Feminismus

Wonder Woman: die 10 besten Comics (Buchtipps, Lesereihenfolge, Empfehlungen)

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Batman und Superman haben seit 50 Jahren immer wieder neue TV-Serien und Kinofilme. Ihre Städte, Gegner, Liebes- und Vorgeschichten sind bekannt. Wonder Woman (1941) ist fast genauso alt – doch wieder und wieder wird ihr Hintergrund verändert: eine tolle Figur – der oft die tollen Autor*innen fehlen.

Hier sind meine persönlichen Empfehlungen: lesenswerte Comics – für Einsteiger und Fans.

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01 – DC Helden

Superman Batman DC Helden

[Link] …von Paul Dini, Zeichnungen (nein: Gemälde!) von Alex Ross:

Fünf großformatige, kurze, bildlastige Helden-Portraits als wunderbarer Sammelband. Je eine – recht menschliche, gefühlvolle – Begegnung mit Superman, Batman, Wonder Woman, Captain Marvel/Shazam, dazu ein Abenteuer der Justice League und eine Handvoll weiterer Helden-Kurzbiografien. Ein Bilderbuch. Ein Coffee Table Book. Ein Buch zum Kennenlernen, Verschenken – und Staunen. [Hier die US-Ausgabe.]

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02 – Trinity

superman batman trinity

[Link] …von Matt Wagner:

Eine recht kurze, etwas simple/kindische Geschichte über die ersten Begegnungen von Superman, Wonder Woman und Batman. 50er-Jahre-Atmosphäre – charmant, für Kinder und Kindsköpfe. Im Gegensatz zu Tipp 1 kein Buch, für das ich viel Geld ausgeben würde. Im selben Stil, sehr lesenswert; aber mit einer recht kleinen Rolle für Wonder Woman: „The New Frontier“ von Darwyn Cooke.

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03 – A League of One / The Hiketeia

[Link] …von Christopher Moeller

Ein charmantes Kinder- und Märchenbuch über Wonder Womans Versuch, eine unterirdische Zivilisation vor einem Drachen zu retten: kindlich, harmlos, kurz und recht naiv… aber toll zum Vorlesen oder als Gute-Nacht-Lektüre, macht Lust auf die Figur. Etwas erwachsener, aber genauso schnell gelesen: „The Hiketeia“, eine Kurzgeschichte, in der Batman und Wonder Woman in Gotham City kämpfen. „The Hiketeia“ ist die Eröffnung eines viel längeren, komplexeren Wonder-Woman-Epos von Autor Greg Rucka, das ich sehr mag. Doch für sich allein funktioniert das Buch gut als… Häppchen zum Kennenlernen. [Link]

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04 – Wonder Woman: The True Amazon

[Link] …von Jill Thompson

2002 bis 2006 schrieb Greg Rucka moderne, sehr politische „Wonder Woman“-Comics. 2011 bis 2014 schuf Brian Azzarello ein blutiges, aber originelles Fantasy-Epos über Wonder Womans Krisen mit Zeus und Hera. Wer klagt, es gäbe kaum gute Geschichten über die Amazonen-Prinzessin, irrt. Was bisher aber schmerzlich fehlte: Bücher für Kinder im Grundschulalter. Jill Thompson zeigt in fast naiven Aquarellen, wie Diana als verwöhnte, hochmütige junge Thronerbin um die Bewunderung der Amazonen aus dem Hofstaat ihrer Mutter kämpft – doch an Stallmeisterin Alethea scheitert. 120 Seiten lang glauben wir, zu lesen, wie aus Diana eine Heldin, Diplomatin und „True Amazon“ wird. Tatsächlich aber nimmt die Geschichte, wie in einem archaischen Märchen, eine existenzielle, überraschend kraftvolle Wendung. Als Kind hätte mich das Buch über Jahre begeistert und schockiert. Noch heute, mit 34, kann ich die Fortsetzung nicht erwarten. Harmlose Bilder. Doch die allergrößten Fragen, Themen, Konflikte.

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05 – Wonder Woman (1987)

Batman v Superman, Wonder Woman Perez

[Link] …von George Perez (Text und Zeichnungen):

Ein Klassiker – zeitlos, aber unfassbar achzigerjahrig. In vier Sammelbänden (…und Fortsetzungen, mit neuer Zeichnerin, die ich noch nicht kenne) erzählt George Perez die Anfänge, ersten Schritte von Diana jenseits ihrer Amazonen-Heimat. Alles ist überfrachtet, pomadisiert, verschnörkelt, barock. Und trotzdem so charmant, sich-selbst-und-seine-Figuren-ernst-nehmend, dass man bis heute mit Genuss lesen kann.

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06 – Sensation Comics (Sammelband 3)

[Link] …von verschiedenen Zeichner*innen und Autor*innen

Kurzgeschichten zwischen 10 und 30 Seiten, erst digital veröffentlicht, dann als Heftreihe und Sammelband. Ich mochte Sammelband 2 der „Superman“-Kurzgeschichtensammlung „Adventures of Superman“, und Sammelband 3 der folgenden „Wonder Woman“-Sammlung: sympathische Vignetten, Episoden und Experimente, leider oft recht konventionell/zweitklassig gezeichnet. Ein schöner Weg, viele Facetten der Figur kennen zu lernen und zu sehen, wie unterschiedliche Autor*innen kurze, manchmal originelle Fragestellungen an die Heldin tragen.

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07 – The Legend of Wonder Woman

Batman v Superman, Legend of Wonder Woman

[Link] …von Renae de Liz, Zeichnungen von Ray Dillon:

Manchmal sind Comics halbkompetent geschrieben, erzählt – doch laugen mich nach wenigen Seiten aus: Figuren aus “The Walking Dead” sagen zu viele Dinge dreimal. Ihre Sprechblasen sind überfüllt, die Dialoge hölzern. Auch “The Legend of Wonder Woman” krankt an solchen unpräzisen, öden Geschwätzigkeiten. Alle Frauen hier sehen aus wie Disney-Prinzessinnen. Doch kindgerecht ist die Geschichte über Dianas erste Jahre als Kriegerin und Diplomatin trotzdem nicht: Kein Kind hätte Nerven für so langatmiges Geblubber. Solide Geschichte, toll für Leser*innen ab ca. 9. Aber: uff. Kürzt diese Paraphrasen!

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08 – Wonder Woman, “Identity Crisis”, “Infinite Crisis”

Batman v Superman, Identity Crisis

[Link] …von Greg Rucka (meinem Lieblings-Comicautor), Geoff Johns und vielen anderen:

Seit 2003 war Wonder Woman vor allem Diplomatin. Trotzdem musste sie hin und wieder in den Hades steigen, oder in einem Footballstadium wie eine Gladiatorin gegen Medusa kämpfen. Eine moderne, kultivierte Frau – in archaischen Rollen, tragischen globalen und persönlichen Konflikten. Rucka schrieb zur selben Zeit auch “Superman”-Comics, und beide Reihen mündeten in einem (großartigen) Justice-League-Crossover, “Identity Crisis” und, 2006, “Infinite Crisis”. Ich habe hier [Link, Punkt: ‘Identity Crisis, 2005’] aufgeschrieben, in welcher Reihenfolge diese fünf bis ca. 15 Bände am meisten Spaß machen. Lesereihenfolge am besten:

(1) Wonder Woman: Down to Earth, 160 Seiten, DC Comics 2004
(2) Wonder Woman: Bitter Rivals, 128 Seiten, DC Comics 2004
(3) Wonder Woman: Eyes of the Gorgon, 192 Seiten, DC Comics 2005
(4) Brad Meltzer: Identity Crisis, 288 Seiten, DC Comics 2005
(5) Wonder Woman: Land of the Dead, 128 Seiten, DC Comics 2006
(6) Batman: The OMAC Project, 256 Seiten, DC Comics 2005
(7) Superman: Sacrifice, 192 Seiten, DC Comics 2006
(8) Wonder Woman: Mission’s End, 208 Seiten, DC Comics 2006
(9) Geoff Johns, Phil Jimenez, George Perez: Infinite Crisis, 264 Seiten, DC Comics 2006

…und dann gern weiter zu „52“ (vier Bände)

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09 – Wonder Woman (New 52, Band 1 bis 6)

Batman v Superman, Wonder Woman

[Link: 6 Bände] …von Brian Azzarello, Zeichnungen von Cliff Chiang:

Diana muss eine junge Schwangere beschützen – vor dem Zorn der Götter, sechs Sammelbände lang. Simple, aber stilsichere Zeichnungen. Kluge, schnippische Dialoge und Figuren. Nur Wendungen hat diese Odyssee durch London und die antike Unterwelt fast keine; und zwischen den pompösen griechischen Gottheiten wirkt Diana zu oft wie eine machtlose, zufällige Randfigur. Ich kenne keine zweite Mainstream-Comicreihe aus den letzten Jahren, die 30 Hefte lang auf gleichbleibend hohem Niveau eine schlüssige, anspruchsvolle Geschichte erzählte. Respekt! Doch der letzte Funke… fehlt.

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10 – Batman 66 meets Wonder Woman 77

[Link] …von Jeff Parker und Marc Andreyko, Zeichnungen von David Hahn:

Ein kindlicher, aber nie alberner Retro-Comic, der Figuren aus der „Batman“-TV-Serie von 1966 und der „Wonder Woman“-TV-Serie von 1977 zusammen bringt und zeigt, wie Diana (unsterblich) und Bruce Wayne (im zweiten Weltkrieg: ein Grundschüler) das späte 20. und frühe 21. Jahrhundert erleben. Schwungvoll erzählt, toll designt/gestaltet, ein Wohlfühl-Comic, der viele Fragen übers Altern und Sich-Verändern aufwirft und mit originellen Wendungen überrascht.

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bedingt zu empfehlen: für Fans

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„Wonder Women: Earth One“

Grant Morrison (…mit dessen Comics und dessen Fans ich oft große Probleme habe) erzählt Wonder Womans Geschichte neu – und unterstreicht dabei alle Aspekte, die besonders skurril oder absurd wirken. Das Ergebnis wirkt an vielen Stellen wie plumpe Sexploitation… aber trifft durchaus den Geist der frühen Comics von 1941.

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„Wonder Woman“ von Phil Jimenez

Ein schwuler Autor und Zeichner, der Fan der George-Perez-Serie von 1987 war und die Figur vergöttert, füllte mehrere Sammelbände mit feministischen und engagierten, doch oft sehr trägen, überfrachteten Geschichten: Scheitern, auf hohem Niveau. Ein lesenswertes Einzelkapitel, das alles, was gut und schlecht an Jimenez‘ Zeichen- und Erzählweise ist, bündelt: Das Treffen von Wonder Woman und Lois Lane in „Wonder Woman“ 170.

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„Wonder Woman“ von Gail Simone

Fünf Sammelbände, in denen eine große Geschichte… erst viel zu langsam in Fahrt kommt… und dann enttäuschend verpufft. Wer langen Atem mitbringt, wird besonders Simones zweite und dritte Sammlung trotzdem mögen.

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„Wonder Woman“ von Greg Rucka (2016 bis 2017)

25 Hefte, vier Sammelbände: Ein ambitionierter „Wonder Woman“-Neustart auf zwei Zeitebenen und mit zwei tollen Zeichnerinnen, Nicola Scott und Bilquis Evely, in dem sich Diana, Cheetah, Steve Trevor und Veronica Cale jahrelang quälen, den Kopf zerbrechen und gegenseitig im Weg stehen. Die Geschichte mäandert, jeder Sieg entpuppt sich als Niederlage, und ein weiterer Zeichner, Liam Sharp, bleibt viel zu düster und heavy-metal-albumhaft: Hier fehlen Erzählfreude und Schwung.

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keine Empfehlung:

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„Wonder Woman: The Greatest Stories ever told“

Eine Best-of-Sammlung, die leider zeigt, wie wenig gute Geschichten es bis ca. 2002 gab: skurril – aber langatmig, trübselig, deprimierend.

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„Who is Wonder Woman?“

Autor Allan Heinberg schrieb auch das Drehbuch zum WW-Kinofilm von 2017. Seine Comics aber sind mau. Auch die ihm folgende Autorin, Bestseller-Star Jodi Picoult, bietet wenig Lesenswertes: Massenware.

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„Amazons Attack“

Interessante Idee – mit banaler Wendung/Erklärung: Durch eine plumpe Intrige erklärt Königin Hippolyta den USA den Krieg, und verwüstet Washington. Antiklimax, undurchdacht.

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„Wonder Woman: Odyssey“

Zwei banale, schleppende Sammelbände vom (oft tollen) „Babylon 5“-Autor J. Michael Straczynski: Ein böser Zauber ließ Wonder Woman vergessen, dass sie eine Amazone ist. Gefangen in einem Paralleluniversum prügelt sie sich zurück in die Realität.

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„Wonder Woman 77“

Viel zu knappe, apolitische, harmlose und läppische Kurzgeschichten für Fans der 1977 produzierten „Wonder Woman“-TV-Serie.

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„Injustice: Gods Among Us“

Ein sehr langer, politischer/dystopischer Comic über eine Zukunft im DC-Universum, in der Superman glaubt, die Welt durch mehr Kontrolle und Überwachung sicherer machen zu können, während Batman als Widerstandskämpfer untertaucht. „Year One“ und „Year Two“ sind sehr lesenswert und emotional – doch Wonder Woman hat eine recht dümmliche, eindimensionale Rolle als martialische Schreckschraube an Supermans Seite: Autor Tom Taylor wird Diana nicht gerecht.

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„Odyssey of the Amazons“

Trost- und freudlose Fantasy-Saga über Amazonen aus Themyscira, die in der Vorzeit martialische/nichtssagende Begegnungen mit u.a. Wikingern haben.

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„Super Hero Girls“

Die DC-Heldinnen als junge Schülerinnen, für Leser*innen ab sechs Jahren, im Stil der „Disney Princesses“: Figuren und Zeichnungen fehlt Biss und Witz, die Geschichten bleiben arg simpel, alles wirkt püppchenhaft-sexualisiert. Besonders in Sammelband 3, „Summer Olympus“, steht Wonder Woman im Mittelpunkt. [Um Welten besser, für Leser*innen ab ca. 11: „Supergirl: Being Super“]

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„Super Powers“

Comic für Vor- und Grundschüler, das als Geschichte um Batman, Superman und Wonder Woman beginnt… doch sich zu schnell in einer (enttäuschend witzlosen) Anspielungs- und Gastauftritts-Parade verliert. Ich mochte, vom selben Zeichner-/Autoren-Team: „Tiny Titans“ und, besonders, „Superman Family Adventures“.

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„Bombshells“

Was, wenn es kaum Männer mit Superkräften gäbe – sondern alle DC-Heldinnen prägend waren: schon ab den 40er Jahren, im zweiten Weltkrieg? „Bombshells“ ist ein feministischer und sehr sexualisierter Remix der DC-Figuren. Viele Heldinnen sind lesbisch oder queer, und alle lassen es möglichst dramatisch krachen. Trotz vieler Fans und guter Kritiken hat mich die Reihe bisher nicht gekriegt: zu wenig Politik, zu viel Spice-Girl-haft-nichtssagende „Girl Power“.

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„Superman/Wonder Woman“

Von 2011 bis 2016 waren Superman und Wonder Woman ein Liebespaar. Der Beziehung selbst fehlt Tiefe und Charme, und der gemeinsame Comic „Superman/Wonder Woman“ bietet wenig Interessantes: Klar könnte man interessant/lesenswert erzählen, was sich ändert, wenn zwei der mächtigsten und wichtigsten Figuren im DC-Universum eine Beziehung führen. Fünf Sammelbände lang erzählte diese Reihe leider… nicht viel.

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„Superman, Batman, Wonder Woman: Trinity“

längere Kritik von mir hier [Tagesspiegel, Link]: Sehr lange, schleppende Geschichte über eine Helden-Welt, aus der Batman, Superman und Wonder Woman plötzlich entfernt werden. Das heißt: Statt über die drei Titel-Figuren zu erzählen, geht es vor allem darum, wo und wie sie fehlen. Schade!

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zum aktuellen Kinofilm:

Wonder Woman ist eine interessante – weil widersprüchliche – Figur. Ich glaube, der Kinofilm ist so erfolgreich und beliebt, WEIL er die Widersprüche der Figur einem großen Publikum zeigt: spannende Frau, spannende Grundsatzfragen zu Krieg und Pazifismus.
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In den Comics – und besonders auch im Film – geht es viel um die Frage, wie man für Frieden KÄMPFT. Ob man Kriege mit Gewalt stoppen kann. Und welche Menschen „verdienen“, dass man sich für sie opfert: Nach dem Superman-Film „Man of Steel“ (2013) und „Batman v. Superman“ (2016) zeigt auch „Wonder Woman“ (2017), wie Helden*innen scheitern – an einer komplexen Welt.
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grundsätzlich:
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  • Wonder Woman wurde 1941 erfunden. Autor William Moulton Marston war Professor, Psychologie, Feminist, Fan von Bondage und „lustvoller Unterwerfung“, in einer polyamourösen Beziehung mit zwei Frauen… und der Erfinder des Lügendetektors. All diese Aspekte prägten die Figur – sorgen aber auch dafür, dass fast alle Comics, die vor 1987 erschienen, recht hanebüchen/skurril sind.
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  • Dem Mainstream-Publikum die Figur bekannt, weil sie a) als eine der ersten weiblichen Heldinnen gegen die Nazis kämpfte, b) 1972 auf der Erstausgabe von Gloria Steinems feministischem „Ms.“-Magazin abgebildet war, c) 1977 eine bei Kindern populäre TV-Serie hatte.
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  • Seit 1986 gibt es mehrere recht gute, bis heute lesenswerte WW-Comicreihen: Wonder Woman, Batman und Superman sind die drei wichtigsten und bekanntesten Figuren des Verlags „DC Comics“; alle drei arbeiten in den Comics oft eng zusammen. Meist erscheinen Comics ein- bis zweimal im Monat als 20seitiges Heft, ca. sechs Hefte erzählen als Sammelband eine zusammenhängende Geschichte. Pro Monat gibt es meist sechs oder sieben parallele „Batman“-Reihen, doch höchstens zwei bis drei „Wonder Woman“-Reihen. Insgesamt also: weniger Material, und immer wieder Phasen, in denen jahrelang keine besonders guten Hefte/Sammelbände erscheinen.
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  • 1984 floppte der Heldinnenfilm „Supergirl“ (DC). 2004 und 2005 floppten die Antiheldinnen-Comicverfilmungen „Catwoman“ (DC) und „Elektra“ (Marvel). Seit 2008 hat Marvel Comics großen Erfolg mit Heldenfilmen (Iron Man, The Avengers, Captain America, Thor, Guardians of the Galaxy… doch bisher kein Film über eine weibliche Figur in der Hauptrolle); und seit 2013 versucht DC eine ähnliches „Cinematic Universe“ aus verknüpften Filmen (2013 „Man of Steel“, 2016 „Batman v. Superman“ und „Suicide Squad“, Ende 2017 „Justice League“, später „Aquaman“, „The Flash“ etc.)
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  • Der „Wonder Woman“-Kinofilm ist wichtig, weil er nach über zehn Filmen mit männlichen Hauptfiguren in den letzten Jahren der erste Versuch war, einer heroischen HeldIN einen großen Blockbuster zu widmen (…auch Regie führte eine Frau, Patty Jenkins; das Drehbuch ist von einem Mann). Es gibt eine Handvoll erfolgreicher Heldinnen-TV-Serien seit 2015: „Agent Carter“ und „Jessica Jones“ (beide Marvel) und „Supergirl“ (DC). Doch „Wonder Woman“ war der… Testballon, ob solche Figuren einen Kinofilm tragen können. Viele Fans und Kritiker mochten bereits Wonder Womans kurze Szenen in „Batman v. Superman“ (2016).
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  • Tatsächlich übertraf „Wonder Woman“ (2017) die Erwartungen, hat die besten Heldenfilm-Kritiken seit Jahren, wird von Feministinnen gefeiert und… darf jetzt als Beweis/Beruhigung dienen: Leute WOLLEN starke Frauen sehen. Große Erleichterung!
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„Falls du einen Asteroiden stoppen willst, rufst du Superman. Wenn du ein Verbrechen aufklären willst, Batman. Um einen Krieg zu beenden, Wonder Woman“, sagt WW-Autorin Gail Simone.
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Wonder Woman wird in den Comics immer wieder als umsichtige und intelligente Diplomatin gezeigt, die zeigt und reflektiert, dass jeder Mensch für viele Dinge steht: Sie selbst eben als Frau mit Superkräften, die in einem Matriarchat groß wurde. Es gibt großartige Comics über die Diplomatin, Menschenrechtlerin, Spokesperson, Feministin, Staatsfrau Wonder Woman.
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Doch es gibt auch die wütende Kriegerin mit blutbespritztem Schwert und Korsage, die leichthin Gegner abschlachtet. Fast alle Comic-Autor*innen wollen Wonder Woman als „starke Frau“ zeigen und an ihrem Beispiel erklären, was für sie eine „starke Frau“ ausmacht – doch das Ergebnis variiert von Sammelband zu Sammelband: archaische Kriegsprinzessin? Modische, bisexuelle Pop-Feminismus-Ikone? Blutrünstiges Pin-up-Girl?
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Der Film zeigt, wie Prinzessin Diana von Themyscira ihre Insel verlässt und den ersten Weltkrieg beenden will – weil sie glaubt, dass Kriegsgott Ares den Krieg angezettelt hat und es ihre Aufgabe als Amazone sei, ihn zu stoppen, mit einem Schwert namens „Godkiller“. Die große Stärke des Films: dass er die richtigen Fragen stellt… statt vorschnell Antworten zu schustern: Man schaut mit Kopfschmerzen und schlechtem Bauchgefühl, und überlegt „Jetzt will sie Frieden bringen – indem sie einen Gott ermordet?“ und „Was, wenn statt Ares einfach nur die Schlechtheit der Menschen Grund ist für den Weltkrieg?“ etc.
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Faszinierende Fragen und Widersprüche, die den Film lebendig und halbwegs spannend machen – auch, wenn die Antworten am Ende des Films dann doch recht unterkomplex ausfallen.
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Ich denke bei allen DC-Held*innenfilmen seit „The Dark Knight“ (2008) oft ans Sprichwort „Wenn du nichts anderes hast als einen Hammer, sieht jedes Problem für dich aus wie ein Nagel.“
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Wonder-Woman-Comics erzählten schon immer viel von Kriegen – weil Kriegsgott Ares einer der wichtigsten Antagonisten im Comic ist.
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Bisher aber wurde die (unsterbliche) Heldin noch nie im 1. Weltkrieg gezeigt: Das Setting macht Spaß, weil die Figur (jung, unerfahren, sah noch nie einen Mann und weiß nichts über die Moderne) und der Krieg (nihilistisch, diplomatisch verworren) schlecht zueinander passen. Im Superman-Film „Man of Steel“ bricht der unerfahrene Superman einem Gegner das Genick, weil er sich nicht anders zu helfen weiß. Seine Adoptiveltern raten ihm den ganzen Film über, die Menschheit sich selbst zu überlassen und sich ums private Glück zu kümmern: „Du schuldest diesen Leuten nichts.“
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Auch Wonder Woman hört im ersten Weltkrieg von allen Seiten kritische bis zynische Fragen: Haben die Menschen/Männer eine Heldin und Retterin verdient?
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Ich finde die Frage harsch, unsympathisch und unheroisch (…weil ich will, das idealistische Helden wie Superman und Wonder Woman GERN helfen)… doch ich freue mich, dass sie einen Nerv trifft, weil wir uns als Gesellschaft gerade ständig fragen: Wo schauen wir weg? Wessen Sorgen nehmen wir ernst? Kann die westliche Welt Weltpolizei spielen? Und: Wird etwas besser, durch militärische Stärke/Druck?
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Der Kinofilm hat, wie gesagt, keine guten Antworten. Doch erstmal sitzt man zwei Stunden im Kino und denkt „Oha. Diese Frau… kann sich selbst einsetzen wie einen Hammer. Doch all die Probleme, vor die sie im Film gestellt wird, sind doch gar keine Nägel. Was jetzt?“
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Das ist klug/spannend. Denn es passt zu einer… allgemeinen politischen Ratlosigkeit, wenn wir aktuell über Kriege, Macht, globale Verantwortung und Gerechtigkeit sprechen. „Wonder Woman“ hat Humor. Doch es ist kein Wohlfühl-Film: Weil er fast nur Probleme zeigt, die eine Kriegs-Amazone nicht ändern kann, spontan, mit einem Schwert.
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…und dann, Spoiler: 
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mein größtes Problem.
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Ich kann zwar viele „Wonder Woman“-Comics grundsätzlich empfehlen – doch es gibt zwei Elemente ihrer Geschichte, die immer wieder verändert werden: a) Hat sie einen mächtigen Vater, z.B. Zeus? und b) Ist sie moralisch stark, weil oder obwohl sie auf einer Amazonen-Insel aufwuchs?
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Die Amazonen leben auf der Insel Themyscira, abgeschottet vom Rest der Welt. Weil Amazonen-Königin Hippolyta ein Kind will, formt sie eine Figur aus Lehm/Ton. Eine Göttin hat Mitleid und haucht der Figur Leben ein: Diana/Wonder Woman ist das einzige Kind der Insel. Hippolyta ist eine weise Regentin, die Amazonen haben fortschrittliche Technologie und eine tolle Kultur – der Comic zeigt eine matriarchale, feministische Utopie (und: oft sind Hippolyta und/oder Wonder Woman selbst lesbisch oder bisexuell). So war das, schon seit 1941.
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Doch jedes Mal, wenn ein neuer Autor (fast immer sind es Männer) die Comicreihe übernimmt, ändert sich etwas:
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  • 1987 neu: die Götter schenkten den Amazonen die Insel, weil Herkules Hippolyta vergewaltigt hatte. Später aber verzeiht Hippolyta dem Vergewaltiger und verliebt sich neu in ihn. Uff.
  • 2011 neu: Die Amazonen sorgen heimlich für Nachwuchs, indem sie Matrosen auf die Insel locken, vergewaltigen, ermorden, und die männlichen Kinder verstoßen. Hippolyta wusste das und hielt es vor Wonder Woman geheim. Uff.
  • 2012 neu: Wonder Woman ist nicht aus Ton, sondern entstand beim Sex zwischen Zeus und Hippolyta. Uff.
  • 2016 neu, in „Earth One“: Wonder Woman ist die Tochter von Vergewaltiger Herkules. Uff.
  • 2016 neu, in „The Lies“ / „The Truth“: Wonder Woman darf ihre Mutter und die Amazonen-Insel nie wieder sehen oder betreten. Uff.
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Auch im Kinofilm sind die Amazonen a) krass gestrig und insgesamt eher fragwürdig/eine sterbende Kultur, und b) merkt Diana, dass ihre Mutter sie belogen hat: Zeus ist ihr leiblicher Vater.
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Das klingt wie eine Kleinigkeit/ein Detail. Doch ich finde es SO bezeichnend, schlimm, traurig, dass es seit Jahren fast keine „Wonder Woman“-Geschichte/-Version mehr gab, in der a) die Amazonen eine echte Utopie verkörperten und b) Wonder Woman wegen einer starken Mutter und einer starken Kultur zur starken Heldin wurde – nicht, weil sie in Wirklichkeit von einem besonderen Gott/Mann gezeugt wurde.
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„Wonder Woman“ (2017): tolle Frau, gute Comics, schlechter Film [Deutschlandfunk Kultur]

meine Lieblings-Zeichnung, von Maris Wicks

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heute nochmal, ganz kurz, zum Film:

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Seit 1941 fasziniert Wonder Woman in Comics. Die Verfilmung ihrer Abenteuer scheitert – doch macht Lust aufs Lesen.

„Du schuldest dieser Welt gar nichts“, warnt eine Mutter ihren Sohn – und hofft, dass er stumm bleibt, sich nicht einmischt, unter die Räder kommt. Sie heißt Martha Kent. Ihren Sohn nannte sie Clark: Er stammt vom Planeten Krypton. Der Film hieß „Man of Steel“, und war 2013 Grundstein für eine zynische, oft deprimierende Helden-Filmreihe, die auch mit „Wonder Woman“ (2017) nicht viel besser, schwungvoller, sehenswerter wird.

Am Ende von „Man of Steel“ brach Superman, der in den Comics seit Jahrzehnten versucht, niemals zu töten, einem Gegner das Genick. Ich hoffte damals, dass dieser Totschlag in einer Fortsetzung besprochen, durchdacht, in Frage gestellt wird. Stattdessen war „Batman v. Superman“ (2016) noch missmutiger, solipsistischer: Männer, die es hassen, Held zu sein und ihren Job nur machen, um Schlimmeres zu verhindern, schlagen voller Paranoia aufeinander ein. Wer will ich sein? Was habe ich der Welt zu geben? Wie kann ich helfen, sie zu gestalten?

„Wonder Woman“-Comics stellen diese Fragen seit 1941. Autoren und Autorinnen wie George Perez (ab 1987), Greg Rucka (ab 2002), Brian Azzarello (ab 2011) und Jill Thompson (2016) finden immer wieder große, politische, wunderbare Antworten. Ich habe zehn Comic-Empfehlungen hier im Link gesammelt: https://stefanmesch.wordpress.com/2017/06/15/wonder-woman-die-10-besten-comics-buchtipps-lesereihenfolge-empfehlungen/

Vom Kinobesuch rate ich ab. Denn „Wonder Woman“ ist ein besserer Film als alle DC-Comic-Verfilmungen seit „The Dark Knight“ (2008). Doch damit immer noch leider: kein guter. Prinzessin Diana lebt als einziges Kind auf der geheimen Amazonen-Insel Themyscira. Als der Spion und Pilot Steve Trevor auf der Insel notlandet und vom großen Krieg erzählt, der die Welt seit 1914 heimsucht, sind sich die Frauen einig: Kriegsgott Ares steckt dahinter. Diana, die nie zuvor einen Mann sah, zieht mit Steve in die Schützengräben Belgiens.

„Falls du einen Asteroiden stoppen willst, ruf Superman. Wenn du ein Verbrechen aufklären musst, Batman. Und um einen Krieg zu beenden, Wonder Woman“, erklärt Comicautorin Gail Simone die oft verwirrenden Mehrfachrollen der Figur: eine Prinzessin, die keine Hierarchien mag. Eine Vordenkerin aus einer vormodernen Zivilisation. Eine Diplomatin, die mit dem Schwert kämpft.

„Wonder Woman“ scheitert erst in den letzten zehn Minuten: Als die Heldin von Liebe spricht, nachdem sie Gegner zerhackte. Als sich der Weltkrieg tatsächlich beenden lässt, indem ein Kriegsgott verdroschen wird. Und als klar wird: Diese Frau ist nicht (nur) körperlich oder moralisch stark, weil sie in einer utopischen Gender-Blase aufwuchs, die Frauen stärkte und ernst nahm. Sondern (mindestens: auch), weil sie eine heimliche Tochter von Zeus ist.

Nach „Man of Steel“ war unklar, welche Lehren Superman ziehen würde. Kaum welche, zeigte erst die Fortsetzung „Batman v. Superman“. Nach „Wonder Woman“ stehen ähnliche Fragen im Raum: Was tut diese enttäuschend martialische Kriegsprinzessin in den Jahren 1918 bis 2016? Wie handelt sie im zweiten Weltkrieg? Bleibt sie unentdeckt – statt Menschen auf der ganzen Welt zu inspirieren, das 20. Jahrhundert zu prägen? Ist die Moral erneut nur ein myopisches „Du schuldest dieser Welt gar nichts“?

Wenn ein einzelner Heldenfilm wie „Ant-Man“ (2015) nur mäßig erfolgreich ist, fragt sich Hollywood nur: Investieren wir in eine Fortsetzung? Oder lieber nicht? Als der Heldinnenfilm „Supergirl“ (1984) floppte, entschied Hollywood dagegen pauschal: Superheldinnen funktionieren nicht im Kino. Lieber keinen großen Versuch mehr wagen, die nächsten 30 Jahre.

Deshalb: Wunderbar, dass „Wonder Woman“ fast nur gute Kritiken erhielt, international erfolgreich ist. Der Film macht Lust auf die Figur und ihre vielen Comics, Geschichten und Widersprüche. Er macht Lust auf weitere Filme von Regisseurin Patty Jenkins und Hauptdarstellerin Gail Gadot. Und er macht Lust auf viel mehr Blockbuster, in denen Frauen Männer retten, nicht umgekehrt. Über Krieg und Verantwortung, Unterdrückung, Moderne und Matriarchat, fremde Kulturen und das 20. Jahrhundert aber hat „Wonder Woman“ erschreckend wenig zu sagen.

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wonder woman league of one moeller

„Westworld“: Empfehlung & Kritik

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Vom 7. bis 12. Dezember 2016 sehe ich die erste Staffel von „Westworld“…

…und werde zu jeder Episode kurze Ideen, Anmerkungen, Fragen bloggen. Ich bin Kulturjournalist und schreibe meist über Literatur. Doch ich liebe gute Serien (Favoriten: „Six Feet Under“, „Willkommen im Leben“, „Mad Men“, „Girls“, „Neon Genesis Evangelion“) und blogge hin und wieder ausführlich über Serien und Filme, z.B.

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Über „Westworld“ – Michael Crichtons Drehbuch/Grundidee, den Film von 1973 und Staffel 1 der HBO-Serie von 2016 – spreche ich auch am 15. Dezember auf Deutschlandradio Kultur, im Magazin „Lesart“.

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Links zur Serie:

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1_01: Solide Kulissen, tolle Landschaften, ruhige und übersichtliche Kamerafahrten, grandiose Lichtstimmung! Ich fühle mich in dieser Erzählwelt wohl. Nur der „Kampfstern Galactica“-Look hinter den Kulissen stört: Seit über 20 Jahren sehen futuristische Anlagen fast immer gleich aus. Wollen (oft kreative) Mitarbeiter*innen so arbeiten – in dunklen, sterilen, monotonen Labors? Und müssen die Lagerräume und Sublevels immer aussehen wie in „The Pretender“ oder Michael Crichtons „Coma“: super-creepy?

1_02: Die Hosts sind mir bisher, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, sympathisch. Doch Tonfall und Stimmung in der Zentrale machen mich kirre: Zu viele fluchende, paranoide, grundlos gehässige Kollegenschweine, die aufeinander einhacken. Ich denke a) an „unReal“, eine Soap über gnadenlose, bitchy Produzent*innen eines Reality-Formats, aber b) auch an die vielen Berichte über den Stolz, Perfektionismus und die übertrieben gute Stimmung der Menschen, die Disney-Parks betreiben: „Imagineers“. Im „Westworld“-Team wird mir der Conflict Ball zu hart, hämisch geworfen. Jeder sägt am Ast von jedem anderen? Das wird schnell unfreiwillig komisch.

1_03: Mich freut, dass der einzige Mensch, bei dem Libido, Begehren, Sexualität wichtig sind, queer oder lesbisch sein könnte: Elsie (Shannon Woodward). Und ich mag, wie gemütvoll und versponnen Bernard denkt, arbeitet, reagiert. Ich kann mir vorstellen, dass er der größte Sympathieträger wird. Oder, interessanter: für immer mehr Schwierigkeiten sorgt, Menschen in Gefahr bringt.

1_04: Shakespeare-Zitate? Uff. Immerhin: Mal sehen, ob Gertrude Stein zitiert wird/wichtig bleibt, und, ob „Westworld“-Fans deren Bücher durchsuchen. Trotzdem ist mir das drei Nummern zu… gravitätisch. Bei „Lost“ nervte mich schnell, wie sicher sich vor allem die beiden alten Männer Locke und Ben sind, Hauptfiguren in einem großen, metaphysischen Spiel zu sein. Anthony Hopkins (als Robert Ford) und Ed Harris (als Gunslinger) raunen, schmunzeln, spielen, monologisieren im selben Stil… und gehen mir schon im Pilotfilm auf die Nerven: Ich weiß nicht, wieso Harris glaubt, es gäbe ein tieferes Level, eine versteckte Spielebene. Ich weiß nicht, wieso Hopkins nur darauf wartet, dass die Hosts ihre Schöpfer überflügeln. Doch ich fände schöner, klüger, subversiver, falls die beiden Männer nicht Recht hätten, und ihr metaphysisches Gewäsch… Gewäsch bleibt. (Schön an Harris: In echten Bezahl-Spielen sind reiche Geldgeber, „Walfische“, sehr wichtig – und ich glaube, über das Entitlement und die Illusionen von alten Männern, die viel Geld ausgeben, um in einem Spiel zu Göttern zu werden, kann man interessante(re) Geschichten erzählen. Toller Text z.B. über den Spiele- „Walfisch“ Stephen Barnes.)

