Glück & Schiller

Landpartie 2012: Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus, Hildesheim

Die „Landpartie 2012“ erscheint in der Hildesheimer „Edition Pächterhaus“. Zur Website: Link.

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Von 2005 bis 2011 habe ich literarische Texte in der jährlichen „Landpartie“-Anthologie meines Studiengangs – Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, Universität Hildesheim (Link) – veröffentlicht.

2012 wurde ich gebeten, das Vorwort zu schreiben. Kurz, knapp, empathisch: Ein Text über eine schreckliche Stadt… voller großer, ambitionierter Projekte:

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Schreibversuche. Schreibschulprosa. Stadtgeschichten.

von Stefan Mesch (Link), Februar 2012

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Als meine jüngste Schwester 15 war, im Frühling 2008, kam sie zwei Wochen lang nach Hildesheim: Sie sah die schroffen, grauen Korridore der Universität, den schroffen, grauen Hildesheimer Bahnhof, die Spielotheken, Eros-Center, Ein-Euro-Shops und Discount-Bäcker in der Fußgängerzone. Sie aß nur Feldsalat (von Lidl), Baguette (von Kaufland) und Kinder-Milch-Mäuse (von Aldi), denn zum Kochen hatten wir keine Zeit; für Restaurants kein Geld.

Herr Mohnsame, der Postbeamte zwei Stockwerke unter mir, war in der Badewanne gestorben: Wir rochen einen milden, süßlichen Geruch im Treppenhaus. Es brauchte fünf, sechs weitere Tage, bevor die Wohnungstür geöffnet und die Leiche gefunden wurde.

„Hildesheim ist die einzige Stadt, in der eine McDonalds-Filiale im Zentrum schließen muss, weil ihr die Kundschaft fehlt“, schrieb Freundin Jule (Link). „Was prägt die Stadt? Zehn Prozent weniger Menschen…“, klagen Soziologen auf Youtube (Link). „Aber die Dramatik, die [hinter solchen Zahlen] steht, macht sich kein Mensch klar: Bei der demografischen Entwicklung sind die Studenten, die immer neu kommen, jedes Semester, der einzige Refresh, den Hildesheim noch hat.“

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Schützenfeste, Nazi-Demos, katholische Gymnasien. Schrebergärten, Mietkasernen, am Wochenende Fachwerk- oder Mittelalter-Kitsch. Nagelstudios, Industrieruinen und ein Haushaltsdefizit, dem mit Streichungen am Stadttheater, der Musikschule, der AIDS-Hilfe, dem Freibad, den Bibliotheken und Museen begegnet wird: Hildesheim liegt 30 Kilometer unter Hannover. Es hat knapp 100.000 Einwohner. Alle Männer tragen Windjacken, führen kleine Hunde aus und denunzieren Falschparker. Alle Frauen füllen Regale bei Ihr Platz auf und haben seit 15 Jahren nicht gelächelt.

Im Sommer 2003, als ich die Eignungsprüfung (zum Studiengang ‚Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus‘) bestand, ging meine Mutter mit mir mexikanisch essen. Drei Monate später – ich hatte gerade meine Wohnung in der Hildesheimer Nordstadt bezogen – war das Lokal bankrott. Und jedes Mal, an jedem grauen Freitag- oder Samstagabend, an dem Freundin Stephi und ich in den folgenden Jahren erschöpft in unseren Hildesheimer Wohnungen saßen und „eine Abwechslung“ oder „etwas Schönes“ brauchten, fuhren wir raus an die Umgehungsstraße und kauften Ein-Euro-Burger bei Burger King.

Es gab kaum andere Optionen. Niemand, den wir damals kannten, traf sich (zum Reden, einfach so) in Restaurants. Und jeder teurere, hochwertigere Abend hätte – für uns, in dieser Stadt, im dritten oder vierten Semester – frivol und unverdient pompös gewirkt:

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„Besser!“, „Schöner!“, „Freundlicher!“, „Aufwändiger!“, „Mehr!“ kosten Zeit, Mut, Aufwand, Einsatz, Energie. Als Alltagsrahmen / Lebenskulisse / Stadt aber fragt Hildesheim bei jedem Plan, jeder anspruchsvollen Bemühung: „Ist das jetzt wirklich nötig? Kannst du dir diesen Aufwand leisten?

Das Hildesheimer Bahnhofsviertel braucht kein mexikanisches Restaurant. Es braucht, hat sich gezeigt, nicht einmal einen schäbigen McDonald‘s.

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„Man wird gemeinsam mit anderen lernen, über eigene und fremde Texte zu sprechen“, umriss Professor Stephan Porombka (Link) 2008 den Reiz (und… Wahnwitz!) eines Studiums an der Hildesheimer „Schreibschule“. „Man wird eine literarische oder kulturjournalistische Zeitschrift mit herausgeben; man wird Schreib- und Buchprojekte realisieren; man wird aber auch in Theater-, Musik- und Kunstprojekten mitarbeiten; man wird selbst dauernd Texte schreiben, Texte redigieren, lektorieren, editieren, publizieren und vermarkten; man wird Netzwerke knüpfen, Grüppchen, Gruppen, Gruppierungen, Fraktionen bilden, vielleicht ganze Bewegungen initiieren.“

Jede Eckkneipe, jeder Schnäppchenmarkt, jeder Gang durch enge, dunkle Hildesheimer Behörden drischt uns die hässliche Wahrheit ins Gesicht, dass Literatur – im wahren Leben, im öffentlichen Trott – nichts zählt, kaum hilft, „den Leuten auf der Straße“ nichts bedeutet. Im Studium selbst dagegen kann jedes Kleinprojekt, jede erste, zaghafte Idee den wilden Sog und Terror eines Castingshow-Finales entwickeln: Der Stadt fehlen Stil und Dringlichkeit. Dem Studium fehlen die Zwischentöne, Atempausen.

Aus dieser Kluft zwischen Ambition und Welt, aus dieser Spannung zwischen „Liebes Milieu: Ich möchte schreiben – jeden Tag!“ und „Kindskopf? Schluss! Wer wartet auf deinen Senf? Deine Bücher?“, erwächst die schönste, stärkste (Hildesheimer) treibende Kraft:

Trotz!

