Graphic Novels

Die besten Comics & Graphic Novels 2018: meine Empfehlungen bei Deutschlandfunk Kultur

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meine 20 Lieblings-Comics 2015, kurz vorgestellt: Link

meine 20 Lieblings-Comics 2016, kurz vorgestellt: Link

meine 20 Lieblings-Comics 2017, kurz vorgestellt: Link

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heute: meine Top 20 fürs Jahr 2018.

Ausführliche Texte etc. kurz nach Weihnachten bei Deutschlandfunk Kultur.

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20. Flavor

Autor: Joseph Keatinge, Zeichner: Wook Jin Clark.

Image Comics, seit Mai 2018.

6+ Hefte in 1+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Schnelles Geld für Verlage. Dazu eine Leserschaft, die oft zu unkritisch bewertet: Seit Raina Telgemeiers fadem Zahnspangen-Bericht „Smile“ (2010) wollen Middle-Grade-Comics extra-simpel, weich, harmlos-progressiv belehren. Lesen auf Stützrädern, für 8- bis 12-Jährige. „Flavor“ mischt bewährte Ideen aus „Wallace & Gromit“, „Kikis kleiner Lieferservice“ und „Avatar: Herr der Elemente“. Eine Märchenstadt hinter Festungsmauern feiert Kulinarik, Restaurants und eine Akademie für Elite-Köchinnen und Köche. Eine fadenscheinige, kindische Welt, die sich allein ums Essen dreht: geheime Koch-Fight-Clubs im Untergrund! Hetzjagden um besonders edle Pilze! Harte Kerle und Gauner trinken nicht – sondern zechen in Eiscreme-Kaschemmen. Detailverliebt gezeichnet. Doch mir fehlt Pfeffer. Eine eigene Note!

Sammelband 1 lässt vieles unklar: Anant, Sohn aus bestem Haus, kämpft um seinen Platz an der Akademie. Heldin Xoo führt einen Imbiss: Seit einem (nicht genannten) Vorfall, für den sie sich die Schuld gibt, brauchen ihre Eltern Rollstühle. Ich liebe, dass Xoos Onkel, ein Abenteurer und Herumtreiber, in vielen anderen Plots Sympathieträger, große Stütze wäre. Hier aber sollen wir denken: „Trottel! Deine Nichte hat echte Imbiss-Kompetenz!“ Wie oft inszenieren sich unreife Männer als Lösung – und werden dabei zum größten Problem?

Widerborstige Figuren. Viele offene Fragen. Ich freue mich auf Band 2. Doch wie meist im Segment „Middle Grade“, 8 bis 12, bleibt mir vieles hier zu abgespeckt, geschmacksneutral.

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19. Joe Shuster: Der Vater der Superhelden

Autor: Julian Voloj, Zeichner: Thomas Campi

Super Genius, 2018. Deutsch bei Carlsen.

180 Seiten, abgeschlossen.

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1938, mit Mitte 20, verkaufen Autor Jerry Siegel und Zeichner Joe Shuster, Freunde aus Cleveland, ihre Figur Superman an DC Comics – und schaffen damit das Superhelden-Genre. Was die neuen Helden über New York, den Zweiten Weltkrieg, jüdische Kultur erzählen, wie Superman zeit- und ideengeschichtlich wirkt, klärt Michael Chabons grandioser 600-Seiten-Roman „Kavalier & Clay“ (2000). Doch die bitteren persönlichen Folgen für Zeichner Shuster zeigt erst diese (oft etwas trockene) Comic-Biografie, die unter anderem auf Briefen und juristischen Dokumenten fußt. Wieso verdienten Siegel und Shuster kaum an Supermans Erfolg? Wie ließen Medienkonzerne und Verlage ganze Generationen Kreativer im Regen stehen – noch in den 90er- und Nuller-Jahren?

Die eleganten, hellen Zeichnungen erinnern an die späten 50er und „Mad Men“: War der Midcentury-Modern-Stil schon 1938 so präsent – in den Büros von Groschenheft-Verlagen? Nah kommt der Doku-Comic leider weder der Person Shuster noch seinen Figuren. Es bleibt beim „Wie gewonnen, so zeronnen“-Lehrstück ohne viel Charaktertiefe oder Psychologie. Doch Sätze wie „Bill Finger, Jack Kirby, Alan Moore wurden von Verlagen schlimm über den Tisch gezogen“ lese ich als Fan fast täglich. Hier endlich: die faktensatte, plastische Ausarbeitung eines solchen Falls.

Warmherzig, respektvoll, professionell: ein Urheberrechtsstreit, der noch 80 Jahre später Folgen hat. Wer 180 Seiten lang über Freiberufler-Elend lesen will…? Stilvoller, griffiger lässt sich ein derart trockener Stoff schwer inszenieren!

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18. Infidel

Autor: Pornsak Pichetshote, Zeichner: Aaron Campbell

Image Comics, März bis Juli 2018.

5 Hefte/ein Sammelband, abgeschlossen.

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Horror lebt von Furcht… und Identifikation. Doch jede Gruppe hat eigene, spezifische Ängste. Pornsak Pichetshote war Redakteur und Lektor bei Vertigo Comics. Im Debüt als Autor zeigt er Rassismus, Grusel, Ausgrenzung, Monster und institutionelle Gewalt: Aisha ist Muslima und lebt mit Mann und Kind im Apartment der christlichen Schwiegermutter. Als sie im Traum – und bald auch im Gebäude – Monster sieht, beginnt ein nervöser Tanz um Notwehr, Vorwürfe, Paranoia, Terror und Fremdenfeindlichkeit, der viele Nachbarn und Aishas Freundin Medina in Dialog bringt: Wie begegnet New York People of Color, seit dem 11. September? Wie leiden US-Bürger, die ständig misstrauisch als Andere, Fremde „ge-other-ed“, ausgeschlossen werden? Welchen Mächten – politischen wie übersinnlichen – nutzt dieses „Othering„?

Die antirassistische Horror-Satire „Get Out“ gewann 2018 den Oscar fürs beste Drehbuch. Auch „Infidel“ zeigt die bürgerliche Mehrheit als größte Bedrohung: Das Monster selbst, ein Dschinn, wirkt einfallslos – und als sogar die Figuren sagen: „Nutzen wir jetzt im Ernst dieselbe Taktik wie bei ‚Ghostbusters‘?“ wird klar, dass Atmosphäre, Politisches hier mehr zählen als ein besonders origineller, schnittiger Frau-im-Mietshaus-gegen-Wesen-Plot. Es gibt zu viele und zu flache Figuren, konstruierte Wendungen. Vieles verheddert sich: Die geplante TV-Version muss besser werden!

Trotzdem: Wie vielen Frauen of Color, wie vielen Muslimas geben Comics Raum? Auch Matt Ruffs Roman „Lovecraft Country“ verknüpfte 2018 Horror und Ausgrenzung, Rassismus. Eine riesiges Feld – das hoffentlich auch Pichetshote weiter bearbeitet. Talent und Potenzial? Massig, schon hier!

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17. Runaways

Autorin: Rainbow Rowell, Zeichner: meist Kris Anka

Marvel Comics, seit September 2017.

15+ Hefte in 3+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Sechs Jugendliche sehen sich einmal im Jahr. Weil die Eltern Charity-Projekte leiten? Nein: In Wahrheit sind sie heimliche Superschurken; und gemeinsam flüchten die sechs Kinder (und ein Dinosaurier) als Helden-Clique „Runaways“ vor Familie, Behörden und Aliens quer durch die Marvel-Welt. Brian K. Vaughan („Saga“) erfand die Reihe 2004; eine TV-Serie startete 2017. Der Comic-Neustart fragt recht einsteigerfreundlich: Wie prägen Intrigen, Unterwegs-Sein, Misstrauen, Traumata eine Gruppe? Wie geht Erwachsenwerden ohne Eltern-Rückhalt? Jugendbuchautorin Rainbow Rowell lässt sich alle Zeit für Sinnsuche, „Teen Angst“, Kameraderie – tiefer, langsamer, psychologischer, witziger und oft viel origineller als andere Marvel-Reihen. Meist hängen die Ausreißer lustlos auf dem Sofa. Besonders im schlaffen Band 2: viel unnötiges Jammern, Schmollen.

Junge Helden-Teams („Young Avengers“, „Teen Titans“, aktuell die schmissigen „West Coast Avengers“) wollen Jugendlichkeit, Jungsein oft feiern, loben. „Runaways“ zeigt vor allem, wie naiv, schlecht ausgebildet, misstrauisch und aus der Zeit gefallen die „Runaways“-Notgemeinschaft mit den Jahren wird: In ständiger Todesangst fasst man selten schärfste Gedanken. Oder lernt, gesunde Beziehungen zu führen. Der Comic wird zum Sammelbecken für beschädigte Figuren – und zur Einladung an beschädigte Leser*innen: voller Wortwitz und Sarkasmus.

Ob Rowell hier nur seufzen will: „Erwachsenwerden heißt oft: ein Schritt vor, zwei Schritte zurück“ oder ob die panische Ersatzfamilie bald endlich raus, los, weiter kommt, werden erst folgende Bände zeigen. Bisher machen alle sechs Runaways vor allem (lesenswert dramatische!) Fehler.

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16. Ice Cream Man

Autor: W. Maxwell Prince, Zeichner: Martin Morazzo.

Image Comics, seit Januar 2018.

8+ Hefte in 2+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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„Geschichten aus der Schattenwelt“ (1984), „American Gothic“ (1995), Stephen Kings Novellen: US-Horror bleibt oft putzig moralisch, reaktionär. Naive Lehrstücke mit Lektionen wie „Hochmut kommt vor dem Fall“, die ich mit 12, 13, 14 erwachsen fand. „Ice Cream Man“ erzählt in jedem Heft eine solche Grusel-Kurzgeschichte – abgedroschen, abgeschlossen. Belohnt werden meist die selben biederen Normen, auf die Grimms Märchen weisen: Die Dicken sterben an Völlerei. Jeder kriegt seine Rechnung. So schnell kann’s gehen, ja ja. Dass „Ice Cream Man“ trotzdem viel bösen Spaß macht, liegt an den trashigen Zeichnungen von Martin Morazzo. Den abwechslungsreichen (doch immer abgeschmackten) Plots und Twists. Und einer Mythologie, die sich nur langsam zeigt: Wer ist der Mephisto-artige Eisverkäufer mit starrem Lächeln und buntem Kühlwagen?

Kluge Horror-Comics wie „Harrow County“, „Locke & Key“ folgen unvergesslichen Figuren. Doch weil in „Ice Cream Man“ alle Opfer, Fast-Opfer, Doch-nicht-Opfer und Täter-statt-Opfer nach 20 Seiten eh bestraft, entsorgt, vergessen sind, lese ich hier keine „Schicksale“. Sondern Goldmarie-und-Pechmarie-, Die-Guten-ins-Töpfchen-die-Schlechten-ins-Kröpfchen-Gedankenspiele: Wer wird belohnt? Wer hat Gewalt und Strafe, die plötzlich in den Alltag brechen, „verdient“; wer nicht? Was sind die aktuellen Feindbilder, Prügelknaben, „acceptable targets“ im US-Horror: Um wen ist es „nicht schade“?

Ein autoritäres Weltbild. Straf- und Rachefantasien. Das genuin Gruselige an biederen US-Comics? Wessen Tode uns befriedigen, freuen sollen.

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15. Incognegro & Incognegro: Renaissance

Autor: Mat Johnson, Zeichner: Warren Pleece

Vertigo/DC Comics (Incognegro: 2008) und Berger Books/Dark Horse Comics (Renaissance: 2018)

Zwei abgeschlossene Geschichten mit je ca. 120 Seiten, beides erst in je 5 Heften erschienen, dann als Sammelband.

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Zwei Krimis, durch und durch: Wer „Incognegro“ und die Vorgeschichte „Incognegro: Renaissance“ als Historien- und Dokumentar-Comic über Rassismus in den 1920er Jahren liest, behält Lücken. Zu lustvoll, melodramatisch, konstruiert dreht sich hier alles um Verdächtige, falsche Fährten und den Kampf des sarkastischen Journalisten Zane Pinchback gegen Lug, Trug, Vorurteile: Genre-Kost, pointiert und überzeichnet. Autor Mat Johnson wird oft für einen Weißen gehalten; und schon 1929 schrieb die Harlem-Renaissance-Autorin Nella Lawson im Roman „Passing“ über die Preise, die hellhäutige Schwarze zahlen, sobald sie öffentlich als Weiße auftreten. Im (passablen) „Incognegro: Renaissance“ hilft Zane einer schwarzen Aufsteigerin, deren „Passing“ in der Film- und Literaturszene Erpressungen provoziert.

Im (besseren, doch oft leichtfertig brutalen) „Incognegro“ nutzt Pinchback sein eigenes „Passing“, um in die Südstaaten zu reisen und als vermeintlich weißer Reporter Bürger bloßzustellen, die Lynchmorde bejubeln. Ich lernte zwar einiges über Segregation, Jim-Crow-Gesetze, Justiz- und Unterdrückungsmechanismen seit dem US-Bürgerkrieg… doch hätte lieber einen seriöseren Sachcomic über White Supremacy als dieses schmissige, überkonstruierte, an vielen bedrückenden Stellen plötzlich action- und plotversessene Katz-und-Maus-Spiel.

Flotte Sprüche, böse Wendungen, coole Helden: Als Unterhaltung mit großem Herz und emanzipatorischem Anliegen machen beide Bände Vieles viel, viel richtiger als andere Krimis. Als Lehrstücke zu Rassismus und Lynchmorden bleiben sie zu grell, oberflächlich.

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14. Crowded

Autor: Christopher Sebela, Zeichner*in: Ro Stein

Image Comics, seit August 2018.

4+ Hefte; alle 6 Hefte erscheint ein Sammelband: wird fortgesetzt.

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Frauen mit Abgründen, Defekten, gehetzt durch eine bitterböse Welt. 2014, in Christopher Sebelas Himalaya-Thriller „High Crimes“, verfranste sich eine drogensüchtige Bergführerin in Schluchten und Selbsthass. „Crowded“ (Arbeitstitel: „Crowdfundead“) folgt zwei störrischen, verschlossenen Frauen – ebenfalls auf der Flucht vor Killern: Die eitle Charlie hält sich via „Gig Economy“ über Wasser: Über Apps kann man ihr Auto, Bett oder ihre Zeit als zum Beispiel Dogwalkerin buchen. Als immer mehr Passanten plötzlich versuchen, sie zu töten, wird klar: Bekannte, „Freunde“, Familie sammelten Kopfgeld, online, oft anonym. Wer Charlie tötet, erhält eine Million Dollar. Solche Mordkampagnen liefen bislang vor allem für Politiker. Vida, Personenschützerin mit schlechter Online-Wertung, muss wissen: Was tat Charlie (aufmüpfig, unzuverlässig), um so gehasst zu werden?

