Gegenwartsliteratur

Sandra Gugić: “Astronauten” (Interview)

Sandra Gugic. Foto: Dirk Skiba

Sandra Gugic. Foto: Dirk Skiba

.

“Sag Ihnen, du hast mich schweben sehen”

Der erste Roman: Sandra Gugić und ihr Debüt „Astronauten“

von Stefan Mesch

.

Mein Lieblingstext beim Open Mike 2012 hieß „Junge Frau, undatiert“. Wegen Sätzen wie „Ich bleibe nie lange. Meine Habseligkeiten passen in einen großen blauen Koffer aus Polykarbonat sowie einen stabilen Rucksack für Laptop, Kamera und Stativ.“

Das altmodische „Habseligkeiten“, das charmant umständliche „sowie“, das klug-präzsie „Polykarbonat“: Sandra Gugić, geboren 1976 in Wien, schafft Atmosphäre, Suggestionsräume – kein Wort wirkt beliebig. Aber jedes strebt in eine andere Richtung.

2015 erschien ihr Debütroman: „Astronauten“ (199 Seiten, C.H. Beck).

Künstler, Taxifahrer, jugendliche Vandalen, verlassene Hotels, schäbige Hinterhauswohnungen, Paranoia im Villenviertel. Ein Großstadt-Mosaik, dessen Anspruch und raffinierte Vielstimmigkeit mich überzeugte – aber hundert Fragen aufwarf. 24 davon habe ich Sandra Gugić gestellt.

Ein Interview, kurz vor Gugićs „Astronauten“-Lesung zum 23. Open Mike 2015.

.

Was ist dieser Roman, „Astronauten“? Was erzählst du?

Es ist ja immer recht unangenehm, den eigenen Text zu erklären oder zusammenzufassen. Es steht ja alles drin im Roman. Mich interessieren gesellschaftliche Mechanismen, Parallelgesellschaften, Randexistenzen. Aber wo ist eigentlich der Rand, und wer zieht die Linien?

Was macht unsere Identität aus? Wie funktioniert oder scheitert unsere Gemeinschaft? Das sind die Fragen, die mich beschäftigen und sich auch in dieser formalen Lösung mit sechs verschiedenen Erzählstimmen spiegeln.

Was ist dieser Roman? Ha, jetzt will ich auch mal Pathos schreiben: ein Herz, das schlägt!

Gab es eine Keimzelle – eine erste Idee?

Ich habe mit nur einem Ich-Erzähler begonnen, Darko. Er war die Keimzelle, daraus wurde der Ursprungstext – aber alle späteren Figuren kamen schon vor. Die zweite Stimme war sein Vater, Alen. So ging das weiter, ich glaube in der Reihenfolge Mara, Niko. Alex kam ganz am Schluss dazu, dafür fiel eine andere Stimme raus. Es war einfach so, dass eine Figur nach der anderen das Wort ergriffen hat.

War Kapitel 1 dein erstes Kapitel? Hast du chronologisch geschrieben?

Das erste Kapitel entstand so ungefähr in der Reihenfolge, aber ich arbeite immer parallel, gehe im Text vor und wieder rückwärts, endlose Schleifen. Chronologisch im eigentlichen Sinne aber nicht. Das lineare Erzählen ist nicht meine Sache, mit einer linearen Art des Erzählens kann ich immer nur wieder ähnliche Weltbilder reproduzieren, aber alles geschieht gleichzeitig, parallel zueinander, es bleibt den Wegen zu folgen, die durch eine konsequente Ablehnung von Geradlinigkeit überzeugen.

Das multiperspektivische und nichtlineare Erzählen und Schreiben war für mich logische Konsequenz, um die verschiedenen Stimmen in all ihrer Dringlichkeit, ihren Gedankenschleifen, Parallelen, Widersprüchen und in dem hohen Tempo wiedergeben zu können, in dem sie sich mir erzählt haben.

