Filmkritik

“Wonder Woman” (2017): tolle Frau, gute Comics, schlechter Film [Deutschlandfunk Kultur]

meine Lieblings-Zeichnung, von Maris Wicks

.

.

heute nochmal, ganz kurz, zum Film:

.

Seit 1941 fasziniert Wonder Woman in Comics. Die Verfilmung ihrer Abenteuer scheitert – doch macht Lust aufs Lesen.

“Du schuldest dieser Welt gar nichts”, warnt eine Mutter ihren Sohn – und hofft, dass er stumm bleibt, sich nicht einmischt, unter die Räder kommt. Sie heißt Martha Kent. Ihren Sohn nannte sie Clark: Er stammt vom Planeten Krypton. Der Film hieß “Man of Steel”, und war 2013 Grundstein für eine zynische, oft deprimierende Helden-Filmreihe, die auch mit “Wonder Woman” (2017) nicht viel besser, schwungvoller, sehenswerter wird.

Am Ende von “Man of Steel” brach Superman, der in den Comics seit Jahrzehnten versucht, niemals zu töten, einem Gegner das Genick. Ich hoffte damals, dass dieser Totschlag in einer Fortsetzung besprochen, durchdacht, in Frage gestellt wird. Stattdessen war “Batman v. Superman” (2016) noch missmutiger, solipsistischer: Männer, die es hassen, Held zu sein und ihren Job nur machen, um Schlimmeres zu verhindern, schlagen voller Paranoia aufeinander ein. Wer will ich sein? Was habe ich der Welt zu geben? Wie kann ich helfen, sie zu gestalten?

“Wonder Woman”-Comics stellen diese Fragen seit 1941. Autoren und Autorinnen wie George Perez (ab 1987), Greg Rucka (ab 2002), Brian Azzarello (ab 2011) und Jill Thompson (2016) finden immer wieder große, politische, wunderbare Antworten. Ich habe zehn Comic-Empfehlungen hier im Link gesammelt: https://stefanmesch.wordpress.com/2017/06/15/wonder-woman-die-10-besten-comics-buchtipps-lesereihenfolge-empfehlungen/

Vom Kinobesuch rate ich ab. Denn “Wonder Woman” ist ein besserer Film als alle DC-Comic-Verfilmungen seit “The Dark Knight” (2008). Doch damit immer noch leider: kein guter. Prinzessin Diana lebt als einziges Kind auf der geheimen Amazonen-Insel Themyscira. Als der Spion und Pilot Steve Trevor auf der Insel notlandet und vom großen Krieg erzählt, der die Welt seit 1914 heimsucht, sind sich die Frauen einig: Kriegsgott Ares steckt dahinter. Diana, die nie zuvor einen Mann sah, zieht mit Steve in die Schützengräben Belgiens.

“Falls du einen Asteroiden stoppen willst, ruf Superman. Wenn du ein Verbrechen aufklären musst, Batman. Und um einen Krieg zu beenden, Wonder Woman”, erklärt Comicautorin Gail Simone die oft verwirrenden Mehrfachrollen der Figur: eine Prinzessin, die keine Hierarchien mag. Eine Vordenkerin aus einer vormodernen Zivilisation. Eine Diplomatin, die mit dem Schwert kämpft.

“Wonder Woman” scheitert erst in den letzten zehn Minuten: Als die Heldin von Liebe spricht, nachdem sie Gegner zerhackte. Als sich der Weltkrieg tatsächlich beenden lässt, indem ein Kriegsgott verdroschen wird. Und als klar wird: Diese Frau ist nicht (nur) körperlich oder moralisch stark, weil sie in einer utopischen Gender-Blase aufwuchs, die Frauen stärkte und ernst nahm. Sondern (mindestens: auch), weil sie eine heimliche Tochter von Zeus ist.

Nach “Man of Steel” war unklar, welche Lehren Superman ziehen würde. Kaum welche, zeigte erst die Fortsetzung “Batman v. Superman”. Nach “Wonder Woman” stehen ähnliche Fragen im Raum: Was tut diese enttäuschend martialische Kriegsprinzessin in den Jahren 1918 bis 2016? Wie handelt sie im zweiten Weltkrieg? Bleibt sie unentdeckt – statt Menschen auf der ganzen Welt zu inspirieren, das 20. Jahrhundert zu prägen? Ist die Moral erneut nur ein myopisches “Du schuldest dieser Welt gar nichts”?

Wenn ein einzelner Heldenfilm wie “Ant-Man” (2015) nur mäßig erfolgreich ist, fragt sich Hollywood nur: Investieren wir in eine Fortsetzung? Oder lieber nicht? Als der Heldinnenfilm “Supergirl” (1984) floppte, entschied Hollywood dagegen pauschal: Superheldinnen funktionieren nicht im Kino. Lieber keinen großen Versuch mehr wagen, die nächsten 30 Jahre.

Deshalb: Wunderbar, dass “Wonder Woman” fast nur gute Kritiken erhielt, international erfolgreich ist. Der Film macht Lust auf die Figur und ihre vielen Comics, Geschichten und Widersprüche. Er macht Lust auf weitere Filme von Regisseurin Patty Jenkins und Hauptdarstellerin Gail Gadot. Und er macht Lust auf viel mehr Blockbuster, in denen Frauen Männer retten, nicht umgekehrt. Über Krieg und Verantwortung, Unterdrückung, Moderne und Matriarchat, fremde Kulturen und das 20. Jahrhundert aber hat “Wonder Woman” erschreckend wenig zu sagen.

.

wonder woman league of one moeller

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind: Kritik, Probleme, Fragen, Fehler

tierwesen

.

Ich bin Literatur- und Comickritiker (Texte hier), doch schreibe gerne auch über TV-Serien, große Franchises, Kino; und war heute Nachmittag für Deutschlandradio Kultur in der Pressevorstellung / Vorpremiere zu “Fantastic Beasts and where to find them”.

Morgen früh spreche ich im Magazin “Lesart” über den (gelungenen!) Film, JK Rowlings (enttäuschendes) Theaterstück “Harry Potter and the Cursed Child” und die vielen Hintergrund-Texte auf u.a. Pottermore – zwischen 10 und 11, Link hier.

Schon heute: lose Gedanken zum Film.

Spoilerfrei.

.

Die Handlung: “Harry Potter” spielt in den 90er Jahren, in Großbritannien. Zauberschüler lernen dort aus dem Sachbuch “Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind”, erschienen 1927, verfasst vom magischen Zoologen Newt Scamander. Im Kinofilm (dem ersten einer fünfteiligen Reihe; Drehbuch: JK Rowling) reist Scamander 1926 nach New York und verliert einen Koffer voller Tierwesen. Viele brechen aus und stiften Unordnung in der Stadt – so groß, dass auch Nichtmagier bald begreifen könnten: Es gibt Hexen und Zauberer, mitten unter ihnen. 

.

01_Sehen oder nicht? Sehen!

02_In einem Satz: Schwungvoll, herzlich, selbstbewusst – und überraschend zugänglich: sorgfältige, detailverliebte Mainstream-Unterhaltung, in der fast alles (Plot, Darsteller, Ausstattung, Emotionen/Figurendynamik) etwas besser ist als nötig/erwartet.

03_Das größte Problem: “Harry Potter” konnte sieben Bände lang eine überraschende Welt und ihre Spielregeln enthüllen. “Fantastic Beasts” spielt 1926 – und bleibt für “Potter”-Fans recht geheimnislos und oberflächlich: Wir wissen, wen die Hauptfigur heiratet. Wir wissen (grob), welche Konflikte die Welt der Zauberer bis 1945 bestimmen. Anders als bei Prequels wie z.B. Episode I bis III von “Star Wars” fehlt “Beasts” eine “Hier entrollt sich eine Tragödie”- oder “Wie konnte es so weit kommen?”-Stimmung.

04_Vorher “Potter” lesen, oder alle 8 “Potter”-Filme sehen? Ich glaube, wer “Harry Potter” gar nicht kennt, hätte den größten Spaß – weil er die geheime Welt der Magier hier im Film durch die Augen von Muggel / No-Maj / Nichtmagier Jacob Kowalski kennen lernt. “Beasts” ist überraschend zugänglich, verständlich, einsteigerfreundlich.

05_Ein Film für Kinder? Ab ca. 10, ja. Eine Grundstimmung wie im (viel schlechteren) Fantasy-Abenteuerfilm “Jumanji” (1995: Tiere, Monster, Sense of Wonder), Verfolgungsjagden, Stadtpolitik, Milieus wie in der Trickserie “Avatar: Legend of Korra” (2012: magische Kämpfe im Großstadt-Dekor der 20er Jahre); viel Urban Fantasy: “Dr. Who”/”Torchwood” trifft “Dresden Files” trifft “Men in Black” trifft Pixar-Fantasy wie “The Incredibles”. Insgesamt etwa so düster/”erwachsen” wie “Harry Potter und der Feuerkelch”.

06_Die Altersfreigabe ab sechs Jahren… überrascht mich: Der Film gibt sich keine Mühe, kindgerecht oder kinderfreundlich zu wirken, alle Hauptfiguren sind erwachsen, es gibt Todesfälle, Horror-Elemente, viel weniger Lieblichkeit als z.B. in den ersten “Potter”-Büchern und Filmen. Nichts wirkt kindlich. Nichts wirkt kindisch. Aber deshalb wirkt auch nichts besonders einladend, auf Grundschulkinder.

07_Keine Recherche nötig: Etwa fünf Tierwesen spielen größere Rollen im Film, insgesamt kommen ca. 15 Spezies vor – doch alles, was ich wissen muss, erfahre ich bequem im Verlauf des Films. Deshalb: nicht nötig, das “Tierwesen”-(Schul-)Buch von 2001 zu lesen. Auch Rowlings neue Bonustexte auf “Pottermore” haben meine Erwartungen v.a. sinnlos überhöht. Und: Zu “Harry Potter and the Cursed Child” (und z.B. dem Tierwesen, das dort eine wichtige Rolle spielt) hat der Film *gar keine* expliziten Bezüge.

08_Ich selbst genoss die Potter-Romane, besonders Band 3 und 4 – und mag besonders, wie politisch, düster und komplex die Reihe wird (langer Text von mir zu Band 7: Link). Außerdem liebe ich die schlagfertigen Hauptfiguren, ihre Freundschaften und Streits. Von den Verfilmungen sah ich nur Teil 1 und 2: zu kindisch, zu drollig – doch ich weiß, dass die späteren Filme reifer werden. 2016 las ich “Harry Potter and the Cursed Child” (und fand es holprig, lieblos, müde), 2012 war ich genervt und enttäuscht von Rowlings “Ein plötzlicher Todesfall” (Kritik von mir bei ZEIT Online). Ich stehe der “Potter”-Welt wohlwollend gegenüber.

09_4 von 5 Sternen. Empfehlung. Aber, wie bei “Star Wars: Das Erwachen der Macht”: Die Erzählwelt und ihre Abgründe bleiben harmloser, unpolitischer, seichter, als sie sein müssten. Ein Film, der allen gefallen wird – weil er kaum Risiken eingeht.

10_Warum keine 5 Sterne? Zwei der vier Held*innen und alle Antagonisten und Nebenrollen bleiben mir zu flach, im Finale wird ein großes Problem viel zu vorschnell und bequem gelöst, und während Harry, Ron, Hermine uns an Traumata, Konflikte unserer Schulzeit erinnern, bleiben mir die Erwachsenen hier im Film recht fremd. Wundervoll stimmige, einladende, sympathische Unterhaltung – doch weder besondere Film- noch Erzählkunst.

.

.

Gedanken, Probleme, Fragen.

Ab hier: Spoiler / Details aus der Handlung!

.

11_Hauptdarsteller Eddie Redmayne (“The Danish Girl”; Stephen Hawking in “Die Entdeckung der Unendlichkeit”) erinnert mich (im Guten wie im Schlechten) an Hugh Grant: ein überforderter, stotternder, charmant-naiver Brite, idealistisch – doch oft zögerlicher, tölpelhafter, als mir lieb war. Keine besonders originelle Figur; auch deutlich flacher/harmloser als Harry.

12_Katherine Waterston (“Steve Jobs”; Nebenrolle in “Boardwalk Empire”) als in Ungnade gefallene magische New Yorker Beamtin/Ermittlerin wirkte auf mich an vielen Stellen zu passiv, arglos, schwer von Begriff, vertrauensselig. Alle vier Held*innen waren ein Tick dümmlicher als nötig. Gute Schauspieler in sympathischen Rollen… doch ich wünschte, sie wären smarter, zupackender.

13_Einige Fans sind enttäuscht, dass Johnny Depp mitspielt – nach den Ausfällen gegen seine Exfrau Amber Hearst.

14_Depp spielt den Zauber-Nazi, Populisten, Hitler-als-Magier-Bösewicht Gellert Grindelwald – der Jugendfreund und -schwarm von Albus Dumbledore. Er ist im Film nur für Sekunden zu sehen: ein feister, bleicher, germanischer Mann mit weißblondem Scheitel. Dumbledore wird erwähnt. Er war schon in den 10er-Jahren Lehrer in Hogwarts und bemühte sich vergeblich, zu verhindern, dass Newt Scamander wegen seiner gefährlichen Tiere der Schule verwiesen wird, kurz vor dem Abschluss.

15_Alle (sechs? acht?) Bösewichte, Antagonisten im Film werden viel zu schnell verbraucht, besiegt oder töten sich gegenseitig. Und alle bleiben mir zu oberflächlich: Mary Lou Barebone als Hexenjägerin/Waisenhausleiterin wirkt wie das (lieblose) Klischee einer völlig freudlosen fundamentalistischen Christin. Kein Charisma, keine guten Argumente, eine flache, trostlose Figur. Ihre Adoptivtochter – weißblondes Haar, Zöpfe, creepy Blick – wirkt auf mich wie aus einer Horrofilm-Parodie, bei allen Szenen im Waisenhaus dachte ich an (bessere!) Momente aus z.B. “Bates Motel”. [Aber: Mir waren auch schon die Dursleys, Harrys Muggel-Verwandte, viel zu eindimensional-monströs-engstirnig gezeichnet.]

16_Seraphina Picquery, die schwarze Präsidentin der MACUSA-Behörde, ist die einzige wichtige Figur of Color – und erinnert mich in ihrer Haltung und Kälte/Besonnenheit an Realpolitikerinnen wie Angela Merkel, Hillary Clinton. Ich mag, wenn wichtige Behörden, Staaten nicht von besonders gütigen, harmlosen, väterlichen Figuren kontrolliert werden… sondern eine Erzählwelt auch mitdenkt/zeigt, wie schnell man sich die Finger schmutzig macht, welche grausamen Entscheidungen man treffen muss. Bei Seraphina glückt das nicht: Sie wirkt überfordert und gibt alle Befehle – selbst Todesurteile – aus einer wenig informierten “Uff. Na: Wenn das so ist…? Tja. Ich befehle jetzt. Muss ja”-Haltung heraus.

17_Wurde der Subplot um Zeitungsmagnat Henry Shaw und seine beiden Söhne gekürzt? Alle drei Männer sind wenig originell und erinnern mich an Polit-Bedrohungen wie Senator Kelly aus den “X-Men” (…aber: ich mochte sehr, wie aggressiv und bedrohlich Langdon Shaw plötzlich die Baseballkeule schwang, im Büro). Richtig genutzt wurden diese Leute nicht: Ich muss auch an die vielen flachen konservativen Nebenfiguten in Rowlings “Ein plötzlicher Todesfall” denken. Mehr Tiefgang für Reaktionäre und das Establishment, bitte!

18_Colin Farrell als Auror Percival Graves machte mir Spaß (und ich ärgere mich, dass die Figur sich am Ende… entlarvt/verwandelt und Farrell in Fortsetzungen wohl nicht mehr auftauchen kann); doch Ezra Miller als Credence Barebone ging mir auf die Nerven – auf eine ähnliche Art wie Kylo Ren in “Star Wars 7”: gemeingefährliche Emo-Jungs, weiße, schlacksige, enttäuschte Jammerlappen, das unerschöpfliche Wut- und Selbsthass-Potenzial von blassen Bubis, die dem Millennial- und Generation-Y-Klischee entsprechen. Ich mag Miller. Doch fand diese Rolle und ihre Entwicklung… schockierend flach. Und ich frage mich, ob sich Farrell und Miller wirklich so oft hätten anfassen müssen, in dunklen Gassen, vor Erregung zitternd. #schwulersubtext #schwulerselbsthass

19_Ich weiß nicht, was “Fantastic Beasts” über (Anti-)Rassismus, fragile Männlichkeit, Gefolgschaften, Autorität, Populismus, Selbsthass und Angst vor dem anderen erzählen will: die Botschaft wirkt zugleich holzhammrig und neblig/unsortiert. Doch das dachte ich schon bei den Todessern in “Harry Potter” und, schlimmer, bei der Psychologie der neuen bösen Figur in “Harry Potter and the Cursed Child”: Man merkt jedes Mal, dass sich Rowling gegen Faschismus und Ungerechtigkeit positionieren will. Doch ich finde nicht, dass ihr dabei besonders originelle, intelligente, erschütternde Analogien gelingen. Gut gemeint. Aber: Was will sie sagen?

20_Ich liebe Jacob Kowalski. Ein gutmütiger Sidekick bleibt in vielen Filmen nur Nervensäge, Klischee. Auch Ron Weasley hat mich nie begeistert oder gerührt. Doch Jacob-Darsteller Dan Fogler ist witzig, ohne, lächerlich zu wirken. Tolpatschig, ohne, mich mit Slapstick zu nerven (…die Graphorn-Verfolgungsjagd durch den Central Park dauerte mir zu lange). Tatsächlich ist die Figur das Herz des Films, und ich freute mich über jeden Blick, jeden Satz, jede Reaktion. [Es hilft, dass ich nach wenigen Szenen an meinen Partner denken musste, Freund M.]

.

.

21_Vor “Mad Men” hätte ich Queenie Goldstein, die zweitwichtigste Frau im Film, gemocht: eine Assistentin, die im Patriarchat voran kommt, indem sie sich in allen entscheidenden Momenten dumm stellt oder Vorurteile über Frauen demonstrativ erfüllt. Tatsächlich aber war Sekretärin Joan aus “Mad Men” so viel klüger, raffinierter – und traf auf intelligentere Widerstände: mir blieb Queenie, die blonde Gedankenleserin mit der Quiekstimme, zu harmlos und nah am Klischee.

22_Tolles Set-Design, grandiose Ausstattung! Im August sah ich den Kinofilm “Genius”: Schriftsteller Thomas Wolfe und sein Lektor in New York, Ende der 20er bis 1938. Drei Wohnzimmer, ein Büro, zwei Straßenzüge. Für mehr New York reichte das Budget nicht. “Beasts” dagegen macht die Ära tatsächlich lebendig. Ich mag, wie viele ärmliche und einfache Apartments und Straßen gezeigt werden, und, dass der Film keine kitschig-disneyhaft sauber-golden-überstilisierte Art-Deco-Welt behauptet. Und ich mag, dass er im November spielt: ein Film-New-York, das mir plausibel und attraktiv scheint, doch das ich – in diesem Licht, in dieser Stimmung – noch kaum sah, im Kino. [Man merkt/denkt an keiner Stelle: Das wurde in Liverpool gedreht.]

23_Aber: Obwohl Lokal- und Zeitkolorit stimmen und das Setting, 1926, dem Film fast allen Charakter verleiht, erfahre ich hier nichts Tieferes über die Epoche, den Zeitgeist, Konflikte und das Menschenbild. 1926 heißt im Film nur: Es gibt (zum Glück) keine Handys, es gibt (zum Glück) keine Kameras, und Muggel-Polizisten und -Reporter tauchen bequem spät auf. Das reicht nicht: Die britischen Zauberer/Hexen bei “Potter” wirkten oft vorgestrig, verbohrt, aus der Zeit gefallen… “Beasts” dagegen zeigt mir zu viele Zaubernde, die auch im Jahr 2016 genau so leben, arbeiten und entscheiden könnten. Wo sind die Vorurteile, die Beschränkungen, die Werte der 20er Jahre?

24_Newt Scamander ist ein Huffelpuff und trägt einen Schal in Huffelpuff-Farben – doch das wird nie tiefer beleuchtet. Ich hätte gern mehr darüber erfahren, wie das Hogwarts-Haus und die Figur zusammenpassen. (Nur die Tierliebe / Empathie und eine gewisse… Aufgeschlossenheit, Gutmütigkeit?)

25_Auch die Tierwesen bleiben flach, uninteressant. Ein paar Kritiken machen Pokémon-Vergleiche oder Pokémon-Go-Witze (“Wo sind solche Wesen zu finden? Überall, seit der App!”), und natürlich gibt (Link) es oberflächliche Parallelen (Link). Insgesamt geht es leider kaum um Zoologie, das Nebeneinander von Mensch und Tier usw., Scamander steht zwar auf Seiten der Wesen und des Artenschutzes, doch ich erhoffte mir viel mehr. [Das Bowtruckle erinnerte mich an Baby Groot aus “Guardians of the Galaxy 2”; und der recht amerikanische Donnervogel Frank an den sehr amerikanischen Weißkopf-Seeadler.]

26_Ich hasste den Deus ex Machina im Finale: Die Zaubernden werden nicht enttarnt, der Donnervogel hilft mit magischem Regen, das Gedächtnis aller (!) Bewohner*innen Manhattans zu löschen. Von aktuellen TV-Serien bin ich gewohnt, dass ständig das Undenkbare geschieht – und nie mehr rückgängig zu machen ist. Deshalb enttäuscht mich, wie bequem und spannungslos alle Ordnung wiederhergestellt wird. Und: Alle sieben “Potter”-Romane hatten eine Krimi-Struktur und erinnerten an Plots von z.B. Agatha Christie. “Beasts” habe ich nicht als Krimi gesehen/verstanden. Deshalb: ein gemütlicher, launiger Film. Doch kein sehr spannender – und wenig Dringlichkeit für Teil 2.

27_Insgesamt aber: gutes Timing; kurzweilige, gut balancierte Szenen. Der Kakerlaken-Teekannen-Wurf wirkte zu künstlich/videospielhaft, der Ausbruch aus dem Ministerium mit Queenies Hilfe schien mir zu leicht, und die Sätze, die Percival, Newt, Portentina im Finale an Credence richten, um ihn zu beruhigen, wirkten auf mich schwach und billig. Beide Szenen in Newts TARDIS-artigem Koffer-Biotop schienen mir sehr lang – doch wunderbar geglückt: idyllische Sets, kluge Gespräche. Schön für mich als “Batman”-Fan: der viele weiße Marmor in der Exekutions-Szene (auch, wenn Profi Tina viel zu lange brauchte, um vom Stuhl in Sicherheit zu springen.)

28_Ich las “Harry Potter and the Cursed Child” (Theaterstück in zwei Teilen, erschienen 2016) am Wochenende. Keine Katastrophe – doch ich musste mich durch Teil 2 quälen, habe tausend Einwände, was die Zeitreise-Logik betrifft, und bin von allen Familiendynamiken unterwältigt: 2 Sterne. Rowlings Stück fühlte sich an wie eine lästige Hausaufgabe. Trotzdem sind für mich “Child” und “Beasts” zwei Seiten der selben Medaille: “Child” ist eine Fortsetzung (spielt ca. 2018), “Beasts” ein Prequel (1926). “Child” ist nur für super-bewanderte Potter-Fans komplett verständlich, bei “Beasts” muss man gar nichts wissen. “Child” weckt die Befürchtung: “Ist Rowling auf dem absteigenden Ast?”, “Beasts” zeigt: “Wow. Nein: Sie kann es (doch) noch!”. “Child” ist ein komplexer, aber verwirrender und müder Ausläufer, “Beasts” Frischzellenkur, Neustart, einladender, einsteigerfreundlicher, fast perfekter Mainstream: etwas seicht, aber eine stimmige Erweiterung der “Potter”-Welt.

29_Meine Hoffnungen für Filme 2, 3, 4 und 5: mehr andere Handlungsorte / nicht länger (nur) New York. (Die nordamerikanische Zauberschule Ilvermorny zu sehen, ist mir dabei nicht besonders wichtig: schöner Artikel dazu, auf Weltenbau-Wissen.de). Komplexere, weniger leicht zu besiegende Faschisten und Populisten (Ich hoffe, die Filmreihe zeigt den zweiten Weltkrieg bis einschließlich 1945, und die Lestrange-Familie wird/bleibt wichtig: mehr über Leta Lestrange u.a. hier). Statt bloßen “tierischen” Wesen wünsche ich mir mehr über das Mit- und Gegeneinander zu Kulturen wie den Zentauren, Trollen, Merpeople. Ich hoffe, Queenie hat in den Fortsetzungen eine Funktion/Existenzberechtigung. Als Deutscher bin ich gespannt, wie viel wir von (Nazi-)Deutschland sehen und, ob der Magier-Diplomat mit dem deutschen Akzent noch einmal auftaucht. Und – das war bei schon bei Harry so: Noch bin ich nicht sicher, ob wir Newt als Person reizend, bezaubernd, wunderbar finden sollen… oder ganz schön schwierig. Ich selbst wäre nicht gern von den Entscheidungen eines Menschen wie Newt abhängig – und bin gespannt, ob diese Kantigkeit und seine Brüche noch ausgebaut und betont werden. (Bei Harry gelang das wunderbar.)
.
.
.
zuletzt:
.
2014, zur Fußball-WM, erschien ein neuer “Pottermore”-Text Rowlings zur Quidditch-WM 2014 (Link: Text von mir, ZEIT Online). Dort wird erwähnt, dass Luna Lovegood, eine Klassenkameradin Harrys, mittlerweile mit dem Enkel von Newt verheiratet ist, Rolf Scamander. Wir wissen, dass Rolf dunkelhäutig ist (“swarthy”), und wir wissen durch das “Phantastische Wesen”-Schulbuch, dass Newt Porpentina heiratete. Im Film sind Newt und Porpentina weiß – das heißt, vermutlich wird ihr Sohn oder ihre Tochter eine große Liebe mit einer Person of Color erleben. Schade, dass nicht Newt selbst oder Tina nicht-weiß sind: Eine Filmreihe, die auf Hitler, Grindelwald, den zweiten Weltkrieg zusteuert, wäre mit Hauptfiguren of Color sicher interessanter. (That being said: Ich denke, Porpentina und Queenie sind Jüdinnen.)
und, Nachtrag: Ich merke erst jetzt, dass Newt Scamanders Londoner Verlag “Obscurus Books” heißt. Im ersten Jahr, nachdem es Newt nicht gelang, einen Obscurus und seinen Obscurial zu retten, erscheint sein Hauptwerk in diesem Verlag. #schuldgefühle? #tribut?
.

Batman v. Superman: Dawn of Justice – 100 Probleme, Fragen, Theorien

batman v Superman wordpress

.

Im Dezember sah ich „Star Wars: Das Erwachen der Macht“. Notierte mir im Lauf des Films Ideen, Theorien, Probleme – und stellte die Liste ins Netz. Ich bin Kritiker… und schreibe meist kurze, sorgfältige Texte. Bei Blockbustern aber macht mir Spaß, schnell über alle Details und Kleinigkeiten zu bloggen:

Ich liebe Superman (und Lois Lane). Ich mag Batman. Seit 2008 lese und rezensiere ich Heldencomics. Mein Bauch, mein Herz hatten im Kino heute nicht viel zu tun. Mein Kopf aber? Sehr viel!

Kein guter Film.

Aber interessante Fragen:

.

01_Sehen oder nicht? Nicht sehen.

02_In einem Satz: Freudlose, schleppende, an vielen Stellen unnötig garstige Standard-Episode über misstrauische, gewaltverliebte, oft überraschend inkompetente Grummel- und Prügel-Boys.

03_Das größte Problem: Ein Plot, der nur funktioniert, weil Figuren zu wenig miteinander sprechen, sich unnötig streiten, Probleme dem Zufall überlassen…

04_Niemand gewinnt. Keiner der beiden Helden wird als klarer Favorit inszeniert.

05_Das freut mich; weil in den Comics Batman fast immer über alles triumphiert: Ich fürchtete, dass „Batman v. Superman“ einen sehr fähigen Batman zeigt – gegen einen enttäuschend naiven, dummen oder weinerlichen Superman, den wir auslachen oder verachten sollen.

06_Beide Helden haben ausreichend Szenen, Fokus. Batman ist öfter Perspektivträger. Doch für mich stimmt die Balance.

07_Niemand muss die Figuren vorher kennen. Auch „Man of Steel“, den Superman-Film von 2013, muss man nicht vorbereitend sehen. Es gibt eine Handvoll Anspielungen für Comic-Fans. Doch keine wichtigen Easter Eggs, kaum Fanservice, nichts Komplexes oder Raffiniertes. Alles bleibt einfach, zugänglich, selbsterklärend

08_ …doch dafür auch recht seicht: Wer Christopher Nolans Batman-Trilogie mochte, darf keine Fortsetzung erwarten. Der Film ist etwa so klug, erwachsen, kunstvoll, doppelbödig wie „Independence Day“, „Iron Man 2“, „Spider-Man 3“. Nicht völlig blöd. Doch auf eine altmodische Art und Weise unterkomplex, oberflächlich, ohne tieferes Thema. Ein Blockbuster, den jeder 13jährige versteht. Doch der jeden über 13 auf allen Levels – Figuren, Plot, Thema – oft langweilt.

09_Es gibt keine Szene, von der ich denke: Noch in zehn, zwanzig Jahren wird dieser Moment parodiert, zitiert, erinnert werden. Keine Highlights. Doch auch keine Tiefpunkte, Ausreißer.

10_Es gibt keinen Grund, den Film einem breitem Publikum zu empfehlen: „The Dark Knight“ war tiefsinnig, atmosphärisch – egal, was man von Batman hält. „Iron Man 3“ hatte überraschend viel Witz, Herz, Tempo – süffiger Spaß. Doch wer Batman oder Superman nicht mag, kann sich das Geld sparen: Er verpasst nichts. 3 von 5 Sternen.

.

.

ab hier: Spoiler. Details aus der Handlung.

.

11_Der Film spielt im November, rund um den mexikanischen Dios de Muertos, 18 Monate nach „Man of Steel“ (2013). Er sollte ca. zwei Jahre nach „Man of Steel“ Premiere feiern – wurde aber auf 2016 verschoben.

12_Ich mag, dass 18 Monate nicht reichten, damit “die Menschheit” entscheidet, wie sie zu Superman steht: Es gibt eine Statue in Metropolis (die mir besser gefällt als die Adler-Statue in den Comics). Es gibt Anhörungen, PEGIDA-artige Proteste, Experten im TV (und den erfundenen Hashtag #alienamongus): Superman wird als Paradigmenwechsel verstanden, so wichtig wie die kopernikanische Wende. (Gut!)

13_Dabei wirken Bürger und Politiker zwar überfordert, aber nicht – wie in vielen Marvel-Filmen – dümmlich, hasserfüllt, leicht zu verblenden. Auch freut mich, dass das Militär keine große Rolle spielt: endlich mal keine bösen Generäle – oder Regierungsprojekte, die außer Kontrolle geraten.

14_Trotzdem hätte ich gern kompetente staatliche Anti-Superhelden-Experten wie Amanda Waller gehört… und war überrascht, dass weder Lex noch Batman, sobald sie Superman via Kryptonit aufhalten wollen, (geheime) staatliche Unterstützung angeboten wird.

15_Der Film beginnt mit Herbstlaub… das aber motivisch keine große Rolle spielt. In einer (recht albernen, sinnlosen) Traumsequenz schwebt der junge Bruce Wayne zwischen Fledermäusen hoch ans Licht. Am Ende des Films schweben ein paar Brocken Erde. Lois Lane hat eine frühe Szene in der Badewanne – und ertrinkt im Finale fast in einer gefluteten Grube. Es gibt ein halbes Dutzend solcher oberflächlicher Bookends, Motivketten, Foreshadowings – die aber für nichts Größeres stehen. Warum Laub? Warum Wasser? Warum Schweben?

16_Solides 3D. Solide deutsche Übersetzung.

17_Aus zwei Gründen hätte ich gern trotzdem die US-Version gesehen: Wie klingt Wonder Womans (‘südeuropäischer’, ‘Mittelmeer-‘) Akzent – griechisch, türkisch, spanisch? Und: Wenn sich die Helden als ‘kriminell’ beschimpfen – meinen sie ‘Criminal’, oder (sinnvoller) ‘Vigilante’?

18_Bruce benutzt ein Mikro, um als Batman seine Stimme zu verzerren. Freunde sagen, auch Oliver Queen in “Arrow” macht das so. Gefällt mir besser als das alberne Stimmen-Verstellen in Christopher Nolans Filmen.

19_In vielen Batman-Comics sah Bruce mit seinen Eltern “Zorro”, bevor sie vor dem Kino von einem Kleingangster erschossen wurden. Hier schauen die Waynes “Excalibur” (1981) – einen Film über Helden, die an König Arthurs Tafelrunde zusammenkommen. Ben Affleck war 1981 neun Jahre alt. [Edit: “Excalibur” wird an der Kino-Fassade mit “Coming Soon” angekündigt. Dann doch “Zorro”?]

20_Ich mag, wie ungepflegt Friedhof und Familiengruft der Waynes sind – sicher auch, weil Alfred Besseres zu tun hat, als zu gärtnern und zu putzen. Und mir gefällt, dass Wayne Manor ausbrannte: Im Film ist Batman seit 20 Jahren aktiv. Offenbar ist viel passiert.

.

.

21_Alexander „Lex“ Luthors Vater stammt aus der DDR? Mich überrascht, wie schnell es die Familie in den USA zu Geld brachte. Und ich kenne keinen Ostdeutschen, der SED-Politiker „Tyrannen“ nennen würde: „Tyrann“ wirkt auf mich drei Nummern zu groß.

22_Dass der Kampf zwischen Superman und Zod das Zentrum von Metropolis zerstörte, ist Thema. Doch dass Superman Zod 2013 das Genick brach, stört niemanden – auch nicht Clark, Lois, Martha Kent: Als Superman-Fan enttäuschte mich, dass Clark 2013 tötete. Ich hoffte, dass „Batman v. Superman“ das zur wichtigen Frage macht: Was wird aus Helden, die töten?

23_Nach 9/11 war die Südspitze Manhattans ein Trümmerfeld – jahrelang. Ich weiß nicht, warum “Batman v. Superman” keine Trümmer, Baukräne, Brachflächen im Stadtbild Metropolis’ zeigt. Die Gedenkstätte gefällt mir [und ich frage mich, ob viele Namen der Opfer Anspielungen, Zitate sind]. Auch die zweite Gedenkstätte, am Ende des Films, passt [“If you seek his memorial, look around you.”]…

24_…trotzdem bleiben Gotham und Metropolis ohne Charakter: In den Comics ist Metropolis oft eine helle, leicht futuristische Ideal-Version von New York (am Tag), Gotham City eine düstere, verdreckte, aber mit Art-Deco-Architektur und Luftschiffen dekorierte Alptraum-Version von New York (in der Nacht). Die Städte liegen eine Zug- oder Autofahrt auseinander – und recht nah an New York: Manchmal wird NYC in den Comics “Cinderella City” genannt, Metropolis und Gotham die “Stepsisters”.

25_Nie aber sah ich im Kino ein lieb- und charakterloseres Gotham City. “Seit wann ist Gotham das New Jersey von Metropolis?”, fragt ein Facebook-Freund. Und: Obwohl man Gotham von Metropolis aus sieht, hat Superman dort nie geholfen? Warum weiß er so wenig über Bruce – und Batman? Die beiden sahen bisher sich nie? Absurd.

26_Alfred (Jeremy Irons) kommt bei Kritikern irritierend gut an: Ich mag Irons, doch die Rolle bleibt so klein und undankbar – ich sehe keinen besonderen Reiz. Ich mag, dass sich Bruce und Alfred ähnlich kleiden und frisieren – sie sehen aus wie Vater und Sohn. Mich stört, dass Alfred zweimal sagt, er wünsche sich einen Wayne-Erben/Nachwuchs: Batman hat so viele Helfer, Robins, Verbündete etc., mit denen er nicht biologisch verwandt ist und die er als “Batfamily” liebt… ich glaube nicht, dass Alfred leibliche Kinder vermissen würde, so lange es andere Kinder/Helfer gibt.

27_Perry White hat weniger Format, Tiefgang als in “Man of Steel”. Andererseits verhält sich Clark als Redakteur unmöglich. In den Comics gewannen Lois und Clark Pulitzerpreise. Hier im Film hat Lois mehr Glück als Verstand, und Clark scheint überhaupt keine Lust auf journalistische Arbeit zu haben.

28_Ein sehr beliebter Comic von 2004 zeigt Lois Lane als Embedded Reporter im Nahen Osten. Autor Greg Rucka ist mein Lieblings-Comicautor – doch die Geschichte war mir zu simpel. Ich bin froh, Lois in ihrer ersten “Batman v. Superman”-Szene bei einem ähnlich gefährlichen Job zu sehen. Doch Nairomi, das erfundene afrikanische Land, wirkt lieblos bis rassistisch, Lois unvorbereitet, inkompetent… und laut Besetzungsliste ist der tote Fotograf/CIA-Agent Jimmy Olsen. Eine Verschwendung der Figur.

29_Helden-Serien und Adaptionen machen das oft: Eine Nebenrolle erhält den Namen einer (in den Comics) wichtigen Figur – und stirbt überraschend. Stattdessen übernehmen dann scheinbar bedeutungslose, neue Randfiguren mit Allerweltsnamen die Rollen/Funktionen des Comic-Vorbilds. In “Smallville” starb Jimmy Olsen recht früh. Später wurde sein Bruder Jimmy (!) Fotograf beim Daily Planet.

30_Lex Luthors Assistentin, Mercy Graves, ist in den Comics eine Amazone. Entsprechend hoffen Fans, dass sie die Explosion im Film überlebte und in den Fortsetzungen auftaucht. Der Gangster, Waffenhändler Anatoli Knyazew war in den Comics ein Sowjet-Bösewicht namens KGBeast. In “Batman v. Superman” sind mir diese Namensgleichheiten zu oberflächlich, nichtssagend. Ein Zitat, das nichts bedeutet: Muss jeder böse Russe in den Filmen den Namen eines bösen Comic-Russen tragen?

.

.

31_Wer hat die aufwändige Bat-Höhle gebaut, im Geheimen: Alfred und Bruce, allein? [In den Comics ist das kein Problem, weil Batman viele Freunde mit Superkräften hat.]

32_Ich glaube, ich sah ein Bacardi-Logo und, später, eine Bacardi-Flasche [mit Fledermaus-Wappen!]: Trank der Russe Bacardi? Alle Autos sind von Jeep/Chrysler. CNN wird erwähnt. Lex Luthor isst Fruchtbonbons. Doch insgesamt sah ich deutlich weniger Product Placement als in Marvel-Filmen. Hier eine Liste. Super: Lex’ Bonbons heißen Jolly Ranchers.

33_Bekannte TV-Gesichter? Ich erkannte Anderson Cooper und Neil Degrasse Tyson, las im Nachspann auch von Nancy Grace und Charlie Rose. Mir geben solche Cameos nichts – und ich ärgere mich, dass Helden auch 2016 noch durch Nachrichtensendungen und TV-Bildschirme von Katastrophen erfahren, nicht via Twitter und Google. Immerhin: einer der TV-Experten wird als Blogger vorgestellt.

34_Lex Luthors Gefangenennummer ist 16-TK-421. In “Star Wars: Episode IV” stehlen Han und Luke auf dem Todesstern die Sturmtruppler-Rüstung eines Soldaten namens TK-421. Im Video zu Cyborg/Victor Stone wird er “Objekt 6-1982” genannt. Vielleicht, weil Victor Stone im Juni 1982 geboren wurde? Oder, weil in “Tales of the New Titans” von Juni 1982 die Entstehung von Cyborg erzählt wurde.

35_Lois will in ein Taxi steigen… und nennt Superman “Clark”, auf offener Straße. Lex kennt Clarks Mutter. Clark und Diana durchschauen Bruce. Und Lex weiß grotesk viel über Aquaman, Cyborg, The Flash und Wonder Woman: Ich mag Geheimidentitäten. Doch in einer SO überwachten Welt macht für mich Sinn, dass diese Geheimnisse brüchig sind, gelüftet werden können. (Ich mochte auch, dass John Blake in “The Dark Knight Rises” Bruces Identität erriet.)

36_Überraschend dagegen, dass Bruce nicht weiß, wer Clarks Eltern sind. Dass er Lois Lane nicht schon seit Jahren überwachen lässt. Dass er den Namen “White Portuguese” lange nicht einordnen kann, oder solche Mühe hat, die Lexcorp-Server anzuzapfen: In den Comics sitzt Bruce an allen längeren Hebeln, immer. Ich mag fehlbare Helden. Doch in den “Dark Knight”-Filmen und hier in “Batman v. Superman” gibt es jeweils Dutzende Szenen, in denen ich denke: Comic-Bruce wäre besser vorbereitet, informiert, würde mit allem spielend fertig. [Das heißt trotzdem: Film-Bruce ist die interessantere, sympathischere, realistischere Figur.]

37_Und: Bruce kann die Lexcorp-Daten knacken. Diana scheitert an der selben Verschlüsselung? Schade.

38_Ich mochte, dass Bruce sofort von einem “Leech Program” spricht, ohne Skrupel ein Handy klont/kopiert und, wie schon in “The Dark Knight”, nichts von Datenschutz und Bürgerrechten hält: Mir ist krass unsympathisch, wie rücksichtslos Bruce jeden ausspioniert. Und ich freue mich, dass auch die Filme sich Zeit nehmen, das immer wieder zu zeigen: Der respektlose Spanner ist nicht Superman, mit seinem Röntgenblick. Sondern Datenkrake Batman – ein Kontrollfreak, der Zivilisten oft verachtet und benutzt.

39_Kritiker waren sehr unzufrieden mit dem Score/der Musik; besonders den archaischen Trommeln. Ich fand den Soundtrack passabel, und mochte die – etwas trashige – Trommel-Kampfhymne, die losbricht, als Wonder Woman Doomsday attackiert. Für mich klingt das wie ein musikalisches Thema, das noch in 100 Remixes und Variationen benutzt werden kann, für Wonder Woman: “Is she with you?” [Link: Spotify]

40_Schlimm dagegen: Wie viele Kämpfe auf Maschinenpistolen, Gewehrfeuer setzen. Fast alle Duelle wirken hässlich, langweilig, seelenlos/brutal… oft blitzend, flackernd… und klingen beschissen: stressiger, sinnloser Lärm.

.

.

41_US-Zuschauer sahen vor dem Film einen Kinotrailer zum “Lego Batman Movie” (2017), auch der nächste DC-Superhelden-Film, “Suicide Squad” (August 2016), wird beworben. Ich sah nur eine Werbung für Städtetrips nach Gotham City, von Turkish Airlines – sonst aber vor allem Trailer für Dramen und Beziehungsfilme: Das lesbische Justizdrama “Freeheld”, den Eifersuchts-Thriller “A Bigger Splash”, die dänische Rentner-Schmonzette “Ein Man namens Ove”, das Tänzer-Biopic “Ein letzter Tango” und die Gangsterkomödie “Nice Guys”. Bei Lidl sah ich BvS-Schlafanzüge, bei Primark T-Shirts (leider keine Wonder-Woman-Motive für Männer)… und auf Wired wartet ein charmantes Interview mit Lex Luthor

42_…doch am Tag nach der Premiere saß ich mit drei anderen Personen im leeren Kinosaal: DC schafft es selten, Vorfreude auf neue Filme zu wecken – oder die Figuren effektiv zu bewerben. Ich bin gespannt, wie viel Geld der Film macht und welche Konsequenzen das für Fortsetzungen hat. Ist wirklich kein weiterer “Superman”-Film geplant?

43_Es gibt keine letzte, überraschende Szene nach dem Abspann.

44_Mich ärgert, dass Martha Kent in einem Diner jobbt: 2003, im Comic “Superman: Birthright”, informiert sie sich online über Außerirdische und UFOs. In “Smallville” wird sie US-Senatorin für Kansas. Im Kinofilm dagegen wirkt sie wie eine nicht-sehr-kluge Oma mit recht freudlosem Leben.

45_Mich ärgert noch mehr, dass sie ihrem Sohn sagt: “Du schuldest dieser Welt gar nichts.” Klar – aus reinem Schuld- oder Pflichtbewusstsein trifft man keine guten Entscheidungen. Doch schon in “Man of Steel” war ich enttäuscht, dass Jonathan Kent lieber in einem Tornado stirbt, als seinen Sohn zu ermutigen, Verantwortung zu übernehmen. Hier in den Filmen sind die Kents seltsame, asoziale (und religiöse: Martha trägt eine Halskette?) Provinz-Kleingeister.

46_Ist Mais in Kansas im November so hoch? Wozu die Dudelsäcke, auf der Beerdigung? Haben die Kents schottische Wurzen? Und (argh!): In “Man of Steel” könnte Clark mit seiner lebendigen Mutter sprechen – doch wird stattdessen vor allem vom Hologramm seines toten kryptonischen Vaters belehrt. In “Batman v. Superman” könnte Clark weiter mit Martha reden – doch hat sein wichtigstes Gespräch in einem Traum, mit seinem toten Erdenvater. Warum all diese toten Mansplainer?

47_Eine tolles Bild: Batman, auf einem Kran am Hafen. Ärgerlich, dass er dabei eine Waffe/Flinte hält (…um einen Tracker an einen Lexcorp-Truck zu feuern).

48_Metropolis wird angegriffen. Bruce Wayne rennt der Gefahr entgegen. Plakativ – aber ein guter Weg, die Figur zu erklären. Clark fehlen dieses Mal leidenschaftlich heroische Establishing Character Moments. (Nebenbei: Freunde waren verärgert, dass die Wayne-Angestellten in Metropolis erst Bruces Evakuierungsbefehl brauchen, um zu flüchten. Ich las viele Bücher über 9/11 – und verstand die Verwirrung und das Zögern im Gebäude.)

49_Träume, Horrorvisionen, Flash Forwards störten mich schon in “Man of Steel” (und “Star Wars: Episode 7”): Ich weiß nicht, warum ausgerechnet der rationale Bruce Wayne dauernd Vorahnungen hat – und fand die Szenen weder spannend noch nützlich.

50_Bruce ist seit 20 Jahren aktiv – und fängt jetzt spontan an, Kriminelle zu brandmarken? Das ist archaisch, wirkt auf mich hässlich, primitiv… und lässt Batman fragwürdig erscheinen – damit die Drehbuch-Autoren besser Keile zwischen Bruce und Clark treiben können.

.

.

51_Zack Snyders „Watchmen“ war mir zu dunkel, grau. Zack Snyders „Man of Steel“ unnötig freudlos. Auch in „Batman v. Superman“ gibt es viel Nacht, Regen, Schatten – doch ich hatte deutlich mehr Dunkelheit, stilisierte Tristesse erwartet: Supermans Kostüm ist farbkräftiger als in „Man of Steel“. In vielen Szenen gibt es Tageslicht oder helle Räume. Es könnte schlimmer, grauer sein.

52_Ben Affleck stört nicht: keine Fehlbesetzung. Henry Cavill dagegen wirkt schwächer als in „Man of Steel“, weil er… 1) weniger Szenen hat und weniger Gefühle zeigt, 2) noch mehr trainierte und, besonders in der Szene in Washington, lächerlich aufgeblasen wirkt, 3) in den besten „Man of Steel“-Szenen unrasiert war – doch dieses Mal gelackter, schmalzlockiger aussieht. Und: Beim Kämpfen schaut er so gepresst, als säße er auf dem Klo.

53_Im ganzen Film wird über Mythologie und die Antike gesprochen: Prometheus, Ikarus, der gordische Knoten, eine Sahnetorte, die aussieht wie die Akropolis… Lex faselt immerzu von Göttern, Engeln, Hölle, Teufel. Stichworte, dauernd im Raum – doch sie bleiben leeres Gerede. Ein Drehbuch, das raunt: Übermenschen sagen irgend etwas aus, über unser Menschen-, Gottesbild! Doch was – liebe Autoren?

54_Von einem Atomsprengkopf getroffen, schwebt Clark im All, die Hand wie in Michelangelos “Die Erschaffung Adams”. Lex Luthor deutelt am Gemäde in seinem Büro herum (ein echtes Kunstwerk – oder für den Film entworfen?): Engel aus der Hölle? Dämonen, die vom Himmel fallen? Nichts ist zu Ende gedacht. Hell – dunkel, oben – unten, fallen – steigen, Himmel – Hölle, Gott – Mensch… und, also? Warum? Kommt da noch was?

55_Die Batmobil-Verfolgungsjagd machte mir weniger Freude als in den “Dark Knight”-Filmen: zu unübersichtlich, dunkel, hässliche Straßen/Umgebung – und dauernd Maschinengewehr-Krach. An zu vielen Stellen im Film bindet Batman Gegner fest und schleudert sie dann umher. Das wirkt unnötig grausam, nicht effektiv…

56_…und passt eher zu Wonder Woman und ihrem magischen Lasso – das sie im Kampf gegen Doomsday einsetzt. Aber erst, nachdem sie lange mit einem Schwert hantierte. (Wo war das Lasso, bevor sie es benutzt? Hinter dem Schild?)

57_Fans auf TVTropes loben Batmans Seil-Spiele: “When Batman chases the Lexcorp truck, the way he uses the Batmobile’s towing cable to send a car full of [enemies] up in the air and make it crash on another car full of [enemies] is both hilarious and awesome.” Ich fand die Szene grausam. Und musste an keiner Stelle, über keinen flauen Witz im Film, lachen.

58_“This film will make you hate Batman, Superman and the Justice League”, droht eine – immer wieder geteilte – Review von GQ (Helen O’Hara, Link). Ich mag Wonder Womans Freude am Kampf: Sie stürzt sich mit derselben Begeisterung/Entrückung auf Doomsday wie Xena in 90ern. Doch Batman wirkt unnötig brutal – etwa, indem er Pedophile markiert, damit sie in Gefängnissen Misshandlungen erfahren oder sterben (!); und beide Helden sagen einige fürchterliche Sätze: “Kannst du bluten?”, “Vernichten? Ich liefere dich aus. Das ist mehr, als du verdienst!” Batman tötet Gegner (oder nimmt ihren Tod in Kauf) – oft mit einem gewissen… sadistischen Genuss.

59_”Unwissenheit ist nicht dasselbe wie Unschuld”, droht der afrikanische Warlord Lois Lane, nachdem die CIA-Wanze in der Kamera gefunden wurde. Ein guter Satz – weil er daran erinnert, wie viele globale Probleme wir als Konsumenten verschulden – um dann zu sagen: “Diese Länder sind so weit weg. Wir wissen das alles nicht so genau: die Produktionsbedingungen, die Politik.” Schön auch: Clark, der über Verbrechen in Gotham berichten will und, als Perry sagt, das Thema betreffe die Leser nicht, fragt: “Kaufen arme Leute keine Zeitungen?” Ein Minimum an Idealismus ist noch da – in diesem kalten, fahlen Film.

60_Trotzdem stehen für mich zu viele solcher Sätze bezugs- und anschlusslos im Raum: Sie wirken bedeutend. Doch das Drehbuch denkt die Fragen nicht weiter. “Meine Welt existiert nicht mehr.” (Clark, über Krypton… und Hoffnung.) “Die Welt ergibt nur Sinn, wenn man sie dazu zwingt.” (leeres Gerede von Bruce.) Zu große Worte – in einer zu dünnen, oberflächlichen Geschichte.

.

.

61_Cyborg ist schwarz. Der Aquaman-Darsteller Hawaiianer. The Flash ist Asian American? Dann sind die weißen Männer in der Justice League zum ersten Mal in der Minderheit. Ich bin gespannt, ob Hal Jordan (ein weißer Testpilot) Green Lantern wird – oder John Stewart (ein schwarzer Marine und Architekt). So oder so: Mir gefällt, dass in fast jeder Gruppen-Szene im Film Figuren of Color zu sehen sind – wenn auch meist nur als Zuschauer oder Opfer. (Der Film hat Unmengen von Opfern. Wer kein Held ist, ist sofort Opfer.)

62_Es gibt keine Verknüpfungen, besonderen Verweise zum nächsten DC-Film, „Suicide Squad“. Ich habe mit einem Auftritt des Jokers gerechnet – vor allem gegen Ende, als Lex Besuch in seiner Zelle bekommt. Szene mit Joker und/oder Riddler waren angedacht – doch wurden gestrichen.

63_In den Comics wird Batmans zweiter Robin, Jason Todd, vom Joker gefoltert und erschlagen. Als Mahnung und Andenken stellt Batman Todds Robin-Uniform in der Batcave aus. Ich mag, wie erhöht/fliegend die Uniform im Film präsentiert wird. Das aufgesprayte “Ha ha ha the joke’s on you Batman” wird etwas zu lang/überdeutlich gezeigt – warf aber eine interessante Fan-Theorie auf: Was, wenn Joker Todd nicht erschlug – sondern (in den Filmen) Todd zu Joker wurde?

64_Die komplette erste Stunde lang dachte ich: Das ist so dicht, schnell, komplex wie die ‘Dark Knight’-Filme. Dann begannen die ersten Maschinengewehr-Krawall-Szenen. Mir schien Luthors Intrige/Erpressung im Finale klug, raffiniert. Dann begann eine dümmliche, viel zu laute Endlos-Keilerei. Ich glaube nicht, dass der Film grundsätzlich unverzeihliche Denk- oder Konstruktionsfehler hat. Doch der Fokus liegt oft falsch. Das Timing hapert. Allen Figuren fehlt Tiefe, Stringenz. Zu viel ist unnötig… ätzend.

65_Meine Lieblingsszene: Clark überrascht Lois in der Badewanne. Einige Online-Bros fanden das zu dick aufgetragen, wish fulfillment für Frauen: Clark bringt Blumen und macht Spiegelei? Warum nicht! Mich irritiert nur das (betont maskuline?) Werkzeug, das im Apartment neben dem Fernseher hängt: Braucht Clark Werkzeuge? Kann er das meiste nicht via Kraft und Hitzeblick bearbeiten?

66_Affig-maskulin auch die “Bruce Wayne trainiert mit Ketten und Traktorenreifen”-Montage. Nach “The Dark Knight Rises” ist mein Bedarf an “Bruce trainiert”-Szenen für immer gedeckt.

67_Einige Namedropping-Momente: Zod kommt aus Kandor. Hat das Bezug zu Brainiac? Major Farris hat nichts mit Carol Ferris zu tun – Hal Jordans Freundin? Lana Lang und Pete Ross waren auf Clarks Beerdigung? Patrick Wilson leiht dem US-Präsidenten die Stimme? Wird er in späteren Filmen auftreten? Hat Wallace Keef – dessen zetrümmerte Beine amputiert werden mussten – Bezug zu Wallace West, Sprinter/Speedster und Neffe von The Flash?

68_Zwei Officers heißen Rucka und Mazzuchelli (nach DC-Autoren). Fans im Netz fanden außerdem ein “Who watches the Watchmen?”-Graffiti (auf Latein) und Andeutungen/Tags, dass das leerstehende Gebäude in Gotham, in dem sich Batman und Superman prügelten, vorher ein Versteck von Harley Quinn und dem Joker war.

69_In Wallace Keefs Wall of Crazy war eine Superman-Zeichnung zu sehen, die das erste “Action Comics”-Titelbild variiert. Ich mochte auch Perrys (alberne) Ermahnung an Clark, dass “nicht mehr 1938 ist” (das Jahr, in dem Superman debütierte.)

70_Mich ärgert, dass Keef von einem nicht-behinderten Darsteller gespielt wird. Doch ich mag, dass Lex – der dauernd zum Höchsten strebt, zu dem die Menschheit fähig ist – immer wieder Personen mit Behinderung oder in Rollstühlen um sich hat (z.B. auch seine Schwester, Lena Luthor) und sich an ihnen verhandelt.

.

.

71_Wenn Heldenfilme (und -Comics) floppen, wird irritierend oft die Schuld bei den Kostümen gesucht, z.B. den Gummi-Brustwarzen an George Clooneys „Batman & Robin“-Suit. In „Batman v. Superman“ funktionieren alle Kostüme: Supermans Anzug ist etwas heller/bunter als in „Man of Steel“, Bat-Anzug und Bat-Rüstung wirken praktisch und plausibel. Auch Wonder Womans Kostüm trifft den Charme der Comics – doch scheint trotzdem angemessen realistisch. (Schade, dass ihr Schild kein Zeichen oder Motiv trägt: Es wirkt etwas unfertig).

72_Ich hoffte, das Lex in jeder Szene seltsame Motiv-Shirts trägt. Der Bat-Trenchcoat in Bruces Vision wirkte albern, 90er-Jahre-haft. Und Doomsday fand ich entsetzlich – ein billiges Computer-Monster (ohne Penis), an dem alles unfertig, lieblos, generic wirkte. Im Comic hat Doomsday oft ein überraschend ausdrucksstarkes Gesicht. Das nächste Mal: mehr Spikes, mehr Charakter, mehr Mühe!

73_Batmans Rüstung stammt aus Frank Millers Comic “The Dark Knight Returns” von 1986. In dieser dystopischen Geschichte ist Superman ein hirn- und skrupelloser Unterdrücker, der für die US-Regierung kämpft, ohne, die Befehle zu hinterfragen. Ich bin sehr froh, dass diese Clark-als-dumme-staatliche-Marionette-Vision im Film kein Thema ist: “Er ordnet sich niemandem unter.” Sehr gut. In zu vielen Geschichten durchschaut Batman einen Diktator… während Superman blind gehorcht.

74_Eine Ausnahme: Der Comic “Injustice: Götter unter uns” (hier empfohlen), in dem Superman durch Strafen, Kontrolle, Einschüchterung weltweiten Frieden erzwingt – nachdem der Joker den Tod Lois Lanes, die Zerstörung Metropolis’ verantwortete. Superman legt die Hand auf die Brust des Jokers – und stößt sie ihm durch Herz und Brustkorb. Dasselbe passiert hier im Film – mit Bruce als Opfer.

75_Überzeugende Effekte? Die Parademons. Schwach dagegen: die trashig animierte, pulsierende Mother Box, die (plakativ platziert) in Silas Stones Labor steht.

76_Schon seit dem Omega-Symbol und der ruinierten Stadt im Filmtrailer dachte ich, Superman, Batman, Wonder Woman kämpfen (ähnlich wie in Band 1 der neuesten “Justice League”-Comicreihe) gegen den außerirdischen Despoten Darkseid. Tatsächlich ist die Szene nur ein Alptraum/eine Vision von Bruce. Erst nahm ich an, sie spielt auf Darkseids Welt, Apokolips. Doch offenbar geht es um eine verwüstete Erde, regiert von Superman – und Darkseid? Wollte Darkseid die Erde in ein zweites Apokolips verwandeln – durch Erwärmung, oder Lava?

77_Luthor behauptet, eine Glocke sei geläutet, jemand sei unterwegs. Wohl Darkseid. Sinestro oder [eine Twist-Version von] Green Lantern wären interessanter. Die Glocken-Metapher erinnert mich an aktuelle “Justice League”-Comics: Dort wurde die Heimatwelt von Owlman, Powerman, Superwoman zerstört, und als die drei in “Forever Evil” die Helden der Erde bekämpfen, wird der Zerstörer erst auf die Erde aufmerksam: Das Trio wird geschlagen. Doch die größere Bedrohung ist damit auf dem Weg.

78_Jesse Eisenbergs Lex Luthor? “One of those rare characters in the history of cinema you just don’t want to see on screen. Whenever he comes on you’re gritting your teeth and hope the frenetic editing will cut to another scene. […] Maybe five scenes in this whole movie are longer than 90 seconds and it feels like all of them feature Luthor.” [Ben Dreyfuss, Link] Das Faseln. Die Ticks. Die Darstellung wäre okay für einen bösen Clown, etwa den Toyman. Doch Dietmar Dath hat Recht, wenn er schreibt: “Eisenberg gefällt sich in Gejuckel, Gesabber und einer Start-up-Turnschuh-Lumperei, die man vielleicht im zweiten Schauspieljahr für ein zeitgenössisches Musical namens ‘Steve Jobs ist Dr. Frankenstein’ gebrauchen kann.” [Link] Immerhin: Ich mag, dass Luthor sich selbst “Büchernarr” nennt. Und: Mit rasiertem Kopf wirkt er noch mehr wie Oliver Pocher.

79_Als Geschäftsmann, Machtmensch, Erfinder ist Luthor stark. Sobald er im Gefängnis sitzt, wird die Figur langweiliger. Ich wünschte, Lex wäre frei und hätte alle Ressourcen. In den aktuellen Comics erpresste er sich einen Platz in der Justice League – weil er Batmans wahre Identität kennt.

80_Das Foto von Wonder Woman in Belgien, 1918? Großartig. Doch die Idee, dass Diana vor 100 Jahren “Abstand von der Menschheit suchte”? Schlimm: Ein Clark, dessen Eltern ihm ständig raten, niemandem zu helfen. Eine Wonder Woman, die nichts gegen den Holocaust unternahm! Der “Wonder Woman”-Kinofilm spielt im ersten Weltkrieg. Heißt das, am Ende jenes Films ist Diana so genervt, gebrochen, von den Menschen enttäuscht, dass sie für 100 Jahre verschwindet? Das macht keine Vorfreude.

.

.

81_Im kryptonischen Schiff aus “Man of Steel” gab es eine offene Bio-Kapsel. Die Begleit-Comics zum Film zeigten, dass Kara Zor-El damit zur Erde kam – Clarks Cousine, Supergirl. Die “Supergirl”-TV-Serie scheint mir ein Universum für sich (zusammen mit “Arrow”, “The Flash”, “Vixen”). Heißt das, wir sehen Supergirl, im Lauf der nächsten DC-Filme? War Supergirl “offiziell” in dieser Kapsel – und wird das wieder Thema?

82_Ich bin nicht sicher, warum Clark das Schiff Zods nicht benutzt – zum Beispiel, um Daten über 100.000 Alien-Zivilisationen (!) einzusehen. Auch Datenkrake Batman hätte wohl Interesse. Stattdessen darf Lex ins Schiff und sich, ohne Widerstand oder Kontrolle, ein Wesen klonen (…heißt das: Wer immer Zugang zum Schiff hat, hat eine Art Klon-, Monster- und Lazarus-Grube?). Auch in den Comics klont Lex immer wieder, z.B. Bizarro. Dass Lex sein eigenes Blut benutzt, erinnert mich an Superman Tod in den Comics: Dort erschafft er einen Superboy – mit Überresten Clarks und seiner eigenen DNA. Superboy hat zwei Väter – Lex und Clark.

83_Sah man Michael Shannons Hintern, als Lex Zods Leiche ins… Gebärmatrix-Wasser zog? Ich machte während des Films Notizen – und sah nicht hin. (Dasselbe mit Amy Adams Brustwarzen, in der Badewanne.)

84_Meine beiden größten Logik-Löcher: Clark hält Batman auf, als er das Kryptonit aus Luthors Truck stehlen will – doch schaut nicht nach, was Bruce eigentlich sucht, im Truck? Clark nutzt an keiner Stelle den Röntgenblick? Und: Dieser “Martha”-Unsinn! Als in den ersten 10 Minuten der Name “Martha” fiel, dachte ich noch: “Jetzt müssen die Autoren aufpassen, dass Martha Kent nicht auch beim Vornamen gerufen wird – sonst wird es schnell verwirrend.” Dass a) Superman keine Chance nutzt, um Bruce von der Entführung zu erzählen, aber b) “Martha” zum Zauberwort wird, das Bruce sofort zum Zuhören, Nachfragen bringt, ließ mich kalt.

85_Als Journalistin hat Lois, wie gesagt, dieses Mal mehr Glück als Verstand. Dass sie den Kryptonit-Speer ins Wasser wirft und einige Minuten später beim Versuch, ihn zu bergen, fast ertrinkt, lässt viele Menschen die Augen rollen: Lois als ineffektives Faux Action Girl, das mehr Probleme schafft als löst.

86_Clark versucht gar nicht, Martha zu finden – sie ist nicht mal geknebelt: Könnte er sie hören? Alfred kann das Handy des Russen binnen Sekunden orten? Das hätte Lex absehen müssen. Warum erschießt niemand Martha, während Bruce minutenlang mit Handlangern kämpft? Und: Wozu ein Flammenwerfer – statt einer einfachen Pistole?

87_Muss man die unbewohnte Insel in der Bucht von Metropolis “Stryker’s Island” nennen? In den Comics ist dort ein Alcatraz-artiges Gefängnis. So macht Namedropping keinen Spaß – weil die Bezüge fehlen. Und: eine Atombombe so nah an der Stadt – ist das kein Riesenproblem? (Die selbe Frage stellte ich mir schon bei “The Dark Knight Rises”.)

88_Warum “Gotham Free Press” statt, wie in den Comics, “Gotham Gazette”? Und: ein Football-Spiel zwischen Metropolis und Gotham wurde gedreht – doch im Film sah ich nichts davon. Was wurde aus der (recht aufwändig klingenden) Szene? Auch hier: Warum “Gotham City University” gegen “Metropolis State” – statt etablierte Mannschaften wie “Gotham Wildcats / Titans / Rogues” gegen “Metropolis Metros” und “Metropolis Meteors”? Das selbe gilt für etablierte Straßennamen und Viertel in Gotham und Metropolis: Warum nicht auf dem World Building der Comics aufbauen?

89_Das Batsignal steht auf einem leerstehenden Gebäude? Wer bedient es? Hätte Batman, wie in den Comics, gute Kontakte zum Gotham City Police Department, wäre die “Batman v. Superman”-Story komplexer: Dass Bruces Rolle als Staats-Helfer ausgespart wird, macht die Fronten klarer. Was tat Batman 20 Jahre lang für Gotham? Die meisten Leute nennen ihn immer noch “Die Fledermaus” – und wissen nichts.

90_Wonder Woman, Diana Prince: Antiquitätenhändlerin. Kein Wunder, dass Bruce an Catwoman denken muss – und sagt: “I’ve known a few women like you.” Muss Diana so klar Bruces Beuteschema, Frauentyp entsprechen? Vor 2011 herrschte in den Comics (etwas) sexuelle Spannung. Seit 2011 spielen alle Geschichten in einer neuen Welt, in der Lois und Clark niemals ein Paar waren – und Clark stattdessen Diana dated. In den Filmen will ich Diana bitte nicht als Trophäe, Belohnung, Zankapfel sehen.

.

.

91_Zu Beginn und zum Ende: eine Beerdigung. Doch auch hier: Bookends/Klammern ohne tieferen, intelligenten Bezug. Ich halte Supermans Tod für verschenkt: Ich las die “Death and Return of Superman”-Storyline (als Roman) mit 14, 1997 – und weiß, wie viel es erzählen gäbe über eine Welt, die Superman verlor und sich neu orientieren muss.

92_Genauso mag ich das “Batman”-Crossover “No Man’s Land”: Nach einem Erdbeben ist Gotham abgeschnitten, die Brücken werden gesprengt. Dass “The Dark Knight Rises” einem Millionenpublikum riesige Szenen im “No Man’s Land”-Stil zeigte, machte mich froh. Doch natürlich hätte ich lieber “No Man’s Land” selbst im Kino gesehen. So geht es mir mit Doomsday – und Supermans Tod: Ist diese kümmerliche Spar-Version besser als nichts? Oder der Grund, dass jetzt die nächsten 20 Jahre lang keine echte Adaption kommen kann – weil die Story frisch verheizt wurde?

93_Auf DVD wird der “Batman v. Superman” länger und brutaler. Dann taucht auch Jena Malone auf – als Barbara Gordon (…und Batgirl?). Schade, dass sie in der Kino-Version fehlt. Doch große Hoffnungen auf eine interessante Figur, viel Tiefgang habe ich nicht.

94_Statt “vs.” heißt der Film “v.” – weil US-Justizfälle “v.” zwischen streitende Parteien setzen, kein “vs.”: Das “v.” klingt würdevoller, juristischer. Der Film jedoch zeigt kaum Debatten, klugen Austausch zwischen den Parteien – sondern bleibt eine “versus”-Prügelei, ohne klug clashende Ideologien, Argumente.

95_Mit einem Gegner, der sprechen kann, hätte das Finale mehr Substanz. Zehn, fünfzehn Minuten Doomsday, Blitze, Geschrei, Atombomben, Trümmer, finstere Blicke und Wonder-Woman-Kriegstrommeln machten mir keine Freude.

96_Im Finale von Märchen-, Disney- und Kinderfilmen bricht der Held oft scheintot zusammen – doch wird nach ein paar traurigen Sekunden wachgeschüttelt, wachgeküsst, schlägt plötzlich wieder die Augen auf. TV Tropes nennt das “Disney Death” – und “Batman v. Superman” hat, unwürdig für einen “erwachsenen” Film, gleich zwei dieser schäbigen Beinahe-Tode im Finale: Lois, fast ertrunken. Und Clark, fast beerdigt.

97_Nichts wäre eskaliert, hätten die Helden schnell genug miteinander gesprochen. Ich war kein Fan des “Civil War”-Comic von Marvel, bei dem Captain America und Iron Man einen ähnlichen Riesen-Streit beginnen. Die Verfilmung startet am 28. April 2016. Ich hoffe, das wird psychologischer, politischer, klüger.

98_Und jetzt? 2016: “Suicide Squad” (DC) sowie “Doctor Strange” (Marvel). 2017: “Wonder Woman”, “Justice League” (DC) sowie “Guardians of the Galaxy 2”, “Spider-Man”, “Thor 3” (Marvel). 2018: “The Flash”, “Aquaman” (DC) sowie “Black Panther”, “Avengers 3”, “Ant-Man 2” (Marvel). 2019: “Shazam”, “Justice League 2” (DC) sowie “Captain Marvel”, “Avengers 4”, “Inhumans” (Marvel), und 2020: “Cyborg” und “Green Lantern Corps” (beide DC) – außerdem drei weitere “Batman”-Filme mit Ben Affleck. Uff.

99_Niemand hat einen Grund, diesen Film zu sehen. Wer die Figuren mag, findet bessere Comics. Wer die Figuren nicht mag, wird nach “Batman v. Superman” noch weniger Respekt, Interesse an ihnen haben.

100_Torsten Dewi hält den Film für viel misslungener. Ich teile seine Argumente nicht. Doch mag die Einleitung: “Ein Film, so inkohärent, so qualitativ wie emotional wackelig, dass sich darin kein gerader Review-Faden finden lässt. [Mein Text wird] ein Text des ‘leider, aber immerhin’ und des ‘wenigstens, aber dann wieder'”

Ja. Leider. Aber immerhin.

.

  • [dachte noch jemand, als Bruce und Clark das Abbruch-Haus verwüsteten, an die “Spike und Buffy haben Sex im Abbruch-Haus – und verwüsten es dabei”-Szene aus Staffel 6? #BvS #BtVS]

Deutschlandradio Kultur - Batman v Superman, Stefan Mesch Foto

.

Update, 28. März: Freund X sah den Film – und mailte mir Anmerkungen (großartig!):

  • Flammenwerfer für Martha: Lex sagte, Martha sei eine Hexe, und Hexen müssen brennen.
  • Der Atomsprengkopf explodierte im All, nicht auf Stryker’s Island.
  • Viele Gebäude in Metropolis befinden sich im Wiederaufbau.
  • Die “Brandmarkung durch Batman stellt ein Todesurteil dar, da die so Markierten im Gefängnis zu Tode misshandelt werden.”
  • “Als Michael Shannon ins Wasser gezogen wird, überdeckt der Arm Lex Luthors sehr geschickt Zods Penis.”

und: “Ich hätte übrigens gedacht, dass Alien-Technologie schlauer ist und sich nicht von aufgepappten Fingerkuppen überlisten lässt.”

Star Wars: Das Erwachen der Macht. 100 Probleme, Fragen, Ideen

star wars the force awakens 100 Probleme Fragen Ideen

.

Ich arbeite oft zwei, drei Tage lang an den Buch-, Film-, Comic-Kritiken für Zeitungen. Ich schreibe langsam, formuliere genau. „Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht“ sah ich mir vorhin in der Mitternachts-Premiere an, recht spontan. Bevor ich schlafe, sammle ich 100 schnelle Gedanken, Kritikpunkte, Einwürfe und Ideen. Kein großer Text. Sondern Aspekte, die ich festhalten und über die ich ins Gespräch kommen will, falls jemand fragt: „Und? Hat es dir gefallen?“

Mir hat der Film sehr gefallen.

Ich bin überrascht, wie viel Spaß ich hatte – und wie zufrieden mich das machte.

.

01_Sehen oder nicht? Sehen!

02_In einem Satz: Mitreißend, liebevoll, zeitgemäß – ein schneller, übersichtlicher, einsteigerfreundlicher Abenteuerfilm mit tollen Darstellern, aber eher fadem, verflachten Kosmos.

03_Das größte Problem: Es geht um nichts (Größeres, thematisch). Dem Universum wird nichts Neues hinzugefügt – nur alte Rollen, Stationen, Konflikte neu verteilt und durchgespielt. Vieles wirkt unlogisch, lustlos zurecht gebogen, aufgegossen: Noch nie hat mich diese Erzählwelt weniger überzeugt.

04_Vorher die alten Teile sehen? Nicht nötig. Fast alles, was passiert, erklärt sich im Lauf und Kontext des Films. Aber: Es macht sicher Spaß, vorbereitend noch einmal Episode IV zu sehen – weil vieles aus diesem ersten Teil von 1977 im neuen Film gesteigert, gespiegelt, zitiert wird.

05_Ein Film für Kinder? Nein. Aber mit 11, 12 hätte ich mich in Hauptfigur Rey verliebt, alle Konflikte sehr tragisch und tiefgehend empfunden, den Film GELIEBT. Erwachsener als Episode I oder IV. Einige düstere Momente. Aber nicht übertrieben dunkel oder brutal.

06_Nichts, das ich gerade sah, habe ich durch Episode I, II oder III besser verstanden. Die Prequel-Trilogie scheint mir nicht explizit ausgeklammert oder totgeschwiegen – aber fürs Verständnis von Episode VII recht egal. Jemand sagt kurz „Sith“. Doch das ist die einzige Stelle im Film, an der ich dachte: „Okay. Die Autoren haben über Episode I bis III nachgedacht, beim Schreiben.“

07_Ich fand auch keine Shout-Outs und Zitate zu „Star Wars: Rebels“, „Star Wars: The Clone Wars“ oder den Expanded-Universe-Comics und -Romanen [sehr viel gelesen, für Deutschlandradio Kultur. Empfehlungen hier im Link]. An einer Stelle im Film sind einige Flaggen zu sehen, deren Symbole Fans wiedererkennen können. Aber es hat keinen Einfluss auf die Handlung.

08_Alle Filme, gerankt: 5, 7, 4, 2, 6, 3, 1 [kluge Polit-Intrigen in Episode II schlagen schlimme Ewoks in Episode VI: toller Artikel darüber, wie schlecht “Return of the Jedi” war]

09_4 von 5 Sternen. Klare Empfehlung. Ab ca. 20 Minuten nach Beginn dachte ich sehr lange sogar: 5 Sterne.

10_Warum keine 5 Sterne? Weil Episode VII nichts Größeres erzählt über das Menschsein oder die Star-Wars-Welt, kein besonderes, eigenes Thema sucht, keine sehr pointierte oder interessante Aussage, nichts Persönliches. Look, Inszenierung, Darsteller? Alles mit starker, überzeugender Handschrift. Drehbuch? Souverän – aber nichts Besonderes. Kein Film, der das Jahr 2015 definiert. Oder irgendwas verändert..

star wars vii banner

.

ab hier: Spoiler. Details aus der Handlung.

.

11_War Wehleidigkeit schon immer die erste, größte (…einzig überhaupt erkennbare?) Charaktereigenschaft von Chewbacca?

12_Warum klopfte sich Kylo Ren im letzten Kampf im Wald immer wieder nervös an die Flanke/Seite? [Edit: Weil Chewbacca ihn dort angeschossen/getroffen hat, sagen Freunde.]

13_Zitiert Reys erste Szene den Anfang von „Nausicaä aus dem Tal der Winde“? Großartiger Film – und die selbe Stimmung. Junge Frau, allein beim Sammeln und Entdecken. Mir tat leid, dass Rey mühsam auf einem Stück Blech die Düne herabrutschen musste… während Nausicaä auf ihrem Lenkdrachen nach Hause fliegt.

14_Die andere Zeichentrick-Szene, an die ich denken musste: In der vielleicht spannendsten/besten Episode von „Avatar: Herr der Elemente“ brechen die Helden in einen riesigen Bohrer ein, der eine Festungsmauer zerstören soll… und wollen die Riesen-Maschine an ihren Schwachpunkten sabotieren. Stimmung und Taktik im Episode VII-Finale (Sprengladungen an taktisch klugen Stellen, bevor der Starkiller aufgeladen ist und feuern kann) waren die selben – nur war die „Avatar“-Episode dramatischer. (Schade!)

15_Von hinten (!) sieht Reys Kostüm aus wie die Vorderseite der Roben, die Luke, Obi-Wan und Qui-Gon trugen.

16_Nach einer Weile merkt man, dass Rey – wie viele bisher wichtige Frauen in ‘Star Wars’ – eine recht exzentrische Frisur trägt: drei Haarknoten, den Hinterkopf hinab. Ich brauchte mehr als eine Stunde, um zu merken, wie viel Mühe in ihrem Kostüm/Charakterdesign steckt.

17_Das ist der „Star Wars“-Film mit den bisher dreckigsten Schiffen, Bars, Gebrauchsgegenständen. Sogar Kylo Rens Maske ist ungepflegt/beschädigt.

18_Die Farben und Farbstimmungen sind naturalistischer als in Episode I bis III – aber ich bin überrascht, WIE stilisiert die jeweiligen Wüsten-, Wald-, Schnee-Planeten trotzdem bleiben: Ich glaube, man könnte die Stimmung des kompletten Films nachzeichnen, indem man einfach 10 mal zwei dominante Farben/Farbkombis sammelt. Besonders die hellblauen und lila-roten Lichter im Starkiller, passend zum roten und zum blauen Lichtschwert später im Wald. An vielen Stellen war mir das farblich zu stimmig/künstlich/durchgestylt.

19_Ich musste lachen, als ich auf IMDb las: „In summer 2013, it was revealed both Carrie Fisher and Mark Hamill had begun a vigorous regimen of diet, exercise and stunt training to prepare for their roles of Leia and Luke.“ An KEINER Stelle tun die beiden irgend etwas, für das man ein Stunt-Training bräuchte.

20_Mich freut, wie wichtig Han Solo den ganzen Film über bleibt: Als ich hörte, dass Harrison Ford wenig Lust auf die Rolle hatte, rechnete ich mit drei, vier nostalgisch-knappen Szenen. Auch sein „Chewie: We’re home“ im Trailer kam mir müde vor. Tatsächlich ist Han unbedingt eine Hauptfigur – nach Rey und Finn, vor Kylo Ren und dem (viel zu präsenten) BB-8.

.

21_Fast jedes Marvel-“Star Wars“-Comic, das ich seit Sommer las, begann mit einer Zusammenfassung im „Opening Crawl“-Stil. Und beinahe jedes Mal waren die ersten Worte nach „A long, long time ago“ wie in Episode IV „It is a period of“ [„renewed hope“/“fear“/“chances“ usw.] Alle sieben Filme beginnen mit unterschiedlichen ersten Sätzen – doch im Nachhinein überrascht mich, dass sich Episode VII dauernd an Episode IV orientiert… aber nicht mit „It is a period of“ beginnt… während die Comics, die oft nur zeitlich, aber nicht inhaltlich besonders nah an Episode IV liegen, den Satz beinahe JEDES Mal zitieren/aufgreifen.

22_Raumschiffe und Fahrzeuge, die mir gefielen: Reys primitiver Schwebe-Traktor. Das mechanische Nashorn-Gefährt des Java-ähnlichen Wesens, das BB-8 zerlegen wollte. Die toll klaustrophobischen, schön ausgeleuchteten Schleusen, Gänge, Crawlspaces in u.a. Hans neuem Frachter. Auch Sternzerstörer-Innendesign gefällt mir fast immer – besonders über mehrere Etagen/Ebenen hinweg.

23_Der neue Sternzerstörer kam mir ungelenk, vollgestopft und wie eine sehr kipp-gefährdete, überladene Torte vor. Die Starkiller-Base war (von außen und als Idee) drittklassig, langweilig, banal. Zu Tie-Fightern, X-Wings usw. habe ich kein besonderes Verhältnis. Die neuen Stormtrooper-Helme erinnern mich an Donald Ducks Schnabel. Die “Flametrooper”, neuen “Snowtrooper” usw. schienen nur im Film, um weiteres Merchandise zu verkaufen.

24_In der Eröffnungsszene sind im Dunkeln Hühner oder sehr kleines Zuchtvieh zu sehen, zwischen den Hütten auf Jakku. Doch als die Stormtrooper angreifen, tauchen sie nicht mehr auf: Tiere/Creatures fielen mir sonst an keiner Stelle positiv auf (der Geier war besonders lustlos; auch das Tier, das zusammen mit Finn trinkt, wirkte unfertig).

25_Es gibt zwei Stellen, an denen wir viel zu schnell zu viele neue Aliens/Kreaturen sehen: Die Holo-Schachfiguren im Millennium Falcon (reale Wesen oder sowas wie bei uns Orks, Trolle usw.?) und die Besucher von Maz Kanatas Bar. Ich habe mich daran gewöhnt, dass in „Star Wars“ sehr naturalistische Aliens neben Muppets im B-Movie-Look stehen – und habe mit diesen B-Movie-Designs keine Probleme. Doch ich glaube, es ist keine Lösung, alle Trash-Figuren auf einem Haufen kurz zu zeigen – sonst aber alles immer realistischer/konventioneller zu gestalten. Den Wesen auf Han Solos Frachter z.B. hätte mehr Trash-Charme gut getan: Man stelle sich die selbe Szene z.B. mit Piranha-Tribbles vor.

26_User auf Reddit, über Kylo Rens Meister – Snoke: „That name though. Seriously? It sounds less like The Evil Overlord and more like the guy in the back alley, with a shank and a bad London accent.“ Mir sah die Figur zu Gollum- und Voldemort-haft aus. Schade, dass Sith-Sein anscheinend weiterhin bedeutet: so theatral-hässlich-kindergartenhaft-böse wie möglich aussehen zu wollen. Sind nur hässlichen Personen böse? Erkennt man das Böse immer schon am Kleidungsstil?

27_Ist Snoke tatsächlich so groß? Was, wenn er schlumpfgroß wäre – und mit dem Holo-Auftritt nur kompensiert?

28_Captain Phasma hatte eine furchtbare deutsche Synchronstimme. Keine nennenswerte Rolle. Und Fans fragen sich, ob sie tatsächlich von den Helden in die Müllpresse geworfen wurde (wie unmenschlich: Ich hoffe nicht). Da muss in Teil 8 und 9 noch mehr kommen. Mir missfällt, wie schnell schon in Teil I bis III Figuren wie Dooku, Grievous und Maul verheizt wurden. Gebt diesen Figuren Raum und Tiefe!

29_albern/schlechte Regie: Als Finn zurück in den Truppentransporter steigt und Captain Phasma – die er beim Einsteigen nicht hätte übersehen können – erst sieht, als die Kamera zu ihr schwenkt. Auf TVTropes heißt das “Behind the Black”.

30_Alle Verhör-Szenen langweilten mich. Ich frage mich, ob das erzählerisch zu verbraucht ist – oder einfach besser inszeniert/geschrieben sein müsste: Kylo und Poe, Kylo und Rey. Im Oktober erst sah ich das Finale der ersten „Star Wars: Rebels“-Staffel: Kanan wird verhört, im selben Stil. Immer die selben Bilder, Floskeln, Drohgebärden.

star wars vii banner

.

31_Ich musste an vielen Stellen lachen oder mich freuen (am meisten, als Rey im Wald steht, zum ersten Mal, und sich über das viele Grün freut). Leider war ich an keiner Stelle besonders traurig, beklommen. Der meiste Humor kommt von Fin. Das freut mich: Eine Figur, die Held sein darf… doch trotzdem immer wieder trottelig, überfordert, vorschnell.

32_In der ersten Hälfte fragte ich mich, ob „Fin nimmt/wählt den falschen Gegenstand“ ein Leitmotiv wird. Aber in der zweiten Hälfte griff er dann nur noch einmal daneben – als er mit Bomben hantierte, bei Beladen der Schiffe. Ich bin gespannt, ob Episode VIII und IX noch einmal solche Finn-nimmt-das-Falsche-Momente zeigen.

33_Ich kann noch immer keinen ganzen Satz über Admiral Ackbars Charakter/Gemüt/Wesen sagen.

34_Die junge Frau mit der Prinzessin-Leia-Frisur, die während einer Besprechung schräg neben Leia stand… ist Carrie Fishers Tochter, Billie Lourd? Google, google… ja.

35_Ich bin froh, dass aus „Kylo ist Ben, Sohn von Han und Leia“ keine große Enthüllung im Finale gemacht wurde. Schade aber, dass Han und Leia nur ein Kind zu haben scheinen: Im alten Expanded Universe hatten sie Zwillinge – einen Sith-Sohn und eine Jedi-Tochter; später noch einen weiteren Jedi-Sohn, Anakin. Das Verhältnis zwischen Han, Leia und Kylo hat mich an Promi-Eltern erinnert, deren Kinder alle Möglichkeiten haben… und die ihre Eltern irgendwann hassen.

36_Insgesamt war Kylo weinerlich, abstoßend, nervig – doch das ist in Ordnung: Anakin war in Episode II und III genauso schlimm (Sith-Risikopersönlichkeiten). Mir machen solche unkontrollierten, selbstmitleidigen Jammer-Jungs viel mehr Angst als sortierte, gefasste, kontrollierte Staatsmänner und Machtmenschen. (Zwei andere Beispiele für „grotesk mächtig, grotesk verzogen“: Superboy Prime im DC-Universum bis 2011 und vielleicht der junge Lex Luthor in „Batman vs. Superman“)

37_Trotzdem stört mich, dass Adam Driver als Kylo genauso unbeholfen, aggro, spackig durchs Bild stapft wie in „Girls“. Dort nennt ihn Freund M. nur „der Affenjunge mit dem Affengesicht“. Ich stelle mir ein Kind von Han und Leia hübscher vor. Und, wichtiger: souveräner.

38_Es gab im ganzen Film keine Alien-Babes, Metallbikinis, Sklavinnen usw. Bei der Frau mit schwarzem Pony und Augen-Make-Up, die bei Maz Kanata mit einem dicken Alien auf einem Sofa loungte, dachte ich: „Na ja. Das ist die ‘Star Wars’-Version einer typischen deutschen/Berliner Clubberin.“ Überall waren Frauen: als Pilotinnen, Soldatinnen, Händlerinnen – keine war bloßes Eye Candy. Ich mochte auch, dass bei First Order und im Widerstand in jeder Szene viele nicht-weiße Komparsen und Kleinstrollen im Bild waren.

39_Der Film hat mich in jeder Minute blendend unterhalten – aber, wie gesagt: in keiner besonders bewegt oder zum Denken gebracht. Auch, weil die Figuren nur sehr unmittelbare Probleme hatten: Sie müssen irgendwo hin reisen, in Sicherheit kommen usw. Nur an sehr wenigen Stellen hat v.a. Finn die Möglichkeit, größere Entscheidungen über seinen Platz und seine Rolle zu treffen. Besonders in Episode I bis III mussten die Figuren mehr nachdenken, entscheiden. Alles war politischer, offener, unwägbarer – die nächsten Schritte waren oft nicht klar. Episode VII handelt fast gar nicht von Weltanschauungen und der Suche nach dem eigenen Platz. Mir fehlt das sehr.

40_BB-8 als, wörtlich, “der Droide, nach dem wir suchen“? Hm. Verkrampftes, unbeholfenes Zitat.


.
41_Die Flucht vor Han Solos wild kugelnden Tentakel-Tieren („Ratare“? “Rathgars”?) kam mir vor wie eine lustlose Indiana-Jones-Hommage.

42_Als vorher zwei Gangster-Gruppen Solos Frachter entern (wie eigentlich – ohne, bemerkt zu werden?), fiel mir auf, wie viele Figuren zwischen 20 und 35 viel Macht oder Verantwortung tragen. Das ist kein Vorwurf an die Autoren (Jugendwahn), sondern beschäftigt mich in-universe: Was wurde aus der Generation von Luke etc.? Im echten Leben dominieren die Baby Boomer. Bei „Star Wars“ sind die Älteren aus dem Spiel, politisch? All die Held*innen, die vor 30 Jahren das Imperium besiegten?

43_Eine Fan-Theorie zu Snoke, via Reddit: Was, wenn er nicht via Hologramm spricht – sondern aus einem Holocron? Die Aufzeichnung einer toten, vergessenen Sith-Persönlichkeit? Eine Art A.I.? Fände ich zeitgemäßer, komplexer, interessanter.

44_Die Hitler-Rede auf dem Appellplatz, der Stormtrooper-Nazi-Gruß etc. waren mir zu dick aufgetragen – vor allem, weil Episode IV 1977 Leni Riefenstahl zitierte – bei der Siegesfeier der Rebellen, nicht bei Ansprachen des Imperiums. Ich verstehe, dass Nazi-Ikonografie und Star Wars mittlerweile zusammen gehören… aber glaube, da kann man intelligentere, kompliziertere Bilder schaffen als „die Bösen sind böse wie Nazis!“

45_Poe klopfte vor allem beim Fliegen furchtbar altbackene, markige Sprüche. Die Dogfights und der Heroismus der Piloten erinnerten mich (wie fast immer bei X-Wing-Szenen) an den zweiten Weltkrieg, die Hangars der Rebellen wurden für Episode VII in England gefilmt, die Mode-Zitate bei den Flieger-Uniformen habe ich nicht erkannt… doch ich frage mich, ob Stil, Basis, Habitus, Kleidung, Werte der Rebellen dieses Mal besonders/noch stärker als sonst von der Royal Air Force inspiriert waren?

46_Mich macht müde, wie oft diese flapsig-tapfer-wackeren Pilot*innen ständig übers Flugfeld RANNTEN. In allen Außen-Szenen mit Leia hüpften hübsche, junge, mutige Menschen beherzt im Hintergrund herum wie… heroische Hündchen. Die Rebellen in z.B. Rogue One kommen mir viel müder, leiser und traumatisierter vor. Zwar liegen 40 Jahre zwischen diesen Rebellen-Gruppen. Doch Leias Leute scheinen mir, so oder so, viel zu munter.

47_Was wurde aus Maz Kanata? Ihre Statue stürzte. Sie selbst wurde vergessen, im restlichen Drehbuch?

48_Ich mag JJ Abrams nicht besonders – fand aber im Film keinen Moment, an dem sich seine Ticks und Handschrift so stark zeigten, dass ich dachte: „Abrams-Hasser halten diesen Film nicht aus!” Das abramshafteste schien mir Reys Frisur/Haltung/Attitüde: Ich musste den ganzen Film über an Kate aus „Lost“/Evangeline Lilly denken. Im Guten!

49_Dialog auf Reddit: „I felt it was super predictable. How many times can they keep doing a bigger and better battle station?“ – „Yes but it’s powered by the SUN this time!“ – „It was nice to see the First Order going green and not relying on fossil fuels or nuclear power for their planet destroying weapons.“

50_Ich mag alle Elternfiguren aus Episode I bis VI – Lars und Beru, Anakins Mutter, Leias Adoptiveltern – doch hasse, wie schnell sie abserviert/getötet werden. Dass Rey und Finn ohne Eltern aufwachsen, heißt: Episode VII bringt keine harmlosen älteren Randfiguren um, dem Plot zuliebe. Gut! Doch es heißt auch: Rey und Finn sind zwischen 20 und 30 – haben keine Bildung, keine Social Skills, keine Erfahrung im Umgang mit Menschen. Dass sich Rey sofort Han an den Hals wirft, als Vaterfigur, macht Sinn. Dass Finn so kompetent und ohne größere Kulturschocks als Deserteur leben kann, überzeugt mich nicht. Beide sollten VIEL mehr Schwierigkeiten haben. Auch miteinander.

star wars vii banner

.

51_In fünf Jahren öffne ich Jedipedia. Suche nach dem (auffälligen) Fingerring, den Leia trägt. Und finde drei bis fünf Romane und Fußnoten über seine Bedeutung und Geschichte: Das „Expanded Universe“ wird jetzt mit all diesen Figuren, Orten, neuen Details gefüttert. Ich bin gespannt, wie die Autor*innen und Redakteur*innen all solche Nebensächlichkeiten, Requisiten, Details in eigenen Geschichten weiter ausgestalten.

52_In Episode IV erwähnt Han Solo den „Kessel Run“ – ohne lange Erklärung. Auch in Episode VII wird immer wieder Vergangenes erwähnt, ohne Kontext und Details: Wer waren die vielen Zwischenbesitzer des Millennium Falcon? Woher kennen sich Maz und Han? Wer sind die „Ritter von Ren“? C-3POs roter Arm. Lukes Padawan. Reys Visionen. Vieles wird wohl in Episode VIII und IX enthüllt: wichtige Backstory. Der Rest aber ist Futter fürs Extended Universe.

53_Kylos grober schwarzer Stoff (und die idiotische Maske – ohne besondere Funktionalität, oder?). Fins Jacke und Unterwäsche. Hans Weste. Reys Leinen. Lukes Kapuze. Ich mag, wie nah die Kamera den Figuren kam. Wie körperlich, stofflich, verschwitzt, handfest gekämpft, gereist, geflüchtet wird, dieses Mal. Immer wieder forderten mich Szenen auf: „Stell dir vor, DAS ist dein Körper. Stell dir vor, DAS ist deine Kleidung.“

54_Die Lichtschwert-Kämpfe waren okay – aber keine besonderes Highlight. Ich mochte, dass Rey bei ihrer ersten Begegnung mit Kylo im Wald durch einen Hohlweg flüchtet und dann knapp zwei Meter nach oben steigt. Und bei ihrer zweiten Begegnung – anderer Planet, aber wieder Wald, ähnlicher Hohlweg – dieselben Schritte macht, bereits viel mutiger und souveräner.

55_Dass sich am Ende des Duells der Boden auftut, die Landschaft zum Jump’n’Run-Level wird, erinnerte mich ans ärgerlich schlechte, ärgerlich hanebüchene Duell zwischen Obi-Wan und Anakin in Episode III. Immer stürzt gleich ALLES ein, und alle retten sich in ALLERletzter Sekunde. Trash.

56_Episode I bis III macht auf einem kleinen Bildschirm wenig Spaß – weil die Kamera oft riesige CGI-Landschaften filmt. Gewusel, in denen ich die Helden aus dem Blick verliere. Episode VII ist sehr übersichtlich, aufgeräumt. Drei, vier Action-Szenen nahmen uns sekundenweise die Orientierung (Angriff der Stormtrooper aufs Dorf zu Beginn, Flucht des Millennium Falcon durch den Sternzerstörer, Poes Flug-Szenen), doch insgesamt kann man sich großartig in den jeweiligen Sets orientieren.

57_Weil die Kamera den Figuren viel näher kommt, entsteht Intimität.

58_Das heißt auch: Episode VII funktioniert auf kleinen Bildschirmen, beim Streamen usw. Kein Film, den man im Kino sehen muss – weil er sonst nicht wirkt. Es gibt viel zu bestaunen. Gute Tonmischung. Schöne Details. Aber Episoden I bis III auf einem Smartphone? Horror. Episode VII? Machbar!

59_Jar-Jar-Aufreger? Kinderkram? Albernheiten? Ich mochte „Wall-E“ nicht – und ärgere mich, dass BB-8 so viele Gefühle, Kitsch-Momente usw. zugestanden werden. Rührselige Roboter… das funktioniert für mich so gut wie… schmollende Laptos oder exzentrische Geldautomaten. Toll, dass Episode VII ohne Kinder auskommt. Aber müssen die Droiden behütet, bestaunt, bespaßt, bewundert werden? BB-8 als pfiffiges, doch etwas dummes Kind?

60_Kein Boba Fett. Schade. Keine Hutts. Gut! Mit beiden (und Lando) rechne ich in späteren Filmen. Irritierend an Episode VII: Jemand, der ohne Ton zuschaut oder noch keine anderen „Star Wars“-Episoden kennt, denkt sicher, Stormtrooper seien die wichtigste visuelle Konstante: Sie sind ÜBERALL. Die Kamera liebt sie, dieses Mal. Ich weiß nicht, woher diese Begeisterung/Faszination für gesichtslose und nicht-sehr-schlaue Soldaten kommt.

.
61_Die Chemie zwischen Daisy Ridley und John Boyega? Immens! Ich glaube, wegen Boyega.

62_Die Chemie zwischen Jasoon Isaacs (Poe Dameron) und John Boyega? Auch immens. Huch. Ich glaube, Boyega schafft das mit jedem Szenen-Partner… außer Chewbacca. Ein schwuler Bekannter twitterte vor der Premiere, dass er Poe und Finn gern als Paar sähe. Ich dachte: „Wie albern. Unbedingt Figuren shippen – ohne, dass man ihr Verhältnis, ihre Geschichte, Hintergründe kennt?“ Jetzt, wo ich Finn und Poe zusammen sah, bin ich sicher: Das wird eine große Nummer beiFanfiction-Autor*innen. Wegen Boyegas Charme. Und, weil Poe bisher einen munter-asexuellen Royal-Air-Force-Boy spielt. Bis mindestens zur Premiere von Episode VIII sind alle vier jungen Hauptfiguren – Kylo, Rey, Finn, Poe – überraschend leicht als queer/nicht-heterosexuell lesbar, denkbar, vorstellbar.

…Edit, 19. Dezember: Der Hashtag für Poe/Finn ist #stormpilot

63_“Das, wonach es dir verlangt, liegt nicht hinter dir, sondern vor dir“. Einer der wenigen „spirituellen“ Sätze in Episode VII: Maz Kanata ist dieses Mal die einzige Figur, die mit den Helden länger über Jedi-Wissen sprechen kann. Rey sehnt sich nach ihrer Familie. Maz sagt: Du hast sie nicht verloren – du findest sie erst noch.

64_Wurde dieses Mal nur in Tunesien und Europa gefilmt? Eine irische Insel, Island oder Skandinavien, ein paar mitteleuropäische Wälder – zum ersten Mal können deutsche Kinder sagen: „Ich gehe in den Wald und spiele ‘Star Wars’.“ Statt Endor/Ewoks dieses Mal: sehr europäische Bäume, Landschaften.

65_Städte, Metropolen, hektische Planeten spielen keine Rolle: Wir bleiben in der Provinz, im Abseits, in der Wildnis oder im Versteck – dabei aber, falls ich das richtig verstand: trotzdem eher im Zentrum der Galaxis, selten im Outer Rim. Coruscant wird nicht erwähnt.

66_In der Hyperraum springen, noch in der Atmosphäre eines Planeten? Das geht?! Das wurde noch nie gezeigt. Schnell hin und her reisen, in (deutsche Synchro:) „Lichtgeschwindigkeit“? So leicht?! Dass der Millenium Falcon zu Beginn von Episode VII flugtüchtig und vollgetankt ist, störte mich. Dass alle Parteien ohne Mühe und lange Wartezeit von Planet zu Planet hopsen – fast, als würden Schiffe gebeamt – lässt die Erzählwelt klein erscheinen. Mit drei, vier Sätzen hätte das Drehbuch helfen können. Noch nie fühlte sich Raumfahrt in „Star Wars“ so banal, prosaisch, einfach an. Und Planeten so eng. Erstmal irgendwo gelandet, scheint alles notfalls sogar zu Fuß erreichbar.