2015 überzeugte der Social-Media-Satire-Comic „Prez“. „Crowded“ zeigt im selben bitter-überdrehten Ton, wie Frauen unter Wertungs-Terror, Shitstorms, dauernder Verfügbarkeit, Kapitalismus leiden. Die Streits zwischen Vida (lesbisch, wortkarg, mürrisch, pragmatisch) und Charlie (egoman wie Lena Dunham in „Girls“ oder Bryan Lee O’Malleys fiese Influencerin „Snotgirl“) haben Biss, und nach fünf Heften bin ich froh, dass Sebela noch weitere Kapitel, Sammelbände plant. Eine sarkastische Reihe – doch niemals zynisch, plump technik- oder menschenfeindlich.

Eine Welt, die sofort jeden abstraft, der laut ist oder irritiert: „Crowded“ ist kritisch wie „Black Mirror“ – doch hat mehr Farbe, Tempo, Wortwitz. Lässt sich das über 12 oder 18 Hefte hinweg halten?

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13. Unerschrocken: 15 Porträts außergewöhnlicher Frauen (2 Bände, je 15 Porträts)

Autorin und Zeichnerin: Penelope Bagieu

Gallimard, 2016 und 2017. Deutsch bei Reprodukt, 2017 und 18.144 Seiten (Band 1), 168 Seiten (Band 2), abgeschlossen.

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Kaum Bildfolgen, Sequenzen. Keine Sprechblasen. Immer jeweils nur ein Frauenleben, erzählt auf fünf bis sieben Seiten, mit sechs bis neun Bildern pro Seite – oben immer Fließ-, Erklärtext, darunter eine simple Illustration. Als Fazit jeweils noch eine vielfarbige, prächtige Doppelseite, die jede Frau in ihrem Element, ihrer Lebenswelt feiert. „Unerschrocken“ begann als grafische Erklär-Kolumne auf der Website von Le Monde Diplomatique: Bagieu stellt Pionierinnen vor wie Mae Jemison – die erste schwarze Frau im All –, Agnodyce – Gynäkologin im antiken Athen – oder Christine Jorgensen, trans Frau und Star ab 1953. Fast jede Geschichte endet als Triumph: „Unerschrocken“ inspiriert, beflügelt, macht Mut. Viele dunkle Momente, Rückschläge und einige z.B. blutrünstige Kaiserinnen, Kriegsherrinnen, Partisaninnen sorgen für Abwechslung.

Ich zögere, die (leider auf glanzlosem, recht gelbstichig-trübem Papier gedruckten) Bände „Comics“ zu nennen: Präzise, endlos interessante Erklär-Textchen und -Bildchen, schwungvoll gezeichnet, über Frauen, die jedes Kind kennen sollte. Bekannt sind u.a. die Forscherin, Tierrechts-Aktivistin und Autistin Temple Grandin. Die lesbische Autorin Tove Jansson, Erfinderin der „Mumins“. Oder Kunstsammlerin Peggy Guggenheim – über deren Kämpfe, Konflikte ich bisher nichts wusste. Bitte unbedingt googeln: Sonita Alizadeh. Jesselyn Radack. Leymah Gbowee.

Absurd, welche Vorurteile, Hürden, welches Unrecht Frauen vor 200 Jahren ausgrenzte, bremste. Oder vor 70 Jahren. Oder heute!

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12. Days of Hate

Autor: Ales Kot, Zeichner: Danijel Zezelj

Image Comics, Januar 2018 bis Januar 2019.

12 Hefte in 2 Sammelbänden, davon 11 bereits erschienen; danach abgeschlossen.

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„Solche Comics sind Hilferufe: Der Autor braucht Therapie“, spottet ein Nicht-Fan über „Days of Hate“. Ich las bisher alle Reihen von Ales Kot. Sie wirkten hochpolitisch, ambitioniert, voll literarischer Bezüge, doch dabei freudlos, nihilistisch: rechthaberische Polit- und Politikverdrossenheits-Essays, erzählt als tiefgraue Comic-Thriller. „Days of Hate“ zeigt ein Ex-Liebespaar in einem dystopischen Amerika, 2022. Amanda führt Krieg gegen die Regierung. Huan, ihre Exfrau, hilft dem Geheimdienst, Amanda zu stellen. Sind die Frauen echte Gegnerinnen? Woran scheiterte die Ehe? Was erhofft sich Huan in rassistischen Verhören? Wie konnten Trumps Diskursverschiebungen die USA in vier kurzen Jahren ruinieren?

False Flags, Fake News, White Supremacy: Nach jedem Kapitel gibt Kot machtkritische Buch-, Essay- und Musiktipps. Der drückende Zeichenstil, die vielen Schatten, die schon in ähnlich hoffnungslosen, tollen Polit-Reihen wie „DMZ“ und „The Massive“ überzeugten, passen zum erwachsenen, doch oft belehrenden Ton. Zwei verletzte, hoch gebildete Frauen und mehrere Unterdrücker, Agenten debattieren wie in Sartres „Geschlossene Gesellschaft“. Das Weltbild (und den Insider-Jargon) kenne ich aus Oliver Stones Verschwörungsthrillern der 90er.

Vor 25 Jahren fragten Linke der Generation X, was Widerstand bedeutet. Ales Kot (32, Generation Y) stellt die selben Fragen, im selben Look. Kritik an der Brave New World, im Ton der guten alten (90er-)Zeit.

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11. Mr. Miracle

Autor: Tom King, Zeichner: Mitch Gerads

DC Comics, August 2017 bis November 2018.

12 Hefte in 2 Sammelbänden, abgeschlossen.

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Vor einem Jahr, nach fünf (von zwölf) Heften/Kapiteln, stürmte „Mister Miracle“ viele Beste-Comics-2017-Listen als clever-wirres Weltraum-Rätsel. Ich bleibe unsicher, wie klug der toll gezeichnete und inszenierte Comic wirklich von Gehirnwäsche, Palastintrigen, „Mindfucks“ unter Höllengöttern erzählt: Despot Darkseid knechtet den Fabrik-Planeten Apokolips. Im Krieg gegen das aseptische New Genesis wird Frieden erst möglich, indem Darkseid und Patriarchen-Gott Highfather Söhne tauschen. So wächst Scott Free in Darkseids Folterkammern auf, verliebt sich in die „Female Fury“ Big Barda und flüchtet als Entfesslungskünstler „Mister Miracle“ zur Erde – alles erzählt ab 1971, in Jack Kirbys „New Gods“-Comics. Barda und Scott leben als junges, traumatisiertes Paar in LA. Ist seine Kindheit Gund für Scotts plötzlichen Suizidversch? Steckt Darkseid dahinter?

In vielen Mainstream-Comics ist das Power-Couple Scott und Barda Teil der Justice League. Für Autor Michael Chabon war Barda (dominant, souverän, wuchtiger als ihr Partner) eine prägende Sehnsuchts-Frau. Trotz Jack Kirbys pompöser, fast biblischer Mythologie sind die Eheleute zugänglich, plausibel, sympathisch. Nach 12 Ausgaben Geraune, Rätsel, Andeutungen, bleibt von „Mister Miracle“ kein (richtig stimmiger) Brainfuck-Plot: King ging es offenbar viel mehr um (oft: profane) Widersprüchlichkeiten einer modernen Partnerschaft ab 30 – skurril verfremdet.

Götter und Ausklapp-Sofas: „Mister Miracle“ fragt, wie Menschen die Verletzungen ihrer Kindheit in die Ehe tragen – und sie überwinden. Als Autor von „Batman“ liebt Tom King Halbgares, Stream-of-Consciousness-Gestammel. Auch hier bleibt vieles offen. Doch Scott und Barda rühren, leuchten!

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10. Shimanami Tasogare

geschrieben und gezeichnet trans Zeichner*x Yuhki Kamatani

Shogakukan, März 2015 bis Mai 2018.

21 Kapitel in vier Sammelbänden, abgeschlossen.

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Eine marode Kleinstadt am Meer. Eine Teestube als sanfter Rückzugsort: Safe Space. Und Tasuku, etwa 15 Jahre alt, der jedes Wochenende mit den neuen Lounge-Bekannten verlassene Häuser renoviert, bezahlt mit staatlichen Fördermitteln: Yuhki Kamatani sagt nicht, welches Geschlecht sie oder er hat – nur, dass ihm oder ihr als Kind das falsche Geschlecht zugewiesen wurde. Ihr oder sein Manga zeigt unter anderem eine nonbinary Figur, die weder „er“ noch „sie“ genannt werden will (und asexuell ist). Einen Crossdresser, etwa 12, der Mädchenhaftes liebt. Ein lesbisches Paar, das heiraten will. Und den älteren Tchaiko, dessen Lebenspartner im Sterben liegt. Alle Figuren fragen in ruhigen, klugen Gesprächen: Wie hängen Begehren, Queerness, Selbstverständnis und Identität zusammen?

Fast alle „Boy’s Love“-Mangas führen klischeehafte Männer-Paare für Hetero-Fans vor: sexistische Klischees wie „Der starke, größere Partner penetriert den zarten, weibischen“. Mit jenem Kitsch-und-Klischee-Erotik-Genre hat „Shimanami Tasogare“ nichts zu tun. Ein respektvolles Erklär- und Alltags-Drama ohne Exotisierung. Nur der Abschluss des auf Deutsch noch nicht erhältlichen Geheimtipps kommt viel zu abrupt: Ich hätte gern noch jahrelang verfolgt, wie sich die respektvollen Figuren gegenseitig fördern, stützen und herausfordern.

Je mehr wir über Identitäten, Sexualitäten sprechen, desto klarer wird, dass wir noch viel, viel mehr erklären und verstehen müssen. Erklär-Mangas geben bei vielen Themen Hilfestellung. Hier fließt alles so klug, entspannt, präzise – das muss in (Schul-)Bibliotheken!

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09. Der Umfall

Autor und Zeichner: Mikael Ross

Avant Verlag, 2018.

128 Seiten, abgeschlossen.

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Eine evangelische Stiftung in Niedersachsen, das inklusive Dorf Neuerkerode, gibt einen Promo- und PR-Comic in Auftrag (uff!). Ein Cartoonist, der Körper gern cartoon- und lachhaft überzeichnet, zeigt Figuren mit Behinderung (hmpf!). Hauptfigur Noel, herzig, pummelig, Anfang 20, muss zur betreuten Wohngruppe aufs platte Land, weil die Mutter einen „Umfall“ hatte, leblos im Bad lag… doch plant den wilden Roadtrip heim nach Berlin (oje!). „Mutig“ sind die kurzen, oft tragikomischen Anekdoten aus dem Heim-Alltag nicht, weil Künstler Mikael Ross Neues ausprobiert, sondern, weil er überraschend warmherzig, souverän, respektvoll zeigt, dass auch auf ausgetretenen Pfaden Raum ist für Figuren mit Behinderung, würde- und humorvoll porträtiert. Furchtbar gut gemeint. Doch, Überraschung: tatsächlich auch furchtbar gut gemacht!

Ein Spielfilm über das Dorf (und unter anderem die T4-Morde bis 1945) wäre schnell verkitscht, artifiziell. Als Roman bräuchten Ross‘ Nuancen, Ambivalenzen viel mehr Umschreibung. Und eine TV-Doku wirkt schon nach drei, vier Jahren gestrig. „Der Umfall“ gelingt – doch wiederholt ein Muster: Hauptfiguren mit geistiger Behinderung erleben oft größte Schläge. Hören immerzu, wie viel sie nicht dürfen, können, niemals erreichen. Dann weinen sie, schlagen kurz über die Stränge, und ein bittersüßes Ende zeigt: Das Leben geht weiter.

Wie Menschen, alert genug, um zu verstehen, dass ihnen dauernd Teilhabe, Normalität verweigert wird, mit dieser Dauer-Frustration umgehen, ohne, zu verbittern oder täglich zu platzen? Das fragt der immens lesenswerte Comic zwar. Eine Antwort hat das bittersüße Klischee-Ende nicht.

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08. Saga

Autor: Brian K. Vaughan, Zeichnerin: Fiona Staples

Image Comics, seit März 2012.

54+ Hefte in 9+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Ein Ehepaar, ihre Tochter und viele (oft wechselnde oder sterbende) Verbündete auf der Flucht – gejagt von Kopfgeldjäger*innen, Geheimdiensten und den Heeren zweier Mächte: Alana war Soldatin der Landfall-Allianz. Marko stammt vom Mond Wreath. Ihr Kind Hazel gilt als biologische Unmöglichkeit, und seit 2012 erzählten 54 Hefte/Kapitel von Gewalt, Familie (und Wahlfamilien, Solidarität), dem Glück (und manchmal Trauma), Eltern zu sein und dem Trauma (und manchmal Glück), Kind zu sein. Jedes Heft überrumpelt auf Seite 1 mit absurden neuen Settings und Figuren. Jedes Heft endet mit einem „Da staunt ihr!“-Twist. Brian K. Vaughan benutzt immer gleiche, oft eitle Kunstgriffe: Gefühlsachterbahnen. Dramatic Irony. Überraschender Verrat. Überraschende Versöhnung. So toll Fiona Staples‘ Gestalten und Design sind: „Saga“ wirkt sehr kalkuliert.

Toll darum, dass nach neun Sammelbänden (und etwa der Hälfte der geplanten Geschichte) ein radikaler Einschnitt zeigt: Vieles, das in den letzten Jahren geschah, kann nach 2018 unmöglich weiter aufgekocht, variiert werden. Die Karten liegen plötzlich anders.

„Saga“ ist verlässlich einer der anspruchsvollsten, (verkrampft) originellsten und mainstream-tauglichsten Erwachsenencomics, Jahr für Jahr. Mit Band 9 beweist Vaughan, dass er keine Masche, kein Strickmuster perfektioniert – sondern sich Anfang, Mitte und (in fünf Jahren?) Ende deutlich unterscheiden. Was in Band 6, 7, 8 mitunter wie Leerlauf, Wassertreten wirkte, liegt jetzt in einem neuen Licht. Ein guter Punkt, um einzusteigen!

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07. Go Go Power Rangers

Autor: Ryan Parrott, Zeichner: Dan Mora; später Eleonora Carlini

Boom! Studios, seit Juli 2017.

14+ Hefte in 3+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Alien Zordon leiht fünf Teenagern aus Angel Grove, Kalifornien, Kräfte (und Dinosaurier-Roboter), um eine böse Hexe auf dem Mond zu stoppen: Rita Repulsa. Die billige TV-Serie ab 1993 – als Rahmenhandlung: fade US-Teens im Jugendzentrum; dazwischen Monster-Kämpfe, aus der japanischen „Super Sentai“-Reihe importiert – zeigte mir damals nur, dass ich mit 11, 12 fadem Kinder-TV entwuchs. Ein 25 Jahre altes Trash-Franchise, für das mir jede Nostalgie, fast alle Kenntnisse fehlen. Doch eine Menge aktueller US-Comics (besonders bei Dark Horse, IDW und Boom) setzen Kinder- oder 90er-Erfolge komplexer, erwachsener neu fort: 2018 erhielten unter anderem neue Comics zu „Turtles“, „Transformers“, „Xena“, „Der dunkle Kristall“ exzellente Kritiken.

„Go Go Power Rangers“ gibt fünf, sechs Hauptfiguren viel Zeit: Die Reihe spielt kurz nach Folge 1 der Serie. Die Teenager hadern mit ihren Rollen, Kräften und Geheimnissen. Dass alle sprechen wie 2018, und nur ihr Jugendzentrum aussieht wie 1993? Dass ich nicht weiß, was aus Zordon oder Rita wird? Und dass ein anderer, paralleler Comic, Kyle Higgins‘ „Power Rangers“, noch mehr (viel kompliziertere) Zusatz- und Drumherum-Geschichten erzählt? Egal! Kein Fan- und Vorwissen sind nötig: Alles erklärt sich zwanglos und elegant nebenbei.

Ein Comic, an dem alles schreit „zweitrangig, nebensächlich“ beweist, dass auch fadenscheinige, lieblose Konzepte strahlen können – sobald Figuren Raum kriegen für Witz, Ideen, Verletzlichkeit.

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06. Girlsplaining; Der Ursprung der Welt; Der Ursprung der Liebe

Katja Klengel (Autorin und Zeichnerin), Reprodukt Verlag.

160 Seiten, 2018. („Girlsplaining“)

Liv Strömquist (Autorin und Zeichnerin), Avant Verlag.

(„Welt“: 140 Seiten, 2017. „Liebe“: 136 Seiten, 2018.)

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Eine Kulturgeschichte der Vulva: Wie deuteten, straften, stigmatisierten Männer weibliche Lust, Menstruation, den Körper? („Der Ursprung der Welt“) Und eine Kulturgeschichte der Idee, dass Frauen besondere Erfüllung finden, indem sie sich einem Partner unterwerfen („Der Ursprung der Liebe“: straffer, pointierter, doch etwas flacher). Feministin und Kulturwissenschaftlerin Liv Strömquist spricht in zwei Schwarzweiß-Erklär-Comics mit oft polemischem, überlangem Text und meist arg simplen, bewusst dilettantischen Zeichnungen im Punk- und Fanzine-Look über Statistiken, Denkfehler, kollektive Urteile. Bücher, die jeder Mensch ab 13 mit Gewinn lesen wird. Kurz nerven die Krakelschrift, die Textwüsten, der plump rotzige Jargon. Zu oft sind Strömquists Montagen so einladend, ansehnlich wie PowerPoint. Trotzdem: ein Muss!

Kürzer, witziger erklärt Katja Klengel, geboren 1988 in Jena, wie starke Frauenfiguren wie Sailor Moon, Buffy, Prinzessin Fantaghirò sie in den 90ern inspirierten. Wie „Sex & the City“ sie hingegegen hemmte und frustrierte. Das Stigma Körperbehaarung. Rosarotes Mädchen-Spielzeug. Die Standard-Themen feministischer Kolumnen – super-liebevoll und -gewitzt illustriert. Kein Buch stimmte mich 2018 fröhlicher: Ein fast perfekter Verschenk- und Einstiegs-Tipp, zugänglich, sympathisch!

Als Texte ohne Bilder wäre Strömquist recht glanzlos, trocken – und Klengel viel zu karg. Erst all die albernen, verspielten Illustrationen schaffen Sog und Ausgleich: Feministische Essays, die einladen, Welt neu und kritischer zu sehen.

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05. Eine Schwester

Autor und Zeichner: Bastien Vivès

Casterman, 2017. Deutsch bei Reprodukt, 2018.

216 Seiten, abgeschlossen.

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Geht das nur in Frankreich – als eleganter Comic, der nur die nötigsten Umrisse zeigt? Oft sogar Blick und Augen der Figuren ausspart? Antoine ist 13, zeichnet Pokémon und schlägt mit seiner jüngeren Schwester am Strand und im Ferienhaus Zeit tot. Dann wird die 16-jährige Hélène, Tochter einer Freundin der Eltern, für ihn zur Mentorin, Vertrauten und „Schwester“. Vivès zarte, kluge Ferien-Episode wäre noch besser, würde sogar noch mehr fehlen: Das nächtliche Wettschwimmen mit melodramatischer Pointe. Die Erektion des 13-Jährigen in einer Dusch-Szene. Nicht-sehr-subtile Psychologisierungen zur Frage, was „Kind“, „Schwester“, „Zuwachs“ etc. für alle Figuren bedeuten. Originell ist nichts an dieser Geschichte – oder ihren Motiven. Manches wirkt so reißbretthaft wie eine Familienaufstellung.

Doch so, wie ich bei Vivès‘ Tanzhochschul-Comic „Polina“ (2011) noch Jahre später Räume, Körper, Choreografien erinnere und weiß: deutlicher, markanter hat mir niemand je dieses Milieu vermittelt… denke ich bei „Eine Schwester“: Respekt! Das sind Bilder und Figuren, die lange nachklingen. Für die 216 Seiten braucht man keine 30 Minuten. Alle kurzen Dialoge, spärlichen Bilder, skizzierten Zimmer, Wege, Beziehungen bleiben, nüchtern betrachtet, supervage, karg und offen. Die Kunst des Weglassens. Leerstellen, die faszinieren.

Weniger ist selten mehr. Doch selten ist so wenig… so wunderbar viel. Eine zeitlose Coming-of-Age-, Initiations-Geschichte, in der jeder Strich und jede Silbe zählen.

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04. Kingdom

Autor und Zeichner: Jon McNaught

Nobrow Press, 2018.

112 Seiten, abgeschlossen.

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1931 erschien R.C. Sherriffs „Septemberglück“: ein gemütvoller, stiller Roman über britische Kleinbürger mit fast erwachsenen Kindern, die zwei Wochen in einem Kurort sitzen – sobald es kühler wird und die Pension erschwinglich. Dieser Klassiker ist keine Satire über Spießer, und auch kein Versuch, oft heikle, trostlose Ferien und murksige Entscheidungen von Familien, denen Geld und Bildung fehlt, zu beschönigen. Jon McNaught, Illustrator (33), schafft die fast selbe Atmosphäre, in wenigen Farben und der flächigen Fehldruck-Optik von Risografien. Eine alleinerziehende Mutter, ihr Sohn (etwa 15 Jahre alt) und die kleine Schwester im Containerdorf am Meer. Ein totes Schaf in den Dünen. Eine Spielhalle am Rasthof. Der melancholische Besuch bei einer Tante. The seaside town that they forgot to close down…

McNaughts Illustrationen passen auf Buchcover oder zum „New Yorker“: retro, flächig – meist simple Spiele mit Licht, Schatten, Silhouetten, Negative Space. Die Puppengesichter, Knopfaugen der Figuren wirken schlicht – die Emotionen sind es nicht: Ein Buch über Schönheit, Schäbigkeit, Melancholie und kleines Glück, in dem jede Szene mit großflächigen Zeichnungen beginnt… doch bald schon kurze, leise Dialoge, Blicke, kleine Wendungen in immer engere, beklemmendere Panels stampft. Comic-Star Chris Ware erzählt ähnlich – und empfiehlt und fördert McNaught.

„Man braucht eben kaum Plot, wenn das Design überzeugt!“, denke ich beim Blättern. Und dann wieder: „Man braucht eben kein eitles, bombastisches Design – bei einem so simplen, zeitlosen, starken Plot.“ Ein Kleinod!

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03. Space Brothers

Autor und Zeichner: Chuya Koyama

Kodansha, seit Ende 2007.

327+ Kapitel in 34+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Große Männer – als kleine Geister: Wer Branchen zeigt, in denen Pathos und Elite zählen (Medizin, Sport, Politik, Militär), stellt Profis oft als Ausnahme- oder Übermenschen dar. Oder ruft besonders hämisch: „Kuckt. Die kochen nur mit Wasser!“ Ingenieur und Autodesigner Mutta, Anfang 30, steht im Schatten des jüngeren Hibito: dem ersten Japaner, der 2025 für eine NASA-Mondlandung im Gespräch ist. Mutta hat Gespür für Stimmungen, Ambivalenzen. Doch im Versuch, taktisch raffiniert aufzutreten, macht er sich oft zum Trottel. Eignungs-Verhöre, Budget-Debatten, Assessment Centers, lustvolles Improvisieren… „Space Brothers“ zeigt Druck und Ethos bei der NASA. Viel Navigieren mit Vorgesetzten und Kollegen. Und, je näher die Brüder dem All kommen: das Wissen, dass jeder Fehltritt die Karriere kosten kann – und Menschenleben.

Ein Manga für berufstätige Männer… der Frauen wenig Raum bietet. Die einfältige, plumpe Mutter. Die 15-jährige russische Tänzerin Olga, verliebt in Hibito. Ein afroamerikanischer Astronaut wird als Gorilla vermarktet – ohne, dass sich jemand am Rassismus stößt. Vieles wird nur langsam, über Jahre hinweg enthüllt oder präzisiert. Dann aber: toll kitsch-, pathos-, und patriotismusfrei. Deshalb vertraue ich auch bei Misstönen wie Olga oder dem Gorilla-Vergleich auf die Zeit: Vieles, das „Space Brothers“ nur kurz streift, wirkt halbgar, skurril. Später wird es en detail erklärt – und stimmig.

Mutta ist ein Unikat (und Tölpel). Ich liebe, diesem Mann beim Entscheiden zuzusehen – in einer akribisch recherchierten, glaubwürdigen Erzählwelt. Ingenieurskunst, Gruppendynamik, Lern- und Organisationspsychologie – statt plump gefeiertes Heldentum.

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02. Drei Wege

Autorin und Zeichnerin: Julia Zeijn

Avant Verlag, 2018.

184 Seiten, abgeschlossen.

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100 Jahre Frauenwahlrecht: 1918 wird Ida (18) Hausmädchen einer bürgerlichen Familie, lernt Radfahren, stellt Weichen fürs Leben. 1968 will Marlies (18) eine Ausbildung im Buchhandel – obwohl sie eh bald unter die Haube soll. 2018, nach dem Abitur, schaut Selin (18) auf ihre Mutter (Influencerin und Öko-Bloggerin) und die ambitionierte beste Freundin (Studium in den USA) – und muss abwägen, wie viel Ruhe oder Sinnsuche sie sich noch leistet. Die Bleistift-Zeichnungen, vermeintlich kindlich, strotzen vor Berlin-Details und den Spezifika historischer Milieus. Statt vieler Farben liegt nur je ein Filter über jedem Erzählstrang. Ida: blasses Gelb; Marlies: Altrosa; Selin: kühles Blau, wie LCD-Screens. In einigen Montagen, Stadtansichten stehen Filter und Zeiten wie Mosaiksteine nebeneinander: Drei Frauen radeln zu drei Zeiten durch die selbe Straße, in einem Bild.

10, 20 Seiten mehr pro Handlungsstrang – und die vielen Nebenfiguren hätten Tiefe. Mich begeistert, dass ein deutschsprachiger Comic auf Weltniveau erzählt – nicht durch gefällig kunstfertige Zeichnungen oder hochdramatische Themen. Sondern, weil Zeijn drei Frauen und ihre Welt erkennbar liebt, versteht, grandios effektiv vermittelt. Schon Barabra Yelins Comics („Irmina“, „Der Sommer ihres Lebens“) machten Spaß – wirken aber oft recht lehrstückhaft, von-oben-herab. „Die arme Frau: Opfer ihrer Zeit und Umstände!“

„Drei Wege“ ist optimistischer. Viel mehr am Individuum interessiert als am „Typus“, „Fallbeispiel“. Hätten alle Figuren so viel Tiefe, wäre das mein Buch des Jahres.

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01. Vinland Saga

Autor und Zeichner: Makoto Yukimura

Kodansha, seit Juli 2005.

155+ Kapitel in 21+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Ein brutales Wikinger-Epos – über Pazifismus: Thorfinn Karlsefni, Bauernkind auf Island, erlebt, wie sein oft nachgiebiger, konfliktscheuer Vater von Söldner-Hauptmann Askeladd betrogen wird. Thorfinn weiß nicht, wer den Mord in Auftrag gab, versteckt sich auf Askeladds Schiff und wird im Gefolge erwachsen: Askeladd verspricht, sich einem ehrenvollen Duell zu stellen, sobald sich Thorfinn als Messerstecher und Kampfmaschine bewährt. Der akribisch recherchierte, prachtvolle Historien-Manga startete 2007 in einem Magazin für Schuljungs: Kapitel 1 wirkt, als wolle es nur List und Kaltschnäuzigkeit übermenschlich schneller Super-Vikinger feiern. Doch ab Band 3 lässt der Plot keine Zweifel: Gewalt löst nichts. Alle (oft: historisch verbürgten) Figuren, die in Skandinavien und England intrigieren, kämpfen, Krieg führen, haben seelische Schäden – und tragen sie immer weiter.

Seit Band 15, als Thorfinn Vertraute findet, Verantwortung für Schwächere übernimmt, wird das Epos bunter, launiger. Trotzdem hat jeder Konflikt auf allen Seiten nur Verlierer – und kluge Perspektivwechsel und Dialoge zeigen, warum Konzepte wie „Mitleid“, „Atheismus“, „Demokratie“, „Gewaltfreiheit“ im frühen elften Jahrhundert, zur Zeit Leif Eriksons, nicht greifen: Eine Geistes- und Mentalitätsgeschichte aller Mitglieder der Ständegesellschaft. Duelle, Allianzen und Survival-Drama wie in „The Walking Dead“. Nur eben: warmherziger. Getragen von Idealen!

Mittelalter-Kitsch liebt alte Rollenbilder. Das Recht das Stärkeren. Der wohlige Grusel, dass jede tapfere Magd oder „zu stolze“ Leibeigene jederzeit „geschändet“ werden kann. „Vinland Saga“ zeigt komplexe Männer und Frauen – die in einer komplexen Welt maximal klug, moralisch handeln wollen.

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Die besten Comics & Graphic Novels 2017: Meine Empfehlungen bei Deutschlandfunk Kultur

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bei Deutschlandfunk Kultur empfehle ich meine 20 Comics des Jahres:

  • 20 Tipps auf der Website, mit Kurztexten (erscheint morgen)
  • live im Literaturmagazin „Lesart“ (12. Dezember 2017, ab 10.08 Uhr)

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meine 20 Lieblings-Comics 2016, kurz vorgestellt: Link

meine 20 Lieblings-Comics 2017, kurz vorgestellt: Link

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20. Space Battle Lunchtime
Autorin und Zeichnerin: Natalie Riess
Oni Press, Mai 2016 bis Januar 2017.
8 Hefte in zwei Sammelbänden, abgeschlossen.

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Kochen. Oder gekocht werden! Peony, Konditorin und Mauerblümchen, wird entführt. Als spontaner Ersatz tritt sie im TV-Duell auf einer Raumstation gegen brutale Alien-Köchinnen und Köche an. Der Comic für Kinder ab etwa 7 Jahren zeigt Wettkämpfe und Verfolgungsjagden, oft mit so wenig Text wie möglich. Markante Figuren in der fröhlichen Optik von „SpongeBob“ und „Steven Universe“. Originell montierte Actionszenen und Schnitte. Simple Konflikte – doch raffiniertes Timing.