Ist das ein technisches Problem für dich, bei Print-Büchern? Hättest du lieber ein Netz entwickelt, das man nonlinear lesen kann – oder das Sprünge erlaubt?

Ganz im Gegenteil. Ich sehe kein Problem, weder als technisches noch als erzählerisches, ich sehe eine Herausforderung, das Schreiben als eine Einladung zu Experiment und Spiel, der ich gefolgt bin.

Es gibt keine gerade Linie, weder in den Dingen, noch in der Sprache. Die Syntax ist die Gesamtheit von notwendigen Abwegen, die stets von neuem geschaffen werden, um das Leben in den Dingen sichtbar zu machen. // Deleuze, Kritik und Klinik

.

Sandra Gugic, Foto privat

Sandra Gugic, Foto privat

.

Wie nah ist das fertige Buch an dem, was du dir zu Beginn der Arbeit vorgestellt hast? Hattest du einen Plan?

Der Plan war: das muss erzählt werden, vieles hat sich mir erst im Schreiben erzählt und erschlossen, also das Verfertigen und Vervollständigen der Gedanken beim Schreiben. Vor allem beim ersten Roman ist das wahrscheinlich normal, ich weiss aber auch nicht, wie es anders gehen könnte. Ich wiederhole: Der Text ist ja angeblich klüger als die Autorin.

“Figuren, die sich mir erzählt haben” klingt schwülstig: Die Autorin als Medium, das fremde Stimmen hört.

Haha, ja Stimmen hören. Genau. Aber was, nichts dergleichen. Was ich meine ist: Das Schreiben beginnt im weißen Rauschen der Welt, Stimmen die sich da rauslösen, dringliche Stimmen, wütende Stimmen, die etwas zu sagen haben oder die angeblich nichts zu sagen haben und es trotzdem sagen. Immer noch schwülstig? Wurschtweil. So lass ich das jetzt stehen!

Hat das Buch eine Hauptfigur?

Es gibt keine Hauptfigur bzw. ist es immer die/der gerade spricht, die nach vorne tritt. Wer spricht, hört sich ja auch nur selbst oder das Rauschen seiner/ihrer Gedanken. Die Figuren waren manchmal launisch oder spröde oder unzugänglich. Ich liebe alle meine Figuren. Durchwegs Spaß gemacht hat mir Zeno, eine Freundin von mir hat gemeint, Zeno und ich, wir haben einiges gemeinsam.

Ging unterwegs etwas schief? Haben dich Figuren überrascht?

Der Weg war die Hölle war die Reise wert. Die Figuren haben mich rechts und links überholt, aber nie dumm sterben lassen.

.

"Astronauten", erschienen 2015 bei C.H. Beck

“Astronauten”, erschienen 2015 bei C.H. Beck

.

Wie hast du dich aufs Schreiben vorbereitet? Und wie – in welchem Rahmen, Rhythmus – hast du geschrieben?

Ich hab mich nicht vorbereitet. Ich hab einfach geschrieben. Zuhause, weil ich mir kein Büro leisten konnte und Bibliotheken mich nervös machen. Manchmal tagsüber im Café, wenn mir die Decke auf den Kopf gefallen ist. Auf einem baufälligen kleinen Balkon in Pankow. Im Hinterhof auf der Sonnenallee. In Wien, in Leipzig und in Berlin. Manchmal im Zug. Viel nachts, weil das eine unruhige Zeit in meinem Leben war und nachts alles etwas ruhiger ist, keiner ruft an, keine emails, auch die Stadt ist ruhiger als sonst.

Wann wusstest du: Das wird ein gutes Buch?

Alles was ich immer wusste war: Es muss geschrieben werden. Ich hab oft gezweifelt, dann war ich wieder euphorisch. Das ist wohl auch normal so. Aber alles was ich wusste war: Es muss.

War „Astronauten“ ein Kraftakt?