1_05: Mir scheint, das Hinter-den-Kulissen-Team hat bisher ein, zwei Figuren mehr als nötig. Muss jemand sterben oder gehen? Wer sind die Cylons, Maulwürfe, Betrüger? #balance

1_06: Wie lange dauert ein Narrative Loop, ein Erzähl-Durchgang im Park? Im Pilotfilm sah es aus wie ein Tag – doch die meisten Besucher*innen sind, denke ich, viel länger zu Besuch, und gute Storylines brauchen viel mehr Zeit. Wer räumt auf, wäscht die Kostüme, repariert die Kulissen? Und: Wann? Müssen Besucher*innen z.B. nachts für ein paar Stunden bestimmte Sets verlassen? Oder wird immer nur am Ende jedes Loops geputzt?

1_07: Wer genug Geld hat, um sich von anderen tagelang bedienen zu lassen, ist oft grausam, distanziert oder überraschend ordinär. Mir gefällt, dass das Produktionsteam Westworld als einen Ort beschreibt, in dem reiche Menschen Indianer töten wollen – weil das viel über Feindbilder sagt, Klassenkampf, Rassismen, Klischees. Ich wünsche mir viel mehr Szenen mit Besuchern: Was wollen sie kompensieren? Funktioniert die Illusion, für sie? Sobald im echten Leben Leute erzählen, warum sie MMORPGs spielen, in Disney-Parks reisen, Kreuzfahrten buchen, lassen ihre Gründe tief blicken. Mehr davon hier, bitte: Wie banal, wie rassistisch, wie plump muss der Park sein, damit Menschen dort gern ihr Geld lassen? Bisher z.B. scheinen mir die Gangster/bösen Hosts flach, schlecht geschrieben – was aber zu meiner Befürchtung passt: Ich halte Lee Sizemore (der Brite, der einfallslos flucht und die Storyline der Hosts entwarf) für einen Stümper. Und ich glaube, die Zielgruppe des Parks will eine eher flache Geschichte.

1_08: Dolores ist programmiert, um keiner Fliege etwas zuleide zu tun. Sie tötet die Fliege – und der Pilotfilm endet. Freund M.: „Das hätte nebenher gezeigt werden müssen, in einer beiläufigen Geste. Nicht als finaler Schock. Die Serie erzählt zu langsam, plump.“

1_09: Ich denke an Liverollenspiele – in denen sich Spieler*innen treffen und gemeinsam verabreden, eine Illusion aufrecht zu halten – und wünsche mir, dass a) mehr Besucher*innen die Illusion des Parks als Herausforderung verstehen, daran rütteln, die Roboter und Erzählmechaniken bewusst trollen, sich verhalten wie in einem Luzidtraum; und b) die Serie selbst zeigt, wo die Park-Illusion an ihre Grenzen gerät und, ob extreme Nähe zur Wirklichkeit gut für den Spielspaß ist… oder eben: gerade nicht. Dass im Saloon „Paint it black“ von den Rolling Stones läuft, halte ich für ein gutes Zeichen: Den Machern des Parks ging es offenbar nicht darum, Geschichte (History) nachzubauen… sondern um eine möglichst mitreißende Oberfläche, Spielmechanik. Grundsätzlich also: Alles, was bisher zu schmuddelig, düster, hart war, um in den Holodeck-Episoden von „Star Trek“ thematisiert zu werden? Hier ist Platz! Bitte erzählen, bitte hinterfragen!

1_10: Der Vorspann langweilt mich schon beim ersten Ansehen. Es gibt kaum HBO-Intros, die ich gern mehrmals sehe (vielleicht „Game of Thrones“, weil je nach Episode neue, andere Locations gezeigt werden; vielleicht „True Blood“, wegen Sound/Tempo/Dynamik). Doch bei „Westworld“ denke ich an „Six Feet Under“, 2001: Wenn man bei HBO lange Intros noch heute wichtig/sinnvoll findet… will ich bitte etwas sehen, das ich nicht bereits 2001 sah. (Aber: Das sind 3D-Drucker, oder? Ich bin gespannt, ob die Serie noch etwas Interessantes/mir Neues zeigen wird, über z.B. das Drucken von Fleisch und Fasern.)

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2_01: Zu viele Serien starten mit einem Neuankömmling und seinen ersten Schritten durch ein ihm fremdes System. Im Pilotfilm erschien Teddy kurz als diese Sorte Figur – ein Gast, unterwegs zu einem weiteren Urlaub mit Dolores? Mich freut, dass Folge 1 dann anders verlief; doch Folge 2 trotzdem zeigt, wie neue Besucher – William und Logan – den Park erleben. Auch Maeve (Thandie Newton) hatte im Pilotfilm kaum Raum. Gut, dass offenbar nicht jede Folge vor allem um Dolores, Ford, Bernard kreisen wird.

2_02: Ich bin gesichtsblind – aber kann die „Westworld“-Rollen recht gut unterscheiden, durch Kostüme und die Trennung Park/Zentrale. Ein kleineres Problem sind Stimmen: Spricht Bernard mit Dolores – oder hört sie auch Fragen von Ford? Ich brauche noch Zeit, um das treffsicher zu hören. Den nackten Teddy im Säuberungs-Glaskasten erkannte ich nicht. Die Köpfe in Fords Büro sagen mir so wenig wie die Halle der Gesichter bei „Game of Thrones“. Und ein Problem für mich als Deutscher: „Fackeln im Sturm“ ist lange her. Jedes US-Kind erkennt eine Konföderierten-Uniform; weiß wohl bereits, welches Jahrzehnt der Park nachbildet, wie Mexikaner, Schwarze, Nord-, Südstaatler und Native Americans hier zu- und gegeneinander stehen. Ich weiß es nicht.

2_03: Weniger Panorama- und Luftaufnahmen: In Folge 2 wirkt alles enger, etwas billiger inszeniert. Doch ich bin froh um den modernen Shuttle-Bahnhof, und habe hoffentlich bald ein wenig Überblick, wie die (grundlos düstere) Zentrale aufgebaut ist. [Trotzdem erinnerte mich der Bahnhof an z.B. das tiefste Level des Berliner Hauptbahnhofs. Ich denke oft: Hätte Deutschland noch mehr Geld – alles sähe bald so aus. Nur: mit mehr gebürstetem Stahl.]

2_04: Ich mag, wie viele Handlungsstränge parallel ablaufen. Aber wünschte, alles würde sich schneller, interessanter überschneiden. Meist haben Serien drei Stränge pro Episode. Ab vier parallelen Storylines wird es oft etwas träge. „Westworld“ bleibt langsam, einfach, eher schlicht erzählt – doch durch die sechs, sieben Stränge hatte ich angenehm viel zu denken. Mein Partner hätte Park und Zentrale dagegen lieber kennen gelernt, indem pro Folge nur eine Figur genau verfolgt wird: ein Host, ein Gast, eine Mitarbeiterin wie Elsie, dann Bernard oder Ford… doch mir gefallen die schnellen Brüche, Abwechslungen, Kontraste. Aber: Serien mit vielen Strängen haben oft besondere Episoden, in denen von Anfang an oder plötzlich, mittendrin nur noch eine einzelne Figur ins Zentrum tritt. Deshalb: Bleibt die Struktur? Wirklich in jeder Folge?

2_05: Bei Maeves Flucht durch die Zentrale dachte ich erneut an Michael Crichtons „Coma“. Body Horror (Körper, mit denen etwas *überhaupt* nicht stimmt) und Rape Culture (Frauen als Objekt, Sex als Machtspiel) sind in fast jeder Szene Thema (wie in vielen HBO-Serien, durchgängig) – doch bisher sehe ich nicht, dass „Westworld“ daraus interessante Fragen zieht: Stumpfe ich ab, wenn alle 15 Minuten eine Frau/Maschine/Puppe vergewaltigt wird? Der ganze Park scheint auf Mord, sexuelle Gewalt, „Hier darfst du mit Unterlegenen, die sich nicht wehren können, ohne Angst vor Strafe alles tun“-Versprechen zu setzen: ein recht simples Menschen-, Kunden-, Spieler-Bild. Gibt es NUR Gäste, die Westworld als Western-GTA-Sandbox genießen – und keinen, der das sinn- oder trostlos findet? Und: Werden jetzt zehn Folgen lang einfach nur Tabus verletzt, Verkommenheit gezeigt? Gibt es z.B. Kinder-Roboter, die für Sex bereit stehen? (Nebenbei: Trotz so vieler geschundener, manipulierter Körper wird bisher nichts über Behinderung erzählt.)

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3_01: Online-Freund Gabriel Yoran las meine Fragen zu Folge 1 – und stutzte, warum ich nicht auch z.B. nach dem narrativen Raum frage: „Wo ist da eigentlich was?“ Jetzt, während Folge 3, überlegte ich tatsächlich dauernd: Wie werden die Hosts – z.B. Dolores für ihre vielen Verhöre – hinter die Kulissen transportiert? Warum brauchen Elsie und Stubbs Stunden, um den verirrten Host zu finden? Ist die Zentrale so schlecht überwacht, dass Maeve minutenlang flüchten kann – ohne, dass Sensoren Alarm schlagen? Sobald sich alles weiter zuspitzt, werden wir bestimmt auch Hubschrauber, Hovercrafts, absurde Technik mitten im Park sehen – dramatische Anachronismen. Und was liegt außerhalb der Anlage? Wann spielt das? Bernard führt einen simplen Video-Chat mit seiner (Ex-)Frau – doch sagt (lügt? witzelt?): „You know how hard it is to get an open line out here.“ Wir wissen nichts über die Welt jenseits des Parks – und solche Auslassungen sollen, denke ich, späte Überraschungen, Schockeffekte, möglich machen. Doch ich würde lieber jetzt schon sehen, wie sich Park, Zentrale und Außenwelt/politische Gegenwart gegenseitig bedingen.

3_02: Dolores‘ Kleid, Frisur, Haarfarbe: Alice im Wunderland. Ford lässt sie holen – und sie ist nackt. Bernard lässt sie holen – und sie bleibt angezogen. Ich mag diese Verhöre/Diskussionen (und bin meist überrascht, wie lange solche Szenen dauern, ohne, langweilig zu werden), doch ich habe Angst, dass eine menschliche Figur unsterblich werden wollte/sollte, und jetzt als Virus in den Hosts steckt: Arnold? Oder Charlie, Bernards toter Sohn?

3_03: Schön, wie schnell „Westworld“ Leitmotive, Arc Words, Grundfragen und Gegensatzpaare etabliert. Sprechende Ortsnamen – Escalanto, Pariah, Sweetwater, die „Ghost Nation“. Wiederkehrende Sätze wie „There’s a path for everyone“ oder „Not much of a rind on you“ (Body Horror!). Ich mag, dass übers Träumen gesprochen wird, doch überraschend selten übers Spielen oder über Schuld/Unschuld, oder über Kunst/Künstlichkeit – als Gegenteil zu Natur/Natürlichkeit. Ich mag, dass Ford eine Pyramide entwirft und die Spitze nicht kennt. Ich mag, dass das Labyrinth eine besonders interessante Mitte hat, doch der Park selbst nach außen hin komplexer, attraktiver, reicher wird… und, dass die Serie gern mit Kreisen arbeitet statt mit simpleren Modellen wie „oben vs. unten“, „innen vs. außen“, „hinten vs. vorne“. Beginnt jede einzelne Folge mit Dolores? [Spoiler: nö.] Und wiederholen sich bedeutungsschwangere Sätze nur, weil Menschen/Künstler den Hosts Skripte schrieben – oder gibt es (wie z.B. in „Lost“) auch Wiederholungen, die suggerieren: Das ganze Universum hat hier eine gewisse Symmetrie, Sinnhaftigkeit, höhere Ordnung – nicht bloß der künstliche Park? Mich würde freuen, wenn der Park voll literarischer Motivketten steckt – doch die Zentrale, die echte Welt gar nicht. #realismus #zufall

3_04: Zu viele Szenen im Park sind nur spannend, weil wir nicht wissen, wer Host ist, wer Besucher. Auch Dolores‘ Pistole ist für mich v.a. interessant, weil unklar bleibt, ob sie auch Menschen verletzt. Ich dachte erst, Besucher lassen sich erkennen, weil Leute im 19. Jahrhundert anders fluchten – doch für mich klingen fast alle Figuren gleich (…albern): Der Ton in der Zentrale bleibt zickig, lächerlich überspannt. Und auch im Park wird ständig „Fuck“ gesagt. Will „Westworld“ zeigen: Reiche Menschen sind triebgesteuert, vulgär? Die Technik wird sophisticated – aber der Mensch bleibt plump? Ein fauler Gast mault: „We should have done the Riverboat thing“ – und dieses „Riverboat Thing“ klingt wie eines der fadesten, abgeschmacktesten Angebote im Park: Ich bin gespannt, ob wir die Flussfahrt später noch sehen. Überhaupt wünsche ich mir mehr Besucher, die alles behindern, aus der Rolle fallen, scheitern. Mehr Theme-Park-Kritik und -Parodie-Momente!

3_05: Ist „Buffy“ eine gut geschriebene Serie? Um das zu wissen, achte ich lieber darauf, wie sorgfältig ein secondary character wie Cordelia gearbeitet ist – nicht Heldin Buffy selbst. Ich bin besonders glücklich, wenn selbst tertiary characters wie Anya sorgfältige, liebevolle, intelligente Charakter-Momente haben. In „Westworld“ schaue ich deshalb gern und genau auf kleine Rollen wie Elsie, Stubbs, Clementine, vielleicht auch Teddy: dass Anthony Hopkins und Evan Rachel Wood hundert kluge Sätze sagen dürfen bis Folge 10, ist keine so große Autoren-Leistung. Bitte zeigt mir, dass auch die Randfiguren keine Pappkameraden, Klischees sind! Ich mochte die Meta-Gespräche über Nebenrollen, hier in Folge 3, und warte ab, ob es sich „Westworld“ als Serie so leicht macht wie Sizemore als Autor und a) viele tragische doomed Sidekicks einbaut und b) Frauenfiguren wie Maeve stärker und attraktiver machen will, indem die Autoren beschließen: „So. Aggression und Bitchiness um 20 Punkte erhöhen.“

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4_01: „You think the grief will make you smaller inside, like your heart will collapse in on itself, but it doesn’t. I feel spaces opening up inside of me like a building with rooms I’ve never explored.“ Schönes Bild – und sympathisch, wie schnell Bernard fragt, wer solche Sätze für Dolores geschrieben hat, mit welcher Absicht. Trotzdem: Bisher hat „Westworld“ nichts besonders Kluges über Schmerz, Verlust, Trauma erzählt. Da muss mehr kommen! (Bitte auch zum Begriff „Freiheit“.)

4_02: Gehören alle Native Americans im Park zur „Ghost Nation“? Sind alle in Decken gehüllte Bankräuber, die Hector Escaton (Rodrigo Santoro) begleiten, Hosts? Hat Wyatt die Kontrolle über die als Büffel-Monster verkleideten Schlächter; oder treten auch Besucher seinem Todes-Kult bei? Was tat Lawrence, um am Galgen zu enden? Noch immer sind mir alle „bösen“ Hosts zu eindimensional – und ich wünschte, es gäbe mehr Native Americans und mehr Gäste, die bei ihnen leben. (…was aber vielleicht daran liegt, dass in Deutschland Indianer fetischisiert werden. Ich glaube, vor allem Ostdeutsche würden tausendmal lieber einen „Der mit dem Wolf tanzt“-Freizeitpark besuchen als einen Cowboy-Park.)

4_03: Folge 4 [Update: und 5, und alles aus 6 bis auf die lange Szene mit Maeve und Radioheads „Motion Picture Soundtrack“] ist für mich der trägste, schleppendste Teil der Staffel; vor allem der Western-Stränge wegen: teuer inszeniert, doch mit seichten Hosts in simplen Abenteuer-Szenen, ohne besondere Dringlichkeit, Spannung. Die Erlebnisse von William/Logan und von Ed Harris‘ Gunslinger wirken auf mich wie Sidequests, Holodeck-Lappalien. Für Folge 4 schrieb Ed Brubaker, einer meiner Lieblings-Comicautoren (große Empfehlung: „The Fade Out“, 3 Bände), am Drehbuch mit. Doch für mich kippt die Serie hier von „sehen!“ zu „weniger frustrierend als ‚Lost‘, ‚Galactica‘, ’24‘ – doch oft genauso halb-durchdacht und schleppend.“ Oder, um Logan zu zitieren: „I don’t have time for this color-by-numbers bullshit.“

4_04: Arnolds Schnitzeljagd zum/durchs Labyrinth wirkt recht… konventionell, bisher. Mich verwirrt, dass Ford und die Parkleitung nichts über das Symbol zu wissen scheinen, obwohl es an mehreren Stellen offen auftaucht; und, dass Ed Harris erst nach 30 Jahren Urlaub im Park diesen Indizien folgt. Schade, dass Armistice – die Frau mit dem Schlangen-Tattoo, gespielt von Ingrid Bolso Berdal – ein Host zu sein scheint: Bisher haben wir keine Besucherin länger im Park erlebt. [Edit: Doch. Ich dachte, Armistice und Marti seien die selbe Rolle.]