Zwei Überraschungen: der witzig morbide Sammelband 2, in dem Peony im „Cannibal Colliseum“ fast selbst zur Zutat wird. Und Peonys Liebesgeschichte mit Konkurrentin Neptunia: lesbische Romantik in einem Erstleser-Comic, entspannt und selbstverständlich.

Sprachlich glänzt hier nichts: Erwachsene könnten sich langweilen. Doch wer Comics neu entdeckt, darf staunen – über Standbilder, mit Schwung und Tempo wie in den besten Pixar-Filmen.

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19. Manifest Destiny
Autor: Chris Dingess, Zeichner: Matthew Roberts
Image Comics, seit November 2013.
32+ Hefte in 6+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Und wenn die Brüder Grimm echte Hexen töten? Oder Abraham Lincoln Vampire?! „Manifest Destiny“ ist ein bieder gezeichneter Horror- und Historiencomic über Lewis und Clark: die Pioniere, die ab 1804 mit einem Trupp Soldaten und dem Sklaven York die Flüsse im US-Nordwesten befuhren. Alle sechs Hefte treffen sie auf eine neue Spezies Büffelmonster, Pflanzenzombies, finden mystische Portale. Statt einer Horror-Parodie (wie bei Lincoln und viel anderem Trash) zeigt der Comic liebevoll, gediegen und psychologisch soziale Spannungen und kolonialistische Hybris.

Wer altmodische frankobelgische Comics mag, fühlt sich im Riesen-Ensemble ausdrucksstark gezeichneter Männer (am Rand: drei Frauen, nur langsam wichtiger werdend) wohl: Visagen, fast wie die Dalton-Brüder aus „Lucky Luke“. Ich kenne keine andere Reihe, die 32 Hefte lang so verlässlich, aus einem Guss um immer gleiche Motive kreist. Große Fragen wie Kulturimperialismus, Verschwörungen, Metaphysik, Mordlust der Helden werden nur langsam drängender.

Ein altmodischer, sorgsam recherchierter Gänsemarsch an den Pazifik. Alberne Horror-Grundidee, mit wunderbarem Ernst, sehr zugänglich erzählt.

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18. Kakukaku Shikajika
Autorin und Zeichnerin: Akiko Higashimura
Shueisha, Ende 2011 bis Anfang 2015.
34 Kapitel in fünf Sammelbänden, abgeschlossen.

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Zeichnen! Üben! Durchhalten! Shonen-Mangas wenden sich an (prä-)pubertäre Jungs und zeigen Sport-, Kampf- oder Abenteuer-Plots, oft mit starkem Fokus auf Fleiß und Arbeit: Ein junger Mann mit Talent und Motivation muss lernen, dass erst Verbissenheit Erfolge bringt. In „Bakuman“, dem besten Manga übers Manga-Schreiben, wollen zwei typische Shonen-Fans als Shonen-Manga-Künstler berühmt werden. Ein Shonen-Manga über Schreib- und Redaktionsarbeit, erzählt fürs Shonen-Publikum, im typischen Shonen-Stil. FLEISS!

„Kakukaku Shikajika“ ist ein Josei-Manga: Unterhaltung für erwachsene Frauen, psychologischer und viel weniger verbissen, heroisch. Akiko Higashimura zeigt, wie sie Talent als Zeichnerin entdeckt, bei einem strengen, distanzierten Privatlehrer für die Kunsthochschul-Prüfung übt… und heute noch oft an ihren Mentor denkt.

Der verletzliche (oft aber: geschwätzige) Künstler- und Bildungsroman einer Frau, die Ängste und Vermeidungstaktiken überwindet. Selbstkritisch. Ohne plumpe „Ich will der Allerbeste sein!“-Jungs.

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17. Martha & Alan
Autor und Zeichner: Emmanuel Guibert
L’Association, 2016. Deutsch bei Edition Moderne, 2017.
120 Seiten, abgeschlossen; doch das dritte Buch einer Reihe, die 2000 begann.

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1994 traf der Franzose Emmanuel Guibert einen Ex-Soldaten aus Kalifornien, Alan Ingram Cope. Bis zu Copes Tod 1999 führte Guibert Interviews mit dem entspannten, gutmütigen Rentner. Bis 2008 erschienen drei Bände „Alans Krieg“, über Copes Wehrdienst ab 1943. 2012 folgte ein leichteres, kurzes Buch, mit größeren, prachtvollen Bildern: „Alans Kindheit“. Guiberts drittes Alan-Projekt, „Martha & Alan“, hat Farbseiten, kaum Sprechblasen, ist schnell gelesen… und wirkt wie ein pittoreskes Staun- und Bilderbuch für Fans der nostalgischen Coming-of-Age-Serie „Wunderbare Jahre“.

„Jeder Schrebergärtner kann solche Geschichten aus dem Krieg erzählen“, höhnt ein Kunde auf Amazon, „auch der dritte Zwerg von links.“ Für mich ist die Alltäglichkeit, Ambivalenz der freundlich melancholischen Comics die größte Stärke: An keiner Stelle steht fest, dass alles zu größten Konsequenzen führt. Vieles bleibt anekdotisch. Zarte Bruchstücke, die Cope ein Leben lang nicht vergaß.

Kurz, harmlos, zum ersten Mal in Farbe: noch braver, süßlicher darf Guibert nicht werden. Auch die Durchpaus-Optik vieler Bilder stört. Trotzdem weiter: ein großer Wurf. Ideal zum Verschenken.

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16. Snotgirl
Autor: Bryan Lee O’Malley, Zeichnerin: Leslie Hung
Image Comics, seit Juli 2016.
8+ Hefte in 2+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Ab 2004 zeigte der Drückeberger- und Cliquen-Comic „Scott Pilgrim“ ein absurd spezifisches Milieu: kanadischer Punkrock der 90er, Videospiele der 80er, vegane Hipster Anfang 20 in Toronto, magischer Manga-Realismus und Kämpfe wie in „Street Fighter II“: Die Schnittmenge der Fans, die Humor, Ästhetik, Lifestyle-Jargon und alle Referenzen kennen, blieb klein. „Snotgirl“, ebenfalls von O’Malley, ist noch präziser und schrulliger. Modebloggerinnen, Influencerinnen in LA stolpern in einen Mord wie aus David Lynchs „Mulholland Drive“. Erzählt im Look japanischer Mädchencomics der 70er.

„Snotgirl“ Lottie hat Selbstzweifel, Allergien, hasst alle Freunde und Konkurrentinnen. Wurde sie zur Mörderin? Sie verdrängt Erinnerung und Wutausbrüche. Eine quälend oberflächliche, passiv-aggressive Antiheldin: Wer Stil-Satiren wie „Girls“ und „American Psycho“ mag, monströse Hauptfiguren und Insider-Sprache erträgt, findet hier einen schrulligen, literarischen Schatz.

Doch ich kann alle verstehen, die beim Blick auf die toxischen Frauen und ihr Valley-Girl-Instagram-Gefasel rufen: „Nichts für mich. Bizarre und bizarr dumme Zicken? Die wie in Fremdsprachen reden?

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15. Ether
Autor: Matt Kindt, Zeichner: David Rubin
Dark Horse Comics, November 2016 bis März 2017.
5 Hefte in einem Sammelband, Fortsetzung angekündigt.

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Seit Matt Kindts surrealem Agenten-Thriller „Mind MGMT“ weiß ich: Jeder Kindt-Comic hat mehr Tiefe und Herz, wirft komplexere Fragen auf, als die Geschichte eigentlich braucht. Ein Autor, der gern mehr versucht als nötig. Plastischere Figuren. Reichere Welten. „Ether“ ist ein melancholischer All-Ages-Comic zwischen Jeff Smiths „Bone“ und Michael Ende. Boone Dias, schnöseliger Forscher, entdeckt ein Zauberreich und wird dort bald als Held gefeiert. Frau und Kinder müssen warten, während er mit einem Gorilla-Kumpel durch Steampunk-Abenteuer zieht.

Doch Boones Arroganz und Eskapismus schaden der Menschenwelt – und bald auch dem geheimen „Ether“-Reich. Weil Boone nur in Momenten durch Portale springen kann, in denen er mit dem Leben abgeschlossen hat, wird er immer teilnahmsloser, asozialer. Kann man in einer Welt heroisch sein – doch in der anderen nur noch flüchten?

Lebenslügen und Widersprüche eines älteren Mannes – in einem Comic, toll für Kinder. Charmant, am Rand: Der suizidale Snob Boone hat dieselbe Frisur und denselben Bart wie Kindt selbst.

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14. Shade, the Changing Girl
Autorin: Cecil Castellucci, Zeichnerin: Marley Zarcone
DC Comics (Imprint: Young Animal), seit Oktober 2016.
12+ Hefte in 2+ Sammelbänden, pausiert; aber wird fortgesetzt.

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Ab den 80er Jahren veröffentlichte DC Comics literarische, recht erwachsene Phantastik- und Horror-Reihen: „Sandman“, „Swamp Thing“, „Doom Patrol“, ab 1993 im Imprint „Vertigo“. Seit 2016 werden alte Vertigo-Konzepte im neuen Label „Young Animal“ variiert: Der Poet Shade, the Changing Man stammt vom Planeten Meta, kämpft gegen postmodernen Wahnsinn, der seine Geschichten infiziert und immer surrealer macht, und springt dabei in die Körper mehrerer Erdenmenschen. Ein Kult-Comic von 1990 bis 96.

„Shade, the Changing Girl“ folgt einer traurigen Vogelfrau aus Meta, die in den Körper von Megan springt, einer Schülerin voller Welt- und Selbsthass. Poetisch, melancholisch, feministisch – und von Zeichnerin Marley Zarcone unverwechselbar inszeniert: eine Fabel über zwei Frauen, überlistet und behindert von einem Körper und den vielen Erwartungen, die diese Hülle bei Mitmenschen weckt.

Die gesuchte „Craziness“ alter Vertigo-Comics blieb oft pubertär, naiv. Hier aber fehlen Selbstzweck, Blendwerk, Präpotenz. Ein Comic, noch viel origineller, als der erste Blick eh schon verspricht!

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13. Black Hammer
Autor: Jeff Lemire, Zeichner: Dean Ormston, David Rubin
Dark Horse Comics, seit Juli 2016.
14+ Hefte und 2+ Sammelbänden sowie die Spin-Off-Serie „Sherlock Frankenstein“; wird beides fortgesetzt.

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Jeff Lemires Zeichnungen? Unverwechselbar! Zu viele Helden-Comics aber, die Lemire seit 2010 für DC und später Marvel schrieb (seltener: selbst zeichnet) lesen sich wie Fließband-Jobs. Auch der hastigen Graphic Novel „Underwater Welder“ (2012) und der Endzeit-Reihe „Sweet Tooth“ (09 bis 12) ging bald die Luft aus. Ein toller Erzähler, in Sprache wie Bild. Der sich zu oft verheizt, verramscht. „Black Hammer“ ist das erste Lemire-Projekt seit Jahren, das keine künstlerischen Abstriche macht. Eine schlichte, charmante Hommage an Comics der 40er und 50er Jahre.

Sechs alte Heldinnen und Helden stranden in einem magischen Gefängnis oder Limbus: Alles sieht aus wie die US-Provinz. Eine Barriere verhindert, dass sie fliehen. Hilft die Erinnerung an frühe Glanzzeiten in Spiral City? Was löst ihre Sinn-, Identitätskrisen? Sogar die Ableger-Reihe „Sherlock Frankenstein“ gelingt: ein ganzer neuer Helden-Kosmos um die Frage, welche Ära welche Ideale fordert.

Nostalgisch, psychologisch, kulturwissenschaftlich: ein freundlich einladendes Pastiche von Comic-Archetypen wie Thor, Lex Luthor, Mary Marvel, Martian Manhunter

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12. Afterlife with Archie
Autor: Roberto Aguirre-Sacasa, Zeichner: Francesco Francavilla
Archie Comics, seit Oktober 2013.
10 Hefte in zwei Sammelbänden, erscheint unregelmäßig, doch wird später fortgesetzt.

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Seit 1941 zeigt „Archie“ High-School-Possen für Acht- bis Zwölfjährige: Archie ist offen, ungeschickt und liebt das Städtchen Riverdale. Betty – blond, anständig, bescheiden – wohnt nebenan. Veronica hat schwarzes Haar, reiche Eltern und nimmt sich, was sie will. Kumpel Jughead liebt Burger und hasst Flirts. Seit über 70 Jahren kann sich Archie nie zwischen Veronica und Betty entscheiden. Figuren wie in der Comedia dell’arte: simpel, markant, robust.

2015 wurde der Comic erwachsener: Jughead ist asexuell. Betty sitzt im Rollstuhl. 2017 zeigt die TV-Serie „Riverdale“ Archies Welt als Thriller, Soap. Der beste Neustart aber ist „Afterlife with Archie“: Durch einen Fluch von Hexe Sabrina wird Jughead zum Zombie. Die Teens aus Riverdale kämpfen ums Überleben. Doch nehmen sich weiter Zeit für Dialoge, Psychologie:

Wie viel Freundschaft, Rücksicht darf man sich leisten? „The Walking Dead“ sagt: nur das Nötigste. „Afterlife with Archie“ hält dagegen: Menschlichkeit? Jetzt erst recht!

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11. Injustice 2
Autor: meist Tom Taylor, Zeichner: meist Bruno Redondo
DC Comics, seit April 2017. Deutsch bei Panini.
10 Seiten pro Woche erscheinen als digitaler Comic, alle 30 Seiten gesammelt als Print-Heft, später als Sammelband. Bisher 36 Kapitel, wird fortgesetzt.

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Schach – mit DC-Figuren: Wer schlägt, überlistet, vernichtet wen, in einem fünf Jahre langen Helden-Krieg? Das Prügel-Videospiel „Injustice“ (2013) zeigt eine Zukunft, in der Superman Diktator wird. Batman und wenige Verbündete wollen den Umsturz. Autor Tom Taylor klärt die Vorgeschichte zum Spiel in wöchentlichen Comics: fünf Jahre Tod, Eskalation und „Freiheit versus Sicherheit“-Fragen, in fast 200 Kapiteln. Als für „Year 3“ Autor Brian Bucchelato übernahm, wurde der Plot mechanischer, seichter: Nur Taylors „Injustice“-Comics reißen mit. Trotz viel vermeidbarer Brutalität, konstruierter Tragik.

2017 erschien das Spiel „Injustice 2“: Ist Superman zu retten? Was kommt nach Überwachung, Dystopie? Tom Taylors erneut auf Jahre angelegter „Injustice 2“-Comic zeigt, was zwischen zwei Videospielen eskaliert. Wieso ist ausgerechnet diese Sequel-Comic-Story zu einem Prequel-Tie-In-Comic zu einem Alternate-Universe-Prügelspiel so witzig, mitreißend, philosophisch, einsteigerfreundlich?

Weil Taylor tausend kleine Liebeserklärungen an (bekannte und obskure) Figuren macht. Die alle jederzeit tragische Fehler machen oder sterben können. Süffig, warmherzig, schwungvoll.

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10. Briggs Land
Autor: Brian Wood, Zeichner: meist Mack Chater
Dark Horse Comics, seit August 2016.
12+ Hefte in 2+ Sammelbänden, wird alle sechs Hefte mit neuem Untertitel und neuem Heft 1 fortgesetzt.

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2013 machte Zeichnerin Tess Fowler öffentlich, dass Autor Brian Wood sie auf einer Messe belästigte. 2015, lange vor #metoo, warnte Wood, dass solche „Hexenjagden“ bald „Selbstmorde nach sich ziehen“. Der 45-jährige schrieb zwei klug politische Heftreihen, „DMZ“ und „The Massive“: Tragödien über Einzelgänger und Politversagen, so zynisch, dass mir nie klar wurde, ob ich hier kluge Staatskritik lese. Oder hart-rechte Untergangsfantasien. Woods aktuelles Projekt „Rebels“ zeigt, wie sich US-Patrioten 1775 gegen die Briten wehren. Und, wie viel Schuld alle Seiten auf sich laden, im Freiheitskampf.

„Briggs Land“ spielt an der kanadischen Grenze: Vor 30 Jahren gründete Aussteiger Briggs eine frauenfeindliche libertäre Kommune. Jetzt sitzt er im Gefängnis, und Exfrau Grace will die Enklave gegen Ermittler, Staat und Mafia verteidigen. Sie besticht, erpresst, paktiert mit Neonazis: Realpolitik einer engherzigen Matriarchin mit drei erwachsenen Söhnen. King Lear in feministisch? Oder nur rechts?

AMC plant eine TV-Serie: Wer mag, wie „Breaking Bad“ und „The Walking Dead“ Faschismus und Empathieverlust zelebrieren (manchmal: hinterfragen), findet hier eine neue fragwürdige Antiheldin.

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9. Brodecks Bericht
Autor und Zeichner: Manu Larcenet, nach dem Roman von Philippe Claudel
Dargaud, 2015/2016. Deutsch bei Reprodukt, 2017.
328 Seiten, abgeschlossen.

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Brodeck überlebte das KZ, weil er alles mit sich machen ließ: Für Stolz, Prinzipien ließ ihm der Krieg keinen Platz. Jetzt lebt er wieder im Bergdorf – unter Nachbarn, die ihn zuvor den Nazis auslieferten. Ein reicher Fremder macht Rast, bewundert die Landschaft. Alle Bauern sind skeptisch: Ertragen sie Blicke, die man von außen auf sie wirft? Brauchen sie Absolution? Respekt? Oder nur Vergessen? Larcenet adaptiert Claudels Roman von 2007. Markant gezeichnete Figuren, Schattenwürfe, grausam-schöne Natur. Die Zeichnungen verorten den Plot, machen alles wunderbar konkret.

Schade nur, dass „Graphic Novel“ auf dem deutschen Markt zu oft bedeutet: literarische Stoffe – illustriert, gekürzt, vereinfacht, adaptiert. Mit „BLAST“ zeigte Larcenet, wie cineastisch, raffiniert er Geschichten in Bildern erzählen kann. „Brodecks Bericht“ bleibt konventionell. Ein Buch, das Comic-Skeptikern gefallen wird. Doch kaum beweist: Comics sind eine Kunst für sich.

Eine unvergessliche Geschichte, feinsinnig in ein zweites Medium übertragen. Und doch weniger als die Summe ihrer Teile: Claudels Sprache kann mehr. Larcenets Bilder eh.

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8. Providence
Autor: Alan Moore, Zeichner: Jacen Burrows
Avatar Press, Mai 2015 bis April 2017. Deutsch bei Panini.
12 Hefte in drei Sammelbänden, abgeschlossen.

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Bricolage? Die Kunst, sich alles zu packen, das in der Nähe liegt, und es zu Neuem zu verbauen. Autor Alan Moore gilt als Genie: Er knüpft bestehende Figuren, Mythen in Comics, mit so viel Literaturhistoriker-Verve, dass „kongenial“ untertrieben ist. Doch setzen andere Moores eigene Comics fort, fühlt er sich betrogen, missbraucht. Er denkt fremde Figuren weiter, und wird zu Recht gefeiert. Denken Menschen Moores Figuren weiter, wird immer nur Moore gelobt. Nie die Moore-Bricoleure.

„Providence“ remixt die Geschichten und die Biografie von H.P. Lovecraft: Neuengland-Horror in den 20er Jahren, Rassismus, Inzest, Vergewaltigungen und viele gehemmte Männer, erschreckt von ihren Trieben, Atavismen. Ein makellos gezeichnetes und inszeniertes Spiel voll metatextueller Zitate. Das ich als Nicht-Fan und Nicht-Kenner Lovecrafts trotzdem ohne Mühe genießen konnte. Klug. Düster. Am Ende nur leider: Stückwerk; keine runde Sache.

Gern parallel lesen: die ausführlichen Anmerkungen und Fußnoten auf factsprovidence.wordpress.com

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7. Thor
Autor: Jason Aaron, Zeichner: meist Russell Dauterman
Marvel Comics, November 2012 bis September 2014 (Thor: God of Thunder); ab November 2015 (The Mighty Thor); Deutsch bei Panini.
25 Hefte in 4 Sammelbänden (Thor: God of Thunder), dann 25+ Hefte in 6+ Sammelbänden (The Mighty Thor) sowie Einzelband „The Unworthy Thor“, wird fortgesetzt.

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Von 2004 bis 2013 wuchs die DC-Reihe „Green Lantern“ zum trivialen Epos: Wer größte Angst überwinden kann, darf Konstrukte aus grünem Licht schleudern, aus grünen Ringen. Oder, erfand Autor Geoff Johns neu: gelbes Licht aus gelben Ringen – an alle, die Furcht einflößen. Blaues Licht für Hoffnungsstifter. Rotes Licht für Wütende… Ein „War of Light“ begann, mit Black Lanterns, White Lanterns, neun Farben. Jason Aarons „Thor“-Comics gehen seit 2012 den selben Weg. Eine alte Grundidee und -welt, die sich in neue, komplexere Facetten fächert.

Odins Sohn Thor war der einzige Gott, „worthy“ genug, den Hammer Mjölnir anzuheben. Nach einer Krise wählt sich der Hammer eine neue Herrin: eine sterbliche Frau. So, wie „Green Lantern“ neun Ring-Gruppen ins Spiel brachte, beginnt bei „Thor“ ein kosmischer Krieg zwischen zehn Welten der nordischen Mythologie. Blutig, bissig, herzlich, rasant. Ein Mainstream-Blockbuster!

Jason Aarons Superheldenkraft? Neue Figuren. Die man so lieb gewinnt, dass „Thor“ aktuell gut 30 Storylines, Schauplätze hat. Eine echte Saga.

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6. Jessica Jones / Invincible Iron Man
Autor: Brian Michael Bendis, Zeichner: Michael Gaydos (Jones), Stefano Caselli (Iron Man)
Marvel Comics, ab Oktober 2016 (Jones) bzw. November 2016 (Iron Man); Deutsch bei Panini.
14+ Hefte in mindestens drei Sammelbänden (Jones); 11 Hefte in zwei Sammelbänden, dann der Crossover-Band „The Search for Tony Stark“ (Iron Man); wird fortgesetzt.

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Brian Michael Bendis liebt Noir und hard-boiled Krimis. Lange Dialogketten. Und Frauen, die mit allem hadern. Seit 2000 war er der wichtigste Marvel-Autor; 2018 wechselt er zu DC. Zwei tolle, letzte Marvel-Reihen? „Jessica Jones“ setzt Bendis‘ „Alias“-Comic (2001 bis 04) fort, mit dem gewohnten Zeichner, im Stil der Netflix-Serie. Eine oft überforderte Ermittlerin mit heikler Ehe und zweijähriger Tochter, die wütend an den Widersprüchen und Absurditäten der Marvel-Welt rüttelt. (Band 2 zeigt schlimme Neurosen im Spionage-Saftladen S.H.I.E.L.D.)

„Iron Man“ wird aktuell in zwei parallelen Bendis-Comics fortgesetzt: Tony Stark liegt im Koma, Doctor Doom wird der „Infamous Iron Man“ (ein grauer, freudloser Comic). Die 15jährige Ingenieurin Riri Williams baut sich eine Rüstung, als „Invincible Iron Man“, und findet in Starks Mutter, Starks Hologramm und Spider-Mans Partnerin Mary-Jane Mentoren. Tolle Frauen, frischer Wind!

„Jessica Jones“ steht für sich. „Invincible Iron Man“ startet in Band 3 in ein Crossover mit „Infamous Iron Man“ Doctor Doom: „The Search for Tony Stark“. Ich bin skeptisch. Band 1 und 2 sprühten Funken!

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5. Royal City
Autor und Zeichner: Jeff Lemire
Image Comics, seit März 2017.
7+ Hefte, auf mindestens 3 Sammelbände/15 Hefte angelegt.

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Tod, Trauma, Reue in der Familie. Drei erwachsene Geschwister und ihre beschädigten Eltern erinnern sich ans Jahr, das ihr Herz brach: 1993. Alle bleiben für sich; suchen Halt in einer Industriestadt ohne Jobs. Jeff Lemire zeichnet und schreibt. Verrät in kurzen Nachworten viel über seine Jugend in Toronto. Wer die Bestatter-Serie „Six Feet Under“ mag oder Lemires Indie-Erfolg „Essex County“ über traurige Provinzler in Ontario, findet hier einen konventionellen, aber stilsicheren Mix aus Alltag, Sozialkritik und magischem Realismus.

Schön: wie viel Zeit sich die Reihe für Nebenfiguren nimmt. Und, wie unklar bleibt, ob hier Phantastik und Übersinnliches eine Rolle spielen. 2017 erschien auch „A.D.: After Death“, ein illustrierter Roman (Text: Scott Snyder, Zeichungen: Lemire), der, trotz einiger Klischees, Sog und Zauber entwickelte wie Haruki Murakamis beste Prosa.

Ich hoffe, auch bei „Royal City“ hält dieser Schwebezustand viele Kapitel: eine Allerweltsgeschichte, die jederzeit banal oder zu märchenhaft werden kann. Doch bisher leuchtet!

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4. Squirrel Girl
Autor: Ryan North, Zeichnerin: Erica Henderson
Marvel Comics, seit Januar 2015. Nur Band 1 auf Deutsch, bei Panini.
34+ Hefte in 8+ Sammelbänden und der Extra-Band „…beats up the Marvel Universe“, wird fortgesetzt.

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Buschiger Schwanz. Irritierend aufgeschlossen. Und mit der Mutanten-Fähigkeit, Hörnchen zu verstehen: Knapp 25 Jahre war Squirrel Girl eine Marvel-Witzfigur. Mit Glück und List wie beim tapferen Schneiderlein besiegte sie mächtige Männer wie Dr. Doom und Planetenfresser Galactus. Ryan North, Humorist der „Dinosaur Comics“, schickt Squirrel Girl, noch immer Anfang 20, ins erste Semester. Sie studiert Informatik und macht mit Geduld, Idealismus, skurrilen Vorschlägen viele Gegner zu neuen Verbündeten.

Norths Humor wirkt gesucht schrullig. Doch die Reihe ist besonders bei jungen Frauen und IT-Nerds so beliebt, dass sie immer selbstbewusster, idiosynkratischer erzählt: Ein Comic mit übervollen Sprechblasen, kindischen Fußnoten, absurd positivem Menschenbild, unverwechselbarem Ton. Guter Einstieg und Höhepunkt: der Extra-Band „Squirrel Girl beats up the Marvel Universe“.

Der schönste Gegenbeweis zur Klage, Heldencomics seien kalter Einheitsbrei. (Auch toll, von North: „Jughead“ aus dem „Archie“-Universum.)

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3. The Best we could do
Autorin und Zeichnerin: Thi Bui
Abrams ComicArts, März 2017.
329 Seiten, abgeschlossen.

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Comics bleiben das zugänglichste, billigste Medium, um Bilder fürs eigene Leben zu finden. Autobiografien wie „Fun Home“ und „Stitches“ zeigen: „So ging es mir. So fühlte ich mich. Hier sind Motive, die ich für mein Erleben wähle.“ Thi Bui zeigt ihre Großeltern, Eltern und die eigene Jugend. Fragt, ob sich Traumata vererben, und wie eine Familie, seit Generatiionen ausgeliefert, „Heimat“ definiert. Der Start? Ein etwas wehleidiges Kapitel über Entbindung und Mutterschaft. Alles tut weh? Der Kreissaal ist ungemütlich? Ich brauchte Geduld und Schwung.

Bald aber spannt Thi Bui tolle Motivketten und macht, statt einer geraden Geschichte, Recherche- und Erinnerungsprozess zum großen Thema. Der Unabhängigkeitskrieg gegen Frankreich. Die USA in Vietnam. Die Flucht als „Boat People“. Neuanfänge in Chicago und Kalifornien.

Intim, intelligent, empathisch: Nach „Fun Home“ die beste Graphic Novel über Familie, die ich kenne.

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2. Dept. H
Autor und Zeichner: Matt Kindt
Dark Horse Comics, seit April 2016.
21+ Hefte in 3+ Sammelbänden, wird wohl mit Heft 24 abgeschlossen.

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Kaum Krimi, kaum Fantasy: Mias Vater war Aktivist und Meeresbiologe. Als er an Bord seiner Station stirbt, kehrt die erwachsene Astronautin zurück ins Team, das sie als Teenager verließ – und sucht den Täter zwischen sieben Vertrauten. Während ein Saboteur alle Räume überflutet, zweifeln komplexe, herzliche Figuren, zu wem sie halten. Es geht – trotz Seuchen, Halluzinationen, psychogenen Quallen, Riesenkraken und -Schildkröten – fast nur um Reue, Loyalität, Ideale.

Am schönsten: die Zurückhaltung von Autor und Zeichner Matt Kindt und seiner Frau Sharlene (Tusche, Farben, Typo): Wären die Figuren detaillierter, der Stil gesucht erwachsen-düster – „Dept. H“ bliebe ein behäbiger Thriller nach Schema F. Doch weil Fassade, Oberflächenreize, perfekte Zeichnungen hier fehlen, drängt sich beim Lesen eine tolle Frage auf:

Wie schaffen Comics komplexes Erzählen? Obwohl fast alles, das wir „erwachsen“ finden (Naturalismus, Details, Figurendesign) hier möglichst schlicht bleibt?

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1. Kill or be killed
Autor: Ed Brubaker, Zeichner: Sean Phillips
Image Comics, seit August 2016. Deutsch bei Splitter Verlag.
14+ Hefte in 3+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Wer einen Rassisten, Mörder, Sexisten portraitiert, um die Dynamik von Rassismus, Gewalt, Frauenhass zu zeigen, kann nie verhindern, dass Empathie, Verständnis wächst für die Figur. Autor Ed Brubaker weiß, wie viele Comic-Fans Vigilanten, Selbstjustiz lieben. Einen Batman mit Schusswaffen cooler fänden. Sich in einer Welt, in der man Zombies erschlägt, sicherer fühlen als in einer, die Tätern Rechte zugesteht.