Schreiben ist für mich ein Kraftakt wie auch ein Rausch. Sprachlich und inhaltlich präzise an einem Text zu arbeiten kostet sehr viel Kraft, diese Kraft überträgt sich aber auch, schwingt zurück, wenn dieser Sog entsteht, der einen in den Text hineinzieht und in eine andere Welt katapultiert, ein gigantisches Eskapismuskatapult schleudert einen also raus in einen unbekannten Raum, dazwischen ein Schweben, vielleicht eine Millisekunde Schwerlosigkeit, und am Ende des Textes findet man sich allein wieder, auf sich selbst zurückgeworfen und leicht verkatert wie nach einer allzu langen Nacht, wenn die rauschhaften Gespräche und Begegnungen noch im Kopf nachhallen, die Gerüche, die Musik, die verpassten Gelegenheiten, die Peinlichkeiten, die unerfüllten Wünsche, während die Sonne schon gnadenlos hoch am Himmel steht und die Realität eines neuen Tages hereinbricht.

.

Sandra Gugics Facebook-Profilbild. Foto: privat

Sandra Gugics Facebook-Profilbild. Foto: privat

.

Warum hat die Stadt keinen Namen?

Die Stadt braucht keinen Namen, nicht in diesem Roman. Ich habe sie aus verschiedenen Orten der Realität zusammengepuzzelt, die Stadtkulisse ist fiktiv, trotzdem höre ich immer wieder von Leser/innen, dass sie diesen oder jenen Ort zu erkennen glauben, sich sicher sind. Das macht mir Spaß, wenn ich mir vorstelle, wie jede/r vielleicht seine Stadt hineininterpretiert. Es würde der Geschichte nichts hinzufügen, hätte die Stadt einen Namen.

Du benutzt Adjektive, bei denen ich Bücher oft weglege: „schneeweiß“, „hauteng“, „raspelkurz“, „blitzschnell“, „haarscharf“. Mir sind diese Worte zu verbraucht, abgeschmackt.

Das kenne ich ebenso, mein persönliches Hasswort ist „schmunzeln“. Was soll das wirklich bedeuten? Wie soll das aussehen, außer idiotisch, und warum macht das irgendjemand? Schmunzeln macht mich aggressiv. Als Wort, versteht sich. Aber ein Satz besteht ja für gewöhnlich nicht aus einem Wort. Und ein ganzer Roman auch nicht. Oder?

„Die Hitze liegt wie Sirup über der Stadt“. Im Ernst? Rollst du nicht die Augen, wenn du das anderswo liest?

Im Ernst: Ein schneeweißer Elefant steht mitten im Raum, die Augen geschlossen. Der Elefant realisiert: Ich bin hier drin, nein, er döst und träumt, wie er Honig aus dem Kopf eines Plastikbären auf ein blasses Stück Toastbrot drückt. Von rechts zischt ein rotes Etwas ins Bild, ein Eichhörnchen, es springt, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, blitzschnell und unfassbar anmutig auf den Rücken des Elefanten, zwischen den Zähnen hat es einen Rotstift, es hält inne und schmiegt sich an die Elefantenhaut, zwischen die Falten, spürt die Wärme, rollt dabei verzückt mit den Augen, getrieben von einer Angst, die Augen zu schließen und abzutauchen in eine Finsternis, die knapp hinter dieser Hautwärme liegt, eine Finsternis, in der das Eichhörnchen vor allem Angst hat, das ihm gerade in den Sinn kommt, jetzt gleitet die Spitze des Stifts über die Elefantenhaut, kritzelt mit manisch rhythmisch schabenden Geräuschen unermüdlich pejorative Hieroglyphen. Die Lider des Elefanten flackern, die Ohren schlackern, er stöhnt leise, vielleicht schwitzt er sogar, auf jeden Fall: Er schmunzelt.

Viele Leserstimmen und Kritiken zu “Astronauten” sind respektvoll, aber ein bisschen verhalten und nervös: Keiner scheint sich sicher, dass er das Buch richtig verstanden, die Handlungsstränge korrekt entwirrt hat. Hattest du Bedenken, dass das Buch zu dicht/verkopft wird?