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Seit 1999 haben Hildesheimer Absolventen – neben Tausenden Rezensionen, Kolumnen, Interviews, Reportagen, Sachtexten, Blogposts, Satiren und Cartoons – etwa 30 Romane, Lyrik- und Erzählungssammlungen veröffentlicht (Link). Bemerkenswerter als diese „erwachsenen“, „fertigen“ Einzelkämpfer-Projekte aber sind jene 25 Gruppen- und Gemeinschaftstitel, die bereits während des Studiums geschrieben, editiert und verlegt werden konnten.

Jährliche Landpartie-Anthologien, seit 2005. Vier Zweitsemester-Sammlungen, 2004 bis 2010. Und eine Flut kulturjournalistischer Projekte… die oft ganz neue, überraschende Fäden ziehen durchs provinzielle Einerlei: die Kneipen-Portraits in „Hildesheim schön Trinken“ (Link), „1000 Sätze, die man lesen muss, bevor man stirbt – in Hildesheim“ (Link), oder „Fahrtenschreiber“ (Link), die Reiseberichte aus dem lokalen Nahverkehr.

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Die landpartie |12 (Link) versammelt 38 Texte und Stimmen. Es wäre dumm, faul, müde und ignorant, ihre Arbeiten als Such- und Fluchtbewegungen im Hildesheimer Alltag zu verstehen. Oder – schlimmer noch! – als Reaktionen der Schreibenden aufeinander: Man wird diesen Werkschauen nicht gerecht, wenn all ihr vielstimmiger Irrsinn – Jahr für Jahr – nur wieder auf seine Hildesheimlichkeit, auf seine Schreibschulhaftigkeit und Homogenität abgeklopft wird.

Natürlich schreibt hier „eine Stadt“. Natürlich spricht hier (auch) „ein Studiengang“. Zuallererst jedoch betreten einzelne Studentinnen und Studenten – nur einmal jedes Jahr, ein paar von ihnen erst zum ersten oder zweiten Mal – die einzige Bühne, die sie gezielt für ihre Texte gezimmert und ausgeleuchtet haben.

Die „Landpartie“ ist der beste Grund, Rahmen, Vorwand und Anlass, den besten Text zu schreiben, den man bis heute zu schreiben imstande ist. Die „Landpartie“ ist Testgelände, Schaufenster, Labor. Und in der Summe, in ihren alljährlichen Fortsetzungen, wird sie zum Türrahmen, in den man seine Kerben ritzt, damit man selbst – und jeder, den es interessiert – ermessen kann, wie weit man als Autor im vergangenen Jahr gewachsen ist.

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„Es ist uns wichtig, klar zu zeigen, dass diese Anthologie ‚erwachsen‘ geworden ist“, erklärte mir Herausgeberin Lew Weisz. „Die Texte sollten wahrgenommen werden als zur Gegenwartsliteratur gehörend. Es wäre schade, das Projekt herunter zu brechen auf: ‚Hier kommt mal wieder eine Anthologie Studierender des Hildesheimer Literaturinstituts‘.“

2004, nach kaum fünf Monaten in der Stadt, beschlossen wir – der Jahrgang 2003 –, erste Erzählungen und Fotos in einem eigenen Buch zu sammeln. Das Thema? Hildesheim. Der Titel? „Stattflucht“ (Link), mit allen gewitzten Konnotationen: „Wir schreiben ein Buch über die Stadt – statt aus der Stadt zu flüchten.“

Am schwersten war die Suche nach einem guten Untertitel: „Stadtgeschichten“? „Eine Anthologie“? Fast fünf Minuten lang hing – allen Ernstes – die Idee im Raum, das Buch „14 Schreib-Versuche“ zu nennen. Und wie Gespenster – oder ein schlechter Geruch – schweben noch heute genau diese drei Grund-Unsicherheiten über jeder neuen Hildesheimer Sammlung:

Ist jedes Hildesheimer Buch ein Buch „über Hildesheim“?

Ist jeder Text aus einer Schreibschule ein „Schreibschul-Text“?

Ist jeder ungewohnte Schritt, jeder erzählerische Sprung ein „Schreib-Versuch“?

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Die 38 folgenden Texte verdienen klügere Fragen. Und einen weniger pauschalen Blick.

Sie sind Versuche von Schreibschülern, in einer schroffen, grauen Stadt.

Und… sie sind – deutlich, trotzig, schreiend! – mehr.

Ich wünsche mir, dass für diese (mittlerweile: achte) Hildeshimer Werkschau jenes „Mehr“ die Hauptrolle spielt. Und nicht, zum x-ten Mal: die Mietkasernen und Matratzen-Outlets. Die Hildesheimer Ausbrüche und Ängste.

Der Schreibschul-Generalverdacht.

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Dieser Text – über den Studiengang „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ in Hildesheim (Link) – erschien ursprünglich als Vorwort zu: „Landpartie 12“, Edition Pächterhaus, 2012.

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Mit Texten von: Kathrin Bach, Jonas Bohlken, Virginia Brunn, Dana Buchzik, Heidrun Eberl, Anna Fastabend, Jan Fischer, Karl Wolfgang Flender, Viktor Gallandi, Anna Gräsel, Moritz Grote, Juan S. Guse, Perspehone Haasis, Alina Herzog, Ana Teresa Hesse, Martin Hofstetter, Nicole von Horst, Yvonne Janetzke, Christoph Jehlicka, Juliana Kálnay, Fionna Kessler, Paul Klammbauer, Hannah Kurzenberger, Jan Mauer, Laetizia Praiss, Marc Oliver Rühle, Julia Sandforth, Marielle Sophie Shavan, Mareike Schneider, Franziska Schurr, Jacob Teich, Stefan Vidović, Lew Weisz, Philipp Winkler, Victor Witte, Ruben Zumstrull

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mehr Informationen:

  • Hildesheim: Eine Stadt, erklärt in 8 Videos (Link)
  • „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“: Ein Interview mit Marlen Schachinger (Link)
  • „Kulturtagebuch: Leben und Schreiben in Hildesheim“. Nachwort von Stefan Mesch, 2007 (Link)
  • „Kulturtagebuch: Leben und Schreiben in Hildesheim“. Rezension von Ingo Steinhaus. (Link)

die bisherigen „Landpartie“-Anthologien, seit 2005:

Kulturtagebuch: Leben und Schreiben in Hildesheim

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Anmerkung, 2017: drei-, viermal im Jahr melden sich Forschende oder Menschen, die sich zum Studium in Hildesheim bewerben wollen und fragen, wo das Buch erhältlich ist. Falls es gerade keine gebrauchten Ausgaben bei z.B. Amazon (Link) gibt: Ich schicke gerne ein .pdf – an Menschen, die damit arbeiten wollen oder die es beruflich brauchen.