„Kill or be killed“ stellt diese Fantasien in Frage: Mit einem weinerlichen, empathielosen Studenten, der plötzlich einen Dämon vor sich sieht. Einmal im Monat, fordert das Monster, muss jemand sterben. Also jagt Dylan Sexualstraftäter, Wirtschaftskriminelle, Handlanger der Russenmafia. Das Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei (und die Frage, ob der Dämon real oder ein Hirngespinst ist), reizt Brubaker gewohnt perfekt aus.

Die Kunst der Reihe? Eine Sehnsucht der Zielgruppe wird hier so kritisch, hässlich, klug wie möglich neu gedacht! Ein Mörder als Würstchen. Als „armes“ Würstchen also? Das man ein Stück versteht, und dem man Gutes wünscht? Bisher nicht!

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Auch die US-Heftreihen „Saga“, „Harrow County“, „Lazarus“, „Jupiter’s Legacy“, „Injection“, „Southern Bastards“ und „Invisible Republic“ hatten gute neue Hefte/Sammelbände 2017: Empfehlung!

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Vier größere Thesen, zum Comic-Markt und Comic-Jahr 2017:

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1) Graphic Novels? nur illustrierte Romane.

In deutschen Verlagen wie Suhrkamp, Carlsen usw. erschienenen in den letzten Jahren immer wieder Comic-Adaptionen von Literatur, z.B. Kafka oder Don Quijote. Eine „Graphic Novel“ heißt in Deutschland oft: ein literarischer Stoff (oder die Biografie eines Bildungsbürger-Helden wie Johnny Cash), grafisch aufbereitet.

Ein Comic, der das gut macht?

Der Franzose Manu Larcenet adaptierte Philippe Claudels Roman „Brodeks Bericht“. Die Zeichnungen vermitteln so viel Atmosphäre, Larcenets Figuren haben so viel Charakter… das Buch gewinnt, illustriert, nochmal an Tiefe: weil eine allegorische Geschichte durch die konkreten Landschaftsbilder etc. im Comic plötzlich sehr konkret, lokal, verortbar wird.

Trotzdem bin ich als Comic-Leser formal gelangweilt. Weil der „Brodeks Bericht“-Comic selten versucht, Wort und Bild toll neu zu verbinden. Stattdessen: Erzählkästen mit Claudels Originaltext aus dem Roman. Und dazu eben: hübsche Illustrationen eines morbiden Bergdorfs und seiner grausamen Bewohner.

2017 erschien auch eine Graphic-Novel-Version des Tagebuchs von Anne Frank. Mit dem selben Problem: Die Geschichte wird illustriert, Bilder begleiten die Worte. Damit bleiben die Bilder leider vor allem Zusatz, Beiwerk, Schmuck. Von genuinen Comics erwarte ich mehr. Eine ähnliche Kritik habe ich zum Gereon-Rath-Comic „Der nasse Fisch“: Der Berlin-Bestseller-Krimi, der in der Weimarer Republik spielt… einfach nochmal als Comic. Text geht verloren, Zeichnungen kommen hinzu, die Geschichte wird, durch die detaillierten Illustrationen, anschaulicher. Doch alles, was man Literaturverfilmungen oft vorwirft (Schwundstufen des Originals etc.) gilt auch für diese Comic-Adaptionen.

[konkret meine ich, 2017: Kutschers „Der nasse Fisch“, Ari Folmans „Tagebuch der Anne Frank“, Reinhard Kleists Nick-Cave-Biografie und „Brodecks Bericht“.]

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2) schrullige Superheld*innen.

Marvel und der Konkurrenzverlag DC Comics erzählen meist epische Crossover-Geschichten mit vielen Held*innen, oft in Teams und Ensembles (z.B. „Avengers“ und „Justice League“).

Doch 2012 hatte Marvel großen Kritiker-Erfolg mit „Hawkeye“ – einer Serie, die einen unbedeutenderen, schwächeren Helden zeigte, bei kleineren, alltäglicheren, persönlicheren Abenteuern. Der Zeichenstil war eigensinnig, die Heftreihe hatte einen ganz eigenen Ton – und seitdem experimentiert Marvel mit diesen kleinen, schrulligen Konzepten:

Die Frage bei Marvel-Titeln, in denen es um einzelne Personen geht statt um ein ganzes Team, ist nur noch selten „Wie passt diese Figur, ihr Design etc. ins große Erzähl-Universum?“, sondern viel öfter: „Was ist der richtige Ton und die spezifische Zielgruppe für DIESE Figur?“

Ein schöner Nebeneffekt: ein Buch über eine zehnjährige Heldin soll jetzt auch Zehnjährigen gefallen, Bücher mit Frauen sollen eher Frauen als Männer ansprechen (also: weniger peinliche Ballonbrüste und Pamela-Anderson-Posen etc.), und die muslimische Heldin Ms. Marvel wird von einer Muslima geschrieben, der schwule Iceman von einem schwulen Autor etc.

Die Reihen haben oft keinen großen Erfolg – doch sie sind so spezifisch und eigensinnig, dass sie jenen Leuten aus dem Herzen sprechen, die sich seit Jahren danach sehnten. Deshalb: wer Minderheiten, Vielfalt, Experimente sucht statt Einheitsbrei: Marvel hat jeden Monat acht bis zehn Serien, die möglichst unverwechselbar und eigensinnig sein wollen.

[2017, bei Marvel: der schwule „Iceman“, die muslimische „Ms. Marvel“, die feministische Agentin „Mockingbird“, die hochbegabte Grundschülerin „Moon Girl“, der schrullige Computernerd-Humor-Comic „Squirrel Girl“]

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3) US-Comicreihen als TV-Vorlage

Wer für DC oder Marvel schreibt, verdient kaum Geld, falls eine Figur, die er/sie erfand, später in TV-Serien wie „Arrow“ oder „Flash“ verwendet wird.

Der drittgrößte Comicverlag, Image, veröffentlicht fast keine klassischen Superheld*innen – und oft gehen die Autor*innen dort in Vorkasse, um ihre Reihen drucken zu können. Der große Vorteil: ihre Figuren und Konzepte bleiben „Creator-owned“; und die Schöpfer*innen können bei TV-Deals besser profitieren.

Viele Heftreihen aus den letzten Jahren werden schon nach 10, 15 Heften für eine TV-Adaption ins Auge gefasst. Reihen wirken von Anfang an, als wären sie mit Blick auf einen späteren TV-Pilotfilm geschrieben. Das Schöne dabei: ein Heft braucht 5.000 Käufer und gilt als Erfolg. Eine TV-Serie muss immer noch von mindestens 500.000 Menschen gesehen werden. Deshalb: wer heute wissen will, was übermorgen eine (oft seichtere, weil gefälligere, massentauglichere) TV-Serie wird: Die Vorlagen erscheinen oft bei Image. Mit allem, was gute Serien ausmachen – starke Figuren, eigener Ton, schockierende Wendungen.

[2017, alle lesenswert, Serien dazu sind geplant: die Kleinstadt-Hexen-Thriller „Harrow County“ und „The Chilling Adventures of Sabrina“, das Aussteiger/Miliz-Drama „Briggs Land“, und viele Marvel-Heftserien, die Fans der Marvel-TV-Serien ansprechen sollen, z.B. „Jessica Jones“ und „Runaways“. Auch die beste aktuelle US-Reihe, „Kill or be killed“, wirkt wie ein TV-Pitch.]

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4) „Auteurs“, „Autorencomics“

Einige Autor*innen können SEHR gut erzählen – in eigenem Ton.

Dass sie nicht besonders zeichnen können oder, dass sie, sobald sie Marvel- und DC-Geschichten schreiben, nicht überzeugen, wird dabei immer unwichtiger:

Jeff Lemires Zeichnungen wirken schräg, seine Geschichten schrullig und spezifisch – doch wie bei Murakami weiß man mittlerweile: Er macht SEIN Ding, und während Filme etc. nicht finanzierbar wären, kann er sich in Comics kostengünstig und ohne Produzenten, die ihm enge Regeln setzen, ausdrücken.

Es gibt immer mehr solcher Stimmen: spezifisch, literarisch, SEHR eigene und spezielle Nischen besetzend. Eben wie Autorenfilmer*innen, oder „Kult“-Schriftsteller*innen.

[2017: Lemires „Royal City“, „AD After Death“ und „Black Hammer“, alle sehr gut; Matt Kindts „Dept H.“, Bryan Lee O’Malleys schrullig-tolles „Snotgirl“; das surreale „Shade – the Changing Girl“]

Kranksein im Comic: Ausstellung „SICK! Reclaiming Illness through Comics“, Medizinhistorisches Museum der Charité Berlin

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Im Sommer 2016 fällt die Superheldin She-Hulk nach einem Kampf ins Koma. Ihr Hirn heilt rasch. Doch eine posttraumatische Belastungsstörung reißt ihr seitdem den Boden unter den Füßen weg – erzählt auf über 200 Seiten, im aktuellen Mainstream-Comic „Hulk“.

Oder stell dir vor, du kämpfst mit Behörden, bis dein autistischer Sohn auf inklusive Schulen darf. Mit 13 wird er geschlechtsreif: Tabuisierst du Selbstbefriedigung? Oder hilfst du, Rückzugsorte zu finden? Der Pädagogik-Ratgeber-Manga „With the Light“ von Keiko Tobe gibt feinfühlige Tipps. 3000 Seiten lang.

Was aber lässt sich schon auf EINER einzelnen Comic-Seite zeigen?

Noch bis März stellt das Medizinhistorische Museum der Charité Berlin 13 solcher einzelnen Seiten aus 13 – meist sehr kurzen – Comics aus:

10 Frauen und 3 Männer aus 8 Ländern finden hier ganz eigene Bilder, Metaphern und Haltungen. Zu Pflege und zu Heilung. Zu Trauma und zu Sterblichkeit. Was diese Bildsprachen – Ikonografien – neu, spannend oder künstlerisch besonders macht, erklären kuratorische Texte auf 12 großen Aufstellern. Und ein lese- und einsteigerfreundlicher Ausstellungskatalog.

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„Legen Sie sich hin und entspannen Sie sich!“ Jeden Morgen um 6 Uhr 45 lag ich zum Ultraschall und für die Blutuntersuchung in der Klinik. „Machen Sie sich frei. Legen Sie sich hin und entspannen Sie sich! LEGEN SIE SICH HIN UND ENTSPANNEN SIE SICH!“ Ich wurde zur Laborratte für Fruchtbarkeitsbehandlungen.“

Im Comic „Broken Eggs“ von 2014 zeigt Emily Steinberg in sarkastisch verzerrten, wilden Tableaus, wie ihr Wunsch, schwanger zu werden, von einer privaten Frage… zu einem medizinischen Hindernisparcours wurde, der ihr Leben beherrschte – auf knappen 67 Seiten.

Cartoonist Christoph Geiger nimmt sich nur EINE Seite für seinen Comic „Work to do that can’t wait“:

Ein Mann baut Wände aus blauem Stein. Sein Freund fragt: „Wollen wir essen?“ Doch dafür nimmt er sich keine Zeit. „Dann Frühstück?“ – „Nein. Keinen Hunger.“ Am Ende hat er sich selbst eingemauert. „Fertig jetzt?“ – „Ich weiß nicht. Gut, dass du kommst. Hilf mir hier raus.“

Ausgestellt werden diese – etwas schmalbrüstigen – kurzen Grafiken in der Sammlung von Dr. Rudulf Virchow. Ein langer, grauer Raum voller Regale mit Präparaten aus dem 19. Jahrhundert: Wasserköpfe, Embryos, in Glas versiegelte Tumore, tote Haut. Die Illustratorin Stef Lenk erklärt, wie die simplen Aufsteller mit 13 Comics neben den – beklemmenden – Exponaten wirken:

„Es war uns aber wichtig, dass wir die Comics zusammen mit dieser Sammlung präsentieren konnten. Diesen Kontrast zwischen – ich sag mal – der Wahrheit oder medizinischen Tatsache – mit Kunst und autobiografischer Erzählung. Damit die Leute das vergleichen können. Dass es eine Zusammenbrücke gibt. Man sieht einfach Organe, man denkt: Was ist das denn? Und im Vergleich mit diesen ganz einfachen Darstellungen oder Repräsentationen wird es klar – die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.“

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„Sick! Kranksein im Comic“ heißt die zweisprachige Ausstellung. Mangas und Superhelden bleiben ausgespart. An einer Literaturgeschichte oder einem Best-of ist die (wirklich: kleine!) Ausstellung nicht interessiert. Stattdessen geht es um zwei konkrete Fragen:

„Das emotionale und persönliche Erleben von Kranken, Angehörigen und medizinisch Tätigen kommt in der entpersonalisierten Sammlung des Pathologen Rudolf Virchow nicht vor. Wir stellen den Präparaten Comics gegenüber, die individuelle Geschichten erzählen.“ …schreibt Kuratorin Dr. Uta Kornmeier.

In allen 13 Werken werden Menschen von etwas Fremden, Unpersönlichem gerammt: Krankheit und Sterblichkeit. Dazu beziehen sie – sehr persönlich – künstlerische Position. Zufäliges Pech und Leid werden so zum selbstbestimmten Narrativ. Auch im englischen Untertitel der Ausstellung, „Reclaiming Illness through Comics“, schwingt so die Frage: Was setzt man Krankheiten entgegen? Persönlich? Und künstlerisch?

Der Arzt und Comiczeichner Ian Williams suchte 2012 einen Gattungsbegriff für Comics, die solche Fragen auch mit besonders medizinischem, psychologischem und didaktischem Anspruch weiter denken: „Graphic Medicine“. Als Gastredner eröffnete er nicht nur die Ausstellung, sondern auch einen begleitetenden „Graphic Medicine“-Kongress der FU Berlin.

„Sick! Kranksein im Comic“ wendet sich an Neulinge – auch durch den Ausstellungs-Katalog, der viele Comic-Grundregeln einfach erklärt. Die 250 Menschen, die zur Eröffnung den Vorträgen zeichnender Ärzte und Pflegekräfte applaudierten, sind aber auch: medizinisches Fachpublikum. Interessiert an neuen Perspektiven auf ihre Arbeitswelt. Bilder und Bildfolgen – erklärt Cartoonistin und Krankenpflegerin MK Czerwiek – können auf engstem Raum anschaulich, persönlich, subjektiv UND lehrreich sein:

„Mein Comic ‚Taking Turns‘ bündelt die Oral History der Krankenstation, auf der ich gearbeitet habe. Dazu mein persönlicher, autobiografischer Blick. Und Wissen über HIV und AIDS, von dem ich wünschte, es würde an Schulen gelehrt: Junge Leute an der Uni haben oft gar kein Bild der AIDS-Krise der 80er und 90er Jahre.“

Es gibt tolle, lange Graphic Novels zum Thema: „Stiche“ von David Small. Oder „Das große Durcheinander: Alzheimer, meine Mutter und ich“ von Sarah Leavitt.

Die „Sick!“-Veranstalter*innen kennen Kanon und Klassiker.

Doch sie haben ein anderes Ziel: Nachwuchs und Geheimtipps sichtbar machen. Immer: möglichst kurze Werke, die sich auf EINEN Blick vermitteln.