Habe ich mit „Astronauten“ tatsächlich jemanden nervös gemacht, zum Nachdenken gebracht, auf die Suche nach Lösungen geschickt? Wenn ja, wunderbar. Dann bin ich froh.

In der Textarbeit an „Astronauten“ habe ich mir Fragen gestellt – und will auch keine fertigen Lösungen anbieten, es gibt genau genommen nichts richtig zu verstehen, es gibt nichts falsch zu verstehen. Aber selbstverständliche gibt es etwas zu verstehen.

Nein, ich hatte keine Bedenken, ja ich hatte selbstverständlich alle möglichen Bedenken, weil ich kritisch und hart mit meiner Arbeit bin, aber vor allem habe ich „Astronauten“ geschrieben, ohne an Markt und Konsequenzen zu denken, ich habe das Buch geschrieben, weil ich es genau so schreiben wollte, ich habe ein fertiges Manuskript an die Verlage geschickt, weil ich es ohne Verlagsdruck oder übertriebene Formung/Beeinflussung im Schreibprozess finalisieren wollte, weil ich frei schreiben wollte, auf die Gefahr hin, dass es vielleicht niemand drucken will, auf den Gewinn hin, dass ich genau die erzählerischen Entscheidungen getroffen habe, die ich für richtig gehalten habe.

Respekt! Das verstehe ich gut – und ich glaube, es hat sich gelohnt. Wie war dein Jahr als Debütantin? Und: Waren die Reaktionen in Österreich und Deutschland unterschiedlich?

Das Jahr war großartig und schrecklich und schön und hässlich und lang und zäh und verdammt müde verdammt schnell und auf und ab undsoweiter. Reaktionen waren da, sowohl in Österreich als auch in Deutschland, überaus erfreuliche und weniger erfreuliche. In die Schweiz durfte ich auch reisen, ich erinnere mich an einen Ausflug auf einen Gletscher, da stand ich allein, kurz bevor die letzte Gondel ins Tal zurück fuhr und in diesem Moment war alles gut und das Wasser war kalt und klar.

Aus psychohygienischen Gründen sollte ich mich mit diesen und jenen Reaktionen weder über Gebühr beschäftigen, noch sie auswerten. Was ich muss, ist weiter schreiben.

Kritik ist eilig, packt einen kurz, zwischendrin, und rüttelt einen durch. Relativiert die Mühsal langer Strecken, macht sich auf eine Art lustig über das gewichtige größerer Projekte, in die man sich verbissen hat, Kritik kichert darüber böse, und das hilft einem irgendwie, im Verlorenen. Das stachelt einen immer wieder neu an. Man schreit dann rum. Das tut der Arbeit gut. // Rainald Goetz, „Abfall für alle“.

.

Sandra Gugic, Foto privat

.

Du bist die einzige Autorin, die ich mit Farbtönen, Farbstimmungen verbinde – weil das “Astronauten”-Cover und viele deiner Social-Media-Fotos mit ähnlichen Farbverläufen arbeiten. Erzähl mehr über diese Farben!

Wenn ich schreibe, arbeite ich nicht direkt mit bestimmten Farben, aber stark mit Bildern. Schnappschüsse, die ich unterwegs mache, sind eine Ergänzung zu meinem Notizbuch. Einige dieser Bilder finden sich dann in den Texten wieder. Wie beispielsweise das tote Eichhörnchen, das in „Astronauten“ vorkommt, ich habe es beim Joggen gefunden. Das „Astronauten“-Cover habe ich selbst gestaltet, das verwendete Foto ist ein Schnappschuss, den ich bei einer Zugfahrt mit meinem Smartphone gemacht habe.

Was hast du aus “Astronauten” gelernt?

Ich habe mir abgewöhnt zu glauben: Der Schreibtisch ist eine Wiese mit Schubladen. 
Ich habe mir abgewöhnt zu erklären: Arbeit macht Spaß.
Ich habe mir abgewöhnt zu hoffen: Spaß könne die Welt verändern.
Ich habe mir abgewöhnt zu meinen: Nur das Interessante ist interessant.
Ich habe mir abgewöhnt zu antworten: Literatur ist überflüssig. 
Ich habe mir abgewöhnt zu antworten: Literatur ist notwendig.
(…) // Wolf Wondratschek, Gewohnheiten

Wem empfiehlst du ‘Astronauten’?

Meinst du nach dem Motto „Kunden, die XX kauften, kauften auch XY“? Oder: „Du bist, was du liest“?

Wenn ich über die Leser/innen nachdenke, die mich nach Lesungen angesprochen haben, waren das sehr unterschiedliche Menschen ohne besondere gemeinsame Merkmale – außer vielleicht: ein wacher Geist, Neugier, eine Prise Ironie. Die Neigungsgruppe „Lesender Mensch“, hungrig auf und aufgeschlossen für Literatur, die auch ein paar Ecken und Kanten haben darf.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass noch folgende Begebenheit zitiert werden muss:

Ein paar Monate nach unserem Interview rief ich Herrn Frisch an, um zu fragen, ob er irgendwelche letzten Änderungen oder Kommentare hinzuzufügen hätte. „Ja“, sagte er. „Sagen Sie denen, dass ich für einen ganz kurzen Moment geflogen bin. Nur für einen Moment. –– Zur Küche und wieder zurück. Aber dass Sie mich haben fliegen sehen.“ // The Paris Review, Max Frisch im Interview

In meinem Fall also: SAG IHNEN, DU HAST MICH SCHWEBEN SEHEN!

.

www.sandragugic.com

Buchtipps Weihnachten, Herbst, Frankfurter Buchmesse 2013: Neuerscheinungen

Wordpress Romane 2013 Frankfurter Buchmesse.

Jeden Winter suche ich Romane / Neuerscheinungen und mache eine erste Liste für die Bücher des Jahres:

Jeden Spätsommer mache ich eine Liste mit Neuerscheinungen zur Frankfurter Buchmesse (Link): eine erste Longlist der Bücher, die ich bis Ende des Jahres u.a. für ZEIT Online (an-)lesen, sichten, sortieren will.

Hier meine Auswahl für Herbst und Winter 2013. Ergänzungen / Empfehlungen sind willkommen – vielen Dank!

.

angelesen und gemocht:

How to Get Filthy Rich in Rising Asia

Absolution

Near to the Wild Heart

Leaving the Atocha Station

Let's Explore Diabetes with Owls

The Unchangeable Spots of Leopards

The Pale King

Min kamp 3 (Min kamp, #3)

.

neue deutsche / deutschsprachige Romane:

  • Friedrich von Börries: “RLF”, Dystopie / Gesellschafts-Satire / Thriller (Suhrkamp, 300 Seiten, 19. August 2013)
  • Roman Graf: “Niedergang”, Bergsteiger- und Beziehungsroman (Knaus, 208 Seiten, 26. August 2013)
  • Terézia Mora: “Das Ungeheuer”, Gegenwartsroman im Stil von John Updike (Luchterhand, 688 Seiten, 2. September 2013)

Ich mochte Band 1, erschienen 2009, sehr: “Der einzige Mann auf dem Kontinent” (Link, 4 von 5 Sternen, eins meiner Lieblingsbücher 2011)

  • Jadoda Marinic: “Restaurant Dalmatia”, Roman über Migration und Identität (Hoffmann und Campe, 240 Seiten, 11. September 2013)
  • Monika Maron: “Zwischenspiel”, Erinnerungs-/Abschiedsroman (S. Fischer, 192 Seiten, 23. Oktober 2013)

.

(vielversprechende) Übersetzungen – neu auf Deutsch:

Diário da queda

The Book of My Lives

Night Film

Shotgun Lovesongs

Neuland

Det Stumme Rommet

Skagboys

Autoportrait

Perfect

Scoop

.