67_Die Nebenfigur, die mich am meisten störte: Snap Wexley, der dickliche X-Wing-Pilot mit Vollbart, der GENAU SO aussieht, wie sich Lucasfilm wohl jahrzehntelang die Zielgruppe vorstellte. Gemütliche, bärige Kind-Männer. Der stereotype „Star Wars“-Fan. Erst später verstand ich: Das ist Abrams’ Kumpel Greg Grunberg – den ich aus u.a. „Felicity“ und „Lost“ (und „Heroes“) hätte erkennen können.

68_Statt Tatooine (Drehort Tunesien): Jakku (Drehort Tunesien). Statt Obi-Wan: Han Solo. Statt dem Todesstern: die Starkiller-Base. Statt der Cantina: Maz Kanatas Bar. Statt den Dschungel-Tempeln auf Yavin IV: Maz Kanatas Wald-Tempel. Statt R2s wichtigem Hologramm: BB-8s wichtiges Hologramm. Statt der Zerstörung des Todessterns via Achillesverse: Zerstörung der Starkiller-Base via Achillesverse. Und, vielleicht am lächerlichsten: In Episode IV wird Alderaan zerstört. In Episode VII 5 (!) Planeten eines Systems. Und trotzdem wirkt es lapidarer, weniger bedeutend. Overkill.

69_Ich bin nicht sicher, warum der First Order über den Angriff auf die 5 Welten spricht, als sei damit „die Republik“ vernichtet. Sitzt die Republik auf diesen fünf Welten? Haben Luke, Leia, Han diese Republik aufgebaut? Wie stehen „Widerstand“ und „Republik“ zueinander? Und: Warum ist Hans Tod eine größere Tragödie für die munteren Widerständler als das Ende von 5 (!) Welten, mit u.a. der einzigen Metropole, die man in Episode VII sah?

70_In Episode III war ich enttäuscht, weil die dramatischste und wichtigste Szene – Palpatine gibt Order 66, die Klone töten die Jedi – nur eine schnelle Montage bleibt. In Episode VII nehme ich den Starkiller nicht ernst genug – weil die 5 Welten so nebensächlich scheinen, ihre Vernichtung opernhafter Kitsch.

star wars vii banner

. .

71_Einer der besten (aber sehr selbstverliebt-langen) Storytelling-Essays zeigt die Ring-Dramaturgie der beiden „Star Wars“-Trilogien: Episode I bezieht sich nicht nur auf Episode IV, sondern noch viel mehr – Überraschung! – auf Episode VI. Mit Episode VII beginnt ein andere, langweiligere Struktur: Gibt es fortan „Regeln“ wie „Im ersten Teil jeder Trilogie spielt ein Wüstenplanet eine große Rolle“ oder „Ein Mentor wird getötet: die älteste Hauptfigur überlebt Teil 1 einer Trilogie auf keinen Fall“? Mir kam vieles in Episode VII zu Schema F vor: Als müsste es passieren, weil es in Episode VI und Episode I passierte.

72_Gab es einen „Han shot first“-Moment? Mir ist nichts aufgefallen.

73_Der Untertitel, „Das Erwachen der Macht“, lässt Episode VII bedeutender klingen, als sie sich anfühlt: ein wichtiger Wendepunkt für die ganze Galaxis? Bisher scheint einfach nur Rey zu merken, dass sie die Macht spüren kann („force-sensitive“ ist). Aber nun gut: In „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ kamen auch nicht sehr viele Jedi zurück.

74_Warum nicht „Die Macht erwacht“? Bäm.

75_Rey als Lukes Tochter? Eine Möglichkeit – aber nicht besonders wichtig oder spannend: Ich mag keine Fantasy-Welten, in der alle begabten Figuren aus derselben Familie stammen. Schöner, falls Rey Plebs und nur zufällig sehr machtbegabt/force-sensitive wäre.

76_Schön, wie viele Szenen im Film spannend werden, weil Figuren über etwas SPRECHEN, das nicht gezeigt wird. Ich mochte Reys Vision bei Maz Kanata – aber freute mich, dass die Gedanken-Duelle zwischen Rey und Kylo, das Gespräch zwischen Han und Kylo, Leias Erinnerungen etc. ohne Rückblenden, Montagen auskamen: Ein paar der eindrücklichsten und wichtigsten Ereignisse hat Episode VII nur in Sprache/Worten gezeigt. [Macht „Star Wars“ aber oft so.]

77_Ich sah keinen besonderen Disney-Einfluss. Ich sah auch überhaupt keinen Willen, einen neuen Stil, Tonfall für Blockbuster zu finden: Seit „Fluch der Karibik“ sind viele große Franchises flapsig, überdreht. Umgekehrt gibt es viele überraschend dunkle, blutige, raue Jungs-Franchises. Episode VII wollte „Star Wars“ im Jahr 2015 sein – nicht: den Blockbuster neu erfinden. Ich mag das – aber bin unsicher, ob Episode VII ein einflussreicher, maßgeblicher Film sein kann. Wagnisse, Experimente, eine neue Ästhethik fehlen hier.

78_Ich hatte eine Kinokarte für die Original-Verson, aber ging in den falschen Saal. Ich mochte die Syncho (während des Film fragte ich mich: Heißt es in Deutschland schon immer „Widerstand“ statt „Rebellen“? Sind „Widerstand“ und „Rebellen“ verschieden? Ja. Mehr hier.). Score/Musik waren gut, doch an keiner Stelle besonders. Das 3D unaufdringlich, souverän. Adam Driver hätte ich lieber im Original gehört, und bei Figuren wie Poe und den First-Order-Schnöseln fragte ich mich, ob sie mit britischem Akzent sprechen.

79_Trailer vor Filmbeginn: Tarantinos „Hateful Eight“, „Independence Day 2“ (furchtbares 3D) und ein sehr kurzer „Batman vs. Superman“-Trailer. Der schlimme „Star Trek: Beyond“-Trailer fehlte.

80_Werbung: keine „Star Wars“-Produkte, keine Disney-Artikel, keine Videospiele oder typische Jungs-Dinge… sondern vermutlich das, was gerade in jedem Berliner Kino vor jedem Film läuft: ein Image-Clip für BILD, Krankenkassenwerbung für die BKK (auch Homöopathie), Lays Chips, Pepsi Max, Spotifys Best-of-2015-Seite. Eine sympathische BVG-Kampagne, “Hauptstadtpoesie”. Ein beschissen reaktionärer Spreequell-Spot, “Volle Pulle Leben”. „Star Wars“-spezifisch nur eine Reisekampagne für Tunesien, #truetunisia.

.

81_Im Netz wird „The First Order“ manchmal als TFO abgekürzt. „The Force Awakens“ auch. Entscheidet euch!

82_Viele (männliche?) Reddit-User sind verärgert, wie kompetent und wichtig Rey ist – auch im Vergleich zu Finn: Das Kinoplakat zeigt eine junge Frau (Rey) mit Kampfstab. Daneben, deutlich kleiner, Finn mit Lichtschwert. Ein Jedi? Nein: Die Größenverhältnisse von Rey, Finn und BB-8 entsprechen zwar ihrem tatsächlichen Raum im Film. Doch Finn ist so überfordert mit dem Lichtschwert… es wäre stimmiger/sinnvoller, Rey mit Schwert zu zeigen. Zwar nahm ich Finn durchgängig als Sympathieträger wahr. Doch Kinoplakat und Trailer haben mich nicht darauf vorbereitet, wie sehr Rey diesen Film dominiert.

83_Ein Ekel-Userkommentar auf ZEIT Online wünscht sich bei Rey, Finn und Poe die selbe Rollenverteilung wie bei Leia, Luke und Han in Episode IV. „Die Prinzessin, der Ritter und der Cowboy“. Stimmt: so simpel sah ich das noch nie! Gute Zusammenfassung von Episode IV.

84_Zu Episode VII passt es nicht: Rey und Finn sind sich sehr ähnlich – überforderte, idealistische Waisenkinder. Poe ist der 40er-Jahre-Galan, -Spion, -Kriegsheld, Jack-of-all-Trades; Han übernimmt Obi-Wans Rolle. Prinzessinnen, Damsels in Distress, Frauen, die vor allem als Love Interest funktionieren, kommen nicht mehr vor.

85_ Dass Rey so mächtig ist, störte mich nicht – denn sie selbst war davon am überraschtesten. Mir gefiel, wie überrumpelt-aber-vorsichtig sie versuchte, ihre Kräfte auszuloten. Ohne, sofort ausgiebig mit Han, Finn, Maz zu sprechen.

86_Eine Fan-Theorie: „Rey was born without a father, just like Anakin.“ Das hatte ich vergessen – und ich bin froh darum. Bitte nicht wieder dieser Messias-Mist.

87_Das letzte „Star Wars“-Musikstück, das Eindruck auf mich machte, stammt aus Episode I: Duel of the Fates. In Episode VII gab es keine Komposition von John Williams, die so prägnant war.

88_Reddit-Kommentar zur Flucht von Finn und Poe: „In their escape from the First Order, Finn unthinkingly kills more people than were even present at the village massacre. I get that the first order are the baddies but these are people he’s been living with his entire life.“ Stimmt. Ich bin kein Fan von Helden, die ihre Gegner töten. Kann aber damit leben, dass alle Star-Wars-Helden das tun: Das war schon immer so, seit 1977.

89_Die erste Trilogie hatte viele Samurai- und ZEN-Momente. Die zweite Trilogie Amidalas Kostüme. In Episode VII sah/fand ich nichts, das mich an Japan erinnerte.

90_Gerade ergoogelt/gefunden: die Berlin-Mitte-Frau aus Maz Kanatas Bar heißt Bazine Netal – und ist Kopfgeldjägerin.

star wars vii banner

.

91_Meine 10 Lieblingssätze aus der – ingesamt: sehr guten – Spekulation/Zusammenfassung von „Making Star Wars“ (Link): „Poe Dameron places [Luke’s] lightsaber inside BB-8 and orders him to flee [on Jakku]“, „Finn feels ill. He takes off his helmet, and vomits“, „Rey tries to help by releasing the ship’s cargo (which appears to be livestock, potentially giant space pigs)“, „Maz Kanata is a pirate at a secret location on Yavin IV“, „VISION: There is what looks to be a Jedi Academy, and the dead bodies of padawans are on the ground. Luke Skywalker shows up, too late“, „Rey may learn that she is the lost daughter of Han Solo“, „The Resistance Base, which seems to be on the other side of Yavin IV“, „Queen Leia’s own superweapon, the Sledgehammer, is destroyed. It falls into the atmosphere of the planet and breaks apart.“

92_Ich musste lange googeln, um Foto und Name der Guavian Enforcers (Link) zu finden. Fans lieben bereits Boba Fett und die Imperial Guard. Ich bin recht sicher: Diese neuen roten Kostüme/Helme/Krieger sind im Film, damit sie Cosplayer und Rüstungs-Nerds begeistern.

93_Episode IV bis VI zeigt einen asymmetrischen Krieg: Rebellen gegen totalitäre Besatzer. Episode I bis III zeigt, wie eine Republik zerbricht – mit vielen, überraschend komplexen Parallelen zu Weimar, Reichstagsbrand und dem Ermächtigungsgesetz der Nazis. Ich war mir vor Episode VII sicher: Dieses Mal wird es um Gesellschaften gehen, die eine Besatzung hinter sich haben, mit Parallelen zu Afghanistan, Pakistan, mit Terrorzellen und religiösen Splittergruppen… eine New Republic in der Rolle Amerikas, und der First Order als IS? Episode VII ist nicht besonders militaristisch. Aber auch nicht besonders Post-Terror. Zu meiner Überraschung kein „Hier sieht man, was heutzutage mit der Welt nicht stimmt“-Film.

94_Episode VII ist der unpolitischste, naivste „Star Wars“-Teil: Ich weiß nicht, wer hier regiert, entscheidet, kämpft. Wie diese Machtstrukturen entstanden – und was Zivilisten von ihnen halten.

95_Bei aller Sympathie für Han und Leia: Was haben sie in 30 Jahren aufgebaut? Ist Leia Diplomatin? Wofür steht die New Republic/Resistance? Wie konnte SO wenig anders, besser werden in 30 Jahren? Womit habt ihr euer Leben verbracht? Der Opening Crawl hilft nicht: „With the support of the REPUBLIC, General Leia Organa leads a brave RESISTANCE.“ Was heißt das?

96_Reddit-User Demoa, unzufrieden: „I had a bit of an issue with having the Millenium Falcon randomly be on Jakku stationned right next to where they need an escape but I thought “the movie has been so good so far let’s just roll with it”. But then Han Solo shows up in the most random way possible to pick them up and then the movie completely fell apart for me. The whole Maz Kanata thing was a trainwreck too. “Hi I’m a pirate, I’m also 1000 years old, I also talk like a Jedi, but I have no powers, and by the way I have this awesome lightsaber that I got somehow.”

97_Facebook-Freund Lars Weisbrod, unzufrieden: „Wollte den neuen Star Wars sehen, aber irgendwie haben sie im Kino die Filme vertauscht und noch mal “A New Hope” gezeigt.“

98_Oft hat ein “Star Wars”-Showdown mehrere Stränge: Episode I hatte vier, mit zu verschiedenen Stimmungen. Der Showdown von Episode VII bleibt durchgängig bei Finn-Han-Rey, springt immer nur sekundenweise zu Poe und den anderen X-Wing-Piloten. Ein großer Unterschied, dramaturgisch. Einfacher. Übersichtlicher.

99_Die grafischen Szenenwechsel, Überblendungen der ersten Trilogie machten mir keinen Spaß. In Episode I bis III wurde das weiter aufgewärmt. In Episode III zählte ich nur drei solcher Momente. Gut!

100_Ich sah Episode VII in Berlin: Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg, Mitternachtspremiere, 3D/Deutsch. Fast alle waren 25 bis 40. Viele Zweiergruppen, Freundeskreise, immer mit Männern: Ich sah keine einzige Frau allein – und keine Frauen-/Freundinnengruppe. Knapp die Hälfte des Kinos war besetzt.

.

längere Artikel zum Film, die ich mochte: