Essay

Berlin – als literarische Stadt

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Im Frühling 2018 wurde ich eingeladen, einen kurzen Text zu schreiben, was mir Berlin als Literatur-Ort bwz. als „Das kenne ich aus Büchern!“-Ort bedeutet.

Im Januar 2020 erklärten die Herausgeberinnen, dass sie das Projekt nicht drucken, verwirklichen konnten – deshalb hier, kurz im Blog:

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Psychogeografie: Berlin

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1_Fast alle Orte, an denen ich eine Weile leben will, wurden für mich zu solchen Orten, als ich Texte, Filme, Serien, Geschichten fand, die mir den Alltag dort zeigten.

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2_Psychogeografie heißt: Geschichte und Orte verbinden; Geschichten über Landkarten, Fußwege, Routen legen. Flanieren, Städte lesen, im Gehen Neues knüpfen. Aufschreiben, festhalten, wem welche Wege was bedeuten. Wo sich Plätze mit persönlichen Bedeutungen aufladen. An welchen Punkten eines Orts sich Lesarten, Privatmythologien überlagern, widersprechen.

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3_Im Jahr, als ich mir eine Stadt fürs Studium suchte (2003), war Berlin für mich:

„Berlin Alexanderplatz“ | „Lola rennt“ | „Helden wie wir“ | „Shadowrun: Deutschland in den Schatten“ | „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ | „Berlin, Berlin“ | „Götterdämmerung: Morgen stirbt Berlin“ | „Sonnenallee“ | „Confessions of a dangerous Mind“ | „Wie ein Licht in dunkler Nacht“ | John Harris‘ „Vaterland“ | „Aimee & Jaguar“ | „Good Bye, Lenin!“ | „Edel & Starck“

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4_Mit 13 (1996) war ich auf einer Star-Trek-Convention im Neuköllner Hotel Estrel. Ich erinnere mich an den Flughafen Tegel; den Alexanderplatz; eine grelle, schäbige Revue im Friedrichstadtpalast; Baustellen. Nach der Schule bewarb ich mich an der HFF Potsdam, doch fiel durchs Eignungsgespräch. Eine etwas hämische Freundin sammelte mir nach der Absage Berlin-Fotos und schenkte eine Collage namens „Zimmer-Berlin“: „Wie bei Zimmer-Pflanze! So siehst du Berlin trotzdem.“

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5_Ich studierte in Hildesheim: zweieinhalb Stunden westlich. Für Lesungen, Seminare, Verlagsbesuche musste ich hin und wieder nach Berlin. 2012 sagte ich: „Ich werde mit der Stadt nicht warm.“ Ein Freund warf ein: „Vielleicht kennst du sie nur noch nicht?“ Ich stimmte zu: „Ich war erst 13 oder 14 Mal da.“ Dann merkte ich: 13, 14 Wochenenden? Reicht das nicht, um zu sagen: Berlin ist nichts für mich?

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6_Für mich heißt jeder neue Ort: Romane, Filme, Serien finden, die dort spielen. Weil ich ein Gefühl für Stimmungen, Städte, Orte brauche. Viel mehr aber, weil ich die Stadt ernst nehme, ganz anders genieße, sobald ich das Gefühl, die Stimmungen, die mir solche Geschichten vermitteln, im Alltag mitdenken, über alle Routen legen kann.

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7_Seit 2014 lebe ich in Berlin. Berlin ist heute für mich:

Stephanie Barts „Deutscher Meister“ | Anna Funders „Stasiland“ |  „Das Leben der anderen“ | Erich Kästners „Emil und die Detektive“ | Tim Staffels „Rauhfaser“ | Katrin Bongards „Subway Sound“ | Christopher Isherwoods autobiografische Texte | Anonymas „Eine Frau in Berlin“ | Terézia Moras „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ | „Die Bourne Verschwörung“ | Sven Regeners „Herr Lehmann“ |  „Eichwald MdB“ | Ariel Magnus‘ „Zwei lange Unterhosen der Marke Hering“ | Kirsten Fuchs‘ „Die Titanic und Herr Berg“ | William Gibsons „Arkangel“ | Jenny Erpenbecks „Heimsuchung“ | Sebastian Haffners „Die Geschichte eines Deutschen“ | Mawils „Kinderland“ | Christian Kracht u.a.s „Tristesse Royale“ | OLs „Die Mütter vom Kollwitzplatz“ | „Verliebt in Berlin“ | Anke Stellings „Bodentiefe Fenster“ und Stellings noch-viel-besseres „Erna und die drei Wahrheiten“ […und, Ende 2018: die tolle Daily Soap „Alles oder Nichts“]

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8_Viele Orte wurden nur Sehnsuchtsorte für mich, weil ich Geschichten las oder sah, die dort spielten: New York, Tokio, Hong Kong. Nizza, Glastonbury, Wilmington. Pforzheim sogar, seit einem Übersetzungsprojekt. Ich denke bei Düsseldorf an „Verbotene Liebe“. Ich hasse in Essen, dass dort zwar „Alles was zählt“ spielen soll, doch durch die Drehs in Köln kaum was zu Essen vermittelt. Ich war enttäuscht, als ich einen Bekannten aus Darmstadt, Mitte 20, fragte, wie prägend für ihn „Diese Drombuschs“ waren… und er die Serie (1983 bis 94) nicht kannte.

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9_2009 bis 2013 lebte ich drei Monate pro Jahr in Toronto. Mir half jeder Schnipsel Narration, Geschichte, die Stadt als etwas Besonderes zu sehen: Comics von Jeff Lemire; „Scott Pilgrim“. Romane von Margaret Atwood, Nino Ricci, Cory Doctorow. Ich suchte „Toronto“ unter den Keywords und Filming Locations der IMdB. Als Amazon-Tag und als Ortsangabe bei Goodreads. In Städten schlage ich bei Wikipedia nach, wer dort geboren wurde, schrieb, erzählte. Ich erklärte mir Toronto, indem ich mit- und nachlas, wie Torontos Stadtplanungs-, Zoning- und Flaneur-Expert*innen auf Reddit, Flickr, Twitter und in eigenen Magazinen wie „Spacing“ darüber stritten, wer die Stadt erzählt.

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10_Lebenswerte Städte, schreibt Shawn Micallef in „Stroll. Psychogeographic Walking Tours of Toronto“ (2010), brauchen Density: Dichte. Interessante, abwechslungsreiche Ziele und Soziotope in der Stadt müssen so fußläufig wie möglich erreichbar und verknüpft sein. Darum liebe ich Venedig – eine Stadt, so eng und schnell wie in einem Videospiel. Und darum schwächt, nervt und ermüdet mich Berlin: Jede Strecke hier kostet mich 40 Minuten. Wurden die Alleen im Berliner Osten, perfekt für Panzer und sozialistische Paraden, entworfen, damit sich einzelne Fußgänger möglichst verloren, klein, unwichtig fühlen?

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11_Auf meiner Bald-Sehen-, Bald-Lesen-Liste für Berlin stehen:

Walter Benjamins „Berliner Kindheit um 1900“ |  „Berlin Station“ | „Im Angesicht der Verbrechens“ | Hans Falladas Romane | Christiane F. | „Eins, zwei, drei“ | „Menschen am Sonntag“ | „Der Tunnel“ | „Cabaret“ | „Homeland“ | „Sense8“ | „Victoria“ | Susanne Gogas „Es geschah in Schöneberg“ | John Henry Mackays „The Hustler“ | „Taxi zum Klo“ | „Atomic Blonde“ | I.J. Singers „Die Familie Karnovski“ | „Sommersturm“ | „Sommer vorm Balkon“ | „Nix Festes“ | Klaus Kordons „Krokodil im Nacken“ | Erich Maria Remarques „Drei Kameraden“ | William L. Shirers Tagebuch | Erich Kästners „Fabian“ | „Bridge of Spies“ | Deniz Utlus „Die Ungehaltenen“ | Alexandra Richies „Faust’s Metropolis“ | Jason Lutes‘ „Berlin“ | Lion Feuchtwangers „Die Geschwister Oppermann“ | „Dogs of Berlin“ | Felix Denks „Der Klang der Familie“ | Charlotte von Mahlsdorfs „Ich bin meine eigene Frau“

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12_Kanadischen Bekannten, fasziniert von Berlin, schenke ich Anna Funders „Stasiland“ oder die Alltags-Doku „24 h Berlin: Ein Tag im Leben“. Deutschen Teenagern, die Klassenfahrten planen, Katrin Bongards „Subway Sound“.

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13_Fast alle frühen Romane Nabokovs spielen in Berlin: In den 1920ern lebten russische Emigrant*innen meist um den Nollendorfplatz. 2006 fuhr ich an die Cornell University, an der Nabokov später unterrichtete, „Lolita“ schrieb. Cornell und die Romane brachte ich im Kopf gut zusammen. Beim Nollendorfplatz aber scheitere ich: Ich sehe heute nur ein reiches Viertel für ältere Schwule. Ich sehe kaum Bezug zu 1920.

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14_Die Ecken Berlins, mit denen ich am meisten assoziiere, stammen heute nicht mehr aus Filmen, Büchern. Sondern aus Instagram- und Facebook-Accounts: „Britz? Da steht Johannes‘ Reihenhaus!“, „Bürgerpark Pankow? Christians Viertel!“ Berlin setzt sich für mich aus Texten, Gescichten zusammen. Viel mehr aber aus Social-Media-Splittern. Pokemon-Go-Spaziergängen. Restaurants, gefunden auf Yelp.

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15_Und Buchläden – die ich weniger zum Bücherkauf brauche. Als dazu, selbst Fotos zu machen, für meine eigenen Social-Media-Accounts: Die digitalen Orte, an denen wir uns gegenseitig erzählen, was uns welche Orte und Städte bedeuten.

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Claudia Rankine: „Citizen“ [Lyrik / Essay, Empfehlung bei Deutschlandfunk Kultur]

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Nach einem kurzen Telefonat versprichst du dem Geschäftsführer am Apparat, vorbeizukommen und das Formular auszufüllen. Als du das Büro betrittst und dich vorstellst, platzt er heraus:

Aber Sie sind ja schwarz! Das wollte ich so nicht sagen, sagt er dann.

Laut, sagst du.

Bitte?, meint er.

Das wollten Sie nicht laut sagen.

Danach sind die Formalitäten schnell erledigt.

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Claudia Rankine findet auf 180 Seiten eine kluge, flexible Form, um sichtbar zu machen, wie Rassismus vergiftet und belastet, und sich immer weiter fort setzt.

Vieles an diesem Buch / Format ist überraschend, unkonventionell. Doch ich glaube, wir brauchen mehr von genau SOLCHEN Büchern:

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  • In „Citizen“ wird viel angeschnitten, aufgegriffen, zitiert – auch durch Bilder, Literaturzitate, Namedropping.
  • Ich sehe das Buch als Einladung, Google zu benutzen, sich tiefer zu informieren.
  • Solche Einladungen sind heute, in Zeiten von Google, Wikipedia etc., legitim.
  • Ich kann jeden verstehen, der ruft „Das ist doch vor allem Stückwerk“ oder „Warum erklärt Rankine nicht alles, von Anfang an?“…
  • …doch da drehen wir uns im Kreis:
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    Es hätte Möglichkeiten gegeben, dieses Buch noch viel kompakter, lyrischer, kürzer zu machen. Oder eben: 600 Seiten dick, fußnotengesättigt. Ob „Citizen“ „zu viel“ ist, „genug“ oder „nur die Spitze eines Eisbergs“ – das wird jeder Leser anders sehen. Ich selbst begreife die Fülle an Namen, Verweisen etc. als Einladung, mich danach eigenständig weiter zu informieren.

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Ich habe eine Handvoll Lieblings-Lyriker*innen: Andre Rudolph, Uljana Wolf, Daniel Falb.

Im Studium war ich Mitherausgeber von „BELLA triste“: einer Literaturzeitschrift, die junge Lyrik verlegte, und, immer wieder: ESSAYS über Lyrik, die ich sehr schätzte. Weil Gedichte so kurz sind und die Lyrikszene in Deutschland recht klein, kennen die meisten Lyriker*innen die meisten Arbeiten fast aller Kolleg*innen.

Deshalb können sich Lyriker*innen meist VIEL klüger verständigen, abgrenzen, positionieren, gegenseitig rezensieren etc. als deutschsprachige Prosa-Autor*innen… die oft zu wenig Zeit haben, um viele ihrer Rivalen, Kollegen, Contemporaries zu lesen.

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US-Lyrik steht für mich woanders. Weil sie meist viel narrativer ist. Oft wird auch wesentlich persönlicher erzählt. Klang/Rhythmus/Sprachkunst/ein präzises Versmaß… alles, wofür ich deutschsprachige Lyrik bewundere… ist selten die oberste Priorität. Im besten Fall heißt das: US-Lyrik ist lesbarer, zugänglicher, nah und dringlich, un-verkopft, politischer. Im schlimmsten Fall wirkt US-Lyrik „runtergeschrieben“, „distanz- und kunstlos“, „anfängerig“ etc.

Claudia Rankine, geboren 1963 auf Jamaika, kam 1970 nach New York.

Ihr erster Gedichtband erschien 1994. „Citizen“ (2014) ist ihr fünfter großer Band – und der erste auf Deutsch.

2016 erhielt Rankine die Yale-Poetikprofessur. Im selben Jahr erhielt sie ein McArthur-Stipendium über 625.000 Dollar – und spendete das Geld einem Critical-Whiteness-Forschungsprojekt (Link, Guardian).

Hörenswert? Rankines einstündige Keynote auf der AWP Conference 2016. (Link zum Kontext | Link zum Transcript)

Rankine war eine der wichtigsten, lautesten Kritikerinnen, als die US-Autorin Lionel Shriver 2016 eine (polemische, viel zu kurz gedachte, tumbe) Rede darüber hielt, dass sie, als weiße Autorin, ja heutzutage am besten nur noch über weiße Figuren schreiben sollte – weil ihr sonst kulturelle Aneignung vorgeworfen wird.

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„Rankine won’t initially talk about Shriver […] She is, however, interested in the views of “somebody like Jonathan Franzen,” as she acknowledges the seriousness of his writing. “He said something like ‘I can’t write about people I don’t know.’ That, to me, is more complex. So, why don’t you know these people? What choices have you made in your life to keep yourself segregated? How is it one is able to move through life with a level of sameness? Is that conscious? Is segregation forever really at the bottom of everything? When he says something like that, I find that really interesting as an admittance to white privilege: that he can get through his life without any meaningful interaction with people of color.” [Link]

Rankines „Citizen“ erschien 2014 im linken Indie-Verlag Graywolf Press. Es gewann den National Book Critics Circle Award in der Sparte „Poetry“ – doch war auch in der Sparte „Criticism“ nominiert. Das zeigt gut, was „Citizen“ besonders macht. Aus Rankines AWP-Keynote:

„By way of illustration, Rankine read out loud an email sent to her by an (anonymous) African-American student who was thinking of leaving his or her program because they were told that “certain life experiences are said to belong to sociology and not to poetry, and that to write beyond the imagination’s notion of normality is to write political poetry, sociology, identity politics poetry, protest poetry — many labels but none of them poetry. For in order for poetry to be poetry,” Rankine continued, “white readers must find it relatable, and only then can it transcend its unrelatable colored writer.”

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Auch bei „Citizen“ greift dieser Reflex: Ist das „vor allem“ Lyrik? Oder so sehr Essay, dass man kritisieren kann, es sei nicht „genug“ Lyrik? Keine sehr kunstvolle Lyrik etc.?

Der Untertitel der US-Ausgabe ist „An American Lyric“ (die deutsche Übersetzung von Uda Strätling hat keinen Untertitel).

Das verweist auf die Sparte „Lyric Essay“, „a contemporary creative nonfiction form which combines qualities of poetry, essay, memoir, and research writing“ (Wikipedia)

Ähnliche Mischformen benutzen u.a. Maggie Nelson, Joan Didion, Teju Cole; ich musste bei „Citizen“ auch an James Baldwins persönlichere Essays denken

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„Citizen“ hat knapp 180 Seiten und besteht aus einzelnen, oft ein bis vier Seiten langen Vignetten/Episoden – oft sehr straight/narrativ/in erzählender Prosa formuliert.

Gut ein Drittel des Buches sind Anekdoten, in denen ein schwarzes „Du“ im Alltag Rassismus Erfährt. Oft sind das ganz kleine, alltägliche Momente, in denen Freunde, Kollegen, Dienstleister, Menschen in der U-Bahn etc. plötzlich stolpern, stocken, zu erkennen geben: „Du und ich – wir zwei sind eben deutlich verschieden: Schließlich bist DU schwarz.“

Die Soziologie spricht von „Microaggressions“: kleine Szenen, Gesten, Abwertungen, in denen eine Mehrheit den Angehörigen einer Minderheit ihren Platz weisen will.

Indem „Citizen“ diese (oft tatsächlich: gar nicht „kleinen“!) Momente, Irritationen, Angriffe und Ausgrenzungen aneinander reiht, zeigt es eindringlich, wie belastend es ist, als Fremder, als „Other“ verstanden zu werden und dabei funktionieren zu müssen: freundlich zu bleiben, Würde zu bewahren, Systemen wie der Polizei ausgeliefert zu sein.

Beim Lesen dieser vielen Anekdoten / Entgleisungen / Ausgrenzungen zeigt sich gut, wie schwer es ist, solche Angriffe überhaupt zu fassen und zu verarbeiten: „WAS genau war jetzt schlimm? Wirklich SO schlimm? Ist das jetzt schon, beweisbar und objektiv, Rassismus? Was soll man in der Situation antworten? Wie soll man danach über die Situation sprechen?“ etc.

Ein narrativeres Buch, ein Ratgeber, eine politische Rede, ein Blogpost, würde meist versuchen, auf diese Fragen sehr konkrete Antworten oder Handlungsempfehlungen zu geben. Es bräuchte dezidiertere Positionierungen und Erklärungen („X ist passiert. X ist schrecklich, weil… Y. Ich fordere Umdenken, ich fordere Policy Changes!“)

Trotzdem habe ich an keinem Punkt den Eindruck, dass es sich „Citizen“ zu leicht macht, Dinge nur anschneidet. Ich finde die Form, die Kürze hier gelungen, weil ich sehe: Hätte man all diese Fragen und Aspekte über Abwertungen, Status, Rassismus in einem Blog aufgegriffen… alles wäre 600 Seiten lang und recht akademisch geworden. „Citizen“ bleibt viel zugänglicher.

Die Anekdoten werden ergänzt, kontrastiert von: u.a. einem längeren Text darüber, wie Tennisspielerin Serena Williams durch Schiedsentscheidungen 2004, 2009 und 2011 immer wieder mit dem Rücken zur Wand gedrängt wurde während entscheidender Spiele. Und wie oft sie sich anhören musste, ihre Wut sei „unwürdig“. Respectability Politics. Tone Policing.

Rassistische Linienrichterinnen maßen mit zweierlei Maß – doch trotzdem fragen bei Williams Medien vor allem: „Wirft sie ein schlechtes Licht auf unseren Sport? Ist ihr Verhalten ungebührlich?“ und „Wirft sie ein schlechtes Bild auf Schwarze – sobald sie Wut zeigt, aufbegehrt, ‚zickig‘ reagiert?“ Je weißer, homogener der Hintergrund, erklärt Rankine, desto sichtbarer, dominanter wird das eigene Schwarzsein. [Zora Neale Hurston: “I do not always feel colored”; “I feel most colored when I am thrown against a sharp white background.”]

In kurzen Textmontagen zeigt Rankine, welche Rolle Rassismus bei u.a. der Evakuierung nach Hurricane Katrina spielte, bei US-Polizeikontrollen im Verkehr, bei Zinedine Zidanes Kopfstoß bei der WM 2006, bei den London Riots 2011 (auch im Vergleich zu den Rodney-King-Unruhen in LA 1991).

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Erzähl mir eine Geschichte, sagt er und nimmt mich in die Arme.

Gestern, beginne ich, habe ich im Wagen gewartet, weil ich etwas früh dran war. Eine Frau bog ein und wollte frontal gegenüber parken. Unsere Blicke trafen sich, und was vorging, ging so schnell wie ein Wegsehen. Sie setzte zurück und parkte am anderen Ende des Platzes. Ich hätte ihr mit der Frage, die mich beschäftigte, nachgehen können, aber ich musste los, ich wurde zum Spiel erwartet, ich packte den Schläger.

Der Sonnenaufgang ist grau und träge, hat Licht im Schlepptau, aber nur so eben.

Hast du gewonnen?, fragt er.

Es war kein Match, sage ich. Es war eine Lektion.

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Mein Fazit?

Wo und wie wollen wir Erfahrungen, Ausgrenzungen, Diskurse sichtbar machen? und wie wollen wir sie literarisieren?

Ich merke, dass mir Rassismuskritik selten in großen Monografien etc. begegnet (James Baldwin, Franz Fanon, aktuell Ta-Nehisi Coates), sondern viel deutlicher und präsenter als Stückwerk, Mosaik:

In rassismuskritischen Tweets und Tumblr-Posts, in Facebook-Diskussionen, in Spoken-Word-Beiträgen oder Facebook-Rants, die viral gehen.

Vieles von dem, was Rankine in „Citizen“ bündelt, kann ich mir (…und das ist keine Kritik und kein Beleg dafür, dass sie „unliterarisch“ arbeitet!) sehr gut in meinen News Feeds online vorstellen.

Technik-Autor Cory Doctorow sagte vor fast 10 Jahren, er erklärt in seinen Romanen/Kurzgeschichten immer weniger Fachbegriffe – weil er weiß, dass heutzutage fast jeder Leser einfach alles, was ihm nichts sagt, aber dringend interessiert, googeln wird.

So ähnlich ist auch „Citizen“ für mich eine Einladung, Namen zu googeln, selbst zu recherchieren.

Im Buch gibt es etwa 20 Abbildungen – dokumentarische Fotos sowie Kunst – bei denen ich allesamt nicht sagen würde „Wow. Das ergänzt / kontrastiert Rankines Prosa/Sprache SO gut: Diese Abbildung MUSS hier sein“ oder „“Das wirkt so konsequent, passend, sinnvoll an dieser Stelle: Ich verstehe, warum hier DIESE Ikonografie zitiert wird, und keine andere.“

Aber: jede dieser Abbildungen hat einen Kontext, eine*n Künstler*in etc., die IRRSINNIG interessant sind:

Ich lese die Bilder als Links/Einladungen, die mir, sobald ich google, Wissen und Kontext vermitteln. Kontext, der „sich lohnt“.

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2016 erschien Beyoncés Musikvideo zu „Formation“. Je mehr man über schwarze Ikonografie, Kunstgeschichte, Rassismus und akademische Stimmen weiß, desto klüger, wichtiger, sehenswerter, spektakulärer scheint dieses Video. Ich selbst bin trotzdem etwas ratlos. Zum einen, weil ignorante Leute bequem sagen können: „Ach, Beyoncé. Überschätzt. Was soll das Gewese?“. Zum anderen, weil ich mir persönlich lieber ein… 600-Seiten-Buch wünsche, das mir solche Diskurse und Zusammenhänge vermittelt. Kein Musikvideo, bei dem klar ist: weiterbilden, informieren, verstehen-lernen, das muss ich alles selbst und eigenständig, non-linear, via Google und Essays, Wikipedia und aktivistischen Websites.

„Citizen“ ist kein Video. Sondern zwei Stunden gut genutzte Lesezeit, am besten mit einem Textmarker. Auch in deutscher Übersetzung ist das Buch sprachlich komplex, raffiniert, „lyrisch“ genug, dass ich es als Lyrik verstehen und empfehlen kann. Persönlich aber wähle ich, wenn ich die Wahl habe, z.B. lieber Rankines Keynote-Rede, oder Interviews und Essays von ihr, statt Verdichtungen wie „Citizen“.

Habe ich die Wahl zwischen kleinen, raffinierten Formen, die viel enthalten und anreißen… und großen, ausufernden, die sich immer weiter verzweigen und Raum nehmen, würde ich fast IMMER sagen: „Warum schreibt Rankine nicht lieber ein sechsbändiges autobiografisches Essay wie Karl-Ove Knausgaard?“

Doch das sind persönliche Präferenzen. Als Literaturkritiker kann ich sagen: Ich verstehe, was „Citizen“ sein will, in seinem Format.

Als das, was es sein will, ist „Citizen“ – in Länge, Tiefgang, Ton und Sprache – unbedingt lesenswert. Und, künstlerisch: gelungen.

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Sara Ahmed, in On Being Included: Racism and Diversity in Institutional Life, notes that “it is important to remember that whiteness is not reducible to white skin or even to something we can have or be, even if we pass through whiteness. When we talk about a ‘sea of whiteness’ or ‘white space,’ we talk about the repetition of passing by some bodies and not others. And yet nonwhite bodies do inhabit white spaces; we know this. Such bodies are made invisible when spaces appear white, at the same time they become hypervisible when they do not pass, which means they ‘stand out’ and ‘stand apart.’ You learn to fade in the background, but sometimes you can’t or you don’t.”

[…] For Robin DiAngelo, internalized dominance is defined in this way: “We know that we learn who we are as social beings largely by learning who we are not. For the dominant group, being socialized to see the minoritized group as inferior necessarily conveys that the dominant group is superior. This sense of superiority is often not explicit but internalized deep beneath the surface. Across their life span and in every aspect of life, dominant group members are affirmed, made visible, and represented in diverse and positive ways. This process causes members of the dominant group to see themselves as normal, real, correct, and more valuable than the minoritized group, and thus more entitled to the resources of society.” 

[…] I am often wondering why race acknowledgement remains absent from the writing of many mainstream white writers. All the people are presumed white in their work because they are simply people. This conscious or unconscious complicity with the idea that white life is a standard for “normal” life and the people in the white peoples’ writings are simply people who are motivated by anything but maintainence of their own whiteness remains a question for me. I often wonder why as a reader I am being made to join in and be complicit with the belief that white people are the people. It is an equation that rules journalistic, nonfiction, and creative writing. […] Even if people of color are present in the lives of whites they are wiped and rendered invisible in imagined works that fail to imagine beyond its segregationist orientation. Somewhere in the writing process it’s believed the imagined “universal” work, the imagined “trancendent” work, the work of prizes and mainstream magazines replicates the valued white spaces in our world. To recognize blacks especially, or other people of color in a work is to politicize the work, (thereby calling white out as an aggressor,) and remove it from its status as universal art.

[Quelle]

 


 

Schwarze Stimmen, entwertet

Essay trifft Lyrik: Claudia Rankines „Citizen“ zeigt die Gräben und Attacken gegen afroamerikanische Selbstbestimmung

Poesie lässt Leerstellen. Sie skizziert Räume, Verknüpfungen. Assoziiert. Essays spielen Gedanken oft viel gründlicher durch: Sie stellen klare Fragen – und klopfen Ideen gegen große und kleine Thesen. Claudia Rankine, geboren 1963 auf Jamaika, meistert beides: In bisher fünf Gedichtbänden schreibt die US-Amerikanerin lyrisch, analytisch, manchmal persönlich über Klassenschranken, Entwertungen, Identität und Würde.

Wo Lyrik sonst offen, vage, vieldeutig bleibt, wird Rankine wunderbar konkret. Doch wo Essays zu Predigt, Angeberei gerinnen, denkt sie offener, gelenkig. Mit „Citizen“ (2014) gewann sie den PEN Open Book Award – und zehn weitere große Preise. Seit 2016 doziert sie an der Yale University. Spector Books, ein anspruchsvoller Kleinverlag aus Leipzig, veröffentlicht „Citizen“ in der nüchtern-ruhigen Übersetzung von Uda Strätling: Ist das ein Gedichtband? Oder ein 180 Seiten langes Essay?

Rankine findet eine eingängige, flexible Form, um sichtbarer zu machen, wie Rassismus vergiftet, belastet, sich fort setzt. In längeren, recht journalistischen Passagen beschreibt sie, wie etwa Tennisspielerin Serena Williams mitten in entscheidenden Turnieren immer wieder von rassistischen Linienrichterinnen gebremst, abgewertet wurde – und, wie ihr Medien bei jeder Gefühlsregung vorwarfen, dem Ruf des Sports zu schaden.

„Citizen“ handelt von der Segregation während Hurricane Katrina in New Orleans, von Polizeigewalt und entwürdigenden Verkehrskontrollen. Von Räumen, die über Jahrhunderte Räume von und für Weiße waren – und den Mechanismen, mit denen Weiße noch immer zeigen: Mit dir haben wir hier nicht gerechnet. Wie kann jemand, der spricht und aussieht wie du, hierher gehören?

Etwa ein Drittel des Texts sind kurze Anekdoten in der „Du“-Form. Online-Aktivismus sammelt Ausgrenzungen, Entwertungen aktuell oft unter dem Label „Mikroaggression“: Wenn Gesten, Blicke weh tun. Im Alltag plötzlich Gräben klaffen. Oder Sprache verletzt. Leider klingt „Mikro-„, als ginge es um Subjektives, Kleinigkeiten. All die Beispiele in „Citizen“ und die Fragen, Thesen, die Rankine aus solchen Szenen zieht, zeigen, dass „Mikroaggressionen“ mehr sind: gezielte Gesten und Sprechakte, um andere Stimmen zu entwerten.

„Citizen“ ist kurz, offen, bezugsreich. Ein Buch, das man am besten mit Textmarker liest, und viel Zeit für Google, Wikipedia. Eine Einladung, sich über schwarze Diskurse und Geschichte fort zu bilden. Und eine Einladung, wie wir uns, als Kultur, schaden, sobald wir Stimmen von Menschen of Color als Gegenseite entwerten. An den Rand drängen. Als Nischen- und Minderheiten-Thema verstehen.

PROSANOVA – Festival für junge Literatur [Essay von mir]

Prosanova 2017, Originalfoto P Olfermann

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Seit 2005 feiert Hildesheim alle drei Jahre PROSANOVA – das Festival für junge deutschsprachige Literatur. Ich studierte von 2003 bis 2008 Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus und war an beiden ersten Festivals beteiligt: Als Praktikant und Mitarbeiter der Festivalzeitung 2005, und als Mitglied der sechsköpfigen Künstlerischen Leitung 2008. PROSANOVA 2008 fraß über ein Jahr meines Lebens. Mir war klar: Zu den Festivals 2011 (Blogposts von mir), 2014 (Blogposts von mir) und 2017 (Blogpost von mir) muss ich zurück in die Stadt.

Zu jedem PROSANOVA gibt es Dokumentationen, Film-, Foto-, Presse-, Journalismus-, Blog- und Buchprojekte. Oft erscheinen längere Texte in der Hildesheimer Edition Paechterhaus – und hin und wieder werde ich gefragt, ob ich einen Text oder ein Vorwort beisteuern will, u.a. 2007 (Link) und 2012 (Link).

2017, für „PROSANOVA – ein Katalog“ (Link zum Gratis-eBook), schrieb ich folgendes Vorwort:

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Wir machen Lesungen im Dunkeln.

Oder legen 90 Neonröhren am Boden einer Reithalle aus – als »Lichtbrunnen«.

Wir laden zwölf Menschen auf die Bühne, 500 ins Publikum.

Oder fahren drei mit einer lesenden Autorin durch die Stadt.

Wir suchen Billardtische, Tischkicker, Spielautomaten, Topfpflanzen, Hütten wie beim Weihnachtsmarkt, Cityroller, Fahrräder, Kleintransporter, Schirmleuchten, mobile Küchen, Traversen, Gästezimmer, Diskokugeln, Industrieruinen, leere Ladengeschäfte, Bettwäsche, Spanplatten, Brandschutzvorhänge, Kammerorchester, Schubkarren, Strandkörbe, Europaletten, Einwegkameras, interessierte Schulklassen, Pressekontakte, Hotelrabatte, Förderung durch Stiftungen und Fonds, Schuhkartons, Guacamole-Rezepte, Video- und Filmteams, Sektflöten, alten Gratis-Messeteppich, Schauspieler°innen, Straßenmalkreide.

Falls Energie bleibt, suchen wir frische, kantige Texte – von jungen Stimmen.

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Wir können einladen, was uns fehlt. Wen wir bewundern. Wir holen Profis in die Stadt, die bereits sind, wohin wir streben. Wir teilen Zu- und Absagen, Manuskripte, Lebensläufe, Besetzungslisten … und merken, wie viel wir noch nicht kennen: Wir finden großartige Menschen. Oft erst als vierte Wahl, in letzter Minute.

»In dieser Schule wird getrunken, gefeiert und gevögelt werden. Die unsportlichen Bücherwürmer von früher haben sich zu Organisatoren der Maßlosigkeit entpuppt. Es geht darum, Jungautoren so sehr abzufüllen, dass man ihnen die Haare beim Kotzen halten wird«, schreibt Ronja von Rönne über PROSANOVA 2014.

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Wir machen intime, parallele Lesungen in den Lauben einer Gartenkolonie, 2005. Als Sommerpicknick am Hang einer alten Villa, 2008. Im feuchten, hohen Gras einer Ex-Kaserne, 2011. Unter Sonnenschirmen, auf Tribünen über dem Schulhof, 2014. Oder auf dem ALDI-Parkplatz, heute.

Wir sagen: PROSANOVA ist grün und blumig – 2005. Oder silbern, gelb – 2008. Wir sprayen Tiersilhouetten, montiert aus P, R, O, S, A, N, V mit Leuchtfarbe an Hallenwände – 2011. Wir werden neonpink 2014 oder schwarz und grau, mit strengen Versalien – jetzt.

Wir geben BELLA triste heraus und drucken die junge BELLA auf jedes Cover. Wir malen, pausen, streuen die Kunstfigur übers ganze Festivalgelände. Oder wir feuern die Zeichnerin? Schreiben uns fortan »bella triste«! Und sind jetzt seriös, erwachsen – und ohne Frau als Logo, öffentliches Gesicht.

Wir diskutieren jeden Schritt zu fünft bis sechst, als Künstlerische Leitung. Wir opfern sechs, zwölf, achtzehn Monate für vier Tage Festival. Wir haben Angst vor jeder Weichenstellung – und jeder Kritik von außen. Wir merken jeden Tag, was wir nicht können. Wir werden Freund°innen. Gegner°innen. Familie. Oder Leute, die sich nie mehr sehen wollen.

»Fünf Leute treffen sich und bauen eine Bombe«, beschreibt Martin Kordić unsere Zeit 2008.

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Für PROSANOVA denken wir als Wir.

Wir hassen, dass immer einer sagt: »Ach, IHR. Tja. Hildesheim.«

Wir sagen Eisenhalle. Paschenhalle. Panzerhalle.

Wir sagen Kegelcenter, Mensa, Möbel Schwetje, Alter Markt. Wir teilen Jargon, Milieu, nehmen uns Erfahrungswerte, Excel-Tabellen, Templates eines Teams, drei Jahre alt – und zünden daraus unser eigenes Ideal. Die Utopie, die wir uns wünschen!

»Dieses Mal dauert die Suche nach dem Festivalzentrum besonders lang. Die Luft ist raus. Alles wirkt aufgesetzt, eitel, erzwungen.« Wir hören das jedes Mal, kurz vor Start: »Wer weiß, ob in drei Jahren überhaupt noch Masochisten, Selbstausbeuter, Dumme eine nächste Runde stemmen wollen!«

»Wir versuchen, Plastik zu vermeiden. Strohhalme sind bei uns aus Stroh und kompostierbar, das Catering bio und vegan, und 90% unserer Ausstattung fanden wir in eBay-Kleinanzeigen oder auf dem Sperrmüll. Nachhaltig sind wir trotzdem nicht, denn ›Nachhaltigkeit‹ und ›Festival‹ sind zwei entgegengesetzte Pole. Die Frage kann man sich schon stellen: Ist es noch zeitgemäß, ein Festival zu veranstalten?«, fragt Helene Bukowski im Suhrkamp-Blog, 2017.

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Wir leihen, kaufen oder erbetteln neun Chaiselongues, fünf Nierentische.

Wir können sicher sein, dass 50 Leute das verzückt fotografieren.

Der Tresen da – denken wir in jedem zweiten Ladenlokal – ist freudlos im Vergleich zu den vier Bars, die wir für 100 Euro zimmern, keine 80 Stunden nutzen, entsorgen. Wir haben massig Arbeitskraft, doch kaum Budget. Wir können anderthalb Semester in einem siebzigköpfigen Seminar jede Woche brainstormen, wie wir geheime Lautsprecher, aus denen Gedichte zwitschern, in Parks in Bäume montieren.

Wir lernen, dass Hilfe aus absurden Ecken kommt. Dass man nach allem fragen, bitten kann.

Dass oft der dreiste Ruf, die unverschämteste Anfrage erst Türen öffnet.

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Wir wollen Bandbreite, Diversity, Zumutungen, Avantgarde. Wir wollen Szenische Lesungen, Hörspiele, Lyrik, Workshops, Residencies, Performances und Rahmenprogramm. Wir haben bei allem Angst, elitär, hermetisch zu wirken. Oder dilettantisch, möchtegern. Wir wollen anders sein. Und dabei das Institut, die Presse, alle Förderer°innen und bisherige PN-Generationen nicht enttäuschen.

Wir wollen charmante Gastgeber°innen sein – doch allen alles beweisen.

»Als es noch keine Vasen gab, haben wir Bierflaschen vergoldet«, schreibt Juli Zucker über Kompromisse, 2014.

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»Hast du den Nackten gesehen, der hinten im Schutt Waldhorn spielt?«

»Am Lesungsende lief ein weißes Pferd raus auf die Wiese.«

Wir feiern junge Literatur – und alle lieben den Auftritt Elke Erbs, 73 Jahre alt, am meisten.

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Wir schreiben Schulfreund°innen und Eltern. »Falls du je Hildesheim besuchst: Bitte da!« Wir zeigen Fotos. Aber hören: »Alle kucken gleich. Was sind das für verhipsterte Kids?« Wir zeigen die selben Fotos älteren Leuten im Betrieb: »Das ist ein traumhaft junges Publikum!«

Wir feiern jeden, der Urlaubstage nimmt, Zimmer reserviert.

Unser Herz bricht, wenn wir hören, die Anfahrt aus Hannover sei zu weit.

Wir wissen, dass Sitzecken, blauer Himmel, laute Partys und drei Charismatiker°innen, die kurze Texte voller Pointen lesen, oft reichen. Wir wissen, dass bei grauem Himmel kommt: »Vor drei Jahren war mehr Atmosphäre!«

Oft hören wir vor allem vom Catering. Von Abstürzen, Koks und Resteficken. Vom Morgengrauen am Fluss.

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1993 gründet das Leipziger Schreibinstitut die Zeitschrift EDIT. Ab 2001 lernt Hildesheim daraus für BELLA triste. Die szenischen Studiengänge Hildesheims feiern alle drei Jahre das Transeuropa-Festival. 2005 lernt daraus die BELLA-Redaktion für PROSANOVA. Ein Festival mit Uni-Anschluss, so autonom wie möglich.

»Jeder ist eingeladen, aber nur ganz bestimmte Leute kommen dann auch«, sagt Hanns-Josef Ortheil 2014.

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…und jedes Mal seufzt irgendwer – trotz aller Versuche der Festivals, sich zu öffnen: »Heute habe ich Bäcker, Taxifahrer, Nachbarinnen und zehn Kinder allen Alters gefragt. Die haben kaum was gehört. Keiner weiß, was ihr hier macht. Vor ihrer Haustür!«

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Stefan Mesch war 2005 Praktikant, 2008 Mitglied der künstlerischen Leitung, 2011 erstmals seit drei Jahren zurück in Hildesheim, 2014 Podiumsgast … und begriff 2017: Es gibt kaum zehn Personen, die alle bisherigen PROSANOVAs sahen.

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ich; Prosanova 2005. Foto: Stephan Porombka

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Prosanova 2008

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Prosanova 2011. Foto: Jule D. Körber

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Prosanova 2014. ich erfuhr nie, wer das Foto machte.

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Prosanova 2017. Foto: P. Olfermann

Sexismus im Studium, Sexismus an Schreibschulen: Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus, Hildesheim

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Seit Ende Juni 2016 erscheinen im Blog von „Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken“ Texte über strukturelle Probleme, Sexismus und Machtgefälle an Schreibschulen und -Instituten in Deutschland und der Schweiz – gesammelt, redaktionell betreut und wunderbar lektoriert von Lena Vöcklinghaus und Alina Herbig. Bisher sind diese Essay ins drei großen Dossiers gesammelt und nachzulesen:

[Update:

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Heute erscheint das vierte Dossier, mit u.a. einem Text von mir:

ein persönliches Essay über Microaggressions – alles, was Menschen sagen, um sich zu zeigen „Achtung: Wir sind nicht gleich. Hier verläuft eine Grenze: Ich bin auf der besseren Seite. Dein Pech!“ Kurze Szenen, Momente, die mich im Studium verunsicherten oder bremsten.

Und viel von dem, was ich anderen Leuten antat – aus Geltungsdrang, Arroganz, aus Ungeduld oder Wut.

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Am 8. Juli las ich eine 12-Minuten-Version des Textes am Literarischen Colloquium Berlin. Für den Merkur-Blog habe ich diese Kurzversion ausgeweitet, umgestellt: Wer 15 Minuten Zeit hat – drüben auf Merkur-Zeitschrift.de steht alles, was ich dringend zur Debatte beitragen will. Wie in allen Beiträgen dort sind die Namen aller Lehrenden anonymisiert („der Professor“, „die Professorin“): Es geht um strukturelle Zustände, Grundsätzliches. Nicht um einzelne Personen.

Hier im Blog, in einer längeren Version, wird es präziser, persönlicher, anekdotischer, ausführlicher: ein langer Text, der möglichst konkret, detailliert erzählt, was in fünf Jahren holperte und glückte, schief lief oder mich überraschte. Hier benutze ich Klarnamen; in einigen Fällen Kürzel wie A, Ö, X.

Der Text sammelt die Schwierigkeiten und Probleme. Ein anderer Text, als Gegengewicht: „Stephan Porombka: 100 Fragen“

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Austeilen, Abgrenzen, Angstmachen, Einstecken.

Fünf Jahre als Schreibschüler

von Stefan Mesch

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Du schreibst.

Du willst vom Schreiben leben.

Du bist 14, 15, 16 und führst Tagebuch, stellst Filmkritiken ins Netz, gehst zur Schüler-, dann zur Lokalzeitung. Du gründest ein Fan-Magazin zu „Sailor Moon“.

Du liest Videospiel-Testberichte, Comics, Science Fiction, Stephen King; du liest jedes Wort der Fernsehzeitung und suchst Filme mit möglichst vielen Sternchen, Punkten in den Kategorien „Kultfaktor“ und „Anspruch“.

Du machst Abitur und hast – dank Tipps in Magazinen, dank Zufallsfunden in der Fußgängerzone, ab 16 dank dem Internet – jetzt Lieblingsautoren, Lieblingsdrehbuchautoren, Lieblingskritiker, Lieblingsjournalisten. Du hast ein Dutzend Lieblingsserienschöpfer und liest Hunderte Interviews über ihre Arbeit.

Du machst Zivildienst, du wirst 20 und weißt, wie Thomas Wolfe zum Autor wurde – in Harvard, kurz nach dem ersten Weltkrieg. Wie Janet Frame oder Simone de Beauvoir ihre literarische Arbeit organisierten – in Intellektuellenzirkeln der 60er, 70er. Wie Kevin Williamson Drehbücher umsetzen konnte – Mitte der 90er. Doch du weißt nicht, wie man in Deutschland schreiben kann: 2003, in einem Dorf zwischen Heidelberg, Karlsruhe und Heilbronn.

Du kennst keine Schriftsteller*innen, Kritiker*innen persönlich. Keiner, der mit dir spricht, geht in die Oper, sammelt Kunst, studierte Geisteswissenschaften, arbeitet beim Film.

Du hast keine Lieblings-Serienschöpferin – weil Serien fast nur von Männern geschrieben werden. Du hast keine Lieblingskritikerin, -Journalistin, weil fast keine Frauen für die Filmzeitschriften, die es im Supermarkt gibt, schreiben. In 13 Schuljahren hast du keine 30 Bücher von Autorinnen gelesen, und keine fünf davon im Unterricht.

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zwei:

Du bist normal. Deine Eltern sind getrennt – doch dein Vater hilft dir beim Umzug. Er verdient so viel, dass du nicht BaFög-berechtigt bist. Deine Schulfreunde werden Grundschullehrerin, Pädagogin, Pädagogin, Realschullehrerin, Bankberater, Programmierer. Einer macht eine Ausbildung zum Fotografen in der Kreisstadt: Er tut dir Leid. Eine studiert Medizin, 600 Kilometer nördlich: Sie macht dich stolz. Doch dich enttäuscht, keine künftigen Architekten, Rechtsanwälte, Kulturarbeiterinnen, Politikerinnen zu kennen.

Du kennst keine Punks, keine Aktivisten, keine Lesben und nur einen Schwulen, das Abitur machst du ohne Muslime oder Menschen mit Behinderung. Kein Mensch aus deinem Freundeskreis lebte als Teenager je in Miete: Alle Eltern haben Häuser, Garagen, sichere Jobs.

Du bist normal gebildet. Das heißt, du kennst die Kiwi-Taschenbücher – doch „Kiepenheuer & Witsch“ hast du noch nie gehört. Du weißt, dass auf der Seite der Rhein-Neckar-Zeitung, die mit „Feuilleton“ betitelt ist, Konzert- und Opernkritiken erscheinen. Du liest 30 Bücher im Jahr und gehst fünf, sechsmal in Theater – doch Ingeborg Bachmann, Adorno, Klopstock, Thomas Bernhard, Christian Kracht, Rainald Goetz? Niemand, den du kennst, erwähnt solche Namen. Im vierten Semester lernst du das Wort „Poetik“.

Dein Vater ist KfZ-Meister und prahlt damit, im ganzen Leben kein Buch gelesen zu haben. Deine Mutter ist Arzthelferin, seit der Ausbildung im Bertelsmann-Club – und in vier heiklen Schwangerschaften las sie wochenlang im Bett: Johannes Mario Simmel, Utta Danella, Konsalik. Suhrkamp ist dir ein Begriff – denn 15, 20 Suhrkamp-Paperbacks stehen in der Wohnwand. Alle von Hermann Hesse und Isabel Allende.

In der Lokalredaktion der Zeitung schreiben keine Frauen. Es gab den Pfarrer mit Büchern im Büro, und in der Kreisstadt zwei, drei Gymnasiallehrer und Buchhändler. Im Jahr, als du dein Abitur bestehst, schafft Joey aus „Dawson’s Creek“ den Sprung auf eine Elite-Uni: Sie studiert Kreatives Schreiben. Dawson aus „Dawson’s Creek“ arbeitet an Drehbüchern: Er schafft es auf die Filmhochschule. Du googelst „Kreatives Schreiben“ und „Filmhochschule“ – und, zur Sicherheit, „Medienwissenschaften“ und „Psychologie“.

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drei:

Ein Professor sagt, es bräuchte eigentlich ein ganzes erstes Semester – nur, um allen beizubringen, wie man lebt, schläft, kocht und sich ernährt. Du weißt bis heute nicht, ob er damit Grundlagen, Routinen, erstes Ankommen im Studium meint. Oder Lebenskunst und Bildungsbürger-Basics wie „Welchen Wein trinke ich zu Austern?“. Im ersten Semester empfiehlt er, Bachs Kunst der Fuge zu hören – um ein Gefühl für Timing in Texten zu entwickeln. Im fünften Semester empfiehlt er einen Monblanc-Füller für 500 Euro.

Dein Psychologie-Lehrbuch sagt im Kapitel zu Belastungen: 150 Punkte áuf der Stress-Skala werfen Menschen meist aus der Bahn. Der Tod eines Bruders, einer Schwester hat 80 Punkte. Ein Studienbeginn für sich allein schon über 100.

Die Filmhochschule Ludwigsburg verlangt den Nachweis eines Praktikums in der Branche: Du kennst niemanden beim Film – und bewirbst dich nicht. Die HFF Potsdam lädt dich zum Auswahlgespräch ein – doch das Komitee findet deine Urteile über Filme, Bücher gernegroß. Du triffst den Ton nicht. Aber weißt nicht, wen du hättest fragen können, um ihn zu treffen.

Das Literaturinstitut Leipzig lädt dich ein – doch das Studium dauert nur drei Jahre. Wer dort studiert, ist oft schon Mitte 20: Du sagst in der Prüfung, dass du mit Älteren, die Abschlüsse in Europarecht und Kirchenmusik haben oder gelernter Steinmetz sind, nicht mithalten kannst.

Deine Mutter fährt dich an alle drei Unis. Ihr übernachtet in Pensionen. Nichts an Hildesheim macht dir Angst, schüchtert dich ein. Zum Studienbeginn gibt dir dein Vater ein gebrauchtes Auto. Deine Mutter hilft oft bei der Miete.

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vier:

Wie viele bewarben sich: 400? Neun Frauen, fünf Männer kommen durch: Julia hat ein Kind, Nora wird schwanger. Lucias Eltern kommen aus Rumänien und China. Jan wuchs in Marseille auf. Martin macht Live-Rollenspiele. Xs Mutter lebt mit einer Frau zusammen. Y war auf einem Jesuiten-Internat.

Noch nie nahmen dich so verschiedene, erfahrene Frauen ernst: A ist gelernte Kosmetikerin, B jobbte im Kino, C schreibt für Focus Online, D verkaufte ein Jahr lang Brötchen. Alles beeindruckt dich – denn du hast keine älteren Geschwister oder Freunde, und bist noch heute unsicher bei Menschen, vier, fünf Jahre älter: Thomas Klupp, Wiebke Porombka, Paul Brodowsky… Wer dir zwei Schritte voraus ist, macht dir Angst. Du hältst Abstand – damit niemand denkt, du willst dich ranschmeißen.

Der Frauenanteil liegt bei 80, 85 Prozent – unter den Studierenden. Fast alle Kurse am Literaturinstitut leiten Männer. 2008, du bist fast fertig, bewerben sich ein Mann und eine Frau auf eine Professur. Beide langweilen dich. Der Mann erhält den Job. „Warum hörst du die Vorträge?“, fragt Sabrina. „Das ist wie ‚CSI‘. Ich weiß, wie Hanns-Josef Ortheil spricht. Wie Stephan Porombka spricht. Die Fälle aller CSI-Versionen sind austauschbar. Die Ermittler nicht!“ Du hättest gern noch einen anderen Sound gehört. Verschiedene Arbeitsweisen, Zugriffe, Gemüter.

Dein Hauptfach: Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus. Dein Nebenfach: Film, Theater, Medien. Dazu Musik oder Kunst. Und Politik, oder Psychologie, oder Pädagogik, oder Philosophie.

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fünf:

Über Jahre wirst du ermuntert, über euch, die Stadt, dein Lernen und Scheitern zu sprechen: 2005 führen Erstsemester Tagebuch. Als Tutor liest und kürzt du alle Texte und montierst daraus ein 400-Seiten-Projekt, „Kulturtagebuch: Leben und Schreiben in Hildesheim“. Ortheil spornt dich in jeder Phase an. Du fühlst dich in keinem Wort als Nestbeschmutzer.

2008 veröffentlichst du einen 20-Seiten-Text über die Tiefschläge und privaten Konflikte deines ersten Semesters. 2012 schreibst du das Vorwort der jährlichen „Landpartie“-Anthologie. 2014, für „Irgendwas mit Schreiben: Diplomschriftsteller im Beruf“ listet du deine Ziele als Autor auf. Hildesheim bringt dir bei, kritisch auf Orte und dich selbst zu blicken. Ambivalenzen für ein Publikum greif- und sichtbar zu machen.

2004 bittet Stephan Porombka, je 100 Digitalfotos zu sammeln, in denen sich die Stadt zeigt und erklärt. 2005 sollt ihr eine Hildesheimer Bushaltestelle beobachten, 2007 ein Semester lang eine Kneipe eurer Wahl besuchen, mit Gästen sprechen, ethnografisch über das Milieu schreiben. Ihr lernt, die Stadt zu öffnen. Eure Positionen zu hinterfragen. Euch selbst beim Beobachten zu beobachten.

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sechs:

Du bist enttäuscht, dass ein Student den Grundkurs Kreatives Schreiben leitet – statt Ortheil selbst. Dich ärgert, dass es kein Seminar für euch 14 Auserwählte gibt – sondern alle Kurse auch dem größeren Fachbereich offen stehen: Kulturwissenschafts-Student*innen, „KuWis“.

Fast alle KuWis, mit denen du sprichst, wollten auf Musik-, Kunst-, Schauspielschulen – und scheiterten an der Eignungsprüfung. Dich ärgert, wie viele Leute, die „nur mal testen wollen“ statt beruflich zu schreiben, in allen Seminaren hängen, und dort vor allem über Unlust, Zweifel sprechen.

Als du studentische Anthologien betreust, Texte lektorierst, hörst du fast nur „Ich schreibe eigentlich nie“ und „Für mich ist das ganz neu“. In endlosen gemeinsamen Überarbeitungen – in Absprache mit KuWis, die nie vorhatten und sich nie zutrauten, druckreife Texte zu liefern – macht ihr Texte stärker. Du lernst, respektvoll, konstruktiv zu lektorieren; doch ärgerst dich, dass du so viele unwillige Jüngere anfeuerst, mentorierst – statt selbst gecoacht zu werden.

In deinen Kunst- und Psychologie-Kursen sind KuWis. Vor allem aber Leute aus der Region, die auf Lehramt studieren: Viele haben keinen Mut oder keine Mittel, fürs Studium den Landkreis zu verlassen. Die Kunstseminare sind schleppend und verschult. Die Psychologie-Professorin tut dir Leid, weil alle drei Minuten jemand kräht „Hä? Kommt das in der Klausur?“ oder „Sie – ich raff es einfach nicht!“

Statt mit Ortheil im kleinen, elitären Kreis an eigenen Texten zu arbeiten, stehst du in tausend kalten Wassern. Brauchst deine Zeit, Energie für interdisziplänere Versuche, Projekte, Pflichtaufgaben, bei denen ein Fünftel professionell schreiben will – der Rest nur fragt, warum ihr aggressiven Schnösel alles ändern, lektorieren, verwerten müsst: fürs Radio, auf Lesungen, in Anthologien, im Netz.

Du hältst viele KuWis für Störfaktoren, Ballast – und hast Angst, selbst nur Ballast zu sein: Jo Lendle gibt eine Textwerkstatt, geht zwar auf jeden Text respektvoll ein… doch sagt am Ende, er habe ein höheres Niveau, weniger Anfänger erwartet.

Porombka und Ortheil bieten erst nach fünf Monaten Feedback zu je einem Text eurer Wahl. Porombka nennt deine Erzählung „Trash“. Ortheil findet dich sprachlich unpräzise – und empfiehlt Hemingways Kurzsätze als Gegenmittel.

In den Semesterferien liest du zwölf Bücher von Hemingway.

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sieben:

Du willst, dass alle gut sind. Wäre jemand schlecht, hieße das: Auch du bist vielleicht schlecht. Die Eignungsprüfung irrte. Dir fehlt das Zeug zum Autor.

K bricht das Studium ab. Weil K Kulturjournalismus wichtiger ist als Literatur, fragt Ä: Was, wenn ich falsch bin hier – mit meinem Journalismus-Schwerpunkt? War K unerwünscht? Fühlte sie sich unwillkommen?

Ö ist Filmexpertin und schreibt eine Rezension zu Philip K. Dick und „Blade Runner“. Porombka will, dass sie den Text überarbeitet. Sie ist nervös, verunsichert – und auch nach mehreren Mails bleibt ihr Text unveröffentlicht. Ö fragt sich, ob Porombka sie für nervig, talentlos hält. Sie schreibt nie wieder für die Uni Rezensionen.

Ü schreibt eine Comedy-Kurzgeschichte für die Jahrgangsanthologie. Mit Comedy kann keiner der Lehrenden viel anfangen. Er bewirbt sich für ein Sat.1-Förderprogramm, macht im zweiten Semester einen Workshop in Berlin, tritt im Studium kürzer – und hat bald eine Karriere als TV-Autor. Ä fragt sich jahrelang: Freut sich das Institut über den Erfolg? Oder tat Ü gut daran, zu gehen?

Du besuchst jede Ortheil-Veranstaltung, die dir offen steht. Du hörst irrsinnig gern zu – vor allem, weil dir sein Ton, seine Helden, sein Blick meist neu und fremd sind. Du kaufst, liest Ortheil-Bücher und weißt: Du wirst, kannst, willst niemals über seine Themen schreiben, in seiner Sprache.

Du magst „Sailor Moon“ – weil dort keine fähige, heroische Ausnahme-Frau für sich allein steht. Sondern zehn verschiedene Frauen mit eigenen Wesenszügen aneinander wachsen – ohne, dass die Serie sie gegeneinander stellt: Es gibt dort keine korrekte, einzig gültige Art, Heldin zu sein.

Ortheils Wissen ist dir ein Gewinn. Als Role Model macht er dir Angst: Was Ortheils Texte auszeichnet, kannst du dir nicht erarbeiten. Und was von dem, was du sagen, geben kannst, wird jemand suchen, kaufen, hören, feiern, der sonst Hanns-Josef Ortheil sucht, kauft, einlädt, feiert?

Bei vier Romanciers, zehn Professor*innen, fünf CSI-Ermittler*innen, zehn Kriegerinnen… lastet viel weniger Druck auf jedem möglichen Vorbild, Beispiel.

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acht:

Ä fragt sich, ob die Professoren Poetry Slams verachten. Ä fragt sich, ob die Professoren Sozialkritik verachten. Ä fragt sich so lange, was die Professoren interessiert, bis sie sicher ist, dass IHRE Texte die Professoren nie interessieren werden. Sie schreibt immer weniger. Ihr streitet viel: Du hältst ihre Ängste für selbsterfüllende Prophezeiungen.

Die Professoren helfen zwei Männern aus dem Jahrgang, einen Verlag zu gründen, der zukünftig alle Studiengangsprojekte verlegt. Ä fragt sich, warum sie nicht gefragt wurde, und diese Gespräche geheim blieben.

Ortheil mag die Kurzgeschichten von B, lässt sie in einem eigenen Buch des neuen Verlags drucken: als Teaser, um B an Publikumsverlage zu vermitteln. Ihr fragt euch, ob ihr schreiben solltet wie B, was er an B besonders mag und, ob ihr keine Chance auf seine Hilfe habt, wenn ihr anders schreibt.

Porombka beschäftigt zwei männliche HiWis. Ä fürchtet, Porombka kann nur mit Männern.

Du brauchst viel Zeit, Ä zuzuhören – während sie fragt, welche Professoren oder älteren Studenten wann, wie, mit wem sprechen: Wer wird eingeladen, eingebunden, wer wird gelobt – wer nicht? Ä fragt: „Denkst du, der findet mich langweilig?“, „Denkst du, der findet mich hässlich?“, „Denkst du, wenn ich femininer, zustimmender wäre, hätte ich andere Jobs und Positionen hier?“

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neun:

Du kennst ein Journalisten-Liebespaar, bis heute Inbegriff deiner liebsten Beziehungsdynamik: Clark Kent und Lois Lane. In Hildesheim suchst du eine Partnerin oder einen Partner, die oder der selbst schreibt.

Du fühlst dich nur ambitioniert-verbissenen Schreiber*innen nah: KuWis fehlt oft Schreiblust, Selbstbewusstsein, die Legitimitation durch Ortheil und Porombka. Lehrämtler*innen sind für dich Hufflepuffs: Du hasst, so oft als einziger Schreiber eines Psychologie- und Kunstkurses Schreib-Zeit zu verlieren.

Ä schlägt vor, im benachbarten Hannover zu daten. „Wen finde ich da? Da gibt es keine Schreibschule!“ Du ignorierst Hannover fünf Jahre lang.

Hildesheim ist recht arm, schroff, fromm – es gibt kaum Lesungspublikum: Student*innen bleiben in einer Blase. Du fühlst dich reicher, verdienstvoller, gebildeter als fast jeder, den du auf der Straße siehst.

In einem Filmseminar zur Nouvelle Vague sollen alle kurz sagen, was sie mit Nouvelle Vague verbinden. Von 60 Studierenden sind 55 Frauen, und gut ein Drittel sagt „Mein Vater hatte diese Filme archiviert, führte mich sehr früh an sie heran. Ich wurde mit ihnen erwachsen.“ Dein Vater weiß nicht, was Nouvelle Vague ist. Du gehst – weil du nicht hören willst, wie 20 höhere Töchter jede Woche von ihrer Bildungsbürger-Kindheit schwärmen.

Du ignorierst KuWi-Theaterstücke – verpasst Performerinnen, Regisseurinnen. Du ignorierst KuWi-Konzerte – merkst viel zu spät, wie ambitioniert viele Musik-KuWis studieren. Dich langweilt Hochschulpolitik – du lernst keine aktivistischen Stimmen kennen. Nur KuWi-Filmstudenten hörst du dauernd. In allen Kursen, mit selbstverliebten Kommentaren.

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zehn:

Ihr sprecht kaum über Geld. Du weißt nicht, wie arm oder reich eure Eltern sind. Oft wirken Männer abgerissen, ungesund, asketisch – doch haben ganz andere finanzielle Polster.

Du hältst dich für normal. Das heißt: Du wohnst allein, in einer großen Dachwohnung – doch hast kein Geld, sie richtig zu beheizen. Du frierst fünf Monate im Jahr, fünf Jahre lang. Du hast ein Auto und musst nie mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Uni – aber kein Geld für Urlaub, Restaurants. Dein Kontostand ist oft bei 20 Euro – doch nie im Minus.

Kommiliton*innen arbeiten u.a. bei Schlecker. Du machst keinen einzigen Job fürs Geld – und darfst fünf Jahre lang nur lesen, schreiben, lernen. Du verachtest jeden, der den Pizzaservice ruft, sich Cocktails oder Häagen-Dasz-Eis leistet – doch rauchst jeden Tag 30 Zigaretten. Deine Mutter zahlt gebrauchte Bücher: Du lässt dir nie eine Bibliothekskarte ausstellen – weil du nur kaufst, oder Karten von Freund*innen benutzt.

Zwei Jahre lebst du ohne Internet, recherchierst nachts im Rechenzentrum. Als dein Vater einen Anschluss legen lässt – du denkst: eine Flatrate –, du Downloads startest und 400 Euro nachzahlen sollst, hilft er dir aus, ohne Klage. Du bist 400 Kilometer weit weg, fast ohne Verpflichtungen. Aber weißt: Du kannst fast immer um Hilfe rufen – und wirst von deiner Familie aufgefangen.

Deine Mutter macht sich Sorgen, weil deine große Wohnung hinter dem Bahnhof liegt, in der Nordstadt. Du bist sicher, der belesenste Mensch der Straße zu sein. #gentrifizierung

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elf:

Egal, was du sagst oder schreibst – du siehst dich im direkten Vergleich mit den vier Männern des Jahrgangs. Neun Frauen haben es schwerer – noch mehr, sobald sie aus der Masse weiblicher KuWis stechen müssen: Jede Frau hier kennt fünf andere, die ihr ähnlich sehen, und jeder Mann und fast jede Frau debattieren, sortieren, werten, ranken diese Frauen ständig gegeneinander – ihr Aussehen, ihre Kompetenz, ihre Stellung an der Uni.

Alex macht eine Performance: Sie zieht sich aus, vor einem leeren Ladenlokal, will dort eine Woche lang nur mit Objekten leben, die ihr Fremde schenken oder leihen. „So will sie auffallen?“, fragen Männer aus dem Studiengang. „Ein alter Mann gab ihr seinen Pulli, damit sie nicht mehr nackt auf der Straße steht.“

Jede Party rekrutiert sich aus kaum 500 potenziellen, immer gleichen Gästen. V kommt enttäuscht nach Hause: „Heute war es eine Wasserloch-Party.“ Du stellst dir eine Savanne vor: Räuber, Beutetiere. „Nein“, sagt sie: „So nennt man Mädchen, die es nötig haben. Wegen dem Männermangel. Sie werden feucht, wenn auch nur EIN Mann kommt: Wasserlöcher.“

2007 bist du mit Q auf Hs Kostümfest. Du weißt nicht, ob du H gefällst. Zwei Frauen, X und Y, bleiben bis zum Schluss. X hat einen Freund, aber flirtet mit dir. Als du nicht darauf eingehst, tauscht sie Küsse mit Y. Q sagt: „Am Ende hätten all drei Frauen mit dir rum gemacht – aus Verzweiflung.“

Kurz darauf sagt Q, sie habe oft Angstzustände und sei einsam. „Ich will nichts von dir. Aber ich würde gern bei dir liegen können, wenn ich Attacken habe. Als Dank können wir auch Sex haben.“

V sagt, bei einer KuWi-Performance lud eine nackte, mit Schokolade beschmierte Studentin alle ein, an ihr zu lecken. V sagt, bei einer Theater-Semesterabschluss-Performance zum Thema Gender hätten sich mit Seifenlauge beschmierte nackte KuWis mit Sekt betrunken, bis es zu Gruppensex auf der Bühne kam. „Prüfer kuckten zu. Und wieder alles nur aus Frustration.“

Anne Köhler schreibt, sie fuhr für Dates mit einem Kommilitonen übers Wochenende nach Hamburg: In Hildesheim wären sie alle drei Meter erkannt, beurteilt worden.

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zwölf:

Eine KuWi ist lange in dich verliebt. Du denkst nur: „Nein – das liegt daran, dass hier kaum Männer sind.“ Zum ersten Mal fühlst du dich wahrgenommen, begehrt, sexuell relevant. Alle Frauen fühlen sich ungeliebt, auswechselbar wie nie.

Viele KuWis tragen Rock über Hose, bunte Tücher im Haar. Frauen, die sich strenger oder femininer kleiden, stehen schnell unter Tussi-Verdacht. Der KuWi-Look ist so eingängig, uniform, dass deine Mutter bis heute, wenn sie Autorinnen, Moderatorinnen beschreibt, oft sagt „Das war keine richtige Frau. Das war halt so ein KuWi-Mädchen.“

Deine Exfreundin hat Besuch von Kommilitonin Simone. „Na? Bist du auch so ein KuWi-Mädchen?“ – „Ich bin Simone. Ich bin eine Frau. Und ich studiere Kulturwissenschaften.“ Simone wird deine beste Freundin. Du sagst nie wieder „KuWi-Mädchen“.

Eine KuWi mit leiernder Stimme stellt verwirrte Fragen. Sie wirkt androgyn und abgemagert: Hat sie eine Essstörung? Du und eine Freundin nennt sie „Gender Bender“.

Ein KuWi trägt einen Nasenring, schwarze Fingernägel und das Glitzerlogo einer Glam-Metal-Band, Cinderella. Du und eine Freundin nennt ihn „Cinderella“.

Es gibt zwei schwarze Frauen im Fachbereich, einen Mann. Bei lesbischen und bisexuellen Frauen spekuliert ihr, ob sie nicht nur „verzweifelt“ sind. Mit der Zeit lernt ihr drei, vier KuWis kennen, die aus einfachen Elternhäusern stammen. Oft gingen sie schon in Hildesheim zur Schule.

Sina finanziert ihr Studium mit Auftritten in Gerichts-Shows auf RTL. Als sie in einem Seminar zu Literaturkritik ihre Mailadresse angibt, rollen alle die Augen und finden sie „absurd“ und „prollig“: 156-cm-purer-sex@web.de

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dreizehn:

Alle haben Angst, verwechselt, übersehen, ersetzt oder übergangen zu werden – in Freundschaften, Beziehungen, Projekten. Wer zögert oder Pflichten nicht übernehmen will, weiß: Es gibt genug genügsamen, motivierten Ersatz. Und weil sich alle ähneln, braucht es wenig, um zu irritieren:

Matthias Karow mag Gedichte von Bastian Winkler. Er gründet einen Verlag, um sie bekannter zu machen. „Nur einem Freund zuliebe?“, fragt ein Gastdozent: Matthias soll sagen, ob er schwul sei. Tatsächlich kennst du in den ersten drei Jahren keinen schwulen Schreiber oder KuWi. („DAS ist jetzt anders!“, lacht eine Freundin, seit 2016 in Hildesheim.)

Alex‘ WG feiert eine Party unter dem Motto „Spießer“. Um aufzufallen, herauszustechen, trägst du eine Lederjacke und Kajal. „Warum?“, fragt Cinderella. „Warum nicht: Jetzt sehe ich EINMAL metrosexueller aus als du!“ Er lässt dich stehen, doch nimmt deine Entschuldigung bald an. Du schämst dich bis heute.

Eine Frau schreibt über Sex mit einem älteren, dominanten Mann. Eine andere über eine Schülerin, die auf der Feier einer Freundin beim Tanzen von deren Vater angefasst wird. „Sexueller Missbrauch, autobiografisch?“ – „Stefan: So was passiert jeder von uns mal. Ich wollte das einfach aufschreiben.“ Du selbst schreibst eine plakative, vulgäre, absurde Geschichte über Pädophilie – um zu beweisen, dass du jedes Genre bedienen kannst.

In Woche 2 liest ein Kommilitone einen Text aus Sicht eines unglücklichen Bisexuellen. Du verliebst dich in ihn. Drängst, ob der Text autobiografisch ist. Er weist dich zurück – und für zwei Jahre gehst du auf keine Party.

Jule leitet das Erstsemester-Tutorium, trifft die 10, 15 neuen Schreiber*innen als erste. „Tolle Leute dabei?“, fragst du jedes Jahr. 2004 gibt es nur sieben Neue. 2005 passt keine*r zu dir. In Jahr 3 kommt eine Frau, von der Jule glaubt, du wirst sie mögen. Du stürzt ins nächste Seminar, bist hingerissen… und merkst: Sie stellt wirre Fragen. Wieder nichts! Ein weiteres Jahr Warten – auf Lois-Lane-artige Neue.

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vierzehn:

Du lernst Menschen kennen, hast sie satt – doch weißt: Du siehst sie jetzt noch neun Semester lang in jedem Seminar, Projekt, musst alles mit ihnen abstimmen.

Du hasst, wie viele Texte, Vorschläge von dir Redaktionen und Lektorate passieren müssen, geführt von Leuten, die du seit Monaten oder Jahren meiden willst.

Du weißt: Jedes Jahr kommen etwa 100 neue KuWis, 15 Schreiber*innen. Das ist der Pool. Sonst gibt es niemanden.

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fünfzehn:

Deine Vermieterin ruft an: „Beseitigen Sie das mit Ihrem Auto!“ Jemand türmte 30, 40 gelbe Säcke auf den Polo, über Nacht. Dir fallen 50 Menschen ein, die dich steif, unangenehm genug finden, um darüber zu lachen. Doch kein einziger, der dich so wenig mag, um sich diese Mühe zu machen. Ein Scherz? Berechtigte Aggressionen?

Jule will für Frauenzeitschriften schreiben, und machte ein Praktikum beim Stadtmagzin Prinz. „Na, wenn das kein Kulturjournalismus ist!“, sagt Porombka. Jule hört das als Kompliment. Du denkst, er spottet.

„Es gibt verschiedene Sorten Literaturkritik. Das Feuilleton. Und dann mehr das, was Stefan macht: Brigitte-Journalismus.“ Jule denkt, Porombka scherzt. Du traust dich nicht, zu fragen.

Direkt danach fragt er, wer Radiofeatures zum Thema „Literatur und das Bett“ recherchieren will. „Proust schrieb im Bett.“ Du willst alles lesen, über Pfingsten. Porombka nickt. „Nur heißt der Pruuust, Stefan. Nicht Brauwst.“

Um zu beweisen, dass du keinen „Trash“, „Brigitte-Journalismus“ schreibst, liest du in zehn Tagen 4.200 Seiten Pruuust; und bis zum Herbst 50 Romane für ein Essay über Provinz. „Gut getrickst: Klingt fast, als hättest du das echt gelesen“, sagt Porombka und zwinkert.

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sechzehn:

Du bist stolz, nie mit „strategisch wichtigen“ Menschen gefeiert zu haben. 2005 bietet Ortheil ein Seminar zum Schreiben in Venedig. Du scheiterst nicht am Geld: Du hast keine Lust, Energie, tagelang freundlich-professionell-interessierte Distanz auszustrahlen.

2008 fährt Ortheil mit allen 40 Helfer*innen des Literaturfestivals PROSANOVA auf Sylt. Als einziges Mitglied der Leitung bleibst du in Hildesheim: Du willst, dass Leute mit dir arbeiten, weil sie deinen Ton, deine Texte mögen. Du willst kein Klima, bei dem dein Verhalten auf einer Reise oder an einer Bar entscheiden kann, welche Kompetenzen, Posten dir übertragen werden.

2006 bietet dir Porombka eine Stelle als Hilfskraft an. Du brauchst die Zeit zum Lesen, Schreiben und sagst ab. „Dir ist deine Selbstverwirklichung also wichtiger?“ mailt er – und du hast Angst, ihn vor den Kopf gestoßen zu haben. „Mach sowas nicht!“, klagt deine Mutter. „Du bist von diesen Männern abhängig!“ Das sagte sie schon über alle Lehrer deiner Schulzeit.

Du fürchtest ein paar Monate, dass dich Porombka schneidet oder hängen lässt. Dann merkst du: Nein. Er meint es ernst. Schreiben und Selbstverwirklichung sind wichtiger!

Du leitest ein Tutorium, vergütet als halbe Hiwi-Stelle – doch findest deine Steuernummer nicht und kümmerst dich nicht weiter um die 200 Euro Lohn. Eine Mitarbeiterin schreibt, sie streicht das Geld und sagt Ortheil, dass du ihre Briefe ignorierst. Du denkst: Wer Zeit für Steuernummern nimmt, hat weniger Zeit, der beste Tutor zu sein, der er sein könnte. Ortheil wird das verstehen.

Du glaubst, wer sich ums Geld kümmert, wirkt unfein, gierig. Noch 2010 prahlst du damit, nie nach Stipendien gefragt zu haben – weil du befürchtest, dass dich Kritiker als saturierten Schreibschul-Streber verlachen, der Steuergelder verbraucht. Erst Armutsexperte (und KuWi) Christian Huberts macht dir deine Privilegien klar: 200 Euro in den Wind schießen – das geht, weil deine Eltern halfen. Es ist keine Leistung oder Charakterstärke.

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siebzehn:

Martin schreibt Rezensionen im Netz, bei der „Berliner Literaturkritik“. Um nachzuziehen, aber Martin Raum zu lassen, bewirbst du dich bei „Literaturkritik.de“. Nach zwei Jahren Studium hast du endlich externe Autoritäten, die deine Arbeit schätzen, verbessern.

Davor aber haben 14 Menschen meist die selben wenigen Ziele, wollen auf die gleichen Posten: Wer darf den Grundkurs Kreatives Schreiben leiten? Muss man dafür erst Hiwi werden? Wer wird Tutor*in für neue Jahrgänge? Redakteur*in beim Webmagazin Lit04? Lektor*in der Landpartie-Anthologie? Betreuer*in neuer Buchprojekte?

Du schickst Kurzgeschichten an BELLA triste – eine Zeitschrift für junge Literatur, gegründet von Studierenden, mit denen du nicht zu sprechen wagst, weil sie zwei, drei Jahre länger in Hildesheim sind. 2005 wird Prosa von dir gedruckt. 2006 wirst du Redakteur – doch weil die erste Generation das Ruder an Jüngere übergab, fehlen dir Prestige und Anerkennung: Du glaubst, dass dich „die Älteren“ peinlich finden.

Für Lit04 liest du alle Bücher Vladimir Nabokovs. Porombka sieht die Ausschreibung für eine Konferenz an der Cornell University – und fragt, ob du den Call for Papers beantworten willst. Du weißt nicht, was ein Call for Papers ist. Doch dein Vater zahlt dir das Ticket nach New York, eine Germanistin bietet dir einen Schlafplatz an, der Vortrag glückt: Du sprichst an Nabokovs alter Uni… und merkst, wie viel entspannender, sachlicher du dich außerhalb Hildesheims verhandeln kannst.

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achtzehn:

„Drei von euch können später von Romanen leben“, warnt Ortheil 2003, beim ersten Treffen. Zu lange glaubst du, das heißt: Drei sind gut genug. Tatsächlich haben von 14 mittlerweile erst drei Romane veröffentlicht – doch fast alle sonst Sachbücher oder große Reportagen, Hörspiele, Kinderbücher, Kurzgeschichten, eine eigene TV-Serie.

Wer heute, 14 Jahre später, noch Romane schreiben will, schreibt und veröffentlicht sie: Einige Türen stehen offen. Viele aber nehmen andere Türen – weil sie rentabler sind oder mehr Spaß machen. Du dachtest, Ortheil sagt: 11 Menschen scheitern an Romanen. Doch wer keine Romane schreibt, schreibt mittlerweile fast immer in Formaten, die ihr oder ihm besser liegen.

Im Studium hörst du das „drei von euch“ als „drei sind es wert“, „drei sind vielleicht interessant“, „für drei werde ich mich einsetzen“, „drei interessieren mich“.

Du liebst eine Ortheil-Porombka-Vorlesung im ersten Jahr, „Jetztzeit“. Zwei Stunden im Audimax, schnell wie eine Samstagabendshow, mit Filmszenen, Livemusik und kurzen Präsentationen älterer Studierender. Dein ganzes Studium überlegst du: Was an meiner Arbeit, meinem Ton, meinen Texten ließen beide auf diese Bühne? Was kann ich bieten, das Porombka interessiert? Ortheil?

Porombka, erst 36, verhandelt sich mit euch. Ihr spürt: Euer Feedback hat Gewicht. Er will gehört, verstanden werden. Ortheil spricht im Fernsehen, kennt Politiker, in Lesungen sitzt ein viel älteres Publikum. Welchen Stellenwert hat euer Blick, eure Meinung für ihn?

Du horchst auf, sobald die beiden jemanden bewundern. Porombka mag Flaneure, Spieler, kleine Formen, Ironie. Auch Ortheil legt euch nahe, klein anzufangen – mit Skizzen und Notaten. Weil er Skizzen bewundert? Oder weil er glaubt, für Größeres seid ihr zu kleine Geister?

Du willst ein Seminar zur Popliteratur geben. Ortheil hält es gemeinsam mit dir, 2007. Du bist begeistert über die Freiräume, die er dir lässt – doch hast dauernd Angst, ihn zu langweilen. Du sprichst mit ihm wie mit deinem Vater: Betonst, wie hart du arbeitest. Merkst dir jede Wertung, jedes Urteil. Doch gehst, so schnell du kannst. Du fürchtest bis heute bei vielen Männern dieser Generation: Je besser sie deine Werte, Prioritäten kennen… desto läppischer, alberner finden sie dich.

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neunzehn:

Wie viele Seminare waren von Männern? Wie viele von Frauen?

Alle fünf Psychologiekurse machst du bei der selben ungewürdigten, von Lehrämtler*innen angeblafften Professorin. In Kunst unterrichten dich fünf Männer, eine Frau. Du brauchst keine Mühe, um aufzufallen. Träge Pflichtkurse, die Zeit und Kraft verschlingen.

In Film-Theater-Medien doziert eine grandiose Frau of Color, Mohini Krischke-Ramaswamy, schon 2003 über Fanfiction und lesbische Liebe in „Xena“. Patricia Feise zeigt Grundlagen der Gender Studies am Blick auf „Akte X“ und Seven of Nine. In einem Filmseminar von Corinna Antelmann lernst du an zwei Wochenenden mehr über Spannungsführung als in vier Jahren.

Hans-Otto Hügel ist Professor für Popkultur. In deiner zweiten Woche fragst du nach Pop- und… „…echter Kultur? Wissen Sie, was ich meine?“ – „Kann jemand dem Kommilitonen erklären, dass es ‚E-Kultur‘ heißt?“

Erst ärgert dich, wie viel Jargon vorausgesetzt wird: von Lehrkräften, angeheuert, um euch einzuführen. Schnell aber siehst du Seminare scheitern – weil im Poetik-Seminar fast jeder denkt, es ginge um Gedichte. In Film-Seminaren dauernd Leute fragen, ob Filme überhaupt Kultur seien. Immer neue Anfänger*innen alles ausbremsen, mit Grundsatzdiskussionen.

Noch einmal „Sailor Moon“: Weil Klaus Siblewski der einzige Lektor bleibt, der in drei Jahren Kurse gibt, glaubst du, als Lektor müsse man sein wie Klaus Siblewski. Ist Felix Huby der einzige TV-Autor, glaubst du, man müsse sein wie Felix Huby. Beide sind 35 Jahre älter und – in Habitus, Ton, Naturell – entmutigend weit weg von jeder Rolle, die du beruflich füllen könntest.

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zwanzig:

An welchen Stellen entlarvst, disqualifizierst du dich – weil du feine Unterschiede nicht kennst?

2013 sagt S: „Ach, die erste BELLA-Redaktion mit ihrem Tocotronic-Look“ und dir wird klar, dass die Frisuren, Trainingsjacken, Schuhe, Zitate für jeden, der deutschsprachige Musik hört, augenfällig sind. Mit 21 macht dich irre, woher alle Adam Green, David Foster Wallace, n+1 kennen – doch kein Mensch Elke Heidenreich zuhört oder die SZ-Bibliothek liest. Weshalb lieben diese älteren Studierenden Tannenzäpfle-Bier aus dem Schwarzwald – und verachten Energy-Drinks? Menschen in deinem Dorf feiern Senseo-Kaffeepad-Maschinen. Hier zählen Espressokannen auf Gasherden in Altbau-WGs – und jede dritte Kurzgeschichte enthält das Wort „Holunderblütensirup“.

2006 willst du deine Rezensionen auf Amazon zweitveröffentlichen. Porombka glaubt, du verkaufst dich unter Wert. Alle sind geschockt, dass du auf die Idee kamst. 2012, beim Literaturwettbewerb Open Mike, liest du aus deinem Roman – und brennst Daten-CDs mit den ersten 100 Seiten, falls Zuhörer*innen mehr wollen. „Du demontierst dich!“, warnt Vea Kaiser. Sie findet, du machst dich und dein Buch lächerlich.

Über TV-Serien spricht niemand am Institut. Dann zeigt Porombka eine Szene aus „Der Bachelor“: Reality-TV ist diskutabel? Im zweiten Semester siehst du einen „Spider-Man“-Sammelband in seinem Regal. Du achtest genau, wer was erwähnt oder lobt: Sind also auch Comics hier erlaubt, salonfähig?

2017 fotografiert sich Porombka in Stützstrümpfen, Unterwäsche – als Bildwitz für die ZEIT. Du merkst, dass du bis heute mental Buch führst: Was er tut, zeigt, was Journalist*innen gerade tun dürfen – ohne, dass Verlage, Redaktionen Achtung verlieren. Je sorgloser, spielerischer Porombka im Netz agiert, desto sicherer darfst du sein, dass dich der Betrieb nicht plötzlich ausspuckt.

2004 kommt die Schriftstellerin, Journalistin Annett Gröschner ans Institut, lehrt über Literatur und Arbeitswelt. Sie ist kompetent, humorvoll – doch trumpft irritierend wenig auf. Gegen Abend ihres ersten Blockseminars (zu Sachbüchern) fragt sie in die Runde, ob jemand Buletten will. „Ortheil, Porombka würden kein Essen anbieten. Oder nur extravagante Snacks. Auf keinen Fall selbst gemachte Buletten: Annett versteht nicht, was hier läuft“, denkst du.

Ab 2009 postet KuWi Merlin verbitterte Links zur Hochschulpolitik: Dir ist nicht klar, wer Carsten Maschmeyer ist. Warum Dozierende nach Jahren gehen müssen – obwohl sie dringend bleiben wollen. Merlin sieht die Uni als fragwürdigen, drittklassigen Sumpf, voll schlecht versteckter Klüngelei.

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einundzwanzig:

Fast alle Männer, mit denen du studiert hast, arbeiten heute im Kulturbetrieb oder sichereren, lukrativen Branchen: Bildung, Werbung. Viele Frauen brachen das Studium ab.

Den längsten Atem haben oft Männer, die durch die Schreiber-Prüfung fielen, als KuWi ein Jahr alle Seminare besuchen, im zweiten Versuch bestehen. 2005, in einer Rauchpause, sagt KuWi Leif Randt, er schaut oft „Samt & Seide“ mit seiner Mutter: eine ZDF-Soap, mit der niemand kulturell punkten kann. Du fragst dich ernsthaft, ob er wegen solcher arglosen Sätze abgelehnt wird.

2008 planst du PROSANOVA, Tag und Nacht – doch eine Stunde pro Woche triffst du deine echten Freund*innen. Ihr schaut „Desperate Housewives“. Je läppischer, alberner die anderen Festivalleiter*innen das finden, desto trotziger, glücklicher sitzt du in der WG, vor dieser Soap.

In einem öffentlichen Poetiktext nennt Lyrikerin Ann Cotten die PROSANOVA-Leitung „Hildesheimer Bubi-Mafia“. Ihr seid vier Männer, zwei Frauen – und dich freut, dass sie den Player-, Poser-, Mauscheltonfall deiner Kollegen nicht ernst nehmen will.

Martin Kordic mag Milena Bodrozic und Sasa Stanisic. Als du Jagoda Marinic zu PROSANOVA holen willst, ist er auf deiner Seite. Dir scheint das etwas billig: Frauen unterstützen demonstrativ Frauen? Ostdeutsche fragen nach Ostdeutschen? Herr -ic will Texte von -ic-Autor*innen? Seilschaften oder Bonuspunkte für biografische Gemeinsamkeiten?

Später lernst du, umgekehrt zu fragen: Warum sucht niemand außer Martin Kordic südeuropäische Stimmen? Warum kennen Heterofrauen im Literaturbetrieb kaum aktuelle lesbische Autorinnen? Welche Journalisten auf Twitter empfehlen Texte von Menschen mit anderem Geschlecht, anderer Hautfarbe? Lobt ein Autor, der selbst vor allem von älteren Frauen bewundert, gekauft, gehört wird, vor allem andere Männer? Du hast den größten Respekt vor Multiplikator*innen, die sich für Menschen außerhalb ihrer In-Group interessieren und stark machen.

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zweiundzwanzig:

Jule liebt Praktika. Sie kann sich eine größere Bandbreite an Jobs vorstellen als alle anderen. Auch Ortheil ist beeindruckt. Er schreibt schon 2005, Jule wird „irgendwann mühelos über den Fluss gehüpft“ sein und ihm „von der anderen Seite aus zuwinken“.

Im Studium hast du Angst vor diesem Fluss: Hast du die Kraft, zu hüpfen? Brauchst du Ortheils Hilfe, um Redaktionen und Jobs zu finden? Dich macht stolz, ihn in fünf Jahren nur einmal direkt um eine Gefälligkeit gebeten zu haben: ein Empfehlungsschreiben für ein Praktikum am Goethe-Institut. Du hast zu kurzfristig gefragt. Er hatte keine Zeit. Das Institut will dich trotzdem.

Herausgeberschaften, Redaktionen, HiWi-Stellen, Tutorien, Lehraufträge, später Promotionen: Einige von euch werden ermutigt, eingeladen, angefragt. Andere suchen Nischen: Sie machen Radio, finden Anschluss bei Theater-, Film-, Medien-KuWis, profilieren sich außerhalb des Instituts, geben das Wettrennen auf.

Vielen Menschen im Studiengang, die sich in Porombka oder Ortheil kaum erkennen, zeigt Annett Gröschner einen dritten Weg: Sie wird Role Model. Dir selbst liegt Porombkas Witz, Schwung, Netz-Euphorie. Wie toll Annett ist, merkst du, als du ihre Texte liest. In persona bleiben die Männer im Mittelpunkt.

2017 erscheint „Es ist Liebe“ – ein Traktat, in dem Porombka Ton, Formen, Arbeitsweisen der Romantik mit neuen Formen von Dialog und Intimität im Netz vergleicht: Tinder, Snapchat, Instagram. „Er schreibt jetzt nicht mehr so extrem“, lobt deine Mutter. „In Hildesheim wolltet ihr immer aus dem Rahmen fallen, schockieren. Jetzt höre ich euch lieber.“ Sie liest das Buch zweimal.

Alle Freundschaften werden leichter, seit ihr nicht dauernd neben-, gegeneinander schreiben, sprechen, wirken müsst. Du hast keinen Spaß an deinem Text über eine Hildesheimer Bushaltestelle – erdrückt, überstrahlt, verwechselbar mit 40 ähnlichen Texten ähnlicher, verwechselbarer Menschen, alle begraben im selben Buch.

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dreiundzwanzig:

Ortheil hat keinen Blog und nutzt kein Twitter, Facebook. Auch Vea Kaiser, 28, sagt 2016 ihren Followern, dass sie jetzt online kürzer tritt. All deine Jobs, Einladungen, Engagements, Kontakte ergaben sich, weil Literaturvermittler*innen dich im Netz lasen, hörten. Dass Kaiser und Ortheil es sich leisten können, diese Kanäle zu ignorieren, zeigt dir: Es gibt noch einen zweiten, analogen Literaturbetrieb – in dem man dich nicht kennt? Wie kommst du rein?

2014 schreibt Florian Kessler, aus Hildesheim und Leipzig schaffen vor allem „Absolventen mit den hochrangigsten bundesrepublikanischen Eltern“ den Sprung in Buchhandlungen, Redaktionen, Professuren: Arztsöhne, Professorentöchter, „ein Managersohn wie Leif Randt“.

„Aber Leif schaut ‚Samt und Seide‘! Er läuft rum wie ein Skater“, protestierst du: „Sein Habitus war so… Suhrkamp-fremd, dass er es auf der Uni schwerer hatte als viele!“ 2003 beschworen alle das literarische „Fräuleinwunder“: Hast du das falsche Geschlecht? Dann starb die Popliteratur: Bist du zu jung? Dann warf man Schreibschulen vor, Texte seien weltfremd, klinisch: Stellt dich deine Studienwahl ins Aus? Und jetzt watscht Florian Leute ab, weil sie reiche Eltern haben? Eure Eltern kamen im Studium nie zur Sprache!

Du brauchst lange, um zu verstehen, auf wen Florians Text befreiend wirkt. Welche Debatten er anstößt – und, dass es nie darum ging, Menschen für ihre Eltern zu strafen. „Leider stimmt in der Polemik unseres geliebten Flo Kessler, den Hildesheim aufgezogen, genährt und gepäppelt hat (bis es ihm zuviel werden musste und er das Zuviel ausgekotzt hat) kaum etwas“, schreibt Ortheil in einem Text zu PROSANOVA 2014 – ohne weiter ins Detail zu gehen.

Statt dir Verbündete, Mentor*innen, Plattformen, Publikum zu suchen, glaubst du von 2003 bis 2008, vor allem abwägen zu müssen, was du zwei einzelnen Professoren zeigen, bieten kannst. Und, wie du auffällst – ohne, dich lächerlich zu machen. Kommuniziert hast du dabei möglichst wenig: Meist war Ortheils Hilfskraft Kai für dich Botschafter, Mittler, Orakel.

Heute – mit Facebook, Blogs, digitalen Orten für Erstkontakt und Dialog – sprichst du viel freier, bringst dich schneller ein: Du kannst alle Texte jeder denkbaren Redaktion anbieten. Hast neue, diversere Kontakte, die notfalls gern vermitteln. Porombka und Ortheil waren gute Professoren. Doch sie waren auch – strukturell – ein Nadelöhr, ein Hegemon, der einzige Fokus. Die Stadt war viel zu klein. Dein Blick zu eng.

Bei PROSANOVA 2017 öffnest du Planetromeo und Grindr. Wie viele queere Männer sitzen mittlerweile hier, in Lesungen? Der Studiengang wirkt bunter, selbstbewusster. Doch die Apps zeigen einen einzigen queeren User: Leif-Randt-Käppi, weit über 30. Nach zwei Tagen wird dir klar: Das war kein Hildesheimer. Sondern der Regisseur eines feministischen Theaterstücks – fürs Festival aus Berlin angereist.

Unnötig wenige Stimmen. Gesichter. Optionen. Hildesheim, das war für dich zu lange: Mangel.

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Ich habe in Hildesheim übers Schreiben nichts gelernt. Was in Hildesheim funktioniert, ist sich für einen überschaubaren, also erträglichen Zeitraum Zuständen auszusetzen, modellmäßig und auf Probe, die so ein zukünftiges Autorenleben fingieren, und eine Ahnung dazu zu entwickeln, ob man das aushält“, schreibt Maren Kames.

„Ich weiß, man hört es nicht gern, aber auch an der wunderschönen Uni Hildesheim im superkuscheligen Fachbereich Kulturwissenschaften habe ich Rassismus-Erfahrungen gemacht. Ansonsten hatte ich genau die gleichen Probleme, die wir alle hatten: zu viele Fächer, zu wenig Zeit, zu viel Bürokratie“, schreibt Simone Dede Ayivi.

„Immer wieder klagt jemand, KuWi Hildesheim müsste eigentlich an eine Fachhochschule: Wissenschaftlich nicht auf dem Niveau einer Universität, künstlerisch nicht auf dem einer Kunsthochschule“, schreibt T. – der in Hildesheim promovierte.

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Weihnachten bei den Eltern: Warum ich die Provinz beschimpfe. („Zuhause“, Daniel Schreiber)

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Weihnachten. Die Zeit, in der man in die Heimatorte fährt, wo man auf die Schultern geklopft bekommt.

– Schön, dich auch mal wieder zu sehen
– Kommst ja gar nicht mehr vobei.
– Und den Heimatdialekt kannst du auch nicht mehr.

Und dann, nach einer gewissen Zeit, Vorwürfe. Immer unversteckter, immer expliziter.

– Also, für mich wäre das nichts, in der Großstadt.
– Die ganze Kriminalität, die ganzen Ausländer.
– Ja, das ist ja schön, dass ihr euch Theater leistet. Zahlen wir gern, im Länderfinanzausgleich. Aber irgendjemand muss das Geld halt auch verdienen.
– (Hinter vorgehaltener Hand) Er ist jetzt was Besseres. Er weiß nicht mehr, wo er eigentlich herkommt.

Und dann die Erinnerungen, weswegen man da unbedingt fort wollte.

Die Demütigungen, der Hass. Schwule Sau!, Kommunistendrecksack!

Keine Angst, ich weiß noch, wo ich herkomme. Das vergesse ich euch nicht.

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…schrieb Netzfreund F. neun Tage vor Heiligabend.

„Sehr starke, sehr traurige Zeilen“, kommentierten seine Leser*innen, „Kommt mir bekannt vor“ oder einfach „Oha“ und „Sorry“.

Ich weiß nicht, ob es mir bekannt vorkommen darf oder sollte:

Als Teenager habe ich mehr Mitschüler mit Worten verletzt, als mich verletzten. Ich wurde nie ernsthaft homophob beschimpft oder gemobbt – und mir hat nie jemand gespiegelt, dass ich auf meiner Schule, in meinem Dorf keinen Platz habe. Man fand mich seltsam, affig, abgehoben, arrogant. Manchmal auch einfach langweilig. Ich wusste: So richtig passt das alles nicht, fast immer.

Doch ich sagte viel öfter, lauter, aggressiver „Ich will weg“, „Das reicht nicht“, „Ich fühle mich hier nicht wohl“…

…als dass man mir sagte „Hau ab!“ oder „Du reichst uns nicht!“

Ich dürfte keinen Text posten, wie F. ihn schrieb.

Doch ich überlege fast jeden Tag, sobald mich der Gedanke an mein Dorf, das Leben in der angrenzenden Kleinstadt und das Leben in Heilbronn (…wo drei meiner engsten Freundinnen mittlerweile leben, glücklich) beklemmen oder deprimieren: Darf ich das eng, beklemmend finden – oder bin ich einfach zu stur oder zu blöd, um dort glücklich zu sein? 

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„Je weiter ich von dort, wo ich aufgewachsen war, weg kam, desto freier fühlte ich mich, desto mehr kam ich zu mir selbst, desto besser ging es mir.“

…schreibt Daniel Schreiber in „Zuhause“, einem 120 Seiten langen Essay über Sehnsucht, Geborgenheit, Identität und die Frage, wie man sich alte, bekannte und ganz neue Orte persönlich erschließen, erkämpfen, erarbeiten kann – und, wo solche Arbeit vergebens ist. Schreibers Buch erscheint erst am 20. Februar 2017; Hanser Berlin schickte mir ungefragt ein Leseexemplar. Ausführlich darüber sprechen, als Literaturkritiker, darf ich noch nicht.

Doch eine Stelle geht mir nicht aus dem Kopf:

„Es ist ein Irrtum, die Welt, aus der wir kommen, zu verklären […]. Für viele von uns ist es der schwierigste Ort, den wir in unserem Leben kennen, der Ort, an dem wir die meisten Konflikte austragen, der Ort, an dem wir uns im Leben am meisten reiben – der Ort, in anderen Worten, an dem wir uns am allerfremdesten fühlen.“

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Meine Eltern sind seit fast 20 Jahren geschieden – doch feiern immer noch gemeinsam Heiligabend: Ich bin stolz darauf, wie respektvoll die beiden miteinander umgehen und ich bin recht froh, meinen Vater in diesem Rahmen zu sehen. Am zweiten Weihnachtsfeiertag, jedes Jahr seit 2001, treffen sich meine Schulfreund*innen zum Raclette-Essen: Ich freue mich schon Monate vorher, alle wieder zu sehen, in einem festlichen Rahmen, Buchgeschenke zu verteilen, die neuen Wohnungen zu bewundern und viele Fragen zu stellen, die ich per Mail oder am Telefon nicht stellen kann.

Heiligabend in der Familie und das Freundeskreis-Raclette sind Traditionen, die mir wichtig sind – und Abende, auf die ich auf keinen Fall verzichten will: Einige meiner stärksten oder wertvollsten Erinnerungen stammen aus diesen Abenden, ich liebe die Kontinuität – und weiß, dass ich willkommen bin, erwünscht, und sich fast alle immer sehr freuen, mich zu sehen.

Trotzdem kosten beide Abende – und ihre Vorbereitung, meine Anreise, und die Versuche, Enttäuschungen, Missverständnisse, sehr private, kurze Momente vor, auf und nach diesen Treffen zu verarbeiten – Kraft: Ich bin ab dem 27. Dezember oft tagelang müde. Ich habe nie Lust, Geld, Energie, schon für Silvester neue große Pläne zu machen.

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„Freund G. feiert Weihnachten in einer Großfamilie, tagelang. Das kostet Kraft, aber: „Hinter allem [steht] die Lektion, dass am Ende das große Ganze zählt, nicht jede einzelne Stimmung, nicht jedes einzelne Wort.“ Das Anstrengende daran, in Berlin zu leben und die Zuhause-Freund*innen in Süddeutschland (die meisten: ohne Facebook) nur ca. alle zehn Wochen zu sehen, ist, dass ich solche Treffen oft behandle wie ein… Drive-by-ShootingAllen SCHNELL sagen, wie sehr ich sie mag. Alle Fragen zwischen Tür und Angel stellen. „Ihr seid mir wichtig!“-Signalraketen und -Beteuerungen senden. Und dann wieder, wochenlang: kein Kontakt“

…schrieb ich auf Facebook über diese Raclette-Abende.

Doch es gibt ein zweites, größeres Problem:

Beide Abende sind wichtig. Doch sie sind nicht besonders schön, für mich.

Immer wieder schütteln mich Dinge durch – viel länger und stärker, als sie sollten:

Seit ich zuletzt daheim bei meiner Mutter war, Anfang November, hängte sie zwei große gerahmte Fotos zurück in den Flur. Beide zeigen unsere Familie, wie sie in den 80er Jahren war: Mein Vater stolz, meine Mutter unsicher, abgekämpft, mein Bruder und ich in einem Alter, von dem ich glaube, dass meine Mutter es bei Kindern am schönsten findet: Ich konnte nicht lesen. Familie war mein Lebensmittelpunkt. Ich war noch nicht so… seltsam, affig, abgehoben, arrogant wie später mit 9, mit 15, mit 19.

Vor ein paar Wochen kam mein Partner zu Besuch – hier in Süddeutschland. Das Dorf feierte gerade Kirchweih, und meine Mutter erzählte uns, man könne das schwer vergleichen: eine Handvoll Süßigkeiten- und Verkaufsstände, ein Karussell… in ihrer Kindheit in den 60er Jahren war das unbeschreiblich. „Und Bürsten wurden da verkauft! Wo hätte man die kaufen sollen, den Rest des Jahres? Da haben sich alle drauf gefreut.“

Bürsten, Mama? Der Händler auf der Kirchweih war eure einzige Möglichkeit, Bürsten zu kaufen?

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Mit 17 fuhr meine Mutter täglich nach Heidelberg, auf eine Haushaltungsschule. Ich hing noch in der Kreisstadt. Mit 19 fuhr sie nach Wien und Ungarn, allein. Mit Mitte 20 baute sie ein Haus, mit Ende 20 hatte sie Kinder, ihr Leben hat sich in einer Geschwindigkeit (und: Selbstverständlichkeit) geweitet, beschleunigt, entwickelt… mit der mein Leben nicht mithalten kann.

Ich bin nicht sicher, warum sie mir vor allem die rustikalen und fast… vormodernen Geschichten erzählt: Dass sie als Kind bei jedem Gewitter aufgeweckt wurde und in der Küche kauern sollte, falls ein Blitz einschlägt. Dass sie in den Sommerferien Tabakblätter auf Schnüre fädelte, die dann in Scheunen getrocknet wurden. Das Klo war außerhalb des Wohnhauses, die Wände waren mit Zeitungspapier tapeziert, und eine Meldung betraf Picasso und seine Geliebte. „Wie hätte ich sonst je wissen können, wer Picasso war? Das war etwas ganz Besonderes!“

Mit 18 sah sie mit ihrem Vater „Der letzte Tango in Paris“: Mein Opa wollte mitreden können oder ihr die Gelegenheit geben, danach einen Gesprächspartner zu haben – falls der Film zu viel für sie gewesen wäre. Das sind die Geschichten, die ich gern hören würde. Die Stellen, an denen meine Mutter ihrer Zeit voraus war. Mutiger. Hungriger. Oft aber klingt sie, als hätte ihr gar nichts gefehlt zum großen Glück – als still, duldsam, passiv monatelang auf die Kirchweih zu warten. Und den Bürstenverkäufer.

Neulich drückte sie „gefällt mir“ auf der Facebook-Seite von „Manufactum“.

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Sobald ich in Berlin Berliner treffe, erkläre ich ihnen viel zu schnell, warum ich nicht viel Lebensqualität aus Berlin ziehen kann: zu grau, zu karg, zu wenig Urban Density, keine wintertauglichen Third Spaces, die ich zu Fuß bequem erreichen kann.

Sobald jemand Hildesheim erwähnt – die Stadt, in der ich fünf Jahre lang studierte – will ich erklären, warum ich dort nicht glücklich war: zu wenig queere Menschen und Diversity, die immer gleichen wenigen Studierenden in allen Seminaren, das städtische Leben fast ohne Akademiker, Buchhandlungen, progressive Kultur.

Fünf Jahre lang war ich jeden Winter in Toronto, den Rest der Zeit zurück im Dorf, im leeren Haus meiner toten Großeltern. Ich glaube, im Vergleich zu vielen Leuten, die fort zogen, kann ich meiner Heimatregion (und, sowieso: meinen alten Freunden und meiner Familie) sehr viel abgewinnen: „Du bist noch so oft daheim? Du drehst nicht durch, nach zwei Tagen?“ Ich poste Fotos. Ich lade Leute ein, mich hier im Dorf zu besuchen. Ich schreibe einen Roman über mein elftes Schuljahr – das nirgendwo anders so dicht und wichtig hätte werden können.

Die Menschen hier geben mir sehr viel – sie wohnen nur meist viel zu lange, zermürbende Autofahrten weit weg von meinem eigenen Dorf: Egal, wen ich sehen will – ich sitze dafür 90 Minuten lang allein im Auto; das ich mir vorher von meiner Mutter leihen muss. Das Licht, die viele Natur, die Freude meiner Mutter, sobald ich zu Besuch komme oder länger hier schreibe, arbeite… ich kann hier auftanken.

Ich habe nur zu schnell das Gefühl, dass alle Menschen von hier, sobald sie mich ansehen und sagen „Schön – oder?“ meinen „Eigentlich fehlt hier nichts“ – und deshalb antworte ich ungefragt auf jedes „Schön – oder?“ mit einem „Mir fehlt DAS. Und DAS hat mich als Teenager schon genervt. Und DAS reicht nicht. Und DAS ist in Städten auch viel besser.“

Von 60 Tagen verbringe ich etwa zehn im Dorf. Das sind sieben oder acht Wochen im Jahr.

Es nicht SO schlimm, 50 Tage lang keinen Bahnhof vor der Tür zu haben. Keine S-Bahn. Keine Restaurants, die ich bequem erreichen kann. Keine Buchhandlungen. Keine sichtbaren queeren Menschen, keine postmigrantischen Theaterstücke, keine Cafés voller Laptops.

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Mein Fehler – jedes Jahr, zu Weihnachten:

Dass ich immer genau den Leuten, die freiwillig und gern hier leben, sobald wir uns kurz sehen, zeigen will, warum ich in Toronto und New York glücklicher war. Warum ist mir wichtig, dass ausgerechnet jene Freund*innen, denen das Leben in einer Stadt wie Heilbronn genügt, die nie im Ausland leben wollten, die eine Familie gründen, statt sich immer wieder auf neue Begegnungen und neue Bekanntschaften an neuen Orten zu stürzen, mir sagen: „Ja. Du hast mich überzeugt. Stefan? Ich verstehe, dass du das Leben in Städten schneller, reicher, dynamischer, stimulierender empfindest“?

Ich behandle – ausgerechnet – die Leute, die gern hier leben, wie eine Jury, die mir immer wieder bestätigen soll, dass meine Langeweile, mein Überdruss, mein Augenrollen oft gerechtfertigt sind. Meine städtischen, meine queeren, meine Akademikerfreunde fragen sich, warum ich so oft zurück komme, so viel Zeit im Dorf verbringe: „Was gibt dir das? Mir gäbe das nichts.“ (Denen müsste ich meinen Überdruss gar nicht erklären.)

Meine Provinzfreunde aber fragen: „Was hast du denn dagegen?“ (und: „Nenn uns doch bitte nicht ‚Provinzfreunde‘! Das klingt ja schlimm.“).

Die „Jury“ fühlt sich dann als Angeklagte.

Ich treffe Menschen, auf die ich mich seit Wochen freue – und sage: „Der Fernbus war teuer und schwer zu erreichen. Die Fahrt in Mamas Auto dauerte ewig. Heilbronn gibt mir nichts. All dieses Hin-und-Herfahren zermürbt mich. Meine Facebook-Freunde wissen mehr von mir als ihr, mittlerweile. Das Raclette kostet Kraft. Mir fällt hier kein Café ein, in dem ich gern sitzen würde. Ach… und kommt mich gern in Berlin besuchen. Aber da ist es trostlos, grau, kalt und alles liegt zu weit auseinander.“

Waren für meine Mutter wirklich die biederen 80er Jahre in der Kleinfamilie die schönste Zeit des Lebens? War noch früher die Kirchweih einer der schönsten Tage ihres Jahres? Und wenn: Ist das so schlimm für mich? Warum werde ich wütend, sobald jemand sagt: Struktur ist gut. Nachbarn sind gut. Das Dorf ist groß genug. Alles, was wichtig ist, ist um uns herum ausreichend vorhanden. Eigentlich ist alles da. Das passt schon, im Großen und Ganzen.

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Ich glaube, Weihnachten wird leichter, sobald ich diese Großstadt-Plädoyers, Wegzieh-Rechtfertigungen verschiebe: Fast alle Menschen, mit denen ich regelmäßig spreche, schreibe, befreundet bin, verstehen sofort, dass ich in einem Dorf nicht sonderlich gut aufgehoben bin. Aber die Leute, von denen ich mir am dringendsten wünsche, zu hören „Klar. Geh! Ich glaube nicht, dass du hier glücklich werden könntest“, sind die Leute, die hier glücklich wurden. Oder daran arbeiten. Und sagen: „Hör auf, zu jammern, dass hier alles fehlt. Hier ist so viel. Du müsstest dir nur mehr Mühe geben.“

Der Tag, an dem ich richtig gern hier bin, ist nicht der beste Tag, um allen dauernd ungefragt und wütend zu erklären, warum ich grundsätzlich lieber woanders bin.

„Naked Boys Reading“: Essay für edel&electric

Foto: Joachim Boepple

Foto: Joachim Boepple

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„Im Sommer 2008 streifte ich den Seitenspiegel eines Autos. Im Sommer 2001 fuhr ich beim Ausparken gegen einen Kleinwagen. Doch das waren meine einzigen Unfälle. Bis mich eine Freundin neulich in die Tiefgarage ihres Wohnblocks lotste: „Du kannst auf unseren Stellplatz!“

Alles war viel zu eng für den Kleintransporter meiner Mutter. Ich wendete. „Winkst du mich raus?“ – „Das klappt so. Fahr!“, sagte sie. Ich rammte einen Pfeiler.

Sie schämte sich. Ich schämte mich. Am meisten schämte sich meine Mutter. Wenn etwas bei mir schief geht, sagt mein Vater bis heute, das läge an ihrer Erziehung. Was ich vermassle, wird ihr zur Last gelegt. Als sie nach Tagen vor Verwandten wagt, den Schaden anzusprechen, lachen alle sie aus.

„Das wissen wir längst! Stefan hat das Auto neulich draußen geparkt: Uns wurde sofort von Freunden erzählt, dass da jetzt eine Schramme ist!“ Man lachte über meine Mutter, weil sie noch glaubte, kontrollieren zu können, wann Peinlichkeiten öffentlich werden. Dabei war alles schon publik: Man hatte nur schadenfroh ihr verschwiegen, dass alle längst darüber lachten, dass sie nicht gut verschweigen und vertuschen kann.

„Was hier am Tisch besprochen wird, geht niemanden was an!“, warnte uns mein Vater jahrelang. „Ich habe neulich ‘Stefan Mesch’ ins Google eingegeben. Aber dann gab es Ergebnisse!“, trumpfte ein Dorf-Rentner auf – als hätte er mich bei irgendwas ertappt. Im Dorf aufwachsen hieß für mich: Gebe ich mehr preis als unbedingt nötig, mache ich mich angreifbar, lächerlich, schwach. Weil alle denken, ich sei zu dumm, meine Geheimnisse zu hüten.

Funktioniert der Literaturbetrieb genauso?“

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Für edel&electric habe ich „Naked Boys Reading“ besucht – eine Nackt-Lesereihe in Berlin. 

Und über Entblößungen geschrieben.

Der vollständige Text ist hier: http://edelundelectric.de/index.php/2015/11/06/naked-boys-reading-eine-nackt-lesebuehne-in-berlin/

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Foto: Joachim Boepple

Foto: Joachim Boepple

guter Journalismus, tolle Texte: Empfehlungen

Underdog Literature WordPress December 2013.

ein Text pro Tag.

deutschsprachig, hintergründig, zeitlos:

seit Neujahr sammle ich Blogposts, Reportagen, Essays, Interviews unter dem Hashtag #textdestages auf meinen Facebook-Profil.

hier sind die ersten zehn. große Empfehlung! markante Stimmen. interessante Thesen. Qualitätsjournalismus, den ich gerne las – und teilen will!

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010. Familie, Altersarmut, Väter:

„Altern und Würde. Bitte, Papa.“

Marlene Halser über ihren Vater, allein auf dem Land, verschuldet, trotzig und stolz. (persönliche Reportage, taz 2014)

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009. Depression, Trauerarbeit, Effizienz:

„Verlust eines lieben Menschen: Nach zwei Wochen Trauer ist aber bitte Schluss!“

Andrea Freund über Trauer als Krankheit, kollektive Bewältigung und die Ungeduld von Arbeitgebern und Nicht-Betroffenen. (Kulturkritik, FAZ 2014)

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008. Neukölln, Verdrängung, Widerstand:

„‚Freies Neukölln‘ muss schließen: ‚Das ist nicht mehr mein Berlin'“

Annett Heide und Susanne Lenz interviewen den Kneipier Matthias Merkle, dem Neukölln nach 8 Jahren zu teuer wird. (Interview, Berliner Zeitung 2014)

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007. Romantik, Ehe, Kitsch:

„Egoistische Zweisamkeit: Ersatzreligion Liebe“

Markus Günther über Paare, die romantische Liebe zum Lebenszweck überhöhen. (Essay / Kulturkritik, FAZ 2014)

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006. Muße, Abschalten, Inspiration:

„Hirnforschung. Warum Nichtstun uns die besten Ideen beschert“

Ulrich Schnabel erklärt neurologisch und kulturwissenschaftlich, woher gute Ideen kommen und wie Pausen dem Hirn nutzen. (Wissenschaft, ZEIT 2010)

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005. Nachtruhe, Reichtum, bürgerliches München:

„Spätkauf in der Innenstadt: München hat jetzt auch einen Späti“

Lena Schnabl trifft Franz Huemer – den Betreiber des ersten Nacht-Kiosk in Münchens Innenstadt. Ein toller Vergleich zwischen Kunden in München und Berlin. (Portrait, Berliner Zeitung, 2014)

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004. Rassismus, Identität, Kindergarten:

„Perspektivwechsel. Warum ich für meinen Sohn Weihnachtsfiguren mit dunkelbrauner Hautfarbe bestelle“

Tupoka Ogette wünscht sich, dass ihr Schwarzer Sohn empowernde Erfahrungen macht – auch im Kindergarten. (Essay / persönliche Kolumne, Migazin 2014)

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003. Big Data, Werbung, deutsche Provinz:

„Marktforschung in Haßloch. Das ist Deutschland“

In einer Kleinstadt in der Pfalz werden neue Produkte getestet: Ist Haßloch das „typisch“ deutsch? Wie wird dort gewohnt, konsumiert… und geforscht?, fragt Gerhard Waldherr. (Reportage, brand eins 2014)

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002. Behinderung, Freak Shows, deutsche Provinz:

„Besuch in der Kleinstadt. In einem Freizeitpark in Rheinland-Pfalz wurden kleinwüchsige Menschen bis in die Neunzigerjahre ausgestellt wie Märchenfiguren.“

Till Krause fragt sich, was aus den Bewohner*innen der „Liliputaner-Stadt“ im Holiday Park (Haßloch in der Pfalz) wurde, die er als Kind bestaunte. (Reportage / Portraits, Süddeutsche Zeitung 2013)

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001. Männlichkeit und Konsum – unfreiwillig komisch:

„Steak unter Würstchen. Prophet der Mannwerdung: Frank Hofmann, Chefredakteur von ‚Men’s Health'“

Lutz Kinkel schreibt ein grandios beobachtetes absurdes Portrait über die Männerzeitschrift ‚Men’s Health‘, ihre ‚Philosophie‘ und den damaligen Chefredakteur. (Portrait / Kulturkritik, ZEIT 2000)

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ich bin freier Journalist – und Literaturkritiker. Buchtipps und Empfehlungen u.a. hier (Link)