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Autoren, Journalisten auf Facebook: Wie finde ich Kontakte?

Leipziger Autorenrunde (2015). Foto: Leander Wattig

Leipziger Autorenrunde (2015). Foto: Leander Wattig

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Im Kindergarten war ich meist allein. In der Grundschule hatte ich eine Handvoll Freundinnen, Freunde – doch viele Kinder konnten wenig mit mir anfangen.

Machen Sie sich keine Sorgen“, sagte die Klassenlehrerin. „Auf der weiterführenden Schule wird es besser.“

Das stimmt: Je älter ich werde, desto leichter lässt sich mein Umfeld filtern (Klassismus olé!). Und desto besser passen die Leute um mich herum zu mir und meinen Interessen. Ich bin mobiler. Vernetzter. Kann oft entscheiden, mit wem ich Zeit verbringe. An welchen Orten ich Kontakte suche. Ich traue mich, Leute anzusprechen. Ich traue mich, Leute vor den Kopf zu stoßen, ihnen aus dem Weg zu gehen. Wir alle finden „unsere“ Menschen. Zunehmend digital, ortsunabhängig – auf Plattformen.

Zur Leipziger Autorenrunde – auf der Buchmesse, im 19. März 2016 – geben über 60 Dozent*innen, Expert*innen, Schreib-, Verlags- und Buchmenschen in kurzen Sessions Erfahrungen weiter. Ich habe zehn Ideen gesammelt, wie wir im Netz – vor allem: auf Facebook – „unsere“ Leute finden. Ideen, die sich vor allem an Textarbeiter richten: Schreiber, die Verlage suchen. Oder Redakteure suchen. Oder Publikum, Fans, Multiplikatoren. Ideen, Erfahrungen – aus acht Jahren Facebook, fünf Jahren Blog.

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Autorenrunde 01

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01: Vorbilder

Ich studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus, in Hildesheim – und als ich ankam, mit 20, waren meine Lieblingsautoren John Cowper Powys und Thomas Wolfe: Literaten der 20er und 30er Jahre. Auch in Seminaren wurden solche Klassiker gestreift… doch wichtiger war fast all meinen Dozent*innen, dass wir die Gegenwart im Blick behalten: Wer schreibt, heute? Deutschsprachige, tolle Stimmen?

Ich verstehe, dass die (vor allem: deutsche) Verlags-, Journalismus-, Texter-, Medienwelt oft etwas glanzlos ist – im Vergleich zu den Klassikern, und/oder Amerika. Aber wer mit Text arbeiten will in Deutschland, muss herausfinden, wie heute in Deutschland mit Texten gearbeitet wird. Sagt nicht: „Ich schreibe Fantasy. Meine Vorbilder sind Tolkien, Neil Gaiman und Terry Pratchett.“ Sagt nicht: „Ich will Kritiker werden. Genau wie Reich-Ranicki.“ Sagt nicht: „Ich hätte gern den Job von Lois Lane: Journalistin – im Daily Planet.“

Egal, welche Sorte Text- und Verlagsarbeit: Informiert euch. Übers Jetzt! Folgt Leuten, die an Stellen arbeiten, an die ihr wollt; Karrieren haben, die euch für euch selbst plausibel scheinen. Es war nie leichter, Verlagshäuser, Strukturen, Abläufe hinter den Kulissen einzublicken: Lernt dazu. Sucht Role Models. Abonniert sie auf Facebook und Twitter. Findet ihre Blogs. Bücher. Podcasts. Interviews. Sagt ihnen gern auf Lesungen hallo – oder interviewt sie für eure eigenen Podcasts, Blogs.

Oft aber spielt gar keine Rolle, ob diese Leute wissen, wer ihr seid: Für mich sind Dietmar Dath, Stefan Niggemeier, Elke Heidenreich plausible, große Vorbilder. Ich versuche nicht, mich anzufreunden. Stecke keine Energie in die Bemühung, von IHNEN wahrgenommen, gehört, gelesen zu werden: Ihr müsst kein Buddy werden, Stalker, Jubler, Fan. Doch ihr müsst – für euch selbst – wissen, in welche Richtung ihr wollt. Und euch informieren, welche Kompetenzen Menschen brauchen, die schon ein paar Stufen weiter oben/vorn arbeiten, auf dieser Route.

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Autorenrunde 02

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02: Gleichgesinnte

Nutzt die US-Version von Facebook – und Graph Search: die Möglichkeit, komplexe Suchanfragen zu starten:

  • Freundes-Freunde, die Fan sind von: Leipziger Autorenrunde

  • Frauen, die sich für Frauen interessieren und Fan sind von: Edition F

  • Menschen, die Terry Pratchett liken und teilnahmen an: Leipziger Buchmesse

Ihr könnt in Graph-Search-Suchanfragen beliebig viele solcher Elemente kombinieren, Schnittmengen suchen, die zu euch, euren Interessen, vielleicht dem Wohnort passen… und in den Suchergebnissen Profile öffnen: Sind Menschen darunter, denen ihr spontane Freundschaftsanfragen schicken wollt? Oft, z.B. bei vielen Journalist*innen, Autor*innen sind Profile auch öffentlich – und ihr könnt einfach „Follow“ drücken.

Legt Listen an auf Facebook, von Freunden (oder Fan-Seiten; oder Menschen denen ihr folgt) – von denen ihr keinen Beitrag verpassen wollt. Ich selbst habe eine (nicht öffentliche) Liste für 40 enge Freunde. Eine Liste für ca. 200 tolle Verlagsmenschen und -Projekte. Eine Liste für interessante fremde Buchmenschen, die mich nicht kennen, aber deren Beiträge mich interessieren. Und eine Liste für feministische und queere Themen:

Menschen sehen nicht, dass sie solchen privaten Listen hinzugefügt wurden. Es hilft euch, eure Facebook-Welt zu ordnen, den Überblick zu behalten und, wenn ihr wollt, keinen Beitrag zu verpassen. Vernetzt euch mit Leuten, die auf dem selben Weg sind. Ähnliche Ziele haben. Wenn ihr einen Text, Blogpost, ein Foto ehrlich mochtet: Sagt es, verlinkt es, empfehlt es auf Facebook oder Twitter.

Wenn ihr ein Seminar oder eine Veranstaltung besucht habt: Schaut, wer noch teilnahm. Nutzt Facebook-Literatur-Gruppen wie „Das blaue Sofa“, „Bücher, die man lesen muss“, „Buchtipp“. Fragt Freunde, ob sie euch neue Leute vorstellen oder empfehlen können. Fragt in Gruppen, welche anderen Gruppen aktiv und interessant sind.

Ich selbst folge sehr vielen Kultur- und Textmenschen – doch sende kaum Freundschaftsanfragen. Doch mein Profil, meine eigenen Postings sind öffentlich – deshalb fragen viele fremde Buch-Leute mich an, und oft nehme ich sie an. Egal: dass Facebook die „Follow“-Funktion von Twitter übernahm, ist für mich ein Riesengewinn. Nicht jedes Profil, das mich interessiert, wird sich auch für Beiträge interessieren, die ich selbst poste. Einseitiges Folgen ist so zwanglos, unkompliziert: Mein Facebook-Stream wird vielstimmiger, komplexer.

Belästigt und bedrängt niemanden. Biedert euch nicht an. Spamt nicht! Nichts hasse ich mehr, als eine Anfrage von „Claudia Schmökerfee“ anzunehmen – und sofort eingeladen zu werden: „Claudia Schmökerfee schlägt dir vor, dass du ihre Seite ‚AUTORIN Claudia Schmöckle‘ mit ‚gefällt mir‘ markierst.“

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Autorenrunde 03

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03: LESER:

Seid nicht gekränkt, wenn sich die Gleichgesinnten (oder gar: die Vorbilder) nicht sehr für eure Texte, eure Arbeit, eure Posts interessieren: Ich bin überrascht, wie viele Buchblogger*innen jeden Tag stundenlang Buchblogs zu lesen scheinen. Wie viele Deko- und Mode-Menschen auf Instagram die Deko- und Modefotos anderer Menschen lieben/zu lieben vorgeben. Manchmal wirkt das wie eine Schlange, die sich selbst frisst.

Ihr müsst euer berufliches Umfeld kennen und verstehen. Aber bitte beklatscht nicht alles. Und bitte beklatscht es auf keinen Fall nur, weil ihr wollt, dass die anderen zurück-klatschen. Auf mich wirken solchen berechnenden Alles-Liker, Alles-Gutfinder verbissen, traurig, aufgesetzt.

Wer kommentiert meine Posts? Wer liest meine Beiträge, wem sind sie ein Gewinn?

Ich merke: Wer MICH mag, hat oft trotzdem wenig Interesse an meinen (beruflichen) Texten. Wer mit mir Kaffee trinkt, spazieren geht, will mit mir Kaffee trinken, Spazieren gehen – nicht: Blogposts lesen, in denen ich über Bücher spreche. Leute mögen mich als Mensch. Andere mögen mich als Blogger. Als Facebook-Sammler/-Poster/-Kommentator. Als literarischen Autor. Leute mögen nie ALLES. Drängt sie nicht. Versucht nicht, jemandem auf jedem Level zu gefallen: Es gibt Autor*innen, deren Facebook-Beiträge ich liebe… und deren Bücher mir egal sind. Es gibt Journalisten, mit denen ich zum Mars fliegen würde – doch ihre Zeitung kaufe ich nie.

All das heißt auch: Ihr könnt auf jeder Plattform, in jedem Netzwerk Dinge posten/tun/ausprobieren, die jeweils anderen Menschen gefallen. Seid eitel auf Instagram. Seid politisch auf Facebook. Witzelt auf Twitter. Schreibt Gedichte im Blog: Euer Tumblr-Ich muss nicht die selben Leute glücklich machen wie euer Snapchat-Ich.

Ich schreibe meist sehr verständliche Facebook-Beiträge (weil ich dort die meisten Follower habe, aber viele Leute mich nur oberflächlich kennen und z.B. über Ironie stolpern) – doch auf Twitter poste ich nerdig, kleinteilig, spontan. Ich nehme Fotos auf Facebook ernst – auf Instagram dagegen spiele ich herum.

Beobachtet, WER euch liked und abonniert, teilt und kommentiert, unterstützt, vielleicht sogar anfeuert, bewundert, gerne liest. Bei mir sind das fast nie meine genauen Spiegelbilder: Irgendein anderer Journalist/Kritiker/Autor Anfang 30, in Berlin. Sondern: Leute, drei, vier Jahre jünger. Oder zehn, zwanzig Jahre älter. Fragt diese Leute, welche Beiträge sie mögen. Warum sie euch zuhören und eure Arbeit schätzen. DAS sind die Leser. Und oft, merke ich, finden sie einzelne Texte/Plattformen/Arbeiten von mir toll. Ohne aber, MICH so zu mögen, wie das engere Freunde tun.

Müssen sie auch nicht: Seid nicht enttäuscht, dass nicht zehn Menschen ALLES für euch sind… ihr tatsächlich eher 1000 oder 10000 ansprecht – aber eben immer nur: mit jeweils EINER Arbeit, EINEM Aspekt.

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Autorenrunde 04

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04: die Don’ts

Postings entlarven: Sie zeigen viel mehr, als man denkt. Ich glaube, man kann Lesern online schlecht viel vormachen: Mit jedem Satz, mit jedem Status, Foto zeigt man so viel über sich, dass Tricks, Täuschungen, Fassaden bald unsinnig viel Aufwand kosten würden. Freundin S. arbeitet am Theater – und sagt, Postings unter Theater-Leuten sind oft viel positiver, kameradschaftlicher als unter Buchmenschen: „Mit jedem Posting positionierst du dich. Deine Beiträge sind sehr wertend. Die ‚gefällt mirs‘ der Leute, die dir zustimmen, kannst du sehen. Doch ich glaube, es gibt genauso viele Leute, die mitlesen und denken: ‚Uff‘.“

Ich selbst denke mehrmals pro Minute ‚uff‘: Lese Postings, die mich begeistern, freuen, überzeugen sollen – aber die stattdessen beitragen, dass ich ihre Verfasser weniger schätze, respektiere, weniger gern zuhöre. Bei deutschen Autoren nervt mich oft, dass sie jovial in ihre Freundes- und Follower-Runde duzen – von oben herab, oft aufgesetzt, wie jemand, der nicht MIT seinen Kontakten spricht, sondern nur ZU ihnen: „Huhu, meine Lieben. Freut ihr euch auch schon so auf mein Buch? Schnell hier bestellen!“

Ich merke: Weil meine Kontakte jeweils unterschiedliche Stefans kennen, auf sehr verschiedenen Wissensständen sind und mich deshalb oft etwas schief einschätzen/missverstehen, hilft IMMER – bei jedem Text, Link, Beitrag – präzise zu formulieren, wo ich stehe: Mit welcher Absicht teile ich das? Ich halte das für wichtig, interessant? Warum?

Ich verstehe, dass Facebook oft stresst, nervt. Mutlos macht:

Lesen Freunde zu lange durch ihren Newsfeed, werden sie oft neidisch, wütend oder verzweifelt („Alle Menschen sind SO dumm!“).

Mir helfen da drei Gedanken:

  • Leute zeigen auf Facebook oft ein Best-Of ihres Lebens – während ich aus meinem eigenen Alltag ALLE Fehlschläge, Sackgassen, Patzer kenne: Ich habe nichts davon, jedes fremde Best-Of gegen mein Work-in-Progress aufzuwiegen.

  • Wer Selfies postet, zweifelt oft an seiner Attraktivität. Wer postet, wie glücklich er gerade ist, muss sich das oft durch solche Postings affirmieren. Schaut nicht durch Posts und schimpft „Ihr findet euch toll? Ihr Trottel!“ Je mehr mein Selbstbild wankt, desto tröstender scheinen mir Likes und Online-Selbstdarstellung. Wer sich am lautesten nach Lob, Bewunderung sehnt… braucht oft gerade wirklich etwas Aufmunterung. Deshalb gebe ich sie oft – neidlos und gern.

  • ICH würde fast alle Fotos, die ich sehe, nie so posten. Fast alle Sätze, die ich lese, nie so schreiben. Das ist okay – weil unterschiedliche User andere Ziele, Freundeskreise, Normen haben, ganz anders auftreten und für ganz andere Dinge geschätzt oder gelobt werden wollen. Ich glaube, wir ALLE scrollen oft durch Facebook – und schaudern: „Huch. Alle sind furchtbar. Und kriegen dauernd Likes, obwohl sie furchtbar sind.“

Ich kenne nur eine Autorin, die mir auf Facebook noch nie auf die Nerven ging, deren Tonlage (zufällig?) meine Ansprüche prima trifft: Britta Sabbag. Bei allen anderen denke ich oft „Ich verstehe, was du sagen willst – aber die Haltung/Wortwahl ist schlimm“, oder „Wow: Gerade kommst du nicht sympathisch rüber.“ Oft hilft auch, „nervige“ Postings mit einem Freund oder Partner durchzusehen. Zu fragen: „Wie ist dein Eindruck? Scheint diese Person sympathisch, hier? Ist das ein guter Auftritt?“

Meist stoßen mich Kleinigkeiten vage ab: ein Profil wirkt „irgendwie eitel“, ein älterer Mann „irgendwie bitter“, ein Verleger „vielleicht aufgeblasen“. Erwähne ich dann den Namen vor meiner Mutter oder meinem Freund, rufen sie oft „Klar: DER ist doch aufgeblasen! Das sieht man doch an folgenden Fotos/Kommentaren/Reaktionen.“ It’s not me. Postings entlarven. Sie zeigen viel mehr, als man denkt.

Deshalb: Fragt bitte eure scharfsinnigsten, ehrlichsten, boshaftesten Freunde: Wie komme ICH rüber, online?

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Autorenrunde 05

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05: Fragt!

Ich muss mir keine Bohrmaschine kaufen – oder? Weil jeder von uns genug Leute mit Bohrmaschine kennt.

Und ich muss nicht an Türen klingeln, einzeln fragen: „Hast du vielleicht eine Bohrmaschine?“ Sondern kann auf Facebook posten, einmal – kurz und diskret. Traut euch, nach Dingen zu fragen, öffentlich. Und traut euch umgekehrt, Dinge anzubieten. Wenn ich für einen Text recherchiere… wenn ich eine Frage an einen Fachmann habe… wenn ich eine billige Alternative brauche zu einem Produkt… frage ich immer öfter erstmal meine Facebook-Welt. Und kriege meist wunderbare, kompetente Antworten.

Leute haben Angst, „zu betteln“. Ich denke selbst oft, VIEL mehr zu kriegen als zu geben – und will mein Netzwerk nicht überstrapazieren: Letztes Jahr brauchte ich Übernachtungen, für die Leipziger Messe, und Facebook-Freunde halfen mir SO sehr… Ich hatte das ganze Jahr über ein schlechtes Gewissen, das nicht in gleichem Maße zurückgeben zu können. Dieses Jahr bin ich nur Samstags auf der Messe: Nochmal zu fragen, nochmal zu nehmen, schien mir maßlos. Gierig.

Tatsächlich aber macht Geben Spaß: Wir alle haben so viel Wohlstandskram, alten Krempel, so viel kaum genutztes Wissen, Expertise, so viele Ressourcen und Fundstücke, so viele Ideen… und so viel Empathie: Mitdenken macht Spaß, Helfen macht Spaß, ich finde es normal, Facebook zu öffnen und nach drei Minuten zu wissen: „Lisa sucht gerade Kinderbuch-Tipps, Anne eine Ferienwohnung am Meer, Chris gute US-Kurzgeschichten, die er übersetzen kann… und hey: Vielleicht könnt sie Marc danach veröffentlichen! Chris und Marc müssen sich kennen lernen!“

Ich behalte solche Anfragen im Hinterkopf. Oft kann ich nicht direkt, sofort helfen. Muss ich auch nicht: Fast immer hilft irgendwer. Und manchmal, WENN ich helfen kann, freue ich mich darüber wie bei einem Bingo-/Lotto-Moment… bei dem das, was ich biete und das, was jemand anderes sucht, glücklich deckungsgleich sind.

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Autorenrunde 06

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06: Benennt eure Ziele und Kompetenzen.

Freundin K. übersetzt oft, für Verlage. Sie wusste, dass ich selbst übersetze, wollte mich Verlagen empfehlen – und sagte, sie braucht eine Arbeitsprobe. Sonst wird es nichts.

Meine Website/Blog ist der Ort, an dem JEDER Auftraggeber solche Arbeitsproben, Referenzen suchen wird – und finden kann: Texte, Rezensionen, Links zu meinen Veröffentlichungen, Interviews, meine Mailadresse. Alles möglichst offen, sichtbar, eindeutig: Leute wissen, was ich tue. Und: Was ich tun will.

Oft werde ich gebeten, junge Autor*innen/Journalist*innen zu empfehlen, für Jobs. Doch bei vielen Schreibern, mit denen ich vor zehn Jahren studierte, weiss ich – trotz Facebook-Freundschaft – nicht genau, wie oft, wie gern, wie professionell sie heute noch schreiben (wollen): Ich sehe keine Arbeitsproben. Ich kann nichts weiterleiten, zeigen, verlinken. Ich weiß nicht, ob man eine schön gestaltete Website braucht (nach meiner Erfahrung: nein). Ich weiß nicht, ob man eine eigene URL/Domain braucht (nach meiner Erfahrung: nein).

Aber: Ein Redakteur, Buchhändler, Verleger, potenzieller Auftraggeber, der euren Namen bei Google eingibt, MUSS etwas finden – so sortiert, übersichtlich, einladend wie möglich. Sammelt, zeigt, macht sichtbar, archiviert, was ihr tut. Und macht genauso sichtbar, was ihr tun wollt.

Unter meiner Veröffentlichungsliste steht: „Ziele: Print-Feuilleton (Zeit, SZ, FAZ?) | Klagenfurter Literaturkurs | Übersetzungen (Literatur, Genre, Young Adult; Comics bei Panini?) | Wired | Volltext | Literaturspiegel/SPON | taz | …und: den Roman abschließen.“

Um diese kurze Wunsch-/Ziel-Liste zu schreiben, musste ich überraschend lange überlegen: Ich weiß, dass ich jahrzehntelang weiterhin Kritiker, Autor, Journalist sein will. Und wir alle haben ungefähre Vorstellungen, wie es am Ziel aussieht. Doch die genauen, realistischen Etappen, Stationen, greifbaren Zwischenstufen dorthin? Welche konkreten Aufgaben, Jobs will ich übernehmen – im Lauf der nächsten zwei, drei Jahre…? Wo will ich mich anbieten? Wo will ich überhaupt erst anfangen, herauszufinden, wie man sich dort anbietet: Bei welchem Redakteur, mit welchen Pitches? Ich musste erstmal ordnen, entscheiden.

Ein Bekannter, gerade in den letzten Semestern, seufzte neulich, er würde so gerne irgendwo schreiben. Eine erfahrene Journalistin saß am Tisch und fragte: „Was schreiben? Wo? Wem kann ich dich vorstellen?“ Er wusste es selbst noch nicht.

Lasst die Menschen um euch herum wissen, nach welchen Stellen, Ausschreibungen, Chancen ihr sucht. Ich frage das andere Freund*innen oft. Behalte ihre Antworten lange im Hinterkopf. Helfe, wenn ich kann – auch, wenn es oft lange dauert: Freunde von mir machen die Programmplanung in Literaturhäusern. Wir halten Kontakt: Sie wissen, woran ich arbeite, was meine Themenfelder, Expertengebiete sind. Oft hat das Literaturhaus-Programm jahrelang nichts mit dem zu tun, was ich bieten kann. Doch kurz, bevor ich denke: „Oh: Ich bin nicht gefragt.“, kommen neue Anfragen – für etwas, für das ich die genau richtige Person bin. Jobs, die genau auf mein Profil passen.

Macht euer Profil so sichtbar wie möglich.

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Autorenrunde 07

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07: Kennt eure Route: die nächsten Schritte.

Warum habe ich meinen Roman noch nicht veröffentlicht? Weil Kapitel 31 fehlt. Kapitel 30… und neun weitere Kapitel, bis runter zu 21: Freunde schauen manchmal auf Autor*innen, die sehr jung viel geschafft haben – Vea Kaiser, Ronja von Rönne, Benjamin Lebert – und ärgern sich, dass sie nicht Veas, Ronjas, Benjamins Leben führen gerade… obwohl sie sicher sind: Sie könnten all das besser.

Könnte ich das? Vielleicht. Falsche Frage! Wichtiger, viel akuter nämlich: Wann schreibe ich Kapitel 21 fertig? Wie schaffe ich genug Freiraum in meinem Leben, um alle sechs bis acht Wochen ein weiteres Kapitel zu beenden? Was bedeutet das konkret– finanziell, und für die Zeit, die mir dann für Artikel/Journalismus fehlt? Für die Zeitaufteilung jedes Tages?

Nicht alles ist planbar. Doch so oft male ich mir vage aus, wie ich „voran komme“ … und merke dann: Ich muss genauer definieren, was das bedeutet! Macht Listen. Haltet eure Erwartungen möglichst konkret. Klagt nicht: „Niemand interessiert sich für meine Texte“, sondern findet heraus, welche Sorte Text zu welchen Themen ihr wo anbieten/einreichen könnt. Falls restlos all diese Texte abgelehnt werden: Jammert. Aber nicht vorher!

Nach meiner Erfahrung klappen von fünf Projekten meist drei. Ich nahm mir vor, erst panisch/selbstmitleidig zu werden, wenn fünf Projekte am Stück scheitern. Das ist bisher noch nie passiert: Ich hatte nie fünf Flops, Sackgassen, Enttäuschungen in Folge. Um motiviert zu bleiben, will ich jedes Mal, wenn eine Sache floppt, vier weitere Ansätze, Ideen, Ziele benennen können – und mich um deren Umsetzung bemühen.

…das ist so aufregend (und zeitaufwändig), dass ich die Enttäuschung nach zwei Tagen Arbeit an Neuem eh vergessen habe.

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Autorenrunde 08

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8: Drei Adjekte

Sucht euch drei Dinge, die ihr kommunzieren wollt“, riet mir eine Marketing-Freundin. Sie sagt, Leser, Follower, Interessierte können drei solcher Attribute gut verstehen und im Kopf behalten. Aus drei Attributen formt sich ein schlüssiges Image, das man leicht bespielen, immer neu zeigen kann.

Ich könnte zum Beispiel mit jedem Facebook-Beitrag etablieren: Stefan Mesch ist neugierig. Kritisch. Und an Menschen interessiert.

Oder: Ich arbeite für Deutschlandradio Kultur. Blogge. Schreibe am Roman. Oder: Meine Fachgebiete sind Genre-Literatur, unbekannte Bücher und Comics. Oder: Ich komme aus Heidelberg. War in Hildesheim. Toronto. Jetzt oft Berlin…

…nein, halt: Das sind schon vier Stationen/Attribute. Es wird unübersichtlich.

Tatsächlich haben Menschen Mühe, sich die simpelsten Prämissen zu merken: Ich selbst verwechsle oft die Karrieren, Ziele, Wohnorte, Partner, Status Quos guter (Netz-)Freund*innen, habe Mühe, bei allen up-to-date zu bleiben: Nur von den allerengsten Freunden lese ich JEDEN Beitrag. Und vieles wird auf Facebook auch nur ein-, zweimal offen gesagt, gepostet: Treffe ich Menschen, die mir auf Facebook folgen, denke ich zuerst „Sie wissen, dass ich Superman mag. Sie wissen, dass ich in einem Dorf aufwuchs. Sie wissen, dass ich ein Booktube-Video gedreht habe und gern ein noch mehr probieren würde. Sie wissen, dass mir Berlin recht fremd ist.“ Tatsächlich aber gehen solche Dinge dauernd verloren. Auf Facebook. Und in den Köpfen.

Falls ihr eine kommerzielle Fan-Seite betreibt und wirklich nur EINE Agenda pushen wollt: Nehmt drei Adjektive. Sagt: „Ich bin Krimi. Ich bin Niedersachsen. Ich bin Katzenfotos.“ Ich glaube aber, auf Facebook sprechen die meisten von uns (in ihrem Privatprofil) zu einer Gruppe, SO durchmischt, dass drei Attribute zu eng sind: Deshalb ist es normal für mich, dort Dinge möglichst erklärend, verständlich zusammenzufassen und – wie beim Drehbuchschreiben für eine Seifenoper – immer zu bedenken: „Auch die großen Fans könnten die letzte Folge verpasst haben. Geh bloß nicht davon aus, dass die Mehrheit den Überblick hat, alle Details kennt!“

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Autorenrunde 09

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9: die feinen Unterschiede

Der Literaturbetrieb hat so viele Rollen – und viele Text-Menschen spielen Doppel-, Mehrfachrollen… ich kann diese Posten, Berufe nicht zu einer Hierarchie ordnen: Ganz oben Verleger, dann Autoren oder Lektoren, weiter unten Journalisten, Buchhändler, Blogger, Leser. Das wäre zu simpel.

Aber: Redakteure posten andere Fotos, teilen andere Links, machen andere Twitter-Witze als… Journalismus-Studenten. Bestsellerautoren verhalten sich anders als Leute, die am Anfang ihrer Schreibkarriere stehen. Kaffeetassen und sexy Selfies, Glitzer-Feen und arrogante Sprachwitze, Familien-Kitsch, wütende Rants… jeder darf alles posten. Doch es gibt oft überraschende Gefälle bei den Likes, der Zustimmung, den Reaktionen.

Ich bin freier Kritiker: Ich will keinen Job als Redakteur. Ich lektoriere gern – aber suche keine Stelle im Verlag. Trotzdem merke ich: Wenn ich „im Stil“ von Redakteuren poste…. statt Inhalte, wie sie andere freie Kritiker teilen, denken Redakteure eher: „Oha. Einer von uns.“ Wenn ich „im Stil“ von Verlegen urteile… nehmen mich Verleger ernster. Vielleicht auch nur, weil alle sich narzisstisch spiegeln. Von einem Blogger, boshaft oder hochnäsig wie ein (Klischee-)Feuilletonist, denken Feuilletonisten schneller: „Der könnte auch für uns schreiben.“ Und viele Verlagsautoren wirken auf mich oft bereits wie „typische“ Verlagsautoren…. bevor sie den Vertrag unterschrieben: Fake it until you make it. Dress for the job you want, not for the job you have.

Wenn du so tust, als hättest du besonders viel mit der Gruppe gemein, zu der du stoßen willst… darfst du oft irgendwann tatsächlich zu ihr stoßen.

Das wird vor allem umgekehrt zum Problem: Ein Lehrer, der im Stil seiner Schüler postet? Eine Autorin, die postet, sie sei „Mega-Leseratte“? Ich habe Kulturjournalsimus studiert… doch Kultur-Redakteure sagen immer öfter „Ach: Sie sind der Blogger.“ So lange ihr das postet, was auch Buch-Amateure posten, Fans, Hobby-Leser, denken die Verleger, Schreibtischmenschen, die euch beäugen und prüfen schnell: „Ach so: ein Fanboy. Ein Blog-Mädchen. Amateure.“

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Autorenrunde 10

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10: Drückt auf verschiedene Knöpfe.

Ein Netzfreund veröffentlichte einen Roman. Und FLEHT, dass er mehr Leser findet: Er postet, kommentiert wieder und wieder: „Ich wünschte, Leute interessierten sich für mein Buch. Ich wünschte, ich wäre gefragt. Ich wünschte, das Buch wäre rentabel. Dann wäre alles einfacher!“

Das stimmt. Doch hilft das dauernde, immergleiche Öffentlich-Darüber-Lamentieren? Vieles, was ich wollte, glückte. Doch ebenso viele Ideen, Fragen, Texte, Projekte von mir… sind mühsam, bringen kaum Ergebnisse, zünden nicht so recht. Es hilft nicht, immer wieder auf den selben „Zündungs“-Knopf zu hämmern. Oder überall zu posten „Warum zündet es nicht? Ich wünschte, es würde zünden!“

Wenn niemand eure Turnschuh-Fotos mag: Fotografiert andere Schuhe. Oder völlig andere Motive. Oder stellt sie auf Tumblr… auf Flickr. Oder Twitter.

Wenn euer Buch wenig Leser findet – und die Verkäufe nicht besser werden, indem ihr täglich auf allen Kanälen, in allen Gruppen postet „Kauft!“, macht etwas anderes: Verlosungen. Rezensionsexemplare. Eine Leserunde. Gebt Interviews.

Ich bin auf Facebook, um Menschen kennen zu lernen und mit ihnen über – immer neue, wechselnde – Fragen zu sprechen. Nicht: Um mich von Leuten bewerben zu lassen. Oder: die immer gleichen drei Attribute einer Marke/Persona gezeigt zu bekommen. Schon Autoren-Seiten like ich selten – weil ich auf Augenhöhe sprechen will, in Privat-Profilen. Und, weil ich immer Angst habe, dass ein „Like“ für meine Freunde aussieht wie: „Ah: Stefan Mesch ist FAN dieses Autors.“ Schon bei vielen Verlagen, die ich „like“, denke ich: „Hm. So viel halte ich gar nicht von eurer Arbeit, euren Büchern. Ich habe nur ‚Like‘ gedrückt, um informiert zu bleiben.“

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  • Vorbilder finden.
  • Gleichgesinnte finden.
  • Leser finden.
  • Posten, was man selbst gern lesen würde.
  • Fragen: Um Sachkenntnis, Ideen, Hilfe bitten.
  • Ziele und Kompetenzen benennen – und sichtbar halten.
  • Die Reiseroute kennen.
  • Drei Attribute bestimmen (oder nicht).
  • Rollen ausprobieren – ohne, sich zu verstellen.
  • Auf wechselnde, neue Knöpfe drücken – statt immer auf den selben.


empfehlenswerte Links:

1) http://www.tor.com/2016/03/10/publishing-business-art-rejection-personal/

2) http://fusion.net/story/244545/famous-and-broke-on-youtube-instagram-social-media/

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Autorenrunde text

Wer braucht… Kultur? [Eine Debatte auf Facebook]

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Manchmal (Link) entspinnen sich auf Facebook Dialoge in einer Länge und/oder Tiefgang, die einen zweiten, längeren Blick lohnen.

Heute Abend über Kulturförderung, Zielgruppen, Theater-Subventionen… und die – erschreckend schwammige – Frage, wo „Kultur“ anfängt und aufhört.

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Hier also – copy’n’paste, aus meinem privaten Facebook-Account – eine schnelle, wilde Debatte, ursprünglich zu DIESEM Zeit-Artikel (Link) über die Kulturarbeit des deutschen Goethe-Instituts im Ausland.

Gestern Nachmittag postete ich den Link auf Facebook. Und schrieb:

Stefan: „Politikfreunde? Helft mir mal: Für die Grünen ist Kultur(förderung) keine Priorität, höre ich ab und zu, weil… Joschka Fischer vor zehn Jahren das Goether-Institut „kaputtsparen“ wollte.

Auch hier [im Artikel] stehts wieder. Und daran interessiert mich weniger: das Goethe-Insitut und die Debatten DARÜBER…

‎…als die Frage: Stimmt das? Sind die Grünen desinteressiert bis feindselig, wenn’s um Kultur geht?“

Freund M.: „Grüne? Nie gehört.“

Freund M.: „ach ernsthaft: das klingt als wäre die darstellung zu simpel unverkürzt. und politische parteien… sogar die grünen… sind etwas komplexer.“

Stefan: „Ja, natürlich. darum frage ich ja: Hat jemand Informationen für mich?“

Freund S. …postete daraufhin einen Link zum Parteiprogramm der Grünen.

Meine – zynische – Antwort: „ALLE Informationen. Direkt von der Quelle. Tolle Sache! 🙂 „http://www.deutschebp.de/g​enericsection.do?categoryI​d=2012227&contentId=704395​6

Freund S.: „Freut mich, wenn man helfen kann, lieber Stefan. :-)“

Freund S.: „Aber: Ich habe immer so ein Problem mit offiziellen Quellen von Parteien. Wenn ich von den Grünen (auf jede andere Partei übertragbar) etwas lese, dann klingt es ja immer irgendwie gut. Die schießen sich ja nicht in’s eigene Bein. Und gerade Kultur – da verscherzt sich’s ja kaum wer, ist schließlich ein Thema, was jeder irgendwie gut findet, selbst wenn man weder produziert noch viel rezipiert.

Kulturinstitutionen abschaffen ist generell böse, auch wenn man sich selbst nicht mit ihnen auseinandersetzt.

Was ich damit sagen will: Natürlich haben die Grünen ein großes, positives Statement zur Kultur. Alles andere würde ihnen schaden. Wie komplex jedoch das ausgearbeitete Konzept ist und was die eigentlichen Taten in diesem Bereich sind, zählen tausendfach mehr als dieses ‚Thesenpapier‘.“

Stefan: „Volle Zustimmung, ja.“

Anschließend postete Freundin T. den Youtube-Clip einer Bundestagsrede der grünen Abgeordneten Agnes Krumwiede (Link) und wir sprachen kurz über Krumwiedes Auftritt.

Richtig zufrieden war ich mit den Links jedoch noch nicht.

Stefan: „Leute – die Diskussion macht Sinn. Und sie interessiert mich. Aber ich hatte gehofft, von euch mit Links bombardiert zu werden über konkretes Kulturzeugs aus den letzten Jahren: „Grüne retten das Theater in Unna.“, „Grüne: Subventionen für Suppenkuche… aber nicht für Rundfunkanstalt“, ‚Grüner Bürgermeister: Integration ist wichtiger als Oper‘ usw..“

Freund S.: „Es ist tatsächlich schwer etwas zu dem Thema zu finden.“

und Freundin S., abschließend: „dass eine partei heute ein statement wie „Integration ist wichtiger als Oper“ bringt ist recht unwahrscheinlich, ums mal euphemistisch auszudrücken. und auf den offiziellen bekenntnis-Seiten zu schauen.. da muss man wohl durch die archive. hilft dir jetzt zwar nicht unmittelbar, ist aber so.

daher kann ich dir trotz zeitmangels eine kleine einschätzung geben, die die kurzrecherche im diz ergab, da es mich selbst interessiert hat: die landeskoalitionen, in denen die grünen vertreten sind, sind im zuge der sparpakete des bundes natürlich auch oft auf kulturkastration, aber die frage, wer da die schlimmsten heuchler sind.. schwierig.

augenmerk auf die letzten heißen felder: hamburg (klar), vor allem altonaer museum und die theater.. und bonn. aber die theater: sie machen im ganzen land zu, da sind sich ausnahmsweise die parteien in ihrer richtung mal einig.“

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hier beginnt der interessante/grundsätzlichere Part:

Ich postete heute Abend einen Link zur Maslow’schen Bedürfnispyramide (Link) und erklärte:

Stefan: „Kultur… ist wichtig? Oder nicht? Ich bin heute aufgeschmissen, und brauche eure Meinung/Expertise:

Die Vorgeschichte ist mein Post von gestern, über die Grünen. Ich wollte von meinem Facebook-Freundeskreis wissen, ob Kultur für die Grünen Priorität hat, und wie sich diese Haltung zur Kultur in der grünen Tagespolitik niederschlägt: Würden die Grünen für ein Stadttheater kämpfen? Ist ihnen öffentlich-rechtlicher Rundfunk wichtig usw.?

Als Antwort bekam ich in den ersten paar Stunden aber nur einen Link zur offiziellen grünen Kulturpolitik: Ein Text, den ich als ziemlich schwammig/nutzlos empfand, weil JEDE große Partei so ein .pdf irgendwo liegen hat. Keine Volkspartei würde öffentlich sagen: „Kultur ist NICHT wichtig.“

Grade sprach ich mit einer Freundin, die meinen Post und meine gestrige Frage absurd fand. „Stefan? Warum hast du gefragt, ob Kultur eine Priorität für die Grünen ist? Was soll denn so eine Frage?“

Sie sagt: Kultur – jedenfalls ‚ästhetische Kultur, z.B. Theater und die ’schönen Künste‘ – sind sehr weit oben auf Maslows Bedürfnispyramide: Menschen müssen satt sein. Menschen müssen sich sicher fühlen. Erst DANN kann über Bedürfnisse wie „Selbstverwirklichung“ nachgedacht werden. Insofern ist Kultur ein… Riesenluxus, den sich die westliche Welt zu fördern leisten kann. Aber: Nichts, von dem eine Volkspartei sagen dürfte: „Ja, klar hat das für uns Priorität.“

Ich sage: Aber Kultur ist doch überall! Mir geht es nicht [nur] um Theater: Dinge wie… Seifenopern sind auch Kultur. Alle medialen Inhalte sind Kultur.

Sie sagt: Das meiste, ja. Also, wenn du noch ‚Unterhaltung‘ dazu nimmst… sicher. Das kann auch Kultur sein. Die künstlerische Seite eben – aber nicht z.B. Nachrichten.

Ich sage: Doch. Natürlich! Nachrichten sind doch auch Kultur. Aber unbedingt. Das wird von Redakteuren geordnet, beschrieben und erklärt. Das sind… Kuratoren, die Informationen für uns aufbereiten. Auf jeden Fall ist das Kultur.

Sie sagt: Die Nachrichten kommen von Nachrichtenagenturen. Dort wird gesammelt, was wichtig ist. Das ist kein künstlerischer Akt – das sind neutrale Sammler, die ihre Meldungen weiterleiten… und dann kommen ALLE Tageszeitungen/Medien und übernehmen diese Meldungen. Da wird nicht mehr viel ‚kuratiert‘.

Ich sage: Aber hallo! Die Welt, die… ‚Die Welt‘ zeichnet, ist doch eine grundsätzlich andere Welt als die Welt, die ‚Der Spiegel‘ zeichnet. Oder der ‚Focus‘.

Sie sagt: In einer ’normalen‘ Zeitung werden Meinungen von Nachrichten getrennt. In Lokalzeitungen gibt es SO viele Seiten, in denen NUR Sachverhalte geschildert werden… das ist Informationsmanagement. Nicht aber ‚Kultur‘.

Ich sage: Künstler suchen Inhalte… und verdichten sie dann in einer dazu passenden Form. Dasselbe tun Nachrichtenagenturen doch auch: Da sitzen Kuratoren – mit einem Weltbild, Prioritäten, kulturellen Werten usw. – und entscheiden, was berichtenswert ist. Und was nicht.

Sie sagt: Nein. Da sitzen Menschen und sagen: ‚Ein Flugzeug ist in das World Trade Center geflogen.‘ DAS ist die Nachricht. DAS kommt von der Nachrichtenagentur.

Ich sage: Und dieselbe Agentur sagt doch auch: ‚Ein Big Brother-Starlet präsentiert ihren neuen Dildo auf der Reeperbahn.‘ Wer entscheidet denn, das DAS eine Nachricht ist? Die Kuratoren und Kulturschaffenden IN diesen Agenturen.

Sie sagt: Promi-News ist eher eine Form der Politik. Im Moment finden 50 Kriege statt – aber wir hören nur höchstens von einem oder zweien in den Nachrichten. Warum? Weil die Poltik ein echtes Problem damit hätte, wenn Leute wirklich ALL den Irrsinn sehen, der durch unseren Konsum / unsere globale Ausbeutung verursacht wird. Es ist ja… staatstragend, wenn die Medien dort wegsehen.

Ich sage: Ja und nein. Ich glaube nicht, dass der Staat die Nachrichtenagenturen kontrolliert… aber es IST staatstragend, ja. Deshalb ist es ja auch Kultur.

Sie sagt: Nein – deshalb ist es Politik. Und jene Aktivisten, die sich GEGEN solche Verheimlichungen und Zensuren stellen – Julian Assange zum Beispiel – sind doch keine ‚Kulturschaffenden‘. Sondern Bürgerrechtler.

Ich sage: Wenn sie etwas veröffentlichen, SIND sie Kulturschaffende, doch. Aber genauso sind die PR-Experten und Spin Doctors der Parteien Kulturschaffende. Unbedingt.

Sie sagt: Stefan – wäre ALL das Kultur, dann gäbe es doch gar keine Partei, für die (deine komische Art von Allgemein-)’Kultur‘ KEINE Priorität hatte. ALLE Parteien haben doch PR-Berater.

Ich sage: Ja. Und all diese PR-Berater prägen die Kultur. Genau wie jeder… Industriedesigner. Und jeder, der ein Stück Seife entwirft.

Sie sagt: Aber die meiste Seife WIRD doch gar nicht ‚entworfen‘. Wo ist denn Gallseife ‚entworfen‘? Das sind wirtschaftliche Gesichtspunkte. Fragen der Fertigung. Form follows function.

Ich sage: Aber auch Gallseife kommt in einer Verpackung. Und auch diese Verpackung wird von jemandem entworfen. Und um DIESE Leute geht es mir – das sind nicht furchtbar viele: Gestalter, Kuratoren… alle Menschen, die einen Inhalt in eine Form geben. Das ist ein künstlerischer Akt. Und immer auch ein Stück Weltbild… ein politischer Akt.

Sie sagt: Ich bin Lehrerin. Wie viele Menschen präge ICH? T. ist Krankenpfleger: Wie viele Menschen prät ER? Das sind doch keine Kulturschaffenden! Und das ist nichts, das man explizit fördern oder nicht fördern kann. Das gehört dazu. Rechte Parteien fördern rechte Kultur. Linke Parteien fördern linke Kultur.

Ihre abschließende Haltung: Wundere dich nicht, dass gestern niemand deine Frage nach der Kulturpolitik der Grünen gut beantworten konnte. Dir scheint ja selbst nicht klar zu sein, ob es dir um die Förderung von Opernhäusern geht… oder um diese ‚Allgemeinkultur‘. ICH finde, Opernhäuser dürfen für KEINE Volkspartei die Priorität sein. Und dieses andere – die Allgemeinkultur – das ist dann eher Öffentlichkeitsarbeit, (Bildungs-)Politik und die Vermittlung der jeweiligen Werte, die eine Partei hat. Bei den Grünen z.B. die Protestkultur.“

.

die Antworten, Reaktionen, Kommentare:

Freund J. schreibt: „das heisst ja erstmal nur, dass kultur eine art von luxusgut ist, sehr weitgefasst: wenn ich alle meine grundbedürfnisse befriedigt habe, erst dann ist es für mich wichtig, herauszufinden, warum genau ich diese grundbedürfnisse eigentlich befriedigt habe, was es eigentlich heisst, für mich, als person, grundbedürfnisse zu haben, herauszufinden, wie die welt um mich herum funktioniert, und was noch so alles geht.

oder anders gesagt: diese venus von willendorf (Link).

[Das ist] so wichtig, genau wie felszeichnungen, us. usf., weil sie anzeigen, dass da etwas passiert, das über das hinausgeht, was ich brauche, um zu überleben.

aber leben und überleben sind ja zwei paar schuhe. also: kultur ist wichtig.“

Freundin N.: „Klar ist Kultur wichtig. Und diese Diskussion um erst essen und dann Kultur hatte ich auch mal.

In den Niederlanden übrigens fördern Rechte Parteien keine Kultur. Sie schaffen sie ab. Es muss gespart werden und da spart man am Liebsten an den 1% des kompletten Budget, das für Kultur draufgeht, weil bestimmte Formen von Kultur eben keine messbaren, schnell Sichtbaren Ergebnisse bringt. Aber stimmt, Design ist in und Creative Industries sind in … aber fördern muss man sich trotzdem selber.“

Freundin J.: „So, ich habs jetzt nicht alles gelesen, das Ende nur überflogen. Aber was deine Freundin über die Nachrichtenagenturen bzw. Zeitungen sagt, ist absoluter Quatsch, und ich muss es wissen, weil ich alle Nachrichtenagenturen (die allesamt schon Nachrichten kuratieren und darstellen – es gibt zum Beispiel christliche Nachrichtenagenturen, die völlig andere Meldungen tickern als bzw. DPA) mitlese. Man kann keine Nachricht neutral darstellen mit allen Hintergründen, schon die Agenturen wählen aus und stellen verschieden dar. So, dann wird nochmal in den Zeitungen in den Konferenzen ausgewählt, welche Meldung für die spezifische Leserschaft Relevanz hat und wie groß und wie prominent diese Meldung gebracht wird. Deswegen ist ja die Gesellschafts- und Klatschseite immer weiter hinten in der Zeitung als Politik und Wirtschaft.“

…und fügt hinzu: „Und die Grünen rechnen Kultur zu dem Grundrechten und fordern eine Kulturflatrate – vor allem für Kinder aus kulturfernen Haushalten.

Was Dir als schwammig erschien, ist der Schutz davor, dass den Grünen vorgeworfen wird, sie seien eine Besserverdienerpartei.

Und Kultur (vor allem: Opernhäuser) wird in Hamburg übrigens aus ganz blöden Gründen gefördert – als Standortfaktor. Weil: Fachkräfte ziehen nur in Städte, wo ihnen etwas geboten wird.

siehe: Richard Florida.

http://de.wikipedia.org/wi​ki/Kreative_Klasse (Link)

[Freund J.] hat Recht. Leider ist es so, dass irgendjemand mal entschieden hat, was förderungswürdig (also anspruchsvoll und bedürftig) ist und welche Kultur sich selbst finanziert.

Lies das mal, Stefan: Das fasst Politik und Stadtförderung [in Hamburg] zur Zeit am besten zusammen.

http://nionhh.wordpress.co​m/about/ (Link)

…und zu meiner Beschreibung der Grünen Haltung: Das ist natürlich jetzt etwas sehr zusammengefasst. Aber die haben schöne Konzepte entwickelt, vor allem von Stadtteilskultur.“

Freund J.: „nun ja, solange es genug förderer gibt, die unterschiedlichste sachen fördern, ist ja alles in butter.

aber ich habe ein problem mit diesen leuten, die sich dagegen wehren, als standortfaktor bezeichnet zu werden, oder als marketinginstrument, obwohl sie das sicher aus den richtigen gründen tun – aber ich kann ja andererseits nicht rumlaufen und sagen, hui, ich mache jetzt kultur, aber keiner kommt, weils keinen interessiert. dann habe ich zwar ein paar nette bilder gemalt, oder wasauchimmer, aber kommuniziert habe ich mit niemandem. das kanns dann ja auch nicht sein.

schwierig.“

Freundin J. antwortet ihm: „Da hast Du total Recht, ihnen gehts es nur darum, dass sie sich fühlen, als würden sie wie Zootiere gehalten. So nach dem Motto: Wenn ihr hierher zieht und hier Geld ausgebt, bekommt ihr eine seltene Art zu sehen, die halten wir nämlich hier, extra für euch.

Es geht um das Problem mit den goldenen Käfigen und das die Ecken, die sie sich mal selbst gesucht hatten, abgerissen wurden für Bürobauten.“

Freund J. antwortet zurück: „ja, ich überflog den blog gerade. wobei ja gerade die flora sich auch in dieser gegenkultur-rolle gefällt, und sich darüber definiert. und das ja auch muss, und damit ja nicht unrecht haben. ich bin ja der erste sagt, dann asst doch den ganzen kram verwahrlost und billig, das wird besser, als alles, was sich irgendein stadtplaner oder marketingmensch ausdenken kann, mit sicherheit.“

Freund T.: „was parteien in einem kulturprogramm meinen, ist wahrscheinlich das, was die zeit diese woche als „hochkultur“ bezeichnet (übrigens wird da ein ähnlicher diskurs verhandelt: warum nochmal fördern wir opern, theater, museen, die auf dem freien markt keine woche überleben würden?). die allgemeinkultur dagegen.. verkörpern parteien einfach. alles andere wäre ja auch völliger irrsinn. du kannst 16 jahre kohl natürlich im damaligen industriedesign ablesen, aber wenn die cdu die richtlinien in einem grundsatzprogramm hätte festhalten wollen, wäre sie nie zum mauerfall gekommen. was ich nicht verstehe: warum soll keine volkspartei opernhäuser in die prioritätenliste aufnehmen dürfen? was spricht dagegen, einen weiten kulturbegriff zu haben, und trotz der selbstrentablen seifenoper auch puccini bewahren zu wollen?

hochkultur vs. allgemeinkultur vs. protestkultur. ick bin überfordert.“

Freund J.: „vergiss nicht: freie marktwirtschaft gegen – wie heisst das in der kultur? planwirtschaft?“

Stefan: „Freund T? Meine Freundin sagt, wir haben einfach größere Probleme. Und ich glaube, sie fände es auch sehr schäbig von mir, wenn ich eine ‚Künstlerpartei‘ für mich suche, die sich um MEINEN Vorteil schert. Schließlich wählt sie auch keine Mütter- oder Beamten-Partei.“

Freund T.: „oh, das führt alles ziemlich weit – aber ich glaube, dass kultur kein überflüssiger luxus ist, sondern eine komplexe kommunikationsform, die sogar zwingend notwendig ist, dafür, dass es vorwärts geht. und ob „vorwärts“ nun heißt, dass wir irgendwann nicht mehr in erste und dritte welt zerfallen, oder vielleicht auch nur, dass wir unseren demokratiebegriff mal wieder einer prüfung unterziehen: kultur ist wenigstens ein zentrales reflexionsmedium solcher diskurse. als solches politisch unentbehrlich. außerdem: hey. natürlich wähle ich die eine künstlerpartei, der hotelbesitzer wählt auch die fdp. wir haben beide unsere gründe.“

Stefan: „Zur ‚Planwirtschaft‘ noch: Als mir Freundin J. 2004 das Wort ‚Mischkalkulation‘ erklärte, hat sich in meinem Weltbild ALLES verändert. 🙂

Also, ernsthaft: Die Idee, dass Verlage nicht mit jedem einzelnen Titel Profit einfahren wollen, sondern es hinnehmen/fördern, wenn die großen Erfolge die Finanzierung von kleinen, unrentableren Nebenprojekten erst möglich machen.“

Freundin J: „Das machen die Verlage aber auch nur, weil sie nicht vorher wissen können, ob ein kleines, wahrscheinlich unrentables Buch voll die Bombe wird. Weil: Aller Mainstream entsteht auch Umbrüchen, daraus, dass mal jemand was gewagt hat, was erstaunlicherweise erfolgreich wurde und was dann totkopiert wird. Siehe neue deutsche Welle in der Musik. Ein Paradebeispiel. Trios Plattenfirma hat auch nicht aus gutem Willen DA DA DA rausgebracht, sondern weil sie die Hoffnung hatten, dass das ein Burner wird. Wurde es. Finanziert durch Schlagerplatten, die es schon vorher gab und die das Label finanziert haben. Mischkalkulation.“

Stefan: „und zu Freund Ts Idee – dass Kultur (besser: die ’schönen Künste‘) uns ‚vorwärts bringen‘?

Was entgegne ich jemanden [das ist jetzt Polemik, kein Zitat meiner Freundin!], der sagt: ‚Eine Turnhalle ist wichtiger als ein Theater.‘ oder ‚Der Markt wird das schon regulieren: Wozu Schreibern noch Geld geben?‘ oder ‚Die breite Masse konsumiert keine Kultur. Das sind doch nur Eliten, die durchgefüttert werden wollen?‘ Ich meine… Richard Florida klingt erstmal nett. Aber die Thesen sind recht umstritten – und ob Hamburg eine schillernde Metropole ist oder nicht, ist 700 Kilometer weiter südlich auch nicht mehr sooo wichtig. :-)“

Freundin J.: „Ich halte Floridas Ansatz auch für gefährlich – man darf nicht immer alles eins zu eins aufrechnen. Und man kann Kultur nicht dem Markt unterwerfen, weil sich das nicht selbst regulieren kann, weil schon der Einblick und Zugang nicht bei allen gegeben ist. Das heißt: Wenn Du ein kluges neues Format bei RTL plazierst, hat jeder die Chance, dass irgendwie mitzubekommen. Aber wenn im Theaterhaus ein kluges Stück gespielt wird, bekommen davon vielleicht 10 % der Hildesheimer mit und haben überhaupt die Wahl, reinzugehen.

Aber deswegen darf man das Angebot doch nicht kappen.“

Stefan: „Vielleicht brauche ich kein ‚kluges Stück‘ aus dem Theaterhaus? Und 90 Prozent der Menschen auch nicht?“

Freundin J.: „Deswegen, und da sind wir wieder bei grüner Politik, wollen die Grünen, wenn ich das richtig verstanden habe zu meinen Zeiten, als ich mich mehr damit beschäftigt habe, Kultur dadurch fördern, dass sie Zugang ermöglichen für alle.“

Freundin S. stößt neu zu uns: „dieses der-markt-wird-das-schon-regeln-argument hat ja mit der ganzen diskussion von kulturförderung nichts zu tun. es geht doch darum zu „fördern was es schwer hat“. es werden ja bewusst genau die bereiche des kulturbetriebs gefördert, die ohne förderung „aussterben“ oder gar nicht erst entstehen würden. also es gibt seit gefühlten 30 jahren cats, was sich wohl für irgendwen rentiert, braucht man daher nicht fördern und es gibt z.b. die performance-kunst die kein so breites publikum erreicht und genau deshalb gefördert werden muss. es gibt also zwei wege kultur zu finanzieren, entweder über massentauglichkeit und rentabilität oder eben über staatliche förderung. zum glück gibt es beide wege, denn ich will weder dass allein die politik, noch dass allein die wirtschaft ALLEIN darüber entscheidet was auf der bühne (der leinwand, dem papier, dem bildschirm) passiert.

@ stefan: dann brauchen es [das „kluge Stück im Theaterhaus“] 90% der menschen halt nicht, aber demokratie heißt ja angeblich auch immer minderheitenschutz. hab ich so gehört“

Freundin J.: „S? Super, danke. Besser hätte ich es nicht auf den Punkt bringen können.“

Freundin S.: „und zum glück sitzen zumindest bei den großen geldtöpfen für kulturförderung (und eigentlich auch bei den kleineren) keine politiker mit ihren machtinteressen, sondern WIR. die beiräte, die die verteilung der gelder regeln sind alle KollegInnen, die im betrieb sind und häufig wissen was sie tun. die haben natürlich auch ihre meinungen, einstellungen, vorlieben und manchmal auch parteinähe, aber meistens sind sie als reine expertInnen berufen und handeln dabei auch so.

deswegen muss ich auch freund j. widersprechen, ich würde nie nur fördern was ich mag, sondern auch darauf achten was es besonders schwer hat und dabei die vielfalt nicht vergessen. aber wieviel geld es zu verteilen gibt, dass bestimmt halt leider die parteienpolitik.“

Stefan: „aber dass es ‚große Geldtöpfe‘ gibt, das findest du angemessen?“

Freundin S.: „natürlich nicht! ich finde die töpfe niemals groß genug!“

Stefan: „ganz ehrlich: ich auch nicht. Ich hab durch die Kultur so viele Werte, Informationen, Bilder usw. vermittelt bekommen, SEIT meiner Kindheit und immer spottbillig bis umsonst, die man mir OHNE Kultur/Kunst nicht hätte zeigen können. (Und schon gar nicht: Auf RTL.) :-)“

Freundin S.: „aber schön, dass du auf’s fernsehn kommst! das rundfunksystem ist doch auch sowas. natürlich schimpfe ich auf rundfunkgebühren, aber ich kann doch nicht ohne das öffentlich rechtliche fernsehn sein, dass weniger darauf angewiesen ist durch werbung finanzierten, massentauglichen schrott zu senden. gleichzeitig fände ich es aber auch erschreckend, wenn es nur sender gebe, deren vorstände/intendantInnen nach parteibuch ausgesucht würden. dieses system erschwert eine monopolbildung in der verbreitung von meinungen.

ich würde nie auf die privatsender verzichten wollen. das wäre total elitär. ich kann nicht von jedem erwarten, dass er sicht gut genug im internet zurechtfindet und gut genug englich kann, um sich amerikanische serien im netz anzuschauen. dafür brauchen wir pro7 und rtl :-)“

Freund T.: „schön wäre, wenn das öffentlich-rechtliche dann auch gar nicht versuchen würde, den quoten der privatsender hinterher zu hecheln, indem sie fast jeden unsinn ein halbes jahr später, schlechter und mit einer grotesken anzahl fauler kompromisse nachproduzieren würden.

sie könnten alles mögliche mit dem riesenbudget an gebühren machen, das sie bekommen – sich als (hoch-)kultur-vermittler verstehen, serien produzieren, die hbo-standards erreichen, das spannendste aus dem europäischen kino kaufen. irgendwas jedenfalls, das mir nicht das gefühl gibt, dafür auf keinen fall zahlen zu wollen (eindringlich ausgenommen natürlich nachrichten und ein paar der politischen talk-formate).

und: ich glaube nicht, dass es bei der förderung marktuntauglicher kunstsparten um minderheitenschutz geht. die 90%, die lieber rtl gucken als la traviata, haben ja witzigerweise trotzdem eine extrem hohe meinung von allem, was kein trash-tv ist.

den kultur-teil der steuerabgaben möchte nur ein verschwindend geringer anteil der bevölkerung kürzen. warum der rest nicht in die museen, theater und literaturhäuser strömt, ist eine andere frage. aber die möglichkeit muss erhalten bleiben. über vermittlungsangebote, schnittstellen zur populärkultur, über imagewandel, eroberungsstrategien und ein „was-haben-wir-eigentlich-​wirklich-zu-sagen“ kann man sich dagegen gar nicht genug gedanken machen.“

.

Ich glaube nicht, dass unser Polylog damit am Ende ist…

…aber breche, für heute, ab.

Ich weiß nicht, wie *andere* Leute Facebook benutzen…

…aber mich selbst macht es irrsinnig froh: diese offenen, mäandernden, kritischen, wirren, vielstimmigen Gespräche.

.

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