Essay

Sexismus im Studium, Sexismus an Schreibschulen: Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus, Hildesheim

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Seit Ende Juni 2016 erscheinen im Blog von “Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken” Texte über strukturelle Probleme, Sexismus und Machtgefälle an Schreibschulen und -Instituten in Deutschland und der Schweiz – gesammelt, redaktionell betreut und wunderbar lektoriert von Lena Vöcklinghaus und Alina Herbig. Bisher sind diese Essay ins drei großen Dossiers gesammelt und nachzulesen:

[Update:

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Heute erscheint das vierte Dossier, mit u.a. einem Text von mir:

ein persönliches Essay über Microaggressions – alles, was Menschen sagen, um sich zu zeigen “Achtung: Wir sind nicht gleich. Hier verläuft eine Grenze: Ich bin auf der besseren Seite. Dein Pech!” Kurze Szenen, Momente, die mich im Studium verunsicherten oder bremsten.

Und viel von dem, was ich anderen Leuten antat – aus Geltungsdrang, Arroganz, aus Ungeduld oder Wut.

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Am 8. Juli las ich eine 12-Minuten-Version des Textes am Literarischen Colloquium Berlin. Für den Merkur-Blog habe ich diese Kurzversion ausgeweitet, umgestellt: Wer 15 Minuten Zeit hat – drüben auf Merkur-Zeitschrift.de steht alles, was ich dringend zur Debatte beitragen will. Wie in allen Beiträgen dort sind die Namen aller Lehrenden anonymisiert (“der Professor”, “die Professorin”): Es geht um strukturelle Zustände, Grundsätzliches. Nicht um einzelne Personen.

Hier im Blog, in einer längeren Version, wird es präziser, persönlicher, anekdotischer, ausführlicher: ein langer Text, der möglichst konkret, detailliert erzählt, was in fünf Jahren holperte und glückte, schief lief oder mich überraschte. Hier benutze ich Klarnamen; in einigen Fällen Kürzel wie A, Ö, X.

Der Text sammelt die Schwierigkeiten und Probleme. Ein anderer Text, als Gegengewicht: “Stephan Porombka: 100 Fragen”

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Austeilen, Abgrenzen, Angstmachen, Einstecken.

Fünf Jahre als Schreibschüler

von Stefan Mesch

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Du schreibst.

Du willst vom Schreiben leben.

Du bist 14, 15, 16 und führst Tagebuch, stellst Filmkritiken ins Netz, gehst zur Schüler-, dann zur Lokalzeitung. Du gründest ein Fan-Magazin zu „Sailor Moon“.

Du liest Videospiel-Testberichte, Comics, Science Fiction, Stephen King; du liest jedes Wort der Fernsehzeitung und suchst Filme mit möglichst vielen Sternchen, Punkten in den Kategorien „Kultfaktor“ und „Anspruch“.

Du machst Abitur und hast – dank Tipps in Magazinen, dank Zufallsfunden in der Fußgängerzone, ab 16 dank dem Internet – jetzt Lieblingsautoren, Lieblingsdrehbuchautoren, Lieblingskritiker, Lieblingsjournalisten. Du hast ein Dutzend Lieblingsserienschöpfer und liest Hunderte Interviews über ihre Arbeit.

Du machst Zivildienst, du wirst 20 und weißt, wie Thomas Wolfe zum Autor wurde – in Harvard, kurz nach dem ersten Weltkrieg. Wie Janet Frame oder Simone de Beauvoir ihre literarische Arbeit organisierten – in Intellektuellenzirkeln der 60er, 70er. Wie Kevin Williamson Drehbücher umsetzen konnte – Mitte der 90er. Doch du weißt nicht, wie man in Deutschland schreiben kann: 2003, in einem Dorf zwischen Heidelberg, Karlsruhe und Heilbronn.

Du kennst keine Schriftsteller*innen, Kritiker*innen persönlich. Keiner, der mit dir spricht, geht in die Oper, sammelt Kunst, studierte Geisteswissenschaften, arbeitet beim Film.

Du hast keine Lieblings-Serienschöpferin – weil Serien fast nur von Männern geschrieben werden. Du hast keine Lieblingskritikerin, -Journalistin, weil fast keine Frauen für die Filmzeitschriften, die es im Supermarkt gibt, schreiben. In 13 Schuljahren hast du keine 30 Bücher von Autorinnen gelesen, und keine fünf davon im Unterricht.

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zwei:

Du bist normal. Deine Eltern sind getrennt – doch dein Vater hilft dir beim Umzug. Er verdient so viel, dass du nicht BaFög-berechtigt bist. Deine Schulfreunde werden Grundschullehrerin, Pädagogin, Pädagogin, Realschullehrerin, Bankberater, Programmierer. Einer macht eine Ausbildung zum Fotografen in der Kreisstadt: Er tut dir Leid. Eine studiert Medizin, 600 Kilometer nördlich: Sie macht dich stolz. Doch dich enttäuscht, keine künftigen Architekten, Rechtsanwälte, Kulturarbeiterinnen, Politikerinnen zu kennen.

Du kennst keine Punks, keine Aktivisten, keine Lesben und nur einen Schwulen, das Abitur machst du ohne Muslime oder Menschen mit Behinderung. Kein Mensch aus deinem Freundeskreis lebte als Teenager je in Miete: Alle Eltern haben Häuser, Garagen, sichere Jobs.

Du bist normal gebildet. Das heißt, du kennst die Kiwi-Taschenbücher – doch „Kiepenheuer & Witsch“ hast du noch nie gehört. Du weißt, dass auf der Seite der Rhein-Neckar-Zeitung, die mit „Feuilleton“ betitelt ist, Konzert- und Opernkritiken erscheinen. Du liest 30 Bücher im Jahr und gehst fünf, sechsmal in Theater – doch Ingeborg Bachmann, Adorno, Klopstock, Thomas Bernhard, Christian Kracht, Rainald Goetz? Niemand, den du kennst, erwähnt solche Namen. Im vierten Semester lernst du das Wort „Poetik“.

Dein Vater ist KfZ-Meister und prahlt damit, im ganzen Leben kein Buch gelesen zu haben. Deine Mutter ist Arzthelferin, seit der Ausbildung im Bertelsmann-Club – und in vier heiklen Schwangerschaften las sie wochenlang im Bett: Johannes Mario Simmel, Utta Danella, Konsalik. Suhrkamp ist dir ein Begriff – denn 15, 20 Suhrkamp-Paperbacks stehen in der Wohnwand. Alle von Hermann Hesse und Isabel Allende.

In der Lokalredaktion der Zeitung schreiben keine Frauen. Es gab den Pfarrer mit Büchern im Büro, und in der Kreisstadt zwei, drei Gymnasiallehrer und Buchhändler. Im Jahr, als du dein Abitur bestehst, schafft Joey aus „Dawson’s Creek“ den Sprung auf eine Elite-Uni: Sie studiert Kreatives Schreiben. Dawson aus „Dawson’s Creek“ arbeitet an Drehbüchern: Er schafft es auf die Filmhochschule. Du googelst „Kreatives Schreiben“ und „Filmhochschule“ – und, zur Sicherheit, „Medienwissenschaften“ und „Psychologie“.

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drei:

Ein Professor sagt, es bräuchte eigentlich ein ganzes erstes Semester – nur, um allen beizubringen, wie man lebt, schläft, kocht und sich ernährt. Du weißt bis heute nicht, ob er damit Grundlagen, Routinen, erstes Ankommen im Studium meint. Oder Lebenskunst und Bildungsbürger-Basics wie „Welchen Wein trinke ich zu Austern?“. Im ersten Semester empfiehlt er, Bachs Kunst der Fuge zu hören – um ein Gefühl für Timing in Texten zu entwickeln. Im fünften Semester empfiehlt er einen Monblanc-Füller für 500 Euro.

Dein Psychologie-Lehrbuch sagt im Kapitel zu Belastungen: 150 Punkte áuf der Stress-Skala werfen Menschen meist aus der Bahn. Der Tod eines Bruders, einer Schwester hat 80 Punkte. Ein Studienbeginn für sich allein schon über 100.

Die Filmhochschule Ludwigsburg verlangt den Nachweis eines Praktikums in der Branche: Du kennst niemanden beim Film – und bewirbst dich nicht. Die HFF Potsdam lädt dich zum Auswahlgespräch ein – doch das Komitee findet deine Urteile über Filme, Bücher gernegroß. Du triffst den Ton nicht. Aber weißt nicht, wen du hättest fragen können, um ihn zu treffen.

Das Literaturinstitut Leipzig lädt dich ein – doch das Studium dauert nur drei Jahre. Wer dort studiert, ist oft schon Mitte 20: Du sagst in der Prüfung, dass du mit Älteren, die Abschlüsse in Europarecht und Kirchenmusik haben oder gelernter Steinmetz sind, nicht mithalten kannst.

Deine Mutter fährt dich an alle drei Unis. Ihr übernachtet in Pensionen. Nichts an Hildesheim macht dir Angst, schüchtert dich ein. Zum Studienbeginn gibt dir dein Vater ein gebrauchtes Auto. Deine Mutter hilft oft bei der Miete.

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vier:

Wie viele bewarben sich: 400? Neun Frauen, fünf Männer kommen durch: Julia hat ein Kind, Nora wird schwanger. Lucias Eltern kommen aus Rumänien und China. Jan wuchs in Marseille auf. Martin macht Live-Rollenspiele. Xs Mutter lebt mit einer Frau zusammen. Y war auf einem Jesuiten-Internat.

Noch nie nahmen dich so verschiedene, erfahrene Frauen ernst: A ist gelernte Kosmetikerin, B jobbte im Kino, C schreibt für Focus Online, D verkaufte ein Jahr lang Brötchen. Alles beeindruckt dich – denn du hast keine älteren Geschwister oder Freunde, und bist noch heute unsicher bei Menschen, vier, fünf Jahre älter: Thomas Klupp, Wiebke Porombka, Paul Brodowsky… Wer dir zwei Schritte voraus ist, macht dir Angst. Du hältst Abstand – damit niemand denkt, du willst dich ranschmeißen.

Der Frauenanteil liegt bei 80, 85 Prozent – unter den Studierenden. Fast alle Kurse am Literaturinstitut leiten Männer. 2008, du bist fast fertig, bewerben sich ein Mann und eine Frau auf eine Professur. Beide langweilen dich. Der Mann erhält den Job. „Warum hörst du die Vorträge?“, fragt Sabrina. „Das ist wie ‘CSI’. Ich weiß, wie Hanns-Josef Ortheil spricht. Wie Stephan Porombka spricht. Die Fälle aller CSI-Versionen sind austauschbar. Die Ermittler nicht!“ Du hättest gern noch einen anderen Sound gehört. Verschiedene Arbeitsweisen, Zugriffe, Gemüter.

Dein Hauptfach: Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus. Dein Nebenfach: Film, Theater, Medien. Dazu Musik oder Kunst. Und Politik, oder Psychologie, oder Pädagogik, oder Philosophie.

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fünf:

Über Jahre wirst du ermuntert, über euch, die Stadt, dein Lernen und Scheitern zu sprechen: 2005 führen Erstsemester Tagebuch. Als Tutor liest und kürzt du alle Texte und montierst daraus ein 400-Seiten-Projekt, „Kulturtagebuch: Leben und Schreiben in Hildesheim“. Ortheil spornt dich in jeder Phase an. Du fühlst dich in keinem Wort als Nestbeschmutzer.

2008 veröffentlichst du einen 20-Seiten-Text über die Tiefschläge und privaten Konflikte deines ersten Semesters. 2012 schreibst du das Vorwort der jährlichen „Landpartie“-Anthologie. 2014, für „Irgendwas mit Schreiben: Diplomschriftsteller im Beruf“ listet du deine Ziele als Autor auf. Hildesheim bringt dir bei, kritisch auf Orte und dich selbst zu blicken. Ambivalenzen für ein Publikum greif- und sichtbar zu machen.

2004 bittet Stephan Porombka, je 100 Digitalfotos zu sammeln, in denen sich die Stadt zeigt und erklärt. 2005 sollt ihr eine Hildesheimer Bushaltestelle beobachten, 2007 ein Semester lang eine Kneipe eurer Wahl besuchen, mit Gästen sprechen, ethnografisch über das Milieu schreiben. Ihr lernt, die Stadt zu öffnen. Eure Positionen zu hinterfragen. Euch selbst beim Beobachten zu beobachten.

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sechs:

Du bist enttäuscht, dass ein Student den Grundkurs Kreatives Schreiben leitet – statt Ortheil selbst. Dich ärgert, dass es kein Seminar für euch 14 Auserwählte gibt – sondern alle Kurse auch dem größeren Fachbereich offen stehen: Kulturwissenschafts-Student*innen, „KuWis“.

Fast alle KuWis, mit denen du sprichst, wollten auf Musik-, Kunst-, Schauspielschulen – und scheiterten an der Eignungsprüfung. Dich ärgert, wie viele Leute, die „nur mal testen wollen“ statt beruflich zu schreiben, in allen Seminaren hängen, und dort vor allem über Unlust, Zweifel sprechen.

Als du studentische Anthologien betreust, Texte lektorierst, hörst du fast nur „Ich schreibe eigentlich nie“ und „Für mich ist das ganz neu“. In endlosen gemeinsamen Überarbeitungen – in Absprache mit KuWis, die nie vorhatten und sich nie zutrauten, druckreife Texte zu liefern – macht ihr Texte stärker. Du lernst, respektvoll, konstruktiv zu lektorieren; doch ärgerst dich, dass du so viele unwillige Jüngere anfeuerst, mentorierst – statt selbst gecoacht zu werden.

In deinen Kunst- und Psychologie-Kursen sind KuWis. Vor allem aber Leute aus der Region, die auf Lehramt studieren: Viele haben keinen Mut oder keine Mittel, fürs Studium den Landkreis zu verlassen. Die Kunstseminare sind schleppend und verschult. Die Psychologie-Professorin tut dir Leid, weil alle drei Minuten jemand kräht „Hä? Kommt das in der Klausur?“ oder „Sie – ich raff es einfach nicht!“

Statt mit Ortheil im kleinen, elitären Kreis an eigenen Texten zu arbeiten, stehst du in tausend kalten Wassern. Brauchst deine Zeit, Energie für interdisziplänere Versuche, Projekte, Pflichtaufgaben, bei denen ein Fünftel professionell schreiben will – der Rest nur fragt, warum ihr aggressiven Schnösel alles ändern, lektorieren, verwerten müsst: fürs Radio, auf Lesungen, in Anthologien, im Netz.

Du hältst viele KuWis für Störfaktoren, Ballast – und hast Angst, selbst nur Ballast zu sein: Jo Lendle gibt eine Textwerkstatt, geht zwar auf jeden Text respektvoll ein… doch sagt am Ende, er habe ein höheres Niveau, weniger Anfänger erwartet.

Porombka und Ortheil bieten erst nach fünf Monaten Feedback zu je einem Text eurer Wahl. Porombka nennt deine Erzählung „Trash“. Ortheil findet dich sprachlich unpräzise – und empfiehlt Hemingways Kurzsätze als Gegenmittel.

In den Semesterferien liest du zwölf Bücher von Hemingway.

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sieben:

Du willst, dass alle gut sind. Wäre jemand schlecht, hieße das: Auch du bist vielleicht schlecht. Die Eignungsprüfung irrte. Dir fehlt das Zeug zum Autor.

K bricht das Studium ab. Weil K Kulturjournalismus wichtiger ist als Literatur, fragt Ä: Was, wenn ich falsch bin hier – mit meinem Journalismus-Schwerpunkt? War K unerwünscht? Fühlte sie sich unwillkommen?

Ö ist Filmexpertin und schreibt eine Rezension zu Philip K. Dick und „Blade Runner“. Porombka will, dass sie den Text überarbeitet. Sie ist nervös, verunsichert – und auch nach mehreren Mails bleibt ihr Text unveröffentlicht. Ö fragt sich, ob Porombka sie für nervig, talentlos hält. Sie schreibt nie wieder für die Uni Rezensionen.

Ü schreibt eine Comedy-Kurzgeschichte für die Jahrgangsanthologie. Mit Comedy kann keiner der Lehrenden viel anfangen. Er bewirbt sich für ein Sat.1-Förderprogramm, macht im zweiten Semester einen Workshop in Berlin, tritt im Studium kürzer – und hat bald eine Karriere als TV-Autor. Ä fragt sich jahrelang: Freut sich das Institut über den Erfolg? Oder tat Ü gut daran, zu gehen?

Du besuchst jede Ortheil-Veranstaltung, die dir offen steht. Du hörst irrsinnig gern zu – vor allem, weil dir sein Ton, seine Helden, sein Blick meist neu und fremd sind. Du kaufst, liest Ortheil-Bücher und weißt: Du wirst, kannst, willst niemals über seine Themen schreiben, in seiner Sprache.

Du magst „Sailor Moon“ – weil dort keine fähige, heroische Ausnahme-Frau für sich allein steht. Sondern zehn verschiedene Frauen mit eigenen Wesenszügen aneinander wachsen – ohne, dass die Serie sie gegeneinander stellt: Es gibt dort keine korrekte, einzig gültige Art, Heldin zu sein.

Ortheils Wissen ist dir ein Gewinn. Als Role Model macht er dir Angst: Was Ortheils Texte auszeichnet, kannst du dir nicht erarbeiten. Und was von dem, was du sagen, geben kannst, wird jemand suchen, kaufen, hören, feiern, der sonst Hanns-Josef Ortheil sucht, kauft, einlädt, feiert?

Bei vier Romanciers, zehn Professor*innen, fünf CSI-Ermittler*innen, zehn Kriegerinnen… lastet viel weniger Druck auf jedem möglichen Vorbild, Beispiel.

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acht:

Ä fragt sich, ob die Professoren Poetry Slams verachten. Ä fragt sich, ob die Professoren Sozialkritik verachten. Ä fragt sich so lange, was die Professoren interessiert, bis sie sicher ist, dass IHRE Texte die Professoren nie interessieren werden. Sie schreibt immer weniger. Ihr streitet viel: Du hältst ihre Ängste für selbsterfüllende Prophezeiungen.

Die Professoren helfen zwei Männern aus dem Jahrgang, einen Verlag zu gründen, der zukünftig alle Studiengangsprojekte verlegt. Ä fragt sich, warum sie nicht gefragt wurde, und diese Gespräche geheim blieben.

Ortheil mag die Kurzgeschichten von B, lässt sie in einem eigenen Buch des neuen Verlags drucken: als Teaser, um B an Publikumsverlage zu vermitteln. Ihr fragt euch, ob ihr schreiben solltet wie B, was er an B besonders mag und, ob ihr keine Chance auf seine Hilfe habt, wenn ihr anders schreibt.

Porombka beschäftigt zwei männliche HiWis. Ä fürchtet, Porombka kann nur mit Männern.

Du brauchst viel Zeit, Ä zuzuhören – während sie fragt, welche Professoren oder älteren Studenten wann, wie, mit wem sprechen: Wer wird eingeladen, eingebunden, wer wird gelobt – wer nicht? Ä fragt: „Denkst du, der findet mich langweilig?“, „Denkst du, der findet mich hässlich?“, „Denkst du, wenn ich femininer, zustimmender wäre, hätte ich andere Jobs und Positionen hier?“

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neun:

Du kennst ein Journalisten-Liebespaar, bis heute Inbegriff deiner liebsten Beziehungsdynamik: Clark Kent und Lois Lane. In Hildesheim suchst du eine Partnerin oder einen Partner, die oder der selbst schreibt.

Du fühlst dich nur ambitioniert-verbissenen Schreiber*innen nah: KuWis fehlt oft Schreiblust, Selbstbewusstsein, die Legitimitation durch Ortheil und Porombka. Lehrämtler*innen sind für dich Hufflepuffs: Du hasst, so oft als einziger Schreiber eines Psychologie- und Kunstkurses Schreib-Zeit zu verlieren.

Ä schlägt vor, im benachbarten Hannover zu daten. „Wen finde ich da? Da gibt es keine Schreibschule!“ Du ignorierst Hannover fünf Jahre lang.

Hildesheim ist recht arm, schroff, fromm – es gibt kaum Lesungspublikum: Student*innen bleiben in einer Blase. Du fühlst dich reicher, verdienstvoller, gebildeter als fast jeder, den du auf der Straße siehst.

In einem Filmseminar zur Nouvelle Vague sollen alle kurz sagen, was sie mit Nouvelle Vague verbinden. Von 60 Studierenden sind 55 Frauen, und gut ein Drittel sagt „Mein Vater hatte diese Filme archiviert, führte mich sehr früh an sie heran. Ich wurde mit ihnen erwachsen.“ Dein Vater weiß nicht, was Nouvelle Vague ist. Du gehst – weil du nicht hören willst, wie 20 höhere Töchter jede Woche von ihrer Bildungsbürger-Kindheit schwärmen.

Du ignorierst KuWi-Theaterstücke – verpasst Performerinnen, Regisseurinnen. Du ignorierst KuWi-Konzerte – merkst viel zu spät, wie ambitioniert viele Musik-KuWis studieren. Dich langweilt Hochschulpolitik – du lernst keine aktivistischen Stimmen kennen. Nur KuWi-Filmstudenten hörst du dauernd. In allen Kursen, mit selbstverliebten Kommentaren.

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zehn:

Ihr sprecht kaum über Geld. Du weißt nicht, wie arm oder reich eure Eltern sind. Oft wirken Männer abgerissen, ungesund, asketisch – doch haben ganz andere finanzielle Polster.

Du hältst dich für normal. Das heißt: Du wohnst allein, in einer großen Dachwohnung – doch hast kein Geld, sie richtig zu beheizen. Du frierst fünf Monate im Jahr, fünf Jahre lang. Du hast ein Auto und musst nie mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Uni – aber kein Geld für Urlaub, Restaurants. Dein Kontostand ist oft bei 20 Euro – doch nie im Minus.

Kommiliton*innen arbeiten u.a. bei Schlecker. Du machst keinen einzigen Job fürs Geld – und darfst fünf Jahre lang nur lesen, schreiben, lernen. Du verachtest jeden, der den Pizzaservice ruft, sich Cocktails oder Häagen-Dasz-Eis leistet – doch rauchst jeden Tag 30 Zigaretten. Deine Mutter zahlt gebrauchte Bücher: Du lässt dir nie eine Bibliothekskarte ausstellen – weil du nur kaufst, oder Karten von Freund*innen benutzt.

Zwei Jahre lebst du ohne Internet, recherchierst nachts im Rechenzentrum. Als dein Vater einen Anschluss legen lässt – du denkst: eine Flatrate –, du Downloads startest und 400 Euro nachzahlen sollst, hilft er dir aus, ohne Klage. Du bist 400 Kilometer weit weg, fast ohne Verpflichtungen. Aber weißt: Du kannst fast immer um Hilfe rufen – und wirst von deiner Familie aufgefangen.

Deine Mutter macht sich Sorgen, weil deine große Wohnung hinter dem Bahnhof liegt, in der Nordstadt. Du bist sicher, der belesenste Mensch der Straße zu sein. #gentrifizierung

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elf:

Egal, was du sagst oder schreibst – du siehst dich im direkten Vergleich mit den vier Männern des Jahrgangs. Neun Frauen haben es schwerer – noch mehr, sobald sie aus der Masse weiblicher KuWis stechen müssen: Jede Frau hier kennt fünf andere, die ihr ähnlich sehen, und jeder Mann und fast jede Frau debattieren, sortieren, werten, ranken diese Frauen ständig gegeneinander – ihr Aussehen, ihre Kompetenz, ihre Stellung an der Uni.

Alex macht eine Performance: Sie zieht sich aus, vor einem leeren Ladenlokal, will dort eine Woche lang nur mit Objekten leben, die ihr Fremde schenken oder leihen. „So will sie auffallen?“, fragen Männer aus dem Studiengang. „Ein alter Mann gab ihr seinen Pulli, damit sie nicht mehr nackt auf der Straße steht.“

Jede Party rekrutiert sich aus kaum 500 potenziellen, immer gleichen Gästen. V kommt enttäuscht nach Hause: „Heute war es eine Wasserloch-Party.“ Du stellst dir eine Savanne vor: Räuber, Beutetiere. „Nein“, sagt sie: „So nennt man Mädchen, die es nötig haben. Wegen dem Männermangel. Sie werden feucht, wenn auch nur EIN Mann kommt: Wasserlöcher.“

2007 bist du mit Q auf Hs Kostümfest. Du weißt nicht, ob du H gefällst. Zwei Frauen, X und Y, bleiben bis zum Schluss. X hat einen Freund, aber flirtet mit dir. Als du nicht darauf eingehst, tauscht sie Küsse mit Y. Q sagt: „Am Ende hätten all drei Frauen mit dir rum gemacht – aus Verzweiflung.“

Kurz darauf sagt Q, sie habe oft Angstzustände und sei einsam. „Ich will nichts von dir. Aber ich würde gern bei dir liegen können, wenn ich Attacken habe. Als Dank können wir auch Sex haben.“

V sagt, bei einer KuWi-Performance lud eine nackte, mit Schokolade beschmierte Studentin alle ein, an ihr zu lecken. V sagt, bei einer Theater-Semesterabschluss-Performance zum Thema Gender hätten sich mit Seifenlauge beschmierte nackte KuWis mit Sekt betrunken, bis es zu Gruppensex auf der Bühne kam. „Prüfer kuckten zu. Und wieder alles nur aus Frustration.“

Anne Köhler schreibt, sie fuhr für Dates mit einem Kommilitonen übers Wochenende nach Hamburg: In Hildesheim wären sie alle drei Meter erkannt, beurteilt worden.

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zwölf:

Eine KuWi ist lange in dich verliebt. Du denkst nur: „Nein – das liegt daran, dass hier kaum Männer sind.“ Zum ersten Mal fühlst du dich wahrgenommen, begehrt, sexuell relevant. Alle Frauen fühlen sich ungeliebt, auswechselbar wie nie.

Viele KuWis tragen Rock über Hose, bunte Tücher im Haar. Frauen, die sich strenger oder femininer kleiden, stehen schnell unter Tussi-Verdacht. Der KuWi-Look ist so eingängig, uniform, dass deine Mutter bis heute, wenn sie Autorinnen, Moderatorinnen beschreibt, oft sagt „Das war keine richtige Frau. Das war halt so ein KuWi-Mädchen.“

Deine Exfreundin hat Besuch von Kommilitonin Simone. „Na? Bist du auch so ein KuWi-Mädchen?“ – „Ich bin Simone. Ich bin eine Frau. Und ich studiere Kulturwissenschaften.“ Simone wird deine beste Freundin. Du sagst nie wieder „KuWi-Mädchen“.

Eine KuWi mit leiernder Stimme stellt verwirrte Fragen. Sie wirkt androgyn und abgemagert: Hat sie eine Essstörung? Du und eine Freundin nennt sie „Gender Bender“.

Ein KuWi trägt einen Nasenring, schwarze Fingernägel und das Glitzerlogo einer Glam-Metal-Band, Cinderella. Du und eine Freundin nennt ihn „Cinderella“.

Es gibt zwei schwarze Frauen im Fachbereich, einen Mann. Bei lesbischen und bisexuellen Frauen spekuliert ihr, ob sie nicht nur „verzweifelt“ sind. Mit der Zeit lernt ihr drei, vier KuWis kennen, die aus einfachen Elternhäusern stammen. Oft gingen sie schon in Hildesheim zur Schule.

Sina finanziert ihr Studium mit Auftritten in Gerichts-Shows auf RTL. Als sie in einem Seminar zu Literaturkritik ihre Mailadresse angibt, rollen alle die Augen und finden sie „absurd“ und „prollig“: 156-cm-purer-sex@web.de

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dreizehn:

Alle haben Angst, verwechselt, übersehen, ersetzt oder übergangen zu werden – in Freundschaften, Beziehungen, Projekten. Wer zögert oder Pflichten nicht übernehmen will, weiß: Es gibt genug genügsamen, motivierten Ersatz. Und weil sich alle ähneln, braucht es wenig, um zu irritieren:

Matthias Karow mag Gedichte von Bastian Winkler. Er gründet einen Verlag, um sie bekannter zu machen. „Nur einem Freund zuliebe?“, fragt ein Gastdozent: Matthias soll sagen, ob er schwul sei. Tatsächlich kennst du in den ersten drei Jahren keinen schwulen Schreiber oder KuWi. („DAS ist jetzt anders!“, lacht eine Freundin, seit 2016 in Hildesheim.)

Alex’ WG feiert eine Party unter dem Motto „Spießer“. Um aufzufallen, herauszustechen, trägst du eine Lederjacke und Kajal. „Warum?“, fragt Cinderella. „Warum nicht: Jetzt sehe ich EINMAL metrosexueller aus als du!“ Er lässt dich stehen, doch nimmt deine Entschuldigung bald an. Du schämst dich bis heute.

Eine Frau schreibt über Sex mit einem älteren, dominanten Mann. Eine andere über eine Schülerin, die auf der Feier einer Freundin beim Tanzen von deren Vater angefasst wird. „Sexueller Missbrauch, autobiografisch?“ – „Stefan: So was passiert jeder von uns mal. Ich wollte das einfach aufschreiben.“ Du selbst schreibst eine plakative, vulgäre, absurde Geschichte über Pädophilie – um zu beweisen, dass du jedes Genre bedienen kannst.

In Woche 2 liest ein Kommilitone einen Text aus Sicht eines unglücklichen Bisexuellen. Du verliebst dich in ihn. Drängst, ob der Text autobiografisch ist. Er weist dich zurück – und für zwei Jahre gehst du auf keine Party.

Jule leitet das Erstsemester-Tutorium, trifft die 10, 15 neuen Schreiber*innen als erste. „Tolle Leute dabei?“, fragst du jedes Jahr. 2004 gibt es nur sieben Neue. 2005 passt keine*r zu dir. In Jahr 3 kommt eine Frau, von der Jule glaubt, du wirst sie mögen. Du stürzt ins nächste Seminar, bist hingerissen… und merkst: Sie stellt wirre Fragen. Wieder nichts! Ein weiteres Jahr Warten – auf Lois-Lane-artige Neue.

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vierzehn:

Du lernst Menschen kennen, hast sie satt – doch weißt: Du siehst sie jetzt noch neun Semester lang in jedem Seminar, Projekt, musst alles mit ihnen abstimmen.

Du hasst, wie viele Texte, Vorschläge von dir Redaktionen und Lektorate passieren müssen, geführt von Leuten, die du seit Monaten oder Jahren meiden willst.

Du weißt: Jedes Jahr kommen etwa 100 neue KuWis, 15 Schreiber*innen. Das ist der Pool. Sonst gibt es niemanden.

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fünfzehn:

Deine Vermieterin ruft an: „Beseitigen Sie das mit Ihrem Auto!“ Jemand türmte 30, 40 gelbe Säcke auf den Polo, über Nacht. Dir fallen 50 Menschen ein, die dich steif, unangenehm genug finden, um darüber zu lachen. Doch kein einziger, der dich so wenig mag, um sich diese Mühe zu machen. Ein Scherz? Berechtigte Aggressionen?

Jule will für Frauenzeitschriften schreiben, und machte ein Praktikum beim Stadtmagzin Prinz. „Na, wenn das kein Kulturjournalismus ist!“, sagt Porombka. Jule hört das als Kompliment. Du denkst, er spottet.

„Es gibt verschiedene Sorten Literaturkritik. Das Feuilleton. Und dann mehr das, was Stefan macht: Brigitte-Journalismus.“ Jule denkt, Porombka scherzt. Du traust dich nicht, zu fragen.

Direkt danach fragt er, wer Radiofeatures zum Thema „Literatur und das Bett“ recherchieren will. „Proust schrieb im Bett.“ Du willst alles lesen, über Pfingsten. Porombka nickt. „Nur heißt der Pruuust, Stefan. Nicht Brauwst.“

Um zu beweisen, dass du keinen „Trash“, „Brigitte-Journalismus“ schreibst, liest du in zehn Tagen 4.200 Seiten Pruuust; und bis zum Herbst 50 Romane für ein Essay über Provinz. „Gut getrickst: Klingt fast, als hättest du das echt gelesen“, sagt Porombka und zwinkert.

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sechzehn:

Du bist stolz, nie mit „strategisch wichtigen“ Menschen gefeiert zu haben. 2005 bietet Ortheil ein Seminar zum Schreiben in Venedig. Du scheiterst nicht am Geld: Du hast keine Lust, Energie, tagelang freundlich-professionell-interessierte Distanz auszustrahlen.

2008 fährt Ortheil mit allen 40 Helfer*innen des Literaturfestivals PROSANOVA auf Sylt. Als einziges Mitglied der Leitung bleibst du in Hildesheim: Du willst, dass Leute mit dir arbeiten, weil sie deinen Ton, deine Texte mögen. Du willst kein Klima, bei dem dein Verhalten auf einer Reise oder an einer Bar entscheiden kann, welche Kompetenzen, Posten dir übertragen werden.

2006 bietet dir Porombka eine Stelle als Hilfskraft an. Du brauchst die Zeit zum Lesen, Schreiben und sagst ab. „Dir ist deine Selbstverwirklichung also wichtiger?“ mailt er – und du hast Angst, ihn vor den Kopf gestoßen zu haben. „Mach sowas nicht!“, klagt deine Mutter. „Du bist von diesen Männern abhängig!“ Das sagte sie schon über alle Lehrer deiner Schulzeit.

Du fürchtest ein paar Monate, dass dich Porombka schneidet oder hängen lässt. Dann merkst du: Nein. Er meint es ernst. Schreiben und Selbstverwirklichung sind wichtiger!

Du leitest ein Tutorium, vergütet als halbe Hiwi-Stelle – doch findest deine Steuernummer nicht und kümmerst dich nicht weiter um die 200 Euro Lohn. Eine Mitarbeiterin schreibt, sie streicht das Geld und sagt Ortheil, dass du ihre Briefe ignorierst. Du denkst: Wer Zeit für Steuernummern nimmt, hat weniger Zeit, der beste Tutor zu sein, der er sein könnte. Ortheil wird das verstehen.

Du glaubst, wer sich ums Geld kümmert, wirkt unfein, gierig. Noch 2010 prahlst du damit, nie nach Stipendien gefragt zu haben – weil du befürchtest, dass dich Kritiker als saturierten Schreibschul-Streber verlachen, der Steuergelder verbraucht. Erst Armutsexperte (und KuWi) Christian Huberts macht dir deine Privilegien klar: 200 Euro in den Wind schießen – das geht, weil deine Eltern halfen. Es ist keine Leistung oder Charakterstärke.

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siebzehn:

Martin schreibt Rezensionen im Netz, bei der „Berliner Literaturkritik“. Um nachzuziehen, aber Martin Raum zu lassen, bewirbst du dich bei „Literaturkritik.de“. Nach zwei Jahren Studium hast du endlich externe Autoritäten, die deine Arbeit schätzen, verbessern.

Davor aber haben 14 Menschen meist die selben wenigen Ziele, wollen auf die gleichen Posten: Wer darf den Grundkurs Kreatives Schreiben leiten? Muss man dafür erst Hiwi werden? Wer wird Tutor*in für neue Jahrgänge? Redakteur*in beim Webmagazin Lit04? Lektor*in der Landpartie-Anthologie? Betreuer*in neuer Buchprojekte?

Du schickst Kurzgeschichten an BELLA triste – eine Zeitschrift für junge Literatur, gegründet von Studierenden, mit denen du nicht zu sprechen wagst, weil sie zwei, drei Jahre länger in Hildesheim sind. 2005 wird Prosa von dir gedruckt. 2006 wirst du Redakteur – doch weil die erste Generation das Ruder an Jüngere übergab, fehlen dir Prestige und Anerkennung: Du glaubst, dass dich „die Älteren“ peinlich finden.

Für Lit04 liest du alle Bücher Vladimir Nabokovs. Porombka sieht die Ausschreibung für eine Konferenz an der Cornell University – und fragt, ob du den Call for Papers beantworten willst. Du weißt nicht, was ein Call for Papers ist. Doch dein Vater zahlt dir das Ticket nach New York, eine Germanistin bietet dir einen Schlafplatz an, der Vortrag glückt: Du sprichst an Nabokovs alter Uni… und merkst, wie viel entspannender, sachlicher du dich außerhalb Hildesheims verhandeln kannst.

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achtzehn:

„Drei von euch können später von Romanen leben“, warnt Ortheil 2003, beim ersten Treffen. Zu lange glaubst du, das heißt: Drei sind gut genug. Tatsächlich haben von 14 mittlerweile erst drei Romane veröffentlicht – doch fast alle sonst Sachbücher oder große Reportagen, Hörspiele, Kinderbücher, Kurzgeschichten, eine eigene TV-Serie.

Wer heute, 14 Jahre später, noch Romane schreiben will, schreibt und veröffentlicht sie: Einige Türen stehen offen. Viele aber nehmen andere Türen – weil sie rentabler sind oder mehr Spaß machen. Du dachtest, Ortheil sagt: 11 Menschen scheitern an Romanen. Doch wer keine Romane schreibt, schreibt mittlerweile fast immer in Formaten, die ihr oder ihm besser liegen.

Im Studium hörst du das „drei von euch“ als „drei sind es wert“, „drei sind vielleicht interessant“, „für drei werde ich mich einsetzen“, „drei interessieren mich“.

Du liebst eine Ortheil-Porombka-Vorlesung im ersten Jahr, „Jetztzeit“. Zwei Stunden im Audimax, schnell wie eine Samstagabendshow, mit Filmszenen, Livemusik und kurzen Präsentationen älterer Studierender. Dein ganzes Studium überlegst du: Was an meiner Arbeit, meinem Ton, meinen Texten ließen beide auf diese Bühne? Was kann ich bieten, das Porombka interessiert? Ortheil?

Porombka, erst 36, verhandelt sich mit euch. Ihr spürt: Euer Feedback hat Gewicht. Er will gehört, verstanden werden. Ortheil spricht im Fernsehen, kennt Politiker, in Lesungen sitzt ein viel älteres Publikum. Welchen Stellenwert hat euer Blick, eure Meinung für ihn?

Du horchst auf, sobald die beiden jemanden bewundern. Porombka mag Flaneure, Spieler, kleine Formen, Ironie. Auch Ortheil legt euch nahe, klein anzufangen – mit Skizzen und Notaten. Weil er Skizzen bewundert? Oder weil er glaubt, für Größeres seid ihr zu kleine Geister?

Du willst ein Seminar zur Popliteratur geben. Ortheil hält es gemeinsam mit dir, 2007. Du bist begeistert über die Freiräume, die er dir lässt – doch hast dauernd Angst, ihn zu langweilen. Du sprichst mit ihm wie mit deinem Vater: Betonst, wie hart du arbeitest. Merkst dir jede Wertung, jedes Urteil. Doch gehst, so schnell du kannst. Du fürchtest bis heute bei vielen Männern dieser Generation: Je besser sie deine Werte, Prioritäten kennen… desto läppischer, alberner finden sie dich.

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neunzehn:

Wie viele Seminare waren von Männern? Wie viele von Frauen?

Alle fünf Psychologiekurse machst du bei der selben ungewürdigten, von Lehrämtler*innen angeblafften Professorin. In Kunst unterrichten dich fünf Männer, eine Frau. Du brauchst keine Mühe, um aufzufallen. Träge Pflichtkurse, die Zeit und Kraft verschlingen.

In Film-Theater-Medien doziert eine grandiose Frau of Color, Mohini Krischke-Ramaswamy, schon 2003 über Fanfiction und lesbische Liebe in „Xena“. Patricia Feise zeigt Grundlagen der Gender Studies am Blick auf „Akte X“ und Seven of Nine. In einem Filmseminar von Corinna Antelmann lernst du an zwei Wochenenden mehr über Spannungsführung als in vier Jahren.

Hans-Otto Hügel ist Professor für Popkultur. In deiner zweiten Woche fragst du nach Pop- und… „…echter Kultur? Wissen Sie, was ich meine?“ – „Kann jemand dem Kommilitonen erklären, dass es ‘E-Kultur’ heißt?“

Erst ärgert dich, wie viel Jargon vorausgesetzt wird: von Lehrkräften, angeheuert, um euch einzuführen. Schnell aber siehst du Seminare scheitern – weil im Poetik-Seminar fast jeder denkt, es ginge um Gedichte. In Film-Seminaren dauernd Leute fragen, ob Filme überhaupt Kultur seien. Immer neue Anfänger*innen alles ausbremsen, mit Grundsatzdiskussionen.

Noch einmal „Sailor Moon“: Weil Klaus Siblewski der einzige Lektor bleibt, der in drei Jahren Kurse gibt, glaubst du, als Lektor müsse man sein wie Klaus Siblewski. Ist Felix Huby der einzige TV-Autor, glaubst du, man müsse sein wie Felix Huby. Beide sind 35 Jahre älter und – in Habitus, Ton, Naturell – entmutigend weit weg von jeder Rolle, die du beruflich füllen könntest.

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zwanzig:

An welchen Stellen entlarvst, disqualifizierst du dich – weil du feine Unterschiede nicht kennst?

2013 sagt S: „Ach, die erste BELLA-Redaktion mit ihrem Tocotronic-Look“ und dir wird klar, dass die Frisuren, Trainingsjacken, Schuhe, Zitate für jeden, der deutschsprachige Musik hört, augenfällig sind. Mit 21 macht dich irre, woher alle Adam Green, David Foster Wallace, n+1 kennen – doch kein Mensch Elke Heidenreich zuhört oder die SZ-Bibliothek liest. Weshalb lieben diese älteren Studierenden Tannenzäpfle-Bier aus dem Schwarzwald – und verachten Energy-Drinks? Menschen in deinem Dorf feiern Senseo-Kaffeepad-Maschinen. Hier zählen Espressokannen auf Gasherden in Altbau-WGs – und jede dritte Kurzgeschichte enthält das Wort „Holunderblütensirup“.

2006 willst du deine Rezensionen auf Amazon zweitveröffentlichen. Porombka glaubt, du verkaufst dich unter Wert. Alle sind geschockt, dass du auf die Idee kamst. 2012, beim Literaturwettbewerb Open Mike, liest du aus deinem Roman – und brennst Daten-CDs mit den ersten 100 Seiten, falls Zuhörer*innen mehr wollen. „Du demontierst dich!“, warnt Vea Kaiser. Sie findet, du machst dich und dein Buch lächerlich.

Über TV-Serien spricht niemand am Institut. Dann zeigt Porombka eine Szene aus „Der Bachelor“: Reality-TV ist diskutabel? Im zweiten Semester siehst du einen „Spider-Man“-Sammelband in seinem Regal. Du achtest genau, wer was erwähnt oder lobt: Sind also auch Comics hier erlaubt, salonfähig?

2017 fotografiert sich Porombka in Stützstrümpfen, Unterwäsche – als Bildwitz für die ZEIT. Du merkst, dass du bis heute mental Buch führst: Was er tut, zeigt, was Journalist*innen gerade tun dürfen – ohne, dass Verlage, Redaktionen Achtung verlieren. Je sorgloser, spielerischer Porombka im Netz agiert, desto sicherer darfst du sein, dass dich der Betrieb nicht plötzlich ausspuckt.

2004 kommt die Schriftstellerin, Journalistin Annett Gröschner ans Institut, lehrt über Literatur und Arbeitswelt. Sie ist kompetent, humorvoll – doch trumpft irritierend wenig auf. Gegen Abend ihres ersten Blockseminars (zu Sachbüchern) fragt sie in die Runde, ob jemand Buletten will. „Ortheil, Porombka würden kein Essen anbieten. Oder nur extravagante Snacks. Auf keinen Fall selbst gemachte Buletten: Annett versteht nicht, was hier läuft“, denkst du.

Ab 2009 postet KuWi Merlin verbitterte Links zur Hochschulpolitik: Dir ist nicht klar, wer Carsten Maschmeyer ist. Warum Dozierende nach Jahren gehen müssen – obwohl sie dringend bleiben wollen. Merlin sieht die Uni als fragwürdigen, drittklassigen Sumpf, voll schlecht versteckter Klüngelei.

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einundzwanzig:

Fast alle Männer, mit denen du studiert hast, arbeiten heute im Kulturbetrieb oder sichereren, lukrativen Branchen: Bildung, Werbung. Viele Frauen brachen das Studium ab.

Den längsten Atem haben oft Männer, die durch die Schreiber-Prüfung fielen, als KuWi ein Jahr alle Seminare besuchen, im zweiten Versuch bestehen. 2005, in einer Rauchpause, sagt KuWi Leif Randt, er schaut oft „Samt & Seide“ mit seiner Mutter: eine ZDF-Soap, mit der niemand kulturell punkten kann. Du fragst dich ernsthaft, ob er wegen solcher arglosen Sätze abgelehnt wird.

2008 planst du PROSANOVA, Tag und Nacht – doch eine Stunde pro Woche triffst du deine echten Freund*innen. Ihr schaut „Desperate Housewives“. Je läppischer, alberner die anderen Festivalleiter*innen das finden, desto trotziger, glücklicher sitzt du in der WG, vor dieser Soap.

In einem öffentlichen Poetiktext nennt Lyrikerin Ann Cotten die PROSANOVA-Leitung „Hildesheimer Bubi-Mafia“. Ihr seid vier Männer, zwei Frauen – und dich freut, dass sie den Player-, Poser-, Mauscheltonfall deiner Kollegen nicht ernst nehmen will.

Martin Kordic mag Milena Bodrozic und Sasa Stanisic. Als du Jagoda Marinic zu PROSANOVA holen willst, ist er auf deiner Seite. Dir scheint das etwas billig: Frauen unterstützen demonstrativ Frauen? Ostdeutsche fragen nach Ostdeutschen? Herr -ic will Texte von -ic-Autor*innen? Seilschaften oder Bonuspunkte für biografische Gemeinsamkeiten?

Später lernst du, umgekehrt zu fragen: Warum sucht niemand außer Martin Kordic südeuropäische Stimmen? Warum kennen Heterofrauen im Literaturbetrieb kaum aktuelle lesbische Autorinnen? Welche Journalisten auf Twitter empfehlen Texte von Menschen mit anderem Geschlecht, anderer Hautfarbe? Lobt ein Autor, der selbst vor allem von älteren Frauen bewundert, gekauft, gehört wird, vor allem andere Männer? Du hast den größten Respekt vor Multiplikator*innen, die sich für Menschen außerhalb ihrer In-Group interessieren und stark machen.

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zweiundzwanzig:

Jule liebt Praktika. Sie kann sich eine größere Bandbreite an Jobs vorstellen als alle anderen. Auch Ortheil ist beeindruckt. Er schreibt schon 2005, Jule wird „irgendwann mühelos über den Fluss gehüpft“ sein und ihm „von der anderen Seite aus zuwinken“.

Im Studium hast du Angst vor diesem Fluss: Hast du die Kraft, zu hüpfen? Brauchst du Ortheils Hilfe, um Redaktionen und Jobs zu finden? Dich macht stolz, ihn in fünf Jahren nur einmal direkt um eine Gefälligkeit gebeten zu haben: ein Empfehlungsschreiben für ein Praktikum am Goethe-Institut. Du hast zu kurzfristig gefragt. Er hatte keine Zeit. Das Institut will dich trotzdem.

Herausgeberschaften, Redaktionen, HiWi-Stellen, Tutorien, Lehraufträge, später Promotionen: Einige von euch werden ermutigt, eingeladen, angefragt. Andere suchen Nischen: Sie machen Radio, finden Anschluss bei Theater-, Film-, Medien-KuWis, profilieren sich außerhalb des Instituts, geben das Wettrennen auf.

Vielen Menschen im Studiengang, die sich in Porombka oder Ortheil kaum erkennen, zeigt Annett Gröschner einen dritten Weg: Sie wird Role Model. Dir selbst liegt Porombkas Witz, Schwung, Netz-Euphorie. Wie toll Annett ist, merkst du, als du ihre Texte liest. In persona bleiben die Männer im Mittelpunkt.

2017 erscheint „Es ist Liebe“ – ein Traktat, in dem Porombka Ton, Formen, Arbeitsweisen der Romantik mit neuen Formen von Dialog und Intimität im Netz vergleicht: Tinder, Snapchat, Instagram. „Er schreibt jetzt nicht mehr so extrem“, lobt deine Mutter. „In Hildesheim wolltet ihr immer aus dem Rahmen fallen, schockieren. Jetzt höre ich euch lieber.“ Sie liest das Buch zweimal.

Alle Freundschaften werden leichter, seit ihr nicht dauernd neben-, gegeneinander schreiben, sprechen, wirken müsst. Du hast keinen Spaß an deinem Text über eine Hildesheimer Bushaltestelle – erdrückt, überstrahlt, verwechselbar mit 40 ähnlichen Texten ähnlicher, verwechselbarer Menschen, alle begraben im selben Buch.

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dreiundzwanzig:

Ortheil hat keinen Blog und nutzt kein Twitter, Facebook. Auch Vea Kaiser, 28, sagt 2016 ihren Followern, dass sie jetzt online kürzer tritt. All deine Jobs, Einladungen, Engagements, Kontakte ergaben sich, weil Literaturvermittler*innen dich im Netz lasen, hörten. Dass Kaiser und Ortheil es sich leisten können, diese Kanäle zu ignorieren, zeigt dir: Es gibt noch einen zweiten, analogen Literaturbetrieb – in dem man dich nicht kennt? Wie kommst du rein?

2014 schreibt Florian Kessler, aus Hildesheim und Leipzig schaffen vor allem „Absolventen mit den hochrangigsten bundesrepublikanischen Eltern“ den Sprung in Buchhandlungen, Redaktionen, Professuren: Arztsöhne, Professorentöchter, „ein Managersohn wie Leif Randt“.

„Aber Leif schaut ‘Samt und Seide’! Er läuft rum wie ein Skater“, protestierst du: „Sein Habitus war so… Suhrkamp-fremd, dass er es auf der Uni schwerer hatte als viele!“ 2003 beschworen alle das literarische „Fräuleinwunder“: Hast du das falsche Geschlecht? Dann starb die Popliteratur: Bist du zu jung? Dann warf man Schreibschulen vor, Texte seien weltfremd, klinisch: Stellt dich deine Studienwahl ins Aus? Und jetzt watscht Florian Leute ab, weil sie reiche Eltern haben? Eure Eltern kamen im Studium nie zur Sprache!

Du brauchst lange, um zu verstehen, auf wen Florians Text befreiend wirkt. Welche Debatten er anstößt – und, dass es nie darum ging, Menschen für ihre Eltern zu strafen. „Leider stimmt in der Polemik unseres geliebten Flo Kessler, den Hildesheim aufgezogen, genährt und gepäppelt hat (bis es ihm zuviel werden musste und er das Zuviel ausgekotzt hat) kaum etwas“, schreibt Ortheil in einem Text zu PROSANOVA 2014 – ohne weiter ins Detail zu gehen.

Statt dir Verbündete, Mentor*innen, Plattformen, Publikum zu suchen, glaubst du von 2003 bis 2008, vor allem abwägen zu müssen, was du zwei einzelnen Professoren zeigen, bieten kannst. Und, wie du auffällst – ohne, dich lächerlich zu machen. Kommuniziert hast du dabei möglichst wenig: Meist war Ortheils Hilfskraft Kai für dich Botschafter, Mittler, Orakel.

Heute – mit Facebook, Blogs, digitalen Orten für Erstkontakt und Dialog – sprichst du viel freier, bringst dich schneller ein: Du kannst alle Texte jeder denkbaren Redaktion anbieten. Hast neue, diversere Kontakte, die notfalls gern vermitteln. Porombka und Ortheil waren gute Professoren. Doch sie waren auch – strukturell – ein Nadelöhr, ein Hegemon, der einzige Fokus. Die Stadt war viel zu klein. Dein Blick zu eng.

Bei PROSANOVA 2017 öffnest du Planetromeo und Grindr. Wie viele queere Männer sitzen mittlerweile hier, in Lesungen? Der Studiengang wirkt bunter, selbstbewusster. Doch die Apps zeigen einen einzigen queeren User: Leif-Randt-Käppi, weit über 30. Nach zwei Tagen wird dir klar: Das war kein Hildesheimer. Sondern der Regisseur eines feministischen Theaterstücks – fürs Festival aus Berlin angereist.

Unnötig wenige Stimmen. Gesichter. Optionen. Hildesheim, das war für dich zu lange: Mangel.

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Ich habe in Hildesheim übers Schreiben nichts gelernt. Was in Hildesheim funktioniert, ist sich für einen überschaubaren, also erträglichen Zeitraum Zuständen auszusetzen, modellmäßig und auf Probe, die so ein zukünftiges Autorenleben fingieren, und eine Ahnung dazu zu entwickeln, ob man das aushält“, schreibt Maren Kames.

„Ich weiß, man hört es nicht gern, aber auch an der wunderschönen Uni Hildesheim im superkuscheligen Fachbereich Kulturwissenschaften habe ich Rassismus-Erfahrungen gemacht. Ansonsten hatte ich genau die gleichen Probleme, die wir alle hatten: zu viele Fächer, zu wenig Zeit, zu viel Bürokratie“, schreibt Simone Dede Ayivi.

„Immer wieder klagt jemand, KuWi Hildesheim müsste eigentlich an eine Fachhochschule: Wissenschaftlich nicht auf dem Niveau einer Universität, künstlerisch nicht auf dem einer Kunsthochschule“, schreibt T. – der in Hildesheim promovierte.

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Weihnachten bei den Eltern: Warum ich die Provinz beschimpfe. (“Zuhause”, Daniel Schreiber)

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Weihnachten. Die Zeit, in der man in die Heimatorte fährt, wo man auf die Schultern geklopft bekommt.

– Schön, dich auch mal wieder zu sehen
– Kommst ja gar nicht mehr vobei.
– Und den Heimatdialekt kannst du auch nicht mehr.

Und dann, nach einer gewissen Zeit, Vorwürfe. Immer unversteckter, immer expliziter.

– Also, für mich wäre das nichts, in der Großstadt.
– Die ganze Kriminalität, die ganzen Ausländer.
– Ja, das ist ja schön, dass ihr euch Theater leistet. Zahlen wir gern, im Länderfinanzausgleich. Aber irgendjemand muss das Geld halt auch verdienen.
– (Hinter vorgehaltener Hand) Er ist jetzt was Besseres. Er weiß nicht mehr, wo er eigentlich herkommt.

Und dann die Erinnerungen, weswegen man da unbedingt fort wollte.

Die Demütigungen, der Hass. Schwule Sau!, Kommunistendrecksack!

Keine Angst, ich weiß noch, wo ich herkomme. Das vergesse ich euch nicht.

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…schrieb Netzfreund F. neun Tage vor Heiligabend.

“Sehr starke, sehr traurige Zeilen”, kommentierten seine Leser*innen, “Kommt mir bekannt vor” oder einfach “Oha” und “Sorry”.

Ich weiß nicht, ob es mir bekannt vorkommen darf oder sollte:

Als Teenager habe ich mehr Mitschüler mit Worten verletzt, als mich verletzten. Ich wurde nie ernsthaft homophob beschimpft oder gemobbt – und mir hat nie jemand gespiegelt, dass ich auf meiner Schule, in meinem Dorf keinen Platz habe. Man fand mich seltsam, affig, abgehoben, arrogant. Manchmal auch einfach langweilig. Ich wusste: So richtig passt das alles nicht, fast immer.

Doch ich sagte viel öfter, lauter, aggressiver “Ich will weg”, “Das reicht nicht”, “Ich fühle mich hier nicht wohl”…

…als dass man mir sagte “Hau ab!” oder “Du reichst uns nicht!”

Ich dürfte keinen Text posten, wie F. ihn schrieb.

Doch ich überlege fast jeden Tag, sobald mich der Gedanke an mein Dorf, das Leben in der angrenzenden Kleinstadt und das Leben in Heilbronn (…wo drei meiner engsten Freundinnen mittlerweile leben, glücklich) beklemmen oder deprimieren: Darf ich das eng, beklemmend finden – oder bin ich einfach zu stur oder zu blöd, um dort glücklich zu sein? 

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“Je weiter ich von dort, wo ich aufgewachsen war, weg kam, desto freier fühlte ich mich, desto mehr kam ich zu mir selbst, desto besser ging es mir.”

…schreibt Daniel Schreiber in “Zuhause”, einem 120 Seiten langen Essay über Sehnsucht, Geborgenheit, Identität und die Frage, wie man sich alte, bekannte und ganz neue Orte persönlich erschließen, erkämpfen, erarbeiten kann – und, wo solche Arbeit vergebens ist. Schreibers Buch erscheint erst am 20. Februar 2017; Hanser Berlin schickte mir ungefragt ein Leseexemplar. Ausführlich darüber sprechen, als Literaturkritiker, darf ich noch nicht.

Doch eine Stelle geht mir nicht aus dem Kopf:

“Es ist ein Irrtum, die Welt, aus der wir kommen, zu verklären […]. Für viele von uns ist es der schwierigste Ort, den wir in unserem Leben kennen, der Ort, an dem wir die meisten Konflikte austragen, der Ort, an dem wir uns im Leben am meisten reiben – der Ort, in anderen Worten, an dem wir uns am allerfremdesten fühlen.”

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Meine Eltern sind seit fast 20 Jahren geschieden – doch feiern immer noch gemeinsam Heiligabend: Ich bin stolz darauf, wie respektvoll die beiden miteinander umgehen und ich bin recht froh, meinen Vater in diesem Rahmen zu sehen. Am zweiten Weihnachtsfeiertag, jedes Jahr seit 2001, treffen sich meine Schulfreund*innen zum Raclette-Essen: Ich freue mich schon Monate vorher, alle wieder zu sehen, in einem festlichen Rahmen, Buchgeschenke zu verteilen, die neuen Wohnungen zu bewundern und viele Fragen zu stellen, die ich per Mail oder am Telefon nicht stellen kann.

Heiligabend in der Familie und das Freundeskreis-Raclette sind Traditionen, die mir wichtig sind – und Abende, auf die ich auf keinen Fall verzichten will: Einige meiner stärksten oder wertvollsten Erinnerungen stammen aus diesen Abenden, ich liebe die Kontinuität – und weiß, dass ich willkommen bin, erwünscht, und sich fast alle immer sehr freuen, mich zu sehen.

Trotzdem kosten beide Abende – und ihre Vorbereitung, meine Anreise, und die Versuche, Enttäuschungen, Missverständnisse, sehr private, kurze Momente vor, auf und nach diesen Treffen zu verarbeiten – Kraft: Ich bin ab dem 27. Dezember oft tagelang müde. Ich habe nie Lust, Geld, Energie, schon für Silvester neue große Pläne zu machen.

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“Freund G. feiert Weihnachten in einer Großfamilie, tagelang. Das kostet Kraft, aber: “Hinter allem [steht] die Lektion, dass am Ende das große Ganze zählt, nicht jede einzelne Stimmung, nicht jedes einzelne Wort.” Das Anstrengende daran, in Berlin zu leben und die Zuhause-Freund*innen in Süddeutschland (die meisten: ohne Facebook) nur ca. alle zehn Wochen zu sehen, ist, dass ich solche Treffen oft behandle wie ein… Drive-by-ShootingAllen SCHNELL sagen, wie sehr ich sie mag. Alle Fragen zwischen Tür und Angel stellen. “Ihr seid mir wichtig!”-Signalraketen und -Beteuerungen senden. Und dann wieder, wochenlang: kein Kontakt”

…schrieb ich auf Facebook über diese Raclette-Abende.

Doch es gibt ein zweites, größeres Problem:

Beide Abende sind wichtig. Doch sie sind nicht besonders schön, für mich.

Immer wieder schütteln mich Dinge durch – viel länger und stärker, als sie sollten:

Seit ich zuletzt daheim bei meiner Mutter war, Anfang November, hängte sie zwei große gerahmte Fotos zurück in den Flur. Beide zeigen unsere Familie, wie sie in den 80er Jahren war: Mein Vater stolz, meine Mutter unsicher, abgekämpft, mein Bruder und ich in einem Alter, von dem ich glaube, dass meine Mutter es bei Kindern am schönsten findet: Ich konnte nicht lesen. Familie war mein Lebensmittelpunkt. Ich war noch nicht so… seltsam, affig, abgehoben, arrogant wie später mit 9, mit 15, mit 19.

Vor ein paar Wochen kam mein Partner zu Besuch – hier in Süddeutschland. Das Dorf feierte gerade Kirchweih, und meine Mutter erzählte uns, man könne das schwer vergleichen: eine Handvoll Süßigkeiten- und Verkaufsstände, ein Karussell… in ihrer Kindheit in den 60er Jahren war das unbeschreiblich. “Und Bürsten wurden da verkauft! Wo hätte man die kaufen sollen, den Rest des Jahres? Da haben sich alle drauf gefreut.”

Bürsten, Mama? Der Händler auf der Kirchweih war eure einzige Möglichkeit, Bürsten zu kaufen?

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Mit 17 fuhr meine Mutter täglich nach Heidelberg, auf eine Haushaltungsschule. Ich hing noch in der Kreisstadt. Mit 19 fuhr sie nach Wien und Ungarn, allein. Mit Mitte 20 baute sie ein Haus, mit Ende 20 hatte sie Kinder, ihr Leben hat sich in einer Geschwindigkeit (und: Selbstverständlichkeit) geweitet, beschleunigt, entwickelt… mit der mein Leben nicht mithalten kann.

Ich bin nicht sicher, warum sie mir vor allem die rustikalen und fast… vormodernen Geschichten erzählt: Dass sie als Kind bei jedem Gewitter aufgeweckt wurde und in der Küche kauern sollte, falls ein Blitz einschlägt. Dass sie in den Sommerferien Tabakblätter auf Schnüre fädelte, die dann in Scheunen getrocknet wurden. Das Klo war außerhalb des Wohnhauses, die Wände waren mit Zeitungspapier tapeziert, und eine Meldung betraf Picasso und seine Geliebte. “Wie hätte ich sonst je wissen können, wer Picasso war? Das war etwas ganz Besonderes!”

Mit 18 sah sie mit ihrem Vater “Der letzte Tango in Paris”: Mein Opa wollte mitreden können oder ihr die Gelegenheit geben, danach einen Gesprächspartner zu haben – falls der Film zu viel für sie gewesen wäre. Das sind die Geschichten, die ich gern hören würde. Die Stellen, an denen meine Mutter ihrer Zeit voraus war. Mutiger. Hungriger. Oft aber klingt sie, als hätte ihr gar nichts gefehlt zum großen Glück – als still, duldsam, passiv monatelang auf die Kirchweih zu warten. Und den Bürstenverkäufer.

Neulich drückte sie “gefällt mir” auf der Facebook-Seite von “Manufactum”.

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Sobald ich in Berlin Berliner treffe, erkläre ich ihnen viel zu schnell, warum ich nicht viel Lebensqualität aus Berlin ziehen kann: zu grau, zu karg, zu wenig Urban Density, keine wintertauglichen Third Spaces, die ich zu Fuß bequem erreichen kann.

Sobald jemand Hildesheim erwähnt – die Stadt, in der ich fünf Jahre lang studierte – will ich erklären, warum ich dort nicht glücklich war: zu wenig queere Menschen und Diversity, die immer gleichen wenigen Studierenden in allen Seminaren, das städtische Leben fast ohne Akademiker, Buchhandlungen, progressive Kultur.

Fünf Jahre lang war ich jeden Winter in Toronto, den Rest der Zeit zurück im Dorf, im leeren Haus meiner toten Großeltern. Ich glaube, im Vergleich zu vielen Leuten, die fort zogen, kann ich meiner Heimatregion (und, sowieso: meinen alten Freunden und meiner Familie) sehr viel abgewinnen: “Du bist noch so oft daheim? Du drehst nicht durch, nach zwei Tagen?” Ich poste Fotos. Ich lade Leute ein, mich hier im Dorf zu besuchen. Ich schreibe einen Roman über mein elftes Schuljahr – das nirgendwo anders so dicht und wichtig hätte werden können.

Die Menschen hier geben mir sehr viel – sie wohnen nur meist viel zu lange, zermürbende Autofahrten weit weg von meinem eigenen Dorf: Egal, wen ich sehen will – ich sitze dafür 90 Minuten lang allein im Auto; das ich mir vorher von meiner Mutter leihen muss. Das Licht, die viele Natur, die Freude meiner Mutter, sobald ich zu Besuch komme oder länger hier schreibe, arbeite… ich kann hier auftanken.

Ich habe nur zu schnell das Gefühl, dass alle Menschen von hier, sobald sie mich ansehen und sagen “Schön – oder?” meinen “Eigentlich fehlt hier nichts” – und deshalb antworte ich ungefragt auf jedes “Schön – oder?” mit einem “Mir fehlt DAS. Und DAS hat mich als Teenager schon genervt. Und DAS reicht nicht. Und DAS ist in Städten auch viel besser.”

Von 60 Tagen verbringe ich etwa zehn im Dorf. Das sind sieben oder acht Wochen im Jahr.

Es nicht SO schlimm, 50 Tage lang keinen Bahnhof vor der Tür zu haben. Keine S-Bahn. Keine Restaurants, die ich bequem erreichen kann. Keine Buchhandlungen. Keine sichtbaren queeren Menschen, keine postmigrantischen Theaterstücke, keine Cafés voller Laptops.

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Mein Fehler – jedes Jahr, zu Weihnachten:

Dass ich immer genau den Leuten, die freiwillig und gern hier leben, sobald wir uns kurz sehen, zeigen will, warum ich in Toronto und New York glücklicher war. Warum ist mir wichtig, dass ausgerechnet jene Freund*innen, denen das Leben in einer Stadt wie Heilbronn genügt, die nie im Ausland leben wollten, die eine Familie gründen, statt sich immer wieder auf neue Begegnungen und neue Bekanntschaften an neuen Orten zu stürzen, mir sagen: “Ja. Du hast mich überzeugt. Stefan? Ich verstehe, dass du das Leben in Städten schneller, reicher, dynamischer, stimulierender empfindest”?

Ich behandle – ausgerechnet – die Leute, die gern hier leben, wie eine Jury, die mir immer wieder bestätigen soll, dass meine Langeweile, mein Überdruss, mein Augenrollen oft gerechtfertigt sind. Meine städtischen, meine queeren, meine Akademikerfreunde fragen sich, warum ich so oft zurück komme, so viel Zeit im Dorf verbringe: “Was gibt dir das? Mir gäbe das nichts.” (Denen müsste ich meinen Überdruss gar nicht erklären.)

Meine Provinzfreunde aber fragen: “Was hast du denn dagegen?” (und: “Nenn uns doch bitte nicht ‘Provinzfreunde’! Das klingt ja schlimm.”).

Die “Jury” fühlt sich dann als Angeklagte.

Ich treffe Menschen, auf die ich mich seit Wochen freue – und sage: “Der Fernbus war teuer und schwer zu erreichen. Die Fahrt in Mamas Auto dauerte ewig. Heilbronn gibt mir nichts. All dieses Hin-und-Herfahren zermürbt mich. Meine Facebook-Freunde wissen mehr von mir als ihr, mittlerweile. Das Raclette kostet Kraft. Mir fällt hier kein Café ein, in dem ich gern sitzen würde. Ach… und kommt mich gern in Berlin besuchen. Aber da ist es trostlos, grau, kalt und alles liegt zu weit auseinander.”

Waren für meine Mutter wirklich die biederen 80er Jahre in der Kleinfamilie die schönste Zeit des Lebens? War noch früher die Kirchweih einer der schönsten Tage ihres Jahres? Und wenn: Ist das so schlimm für mich? Warum werde ich wütend, sobald jemand sagt: Struktur ist gut. Nachbarn sind gut. Das Dorf ist groß genug. Alles, was wichtig ist, ist um uns herum ausreichend vorhanden. Eigentlich ist alles da. Das passt schon, im Großen und Ganzen.

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Ich glaube, Weihnachten wird leichter, sobald ich diese Großstadt-Plädoyers, Wegzieh-Rechtfertigungen verschiebe: Fast alle Menschen, mit denen ich regelmäßig spreche, schreibe, befreundet bin, verstehen sofort, dass ich in einem Dorf nicht sonderlich gut aufgehoben bin. Aber die Leute, von denen ich mir am dringendsten wünsche, zu hören “Klar. Geh! Ich glaube nicht, dass du hier glücklich werden könntest”, sind die Leute, die hier glücklich wurden. Oder daran arbeiten. Und sagen: “Hör auf, zu jammern, dass hier alles fehlt. Hier ist so viel. Du müsstest dir nur mehr Mühe geben.”

Der Tag, an dem ich richtig gern hier bin, ist nicht der beste Tag, um allen dauernd ungefragt und wütend zu erklären, warum ich grundsätzlich lieber woanders bin.

“Naked Boys Reading”: Essay für edel&electric

Foto: Joachim Boepple

Foto: Joachim Boepple

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“Im Sommer 2008 streifte ich den Seitenspiegel eines Autos. Im Sommer 2001 fuhr ich beim Ausparken gegen einen Kleinwagen. Doch das waren meine einzigen Unfälle. Bis mich eine Freundin neulich in die Tiefgarage ihres Wohnblocks lotste: „Du kannst auf unseren Stellplatz!“

Alles war viel zu eng für den Kleintransporter meiner Mutter. Ich wendete. „Winkst du mich raus?“ – „Das klappt so. Fahr!“, sagte sie. Ich rammte einen Pfeiler.

Sie schämte sich. Ich schämte mich. Am meisten schämte sich meine Mutter. Wenn etwas bei mir schief geht, sagt mein Vater bis heute, das läge an ihrer Erziehung. Was ich vermassle, wird ihr zur Last gelegt. Als sie nach Tagen vor Verwandten wagt, den Schaden anzusprechen, lachen alle sie aus.

„Das wissen wir längst! Stefan hat das Auto neulich draußen geparkt: Uns wurde sofort von Freunden erzählt, dass da jetzt eine Schramme ist!“ Man lachte über meine Mutter, weil sie noch glaubte, kontrollieren zu können, wann Peinlichkeiten öffentlich werden. Dabei war alles schon publik: Man hatte nur schadenfroh ihr verschwiegen, dass alle längst darüber lachten, dass sie nicht gut verschweigen und vertuschen kann.

„Was hier am Tisch besprochen wird, geht niemanden was an!“, warnte uns mein Vater jahrelang. „Ich habe neulich ‘Stefan Mesch’ ins Google eingegeben. Aber dann gab es Ergebnisse!“, trumpfte ein Dorf-Rentner auf – als hätte er mich bei irgendwas ertappt. Im Dorf aufwachsen hieß für mich: Gebe ich mehr preis als unbedingt nötig, mache ich mich angreifbar, lächerlich, schwach. Weil alle denken, ich sei zu dumm, meine Geheimnisse zu hüten.

Funktioniert der Literaturbetrieb genauso?”

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Für edel&electric habe ich “Naked Boys Reading” besucht – eine Nackt-Lesereihe in Berlin. 

Und über Entblößungen geschrieben.

Der vollständige Text ist hier: http://edelundelectric.de/index.php/2015/11/06/naked-boys-reading-eine-nackt-lesebuehne-in-berlin/

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Foto: Joachim Boepple

Foto: Joachim Boepple

guter Journalismus, tolle Texte: Empfehlungen

Underdog Literature WordPress December 2013.

ein Text pro Tag.

deutschsprachig, hintergründig, zeitlos:

seit Neujahr sammle ich Blogposts, Reportagen, Essays, Interviews unter dem Hashtag #textdestages auf meinen Facebook-Profil.

hier sind die ersten zehn. große Empfehlung! markante Stimmen. interessante Thesen. Qualitätsjournalismus, den ich gerne las – und teilen will!

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010. Familie, Altersarmut, Väter:

“Altern und Würde. Bitte, Papa.”

Marlene Halser über ihren Vater, allein auf dem Land, verschuldet, trotzig und stolz. (persönliche Reportage, taz 2014)

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009. Depression, Trauerarbeit, Effizienz:

“Verlust eines lieben Menschen: Nach zwei Wochen Trauer ist aber bitte Schluss!”

Andrea Freund über Trauer als Krankheit, kollektive Bewältigung und die Ungeduld von Arbeitgebern und Nicht-Betroffenen. (Kulturkritik, FAZ 2014)

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008. Neukölln, Verdrängung, Widerstand:

“‘Freies Neukölln’ muss schließen: ‘Das ist nicht mehr mein Berlin'”

Annett Heide und Susanne Lenz interviewen den Kneipier Matthias Merkle, dem Neukölln nach 8 Jahren zu teuer wird. (Interview, Berliner Zeitung 2014)

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007. Romantik, Ehe, Kitsch:

“Egoistische Zweisamkeit: Ersatzreligion Liebe”

Markus Günther über Paare, die romantische Liebe zum Lebenszweck überhöhen. (Essay / Kulturkritik, FAZ 2014)

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006. Muße, Abschalten, Inspiration:

“Hirnforschung. Warum Nichtstun uns die besten Ideen beschert”

Ulrich Schnabel erklärt neurologisch und kulturwissenschaftlich, woher gute Ideen kommen und wie Pausen dem Hirn nutzen. (Wissenschaft, ZEIT 2010)

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005. Nachtruhe, Reichtum, bürgerliches München:

“Spätkauf in der Innenstadt: München hat jetzt auch einen Späti”

Lena Schnabl trifft Franz Huemer – den Betreiber des ersten Nacht-Kiosk in Münchens Innenstadt. Ein toller Vergleich zwischen Kunden in München und Berlin. (Portrait, Berliner Zeitung, 2014)

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004. Rassismus, Identität, Kindergarten:

“Perspektivwechsel. Warum ich für meinen Sohn Weihnachtsfiguren mit dunkelbrauner Hautfarbe bestelle”

Tupoka Ogette wünscht sich, dass ihr Schwarzer Sohn empowernde Erfahrungen macht – auch im Kindergarten. (Essay / persönliche Kolumne, Migazin 2014)

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003. Big Data, Werbung, deutsche Provinz:

“Marktforschung in Haßloch. Das ist Deutschland”

In einer Kleinstadt in der Pfalz werden neue Produkte getestet: Ist Haßloch das “typisch” deutsch? Wie wird dort gewohnt, konsumiert… und geforscht?, fragt Gerhard Waldherr. (Reportage, brand eins 2014)

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002. Behinderung, Freak Shows, deutsche Provinz:

“Besuch in der Kleinstadt. In einem Freizeitpark in Rheinland-Pfalz wurden kleinwüchsige Menschen bis in die Neunzigerjahre ausgestellt wie Märchenfiguren.”

Till Krause fragt sich, was aus den Bewohner*innen der “Liliputaner-Stadt” im Holiday Park (Haßloch in der Pfalz) wurde, die er als Kind bestaunte. (Reportage / Portraits, Süddeutsche Zeitung 2013)

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001. Männlichkeit und Konsum – unfreiwillig komisch:

“Steak unter Würstchen. Prophet der Mannwerdung: Frank Hofmann, Chefredakteur von ‘Men’s Health'”

Lutz Kinkel schreibt ein grandios beobachtetes absurdes Portrait über die Männerzeitschrift ‘Men’s Health’, ihre ‘Philosophie’ und den damaligen Chefredakteur. (Portrait / Kulturkritik, ZEIT 2000)

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ich bin freier Journalist – und Literaturkritiker. Buchtipps und Empfehlungen u.a. hier (Link)

PEGIDA, Verbote, Charlie Hebdo: “Nimmst du das hin? Lässt dich das kalt?”

turtles issue 291Heft 29 von “Teenage Mutant Ninja Turtles”, Cover von Ross Campbell, mehr hier..

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In China kann man Schildkröten kaufen – als Schlüsselanhänger. Lebende Tiere, in Plastik eingeschweißt, ohne viel Bewegungsraum in bunt gefärbtem Wasser: Verhungern sie? Ersticken sie? Wer kauft sie – und wer schweißt sie ein? Gibt es eine Nachfrage, einen Markt? Tausende Abnehmer? Lebt dort ein einziger zynischer Händler, irgendwo? Oder eine ganze Industrie? Millionen Kunden? Und jetzt, wo ich das weiß: Weiß ich damit auch “etwas über China”? Oder nur über eine einzelne, traurige Randfigur?
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Um das zu wissen, müsste ich Links öffnen und Texte lesen. Nachfragen stellen, deutsche und englische Quellen vergleichen – am besten gleich: chinesische Freunde fragen.
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Denn fast jeder kennt die Fotos, sah kurz die Meldungen auf der GMX-Startseite oder im “Vermischtes”-Teil von Plattformen wie Focus oder Stern. Vielleicht auch im persönlichen Newsfeed auf Facebook: Ich bin recht sicher, dass gut ein Drittel meiner Freunde seit zwei, drei Jahren von diesen Schildkröten-Anhängern wissen – und immer weiter davon hören, immer wieder, nebenbei. Höre ich selbst “Schildkröte” oder “Schlüsselanhänger” mittlerweile, denke ich: “China”! Sagt jemand “Straßenhändler”, denke ich sofort an sterbende Tiere – und zynische Asiaten.
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Tiefer aber reicht mein Wissen nicht. Denn tiefer reicht mein Interesse nicht: Auch in einer Welt, in der Schildkröten laminiert werden, muss ich aufstehen, essen, mich über Wasser halten, schlafen. Tierrechte sind mir nicht wichtig genug, als dass mich solche Meldungen aus der Bahn stoßen würden. Ich halte das aus, mental. Ich sehe weder Handlungsbedarf – noch Handlungsmöglichkeit. Ich sehe mich nicht mal in der Pflicht, mich eigenständig und besser darüber zu informieren.
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Mein großes Glück: Ich bin nicht hilflos, unglücklich, frustriert darüber, dass ich gern handeln würde… aber keine Optionen finde: Mich lähmt das nicht. Mich schmerzt das kaum. Werden Fotos dieser Schildkröten durch meine Medienwelt gespült, dann sehe ich Schildkröten. Nicht: Belege meiner eigenen Hilfs-, Macht- und Wirkungslosigkeit.
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“Nimmst du das hin? Lässt dich das kalt?” fragen Medien und laden uns ein, immer wütender zu werden: über globale Ungerechtigkeiten – und über einzelne Sätze, Ansichten, Entscheidungen und Marotten einzelner Menschen. Über eine Frau (in China!), die junge Kätzchen tottrampelt in hochhackigen Schuhen. Über blöde Leute auf Twitter, bornierte Redner im TV, Nicht-Freunde mit anderen Meinungen in meiner Timeline, Unsympathen auf der Straße. So vieles sehe ich anders. So vieles gefällt mir nicht.
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Als Leser, Social-Media-Nutzer und Medienkonsument werden mir täglich Hunderte Schnipsel gezeigt, zu denen ich mich positionieren soll. Alles wird mir vorgelegt, oft mit der Einladung, zu kommentieren, abzustimmen, zu unterstützen oder mich zu empören. Ich soll eine Meinung entwickeln. Mehr noch: eine echte Haltung. Und dann die Konsequenzen ziehen aus dieser Haltung – als Leser, als Nachbar, als Fan, als Kommentator, als Konsument, als Wähler.
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15.000 Menschen gehen in Dresden auf die Straße, gegen die “Islamisierung des Abendlandes”. 12 Redakteurinnen und Redakteure der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo werden hingerichtet – wegen Karikaturen und Satire. In meiner Facebook-Timeline versuchen Freundinnen und Freunde seit Stunden semi-öffentlich, ihre Gedanken zu ordnen. Eine Haltung zu finden. Sich weiter zu informieren und Zeugnis abzulegen: “Nehme ich das hin? Lässt mich das kalt? Seht her: DAS macht es gerade mit meinem Kopf, meinem Herzen und meinen Haltungen. Und mit euch? Lasst uns reden!”
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Die Welt ist fairer, offener, humaner als vor 2000 Jahren. Vor 80 Jahren. Oder auch nur vor 20! Für viele von uns wuchsen die Möglichkeiten, sich auszudrücken, zu vernetzen, zu sprechen, sich zu informieren. Überall sind Widersprüche, Ungerechtigkeiten – Dinge, die mich wütend machen. Oder wütend machen sollten. Oder, wie die Schildkröten – verstören, weil ich nicht weiß, wie viel Wut angemessen ist, und was aus dieser Wut, Empörung, Überforderung, Hilflosigkeit erwachsen sollte.
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Obwohl Verbrechensraten fallen, setzen die meisten Zuschauer von Nachrichtenmagazinen Gewalttaten und Chaos als immer alltäglicher und erwartbarer voraus. Die Welt erscheint kaputter, haltloser, willkürlicher, unerträglicher – weil uns bei jedem Klick ein Dutzend neuer Belege dazu vor Augen stehen. Meine Wut- und Traurigkeits-Reserven kommen nicht mit bei all den Angeboten, die mir Journalismus, Aktivisten und Freunde zehnmal pro (Online-Lese-)Stunde machen. Trauer? Wut? Fassungslosigkeit? Überall spülen genug Dinge durch, die uns solche Gefühle abnötigen wollen. Und die unser Mitleid, unsere Empörung unbedingt “verdienen”.
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Vielleicht bin ich ganz gut im Ab- und Umschalten und Mich-aufs-Wesentliche-Konzentrieren. Vielleicht bin ich verroht, stumpf, egozentrisch. Vielleicht habe ich nur Glück: Wut liegt mir eher fern. Trotzdem verstehe ich PEGIDA-Demonstrant*innen, Kommentarschreiber*innen, “Wutbürger”, denen sich die Welt nicht mehr als Spektrum darstellt, als Raum und Ort für Stimmen und Kulturen und die verschiedensten Kontexte, Lebensentwürfe, Widersprüche. Sondern als Lawine und kreischiges Durcheinander aus Tabubrüchen, Willkür, Angst und Chaos. “Lässt Sie das kalt? Nehmen Sie das hin? Finden Sie das etwa richtig hier? Stimmen Sie jetzt ab!”
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“Du schreibst zu viel auf Facebook”, warnte mich Freundin S. vor Weihnachten: “Damit tust du dir keinen Gefallen!” – “Das sind oft tolle Gespräche Ich mag diese Debatten!” – “Du machst dich angreifbar, Stefan: Positionierst dich viel zu sehr. Du schaffst dir mindestens so viele Feinde damit wie neue Freunde.” Für jede Person, die irgendwo “gefällt mir” drückt, gibt es auch jemanden, der mit den Augen rollt und denkt: “DAS sehe ich ganz, ganz anders!”
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Mich begeistert, dass keine Schildkröte mehr irgendwo in China laminiert werden kann, ohne, dass Aktivisten oder Whistleblower, Politiker und engagierte Privatpersonen, Medien und besorgte Freunde helfen, diese Schildkröte sichtbar zu machen.
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Aber mich beklemmt, dass jeder Schritt, den jeder Mensch für sich nehmen darf (und wirklich: so viel Handlungsspielraum und Eigenwirksamkeit bleibt eh den wenigsten!) global als Einladung zu einer Pro-und-Kontra-“Debatte” verstanden wird: Nehme ich das hin? Finde ich das richtig? Verschleierte Frauen? Kurze Röcke? Dicke Kinder? Jagd auf Singvögel? Leihmutterschaft und Social Freezing? Nicken wir das ab? Winken wir das durch? Können wir ertragen, in einer Welt zu leben, in der Menschen andere Prioritäten setzen, andere Vorstellungen haben von Gerechtigkeit, Selbstverwirklichung, Freiheit und Glück? Wo wird es uns zu fremd? Zu bunt?
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Ich lese Artikel und private Reaktionen auf die Attentate in Paris, seit heute Mittag. Ich sehe Freunden zu, wie sie seit Wochen semi-öffentlich versuchen, eine Haltung zu PEGIDA zu finden: Entfreunden oder im Gespräch bleiben? Verlachen oder streiten? Zeichen setzen? Wie?
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Habe ich nur Glück? Dass tote Schildkröten mir keinen Schlaf rauben? Ich stelle mir Leserinnen und Leser vor, seit 10 und mehr Jahren online, die jeden Tag 20, 50 Dinge sehen, die sie verstören: Mormonen dürfen mehrere Frauen heiraten. Konzerne dürfen Kinder Schuhe, Kleidung, Fußbälle nähen lassen. Politiker akzeptieren Spenden aus der Industrie, Menschen ändern ihr Geschlecht und ihren Namen, Leute demonstrieren – gegen dich und deine Kultur und Journalisten, Satiriker, “Eliten” machen sich lustig über die Art, wie du dich kleidest, wohnst und sprichst. Was sich gehört, was gut und richtig ist, wer Erfolg hat, wer aufsteigt entscheiden andere.
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Du stehst im Aus. Deine Mails und Bankbewegungen werden überwacht. Das Job Center droht mit Sanktionen. Du darfst nur draußen rauchen. Leute lachen über deine Frisur, deine Kinder, deine Musik. Man trägt dir nach, dass du trinkst. Oder nicht trinkst. Dass du viel billiges Fleisch kaufst. Oder kein Schwein isst. Immer wieder werden Worte, Ausdrücke plötzlich verboten. Viele alte Witze sind tabu. Alle um dich herum berufen sich auf ihre Befindlichkeiten und Rechte, ihre “Geschichte” und “Kultur” – nur du sollst bitte schweigen, aussterben, verschwinden. Und vorher lebenslang auf Leute Rücksicht nehmen, die sich eh alles erlauben dürfen.
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Nie waren globale Ungerechtigkeiten sichtbarer.

Nie wurde ich eingeladen, mehr und schneller zu urteilen. Über alles.

Nie hatte jeder Einzelne mehr Möglichkeiten, sich auszudrücken.

Nie hatte jeder Einzelne mehr Pflichten, sich öffentlich zu positionieren.

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Und nie herrschte trotz dieser dauernden Positionierungs-Tänze und -Zwänge weniger Bewegungsraum: Wir werden pausenlos eingeladen, wütend zu werden. Über Dinge, die wir kaum verstehen und selten ändern können. Wir fühlen uns machtlos, überstimmt, abgehängt und furchtbar schlecht informiert. Leben in der Angst, dass jederzeit tausend furchtbare, willkürliche Dinge entschieden werden können. Gleichzeitig werden alle von allen kontrolliert. Beobachtet. Bewertet. Jeder steht unter sozialem Druck. Die falsche Meinung, Haltung kann entlarven, ausgrenzen, ruinieren.
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Ich habe noch keine “Haltung”, keine abschließende, kluge These zu PEGIDA und dem Anschlag auf Charlie Hebdo. Wütend bin ich heute Abend vor allem auf eine Medienlandschaft, die mich 20, 50 Mal pro Tag fragt: “Nimmst du das hin? Lässt dich das kalt? Bist du dafür oder dagegen?” und dabei nur Empörung, Wut aufpeitschen will. Ein Flüchtlingsheim – bei uns? Nebenan? Eine Zeitung – die meine Religion verspottet? Islamisten – die Europa bedrohen? Flüchtlinge – die an den Grenzen Europas sterben? Eine Frau – verschleiert? Eine Frau – zu dick? Eine Frau – mit 18 Kindern? Eine Schildkröte – in Plastik eingeschweißt? Ein Veggie-Day? Ein Rauchverbot?
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Und jetzt? Wie fühlst du dich? Soll das so sein? Soll das so bleiben? Stimm ab! Schimpfe los!

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Stefan Mesch, geboren 1983 bei Heidelberg, schreibt für ZEIT Online, Deutschlandradio Kultur, den Berliner Tagesspiegel und das Magazin Kulturaustausch. Er empfiehlt Bücher bei Büchergilde Gutenberg und monatlich im Blog, war Finalist des 20. Open Mike der Literaturwerkstatt Berlin und 2012 Preisträger des Dietrich-Oppenberg-Sonderpreis der Stiftung Lesen.

Grundwissen: Schweiz

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Für Ausgabe 17 von Exot – Zeitschrift für komische Literatur, erschienen im Juli 2014 und u.a. hier erhältlich, habe ich einige Wochen auf- und mitgeschrieben, was man über die Schweiz lernen kann. Aus Kinofilmen. Im Fernsehen. In Literatur.
Ich bin kein Schweiz-Experte. Aber die wichtigsten Fakten über die Schweiz erfährt man, zum Glück, ganz nebenbei:

 

Grundwissen: Schweiz. Was man über Schweizer weiß und lernt. In Kino, Fernsehen, Popkultur.

 

von Stefan Mesch

In Folge 77 von „Sliders – Das Tor in eine fremde Dimension“ (30. Juli 1999, „Eine heiße Story“) sliden die vier Sliders auf eine Erde, auf der Amerika nur noch Klatschblätter liest. Als Maggie dem Präsidenten in die Arme stolpert, nutzt die US-Regierung die Gerüchte: Ein Sexskandal im Weißen Haus lenkt vom großen Krieg ab, den die USA gerade verliert. Ihr Gegner? Die Schweiz.

In Folge 10 von „Grey’s Anatomy – die jungen Ärzte“ (23. September 2005, „Ein klarer Schnitt“) ist Meredith betrunken und verstört: Der Hirnchirurg, mit dem sie seit neun Folgen schläft, verheimlichte ihr, dass er verheiratet ist. Am selben Tag wird klar, dass ihre beste Freundin Cristina ein Kind abtreiben will… das sie vor fünf Folgen mit dem Herzchirurgen zeugte. Trotzdem verbittet sich Cristina alle Vergleiche: „Weil [du und der Hirnchirurg] nämlich eine Beziehung habt!“ – „Ach. Und das mit [dir und dem Herzchirurgen] ist…?“ – „Die Schweiz. Neutrales Territorium. Und sehr schöne Uhren!“

Im dritten James-Bond-Film, „Goldfinger“ (1964), reist James Bond in die Schweiz, um Goldfingers Goldschmuggel aufzudecken.

In George S. Kaufmans Musical „Strike up the Band“ (1927) will ein US-Käsefabrikant, um seine Herrschaft über den US-Käsemarkt zu sichern, einen Krieg gegen die Schweiz lostreten.

Im sechsten James-Bond-Film, „Im Geheimdienst Ihrer Majestät“ (1969), reist James Bond in die Schweiz, um zu verhindern, dass Ernst Stavro Blofeld zehn junge Patientinnen unter dem Vorwand einer Allergie-Therapie zu Schläferinnen eines globalen Biowaffen-Anschlags macht.

Unzufrieden mit der Handlung von „Strike up the Band“ (1927) ersetzte George Gershwin vor der Broadway-Premiere den bösen Käsefabrikanten durch einen bösen Schokoladenmogul.

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Im zweiten James-Bond-Film, “Liebesgrüße aus Moskau” (1963)
, in “Der Spion, der mich liebte“ (Bond 10, 1977), „In tödlicher Mission“ (Bond 14, 1985) und „GoldenEye“ (Bond 17, 1995) reist niemand in die Schweiz – doch Schweizer Drehorte doubeln für andere Länder.

Walt Disney kannte Zermatt aus Ski-Urlauben und ließ nach Produktion seines Schweizer Kletter-Familienfilms „Der dritte Mann im Berg“ (1958) das Matterhorn im Maßstab 1 zu 100 in Disneyland nachbauen: Bis heute klettern Disney-Angestellte mit Lois-Trenker-Hut täglich Richtung Gipfel.

Privatschul-Schnösel Victor reist in der Bret-Easton-Ellis-Verfilmung „The Rules of Attraction“ (2002) als Backpacker durch Europa, spricht über alle Stationen – doch sagt zur Schweiz nur, dass er sprachlos war: „I took the Glacier Express up the Schilthorn [bekannt als Gehirnwäsche-Luxus-Sanatorium aus „Im Geheimdienst ihrer Majestät“], which is beautiful in a way I can’t describe.“ Im Video dazu streckt er den nackten Hintern Richtung Fels.

In deutschen Soaps spielen einige Schweizer Darsteller – nur fast nie Schweizer Rollen: DJane Lona Dee („Unter Uns“, ab 1995) zog 2000 zurück nach Basel. Zeitgleich kam Alex Behrend in die „Lindenstraße“, schlief mit Mutter Beimers Tochter und übernahm 2010 das Beimer-Reisebüro (heute: „Träwel und Iwends“). 2005 gewann „Verbotene Liebe“ als weltweit beste Soap die Rose d’Or von Montreux – und einige von-Lahnstein-Kinder (Rebecca, Hannes) besuchten seitdem Schweizer Internate.
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Von 1925 bis 1970 veröffentlichte Elinor Brent-Dyer Internatsromane
über patente britische Pädagoginnen, die eine „Chalet School“ in Tirol gründen, vor den Nazis auf Guernsey flüchten, in Herefordshire und Wales neue Schulen öffnen und endlich ab den 50er Jahren im Berner Oberland unterrichten. [„Chalet“? Sennhütte / Berghaus. Doch auch das triste „Wienerwald“-Äquivalent Kanadas, eine Imbisskette für Hühnchen-Formfleisch und Pommes, heißt „Swiss Chalet“.]

Auf den bewohnten drei Planeten des Urwyzden-Sonnensystems in der „Star Trek“-Novelle „Reservoir Ferengi“ (2010) gibt es Schnee, Berge, Banken und kleine, pazifistische Leute, die alle Konflikte meiden – bis die Ferengi-Händler Brunt und Gaila allen drei Welten Waffen liefern. Ein Bürgerkrieg bricht aus und das ganze Volk vernichtet sich selbst.

Wer einen Zweikampf in „Super Smash Bros. Melee“ (2001) gewinnt, ohne den Gegner anzugreifen oder verletzt zu werden, bekommt eine Gutschrift von 12.000 Pazifismus-Bonuspunkten namens „Switzerland“.

In „Popeye meets William Tell“ (1940) hat Popeye Landgang in der Schweiz – und wird von einem arroganten Pimpf namens Wilhelm Tell beschossen. „Aber nicht DER Wilhelm Tell? Wo ist Ihr Sohn?!“ Tell schämt sch sehr: Er hat ihn letzte Woche erschossen, „from under an apple“.
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In „Axis Power Hetalia“ (Manga, ab 2003) wird die Zeit zwischen den Weltkriegen als Pausenhof-und Schuljungen-Komödie mit über 40 Staaten-als-Schulkindern erzählt. Schweiz ist 18 Jahre alt und lebt als Einsiedler im Gebirge. Er liebt seine kleine Schwester Liechtenstein und tritt neutral auf – aber trägt eine Flinte. Hat für Vatikan als Söldner gearbeitet. Und ist der größte Waffenfabrikant der Welt.

Wolfsmund“ (Manga, ab 2010) erzählt vom St. Gotthard-Pass im 14. Jahrhundert – und einer Festung, in der die Habsburger jeden Reisenden in die Zange nehmen. Tatsächlich kämpften die Schweizer Eidgenossen von 1291 bis 1474 gegen Habsburger Kontrolle.

Im Mittelalter und noch „bis 1848 verdienten viele Schweizer ihren Lebensunterhalt als Söldner [„Reisläufer“] in fremden Armeen“ (Wikipedia), und Reiche wie Spanien, England, Polen, Österreich und Venedig finanzierten Schweizer Gardetruppen. Auch Lady Oscar, fiktive Leibwächterin von Marie Antoinette und Befehlshaberin des königlichen Garderegiments („Die Rosen von Versailles“, Manga, 1972), kommandiert eine Truppe Schweizer.

Heimweh („Nostalgia“) galt bis ins 19. Jahrhundert als Krankheit, beobachtet bei Schweizer Truppen in der Fremde – und als „Mal du Suisse“ / „Schweizerheimweh“ von Doktorand Johannes Hofer 1688 in Basel beschrieben. Noch Heidi (1880 / 81) wird in Frankfurt zur Schlafwandlerin – aus Sehnsucht nach der Schweiz.
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Wir Kinder vom Berghof“ (Anime-Serie, 1983) zeigt den Alltag von Dorfkindern in Rossiniére im späten 19. Jahrhundert. „Blazing Alpen Rose“ (Manga, 1983; Anime-Serie 1986) folgt Lundi und seiner Ziehschwester Jeudi – zwei Landkindern, die 1939 in Bern nach Jeudis wahrer Familie suchen.

In den 90er und frühen 2000er Jahren wurden bis zu 40 Bollywood-Filme pro Jahr in der Schweiz gedreht“, schreibt Arno Meili. Doch seitdem sinkt die Zahl. Denn: „Indische Filmfans kennen die Schweiz mittlerweile fast gleich gut wie ihr eigenes Land.“

Die Kampfszenen aus „Power Rangers“ (USA, seit 1993) stammen aus japanischen „Super Sentai“-Serien, die seit 1975 immer andere Ranger-Teams vorstellen. In der US-Bearbeitung stecken in den Zwischenszenen amerikanische Schüler unter dem Helm – im Original aber Japaner. Bis auf die Frauen: Erst 1980 gab es einen in Japan geborenen Pink Ranger. Vorher kämpften die FBI-Agentin Diane Martin („Miss America“), Drogenfahnderin Karen Mizuki („Heart Queen“) und, als erste weibliche Heldin, Peggy Matsuyama, eine 18jährige Sprengstoff-Chemikerin und Waffen-Entwicklerin mit Schweizer Vater.

Auch James Bonds Mutter Monique Delacroix ist Schweizerin. Bonds Vater ist Schotte – und geboren wurde Bond 1920 in Wattenscheid im Ruhrgebiet. Vielleicht hat deshalb auch Tara Chace, MI-6-Agentin in Greg Ruckas (grandiosem!) „Queen & Country“ (Comics und Romane, ab 2001) eine Schweizer Mutter, Annika Bodmer-Chace – und lebte, bis sie aufs Internat nach England musste, in Genf.

Baron Viktor von Frankenstein ist Schweizer – doch sein Monster wurde aus den Leichen toter Bayern gestückelt, in Ingolstadt.

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Arnim Zola, ein Schweizer Chemiker im Dienst der Nazis, klont und korrumpiert in den „Captain America“-Comics (seit 1977) und -Kinofilmen (2011 und 2014). Für „Spider-Man: Turn off the Dark“ (Broadway, 2011 bis 2014) wurde eine Nicht-Schweizer Schurkin namens Swiss Miss erfunden: mit Kegelbrüsten, im Stahlkostüm und Klingen als Tütü – halb Mensch, halb Taschenmesser. Auch in „The Tick“ (1995, Episode 14) kämpfen Schweizer Super-Schurken mit riesigen Swiss Army Knives.

Ein Football-Spiel (Oakland Riders vs. New York Jets, 17. November 1968) ging als „Heidi Bowl“ in die TV-Geschichte ein, als NBC pünktlich um 19 Uhr, eine Minute und eine Sekunde vor Spielende, die Live-Übertragung abbrach, damit ihr „Heidi“-TV-Film pünktlich startete. Alle Hotlines brachen zusammen – und Konkurrent CBS verriet später in den Abendnachrichten das offizielle Spielergebnis: „Heidi hat den Ziegenpeter geheiratet.“

In der Fantasy-Spielwelt von „World of Warcraft“ (seit 2004) gibt es viele Käsesorten: Darnassian Bleu, Dalaran Sharp, Alterac Swiss… „Wait a minute!“, fragt TV Tropes. „Alterac Swiss? How did Swiss cheese end up in Azeroth?“

Brechts „Mutter Courage“ (1941) nennt ihren jüngsten Sohn „Schweizerkas“.

und letzte Woche, in der aktuellsten Folge „Grey’s Anatomy“ (1. Mai 2014, „We are never ever getting back together“) dozierte Cristina auf einem Symposium in Zürich – und sah den Herzchirurgen, dessen Kind sie 206 Folgen zuvor verlor (Eileiterschwangerschaft) und der sie 2006, am Tag der Hochzeit, sitzen ließ: Er leitet das Schweizer Krankenhaus. Zeigt stolz 49 Bio-3D-Drucker. Und bietet ihr den Posten an – damit sie Glück und Frieden findet in der Schweiz. Und dort das allererste menschliche Herz ausdruckt.

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Stefan Mesch, *1983, lebt bei Heidelberg und schreibt seinen Roman über Fernsehen und die 90er, “Zimmer voller Freunde”. Er bespricht Bücher für ZEIT Online, Comics für den Berliner Tagesspiegel und war Redakteur bei BELLA triste in Hildesheim.

Seit 2009 lebt er drei Monate pro Jahr in Toronto – einer Stadt, die Peter Ustinov 1987 beschrieb als “New York, run by the Swiss”.

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Geoff Dyer: Sex in Venedig, Tod in Varanasi

Geoff Dyer: “Jeff in Venice / Death in Varanasi. A Diptych.”
Canongate Books, 2009.

Original: englischsprachig
Roman, 296 Seiten.

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Der folgende Text ist von 2008:

Ein schnelles, sachliches Gutachten zu Geoff Dyers “Sex in Venedig, Tod in Varanasi”. Keine Rezension, kein akademisches Essay. Sondern ein nüchterner, kurzer… Gebrauchstext.

Achtung: Spoiler! / Details zum Ende des Buches.

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Autor & Themen: Geoff Dyer, geboren 1958, lebt als Essayist, Reiseschriftsteller und Journalist in London und hat seit 1985 neun Bücher veröffentlicht – zumeist essayistische Arbeiten, u.a. Monografien über D.H. Lawrence und John Berger.

Wichtig: Der Kritikerliebling „But Beautiful“ [Prosastücke über Jazz, 1991], der Roman „Paris, Trance“ [1998] und die Reisereportagensammlung „Reisen, um nicht anzukommen“ [2003]. Alle drei Titel sind auch auf Deutsch erschienen (Hardcover bei Argon, später Taschenbücher bei S. Fischer).

Dyers (vor)letztes Buch, „Yoga for People who can’t be bothered to do it“, ist noch nicht in Deutschland angekündigt. Im Moment [2008] arbeitet er an einem längeren Essay darüber, „im Laufe seines 50. Lebensjahres ein so guter Tennisspieler wie (jetzt noch) möglich zu werden.“

Ausführliche Sammlung von Pressestimmen und Links:

http://www.complete-review.com/authors/dyerg.htm

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In einem Satz: Tourist sein und Fremder in einer morbiden, schwül-feuchten Stadt:

In zwei sommerlichen Prosastücken lässt Geoff Dyer zwei literarische Alter Egos durch Städte flanieren, überraschend ähnlich: Venedig (die Biennale, der Luxus, Liebeleien; das Älterwerden) und Varanasi (Totenverbrennungen am Ganges, die Armut, Spiritualität; das Loslassen).

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Konzept: Tatsächlich. Das Buch ist ein klar getrenntes Diptychon: Der erste Teil, „Jeff in Venice“ schildert – in der dritten Person und munter Seitenhiebe austeilend gegen die Kunst- und Presseszene – die Biennale 2003 aus Sicht des inkompetenten und latent schmierigen britischen Journalisten Jeff Atman (Mitte 40, hat er sich grade zum allerersten Mal die Haare getönt).

Jeff interviewt eine kratzbürstige Künstlerin, schmuggelt sich auf alle wichtigen Partys, nimmt Drogen. Und hofft darauf, Zufallsbekanntschaft Laura noch einmal zu begegnen, eine schlagfertige Galeristin aus Amerika.

Nach 220 Seiten – Jeff hat Laura noch mehrmals getroffen. Sie hatten schmutzigen Sex. Gute Gespräche. Mehr schmutzigen Sex. Drogen. Und eine lose Verabredung, sich irgendwann wieder zu treffen, in einer anderen Stadt, mal sehen… – folgt ein zweiter, komplett unabhängiger Langtext:

„Death in Varanasi“ zeigt – als Ich-Erzählung und mit einem journalistischeren, weniger narrativen Blick – die indische Stadt Varanasi (ehemals Benares) während mehrerer Monate im Jahr 2004, betrachtet durch die Augen eines britischen Reise- und Kunstjournalisten (der aber, allen Indizien nach, NICHT deckungsgleich ist mit der der Jeff-Figur aus dem ersten Teil). Fasziniert, verstört und immer wieder deutlich angeekelt, lässt sich der Erzähler wochenlang treiben. Und wird schließlich (fast) zu einer Art Hindu/Hippie/Penner-Guru.

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Verlauf „Jeff in Venice“: Ein Mann färbt sich die Haare. Fährt nach Venedig. Verliebt sich in eine deutlich jüngere Person. Ist fiebrig und berauscht. Und streift durch die Gassen, sucht nach ihr: „Jeff in Venice“ spielt mit Thomas-Mann-Motiven. Ganz ungezwungen; ohne gesuchte Gravitas, künstliche Schwere.

Taugenichts Jeff ergaunert sich eine Akkreditierung für die Biennale, steigt in den Billigflieger, kaum Lust auf seinen Interviewtermin mit Julia Berman, der Muse und Verflossenen eines toten 70er-Jahre-Künstlers (Typ: Jane Birkin). Am Mittwoch kommt Jeff an. Donnerstag Abend trifft er Laura, 31, Galeristin aus San Francisco. Eine starke, intelligente Frauenfigur, aber mit ersten Fluchttendenzen (Alaska? Oder Varanasi, diese Stadt in Indien? Laura lamentiert, dass irgendetwas fehlt in ihrem Leben. Jeff kennt das Gefühl.)

Jeff und Laura führen ein gutgelaunt-melancholisches Gespräch über das Älterwerden, doch Laura verabschiedet sich, ohne, ihm ihre Adresse zu nennen. Er verbringt das lange Wochenende in Venedig mit Ausstellungsbesuchen (Dyer baut Cameo-Auftritte vieler bekannter Fotografen und Künstler in den Text). Er streift durch Venedig mit der Sachlichkeit und dem „ruhigen“ Blick eines Dritt- oder Viert-Besuchers (kein übertriebenes Staunen, kein allzu großes Pathos).

Er interviewt Berman (die ihm einen Joint anbietet und dann ein flapsig-gutgelauntes Gespräch über das Älterwerden startet). Am Biennale-Freitagabend trifft er endlich, endlich auch Laura wieder. Hat tollen, gutgelaunt-entspannten Oralsex mit ihr. Und ein Frühstück. Funken fliegen, Jeff ist hin und weg.

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Großmäulig, faul, frech und mit der eigenen Richtungslosigkeit kokettierend: Jeff ist eine Romanfigur, wie sie (in anderen Büchern) gerne, zum Ende hin (ganz wie z.B. Aschenbach bei Thomas Mann) gehörig demontiert wird. Laura und Jeff besuchen (oh je!) eine Privatparty auf einer Jacht. Schnupfen Kokain (das geht nicht gut aus!). Haben noch mehr Oralsex. Sie will, dass er sie fickt. Er nimmt sie erstmal von hinten, mit der Zunge. Dazu gibt’s Kokain. [Nicht allzu drastisch erzählt, das alles, doch mit dezent morbider Unterströmung: Eine Zufallsbekanntschaft, die tut, als gäbe es kein Morgen. Da wartet der Leser nur noch auf eines: den Morgen. Die Rechnung. Den Hammerschlag.]

Aber – wie schön: der Hammerschlag bleibt aus. Ohne dickes Ende, nur einen Tick melancholisch, blendet Dyer ab, nachdem Jeff sich von Laura (am Sonntagnachmittag) verabschiedet. Jeff, der in der Mittagshitze am Wasser steht. Sich das Hemd auszieht. Ein wenig schwermütig den Kopf in den Nacken legt und hoch schaut, in den Himmel, auf einen Kondensstreifen und wie er langsam, langsam in alle Richtungen zerstäubt.

Ein entspanntes Ende einer entspannten kleinen Erzählung/Novelle.

Ernsthaft: Wie schön!

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Screenshot: http://www.dumont-buchverlag.de/buch/Geoff_Dyer_Sex_in_Venedig,_Tod_in_Varanasi/11414

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Verlauf „Death in Varanasi“: Ein Ich-Erzähler, der als Reiseschriftsteller arbeitet, und – eher missmutig – nach Varanasi an den Ganges reist, die Stadt, die Laura schon in „Jeff in Venice“ als guten Platz zum Aussteigen und Untertauchen erwähnte:

Geoff Dyer spielt mit Leseerwartungen, lässt lange offen: Ist dieser neue, namenlose Ich-Erzähler Jeff, Protagonist aus Teil 1? Ist er hier, um Laura zu treffen? Und diesen neuen Tonfall, die Ich-Perspektive, nutzt für alles, was jetzt kommen mag? Das ZWEITE Treffen? Der Punkt, an dem es ernst wird zwischen den beiden?

Dyer beschreibt die Feuerbestattungen, den Straßenverkehr, die grellbunten Tempel, die Bettler. Dyer baut – aus ganz erwartbaren Indien-Beobachtungen, entlang dem gängigen Indien-Bild – eine stinkende, morbide Millionenstadt. Ehemals journalistische Texte, neu montiert zur Rollenprosa:

Vor dem Roman gab es eine “Varanasi”-Reportage, die Dyer für den Guardian schrieb. Dyer war, genau wie sein namenloser Erzähler, monatelang in der Stadt. Die Geografie, die Hotels und die Begebenheiten sind real. Und der fertige Roman(teil) „Death in Varanasi“ könnte noch immer gut als literarischer Reisebericht etikettiert werden.

Die ursprüngliche Reportage unter: http://www.guardian.co.uk/travel/2006/mar/26/india.travelbooks.observerescapesection

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Vielleicht wäre diese Etikettierung, „Reportage“, recht sinnvoll: Nur kurz taucht (hier, im „Varanasi“-Teil) ein wirrer Mann auf, der früher Journalist war und jetzt die Straßen nach einer Frau durchsucht, die er hier treffen wollte. Doch diese Frau kam nie. Jetzt ist er Bettler.

Diese Szene, im hinteren Drittel des „Varanasi“-Teils, ist bloßes Augenzwinkern – keine ernst gemeinte „Auflösung“: „Death in Varanasi“ ist keine Fortsetzung der Jeff-und-Laura-Handlung, sondern eine 175 Seiten lange Aneinanderreihung von Reflektionen über die Stadt. Lebensraum als Erweiterung des Selbst’. Mythologie als Kultur, die sich selbst erzählt. Sterblichkeit, Selbstüberwindung, Rucksacktouristen, Identitität: mild philosophisch. Arg handlungsarm.

„Romanhaft“ wird Dyers’ Reise-Plauder-Tagebuch erst gegen Ende, als der Erzähler unverhofft ins Religiöse („Steppenwolf“-Weltschmerz, Sinnsuche… keine konkrete, handfeste Religion!) abgleitet, Sari und Fusselbart inklusive, auf den letzten vierzig, fünfzig Seiten des Buches. Doch das bleibt Versuch, Spielerei: Eine straffe Dramaturgie fehlt hier. Es geht um Meditationen. Kleine Notate über Alter, Tod, Identität und Kultur.

„It was a good picture and a quite ordinary one“ …fasst Dyer diesen Blick auf Varanasi zussammen, und damit auch die Poetik des Buches: Fallhöhen. Fabulierkunst. Gravitas. Gründlichkeit? Nicht hier. Darum geht es nicht.

„Aus der Welt des Fußballs“, schrieb die NZZ einmal über Max Goldts Kolumnen, „wissen wir, dass es viel schwieriger ist, einen Ball lässig ins Tor zu schlenzen, als ihn mit aller Gewalt hineinzudonnern. Max Goldt hat sich ganz aufs Schlenzen verlegt.“

Ich weiß nicht, woher diese Traditionslinie stammt (auch: Kracauer, Bruce Chatwin, die Reisereportagen Christian Kachts). Aber es macht Dyer spürbar Spaß, ihr zu folgen: Es geht ums Schlenzen. Essays, ganz altmodisch, als Versuche.

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Motive und Besonderheiten / Stil: Venedig und Varanasi haben genug Substanz/Vertrautheit/kulturelle Belegungen, um Dyers Text für Leser relevant zu halten. Ein warmer, intelligenter Blick. Flanerie, geschickt vorbei an den gröberen Klischees des Reisejournalismus, „das pulsierende Herz von…“, „eine Stadt voller Gegensätze…“ usw.

Zwar schreibt auch Dyer manchmal über Äffchen, die Sonnenbrillen klauen. Und das in einer Sprache, die keine großen Sprünge macht. Aber Charme / Überraschungen / Ironie überwiegen:

„Everyone was waving. We were drowning in a sea of waves.“

Ein ganz alltäglicher Tonfall. Chatwin. Paul Theroux. Michael Palins Dokumentationen für die BBC. Die autobiografischen Sachen von Lily Brett. Und aber auch, im (ja: „perlenden“!!) Geplauder zwischen Jeff und Laura, „Before Sunset“. Steadicamfahrten durch die Stadt, zwei Schauspieler, die ihre Dialoge halb improvisieren.

 

Geoff Dyer kriegt es fertig, fünf, zehn Seiten zu füllen ohne EINEN einzigen besonders originellen Gedanken. Aber – und deshalb könnte das Buch auf Deutsch gut funktionieren, als gediegenes, elegantes Hardcover, ohne, eine Mogelpackung zu sein; und müsste nicht als x-beliebiges S.-Fischer-Taschenbuch aufs „Leichtes für den Sommer“-Tischchen…:

Geoff Dyer ist ein guter Leser-Führer, Dramaturg, ein gutgelaunter, sehr literarischer Guide: Er täuscht an. Und setzt dann, in virtuose geistigen Drehern, sehr überraschende, philophische denouèments.

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„One morning I saw the dolphins which were rumored to live in the river. Two of them, black and sleek in their wet suits, surfacing and diving and with long smiles. It seemed hard to believe that they really existed but the fact that they did tells you something, about dolphins and the Ganges and existence generally. It tells you that there are dolphins in the Ganges and if there are dolphins here then there can be other creatures too, otters, for example, and not just here, but in other rivers also, and not just in rivers either.”

Tolle Sache!

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Schwierigkeiten: Die Etikettierung ist ein Problem. Ein viel zu umständlicher Originaltitel, ein latent prätenziöses Grundkonzept… [als „Wendebuch“ zum Beispiel, mit zwei gleichwertigen Covern, einmal Venedig, einmal Varanasi, wäre viel klarer, dass hier etwas Leichtes erwartet werden darf, ein Spiel. Kein Puzzle, bei dem es gilt, Verbindungen zu finden zwischen den Städten, den Menschen. Und auch nichts, das auf eine Pointe/Auflösung/Geschlossenheit hinausläuft.]

„Venice/Vanasi“ würde sehr gut zum Duktus und der ironischen Haltung des SZ-Magazins passen. Oder (wobei ich die nur vom Blättern her kenne, keine Ahnung, wie sehr das in Tiefe geht!) den literarischen Reiseführern von Dumont, „Gebrauchsanweisung für…“. [Wie gesagt: Ich schrieb das 2008. Dass sich heute tatsächlich DuMont entschloss, das Buch nach Deutschland zu holen, freut mich sehr!]

Dyers Buch ist charmant und slick, intelligent. Und wird, glaube ich, in den Feuilletons gut aufgenommen: Farbenfroh. Eingängig geschrieben. Leicht vermarktbar. Gut zu verschenken. Nur muss – ganz wichtig – VÖLLIG klar sein, was drinnen steckt: Geplauder. Flanerie. Im „Varansi“-Teil, gegen Ende hin, auch etliche Verquastheiten. Dem Leser muss, durch die Gestaltung, plausibel sein, dass dieses Spielerische, Leichte, zur Qualität und Poetik des Buches gehört.

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Wertung: „Jeff in Venice / Death in Varanasi“ ist kein Buch, das man lesen MUSS. Jeff Dyer knüpft (trotz allem Grübeln, Altern, Rumphilosophieren in beiden Teilen des Romans) keine sehr dringliche, existenzielle Erfahrung an die beiden Schauplätze. Das Buch ist ungezwungen. Und deshalb auch: nicht ZWINGEND.

Mir fehlt also, so angetan ich bin: eine unbedingte, flammende Begeisterung. Ich sehe nichts, um dessentwillen dieses Buch auf Deutsch veröffentlicht werden MUSS. Heidenreich würde es „pfiffig“ finden. Ein gutes Konzept. Ein gutes Segment. Eine tolle Sache. Kein Muss.

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Links zu Amazon.de:

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verwandte Links:

The Dark Knight Rises (2012): 3 1/2 Problems & Failures.

I have finally seen “The Dark Knight Rises”, and I want to adress / blog / discuss some ideas and storytelling problems.
I had big fun (4 out of 5 stars), recommend it, and really enjoyed the experience.
There are, however, 3 1/2… problematic aspects that I want to talk about.

The nerdiest / most debatable one is the question of what makes Batman such a great / attractive pop culture hero:

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Part ½:

an overpowered power fantasy?

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For better or worse, “Batman” comics of the last 30+ years have shown Bruce as a crazy prepared, incredibly skilled, type A-ish, micromanaging, relentless and very, very stiff person: He does NOT make tactical mistakes. He does have a plan a… but also a plan b, plan c and plan z. Even if it look like he is not in control… he is.
As a detective, Bruce is as brilliant, cold, skilled and infallible as Sherlock Holmes. As a martial arts fighter, Bruce is on par with Bruce Lee. As a playboy and womanizer, his espionage, camouflage and psychological skills are on par with James Bond… AND he has the same kind of crazy gadgetery: Bruce is the alpha male. The ultimate self-made man. The pinnacle of human ambition. The un-thwartable, un-killable, un-defeatable chessmaster.
This is not a power fantasy that I, personally, find very attractive: I don’t like James Bond. I don’t like controlled, smug, overbearing heroes. I stopped liking MacGyver in elementary school. And I would rather root for the underdog than for a sports team, politician or pop band that already, through smart tactics and all the right moves, IS at the top of it all.
That’s why I like rash, sometimes irrational heroes like Green Arrow or Catwoman. That’s why I relate to “emotional”, loyal, outspoken characters like Clark Kent and Diana (Wonder Woman). Bruce is, all in all, a pretty joyless, angry, competitive and cold person / fantasy / hero.

Luckily, this doesn’t mean that “Batman” comics / stories can’t be a lot of fun: On a philosphical / ethical level, most “Batman” stories are about control, and about its’ limits:
Does Bruce have control over his heart / emotions? And is that a good thing? What happens when bad girls or more temper-driven people like Talia al’Ghul, “Catwoman” Selina Kyle, Silver St. Clare [the romantic foil of Grant Morrison’s “Batman: RIP” storyline] or “Huntress” Helena Bertinelli stand in his way?
And, of course: What happens when anarchists and irrational villains like the Joker, Jason Todd, Harley Quinn use chaos, tempers, humanities’ less rational instincts to fight his own ideals of order and control?
‎”The Dark Knight” (the 2008 movie) was an excellent, smart exploration of these themes, and a big personal favorite, because it managed to show what made Batman both attractive and heroic… and scary, dysfunctional and ineffective / naive.
Another thing that’s great about Bruce’s less-than-pleasant personality is that his SUPPORTING CAST is full of people that contrast and oppose him in surprising, crazy likeable ways: Dick Grayson (the first Robin) is more joyful and adventurous, and loves to work with friends. Stephanie Brown (the only female Robin) is perky, quirky, crazy optimistic. As a person, Bruce is often the least funny, least engaging, least relatable and most… infuriating character in the room – and it’s always big fun for the supporting cast to bounce off him.
That’s something the Christopher Nolan movies managed to do quite brilliantly, too: If we LOVE characters like Alfred, Gordon or Harvey Dent, it’s only because of the stiff, sad sack that sets up all their wry one-liners, emotional reactions and personal quirks:
If you dislike Bruce, you will… love large parts of the “Bat-family”.
[One of my all-time favorite stories is “Bruce Wayne: Murderer?”, a convoluted and not-too-interesting crossover storyline where Bruce, framed for murder, does not want help from any of his friends and associates and decides to go to prison, all alone: The first trade paperback collection featured some 150 pages of great, loveable, fun characters telling Bruce: “We want to help you. Stop being an idiot! This does not make sense!”. It really DID not make sense… and it was very nice to hear all these characters aknowledging it: “http://www.goodreads.com/book/show/106059.Batman“]
With all that said, I do love the “Batman” mythos best when the writers tell stories about the idiosyncrasies and surprises of society, when Bruce faces inter-personal curveballs; the moments when a dark and bitter control-freak learns that he DOES NOT have that much of control of his world, after all.
I don’t think I’m alone in this, either: The whole of “The Dark Knight Rises” gives us tons of moments when we see Bruce suffer, fail and struggle.
‎[That’s what makes Scott Snyder’s dark, dramatic and nightmarish recent “Court of Owls” storyline so rewarding, too: Bruce is slipping. Things are out of control. His ideas / illusions about Gotham are challenged, then shattered: “http://www.goodreads.com/book/show/13223349-batman-vol-1“]
On these (personal) standards and expectations, the Bruce Wayne character of “The Dark Knight Rises” is… a wimp. An amateur. A “Green Arrow”-like, sloppy, reckless, out-of-control, hot-headed weirdo:
Why did he smash / destroy the TV inside Bane’s prison – his only way to get information about Gotham? How could he park / leave The Bat on a skyscraper, and only hide it behind a camouflage tarp? Why did he choose to fight Bane in broad daylight, with hundreds of armed criminals brawling around them (and how come they didn’t focus on Batman and concerted their efforts to put him down?).
When he was fleeing the police on his motorcycle, the last-minute escape over the truck-ramps seemed like sheer, dumb luck. When he was told that the Wayne Foundation didn’t fund the orphanage… how did a business failure/fact like that manage to escape his attention for a couple of years? And when he spent nearly five (!) months in prison, how come he didn’t piece together Bane’s history / personal details himself? Hell… why didn’t he SPEAK Arabic, fluently? The Bruce Wayne of the comic books speaks EVERY language, because he’s the most brilliant guy in the world.
I’m not saying that I like Bruce as an overpowered, unrealistic, perfect character.
Or that I WANT to follow the stories of a guy who is ALWAYS prepared and ALWAYS in control.
But I think that the “The Dark Knight Rises” (more than “The Dark Knight”) tried to have it both ways, and I found the moments when Bruce was clueless or badly prepared or overpowered jarring and unsatisfactory… because they were always framed with / followed by moments where he WAS the perfect, downright cartoonish renaissance man of the comics:
I have NO clear ideas about movie-Bruce’s skills, limitations and flaws, and I found that he seemed both too competent and too clueless a lot of the time: If Bruce IS a perfect, self-made pinnacle of human ambition… his conflicts, themes and foils are clear.
If Bruce IS a broken, scarred, conflicted and emotionallly hapless guy in a suit, in too deep… his conflicts, themes and foils are clear, too. ‎”The Dark Knight Rises” tried to tell both these stories… and for someone who is used to the frustrations and behavior of comic-book-Bruce, movie-Bruce was, sadly and frustratingly… a wimp. 😦
[One last side note: I did read Dennis O’Neill’s 1995 novelization of the important “Knightfall” storyline in 2010, and I was surprised that as late as the early 90ies, comic-book Bruce was less in controll and much more amateurish, too: “http://www.goodreads.com/book/show/51080.Batman
THIS is the storyline were Bruce was “broken” by Bane, and a major inspiration for the movie. And it is only fitting that THIS, earlier Bruce has traces of a dangerous, out-of-control idiot that I find in the “The Dark Knight Rises” movie, too: Both these versions of the character are less perfect (and: more exciting) than modern-day comic-Bruce.
The only problem: modern-day comic-Bruce would tell them that they are a menace to society, that they lack control and that they should go home before they endanger themselves and others. 🙂 ]

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Part 1:

an homage-riddled meta movie?

In 2008, when I saw “The Dark Knight” (in Stuttgart, in July, with my 15-year-old sister), I had read less than 15 “Batman” storylines / trade paperback collections.
All the storylines and moments “The Dark Knight” borrowed from (most notably: The “Jokers and Madmen” arc of “Gotham Central”) weren’t on my radar, and while I discovered them later on – to great joy… “http://www.goodreads.com/book/show/6375833-gotham-central-book-two
…there was no way the movie could have disappointed or alienated me by straying too far from the source material: I HAD read the other important “Batman” comic that helped influence the “The Dark Knight” script, “The Long Halloween”, and liked it a lot… “http://www.goodreads.com/book/show/106069.Batman
…but for my moviegoing experience, this really did not seem very important. With “The Dark Knight Rises”, things had changed, though: I have nearly 70 “Batman” books on my shelves, and maybe twice as many crossovers and batfamily titles. I’m a big fan of Nightwing, I like Talia (when she is written well), and I spent spring and summer reading EVERY “Catwoman” book I could get my hands on, in preparation for a longer essay about Selina in the comics… and her role in “The Dark Knight Rises”.
Four years ago, my sister LOVED “The Dark Knight”. That same christmas, I gave the DVD to my mother, and while she had problems following the plot (“The Mask was kind of gruesome, don’t you think?” – Stefan: “What mask? Batman’s cowl? Or Two-Face?” – Mom: “Yes, Two-Face. The one with the green hair! He was too… shrill.”), I felt that the movie worked very, very well, regardless of your knowledge of the Batverse, super-hero tropes or “Batman Begins”, the first movie of Nolan’s trilogy.
THIS time around, my sister loved “The Dark Knight Rises”, too. But with the ties to “Batman Begins”, the character cameos and surprising revelations and the overall reliance on surprise reveals, I had NO idea how someone who was unfamiliar with… Talia, for example, would enjoy “The Dark Knight Rises”.
As a “Batman” reader and book critic, I loved the movie and all the clever, subtle and not-so-subtle callbacks, tricks, layers and subversions. The moment Miranda Tate and John Blake showed up, there was an immense level of suspense… for me.
It was rewarding, engaging, THRILLING to try to out-guess the characters, look for clues, and ask myself if my knowledge of storylines like “Batman: No Man’s Land” helped me to understand where the conflicts were headed. Huge fun. But: Nerdy fun. Meta fun. Fan fun. Screenwriting fun. Epistolary fun.
“The Dark Knight” worked excellent WITHOUT these elements (or at least I, personally, wasn’t able to spot them and appreciate them, back then: I liked that “The Dark Knight” featured at Latina GCPD officer working in the background, and I it was fun to see how my expectations (“Is that Renee Montoya? Is that a cameo?”) were stirred up… and later subverted.)
“The Dark Knight Rises”, on the other hand, had a black police officer named Allen. CRISPUS ALLEN? A strawberry blonde runaway girl working with Selina. IS THAT HOLLY? I was so expecting to hear that word “Grayson”… that when I heard “Robin” instead, I was pretty disappointed.
I think my knowledge of the comic book storylines, the source material and inspiration, helped to make “The Dark Knight Rises” a much richer, complex experience. It brought some problems (Marion Cotillard did seem too matronly… Anne Hathaway did seem too flaky and naive… the Gotham City police seemed shockingly white, male and clueless, compared to their role in “No Man’s Land”…)
…but overall, this MADE the movie for me, and I don’t know how much I would have enjoyed it without this meta-level.
One final aside: I spent the better part of last week reading Will Pfeifer’s “Catwoman” run, and found it to be pretty bland and generic: Selina has given birth to a daughter, and tries to make a fresh start, away from the dangers of her old neighbourhood and “Selina Kyle” identity.
Pfeifer’s story raises intelligent questions about outrunning your past, hiding behind masks and putting your friends in the line of danger… but the conflicts dragged on, and the resolutions were messy and poorly thought-out: I went away from his book, knowing that I do not want anyone else to read this. It was sub-par storytelling, and it retroactively spoiled / ruined the great START of this “Catwoman” volume, written by Ed Brubaker.
With “The Dark Knight Rises”, Pfeifer’s run is a little redeemed, and might even work well for people who are interested in movie-Selina: When Anne Hathaway talked about the fact that nowadays, she cannot outrun her past or delete herself from the files of the police, I had to smile: “Tell me about it, girl: THIS is what Will Pfeifer’s 30-plus chapters of the ‘Catwoman’ book have been about. And they were SO tedious… I can completely understand your ennui.” 🙂
‎(All in all, “The Dark Knight Rises” is not the best movie for Catwoman fans, because in the comics, Selina is quite often the sharpest, smartest, most reasonable and pragmatic person in the room. In the movie, though, she seemed wishy-washy, clueless, annoyed and egocentric, and I never felt like “This person is smarter than Bruce.” or even “While Bruce has inhibitions and neuroses, Selina is flexible enough to get MORE work done, and deal with harsher, more complex realities.”)
Plus, as a final aside: The scene where rich playboy Bruce Wayne visits attractive, free-spirited Selina Kyle in her cluttered, cushy apartment and enjoys her sense of style… reminded me of a scene in “Vanilla Sky” where rich playboy David Aames visits attractive, free-spirited Sofia Serrano in her cluttered, cushy apartment and falls in love with her, forever. For an inebt, self-centered character played by Tom Cruise, this makes sense. For Bruce Wayne (and Chris Nolan), it just seemed like lazy characterization.)

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Part 2:

a movie about… what, exactly?

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I really enjoyed the symbolism of the movie, and the ways that Bruce and/or Batman DID “rise” multiple times / on multiple levels.
On a more basic level of structure / storytelling, there is an unexpected flaw in this movie, though: I have no idea what it is ABOUT.
Chris Nolan wrote that “Batman Begins” was about Fear, “The Dark Knight” was about Chaos, and “The Dark Knight Rises” centered on Pain. This is not the word / main motif / theme that I would have chosen… but I can see it, and I don’t think that every movie HAS to be about ONE definite thing. It’s sad, though, that the “chaos” theme of “The Dark Knight” works really, really well throughout the movie…
…while “The Dark Knight Rises” is a hodgepodge of multiple questions, conflicts, philosophical ideas, themes and motifs. I don’t ind that the movie is BUSY. I don’t mind that the script takes wild twists and turns. I enjoyed the big revelations and unexpected moments, and it was a very fulfilling and satisfying cinematic… experience: I was NOT bored for 165 minutes, and there was all this awesome stuff going on, often at a breakneck pace.
At the same time, the dialogue and symbolism of the movie CONSTANTLY hinted at big, important questions / conflicts / themes:
What does Gordon’s lie (and Bruce acceptance of this lie and the draconian Blackgate legizlation) MEAN… when it comes to questions of redemption, corruption, “the greater good”? What was the point… not for the individual characters (it provided great conflicts and dynamics for Gordon, Bruce and Blake)… but on this bigger, thematic level? WHY did this happen? What’s the point?
Selina wants society to forget. Is this a problem that has to do anything with… Bruce? Bane? Miranda? Lucius? Gordon? It seems SO big and topical and relevant… but I don’t think it was explored in any smart way, or tied to the other conflicts / motifs.
ONE person has the trigger? ONE random citizen, and HIS conflict between hope / humanity’s better nature and deperation, controlling the whole city? The scenario reminded me of… something, and quite hard. How does this mirror Bruce’s vigilantism and his “EVERYONE can be a hero” speech to Gordon?
I suppose the movie was about environments and how they formed and malformed people, in SOME way. It was also about privilege. And the blue-collar class. And class warfare. With NO “normal” Gotham citizens on display throughout a siege that took 5 months (except some clueless, big-eyed orphans), we did not see how “GOTHAM” (that is: not the Blackgate scum. Not the noble cops. Not heroes like Blake and Gordon. But: NORMAL people, the very ones whose nature, limitations, innocence and value ALL THESE CHARACTERS spend debating) make their choices: Are they part of the angry mobs? Are they running scared? What DOES Gotham deserve, 8 years after “The Dark Knight”?
…that’s when on Facebook, a friend commented:
I think, Dark Knight already had two motives, that can be summed up with to quotes.
“some people just want to watch the world burn” by Alfred, which is Chaos and “You either die a hero or you live long enough to see yourself become the villain.” ehich represents the fall of of a hero and that everybody can be seduced.
On of the big flaws of Dark Knight rises in my opinion is that the overall topic of the movie is revealed at the end by Miranda, when it turns out who she really is. I think at this point all the greater topics from before get reduced to the oldest movie-topic of the world, which is revenge.
There is no bigger meaning behind “giving the city back to its people” or so, it’s just a simple “revenge for what you did to my father” – plot. And come on, we’ve seen this a thousand times before, right?
I have to say, for me Dark Knight rises was nowhere near as deep and fullfilling as Dark Knight and disappointing in this sense. Still an entertaining movie 🙂
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Yes. Exactly! Thank you so much.
When people ask what is important or unique about Ras al Ghul, I’m quick to say “He is an eco-terrorist. He thinks that the environment is more important than people.” But if I go a little deeper and REALLY try to explain / rationalize the League of Shadows (“League of Assassins” in the comic books), I quickly end with “These people are hundred of years old, and batshit insane.” Ras IS a great, fun, pompous character, and a great foil for Bruce. But he was created in the seventies, and he’s very reminiscent of the BOND-villains of that era: a fun arch-enemy. But not the greatest, deepest philosopher.)
In lots of movies – for better or worse – you can take ALL the important characters, look for the main motif, and ask for each and every one of them: “Where do they stand, on this topic? How did they learn to deal with THIS thing?”. So… a movie like “Juno”, that is about providing babies with a good start in life, has five to ten different characters with unique ideas about what IS a “good start”. They all are different kind of providers. They all have their flaws, their backstories and their losses. But it all ties back into the main theme.
With “The Dark Knight Rises”, is really cannot say what kind of perspective… Lucius, for example… provides: He DOES serve purpose as one of many, many cogs, keeping the story running, the events unfolding, the excitement high. But I can REALLY understand how the Joker, Rachel Dawes, Harvey Dent, Bruce and Gordon related to each other, thematically, in “The Dark Knight”. This time, with THESE people… not so much. (Do Selina and Miranda, for example, contrast each other in any meaningful or intelligent way? They happen to be in the same movie, and the movie IS better for them… but IF ‘The Dark Knight Rises’ indeed IS a complex tapestry / medition of PAIN… I don’t know how these two figure in.”
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my Facebook buddy, once more:
Also, a lot of the things that were discussed before the release of the movie, especially after the aurora shooting, the rise of the one percent vs the 99 percent, the wall street scene and so on, …on the surface, this looked as if it had such a strong connection to the current political and economical situation. But already during this special scene, it was obvious, that Bane is not doing this to give a comment to the gready banks, it’s just a simple scam, not unlikely what the criminal guys in finance do themselves (with a little fire power added 😉 ). I have to admit, one day after the movie, I find more and more things I don’t like…
The look and feel, the general way Gotham and its citizens were represented, also was not working for me, at least in the context of the role they were supposed to play in the movie. Gotham is supossed to be this “wretched hive of scum and villainy” to quote sth else, and Tim Burton and I guess most of the comics really can provide this image!
In Nolan’s “realistic” Gotham, there is not a lot of all of this going on. It’s just (very obviously) the New York we all know. Now, you can probably discuss how rotten New York really is, but in todays world it is nowhere near as dangerous as the Gotham we know from the former incarnations. In the movie, there were no corrupt cops, not a lot of thievery going on (what is usually used in most of the Batman movies to give him a heroic entrance into the flick).
I guess, overall, the oprhans Gordon Levitt was trying to save were suppossed to be the representation of all that is innocent in Gotham, but for me this was just such a boring and obvious ploy by Nolan to make you care for someone living in Gotham: It also made JGL just look like a complete asshole. Leave the 20 kids on the bridge and try to save the rest of the 12 mio people in the city!!! If the bomb goes of, they are all gonna die anyway!
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Thanks for the comments! I’ll elaborate the “Occupy”-part in a minute:
On a final side note, screenwriting-wise, I’m… amazed that people are not angrier / more annoyed at the John Blake character. A young guy who comes from nowhere an quickly upstages the heroes? A guy the SAME age as the key demographic of the movie? Who gets told by people like Bruce and Gordon how he is SUCH a great addition to the plot?
The term, for this, is “Mary Sue”. Or, with male characters: “Marty Stu”. Details here: “http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/MartyStu
my Facebook friend, Christian, one last time:
Screenwriting wise the whole set up of the character and his relationship to bruce Wayne / Batman is very querstionable, I think. Seems to be quite easy to discover the true identity of Batman… well, you’re an orphan, I am an orphan, saw the look on your face, … bam.. you’re Batman.
Hey Bruce, think about a better cover up, when even a kid can see throuh all of this be meeting you once!
Also, shame on Gary Oldmen.. met Bruce and Batman so often and didn’t discover the similarities. Well, I guess, he is not an orphan.

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Part 3:

empty buzzwords? anti-“Occupy”?

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Bane – as a concept, character and threat – worked VERY well for me. I understand his motivation. I like the conflict. I understood why he is a relevant addition to Batman’s rogue gallery from the “Knightfall” novel AND his supporting role as a honor-obsessed, pragmatic and cold anti-hero / mercenary in Gail Simon’s “Secret Six” comic book series. Bane might not be a very well-known or attractive / splashy villain… but I admire the choice, and I think it was ambitious and intelligent. “http://www.goodreads.com/book/show/10241987-secret-six-vol-5
The way he undermined Gotham with a gang of angry young man seemed plausible on a “Ah! I see what’s happening here! This is going to be dark, angry fun!” level… because Tyler Durden channeled the same kind of anger from the SAME kind of men to produce similar levels of mayhem and destruction in “Fight Club”. It’s too fresh to be a cliché, and too strategically sound / “realistic” to strike me as plagiarism… so… it’s just “a thing”, now: The service industry is full of taciturn, smart, sardonic people our age… who want to ruin society. 🙂
That being said, I do NOT think that “The Dark Knight Rises” makes any particularly smart point about class divides, populism, poverty, fat cats and “the public”. The movie has ALL the motifs, buzzwords and visual callbacks of any recent “Occupy”-related culture clash…
…but as a demagogue / leader / revolutionary, I’m not buying what Bane is selling, and I don’t know how or if Gotham’s citizens are: We don’t SEE them. They have no voice, no opinions and no agency in this movie. Everyone TALKS about “the public”. But they seems spectators and victims at best.
That’s what makes Selina such a wimpy and careless character in the movie, too: Did she spend five months… hunting down apple-thiefs? Is there NO way she wants to re-shape, influence, “seduce” society? Her blonde sidekick seems… offensively stupid when she asks her if THIS is what she wanted for Gotham… and the movie lacks all answers to what REAL protesters, reformers, leftists, anti-establishment protesters etc. want. Bane’s vision is… despair: He wants to turn Gotham in the same kind of (literal) hell hole he was living in for years.
But the real-life equivalents of these unhappy Gotham underdogs / Lumpenproletariat DOES have a vision. Nolan treats these people as strawmen here, and while the conflict / scenario IS similar to the “Batman: No Man’s Land” storyline (where Gotham is cut off from the US after it’s devastated by an earthquake, and only criminals, victims and some policemen remain in the ruins)… “No Man’s Land” is superior in two important aspects:
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1) In “No Man’s Land”, there’s a strong “people are good, hope will prevail” vibe when storeowners, street gangs, idealistic policemen and even characters like Two-Face and Poison Ivy work together to make Gotham a liveable place. EVERYONE has agency. And EVERYONE wants to change the city and fight the status quo.
‎2) In a side storyline, rogue batfamily member The Huntress, Helena Bertinelli, joins a group of rogue GCPD cops who want to share resources and build their own secure little communal place in the midst of chaos. The subplot starts fairly simple, but culminates in a depressingly plausible, complex and desperate stand-off situation where these former idealists act like a communist state, ca. 1988: It’s SUCH a great little parable about the oppressions and delusions of the eastern bloc. [“Warum bist du nicht gegangen?”, the old GDR question? “No Man’s Land”, of all places, provided a great, politically mature perspective. “The Dark Knight Rises”… did not do any of this. It just wasn’t a priority of the movie.]
‎10 or 20 years from now, “The Dark Knight Rises” will look VERY much like a movie of 2012. But I suspect it will not age too well: Chris Nolan raided the iconography of today’s social movements to make the movie seem more timely and relevant. It’s window dressing. It’s hollow. And it really doesn’t do justice to ANY kind of complex economic reality. “http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/StrawCharacter?from=Main.StrawmanPolitical

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“Batman” trade collections…

you might enjoy before (or: after) “The Dark Knight Rises”?

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related Links?

  • 30 years with “Green Lantern”: My interview with Sally Pascale, blogger, feminist and suburban comic book reader [Link]
  • An industry in crisis: My interview with CEB, comic book critic at “Collected Editions” [Link]

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my German comic book journalism:

“Futter für die Bestie.” [Essay, BELLA triste 31, 2011]

Futter für die Bestie.

528 Wege… zum nächsten guten Buch.

von Stefan Mesch

erschienen in BELLA triste 31, November 2011, Hildesheim

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“Was, wenn ich jede Geschichte, die mich je bewegte… jeden Song, zu dem ich jemals tanzte… all meine wichtigsten Stunden… greifen könnte – und mit euch teilen?”, fragte Oprah Winfrey, bevor sie Anfang 2011, nach 25 Jahren, ihre Talkshow einstellte und ein riskantes, eigenes Vollprogramm entwarf, den Kabelsender OWN: “Oprah’s Next Chapter”, “Ask Oprah’s All-Stars”, “Your OWN Show: Oprah’s Search for the Next TV Star”… ein Kessel Lebenshilfe, Reality- und Service-TV, Talkshows, Reportagen, Einrichtung, Kochen und Politik, montags bis sonntags, rund um die Uhr.

Von fern, in sporadischen Interview- und Youtube-Schnipseln, schien mir die Journalistin / Moderatorin oft vage sympathisch: eine laute, pummelige, selbstsichere Frau, die beständig auf Herz und Bauch, nicht auf den Kopf zielte und jede Frage so persönlich, nah, konkret und emotionalisiert wie möglich in Angriff nahm. Empfehlungen! Lob! Emphase! Gefühl! Entdeckungen! Geschenke!

In einer Alltags- und Boulevardkultur, die uns (als Europäer) oft kaum taxiert, kreist Winfrey seit 1986 als neugieriger, lebenshungriger Mähdrescher durch alle Themenfelder: Sie sucht nach Hoffnung, im finstersten Tal. Feiert Opfer, die ihre Stimme erheben und kämpfen. Und sie will Täter, die umkehren und bereuen. Die Lebensgeschichte ihrer Gäste wird als Bildungsroman, Survival Story, Erbauungs- oder Bekehrungs-Lehrstück aufgerollt. Im Wertekatalog der Sendung zählen Fleiß und Lernen, Freundschaft, Mut, Solidarität und Stolz.

Das ist – als Programmatik, Haltung, Tonfall – fürs erste nicht verdächtig oder verkehrt. “Tränen, Drama, fertig ist das Rührstück”, lacht Spiegel Online. “Oprah Winfrey ist die Großmeisterin des Geschluchzes, Herzschmerz ist ihr Geschäft.” Doch Winfrey selbst erklärte in ihrer Abschiedssendung Ende Mai: “Ich wollte immer eine Lehrerin sein, und das hier ist das größte Klassenzimmer der Welt.”

Ich kenne schlechtere Lehrerinnen. Und dümmere Lektionen.

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Ich dachte, diese Bücher seien für Frauen. Ich hätte sie nie angefasst.”

“Ich werde versuchen, ein neues Format für Bücher und Autoren zu entwickeln“, versprach Winfrey zum Sendestart von OWN – auch, wenn Literatur die Einschaltquoten sinken lässt. “Das ist nicht wichtig: Manche Themen sind einfach nötig. Und je besser ich es schaffe, eine Brücke zu schlagen zwischen Autor, Buch und Publikum, desto schneller erholen sich auch die Quoten.“

Literatur auf Körpertemperatur also, Geschichten “zum Mitgehen”, Erzähler “wie du und ich”: In der Rubrik „Oprah’s Book Club“ empfahl Winfrey seit Herbst 1996 siebzig meist aktuelle Romane, Sachbücher und Biografien, sprach mit dem Autor oder ließ Studiogäste (Experten, Bibliothekare, Hobbyleser) diskutieren. Jeder Titel wurde zum Bestseller, und alle erhielten ein Oprah-”O” als Sticker oder Aufdruck.

“Der Bärenanteil aller in unserem Land gelesenen Bücher wird von Frauen bewältigt. Sie lesen, so lange Männer auf den Golfplatz fahren oder Football kucken oder mit ihren Flugsimulatoren spielen – oder was weiß ich. Ich habe Angst … nein, besser: Ich hatte Hoffnung, mit meinem Roman auch ein männliches Publikum zu erreichen”, klagte Jonathan Franzen 2001, nach Erscheinen seiner Familiengeschichte “Die Korrekturen”.

“Doch mehr als ein Leser steht heute im Buchladen in der Schlange für meine Signierstunde und sagt: ‘Wenn ich nicht gerade Ihre Lesung gehört hätte, hätte mich die Empfehlung von Oprah abgeschreckt. Ich dachte, diese Bücher seien für Frauen. Ich hätte sie nie angefasst.’”

Die “Oprah”-Redaktion lud Franzen aus der Sendung aus, und US-Kulturjournalisten eröffneten eine wichtige Debatte: War Franzen elitär und frauenfeindlich? Lockt Winfreys Empfehlung nur Leser „zweiter Klasse“? “Sie hat ein paar gute Bücher ausgewählt”, schimpfte Franzen noch 2006. “Aber auch so viel Schmalz und flache Geschichten, dass es mich persönlich schaudert.”

Tatsächlich empfahl Winfrey bis 2001 sehr viele Bürgerrechts-, Holocaust- und Krankheitsgeschichten, persönliche Schicksale, oft von Frauen und / oder Schwarzen. Keines dieser Bücher wurde in Deutschland zum Bestseller, und nur “Weißer Oleander”, “Fortunas Tochter”, verschiedene Titel von Toni Morrison und Wally Lambs “Früh am Morgen beginnt die Nacht” sind mir – dem Namen nach – bekannt.

Ganz anders sieht die Liste der (nur) 23 Titel aus, die Winfrey seit Franzens Protest empfahl [Weg 1]: John Steinbecks „Jenseits von Eden“ (1952), Tolstois „Anna Karenina“ (1877), Weihnachten 2010 eine wuchtige Doppelausgabe von Charles Dickens. Auch die tagesaktuellen Romane – Cormac McCarthys „Die Straße“, Jeffrey Eugenides’ „Middlesex“ und, als große Versöhnung im letzten Herbst, Jonathan Franzens „Freiheit“ – wurden literarischer, dunkler, männlicher.

Bis heute ist Winfreys Urteil „the biggest force in publishing“, und wer gehobenen literarischen Mainstream sucht, findet hervorragende Empfehlungen im monatlichem O Magazine [Weg 2] und auf Oprah.com [Weg 3]: Winfrey (und ihre Redakteure) mögen Bildungsromane, Survival Stories, Erbauungs- und Bekehrungs-Literatur. Vieles ist „gut gemeint“ oder latent didaktisch. Es geht um Hoffnung, im finstersten Tal. Um Hauptfiguren, die ihre Stimme erheben und kämpfen.

Doch ich kenne schlechtere Kriterien. Und Kritiker, die öfter daneben greifen.

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Der Mob zerstört die Ordnung des Systems.“

Bevor ich an die Uni kam, 2003, war ich ein harmloser, entspannter Gelegenheits- und Freizeit-Leser: Ich schaffte ein, zwei Bücher im Monat, meist Impulskäufe in der Karlsruher Fußgängerzone oder, seit 1999, immer öfter bei Amazon. Mit 13 kaufte ich „Shadowrun“– und „Star Trek“-Romane. Mit 14 „Dracula“ und Stephen King. In der Oberstufe – wie alle anderen im Freundeskreis – Paul Auster, Jean-Paul Sartre, Hermann Hesse und Ethan Hawke.

Unser Lieblingsbuch, „Vielleicht lieber morgen“ von Stephen Chbosky, war eine Amazon-Empfehlung [Weg 4], die ich nur bestellt hatte, weil die US-Ausgabe beim Imprint „MTV Books“ erschienen war: Im Vorjahr hatte „MTV Films“ „Save the last Dance“ produziert – das reichte mir als gutes Vorzeichen und Qualitätsversprechen.

Ich kaufte ohne Argwohn und Recherche, nach kurzem Blick aufs Cover, den Klappentext oder den Titel („Ich finde mich toll – warum bin ich noch Single?“), und noch 2001 tippte ich mir eine Liste der 74 Autoren ab, die The Divine Comedy in ihrem Song „The Booklovers“ aufzählten [Weg 5] und bestellte mir naiv erste Bücher von Martin Amis, Kazuo Ishiguro, Anaïs Nin. Ohne den Song hätte ich von diesen Leuten nicht gehört. Und Fachpresse? Qualifizierte Empfehlungen? Netzwerke, Kuratoren?

Zu jedem Videospiel, das ich mir zwischen 10 und 13 kaufte, gab es schon Monate zuvor vier, fünf, sechs Testberichte in Zeitschriften wie MegaFun und Gamers. „Grafik: 90 Prozent. Musik / Soundeffekte: 74 Prozent. Steuerung: 82 Prozent. Spielspaß: 87 Prozent.“ Alle Titel fanden saubere Plätze in Tabellen, Referenzen, Rankings. Es gab Schulnoten und Umfragen, so technisch, „objektiv“ und detailliert wie möglich.

Mit 12 ersetzte ich Hörzu durch TV Movie, weil dort dasselbe (neurotische) Prinzip auf Spielfilme angewandt wurde: Jeweils ein bis drei Punkte für Humor, Action, Spannung, Anspruch und / oder Erotik, dazu Tagestipps, Nachttipps, Geheimtipps, Kino- und Videotipps. Seit 1995 half TeleVision (später: TV Highlights) auch bei der Auswahl aller Science-Fiction- und Fantasy-Filme und -Serien des Monats. Seit 1998 las ich Cinema, bevor ich ins Kino ging. Und 1999 fand ich IMDb.com, die Internet Movie Database.

Wenn über IMDb geschrieben wird (es passiert selten genug…!) und über den kollektiven User-Score, bei dem Hunderte Amateure jeden Film auf einer Skala von 1 bis 10 Sternen bewerten, geht es meist um die Widersprüche und Absurditäten auf der Liste der „250 top-rated movies“: Ist die Stephen-King-Verfilmung „Die Verurteilten“ (9.2 von 10) tatsächlich der „beste Film aller Zeiten“? Gehört „Der Pate“ auf Platz 2? Und was lief schief im Sommer 2008, als der Batman-Film „The Dark Knight“ (heute: 8.8 von 10) plötzlich Platz 1 belegte?

„Der Mob zerstört die Ordnung eines Systems, das für gewöhnlich durchaus präzise, nützlich und vertrauenswürdig ist“, erklärte damals ein Stochastiker. Doch besonders die zweite Hälfte dieses Satzes hat Substanz: Die Wertungen sind, meiner Erfahrung nach, tatsächlich bestürzend „präzise, nützlich und vertrauenswürdig“.

Ein Film ab 8.0 ist (beinahe immer) sehenswert und spannend, ein Film unter 7.0 hat (mindestens) große Schwächen und Probleme. Von meinen 28 Lieblingsfilmen liegen nur fünf unter der 7.0-Marge. Doch andererseits liegt das natürlich (auch) an meiner einseitigen Auswahl:

Beschränke ich mich selbst, wenn ich seit 15 Jahren nur Favoriten und „Tagestipps“ ansehe?

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Keinem deiner Freunde gefällt das.“

Die Frage „Wie finde ich einen guten Film?“ hat eine Unzahl schneller, simpler Antworten: Kritiken auf Metacritic und RottenTomatoes lesen. Trailer auf Youtube sehen. Best-of-Listen von Bloggern und anderen Kuratoren durchsieben [das gilt auch für Bücher: Weg 6]. Zu Preisträgern auf Festivals recherchieren [Weg 7]. Notizen machen, sobald Stars und Regisseure von ihren Lieblingen / Vorbildern sprechen [Weg 8]. Journalisten wie Roger Ebert, Alan Sepinwall oder Else Buschheuer auf Twitter und Facebook folgen [Weg 9].

Oder einfach: Freunde fragen [Weg 10].

Vor acht Wochen erst erklärte Kathrin Passig in ihrem Essay „Keinem deiner Freunde gefällt das“ (pro Helvetia, Passagen 56), altmodische Mund-zu-Mund-Propaganda im Freundeskreis sei überholt: „Man entdeckt [als Schüler] gemeinsam mit Freunden bestimmte Bands, Filme, Autoren, sodass sich die Vorlieben für eine Weile parallel entwickeln. Die Täuschung, dass dieser Zustand das ganze Leben lang anhält, entsteht durch Wunschdenken und dadurch, dass wir uns lieber über die Überschneidungspunkte unserer Interessen unterhalten als über deren Diskrepanzen.“

„Ich schwimme“, schreibt Passig zerknirscht und müde, „in vielen Bereichen mitten im Mainstream. Aber selbst diejenigen Freunde, bei denen die Übereinstimmungen relativ groß sind, hegen ansonsten Interessen, die für mich so wenig nachvollziehbar sind, dass ich mich von der Vorstellung verabschiedet habe, vorhersagen zu können, was ihnen gefallen wird und was nicht.“

Schade: Das sagt die Frau, die vor fünf Jahren perfekt kalkulierte, was den Juroren des Bachmannpreis’ gefallen wird. In Zukunft aber, glaubt sie, seien unsere „Geschmacksgenossen“ vor allem in sozialen Netzwerken zu finden, Empfehlungen via Computer und Algorithmen. Und damit liegt sie richtig. Falsch. Und weit daneben.

Richtig, weil Online-Radios wie Last.fm – da machte ich seit 2006 dieselben tollen, euphorisierenden Hör-Erfahrungen wie Passig – tatsächlich passgenaue Songs für meinen „privaten Radiosender“ auswählen, mit jedem Klick auf „Love“ oder „Don’t play this song again“ dazulernen und mir, als „virtuelle Nachbarn“, Hörer auf der ganzen Welt vorschlagen, deren Musikstil sich frappant mit meiner eigenen Sammlung deckt.

Wie „nah“ oder „ähnlich“ sich einzelne Musikstücke sind, berechnet Last.fm dabei vor allem aus einer Unmenge globaler User-Daten: Ich selbst habe etwa 55.000 Songs gehört und an die Last.fm-Datenbank gesendet. Entsprechend streng und gleichförmig läuft heute mein Radio. Bei Filmen oder Büchern aber erzeuge ich viel weniger Verknüpfungen und Datensätze. Und während Songs derselben Bands oft sehr, sehr ähnlich klingen, ist das bereits bei Paul-Auster-Romanen oder Luc-Besson-Filmen deutlich verzwickter.

Und hier beginnen die Probleme: Passig und ich sind Mitglieder eines weiteren „Social Cataloging“-Dienstes – der deutsche Service Criticker.com speichert, fast wie in Oprahs Wunschtraum eines perfekten OWN-Senders, „jeden Film, den wir jemals sahen“ und gibt uns automatisierte Empfehlungen. Ich habe 869 Filme eingetragen und bewertet. Doch die Empfehlungen, die Criticker mir schickt, sind oberflächlich und geistlos: Zeug, das bei Media Markt im selben DVD-Regal stünde. Keine Perlen. Keine Kracher. Als Fahrtenschreiber meiner Film-Biografie ist Criticker großartig. Doch als Wegweiser und Kurator taugt ihr Algorithmus (noch) nichts.

Stattdessen arbeitet die Seite ähnlich plump wie Amazons Empfehlungen: „Sie mochten ‚Spider-Man‘? Wir empfehlen: ‚Spider-Man 2‘.“ Na, danke! Mein Online-Radio darf gerne stundenlang gleichförmige, straffe Klangteppiche weben. Aber frische, kongeniale, subtile, erratische, überraschende Verknüpfungen? Verstörungen? Stolperfallen? Daran scheitert Last.fm. Und Criticker erst recht.

Und Amazon? Hält mich für schizophren: Sobald ich dort Geschenke kaufe, herrscht (Empfehlungs-)Chaos.

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Bücher sind Bildung. Bildung tut weh.“

Die schlechte Qualität solcher Empfehlungen sticht uns ins Auge, weil wir – im Netz, beim Fernsehen, unterwegs – fast pausenlos für uns privat einordnen, selektieren und verwerfen müssen, Rollen als Kritiker, Scout und Redakteur einnehmen, ohne Mühe, routiniert: 30 Sekunden sind genug, um zu entscheiden, ob uns ein Filmtrailer gefällt. In 10 Sekunden überfliegen wir Websites und Artikel, wägen ab, ob eine gründliche Lektüre lohnt. Uns fehlt die Zeit, durch lange Videos und Fotostrecken zu klicken. Und vor dem Fernseher „sampeln“ wir in zwei Minuten 50 laufende Programme.

Dreimal die Woche, scheint mir, zeigen Hirnforscher oder Soziologen neue Studien über „die Macht das ersten Eindrucks“: Gestalter feilen so fies und diffizil an Bildsprache und visuellen Codes von Shampoos, Spielzeug, Hollywood-Plakaten, bis jede Passantin auf den ersten Blick erkennt, ob sie zur Zielgruppe gehört oder nicht. Und sähe ich morgen eine Meldung, dass Graugänse / Rhesusäffchen / MIT-Studenten nicht länger als 0,028 Millisekunden brauchen, um zu entscheiden, ob ein Gegenüber als Partner / Paarungsziel in Frage kommt – ich wäre nicht überrascht.

Nur Buchempfehlungen bleiben eine Königsdisziplin. Für Programmierer, für Freunde. Für Kritiker, für Buchhändler und Pädagogen.

Zum einen, weil Literatur oft träge 40, 80 Seiten braucht für einen fundierten ersten Eindruck – statt wie ein Song oder ein Film sofort im Lauf der ersten Takte / Bilder wesentliche Eigenheiten (und Schwächen!) zu offenbaren. Zum anderen, weil wir viel mehr Horrorfilme, Sängerinnen, Sitcoms oder Eiscremesorten in unseren mentalen Registern geordnet haben als z.B. New-York-Romane, Bücher über Mütter oder Texte aus dem vorletzten Jahrhundert.

Romane sind schwer zu „erkennen“, schwer zu „durchschauen“, schwer zu sortieren und schwer zu vergleichen; Empfehlungen sind Feinarbeit, Geschmacksprognosen fast Psychologie: Wie viele Spannungs-, Erotik-, und Anspruchs-Punkte verdient Hemingway? Reicht es zum „Tagestipp“? Wie lässt sich „Sommerhaus, später“ fassen? „Bildsprache: 83 Prozent. Satzrhythmus: 90 Prozent. Erzählfluss: 62 Prozent. Lesespaß: 78 Prozent“?

Ist der groteske, alptraumhafte KZ-Roman „Die Wohlgesinnten“ lustig? Schrecklich? Satirisch? Plump? Das kommt vor allem darauf an, wie jeder Leser sich das Buch in seinem jeweiligen Kopfkino inszeniert. Tonfall, Lesart und Stimmung der „American Psycho“-Verfilmung stehen auch dem faulsten Zapper nach zwei Minuten klar vor Augen. Doch welche Teile der – ambivalenteren – Romanvorlage „ernst gemeint“ sind, darüber streiten Exegeten bis heute.

Literatur, mit ihren Subtexten, Grau- und Zwischentönen, braucht Zeit. Wohlwollen. Mitarbeit. Geduld. All ihre Stärken (und Verfehlungen!) werden allein in Sprache transportiert. Als Rezensent zählt es zu meinen allergrößten Pflichten, Zitate auszuwählen, Signale zu setzen, das richtige Buch den richtigen Leserkreisen anzutragen; denn Cover und Klappentext – die einzigen Stellen am Produkt, wo solche Zielgruppen-Kennzeichnung und visuellen Codes Platz hätten – bleiben zu oft nichtssagend, offen und vage.

Bücher sind Black Boxes. Umschläge sind Mogelpackungen. Klappentexte locken ein Publikum mit allen süßen, bösen Versprechungen der Hexe vor dem Knusperkuchenhaus. Und immer, wenn wir kritisch über Texte sprechen wollen, fehlen uns gemeinsame Grundlagen / Bezugspunkte – denn auch die besten Freunde kennen nur 50, höchstens 80 unserer Romane:

‘Avatar’ erzählt ‘Der mit Wolf tanzt’ und ‘Pocahontas’ als Computer-Schmonzette?“ Verstanden, alles klar. „Jörg Albrecht schreibt im Stil Andreas Neumeisters über Houellebecq– und Hubert-Fichte-Milieus?“ Hä, was?

„Ohne Empfehlung kaufe ich keine Romane mehr“, erklärt Freundin Simone: „Filme sind Unterhaltung. Wenn sie mich enttäuschen, schalte ich weg. Aber Bücher sind Bildung. Und Bildung, haben wir gelernt, tut auch mal weh: Sobald ich einen Roman abbreche, fühle ich mich ignorant und schuldig. Egal, wie quälend die Lektüre war.“

Romane sind Lose, mit obszön vielen Nieten. Ist jedes abgelegte Buch ein Zeichen geistiger Niederlage?

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90 Prozent von allem ist Kacke.“

Ich bin nicht sicher, warum Leute lesen. In ihrer Freizeit, müde und freiwillig. Und in der festen Hoffnung, ein Stück Prosa könne sie stärker packen und brutaler schütteln als ein Kinofilm (mit charismatischen Gesichtern; Bild, Schnitt und Soundtrack), eine Serie (mit der Vertrautheit und Intimität, die zwischen Publikum und Hauptfiguren wächst) oder eine Dokumentation (Politik! Wissen! Voyeurismus!).

Mein Vater – Halbwaise, Mechaniker, dann Meisterschule, heute selbständig – sagt sehr oft stolz, er hätte sich in seinem ganzen Leben niemals zwingen lassen, einen Roman zu lesen. Meine Mutter – Dorfjugend, Haushaltungsschule, zehn Jahre Arzthelferin bei einem Kinderarzt, danach vier eigene Kinder – war Gold-plus-Mitglied im Bertelsmann-Club und verliebt sich heute alle zwei Wochen in ein paar neue Hardcover aus kleinen Buchläden: „Den Mann habe ich beim Jauch gesehen. Da hat er von seinem Familienschicksal erzählt. Und bei dem anderen mochte ich dieses intensive Rot. Und diese Schrift…! Die Autorin kommt aus Italien.“

Ich hatte immer jemanden, der mir vorlas und zuhörte. Ich hatte immer Hoffnung und Vertrauen in Bücher. Vor allem aber hatte ich immer die Erlaubnis, mir eigene Entdeckungen zu suchen: Christen verschenkten „Fünf Geschwister“ oder C.S. Lewis. Eltern verschenkten (meist schreckliche) „Schneider“-Bücher, weil sie selbst mit älteren Schneider-Reihen aufgewachsen waren. Bei meinen Grundschullehrern gab es Volltreffer (A.S. Neills „Die grüne Wolke“, Jules Verne, „Der Hexenmeister vom flammenden Berg“), und eine Menge Empfehlungen, die mich nur langweilten und irritierten (Roald Dahl, „Der Hobbit“, Fabeln und Märchen).

Spätestens als Teenager krebste jeder von uns ohne Ratgeber, Mentoren, Hilfestellung durch Büchereien und Bahnhofsbuchhandlungen: Ich las „Der Fänger im Roggen“, weil a) ein Artikel zu „Millennium“, der Schwesterserie von „Akte X“, erwähnte, das Buch habe den Attentäter John Hinckley dazu inspiriert, Ronald Reagan zu erschießen… und b) zur selben Zeit Ace of Base in ihrem Gute-Laune-Song „Life is a Flower“ von „Catcher in the Rye“ sangen.

Ich las Victor Hugos „Die Elenden“, weil Onkel Dagobert im „Lustigen Taschenbuch“ Nr. 143 als Flüchtling „Jean Valduck“ durch Paris schlich. Ich las „What I loved“, allein wegen des hübschen Covers. Ich las „The Lost Language of Cranes“, weil mir der Titel, „Die verlorene Sprache der Kraniche“, bekannt vorkam. (Tatsächlich waren es dann Baukräne, keine Kraniche.)

Blindflüge, Glücksgriffe, wirre Beliebigkeit: „Glastonbury Romance“ von John Cowper Powys wurde in TV Highlights empfohlen, zwischen Artikeln zu „Xena“ und „Buffy“. „You can’t go home again“ von Thomas Wolfe stahl ich aus der Schulbibliothek [Weg 11], weil ich Wolfes Lebenslauf sympathisch fand. Und Nabokov – mein dritter großer Lieblingsschriftsteller – lag auf dem Flohmarkt [Weg 12]: Für jeden Fetzen Popkultur hatte ich eigene Experten, Filter, Testberichte. Bei Literatur aber vertrauten wir auf unser Anfänger- / Idiotenglück.

Und merkten doch: Die „Klappentext + Cover + ‘Ich habe den Namen mal gehört: Läuft das nicht bald im Kino?’“-Strategie ist keine Lösung.

„Man könnte sagen, 90 Prozent aller Science Fiction sei Müll, Kacke und Dreck“, schrieb der Science-Fiction-Autor Theodore Sturgeon 1958, „doch unter diesem Blickwinkel stünde genauso zu behaupten, auch 90 Prozent aller Filme, Literatur, Konsumprodukte seien Kacke.“

Bekannt als „Sturgeons Gesetz“, halte ich diese These für tröstend und plausibel. Doch während andere Kunstformen eben nebenbei, ohne große Mühe entdeckt, verstanden, durchstöbert und sortiert werden können… und hundert engagierte, vertrauenswürdige Fürsprecher, Fan- und Fachorgane haben…

…bleibt Literatur für beinahe jeden, den ich kenne, ein Rätsel – voller Enttäuschungen.

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50 wirklich große Romane des 20. Jahrhunderts“

Acht Dinge, die ich vor acht Jahren, in meinem ersten Semester Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, nicht wusste: Wie man „Feuilleton“ schreibt. Wofür „KiWi“ steht. Was Adorno, Walter Benjamin und die Frankfurter Schule wollten. Dass man „Pruust“ sagt, nicht „Praust“. Was Edit, uschtrin.de, Klagenfurt, der open mike und Literaturen sind. Wie „Fräuleinwunder-“ oder „Popliteratur“-Autoren schreiben. Dass „Poesie“ und „Poetik“ zwei verschiedene Dinge benennen.

Vor allem aber: Was man „gelesen haben muss“. So viel wie möglich? Jeden? Alles?

Im Jahr 2003 las ich 20 Bücher. Im Jahr 2004 las ich 132 Bücher. Im Jahr 2005 las ich 203 Bücher. Aber nach welcher Auswahl? Welcher Logik? Ich fragte alle neuen Freunde, Professoren, Schreiber nach ihren Favoriten [Weg 13]. Ich legte Listen und Wunschzettel an [Weg 14]. Ich kaufte preisreduzierte Mängelexemplare [Weg 15] von jedem Autor, der mir dem Namen nach vertraut war – und suchte besonders billige Bestseller und Klassiker im Amazon Marketplace [Weg 16]. Ich verabschiedete mich vom Zwang, jedes Buch zu Ende lesen zu müssen [Weg 17], aber las gerne möglichst viele verschiedene Stimmen über denselben Ort oder dasselbe Thema [Weg 18].

Ich verstand, dass Debütromane oft mehr Schwung und Dringlichkeit bieten als die zweiten oder dritten Bücher eines Autors [Weg 19]. Dass es – Kulturförderung ahoi! – überproportional viele Österreicher und Schweizer gibt, die auch von schlechten Büchern leben können [Weg 20]. Dass jeden Herbst und jeden Frühling vier bis fünf junge Frauen mit „Aufsehen erregenden“ Kurzgeschichten durch die Presse getrieben werden, doch bald vergessen sind, den Beruf wechseln und sich von einer Welle (noch jüngerer) Geschichtenfrauen ersetzen lassen [Weg 21]. Und, dass es oberflächlich, aber extrem hilfreich ist, bei älteren Autoren nachzusehen, ob sie auf ihrem Autorenfoto verklemmt wirken… oder offen [Weg 22].

In knapp drei Jahren schrieb ich etwa 150 Buchkritiken: Ich hatte Neugier, Ehrgeiz, Spaß und fand schnell einen guten Ton (nicht schwer – nach einer Kindheit voller Film-, Spiel-, Serien-Kritiken…). Doch hätte ich Sterne vergeben müssen für meine Lektüren, ich hätte nur 28 (von 355) Büchern 5 von 5 zugestanden: 82 Bücher waren 4-Sterne-Kandidaten, 145 Bücher ödes Mittelfeld, 95 waren dumm und / oder schlecht (2 Sterne), und fünf Totalausfälle. Ich las – und lernte – sehr, sehr viel. Aber ich las nicht gut.

Ab Frühsommer 2004 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung „50 große Romane des 20. Jahrhunderts“. Der biedere 2002er-Kanon von Marcel Reich-Ranicki – 20 Romane aus dem deutschen Sprachraum, geschrieben von 16 Männern und einer (!) Frau, 149 Euro – schien mir arg garstig. Aber jede Woche Weltliteratur, via SZ? Eine Art „Grundkurs Roman“, zum zweiten Semester? Ich kaufte 50 Bücher. Las 33. Und mochte… 8.

Zwei meiner besten Freundinnen – Pädagoginnen, Gelegenheits- und Hobbyleser – schafften die vollen 50. Aber auch sie hatten kaum Freude. Als 2007 Band 51 bis 100 nachgelegt wurden, seufzte Freundin Schumi: „Zu welchem Motto, dieses Mal? ’50 wirklich große Romane des 20. Jahrhunderts’? Ich glaube, hier höre ich auf.“

Heute, Ende 20, liest sie noch fünf bis sechs Romane im Jahr. „Weißt du? Ich bin abends immer so müde.“

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Ich muss doch MIT ERWARTUNGEN SPIELEN!“

Dieselbe Müdigkeit / Ernüchterung zieht sich durch all meine Bekanntenkreise: Gestresste Frauen verlieren die Geduld für Literatur und schauen lieber „Big Bang Theory“. Männer lesen – wenn überhaupt – schnelle Sachbücher, Comics, Thriller. Selbst Freunde, die ihr Geld mit Schreiben verdienen, zucken bei meiner wöchentlichen „Was Tolles gelesen? Entdeckt? Verschlungen?“-Frage resigniert die Schultern: Ein Buch kostet vier bis zehn Stunden Lebenszeit / Konzentration. Nach meiner Erfahrung aber „lohnt“ kaum jedes dritte oder vierte.

Und jedes Mal, wenn mir ein Freizeitleser seine enttäuschenden Lektüren klagt, spüre ich den Drang, ihn in den Arm zu nehmen und, im Namen aller Schriftsteller der Weltgeschichte, zu sagen: „Dir wurde ein schöner Tag gestohlen. Das schmerzt mich sehr. Doch bitte glaub weiterhin an unsere guten Absichten!“

„Nein – Chance verspielt“, sagt Freundin Antje: Nach einem Jahrzehnt voll hässlicher Erfahrungen mit Karen Duve, Uwe Timm und ein paar Jüngeren misstraut sie deutschsprachiger Literatur. „Sobald sich eine Liebesgeschichte anbahnt oder eine Figur als Sympathieträger heraussticht, kommt es mir vor, als sage sich der Autor: ‘HALT! Ich muss doch MIT ERWARTUNGEN SPIELEN!’ Ein paar Kapitel später liegt wieder alles in Trümmern und die Figuren verhalten sich wie Wahnsinnige.“

Ich sehe, was Antje meint. Ich teile ihr Unbehagen: Geschichten, die als Romanzen, Krimis oder Reiseberichte starten, mit sattelfesten Helden und klaren Konflikten, enden oft irgendwo am Abgrund, in Sackgassen und schiefen Abzweigungen. Autoren überrumpeln ihre Hauptfiguren, lassen die Leser im Regen stehen. „Ist dir die Handlung unterwegs entgleist?“, würde ich Juli Zeh oder Ingo Schulze oft gerne fragen. „Stehst du auf Kriegsfuß mit deinen Figuren? Deinen Themen? Oder mit uns – dem Publikum?“

Wer deutsche Romane liest, kennt kalte Duschen. Und kalte Schultern.

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Wir lesen, um mit unseren Gefühlen klarzukommen.“

Noch vor zwei Wochen hätte ich dieses Essay mit einem pragmatischen und etwas traurigen Ratschlag abgeschlossen: „Lasst euch gelungene deutschsprachige Bücher von euren Freunden und Vertrauten empfehlen [Weg 23], doch stöbert im Zweifelsfall, wenn ihr ganz neue Entdeckungen machen wollt, lieber bei den US-Autoren.“

Amerikanische Romane sind oft etwas eingleisiger und straffer, überraschungsloser – aber um Welten sauberer erzählt: Wer einen Internats-, Familien- oder Autohausroman auf dem US-Buchmarkt platzieren kann, der weiß in aller Regel eine Menge über Familien, Internate, Autohäuser, kennt (und schätzt) seine literarischen Vorläufer und würgt nicht mittendrin plötzlich umher, als hielte er Autohändler, Internatsschüler, Familien (oder Romane an sich!) für die peinlichsten, lächerlichsten und sowieso langweiligsten Auswüchse der Welt.

Literary Fiction hat klarere Plots. Ein stärkeres Formbewusstsein. Autoren mit festerem Profil (wenngleich manchmal etwas weniger Wagemut). Meist ist sogar die Bildsprache der Umschläge so simpel und normiert, dass man die schlimmsten Fehlkäufe vermeiden kann [Weg 24]: In Deutschland haben Romane von Martin Suter und Anton Tschechow dieselbe Optik. Auf vielen US-Covern dagegen sagt allein die Farbe Lila: Hier geht’s um junge, schwarze Frauen. Danke!

Ist das also die letzte, die wesentliche Unterscheidung? Runde, saubere, etwas blasse US-Romane… gegen die schiefen, kantigeren deutschsprachigen (Nicht-)Erzähler?

Nein. Wer gute Bücher finden will, braucht eine andere, feinere Trennlinie:

„Wir lesen, um mit unseren Gefühlen klarzukommen“, sagte Elke Heidenreich 2003 über die Buchauswahl zu ihrer ZDF-Sendung „lesen!“. „’Literatur’ im eigentlichen Sinne interessiert sie nicht die Bohne“, lachte der Spiegel über die „Lesemutter der Nation“ und ihre „herzenswärmsten“ Buchtipps: „Ihr genügen ‘Geschichten, die nicht dusselig sind’ und ‘mit uns allen zu tun haben’“, und ihre Zuschauer „sollen glauben, kaufen und fühlen – weniger denken.“

Diese Haltung – mehr Herz, mehr Bauch, weniger Kopf – passt auch zu Stephen King, der 2010 im Nachwort zu „Zwischen Nacht und Dunkel“ schrieb, er „möchte bei meinen Lesern eine emotionale, sogar instinktive Reaktion hervorrufen. Sie zum Nachdenken zu bringen, während sie lesen, ist nicht mein Ding.“

Persönlich könnte ich unmöglich (sauber) trennen zwischen „Gefühls-“ und „Kopf“-Literatur. Doch King setzt einen smarten, ungewöhnlichen Schnitt: „Ich habe nichts gegen literarische Prosa, die sich meist mit außergewöhnlichen Menschen in normalen Situationen befasst, aber als Leser und Autor interessieren mich gewöhnliche Menschen in außergewöhnlichen Situationen weit mehr.“

Zwei Sorten Literatur. Zwei Sorten Hauptfiguren. Zwei Sorten, zu erzählen und zu lesen.

…und die zwei besten Strategien zum Finden guter Bücher:

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Gestatten? Dein nächstes Lieblingsbuch.“

Für Publikums- und Heidenreich-Romane, für jene Mehrheit aller Texte, in denen „gewöhnliche Menschen“ in „außergewöhnliche Situationen“ schlittern, entwickeln sich präzise Massenwertungen im Internet – das IMDb-Prinzip, auf Literatur angewandt – zum besten Auswahl- und Empfehlungsmechanismus: Seit fast fünf Jahren sortieren bislang 5 Millionen Leser ihre Bücher auf die „virtuellen Regale“ von Goodreads.com [Weg 25]. Für Freizeitleser, Scouts, Kritiker und Redakteure gibt es im Netz keinen prächtigeren Ort zum Sammeln, Jagen, Archivieren, Beraten und Beratenwerden.

Das (weitgehend) englischsprachige Social Network ist ein Katalog wie Last.fm, ein Seismograf wie IMDb und eine Fundgrube für Bestenlisten, Publikumslieblinge und Geheimtipps: Ein Buch ab 4.0 ist (beinahe immer) lesenswert und klug, ein Buch unter 3.5 hat (mindestens) große Schwächen und Probleme. Zu jedem US-Bestseller und jedem Klassiker gibt es Hunderte Rezensionen. Und bei noch unveröffentlichten Titeln posten Verlagsinsider oder Journalisten oft schon im Vorfeld ihre persönlichen Urteile.

Auf Perlentaucher.de, dem deutschen Pressespiegel für professionelle Literaturkritik [Weg 26], herrscht oft ein müder, falscher Respekt vor großen Namen: Don DeLillos vermurksten Roman „Falling Man“ etwa nennt die taz „nicht hundertprozentig gelungen“, die FAZ ist „tief beeindruckt“, die NZZ „ein wenig enttäuscht, aber auf hohem Niveau“, und die Frankfurter Rundschau „überwältigt“. Goodreads sagt schlicht: 3.12 von 5, und schon mit Klick auf Don DeLillos Namen empfehlen sich seine früheren Romane „Unterwelt“ (3.90 / 5) und „Libra“ (3.89 / 5) als gefälligere, sicherere Empfehlungen.

Statt einem populären Autor also blindlings auch durch seine schwächeren Bücher zu folgen, vermisst Goodreads die Höhen und Tiefen einer Autorenkarriere mit bemerkenswerter Akkuratesse: Die besten Romane von Nabokov sind „Fahles Feuer“ (4.24) und „Ada“ (4.18), der schlechteste Roman von Bret Easton Ellis ist „Imperial Bedrooms“ (2.99), John Updikes bestes „Rabbit“-Buch ist „Rabbit in Ruhe“ (3.96), und Sven Regeners „Neue Vahr Süd“ (4.00) ist tatsächlich ein Tick besser als „Herr Lehmann“ (3.90). Kluge Nutzer, klare Urteile: Schwarmintelligenz at its best.

Empfehlenswert also – laut Goodreads-Konsens – im Herbst 2011: António Lobo Antunes’ „An den Flüssen, die fließen“ (4.00), Markus Nummis „Bonbontag“ (4.08), William Trevors „Turgenjews Schatten“ (3.97). Viele bekanntere Titel dagegen, die in der Presse stärker umworben und beachtet wurden, fallen bei Goodreads durch: Umberto Ecos „Der Friedhof in Prag“ (3.25), Lee Rourkes „Der Kanal“ (3.43), Nicholson Bakers „Haus der Löcher“ (3.04), Chuck Palahniuks „Diva“ (2.70).

Natürlich hat dieser „Beliebt! Berührend! Bekömmlich!“-Populismus seine Schwächen: Kinder-, Fantasy-, Vampirbücher und Mangas (Sparten also, die enthusiastische Fans locken) erhalten meist sehr hohe Wertungen. Kurzgeschichten, Autobiografien, Journalismus und Veröffentlichungen aus dem Nachlass schneiden ebenfalls im Schnitt 0.5 Sterne besser ab als Romane. Deutsche Titel werden bis jetzt noch kaum bewertet… und Lovelybooks.de, ein kuschelweiches deutschsprachiges Angebot voll Kerstin-Gier- und Tommy-Jaud-Lesern, ist leider keine Alternative.

„Was, wenn ich jede Geschichte, die mich je bewegte… jeden Song, zu dem ich jemals tanzte… all meine wichtigsten Stunden… greifen könnte – und mit euch teilen?“, fragte Oprah Winfrey. Goodreads gibt darauf eine erste Antwort: Dann wüssten wir – durch Winfreys Auswahl – ein bisschen besser und genauer, welche Geschichten bewegend, welche Songs tanzbar, und welche Stunden wichtig sind.

Nicht jeder muss all seine Bücher katalogisieren. Doch jede Bewertung (und Warnung!) hilft, das richtige Buch den richtigen Leserkreisen anzutragen. Uns gegenseitig vor Enttäuschungen wie „Falling Man“ zu retten. Und ältere oder unbekannte Lieblingsbücher im Gespräch zu halten.

Das Feuilleton – tagesaktuell, aber zu oft fixiert auf etablierte, alte, weiße Männer – kann solche Überblicke nicht leisten.

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Ein Verzeichnis wundervoller Dinge“

Ich arbeite an Seite 280 meines Romans „Zimmer voller Freunde“: ein Buch über drei Elftklässler in der Provinz und ihre Familien, Cliquen und Romanzen. „Ach so – ein Jugendbuch?“, fragt man mich oft. Doch erst, seit ich bei Goodreads gut zwei Dutzend populäre Young-Adult-Titel ausgesucht, bestellt, gelesen hatte, habe ich darauf eine klare Antwort: Nein. Kein Jugendbuch.

Zwar haben mich viele dieser High-School- und Coming-of-Age-Romane gefesselt, überrascht, beeindruckt. Aber fast immer gab es einen Ich-Erzähler, ohne Biss. Und viel zu oft war diese Hauptfigur das schwächste Glied, die möglichst offene, bekömmliche, banal-sympathische Identifikationsfläche zum Mitfühlen / Mitleiden. Fast alle Autoren aber, in deren Traditionslinien „Zimmer voller Freunde“ steht, erzählen… anders.

Richard Yates’ „Zeiten des Aufruhrs“, Richard Fords „Unabhängigkeitstag“, Rick Moodys „Der Eissturm“, Alison Bechdels „Fun Home“ oder Thomas von Steinaeckers „Wallner beginnt zu fliegen“ handeln – danke, Stephen King! – von „außergewöhnlichen Menschen in normalen Situationen“: Wenn Peggy Olson in „Mad Men“ eine Bar betritt, ist nie ganz klar, wonach sie sucht, und wie der Abend enden wird. Wenn meine Dorfjugend in „Zimmer voller Freunde“ auf den Schulbus wartet, herrscht eine nervöse Spannung. Brüchiges Eis.

Elke Heidenreich und Goodreads helfen uns, Konsens- und Publikumsromane zu finden, die „nicht dusslig sind“ und „mit uns allen zu tun haben“. Schwerer – aber lohnenswerter – sind jene literarischen Empfehlungen, die ihren Lesern ein Stück näher kommen. Sie kitzeln. Irritieren. Treffen. Weil sie mit uns – und nur mit uns – zu tun haben:

Freund Fred mag ruhige, schüchterne Männer als Hauptfiguren – Rollen für Schauspieler wie Tobey Maguire und Elijah Wood. Freundin Maria mag sachliche Mütter und Väter – Figuren, die sich um Kinder kümmern, doch in der schlimmsten Krise besonnen bleiben. Freund K. mag – im Privatleben – kühle, kluge, arrogante Frauen. Doch andererseits fühlt er sich schnell bedrängt und drangsaliert. Ich lieh ihm ein paar Superheldencomics. Doch alle „Wonder Woman“-Hefte legte er sofort zur Seite. Mit einem Schaudern.

„Empfehlen und Verleihen“, schreibt Kathrin Passig, „sind überwiegend Gefallen, die der Empfehlende und Verleihende sich selbst tut. Für den Empfänger sind sie selten so nützlich, wie wir uns wünschen.“

Ich glaube, nichts wird gerade wichtiger als solche Empfehlungen: Felix von Leitner filtert in seinem Blog politische Skandale, Lügen und Peinlichkeiten aus der Tagespresse. Ronnie Grob sammelt in „6 vor 9“ auf Bildblog.de jeden Morgen sechs Wortmeldungen über Netzkultur und Journalismus. Auf Goodreads folge (und vertraue) ich den Empfehlungen von Kuratoren wie Richard Nash, Oriana Leckert und Jason Pettus [Weg 27].

Egal, ob via Facebook, Blogs oder persönlich: Statt durch Leitmedien erreichen mich die meisten Nachrichten heute durch Leitfiguren – zum Beispiel auf BoingBoing.net, „A Directory of Wonderful Things“, wo Cory Doctorow (Romancier und Datenschützer), Mark Frauenfelder (Illustrator und Heimwerker), Xeni Jardin (Feministin und Cyberpunk) und Maggie Koerth-Baker (Wissenschaftlerin und Katzenblogger) täglich vier Dutzend Essays, Fotos, Produkte, Absurditäten auswählen und vorstellen.

Ich kaufe, jedes Jahr, etwa 150 Bücher. Ich lese zwischen 90 und 120. Ich rezensiere, für Zeitungen, etwa ein Dutzend. Ich gebe 5 Sterne – an etwa 8 bis 10. Ich gebe 4 Sterne – an etwa 30. Ich kaufe gut 40 persönliche Empfehlungen / Geschenke für Freunde und Verwandte. Und ich empfehle (und warne!), wo ich kann: in meinem Blog [Weg 28], auf Facebook oder Twitter. Öffentlich und auf Goodreads. Oder persönlich und privat.

„Was, wenn ich jede Geschichte, die mich je bewegte… jeden Song, zu dem ich jemals tanzte… all meine wichtigsten Stunden… greifen könnte – und mit euch teilen?“, fragte Oprah Winfrey. Dann hätte ich, als Mosaik aus Songs, Geschichten, Stunden, die freie Sicht auf Oprah Winfreys Sensibility. Auf ihren idiosynkratischen Filter. Darauf, wie ihre Augen die Welt sehen. Was sie kitzelt. Irritiert. Und trifft.

Und das macht gute literarische Empfehlungen aus: Ich muss verstehen, woher eine Empfehlung kommt (Winfrey mag Bildungsromane, Survival Stories, Erbauungs- und Bekehrungs-Literatur). Ich muss verstehen, an wen sie geht (Fred mag ruhige, schüchterne Männer als Hauptfiguren).

Wir werden – auf der Suche nach guten Büchern – zu Kuratoren. Zu Psychologen. Zu Schnittstellen.

Zu Kupplern.

Hier meine Auswahl. Gutes Lesen!

  • 250 Bücher, die ich kenne… und empfehle! (Link)
  • 250 Bücher, in die ich große Hoffnungen setze. (Link)

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Stefan Mesch, geboren 1983 in Sinsheim (Baden), schreibt für die ZEIT, den Berliner Tagesspiegel und literaturkritik.de.
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Er studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim und war Mitherausgeber der Literaturzeitschrift “BELLA triste”, Editor des “Kulturtagebuch”-Projekts, und Mitveranstalter von “PROSANOVA”, dem Festival für junge Literatur.
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Seit 2009 schreibt er “Zimmer voller Freunde”, seinen ersten Roman.
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Kontakt: smesch@gmx.net
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Kulturtagebuch: Leben und Schreiben in Hildesheim

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Alle zusammen – jeder für sich.
Lose Notizen über die Dramaturgie einer Sammlung loser Notizen.

von Stefan Mesch (Link), Februar 2007

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Dieser Text – über den Studiengang “Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus” in Hildesheim (Link) – erschien ursprünglich als Nachwort von: “Kulturtagebuch: Leben und Schreiben in Hildesheim” (Link), Glück & Schiller Verlag, 2007.

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1: Das Wesentliche

Was für ein blöder Abend [Was für ein blödes Jahr!]: Ich zahle den Espresso und knöpfe meinen Mantel zu, packe den Text ein und drehe mich zu den anderen. Wir sind im „Einstein“, einem aseptischen Café an der Uni; es ist der letzte Tag des Wintersemesters und kurz nach Mitternacht. „Warum Berlin?“ war das Motto unserer Lesung, es ging um Hildesheimtexte und Berlintexte [ungefähr 20 Stück]: eine kleine, unaufdringliche „Bitte bleib’ doch!“-Geste für einen Philosophieprofessor, der in die Hauptstadt wechseln will; Eintritt frei. Ich habe einen zwei Jahre alten Hildesheim-Weltschmerztext vorgelesen, hübsche Studenten mit diffusen Sorgen in einer hässlichen Stadt [„Ich drücke auf alle Knöpfe, die ich finden kann, und nichts passiert.“]. Der Text hat sich schlecht gehalten: Weltschmerz in Hildesheim, dieser Bogen ist überspannt.

Wir packen unsere Sachen. Innerlich sind wir schon in den Semesterferien: beim nächsten Praktikum, den anstehenden Deadlines oder daheim, bei den Eltern. Ich habe Leif gesagt, er soll mir eine Mail schicken, wenn er ein Lektorat braucht. Ich habe Jan versprochen, mit ihm trinken zu gehen, sobald ich den Kopf frei habe. Ich nehme Alex in den Arm und wünsche ihr viel Spaß in Baden-Baden [SWR, Hörspielredaktion], „Die Kolumne schicke ich dir am Wochenende; früher werde ich nicht fertig. Und über den Theaterhaustext reden wir im April noch mal, ja? Ist grad alles sehr viel.“ Sie schultert ihre Tasche. Johannes schultert seine Gitarre. Die Kellnerin gähnt. Wir versichern uns, dass wir zufrieden sind [kaum Publikum, aber der Philosophieprofessor hat geklatscht und sich gefreut], doch während wir uns verabschieden fühlt es sich an, als sei dieser Abend irgendwie vorbeigeschrammt am Wesentlichen – was auch immer das ist: das Wesentliche.

Das Wesentliche ist das Gefühl, dass es gar nicht anders geht; die Gewissheit, am richtigen Ort zu sein und mit den richtigen Leuten an den richtigen Dingen zu arbeiten. Das Wesentliche ist die Literatur, Training und Dressur einer distinkt eigenen Erzählstimme. Wesentlich für die Entwicklung dieser Stimme wiederum ist das Beobachten und Durchdringen der Gegenwart: kulturjournalistisches Einsaugen und Experimentieren, Notieren, Verlinken und Symptomatisieren. Sich wund reiben an der Welt, und jeden Trend, jedes Reiz- und Modewort der Feuilletons als Spitze eines ganzen Eisberges kulturhistorischer Interdependenzen durchblicken zu lernen. Entsprechend hat Hanns-Josef Ortheil guten Grund, uns z.B. Bachs „Kunst der Fuge“ ans Herz zu legen, wenn es um Dramaturgie und erzählerisches Timing geht. Wir dürfen uns [so der bemüht-allgegenwärtige Hildesheimgedanke der Interdisziplinarität] nicht auf eine Epoche und einen kulturwissenschaftliche Bereich beschränken; und deshalb lässt sich jemand wie Bach unmöglich ausklammern. Oder Braque. Oder Beckett.

Kulturwissenschaftler werden, ohne Marschall McLuhan zu kennen? David Lynch, Chris Cunningham, Thomas Kling? Unmöglich! Wir müssen wissen, wie Susan Sontag und Neil Gaiman mit Welt verfahren, wie Gregory Crewsdson und Therézia Mora sehen, wie Jo Gerner und Kurt Schwitters sprechen, worüber Buffy oder Kraftwerk singen.

Bevor ich nach Hildesheim kam, stellte ich mir eine Schreibschule als staubige Parallelwelt vor, in der Bügelfaltenbuben und Hornbrillenfrolleins tagein, tagaus über Henry James und Gertrude Stein plauschen – stattdessen saß ich im ersten Semester [Winter 2003/2004; und bis heute keine abgeschlossene Zwischenprüfung] montags im „Xena“- und dienstags im „Twin Peaks & Akte X“-Seminar, und nach sechs Wochen hielt ich meine ersten beiden Referate, über „Batman“ und lesbische Fanfiction. Herrlich! Statt isoliertem Fachidiotentum lernen wir hier – immer am konkreten Gegenstand – neue Methoden des Begreifens und Hinterfragens. Deshalb sind die Gegenstände – so gern man sich auch in ihnen verliert – fast ein wenig auswechselbar.

„Merken oder nicht? Kaufen oder nicht? Wichtig oder nichtig oder irgendwas dazwischen?“, rätselt Tilman über das Kulturkuddelmuddel im „Jetztzeit“-Seminar. Falsche Fragen, Til: Was zählt, ist der Blick, nicht das Artefakt! Denn das Wesentliche beginnt nicht erst beim Schreiben. Auch nicht beim Beobachten. Nein, das Wesentliche ist ein allen Dingen vorausgehender Denkprozess [„geistreich, horizontöffnend, vielschichtig, wendig, schön und warmherzig“, wie Johannes schreibt, ich füge noch „erratisch“, „spielerisch“ und „mutig“ hinzu]. Und dieser Denkprozess wird im Dokumentarfilm-Seminar genauso gefordert wie bei „Junge deutsche Gegenwartsliteratur“. Er hilft beim Geigenspiel und beim Busfahren, im Kino und an der Supermarktkasse. Und [ja, auch das] bei der Lektüre von „To kill a Mockingbird“. Oder Gertrude Stein.

Deshalb freut sich Tessa: „Wenn ich schreiben müsste, kann ich immer noch Plakate entwerfen. Und wenn ich Plakate entwerfen sollte, schreiben!“. Und deshalb ärgert sich Marcel: „Offenbar weiß in Hildesheim niemand zu keiner Zeit hundertprozentig, was er gerade tut.“

Beide haben Recht. Denn egal, ob wir rausgehen und studieren oder drinnen bleiben und schreiben, ob wir Klassiker lesen oder Seifenopern kucken, ob wir arbeiten oder leben, konsumieren oder produzieren, alles ist irgendwie nützlich, und läuft doch stets Gefahr, am Wesentlichen [Der Welt? Dem Schreiben?] vorbeizuschrammen – so weit dieser Begriff des „Wesentlichen“ in Hildesheim auch gefasst wird [Kraftwerk? Hilfe!]. Im „Einstein“ gehen die Lichter aus. Ich zünde mir eine Zigarette an und fahre in die Nordstadt, parke den Wagen in meiner Straße. Dann schaue ich auf die Uhr: halb eins. Lutz’ WG will heute irgendwas feiern, ich habe nur sehr halbherzig zugehört [ich muss arbeiten!]. Jetzt gehe ich doch noch kurz rüber, drei Häuser weiter, aber schon vor der Haustür höre ich den Bass, die vielen Stimmen [„Wichtig oder nichtig oder irgendwas dazwischen?“] und schüttle den Kopf. Nein, lieber nicht: Ich will mich nicht für alles und jeden hier interessieren müssen, 24/7; heute Abend wird das einfach nichts mehr. Ich gehe hoch in meine Wohnung und erledige meine E-Mails [Was für ein blöder Abend!].

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2: Das Eigene

„Setzt euch der Welt aus, kuckt euch um! Nehmt alle Dinge in die Hand und überprüft ihre Textur!“ Das ist ein guter Ansatz, um Menschen zum Denken [und zum Schreiben] zu bringen. Doch wer im Juli die Eignungsprüfung erfolgreich bestanden hat, der will im folgenden Oktober keine neuen Denkansätze zwischen die Beine geschleudert kriegen, sondern „auf dem Pferd des schönen Satzes und dem Gewand der Großgeistigkeit in den Domänenhof einreiten“, wo ihn alle erst einmal kräftig für seine Einzigartigkeit beklatschen [„Ich veröffentliche auf jetzt.de!“, „Ich liebe Douglas Adams!“, „Ich habe auf Kuba gelebt!“].

In meinem ersten Hildesheimer Winter [Rückblende!] machte ich in allen Seminaren doofe Wortmeldungen, schaute mir Abends mit einem überdrehten Stöckelschuhmädchen schräge Kinofilme an und fühlte mich sehr suave. Und jeden Mittwoch, an meinem Uni-freien Tag, schrieb ich eine neue Kurzgeschichte. Bei Schriftgröße 12 schafft man in anderthalb Stunden ungefähr drei Seiten.

An einem nebligen Wochenende im Februar luden die Professoren [Ortheil und Porombka] dann zur großen Textwerkstatt [Schlüsselmoment!]. Mein Text handelte von einem unglaublich faszinierenden jungen Mann, dessen Vater in der Eröffnungsszene [Rückblende! Schlüsselmoment!] den Familienwellensittich in den Staubsauger saugt. Während ich las, starrte Ortheil mit leeren, traurigen Augen ins Nichts; nach einer Seite sagte er: „Danke, das reicht.“

Porombka machte eine wegwerfende Handbewegung, „Herr Mesch, das ist Trash!“. Anschließend empfahlen sie mir Hemingway, als Sofortmaßnahme gegen zähe Dialoge und Schachtelsätze, und geschlagen fuhr ich zurück in die Nordstadt. Ich verfluchte Ortheil [Er war gelangweilt. Mein Text hat ihn gelangweilt!], ich verfluchte Porombka [Sie haben uns monatelang ins Leere schreiben lassen! Und sie hassen jedes Wort, das ich jemals ausgesprochen habe!], ich blieb zwei Wochen in der Wohnung und las alle Romane von Hemingway. „This place is a prison / and these people aren’t your friends“, auf Endlosschleife im CD-Player.

Verdammt, nein: Wer nach Hildesheim kommt, der will ankommen, nicht umdenken. Es ist schwer genug, den Daheimgebliebenen unsere Arbeit zur erklären: „Unser Team entwickelt gerade Discounter-Knockoffs der ‚Müller’-Fruchtmolkedrinks. Damit revolutionieren wir den Fruchtmolkemarkt! Und was machst du?“ – „Ich habe einen Kurztext über den kulturellen Mehrwert von Essiggurken geschrieben.“

Selbstzweifel? Lieber nicht, sonst stolpert man bald mit abgehackten Händen und verkniffenen Lidern ins Opferdenken und zieht dabei eine Rotzfahne patzig-hilfloser Texte hinter sich her. Denn was wird noch groß leuchten, sobald man vor lauter Weltekel gar nicht mehr richtig beobachten und hinschauen will? Die große Zumutung, das schlichtweg Infame an Ortheils Grundkurs-Appell [„Anhalten! Umdrehen! Noch einmal ganz von vorne beginnen, bei der Beschreibung eines Schwimmbads, einer Bushaltestelle oder des Glutpunkts einer Zigarre!“] ist die Selbstverständlichkeit, mit der alles, was wir bislang geschrieben haben, als Amateurkram abgetan wird:

Ortheil dringt in die WGs und Hotelzimmer, Altbauwohnungen und Küstendörfer unserer Prosa ein, rüttelt an den Hauptfiguren, der Fototapete vor den Fenstern und den Hunde- oder Kinderattrappen in den Nebenzimmern, reibt mit dem Finger über unsere Requisiten und zeigt uns den Staub, der sich dort abgelagert hat. Er ist der große böse Wolf, der alles zum Einsturz bringt, und dafür muss er nicht einmal kräftig pusten [Im zweiten Semester habe ich viele, viele Bücher gelesen, mir alle Wortmeldungen zweimal überlegt, und das Stöckelschuhmädchen maulte auf meiner Mailbox, dass ich krankhaft und verbissen geworden sei].

„Wenn ich früher aus dem Alltag flüchten wollte, habe ich geschrieben“, schreibt Tessa. „Aber was passiert, wenn mein Schreiben Alltag wird? Wohin gehe ich dann?“ Das ist hübsch gedacht und gut formuliert, doch vielleicht greift der Gedanke einer „Flucht ins Schreiben“ zu kurz. Denn bei mir knarrt da sofort die Tür zu einem Turmzimmerchen auf, in dem eine Kerze blakt und eine Feder kratzt, während der Nachtwind müde mit den Vorhängen tanzt. Wer sich ins Schreiben flüchtet, der ist anderswo und damit aus dem Spiel.

Jene [wenigen] Schreiber aber, die mir in Hildesheim richtig ans Herz gewachsen sind [und alle „echten“ Autoren, die ich verehre und verschlinge; Hemingway gehört nicht dazu] haben ein ganz anderes, weit weniger romantisiertes Selbstverständnis: Statt sich in hastig zusammengezimmerte Kitschkulissen zurückzuziehen, spielen sie mit Realität, legen den Filter ihrer Wahrnehmung über das ganz, ganz Konkrete. Mit „Flucht“ hat ein solches Sich-selbst-auf-die-Welt-Anwenden nichts zu tun, sondern [nochmal Johannes] mit der „grundlegenden Bereitschaft, alles, was man hat, nach vorne zu werfen.“

Eben das, irrt man leider bereits nach zweidrei Wochen Hildesheim, tut man doch auch: Die eigene Stimme erheben und darauf warten, dass die Kuwikakophonie der Domäne und das ewige „Amélie“-Gedudel im Hofcafé verwundert verstummen und alle raunen: „Kurios, kurios. Was für eine interessante Person.“ Doch wenn jeder etwas Besonderes ist [das habe ich bei meinem vorletzten Kinobesuch gelernt, sans Stöckelschuhmädchen], dann ist keiner mehr etwas Besonderes. Kaum ist man angekommen muss man begreifen: Hildesheim pflügt durch unsere Texte, mäkelt an unseren Begrifflichkeiten, ein Studiengang dringt in Bereiche ein, die niemand bislang in Frage gestellt hat, und Institution pisst in unseren ureigensten Schutzraum.

„Ha! Schutzraum!“, schreit Tessa jetzt auf, „Da sind wir doch wieder beim Turmzimmerchen, Stefan! Genau davon rede ich doch!“ Pustekuchen!
Denn mit „Schutzraum“ meine ich nicht unsere Kreativität, sondern unser Selbst. Ein Selbst, dessen Defizite man in der Schule und vor den Eltern bequem-kokett kaschieren konnte, indem man auf jede Forderung, der man sich nicht gewachsen sah, und auf jedes Spiel, das man verlieren würde, mit „etwas Geistreichem, Unerwartetem“ [Kreativität? Nein: überdrehter Unfug, der sich allen Bewertungskriterien entzog!] reagierte: das Schreiben als Übersprungshandlung und Schutzschild. Ich habe nie „die Aufgabe“ erfüllt; niemals den Hauptpreis gewonnen. Aber ich war immer verdammt geschickt darin, „Sonderpreise“ abzustauben – für Leistungen, die eigentlich gar nicht gefragt waren. Doch Aufschneider erkennen einander. Und wer in Hildesheim trotzdem Eintrittskarten für seine Turmzimmerchen verschachern will, sein Blendwerk hastig in irgendwelchen Zeitschriften veröffentlicht [been there, done that!] und sich Ortheil und Porombka einlädt [im Glauben, sie würden andächtig im Türrahmen verharren und seufzen: „Uiuiui, Hut ab!“], der sollte wenigstens vorher den Fußboden wischen, Kaffee aufsetzen und seine Menschenmaske bereit halten.

Denn all dieser grell-geile Innerlichkeits-Kitsch wird in einer Textwerkstatt schnell beiseite gefegt. Und plötzlich ist da nichts mehr, das man zwischen sich und die Kritik schieben kann; plötzlich tut es weh. Irgendwann im dritten Semester stellte ich meine Türklingel ab.

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3: Das Richtige

„Wie kannst du so urteilen?“, fragt Inga, „Du sprichst deine Meinung aus, als sei sie schlicht die Wahrheit. Stefan, das bist nur du. Das ist nur dein Blick!“ Wir sitzen in Lutz’ Küche und trinken Wodka; es ist vier Uhr morgens, als ich [doch noch] rüberkam, waren alle Gäste schon wieder fort. Nur Marcel nahm mich noch kurz beiseite, nach dem dritten Eierbecher [die Gläser waren alle], er trug bereits seine Jacke: „Kannst du kurz was zu meiner Lyrik sagen, bevor ich gehe?“ – „Lyrik. Ja, klar. Gerne.“ [Warum heute, warum jetzt? Ich bechere mir gerade meine Sozialphobie vom Hals!]

„Mich hat’s kalt gelassen“, sage ich ihm, „Ich versteh’ den Ansatz, und deine Richtung stimmt. Aber die Motive, dieses ganze ‚Rot’ und ‚Blut’ und ‚Bloody Mary’, da werden mir Assoziationen mit einer solchen Wucht reingesemmelt, dass ich denke: ‚Nee, Freundchen – so einfach kriegste mich nicht!’. Die Bilder suggerieren nichts, sie manipulieren. Aber viel zu plump. Und man merkt: Für dich steht da nichts auf dem Spiel. Du fehlst; in deinem eigenen Text.“ – „Aha“, sagt Marcel, „okay“, sagt Marcel, „vielleicht schicke ich was Neues.“ Wir verabschieden uns.

Vor anderthalb Jahren, als Ortheil uns die Idee dieses Projekts skizzierte, leuchteten seine Augen: „Schreibwerkstatt“ und „Arbeitsjournal“, „Symptomatisierung“ und „Poetik“, alle Wörter also, die durch diesen Studiengang schwirren wie rastlose kleine Insekten, sollten von den Erstsemestern auf Nadeln gepinnt und von uns Herausgebern in einer schönen, hellen Vitrine arrangiert werden. Auch meine Augen leuchteten. Allerdings sah ich andere Begriffe: „Gruppendynamik“ und „Konkurrenz“, „Privatmythologie“ und „Selbstdarstellung“. Ich wusste: Das wird Stress. Ich hoffte: Das wird vertrackter, interessanter Stress. Ich hatte keine Ahnung.

Es wurde das schlimmste, aber auch das sinnvollste Projekt, an dem ich jemals beteiligt war. Donnerstags Abends, nach dem Tutorium, setzte ich Kaffee auf und begann, die Tagebücher der vergangenen Woche zu sichten. Sonntag Abends war der Rohschnitt fertig und die neuen Wochenprotokolle trudelten ein: Ich konnte alle Partys und Seminare, Krisen und Küchentischgespräche nachlesen, die ich in den letzten Tagen verpasst hatte.

Einen der letzten KT-Texte, den ich erhielt, war Ingas Schlussmonolog: „Ich habe kreative Prozesse niemals stetig erlebt, nicht im Schreiben, nicht als Selbstverwirklichung. Vielleicht, weil man ein Selbst bräuchte, um es zu verwirklichen, ein Selbst, das man kennt.“ Mittlerweile war April, ich war lange nicht draußen gewesen und rief sie an, fragte, ob ich ihr irgendwie helfen könne. Inga verschluckte sich. Sie lachte kurz auf [„glockenhell und ein wenig schrill“, wie Lea schreibt], der Anruf war ihr sehr unangenehm. „Das war ein Text“, sagt Inga, „keine persönliche Mail!“ [„Ich bin eine Person“, hatte mich Meike kurz vorher erinnern müssen, „keine ‚schlecht funktionierende Figur’!“]

Auch heute Abend, zwischen den Resten dieser verpassten Party, kipple ich zwischen Mensch und Mentorenrolle, bin Teil dieser Kollektivmisere und trotzdem Beobachter. Inga will wissen, mit welcher Berechtigung ich über Marcels Lyrik spreche. Nicht als Angriff – sie fragt sich wirklich und ehrlich: Wo ist die Grenze?
Ich weiß es nicht. Denn ich höre die Zahnräder der Hildesheimmaschinerie jedes Mal bedenklich knirschen, wenn sich in Seminaren verwirrte Erstsemester melden und ganz ehrlich und arglos fragen, ob man das überhaupt darf: alles und jedes forsch in die Hand nehmen und daran kratzen; es durchschütteln, nur um zu sehen, was dann damit passiert. Wenn Lea mit schweißnassen Händen den Anruf eines unserer „Fahrtenschreiber“-Lektoratsopfer annehmen muss [„Bitte, bitte stellen Sie keine Fragen mehr!“], dann werden Grenzen überschritten in Bereiche jenseits eines Studiums, einer kulturwissenschaftlichen Tätigkeit.

Hildesheim zwingt uns, Urteile zu fällen. Über Texte, über die Menschen dahinter, über die gesamte Kultur. Und diese Urteile selbstsicher [Inga fragt: selbstgerecht?] in Text zu übersetzen. Doch was hat mein Blick auf der Lyrik von Marcel Maas zu suchen, auf der Musik von Kraftwerk, auf dem Urteil von Professor Doktor Stephan Porombka? Die Ängste Inga Machels, die Poetik Ernest Hemingways, die Sexualität Meike Blatzheims, die geschwollenen Fußknöchel eines Mädchens, das jetzt wieder alleine im Kino sitzt – soll ich mir das ansehen; darf ich wirklich durch all diese Räume panzern, auf der Suche nach Leuchten und Symptomatik?

Lutz gießt uns Wodka nach. „Ich glaube nicht, dass uns Hildesheim irgend etwas gibt“, sage ich zu Inga, „Dass uns dieses Studium bereichert. Wir wachsen nicht, wir werden zusammengepresst.“ Ich klinge wie in meinem Weltschmerztext, aber das macht es nicht weniger wahr: Ich schreibe immer weniger. Ich sage immer weniger. Ich gehe kaum noch vor die Tür.

Hildesheim macht aus meinen wolkigen Meinungen und Sätzen kleine, feste Klumpen; Hildesheim bringt mich auf den Punkt. „Inga, ich habe nur meine Stimme, nur meinen Blick. Aber das heißt auch: Ich habe meine Stimme, meinen Blick! Und ich lerne gerade, damit Dinge zu sehen und auszusprechen, die ich sehen und aussprechen kann. Als ich dein KT gelesen habe, zuckte ich ständig zusammen und dachte ‚Oh Gott, was ist das denn für ein Blick?’. Das sind die Passagen, die ich ins fertige Buch übernommen habe, bei allen Autoren: Sätze, die ich nie geschrieben hätte – die ich nie hätte schreiben können! Dafür sind wir hier, Inga. Um alles wegzunehmen, auszustreichen. Bis nur noch das Wesentliche übrig ist. Bis unsere Texte das sind, was sie sein wollen: unsere Texte.“

Inga sieht irgendwie seltsam aus, aber ich habe mich in Rage geredet, ich bin sehr ernst und sehr betrunken: „Du weißt nicht, wie das war: monatelang in meinem Loch zu hocken und eure Vertraulichkeiten zu verschneiden; Vertraulichkeiten, die nicht an mich adressiert waren. Als ich deinen Schlussmonolog las, habe ich geheult. Und gedacht: ‚Danke, dass ich das lesen darf; danke, dass das jeder lesen darf!’ Und natürlich ist es Gestotter und natürlich holpert es noch an allen Ecken und Enden, aber es ist so offensichtlich, dass du etwas sagen willst, das nur du sagen kannst. Das ist der Text von dir, auf den ich warte. Ich weiß, dass er kommt. Und wenn’s noch zehn Jahre dauert.“

Inga sieht mich lange an, dann fährt sie sich über das Gesicht und dreht sich weg. „Warte kurz!“, sagt sie und steht auf, „Warte.“ Ich sehe ihren Rücken, ihre Schultern [Lutz greift nach ihrer Hand]. „Es geht gleich wieder. Entschuldige.“ Sie schluckt. „Alles okay. Tut mir Leid.“ Als sie sich wieder umdreht, lächelt sie.

Stefan Mesch,
im Februar 2007

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mehr Informationen:

  • “Kulturtagebuch: Leben und Schreiben in Hildesheim”. Rezension von Ingo Steinhaus. (Link)
  • “Kulturtagebuch” bei Goodreads.com (Link)
  • Hildesheim: Eine Stadt, erklärt in 8 Videos (Link)
  • “Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus”: Ein Interview mit Marlen Schachinger (Link)