Kontakt: das.ensemble@gmail.com

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Alle zusammen – jeder für sich.
Lose Notizen über die Dramaturgie einer Sammlung loser Notizen.

von Stefan Mesch (Link), Februar 2007

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Dieser Text – über den Studiengang „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ in Hildesheim (Link) – erschien ursprünglich als Nachwort von: „Kulturtagebuch: Leben und Schreiben in Hildesheim“ (Link), Glück & Schiller Verlag, 2007.

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1: Das Wesentliche

Was für ein blöder Abend [Was für ein blödes Jahr!]: Ich zahle den Espresso und knöpfe meinen Mantel zu, packe den Text ein und drehe mich zu den anderen. Wir sind im „Einstein“, einem aseptischen Café an der Uni; es ist der letzte Tag des Wintersemesters und kurz nach Mitternacht. „Warum Berlin?“ war das Motto unserer Lesung, es ging um Hildesheimtexte und Berlintexte [ungefähr 20 Stück]: eine kleine, unaufdringliche „Bitte bleib’ doch!“-Geste für einen Philosophieprofessor, der in die Hauptstadt wechseln will; Eintritt frei. Ich habe einen zwei Jahre alten Hildesheim-Weltschmerztext vorgelesen, hübsche Studenten mit diffusen Sorgen in einer hässlichen Stadt [„Ich drücke auf alle Knöpfe, die ich finden kann, und nichts passiert.“]. Der Text hat sich schlecht gehalten: Weltschmerz in Hildesheim, dieser Bogen ist überspannt.

Wir packen unsere Sachen. Innerlich sind wir schon in den Semesterferien: beim nächsten Praktikum, den anstehenden Deadlines oder daheim, bei den Eltern. Ich habe Leif gesagt, er soll mir eine Mail schicken, wenn er ein Lektorat braucht. Ich habe Jan versprochen, mit ihm trinken zu gehen, sobald ich den Kopf frei habe. Ich nehme Alex in den Arm und wünsche ihr viel Spaß in Baden-Baden [SWR, Hörspielredaktion], „Die Kolumne schicke ich dir am Wochenende; früher werde ich nicht fertig. Und über den Theaterhaustext reden wir im April noch mal, ja? Ist grad alles sehr viel.“ Sie schultert ihre Tasche. Johannes schultert seine Gitarre. Die Kellnerin gähnt. Wir versichern uns, dass wir zufrieden sind [kaum Publikum, aber der Philosophieprofessor hat geklatscht und sich gefreut], doch während wir uns verabschieden fühlt es sich an, als sei dieser Abend irgendwie vorbeigeschrammt am Wesentlichen – was auch immer das ist: das Wesentliche.

Das Wesentliche ist das Gefühl, dass es gar nicht anders geht; die Gewissheit, am richtigen Ort zu sein und mit den richtigen Leuten an den richtigen Dingen zu arbeiten. Das Wesentliche ist die Literatur, Training und Dressur einer distinkt eigenen Erzählstimme. Wesentlich für die Entwicklung dieser Stimme wiederum ist das Beobachten und Durchdringen der Gegenwart: kulturjournalistisches Einsaugen und Experimentieren, Notieren, Verlinken und Symptomatisieren. Sich wund reiben an der Welt, und jeden Trend, jedes Reiz- und Modewort der Feuilletons als Spitze eines ganzen Eisberges kulturhistorischer Interdependenzen durchblicken zu lernen. Entsprechend hat Hanns-Josef Ortheil guten Grund, uns z.B. Bachs „Kunst der Fuge“ ans Herz zu legen, wenn es um Dramaturgie und erzählerisches Timing geht. Wir dürfen uns [so der bemüht-allgegenwärtige Hildesheimgedanke der Interdisziplinarität] nicht auf eine Epoche und einen kulturwissenschaftliche Bereich beschränken; und deshalb lässt sich jemand wie Bach unmöglich ausklammern. Oder Braque. Oder Beckett.

Kulturwissenschaftler werden, ohne Marschall McLuhan zu kennen? David Lynch, Chris Cunningham, Thomas Kling? Unmöglich! Wir müssen wissen, wie Susan Sontag und Neil Gaiman mit Welt verfahren, wie Gregory Crewsdson und Therézia Mora sehen, wie Jo Gerner und Kurt Schwitters sprechen, worüber Buffy oder Kraftwerk singen.

Bevor ich nach Hildesheim kam, stellte ich mir eine Schreibschule als staubige Parallelwelt vor, in der Bügelfaltenbuben und Hornbrillenfrolleins tagein, tagaus über Henry James und Gertrude Stein plauschen – stattdessen saß ich im ersten Semester [Winter 2003/2004; und bis heute keine abgeschlossene Zwischenprüfung] montags im „Xena“- und dienstags im „Twin Peaks & Akte X“-Seminar, und nach sechs Wochen hielt ich meine ersten beiden Referate, über „Batman“ und lesbische Fanfiction. Herrlich! Statt isoliertem Fachidiotentum lernen wir hier – immer am konkreten Gegenstand – neue Methoden des Begreifens und Hinterfragens. Deshalb sind die Gegenstände – so gern man sich auch in ihnen verliert – fast ein wenig auswechselbar.

„Merken oder nicht? Kaufen oder nicht? Wichtig oder nichtig oder irgendwas dazwischen?“, rätselt Tilman über das Kulturkuddelmuddel im „Jetztzeit“-Seminar. Falsche Fragen, Til: Was zählt, ist der Blick, nicht das Artefakt! Denn das Wesentliche beginnt nicht erst beim Schreiben. Auch nicht beim Beobachten. Nein, das Wesentliche ist ein allen Dingen vorausgehender Denkprozess [„geistreich, horizontöffnend, vielschichtig, wendig, schön und warmherzig“, wie Johannes schreibt, ich füge noch „erratisch“, „spielerisch“ und „mutig“ hinzu]. Und dieser Denkprozess wird im Dokumentarfilm-Seminar genauso gefordert wie bei „Junge deutsche Gegenwartsliteratur“. Er hilft beim Geigenspiel und beim Busfahren, im Kino und an der Supermarktkasse. Und [ja, auch das] bei der Lektüre von „To kill a Mockingbird“. Oder Gertrude Stein.

Deshalb freut sich Tessa: „Wenn ich schreiben müsste, kann ich immer noch Plakate entwerfen. Und wenn ich Plakate entwerfen sollte, schreiben!“. Und deshalb ärgert sich Marcel: „Offenbar weiß in Hildesheim niemand zu keiner Zeit hundertprozentig, was er gerade tut.“

Beide haben Recht. Denn egal, ob wir rausgehen und studieren oder drinnen bleiben und schreiben, ob wir Klassiker lesen oder Seifenopern kucken, ob wir arbeiten oder leben, konsumieren oder produzieren, alles ist irgendwie nützlich, und läuft doch stets Gefahr, am Wesentlichen [Der Welt? Dem Schreiben?] vorbeizuschrammen – so weit dieser Begriff des „Wesentlichen“ in Hildesheim auch gefasst wird [Kraftwerk? Hilfe!]. Im „Einstein“ gehen die Lichter aus. Ich zünde mir eine Zigarette an und fahre in die Nordstadt, parke den Wagen in meiner Straße. Dann schaue ich auf die Uhr: halb eins. Lutz’ WG will heute irgendwas feiern, ich habe nur sehr halbherzig zugehört [ich muss arbeiten!]. Jetzt gehe ich doch noch kurz rüber, drei Häuser weiter, aber schon vor der Haustür höre ich den Bass, die vielen Stimmen [„Wichtig oder nichtig oder irgendwas dazwischen?“] und schüttle den Kopf. Nein, lieber nicht: Ich will mich nicht für alles und jeden hier interessieren müssen, 24/7; heute Abend wird das einfach nichts mehr. Ich gehe hoch in meine Wohnung und erledige meine E-Mails [Was für ein blöder Abend!].

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2: Das Eigene

„Setzt euch der Welt aus, kuckt euch um! Nehmt alle Dinge in die Hand und überprüft ihre Textur!“ Das ist ein guter Ansatz, um Menschen zum Denken [und zum Schreiben] zu bringen. Doch wer im Juli die Eignungsprüfung erfolgreich bestanden hat, der will im folgenden Oktober keine neuen Denkansätze zwischen die Beine geschleudert kriegen, sondern „auf dem Pferd des schönen Satzes und dem Gewand der Großgeistigkeit in den Domänenhof einreiten“, wo ihn alle erst einmal kräftig für seine Einzigartigkeit beklatschen [„Ich veröffentliche auf jetzt.de!“, „Ich liebe Douglas Adams!“, „Ich habe auf Kuba gelebt!“].

In meinem ersten Hildesheimer Winter [Rückblende!] machte ich in allen Seminaren doofe Wortmeldungen, schaute mir Abends mit einem überdrehten Stöckelschuhmädchen schräge Kinofilme an und fühlte mich sehr suave. Und jeden Mittwoch, an meinem Uni-freien Tag, schrieb ich eine neue Kurzgeschichte. Bei Schriftgröße 12 schafft man in anderthalb Stunden ungefähr drei Seiten.

An einem nebligen Wochenende im Februar luden die Professoren [Ortheil und Porombka] dann zur großen Textwerkstatt [Schlüsselmoment!]. Mein Text handelte von einem unglaublich faszinierenden jungen Mann, dessen Vater in der Eröffnungsszene [Rückblende! Schlüsselmoment!] den Familienwellensittich in den Staubsauger saugt. Während ich las, starrte Ortheil mit leeren, traurigen Augen ins Nichts; nach einer Seite sagte er: „Danke, das reicht.“

Porombka machte eine wegwerfende Handbewegung, „Herr Mesch, das ist Trash!“. Anschließend empfahlen sie mir Hemingway, als Sofortmaßnahme gegen zähe Dialoge und Schachtelsätze, und geschlagen fuhr ich zurück in die Nordstadt. Ich verfluchte Ortheil [Er war gelangweilt. Mein Text hat ihn gelangweilt!], ich verfluchte Porombka [Sie haben uns monatelang ins Leere schreiben lassen! Und sie hassen jedes Wort, das ich jemals ausgesprochen habe!], ich blieb zwei Wochen in der Wohnung und las alle Romane von Hemingway. „This place is a prison / and these people aren’t your friends“, auf Endlosschleife im CD-Player.

Verdammt, nein: Wer nach Hildesheim kommt, der will ankommen, nicht umdenken. Es ist schwer genug, den Daheimgebliebenen unsere Arbeit zur erklären: „Unser Team entwickelt gerade Discounter-Knockoffs der ‚Müller’-Fruchtmolkedrinks. Damit revolutionieren wir den Fruchtmolkemarkt! Und was machst du?“ – „Ich habe einen Kurztext über den kulturellen Mehrwert von Essiggurken geschrieben.“

Selbstzweifel? Lieber nicht, sonst stolpert man bald mit abgehackten Händen und verkniffenen Lidern ins Opferdenken und zieht dabei eine Rotzfahne patzig-hilfloser Texte hinter sich her. Denn was wird noch groß leuchten, sobald man vor lauter Weltekel gar nicht mehr richtig beobachten und hinschauen will? Die große Zumutung, das schlichtweg Infame an Ortheils Grundkurs-Appell [„Anhalten! Umdrehen! Noch einmal ganz von vorne beginnen, bei der Beschreibung eines Schwimmbads, einer Bushaltestelle oder des Glutpunkts einer Zigarre!“] ist die Selbstverständlichkeit, mit der alles, was wir bislang geschrieben haben, als Amateurkram abgetan wird:

Ortheil dringt in die WGs und Hotelzimmer, Altbauwohnungen und Küstendörfer unserer Prosa ein, rüttelt an den Hauptfiguren, der Fototapete vor den Fenstern und den Hunde- oder Kinderattrappen in den Nebenzimmern, reibt mit dem Finger über unsere Requisiten und zeigt uns den Staub, der sich dort abgelagert hat. Er ist der große böse Wolf, der alles zum Einsturz bringt, und dafür muss er nicht einmal kräftig pusten [Im zweiten Semester habe ich viele, viele Bücher gelesen, mir alle Wortmeldungen zweimal überlegt, und das Stöckelschuhmädchen maulte auf meiner Mailbox, dass ich krankhaft und verbissen geworden sei].

„Wenn ich früher aus dem Alltag flüchten wollte, habe ich geschrieben“, schreibt Tessa. „Aber was passiert, wenn mein Schreiben Alltag wird? Wohin gehe ich dann?“ Das ist hübsch gedacht und gut formuliert, doch vielleicht greift der Gedanke einer „Flucht ins Schreiben“ zu kurz. Denn bei mir knarrt da sofort die Tür zu einem Turmzimmerchen auf, in dem eine Kerze blakt und eine Feder kratzt, während der Nachtwind müde mit den Vorhängen tanzt. Wer sich ins Schreiben flüchtet, der ist anderswo und damit aus dem Spiel.

Jene [wenigen] Schreiber aber, die mir in Hildesheim richtig ans Herz gewachsen sind [und alle „echten“ Autoren, die ich verehre und verschlinge; Hemingway gehört nicht dazu] haben ein ganz anderes, weit weniger romantisiertes Selbstverständnis: Statt sich in hastig zusammengezimmerte Kitschkulissen zurückzuziehen, spielen sie mit Realität, legen den Filter ihrer Wahrnehmung über das ganz, ganz Konkrete. Mit „Flucht“ hat ein solches Sich-selbst-auf-die-Welt-Anwenden nichts zu tun, sondern [nochmal Johannes] mit der „grundlegenden Bereitschaft, alles, was man hat, nach vorne zu werfen.“

Eben das, irrt man leider bereits nach zweidrei Wochen Hildesheim, tut man doch auch: Die eigene Stimme erheben und darauf warten, dass die Kuwikakophonie der Domäne und das ewige „Amélie“-Gedudel im Hofcafé verwundert verstummen und alle raunen: „Kurios, kurios. Was für eine interessante Person.“ Doch wenn jeder etwas Besonderes ist [das habe ich bei meinem vorletzten Kinobesuch gelernt, sans Stöckelschuhmädchen], dann ist keiner mehr etwas Besonderes. Kaum ist man angekommen muss man begreifen: Hildesheim pflügt durch unsere Texte, mäkelt an unseren Begrifflichkeiten, ein Studiengang dringt in Bereiche ein, die niemand bislang in Frage gestellt hat, und Institution pisst in unseren ureigensten Schutzraum.

„Ha! Schutzraum!“, schreit Tessa jetzt auf, „Da sind wir doch wieder beim Turmzimmerchen, Stefan! Genau davon rede ich doch!“ Pustekuchen!
Denn mit „Schutzraum“ meine ich nicht unsere Kreativität, sondern unser Selbst. Ein Selbst, dessen Defizite man in der Schule und vor den Eltern bequem-kokett kaschieren konnte, indem man auf jede Forderung, der man sich nicht gewachsen sah, und auf jedes Spiel, das man verlieren würde, mit „etwas Geistreichem, Unerwartetem“ [Kreativität? Nein: überdrehter Unfug, der sich allen Bewertungskriterien entzog!] reagierte: das Schreiben als Übersprungshandlung und Schutzschild. Ich habe nie „die Aufgabe“ erfüllt; niemals den Hauptpreis gewonnen. Aber ich war immer verdammt geschickt darin, „Sonderpreise“ abzustauben – für Leistungen, die eigentlich gar nicht gefragt waren. Doch Aufschneider erkennen einander. Und wer in Hildesheim trotzdem Eintrittskarten für seine Turmzimmerchen verschachern will, sein Blendwerk hastig in irgendwelchen Zeitschriften veröffentlicht [been there, done that!] und sich Ortheil und Porombka einlädt [im Glauben, sie würden andächtig im Türrahmen verharren und seufzen: „Uiuiui, Hut ab!“], der sollte wenigstens vorher den Fußboden wischen, Kaffee aufsetzen und seine Menschenmaske bereit halten.

Denn all dieser grell-geile Innerlichkeits-Kitsch wird in einer Textwerkstatt schnell beiseite gefegt. Und plötzlich ist da nichts mehr, das man zwischen sich und die Kritik schieben kann; plötzlich tut es weh. Irgendwann im dritten Semester stellte ich meine Türklingel ab.

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3: Das Richtige

„Wie kannst du so urteilen?“, fragt Inga, „Du sprichst deine Meinung aus, als sei sie schlicht die Wahrheit. Stefan, das bist nur du. Das ist nur dein Blick!“ Wir sitzen in Lutz’ Küche und trinken Wodka; es ist vier Uhr morgens, als ich [doch noch] rüberkam, waren alle Gäste schon wieder fort. Nur Marcel nahm mich noch kurz beiseite, nach dem dritten Eierbecher [die Gläser waren alle], er trug bereits seine Jacke: „Kannst du kurz was zu meiner Lyrik sagen, bevor ich gehe?“ – „Lyrik. Ja, klar. Gerne.“ [Warum heute, warum jetzt? Ich bechere mir gerade meine Sozialphobie vom Hals!]

„Mich hat’s kalt gelassen“, sage ich ihm, „Ich versteh’ den Ansatz, und deine Richtung stimmt. Aber die Motive, dieses ganze ‚Rot’ und ‚Blut’ und ‚Bloody Mary’, da werden mir Assoziationen mit einer solchen Wucht reingesemmelt, dass ich denke: ‚Nee, Freundchen – so einfach kriegste mich nicht!’. Die Bilder suggerieren nichts, sie manipulieren. Aber viel zu plump. Und man merkt: Für dich steht da nichts auf dem Spiel. Du fehlst; in deinem eigenen Text.“ – „Aha“, sagt Marcel, „okay“, sagt Marcel, „vielleicht schicke ich was Neues.“ Wir verabschieden uns.

Vor anderthalb Jahren, als Ortheil uns die Idee dieses Projekts skizzierte, leuchteten seine Augen: „Schreibwerkstatt“ und „Arbeitsjournal“, „Symptomatisierung“ und „Poetik“, alle Wörter also, die durch diesen Studiengang schwirren wie rastlose kleine Insekten, sollten von den Erstsemestern auf Nadeln gepinnt und von uns Herausgebern in einer schönen, hellen Vitrine arrangiert werden. Auch meine Augen leuchteten. Allerdings sah ich andere Begriffe: „Gruppendynamik“ und „Konkurrenz“, „Privatmythologie“ und „Selbstdarstellung“. Ich wusste: Das wird Stress. Ich hoffte: Das wird vertrackter, interessanter Stress. Ich hatte keine Ahnung.

Es wurde das schlimmste, aber auch das sinnvollste Projekt, an dem ich jemals beteiligt war. Donnerstags Abends, nach dem Tutorium, setzte ich Kaffee auf und begann, die Tagebücher der vergangenen Woche zu sichten. Sonntag Abends war der Rohschnitt fertig und die neuen Wochenprotokolle trudelten ein: Ich konnte alle Partys und Seminare, Krisen und Küchentischgespräche nachlesen, die ich in den letzten Tagen verpasst hatte.

Einen der letzten KT-Texte, den ich erhielt, war Ingas Schlussmonolog: „Ich habe kreative Prozesse niemals stetig erlebt, nicht im Schreiben, nicht als Selbstverwirklichung. Vielleicht, weil man ein Selbst bräuchte, um es zu verwirklichen, ein Selbst, das man kennt.“ Mittlerweile war April, ich war lange nicht draußen gewesen und rief sie an, fragte, ob ich ihr irgendwie helfen könne. Inga verschluckte sich. Sie lachte kurz auf [„glockenhell und ein wenig schrill“, wie Lea schreibt], der Anruf war ihr sehr unangenehm. „Das war ein Text“, sagt Inga, „keine persönliche Mail!“ [„Ich bin eine Person“, hatte mich Meike kurz vorher erinnern müssen, „keine ‚schlecht funktionierende Figur’!“]

Auch heute Abend, zwischen den Resten dieser verpassten Party, kipple ich zwischen Mensch und Mentorenrolle, bin Teil dieser Kollektivmisere und trotzdem Beobachter. Inga will wissen, mit welcher Berechtigung ich über Marcels Lyrik spreche. Nicht als Angriff – sie fragt sich wirklich und ehrlich: Wo ist die Grenze?
Ich weiß es nicht. Denn ich höre die Zahnräder der Hildesheimmaschinerie jedes Mal bedenklich knirschen, wenn sich in Seminaren verwirrte Erstsemester melden und ganz ehrlich und arglos fragen, ob man das überhaupt darf: alles und jedes forsch in die Hand nehmen und daran kratzen; es durchschütteln, nur um zu sehen, was dann damit passiert. Wenn Lea mit schweißnassen Händen den Anruf eines unserer „Fahrtenschreiber“-Lektoratsopfer annehmen muss [„Bitte, bitte stellen Sie keine Fragen mehr!“], dann werden Grenzen überschritten in Bereiche jenseits eines Studiums, einer kulturwissenschaftlichen Tätigkeit.

Hildesheim zwingt uns, Urteile zu fällen. Über Texte, über die Menschen dahinter, über die gesamte Kultur. Und diese Urteile selbstsicher [Inga fragt: selbstgerecht?] in Text zu übersetzen. Doch was hat mein Blick auf der Lyrik von Marcel Maas zu suchen, auf der Musik von Kraftwerk, auf dem Urteil von Professor Doktor Stephan Porombka? Die Ängste Inga Machels, die Poetik Ernest Hemingways, die Sexualität Meike Blatzheims, die geschwollenen Fußknöchel eines Mädchens, das jetzt wieder alleine im Kino sitzt – soll ich mir das ansehen; darf ich wirklich durch all diese Räume panzern, auf der Suche nach Leuchten und Symptomatik?

Lutz gießt uns Wodka nach. „Ich glaube nicht, dass uns Hildesheim irgend etwas gibt“, sage ich zu Inga, „Dass uns dieses Studium bereichert. Wir wachsen nicht, wir werden zusammengepresst.“ Ich klinge wie in meinem Weltschmerztext, aber das macht es nicht weniger wahr: Ich schreibe immer weniger. Ich sage immer weniger. Ich gehe kaum noch vor die Tür.

Hildesheim macht aus meinen wolkigen Meinungen und Sätzen kleine, feste Klumpen; Hildesheim bringt mich auf den Punkt. „Inga, ich habe nur meine Stimme, nur meinen Blick. Aber das heißt auch: Ich habe meine Stimme, meinen Blick! Und ich lerne gerade, damit Dinge zu sehen und auszusprechen, die ich sehen und aussprechen kann. Als ich dein KT gelesen habe, zuckte ich ständig zusammen und dachte ‚Oh Gott, was ist das denn für ein Blick?’. Das sind die Passagen, die ich ins fertige Buch übernommen habe, bei allen Autoren: Sätze, die ich nie geschrieben hätte – die ich nie hätte schreiben können! Dafür sind wir hier, Inga. Um alles wegzunehmen, auszustreichen. Bis nur noch das Wesentliche übrig ist. Bis unsere Texte das sind, was sie sein wollen: unsere Texte.“

Inga sieht irgendwie seltsam aus, aber ich habe mich in Rage geredet, ich bin sehr ernst und sehr betrunken: „Du weißt nicht, wie das war: monatelang in meinem Loch zu hocken und eure Vertraulichkeiten zu verschneiden; Vertraulichkeiten, die nicht an mich adressiert waren. Als ich deinen Schlussmonolog las, habe ich geheult. Und gedacht: ‚Danke, dass ich das lesen darf; danke, dass das jeder lesen darf!’ Und natürlich ist es Gestotter und natürlich holpert es noch an allen Ecken und Enden, aber es ist so offensichtlich, dass du etwas sagen willst, das nur du sagen kannst. Das ist der Text von dir, auf den ich warte. Ich weiß, dass er kommt. Und wenn’s noch zehn Jahre dauert.“

Inga sieht mich lange an, dann fährt sie sich über das Gesicht und dreht sich weg. „Warte kurz!“, sagt sie und steht auf, „Warte.“ Ich sehe ihren Rücken, ihre Schultern [Lutz greift nach ihrer Hand]. „Es geht gleich wieder. Entschuldige.“ Sie schluckt. „Alles okay. Tut mir Leid.“ Als sie sich wieder umdreht, lächelt sie.

Stefan Mesch,
im Februar 2007

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mehr Informationen:

  • „Kulturtagebuch: Leben und Schreiben in Hildesheim“. Rezension von Ingo Steinhaus. (Link)
  • „Kulturtagebuch“ bei Goodreads.com (Link)
  • Hildesheim: Eine Stadt, erklärt in 8 Videos (Link)
  • „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“: Ein Interview mit Marlen Schachinger (Link)

Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim: Interview

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Marlen Schachinger, eine Wiener Autorin und Literaturwissenschaftlerin, befragt für ihre Promotion verschiedene Absolventen der deutschsprachigen Schreibschulen in Leipzig (Link), Biel (Link) und Hildesheim (Link).

Eine gute Gelegenheit, entlang Schachingers (vielen!) Fragen das Hildesheimer Literatur- und Journalismusstudium zu erklären:

Ich selbst war von Herbst 2003 bis Weihnachten 2008 in der Stadt (Link)

…habe 2006 mit 16 Erstsemestern ein 500-Seiten-Buch über den Schreib- und Studienalltag zusammengestellt (Link). Danach zwei Jahre lang eine Zeitschrift für junge Literatur (Link) mitherausgegeben und ein großes Literaturfestival (Link) mitorganisiert…

…bis Ende 2008 dann alle nötigen Seminare und Vorlesungen besucht waren.

Ich ging nach Toronto, für ein Praktikum (Link). Und schreibe seit Mitte 2009 an „Zimmer voller Freunde“, meinen ersten Roman (und zugleich Diplom-/Abschlussarbeit).

Mehr Links und Arbeitsproben hier (Link).

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Marlen Schachinger: Weshalb fiel Ihre Wahl auf Hildesheim?

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Stefan Mesch: Ich habe als Schüler mehrere Stunden pro Tag Tagebuch und Filmkritiken geschrieben und war ein großer Fan von komplizierten TV-Serien wie ‚Babylon 5‘, ‚Willkommen im Leben‘ oder ‚Neon Genesis Evangelion‘.

Mein Traumberuf war damals Showrunner / ausführender Produzent, der (realistischere) ‚Notfallplan‘ Fernsehkritiker… und falls alles schief geht, Psychologe.

Nach dem Abitur arbeitete ich für ein Jahr in einem Behindertenheim und suchte online, nebenher, nach guten Studiengängen. Mein Favorit war die Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam (Link), die einzigen beiden Alternativen das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig (Link) und der Studiengang ‚Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus‘ in Hildesheim (Link).

Alle drei Unis hatten Eignungsprüfungen und verlangten mehrere Arbeitsproben, also schrieb ich im Herbst 2003 eine Handvoll Kurzgeschichten, Essays und Filmkritiken und bewarb mich im Januar, jeweils zum Wintersemester 2004.

Alle drei Institute luden mich zur künstlerischen Eignungsprüfung ein:

Potsdam machte einen tollen Eindruck – die Hochschule, der Lehrplan, die Studenten -, aber das Gespräch fand vor einem Gremium mit 9 (!) Dozenten statt, und ich glaube, ich stotterte sehr defensiv herum – eine Art Verhör, ziemlich kalt und feindselig, und ich selbst schlimm verunsichert / richtungslos.

Die Eignungsprüfung in Hildesheim…

…lief viel besser: eine kurze Begrüßung, eine Schreibaufgabe, für die man sich frei auf dem Gelände bewegen durfte, und dann ein Gespräch mit drei – wachen, lebendigen, interessierten – Dozenten.

Hildesheim ist eine kleine, schroffe, ärmliche, traditionell katholische Stadt, im zweiten Weltkrieg von Brandbomben zerstört und sehr pragmatisch / schmucklos wieder aufgebaut: schöne Natur und ein paar letzte, sympathische Fachwerkhäuser und Kloster/Kirchen, aber kaum Restaurants, kein… bürgerliches Publikum – ein graues, muffiges, pragmatisch-kaltes „Geistesklima“ (Link): Trinkerkneipen, Schützenfeste, Spielotheken… sogar der McDonald’s am Bahnhof hat schließen müssen.

Ausgerechnet in diesem Nest, drei Stunden von Berlin, 40 Minuten von Hannover, versammeln sich pro Jahr etwa 150 Kulturwissenschaftler (Link) – drei Viertel davon direkt nach dem Abitur, und 85 Prozent Frauen – und studieren an der Domäne Marienburg (Link), einem idyllischen, kleinen, grünen Mini-Hogwarts am Stadtrand.

Beginnend mit der Prüfung fühlte ich mich dort verstanden, gefördert und gut aufgehoben. Auch, weil die meisten Mitbewerber in meinem Alter – 19 bis 22 – waren: Das Eignungsgespräch am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, zehn Tage später, machte zwar ähnlichen Spaß… aber ich traf dort vor allem Mittzwanziger, die alle bereits etwas anderes studiert hatten und sich in Leipzig, binnen drei Jahren, den letzten Schliff für ihr eigenes Schreiben und ein paar wichtige Kontakte holen wollten.

Ich hatte das Gefühl, jeder war bereits ausgebildeter Kirchenmusiker (Link), Jurist (Link) oder Steinmetz (Link), und mir in Können und Lebenserfahrung weit voraus.

Das sagte ich dann auch, im Gespräch: Mir erscheint Hildesheim bis heute als der schlüssigere Ort. Jedenfalls für junge Leute, die noch Zeit brauchen.

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Marlen Schachinger: Welche Erfahrungen machten Sie in Hildesheim? Mit dem Lehrbetrieb? Mit ProfessorInnen? Mit StudienkollegInnen? Mit Konkurrenz? Mit Reaktionen von außen (Literaturbetrieb, privates Umfeld, Verlage, Jury-Gremien etc.)

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Stefan Mesch: Das ist eine schreckliche, sehr schlecht gestellte Frage.

Ich war fünf Jahre lang in Hildesheim… und Sie wollen eine Zusammenfassung von… allem? 🙂

Ich habe 2006, für das Buch ‚Kulturtagebuch – Leben und Schreiben in Hildesheim‘ (Link) zwei längere Texte geschrieben, die ich gerne [Ende September] online stelle und verlinke:

  • eine (recht sachliche) Einführung in das Studienkonzept (Link folgt)
  • …und ein persönlicherer Text über die Jahre 2003 bis 2006 (Link)

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Jährlich bewerben sich in Hildesheim 400 bis 600 „Schreibschüler“. 40 werden zur Eignungsprüfung eingeladen… und zwischen 10 und 20 bilden dann einen Jahrgang. In meinem Jahrgang, 2003, waren das fünf Männer und neun Frauen. Die jüngste Frau war 17. Die älteste 28. Die meisten 19 oder 20.

Fast alle haben das Studium abgeschlossen, und fast jeder von uns verdient heute mit seinem Schreiben Geld: als Literaturkritiker, als Comedy-Autor, als Volontärin bei einer großen Tageszeitung, als Redakteurin im Kultur-Radio, als Lehrbeauftragter – mit Schreib-Seminaren… Ein Freund verdient das meiste Geld als Minnesänger auf Mittelalter-Liverollenspielen.

Ein paar von uns schreiben tatsächlich Romane. Ein paar dieser Romane wurden tatsächlich abgeschlossen… und tatsächlich verlegt.

Und es gibt, bis heute, niemanden in dieser Gruppe, den ich nicht entweder sehr mag… oder sehr hasse.

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Trotzdem darf man sich Hildesheim nicht als kleine, idyllische und abgeschottete „Akademie“ vorstellen, in der verschworene Kleingruppen von den Meistern lernen: Noch in den Neunzigern studierten in Hildesheim vor allem angehende Lehrer und Pädagogen – und auch das kulturwissenschaftliche Institut (Link) bildete ursprünglich „nur“ Kultur-Pädagogen aus.

Das hat sich – beginnend mit der Umbenennung zu „Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis“, Mitte der Neunziger – immer weiter differenziert: Man verlässt Hildesheim als diplomierter Kulturwissenschafter (Link)… nach ca. neun Semestern in den Studiengängen (Link)

  • Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis (Link)
  • Szenische Künste (Link)
  • Philosophie – Künste – Medien
  • …oder Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus (Link)

Die wichtigsten Vorlesungen und fast alle Projekte / Seminare finden für Studierende all dieser Studienrichtungen statt… und in den Nebenfächern (Psychologie, Soziologie, Politik, Kulturpolitik, Kunst u.a.) stoßen oft auch Studierende aus den anderen drei Fachbereichen der Universität (Link) hinzu – das sind (frappant oft) Leute aus dem Landkreis und der Region, die Lehrer werden möchten und… unendlich viel pragmatischer und weniger elitär sind.

Aber eben auch: viel, viel klarere Ziele haben. Und nur wenig Geduld mit exzentrischen „Künstlern“.

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  1. Inwiefern und wodurch fühlten Sie sich in Hildesheim in Ihrem Bestreben, AutorIn zu werden, unterstützt?
  2. Worin sehen Sie rückblickend die Vorteile dieses bzw. eines solchen Studiums?
  3. Und verglichen mit anderen AutorInnen, die ohne spezifisches Studium/Ausbildung ihren Weg gehen, sich autodidaktisch weiterbilden …: Würden Sie sagen, es ist von Vorteil, in Hildesheim oder an anderen Ausbildungsstätten Seminare zu besuchen? Inwiefern?
  4. Verglichen mit anderen AutorInnen, die ohne spezifisches Studium ihren Weg gehen, sich autodidaktisch weiterbilden … Würden Sie sagen, dass die universitäre Struktur für diese Art von Studium von Vorteil oder Nachteil ist? Weshalb? Wie sollte idealerweise der Rahmen für eine Lehre in diesem Bereich aussehen?
  5. Nehmen bzw. nahmen Sie auch an anderen Aus- und Weiterbildungs-Lehrgängen für AutorInnen teil? Wenn ja, an welchen? Vergleichen Sie diese bitte im Hinblick auf Arbeitsweise, Lehrangebote, Erfahrung kurz miteinander. Wenn nein: Bitte um Ihre Beweggründe?
  6. Wie erging es Ihnen bei Ihrer Abschlussarbeit? Wie seither? Hat die dazwischen liegende Zeit auch Ihren Blick auf Hildesheim bzw. auf den Arbeits- und Lebensbereich AutorIn-Sein verändert? Inwiefern? Haben sich Ansichten bzgl. des Literaturbetriebs verändert?
  7. Welche Auswirkungen hatte der Besuch (möglichst konkret) für Ihr Schreiben? Ihren Werdegang? Hat es Ihren Weg in den Literaturbetrieb geebnet? Wenn ja, inwiefern? Wenn nein: Weshalb nicht?
  8. Welche Ihrer Erwartungen wurden nicht oder nur begrenzt erfüllt?
  9. Wie wird sich durch die Zunahme der Angebote im deutschsprachigen Raum die literarische Szene Ihrer Ansicht nach verändern?