Bisher lebte sie mit ihrer großen Schwester in einem Internat bei Amsterdam, ihre Mutter hat eine junge Geliebte in Paris, ihr Vater eine neue Frau und weitere Kinder. Zwei ältere Zwillingsbrüder leben in Rumänien, bei den Großeltern. Nora Wicke lässt eine heimatlose Frau aus einer oft abweisenden, verstreuten Großfamilie mit serbischen, rumänischen und deutschen Wurzeln durch Europa reisen, jahrelang: Nebenjobs, Kälte, vorsichtige Briefe und Annäherungen. Ein leiser, melodischer, manchmal schleppender Roman über Europa – schwermütig, klug, fast nie kitschig.

Buch bei Goodreads (Link)

Vierstromland

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Sabrina Janesch: „Tango für einen Hund“.

Roman, 303 Seiten, Berlin Verlag 2014.

Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ blieb mir lange im Gedächtnis – auch, weil so viele Szenen, Einzelteile wie spitzes, ungeschliffenes Metall aus den Kapiteln stechen. „Tango für einen Hund“ ist ein glatteres, schnittigeres Buch – etwas seichter und weniger markant. Doch dafür so stimmig und professionell wie nichts anderes, das ich von Hildesheimern kenne: ein prima Jugendbuch, charmante Unterhaltung, ein wunderbar rundes Ding! Es geht um Weichei Ernesto, der seine Sommerferien in der Lüneburger Heide verschwendet, bis sein etwas dementer, energischer Onkel aus Argentinien einen Roadtrip durch die Pampa Niedersachsens anzettelt. Warmherzig, witzig, mit überzeugendem Ich-Erzähler. Und, versprochen: keine „Tschick“-Kopie.

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Tango für einen Hund

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Jan Fischer: „Ready. Wie ich mit digitalen Spielen erwachsen wurde“.

Autobiografisches Essay, 52 Seiten, Hanser 2016. [nur als E-Book]

Jan gehört zu meinen besten Freunden. Doch richtig nah kommen wir uns selten: Er traut sich als Kulturjournalist oft an die schwersten oder absurdesten Themen. Nur über eigene Ängste spricht er kaum. Wie großartig, dass ausgerechnet hier – in einem 50-Seiten-E-Book über die Mainstream-PC- und Videospiele der 80er, 90er, 00er Jahre – kluge Erinnerungen und Emotionen so viel Raum einnehmen: Jan schreibt, was ihn als Kind an Spielen reizte. Wie sie helfen. Womit sie faszinieren. Experten und Hardcore-Gamer werden Vieles kennen. An einigen Stellen: zu viel Pathos. Doch selbst, wer kein Interesse an Spielen hat, liest Jans Erinnerungen mit Gewinn: kulturwissenschaftliche Beobachtungen – leidenschaftlich, nah, verständlich.

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Ready

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Anne Köhler: „Nichts werden macht auch viel Arbeit. Mein Leben in Nebenjobs“.

Autobiografische Kolumen, 144 Seiten, Dumont 2010.

2015 veröffentlichte Anne Köhler einen Roman über eine junge, unglückliche Köchin in Hildesheim – der mich sehr langweilte: Mir war diese Hauptfigur zu zweifelnd, fade, flau. Besonders, weil Annes erstes Buch (2010) eine geisteiche, komplexe, viel liebenswertere Heldin hatte: Anne Köhler! Für jetzt.de schrieb Anne eine Kolumne über alle Nebenjobs, Praktika und bezahlten Projekte ihres Lebens. Wie viele Hildesheimer hatte sie Angst, alles nur oberflächlich zu wissen, zu wenig richtig zu beherrschen. Ihre Textsammlung hinterfragt diese Angst, bleibt aktuell, macht Mut – und empfiehlt sich besonders als Geschenk für Eltern oder Freunde, die nur geradere Lebenswege und Karrieren kennen. Leichte Texte. Schlaue Thesen!

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Nichts werden macht auch viel Arbeit : Mein Leben in Nebenjobs

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Funny van Money: „This is Niedersachsen und nicht Las Vegas, Honey. Auf Tabledance-Tour durch die Republik“.

Autobiografisches Sachbuch, 224 Seiten, Hanser Berlin 2012.

(Taschenbuch-Ausgabe 2014 bei Piper, mit neuem Titel: „Wie ich auszog, mich auszuziehen“.)

Um ihr Hildesheimer Kuwi-Studium zu finanzieren, tanzt Funny in einer Rotlicht-Bar in Hannover, nackt. Danach macht sie Diplom – mit einer kulturwissenschaftlichen, feministischen Selbstbeobachtung ihrer Rolle als Pole-Dance-Girl. Wer Spaß- und Comedy-Kolumnen sucht, wird hier enttäuscht: Funny schreibt auf hohem Niveau, häuft akademische Konzepte und Anglizismen. Stellenweise formuliert sie nerdy und verblasen wie ein Gender-Experte in der Spex. Trotzdem ist ihr Experiment so interessant, ihre Beobachtungen so originell, überraschend, kritisch, dass ich das Buch dauernd verschenken will. An jeden, der bei Sex-Workern nur an dümmliche Opfer denkt. Und bei Hildesheim nur an Bürgerlichkeit und Anpassung.

Buch bei Goodreads (Link)

This is Niedersachsen und nicht Las Vegas, Honey

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[Ich mochte auch Juan Guses “Lärm und Wälder” und Leif Randts “Schimmernder Dunst über CobyCounty”]

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Stefan Mesch, geboren 1983 bei Heidelberg, studierte von 2003 bis 2008 Kreatives Schreiben in Hildesheim. Er lebt und arbeitet als Autor und freier Journalist für u.a. Deutschlandradio Kultur und ZEIT Online in Berlin und schreibt an seinem ersten Roman, „Zimmer voller Freunde“.

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Landpartie 2012: Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus, Hildesheim

Die “Landpartie 2012” erscheint in der Hildesheimer “Edition Pächterhaus”. Zur Website: Link.

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Von 2005 bis 2011 habe ich literarische Texte in der jährlichen “Landpartie”-Anthologie meines Studiengangs – Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, Universität Hildesheim (Link) – veröffentlicht.

2012 wurde ich gebeten, das Vorwort zu schreiben. Kurz, knapp, empathisch: Ein Text über eine schreckliche Stadt… voller großer, ambitionierter Projekte:

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Schreibversuche. Schreibschulprosa. Stadtgeschichten.

von Stefan Mesch (Link), Februar 2012

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Als meine jüngste Schwester 15 war, im Frühling 2008, kam sie zwei Wochen lang nach Hildesheim: Sie sah die schroffen, grauen Korridore der Universität, den schroffen, grauen Hildesheimer Bahnhof, die Spielotheken, Eros-Center, Ein-Euro-Shops und Discount-Bäcker in der Fußgängerzone. Sie aß nur Feldsalat (von Lidl), Baguette (von Kaufland) und Kinder-Milch-Mäuse (von Aldi), denn zum Kochen hatten wir keine Zeit; für Restaurants kein Geld.

Herr Mohnsame, der Postbeamte zwei Stockwerke unter mir, war in der Badewanne gestorben: Wir rochen einen milden, süßlichen Geruch im Treppenhaus. Es brauchte fünf, sechs weitere Tage, bevor die Wohnungstür geöffnet und die Leiche gefunden wurde.

„Hildesheim ist die einzige Stadt, in der eine McDonalds-Filiale im Zentrum schließen muss, weil ihr die Kundschaft fehlt“, schrieb Freundin Jule (Link). „Was prägt die Stadt? Zehn Prozent weniger Menschen…“, klagen Soziologen auf Youtube (Link). „Aber die Dramatik, die [hinter solchen Zahlen] steht, macht sich kein Mensch klar: Bei der demografischen Entwicklung sind die Studenten, die immer neu kommen, jedes Semester, der einzige Refresh, den Hildesheim noch hat.“

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Schützenfeste, Nazi-Demos, katholische Gymnasien. Schrebergärten, Mietkasernen, am Wochenende Fachwerk- oder Mittelalter-Kitsch. Nagelstudios, Industrieruinen und ein Haushaltsdefizit, dem mit Streichungen am Stadttheater, der Musikschule, der AIDS-Hilfe, dem Freibad, den Bibliotheken und Museen begegnet wird: Hildesheim liegt 30 Kilometer unter Hannover. Es hat knapp 100.000 Einwohner. Alle Männer tragen Windjacken, führen kleine Hunde aus und denunzieren Falschparker. Alle Frauen füllen Regale bei Ihr Platz auf und haben seit 15 Jahren nicht gelächelt.

Im Sommer 2003, als ich die Eignungsprüfung (zum Studiengang ‘Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus’) bestand, ging meine Mutter mit mir mexikanisch essen. Drei Monate später – ich hatte gerade meine Wohnung in der Hildesheimer Nordstadt bezogen – war das Lokal bankrott. Und jedes Mal, an jedem grauen Freitag- oder Samstagabend, an dem Freundin Stephi und ich in den folgenden Jahren erschöpft in unseren Hildesheimer Wohnungen saßen und „eine Abwechslung“ oder „etwas Schönes“ brauchten, fuhren wir raus an die Umgehungsstraße und kauften Ein-Euro-Burger bei Burger King.

Es gab kaum andere Optionen. Niemand, den wir damals kannten, traf sich (zum Reden, einfach so) in Restaurants. Und jeder teurere, hochwertigere Abend hätte – für uns, in dieser Stadt, im dritten oder vierten Semester – frivol und unverdient pompös gewirkt:

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„Besser!“, „Schöner!“, „Freundlicher!“, „Aufwändiger!“, „Mehr!“ kosten Zeit, Mut, Aufwand, Einsatz, Energie. Als Alltagsrahmen / Lebenskulisse / Stadt aber fragt Hildesheim bei jedem Plan, jeder anspruchsvollen Bemühung: „Ist das jetzt wirklich nötig? Kannst du dir diesen Aufwand leisten?

Das Hildesheimer Bahnhofsviertel braucht kein mexikanisches Restaurant. Es braucht, hat sich gezeigt, nicht einmal einen schäbigen McDonald‘s.

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„Man wird gemeinsam mit anderen lernen, über eigene und fremde Texte zu sprechen“, umriss Professor Stephan Porombka (Link) 2008 den Reiz (und… Wahnwitz!) eines Studiums an der Hildesheimer „Schreibschule“. „Man wird eine literarische oder kulturjournalistische Zeitschrift mit herausgeben; man wird Schreib- und Buchprojekte realisieren; man wird aber auch in Theater-, Musik- und Kunstprojekten mitarbeiten; man wird selbst dauernd Texte schreiben, Texte redigieren, lektorieren, editieren, publizieren und vermarkten; man wird Netzwerke knüpfen, Grüppchen, Gruppen, Gruppierungen, Fraktionen bilden, vielleicht ganze Bewegungen initiieren.“

Jede Eckkneipe, jeder Schnäppchenmarkt, jeder Gang durch enge, dunkle Hildesheimer Behörden drischt uns die hässliche Wahrheit ins Gesicht, dass Literatur – im wahren Leben, im öffentlichen Trott – nichts zählt, kaum hilft, „den Leuten auf der Straße“ nichts bedeutet. Im Studium selbst dagegen kann jedes Kleinprojekt, jede erste, zaghafte Idee den wilden Sog und Terror eines Castingshow-Finales entwickeln: Der Stadt fehlen Stil und Dringlichkeit. Dem Studium fehlen die Zwischentöne, Atempausen.

Aus dieser Kluft zwischen Ambition und Welt, aus dieser Spannung zwischen „Liebes Milieu: Ich möchte schreiben – jeden Tag!“ und „Kindskopf? Schluss! Wer wartet auf deinen Senf? Deine Bücher?“, erwächst die schönste, stärkste (Hildesheimer) treibende Kraft:

Trotz!

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Seit 1999 haben Hildesheimer Absolventen – neben Tausenden Rezensionen, Kolumnen, Interviews, Reportagen, Sachtexten, Blogposts, Satiren und Cartoons – etwa 30 Romane, Lyrik- und Erzählungssammlungen veröffentlicht (Link). Bemerkenswerter als diese „erwachsenen“, „fertigen“ Einzelkämpfer-Projekte aber sind jene 25 Gruppen- und Gemeinschaftstitel, die bereits während des Studiums geschrieben, editiert und verlegt werden konnten.

Jährliche Landpartie-Anthologien, seit 2005. Vier Zweitsemester-Sammlungen, 2004 bis 2010. Und eine Flut kulturjournalistischer Projekte… die oft ganz neue, überraschende Fäden ziehen durchs provinzielle Einerlei: die Kneipen-Portraits in „Hildesheim schön Trinken“ (Link), „1000 Sätze, die man lesen muss, bevor man stirbt – in Hildesheim“ (Link), oder „Fahrtenschreiber“ (Link), die Reiseberichte aus dem lokalen Nahverkehr.

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Die landpartie |12 (Link) versammelt 38 Texte und Stimmen. Es wäre dumm, faul, müde und ignorant, ihre Arbeiten als Such- und Fluchtbewegungen im Hildesheimer Alltag zu verstehen. Oder – schlimmer noch! – als Reaktionen der Schreibenden aufeinander: Man wird diesen Werkschauen nicht gerecht, wenn all ihr vielstimmiger Irrsinn – Jahr für Jahr – nur wieder auf seine Hildesheimlichkeit, auf seine Schreibschulhaftigkeit und Homogenität abgeklopft wird.

Natürlich schreibt hier „eine Stadt“. Natürlich spricht hier (auch) „ein Studiengang“. Zuallererst jedoch betreten einzelne Studentinnen und Studenten – nur einmal jedes Jahr, ein paar von ihnen erst zum ersten oder zweiten Mal – die einzige Bühne, die sie gezielt für ihre Texte gezimmert und ausgeleuchtet haben.

Die „Landpartie“ ist der beste Grund, Rahmen, Vorwand und Anlass, den besten Text zu schreiben, den man bis heute zu schreiben imstande ist. Die „Landpartie“ ist Testgelände, Schaufenster, Labor. Und in der Summe, in ihren alljährlichen Fortsetzungen, wird sie zum Türrahmen, in den man seine Kerben ritzt, damit man selbst – und jeder, den es interessiert – ermessen kann, wie weit man als Autor im vergangenen Jahr gewachsen ist.

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„Es ist uns wichtig, klar zu zeigen, dass diese Anthologie ‘erwachsen’ geworden ist“, erklärte mir Herausgeberin Lew Weisz. „Die Texte sollten wahrgenommen werden als zur Gegenwartsliteratur gehörend. Es wäre schade, das Projekt herunter zu brechen auf: ‘Hier kommt mal wieder eine Anthologie Studierender des Hildesheimer Literaturinstituts’.“

2004, nach kaum fünf Monaten in der Stadt, beschlossen wir – der Jahrgang 2003 –, erste Erzählungen und Fotos in einem eigenen Buch zu sammeln. Das Thema? Hildesheim. Der Titel? „Stattflucht“ (Link), mit allen gewitzten Konnotationen: „Wir schreiben ein Buch über die Stadt – statt aus der Stadt zu flüchten.“

Am schwersten war die Suche nach einem guten Untertitel: „Stadtgeschichten“? „Eine Anthologie“? Fast fünf Minuten lang hing – allen Ernstes – die Idee im Raum, das Buch „14 Schreib-Versuche“ zu nennen. Und wie Gespenster – oder ein schlechter Geruch – schweben noch heute genau diese drei Grund-Unsicherheiten über jeder neuen Hildesheimer Sammlung:

Ist jedes Hildesheimer Buch ein Buch „über Hildesheim“?

Ist jeder Text aus einer Schreibschule ein „Schreibschul-Text“?

Ist jeder ungewohnte Schritt, jeder erzählerische Sprung ein „Schreib-Versuch“?

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Die 38 folgenden Texte verdienen klügere Fragen. Und einen weniger pauschalen Blick.

Sie sind Versuche von Schreibschülern, in einer schroffen, grauen Stadt.

Und… sie sind – deutlich, trotzig, schreiend! – mehr.

Ich wünsche mir, dass für diese (mittlerweile: achte) Hildeshimer Werkschau jenes „Mehr“ die Hauptrolle spielt. Und nicht, zum x-ten Mal: die Mietkasernen und Matratzen-Outlets. Die Hildesheimer Ausbrüche und Ängste.

Der Schreibschul-Generalverdacht.

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Dieser Text – über den Studiengang “Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus” in Hildesheim (Link) – erschien ursprünglich als Vorwort zu: “Landpartie 12”, Edition Pächterhaus, 2012.

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Mit Texten von: Kathrin Bach, Jonas Bohlken, Virginia Brunn, Dana Buchzik, Heidrun Eberl, Anna Fastabend, Jan Fischer, Karl Wolfgang Flender, Viktor Gallandi, Anna Gräsel, Moritz Grote, Juan S. Guse, Perspehone Haasis, Alina Herzog, Ana Teresa Hesse, Martin Hofstetter, Nicole von Horst, Yvonne Janetzke, Christoph Jehlicka, Juliana Kálnay, Fionna Kessler, Paul Klammbauer, Hannah Kurzenberger, Jan Mauer, Laetizia Praiss, Marc Oliver Rühle, Julia Sandforth, Marielle Sophie Shavan, Mareike Schneider, Franziska Schurr, Jacob Teich, Stefan Vidović, Lew Weisz, Philipp Winkler, Victor Witte, Ruben Zumstrull

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mehr Informationen:

  • Hildesheim: Eine Stadt, erklärt in 8 Videos (Link)
  • “Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus”: Ein Interview mit Marlen Schachinger (Link)
  • “Kulturtagebuch: Leben und Schreiben in Hildesheim”. Nachwort von Stefan Mesch, 2007 (Link)
  • “Kulturtagebuch: Leben und Schreiben in Hildesheim”. Rezension von Ingo Steinhaus. (Link)

die bisherigen “Landpartie”-Anthologien, seit 2005:

Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim: Interview

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Marlen Schachinger, eine Wiener Autorin und Literaturwissenschaftlerin, befragt für ihre Promotion verschiedene Absolventen der deutschsprachigen Schreibschulen in Leipzig (Link), Biel (Link) und Hildesheim (Link).

Eine gute Gelegenheit, entlang Schachingers (vielen!) Fragen das Hildesheimer Literatur- und Journalismusstudium zu erklären:

Ich selbst war von Herbst 2003 bis Weihnachten 2008 in der Stadt (Link)

…habe 2006 mit 16 Erstsemestern ein 500-Seiten-Buch über den Schreib- und Studienalltag zusammengestellt (Link). Danach zwei Jahre lang eine Zeitschrift für junge Literatur (Link) mitherausgegeben und ein großes Literaturfestival (Link) mitorganisiert…

…bis Ende 2008 dann alle nötigen Seminare und Vorlesungen besucht waren.

Ich ging nach Toronto, für ein Praktikum (Link). Und schreibe seit Mitte 2009 an “Zimmer voller Freunde”, meinen ersten Roman (und zugleich Diplom-/Abschlussarbeit).

Mehr Links und Arbeitsproben hier (Link).

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Marlen Schachinger: Weshalb fiel Ihre Wahl auf Hildesheim?

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Stefan Mesch: Ich habe als Schüler mehrere Stunden pro Tag Tagebuch und Filmkritiken geschrieben und war ein großer Fan von komplizierten TV-Serien wie ‘Babylon 5’, ‘Willkommen im Leben’ oder ‘Neon Genesis Evangelion’.

Mein Traumberuf war damals Showrunner / ausführender Produzent, der (realistischere) ‘Notfallplan’ Fernsehkritiker… und falls alles schief geht, Psychologe.

Nach dem Abitur arbeitete ich für ein Jahr in einem Behindertenheim und suchte online, nebenher, nach guten Studiengängen. Mein Favorit war die Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam (Link), die einzigen beiden Alternativen das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig (Link) und der Studiengang ‘Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus’ in Hildesheim (Link).

Alle drei Unis hatten Eignungsprüfungen und verlangten mehrere Arbeitsproben, also schrieb ich im Herbst 2003 eine Handvoll Kurzgeschichten, Essays und Filmkritiken und bewarb mich im Januar, jeweils zum Wintersemester 2004.

Alle drei Institute luden mich zur künstlerischen Eignungsprüfung ein:

Potsdam machte einen tollen Eindruck – die Hochschule, der Lehrplan, die Studenten -, aber das Gespräch fand vor einem Gremium mit 9 (!) Dozenten statt, und ich glaube, ich stotterte sehr defensiv herum – eine Art Verhör, ziemlich kalt und feindselig, und ich selbst schlimm verunsichert / richtungslos.

Die Eignungsprüfung in Hildesheim…

…lief viel besser: eine kurze Begrüßung, eine Schreibaufgabe, für die man sich frei auf dem Gelände bewegen durfte, und dann ein Gespräch mit drei – wachen, lebendigen, interessierten – Dozenten.

Hildesheim ist eine kleine, schroffe, ärmliche, traditionell katholische Stadt, im zweiten Weltkrieg von Brandbomben zerstört und sehr pragmatisch / schmucklos wieder aufgebaut: schöne Natur und ein paar letzte, sympathische Fachwerkhäuser und Kloster/Kirchen, aber kaum Restaurants, kein… bürgerliches Publikum – ein graues, muffiges, pragmatisch-kaltes “Geistesklima” (Link): Trinkerkneipen, Schützenfeste, Spielotheken… sogar der McDonald’s am Bahnhof hat schließen müssen.

Ausgerechnet in diesem Nest, drei Stunden von Berlin, 40 Minuten von Hannover, versammeln sich pro Jahr etwa 150 Kulturwissenschaftler (Link) – drei Viertel davon direkt nach dem Abitur, und 85 Prozent Frauen – und studieren an der Domäne Marienburg (Link), einem idyllischen, kleinen, grünen Mini-Hogwarts am Stadtrand.

Beginnend mit der Prüfung fühlte ich mich dort verstanden, gefördert und gut aufgehoben. Auch, weil die meisten Mitbewerber in meinem Alter – 19 bis 22 – waren: Das Eignungsgespräch am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, zehn Tage später, machte zwar ähnlichen Spaß… aber ich traf dort vor allem Mittzwanziger, die alle bereits etwas anderes studiert hatten und sich in Leipzig, binnen drei Jahren, den letzten Schliff für ihr eigenes Schreiben und ein paar wichtige Kontakte holen wollten.

Ich hatte das Gefühl, jeder war bereits ausgebildeter Kirchenmusiker (Link), Jurist (Link) oder Steinmetz (Link), und mir in Können und Lebenserfahrung weit voraus.

Das sagte ich dann auch, im Gespräch: Mir erscheint Hildesheim bis heute als der schlüssigere Ort. Jedenfalls für junge Leute, die noch Zeit brauchen.

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Marlen Schachinger: Welche Erfahrungen machten Sie in Hildesheim? Mit dem Lehrbetrieb? Mit ProfessorInnen? Mit StudienkollegInnen? Mit Konkurrenz? Mit Reaktionen von außen (Literaturbetrieb, privates Umfeld, Verlage, Jury-Gremien etc.)

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Stefan Mesch: Das ist eine schreckliche, sehr schlecht gestellte Frage.

Ich war fünf Jahre lang in Hildesheim… und Sie wollen eine Zusammenfassung von… allem? 🙂

Ich habe 2006, für das Buch ‘Kulturtagebuch – Leben und Schreiben in Hildesheim’ (Link) zwei längere Texte geschrieben, die ich gerne [Ende September] online stelle und verlinke:

  • eine (recht sachliche) Einführung in das Studienkonzept (Link folgt)
  • …und ein persönlicherer Text über die Jahre 2003 bis 2006 (Link)

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Jährlich bewerben sich in Hildesheim 400 bis 600 “Schreibschüler”. 40 werden zur Eignungsprüfung eingeladen… und zwischen 10 und 20 bilden dann einen Jahrgang. In meinem Jahrgang, 2003, waren das fünf Männer und neun Frauen. Die jüngste Frau war 17. Die älteste 28. Die meisten 19 oder 20.

Fast alle haben das Studium abgeschlossen, und fast jeder von uns verdient heute mit seinem Schreiben Geld: als Literaturkritiker, als Comedy-Autor, als Volontärin bei einer großen Tageszeitung, als Redakteurin im Kultur-Radio, als Lehrbeauftragter – mit Schreib-Seminaren… Ein Freund verdient das meiste Geld als Minnesänger auf Mittelalter-Liverollenspielen.

Ein paar von uns schreiben tatsächlich Romane. Ein paar dieser Romane wurden tatsächlich abgeschlossen… und tatsächlich verlegt.

Und es gibt, bis heute, niemanden in dieser Gruppe, den ich nicht entweder sehr mag… oder sehr hasse.

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Trotzdem darf man sich Hildesheim nicht als kleine, idyllische und abgeschottete “Akademie” vorstellen, in der verschworene Kleingruppen von den Meistern lernen: Noch in den Neunzigern studierten in Hildesheim vor allem angehende Lehrer und Pädagogen – und auch das kulturwissenschaftliche Institut (Link) bildete ursprünglich “nur” Kultur-Pädagogen aus.

Das hat sich – beginnend mit der Umbenennung zu “Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis”, Mitte der Neunziger – immer weiter differenziert: Man verlässt Hildesheim als diplomierter Kulturwissenschafter (Link)… nach ca. neun Semestern in den Studiengängen (Link)

  • Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis (Link)
  • Szenische Künste (Link)
  • Philosophie – Künste – Medien
  • …oder Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus (Link)

Die wichtigsten Vorlesungen und fast alle Projekte / Seminare finden für Studierende all dieser Studienrichtungen statt… und in den Nebenfächern (Psychologie, Soziologie, Politik, Kulturpolitik, Kunst u.a.) stoßen oft auch Studierende aus den anderen drei Fachbereichen der Universität (Link) hinzu – das sind (frappant oft) Leute aus dem Landkreis und der Region, die Lehrer werden möchten und… unendlich viel pragmatischer und weniger elitär sind.

Aber eben auch: viel, viel klarere Ziele haben. Und nur wenig Geduld mit exzentrischen “Künstlern”.

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  1. Inwiefern und wodurch fühlten Sie sich in Hildesheim in Ihrem Bestreben, AutorIn zu werden, unterstützt?
  2. Worin sehen Sie rückblickend die Vorteile dieses bzw. eines solchen Studiums?
  3. Und verglichen mit anderen AutorInnen, die ohne spezifisches Studium/Ausbildung ihren Weg gehen, sich autodidaktisch weiterbilden …: Würden Sie sagen, es ist von Vorteil, in Hildesheim oder an anderen Ausbildungsstätten Seminare zu besuchen? Inwiefern?
  4. Verglichen mit anderen AutorInnen, die ohne spezifisches Studium ihren Weg gehen, sich autodidaktisch weiterbilden … Würden Sie sagen, dass die universitäre Struktur für diese Art von Studium von Vorteil oder Nachteil ist? Weshalb? Wie sollte idealerweise der Rahmen für eine Lehre in diesem Bereich aussehen?
  5. Nehmen bzw. nahmen Sie auch an anderen Aus- und Weiterbildungs-Lehrgängen für AutorInnen teil? Wenn ja, an welchen? Vergleichen Sie diese bitte im Hinblick auf Arbeitsweise, Lehrangebote, Erfahrung kurz miteinander. Wenn nein: Bitte um Ihre Beweggründe?
  6. Wie erging es Ihnen bei Ihrer Abschlussarbeit? Wie seither? Hat die dazwischen liegende Zeit auch Ihren Blick auf Hildesheim bzw. auf den Arbeits- und Lebensbereich AutorIn-Sein verändert? Inwiefern? Haben sich Ansichten bzgl. des Literaturbetriebs verändert?
  7. Welche Auswirkungen hatte der Besuch (möglichst konkret) für Ihr Schreiben? Ihren Werdegang? Hat es Ihren Weg in den Literaturbetrieb geebnet? Wenn ja, inwiefern? Wenn nein: Weshalb nicht?
  8. Welche Ihrer Erwartungen wurden nicht oder nur begrenzt erfüllt?
  9. Wie wird sich durch die Zunahme der Angebote im deutschsprachigen Raum die literarische Szene Ihrer Ansicht nach verändern?

eBooks gegen Bücher: Wird Literatur verdrängt?

Wird das Buch nur als teures Luxusprodukt überleben?

…fragten Klaus Sander, Verleger beim supposé Verlag, Verlegerin Antje Kunstmann und Hanns-Josef Ortheil, mein Hildesheimer Literaturprofessor, gestern Abend im Hamburger Bucerius-Kunst-Forum.

“Wie ist Ihre Meinung [über die Zukunft des Buches]?”, wollte (der Verlag) Antje Kunstmann am selben Tag auf seiner Facebook-Fanpage wissen.

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Meine Prognose, in einem Satz?

Bücher, die Bücher sein wollen, werden Bücher bleiben.

Und warum? Mir leuchtet ein medienphilosophisches Konzept sehr ein, bekannt als ‘Riepl’sches Gesetz’ (Link zu Wikipedia):

Mit Einführung des eBooks stirbt das gedruckte Buch nicht aus… aber: alle Inhalte, die sich im Medium eBook “wohler fühlen”, werden abwandern/umziehen.

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Cory Doctorow beschreibt diese Verdrängungs- und Abwanderungsmechanismen detailliert in diesem (lesenswerten) Essay (Link)

…und – in allen Konsequenzen und mit beachtlichem Tiefgang – in dieser (SEHR lesenswerten) Essay-Sammlung (Link), “Content”. (Text auf Englisch, aber als Gratis-Download in mehreren Dateiformaten.)

Ich selbst habe Doctorow 2010 für die ZEIT zu seinen Thesen interviewt: (Link)

Details zu “Content” auch hier: (Link)

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Also? Wie hilft das Riepl’sche Gesetz bei der eBook-Debatte?

Nach Riepl wird nur das, was digital einfacher und besser funktioniert – aber: trotz all der bekannten Nachteile / Probleme von eBooks, z.B. der schlechten Haptik – fortan vor allem digital zu finden sein.

Inhalte aber, die gebundenes Buch sein WOLLEN, werden auch zukünftig gebundenes Buch bleiben.

Die Analogie, die mir privat am meisten einleuchtet, ist Youtube:
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Bevor es einen Ort für bunte, kurze Zehn-Minuten-Videoschnipsel gab, auf den jeder zugreifen konnte, mussten alle Inhalte, die PERFEKT als Zehn-Minuten-Videoschnipsel funktioniert hätten, im Kino oder im Fernsehen in eine andere, längere Form und einen (meist mindestens: halbstündigen) Programmrahmen gefügt werden. (Bei Sketchen waren das z.B. Formate wie “Switch” oder “Mad TV”).
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Erst heute, seit 2005, können diese Clips zu Youtube abwandern.
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Im Fernsehen bleiben nur noch DIE Formate, für die Fernsehen der nach wie vor sinnvollste, beste Rahmen ist (z.B. Samstagabend-Shows).
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So ähnlich hat die Erfindung des Kino das Theater nicht aussterben lassen – sondern nur jene Inhalte “mitgenommen”/”übertragen”, die von Anfang an besser als Film funktioniert hätten. Es gibt Songs, die wollen/müssen Songs in einem Album sein. Aber viele brauchen diesen Rahmen – das Album – eigentlich nicht. Und sind jetzt, als MP3s… ‘freier’.

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Entsprechend werden eBooks und digitale Bücher den Sachbuch-, Selbsthilfe- und How-to-Markt an sich reißen. Es gibt viele Inhalte, die man sich nicht (jahrelang, aufwendig gestaltet und gebunden) ins Regal stellen muss.

Diese Inhalte haben jetzt, als eBook, ein neues Vehikel/Vessel/Medium gefunden.

Der Rest aber – alles, was als (physisches, gebundenes) Buch glücklich war – wird auch weiterhin gedrucktes Buch bleiben.

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Eine – spezifisch deutsche – Komplikation ist dabei allerdings die Buchpreisbindung:

“Aktuell orientieren sich die Preise für elektronische Bücher am günstigsten Verkaufspreis. In der Regel sind E-Books dabei circa zehn bis zwanzig Prozent günstiger als die gedruckte Ausgabe. Daraus ergibt sich ein Preisvorteil von zwei bis drei Euro bei gebunden Ausgaben und etwas weniger bei Taschenbüchern. Zu wenig, sagen viele Käufer. Schließlich lasse sich das erworbene Produkt weder weiterverkaufen noch an Freunde verleihen.”

Der vollständige Artikel hier: http://www.zeit.de/digital/mobil/2010-09/ebooks-preisbindung-ereader

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…und dann ist da noch – wie Freund S. bei Facebook einwarf – der Faktor ‘Eitelkeit’:

“Ich glaube ja, wenn man ehrlich mit sich selbst ist, besitzt man viele Gegenstände, gerade Kulturprodukte, zu einem guten Maß aus Eitelkeit. Weil man sich über seine drei Meter Schallplatten definiert sehen möchte und die guten Bücher im Regal.

Klar, da spielt noch viel mehr mit rein: man lädt Bücher mit Emotionen auf, umgibt sich gerne mit schönen Gegenständen. Aber ich glaube, zu einem guten Teil hat man zu Büchern ein fetischisiertes Verhältnis, das viele Bücher gar nicht rechtfertigen.

Für Leute wie uns, die einen starken Bezug zum Schreiben haben, liegt die Sache vielleicht noch mal ein bisschen anders. Und jeder hat ja ein Recht auf seine Leidenschaften. Aber höchstwahrscheinlich führen ebooks einfach dazu, dass die gedruckten Bücher, die übrig bleiben, schöner werden. Konkurrenz ist ja oft hilfreich. Dann wäre allen geholfen.

Bin ich naiv?”

Nein, eigentlich nicht.

Nur bleibt eine wichtige Frage offen:  Werden Verlage den eBook-Markt so routiniert und souverän beherrschen können wie den Handel mit gedruckten Büchern?

Oder werden Raubkopien die Gewinne (und Käufer) schmälern, bis sich Printausgaben in fünf bis zehn Jahren nicht mehr lohnen?

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mehr: