Festival

Lohnt sich PROSANOVA – Festival für junge Literatur? [8. bis 11. Juni 2017, Hildesheim]

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8. bis 11. Juni 2017 | Hildesheim

über 60 Autor*innen & Künstler*innen

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Zeitschrift BELLA triste  |  Studiengang Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus

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“Das studentische Team hat Wände gestrichen, Teppiche verlegt, Holzinseln gezimmert und Toiletten vergoldet.”

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“Der Schulranzen mit eingebauten Lautsprechern pumpt Beats in die fast fertige Cafébar.”

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“Lena und Martha sind gestern neun Stunden Transporter gefahren, um kostenlose Möbel von Hannover aufs Festivalgelände zu bringen.”

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“Auf dem Festivalgelände dürfen die Brennnesseln nicht vernichtet werden, weil für einige Schmetterlinge gerade Nistzeit herrscht.”

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“Es gibt noch nichts mit Glitzer. Es gibt was mit Hobelspänen und Sägen und Computern.”

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“Als es noch keine Vasen gab, haben wir Bierflaschen vergoldet.”

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„Nee, diese neuen, diese Schriftsteller oder wie sie sich nennen, die fangen immer Sätze an und beenden sie dann nicht. Und ich kann auch nichts damit anfangen. Da werden einem so Bruchstücke vorgeworfen und dann muss man gucken, wie es weiter geht.“ [beim Friseur um die Ecke]

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“Nachtschwärmer dösen in den Betten. Auf der Leinwand lesen virtuelle junge Leute.”

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„Lektoren, das sind einfach bessere Menschen. Bloß keinen Autor heiraten! Die sind wahlweise unglücklich, also von Selbstzweifeln zerfressen, oder im Höhenflug. Am Anfang denkste dir, das ist jetzt halt wegen dem Debüt, aber nee, das bleibt. Widerlich. Also: Hier laufen ja einige Lektoren rum. Ich muss los!“

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„Christina ist schon bevor sie das Diplom machte, mit ihrem Lebensgefährten an den Bodensee gezogen, um dort als Köchin in der Natur- und Wildnispädagogik zu arbeiten.”

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„All die kleinen Szenen, Begegnungen und Selbstdarstellungen des Publikums erinnern mich an Filme von Federico Fellini (1920-1993). Die ganze Kleidungsästhetik der Besucher ist später Fellini. Die Paletten sind Fellini, die alten Sofas, die ewige Sonne, die Gespräche, die Musik, das Herumstreunen und Herumschleichen – alles Fellini!“ [Autor Hanns-Josef Ortheil, 65; Gründer des Hildesheimer Studiengangs Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus]

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„Wir gehen durch, wir gehen ins Foyer, zur Veranstaltungstabelle, zum Kiosk, durch den Flur zur Mensa. Die Lesung hat noch nicht angefangen.“

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„Wir gehen raus auf den Schulhof. Wir gehen hoch, wir gehen in den Litroom. Wir gehen durch. Wir gehen auf den Schulhof. Diesmal andersrum. Wir gehen zur Mensa.”

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„2014 feiern wir PROSANOVA in einer leerstehenden Schule. In einer Schule, denke ich, ausgerechnet in einer Schule und schon denke ich Foucault, denke Überwachen und Strafen.“

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“Wir erfahren: in der Hauptschule am Alten Markt sind die ersten Mobbing-Videos Deutschlands entstanden.“

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„In dieser Schule wird getrunken, gefeiert und gevögelt werden. Die unsportlichen Bücherwürmer von früher haben sich zu Organisatoren der Maßlosigkeit entpuppt. […] Es geht darum, Jungautoren so sehr abzufüllen, dass man ihnen die Haare beim Kotzen halten wird.“

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„Marina und ich haben berechnet, dass wir ungefähr 10.000 Klopapierrollen bei Metro kaufen müssen, Marina will von allen Sachen 1000 kaufen, weil sie 1000 liebt.“

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„Wir arbeiten per Hotspot, weil der Techniker von der Telekom, der uns am Mittwoch das Internet bringen sollte, am Festivalgelände kein Klingelschild mit ‚BELLA triste‘ gefunden hat.“

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“Ich sehe zukünftigen Bachmannpreisträgern beim Aufbau einer Bühne zu.”

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„Auf wen oder was freust du dich am meisten?“ – „Tilman Rammstedt. Ich hoffe, ich darf ihn vom Bahnhof abholen.“

 

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“Ich nicke Thomas Klupp zu, ich grinse Helene Bukowski an, ich nicke Benjamin Quaderer zu, ich zwinkere Fiona Sironic zu, ich nicke Stefan Vidovic zu, ich grüße Florian Stern mit Handschlag, ich nicke ihm zu, ich lächle Katrin Zimmermann an, ich schlage mit Alina Rohrer ein, ich winke Fabian Hischmann zu, ich winke ab, ich schüttele den Kopf, ich lasse ihn hängen, ich nicke Ferdinand Schmalz zu.”

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“Auf einer der Holzbänke ist eine Frau ganz in einen E-Book-Reader versunken. Ich glaube, sie ist die erste Person, die ich auf PROSANOVA abseits der Bühnen lesen sehe.”

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„Dass so viele Ehemalige da sind, ist der beste Beweis dafür, dass die Hildesheimer Literatenschule keine bloße Schule ist. Sie ist eine Atmosphäre, eine biografische Heimat, eine Zeit- und Raum-Insel von großer Schönheit.“ [Ortheil]

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„Kai sagt, die alte Intimität sei wieder da, die Intimität von PROSANOVA 2005. Lagerfeuer, dicht zusammen sitzen, horchen und flüstern“

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Komme ich mit dem, was hier geboten wird, irgendwie zurecht oder weiter?, fragen sich die Alumni. „Einige genießen auch die Nostalgie der Rückkehr. Für sie ist Hildesheim jetzt eine leicht berührende Erinnerungsarbeit.“ [Ortheil]

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„Seit über zehn Jahren sind Paul Brodowsky, Thomas Klupp und Claudius Nießen der Schreibschule treu. Thomas umschifft elegant die unangenehmen Themen (Kesslerdebatte, Konkurrenzdruck, Vetternwirtschaft), er strahlt ins Publikum: Schreibschule, das sind warme, vereinende Strahlen der Liebe.“

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„Weil doch derzeit nichts Schwachsinnigeres und Dümmeres in unseren Feuilletons grassiert als die Schreibschulverdammnis: Unrecherchiert. Phrasenhaft. Reiner Feuilletonmüll. Und leider stimmt auch in der Polemik unseres geliebten Flo Kessler, den Hildesheim aufgezogen, genährt und gepäppelt hat (bis es ihm zuviel werden musste und er das Zuviel ausgekotzt hat) kaum etwas.“ [Ortheil]

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„Leif Randt liest von einem Planeten und der Universität dort, und lässt wie gewohnt alles in der Schwebe“

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„Jeder ist eingeladen, aber nur ganz bestimmte Leute kommen dann auch.“ [Ortheil]

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„Christian Kracht kommt dieses Mal nicht zu PROSANOVA, weil er in Afrika wohnt“

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“Talent ist Verpflichtung.” [Ortheil]

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Seit 2005 findet PROSANOVA alle drei Jahre statt:

2005 war ich Student und Praktikant, 2008 Mitglied der Künstlerischen Leitung, 2011 zum ersten Mal seit drei Jahren als Besucher zurück in der Stadt, 2014 moderierte ich ein Gespräch mit Kathrin Passig.

Auch 2017 bin ich da, und schreibe/blogge u.a. für die Festival-Dokumentation.

Nach jedem PROSANOVA-Festival erscheint ein Buch mit Snapshots, Szenen, Poetik- und Journalismus-Texten. Alle obigen Zitate sind nicht von mir, sondern von Imke Bachmann, Ronja von Rönne, Florian Stern, Michael Wolf und Juli Zucker, erschienen in “Prosanova 4. Ein Kommentar”, herausgegeben von Florian Stern und Hanns-Josef Ortheil, Edition Paechterhaus, 2015. Hier bestellen.

Leseprobe: Link

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Video von mir, zur Arbeit an PROSANOVA 2008:

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Prosanova 2011, Hildesheim: Eine Welt für sich.

Restaurierte Räume, viel Liebe zum Detail:

Für die Prosanova-Festivalzeitung schrieb ich am Sonntag eine kurze Glosse über die Mühe, den Charme und die Absurdität einer Festival-Welt, die nur vier Tage lang existiert.

Hier der Link zum .pdf.

Mäuseköpfe, überall.

An vielen toten, hässlichen, banalen Stellen in den Disney-Themenparks haben die Disney-Gärtner, Disney-Maler, Disney-Handwerker und Disney-Architekten eine geheime, liebevolle Störung eingebaut: Die Silhouette des Kopfes von Micky Maus, getarnt als Blumenranke, Astloch, Schraube, Mosaik oder Tapetenmuster, versteckt in tausend Winkeln und in jeder Größe, geprägt in jedes denkbare Material.

Es geht um Utopien, Gegenwelten. Neue Räume.

Es geht um Handwerk und Details.

Es geht um Sinnlichkeit, um Gastfreundschaft. Um einen kurzen, liebevollen Blick.

Die Orte von PROSANOVA sind das Anti-Disneyland: ein leeres, ausgeweidetes Möbelhaus. Eine bankrotte Gummifabrik. Räume, die ihre Funktion verloren haben. Hallen, die keiner länger nutzt und braucht.

Vier letzte, kurze Tage lang wird eine Utopie und Gegenwelt gebaut – und jede Blumenvase dieser Gegenwelt möchte gekauft oder geliehen, gespült, befüllt, ins beste Licht gerückt, sortiert und anschließend geputzt und wieder vom Gelände befördert sein:

Die Disney-Parks gibt es seit 40 Jahren – und PROSANOVA nur knapp 80 Stunden lang. Die Disney-Räume sind aus einem Guss – doch PROSANOVA eine Serie aus Kompromissen, Experiment, Improvisation. Disney hat hochbezahlte „Imagineers“, die eigene Schrauben, Blumenranken, Astlöcher (und ganze Bäume!) bauen. Und PROSANOVA?

Hat unbezahlte, aber genau so manische, detailverliebte, bekloppt-charmant-verspielte Weltenbauer: Ivana Rohrs Albino-Kaktus im Foyer der „Nichts bleibt, Baby!“-Installation. Die beiden rammelnden PROSANOVA-Dackel am Fuß der Rampe für die Panzer. Die Kickboxer, an die Konzert- und Partyhalle gesprüht – mit einer teuren Leuchtfarbe, weit über dem Budget.

Es geht um Utopien, Gegenwelten. In Räumen, die knapp 80 kurze Stunden leben.

Es geht um Mäuseköpfe.

Es geht um Liebe.

Stefan Mesch

…hier ein Link zu Disneys geheimen ‘Hidden Mickeys’ (Wikipedia).