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zwölf Graphic Novels / Comics zum Thema, die ich las und empfehle:

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…und zwei Favoriten zu Sterblichkeit & Tod: „Daytripper“ (Fabio Moon, Gabriel Ba) und „Royal City“ (Jeff Lemire)

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Graphic Novels, die das „Sick!“-Team selbst empfiehlt – und die auch im Rahmen der Ausstellung zum Reinlesen bereit stehen sollen:

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HENRY BEAUMONT: „Hole in the Heart“  |  ALISON BECHDEL: „Fun Home“  |  GARRETH BROOKS: „A Thousand Coloured Castles“  |  ALLIE BROSH: „Hyperbole and a Half“  |  ROLAND BURKART: „Wirbelsturm“  |  IAN WILLIAMS u.a.: „Graphic Medicine Manifesto“  |  MK CZERWIEC: „Taking Turns“  |  PETER DUNLAP-SHOHL: „My Degeneration“  |  LIZA FUTTERMAN & EVI TAMPOLD: „Keeper of the Clouds“  |  MELANIE GERLAND: „Offene Arme“  |  PHOEBE GLOECKNER: „A Child’s Life“  |  RETO GLOOR: „Das Karma-Problem“  |  JUSTIN GREEN: „Blinky Brown meets the Holy Virgin Mary“  |  DAVID HAJDU: „The Ten-Cent Plague“  |  JENNIFER HAYDEN: „The Story of my Tits“  |  PAULA KNIGHT: „Facts of Life“  |  PAULA KNIGHT: „X-Utero“  |  MARISA MARCHETTO: „Cancer Vixen“  |  NATE POWELL: „Swallow me whole“  |  DANIELA SCHREITER: „Schattenspringer“  |  LORENZO SERVITJE u.a.: „The Walking Med“  |  DAVID SMALL: „Stitches“  |  ANNA SOMMER: „Eugen und der freche Wicht“  |  ANNA SOMMER: „Julie ist wieder da“  |  ART SPIEGELMAN: „Maus“  |  EVI TAMPOLD: „The Hallway Closet“  |  FABIEN TOULMÉ: „Dich hatte ich mir anders vorgestellt“  |  UNA: „Becoming, Unbecoming“  |  IAN WILLIAMS: „Bad Doctor“  | DAWN WING: „What you left behind“  |  JUTTA WINKELMANN: „Mein Leben ohne mich“  |  ANEURIN WRIGHT: Things to do in a Retirement Home Trailer Park when you’re 29 and unemployed“

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Mir selbst war die Ausstellung zu klein gehalten: wenige Stellwände, wenig zu sehen – fast kein Comic, das sich 200, 400 Seiten Zeit nimmt.

Ich mochte, 2016 im schwulen Museum Berlin – bunter, umfassender, origineller:

„Superqueeroes“, über queere Comics

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Warum ich keine Comics lese: Argumente gegen Mangas und Graphic Novels. [Montagsfrage, deutsche Buchblogs]

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Comics sind humorvolle Unterhaltung für zwischendurch, aber nicht wirkliche Lektüre.

Ich denke, das ist eher was für nebenbei.

Man kann es auch gar nicht mit echten Büchern vergleichen: Romane sind einfach viel mehr Literatur.

Bücher haben doch eine ganz andere Tragweite.

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Ich will mir eine Geschichte selbst ausmalen.

Das geschriebene Wort ist einfach viel schöner, und man kann seiner Fantasie freien Lauf lassen.

Es geht doch nichts über einen echten Roman, der Figuren und Schauplätze auch ohne Bild zu malen fähig ist.

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Comics liegen bei uns am Klo. Für mehr Lektüre als kurze Bildgeschichten ist oft gar keine Zeit.

Bücher finde ich doch wertiger.

Seit ich Bücher ohne Bilder lesen kann, mache ich das auch.

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Als Kind war es irgendwie normal, Comics zu lesen. „Asterix & Obelix“ und „Tim & Struppi“ haben wir gefühlt alle gelesen, oder? Das gehört wohl zur Grundbildung dazu. Mein Papa hat gern die Asterix-Hefte gelesen. Wir Kinder kamen natürlich damit in Berührung, auch wenn das meiner Mama nicht so gut gefiel. Weil ich zur Waldorfschule ging, war es sogar etwas verpönt und nicht gern gesehen. Mangels Büchern im elterlichen Haushalt habe ich eben mit Comics begonnen.

Irgendwann im Alter von acht oder neun Jahren hatte ich keine Lust mehr auf Comics oder der Reiz war einfach weg.

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Mein bester Freund liest noch heute die alten Comics, um sich aufzuheitern. Ich habe mein Abo der „Lustigen Taschenbücher“ gekündigt, weil ich merkte, dass hier keine Geschichten mehr für mich geschrieben werden. Die LTBs waren immer zu schnell ausgelesen. Ich vermute, heute würden sie mich nicht mehr begeistern. Ich will sie nicht lesen, um meine Kindheitserinnerungen nicht zu verfälschen.

Die paar Comics von damals sind gegen die Masse der gelesenen Bücher eigentlich kaum der Rede wert.

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Viele Leser hat das sicher auf den Weg zu „echten“ Büchern geführt.

Ich finde Comics für die Entwicklung sehr nützlich.

Je älter ich aber wurde, desto weniger konnten sie mich in den Bann ziehen.

Mir sind die Geschichten einfach zu „flach“. Als Lückenfüller beim Arzt ganz ok, aber ansonsten fehlt der Reiz. Ich kann nichts daran finden.

Für viele Leser sind Comics der Einstieg in die Welt der Romane.

Ich habe die Fähigkeit erworben, Bücher ohne Bilder zu lesen. Darauf war ich stolz, also zieh ich das jetzt durch.

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Für Mangas habe ich mich noch nie interessiert. Mit Comics bzw. Mangas konnte ich noch nie etwas anfangen. Um ehrlich zu sein, kann ich da nicht mal einen Unterschied erkennen. Ich weiß so wenig über Comics und Graphic Novels, dass mir nicht mal klar war, dass es da einen Unterschied gibt. An der Comicecke in der Bücherei oder der Buchhandlung laufe ich schnurstracks vorbei und würdige sie keines Blickes.

Mangas rühre ich im Traum nicht an. Auf den Manga-Zug bin ich nie aufgesprungen, weil mir die Darstellung mit den übergroßen Augen und schmalen Mündern der Manga-Menschen nie gefallen hat. Wahrscheinlich gehöre ich mit meiner Generation auch nicht mehr zu der Zielgruppe: In meiner Kindheit gab es Mangas noch gar nicht.

Die Schreibweise von Mangas hat mich übelst verwirrt. Mich irritieren diese ganzen Bilder und die Sprechblasen und dieses Von-hinten-nach-vorne-Lesen einfach nur total – das ist nicht meins.

Man muss ja auch nicht jeden Trend mitgehen.

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Mich machen überladene Comics/Manga nervös. Es passiert zu viel auf einer Seite, meine Augen wissen nicht, wo sie beginnen und wo enden sollen. Ganz übel ist es, wenn sich bunte Seiten mit schwarz-weißen abwechseln.

Ich schaue auch nur wenige Serien/Filme: zu viel, zu schnell. Ich mag nur selten Buchverfilmungen. Also liegt mein Unwillen wohl daran, dass ich mir ungern in mein Kopfkino reinpfuschen lasse: Ich habe oft sehr spezifische Vorstellungen, und wenn eine Zeichnung (oder andere Darstellung) so gar nicht damit übereinstimmt, bringt mich das total aus dem Konzept.

So kunstvoll ein Comic auch gezeichnet sein mag, ich konzentriere mich viel zu sehr auf den Text, der für mich dann logischerweise zu wenig hergibt. Das ist für mich also kein Lesevergnügen so wie ich es verstehe. Denn ich habe Freude an Formulierungen, an poetischen Beschreibungen, an der Sprache, dem Erzählstil. All das finde ich beim Comic nicht bzw. steckt eben das in den Bildern, die ich nicht zu würdigen weiß.

Für mich persönlich ist das Lesen eines Romanes einfacher und flüssiger.

Ich hab gleich mit den richtig fetten Schinken losgelegt.

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Ich bewundere heute noch Wilhelm Busch mit seinem ausdrucksstarken Zeichentalent und seinen treffenden Texten mit viel Witz dahinter.

Aber heute müssen es Bücher sein.

Ich lese zwar nicht nur Romane (sondern auch Fachbücher), aber mit Comics habe ich abgeschlossen. Das ist nicht meine Welt.

Ein weiterer Grund, weshalb ich nie einen Comic oder einen Manga in die Hand nehme ist, dass mich beides schon als Kind nicht interessiert hat. Ich glaube, es ist schwer, für so etwas noch im Nachhinein seine Leidenschaft zu entdecken. Viele scheinen mit Comics gestartet zu sein und sich dann weiterentwickelt zu haben.

Ich lese höchstens mal die Comics aus der Tageszeitung oder sehe mir ein paar online an. Aber extra einen Manga kaufen oder eine Graphic Novel, das wäre nichts für mich. Gezeichnete Geschichten sind für mich eine zusätzliche, humorvolle Ablenkung, die ich mehr nebenbei zur Erheiterung mal lese, aber nicht Lektüre als solches. Ein witziger Zeitvertreib, etwas um sich alleine zu amüsieren und lachen, aber keine Lektüre zum Sich-Hineinversetzen und Wegtauchen. Eine Unterbrechung beim Lesen von Comics ist viel weniger schlimm, als wenn ich einen Roman lese.

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Mangas waren nur gut während dem Studium, wenn ich Zug gefahren bin. Da konnte ich mich nie so gut auf Bücher konzentrieren, wegen den ganzen Gesprächen um mich.

Als ich damals angefangen habe, kosteten Mangas meist um die 5 €, was für mich absolut vertretbar war. Irgendwann wurden die Preise erhöht und ich wurde zu geizig, um Mangas für 6,50 € zu kaufen. Für mich stimmte dann das Verhältnis zwischen dem Preis und der Lesezeit einfach nicht mehr. Mit einem Roman, der 8 oder 10 Euro kostet, kann ich mich viel länger beschäftigen.

Was mich nervt, ist die Tatsache, dass sie sehr schnell ausgelesen sind. Ich muss sagen, dass sie mir meist den Preis nicht wert sind, dafür dass man super schnell damit durch ist und ich die Zeichnungen auch gar nicht angemessen würdige, sondern aus Ungeduld immer direkt zur Sprechblase springe und den Rest eher am Rande wahrnehme.

Verglichen mit normalen Taschenbüchern sind Comics schweineteuer.

Bei mir stehen auch zu viele Bücher, die noch gelesen werden wollen. Daher werde ich sicherlich mir nicht noch eine Buchform wie Comic oder Manga auswählen. Ich habe a) viel zu wenig Platz in meinen Bücherregalen und b) viel zu wenig Geld auf meinem Konto, um eine eigene Sammlung anzulegen.

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In meiner Jugend habe ich mich an die X-Men gewagt (und auch andere Superheldencomics gelesen), aber so richtig warm geworden bin ich damit nicht. Ich mag Superheldenfilme und auch gegen die animierten Serien habe ich nichts. Aber die Comics reizen mich nicht.

Ich würde super gerne ins Marvel- und DC-Universum eintauchen, finde aber keinen guten Anfangspunkt. Wollte man chronologisch anfangen, müsste man sich doch diese unverschämt teuren Uralt-Ausgaben anschaffen, oder sehe ich das falsch? Bei Marvel und DC habe ich irgendwie immer eine so düstere Stimmung im Kopf.

Im Bereich Comic ist die Mädchen-Jungs-Trennung noch absurd deutlich.

Der Blick auf die herkömmliche Comic-Branche zeigt, wie mager starke weibliche Charaktere und Protagonistinnen waren und es trotz Verbesserungen eigentlich auch heute noch sind. Vor allem mit den Manga-Gesichtern tue ich mich oft schwer. Meist gefallen mir eher die Szenenzeichnungen im Hintergrund. Ich las noch so eine Manga-Reihe mit rotem Cover. Ich weiß leider nicht mehr wie er heißt und worum es geht. Irgendwas mit Schule und Liebe, erschienen bei Tokyopop. Mit dem Alter hat das Lesen von Mangas nachgelassen. Das liegt, denke ich vor allem daran, dass in Deutschland wenige Mangas mit starken und reifen/älteren Charakterinnen existieren.

Warum ich das aufgegeben habe, weiß ich gar nicht. Ich wurde einfach älter und habe den Reiz daran verloren.

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Mangas und Comics sind mir mittlerweile nicht mehr ernst genug.

Da lese ich doch lieber einen Fließtext!

Mittlerweile, muss ich gestehen, übersehe ich die Illustrationen und lese nur noch den vorhanden Text. Ich weiß auch nicht woran das liegen mag, dass ich die wunderschönen, schaurigen oder aber auch bedrückenden Bilder nicht mehr so wahrnehme wie damals. Vielleicht weil man heute zu übersättigt ist von Bildern? Vielleicht aber auch, weil mich die Sprache mehr reizt.

Ich finde gezeichnete Geschichten gut, wenn man nicht viel Zeit zu lesen hat oder eher etwas Leichtes lesen möchte. Ganz selten greife ich noch danach: Wenn ich in Erinnerungen schwelgen oder einfach ein bisschen abschalten und entspannen möchte.

Eigentlich nicht aus reinen Interesse, sondern eher um die Zeit tot zu schlagen

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Graphic Novels sind Romane, als „Comic“ gezeichnet. Natürlich kann man das nicht mit Romanen vergleichen.

Bei Comics fehlt mir etwas und es ist für mich auch kein richtiges Lesen. Lesen ist für mich, wenn ich völlig in eine Geschichte eintauchen kann, die Charaktere mit all ihren Facetten kennen lerne und entweder mag oder nicht.

Gerade für Graphic Novels muss man ja auch erst einmal in der richtigen Stimmung sein, finde ich. Ich wüsste noch nicht mal, wo ich da anfangen sollte, so viele gibt es da schon. Der Markt scheint ja ziemlich geflutet zu sein. Mir fehlt einfach der Überblick über das Medium, um einen Ansatzpunkt zu finden, ohne eine Menge Fehlkäufe zu tätigen.

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Damit ich ein Comic kaufe, muss mich der Zeichenstil einfach umhauen. Ich verstehe, dass man den künstlerischen Aspekt einer tollen Zeichnung schätzen kann. Aber dafür würde mir z.B. ein einzelnes Bild mit einer entscheidenden Szene reichen, das ganze Buch müsste ich nicht auf diese Art erzählt bekommen.

Wenn mir die Zeichnungen nicht gefallen, dann hat die Story oft auch keine Chance. Ich habe noch keinen Comic gefunden, wo für mich „alles passt“

Wobei ich mich schon für eine Reihe begeistern könnte, wenn ich nur die richtige finden würde.

Das Erlebnis beim Romanelesen ist meiner Ansicht nach intensiver (und länger).

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Meine Fantasie passt einfach besser zu den Protagonisten, als sie beschrieben werden. Das verfälscht aber oftmals die Intention des Autors, der sich ja etwas dabei gedacht hat, den Charakter SO darzustellen. Ein Manga lässt hier nicht viel Interpretationsspielraum. Man bekommt deutlich – schwarz auf weiß – gezeigt, wie der Charakter aussieht, ob er eher ein kalter oder gefühlvoller Mensch ist. Hier wird das Augenmerk auf die Mimik und nicht auf das geschriebene Wort gelegt. Bei den passenden Genres ist das eine willkommene Abwechslung für mein Gehirn – mal wenig mitdenken zu müssen, tut wirklich gut.

Ich lese gerne Bücher und lasse meine Fantasie spielen, genieße aber trotzdem ab und an, dass ich bei Comics komplett abschalten kann und Bilder vorgegeben bekomme.

Grundsätzlich bin ich nicht dagegen.

Ich bin aber eher der Romantyp.

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Beim Lesen geht es mir wirklich um das Wort und nicht um die optische Gestaltung.

In ein Buch lasse ich mich komplett fallen, sinke da viel tiefer ein als in eine Comicgeschichte.

Dann kommt mein Kopfkino zum Einsatz und ich lasse mich entführen in fremde Welten, wie es ein Comic nie könnte.

Ich bemühe lieber das Kopfkino als mir eine optische Ergänzung der Geschichte vorsetzen zu lassen. Das Kopfkino ist meiner Meinung nach auch viel vielfältiger. Ich brauche die Möglichkeit, mir selbst auszumalen zu können, wie eine Figur, wie eine Umgebung aussieht.

Wenn ich mich beim Lesen zwischen den Buchdeckeln verliere, habe ich mich zu 99,9% in die Wörter verliebt – Wörter können schön sein, Wörter können mehr verletzen als ein Messer – und nicht in die optische Gestaltung.

Das ist einfach nicht mein Medium, weil es zu viel vorgibt, was ich mir (was wir uns) lieber selbst ausmalen wollen.

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Das hier war kein Text von mir – sondern eine Collage aus 70 Blogbeiträgen von:

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1. Motte Enna – BücherregalSchätze 25. Charleens Traumbibliothek 49. Pineapples BookNook
2. Holla die Buchfee 26. Bücher in meiner Hand 50. PaperbackStories
3. Aequitas et Veritas 27. msmedlock 51. Ruby
4. Sheena 28. LeesBücher! 52. sanne von Wortgestalten
5. Gabis Laberladen 29. Nisnis Bücherliebe 53. Little Book Obsession
6. Ladysmartypants 30. Kerstin Wörterkatze 54. Ghost
7. wortmagieblog 31. Nenis Welt 55. Conny | Meine kleine Welt
8. Bücherkiste 32. Corly 56. Liv
9. Kiras kleine Leseecke 33. away from here 57. schraeglesen
10. Der Büchernarr 34. Tessa Jones 58. Anna von liveyourlifewithbooks
11. Buchträumerin 35. Julia L. Jordan 59. Lauter&Leise | Antonia
12. Buchperlenblog 36. Nicoles Bücherwelt 60. Klusi liest
13. VonDerZeitBeseelt 37. Myna Kaltschnee 61. Melanie von Bücher sind Schiffe, …
14. Bucheulchen Lisa 38. Wulf | Medienjournal 62. geschichtenfaenger
15. Katja | Zwischen den Seiten 39. Anni_Book 63. libris_poison
16. sommerlese 40. Lesefieber-Buchpost 64. Mein Lesezeichen Blog
17. Tintenblüte 41. Leuchtturmwaerterins Buechertuermchen 65. My Book&Serie&Movie Blog
18. Büchertänzerin 42. Mein Senf für die Welt 66. Määds Books
19. Unendliche Geschichte 43. Sarah von ZeilenSprung – Literatur erleben 67. Sven von It’s a Blob
20. Moony || Vollmondschatten 44. Buch – „Bloggade“ 68. vro jongliert
21. Beutelwolf-Blog 45. Shanlira`s Bücherwelt 69. Schwarzbuntgestreift
22. Linda // dufttrunken 46. Nela | Livricieux 70. Bettina von Bookish Moments
23. Tinte | Feder | Schwert 47. bookish-heart-dreams 71. Buchweiser
24. Gedankenwelt von Denise & Antonia 48. RaspberryBook 72. Tarika (Tarikas Orbit)

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Buchbloggerin Svenja Borghans fragte auf ihrem Blog Buchfresserchen als „Montagsfrage“ in die Runde:

„Ich arbeite als Illustratorin und lese ganz gerne mal eine gezeichnete Geschichte statt eines klassischen Romans: Ein Bild sagt eben doch oft mehr als 1000 Worte. Wie ist das bei euch?“

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Ich las alle 70+ Antwort-Blogposts und trug zusammen, was viele Buchblogger*innnen an Comics verwirrt, langweilt, abstößt oder kalt lässt, im obigen Text.

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Ich selbst liebe Comics und bespreche/empfehle sie u.a. beim Berliner Tagesspiegel und bei Deutschlandradio Kultur.

Ich freue mich, wenn mich Menschen nach persönlichen Comictipps und Empfehlungen zum Einstieg fragen – gern z.B. via Facebook.

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Falls ihr nur EINEN Comic probieren wollt: Nehmt „Daytripper“ von Fabio Moon und Gabriel Ba.

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drei Blogposts zur Montagsfrage, die ich mochte und empfehle:

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als Gegengewicht:

Zitate aus Buchblogs, deren Autor*innen GERN Comics lesen… und ihre Gründe:

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  • Man taucht nicht nur in die Fantasie des Autors, sondern auch gleich noch in die des Zeichners ein.
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  • Ich finds toll, wenn man manchmal keine Worte braucht und trotzdem die Geschichte versteht.
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  • Da spielen Bild und Wort einander den Ball zu, da erzählt eine Zeichnung ohne eine einzige Sprechblase einen eigenen Teil der Handlung. Das Bild dient dabei nicht dazu, dem Leser die Vorstellungsarbeit abzunehmen.
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  • Die Vielfalt von Comics steht der von Romanen in nichts nach, so dass für jeden Geschmack etwas zu finden sein sollte. Und so sehr ich es schätze, wenn es einem Buch gelingt, eine fiktive Welt vor meinem inneren Auge lebendig werden zu lassen, so schön ist es doch manchmal, sich die Visionen und Ideen anderer Leute direkt präsentieren zu lassen, wobei hier eben ähnlich wie im Film vieles auch einfach nur gezeigt, nicht erzählt werden muss, was dem Geschehen oft eine zusätzliche Ebene verleiht, die bei dem „nur“ geschriebenen Wort schwer zu erreichen ist.
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  • Der Zugang zu Comic ist intuitiv: Deswegen lesen sie Kinder so gerne. Das Bild erzählt die Geschichte und der Text ist nur ein Teil davon. Die Peanuts würden als rein sprachlicher Witz doch niemals funktionieren. Oder würdet ihr lachen, wenn ihr einen puren Buchstabentext darüber lesen würdet, wie Lucy Charlie Brown den Football wegzieht – schon wieder?
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  • Bildgeschichten können so beiläufig sein: Ich erinnere mich, wie ich früher Geschichten gelesen habe und mir im Hintergrund herrlich absurde Details aufgefallen sind. Die Haupthandlung geht unbeteiligt weiter, aber im Hintergrund jagt ein Mensch seinen Hund, weil der seine Hose geklaut hat. Ein Buchstabentext kennt nur eine Ebene der Erzählung.
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  • Gute Geschichten vertragen keine mittelmäßigen Wortakkrobaten: Eigentlich bin ich ja auch gerne für Action und Abenteuer zu haben, Sci-Fi und Fantasy. Doch oft hapert es einfach an Menschen, die diese Geschichten erzählen können. Weil die Aktionen zugegebenermaßen auch nach platten und klischeebehafteten Beschreibungen schreien. Doch Comics kommen da drum herum – weil sie das eben einfach den Bildern überlassen können.
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  • Allen Graphic Novels, die ich mag, ist gemein, dass sie versuchen, ein komplexes Thema oder den Inhalt eines mehrere hundert Seiten langen Romans in einer graphischen Darstellung wiederzugeben. Manchmal mit wenigen Worten, dafür mit umso ausdrucksstärkeren Bildern.
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  • In einem Song von Rammstein heißt es „Der Mensch ist doch ein Augentier. Schöne Dinge wünsch‘ ich mir“. Und so ist es – ich mag einfach schöne Bilder.
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  • Nicht nur Nerds, Geeks oder aber Kinder lesen Comics. Denn wie bei den Romanen, sind auch der Stil, das Genre und die unterschiedlichsten Thematiken ein besonderer Pool, aus dem man schöpfen kann.
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  •  Entsprechend kann ich nur jedem raten, der immer noch mit Comics fremdelt oder meint, die Geschichten wären bloß für Kinder konzipiert, sich doch einmal ausgiebig umzutun und eventuell einen Blick zu wagen, denn so schön Bücher sind, in die man abtauchen kann, so schön kann es eben auch sein, sich in einem optisch wie inhaltlich fulminant aufgemachten Comic zu verlieren.

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  • „Onkel Dagobert“-Autor und -Zeichner Don Rosa schafft es wie kein anderer, eine tolle Geschichte zu erzählen und dazu mega detaillierte Zeichnungen zu liefern. Er erzählt oft im Hintergrund noch eine kleine Nebengeschichte, während man den Figuren im Vordergrund „lauscht“. Dazu recherchiert er akribisch für seine Geschichten, die meist geschichtliche Aspekte beinhalten. Seine Figuren sind die Ducks, die er auf diese Abenteuer schickt. Leider ist er nun im Ruhestand, es kommen also keine neuen Geschichten mehr von ihm.
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  • Batman-Comics sind, glaube ich – man verzeihe mir das Stereotyp – so ein Jungs-Ding. Es ist legitim, sie als Helden zu verehren, weil sie stark sind. Und lustigerweise auch Probleme haben dürfen. Bruce Wayne ist für mich eine gescheiterte Existenz, dennoch kann der kleine Junge in mir zu ihm aufblicken und ihn bewundern. Es geht um Männerrollen und Ideale.
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  • Ich lese gerne Shonen-Mangas – das bedeutet, dass die eigentliche Zielgruppe für dieses Genre Jungen sind und ein bestimmter Zeichenstil vorherrscht. Es geht meist um einen Hauptcharakter, der mit der Zeit Freunde findet und auf eine Reise aufbricht oder auf ein bestimmtes Ziel hinarbeitet. Was mir daran so gefällt ist vor allen Dingen, die Botschaft, die diese Mangas übermitteln. Es geht darum, dass man für seine Freude und für seine Ziele und Träume einsteht und dass man alles schaffen kann, wenn man zusammenhält und hart an sich und für seine Ziele arbeitet.
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  • Beim Manga „One Piece“ kann ich mir einfach nicht vorstellen, das als Buch zu lesen. Ich wüsste nicht wie man so genau die Kampfszenen beschreiben soll und erst die Blicke der Crew Mitglieder, wenn einer ihrer Freunde verletzt wird.
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  • Was mich an gezeichneten Figuren reizt? Die Emotionen bekommen ein Gesicht, welches ich nicht fehlinterpretieren kann.
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  • Ansonsten reizt mich an Manga, dass sie wahnsinnig viel Gefühl durch die Kombination von Bild und Text übermitteln können. Ich kann mich stundenlang in einem Manga verlieren und dann beim zweiten Mal lesen doch immer wieder etwas Neues entdecken.
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  • Außerdem stammen Mangas aus einem ganz anderem Kulturkreis mit anderen Traditionen und Umgangsformen. Ich denke, dass das auch ein Grund war weshalb ich sie so gerne gelesen habe, das hat mich einfach fasziniert. Da war ich dann ganz weit weg von meinem Alltag.

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Christian Schlüter schreibt in der Berliner Zeitung:

Allein das Neben- und Ineinander von Bild und Text erfordert hier einen gelenkigen Blick: Aus einer Linie, einem Strich kann sowohl eine lebendige Zeichnung als auch ein lebloser Buchstabe werden, aber auch eine wortmalerische Interjektion, ein „Zack“, „Boing“, „Peng“ oder „Hatschi“ – das Auge springt zwischen Bild und Text hin und her. Eine wunderbare Dehnübung für schlaffe Sehnerven ist das und eine Aufforderung zu weitreichender Interpretation.

Dass unsere Fantasie aus wohlgesetzten Buchstabengruppen – aus Wörtern und Sätzen – die schönsten Bilder zusammenreimt und damit die schöne Literatur zum Leben erweckt, dass unsere Fantasie also das Tote zum Leben erweckt: Diese Kulturleistung wird bis heute als alternativloser Vorzug der reinen Buchstabenbelletristik gepriesen.

Und macht als Argument, obwohl alles an ihm falsch ist, den größten Eindruck: Die schöne, an sich selbst bilderlose Literatur gilt als die eigentliche, die gute Literatur, aber der Comic, der Bilder schon mit sich trägt, soll die Fantasie töten und deswegen schlechte Literatur sein.

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auf Facebook kommentieren Freundin W…

„Ich habe im Bereich der Graphic Novels so viele wunderbare, großartige Geschichten entdeckt, von denen mich einige mehr gefangen genommen und gerührt haben als die meisten Romane.

Das Lesen erfordert eine andere Art der Konzentration. Wenn ich mich gerade auf keinen Roman konzentrieren kann, aber gerne lesen möchte, dann klappt das mit GN, weil sie eine andere Art der Konzertation erfordern. Wenn mir Geschichte und Darstellung zusagen, ist das Lesen wie ein Film, dessen Tempo ich selbst bestimme. GNs sind perfekt, wenn man lieber weniger Wörter haben will als zu viele. Jeder wichtige Moment muss sitzen, als einzelnes Bild oder Sequenz mit kurzgefassten Worten und die Wirkung ist auf mich oft intensiver und einprägsamer als bei Romanen. Besonders die autobiografischen GN kommen mir oft mutiger, frischer, jünger, konzentrierter und ehrlicher vor als ähnlich motivierte Romane.“

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…und Comicleser I.:

Die meisten Blogger-Kommentare sind nachvollziehbar, nicht weil sie korrekt sind, sondern weil es für Comic-Einsteiger nicht leicht ist, durch den Wust an Veröffentlichung zu blicken. Das es neben Einzelheften und TPB [Sammelbänden] auch meist schöne, ‚wertige‘, Hardcover-Ausgaben gibt. Dass es nicht nur Marvel, DC und Superhelden gibt. Dass sich gute Geschichten meist über viele Ausgaben und Jahre aufbauen. Dass Menschen die ‚Buchblogger‘ sind, wohl selten einen coolen Comic-Geek im Freundeskreis haben, der sich täglich durch die Neuerscheinungen liest und Lesetipps und Kaufberatung geben kann. Dass man sehr viel über Theorie und Technik der Comicgestaltung lernen kann. Dass ‚Graphic Novel‘ ein von Schnöseln geprägter Begriff für besonders langweilige Comics ist. Und besonders, dass es nicht auf das Medium ankommt, sondern auf den Inhalt.“

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