Übersetzungen – mit schlechten Kritiken:

.

angelesen – und nicht gemocht:

Stoner

Heart of Palm

Touch
.

auch lesenswert: Caterinas Herbstauswahl auf schoeneseiten.net (Link)

verwandte Links:

und, jeden Monat neu:

Fiona Maazel: Last last Chance

Fiona Maazel: “Last last Chance”
Farrar, Straus and Giroux, April 2008

Original: englischsprachig
Roman, 337 Seiten.

.

Der folgende Text ist von 2008:

Ein schnelles, sachliches Gutachten zu Fiona Maazels “Last Last Chance”. Keine Rezension, kein akademisches Essay. Sondern ein nüchterner, kurzer… Gebrauchstext.

Achtung: Spoiler! / Details zum Ende des Buches.

.

Autorin & Themen: Fiona Maazel, geboren 1975 als Tochter des Dirigenten Lorin Maazel, lebt in Brooklyn. Journalistische Arbeiten und Essays für n+1 (2005), Village Voice, Boston Book Review, Salon, Nerve, Yale Review. Bloggerin: http://iferment.blogspot.com/ [bis 2007] und bis 2005 Redakteurin bei der Paris Review.

„Last last Chance“ lässt Lucy Clarke, eine lebensmüde dreißigjährige New Yorkerin, in Ich-Perspektive davon berichten, was mit ihrer Familie und ihren Lebensentwürfen geschieht (Lucy ist schwer drogenabhängig und jobbt in einem koscheren Geflügelmastbetrieb), als eine tödliche Seuche Amerika ins Chaos stürzen lässt: die „Superpest“.

.

Die Exposition: Lucy Clarke ist die rat- und verantwortungslose Tochter der steinreichen, berühmten Hut-Designerin Isifrid Clarke (während des zweiten Weltkriegs aus Norwegen emigriert, selbsternannte Hohepriesterin eines elitären arischen Odin-Kults; Alkoholikerin) und eines bekannten Virologen (Leiter des US-Departments für Seuchenschutz und Erfinder einer neuen, besonders ansteckenden Variante der Pest, von den Medien „Superpest“ genannt).

Der Roman schildert zwölf Monate, während denen die unheilbare „Superpest“ von der West- zur Ostküste vordringt und Tausende Menschen tötet. Die Medien reagieren hysterisch. Die Politiker ratlos. Lucys Umfeld versteckt sich hinter einer zynischen, vernkiffenen Coolness. Lucys Vater hat – schon vor Einsatz der erzählten Handlung – Selbstmord begangen.

Als Ich-Erzählerin reist Lucy im August für ein paar Tage zurück nach Manhattan, um gemeinsam mit einem verwitweten, übergewichtigen Arbeitskollegen – Stanley – die Hochzeit ihrer ältesten und besten Freundin zu besuchen. Lucy quartiert sich im Fifth-Avenue-Appartment ihrer verwitweten Mutter ein, wo auch ihre Großmutter, Agnes, und ihre zwölf Jahre alte Halbschwester, Hannah, leben. Alle drei Generationen sind verstört vom Selbstmord von Lucys Vater im vergangenen Herbst. Und stehen im Mittelpunkt einer medialen Hetzjagd: Lucys Familie hat Amerika die „Superpest“ beschert, übertragbar durch die Luft und in weniger als 24 Stunden tödlich. Ein erster Infizierter wurde in Minnesota unter Quarantäne gestellt.

.

Verlauf der Handlung: Lucy – ständig auf harten Drogen und dauernd im Streit mit den anderen, ebenso angriffslustigen (und benebelten) Frauen der Familie – gesteht sich ein, dass sie keinerlei Perspektiven hat im Leben: Sie weiß nicht, was sie sucht. Sie weiß nicht, was sie werden will. Sie ist noch immer in den Bräutigam verliebt (Eric, Fotograf und Lucys Exfreund). Überlegt, mal wieder eine Therapie zu machen (ihre mittlerweile siebte). Und gibt zu, ihre Zwanziger unter Tranquilizern komplett vergessen zu haben.

Aus Langeweile besucht sie verschiedene Selbsthilfegruppen. Flirtet mit Stanley (selbst ehemaliger Alkoholiker und auf der Suche nach einem Uterus für die gefrorenen Eizellen seiner Frau, verstorben bei einem Autounfall, den Stanley verursacht hat). Und entwickelt zu ihrer verschlossenen, zwölfjährigen Schwester Hannah eine fragile Freundschaft [vergleichbar, auch vom Gewicht innerhalb des Buches, mit dem Verhältnis zwischen Phoebe und Holden in „Fänger im Roggen“]. Immer unter der Prämisse: Die Milch ist verschüttet. Der Ruf ist ruiniert. Ich bin die verantwortungslose, kaputte, selbstsüchtige, scheußliche Generation-X-Klischeefigur. Lucy hasst sich. Hat aber zugleich, als Erzählerin (teilweise das Publikum direkt adressierend) großen Spaß, Erwartungshaltungen zu stören, gespielt cool auf neue Eskalationen zu reagieren, die „Superpest“ für windschiefe, gallige Oneliner zu nutzen.

Lucy und Stanley besuchen Hannah im christlich-antisemitischen Sommercamp. Fahren zu Weihnachten zurück in die Geflügelmast. Und anschließend, im Januar (die „Superpest“ hat eben Kalifornien erreicht, und Oma Agnes ist gerade an Herzversagen gestorben), reist Lucy mit ihrer Mutter in eine Entziehungsklinik in der texanischen Wüste:

Die Seuche befällt Texas. Die Klinik wird zum Waco-artigen Fort. Lucy sucht neue Perspektiven für ihr Leben und hilft nachts, den elektrischen Zaun zu bewachen, der das Heim vor Infizierten schützen soll. Doch bald gibt es auch im Gelände die ersten Toten. Noch bevor die Therapie feste Wirkungen zeigen kann, begreift ihre Lucy, dass ihre Mutter – seit Jahrzehnten auf Kokain – an den Folgen ihrer Sucht sterben wird. Sie begleitet sie (die „Superpest“ ist erstmal eingedämmt) zurück nach New York. Nimmt Abschied. Organisiert eine weitere Beerdigung. Sieht zu, wie ihr alle Menschen in ihrem Leben durch die Finger rinnen und wie sie – als Tochter, Freundin, emotional – NICHTS für sie leisten kann und niemals konnte.

Lucy ist ein wenig masochistisch in ihrer Selbstgeißelung, hat aber, letztendlich, grausam Recht in ihrer Selbsterkenntnis: Sie ist ein nettes Mädchen. Aber komplett nutzlos; für alle!

Resigniert loggt sie sich – kurz, bevor die „Superpest“ plötzlich Manhattan erreicht – bei Ebay ein. Ersteigert eine stillgelegte Raketenabschussbasis. Lädt alle Menschen, die ihr wichtig sind (ihre große Liebe Eric ist mittlerweile an der Pest krepiert; seine Witwe hat gerade sein Kind entbunden) ins Flugzeug. Und plant ein neues Leben – mit den (wenigen) Überlebenden, die ihr noch etwas bedeuten. Abblende.

.

Motive und Besonderheiten: Zentrales Thema des Romans sind ins Leere laufende, verpuffende Gefühle und Anstrengungen. „Vergeudete“ Lebenszeit. „Nutzlose“ Menschlichkeit.

Großmutter Agnes, spirituelles Zentrum der Familie, hat aus der Reinkarnationsleere eine Privatmythologie gesponnen, mit der sie diesen „biografischen non sequiturs“ Sinn verleihen will: Sie glaubt an eine Mischung aus Wiedergeburt, Karma und Vergebung. Und so sprechen in Zwischenkapiteln immer wieder soeben verstorbene Figuren (oder auch: Seelen, die früher jemand anderes waren; ein toter Fötus, ein Wikinger) über die Pest und die aktuellen Ereignisse.

.

Stil: Die Themenfülle des Romans wirkt pastichehaft und grell. Doch Lucy knüpft die vielen, vielen Stränge mit verblüffender Leichtigkeit aneinander, als trockene und sehr wortmächtige Erzählerin. Ein riesiges Vokabular. Eine Fülle schräger, pointierter, grotesker Vergleiche. Schnelle Dialoge, im Stil des popkulturgesättigten Stakkato-Schlagabtauschs der „Gilmore Girls“.

„Last last Chance“ ist frotzelig, pointiert und gut-wrenchingly emotional, in seinem Duktus vergleichbar mit Salinger. Sehr markant. Sehr witzig. Sehr wütend/bitter. Lucy ist eine große, wendige Denkerin. Und Maazel – vom Wirrwarr und dem bunten Durcheinander ihres Plots noch zusätzlich gestützt, bereichert – eine extrem markante neue Stimme [Joshua Ferris vergleich Maazel mit Denis Johnson]

.

Schwierigkeiten: „Last last Chance“ lässt sich gut und schnell vergleichen. Mit der Themenfülle und der „meditativen Tiefe“ von Nicole Krauss [Link, Text von mir]. Der warmen, satten emotionalen Färbung von Filmen wie „Juno“ (eine ätzende Ich-Erzählerin. Und riesige Subtexte über Verletzlichkeiten, Familie, Bruchstellen).

Aber: „Last last Chance“ lässt sich nur sehr sperrig konkret beschreiben: die Liebesgeschichte. Die Familiengeschichte. Die groteske Seuche. Quarterlife-Crisis, Soul-Searching, Schritte aus der Sucht. Maazel hält alle Bälle in der Luft. Doch damit bleibt auch, in der Vermarktung des Romans, eine gewisse Unentschiedenheit.

IST das ein Sucht-Roman? IST das eine Familiengeschichte? Wen will dieses Buch, im Herzen, ansprechen? Beim Lesen wirkt es erstmal einladend und universell und dynamisch. Aber ein deutscher Verlag müsste sich entschieden fragen, welcher Aspekt herausgehoben werden sollte: Ist das eine Groteske? Junge, hippe US-Literatur à Safran Foer? Oder ein Frauen-Ding? Maazel hält sich das sehr offen. Das tut dem Roman sehr gut. Der Leser indes fragt sich öfters mal, was er da eigentlich grade liest (und weiß deshalb auch erst zum Schluss, wie schlüssig/rund das Buch letztendlich ist, thematisch, kompositorisch).

.

Wertung: „Last last Chance“ ist (besonders: durch die grandiose Erzählstimme) eines der markantesten US-Debüts, das ich kenne. Ein kurioses Buch, das viele wohlwollende Pressestimmen nach sich zieht (http://www.lastlastchance.com/, dann auf „What people are saying“), die Leute aber zugleich in einer etwas hilflosen Bewertungsposition zurücklässt: Alle finden’s

  • klug
  • bunt
  • traurig.

Aber ein Familienroman über den Tod, der zugleich Rollenprosa von Wikingern enthält und eine Seuche namens „Superpest“, muss sich halt immer auch gefallen lassen, der „Superpest“-Wikinger- und Hühnermastbetriebs-Roman zu sein. Natürlich ist das, in seiner Abwegigkeit, erstmal sehr spannend. Aber immer auch: gesucht. Gewollt.

Man merkt: In diese 320 Seiten ist JEDES krasse Bild enthalten, JEDER herzzerreißende Moment und JEDE clevere Idee, die Fiona Maazel in den letzten zwei Jahren hatte.

Ein bombastischer Auftritt für eine junge Autorin. Aber: kein sehr eleganter.

Links zu Amazon.de:

Moderation [Englisch]: Picador-Gastprofessorin und Schriftstellerin Fiona Maazel im Centraltheater Leipzig, 15. Mai 2012. [Details]

Moderation: Stefan Mesch [Vita / Links]

.

verwandte Links: