Frankfurter Buchmesse

Pressereise nach Norwegen: Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2019 | Hurtigruten

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Im Oktober 2019 ist Norwegen Ehrengast / Gastland der Frankfurter Buchmesse #fbm19.

Ende Oktober 2018 war ich auf einer sechstägigen Pressereise von den Lofoten (200 km über dem Polarkreis) bis nach Bergen.

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Heute: die Norwegen-Pressereise – erzählt in Fotos und kurzen Texten.

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Vier Journalistinnen sind mit mir eingeladen: Andrea Gerk (Deutschlandfunk), Saskia Trebing (Monopol Magazin), Anke von Heyl (Kulturvermittlungs-Expertin „Kulturtussi“; Teil der „Herbergsmütter“), Claudia Schumacher (Ex-Weltwoche; Welt). Rechts im Bild: Margit Walsø von NORLA – Norwegian Literature Abroad. Foto: NORLA.

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Ich mag Johan Harstad, Ingvild H. Rishoi, Cartoonist Jason. Auch die recht simplen Romane von Per Petterson und Erlend Loe verschenke ich gern. Zuletzt rezensierte ich Linn Ullmanns „Die Unruhigen“. Doch ich bin kein Skandinavist, Norwegen-Experte, -Liebhaber. Pressereisen reißen mich mit. Ich liebe, mir ein Land und seine Literatur zu erarbeiten und bis Oktober 2019…

a) …Bücher vorzustellen.

b) …Lesungen zu moderieren.

c) …Interviews zu führen.

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Auf betreuten, kurzen Reisen sehen kleine Gruppen maximal viel Kultur – straff, fokussiert. Auch bei den Mahlzeiten geht es um Networking. Ich mag Dichte, Tempo solcher Tage. Doch erlebe sie als Arbeit: Ich reagiere auf 100+ neue Menschen. Würde oft gern kurz pausieren, googeln. Wir rasen durch ein Land. Daheim lesen wir nach, WAS wir da sehen, WEN wir da trafen. Konzentrierte, geballte Tage!

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Bis Oktober 2019 lädt Norwegen immer wieder Gruppen aus Journalist*innen, Buchhändler*innen ein:

_ Juni 2018: Literaturtoget [Zug] mit Kronprinzessin Mette-Marit
_ Juni 2018: Teil 2 und sehenswertes Video [BuchGeschichten]
_ September 2018: Reise nach Oslo [Masuko13]

Besonders an meiner Reise: Kunst war viel präsenter als Literatur – denn von Montag bis Donnerstag fuhren wir auf einem Hurtigruten-Postschiff, als Teil der Kunst- und Networking-Konferenz „Coast Contemporary“, nach Bergen.

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Lectures, Performances, Artist Talks, kleine Ausstellungen, Film und Installationen: Ca. 80 Teilnehmer*innen waren an Bord. Davor (So/Mo) gab es Atelierbesuche auf den Lofoten; danach (Do/Fr) eine Buchpremiere und Kulturprogramm in Bergen. „Coast Contemporary“ fand 2017 zum ersten Mal statt [Link: langer Artikel]. 2018 kuratierte Charles Aubin (Paris/New York).

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Veranstalterin ist Tanja Eli Saeter. „Coast Contemporary is an artist-run and non-commercial platform for people to meet, share ideas and perhaps start working together in the future. Hierarchy and bureaucracy keep artists, curators, galleries and institutions apart – but we all depend on the artist, and the artist should be included on all levels. Coast Contemporary aims to present Norway’s art scene to the world, in collaborations with artists and some of the smallest and largest institutions in Norway.“

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Mir als Kritiker (…kein Reisejournalist, kein Kunstexperte) tat gut, von Kurator*innen z.B. des Centre Pompidou, des Portikus (Frankfurt) und des New Yorker Swiss Institute zu lernen. Oder mit Idealist*innen im Whirlpool zu sitzen, die abwägen, in welchem Flügel der PS1 sie nächstes Jahr ihre Zines und Kunstbände ausstellen.

Leider hatten kaum Teilnehmende die norwegische Literaturwelt (Betrieb, Novitäten, Institutionen) richtig auf dem Schirm – oder gar die Frankfurter Messe: Literatur war Lebensmittelpunkt von höchstens 10 Menschen auf der Reise. Es ging v.a. um Kunst. Klimawandel. Und das Dokumentieren von Ökosystemen und Landschaft.

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Nach sieben Stunden Anreise (Berlin bis Oslo, dann Bodo, dann eine kleine, laute Propellermaschine nach Svolvaer) stehen wir mit warmem Fruchtpunsch in einem stillgelegten Kühlhaus. Hanan Benammar und Espen Sommer Eide imitieren auf Instrumenten den Ruf der Dreizehenmöwe. Den Kontext – in spätestens 10 Jahren ist die Möwe ausgestorben – kann ich erst Tage später nachlesen; und weil ein Zuschauer in Ohnmacht fällt, wird die Performance abgebrochen. Fotos: Laimonas Puisys

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Bevor ich das Licht im Hotelzimmer finde, sehe ich: ein Hurtigruten-Schiff hält direkt am Kai. In allen Hotelzimmern liegt ein Fernglas bereit… und im Schrank warten Regenschirme.

Das Wetter kann sich, wie jeder Hurtigruten- und Lofotentext warnt, „stündlich, beinahe minütlich“ ändern. Für Fotos ist das toll: Alle 10, 15 Minuten herrscht eine dramatisch neue Lichtstimmung. Auch im dunkel-nassen Oktober.

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In Hotels google ich beim Aufstehen meist, wo der Frühstücksraum liegt. Zum Thon Hotel] schwärmt Tripadvisor: „The highlight was the breakfast. Simply perfect! Local products are carefully selected, such as several types of cured fish and perfect cheeses and breads. I travel a lot around the world, and this hotel by far had my best and perfect breakfast ever!“ Keine Übertreibung. Ich hatte nie ein liebevolleres, facettenreicheres Frühstück!

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In zwei Reisebussen fahren wir 50 Minuten nach Kvalnes. NICHTS auf der Reise war so packend, überraschend, beglückend wie diese bizarr schöne Fahrt durch eine Landschaft, die mich… komplett überforderte. Foto: Coast Contemporary

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Ich friere schnell. Drei Monate im warmen Georgien leben? Jederzeit! Doch hier: 200 Kilometer nördlich des Polarkreis‘? Doch. Denn ich liebe, in vier Richtungen zu blicken… und vier oft dramatisch verschiedene Aussichten zu sehen.

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Tanja Saeter: „Before the Hurtigruten route was established, it took three weeks to send a letter from Trondheim to Hammerfest in the summer, and up to five months in the winter. Hurtigruten took only seven days to make the trip, a development forging much stronger ties between north and south. Since launching in 1893, Hurtigruten has become one of the most important identity markers for coastal Norway.“

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Moos. Bizarr windschiefe Birken. Fels und Findlinge. Heidekraut. Flechten. Viele (Sommer-)Häuser in Kvalnes stehen ab Herbst leer.

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„Aslaug Vaa“, schreibt Saskia Trebing im Monopol Magazin, „hat aus dem winzigen Fischerdörfchen Kvalnes tatsächlich einen Kulturort gemacht. Eine ehemalige Fabrik für Dorschlebertran ist nun von außen ein schickes Holzhaus und von innen ein skandinavischer Designtraum mit Glasfußboden, durch den man in der Küche einem kleinen Bächlein beim Fließen zusehen kann. In die Villa Lofoten werden mehrmals pro Jahr Künstler eingeladen, die im Nirgendwo des Nordens zumindest nicht über Ablenkung klagen können.“

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Die Renovierung der Fassaden ist staatlich gefördert – weil die Gebäude den historischen Charakter behalten. Innen ist alles großzügiger. Übernachtungen kann man hier (Link) buchen.

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„Seit 2004 wurden dank NORLA mehr als 4.500 Bücher in wenigstens 65 Sprachen übersetzt. Für 2018/19 sind besonders viele Übersetzungen aus dem Norwegischen ins Deutsche geplant. Zwei Mal pro Jahr erstellt NORLA eine Auswahl von 10 Fokustiteln (ein Mix aus Debütanten und bekannten Autoren Norwegens).

Um den deutschen Markt zur Buchmesse nicht zu überfluten, ist für das gesamte Jahr 2019 der Fokus auf etwa 200 Titel gesetzt (auch wenn das jetzt viel klingt – es sind alle Genres vertreten von Belletristik, Krimi, Kinderbuch und Sachbuch bis Fantasy)“ …schreibt Jacqueline Masuck.

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„Although Finland has been named The Land of a Thousand Lakes, Norway’s lakes do in fact far outnumber Finland’s. About 450,000 lakes in Norway are identified, compared to the 188,000 lakes in Finland.“ [Quelle]

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Noch weiß ich nicht, wie norwegische Dörfer funktionierten: Fischer hatten auch Schafe, bauten Kartoffeln an, lagerten Heu; bewirtschafteten mehrere kleine Parzellen. Land kaufen in Kvalnes ist schwer – weil Erbgemeinschaften wollen, dass alle verstreuten Grundstücke in der Familie bleiben.

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„In Kvalnes, das ganze neun ständige Einwohner aufweisen kann“, schreibt Saskia Trebing im Monopol Magazin, „sind Künstler deutlich in der Überzahl. Kjetil Berge hat aus einer Scheune den Veranstaltungsort Midnight Sun Barn gemacht, die Maaretta Jaukkeri Foundation lädt Gäste aus verschiedenen Disziplinen zum Forschen ein, und auch die Künstlerin A K Dolven hat sich ein Studio mit endlosem Meerblick gebaut.“

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Kjetil Berge kaufte z.B. 2013 einen Eiswagen, um a) in Nord-Norwegen Eiscreme anzubieten und b) in der Sahara Sand. Seine Midnight Sun Barn ist ein Community- und Sehnsuchtsort – im Sommer. Doch mit fast 90 Menschen in der feuchten Kälte zu drängen, Eintopf zu löffeln, fest zu sitzen war für mich der witzloseste und deprimierendste Moment der Reise. Besonders, als… [Foto: Norla].

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…Berge – trotz Beamer und Mikro eh schlecht zu sehen, zu hören – uns einlud, einen „Heute ist es wolkig, doch bald lacht die Sonne wieder“-Kanon zu üben und zu singen. Wenn du die Zeit und Aufmerksamkeit von 90 Menschen hast, die STUNDENLANG flogen, um hier zu sein: Mach was draus! Ich wäre schreiend raus gerannt – hätten bis zur Tür nicht ca. 60 frierende Leute gekauert. Link: Drohnen-Video von Berges Haus/Atelier und der Scheune.

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Selbst das Künstlerhaus der Maaretta Jaukkuri Foundation wird eng – sobald dort 90 Menschen stehen. Hätte ich gefroren: Ich klänge so ungnädig wie in der Scheune. Doch hier war’s hell, warm… und vom Idealismus einer 74jährigen Kuratorin und Professorin, der Kunst, Dialog und Klimaschutz so wichtig sind, dass sie sagt: „Every person who comes here should leave an imprint that will generate the tools for deep thinking that can ripple out, over time, through both private and public channels“, lasse ich mich gern anstecken. Respekt!

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Nach der Scheune drängte sich die Gruppe durch Kjetil Barnes (warmes, charmantes) Atelier/Haus. Auch hier dachte ich leider v.a. an die Spielshow „Get the Fuck out of my House“. Absurd viel Warten. Wozu?

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Eine Mitreisende liebte das Kanon-Singen in der Scheune: „Die wissen schon, wie sie tolle, kollektive Momente inszenieren können!“

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Künstlerin A K Dolven hätte ich gern ewig zugehört. „Geboren 1953 in Oslo, Norwegens bekannteste Multimediakünstlerin, aufgewachsen nördlich des Polarkreises. Ihre Skulpturen, Malerei, Foto- und Videokunst werden weltweit ausgestellt. Vor 1989 wohnte sie mehrere Jahre im Westteil von Berlin direkt an der Mauer. Heute lebt sie auf den Lofoten und in London.“ [Deutschlandfunk]

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Wenn Menschen für ihre Arbeit brennen, überträgt sich ihre Begeisterung schnell auf mich. 17-Minuten-Video, in dem Dolven viel über Materialität, Arbeitsrhythmen etc. spricht. [Link, Empfehlung!]

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Die Fenster zeigen das Meer. Der verspiegelte Eckpfeiler, von Sessel und Bett aus zu sehen, zeigt zugleich die Häuser an Hauptstraße und Berg.

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Ich mag, wie selbstverständlich Dolven betonte, dass sie MIT Menschen arbeitet – ohne, sich dabei als Künstlerin klein zu machen. Kurzer, passend programmatischer Text auf ihrer Website: „A K Dolven’s work is based on collaborations with many people. Thanks to family, friends, neighbours, contributors, publishers, printers, curators, designers, helpers, transporters, gallerists, museums, proofreaders , boyfriends, assistants, photographers, engineers, entrepreneurs, crane companies, architects, writers, thinkers, technicians, translators, editors, repro, students, colleagues, daughter, driver.“ Foto: Aslak Hoyersten.

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Gucklöcher in renovierten Steinwänden; ein Dielenboden mit einer Glasfläche etc.

Kvalnes lud überall zum Rausschauen ein – und damit auch: zum Reinschauen. Ich will genauer wissen, wie wichtig Zäune, Wachhunde, Grenzen, Vorhänge etc. fürs norwegische Sicherheitsempfinden sind.

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TV Tropes über Norwegen in Kunst & Popkultur: „In Douglas Adams‘ The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy, Norway was the particular point of pride of a planet sculptor.“Lovely crinkly bits down the edge! I won an award for that, you know.“

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Landschaft, vom fahrenden Bus aus fotografiert.

Das 2018er-Motto von „Coast Contemporary“ ist „rugged, weathered, above the Sea“. Ich dachte noch nie so lange über Landschaft nach (auch: als Konstrukt und Projektionsfläche – ähnlich wie der deutsche Sehnsuchtsort „deutscher Wald“)..

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.zehn norwegische Romane, auf die ich mich freue:

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.englische Worte aus dem Norwegischen:

  • ski – a cleft piece of wood
  • bag – a flexible container
  • slalom – a track (låm) on a slope (sla)
  • ombudsmann – a trusted intermediary or representative
  • equipment

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Die wichtigsten Literaturpreise:

  • Bragepris
  • Kritikerpris
  • Sultpris (für junge Autor*innen)
  • Bastianpris (für Übersetzungen)
  • Rivertonpris (für Kriminalliteratur)
  • Tarjei Vesaas’ Debutantpris.

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Die Teenager-Dramedy „Skam“ (2015 bis 2017) wird mir oft empfohlen.

Ich bin gespannt auf die Serien:

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Zeitschriften, die mir auffielen: ein sexistisches True-Crime-Magazin  [„Blutige Begierde“]; teure und stereotype Design-Zeitschriften [„Bo Nordisk“] und, wie in Deutschland: viel Zweiter-Weltkrieg-Romantisierung und Militärkitsch. Von Vidkun Quisling kenne ich bisher nur Popkultur-Parodien.

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Sagte ich „norwegisches Postschiff“, riefen deutsche Freund*innen: „Hurtigruten, klar! Kenne ich doch!“ Mein Partner mag Ausflugsfahrten auf dem Wannsee. Doch teure Kreuzfahrten gibt es in meiner Welt / Familie nicht. 12 Tage Hurtigruten kosten ca. 1.600 EUR.

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Die MS Trollfjord fährt seit 2002 von Bergen (im Süden) bis Kirkenes (Norden, an der Grenze zu Russland) – und zurück. Das Schiff hat Platz für 45 Autos; hält an ca. drei Häfen pro Tag, oft für ca. 2 Stunden. Besatzung: 170. Passagiere: 822.

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Norweger*innen nutzen die Schiffe oft eher wie ein Shuttle oder einen Fernbus: ohne Vollpension und ohne Kabine. In jedem Hafen kommen wenige Teenager oder Backpacker an Bord, Paare mit Kinderwägen etc. und halten sich in den Gemeinschaftsbereichen auf: Bar, Bistro, Aussichtsdeck, Bibliothek; eine kleine Spielecke für Kinder.

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„Oh. I thought you were Norwegian. You look Norwegian.“ Männer, die mich an Wikinger erinnern, sehe ich in Berlin so oft wie in Norwegen. Viele Frauen sind auffällig blond – doch eine Menge haben dunkle Haare, Augen. Markant war für mich nur, dass am Flughafen jeder ca. fünfte Mann aussah wie Christian Kracht.

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2011 übertrug der öffentlich-rechtliche Sender NRK eine sechstägige Hurtigruten-Fahrt als „Hurtigruten: Minute by Minute“. Der „Slow TV“-Trend kommt aus Norwegen und begann schon 2009, mit Übertragung einer sechsstündigen Zugfahrt.

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Obwohl man Tagesausflüge buchen kann, verbringen die meisten Gäste Stunden auf dem (zweigeschossigen) Aussichtsdeck, starren auf die Landschaft wie auf einen Bildschirmschoner. Viele lesen; fast alle schweigen. Die Stimmung? Altenheim-Lobby trifft Meditationsraum trifft Zehn Vorne. Viele sind sehr still; wirken… eingelullt.

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Durch die vielen Schären und Fjorde gibt es oft back- und steuerbords Felsen zu sehen, fast immer bebaut. Frontal nach vorn zu schauen scheint mir reizlos. Viele Passagiere drehen ihre Sessel nach links oder rechts.

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Die Kabinen (drückend dunkles Holz; Meergrün; Teppich mit Seepferdchen) wirken gestrig – doch sind groß. Ich fand die Fußbodenheizung im Bad, doch keine Heizung für die Kabine; und dachte jeden Morgen kurz, ich sei erkältet.

Der Rest des Schiffs ist warm, plüschig: Teppichboden, seltener Parkett. Als mein Schuh in Trondheim durchweichte, verbrachte ich einen Tag in Strümpfen – ohne, dass sich jemand störte.

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„Gastland“ klingt, als würde Deutschland die Kosten tragen.

Oder die Frankfurter Messe?

Tatsächlich wird ALLES von Norwegen bezahlt. Das macht besonders auch die Gastfreundschaft Georgiens – ein viel ärmeres Land, das auf den EU- und Nato-Beitritt hofft und sich als Gastland sehr engagierte – nochmal beeindruckender!

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Island war 2011 Gastland – und begeisterte damals viele. „Das lag auch an den großformatigen Natur- und Landschaftsfotos“, erklärt NORLA: „They had a really strong visual identity.“

Das #norwegen2019-Design (dunkelblau, simple Piktogramme, gereiht wie auf einem Norwegerpulli oder in einem Bücherregal) lässt mich recht kalt.

Ich überlege seit Wochen, ob die Symbole für Buchstaben stehen: N? O?

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Zwei deprimierende Gespräche, die ich mit Autoren führte:

„Als Isländer wurde mein Buch in Frankreich zum riesigen Bestseller. In Deutschland wurden 600 Exemplare verkauft – weil im Island-als-Gastland-Jahr 2011 alles übersättigt war.“

und: „Wie viel gibt Norwegen aus, für diesen Auftritt? 100 Millionenen Kronen [9.6 Millionen EUR]? Dafür, dass ca. 15 norwegische Autor*innen danach Bestsellerautor*innen in Deutschland sind? Was ist mit uns anderen: Wie viel mehr wäre uns geholfen durch z.B. Stipendien?“

Ich liebe Übersetzungsförderung und weiß, dass ohne NORLA kaum aktuelle Bücher nach Deutschland kämen. Ich weiß auch, für wie viele deutschsprachige Leser*innen ein Gastland zum Sehnsuchtsort wird und, wie wichtig solche Auftritte diplomatisch sind.

Was kleinere norwegische Autor*innen davon haben, entscheidet u.a. hoffentlich MEINE Arbeit im nächsten Jahr. Über Stars wie Jon Fosse oder Jostein Gaarder werde ich selbst keine Artikel schreiben. #longtail

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Lichtröhren im Speisesaal, über dem Buffet.

„Star Trek: Voyager“ begann 1995. Ich dachte an Bord dauernd an die 90er-Ästhetik des Schiffs… und seine Größe: Captain Picards Enterprise hat eine Besatzung von 1014; auf der MS Trollfjord sind ebenfalls maximal ca. 1000 Menschen. Die Voyager hat 150 Crewmitglieder, ist 116 Meter breit und 343 Meter lang, hat 15 Decks. Die MS Trollfjord: 10 Decks, 135 Meter lang, 21 Meter breit.

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Frühstück, Lunch, Abendessen; dazu oft Gebäck und Gratis-Kaffee zwischen den „Coast Contemporary“-Vorträgen im Auditorium/Kino. Es gab zu jeder Tageszeit Buffet, nur einmal ein recht fades, schonkostartiges Dinner in mehreren Gängen.