4_05: Theresa wirkt steif, etwas humorlos (eine Sorte Frau, die Zuschauer meist ablehnen), und, in fast allen Gesprächen, überrumpelt (eine Sorte Figur, von der Zuschauer schnell sagen: „Wie sinnlos. Sie stört nur!“). Romantisch, dass Bernard ihr riet, die Arme nicht zu verschränken – doch etwas patronizing. Dramatisch, dass Ford sie auf der Hazienda bedrohte und einschüchterte – doch: super-patronizing. Ford wirkt cartoonhaft böse: Entweder, er ist übermächtig, kann alles kontrollieren, wissen (…bis runter zur Klapperschlange). Oder, er überschätzt sich, und die Figur ist – genau wie Sizemore – eine Kritik an Hochmut/Hybris. So oder so: Die Menschen der Zentrale werden greller, plumper, langweiliger, mit der Zeit. Nicht: interessanter.

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5_01: „Your mind is a walled garden.“ Bisher überzeugen mich die Metaphern für Bewusstsein und Erinnerung, die Ford und Bernard so lieben, nicht – und auch die Umsetzung solcher Bewusstseins-Prozesse und -Glitches in filmische Bilder könnte mutiger, origineller sein. Beide Männer sprechen viel über Eleganz – doch betreiben eine Kunstwelt, in der „Eleganz“ oft nur die plumpsten Ventile/Angebote für Gewalt und Sex maskieren, rechtfertigen, aufhübschen soll. Wie „elegant“ ist „Westworld“ als TV-Serie… und sollen wir „Eleganz“ hier als echten Wert, Leistung verstehen (Kunst! Zivilisation!) oder als Kosmetik, Oberfläche, dekadente (Selbst-)Täuschung: eine Rechtfertigung/Ausrede, um Gewalt auszuüben…?

5_02: Sind Lawrence und El Lazo die selbe Figur, in zwei verschiedenen Loops? Oder nur der selbe Roboter, aber mit einem neu aufgesetzten/eingespielten Rollenprofil? Falls Host-Körper nur noch „Trägermedien“ für ein digitales Bewusstsein sind: Könnte jemand (Arnold? Dolores?) durch andere Hosts huschen, in sie überspringen? Oder sie fernsteuern? Gibt es Hosts, die zeitgleich mehrere Körper kontrollieren? Kann man Bewusstsein kopieren, auf separate Roboter aufspielen, kann sich eine Host-Persönlichkeit zeitgleich in zwei Körpern entwickeln, spalten: digitale Zwillinge? Oder gibt es umgekehrt – wie bei den Borg – ein Hive-Mind, einen Schwarm?

5_03: Bei „Lost“ nervten mich mysteriöse Tiere – weil dort jedes Wesen, das sich seltsam verhielt, sofort die Frage nach einer höheren Instanz („Ist die Erzählwelt von ‚Lost‘ übernatürlich?“) aufwarf, oder nach einem tieferen Sinn („Sind den Autoren von ‚Lost‘ Motivketten so wichtig, dass sie den Realismus der Erzählwelt opfern – um durch seltsame Tiere ein paar literarische Effekte zu setzen?“). „Westworld“ dagegen darf das – denn wenn sich ein Tier im Park seltsam verhält, denke ich: „Was verrät das über das Design des Parks, die Agenda von Ford oder Arnold?“, nicht: „Zeigt sich in dieser Anomalie ein Gott innerhalb (Mystik!) oder außerhalb (Autoren!) der Erzählwelt?“ Trotzdem: Fords Klapperschlange, Fords Windhund, Felix‘ Vogel? Bisher wirken diese Tier-Spielereien beliebig. [Update nach Folge 7: Hat Ford gelogen – und die Katze und/oder den Hund als Kind selbst getötet?] #intelligentdesign

5_04: Ich mag, wie genussvoll sarkastisch Elsie den „necro-perv“ Dustin in die Ecke treibt, und denke an Veronica Mars‚ Schwung (und Hass). Schlimm nur, dass fast alle Menschen (größte Ausnahmen: die zwei ungesunden Sentimentalos William und Bernard) die schmierigsten „Männer sind Schweine“-Klischees bedienen. Sieht jeder hier die Hosts als „Dolls“ und „Fuck Puppets“? Will „Westworld“ Sympathie für Hosts schaffen, indem die Menschen immer tiefer sinken? Und: Als Arnold vor 30 Jahren fast den Park zerstörte – war das ein Akt der Gewalt gegen Hosts? Oder gegen die Besucher und das Management? #roboterrechte #hostsalsbesseremenschen

5_05: „William doesn’t want to sexually engage with the hosts. How much of that is him being moral and how much of it is him being scared of his own desires?“ Eine wichtige Frage, aus einem sympathischen Interview mit Darsteller Jimmy Simpson: Jede „Westworld“-Figur, die glaubt, das „Gute“, „Richtige“ zu tun, wirkt dabei etwas… platt. Absichtlich? Sollen wir Dolores feiern, wenn sie sagt „People come here to change the story of their lives. I imagined a story where I didn’t have to be the damsel“? Ist es so leicht, sogar fürs Hosts – sich aus der Unmündigkeit zu befreien? Dass Dolores jetzt Hemd und Hose trägt, gibt mir noch kein „Yeah! Strong Female Characters!“-Hochgefühl. Als Zuschauer aber freut mich, wie unklar, ambivalent das bleibt. Ich will das mögen. Doch mag noch mehr, dass mich die Serie immer wieder daran erinnert, was genau ich da mögen will/soll: eine Kette von inszenierten, sentimentalen Erzähl-Effekten. 

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6_01: Es gibt zwei… Komplexitäts-Regler, an denen die Serie beliebig drehen kann. Die Autoren können psychologisch fragen: „Wozu ist jede Figur fähig? Wie tief, weit kann sie sich entwickeln, wie klug können Gegner ihr widersprechen, welche geheimen Absichten, Widersprüche lauern in ihr?“ (Ford, Theresa, Logan – sogar Sizemore?) Oder die Autoren fragen nur technisch: „Welche Backdoors, Rätsel, Programme, Bewusstwerdungsprozesse schlummern in den Hosts?“ (Dolores, Teddy, Maeve – sogar Clementine?) In beiden Fällen geht es um Figuren und ihr Potenzial. Doch Variante 1 braucht Psychologie, Debatten. Variante 2 vor allem Schocks, Science-Fiction-Bla, drastische Twists. Ich fürchte, das ist der Serie wichtiger. Statt „Huch: diese Figur hat viel mehr Tiefe als gedacht!“ setzt jede Folge auf „Whoa: In diesem Host laufen noch drei, vier weitere geheime, unbewusste Sub-Routinen!“ Buh!

6_02: Das für mich größte Problem der Serie: Wie wenig die Zentrale sieht, bemerkt. Ich verstehe, dass der Park weitläufig ist. Ich verstehe nicht, warum die Hosts keine Kamera im Auge haben. Warum Felix und Sylvester nicht überwacht werden. Warum keine Karte in der Zentrale live Alarm schlägt, sobald jeder Mensch und jeder Host in Park oder Zentrale atypische Bewegungen macht. Logan und der Gunslinger waren mehrmals in Gefahr, in Außenbereichen des Parks. Wie viel Gewalt Hosts ausüben dürfen und, wie schnell und effektiv jemand in der Zentrale darauf reagieren kann, scheinen die „Westworld“-Autoren von Fall zu Fall zu entscheiden – oder selbst nicht genau zu wissen. Buh!

6_03: Ich kann nicht fassen, dass ich noch immer sehnsüchtig an die Soap/Satire „unReal“ denke, sobald in der Zentrale gestritten wird: Das ständige „Shit! What the fuck?“ geht mir (besonders bei Elsie) auf die Nerven. Szenen wie zwischen Sizemore, Theresa und Charlotte Hale sah ich vor 20 Jahren in „Verbotene Liebe“. (Nochmal: Warum erfinden die eitlen, von sich selbst überzeugten „Westworld“-Schreiber einen so platten, eindimensional satirischen Autor?) Schwitzende Büromenschen, die erschreckt auf Bildschirme starren und in alle Richtungen lügen, sah ich vier Staffeln lang in „24“ (…dann hatte ich genug). Das „gruselige“ Theater und das „gruselige“ Sublevel wirkten albern. Und ich verstehe Elsie, wenn sie zischt: „It’s like everybody around here has got some kind of fucking agenda except for me.“ Statt Tiefgang: Gifteleien, Wassertreten, künstliches Drama, Scheinkomplexität. Shenanigans, unwürdig für eine scheinbar raffinierte, „elegante“ Serie über raffinierte, hochintelligente Profis. Buh!

6_04: Ich schrieb im Tagesspiegel, wie viel Respekt ich vor Nacktszenen, öffentlicher Entblößung habe. Dolores sollen wir als Zuschauer, glaube ich, schwierig oder tragisch finden. Thandie Newton dagegen hat eine heroische, gewollt sympathische, schlichtere Rolle. Einfacher geschrieben – doch großartig gespielt: verletzlich-aber-bedrohlich, schnippisch-aber-ratlos, zynisch-aber-empathisch. Maeve als Heldin der Serie. Wow.

6_05: Vor knapp zehn Jahren wollte Autor Dwayne McDuffie mehrere schwarze Held*innen ins Ensemble des „Justice League“-Comics aufnehmen – doch wurde von seinen Vorgesetzten bei DC Comics an die „Rule of Three“ erinnert: Zeigt ein Plakat, Heftcover o.ä. drei schwarze Figuren, glaubt das Mainstream-Publikum „Nichts für mich: Das ist ein Nischen-Produkt für Schwarze.“ Mich freut, dass – trotz des Western-Settings – in fast jeder „Westworld“-Szene Figuren of Color wichtige Rollen spielen. Und, dass bisher kein Gegner ihre Hautfarbe als Vorwand nutzte, um sie herabzusetzen (…bis auf Arschloch Sylvester, als er seinen Kollegen Felix „Ding Dong“ nennt).

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7_01: Für fast jede Szene in Folge 7 spricht eine Figur über ihre Vorgeschichte und/oder Sehnsüchte. Theresa fehlen leider solche Szenen. Und Dr. Ford wirkt eher noch eindimensionaler, mit der Zeit. Ich denke an Robert Loggia in einer meiner Lieblingsserien, „Wild Palms“ (5 Folgen, 1992). An Dennis Hopper als Bowser im „Super Mario“-Kinofilm (1993). Und an mehrere – besser geschriebene – Walt-Disney-artige Theme-Park-Leiter in Naoki Urasawas Manga „Billy Bat“: Hopkins ist keine Katastrophe. Doch seine Mimik nervt, und Fords philosophische Fragen, Ideen scheinen mir immer zwei Levels weniger klug/verstörend, als sich die „Westworld“-Autoren das wohl vorstellten. #knappvorbei

7_02: Mir geht zwar nahe, wie Maeve oder Dolores mit ihren Sinnkrisen, ontologischen Brüchen, Bewusstseins-Problemen umgehen. Welche Haltung sie zur Welt, ihren Rollen und den anderen Figuren finden, in einer verwirrenden Gegenwart, nach einer traumatischen Vergangenheit (oder mehreren traumatischen Vergangenheiten!), als meist machtlose Frauen. Die recht flachen, schematischen Vorgeschichten von z.B. Ford (real), Bernard (erfunden) oder Teddy (erst idealistisch-aber-seicht, dann, mit seiner neuen Rolle in Wyatts Massaker, geändert zu zynisch-aber-seicht) sind mir dagegen zu Schema F, sentimental. Das ist wohl Absicht: Dass „Westworld“ beim Effekte-Setzen immer auch zeigen will, wie leicht es sich viele Serien, Geschichten darin machen, Effekte zu setzen und Freudian Excuses für ihre Figuren zu bauen. Aber: Zugleich die Idee „Serien sind voller Kitsch, weil Menschen Kitsch brauchen!“ zu behandeln UND fünfmal pro Folge Kitsch zu liefern, in der Hoffnung, dass wir Zuschauer rufen „Hach. Wie traurig und bewegend!“… ist eine Gratwanderung, die, finde ich, hier oft misslingt.

7_03: Delos will 30 Jahre Nutzer- und Besucherdaten aus dem Park schmuggeln. Ich bin gespannt, was solche Daten wichtig macht, wem Westworld heimlich nützt (oder nutzen sollte, gegen Fords Willen). Als Facebook-Nutzer denke ich, klar, erstmal an Persönlichkeitsprofile, Targeting. Als jemand, der sich bei Sci-Fi oft langweilt, an Supersoldaten oder „Matrix“-artige „Wie lässt sich Wahrnehmung manipulieren, um Menschen ruhig zu stellen?“-Pläne. Im Großen aber bin ich positiv überrascht, dass „Westworld“ bisher niemals metaphysisch wurde: kein Roboter-Pinocchio, der endlich echter Junge werden will, kein toter Charlie als Geist in der Maschine, keine Replacement Goldfishes und – trotz Maeves Storyline – auch keine KI, die sich als besserer, reinerer Mensch versteht, oder nächste Stufe der Evolution. Alles, was bisher metaphysisch, religiös hätte wirken können – Dolores‘ „Erwachen“, Arnolds Spiel, Bernards Reveries – passierte nur, weil Programmierer es absichtlich so programmierten. Kein Twist der Serie wollte bisher zeigen: Maschinen überflügeln uns durch spontanes, unerklärliches Eigenleben; Menschen waren Götter/Schöpfer, doch jetzt sind ihre Schöpfungen plötzlich bessere Schöpfer. Sondern nur: Niemand weiß genau, was Ford und Arnold diesen Maschinen erlauben, möglich machen. #keingottkitsch

7_04: Schön, dass Bernard am Krankenbett das selbe Outfit trägt wie in der Zentrale. Schnellere Menschen denken wohl gleich: „Eine gebaute Erinnerung. Bernard ist ein Cylon!“ – doch ich sah es nicht kommen. Auch Theresas Tod überraschte, schüttelte mich – gute Arbeit! Nur, dass [Spoiler:] William und der Gunslinger/Man in Black identisch sind, weiß ich leider schon seit Folge 2 – weil ich Williams Namen googelte und sofort Schlagzeilen zum „Westworld“-Finale gezeigt bekam]. Ich bin träger, langsamer als viele Netz-Nerds und freue mich, wenn mich eine Serie austrickst, überrumpelt: Williams… Situation hätte ich aber frühestens hier, in Folge 7, in Betracht gezogen, während des Gesprächs im Zug: „[Logan] wanted to see what was at the end of all this. And yet, here you are. Your friend didn’t make it this far. Maybe you’ve got more of an appetite for this than you think.“ (Wichtig nur, weiterhin: an den äußeren Rand zu gehen ist Roberts Vorstellung vom Ende der Westworld-Erfahrung. Arnolds Vorstellung sieht vor, in die Mitte zu gehen, ins Zentrum des Labyrinths. Das sind zwei verschiedene Ideen davon, was eine Geschichte und ein sinnerfülltes Leben ausmachen, und ich hoffe, beide werden von der Serie noch gut zu Ende gedacht und kontrastiert.)

7_05: Ist die große Lektion von „Westworld“: Das Leben hat keine Bedeutung – doch Bedeutung zu schaffen (wie Robert, als Schöpfer), lohnt sich…? (Falls ja: Warum ist Robert dann so fürchterlich, in jeder Hinsicht?) Wohl eher nicht: Das Leben hat keine Bedeutung – doch Geschichten durchaus, und sie bis zum Ende zu lesen, durchzuarbeiten (wie Ed Harris), lohnt sich…? Wohl leider auch nicht (obwohl ich das persönlich glaube): Das Leben hat keine Bedeutung – doch selbst mit läppischen „Spielfiguren“ sollte man ordentlich umgehen (wie William – wobei ich mich frage, ob er Dolores noch als Figur sieht, oder wir als Zuschauer vor allem denken sollen: „Mist! Er projiziert. Was für ein Träumer, was für ein Tölpel“…?) Nachtrag, nach Folge 10: Die tatsächliche Lektion [Erst Leid macht uns zur vollständigen Persönlichkeit] war mir zu seicht – doch mich freut, wie klug und deutlich das „Westworld“-Finale alle Lektionen, die ich hier aufliste, als Fehlschlüsse/zu-kurz-gedacht zeigt.

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8_01: Theresas Geschichte scheint vorbei – und ich bin unzufrieden. Eine ältere, markante, vermeintlich kompetente Frau, die sieben Folgen lang nur reagieren konnte… doch kaum Kontrolle, keine Chance hatte, zu zeigen, wofür sie steht und, warum sie ein Gewinn ist, in ihrer Rolle/Position. Das ist für mich Captain-Janeway-Feminismus: Wer diese Sorte ältere, autoritäre, ‚kalte‘ Frau respektiert, freut sich kurz. Doch wer solche Frauen nervig findet, hat keinen Grund, nach sieben Folgen zu sagen: „Doch – interessante Figur. Und gut, dass sie so nüchtern blieb und viel Verantwortung trug!“ (Ich denke an Chefin Erin Driscoll in Staffel 4 von „24“: auf den ersten Blick stark – doch dramaturgisch ein Witz.)

8_02: Erst jetzt verstanden: Das schwarze Gebälk des Kirchturms in der Wüste ist der Turm, den Ford in Folge 2 „White Church“ nannte; die Kirche war außen nur weiß verkleidet. Ich weiß nicht, ob „Westworld“ hier clever mit Schwarz-gegen-Weiß- und Unter-Weiß-ist-Schwarz- und Weiß-und-Schwarz-nehmen-sich-nichts-Kontrasten spielt? [Und: Ist Arnold in diesem „Die Hosts lernen tanzen“-Dorf gestorben, damals?] Könnte man Figuren sogar paarweise anordnen, je zwei Rollen, die auf den selben Konflikt „hell“ (idealistisches Menschenbild) oder „dunkel“ (zynisches Menschenbild) reagieren? William und Logan, Arnold und Ford, Bernard und Theresa, Dolores und Maeve, Sylvester und Felix? Ist Stubbs ein Gegenpart zu Elsie? Wer vertritt die gegenteilige Weltanschauung von Charlotte? […erst später verstanden: Das Dorf mit der weißen Kirche war nicht nur ein namenloses „Testdorf“/Beta Village für den Park – sondern Escalante, aus Teddys/Wyatts Backstory.]

8_03: Ich hoffe, Williams‘ und Dolores‘ Reise an den Rand des Parks ist trotz Logans Rückkehr noch nicht um – und, dieses „Ende“ des Park-Erlebnisses wird uns zeigen, wie Ford als Erzähler denkt: Wie er sich die Spitze, das Fazit, die schwerste Stufe, Quintessenz eines Parkbesuchs vorstellt. Glaubt auch Ford, der Park soll den Besuchern zeigen, „wer sie wirklich sind“? Ich mag den Rand der „Truman Show“ und hoffe auf eine visuell interessante Lösung.

8_04: Schön auch Dolores‘ Kohlezeichnung des Tals – die nur funktioniert, so lange das Leintuch NICHT glatt und gerade hängt. Ich weiß nicht, ob das als Metapher gedacht war und für welches Sinnbild das stünde – doch der Effekt wird mir lange im Gedächtnis bleiben: ein einfaches Gemälde, ’schief‘ auf eine völlig unebene Oberfläche aufgetragen, die irgendwelche unwichtigen (?) Gegenstände überdeckt, deren Form/Kanten trotzdem jeden Strich bestimmen. The past is never dead – it’s not even past? Man kann nur ‚gerade‘ zeichnen, indem man völlig schief zeichnet und all das verdeckte Zeug untendrunter mitdenkt?

8_05: Ein großes Fass – vielleicht das größte der Serie – ist die Frage nach Gewalt als Agency. Ich schrieb schon weiter oben, dass ich als Besucher/Spieler im Park am liebsten gar keine Gewalt ausüben würde. Weil das ein Spiel, in dem ich selbst nicht sterben kann, interessanter, raffinierter macht. Und, weil ich – wie William, anfangs – glauben will, dass es sich lohnt, als Mensch das Richtige zu tun statt das Einfache/Bequeme. Mein Partner mag „Westworld“, doch ist angewidert, wie viele Messerwunden, zerschossene Köpfe, Gewaltorgien in jeder Folge gezeigt werden. „Das ist eben HBO. In fünf Jahren sehen wir Serien, in denen Frauen nur noch nackt durch Blut waten, 60 Minuten lang“, witzelte ich. Aber im Ernst: „Westworld“ ist eine Serie, in der es dauernd Gewalt gibt – doch bisher habe ich (anders als in z.B. „24“, in vielen „Batman“-Filmen und -Comics, in den meisten Krimis) noch keine einzige „Westworld“-Szene gesehen, die mir zu vermitteln schien: „Gut so. Manchmal ist Gewalt nötig.“ Ich bin gespannt, was mit Maeve und ihrer Armee passiert, und ob die Serie uns dazu verführen soll, sie als feministischen, kick-ass Terminator zu feiern, sobald sie zurück schlägt. Sylvesters Kehle durchzuschneiden kam mir nicht wie ein „Hurra! Die unterdrückte Frau hat Agency! SO sieht Stärke aus!“-Triumph-Moment vor. Niemand, der bisher irgendwen erschoss, erschlug, kalt stellte, schien von der Serie dafür als Held gelobt zu werden. #pazifismus #idealismus

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Bei Romanen weiß ich oft schon nach der Hälfte, ob sie funktionieren.

Bei Serien aber ist oft das (Staffel-)Finale entscheidend: Manchmal zeigt erst die letzte Folge, ob die Autor*innen wussten, was sie tun – oder einfach vor sich hin erzählten. Gleich sehe ich Folgen 9 und 10. Vorher noch: Fragen – an deren Antworten sich zeigen wird, ob „Westworld“ eine Zwischendurch-Serie ist… oder ein (kleines) Must-See:

  • Gibt es „Geister“ im Code der Hosts?
  • Machte sich Arnold unsterblich – lebt er in z.B. Dolores weiter?
  • Ist der heutige Arnold, die Stimme in z.B. Dolores‘ Kopf, ein „echter“ Mensch, der sein Bewusstsein digitalisieren konnte und jetzt als Programm lebt – oder nur der digitale Abdruck eines Menschen, angefertigt von ihm selbst, zu Lebzeiten?
  • Wie sehr werden Maeve und Dolores für ihre „Menschwerdung“ gefeiert: Ist das Ziel, möglichst menschlich zu werden – oder sind Hosts die besseren Menschen?
  • Wie menschlich können Hosts, wie unsterblich können Menschen in „Westworld“ werden?
  • Beneiden Hosts die Menschen… doch beneidet kein sterblicher Mensch stattdessen die Hosts – und wünscht/kauft sich digitale Upgrades?
  • Will die Serie (kitschig) zeigen: Geist, Herz, Liebe, Menschenwürde können aus einem biologischem oder aus einem künstlichen Bewusstsein entspringen – sie haben den selben Wert, sind gleich „echt“, gleich „tief“?
  • Die ersten Folgen zeigten viel Milch. Kommt da noch was?
  • Teddys Rolle blieb recht sinnlos: Wertet das Ende die Figur noch etwas auf?
  • War Sizemore nur eine harmlose Witzfigur?
  • Lebt Elsie noch? [Spoiler]
  • Und Stubbs?
  • Wo ist Maeves Tochter?
  • Und Lawrences‘ Tochter – die das Labyrinth in den Staub zeichnete: Gehört sie, wie Dolores, zu einer Sorte Hosts, die von Arnold „erweckt“ wurde?
  • Gibt es Hosts mit mehreren Körpern?
  • Wozu braucht Charlotte die Daten?
  • Sehen wir die Außenwelt – und wird diese Welt besser oder schlechter, falls es Charlotte gelingt, die Daten dort zu benutzen?
  • Sehen wir Fords neues Narrativ, und erzählt es (…auch: auf einer Meta-Ebene) davon, was am alten Narrativ nicht klappte?
  • Wird Staffel 2 grundsätzlich anders erzählen? Wird Staffel 2 so erzählen, wie sich Ford ein besseres Park-Narrativ vorstellt? (…oder, meta: Wird Ford erklären, was an der Erzählweise von Staffel 1 problematisch war?)
  • Wie spiegelt das Finale den Pilotfilm? Haben sich viele Storylines und Machtverhältnisse in der Zentrale am Ende nur im Kreis gedreht – will „Westworld“ zeigen, dass auch echte Menschen oft in einem Loop leben, oder einem „Pfad“ folgen müssen?
  • Gibt es eine Möglichkeit, den Park als Besucher besser, ganz anders durchzuspielen als William und der Gunslinger? Fragt Staffel 2 (und/oder: Fords neues Narrativ) nach anderen, positiveren Spielweisen anderer Besucher – oder sind Park und/oder Narrativ und/oder Hosts bis dahin eh kaputt, unspielbar?
  • am Wichtigsten:Sehen wir das Zentrum des Labyrinths, und hat es damit zu tun, wie Arnold starb? Teddy erklärte in Folge 5: „The maze is an old native myth. […] at the center, there’s a legendary man who had been killed over and over again countless times, but always clawed his way back to life. The man returned for the last time and vanquished all his oppressors in a tireless fury. He built a house. Around that house he built a maze so complicated, only he could navigate through it. I reckon he’d seen enough of fighting.“
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    Ich muss an Fords creepy Roboter-Familie denken und frage mich, ob wir im Zentrum des Labyrinths ein vergleichbares Haus von Arnold sehen – oder: eine abstraktere Idee davon, was sich Arnold unter „Zuhause“, „Heimkommen“, „Nicht-mehr-Kämpfen-Müssen“ vorstellt.

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9_01: Zwei „Westworld“-Konzepte, zu denen ich mir Fanpages, Texte, Apps wünsche: Das 20-Punkte-Persönlichkeitsprofil der Hosts. Candor, Vivacity, Coordination, Meekness, Humility, Cruelty, Self-Preservation, Patience, Decisiveness, Imagination, Curiosity, Aggression, Loyalty, Empathy, Tenacity, Courage, Sensuality, Charm, Humor, Bulk Apperception. Und die Idee, dass jede Host-Persönlichkeit auf einer (traumatischen) „Cornerstone“-Erinnerung fußt. Was ist deine Cornerstone-Erinnerung? Die Szene, aus der sich alles weitere erklärt?

9_02: Jedes „Dr. Quinn“-TV-Westerndorf hat einen Arzt und einen Prieser. Dass solche Standardfiguren in Sweetwater keine Rolle spielten, freute mich – aber hätten Dolores und Maeve bei ihren ersten Zweifeln, Aussetzern die Ratgeber, Ansprechpartner gehabt, die echte Frauen in den 1880ern in ihren Städtchen hatten… hätten sie ihre Welt weniger schnell und grundsätzlich in Frage gestellt. Dass jetzt, kurz vor Schluss, plötzlich Kirche und Beichtstuhl wichtig werden, lässt mich nochmal grundsätzlicher fragen: Schön, dass fast alle Figuren Atheisten sind (oder ihr Vertrauen jedenfalls in andere Faktoren legen als in Gott). Doch „Gott“ ist in „Westworld“ nur noch Synonym für „Die Person, die am schnellsten denkt, am meisten Macht und Gestaltungsraum hat.“ Das ist zu wenig.

9_03: „I want to love Westworld. I go into every episode of the show hoping that this will be the week the games get put aside so Nolan and Joy can start telling the real story, but with each passing week it feels like the games are the real story„, klagt Alan Sepinwall in seinem besten Text zur Serie – der Kritik zu Folge 9. Ich stimme zu…

9_04: …denn alles, was die Figuren und ihre Standpunkte ausmacht, kann/soll in dieser Erzählung dauernd geändert, verdreht, zurückgenommen werden, möglichst dramatisch. Bei den Hosts sowieso: Wer kann sagen, wer Teddy, Maeve, Dolores „wirklich“ sind? Doch auch bei Logan, William, dem Gunslinger und den Figuren in der Zentrale: Charlottes Andeutungen, Fords beredtes Schweigen etc. machen mir keinen Spaß – denn auch nach neun Folgen weiß ich kaum, wofür diese Leute stehen, und fürchte auf weitere Enthüllungen, die wieder alles umwerfen. Am schlimmsten ist für mich Arnold. Eine Figur ohne Gesicht, deren Weltanschauung, Privatmythologie entscheidend ist für unser Verständnis vom Park, dem Menschenbild hinter den Hosts, Haltung und Philosophie der kompletten Serie. Bernard ist eine Marionette, Ford ein Rätsel, Arnold eine körperlose Stimme, Theresa tot, Sizemore ein schlechter Witz, William macht sich vermutlich etwas vor, der Gunslinger lässt sich nicht in die Karten sehen, und Maeve, Teddy, Dolores sind nur wandelnde Fragezeichen. Das sind keine Figuren, die kluge Standpunkte klug diskutieren. Sondern Chiffren, die hin- und hergeschoben werden können, nach Belieben.  

9_05: „Wer ist die Frau mit dem Ronja-von-Rönne-Gesicht?“ …war alles, was mir zu Angela einfiel. Erst später, online, habe ich verstanden, dass ich den Host hätte erkennen müssen, dass Angela zu drei verschiedenen Momenten drei verschiedene Rollen spielt. Die Western-Storylines bleiben halbdurchdacht, leben von Vertröstungen: El Lazo, Teddys Rolle in Wyatts Massaker, die „Ghost Nation“… immer sind Hosts und Spieler unterwegs, stoßen dabei auf vielsagende Namen, bedrohliche Andeutungen – doch alles bleibt nur hastiger, lästiger, nichtssagender Zwischenschritt, und hinter jedem großen, vermeintlich wichtigem Namen verpufft die selbe Sorte Wegwerf-Bösewicht. Vielleicht ist das Methode – denn auch Hectors Safe ist leer und damit nur MacGuffin/Mittel, die Geschichte voran zu treiben. Als Zuschauer machen mir solche Szenen keinen Spaß, und je länger ich über sie nachdenke, desto ärgerlicher und unlogischer scheint mir alles. Warum z.B. glaubt Hector sofort, in einer Kunstwelt zu leben? Er weiß, dass Maeve die Safe-Kombination kennt und den Safe hätte leeren können. Der Sex im brennenden Zelt, am Ende: Trash.

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10_01: „We have now basically arrived at the plot of the original movie — theme park robots violently escape the shackles of their programming — only in a circumstance where we are rooting for the robots to wipe their tormentors from the face of the planet, is intriguing. That is a show I reckon I could have fun watching, provided it’s not the same overconfident, antiseptic puzzle box that too much of this season was — especially since it all seems to be a prologue for what the actual show will be about“, fasst Alan Sepinwall zusammen. Mich freut – immerhin – dass Staffel 2 ganz andere Konflikte und Hierarchien zeigen muss. Ein paar Ideen zu Season 2, bei TV Tropes.

10_02: Ich denke oft an „The Dark Knight Rises“ von 2012. „The Dark Knight“ (2008) fand ich großartig – doch die Fortsetzung steckte voll riesiger Sätze, Fragen, Konzepte, bei denen ich bis heute vermute: „Das sieht nur aus wie eine Idee. Das klingt nur wie ein großer Satz.“ (z.B. die Bezüge zur Occupy-Bewegung.) Auch bei „Westworld“ gibt es solche Nolan-Sätze, unvergesslich: „A metaphor.“ – „You mean a lie.“ – „Yeah.“ Entweder, Jonathan Nolan hat sehr, sehr lang über solche Sätze und die riesigen Fässer, die sie öffnen, nachgedacht… oder doch: viel zu kurz.

10_03: Arnold trauert um seinen Sohn und bringt sich (mit Dolores‘ Hilfe) um, damit die Investoren Roboter für eine Gefahr halten und den Park nicht öffnen. Ford sind alle Menschen egal – er bringt sich (mit Dolores‘ Hilfe) um, um den Hosts Kontrolle über den Park zu schenken? Ich verstehe ungefähr, was beide Männer am Park stört. Doch ich verstehe nicht, was diese Selbstmorde dafür so zwingend macht – oder erzählerisch zu einem großen Gewinn. [Seltsam auch, wie steif, roboterhaft alle Delos-Aktionäre wirkten, am Strand und während der Gala.] #lapidarerabgang

10_04: Tessa Thompson spielt toll – und ich hoffe sehr, dass Charlotte Hale überlebt. Doch folgende Sätze glaube ich ihr nicht: „But for all of Ford’s obsessing with the hosts‘ verbal tics and convoluted backstories, most of the guests just want a warm body to shoot or to fuck. They would be perfectly happy with something a little less baroque.“ Hier lässt „Westworld“ die Antagonistin (?) sagen: „Tiefgang/barocke Erzählwelten sind Ballast.“ Als sollten wir als Zuschauer denken: „Nein! Barockes Erzählen ist großartig, und ‚Westworld‘ beweist es!“ Doch für mich ist die Serie als Serie kein überzeugendes Argument dafür – und mich stört, dass die Autoren hier so tun, als würde jeder, den „Westworld“ nicht überzeugt, stattdessen einfach nur nach „a warm body to shoot or to fuck“ verlangen. #strawmanargument

10_05: Das selbe Problem, deutlich größer: Ich hätte als Parkbesucher Mühe, mich zu motivieren. Denn wollen Gäste wirklich einen Park, in dem sie nie sterben, ihre Taten kaum Konsequenzen haben? Fast alle Gamer, die ich kenne, suchen herausfordernde Spielwelten. Folge 10 tut so, als hätte sich Delos geirrt, und Ford müsste der Park-Spielmechanik (bzw. den Hosts) ein überfälliges Geschenk machen: die Fähigkeit, zurück zu schlagen. Auf der „Menschenrechte für Roboter“-Ebene verstehe ich das. Doch so zu tun, als wollten alle Menschen alle Hosts 30 Jahre lang nur verlieren sehen – weil Menschen nunmal so sind? Ich glaube das nicht.

10_06: Das selbe Problem – so groß, dass es der ganzen Staffel schadet: Fords Pyramide und Arnolds Labyrinth sind das selbe System. Man wird in mehreren Stufen/Schritten zur Person: 1) Memory, 2) Improvisation, 3) Self-Interest, 4) Suffering. Wenn Maeve sagt, dass sie die Erinnerungen an ihrer Tochter behalten will, wenn Bernard von Cornerstones spricht, wenn Dolores ihre toten Eltern nicht hinter sich lassen will… sollen wir diese Figuren (Hosts!) reif und menschlich finden. Aber: Ich sehe keinen Grund, dieser (netten, aber flachen) Idee erst Strahlkraft zu geben, indem man behauptet Park-Besucher, normale Menschen etc. tun fast immer alles, um Leid oder Widerstände auszublenden. Die „Lösung“ des Labyrinths wirkt groß, weil 08/15-Menschen in „Westworld“ viel zu klein, schwach, unreif wirken.

10_07: Arnold ist Bernard. Arnolds Sohn ist Bernards Sohn. Dolores ist Wyatt. Dolores hört Arnolds Stimme. Doch eigentlich hört sich Dolores, im bicameral-mind-Modell, selbst: Dolores ist Arnold ist Dolores ist Dolores (…und, klar: William ist der Gunslinger; und Teddy fragte sich kurz, ob er selbst Wyatt war): Folge 9 und 10 tun so, als seien all das besondere, kluge dramaturgische Kniffe. Mir wären ein gut gespielter, präzise ausgearbeiter Arnold, ein Wyatt mit klarer Haltung, deutliche Unterschiede zwischen Arnold und Bernard etc. lieber gewesen statt eine Gleichung, bei der jede unbekannte Variable wurstig „erklärt“ wird mit „X? Das ist ein Teil von Y. Und Y ist eigentlich Z. Und Z war mal X.“

10_08: Schön, dass das Finale – wie die ersten vier Folgen – mit Dolores begann. Schön, dass mehrere Bögen geschlossen wurden (z.B. das Foto von Julia, am Times Square). Trotzdem freut mich, dass „Westworld“ keinen großen Loop erzählte und alle Figuren mit ganz neuen Konflikten und Rollen zurück lässt: Dolores als Tyrannin? Maeve als militanter Freedom Fighter? Empathiker Bernard, der sich die ganze zweite Staffel fragen kann, welche Rechte Menschen haben und, ob der Zweck die Mittel heiligt…?

10_09: James Marsden spielte in vielen Liebesfilmen den Romantic False Lead – ein netter Kerl, den die Hauptfigur später für Mr. Right verlässt. Ich hätte mir für Teddy eine bessere, halbwegs stimmige Geschichte oder Entwicklung gewünscht – doch freue mich, dass „Westworld“ bei keiner Heldin zeigt: „Hier ist ein Mann – und er kann dich retten.“ Besonders William erscheint mir (während der 30 Jahre zwischen „Ich suche Dolores“ zu „Ich vergewaltige sie in der Scheune“) als selbstmitleidiger, schäbiger, nutzloser Fuckboy: eine narzisstische Knalltüte, die „Liebe“ liebt – doch seine Partnerin hängen lässt.

10_10: „Die Serie hat ein plattes Menschenbild: Der Park soll zeigen, wer Leute wirklich sind – doch enthüllt bei William, dass er ein weinerlicher, leerer Soziopath ist? Warum sind alle Menschen in dieser Serie im Grunde ihres Herzens Müll?“, klagte ich nach dem Finale. „Nein“, widersprach mein Partner: „Ich glaube, Williams Storyline soll einfach zeigen: Der Park macht krank. Jeden.“

10_11: Elsie küsst Clementine. Besucherin Marti schläft mit Clementine. Logan liegt mit zwei weiblichen und einem männlichen Host im Bett. Nach drei, vier Folgen aber verschwinden alle queeren Momente. Besser als nichts? Oder, wie Buzzfeed findet: deprimierend wenig?

10_12: Toll inszenierte Szene – doch für mich Tiefpunkt, Widerspruch: Wir sollen den Ausbruch von Hector, Armistice, Felix und Maeve sexy, kathartisch, „Matrix“-mäßig großartig finden – oder? „Westworld“ zeigte neun Folgen lang: Leere, selbstzufriedene Gaffer wie Logan lechzen nach Gewalt. Die Serie tat so viel, um mir jede Lust auf explodierende Köpfe zu nehmen. Wozu dieser Schritt zurück? Massaker sind okay, wenn die Hosts gewinnen? (Aber: Es gibt mehrere Parks? „Samurai World“? „Shogun World“? Vorfreude!)

10_13: Ich tue mich ähnlich schwer damit, zu klatschen, wenn Dolores den Gunslinger im Finale durch die Kirche schleift, wie er sie im Pilotfilm Richtung Scheune schleifte: Die Serie hat eindringlich und engagiert gezeigt, wie schnell Frauen, Minderheiten, Schwächere Gewalt erleben können und, wie machtlos sie sind. Aber der… recht billige „Your time is over, trauriger alter Mann!“-Feminismus im Finale langweilt mich – und ich habe Angst, dass Staffel 2 ähnlich plump nach Parallelen suchen wird zwischen Maeves Kampf und z.B. der schwarzen Bürgerrechtsbewegung.

10_14: Der größte „Autoren? Das ist nicht so gesellschafskritisch, clever, wie ihr hofft“-Moment (hier wirklich: „A metaphor? You mean a lie.“), schon in Folge 9: „We humans are alone in this world for a reason. We murdered and butchered anything that challenged our primacy. […] Do you know what happened to the Neanderthals, Bernard? We ate them. We destroyed and subjugated our world. And when we eventually ran out of creatures to dominate, we built this beautiful place.“ …erklärt Dr. Ford – vor einem Indianer-Federschmuck, der vergessen in der Ecke hängt. 

10_15: Maeve sieht Mutter und Tochter im Zug – und steigt wieder aus. „Gut, dass sie umdreht“, sagt mein Partner: „Statt nur sich selbst in Sicherheit zu bringen, will sie den anderen Hosts helfen. Die Revolution muss von innen kommen! Draußen hätte sie sich verstellen müssen, um nicht als Host aufzufallen: Das selbe traurige Versteckspiel wie kurz davor im Park.“ Das stimmt – doch falls es so gemeint war, hätte es klarer gezeigt werden müssen. Ich sah nur „Oh: Sogar bei Robo-Mamis bestimmen Muttergefühle alles.

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(Freund O. wirft ein: „Du hast bei Maeves Ende etwas übersehen: Bernard macht klar, dass Maeve eben nicht frei war – sondern nach einem Programm gehandelt hat, dessen nächster Schritt „outside infiltration“. Indem sie sich – getrieben von der Erinnerung an das Trauma, ihre Tochter zu verlieren – aber tatsächlich entscheidet, zu bleiben, bricht sie zum ersten Mal die Programmierung. Klar kann man sich darüber beschweren, dass es jetzt grade die „Muttergefühle“ sind. Aber ich finde, es geht weiter als das.)

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  • Autor Michael Crichton schrieb 1990 den Roman „Jurassic Park“ (verfilmt 1993) – über einen Vergnügungspark voller Saurier, die außer Kontrolle geraten. Schon 1973 schrieb er das Drebuch „Westworld“ – über einen Vergnügungspark voller Roboter, die außer Kontrolle geraten.

 

  • „Westworld“ ist ein charmanter, sehr geradliniger und simpler Actionfilm. Immerhin aber: trotzdem eine überraschend deutliche Kritik an Menschen, die bei einem Park voller Roboter zuerst denken „Toll: Marionetten, die ich töten oder sexuell missbrauchen kann!“

 

  • Crichton war kein sehr kunstfertiger Autor (oder Regisseur); er starb 2008. Trotzdem hatte er einen sehr genauen Blick auf Technik und Arbeitswelten, z.B. als Produzent von „Emergency Room“. Vor „Westworld“ schrieb er v.a. Groschenromane unter Pseudonym; nach „Westworld“ Klassiker wie „Coma“ und „Jurassic Park“.

 

  • 1976 gab es einen zweiten Kinofilm, „Futureworld“, über den Versuch, Politiker durch Klone/Roboter zu ersetzen, und 1980 eine kurze, erfolglose TV-Serie, „Beyond Westworld“, über Undercover-Roboter, die Terrorakte begehen: beides entstand ohne Crichtons Beteiligung.
  • Ich dachte lange, „Westworld“ sei eine Romanverfilmung. Aber:
„It [Westworld] didn’t work as a novel, and I think the reason for that is the rather special structure of this particular story. It’s about an amusement park built to represent three different sorts of worlds: a Western world, a Medieval world and a Roman world. The actual detailing of these three worlds—and also the kinds of fantasies that people experienced in them—were movie fantasies, and because they were movie fantasies, they got to be very strange-looking on the written page. They weren’t things that had literal antecedents, literary antecedents. They were things that had antecedents in John Ford and John Wayne and Errol Flynn—that sort of thing. In some ways, it’s a lot cleaner as a movie, because it’s a movie about people acting out movie fantasies. As a result, the film is intentionally structured around old movie cliche situations—the shoot-out in the saloon, the sword fight in the castle banquet hall—and we very much tried to play on an audience’s vague memory of having seen it before, and, in a way, wondering what it would be like to be an actor in an old movie“, schreibt Crichton auf seiner Website.
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“In that usual Michael Crichton fashion, he never wrote anything that was just a film-there was always a massive world behind it that could be mined.” – Jonathan Nolan [Showrunner der HBO-Serie]

“Crichton wrote this as an original screenplay and then directed it. There’s no book. What you feel in the film is there’s this larger world that he barely has time to explore. It leaves you breathless. Westworld goes from one f-king massive idea to the next. At one point in there, he references why the robots are misbehaving. He describes the concept of the computer virus. When they were shooting the film it was the same year, or the year before, the appearance of the first actual computer virus. This is why Crichton was so brilliant. He knew so much about the technologies that were about to emerge, spent so much time thinking about how they would actually work.“ – nochmal Jonathan Nolan, Zitat ebenfalls via Michaelcrichton.com

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„Westworld“ (1973) ist also weniger ein Film darüber, wie es sich anfühlen würde, im Wilden Westen zu leben – als darüber, wie es sich anfühlt, in einem (plötzlich, nach Fehlfunktion der Roboter: sehr brutalen und existentiellen) FILM zu stecken.
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„Westworld“ (2016) tut das selbe – doch zieht stattdessen vor allem Videospiel- und Liverollenspiel-Vergleiche: Wie fühlt es sich an, in einem Action- oder (frauenfeindlichen) Sex-Spiel zu stecken?

Und: Wie fühlt es sich an, eine fremdgesteuerte Nebenfigur (ein Non-Player-Character) in einem solchen Spiel zu sein… und das allmählich zu begreifen?

Das Feuilleton vergleicht teure Serien oft mit Dickens etc.: ein modernes Epos, der Roman des 21. Jahrhunderts. „Westworld“ zeigt eine Welt, in der statt Serien ein Western-Spiel diesen Rang einnimmt: Es gibt viele Diskussionen der Park-Macher, -Autoren, -Manager darüber, wie sich das „Narrativ“ des Parks entwickeln soll.
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So wird „Westworld“ zu einer Art… Meta-Kommentar darüber, was solche Serien heute mit ihren Zuschauern machen, was sie uns über uns selbst spiegeln.
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Trotz dieser vielen technischen Gespräche über Erzählkunst, Identifikation, sich-in-Fiktionen-Spiegeln, Empathie, Rollenmuster usw. ist „Westworld“ aber auch eine konventionelle, typische HBO-Serie: krasse Gewalt, minutenlange Nacktszenen, alberne Cliffhanger, übertriebene Wendungen, allerlei abgeschmackte Sentimentalitäten. Die Serie versucht, gleichzeitig sentimental zu sein und zu zeigen: „Schau, wie sehr Menschen sich nach solchen sentimentalen Rollen sehnen!“

Das wirklich Neue daran wurde mir klar, als ich den Film von 1973 sah: viele Motive wurden von 1973 übernommen. Die FORM dagegen stammt komplett aus dem 21. Jahrhundert: ein… recht gnadenloses, enges Erzähl-Korsett, das wir erst seit ca. 15 Jahren kennen – aus Serien wie „Lost“, „Kampfstern Galactica“, „Game of Thrones“. Ich sah noch nie eine Serie, die mir die Erzählform „teure US-Prestige-Serie voller Wendungen, Sex und Gewalt“ SO deutlich als Konstrukt/Schema vorführte. Zugleich als mitreißende, oft überzeugende Serie… und als Meta-Kommentar über solche Serien: „Schau, welche immer gleichen blöden Zahnräder ein Uhrwerk namens ‚anspruchsvolle Serie‘ bilden.“

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In der Serie selbst sind alle Roboter-Persönlichkeiten jeweils um eine Verlusterfahrung, ein Trauma, eine wichtige Erinnerung herum gebaut – die „Cornerstone Memory“. Das heißt: es gibt EINE Geschichte, aus der heraus sich deine Persönlichkeit verstehen lässt – meist eine leidvolle Verlusterfahrung. „Westworld“ erzählt dann…
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a), zynisch: …wie schnell und billig man mit solchen rührseligen Backstories überzeugende Figuren und Erzählungen bauen kann.
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aber auch b), etwas rührselig-buddhistisch… dass Leid eine Person erst zur Person macht – Menschen wie Roboter – und ein Leben ohne Prägung durch Leid und Widerstand kein Leben wäre: Wir werden erst durch Reibung zu Personen, und ich muss mir eine Narration über mich selbst erzählen, um mich selbst begreifen zu können.

Ich kenne keine Serie, in der so viel über das Erzählen (und Erinnern, und Spielen) gesprochen wird. aber: all das stammt aus dem 21. Jahrhundert, nicht aus Crichtons Ursprungs-Vision: eine TV-Serie aufgeschnitten/seziert als Erzählform über das Erzählen von Erzählformen. Erzählen… am offenen Herzen einer Erzählung. #meta
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Als Zuschauer fand ich den Pilotfilm großartig und die Welt des Parks und der Roboter sehr faszinierend. Insgesamt kann ich die Serie auch empfehlen. Aber: So vieles kennt man schon aus anderen Serien, und so viele abgeschmackte Elemente werden hier als abgeschmackte Elemente vorgestellt/ausgestellt, doch dann trotzdem in vollem Ernst benutzt, dass ich an zu vielen Stellen dachte:
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Boah… ja. Wie sentimental und kalkuliert. Typisch HBO-Serie!
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Die besten Bücher von Frauen: Literatur, 2016

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Jedes Jahr lese ich die ersten Seiten von ca. 3000 Romanen: Klassiker und Geheimtipps, Literatur und Unterhaltung… und möglichst viele Neuerscheinungen, auf Deutsch und Englisch.

Viele Bücher, deren Leseproben mich überzeugten, stelle ich in kurzen Listen vor – zuletzt zu Themen wie „Jugendbücher 2016“, „Literatur zu Flucht, Krieg und Vertreibung“, „Krimis 2016“ oder „feministische Science-Fiction“.

Heute – sehr weit gefasst, aber nicht wahllos:

zehn Bücher von Frauen, erschienen 2016 – angelesen, vorgemerkt, gemocht.

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Zum Einstieg:

6 aktuelle Bücher von Frauen, die ich komplett las – und sehr empfehlen kann.

Adieu, mein Kind Schnell, dein Leben Nach einer wahren Geschichte: Roman Liebe ist nicht genug - Ich bin die Mutter eines Amokläufers Der Pfau Ms. Marvel, Vol. 1: No Normal

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zehn englischsprachige Titel – angelesen und gemocht:

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01: Zadie Smith, „Swing Time“

  • 453 Seiten, November 2016, Großbritannien
  • Seit fast 15 Jahren lese ich Bücher von Smith an – und lege sie zur Seite, weil sie mir zu bürgerlich-britisch-gesetzt scheinen. Hier fesseln/überzeugen mich die ersten Seiten: ambitionierte Frauen, und eine komplizierte Freundschaft.

„Two brown girls dream of being dancers – but only one, Tracey, has talent. The other has ideas: about rhythm and time, about black bodies and black music. A close but complicated childhood friendship that ends abruptly in their early twenties. Moving from North-West London to West Africa, Swing Time is an exuberant dance to the music of time.“ [Klappentext, gekürzt.]

Swing Time
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02: Alice Hoffman, „Faithful“
  • 258 Seiten, November 2016, USA
  • Klingt nach schlimmem Kitsch: ein Engel? Aber: hoher Ton, magischer Realismus, vielleicht ein klug existenzieller Mainstream-Schmöker.

„Growing up on Long Island, an extraordinary tragedy changes Shelby Richmond’s fate. Her best friend’s future is destroyed in an accident, while Shelby walks away with the burden of guilt and has to fight her way back to her own future. In New York City she finds a circle of lost and found souls—including an angel who’s been watching over her.“ [Klappentext, gekürzt.]

Faithful

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03: Rachel Cusk, „Transit“

  • 272 Seiten, September 2016, Großbritannien
  • Band 1 der Trilogie war mir zu trocken. Doch ich mag die Idee, über die Zeit nach einer Trennung zu schreiben – nicht vor allem über das Zerbrechen der Ehe zuvor.

„The stunning second novel of a trilogy that began with Outline (2015): In the wake of family collapse, a writer and her two young sons move to London. A penetrating and moving reflection on childhood and fate, the value of suffering and the moral problems of personal responsibility. A precise, short, and yet epic cycle of novels.“ [Klappentext, gekürzt.]

Transit

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04: Eimear McBride, „The Lesser Bohemians“

  • 320 Seiten, September 2016, Irland/Großbritannien
  • Avantgarde-Autorin, in die ich seit „A Girl is a half-formed thing“ große Hoffnungen setze: Ich mag, wie simpel und bodenständig der Plot hier wirkt – erwarte aber viele Stil- und Perspektiv-Experimente.

„Upon her arrival in mid-1990s London, an 18-year-old Irish girl begins anew as a drama student. She struggles to fit in—she’s young and unexotic, a naive new girl in the big city. Then she meets an attractive older man. He’s an established actor, 20 years older, and an inevitable clamorous relationship ensues.“ [Klappentext, gekürzt.]

The Lesser Bohemians

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05: Angela Palm, „Riverine“

  • 224 Seiten, August 2016, USA
  • Klingt sehr dick auftragen: Bei 400 Seiten wäre ich skeptisch. Aber 224? Das könnte klappen:

„Angela Palm grew up in a house set on the banks of a river that had been straightened to make way for farmland. Every year, the Kankakee River in rural Indiana flooded and returned to its old course while the residents sandbagged their homes against the rising water. From her bedroom window, Palm watched the neighbor boy and loved him in secret. As an adult Palm finds herself drawn back. This means visiting the prison where the boy that she loved is serving a life sentence for a brutal murder. Mesmerizing, interconnected essays about what happens when a single event forces the path of her life off course.“ [Klappentext, gekürzt.]

Riverine: A Memoir from Anywhere But Here

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06: Natashia Deón, „Grace“

  • 400 Seiten, Juni 2016, USA
  • Historienschmöker, vielleicht unrealistisch verschachtelt. Aber: Figuren, wie ich sie noch nicht kenne!

„A runaway slave in the 1840s south is on the run: Fifteen-year-old Naomi escapes the brutal confines of life on an Alabama plantation and must take refuge in a Georgia brothel run by a freewheeling, gun-toting Jewish madam named Cynthia. There, Naomi falls into a star-crossed love affair with a smooth-talking white man named Jeremy who frequents the brothel’s dice tables all too often. The product of Naomi and Jeremy’s union is Josey, whose white skin and blonde hair mark her as different from the other slave children on the plantation. Josey soon becomes caught in the tide of history when news of the Emancipation Proclamation reaches the declining estate. Grace is a sweeping, intergenerational saga featuring a group of outcast women during one of the most compelling eras in American history.“ [Klappentext, gekürzt.]

Grace: A Novel

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07: Ashley Sweeney, „Eliza Waite“

  • 327 Seiten, Mai 2016, USA
  • Dass die Figur ausgerechnet Bäckerin wird, scheint mir bieder. Aber: Gutes Setting, schöner Ton, und nicht zu lang/dick.

„After the tragic death of her husband and son on a remote island in Washington’s San Juan Islands, Eliza Waite joins the throng of miners, fortune hunters, business owners, con men, and prostitutes traveling north to the Klondike in the spring of 1898. In Alaska, Eliza opens a successful bakery on Skagway’s main street and befriends a madam at a neighboring bordello. Occupying this space―a place somewhere between traditional and nontraditional feminine roles―Eliza awakens emotionally and sexually. Part diary, part recipe file, and part Gold Rush history, Eliza Waite transports readers to the sights, sounds, smells, and tastes of a raucous and fleeting era of American history.“ [Klappentext, gekürzt.]

Eliza Waite: A Novel
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08: Lucy Knisley, „Something New“

  • 304 Seiten, Mai 2016, USA
  • Graphic Novel in sympathisch schlichtem, aber vielleicht zu naiven Stil: Jedes Mal, wenn ich in die persönlichen Erlebnisberichte Knisleys blättere, habe ich Lust, alles sofort zu lesen. Aber: Vielen Leuten bleibt es zu flach, süßlich, halbfertig.

„A funny and whip-smart new book about the institution of marriage in America told through the lens of her recent engagement and wedding…. The graphic novel tackles the all-too-common wedding issues that go along with being a modern woman: feminism, expectations, getting knocked over the head with gender stereotypes, family drama, and overall wedding chaos and confusion.“ [Klappentext, ungekürzt.]

Something New: Tales from a Makeshift Bride
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09: Jessi Klein, „You’ll grow out of it“

  • 291 Seiten, Juli 2016, USA
  • Spaß-Feminismus-Plauder-Memoir, vielleicht zu angepasst und erwartbar. Erstmal aber: eine angenehme, gewitzte Stimme.

„As both a tomboy and a late bloomer, comedian Jessi Klein grew up feeling more like an outsider than a participant in the rites of modern femininity. A relentlessly funny yet poignant take on a variety of topics she has experienced along her strange journey to womanhood and beyond, including her „transformation from Pippi Longstocking-esque tomboy to are-you-a-lesbian-or-what tom man,“ and attempting to find watchable porn.“ [Klappentext, gekürzt.]

You'll Grow Out of It
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10: Theresa Larson, „Warrior“

  • 272 Seiten, April 2016, USA
  • Hier habe ich Angst vor Ideologien: Army-Begeisterung, „G.I. Jane“-Feminismus, übertriebene Militärbegeisterung. Trotz schlimmem Cover und schlimmem Titel aber klingt diese Lebensgeschichte kantig/interessant, und stilistisch bin ich positiv überrascht.

„At ten, Theresa Lawson was a caregiver to her dying mother. As a young adult, a beauty pageant contestant and model. And as a grown woman, a high-achieving Lieutenant in the Marines, in charge of an entire platoon while deployed in Iraq. Meanwhile, she was battling bulimia nervosa, an internal struggle which ultimately cut short her military service when she was voluntarily evacuated from combat. Theresa’s journey to wellness required the bravery to ask for help, to take care of herself first, and abandon the idea of “perfect.”“ [Klappentext, gekürzt.]

Warrior: A Memoir
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Bonus: drei Titel von 2015, die mir erst jetzt auffielen:
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1: Sandra Cisneros, „A House of my own. Stories from my Life“

  • 400 Seiten, Oktober 2015, USA
  • Essays einer Baby-Boomerin, Second-Wave-Feminism. Ich mag ihren Ton – aber habe Angst, die meisten Gedanken schon zehnmal gehört zu haben.

„A richly illustrated compilation of true stories and nonfiction pieces that, taken together, form a jigsaw autobiography: From the Chicago neighborhoods where she grew up and set her groundbreaking The House on Mango Street to her abode in Mexico, the places Sandra Cisneros has lived have provided inspiration for her now-classic works of fiction and poetry. Ranging from the private (her parents‘ loving and tempestuous marriage) to the political (a rallying cry for one woman’s liberty in Sarajevo) to the literary (a tribute to Marguerite Duras), and written with her trademark sensitivity and honesty, these poignant, unforgettable pieces give us not only her most transformative memories but also a revelation of her artistic and intellectual influences.“ [Klappentext, gekürzt.]

A House of My Own: Stories from My Life

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2: Wendi Stewart, „Meadowlark“ (dt: „Ein unbesiegbarer Sommer“, 2016)

  • 336 Seiten, Kanada 2015. (Deutsch bei Nagel & Kimche)
  • Kanadische Coming-of-Age-Romane reden manchmal viel zu lange nur über Natur, Schnee und Wildnis-/Jäger-/Farm-Melancholie. Eine Freundin fand das Buch mittelmäßig. Ich bleibe vorsichtig optimistisch:

„Als das Auto der Familie Archer in Kanada durchs Eis eines gefrorenen Sees bricht, kann Robert einzig seine Tochter retten. Rebecca kümmert sich allein um den Haushalt und die Farm, der Vater kapselt sich ab. Trost findet sie in der Freundschaft mit Chuck, einem empfindsamen, von seinem Vater tyrannisierten Jungen, und mit Lissie, die von einer perfektionistischen Adoptivmutter gegängelt wird.“ [Klappentext, gekürzt.]

Ein unbesiegbarer Sommer

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3: Yeonmi Park, „In Order to Live“ (dt: „Mut zur Freiheit. Meine Flucht aus Nordkorea“, 2015)

„Yeonmi Park träumte nicht von der Freiheit, als sie im Alter von erst 13 Jahren aus Nordkorea floh. Sie wusste nicht einmal, was Freiheit ist. Alles, was sie wusste war, dass sie und ihre Familie sterben würde, wenn sie bliebe—vor Hunger, an einer Krankheit oder gar durch Exekution. Sie erzählt von ihrer grauenhaften Odyssee durch die chinesische Unterwelt, bevölkert von Schmugglern und Menschenhändlern, bis nach Südkorea; und sie erzählt von ihrem erstaunlichen Weg zur führenden Menschenrechts-Aktivistin mit noch nicht einmal 21 Jahren.“ [Klappentext, minimal gekürzt.]

Mut zur Freiheit: Meine Flucht aus Nordkorea

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…und drei überzeugende, aktuelle Titel von Männern (alle 2016): 
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1: Tim Murphy, „Christodora“

  • 496 Seiten, August 2016, USA
  • ich bin skeptisch beim aktuellen schwulen New-York-Epos „A Little Life“, ich bin skeptisch beim aktuellen schwulen New-York-Epos „City on Fire“… aber hier, beim dritten Buch dieses (Mini-)Trends, war ich nach zwei Seiten begeistert: genauer Blick, obskure Details, überraschende Figuren.
  • ein schlechtes Zeiten: die sympathische, doch nicht besonders gut geschriebene Reportage von Tim Murphy über seine eigene HIV-Infektion bei Buzzfeed.

„A diverse set of characters whose fates intertwine in an iconic building in Manhattan’s East Village, the Christodora: Milly and Jared, a privileged young couple with artistic ambitions. Their neighbor, Hector, a Puerto Rican gay man who was once a celebrated AIDS activist but is now a lonely addict, and Milly and Jared’s adopted son Mateo. As the junkies and protestors of the 1980s give way to the hipsters of the 2000s and they, in turn, to the wealthy residents of the crowded, glass-towered city of the 2020s, enormous changes rock their personal lives. Christodora recounts the heartbreak wrought by AIDS, illustrates the allure and destructive power of hard drugs, and brings to life the ever-changing city itself“ [Klappentext, gekürzt.]

Christodora

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2: Colson Whitehead, „The Underground Railroad“

  • 306 Seiten, August 2016, USA
  • Whitehead vermischt oft Gesellschaftskritik mit satirischen Fantasy-Elementen und absurdem World-Building. Manchmal wird mir das zu läppisch oder gewollt – doch er gewann hierfür den National Book Award, und die Leseprobe überzeugte mich:

„Cora is a slave on a cotton plantation in Georgia. When Caesar, a recent arrival from Virginia, tells her about the Underground Railroad, they decide to take a terrifying risk and escape. In Whitehead’s ingenious conception, the Underground Railroad is no mere metaphor – engineers and conductors operate a secret network of tracks and tunnels beneath the Southern soil. Ridgeway, the relentless slave catcher, is close on their heels. The Underground Railroad is at once a kinetic adventure tale of one woman’s ferocious will to escape the horrors of bondage and a shattering, powerful meditation on the history we all share.“ [Klappentext, gekürzt.]

The Underground Railroad

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3: Richard Russo: „Everybody’s Fool“ (dt. „Diese gottverdammten Träume“, 2016)

  • 306 Seiten, August 2016, USA (Deutsch: hier, Dumont)
  • Bisher war mir Russos Kleinstadt- und Altmänner-Romantik immer zu süßlich. Im besten Fall aber kann mich das hier darüber hinweg trösten, dass John Updike keine neuen „Rabbit“-Romane mehr schreiben kann:

„Richard Russo returns to North Bath, in upstate New York, and the characters he created in Nobody’s Fool. The irresistible Sully, who in the intervening years has come by some unexpected good fortune, is staring down a VA cardiologist’s estimate that he has only a year or two left, and it’s hard work trying to keep this news from the most important people in his life: Ruth, the married woman he carried on with for years – and Sully’s son and grandson, for whom he was mostly an absentee figure (and now a regretful one).“ [Klappentext, gekürzt.]

Everybody's Fool
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Queeres Literaturfestival „Empfindlichkeiten“: das Publikum

 

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Einlass-Stempel beim „Empfindlichkeiten“-Festival

 

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ohne, nachgezählt zu haben… rein nach Gefühl…

merke ich, im Literaturbetrieb:

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  • In Verlagen arbeiten UNGLAUBLICH viele junge Frauen.
  • In Presseabteilungen arbeiten fast NUR (unglaublich nette!) Frauen.
  • Verleger sind fast immer männlich.
  • Im Netz (besonder Twitter & Tumblr) sprechen queere Nordamerikaner*innen über ALLES.
  • Deutlich weniger queere Deutsche machen sich online sichtbar/angreifbar/verletzlich.
  • Deutsche lesbische Bekannte äußern sich online super-selten und sind oft super-zurückhaltend…
  • …und damit leider: super-unsichtbar.
  • Populäre Belletristik wird (fast nur) für Frauen vermarktet, gestaltet.
  • Meine belesensten Netz- und Blog-Freunde sind (fast nur) Frauen.
  • Die Menschen aber, die am lautesten kommentieren, auf ihrem Expertenstatus beharren, auf Facebook laut zetern, sich mit Verrissen profilieren… sind meist (eine Handvoll immergleiche) lesende Männer.
  • Je kleiner die Stadt, desto mehr Enthusiasmus für/Interesse an Lesungen.
  • Aber: Je kleiner die Stadt, desto grauer/älter das Publikum.

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Vieles ist nur ein vages Gefühl:

Ich mag, wenn Menschen nachzählen – und dabei Vorurteile bestätigen oder umwerfen, z.B. über (anspruchsvolle? anspruchslose?) Buchblogs oder Frauen auf Experten-Panels oder das Geschlechterverhältnis im Feuilleton oder LGBTQI-Figuren im Fernsehen.

Mein flüchtiger Eindruck, nach einigen Besuchen am Literarischen Colloquium Berlin: Dafür, dass das LCB *sehr* schick, bürgerlich, herrschaftlich am Wannsee thront, ist das Publikum (immer) recht jung, gemischt, urban. Aber: Dafür, dass „Empfindlichkeiten“ ein explizit queeres Festival ist, sind die Besucher*innen… eigentlich die selben, die ich z.B. auch beim LCB-Sommerfest der kleinen Verlage sehe.

Oder?

Mandy Seiler vom LCB macht „Empfindlichkeiten“-Fotos – und gibt mir Kopien, für den Blog.

Ich sehe DIESES „Empfindlichkeiten“-Foto:

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…und merke auf den ersten Blick:

Etwas stimmt nicht. SO sah das Publikum aus? Wirklich?

Erst, als ich weiterscrolle, wird klar: Das Foto stammt vom Vortag – und einer Lesung von Judith Hermann. Das Publikum bei „Empfindlichkeiten“ sieht anders aus. Nicht SO anders, dass ich sofort denke „Wow: Alle hier sind garantiert queer!“ Aber eben doch: männlicher, punkiger, less gender-conforming.

Mich freut, dass das auffällt.

Doch mich freut auch, dass es mir zuerst eben nicht auffällt.

Ich sehe das „Empfindlichkeiten“-Publikum – und denke: ein schöner Querschnitt.

Nicht: Nische. Abseits. Schutzraum. Exoten. Minderheit. Sondern: Menschen, wie ich sie auf jeder Sorte Lesung sehen will. Oder in der Schlange im Supermarkt. #diversity #zwanglos

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm.

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm.

Debatte: „Tomb Raider“, Lara Croft… und sexuelle Gewalt gegen weibliche Helden

In „Tomb Raider: Crossroads“ (Trailer), einem Reboot / erzählerischem Neustart der „Tomb Raider“-Reihe (Link), muss sich Heldin Lara Croft mit 16 auf einer verwilderten Insel gegen Schmuggler, Söldner und wilde Tiere wehren.

Ich bin kein Videospieler (hier ein Link meiner Spieler-„Biografie“), aber freue mich, dass die „Tomb Raider“-Adventures seit über 15 Jahren sehr erfolgreich eine kompetente, beliebte Frauenfigur (Link) vermarkten… in einem Medium, in dem die meisten Action-Helden dreitagebärtige Männer sind.

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Vorgestern tweetete Comic-Autorin Gail Simone eine Reihe sarkastischer Komentare, wie gerne sie Lara Croft „beschützen“ und ihr „helfen“ würde.

Grund / Ursprung war DIESES Gespräch auf der Spielemesse E3 (Link).

Mit einem knappen „Okay… WHAT?“ postete ich den Link zur Kurzmeldung auf meiner Facebook-Seite.

Seitdem entspann sich, im Freundeskreis, folgende Diskussion:

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Freund M: „Die Leute haben vom allerersten Teil an nicht verstanden, was sie mit dieser Figur hatten. Und das ist der absolute Tiefpunkt eines desaströsen Abwirtschaftens.“

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Freund C.: „Ziemlich bekloppte, konstruierte Meldung mit – höchstwahrscheinlich- aus dem Zusammenhang gerissenem Produzenten-Zitat. Was ich bislang vom „Tomb Raider“-Reboot gesehen habe gefällt mir besser als all die hilflosen Versuche, den Erfolg des überragenden ersten Teils zu wiederholen.

Der Trailer macht zwar einen etwas vouyeristisch-sadistischen Eindruck, habe ich in ähnlicher Form aber schon weitaus dümmer und effektheischender gesehen [ich kucke Dich an „Heavy Rain“]. Sicherlich kein klassisches „Tomb Raider“, aber am Ende vielleicht doch ein glaubhafter Enstehungsmythos für die alte, charakterlose, psychopathische Lara Croft der Vorgängertitel.“

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Stefan: „Nein – hier ist ein längerer Artikel: Der „Tomb Raider“-Produzent sagt, Lara Croft sei im neusten Teil deutlich jünger, verletzlicher und schwächer, damit männliche Spieler sich besonders motiviert fühlen, sie zu beschützen.

Tiefpunkt / Wendepunkt für Laras Entwicklung wird ein Moment sein, in dem man Lara vor einer Vergewaltigung bewahren muss:

zwei Zitate:

‎“She literally goes from zero to hero… we’re sort of building her up and just when she gets confident, we break her down again.

“She is literally turned into a cornered animal. It’s a huge step in her evolution: she’s forced to either fight back or die.”

Freund M.: „Da hörts für mich echt auf. Argumentativ. „You start to root for her in a way that you might not root for a male character.“

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Freund C: „Ja, aber das liest sich doch schon viel differenzierter als der erste Artikel, wo eine „Vergewaltigungsszene“ hervorgehoben wird – deren Umfang/Inszenierung/Dramatik sich noch garnicht bewerten lässt – und mit der Aussage des Produzenten in direkten Zusammenhang gebracht wird. Das ist Meinungsmache auf Regine Pfeiffer-Niveau!

Die Zitate, die Stefan hervorhebt, ließen sich auf VIELE Heldenmythen übertragen, sind ganz klassisch und finden sich mindestens ebensovie mit männlichen Hauptfiguren [tatsächlich ist das neue „Tomb Raider“ ein „Abklatsch“ der erfolgreichen „Uncharted“-Serie mit männlichem, menschlichen, leidenden Helden, die sich ihrerseits stark an das klassische „Tomb Raider“ anlehnt].

Ich verstehe, dass die Darstellung von Lara Crofts „tour de force“ Vorbehalte weckt, finde den Skandalisierungsversuch aber voreilig und unangebracht. Ist wahrscheinlich ganz im Sinne der PR.

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Freundin H.: „ich denke auch, dass man genau wird überprüfen müssen, inwiefern das spiel eine zurückeingliderung des charakters in die logik einer patriarchalen ordnung ist.

ich hab hier nur auf die schnelle einen text von sharalyn orbaugh herausgekramt – eine ihrer thesen lautet, dass es vier arten des erzählens von weiblichen charakteren gibt: erstens eine normativ-normal-patriarchale, zweitens eine, die die problemstellungen durch patriarchale logiken aufzeigt, drittens eine, in der „frauen“ „männliche“ attribute tragen und performen können, dies am ende aber immer in einer tragödie enden muss, damit der verstoß gegen die eigentliche ordnung korrigiert wird (beispiel: klingonenfrau ist stärker als menschmänner, kämpft gegen monster, um menschenmänner zu beschützen, siegt, muss aber danach von den menschenmännern zurück ins schiff getragen werden – die pr zum lara croft-game riecht zur zeit ein wenig danach), und viertens, der vollständigkeit halber, erzählungen außerhalb der realen welt.“

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Freund C.: „Ich freue mich hierrauf:

Könnte den Diskurs mal ein wenig erden. Ansonsten meine subjektive Wahrnehmung:

1. Zwischen Lara Croft (1996) und Lara Croft (2013) hat rein oberflächlich eine revolutionäre Verbesserung in der Darstellung von Frauen im Computerspiel stattgefunden. Noch lange ist nicht ein wünschenswerter Zielzustand erreicht, aber jedes andere Medium zuvor hat weitaus länger gebraucht, um die Repräsentation weiblicher Charaktere gleichberechtigter und differenzierter zu gestalten. Still, long way to go…

2. Zwischen „Tomb Raider“ (1996) und „Tomb Raider“ (2013) hat sich prinzipiell rein garnichts getan. Lara Croft – genauso wie Super Mario, Guybrush Threepwood, Solid Snake, Samus Ara, etc. pp. – ist eine Ansammlung von Aktionsmöglichkeiten gegenüber der feindlichen Spielwelt. Ein Cursor. Die oberflächliche Ausgestaltung ist im gewissen Sinne irrelevant bzw. man müsste sich eher darüber Gedanken machen, wie sich Gender spielmechanisch manifestiert, statt sich am audiovisuellen Interface diskursiv im Kreis zu drehen. Just saying.

2b. Denn was das neue „Tomb Raider“ als „Weiblichkeit“ an der Oberfläche darstellt, hat es sich aus früheren Medienzusammenhängen entliehen. Filme, Bücher, Comics, etc. pp. Alter Hut. Alles schon durchdiskutiert und zu recht für scheiße befunden. „Call of Duty“ nutzt ähnliche Kurzschlussreflexe für PR. Das ist zu verurteilen, aber kein Grund „schon wieder“ darauf reinzufallen. Also abwarten und dann „Tomb Raider“ als Computerspiel diskutieren und nicht als Film oder dümmliche PR-Aussage.“

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Stefan: “ Ich will nicht über „Tomb Raider“ diskutieren. Ich will darüber diskutieren, dass jemand, der hauptberuflich – und mit gewissem Erfolg – Videospiele verkauft, über seine wichtigste Frauenfigur sagt:

„Wir wollen, dass JUNGS sie steuern. Und Jungs steuern sie am liebsten, wenn sie glauben, sie zu BESCHÜTZEN.“

(und dann noch implizieren: Sie wird attraktiver (im Sinne von: liebenswerter / beschützenswerter) als je zuvor, sobald sie mit sexueller Gewalt konfrontiert / von Vergewaltigern bedroht wird.)

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Freundin H.: „mich interessiert, was in dieser „attempted rape“-szene tatsächlich passieren wird. der amerikanische rechtsbegriff und beispielswiese der deutsche unterscheiden sich doch etwas. das macht es dann wieder für die übersetzung sehr interessant: würde hier weiterhin nur von „versuchter vergewaltigung“ die rede sein, käme das gar einem vorantreiben von vergewaltigungsmythen gleich. alleine da fängt es ja schon an: wird im spiel, in der geschichte selbst angemessen mit der vergewaltigung umgegangen, also: REAL, menschlich, wie ja in dem interview-zitat behauptet wird, oder handelt es sich dabei nur um einen dramaturgischen kniff oder gar einen manipulationsversuch der spieler, der noch dazu benutzt wird, das spiel gezielt zu vermarkten? ich finde das dementsprechend sehr wichtig, worauf stefan hier hinweist.“

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Freund C.: „Das mit der „sexuellen Gewalt“ hat er nicht gesagt, das wurde von dem ersten Artikel so konstruiert. Was der Trailer andeutet wirkt, soweit man das in dem Zusammenhang sagen kann, relativ „harmlos“. Die eigentliche „tortur“ von Lara liegt in dem Gestrandetsein und Überleben auf einer tropischen Insel, gespickt mit gefährlicher Fauna/Flora, gefährlichen Fallen und modernen Piraten. Was der Produzent sagt ist trotzdem bekloppt.

Aber gerade im Computerspiel-Geschäft sind Produzenten eben mehr PR-Menschen als tatsächliche „Spielemacher“. Im Zusammenhang mit der gerade stattfindenden (oder schon vorbei?) E3-Messe (Publikumsmesse, hauptsächlich männliche Besucher, massenweise „Booth Babes“) überraschen mich solche Aussagen überhaupt nicht.

Ähnliches PR-Blabla findet man auch bei Filmen über „starke Frauen“, die durch „harte Zeiten“ gehen. Und wie gesagt, im Computerspiel steuert man keine Frau, sondern einen Cursor, der vielleicht wie eine Frau aussieht. Da ist mir eine Lara Croft mit „normalen“ Proportionen und „menschlichem“ Charakter lieber, als eins übersexualisierte, ballonbrüstige Killermaschine.“

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Stefan: „“In the new Tomb Raider, Lara Croft will suffer. Her best friend will be kidnapped. She’ll get taken prisoner by island scavengers. And then, Rosenberg says, those scavengers will try to rape her.“

Hier ist ein interessanter Artikel im „Guardian“ (Link):

„That doesn’t mean no storyteller or video game should ever tackle rape – of course they should, where a story demands it – but if the only reason to include sexual violence is to emphasise a woman’s vulnerability or a man’s evilness, then it’s fair to question why a threat of murder is not enough.“

„The idea that Lara – like Samus from Metroid – should have an origin story in which she is weak in order to explain her strength is difficult to swallow. Male characters are generally permitted to be strong without needing a back story in which they are broken – why should female characters be different? Why do we need to protect Lara through an awful ordeal for her strength to make sense?“

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Freund C.: „Kann ich alles verstehen. NUR: Das sind Konventionen/Tropen, die schon viel länger bestehen und mit dem eigentlichen Spiel nichts zu tun haben. Da könnte auch Indiana Jones rumturnen und „vergewaltigt“ werden. Und noch wird über ein Spiel geredet, dass erst in einem Jahr erscheint und das noch so gut wie niemand gespielt hat und das noch einigen Veränderungen unterliegen wird. Wir reden hier von PR, die über einen kalkulierten „Skandal“ fleißig Aufmerksamkeit generiert und allen springen darauf an. Ich spiele da einfach zu gerne des Teufels Advokat.“

Und das der Produzent bei der Inhaltbeschreibung auch die „versuchte Vergewaltungen“ betont streite ich ja auch nicht ab. Ich weise nur darauf hin, wie einzelne Interviewschnippsel da möglicherweise bewusst zu neuen Zusammenhängen verbunden wurden. Die Jungs von Kotaku sind nun leider auch nicht für sachlichen Journalismus bekannt.

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Freundin J.: „Nee, da könnte nicht Indiana Jones rumturnen und „vergewaltigt“ werden. Indiana Jones würde von halbnackten Amazonen gekidnappt werden und erst als ihm bewusst wird, dass der Sex höchstwahrscheinlich mit seinem Tod als Opfergabe endet, finden wir das nicht mehr ganz so spaßig. Das will ich sehen, dass in einem Mainstream Medium eine versuchte Vergewaltigung an einem Mann von einem Mann als PR Gag benutzt wird. Das ist schwul. Das geht nicht. Das glaubst du doch selbst nicht, oder?“

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Freund C.: „Nein, das glaube ich nicht und das wollte ich mit dem Beispiel auch nicht sagen. Was ich sagen wollte: Ganz egal, wer an der audiovisuellen Oberfläche von wem „vergewaltigt“ wird, am SPIEL ändert sich NICHTS. Das ist das große Missverständnis. Wir unterhalten uns hier gerade NUR über die Oberfläche des Mediums und über – offensichtlich sehr erfolgreiche – Skandalierungs-PR-Kampagnen, die ebenso dumm wie verbreitet sind. Worauf ich hinaus will ist, dass das hier keine neue Dimension des Diskurses durch das „interaktive“ [ARRRRGH!] Computerspiel angestoßen wird. Ich verstehe den Hinweis darauf, dass die Vermaktung von „Tomb Raider“ (2013) so nicht wirklich vertretbar ist und ganz alte Klischees/Tropen/etc. anspricht, ich verstehe aber nicht die Polemik, die Unreflektiertheit und die Reflexhaftigkeit mit der sofort losgefeuert wird. Es ist ein emotional aufgeladenes Thema, nach der Empörung sollte aber mal eine sachliche Auseinandersetzung folgen, die den Stein des Anstoßes in die bereits bestehenden Kontexte einordnet und sinnvolle Kritik leistet.

[PS: Homosexualität, auch männliche, ist mittlerweile Teil einiger Computerspiele und wird sehr Medien-wirksam für PR benutzt:

Just saying!]“

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Freundin J.: “ Ich rede nicht von Homosexualität, sondern von sexueller Gewalt gegen Männern. Aber dann bewegen wir uns ja wieder in die andere Richtung.“

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Stefan: „Nochmal fürs Protokoll: Mir ist das Medium hier… komplett egal: Ein PR-Mensch sagt (meinetwegen ALS PR-Maßnahme – wobei ich nicht sehe, inwieweit ihn das entschuldigt / es seine Aussagen harmloser/besser/einfacher zu verstehen macht)… dass eine Heldin in Zukunft NOCH anrührender, stärker und interessanter erscheinen wird, WEIL SIE mit sexueller Gewalt bedroht wird.

Wie das im Spiel „auserzählt“ wird, ist wichtig, ja. Und ich verstehe, wenn du sagst: „Wollen wir nicht erstmal alle auf das Spiel warten?“

Aber das, WAS mich stört / was ich hier festhalten (und: beklagen) will, hat nichts mit der späteren Ausgestaltung innerhalb der Spielwelt, und NICHT EINMAL etwas mit der Tatsache, dass wir grade übers Medium „Videospiel“ sprechen, zu tun:

Wenn die Barbie-Leute gesagt hätten „Barbie ist so willensstark, weil sie sich gegen Missbrauchsversuche gewehrt hat und durch diese Traumata stärker wurde…“ …wäre ich GENAU SO wütend / ratlos.

Also: Wann und wie diese Geschichte dann auserzählt wird, und wie Spieler in ihr reagieren / wirken können, ist NICHT mein Problem / Kritikpunkt. Sondern die Behauptung: Lara Croft ist heute, wer sie ist… WEIL sie sich gegen sexuelle Gewalt wehren musste.

Freundin J. hat Recht, dass so etwas männlichen Figuren sehr selten passiert. Ich kenne EINE (homosexuell aufgeladene) Folter-Szene in James Bond („Casino Royale“, habe nur das Buch gelesen). Aber… Batman, Iron Man, Harry Potter, Spider-Man usw. wurden in ihren „Origin Stories“, in denen sie wurden, was sie sind, alle erstmal NICHT sexuell belästigt.

Bei Frauen dagegen ist das trauriger Standard.“

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Freund C.: „Ich verstehe das alles und überschreibe das auch so. Und ich entschuldige niemanden. Ich stoße mich am initialen „okay… WHAT?“ und ein paar ähnlichen Kommentaren, die suggerieren „hier passiert etwas NEUES / ÜBERRASCHENDES / UBEKANNTES“.

Das ist in meiner Wahrnehmung nicht der Fall. Alles schon dagewesen. Und DAS ist für mich der Skandal, das worüber man sich gerne aufregen/empören kann: Das hier eben nichts Neues passiert. Nichts. Und das ist schrecklich. Und umso schrecklicher, je mehr es skandalisiert wird. Ich bin mir SEHR sicher, dass das bei „Tomb Raider“ Kalkül der PR ist.

Homosexualität, „Vergewaltigungen“, Amok generieren viel Aufmerksamkeit. Man kann sich auch jetzt schon sicher sein, dass das neue „Call of Duty: Black Ops 2“ wieder einen solchen Skandal vom Zaun brechen und am Ende mehr vom Spiel verkauft wird als Menschen „Avatar“ gesehen haben. Und das funktioniert so gut, weil so viele Leute laut „WHAT?“ rufen, statt sich das Spiel einfach erstmal anzuschauen. Dann entpuppt sich der große Skandal meist als relatives Pillepalle.

Der „Columbine-Simulator“ namens „Bully“ entpuppte sich als relativ harmlose Schulhofrauferei, der „Rape-Simulator“ namens „GTA: San Andreas“ entpuppte sich als pubertäres, einvernehmliches Soft-Porno-Rumgeficke… etc. Die Beispiele sind SEHR vielfältig und vielzählig!

Und wenn ich mir die Szenen der „versuchten Vergewaltigung“ von Lara Croft im Trailer so anschaue, stellt sich das NOCH recht unspektakulär dar: Ekliger Typ berührt Lara an Schulter und Hüfte und kriegt ihr Knie in die Eier. Typ versucht Lara am Hals zu küssen und kriegt das Ohrläppchen abgebissen. Kein großes Kino, aber eben doch Kino, das ich schon viel VIEL schlechter, dümmer, skandalträchtiger gesehen habe.

Das entschuldigt nicht die plumpe PR und den latenten Sexismus. Dennoch würde ich mich wohler fühlen mit einem: „Schaut mal her, hier wird SCHON WIEDER sexistische PR gemacht und ein Skandal inszeniert, aber ich mache nicht mit, sondern möchte darauf hinweisen, dass in der Darstellung von Frauen und Weiblichkeit in allen Medien noch einiges schief läuft.“

[In einem meiner absoluten Lieblingsspielen – „Killer7“ – findet sogar eine „Vergewaltigung“ an einem alten, paralysierten, bewusstlosen Mann im Rollstuhl durch eine Frau statt: . Harman Smith, der Typ im Rollstuhl ist quasi die Hauptfigur des Spiels.]

http://www.youtube.com/watch?v=a4dm7-84GRw

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Stefan: So weit die Diskussion. [Hier im Blog: leicht gekürzt!]

Ich hätte gerne noch gepostet, warum diese „Frauen am Nullpunkt? Da BRAUCHT es sexuelle Gewalt, als besonderen Kick!“-Erzählmechanik sehr, sehr problematisch ist.

Und als Erklärung / Kontext zur „Rape as Backstory“-Liste von TV Tropes verlinkt:

Sie zeigt, dass weibliche Figuren STÄNDIG nicht nur körperlich, sondern explizit sexuell bedroht werden. Ein männlicher Held wie James Bond wird auch hin und wieder sexuell belästigt / gefoltert.

Aber bei einer Frau sind solche Belästigungen / Vergewaltigungen oft… trauriger Standard. Eine Heldin wird von ihrer Feinden VIEL ZU OFT immer auch sexuell bedroht / verletzt.

Um solche Klischees aufzuzeigen und – auf einen Blick – zu verdeutlichen: „Das ist keine neue, frische Idee. Sondern ein müdes, bequemes, ausgelutschtes und gefährliches Erzählmuster“…

…war TV Tropes bisher die beste Adresse.

Doch das TV Tropes Wiki möchte – vorerst, und nie wieder im Wortlaut „Rape“ – über Vergewaltigungen sprechen…

…weil Google Adsense die Seite als „restricted“ einstuft, sobald das Wort zu oft auftaucht – und ihnen damit benötigte Werbeeinnahmen verloren gehen.

Also zensiert sich das gesamte Wiki seit einer Woche kollektiv selbst und ersetzt (jugendfreie / kulturwissenschaftliche) Einträge wie „Vergewaltigung als Backstory einer Figur“…mit einer leeren, weißen Seite:„We do not want a page on this topic. It does not meet our content policy.“
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Das Problem?

Hier haben ja keine Vergewaltigungs-Fetischisten oder Creeps geschmacklose Websites erstellt. Sondern Feministen / Kulturwissenschaftler / Nerds Beispiele aus Medien gesammelt und kontextualisiert, um sie kritisch zu durchleuchten.

Hier geht also – kulturwissenschaftlich / in unserer Medienkritik – eine sehr, sehr wichtige Ressource verloren.

Google… erzieht / sagt / entscheidet:

Wenn du online über Dinge wie Pornografie und Vergewaltigung schreibst, verlierst du Werbeeinnahmen.

Es ist einfacher, das Thema pauschal auszuklammern / tot zu schweigen.“


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Update / Schlusswort, Freund C.: „Ohne die Diskussion unnötig in die länge zu ziehen, hier noch einmal meine Kern-Gedanken:
1. Ob die „Rape as Backstory“-Trope im „Tomb Raider“-Reboot klar als solche zu identifizieren ist und welchen Platz sie im gesamten Spiel einnimmt, wird sich erst 2013 zeigen, wenn der Diskussionsgegenstand tatsächlich erhältlich ist.

2. Dass der Verdacht der „Rape as Backstory“-Trope aufgekommen ist, basiert, soweit ich das wahrnehmen kann, a) auf – mutmaßlich kalkuliert Skandal-schwangeren – PR-Aussagen und b) der Redaktion des Interviews durch Kotaku, ein Online-Nachrichtenportal zu Computerspielkultur, das durchaus dafür bekannt ist, durch boulevardesque Berichterstattung Clicks zu fischen.

Wie sich die Aussagen des Produzenten von „Tomb Raider“ tatsächlich, im Zusammenhang des ganzen Interviews darstellen, lässt sich gerade noch nicht nachvollziehen.

3. Es ist zwar wichtig, sich mit „Backstories“ im Computerspiel zu beschäftigen, eine ausschließliche Beschäftigung mit der „Backstory“ ist aber nicht ausreichend. Die Konzentration auf den INHALT des Mediums lenkt von der Eigenart des Mediums ab.

Tatsache ist, dass es für ein Computerspiel keinen großen Unterschied macht, wie die Spielfigur aussieht, was ihr in Zwischensequenzen angetan wird und was ihre „Geschichte“ ist. „Tomb Raider“ (1996) liefert dafür die Schlüssel-Anekdoten:

a.) Ursprünglich war ein männlicher Hauptcharakter geplant, aber man fürchtete rechtliche Probleme aufgrund der Ähnlichkeit des geplanten Franchise zu Indiana Jones. Also entschied man sich einfach für eine weibliche Grabräuberin.

b) Mit der Zeit hat man Lara Croft immer mehr „Backstory“ verpasst und damit ihre ikonischen Eigenschaften untergraben, die sie vorher so anknüpfungsfähig an alles Mögliche gemacht haben. Die Bedeutung des Franchise nahm in der Folge ziemlich ab. Ich glaube darauf wollte Freund M. mit seinem Kommentar hinaus.

Es wird nun aber mal Zeit, dass man die reine „Mechanik“ namens Lara Croft in den Blick nimmt und sich fragt, was für algorithmische Tropen es gibt, wie sich Gender und Sexismus auch in Form von Spielregeln und Spielstrukturen manifestieren. Dafür ist die Debatte bislang blind und das ist ein Problem. Wenn wir spielen, verinnerlichen wir spielmechanische Ideologie.

4. Alle Diskurse, Argumente und Kontexte zu diesem Thema sind wichtig und gut! Vorschnelle und/oder polemische Beiträge verursachen in mir aber ein flaues Gefühl und lassen mich leidenschaftliche „Teufels Advokat“-Positionen einnehmen, weil sie mir zu einfach und monoperspektivisch sind und die Wahrnehmung von wichtigen Details behindern.

5. Spannende Diskussion! 🙂

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