Den Coast-Contemporary-Gästen wurde ein Cluster aus Tischen mit freier Platzwahl zugewiesen – und ich aß jedes Mal in anderen Konstellationen (viel gehört, sehr genossen!). Gratis-Wasser stand am Tisch; und bei Zwischendurch-Durst füllte ich eine Wasserflasche mit Leitungswasser auf. Alkohol trinke ich eh nicht.

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Tiefpunkt auf dem Boot: Weil die reiche Zielgruppe hofiert werden will und viele in Trondheim aussteigen, bedanken sich Kapitän und Besatzung beim Dinner am Vorabend persönlich… mit einem LIED, in dem sie singen, wie unglaublich dankbar sie sind.

Alte, reiche Menschen, die im Takt klatschen. Ein peinlich serviler Songtext. Und eine „Der Kunde ist König“-Vorstellung, die viele Menschen meiner Generation und Schicht anwidert. Dass eine Frau aus der Crew (auf dem Foto: zweite von hinten) eine Tracht trug, macht alles noch… patriarchaler, reaktionärer. „Singt und tanzt, Äffchen!“

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Getrockneter Wal. Rentier. Muscheln. Brauner Käse (beliebtes Mitbringsel, ließ mich kalt). Blau- und Preiselbeerbutter: Ich esse seit 2016 keinen Zucker, keine Kohlenhydrate – doch auf der Reise wollte ich kulinarisch alles mitnehmen. In Georgien begeisterte das (helle, leichte) Weißbrot. In Norwegen hätte ich gut auch weiter Keto essen können: Ich aß zum Frühstück viel Melone – doch sonst dreimal am Tag Fisch, Krabbensalat, Käse. [Das Brot, grau, schwer, mochte ich nicht.]

„Have you tried the Cod Tongue?“

Habe ich: panierte Kabeljau-Stücke, „Tongue“ hier wahrscheinlich gemeint wie bei „Schlemmerzunge“: einfach ein längliches Stück Filet.

„No. Stefan? They’re actual tongues!“ Wow.

[Die Illustration zeigt… einen Lachs? Kabeljau ist kleiner.]

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Trotz seiner Größe schwankt das Schiff bei hohem Seegang sehr. In Fjorden bleibt es oft ruhig, doch besonders nachts, auf offener See, bäumt sich alles. Mein Magen war robust – doch ich war überrascht, wie sehr sich Wellengang anfühlt wie Trunkenheit. Ich wurde mehrmals wach… und kann die Reise keinem empfehlen, den Wellen nervös machen.

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Puppen of Color in der Kinderspiel-Ecke. Beim Dinner sprechen wir über eine norwegische CGI-Serie über ein freundliches Seenotrettungs-Boot, „Elias“ (ab 2005; auch in Deutschland bekannt).

Stefan: „Ah, wie Thomas die Lokomotive?“

X: „Ja. Bei Thomas gibt es jetzt einen afrikanischen Zug.“

Stefan: „Ich weiß. Ein Zug of Color.“

X: „Ich bin gespannt, wann sie sagen: Der Helikopter ist trans.“

Als jemand, der (ernsthaft) dauernd schaut, ob es z.B. queere Maschinen bei „Transformers“ gibt, fände ich einen trans Helikopter im Kinderprogramm zwei Sekunden lang absurd.

Und dann: jahrzehntelang großartig!

Update: Tatsächlich gibt es seit Jahren ein transfeindliches „Du bist eine Frau? Na dann bin ICH jetzt ein Kampfhelikopter!“-Meme, das ich nicht kannte.

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Auf den ersten Blick wirkt die Auswahl der Bibliothek (Englisch, Norwegisch, Deutsch) banal & zu klein: Gäste ließen gängige Bestseller, Paperbacks an Bord zurück. Doch der Bestand wird gepflegt; und eine Frau aus der Crew gibt engagiert Buchtipps.

Sigrid Undset, Autorin von „Kristin Lavranstochter“, gewann den Nobelpreis: Aktuell ist ihr Roman nicht im deutschen Buchhandel.

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Alle Durchsagen an Bord wurden auf Norwegisch, dann Englisch, dann Deutsch verlesen. Alle Deutsche, die ich erkannte, waren als (Hetero-) Rentnerpaar unterwegs; recht leise und für sich.

Ich mochte, wie viele Durchsagen ans Leid und die Verfolgung der Sami erinnerten… bis ich verstand: Das ist keine offizielle Hurtigruten-Tonspur. Sondern eine Kunstaktion im Rahmen von „Coast Contemporary“, von Sissel M. Bergh.

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„Ganz untypisch in Zeiten des overtourism ist Norwegen ein Land, das sich tatsächlich mehr Kulturtourismus wünscht“, schreibt Saskia Trebing im „Monopol Magazin“: „‚Hier ist noch Platz‘, sagt Annika Winström, Direktorin der Maaretta Jaukkeri Foundation, und zeigt schmunzelnd über die weite Fjordlandschaft.“

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„Die Reedereien“, schreibt Saskia Trebing, „feiern Norwegen als zerklüftetes Paradies, doch auch hier ist die Idylle gefährdet – oder hat vielleicht nie existiert. In ihren Vorträgen erinnern Künstler an den Klimawandel, der die Arktis schon jetzt dramatisch verändert, die Debatten um mögliche Ölplattformen im Norden und die Unterdrückung der Sami in ihren angestammten Gebieten.“

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„Norway’s artist-run scene is strong and at times as untouched as (some of) its nature“, schreibt Tanja Saeter im Programmheft (nicht online). „Because of The Relief Fund for Visual Artists, 5% of all sold art, from the first and second-hand markets, is given back to the artists in form of working grants.

Combined with the important working grants from the government (Statens Arbeidsstipend) artists are able to work in peace and develop their practice. It is important for all art-workers to protect this remarkable model established by Ulrik Hendriksen (1891-1960), and even better, share the model with the world. [Also,] Norway has a long tradition of artist organisations that function as unions combined with a gallery space.“

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„The TV show ‚Hurtigruten minutt for minutt‘ appealed to a national trait: the country’s passion for its own landscape“, schreibt Kurator Charles Aubin. „[That’s] also a quite effective tool to build a shared sense of nationhood. Romantics of the 19th century throughout Europe
turned to celebrations of nature at its most dramatic to invigorate patriotism. Here in Norway, literary and pictorial depictions such as Johan Christian Dahl’s spectacular paintings of mountain scenery, have served to build a national belief of an untouched and limitless territory — often largely oblivious of the Sámi people — at the hand of the adventurous mind.

Today the natural tourism agency still relies on such formulations: “Norway, Powered by Nature”, goes the slogan, even though what really powers Norway these days is the petroleum industry that has dramatically changed the course of the country’s economy since the 1960s.“

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„I was eager to examine these contradictory images of nationhood, landscape, ecology, and tourism“, schreibt Aubin weiter:

„Drawing its title from the first strophe of Norway’s national anthem Ja, vi elsker dette landet (Yes, We Love This Country) written in 1859 by Bjørnstjerne Bjørnson (“Yes, we love this country / as it rises forth / rugged, weathered, above the sea”), this programme seeks to address the complex relationship Norwegians entertain with the wilderness. How has it been “naturalized” as a national mythology? What particular worldviews and agendas does it imply?“

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Hurtigruten-Schiffe haben zwar WLAN – doch Zugang kostet gut 5 EUR pro Tag; und ich hatte eh kaum Zeit, zu googeln, online nachzulesen, tiefer zu recherchieren: Während der Reise bearbeitete ich Fotos und stellte sie tagesaktuell bei Facebook online. Alles, das mehr Energie und Zeit brauchte, las ich im Nachklapp.

Dass Anke von Heyl souverän, originell und mit präzisem Blick schon live während der Reise Twitter & Instagram bespielte, beruhigte mich: #Arbeitsteilung #Fokus

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„Über welche Autor*innen willst du vor der Buchmesse schreiben?“

„Über alle, die kleiner sind als die superbekannten Dudes: Karl-Ove Knausgaard, Tomas Espedal…“

Espedal schreibt kurze, persönliche Bücher (im Stil von z.B. Andreas Maier: Autofiktion) mit vielen Naturbeobachtungen. Keine Stimme, die ich fördern kann, entdecken darf: Er ist seit Jahren etabliert, auch in Deutschland. Erst einen Tag vor meinem Flug wird endlich das Programm an uns Deutsche verschickt. Tomas Espedal führt uns durch Bergen!

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Ich liebe vergriffene, vergessene Bücher, und lese in den nächsten Wochen u.a. die queeren Autor*innen Jens Bjoernboe, Gudmund Vindland und Gerd Brantenberg – deren feministische Satire „Die Töchter Egalias“ so präsent sein könnte wie Margaret Atwoods „The Handmaid’s Tale“.

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Norwegisch ist recht leicht zu lernen – doch die Betonung ist schwer.

„Understanding basic Norwegian words is fairly easy for English, German or Dutch speakers. But perfect pronunciation is notoriously difficult to learn because Norwegian is a pitch accent / tonal language.“

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Zufallsfund am Flughafen: Michael Booths „The almost nearly perfect People“ (2014; der Goodreads-Score ist mau für ein Sachbuch) stellt alle skandinavischen Länder vor – und hat deshalb, unterm Strich, zu wenig Norwegen-Content. Beim Blättern fand ich trotzdem dauernd Stellen, die ich anstreichen wollte. #vielgelernt

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Anke von Heyl schreibt: „Jeder, dem ich davon erzählt habe, dass ich einen Teil der Hurtigruten (es heißt tatsächlich “schnelle Route” – hach, hurtig ist so ein schönes altes Wort) fahre, bekam glänzende Augen. Für viele ist das der Inbegriff von Entschleunigung und Landschaft pur.“

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Wer zum Speisesaal will, muss am Shop vorbei. Teure Funktionskleidung, Souvenirs. Keine Romane; doch Bildbände und Fotobroschüren mit Titeln wie „Hurtigruten: Die schönste Seereise der Welt“. Der Kapitän bietet an, die Bücher persönlich zu signieren. #buchkultur

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Mein Lieblings-Lecture: Hanne Beate Ueland stellt Landschaftsmalerin  Kitty Kielland vor und zeigt, wie sie sich gegen die Männer der Düsseldorfer Schule positionierte: Johan Christian Dahl; Hans Gude, Peter Balke, Lars Hervgeig. Ab 30 [ca. 1873] lebte Kielland in Karlsruhe, durfte nicht an der Kunstakademie studieren und stürmte als Intervention in einen Aktzeichnungs-Kurs, der Männern vorbehalten war.

Als jemand, der 50 Minuten von Karlsruhe entfernt aufwuchs, finde ich es absurd, dass Norweger nach Nordbaden zogen, um Landschaftsmalerei zu üben.

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Expert*innen sehen bei Kiellands Landschaftsmalerei: „The skies are meterologically correct. The rocks are geologically corrrect.“

Grundfrage damals war: „Is this area interesting as something to describe in paint, in art? What’s emphasized: the sky? The water? The landscape?“ Es gab kaum Eisenbahn. Landschaft wurde zu Pferd oder Kutsche erkundet. Sümpfe, flat landscapes etc. galten als „female landscapes“, in Kontrast zu den „more dramatic mountains: male landscapes“.

Kittys Bruder Alexander Lange Kielland schrieb Romane.

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Norwegen hat die höchste Lebensqualität, Bildungsgerechtigkeit, Class Mobility und die geringste Lohn-Schere. Doch mich erschreckt, wie laut sich eine Norwegerin jeden Vergleich mit den USA (für mich: vielfältiger, künstlerisch oft interessanter) verbat.

„Das ist ein failed State, in dem Leute oft über Generationen keine Ausbildung, keine Jobs kriegen!“

Ich mag Nationen, die fragen, wie sie besser werden können. Statt sich selbst auf die Schulter zu klopfen.

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In Georgien schnappte ich viel auf – und verstand Zusammenhänge erst Monate später, als ich ein Dutzend georgische Romane las. Auf den Hurtigruten hörte ich Sätze wie „Bergen ist reich. Das Fischereimonopol!“ …ohne zu wissen, was das politisch und sozial bedeutet – und wie es das Land bis heute prägt.

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Anke von Heyl schreibt: „Hannah Ryggen ist eine Künstlerin, die in den 20er und 30er Jahren große Anerkennung erfuhr und die es heute wieder zu entdecken gilt. Eine ihrer Arbeiten, ein Wandteppich, wurde 2012 auf der Documenta gezeigt. Er erlangte traurige Berühmtheit, weil er 2011 beim Anschlag aufs Parlament in Oslo in Mitleidenschaft gezogen wurde. Ryggen selbst engagierte sich in ihren Arbeiten gegen Faschismus.“

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Ryggen, geboren 1894 in Malmo, sollte Grundschullehrerin werden und webte ab den ca. 20er Jahren große Wandteppiche an einem Webstuhl. Das Garn ist eingefärbt mit Farbstoffen, die sie in der Natur sammelte.

20 Jahre lebte Ryggen mit Mann und Kind in einem Bauernhaus ohne Strom: Sie brauchte zehn Jahre, um die Technik zu meistern, und verdiente binnen 14 Jahren mit ihrer Kunst 3000 Kronen.

Durchschnittseinkommen pro Jahr damals: 2500 Kronen.

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Kunsthistorikerin und Kuratorin Marit Paasche schrieb ein Buch über Ryggen: „Hannah Ryggen. A Free One“.

In einem „extremely male-dominated account of modernism where women were marginalized and overlooked in their own time“ ist Ryggen die Ausnahme: „Her genius was recognized. She wasn’t misunderstood. But in the 1980s and 1990s, she received little place.“

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Anke von Heyl: „Der Landgang mit Besuch im Nordenfjeldske Art Museum in Trondheim war zwar kurz, aber ich habe die Begegnung mit den Hannah Ryggens Original-Textilien sehr genossen. Umso gespannter bin ich auf die Ausstellung in der Schirn, die nächstes Jahr im Herbst und parallel zur Buchmesse zu sehen sein wird.“

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Motive der Ryggen-Wandteppiche sind u.a. die Arbeitslosigkeit der Fischer während der Wirtschaftskrise; oder, in „Death of Dreams“, dass Carl von Ossietzky erst 1936 den Nobelpreis erhielt, und 1938 von den Nazis zum Tod verurteilt wurde. Politik, Antifaschismus.

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Ryggen lernte in Dresden. Wandteppiche und Webarbeiten zeigten oft dekorative Muster. Auch Natur war wichtig: Als „diversion, vitalism, romanticism and, in Norway: nationalism“.

Ryggens Teppiche sind anders. Illustrativ wie politische Zeitungs-Cartoons. Es geht um klare Aussagen und Positionierungen, z.B. gegen Italiens Einmarsch in Äthopien. Der Arbeitsaufwand? Immens!

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Ryggen schlug alle Angebote privater Käufer*innen aus: „She saw the tapestries as public statements that have to hang in public spaces and could be seen by all.“

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Ich machte ein Selfie in meiner Kabine – und merkte erst, als ich die Bilder des Tages auf Facebook postete, wie ähnlich ich dem Ryggen-Teppich (oben) bin.

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Das Schiff hielt in Trondheim nur von 8 bis 10 Uhr morgens: Wir stapften 40 Minuten durch den Regen und ließen uns von Direktorin Åshild Adsen ca. 10 Teppiche zeigen.

Wie wichtig Textile Art in einem Land ist, das viel Wolle verarbeitet und, wie sehr das Medium noch immer als „Handarbeit“, „Frauenkunst“, „Kunsthandwerk“ abgetan wird, erklärte Karianne Sand von „Norwegian Textile Artists“ / „SOFT galleri“.

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Der einzige Ryggen-Wandteppich, der mich besonders ansprach: „We live among the stars“ (1956).

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Teekannen-Design. Dazu eine kleine Ausstellung japanischer Keramik: Wir sahen nur ein Stockwerk des Museums, hatten keine Zeit für die Kunsthalle Trondheim (nebenan); kriegten die Stadt kaum mit.

Schön und unerwartet: Es gibt Stolpersteine. Details: Link

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Schon in Svolvaer aßen wir bei „Peppe’s Pizza“ [Foto: Filiale in Trondheim], einer Pizza-Hut-artigen norwegischen Kette, in der Kinder gern Geburtstag feiern. Nichts wirkt italienisch (oder skandinavisch). Die American-Style-Pizzen schmecken; die Thin-Crust-Pizzen sind ölig-labbrig.

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Hafen-Terminal; dahinter Berge. „Star Wars: The Empire Strikes Back was partly filmed at Finse, near the Oslo-Bergen railway, in March 1979. The Finse area appears in the movie as Hoth, the snow & ice planet.“

Sobald ich das las, sah ich’s an jeder (schneebestäubten) Ecke.

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Autos, Frachtgut, Post: Hurtigruten-Schiffe werden dauernd be- und entladen, auch mitten in der Nacht. Ich schlief mit Ohrstöpseln und hörte nichts. Der Check-in in Svolvaer ging schnell; doch als in Bergen fast ALLE Passagiere ausstiegen, brauchten wir über eine Stunde.

Ein Kreuzfahrtschiff ist wie ein schwimmender Rollstuhl. Ich hatte mit vielen Menschen mit Behinderung an Bord gerechnet. „Sehr viele Behinderte“, sagt eine Mitreisende – und ich stutze: Klar sehe ich drei, vier Rolllatoren. An der Rezeption warten Klapprollstühle. Tatsächlich aber nutzt, glaube ich, nicht einmal jeder hundertste Gast hier einen Rollstuhl.

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Ende 2017 las ich „NYX“ – eine dystopische Satire des deutschen Autors Dirk van Versendaal. Ein Kreuzfahrtschiff als schwimmendes Altenheim wird so vernachlässigt, dass an Bord Seuchen, Chaos ausbrechen.

Im August 2018 moderierte ich eine Lesung in der Hanse-Residenz Lübeck und musste dauernd ans Buch denken („Altenheim?! Herr Mesch: Wir sind eine Seniorenresidenz!“). Auch hier an Bord erkenne ich viel wieder. „NYX“ hat Längen – doch MUSS in jede Hurtigruten-Bibliothek!

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„Everyone living in Norway has three figures from their annual tax return published: their annual income, income tax paid, and wealth. Prior to 2013, this data was completely open and searchable, but now a person can see who has looked up their data.“ [Quelle]

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„US actress Renee Zellweger is the daughter of a Norwegian woman of Sami descent (Kirkenes, Finnmark county) and a Swiss man. Her parents met onboard the Hurtigruten in the 1960s.“ Details: Link

Auch Matt Groenigs Eltern – Vorbilder der „Simpsons“ – stammen aus Norwegen.

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Mit WLAN hätte ich zu allen Teilnehmenden recherchiert. Doch weil das .pdf mit allen Reise-Details erst am Vorabend des Flugs kam, blieb es bei „Witzig: Der nette New Yorker hat das… norgewischste Outfit an Bord!“

Dass ich gemeinsame Freunde mit Kunstkritiker Brian Droitcour habe und schon Artikel von ihm las, fiel mir auf der Reise selbst nicht auf / ein.

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„There are about 30 stave churches, medieval Scandinavian wooden churches using the post and lintel technique, surviving to this day, in Norway. The only other one is in Sweden.“ [Fotos]

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Für NORLA an Bord: Ellen Trautmann Olerud (Project Coordinator #Norwegen2019) und Sunniva Adam (PR Officer #Norwegen2019).

Direkt, schwungvoll, kompetent: Menschen, die Bücher verkaufen, verlegen, vermitteln glauben oft, nach außen hin ALLES gut finden zu müssen. Ellen und Sunniva werten, gewichten viel offener. Ich freue mich auf weitere Gespräche über Lektüren… und Flops.

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Tomas Espedal: „In Bergen regnet es so viel, dass Leute sagten: Die Einwohner hier sind dumm. Sie müssen dauernd Regenschirme halten. Das Blut fließt in den Arm statt ins Gehirn!“

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Die kurze Lecture-Performance von Daisuke Kosugi war mein Highlight der „Cabin Series“: Kunst, jeweils in einer Kabine für ca. 20 Zuschauer*innen.

Kosugi spricht (oder liest ab: Er trägt ein Oculus Rift-Headset). Ein außen aufmontiertes Tablet zeigt kurze Clips, die seinen Vortrag illustieren.

Sakkaden sind kurze, unwillkürliche Pupillenbewegungen.

Im japanischen Butoh-Tanz geht es – anders als im Ballett – nicht um Muskelbeherrschung. Sondern um Nachgeben, Los-, Lockerlassen.

Kosugis Vater half, das Tokyo Disneyland zu erweitern: Eine beliebtes Upgrade von Disney-Parks sind Filmstudio-Themenwelten. Tokyo Disneyland wollte lieber eine „Sea World“-Expansion. Kosugis Vater ist Ingenieur und wollte, dass ein Vulkan gebaut wird – weil Disneyfilme populär wurden, indem sie immer auch ein Stück Kindheitslandschaft und Kindheitswelt nachzeichneten:

Welt so zeigten, wie wir sie aus unserer Kindheit nostalgisch erinnern. Japan hat Vulkane. Der Sea-World-Vulkan soll kollektive Kindheitsbilder wachrufen.

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Wird Kosugi vor Publikum nervös, stellt er sich vor, dass keine Menschen auf ihn blicken, sondern gesichtslose Kartoffeln. Sein Vater ist heute Amateur-Bodybuilder, lässt sich vom Publikum anstarren – doch brach ab, als sein Sohn ihn filmen wollte. „I’m not a potato for my father.“

Sakkaden helfen, etwas zu erfassen und zu erinnern. Szenen einzubrennen. Wer ein Trauma vergessen will, soll es nacherzählen… und dabei den Blick möglichst ruhig zwischen Nah und Fern hin- und herschalten.

Wie dieses EMDR Treatment, virtuelle Welten bei Oculus Rift, Sakkaden und der Kindheits-Blick zusammenhängen, wird Kosugi in längeren Arbeiten erforschen.

Ich mag die Mischung aus Trivia, Kulturwissenschaft, persönlichen Anekdoten und Neurologie. Bitte bald mehr!

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„I’m a potato“, stellt sich Künstlerin Siri Borgé vor. Sie meint: Sie ist vielseitig. Eine feste Metapher in Norwegen: „Versatile? Potato!“

In ihrer Kabine parodiert sie Privatisierung, die Bildsprache von Kreuzfahrten, Corporatism, Firmenlogos. Ein Seefahrer-Maskottchen für norwegische Fischkonserven („Sieger. In Deutschland beliebt!“) trägt hier, als Montage, des Gesicht von Anders Breivik.

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In Kunst und Vorträgen sind Klimawandel, Ökologie (…und Sexismus) omnipräsent: Borgé zeigt in der Duschkabine einen Video-Loop zu Plastikmüll im Meer.

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Stoff-Kunstwerk „Index for a place of no importance“, Anne Karin Jortveit.

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Saskia erzählt: „Ich sah in der Kabine fern. Es ging um eine Debatte im Parlament. 10 Expertinnen kamen zu Wort. 10 Frauen. Keine Männer.“

X, zynischer: „Vielleicht zeigt das vor allem, wie schlecht Jobs in der Politik bezahlt sind.“ Auch im Journalismus kriegten Frauen erst dann immer mehr Raum, Macht, Respekt, als der Beruf selbst immer weniger Lohn und Prestige versprach.

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Fotograf Christian Tunge brachte einen Kartenständer und seinen Foto-Drucker an Bord, bat alle Passagiere um Dateien: In drei Tagen füllte sich der – oft öffentlich im Schiff aufgestellte – Ständer. Ich hatte am Vortag einen Lachs fotografiert: ausgeweidet und mit traurigem Blick, am Büffet.

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Mein Lieblingsfoto aus Tunges Sammlung. Weil fast alle jüngeren Leute, die ich an Bord sah, Teil unserer Gruppe waren, kann ich nicht sagen, ob es solche… legeren Szenen auf jedem Hurtigruten-Schiff gibt: Whirlpool und Sauna z.B. wurden ebenfalls fast nur von uns genutzt.

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Ein Coast-Contemporary-Teilnehmer erzählt mir in der Sauna von seiner Zeit in Svalbard.

Mir ist nicht klar, dass einfach „Spitzbergen“ gemeint ist, und ich weiß nichts über die verlassene russische Siedlung dort: Pyramiden. Oder über die Regelung, dass möglichst niemand entbinden soll. Oder über die Gefahr von Eisbären. Ich bin gesichtsblind – und merke nicht, dass ich mit Christian Tunge spreche: beim Postkarten-Entwickeln trug er eine Brille, in der Sauna nicht.

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„We were 48 people and 4 polar bear guards“, erzählt später jemand über die Zeit in Spitzbergen. „Everyone carries a flare gun.“

Vom Archiv für Saatgut hörte ich – alles andere ist mir neu.

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Anfang November zeigt die Bergen Art Book Fair Kunstbücher und Zines… in Bergen. An Bord stellte die Messe aus – und drei Verlage: Heavy Books, Lodret Vandret und Mondo Books, ca. 100 Bücher. Im Bild: Johan Rosenmunthe. Foto: Laimonas Puisys

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Ich blätterte durch jedes Buch der Ausstellung. Die meisten sind Norwegisch, Dänisch und/oder Textwüsten. Ich mag „Too familiar to ignore, too different to tolerate“: sonnige Fotos von Bienen, Honig und Waben an Orten, an denen keiner mit Bienen, Honig, Waben rechnet.

Dass der Fotograf, Christian Tunge, der Kartenständer-Künstler und der Mann in der Saune EINE Person sind, merkte ich nach ca. drei Tagen Reise.

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Die Ausstellung in der Schiffsbibliothek stand allen Gästen offen – doch nur ein, zwei Muggel-Passagiere blätterten länger in den Büchern. Auch bei den Lectures im Auditorium und bei der Cabin Series sah ich keine Außenstehenden.

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Sympathisches, doch etwas monotones illustriertes Buch von Kay Arne Kirkebo: „All is lost“.

Sehenswert: seine ‚Isometric Structures‘ / Bleistift-Stadtansichten.

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Toll & naheliegend: Modellieren mit gestreifter Zahnpasta!

Ästhetisch dachte ich leider zu oft: Solche Motive hätte ich auch 2008 schon sehen können.

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Aslak Hoyersten (rechts) hilft Künstler*innen bei der Selbstorganisation: VISP berät bei Förderanträgen, Steuern etc. (…und heißt „Schneebesen“!). Von links: Flemming Ove Bech, Alexandra Jegerstedt und Ann-Kristin Stolan.

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Ich kenne jetzt EINEN jüngeren queeren norwegischen Autor, Erik Eikehaug.

Ich kenne kaum Stimmen of Color. Ich freue mich über Empfehlungen, Vernetzungen – gern auch via Twitter oder Facebook.

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Ein Sami-Begräbnis? Sissel M. Bergh schreibt: „[Before,] the Saami people (of the mountains) were regarded wealthy and of a different league: They were free to play hide and seek with the King’s tax officers and police. And they were wearing their wealth on their bodies, in silver and fur. In the aftermath of the 1814 Constitution, Saami rights were rewritten as Saami privileges, and thereby legitimate and fair to deprive.“

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Fast zehn Institutionen haben je zehn Minuten, sich vorzustellen.

u.a. VISP, Norwegian Textile Artists [gegründet 1927!], Screen City Biennal, Performance Art Bergen, OCA und, im Bild, das Sami Center for Contemporary Art. [Stickerei: Britta Marakatt-Labba, geb. 1951]

Marianne Kwann vom Norwegian Ministry of Foregin Affairs erklärt, dass Kulturvermittlung im Ausland anders funktioniert als für z.B. Deutschland, Frankreich. „We don’t have the Goethe Institute or the Institute Francais; the embassies play these roles.“

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Dass deutsche Kinder oft Mützen, Winterkleidung tragen, die den Sami-Trachten nachempfunden sind, war mir neu: Ich weiß noch nichts über die Kultur, ihre Kämpfe und Diskriminierungen.

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Ich habe den Eindruck, dass der Kampf der Sami um gleiche Rechte und Mitbestimmung in Norwegen von allen skandinavischen Ländern am heftigsten war“, kommentiert eine Freundin auf Facebook. „Vielleicht, weil es dort weniger Land gibt und Norwegen deshalb eher und heftiger in die Gebiete der Sami eingegriffen hat (zum Beispiel mit Staudämmen usw.). Sami-Diskussionen sind auch immer Diskussionen um Landrechte.“

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Karl-Ove Knausgaard schrieb sechs autobiografische Bücher. In Norwegen hieß die Reihe „Min kamp“ [nach Hitlers Buch], in den USA „My Struggle“, in Deutschland „Das autobiografische Projekt“. Warum auch Sami-Künstlerin Kristin Tarnesvik auf Hitler verweist, weiß ich nicht.

Tomas Espedal, der ebenfalls autobiografisch schreibt, erklärt, warum Ich-Sagen als Anmaßung galt: „We’re a protestant country. Why do you think you’re interesting? What gives you the right to talk about yourself? Who do you think you are?“

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Norwegische Trolle erkenne ich als Vorväter von..

a) den [dänischen] „Hugo“-Computerspielen der 90er

b) den [zuerst: dänischen] Zaubertrollen ab den 60ern

c) absurd vielen Amateur-Kinder- und Bilderbüchern im Selbstverlag zu pumucklartigen Kobolden, Wichteln, die ich dauernd versehentlich bei Amazon finde: Hobbyautor*innen der älteren Generation LIEBEN diesen Look. [Links: 1, 2, 3, 4]

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Noch weiß ich fast nichts über Norwegens Regionalismus: Leute im Süden sind religiös. Leute in der Telemark aufbrausend… oder Axtmörder? Tipp: der Webcomic „Scandinavia and the World“

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Ich hörte noch nie so oft „Landscape Artist“.

Aber: Wie könnte man nicht, hier oben?

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Tolles Projekt, kluges Anliegen, faktensatter Vortrag:

Alon Schwabe und Daniel F. Pascual sind „Cooking Sections“. In Bergen, zum Abschluss von „Coast Contemporary“, hatte ihre Anthologie / ihr Reader „The Empire remains Shop“ Premiere. Texte über Lebensmittel, Exotisierung und Widerstand im Postkolonialismus. An Bord fragten sie, ob Austern eine Alternative zu Lachs aus Fischfarmen / Aquakultur sein könnte.

Ein Vortrag, aus dem ich viel mitnahm und lernte – doch den ich kaum ertrug. Weil v.a. Schwabe überlaut, mit blecherner Stimme unbequeme Fakten maximal unbequem deklamiert: Es tut weh, zuzuhören.

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„Norway introduced the Salmon Sushi to the Japanese during the 80s. Incidentally, Norway is also the largest exporter of salmon in the world.“ Cooking Sections arbeiten in London, und nahmen schottische Lachsfarmen ins Gericht: „A creature bred to be hungry, its job is to pick up weight.“

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Riesige Netze, in denen Lachse wimmeln, geplagt von Sea Lice und anderen Parasiten. Lachsfleisch ist rosa, weil Lachse Krill essen. In Fischfarmen färben Pellets mit Farbstoff den Lachs. Spatzen, die die Pellets versehentlich essen, werden pink.

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Hurtigruten: „Bei 34 Häfen, die es zu erkunden gilt, und einer Auswahl von über 60 Landausflügen wird Ihre Arktikreise definitiv nicht von Langeweile geprägt sein.“ Man kann Ausflüge auf Fischfarmen und in ein Marmor-Bergwerk buchen, viel Sport, Wikinger-Reenactments… und dreimal im Katalog lachen Funktionskleidungs-Leute mit Fisch und Krustentier.

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Ich nenne den Namen nicht – weil es mir nicht darum geht, persönlich anzugreifen. Schon Kurator Charles Aubin strengte mich oft an, weil er gesucht leise, kultiviert, übervorsichtig sprach.

Ein Vortrag über Nature Writing steckte – in meinen Augen – voll peinlicher, unpräziser, poetisierender Floskeln: „The presence of materialities and the presence or absence of us watching it“, „We were to respect the silence of the bird sanctuary and listen deeply to the seagulls“, „It was just divine, the fjord was just silky blue and velvety and there were no winds“.

Ein verzärtelt-aufgesetzter Ton, mit dem ich nicht klar komme: „It was magnificent; the silent spectacle. How do the materialities of the arctic work on me?“

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„Is it possible to let it rest? To let this place lie in its own time, not being photographed, not being insta-shared?“ fragte eine Person, die Fotos machte, uns Fotos präsentiert, sich über ihr Hinreisen, Hinsehen, Foto-Machen, Dokumentieren definiert… und mich zum Augenrollen bringt, sobald sie fordert, dass alle anderen bitte daheim bleiben:

Ich ging an Deck. Sah einen Regenbogen.

Und share ihn hiermit, mit Freude!

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Deutsche Comedians machen mir Angst: die erfolgreichsten sind aggressiv gestrig, reaktionär, treten v.a. nach unten.

Comedian Are Kalvo macht auf fast allen Fotos ein maskenhaftes Stefan-Raab-trifft-den-Joker-Gesicht.

Dass NORLA uns EINEN Autoren aufs Schiff holt und sagt: „Are? Das wird toll!“ irritierte mich. Auch, weil ich mir z.B. die Rassismen dieses Buchcovers von 1996 nicht erklären kann.

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Auf Deutsch erscheint Aro Kalvos „The Cabin Book from Hell“ 2019 im DuMont Reiseverlag: „A comedian’s reluctant attempt to learn to love nature. Kalvø grew up in the middle of a postcard, surrounded by fjords and mountains. Yet he’s never been much of an outdoorsman. Once he moved to the city, he never looked back.

This has never been a problem. Until a few years ago, Kalvø began losing friends to the mountains. One day, Kalvø realized that he did not have a single Facebook friend who had not posted a photo of themselves on a mountain. He heads out to the mountains himself: to find out what is actually happening.“ Foto: NORLA.

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Die gute Nachricht: Kalvo grinst nur auf Fotos – sein Stand-up-Set (in exzellentem Englisch) hatte Schwung, Timing und trifft, im besten Sinn, Hauptsendezeit- und US-Niveau.

Ich LIEBTE, dass Charles Aubin zur Begrüßung schwurbelte: „He writes about nature and questions of the sublime“… und Kalvo sofort sagte: „I didn’t know that I wrote about questions of the sublime.“

Inhaltlich war’s mir zu dünn. Was Wanderleidenschaft und Outdoor-Wahn in Norwegen mit Midlife-Crisis, Klassismus, Distinktion, Romantisierung zu tun hat, wurde in 30, 45 Minuten null klar: Falls Kalvo Subversion, Gesellschaftskritik wichtig sind, kam nichts davon rüber. Ich dachte an Harald Martenstein – der über Lastenfahrräder und Jutebeutel spöttelt… und schnell bei „Gesinnungsterror“ und „Anpassungsmoralismus“ landet.

Dass Kalvo so lange reden kann, ohne, dass klar wird, ob er Ressentiments bedient oder entlarvt, macht mir keine Lust aufs Buch. Foto: NORLA.

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Richard Alexanderrsons 12-Minuten-Animationsfilm „Pod“ erinnerte mich an die 90er Jahre: tolles Sounddesign; doch verbauchte CGI-Bilder und eine „Ecco the Dolphin“-Meer-trifft-Weltall-Ästhetik. In den 90ern war das Öko-Kitsch. Dann kann es 2018 bitte nicht Avantgarde sein!

Besser: Anne Marthe Dyvis Doku-Essay „Oilers“ über Gewerkschaften und Ölförderung (30 Minuten).

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Filmemacherin Sissel M. Bergh vor dem Torghatten-Felsen. Saskia Trebing schreibt: „Ein Hurtigrutenschiff ist in all seiner erzwungenen Fröhlichkeit ein merkwürdiger Ort, um über [Sami, Klimaschutz, Landschaft] nachzudenken. Aber in all seinen Widersprüchen zwischen Bewegung und Festsitzen vielleicht genau der richtige.

Für die Passagiere ist die Natur gleichzeitig ganz nah und unerreichbar weit weg. Auf der MS Trollfjord ist überall von Sauberkeit die Rede und auf jedem Deck stehen Spender zur Hände-Desinfektion. Gleichzeitig ist das Schiff eine CO2-Schleuder und auf dem Buffet liegt der Lachs aus den Fischfarmen, die das Künstlerduo Cooking Sections gerade noch als Umweltkiller gegeißelt hat.“

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„Big Ship, Small Town“: Luis Callejas und Charlotte Hansson, die auch die Halle zum Gastlandauftritt Norwegens 2019 gestalten, warfen Dreiecke aus Licht durch den Hafen von Molde, „using the ship’s powerful searchlight system“.

Es ging um Triangulation, Navigaton, Entfernungen, das Sichtbarmachen von Distanz. Ich bin kein Freund verschwurbelter, abstrakter Artist Statements – doch hier gab mir der kluge Begleittext mehr als die (unterwältigenden) Lichtsäulen.

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Ein paar der wachsten, sympathischsten „Coast Contemporary“-Teilnehmer*innen sind Studierende von Calllejas und Hansson. Schade, dass sie keinen eigenen Programmpunkt hatten: Wie norwegische Architektur sich zu Landschaft verhält, war kein Thema.

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Anke von Heyl schreibt: „“The Wild Living Marine Resources Belong to Society as a Whole” bündelt Gedichte, Manifeste, Kunstwerke, Essays, die sich mit der Verbindung von Mensch und Natur beschäftigen. Ein unglaublich dichtes Buch, hinter dem die Künstlerin Randi Nygård steckt.“ Die Fragen stellte Kulturwissenschaftler Timotheus Vermeulen.

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Ich wünsche mir nochmal einen längeren Essay von Charles Aubin. Seine Fragen bereicherten mich tagelang. Hat er Antworten?

„Landscape as a construct: What do we want this landscape to say, to hold? Oil extraction, fish farming…. Landscape as an effective tool to build a sense of community in the Norwegian nation. Romanticism in the 19th century took part in the process of nationbuilding. What’s the agenda behind depicting the landscape?“

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„2015 reisten im Zuge der Flüchtlingskrise über 4000 Flüchtlinge über die russisch-norwegische Grenze in Norwegen ein. Die Regierung Solberg verschärfte die Politik. Norwegens Nachbarland Schweden war bis 2015 als das Land mit der großzügigsten Asylpolitik bekannt; als die Regierung Löfven diese revidierte, versuchten mehr Flüchtlinge nach Norwegen zu gelangen.“ [Wikipedia: Immigration to Norway]

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Wikipedia über Folgen des zweiten Weltkriegs: „Kinder mit norwegischer Mutter und deutschen Besatzer als Vater wurden als genetisch gefährdend für die Friedlichkeit der norwegischen Bevölkerung erachtet. Nach Schätzungen wurden 10.000 bis 12.000 solcher Kinder in Norwegen geboren. Die Mütter – abwertend als tyskertøser (etwa: „Deutschenflittchen“) bezeichnet – wurden 1945 bis 1946 teilweise in Internierungslagern gefangen gehalten. Den Kindern wurde der Schulbesuch verboten; sie wurden in Heime gesteckt, mit Neuroleptika behandelt oder lobotomiert; im besten Falle wurden sie nach Schweden zur Adoption freigegeben, so zum Beispiel Anni-Frid Lyngstad, Sängerin bei ABBA.“

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Spirituosen darf man in Norwegen (wie in Kanada) nur in wenigen, staatlich lizensierten Stores kaufen.

„Drunk driving is a serious offence, where being caught automatically results in 30 days of jail, a year without a driver’s license, and fines of up to 10% of your annual income.“

Und/aber: „Norway has a minimum security island-prison where inmates are almost free to do as they wish. The criminals prisoned there are among Norway’s worst, but it has the lowest rate of re-offending in Europe.“

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„Eine gute Möglichkeit, auf einem Kreuzfahrtschiff die Kunstreisegruppe von den anderen Gästen zu unterscheiden, ist eine Nacktperformance“, schreibt Saskia Trebing:

„Als sich die Künstlerin Marthe Ramm Fortun im Check-In-Bereich des norwegischen Hurtigenrutenschiffs MS Trollfjord  plötzlich den schwarzen Regenponcho vom Leib reißt, schauen ihre Kunstkollegen teilnahmslos bis mild amüsiert. Ein paar knipsen symbolträchtige Fotos, als sich die Performerin nackt unter den Porträts des norwegischen Königspaares räkelt und über den weiblichen Körper in der Kunst skandiert.

Die anderen Passagiere sind weniger gelassen. Immer wieder huschen kichernde ältere Damen in Funktionskleidung vorbei, ein paar ergraute Herren schwanken zwischen ungläubigem Starren und demonstrativem Desinteresse. Eine freundliche Mitarbeiterin in Uniform sagt der Künstlerin, dass sie sich für den Rest der Performance etwas überziehen muss – ein Hinweis, den Marte Fortun auf dem nächsten Deck schon wieder über Bord wirft.“

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Marthe Ramm Fortun liest ein sehr fragmentiertes, oft sarkastisches Essay vom Blatt ab. Leitmotivisch kommen alle fünf, zehn Minuten die Sätze: „I am not naked. That would be too romantic.“

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Am Abend nach der Performance wird Fortun von der Polizei befragt. Ich weiß nicht, ob das Schiff eine Anzeige stellte oder Passagiere.

Am nächsten Tag liest Fortun in anderer Reihenfolge aus den selben Texten, angezogen, im Auditorium. Ich liebe die Verweise. Fortuns Biss und Souveränität. Doch mich stört, dass im Vorlesen jeder Satz vor Sarkasmus trieft. Distanziert wirkt, gekünstelt. Ein Manifest – dringlich, earnest – geht mir näher als Textfetzen, die durch den Vortrags-Ton in Gänsefüßchen verstanden werden müssen.

Befreiend: Nachdem mir im Vorfeld der Reise ca. acht Leute sagten „Du willst über eine Kreuzfahrt schreiben? DAS hat doch David Foster Wallace schon perfektioniert„, rollt hier plötzlich eine smarte, müde Frau die Augen – darüber, dass alle erstmal IMMER auf David Foster Wallace „und andere tote Männer“ blicken.

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Als ein Handy klingelt, unterbricht Fortun und erzählt, wie sie ihr Handy während einer Nackt-Performance mal bei ihrer Mutter ablegte, ein Steuereintreiber anrief, die Mutter während der Performance ans Telefon ging und dann nicht wusste, was sie ärgerlicher fand: Den Eintreiber oder die Nacktheit.

Ich a) schreibe über Nacktheit, b) habe eine Mutter, die Anrufe annehmen, sich nicht zurückhalten würde, c) bin GENAU die Person, die eine Performance unterbrechen würde, um eine absurde Anekdote über eine andere Performance zu erzählen. ❤

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Es gibt zwei Whirlpools für je ca. 6 Personen an Deck – die kaum je voll besetzt waren.

Ich mag Literaturfestivals (doch finde Autor*innen oft defensiv und stofflig), ich liebe Uni-Tagungen (doch finde Postgrads oft steif und neurotisch), ich nehme von Künstler*innen viel Input mit (nur sind deren Texte, Vorträge sprachlich oft mau.)

Das Tagesprogramm dauerte vom Frühstück (ca. 7.30 Uhr) bis zur Nacht (ca. 22 Uhr), danach war ich oft noch zwei Stunden in Sauna und Whirlpool – auch bei Schneeregen oder kurzem Hagel. Schade, dass ich kein Nordlicht sah.

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Um 22 Uhr war kaum jemand in der Bar. Gegen Mitternacht, als ich vom Duschen kam, war auch nichts los. „Vielleicht gibt’s geheime Lower Decks: Da tanzen alle zu irischer Musik, malen Aktportraits und haben Sex in Autos.“

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Panoramafenster in der Sauna: Männer und Frauen sind getrennt, alle tragen Badekleidung. Tagsüber war keine Zeit – bis zum Auscheck-Tag: als ich gepackt hatte, war ich noch einmal eine Stunde allein.

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Leitungswasser schmeckt metallischer als in Süddeutschland oder Berlin. Auch Milch (7 Prozent Fett) soll völlig anders schmecken – doch auf dem Schiff und in Bergen fand ich nur fettarme Milch. In solchen Momenten denke ich erst „Dann halt nächstes Mal!“, dann „Nimm alles mit! Such sofort Milch! Wer weiß, ob es ein nächstes Mal gibt?!“ und dann „Es muss ein nächstes Mal geben!“

Ein Mitschüler arbeitet seit einigen Wochen als Biologe in Molde. Uns fehlte Zeit für ein Treffen. Dann halt… nächstes Mal!

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Organisatorin Tanja Saeter: „A few years ago I initiated an international visitors programme for an art festival with open studios, with about 30 curators visiting studios in Oslo every year – but the results weren’t quite what I expected. Most of the people that started to work together later were the international visitors, and not necessarily the artists whose work they had seen.

I realised that the curators and writers had been in the same hotel, eating meals together, driving in the same car, and sharing this whole experience—and the artists hadn’t really been a part of it because meeting for an hour in a studio is not enough time to make a real connection. So I wanted to find a place where time was expansive, where people would have time to get to know one another. The ship was the perfect location.“ #druckkammer #inkubator

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Funktionskleidung heißt nicht: Das müssen Deutsche sein.

Der Guide „Explore Lofoten“ zeigt auf JEDER Seite berauschende Landschaft… und bizarr lächelnde, gestählte Menschen in Yoga-Pants, Sonnenbrille und Neon-Oberteilen.

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Ich bin gespannt, ob es deutschsprachige Popkultur gibt, die in Norwegen überraschend bekannt, beliebt ist – wie David Hasselhoff in Deutschland.

„Klar: Derrick und Bayern München.“ Ich vermute, es gibt viel mehr!

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Ein Logistik-Problem: Die Bucht von Bergen hat die idyllischsten, teuersten Villen, Sommerhäuser und Anlege-Stege.

Doch ich wollte in der Sauna bleiben – und machte nur ein paar blaustichige Fotos durch die getönten Scheiben.

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Saskia Trebing schreibt: „Die Frage, warum das relativ beschauliche Küstenstädtchen Bergen so viel gute Kunst und Literatur hervorbringt, beantwortet Espedal mit dem Wetter. „Hier regnet es so viel, dass den Leuten gar nichts anderes übrig bleibt, als drin zu bleiben und zu arbeiten.““

Norweger gründeten Dublin (Irland): Dass Espedals aktuelles Buch „Bergeners“ auf James Joyces „Dubliners“ verweist, liegt auch am Bezug der Städte zueinander.

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Ich las zwei autobiografische, kurze Espedal-Bücher – die sich gut ergänzen: „Wider die Kunst“ (2009) erzählt sanft, vorsichtig, gemütvoll von der Zeit, in der Espedals Frau und Espedals Mutter starben… und, wie sich Espedal als alleinerziehender Vater neu erfand.

Dazu: viele Rückblenden in recht unbeholfene Jugendjahre. Ein Buch, viel frischer, jünger, offener, tastender, als ich erwartete. Empfehlung!

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 „Wider die Natur“ (2011) erzählt vom Glück, mit einer halb so alten Frau, 23, zu leben – doch wird dieser Frau nicht gerecht: Sie bleibt Phantom, Projektionsfläche; Espedals Blick wirkt hier VIEL biederer, altmännerhafter.

Ich las beide Titel mit Gewinn (…und werde, wie bei Andreas Maier, alle weiteren schmalen, klugen Bände sammeln, lesen). Nur: Hätte ich mit „Wider die Natur“ begonnen – ich hätte wenig Neugier auf mehr.

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Thomas Lang in Volltext: „In ‚Wider die Natur‘ schreibt er, ihm sei früh klar gewesen, dass er nicht arbeiten wollte. Er stilisiert seine Familien-Rolle in einem Interview sogar zu einer Hanno Buddenbrook ähnlichen: Er durchbricht die Linie einer langen, in Espedals Fall Arbeiter-Tradition. Er ist ein typischer Aufsteiger aus einem kleinbürgerlichen Milieu (der Vater ist bereits Verwaltungsangestellter, dessen Vater noch Werftarbeiter) ins akademisch-künstlerische. Ein Emporkömmling, so heißt es im Buch.“

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Anke von Heyl schreibt: „Die Sicht auf die Stadt aus Espedals Perspektive war unglaublich inspirierend. Und als Stefan ihn danach fragte, ob er dort oben, in den Häusern der reichen Hansekaufleute denn heute als erfolgreicher Autor willkommen sei, erzählte er uns noch einmal von der unglücklichen Liebe zu dem Mädchen aus dem Stadtteil Kalfaret.“

Ich las das Buch – und erinnere mich, wie unwohl sich der 19jährige Espedal fühlte. Tatsächlich aber würde ich gern wissen, ob und wie Espedal HEUTE von dieser reichen (und versnobten?) Stadt vereinnahmt wird.

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Sympathisch an der kurzen Führung: Wie überwach, nervös, flattrig, lebendig Espedal auf jeden Stimulus reagiert.

Die Bücher erinnerten mich an den abwartenden, oft sehr gefestigten Hanns-Josef Ortheil. In persona wirkt Espedal… quecksilbrig.

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„Was können Sie nicht mehr hören – über Norwegen und Norwegens Bild im Ausland?“

Espedal: „Wir sind ein reiches Land. Doch wir sind reich seit den 60er, 70er Jahren. Vorher war alles anders.“

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Unterwegs gelesen: „Winternovellen“ von Ingvild H. Rishoi. Drei kurze, sprachlich simple klassische Short Stories im US-Stil… über Eltern, die unter Druck stehen und schlechte Entscheidungen treffen, ihre Kinder gefährden.

Jede „Novelle“ (echt: nein. Short Story!) für sich ist warmherzig, geradlinig – doch als Trias wird, glaube ich, noch einmal viel mehr erzählt über den Sozialstaat Norwegen. Empathie. Und Gnade. Empfehlung!

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Anke von Heyl schreibt: „Mich berührt, wie sehr Espedal mit seiner Stadt verbunden ist. Mit Orten wie dem Huset Pub, einer Kneipe, die direkt gegenüber seinem Geburtshaus liegt. Wir verbrachten dort später noch einen anregenden Abend mit Bergsveinn Birgisson, Cecilie Løveid und weiteren Autoren.“ Foto: NORLA.

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Streichkäse aus der Tube: Ost.

Zum Frühstück sind auch Fischrogen/Kaviar beliebt.

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Erwachsene trinken zu Weihnachten „Christmas Ale“. „Julebrus“ ist die alkoholfreie Limo-Alternative.

Und: „Norway boasts of a very famous hot chocolate factory, Freia, immortalized in Norwegian-American author Roald Dahl’s book Charlie and the Chocolate Factory. Freia chocolate was one of the main sources of sustenance for Roald Amundsen on his journey to the South Pole.“

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Norwegische Süßigkeiten? Tolle Liste hier, auf Englisch:

  • viel Lakritz
  • Gummitiere (nicht von Haribo; in Supermärkten stehen Plastikboxen, aus denen man sich bunte Tüten zusammen stellt)
  • Daim (schwedisch)
  • Kvikk Lunsj (wie KitKat, wird als Wander-Proviant vermarktet; auf der Packung stehen Skitour-Tipps)
  • Bamsemums (Marshmallow-Bären mit Schokoladenüberzug; kommen aus Frankreich).

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„The popular 90’s energy drink ‘SURGE’ can still be bought in Norway under the name ‘URGE’“ [ich kenne das Getränk nicht und hatte kein Bargeld mehr.]

Das Fanta-Äquivalent Norwegens heißt „Solo“; doch weil das „o“ (oft? immer?) als „u“ ausgesprochen wird, dachte ich die Reise über, es hieße „Sulu“.

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„IKEA names sofas, coffee tables, bookshelves, media storage and doorknobs after places in Sweden; beds, wardrobes and hall furniture after places in Norway; carpets after places in Denmark and dining tables and chairs after places in Finland.“ [Quelle]

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Eine zu kurze Begegnung am Freitag – bevor ich allein den Bus zum Flughafen nahm. Gunnhild Øyehaug and Olaug Nilssen, Autorinnen aus Bergen.

Ich höre den kurzen Interviews zu, die Claudia und Andrea führen – doch verpasse Lesung & Gespräch. Saskia empfiehlt Øyehaugs Debüt, „Ich wär gern wie ich bin“; Nilssens Memoir über das Leben mit einem autistischen Sohn macht mich neugierig, weil ich den Pädagogik-Manga „With the Light: Raising an autistic Child“ liebe.

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„Norwegians read more than any other population in the world, spending an average of 500 kroner (~ US$76) a year per capita on books.“ [Quelle]

Die drei Buchhandels-Ketten, die ich oft sah: Norli, ARK und, am Flughafen, Tanum. Ein norwegisches Literatur-Portal, auf das mich Google dauernd stößt: Bok365.no

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„Alternativ Livsstil“ = Esoterik.

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Twitter-Accounts, durch die ich mehr über Norwegen lerne:

Nordicnovellas  |  NORLA  |  Northern Stories  |  Nordlandblog  |  Norrona  |  Constanze Matthes  |  Norwegian Arts  |  Elusive Moose  |  Erlend Loe

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Sympathischer Coming-of-Age-Comic: „Hysj“ von Magnhild Winsnes.

Ich liebe Mariko Tamakis „Ein Sommer am See“ und glaube, das hier hat ähnliches Potenzial. #mädchenfreundschaft #middlegrade #kindheitssommer

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Kopfsteinpflaster, Blick auf den Fjord: Ich war nur 18 Stunden in Bergen; sah die Altstadt kurz im Regen, auf dem Weg vom Schiff zum Hotel.

Anja Dahle Overbyes 140-Seiten-Comic „Bergen“ über eine unglücklich verliebte Studentin hat kaum Fans. Aber: dochdoch! SO sieht’s in Bergen aus!

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Im Bild: Inga H. Saetres „Det Finnes en dod etter livet“.

Am Flughafen Oslo, am größten Comic-Regal, suchte ich nach Mainstream-US-Comics. „Thor“, seit ca. 2014 der durchgängig beste Marvel-Comic, ist trotz Norwegen-Bezug kaum präsent (Aslag Hoyersten, halbernst: „It’s a bad case of cultural appropriation!“); nur wenige DC- und Marvel-Titel sind übersetzt.

Besonders erfolgreich sind, wie in Deutschland, Deadpool, Spider-Man, Batman. Heldinnen (außer Harley Quinn): sporadisch Wonder Woman, Captain Marvel, Miss Marvel. Doch es gibt überraschend viele Indie-Serien wie Brian Woods tolles „Briggs Land“! Vielleicht, weil Wood wiederholt über Norwegen schrieb? „The Massive“ (Empfehlung!), „Black Road“ (keine Empfehlung.)

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Toll, dass Bergen (280.000 Menschen) einen zentralen, großen, familien- und kinderfreundlichen Comic-Shop tragen kann. Fotos drinnen machte ich keine – weil Sortiment und Interieur auch in Frankfurt exakt so aussähen. Link: Outland Bergen.

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„Ein freiwilliger Tod“: Steffen Kvernelands autobiografische Graphic Novel über den Selbstmord seines Vaters. Ton & Thema interessieren mich; Zeichnungen und die dokumentarischen Foto- und Bildmontagen wirken etwas gestrig. Überall, wo mehr als drei Comics zu kaufen waren, stand das Buch stapelweise. Auf Deutsch erschienen: Kvernelands „Munch“.

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Frage ich „Hat’s dir gefallen?“ höre ich von Reisenden fast immer: „Ja!“

Frage ich „Willst du ein zweites Mal hin?“, verrät die Antwort mehr:

Ich sehe keinen Grund, eine zweite Kreuzfahrt zu machen. Selbst mit eng getakteten Performances, Lectures und vielen Gesprächen deprimierte mich die viel zu passive Zeit an Bord – trotz markanter und abwechslungsreicher Landschaft. Oslo würde ich gern vor der Messe noch sehen; und Norwegens queere, gegenkulturelle Räume.

Und ich würde jederzeit, bei jedem Wetter fünf, sechs Wochen auf den Lofoten schreiben und arbeiten! #residency

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Jeder von uns Deutschen nahm andere Flüge: Wir verlassen Bergen im Lauf des 26. Oktober; ich fliege nach Oslo, drei Stunden später nach Stockholm… und finde dort, am Gate nach Berlin, Kollegin Andrea.

Unser kurzer letzter Flug kann nicht mehr starten – weil Tegel schließt, bevor wir ankämen. Wir schlafen am Flughafen und fliegen morgens via Helsinki nach Berlin. In Finnland wird unser Gepäck beim Umladen vergessen; in Berlin wird das Flughafen-Café wegen einem Koffer geräumt; nach fast 30 Stunden Reise (…Hausschlüssel ist im Koffer, ich muss meinen Partner auf der Arbeit stören) bin ich zurück.

Menschlich machte die Irrfahrt überraschend viel Spaß. „Amazing Race“? Gern mit Andrea!

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Schon im März 2019 ist Tschechien Gastland der Leipziger Buchmesse. Bald mehr!

Am Wichtigsten ist mir die #fbm20: Fünf Jahre lang lebte ich drei Monate pro Jahr in Toronto. 2020 ist Kanada Ehrengast. Ausflüge in die Natur brauche ich keine. Doch in den Gastland-Auftritt eingebunden wäre ich sehr gern – ich will vor 2020 auf jeden Fall einige Wochen in Toronto verbringen.

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Vergessene Bücher, Geheimtipps: Norwegen, Gastland / Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2019

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2013, 2014 suchte ich für die „ZEIT Bibliothek der verschwundenen Bücher“ nach Literatur, die in Deutschland erschien – und wieder verschwand:

Bücher, nur noch aus zweiter Hand erhältlich.

Im Oktober 2019 ist Norwegen Ehrengast / Gastland der Frankfurter Buchmesse.

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Ich suchte vorbereitend nach Büchern, die…

a) in Deutschland erschienen und bis heute erhältlich (Link folgt)

b) in Norwegen erschienen, doch für den deutschen Markt interessant sind (Link, 100+ Titel)

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Unterwegs fand ich die ca. 30 Titel hier im Post.

Bücher, die in deutscher Übersetzung vorliegen und oft noch billig gebraucht erhältlich sind…

…und denen ich eine Neuauflage oder Neuausgabe wünsche, vor Oktober 2019.

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(Kurztexte: Klappentexte und Goodreads-Reviews, teils via Google Translate aus dem Norwegischen; meist gekürzt.)

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Johan Harstad: „Buzz Aldrin, wo warst du in all dem Durcheinander?“ (1999)

2013 gelesen; sehr gemocht. „Die kuriose, verspielte und poetische Geschichte eines schüchternen jungen Gärtners aus Stavanger: In dem Moment, als Buzz Aldrin am 11. Juli 1969 als zweiter Mann den Mond betritt, erblickt Mattias das Licht der Welt. Natürlich verbindet so etwas. Und wie Aldrin ist Mattias seither bei allem der zweite Mann gewesen, der unsichtbare Zweite hinter einem Ersten. Daran war für ihn nichts auszusetzen. Bis seine Freundin Helle ihm den Laufpaß gibt und Mattias auch noch seinen Job verliert. Mattias wird aus seiner Umlaufbahn gerissen, und das Leben schleudert ihn bis auf die Färöerinseln.“

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Jan Kjaerstedt: „Der Entdecker“ (2005)

dritter Teil einer Trilogie – steht aber, glaube ich, gut für sich allein: „Er war ein Verführer, ein Blender, ein abgebrühter Eroberer. Jonas Wergeland, der bekannte norwegische Fernsehstar, hat bitter dafür gebüßt: Seine Frau ist tot, er selber saß mehrere Jahre im Gefängnis. Nun muß Wergeland eine neues Leben beginnen und sich zugleich der Vergangenheit stellen…“

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Sigrid Unset: „Kristin Lavranstochter“ (1920)

„Set in 14th-century Norway, Nobel laureate Sigrid Undset tells the life story of one passionate and headstrong woman. The day-to-day life, social conventions and political and religious undercurrents of a period: Kristin is deeply devoted to her fathern. But as a student in a convent school she meets the charming and impetuous Erlend Nikulaussøn and defies her parents in pursuit of her own desires. Her saga continues through her marriage, their tumultuous life together raising seven sons as Erlend seeks to strengthen his political influence, and finally their estrangement as the world around them tumbles into uncertainty.“

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Knut Hamsun: „Segen der Erde“ (1917)

„Unter Verwendung autobiographischer Elemente erzählt Hamsun die Geschichte Isaks, des Bauern, der in der Einsamkeit des Nordlandes dem Moor ein Stück Erde abringt, es urbar und zu einer fruchtbaren, weithin angesehenen Oase des Lebens für viele macht. In seiner einfachen, manchmal biblisch anmutenden Sprache ist der Roman weder nur Heimat- noch nur realistisch erzählter Bauernroman. Das im Roman vertretene Menschenbild, im Dritten Reich emphatisch begrüßt und durch die Ereignisse dieser Zeit in seiner Glaubwürdigkeit erschüttert, hat dennoch nichts von seiner Überzeitlichkeit eingebüßt.“

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John Steinbeck: „Der Mond ging unter“ (1942)

„Taken by surprise, a small coastal town is overrun by an invading army with little resistance. The town is important because it is a port that serves a large coal mine. Colonel Lanser, the head of the invading battalion, along with his staff establishes his HQ in the house of the democratically elected and popular Mayor Orden. As the reality of occupation sinks in and the weather turns bleak, with the snows beginning earlier than usual, the „simple, peaceful people“ of the town are angry and confused.“

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Herbjorg Wassmo: „Dinas Vermächtnis“ (1997)

dritter Teil einer Trilogie. „Dinas Sohn Benjamin kehrt mit seiner jungen Tochter Karna in das nordnorwegische Anwesen Reinsnes zurück. Das 19. Jahrhundert neigt sich dem Ende zu; die dieser Veränderungen verlaufen im hohen Norden. Reinsnes ist verfallen, doch als die starke Dina aus Berlin zurückkehrt, sorgt sie mit ihrer Fähigkeit und ihrem Geschäftssinn für eine entscheidende Wende. „

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Gerd Brantenberg: „In alle Winde“ (1989)

Als eBook erhältlich; im Print nicht. „Die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens im Norwegen der sechziger Jahre. Über die Vergangenheit wird geschwiegen, ganz besonders, wenn die Eltern Nazikollaborateure waren; von Sexualität spricht niemand, schon gar nicht, wenn es um Homosexualität und Lesbischsein geht. Inger Holm aus Fredrikstad sucht ihren Weg aus der Enge. Nach der Schule arbeitet sie ein Jahr als Au-pair-Mädchen in Edinburgh, danach geht sie auf die Universität in Oslo. Allmählich wird ihr bewusst, dass sie Frauen liebt; aber auch, dass sie zumindest ihrer Mutter mitteilen möchte, von welcher Art ihr Leben sein wird.“

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Gerd Brantenberg: „Vom anderen Ufer. Autobiografische Erzählung.“ (1973)

„This was a cult classic novel in Scandinavia in the 1970s, about a young lesbian whose lone problem with her sexual identity is that society’s rejection of it often forces her to lie about who she is. I liked the very self-possessed character and the setting (glum Oslo).“ (…und auch „Umarmungen“, OT „Favntak“)

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Gerd Brantenberg: „Die Töchter Egalias“ (1977)

„In Egalia werden Frauen und Weibliches als Norm angesehen und Männer als das abweichende, untergeordnete Geschlecht. Dabei werden alle üblicherweise männlichen Wörter weiblich umgesetzt und umgekehrt.“

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Jens Bjorneboe: „Haie“ (1974)

Edit: Im Merlin-Verlag ist das Buch noch erhältlich. „Die „Geschichte eines Schiffsuntergangs“ ist eigentlich die Geschichte einer über ihre bestialischen Raufereien das Wohl des Schiffes vergessenden Besatzung. Die meuternde Mannschaft, auf engstem Raum des scheiternden Schiffes zusammengedrängt, wird zum Gleichnis der Menschheit, die in irrsinniger Gegnerschaft die Erde ihrem Untergang entgegentreibt. Das letzte Buch Bjørneboes ist ein literarisches Vermächtnis.“

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Jens Bjorneboe: „Jonas“ (1955)

„Jonas – das ist ein siebenjähriger Junge, dem wir in der Nacht vor seinem ersten Schultag begegnen, wie er im Traum frei über dem Fjord schwebt. Der alte Oberlehrer Jochumsen, der Literaturkritiker Werner, der Lehrer Marx, der Jungmann, der Priester, der kleine Bobbi: In der äußeren Schulhandlung geht der Sinn des Romans nicht auf. Und doch steht die Pädagogik in seinem Zentrum. | Bjørneboe’s book has been roundly condemned by educators wherever it has appeared. The fate of the little boy, Jonas, crushed by the enforced conformity of his education, is not, the author says, the central theme of the novel. „All the important persons in this novel are different variations of Jonas – all of them are Jonases. The theme of the book is not the boy Jonas, but the ‚being a Jonas.'““

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Jens Bjorneboe: „Stille“ (1973)

dritter Teil einer Trilogie; auch 1 und 2 interessieren mich: „Bjorneboe’s remarkable, fierce, and even savage fictional inquiry into what he saw as the nature of evil in the twentieth century.As with the first two novels in the trilogy, The Silence also rejects the traditional modes of fiction to posit instead an essay-like novel of ideas, philosophy, and argumentation. It is, in fact, even further removed from the loose fictional form of the two previous protocols, and owes more to the works of Foucault, Girard, and Sartre. Described by Bjorneboe as an anti-novel and absolutely final Protocol, The Silence was ahead of its time in its critique and discussion of the post-colonialist world. Here the inquiring narrator explores not just European history, as he did in the first two novels, but the crimes committed by Europeans against the rest of humanity in the name of expansion and conquest. Set in an unnamed country in northern Africa, the narrator is looking at Europe from the outside. With his friend Ali, an African revolutionary intellectual, he discusses in epic fashion the history of colonialism.“

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Toril Brekke: „Sara“ (2001)

„Sara – Mutter und Tochter eint nicht nur der Name. Gemeinsam müssen die beiden Frauen im Norwegen des 19. Jahrhunderts um ihre Eigenständigkeit kämpfen, sich gegen die Willkür der Männer stemmen und die Zumutungen der Gesellschaft ertragen. Ein schweres Leben ist es mitunter, aber stets gelingt es den beiden Saras, ihre Würde zu wahren. „

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Margaret Skjelbred: „Die Perlenkönigin“ (2004)

„Die kleine Signhild wächst auf dem Hof ihres Großvaters Håvard auf. Noch ahnt sie nichts von dem dunklen Familiengeheimnis. Auf eindringliche Weise erzählt Margaret Skjelbred von menschlichen Schicksalsschlägen: von verschmähter Liebe, Tod, von Gewalt in der Familie und von der versöhnenden Kraft der Liebe. – »In präzisen, poetischen Bildern verleiht Skjelbred den grauenhaften Erlebnissen eines kleinen Kindes Sprache.«“

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Agnar Mykle: „Das Lied vom roten Rubin“ (1956)

Teil 2 einer Trilogie. „“RUBIN“ – und der darauf folgende Prozess – bilden ein eigenes Kapitel in der norwegischen Nachkriegsgeschichte. Gegen Agnar Mykle wurde Klage erhoben. Der Fall war wichtig, weil er eine Debatte über Sexualmoral und Meinungsfreiheit aufwarf. Die Geschichte des Jungen Burkefots, der durch Scham, Niederlage und Triumph zu einem tieferen und gerechteren Verständnis seiner selbst führt, öffnete einer ganzen Generation die Augen. Der Roman ist ein intensiver und lebendiger Bildungsbericht.“

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André Bjerke (unter dem Pseudonym Bernhard Borge): „Tod im Blausee“ (1942)

„Eine Gruppe von Jugendlichen reist in eine Hütte, um den Grund herauszufinden, warum ein guter Freund Selbstmord begangen hat. Während einiger Tage des Herbstes sind sie einer Reihe nervöser Erfahrungen ausgesetzt. Alles bewegt sich an der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit, in einem Schleier des Unglücks, bis der Psychoanalytiker Kai Bugge das Geheimnis durchkreuzt und die Lösung vorstellt.“

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André Bjerke (unter dem Pseudonym Bernhard Borge): „Tote Männer gehen an Land“ (1947)

„Ein junger Mann versucht, aus dem alten Kap ein Hotel zu machen. Aber dann beginnt es mit unheimlichen und mysteriösen Dingen. Hier sind Aberglaube und schwarze Magie und tote Männer in tropfenden Öllecks. Und die ganze Zeit ist die Aufregung an der Spitze.“

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Tor Age Bringsvaerd: „Die Stadt der Metallvögel“ (1983)

(2017 als eBook) „Nach dem Erscheinen des grossen Pilzes befindet sich die Welt in einem post-apokalyptischen Zustand. Der letzte überlebende Mensch sucht in dieser Welt, die von permanenter Dunkelheit gezeichnet und von Tiermenschen belebt wird, nach seiner ursprünglichen Herkunft. Seine Ermittlungen führen ihn nicht nur aus dem Königreich der Felin (Katzenmenschen) zum Raum der Kaan (Hundemenschen), sondern auch zu den Gna (Rattenmenschen) und in die alte Götterstadt der Ker Shus. – Ein gelungener Science Fiction Roman, der durch glaubwürdige Darstellung einer postapokalyptischen Welt und nicht-linearen Erzählweise überzeugt.“

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Vera Henriksen: „Der silberne Hammer“ (1961)

„Tells the story of Sigrid Toredotter, from she’s fifteen, and is married away to the much older Olve. The first book in Vera Henriksen’s trilogy from the early Middle Ages. The action takes place in a dramatic breakdown when Olav Haraldsson tries to complete the Christianity of the country.“

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Andreas Haukland: Flut und Ebbe

Einziges (?) Buch von Haukland auf Deutsch; der Wikipedia-Eintrag machte mir Lust: „Haukland war ein Pionier in der neuen realistischen Poesie. Er beleuchtete soziale Klassen, die zuvor geschwiegen hatten. Haukland selbst hatte eine schwierige Kindheit und Jugend. Er schrie seine Verachtung für diese Umgebung aus, wurde oft von seiner Autobiographie inspiriert und machte expressive und gesprochene Darstellungen des Lebens von Nordland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Andreas Haukland war ein produktiver Autor; insgesamt 27 Bücher. Das erste kam 1898 und das letzte 1933, im selben Jahr wie er starb. Sein Hauptwerk: Vor allem die vier Bücher über Ol-Jørgenwie; die erste wirkliche proletarische Quelle in der norwegischen Literatur.“

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Ragnar Hovland: „Dr. Munks Vermächtnis“ (1996)

„Dr. Munk sucht die zwei Männer über 40, mit denen er vor 20 Jahren zusammen in einer Band spielt und überredet sie, sich auf eine Konzertreise zu begeben, was nicht einfach ist, weil die beiden anderen etabliert sind. Aber Dr. Munk wird einen unbekannten Sohn finden, der in Heidelberg studiert.“

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Sigurd Hoel: Begegnung am Meilenstein (1947)

„In this moving and profound novel, Sigurd Hoel explores belief and traitorism through the major character’s memories of the underground during World War II in Norway. At the dark center of this work are questions of why certain individuals turn against their own country, their own values, and their own „selves“.“

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Sigurd Hoel: Der Trollring (1958)

„A historical saga, murder mystery, and domestic tragedy. Sigurd Hoel’s last novel is set in the early nineteenth century, following Norway’s independence from Denmark and during the country’s struggle to escape Danish domination. The story of an idealistic young farmer named Havard Viland and his struggle against religious bigotry, mindless conformity, and political and intellectual stagnation. The farmer wants to bring hope and dignity into the lives of everybody, even the lowliest cotter, but he is an outsider in his backward rural community. Tricked into marriage, gradually cut off, pushed into the position of scapegoat, and deliberately misunderstood, Havard becomes the personification of stifled goodwill and strangulated progress. It is shocking that he becomes the victim of a circle of aggressive neighbors and officials intent on maintaining the status quo.“

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Aksel Sandemose: Der Werwolf (1958)

„The thirst for power over others‘ lives, the lust to destroy what cannot be possessed or controlled:  Norwegian society from World War I to the 1960s. The relationship between one woman and two men, and stories of people „carried off by the werewolf“ are told with lots of turns, curves and seemingly irrelevant stops. Somebody might find this chaotic, but I found it fascinating.“

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Trygve Gulbranssen: „Und ewig singen die Wälder“ (1933)

„The story of three generations of an old-lineage Norwegian family making their life in the northern woods (circa 1750’s.) Main themes are the struggle between tradition and innovation, the prejudices of pastoral society, and a study in human nature and man’s ability to make peace with it.“

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Mette Newth: „Das dunkle Licht“ (1995)

„Thirteen-year-old Tora has leprosy and is sent from her family’s remote mountain farm to the leprosy hospital in the bustling port of Bergen. In early-nineteenth-century Norway, lepers are quarantined in this hospital and no longer considered among the living. But even as her body gradually fails her, Tora’s new life blossoms. She finds strength through helping her fellow patients, both young and old, and she decides to see for herself what the Bible says about leprosy. To do so, she must make friends with the young and angry Mistress Dybendal, the only person at the hospital who can teach her to read.“

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Lynne Marie Rypdal: Das blühende Land (poems) (2000)

noch erhältlich. „Verse voller Licht. Ein Licht, aus dem Rhythmus sprudelt und die Substanz vielseitger, ausdrucksvoller Bilder, denen nicht die Zeit gegeben wird, sich in Rhetorik zu verwandeln. Geschwindigkeit und Weisheit: Was für eine originelle jugendliche Kombination wird uns in deutscher Sprache aus Norwegen gebracht!“

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Aimee Sommerfelt: „Der Weg nach Agra“ (1959)

„The story is about a 13 or 14 year old boy named Lalu and his 7 year old sister, Maya, set in India. Maya has been lucky enough to receive a spot at the local school, and Lalu is determined to learn to read from her, but poor Maya is going blind. A friend tells Lalu that at the hospital in Agra, they can cure blindness, but Lalu’s family has no way to send Maya. So Lalu volunteers to take her himself–to walk 475km by themselves. Along the way, the siblings meet good people and bad; a cobra, bear, and elephant; suffer and grow. Some might object that Maya cries a lot.“

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Anne-Cath Vestly: „Aurora aus Hochhaus 7“ (1966)

„When Aurora’s family moves into a high-rise apartment complex in Oslo, she becomes conscious for the first time of how unusual they are. Aurora’s mother is a lawyer and her graduate-student father stays home to care for her and baby Socrates — a situation that raises eyebrows among the neighbors and leads to some embarrassing situations for Aurora, who must answer the nosy questions of ladies at Socrates‘ baby clinic and is puzzled by her new friends‘ scenario for playing „“Mothers and Fathers,““ Aurora’s daily adventures — a bungled trip to the supermarket, confrontation with the scary boy from upstairs, a visit from Granny — have a comfy universality.“

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Rune Belsvik: „Vom kleinen Land am Bach“ (2007)

„Im kleinen Land am Bach ist die Welt noch in Ordnung – hier leben Trottelpups, der am liebsten Ploppsteine in den Bach wirft, Oktavia, die so gerne singt, der Zwiebackfuchs, der neben Brot und Zwieback das leckerste Marzipan der Welt herstellt, der Stiefelstinker und der Grottenschniefer, die sich erst nicht ausstehen können und dann doch zu Freunden werden. Ein poetisches Buch zum Vorlesen und Selberlesen, für alle Mumin- und Winnie-the-Pooh-Fans.“

Georgien als Ehrengast / Gastland der Frankfurter Buchmesse #fbm18: Events, Lesungen, Tipps

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Lesungen, Diskussionen, Vorträge, Kulinarik, Theater, Performance, Konzerte:

Alle Veranstaltungen aus und über Georgien während der Frankfurter Buchmesse…

…sind hier im .pdf / Programm nachzulesen (Link).

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Auf der Messe selbst gibt es zwei zentrale Orte:

  • den Georgischen Pavillon (Forum 1: neben Hof/Agora, direkt gegenüber von Halle 4)
  • der National Stand (Halle 5, Erdgeschoss/Level 0, B100)

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Ich…

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Die Buchmesse besuche ich 2018 v.a. als Moderator: ich reise am 10. (Mi) an, werde am 11. drei Lesungen im Frankfurter Kunstverein moderieren und habe am 12. und 13. dann Zeit fürs Messegelände. Trotzdem sah ich für alle fünf Messetage das Ehrengast-Programm.

Hier im Eintrag, subjektiv und persönlich: Events, bei denen ich Autor*innen und Speaker mag, Bücher las und empfehlen kann und/oder glaube, das wird sehenswert:

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Abendprogramm. Lesungen in Frankfurt:

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Georgische Literatur: Die besten Bücher aus und über Georgien, zur Frankfurter Buchmesse (Ehrengast / Gastland 2018)

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Für Spiegel Online las ich elf Bücher aus und über Georgien – ein Text von mir kommt Mitte Oktober, kurz vor der Frankfurter Buchmesse 2018.

Heute, hier im Blog:

Klappen- und Kurztexte, Links und Buchtipps zu fast 40 georgischen Büchern, die

Link: offizieller Katalog aller ca. 100 Neuerscheinungen aus Georgien zur Frankfurter Buchmesse 2018 (.pdf)

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11 Titel, die ich las und empfehlen kann:

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Georgien Literatur

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Teil meiner Vorauswahl – angelesen und gemocht:

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Am Goethe-Institut Tbilisi stellte Davit Gabunia in einem 60+-Minuten-Vortrag 16 persönliche Favoriten vor:

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Georgische Literatur, von Freund*innen empfohlen:

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Titel & Stimmen, z.T. noch nicht übersetzt, die mir in Georgien empfohlen wurden:

  • Tamar Tandaschwili: „Materikon“
  • Nato Davitashvili
  • Luka Bakanidze, „Wo bist du, Lazar“
  • Iunona Guruli: „Die Diagnose“
  • Giorgi Kekelidze: „Gurische Märchen“
  • Giorgi Maisuradse: „The Closed Society and its Watchmen“

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außerdem neu auf Deutsch:

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Anthologien & Gruppenprojekte:

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georgien georgische literatur birnenfeld zura abashidze held im pardelfell

Der Geschichtslehrer muss sterben, die Kinder sollen über das Birnenfeld in die Freiheit rennen – das ist Lelas Plan. Im Internat für geistig behinderte Kinder in Tbilisi, einem Relikt aus Sowjetzeiten, hat das zornige Mädchen die Rolle der Beschützerin übernommen. Die Lehrerinnen sind mit den „Debilen“ überfordert. Behindert sind die wenigsten ihrer Schützlinge, im Stich gelassen, abgehängt sind sie alle. Lela begleitet den neunjährigen Irakli in eine Hochhauswohnung in der Nachbarschaft, wo er einmal in der Woche mit seiner Mutter telefonieren darf. Irakli will nicht wahrhaben, was Lela längst weiß: Seine Mutter wird nie aus Griechenland zurückkehren, sie wird ihn auch nicht zu sich holen. Lela zwingt ihn, Englisch zu lernen, unterstützt seine Hoffnung, nach Amerika zu gehen. Ein Traum, der eines Tages, als ein Ehepaar aus den Südstaaten anreist, wahr zu werden droht…

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Alte Freunde, neue Nachbarn, trinkfeste Kindergärtnerinnen und Hippies in der Midlife-Crisis. Nacht für Nacht offenbaren sie ihre Geheimnisse. Über sexuelle Vorlieben, die auf Ablehnung stoßen. Lauert die Liebe oder gar der Tod hinter der nächsten Tür? Zura Abashidze, junger und charismatischer Schriftsteller, portraitiert ungeschminkt und realistisch seine Heimat. Helden des Alltags jonglieren zwischen postsowjetischer Tradition und westlicher Moderne. Ein Kampf gegen Homophobie und für mehr Toleranz.

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Über Jahrhunderte mündlich überliefert, prägend für das Selbstverständnis eines Landes und dabei eine zauberhafte Liebes- und Heldengeschichte: Tilman Spreckelsen und Kat Menschik machten aus dem georgischen Nationalepos ein modern erzähltes, fabelhaft illustriertes Buch. Tinatin und Awtandil, Nestan-Daredschan und Tariel. Zwei Liebespaare, deren Schicksale sich kreuzen und bedingen. Awtandil und Tariel müssen harte Prüfungen bestehen und Siege erringen, bevor sie ihre Geliebten wirklich erobert haben. Dichter Schota Rustaweli verfasste die Verse um das Jahr 1200, als Georgien unter der Herrschaft von Königin Tamar zur Großmacht wurde – bis die Mongolen dieser Blütezeit ein Ende bereiteten. Umso wichtiger wurde für die Georgier das Epos aus besseren Zeiten. Kat Menschik schwelgt in der mittelalterlichen, aber auch orientalischen Atmosphäre.

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Georgien georgische literatur Angela Steidele Kurban Said, Das Spiel des Todesengels

1840 reisten die Engländerinnen Anne Lister und Ann Walker im Pferdeschlitten auf der zugefrorenen Wolga bis zum Kaspischen Meer und weiter über den Großen Kaukasus nach Tbilissi und Baku. Anne Lister starb völlig unerwartet auf einer Bergtour in Georgien. Ihre Gefährtin Ann Walker benötigte sieben Monate, um den Sarg mit der Leiche der Geliebten zurück nach Halifax zu bringen. 2017 erschien Angela Steideles Biografie über die freizügige Tagebuchautorin und verwegene Reisende Anne Lister. Jetzt begibt sich Steidele auf die Spuren des außergewöhnlichen Paars, begleitet von ihrer Frau. Hilft ihre Reise, die Abenteuer von Anne und Ann zu würdigen? Was erzählen die Orte, Landschaften und Menschen heute von fernen Zeiten? Kann man überhaupt in die Vergangenheit reisen?

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‚In der russischen Stadt Baku, auf der Grenze zwischen Orient und Okzident, verlieben sich am Vorabend der Russischen Revolution der temperamentvolle Muslim Ali und die schöne, georgische Christin Nino. Die Hochzeit rückt trotz aller Widerstände in greifbare Nähe – da wird Nino entführt.

Userin Kelly auf Goodreads, großartiger Text: „An oil-boom town where Georgians, Armenians, Westerners, Persians and Muslims all mix together. Everyone does have a place, but there are many factors which factor into deciding who matters, who is where on the social scale- schooling, family, money, and family history. How does one make a cross-cultural life in a world that is becoming ever more divided along every line possible- religion, politics, economics, and of course the powerful new god of Nationalism? This is, more than anything else, a meditation on definitions, explanations, lines and musings on Who I Am and Who I Am Not, and perhaps more importantly for geopolitics, Who We Are and Who We Are Not.

Ali visits many towns around his area and they all have some great story of their background, a legend that makes where they live the best place on earth, and no one seems to mind that the next town over also claims that they’re the best ever. Everything that everyone does seems to have to be attributed to some part of their background or heritage. In this charged atmosphere, every action is a statement, every minute one chooses sides in this meeting place of “Asia and Europe”. Everyone judges those actions to determine which side you are on. Ali is a man caught by this transformative moment in time- 1914. He is a man who is “Asiatic in his blood” and yet is in love with a woman who loves Europe. There are many quotes here where people try to philosophize their way to a solution to what makes people so different, and how this Asia and Europe is divided.“

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Ein dokumentarischer Roman, der einen großen Teil der Geschichte des Stalinismus in Georgien und der Sowjetunion behandelt. Der georgische Verfasser kennt die Zeit aus eigenem Erleben und entkam nur durch einen glücklichen Umstand der Todesmaschinerie. Die Demokratischen Republik Georgien bestand nur von 1918 bis 1921. Ihr wurde durch die Invasion der Streitkräfte Sowjetrußlands abrupt ein Ende gesetzt. Die gewaltsame Einführung der Sowjetordnung und die Brechung des Volkswiderstands durch unvorstellbaren Terror, Verhaftungen und Massenexekutionen: Der „Held“ des Romans wird schon in der Jugend voll in den Strudel der politischen Ereignisse gerissen. Obgleich er versucht, seinen Weg ins Leben unabhängig von den politischen Machenschaften der damaligen Zeit zu finden, wird er tief in das damalige Unrechtswesen verstrickt. So wird er mitschuldig an der politischen Entmündigung des Volkes.

Die beispiellosen Terrorakte der Tscheka, Berias raffinierte Intrigen, um Stalins Gunst zu gewinnen: Je höher Guri auf der Karriereleiter klettert, desto gewichtiger wird seine Beteiligung an den Machenschaften der Regierenden. Und als sich mit Stalins Tod und Berias Entmachtung ein Weg zu öffnen scheint, der ihn in die Menschlichkeit entläßt, verhindert das System, daß er seine Kenntnisse nach außen tragen kann. Wie veranlassen Zwang und Furcht die Menschen immer wieder, sie zu fügen? Eine Mahnung ans Gewissen des Einzelnen.

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Georgien georgische literatur Giwi Margelaschwili, Lasha Gudagze, Wartezimmer zum Glück

Giwi Margwelaschwili wurde 1927 als Sohn georgischer Emigranten in Berlin geboren, seine erste Sprache war Deutsch. Seine Mutter litt unter Depressionen und starb, als er klein war. Sein Vater lehrte Philosophie und Orientalistik und engagierte sich im georgischen Widerstand gegen die Sowjetunion. 1946 wurde er vom sowjetischen Geheimdienst NKWD entführt, gemeinsam mit seinem Sohn Giwi. Der Vater wurde ermordet. Giwi wurde in Sachsenhausen interniert und anschließend nach Georgien verschleppt.

Jörg Sundermeier hat Margwelaschwili im Frühjahr 2016 an fünf Tagen zu seinem Leben und Werk interviewt. Das Interview wird durchbrochen und ergänzt durch kleinere Auszüge aus dem Werk. Hier zeigt sich der Philosoph und Ontotextologe Margwelaschwili ganz offen. Er erklärt den Einfluss der Philosophie von Husserl, Heidegger und Deleuze, erzählt über sein Leben in der Sowjetunion und sein Leben zwischen den Welten nach dem Fall der Mauer. Ein intimes Porträt des deutsch-georgischen Denkers.

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Ende der 90er Jahre, nach dem verheerenden Bürgerkrieg, mit Mangelwirtschaft, Korruption und Gemauschel. Der Protagonist, ein junger Schriftsteller, hat soeben eine satirische Erzählung über die legendäre Königin Tamar aus dem 13. Jahrhundert veröffentlicht. Die Botschaft der Erzählung wird gründlich missverstanden. Der Patriarch, das Oberhaupt der georgisch-orthodoxen Kirche, verlangt einen öffentlichen Widerruf von ihm und als sogar seine Familie und Freunde bedroht werden, steht der Autor vor einer schwierigen Entscheidung.

Offenherzig und humorvoll verarbeitet Bugadze ein eigenes traumatisches Erlebnis als (23-jähriger) Schriftsteller bis hin zum Augustkrieg 2008. Ein Lehrstück zu religiösem Fundamentalismus, reaktionärem Nationalismus, Medienmacht und Meinungsfreiheit.

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In Tbilissi trifft man auf Künstler, Nachtschwärmer, selbstbewusste Frauen. Doch wer sich in die entlegenen Gegenden des Landes vorwagt, findet sich in einer anderen Welt wieder. Drei georgische Fotojournalistinnen haben dies getan: Daro Sulakauri etwa erfuhr zufällig von den sogenannten Kinderbräuten in den Regionen Kachetien und Adscharien und wollte mehr über die Ursprünge dieser Tradition erfahren. In abgelegenen Dörfern traf sie diese jungen Mädchen, die von ihren Eltern verheiratet werden und kurz darauf selbst Kinder bekommen. Natela Grigalashvili porträtierte u. a. Frauen, die in Dörfern in der Nähe der Pan­kisi-Schlucht leben; diese sind vom Rest der Welt förmlich isoliert und müssen für ihre Emanzipation erst noch kämpfen. Und Anka Gujabidze hat das alltägliche Leben im tristen Rustawi und Kazreti fotografisch festgehalten.

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Georgien georgische literatur Löwenzahnwirbelsturm in Orange, Der Südelefant, Gldani

Frauen und Männer, die sich dem rücksichtslosen Bündnis zwischen Patriarchat, Kirche und Polizei verweigern: die lesbische Elene, die von ihrem frustrierten Verehrer Mzeroza öffentlich vergewaltigt wird, die halbwüchsigen Mädchen Nita und Teo, deren verbotenes Liebesglück grausam endet und nicht zuletzt das Nilpferdbaby Baggy, das aus dem Zoo entkommt und für ausgleichende Gerechtigkeit sorgt. Tandaschwili setzt eine verrückte, unwirkliche Schönheit gegen die Korruptheit des politischen Systems und sorgt damit in Georgien für Skandale und Diskussionen.

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Weil ein alter Freund die Wohnung des Erzählers braucht, um sich dort heimlich mit einer Frau zu treffen, wird dieser für einen Tag obdachlos. Er zieht durch die Straßen und Cafés seiner Heimatstadt Tiflis, lässt sich treiben, denkt an die Kindheit, die Zeit der Sowjetdiktatur und die überschwängliche Anarchie des noch jungen unabhängigen Staates.

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Gldani ist die größte Vorstadt von Tbilissi. Das sowjetische Ghetto, das Ende 60er-Jahre als Experimentalprojekt entstand und seitdem in der Zeit erstarrte. Das Zusammenleben von Lana und ihrem Sohn kippt, als er sich in einen Mann verliebt. Mit diesem Spalt beginnt der Umsturz der beiden ausgezeichnet funktionierenden Systeme – der Familie und der Kleinwelt Gldani. Mit einem Domino-Prinzip werden einzelne Teile des Systems zu Gegnern: Die Mutter kämpft gegen ihren geliebten Sohn, das System versucht, die Mutter zu neutralisieren. Parallel dazu erleben die Bewohner von Gldani merkwürdige, märchenhafte Ereignisse. Der mit stilistischen Spielen, einer meisterhaft vernetzten Struktur und vielen Farben beladene Roman bereitet dem Leser eine Menge von Überraschungen.

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Georgien georgische literatur Du bist in einer Luft mit mir, Touristenfrühstück, Ein Tag wie ein Leben

Dimitri und Viktor wachsen in Miroslaw auf. Nach ihrer Studienzeit in Moskau hocken sie, nun Lehrer und Ingenieur und beide Nachwuchs erwartend, im Abstellraum des Schulhauses und gönnen sich täglich eine Partie Schach. Nur über die Revolution sind sie geteilter Meinung, und als Dimitri eines Tages das Leninporträt in hohem Bogen aus dem Fenster des Klassenzimmers wirft, wird sein Freund gegen ihn aussagen. Dieses Verhängnis können die Kinder, Kirill und Sascha, die später wie Brüder sind und reden und sich kleiden wie ihr Lieblingsdichter Puschkin, nur erahnen. Eine ironische wie geistreiche doppelte Familiensaga, die spielerisch zwischen der Zarenzeit, der russischen Revolution und dem »grauen Niedergang der großen Ideale« hin- und herspringt.

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Ein Mann, eine Frau und ein Neugeborenes auf der Suche nach einem Zuhause. Ein Flaneurroman im schwerelosen Raum zwischen Berlin und Tbilissi, Gegenwart und Erinnerung, Geborgenheit und Fremde.

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Ein Soldat der U.S. Army, der offen über die amerikanische Folterpraxis im Irak spricht. Ein Terroristenführer im Kaukasus, der seinen schwer verwundeten Gegner, einen Glaubensgenossen, rührend pflegt, aber bei dessen ungläubigen Kameraden keine Gnade kennt. Der Krieg zerstört oft auch die, die überleben. Texte, die zugleich Reportage wie große Literatur sind; Alltag in gegenwärtigen und ehemaligen Krisengebieten wie Tschetschenien oder Georgien, Vietnam, Afghanistan und Gegenden, die heute noch unter den Folgen des Zweiten Weltkriegs leiden. Arkadi Babtschenko, der mit Remarque und Hemingway verglichen wird, zeigt, wie Krieg Gesellschaften zerstört – und jeden Einzelnen, den er berührt, mit schicksalhafter Wucht verändert.

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Georgien georgische literatur Gabunia Farben der Nacht, Samanischwilis Stiefmutter, Kvachi

Sommer 2012: Sura, glücklicher Vater und weniger glücklicher Hausmann – er hat seine Arbeit verloren –, bekommt einen neuen Nachbarn. Gelangweilt beginnt er, den auffälligen jungen Mann mit dem roten Alfa Romeo zu beobachten – und gerät schnell in den Bann des fremden Lebens und die Besuche eines Liebhabers: eines hohen Beamten. Dann beobachtet Sura einen Streit mit furchtbaren Folgen – und sieht die Chance, wieder für seine Familie sorgen zu können. Er bemerkt nicht, dass seine Frau Tina sich in eine Amour fou gestürzt hat. Fünf Menschen suchen ihr Glück und setzen alles aufs Spiel – auch wegen der unversöhnlichen Ansprüche einer Gesellschaft, in der Vergangenheit und Zukunft sich feindlich gegenüberstehen. Zwischen Patricia Highsmith und Hitchcocks „Fenster zum Hof“.

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Ein rüstiger Alter will nach dem Tod seiner Frau erneut heiraten. Sohn Platon befürchtet, sein karges Erbe mit einem Halbbruder teilen zu müssen. Er beschließt, für den Vater eine Frau zu finden, die ihn gegen jedes Risiko absichert: Eine zweifach verwitwete kinderlose ältere Frau soll es sein. Doch dann wird die Stiefmutter Elene trotz allem schwanger, und das Unglück nimmt seinen Lauf.

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This is, in brief, the story of a swindler, a Georgian Felix Krull, or perhaps a cynical Don Quixote, named Kvachi Kvachantiradze: womanizer, cheat, perpetrator of insurance fraud, bank-robber, associate of Rasputin, filmmaker, revolutionary, and pimp. Though originally denounced as pornographic, Kvachi’s tale is one of the great classics of twentieth-century Georgian literature–and a hilarious romp to boot. [Update: auf Deutsch antiquarisch erhältlich, „Das fürstliche Leben des Kwatschi“]

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Georgien georgische literatur Awelum, Ich bin sie, Das erste Gewand

Awelum, rebellischer Grübler, unsteter Liebhaber mehrerer Frauen, Dichter und Familienvater, ist tief gekränkt, als er von seiner Moskauer Geliebten Sonja verlassen wird. Während ihm seine Frau Melania in Tbilissi duldsam den Rücken freihält, riskiert er die Aufdeckung der heimlichen Treffen mit seiner wahren Liebe, der Pariser Slawistin Françoise, durch den KGB. Und doch. Der im unentwegten Gedankenstrom mitreißende Roman spielt vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs in Tbilissi in den Jahren 1991/92.

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Die junge Nia ist verliebt in einen älteren Jungen, der gegenüber ihrer Wohnung in Tiflis wohnt. Jahrzehnte später erhält sie erneut Kontakt und erinnert sie sich an den Gefühlssturm der ersten Liebe. So tritt die lebenserfahrene Nia mit ihrem jungen, ungestümen Ich in einen Dialog. Noch immer schenken sich georgische Liebespaare den Roman gegenseitig. 2013 wurde er als bester Roman des Jahres mit dem SABA-Preis ausgezeichnet.

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Ein Fremder kommt in Domenicos Dorf und weckt in dem jungen Mann den Wunsch, die Welt kennenzulernen. Zuerst kommt er nach Feinstadt, ein Ort der guten Sitten. Doch als er seine große Liebe auf tragische Weise verliert, will er fort, nach Kamora. Dort regieren Willkür und Verbrechen – bis eine Gruppe Hirten aufbegehrt. Sie errichten Canudos, eine Stadt der Freiheit. Das meistgelesene Buch in Georgien und – zur Zeit sowjetischer Herrschaft geschrieben – eine aufrüttelnde Parabel über das menschliche Dasein in Zeiten gesellschaftlicher und politischer Tyrannei.

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Georgien georgische literatur Heiliges Dunkel, Santa Esperanza, Globalisierung

»Es ist kein Buch über mich, sondern über die Menschen, die ich kennen und lieben gelernt habe.« Berdsenischwili schreibt mit feinem Humor und Ironie, manchmal aber auch voller Sarkasmus und Wehmut über seine Mithäftlinge und ihre Bewacher. Er folgt den außergewöhnlichen, teils schrägen Charakteren, die – wegen absurdester »Verbrechen« inhaftiert – geplagt sind von Hunger, Haft, dem Mangel an Kommunikation mit der Außenwelt. Die vom KGB »auserlesenen« Inhaftierten bilden eine Art Ersatzfamilie füreinander und erleben Dinge, die sie ohne den Gulag nicht erfahren hätten.

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Aka Mortschiladses meisterhafte Persiflage auf seine Heimat Georgien entführt den Leser in die faszinierende Welt der imaginären Santa-Esperanza-Inseln im Schwarzen Meer. Der Archipel versinkt nach der Entlassung in die Unabhängigkeit durch die »Anglesen« im Bürgerkrieg. Die arroganten Wisramiani, die einflussreichen genuesischen Händler Da Costa und die barbarischen Sungalen kämpfen erbarmungslos um die Macht. Aus unzähligen Fragmenten – Mythen und Sagen, uralten Chroniken, Tagebucheinträgen, Liebesgeschichten, Flaschenpost, aber auch E-Mails, Zeitungsartikeln und Reiseberichten sowie mit allerlei literarischen Anspielungen entsteht ein Roman aus 36 Heften [organisiert wie ein Kartenspiel], die sich jedweder Reihenfolge lesen lassen..

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Ein betagter Mann aus der Region Kachetien fabuliert darüber, wie der Tumult der Welt – vom Beginn der Sowjetzeit bis in die 1990er Jahre – die Bewohner eines kleinen Dorfes im Kaukasus ereilte. Die Bewohner sind Überlebensjongleure, allen voran seine lebenspralle Schwester Anitschka, die am eigenen Leib erfährt, wie die Globalisierung neue Unfreiheit und Intoleranz generiert.

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Georgien georgische literatur Wer hat die Tschaika getötet, Abzählen, Personal Culinary

Die Polizeiermittler sind überfordert: Denn die Freunde der Ermordeten wissen, wer sie umbrachte, geben aber nichts preis. Warum, erschließt sich nach und nach aus den vielen Geschichten, die sich die Freunde, eine bunte, unkonventionelle, ja grelle Schar, über die Tote und sich selbst erzählen.

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Drei aufregende Tage für Ninzo und Ketewan, an denen die 13-jährigen Freundinnen erfahren, was es heißt, in einer gottverlassenen Konfliktzone zu leben, in der sonst bloß noch Kinder, Alte und Krüppel verblieben sind. Gewitzt muss man sein. Sonst kommt man nirgendwohin, nicht an Kleider, nicht an Monatsbinden, nicht an Zigaretten und auch nicht an Milch für das Brüderchen.

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Ungemein sinnlich gewährt die Autorin im lockeren Plauderton Einblick in ihr Küchen-Universum, das irgendwo zwischen Griechenland, dem Kaukasus und dem Orient liegt. Genauer gesagt: in Georgien, wo man weiß, wie man aus Einfachem Großartiges machen kann. Die mit leichter Hand und subtilem Witz erzählten Küchen-Geschichten richten sich an lesende Gourmets ebenso wie an kochende Literaturfreunde.

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Georgien georgische literatur Versteckspiel Aleko, Nino Haratischwili Das achte Leben Zurab Karumidze Dagny

An autobiographical novel: The main protagonist, Aleko Shughladze’s mother, has an incurable illness. Aleko also has a sister who has suffered from oligophrenic schizophrenia since she was a child. After their mother becomes bed-ridden, Aleko takes over the care of his sister. He has to have patience and not lose his humanity. Events from Soviet times intersect organically with today’s events. Together with all the difficulties of the Communist era, national traditions and rituals enter his mind. Aleko hides his mother away in a remote village and announces that she has died. He goes through with a fake funeral in great and plausible detail, thus doing his duty by his relatives. After the ‘funeral’ he hides his mother even further away, in India. where he settles down with her at the foot of a holy mountain.

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Ein wuchtiges Familienepos das am Beispiel von sechs Generationen außergewöhnlicher Frauen das ganze pralle 20. Jahrhundert mit all seinen Umbrüchen und Dramen, Katastrophen und Wundern erzählt, vom Georgien am Vorabend des Ersten Weltkriegs bis ins heutige Deutschland. Alles beginnt mit Stasia, Tochter eines Schokoladenfabrikanten. Eine Geschichte, die wie ein gewaltiger Strom mit unzähligen Nebenarmen und Verwirbelungen durch Europa zieht.

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Fast wäre es leichter aufzuzählen, was in Zurab Karumidzes großem, postmodernen Spiel nicht vorkommt. Dagny Juel gab es wirklich: Sie wurde am 4. Juni 1901 in Tiflis von einem nicht erhörten Liebhaber erschossen. Sich selbst erschoß er dann auch. Juel war Norwegerin, lernte früh Edvard Munch kennen, traf August Strindberg, der sie erst liebte und dann in einem Drama vernichtete. Schließlich aber heiratete sie den Bohemiensatanisten Stanislaw Przybyszewski, mit dem sie in dem Berliner Künstlerkreis um die Kneipe »Das Schwarze Ferkel« unterwegs war. Przybyszewski verkaufte sie dann an seinen Jünger Wladyslaw Emeryk, der sie nach Tiflis mitnahm. Dagny Juel hat selbst Gedichte und kurze Dramen geschrieben, die Karumidze immer wieder zitiert. Alle nehmen an einem »Fest der Liebe« teil, das gründlich schiefgeht, weil sich der junge Revolutionär Koba einmischt, der ein Auge auf Dagny geworfen hat. Er wird später als Josef Stalin in die Geschichte eingehen.

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Georgien georgische literatur Bestseller, Die himmelblauen Berge, Royal Mary

Pierre Sonnage, erfolgloser Schriftsteller, sieht seine einzige Chance auf Ruhm im Selbstmord und springt von einem Wolkenkratzer. Doch statt im Bestsellerhimmel landet er in der Literatenhölle. Hier trifft er nicht nur auf Dante, Kafka, Hemingway, sondern muss sich Rätseln stellen, so überfrachtet und verschlüsselt, wie er sie nur aus seinen eigenen Romanen kennt. Eine irrwitzige Reise beginnt.

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Schriftsteller Sosso liefert die dritte Fassung seines Manuskripts ab. Doch im absurden Apparat des Verlages haben alle anderes tun, als sich um Bücher zu kümmern. Das Manuskript geht verloren und wird schließlich aus verschiedenen Fassungen wieder zusammengekittet, während sich an den Wänden des hermetisch geschlossenen Gebäudes besorgniserregende Risse abzeichnen und unterirdische Beben zu spüren sind. Eine übermütige Karikatur auf das sowjetische System in seiner Endphase.

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Tiflis gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Märkte, Spelunke und Paläste, exzentrische Typen, fremde Mächte, ja fast die Gerüche einer vergangenen Zeit – mit Witz und Virtuosität erzählt Iaschaghaschwili von Mord und Totschlag. Alles dreht sich um ein Pferd – und den Schah von Persien… Dabei ist der Autor bescheiden genug, auch noch auf Puschkin und Kipling und Borges zu verweisen.

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Georgien georgische literatur Einsame Schwestern, Taso Foundation, Georgien eine literarische Reise

Die siamesischen Zwillinge Lina und Diana sterben unter mysteri­ösen Umständen. Erst danach erfährt ihr Vater Rostom von deren Existenz, und dann über deren unterschiedliche Persönlichkeiten in ihren ergreifenden Tagebucheinträgen. Bis ins Teenager-Alter werden die verletzlichen Zwillinge von der Außenwelt verborgen und von der Großmutter umsorgt, die darum kämpft, sie im verarmten post­sowjetischen Georgien zu beschützen – einer Gesellschaft mit wenig Mitgefühl für Behinderte. Nachdem die Großmutter stirbt, sind Lina und Diana wehrlos und fallen jeder Art von Misshandlung zum Opfer. Von der Taille abwärts verbunden, bleibt den Schwestern als einziger Rück­zugsort die Welt ihrer Tagebücher: Lina, unbeschwert und glücklich, ist fähig, sich zu verlieben. Diana, angespannt und bodenständig, kann ihre Situation nicht akzeptieren.

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Georgian Narratives: A Century and Beyond documents the lives of women and, to a lesser extent, men in Georgia since the Menshevik purges of pre-Soviet times through the Georgian, Ossetian, Russian conflict in August 2008. It paints a vivid portrait of the diverse backgrounds and experiences of women, Georgian citizens who are not exclusively ethnic Georgians who have experienced the life transforming developments and changes of the 20th and beginning of the 21st century. The first English publication of some of the oral histories that have been collected as part of a larger program recording the lives of women in Georgia.

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Auf Einladung von Nino Haratischwili und dem Goethe-Institut Georgien sind sechs deutsche und sechs georgische Autoren und Autorinnen durch Georgien gereist. Prometheus, Medea, Rustaweli und Stalin, sie alle gehören zu Georgien wie die fünfhundert Rebsorten und die unermessliche Gastfreundschaft. Entstanden sind literarische Reiseberichte und poetische Reflexionen.

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alle Klappentexte: gekürzt

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Maria-Christina Piwowarski, „Ocelot“ Berlin: „Bevor ich Nino Haratischwilis Roman „Das achte Leben. (Für Brilka)“ (Frankfurter Verlagsanstalt 2014) gelesen hatte, wusste ich nicht mal, wo Georgien genau ist. 1300 Seiten später wollte ich unbedingt selbst das Land am Kaukasus entdecken und habe meinen nächsten Jahresurlaub dort verbracht. Ich finde, Nino Haratischwili hat ihr Land auf die Landkarte des westeuropäischen Bewusstseins geschrieben. Das ist ein riesiger Verdienst. Außerdem ist „Das achte Leben“ aber auch einer der besten Romane, die in den letzten zehn Jahren in deutscher Sprache (ja, sie schreibt nicht in ihrer Muttersprache!) geschrieben wurde.

Vor einigen Tagen habe ich „Die Reise nach Karabach“ von Aka Morchiladze (Weidle Verlag 2018) gelesen, das ist wohl so etwas wie das Kaukasus-Gegenstück zu „Faserland“ von Christian Kracht – die nihilistische Reflexion einer orientierungslosen Generation. Das war sehr hart, aber auch echt gut.

Als ich in Georgien war, hat mir außerdem das „Georgisches Reisetagebuch“ von Jonathan Littell (Berlin Verlag 2008) sehr geholfen, den Georgisch-Russischen Krieg besser zu verstehen. Wenn man nach Georgien reist, stellen sich zwangsläufig Fragen nach der russischen Besetzung Abchasiens und Südossetiens. Littell bringt da auf wenigen Seiten Licht ins Dunkel.“

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Nobert Hummelt erklärt, warum es wenig übersetzte Lyrik aus Georgien gibt [Deutschlandfunk]: „Für ein kleines Land wie Georgien ist zur Aneignung der Weltliteratur das Übersetzen lebenswichtig. In umgekehrter Richtung ist der Prozess schwierig, da die georgische Sprache selbst von Menschen nicht beherrscht wird, die ihr Leben lang dieses schöne Land bereisen – sie verlassen sich auf die guten Deutschkenntnisse vieler Georgier.

Das hat zur Folge, dass es so gut wie keine direkten Übersetzungen georgischer Lyrik gibt. Stattdessen entstehen Nachdichtungen auf der Grundlage von Interlinearübersetzungen – sinngemäßen Wort-für-Wort-Wiedergaben, die von georgischen Übersetzern angefertigt werden; mit diesen Vorlagen arbeiten deutschsprachige Lyriker und entwerfen aus ihrem eigenen Sprachgefühl, wie dieser oder jener georgische Dichter auf Deutsch klingen könnte.“

Ich las und mochte die Lyrik-Anthologien:

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Filme:

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Links:

Pressereise nach Georgien: Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2018

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2018 ist Georgien Ehrengast / Gastland der Frankfurter Buchmesse #fbm18.

Ende Mai 2018 war ich auf einer viertägigen Pressereise nach Tiflis / Tibilisi.

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Heute, hier im Blog: Fotos, die sich nicht selbst erklären.

Die Pressereise – erzählt in Bildern und kurzen Bildtexten […wird ergänzt, in den nächsten Tagen].

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Sieben Blogger*innen / „Influencer“ sind eingeladen: Alexandra Stiller (Bücherkaffee), Matthias Warkus (54Books), Angie Martiens (Litaffin), Anabelle Stehl (Stehlblüten), Florian Valerius (Literarischer Nerd), Karla Paul (Buchkolumne) und ich.

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Wir fliegen via Istanbul, mit Turkish Airlines. Flüge nach Tiflis sind nachts oft billiger. Georgier*innen sagen, wir haben Glück, schon kurz vor Mitternacht am Hotel zu sein: Oft kommen Gäste viel tiefer in der Nacht ins Land. Flugzeit der beiden Flüge: 6 Stunden, ab Frankfurt.

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Das Programm – Donnerstag, Freitag, Samstag; Rückflug Sonntag Nacht – ist straff: Stadtführung, Museen, Kirchen/Kloster, Bibliotheken, eine Ballettprobe. Alle Mittag- und Abendessen mit wechselnden georgischen Autor*innen.

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Ein Land, nicht viel größer als Bayern, am Schwarzen Meer. Nachbarländer: Armenien, Aserbaidschan, Russland und die Türkei. Religion: 84 Prozent orthodox, 9 Prozent Muslime. Am Flughafen und bei der Fahrt durch Tiflis sehen wir dauernd Casinos und Casino-Werbung. Erster Eindruck, auch landschaftlich: Canto Bight, der etwas vulgäre Glückspiel-Planet aus „Star Wars: The Last Jedi“.

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Betsy’s Hotel ist eine ordentliche, westlich-normierte viergeschossige Anlage mit Frühstücksterrasse, kleinem Pool, absurd gründlicher Zimmerreinigung – mit toller Aussicht über Tiflis. Ich fühlte mich wohl; doch glaube, dass viele Georgien-Reisende charmantere, geschichtsträchtigere Räume suchen: Für mich war das Hotel der… aseptischste, globalisierteste Ort der Reise.

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Davit Gabunia ist Dramaturg und Schriftsteller (Romane und Dramatik) und stellt uns in einer einstündigen Präsentation am Goethe-Institut ca. 15 große georgische Autor*innen vor, die auch in deutscher Übersetzung vorliegen. Der oft amüsant-spöttische Vortrag ordnet die Bücher chronologisch, und beginnt arg männerlastig, patriarchal. Erst ab den späten 90ern nennt Gabunia immer mehr Autor*innen, Experimente, Short Stories, LGBT- und feministische Stimmen etc.

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Davit Gabunia empfiehlt uns u.a. Dawit Kldiaschwili, Otar Tschiladse, Micheil Dschawachischwili, Naira Gelaschwili, Guram Dotschanaschwili. Ich arbeite an einem längeren Blogpost über georgische Bücher, die ich anlas und mochte. Bis dahin empfiehlt sich *dieser* Index ins Deutsche übersetzter Bücher auf Georgia-Characters.com

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Mehr Fotos unserer Reisegruppe: hier im Link.

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Matthias Warkus schreibt: „Im alten Hauptgebäude der Nationalbibliothek (früheres Bankgebäude im österreichischen Ringstraßenstil) konnten wir verschiedene internationale Lesesäle [überraschend große deutsche Bibliothek, englische Bibliothek] besichtigen. Das Magazin mit den vier Millionen Bänden georgischer Literatur ist wohl anderswo untergebracht.“

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Mit uns sieben Blogger*innen unterwegs, die meiste Zeit: Journalist*innen von u.a. Arte, FAZ, Deutsche Welle, Spiegel, Focus, ZEIT, ORF und dem Magazin „Bücher“.

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Giorgi Kekelidzes Redebeiträge waren auf Georgisch, und wurden recht schleppend übersetzt. Die Stimmlage deutscher Frauen wird seit Jahren immer tiefer. Viele ältere Georgierinnen, die mit uns sprachen, hatten eine hohe Stimme. Statt mehr zum georgischen Buchmarkt, zur georgische Kulturpolitik oder zum… kulturellen Selbstbild zu hören, erfuhren wir leider fast nur, wie DIESE EINE Bibliothek funktioniert: So, wie fast alle anderen, die ich kenne, auch. Schade.

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Matthias Warkus schreibt am Folgetag: „Leider ist die Weinprobe ausgefallen, weil von den 17 Personen der beiden hier anwesenden Delegationen (BuchbloggerInnen und RichtigjournalistInnen) insgesamt wohl nur zwei Personen Lust drauf hatten. Aber warum wollte denn nun niemand zur Weinprobe mit original georgischem in der Erde vergessenem Amphorenwein? Weil für eine Reise, bei der BuchbloggerInnen etwas über georgische Literatur lernen sollen, bisher erstaunlich wenig Kontakt mit georgischen Büchern passiert war. In der Bibliothek sahen wir nur repräsentative Räume und Lesesäle für ausländische Bücher; eine Buchhandlung [Prospero’s Books & Caliban’s Coffee], auf die sich einige bereits erwartungsvoll gestürzt hatten, bot vor allem englischsprachige Bücher an. Nachfragen dazu, ob es etwa eine Buchpreisbindung gibt oder ob es georgische Kinderbücher vergleichbar zu Pippi Langstrumpf o.Ä. gibt, scheiterten teilweise an der Sprachbarriere. Insofern wurde umdisponiert, um statt der Weinprobe doch lieber einen Buchladen zu besuchen.“

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Obwohl zur Nationalbibliothek auch ein „Book Museum“ und Ausstellungen gehören, sehen wir, insgesamt, kaum Bücher: Der Raum selbst ist VIEL interessanter als die Literaturvermittlung dort. .

Toll und fotogen: die Zettelkästen in der Nationalbibliothek. Deprimierend: dass sie tatsächlich immer noch benutzt werden. Beruhigend: Die vielen Online-Arbeitsplätze im Keller, und das Selbstverständnis, dass Bibliotheken nicht nur Bücher, sondern auch Netz und digitale Informationen zur Verfügung stellen [also: einen Third Place bieten].

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Bibliotheksleiter Giorgi Kekelidze, geboren 1984, lehrt, schreibt u.a. Lyrik für Kinder, moderiert eine TV-Sendung über Literatur. Über seine Karriere zu reden hätte mich mehr interessiert, als die Bibliothek zu sehen. Wikipedia: „His poetry does not include social or patriotic topics. Folklore is more interesting sphere for him. In 2016, his “Gurian Diaries” book 2 is the bestseller of the year in Georgia.“

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*Nichts* auf der ganzen Reise fand ich gestriger, öder als dieses… Kunschtwerk in der Nationalbibliothek. Mich erleichtert, freut, dass es nicht aus Georgien stammt: der Künschtler heißt Karl Eimermacher und ist Professor / Slawist.

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Im Kino: Die exakt selben Filme, die auch in Deutschland gerade starten. Ich lasse mir am Geldautomaten 50 Lari auszahlen (ca. 17 Euro): Das reicht für zwei Taxifahrten inkl. Trinkgeld (je 10 Lari), ca. fünfmal Wasser, Energy Drinks, Aloe-Vera-Limo etc. (meist 1 bis 2 Lari), ein paar Schokoriegel für meinen Partner daheim; und zwei, drei süße Snacks unterwegs. Das Durchschnittseinkommen liegt bei ca. 280 Euro im Monat. Alles, was ich kaufe, kostet ca. ein Sechstel von dem, was ich in Deutschland zahlen würde.

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Überall auf den Straßen: alte Bücher auf Russisch und Georgisch, für 1 bis 3 Lari (30 Cent bis 1 Euro). Keine antiquarischen Schätze – sondern Paperbacks und Klassiker, oft sehr abgegriffen. Dass solche Bücher in Georgien noch verkäuflich sind (…während sie in Deutschland meist weg geworfen oder in öffentlichen Bücherschränken verschenkt werden) lässt mich fragen, ob in Georgien die „Lies Klassiker, das gute Buch. Das bringt dich weiter!“-Idee, die ich aus meiner Kindheit in den 80ern noch kenne, doch die heute eher verlacht wird, länger überlebt als in Europa. #aufstiegschancen #bildung

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Matthias Warkus schreibt: „Es gibt übrigens viele politische Parallelen zu Estland (ich war 2012 mal zehn Tage in Tallinn), z.B. auch, dass man das Land als seit dem Ersten Weltkrieg unabhängig betrachtet und die Sowjetzeit als Besatzung ansieht. Wir werden am Sonnabend die Feierlichkeiten zum 100. Unabhängigkeitstag erleben. Eine recht rigide Sprachpolitik erinnert an Québec: Ähnlich, wie dort keine englischsprachige Inschrift ohne eine deutlich größere französischsprachige stehen darf, müssen hier öffentliche Schilder und Logos immer auch in georgischen Buchstaben gehalten sein, weswegen H&M hier ein riesiges georgisches Logo hat; das uns bekannte findet sich deutlich kleiner darunter.“

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Zum Essen treffen wir die Autoren Beka Adamaschwili („Bestseller“) und Abo Iaschagaschwilli. Beka war Blogger, bevor ihm Facebook den Wind aus den Segeln nahm, arbeitet in einer Werbeagentur („Unsere erfolgreichsten Kampagnen waren eine Hängematte, von Drohnen getragen, und kleine Hamster, die Miniatur-Junk-Food verspeisten“) und schreibt an einem Roman, in dem ein Mann durch Bücher reist und versucht, Romanfiguren wie Sherlock Holmes vor dem Tod zu retten.

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Abo führt uns nach dem Essen fast sieben Stunden lang durch Tiflis. Er schreibt historische Krimis. In Deutschland erschien Band 2, „Royal Mary“. Klappentext: „Eine Stadt, die ein Schmelztiegel der Kulturen war: Tiflis gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die Atmosphäre dieser Stadt, Bilder von Märkten, Spelunken und Palästen, exzentrische Typen, fremde Mächte, ja fast die Gerüche einer vergangenen Zeit – mit Witz und Virtuosität fängt Iaschaghaschwili all das ein, und erzählt doch von Mord und Totschlag. „

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Großer Innenhof, Gratis-WLAN (wie in vielen Restaurants), solides Essen: das zwanglose (HIpster?-)Café / Restaurant „Ezo“

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Fassaden, Stadtgeschichte, eine lange Tour durch die Stadt: Unsere Reisegruppe ist für einige Stunden zweigeteilt. Die andere Gruppe besucht das Georgische „Haus der Schriftsteller“ [keine Fotos von mir]. Über die dort ausgestellten Tiere und die stalinistischen Morde / Erschießungen schrieb Davit Gabunia das Theaterstück „Tiger und Löwe“, aufgeführt u.a. am Staatstheater Karlsruhe.

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Ein unrestauriertes Treppenhaus, keine 50 Meter unterhalb des Restaurants (Ezo: 16 Geronti Kikodze St.): Viele Türen in Innenhöfe und Mietshäuser stehen offen; als wir ankamen, probten ca. Zwölfjährige dort gerade eine Choreographie.

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Viele Mitreisende sind von Georgien fasziniert, seit sie Nino Haratischwilis 1200-Seiten-Roman „Das achte Leben“ (2014) lasen.

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Knut Krohn schreibt: „Hoch über der Stadt, auf der Burg, thront Nino, die Schutzheilige Georgiens. Der Legende nach soll die Syrerin im 4. Jahrhundert nach Christus zur Christianisierung Georgiens beigetragen haben. Das Momument stammt noch aus der Zeit der Sowjetunion.“

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Wir sieben Blogger*innen machen irrsinnig viele Fotos, holen in Restaurants oft das Handy raus und probieren, so aktuell / live wie möglich alles hier zu zeigen, aufzugreifen, überall zu teilen. Falls unser Stadtführer genervt war oder uns belächelte, ließ er sich das nicht anmerken. Schön, mal in einer Gruppe zu sein, in der das viele Dokumentieren die Norm ist – und nichts, für das wir uns rechtfertigen mussten: HIERFÜR waren wir in Georgien. So albern das auch, von außen, oft gewirkt haben muss.

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Reisen UND Bloggen kriege ich beim engen Zeitplan und ohne WLAN außerhalb des Hotels kaum hin: Ich sammle vier Tage lang Eindrücke, mache mir viele Notizen und probiere, so präsent und wach wie möglich zu sein. Die Nachbearbeitung der Reise (Fotos sortieren, bearbeiten, teilen; Links sammeln; Recherchieren; Twitter, den Blog, Facebook, Youtube etc. bespielen) kostet mich am Ende vier weitere Tage. Trotzdem: jederzeit wieder!

My-Travelworld schreibt: „Tiflis selbst ist sehr charakteristisch durch sein kleines und gut erlaufbares Zentrum, den umliegenden Anhöhen sowie seiner Kompaktheit im Allgemeinen. Obwohl die Stadt rund 1.000.000 Einwohner hat, ist sie flächenmäßig deutlich kleiner als zum Beispiel meine Heimatstadt Dresden. Vor allem von oben wundert man sich schon, wie in diese kleine Stadt eine ganze Million Menschen passen sollen. „Von oben“ ist auch direkt das Stichwort, denn um Tiflis herum befinden sich relativ viele Gebirgszüge, die nicht nur tolle Ausblicke ermöglichen, sondern auch ein kleines und vor allem grünes Naherholungszentrum darstellen.“

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Betreut wurden wir von der Bonner Agentur „projekt2508“. Wir konnten jederzeit *alles* fragen.

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Überall im Stadtbild – auch meist als Muster / Ikonografie im Schmuck und als Symbol in Metallgittern, Zierleisten, Kacheln etc.: Weinreben.

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„Deutsche Bau- und Brandschutzbehörden würden durchdrehen hier – besonders bei all den Außenbalkonen.“ Ich mag die Stadt sehr – doch treffe immer wieder Menschen, die bei überirdisch geführten Stromkabeln „Alles hier ist hässlich und primitiv!“ rufen. (Auch z.B. in Kanada und Japan. Ich selbst mag das.)

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Überall: fotogene Straßenkatzen und -Hunde. (Das Buch auf dem Müllcontainer wurde nicht von uns drapiert.)

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Das Bäderviertel: historische Schwefelbäder mit Kuppeldächern, ca. sieben verschiedene Betreiber, direkt bei einander. Einzelkabinen / kleine Wannen; aber auch größere Pools. Eintrittspreis laut Reiseführer: ca. 5 Lari, dazu ca. 10 für eine Massage. Im ersten Bad, das ich – mit 15 Rest-Lari – betrete, soll ich 40 Lari zahlen. Ich habe keine Geldkarte dabei und muss passen.

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Der Drescher-Reiseführer schreibt: „Das Zentrum Tbilisis liegt terrassenförmig zu beiden Seiten der Mtkvari. Im 18. Jh. bis auf die Grundmauern niedergebrannt, wird es durch die Residenzen und Wohnhäuser aus zaristischer Zeit geprägt.“ Der Fluss führt viel Lehm mit sich und ist ganzjährig so braun.

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Matthias Warkus schreibt: „Tiflis ist eine ungeheuer sympathische Stadt, relativ ruhig und dezent beleuchtet, in einem Talkessel mit wahnsinnigen Aussichten, mit einem gewaltigen kulturellen Erbe, aber auch einer Ader für radikal moderne Architektur, die befremdlich anmutet, wenn man aus Deutschland anreist, und zu der ich sowohl online als auch unter den Mitreisenden sehr unterschiedliche Meinungen gehört habe. Es gibt eine Oberstadt mit Gassengewirr, vielen Treppenstraßen, historischen Kirchen und einer Festung drüber.“ Das schlauchförmige Gebäude im Bild? Die Konzert- und Ausstellungshalle.

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Die Festung Nariqala. Gute Aussicht über Tiflis – aber, finde ich: kein Muss. Der Kirchgarten etwas unterhalb war stiller, einladender, sehenswerter.

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Schon seit dem 4. Jahrhundert ist Georgien christlich. Der Trescher-Reiseführer: „Georgien und Armenien sind die beiden östlichsten Länder, in denen sich das Christentum als Staatsreligion durchsetzen und halten konnte.“

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Mein Job in den nächsten Monaten: Georgische Bücher in deutscher Übersetzung anlesen, u.a. alle Titel, die im „Perlentaucher“ vorgestellt wurden (Link). Die Titel, die Georgia-Insight vorstellt (Link) durchgehen. Und die Liste von Georgian Characters (Link).

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Nur auf Goodreads kann man schlecht nach georgischer Literatur suchen: das Tag „Georgian“ meint dort meist: Südstaaten-Romane. „Georgia“ (das Land) bei Goodreads: Link. Bücher, die in Tiflis spielen: Link.

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Oliver Zwahlen schreibt: „Im 17. Jahrhundert gab es über 70 unterschiedliche Badehäuser. Heute kannst du nur noch unter einer handvoll Bädern deinen Favoriten aussuchen. Die meisten sind unterirdisch unter einer Kuppel im persischen Stil. Nur ein Bad (das blaue Gebäude im Bild oben, das wie eine Moschee aussieht) ist überirdisch. Wir testeten das „Royal Bath“: Da angeblich alle kleinen Privaträume besetzt waren, gönnten wir uns für 40 Euro pro Stunde den grössten Pool, in dem problemlos eine ganze Schulklasse Platz gefunden hätte. Das mit hübschen Kacheln verzierte Bad war nicht ohne Charme. Luxuriös wirkte es aber trotz des vielen Platzes nicht, da die Einrichtung doch etwas verlottert aussah.“

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Bettler gehören offenbar erst seit ca. 15 Jahren zum Stadtbild. Oft sehen wir auch Menschen in Rollstühlen, Amputees in Armee-Uniformen oder Frauen, die mit ihren Babys oder Kindern betteln, auch nachts. Oft werden rechte Parteien gewählt, weil sie eine bessere Krankenversicherung / -versorgung versprechen.

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Oliver Zwahlen schreibt: „Auch wenn es bereits eine Reihe von grossangelegten Renovationen gab, ist der Verfall der alten Bausubstanz in vielen Stadtteilen noch immer deutlich sichtbar. Besonders stark betroffen sind die Häuser in der Altstadt und in der direkten Umgebung des Präsidentenpalasts. Aber eigentlich muss man nirgendwo weit gehen, um windschiefe Häuser und eingestürzte Dächer zu sehen. Oft schockiert es, dass in solchen Gebäuden noch Menschen wohnen müssen. Wieso das so ist, habe ich in dieser Reisedepesche beschrieben. Was mir zunächst nicht klar war: Die Häuser sind nicht einfach verwahrlost, sondern teilweise erklärt sich ihr Zustand mit einem schweren Erdbeben im April 2002, das über 10.000 Gebäude beschädigte und sechs Menschenleben forderte.“

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Schöne Ort: der Innenhof von „Prospero’s Books“, nicht weit vom Rustaveli-Platz. Der Kaffee, Iced Latte etc. schmeckte wie ein misslungenes Filterkaffee-Experiment; und als Buchhandlung taugen die Prospero’s-Filialen nicht: eine Handvoll Mainstream-Bestseller im Taschenbuch, deprimierender als jede Flughafen-Buchhandlung.

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Matthias Warkus schreibt: „Es gibt in Georgien laut Factsheet des Veranstalters 50 Buchläden und das durchschnittliche Buch kostet umgerechnet 3,99 €. Eine Preisbindung gibt es nicht und Amazon ist kein Thema. Die größte Buchhandelskette gehört dem größten Verlag, die Probleme, die sich daraus ergeben, liegen auf der Hand. Die gesamte Verlagsbranche setzt knapp 4,5 Mio. € jährlich um, pro Jahr erscheinen 3000–4000 Titel, davon 45 % Übersetzungen.“

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Der größte Supermarkt, den wir im Zentrum fanden. Importierte europäische Produkte, z.B. von Ferrero, sind absurd teuer. Auch Kaffee und Tee sind ein Statussymbol; ihre Preise erinnern mich an Deutschland in den ca. 60er Jahren. Ich war in ca. 7 georgischen Supermärkten, vom teuren ‚Spar‘ über Kiosks und Bodega-ähnliche Eckläden bis zu ‚Smart‘, und hätte gern noch mehr getestet, gekauft, ausprobiert.

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Karla Paul schreibt: „Ich sah selten einen Ort, an dem so viele Völker & Baustile wortwörtlich zusammenkrachten und es sich dennoch richtig und gut anfühlt. Die Stadt ist im Aufbau und Anbau, auch gesellschaftlich und belohnt jedes Suchen durch Finden, jede Neugier durch wunderschöne Hinterhöfe, Treppenhäuser, tausend versteckte Schätze und hinter jedem steckt eine Geschichte – ich will sie alle lesen!“

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Matthias Warkus schreibt: „Unser Stadtführer, Abo Iaschagaschwili, ist Bergführer und erfolgreicher Schriftsteller – selbst erfolgreiche Schriftsteller brauchen bei einem so kleinen Büchermarkt (das Land hat eine Bevölkerung von ca. 4,5 Mio.) immer einen Hauptberuf, haben wir mehrfach gehört. In den letzten vier Jahren hat die georgische Literaturszene und der Büchermarkt einen kleinen Boom oder zumindest einen großen Anschub dadurch erlebt, dass der Gastlandstatus bei der Buchmesse seinen Schatten voraus warf – man macht sich als naiver Deutscher gar keine Gedanken darüber, welche Bedeutung dieses Ereignis offenbar haben kann.“

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Abo Iaschagaschwilis Führung macht auch Spaß, weil er fast perfektes Deutsch spricht – das er, scheint mir, aus alten Büchern lernte: Er benutzt Worte wie „Zecherei“, liest Passagen aus der Weltliteratur vor… Bucht ihn für Stadtführungen! Kontakt z.B. via Instagram (Link).

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Schönes Viertel für Spaziergänge: die engen Gassen zwischen Rustaveli Square (im Tal) und Makashvil Street (oben am Hang; bei unserem Hotel). Weil viele Straßen den Berg hoch als Sackgasse enden, habe ich mich bei drei Versuchen, neue oder andere Routen zu finden, verlaufen: Hoch kommt man *immer* nur übers Gelände der Mikhail von Tver-Kirche.

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„Fabrika ist eine instandgesetzte ehemalige sowjetische Nähfabrik, die ‚wiederbelebt‘ und in einem multifunktionalen Stadtraum verwandelt wurde mit Cafés und Bars, Künstlerateliers und Geschäften, Bildungseinrichtungen, Co-Working-Spaces, dem größten Hostel der Region, einem Innenhof und ständig wechselnden Veranstaltungen.“ fabrikatbilisi.com

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„Wir haben bereits 2013 deutsche Literaturkritikerinnen und -kritiker sowie Journalistinnen und Journalisten eingeladen, unser Land zu besuchen und über kulturelle Themen in Georgien zu schreiben. Meiner Meinung nach macht es einen riesengroßen Unterschied ob man nur über georgische Literatur liest und schreibt oder ob man den kulturellen Kontext dieser Werke selbst entdeckt, in dem man das Land bereist, die Kultur am eigenen Leib erfährt, die Natur erlebt, die Menschen vor Ort trifft und mit den Autorinnen und Autoren ins Gespräch kommt.“ Link

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Medea Metrevelli vom Georgian Book Centre lädt uns ins Restaurant Tone (auf dem Fabrika-Gelände). Interview: Link (etwas hölzern übersetzt. Medea ist lebendiger, frisscher, als sie hier klingt!)

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Essen mit ca. 9 georgischen Schriftsteller*innen. Ich sprach leider nur mit Zurab Karumidze länger. Anthologien, um georgische Gegenwartsliteratur kennen zu lernen? „Techno der Jaguare“ (nur Autorinnen, 2013) und „Bittere Bonbons“ (nur Autorinnen, 2018).

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Deko: ein Betonkiosk aus Sowjet-Zeiten. Ich kenne die K67 Steckmodul-Kiosks aus Slowenien, die unter Design-Fans oft viral gehen.

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Essen mit Autor Zurab Karumidze – der sofort fragt, ob ich die Buchblogger Jochen und Gerard kenne (…die seinen Roman „Dagny oder: Ein Fest der Liebe“ vor Monaten empfahlen / besprachen.)

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My-Travelworld schreibt: „Das Preisniveau in Georgien ist noch sehr moderat und sehr budgetfreundlich. Besonders Früchte, Metrofahrten in Tiflis, kurze Busfahrten, Bäckereierzeugnisse oder Eis bewegen sich im unteren Centbereich. Auch ein Besuch im Restaurant belastet mit umgerechnet 3-4 Euro für ein Hauptgericht sowie 1 Euro für ein Bier nur mäßig die Urlaubskasse. Günstige Unterkünfte gibt es nahezu überall ab 10 Euro (Backpacker-Unterkünfte z.T. auch darunter) und auch gehobene Hotels sind deutlich günstiger zu buchen als in Mitteleuropa.“

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Matthias Warkus schreibt: „Das georgische Essen ist exzellent trotz oder gerade wegen großen Koriandereinsatzes und hat, wie auch das Sichbegrüßen mit Küsschen und die Weinkultur, etwas geradezu Französisches: Zu Mittag gab es Brot mit unterschiedlichen Dips, verschiedene hervorragende Salate, eine Hühnersuppe mit enorm viel Fleischeinlage, Gemüseschmorgerichte mit und ohne Fleisch, zu Abend ein gewaltiges Buffet mit u.a. dem salzigsten Käse der Welt, verschiedenen Quiches und Patés usw. Das Brot wird tandoorimäßig frisch gebacken, indem man Teig an die Wand eines großen heißen Tongefäßes klatscht.“ [auf dem Foto, im Vordergrund: Steinbackofen mit Metalldeckel, an dessen Wänden das Brot gebacken wird.]

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Das alte, brutalistische Postgebäude: heute ein Supermarkt. Hier im Bild? Der erste McDonald’s Georgiens, eröffnet 1999.

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Matthias Warkus schreibt: „Morgens ab 10: ein Besuch im Nationalmuseum, wo wir steinzeitliche Funde aus Dmanisi (der älteste Fund von Homininen außerhalb Afrikas) und beeindruckenden Schmuck aus frühen georgischen Kulturen sehen konnten.“

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Sehenswertes Gebäude; und sympathische Einführung durch den Museumsleiter, David Lordkipanidze – charismatisch, engagiert.

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Wir verbrachten zu viel Zeit in der frühgeschichtlichen Abteilung: eine Archäologin führte uns in schleppendem Englisch durch die Repliken / Abgüsse verschiedener Schädel, und brauchte viel zu viel Zeit, um zu erklären, wann man von „Proto-Georgiern“ spricht, und ab wann von modernen Georgiern.

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Weil sich der Museumsbesuch so schleppte, entfiel für einen Teil der Gruppe der Besuch der Nationalgalerie. Schade!

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Georgien-Reise.com: „Die überwiegende Mehrheit der Protogeorgier siedelte längs des Flusses Mtkwari in Zentralgeorgien, wo sie mit Jahrhunderten eine eigene Sub Ethnie, die Kartlische, bildeten. Die Georgier betrachten diese Kultur als Ihren Ursprung, weshalb sie bis heute ihr Land als ,,Sakartwelo’’ (der Ort, wo die Kartlier leben) bezeichnen. Ungeachtet der komplizierten ethnischen Struktur, begannen sich die Georgier sehr früh als ethnische Gemeinschaft zu sehen und zu fühlen, was mit der Annahme des Christentums in relativ kurzer Zeit zur geistigen und kulturellen Einigung des Landes führte.“

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Sehenswerter als die Hominiden-Ausstellung: die wunderbare „Schatzkammer“ / „Treasury“-Ausstellung. Kritik auf Tripadvisor: „Wir haben und das gesamte Museum angeschaut, was man aber unbedingt sehen sollte, das ist die „Schatzkammer“ im Kellergeschoß: die Exponate (zumeist in Gold) sind teilweise unglaublich, wenn man bedenkt, aus welcher Zeit sie stammen (der erste kleine goldene (?)Löwe aus dem 3. Jahrtausend vor Christus!)“

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Viele Schmuckstücke scheinen ihrer Zeit weit voraus: Hier hätte ich gerne länger zugehört, mehr erfahren. Infos: Link. Mitreisende Angie Martins schreibt auf Litaffin: „Gold hat für Georgien eine besondere Bedeutung. Traditionell wurde von den Swanen, einem georgischen Bergvolk, in den Bergflüssen des Landes der Goldstaub mit einem Schafsfell aus dem Wasser gewaschen. Der griechisch-antike Mythos vom Goldenen Vlies geht auf diese mit Goldstaub getränkten Fälle zurück. Medea, Königin von Kolchis am Schwarzen Meer (dem heutigen Westgeorgien) soll nicht nur ihre Kinder getötet, sondern auch Iason beim Raub des Goldenen Vlieses geholfen haben. Und auch heute noch heißen georgische Frauen manchmal Medea, wie die Leiterin des Georgian National Book Centers, das die Pressereise mit organisiert hat.“

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Haarnadeln, die man auch in Kleider stecken kann und zum Reinigen von Zähnen, Fingernägeln etc. Der Name „Ear Picks“ macht mir bei den ca. 12 Zentimeter langen Metallstäben… Angst.

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Was ich noch gern gesehen hätte, zum Vergleich: eine Filiale der großen georgischen „Biblus“-Buchladenkette. Auch vom georgischen Zeitschriftenmarkt sah ich – in Supermärkten und an Kiosken – kaum etwas. Second-Hand-Bücher sind VIEL präsenter, überall.

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Restaurants in Tbilisi, die ich gern getestet hätte: People’s, Organique Josper Bar, Sololaki und, außerhalb: Keto and Kote.

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Immer wieder: Essen – und gleichzeitig Autor*innen kennen lernen, die nur für die Dauer der Mahlzeit zu uns stoßen. Die Fusion-Gerichte im hipsterigen „Lolita“ erinnern mich an Dean-&-David-Salate und -Bowls (lecker; doch nicht besonders lokal, authentisch, markant).

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Bei jedem Essen stießen ein, zwei Schriftsteller*innen zu uns. Tollste Begegnung, größtes Privileg: Tamar Tandaschwili zuhören, wie sie hyper-reflektiert über ihre Arbeit als Traumatherapeutin und LGBTQ-Aktivistin spricht… und die Romane und literarischen Arbeiten, die überraschend aus ihren Jobs erwuchsen.

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Matthias Warkus schreibt: „…eilten wir hurtig zu einer Probe des Georgischen Staatsballetts. Das 1945 durch ein Paar von Choreographen gegründete Ballett ist bis heute ein »Familienbetrieb«. Die vorgeführten Tänze sind eine Synthese aus georgischer Folklore und modernen Einflüssen. Wir saßen im Probesaal direkt vor der Spiegelwand und damit teils erschreckend nahe an der Truppe, was hier ein besonders treffender Ausdruck ist, da die Tänze sehr kriegerisch daherkommen. Bei stilisierten Kämpfen knallten Bühnenschwerter tatsächlich funkensprühend aufeinander, Tänzer wirbelten direkt vor uns über den Boden; das alles zu (vermutlich) live gespielter traditioneller georgischer Musik. Ich habe mir sagen lassen, dass dieses Ballett das einzige der Welt ist, bei dem Männer auf Spitzen tanzen, und das tun sie tatsächlich; sie tragen zudem auch Knieschoner, weil viele Sprünge auf den Knien gelandet werden, was schon zu etwas mulmigem Mitgefühl für die eine oder andere arme Patella führen kann.“

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Matthias Warkus schreibt: „Während die Männer also athletisch-aggressive, teils bewaffnete Choreographien aufführen und im Vergleich zu klassischen Corps de ballet recht wenig genormte Körpertypen haben, dürfen die Frauen sich körperlich offensichtlich weniger unterscheiden und haben vor allem »anmutige« und weniger aufregende Parts. Am Abend konnte ich mich noch einmal kurz mit Davit Gabunia über das Ballett unterhalten und er hat mir versichert, dass es inzwischen auch modernere Choreographien gibt, bei denen zum Beispiel die Frauen die traditionellen Männerparts übernehmen und andere Innovationen stattfinden.“

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Was für ein Privileg: Aus oft nur ein, zwei Metern Entfernung zusehen zu dürfen, wie diese Menschen sich verausgaben. Ich bin kein Fan von Choreographien, Paraden usw., bei dem der Einzelne in der Masse verschwindet. Sobald mehrere Menschen die selbe Bewegung machen (müssen), wirkt das auf mich beklemmend, totalitär.

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Beklemmend, für mich: Auf der Straße sah ich kaum gender-nonconforming Menschen. Kein Mann hier wirkte… tuntig, exaltiert, queer, theatral. Und selbst hier, im Ballett, sehen die Männer aus (und halten sich!) wie Dudes oder Clubber: viele Bandanas, Skateboard- und McFit-Kleidung. #heteronormativ

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Ich bin froh, statt einer Aufführung nur eine Probe zu sehen – weil die Tanzenden sonst unter historischen Kostümen / Trachten weitgehend verschwinden. Die beiden Solisten hier im Foto fand ich großartig – ich hoffe, sie auf Instagram o.ä. finden zu können. Edit: Yeah! David Chanishvilii (Instagram). Seine Kollegin suche ich noch.

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Wie funktioniert der georgische Buchmarkt? Welche Bücher werden nachgefragt, welche Themen dominieren? Auf Karlas Engagement und Drängen hin (vielen Dank!) besuchen wir am Freitag – statt einer Weinprobe – die Buchhandlung „Santa Esperanza“.

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Matthias Warkus schreibt: „Aus David Gabunias Langreferat zu georgischer Literatur habe ich vor allem mitgenommen, dass ich bei Gelegenheit einmal Aka Mortschiladses Santa Esperanza lesen möchte, einen nichtlinearen phantastischen Roman über ein fiktives Archipel im Schwarzen Meer.“ Nach diesem 850-Seiten-Roman (Link, Goodreads: 4.1 von 5) ist die Buchhandelskette benannt. Mich schrecken die satirischen Illustrationen eher ab.

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Als Bundle, Angebot im Doppelpack: „Watchmen“ (mochte ich) und „The Killing Joke“ (mochte ich auch, doch geht krass frauenverachtend mit Batgirl Barbara Gordon um).

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Eine Nationallegende? Das Epos vom Recken im Tigerfell. Der einzige georgische Comic bei Santa Esperanza erzählt eine ähnliche Geschichte über einen jungen Mann und einen Tiger, die sich gegenseitig im Kampf töten. Dann erhält die trauernde Mutter Geister-Besuch von der trauernden Tiger-Mutter.

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Marvel-Zeichner David Mack („Jessica Jones“) gibt Kurse für georgische Jugendliche und entwarf mit ihnen zusammen die Graphic Novel „Fatal Error“. Bei Santa Esparanza sah ich die Mainstream-Klassiker „The Dark Knight Returns“, „V for Vendetta“ und „Persepolis“.

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Am 9. Juni 2018 findet das erste „Georgia Comic and Games Festival“ statt – nach dem Vorbild amerikanischer Comic- und Cosplay-Messen. Welche US-Heldencomics von „Big Time“ ins Georgische übersetzt werden, konnte ich online nicht raus finden. Der Buchladen hatte nur ca. 12 Hefte „Spider-Man“. [Das Original erschien 2011: „Amazing Spider-Man 654“]

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Haruki Murakami.

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Alle, älter als ca. 35, lernten in der Schule noch Russisch: Im Buchladen werden fast so viele russische (und: englische) Bücher verkauft wie georgische Titel.

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Erster Gedanke: „Harry Potter“? Waisenkinder, Fantasy, historisch, humorvoll… „A Series of Unfortunate Events“? [Edit: Ja! Die Cover sind international.]

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Die georgische Ausgabe von „Harry Potter“ erscheint bei Bakur Sulakauri Publishing. Wir sprachen überraschend mit dem Sohn des Verleger-Ehepaars. Hintergründe? In Anabelle Stehls Video, ab Minute 10:30.

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Klassiker, bewusst im Retro-Look. Trotzdem wirken die meisten georgischen Bücher in Sachen Buchdesign, Papierqualität, Ausstattung etc. auf mich wie deutsche Bücher bis Mitte der 90er (…oder Selfpublishing-Titel heute). Wichtig für Gegenwartsautor*innen? Jährliche „Book Festivals“, bei denen aktuelle Bücher zum Sonderpreis (auch: in besonderen Ausgaben?) in großer Auflage verkauft werden.

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Minimalistische und sehr zeitgemäße Buchcover im Stil der „Penguin Classics“-Reihe.

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Karla Pauls ausführliche Instagram-Stories, u.a. ihr langes Gespräch mit dem Santa-Esperanza-Buchhändler, kann man hier, bei „Tag 2“, nachschauen (im Browser u.a. mit Firefox):

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