Empfindlichkeiten

Kritik & Fazit: Queeres Literaturfestival „Empfindlichkeiten“ am Literarischen Colloquium Berlin

Masha Gessen und Ricardo Domeneck beim Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

Masha Gessen und Ricardo Domeneck beim Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin. Foto: Tobias Bohm

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Artikel in der taz (Stephan Hochgesand)
Audio-Feature bei WDR 5 (Jenni Zylka)
ausführlicher Blogpost (Englisch) von Übersetzerin/Bloggerin Katy Derbyshire
wurstig-desinteressierter Blogpost von Joachim Bessing
Fotos (Instagram)

Eröffnungsrede & Interview mit Thorsten Dönges (Künstlerische Leitung)
Interview mit Samanta Gorzelniak (Künstlerische Leitung)
Interview mit Ronny Matthes (Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für „Empfindlichkeiten“

kurz vorgestellt: die literarischen Texte der Autor*innen
ausführliche Zitate: die persönlichen Statements/Texte der Autor*innen
drei Diskussionsrunden, Tag 2
drei Diskussionsrunden, Tag 3
Mainstream- oder Nischen-Veranstaltung? Blick aufs Publikum

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Vom 14. bis 16. Juli 2016 lud das Literarische Colloquium Berlin über 30 Schriftsteller*innen ein, öffentlich über Homosexualitäten in der Literatur und ihr eigenes Selbstverständnis als queere Schreibende zu sprechen: ein Literaturfestival mit Lesungen, Vorträgen, Panels, Performances und Konzerten.

„Empfindlichkeiten“!

Ich begleitete das Festival als Blogger, sammelte Stimmen, führte Interviews, schrieb Texte und bereitete Inhalte und Momente für Facebook, Twitter und Instagram auf. Katy Derbyshire schreibt: „The best place at the moment to find out what happened is the #Empfindlichkeiten tag at Stefan Mesch’s blog. Stefan was slogging away to document the panel discussions and events, posting interviews with writers and participants, and generally giving a really good impression of the festival. Great work!“ Vielen Dank!

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Zum Abschluss, heute: mein Fazit als Literaturkritiker/Journalist.

Lose Notizen & Gedanken zu drei Tagen Festival – den Stärken, dem Potenzial und den Problemen.

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01_Angenehm kurze literarische Lesungen: An zwei von drei Festival-Abenden wurde Prosa/Lyrik vorgetragen, je 11 bis 15 Autor*innen, zwei Stunden und länger. Das wird hastig, fürchtete ich; zumal bei nicht-deutsch- oder nicht-englischsprachigen Autor*innen nach einer Passage im Original auch noch die englische Übersetzung nachgereicht wurde; gelesen von Katy Derbyshire oder Cameron Mathews. Tatsächlich aber hatte ich großen Spaß, in ungewohnt schneller Folge 11, 12, 15 Kurzlesungen zu hören – entschieden mehr, als 30, 50 Minuten Zuhör-Zeit mit einer einzigen Stimme/Text verbringen zu müssen: Die guten Texte waren Appetizer, machten Lust. Und was mir nichts gab, war nach zehn Minuten vorbei. Gern wieder!

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02_Marlen Pelny las holprig. Gunther Geltinger stolperte immer wieder über seine Sätze. Raziel Reid las im leiernd-melodiösen, auf mich zu affektiert wirkenden Tonfall, in dem fast alle nordamerikanischen Männer Prosa vortragen: ein schlaffer Singsang. Aber: Marlen Pelny gab danach ein Konzert. Geltinger war schlau, wach, ein Gewinn fürs Festival. Und Reid sagte im Diskussionspanel viel Kluges. Ich mag, wenn Autor*innen auf Festivals mehr als einen Auftritt haben, mehr als eine Rolle spielen. Nicht jede*r kann alles. Doch jede*r hatte bei „Empfindlichkeiten“ Chancen, einen schlechten Eindruck oder ein schwächeren Text auszugleichen.

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03_Ich mochte, wie leidenschaftlich und präsent Thorsten Dönges durch die Tage führte: Er wirkte nie gehetzt oder aufgeregt – doch jede Geste machte klar, wie sehr ihm diese Begegnungen am Herzen liegen. Mit-Kuratorin Samanta Gorzelniak schien mir sehr aufmerksam, alert, eine gute Zuhörerin/Gastgeberin… ich wünschte nur, sie hätte öffentlicher gesprochen, moderiert, sich selbst mehr Raum als Expertin genommen. Und: Ich denke, die Kellner*innen und das Catering, die LCB-Belegschaft und die Technik sind zum Großteil heterosexuell. An keiner Stelle aber hatte ich den Eindruck, dass jemand amüsiert, exotisierend, von oben herab auf Autor*innen und Publikum blickt: „Huch. Heute haben wir vielleicht Leute hier bei uns im Haus… interessant!“ o.ä.

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Empfindlichkeiten-Festival, 2. Festivaltag, 16.07.2016, Literarisches Colloquium Berlin

Ahmed Sami Özbudak. Foto: Tobias Bohm

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04_Es gab sechs große Diskussionsrunden – je vier bis sechs Auto*rinnen, dazu Moderation, ca. 70 bis 90 Minuten, je zweimal zum Stichwort „Körper“, „Maske“, „Schrift“. Die drei Begriffe waren zentral für Hubert Fichte, dessen „Geschichte der Empfindlichkeit“ auch für den Namen des Festivals Pate stand. Doch besonders bei „Maske“ führte das zu mürben Grundsatzdebatten um Begrifflichkeiten, Definitionen. Autor*innen, Akademiker*innen legen oft jedes Wort auf die Goldwaage. Fünf, sechs von ihnen einen Begriff wie „Maske“ vorzusetzen, muss in Geschwafel enden. Das nächste Mal vielleicht lieber… eine offen formulierte Frage, als Motto/Leitbegriff der Runde?

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05_Meine beiden Lieblingspanels hatten nur vier Autor*innen (Freitag: „Körper“ mit Perihan Magden, Roland Spahr, Antje Rávic Strubel, Michal Witkowski; Samstag: „Körper“ mit Niviaq Korneliussen, Masha Gessen, Izabela Morska und Ricardo Domeneck; Zusammenfassung hier und hier). Gessen war so wortkarg, dass ich in 70 Minuten nur drei Menschen (plus Moderator) kennen lernen musste – viel schöner als die Sechser-Runden, auf denen jeder Gast zwei Sätze spuckt, dann wieder Statist*in bleibt, ohne Zeit für Wortwechsel, Dialoge, längere Gedanken. Mir gefällt, dass das Festival fast allen vorlesenden Autor*innen auch einen Platz in Diskussionspanels bot. Doch die Zusammensetzungen schienen beliebig, die Panels überfüllt, und viele Gäste gingen unter/blieben blass.

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06_Großartig, während der sechs Panels immer neu zu sehen: Abdella Taia, Angela Steidele, Saleem Haddad hören den Kolleg*innen interessiert, respektvoll zu, im Publikum und melden sich später mit kurzen Kommentaren, Fragen. [Auch Joachim Helfer, Kristof Magnusson und Hilary McCollum sah ich dauernd – sie kommentierten nur weniger.]

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07_Es waren deutlich mehr Männer als Frauen geladen – und einige Autor*innen blieben lange still. Besonders von Suzana Tratnik und Sookee hörte ich auf Panels fast nichts (Sookee war später, beim Vortragen/Rappen, toll). Masha Gessen, für mich der stärkste journalistische/literarische Text im Vorfeld, wirkte lustlos. (Bei den Männern gingen für mich Ahmet Sami Özbudak und Jayrome C. Robinet etwas unter.) Falls es ein Folge-Festival geben wird: mehr Frauen – und unbedingt Bedingungen schaffen, in denen sie mehr/länger sprechen können und wollen.

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Empfindlichkeiten-Festival, 2. Festivaltag, 16.07.2016, Literarisches Colloquium Berlin. Foto: Tobias Bohm

Hilary McCollum. Foto: Tobias Bohm

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08_Unter den Besucher*innen gab es kaum Teenager. Kaum Studierende. Ich sah keine englischsprachigen (Nur-) Besucher*innen (…obwohl fast jeder Satz auf Englisch gesprochen wurde). Auch Frauen 50+ – sonst: auf Lesungen das Gros des Publikums – fehlten. Interessant, dass ich (auch abends) keine schwulen/lesbischen Zärtlichkeiten und Public Displays of Affection sah. Nur zwei (ältere) heterosexuelle Pärchen, die sich küssten und streichelten.

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09_2008 war ich Mitglied der Künstlerischen Leitung von PROSANOVA. Es gibt keine perfekten Festival-Autor*innen – man wägt beim Einladen immer ab: Wer schreibt toll? Wer ist bekannt? Wer kann über seine Arbeit gut öffentlich sprechen? Wer ist nett? Wer ist Geheimtipp/Entdeckung? Und dann: Bitte auch eine große Bandbreite, Diversity, ausgewogenes Geschlechterverhältnis, interessante Unterschiede. „Empfindlichkeiten“ löste, balancierte das recht gut – alles in allem.

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10_Mein Musikgeschmack ist recht eng/einseitig – deshalb ließen mich die vier, fünf Konzerte im Lauf des Festivals recht kalt. Aber: sehr gut, dass es sie gab! Genau wie das Orakel/Puppenspiel, der Auftritt der Drag Queen und, besonders, Künstlerin Martina Minette Dreier, die wie eine Gerichtszeichnerin Gäste und Besucher*innen skizzierte, portraitierte. Ich war lange in Toronto und mag Drag-Queens, die energisch, bitchy, dramatisch performen, moderieren oder lipsynchen. Das eher pointenlose Zwischenspiel der Drag Queen Oszillar am Eröffnungsabend erschien mir schlaff/lapidar – und drittklassig. Gern wieder Drag-Acts. Doch das geht besser!

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11_Ich kenne nur Festivals, bei denen zehn bis fünfzig Mitarbeiter*innen hochnervös in einem Festivalbüro jonglieren, schwitzen, kämpfen. „Empfindlichkeiten“ hatte einen entspannten Büchertisch, solides Catering, jederzeit ansprechbare Gastgeber. Sympathisch, dass LCB-Leiter Florian Höllerer am Samstag noch bis Mitternacht Equipment und Bühnenteile durch den Garten schob/trug – doch selbst dabei schien niemand zu schwitzen: Das Festival war… fast surreal professionell. Hotels, Flüge, teilweise Dolmetscher*innen… Autor*innen, tagelang betreut – und ich sah nichts stocken, missglücken. Respekt!

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Marlen Pelnys Band Zuckerclub. Foto: Tobias Bohm

Marlen Pelnys Band Zuckerclub. Foto: Tobias Bohm

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12_Hubert Fichte gehört zu meinen Lieblingsautoren: 2007 las ich fünf seiner autobiografische Romane. Trotzdem irritiert mich, dass er (nur) auf den ersten Blick absurd zentral fürs Festival wirkte: Er ist auf dem Begrüßungsbanner abgebildet, der Programmtext besteht aus einem sehr langen Zitat, der Festivalname verweist auf die „Geschichte der Empfindlichkeit“. Während des Festivals spielte Fichte dann kaum eine Rolle: Viele Autor*innen, besonders aus dem Ausland, kannten ihn nicht oder wollten nichts über ihn sagen; die Ausstellung der Leonore-Mau-Fotos wirkte recht nebensächlich (…liegt sicher auch am Internet: zehn, fünfzehn großformatige Fotos, das hat für mich seit Google, Tumblr wenig Schauwert); und ich verstehe, dass Fichte ein wichtiger Gast am LCB war, 1963 – aber dann vielleicht doch lieber: ein Expertenvortrag von Roland Spahr; ein ausführlicher Flyer zu den Fotos; eine Website mit allen LCB-relevanten Zitaten/Passagen aus Fichtes „Die zweite Schuld“. Und: Kathrin Röggla ist in meinen Top 10 der angenehmsten, menschlich tollsten Auto*rinnen – doch ihre Fichte-Rede am Eröffnungsabend hat mich (…als jemand, der Fichte halbwegs kennt, sehr mag) überfordert: Ich konnte Röggla erst folgen, als ich die Rede nochmal schriftlich vor mir hatte. Ich höre Röggla gern frei sprechen. Ihre Texte lese ich mit Leuchtstift, Textmarker. Doch wenn sie eigene Texte laut verliest, bleibt für mich nie viel hängen.

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13_Ich bin nicht sicher, ob die nicht-deutschen Autor*innen verstanden, wie das LCB funktioniert, was es auszeichnet usw., und so sehr ich mich freue, dass „Empfindlichkeiten“ ein öffentliches Festival war, keine geschlossene Tagung, frage ich mich: Braucht es genauere Fragen oder Aufgabenstellungen, eine Vorbesprechung, ein Briefing? Masha Gessen z.B. hatte offenbar erwartet, mehrere Tage lang Textarbeit/-exegese mit Kolleg*innen zu machen – und schien teilnahmslos oder enttäuscht.

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14_Toll, dass es einen Reader gab mit literarischen Texten (das meiste: in englischer Übersetzung), zum Blättern und Nachlesen. Bei vielen dieser Texte hatte ich das Gefühl, Autor*innen haben ihre lesbischste/schwulste Passage eingereicht, nicht die erzählerisch beste – doch das Lesen, Entdecken machte Spaß. VIEL besser aber fand ich die persönlichen Statements/Poetiktexte, die fast alle Gäste im Vorfeld des Festivals zusammentrugen. Ich las das als digitales .doc – und glaube, öffentliche Reader oder eine Online-Version wären fürs Publikum ein großer Gewinn gewesen [eine Blog-Version ist in Planung, und auch in „Sprache im technischen Zeitalter“ werden die Statements noch einmal verlegt]. Sehr gut: Der Tagesspiegel/Queerspiegel druckte einige Essays im Rahmen der Festival-Berichterstattung. Saleem Haddads Text gehört zu den klügsten und für ein breites Publikum relevantesten – und ich bin froh, dass er so prominent in einer Tageszeitung erschien.

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14b_Mich irritiert, dass Niviaq Korneliussen in Diskussionen wortgleich die selben Sätze sagte, die sie im Statement / Essay formuliert hatte. Sie wirkte sympathisch, souverän – doch ich unterschätze oft, wie ungern viele Autor*innen einfach losreden, öffentlich frei erzählen. Wie macht man schreibenden Gästen klar: Alles kann – nichts muss?

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Empfindlichkeiten-Festival, 2. Festivaltag, 16.07.2016, Literarisches Colloquium Berlin

Cameron Mathews. Foto: Tobias Bohm

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15_Gut, dass auf Facebook zu „Empfindlichkeiten“ eingeladen wurde: Ich hatte das Festival online recht früh auf dem Schirm und wurde immer wieder daran erinnert, wie viele Kolleg*innen und Bekannte kommen wollen. Die Infos auf der LCB-Website aber waren mir zu knapp und leidenschaftslos: keine Autor*inneninfos und -Fotos, kein Text über Ausrichtung und Stellenwert/Größenordnung/Zielgruppe des Festivals. Gab es auf dem Festival selbst nochmal ein längeres Programmheft – oder nur die Flyer? Falls nicht: Wer erklärt mir im Vorfeld des Festivals, wer Robert Gillett oder Mario Fortunato sind – und warum ich mich auf sie freuen soll?

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16_Ich wünsche mir Expert*innen für lesbische Literatur, ich wünsche mir Buchtipps, Fundstücke, Begeisterung: Ich habe lesbische Lieblingsautorinnen (z.B. meine Lieblings-Jugendbuchautorin, A.S. King), aber bin kaum anglophil und konnte mit Virginia Woolfs „Orlando“ nichts anfangen. Der schwule Kanon ist dichter: Menschen verweisen auf Wilde oder Henry James oder Walt Whitman oder Marcel Proust. Doch fünfmal auf dem Festival zu hören: „Lesbische Liebe und lesbische Literatur bleiben unsichtbar – mit Ausnahme von… nehmen wir mal… als Beispiel: ‚Orlando‘.“ deprimiert mich. „Orlando“ als Allzweckwaffe, ewig einzige Referenz – das kann nicht alles sein!

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17_Drei Gäste, die mir Mühe machten: Izabela Morska riss die Augen panisch auf und sprach viel zu schnell – bei mir kam nichts an, akustisch/inhaltlich, nie. Als sie am Abschlussabend einen Text vorlas – langsamer, verständlich – war ich ratlos: Ich weiß nicht, warum sie zwei Tage durch Sätze und Assoziationen rast, mit ängstlichem Blick, nervös und wirr. Und: Moderator Joey Hanson schien mir sympathisch – doch er benutzt Uptalk/Upspeak. Zum Ende jedes Satzes hob die Stimme, als stellte er… eine Frage? Das ist irrsinnig… anstrengend? Denn damit wirkt er… läppisch und… unvorbereitet? Er stellte die Bücher und Autor*innen in lustlosen, kurzen Floskel-Sätzen vor, als hätte er Zusammenfassungen aus Wikipedia kopiert. Und fragte ständig auf der Bühne nach, ob er einen Namen richtig ausspricht. Bitte: Lieber vorher fragen! Denn jeder Satz wirkte unsicher, uninformiert… und super-gleichgültig den Texten und Schreibenden gegenüber.

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18_Ich will nie wieder in einem Raum mit dem Poeten sein, der für die flachsten Gedanken zehn Minuten Redezeit braucht – doch jedes Mal genervt die Augen rollt, alles Interesse verliert, wenn jemand anderes spricht. Egoman. Rücksichtslos. Selbstverliebt.

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19_Eine Freundin, die oft auf Festivals eingeladen wird, muss sich gelegentlich zwingen, interessiert, dankbar, demütig zu wirken: „Für die Veranstalter ist ihr Event das Größte. Aber manchmal muss ich direkt danach zum Bahnhof weiter – habe einfach keine Zeit, mich einzuarbeiten.“ Viele Autor*innen waren sehr präsent, respektvoll, interessiert: Luisgé Martin… obwohl er ohne Übersetzerin wenig verstand. Ricardo Domeneck… der auf Facebook oft polemisch misanthrop klingt, doch das ganze Festival über herzlich und geistreich wirkte. Edouard Louis… kritisch, aber ohne Allüren. Die Moderator*innen stellten fast nur weiche, freundliche Fragen. Niemand aus dem Publikum wollte sich mit Besserwisserei oder Polemik profilieren. Ich fand EINEN Gast unerträglich. Und zwei, drei weitere Autor*innen eher saturiert, gelangweilt. Doch überraschend viele Beteiligte hatten grandios großen Respekt vor dem Festival – und voreinander.

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20_Sollte ich einen längeren Artikel schreiben über die Poetiken und Standpunkte des Festivals, der Text würde von Abdella Taia handeln, Alain Claude Sulzer, Kristof Magnusson und Raziel Reid. Ich sage oft, dass mich klassische Fantasy-Konflikte wie „Herr der Ringe“ deprimieren – weil die Figuren fast nur um Leib und Leben fürchten, fast alle Probleme auf den banalsten untersten Stufen der Maslow-Pyramide bleiben: „Habe ich Essen?“, „Obdach?“, „Sind die Pferde gefüttert?“, „Reicht der Proviant?“ Am Eröffnungsabend hielt Abdella Taia eine (zu) lange Rede über die Entbehrungen, Verluste, den existentiellen Mangel, den er als junger Schwuler in Marokko erleben musste. Erschütternd. Aber: in simplem, recht kunstlosen Englisch und ohne komplexere psychologische Nuancen. Ein trauriger, einfacher Erklär-Text – der mir die Augen öffnet, aber nichts mit meinen eigenen, abstrakteren Baustellen zu tun hat, die viel höher auf der Bedürfnispyramide liegen: privilegiertere Fragestellungen, Selbstverortungen von queeren Thirtysomethings, die nicht um Leib und Leben fürchten. Magnusson und Reid schienen mir am wachsten, interessiertesten an aktuellem queeren Mainstream, an den Konflikten und Bruchstellen von Wohlstandskindern, den medialen Kulturkämpfen um queere Identität: Wonach schwule Männer in Marokko hungern, will ich lesen, aufnehmen, verstehen. Doch schreiben kann ich besser, wonach in meiner Welt gehungert wird. Älteren Autoren wie Sulzer, schien mir, sind solche Nachgeborenen-Diskurse eher fremd: Identity Politics. Queere Jugendbücher. PC. Schwulsein auf Tumblr. Die Strahlkraft glücklicher schwuler Pärchen in einer Sitcom oder Seifenoper. 50 Geschlechts-Optionen bei Facebook. Klingt alles erstmal läppisch – doch ich glaube, wir brauchen Essayist*innen, Erzähler*innen, Kulturbeobachter*innen – die erklären können, warum es große Fässer öffnet.

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lcb empfindlichkeiten literaturfestival stefan mesch

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zum Blog: Hin und wieder – drei-, viermal pro Jahr – begleite ich eine Lesung, Buchmesse, ein Festival oder andere literarische Events journalistisch, als Blogger. Als-Blogger-Berichten ist eine Sonderrolle, die mir auf Live-Veranstaltungen sehr liegt: Ich spreche auch gerne auf Podien oder moderiere – doch „nur“ im Publikum zu sitzen, ist mir zu passiv. Als Blogger kann ich Interviews führen, Bücher finden/vorstellen und für/mit einer größeren digitalen Öffentlichkeit über Fragen, Programmpunkte und Ideen sprechen – öffentlich, online.

Ich mochte „Empfindlichkeiten“ sehr. Habe drei Tage lang dokumentiert, gesammelt, zugehört. Nach Abschluss, jetzt, will ich noch einmal kritischer Bilanz ziehen: Festivals sind viel aufwändiger, teurer als das Verlegen einzelner Bücher. Doch wenn Buch- und Literatur-Macher Festivals planen, haben sie oft das Gefühl, viel weniger zu erreichen: ein paar höfliche Besucher, dankbare Gäste, wenige Artikel und Blogposts. Ich weiß, wie sehr ich mich selbst als Veranstalter jedes Mal nach Feedback, Texten, Dokumentation sehne. Und nahm mir deshalb vor, für „Empfindlichkeiten“ vor allem mit den eingeladenen Autor*innen und Gästen zu sprechen. Text zu schaffen. Dokumentation. Bleibendes.

Für ein Festival bloggen, das heißt: Ich erhalte eine Aufwandsentschädigung und sehe mich, generell, „im Dienst“ des Festivals. Ich halte fest, was mich interessiert, was mir gefällt und zeige in Texten, Snapshots, sozialen Netzwerken, womit/wobei ich mich wohl fühle und was ich im Programm spannend oder relevant finde. Für Kritik ist Platz. Doch ich bin Journalist, Literaturkritiker – und ein Buch bespreche ich lieber in Zeitungen, oft mit einer gewissen Härte. Und immer: Im Wissen, dass ich das Buch einschätzen kann, verstehe, überblicke. Literaturfestivals kann man schlecht überblicken, völlig verstehen, komplett einschätzen:

Jede*r Besucher*in erlebt andere Programmpunkte, hat andere Begegnungen, viel mehr Bewegungs- und Spielräume als beim Lesen eines Texts. Und: Festivals werden von Menschen gemacht, die MONATE ihres Lebens opfern. Es allen Recht machen wollen. Super-angespannt sind und tausend Bedürfnisse und Ansprüche berücksichtigen, gewichten müssen.

Ich finde es wichtig und legitim, als Privatperson in meinem privaten Blog nach Ende des Festivals öffentlich zu sagen: „Dieser EINE Gast war für mich unerträglich.“

Ich fände es legitim, denselben Satz auf den offiziellen Festivalblog zu stellen, während des Festivals – aber: lieber, wenn ich einer von mehreren Blog-Autor*innen bin, eine von mehreren Stimmen. Und ich verstehe, falls der Gast danach die Festival-Leitung fragt, warum er attackiert wird – auf einer Plattform des Festivals.

Ich finde es auch legitim, als Journalist für eine Zeitung über ein Festival zu richten. Aber: Dann wird aus „Stefan Mesch hasst den Lyriker, der nicht zum Punkt kommt“ schnell „DIE ZEIT attackiert einen Lyriker und das Festival, das ihn eingeladen hat.“ Alles denkbar. Aber: verschiedene Schwerpunkte, verschiedene Rollen.

Bei „Empfindsamkeiten“ war ich sehr gern Blogger.

Das Festival für eine große Zeitung zu erklären und zu filtern, nach den Bedürfnissen, Interessen und dem Wissensstand eines Hetero-Mehrheitspublikums, hätte mir weniger Spaß gemacht.

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Internationales Festival "Empfindlichkeiten" 2. Festivaltag

Empfindlichkeiten-Festival, 2. Festivaltag, 16.07.2016, Literarisches Colloquium Berlin. Foto: Tobias Bohm

Queer Young Adult Literature, 2016: Raziel Reid

Raziel Reid

Raziel Reid

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Raziel Reid is a Canadian novelist and journalist living in Vancouver – and he both spoke and read at the 2016 “Empfindlichkeiten” Literature Festival in Berlin.

His young adult novel „When everything feels like the movies“ (2014) was awarded the 2014 Governor General’s Literature Award for Children’s Literature. The German edition, „Movie Star“ was published by Albino (2016).

Raziel’s Web Site  |  Raziel’s Twitter  |  Wikipedia  |  Instagram

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01_If someone call you „homosexual author“, you…

Show them how well I can hold a pen with my asshole.

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02_The most memorable moment of queerness in your childhood:

As a child I had an affair with a neighbour boy. The experience made its way into my novel Movie Star. He lived next door to my grandparents who were very religious. While my grandmother was upstairs in the kitchen baking pies for church charity events, he and I would be downstairs in the basement “playing”. We were nine or ten years old. There was a small fear that we might be caught, so we knew we were doing something worthy of getting in trouble for, but there was no shame. It was before society had gotten into our heads and made us self-conscious. It was instinctual and very passionate. I loved him.

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03_A queer book that influenced you (how?)…

„Faggots“ by Larry Kramer was a quite stunning moment of my youth and inspired me to move to New York City. It introduced me to the queer underground world and helped me realize my life could be much more than what I’d been raised to believe it could be as a God-fearing Catholic boy. Kramer became my new God, and I’ve been a faithful disciple ever since.

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04_A different piece of queer culture (no book: something else) that influenced you (how?)…

I remember when Will & Grace started airing on TV in the ‘90s. It was the first time I’d seen gay characters. I knew I was gay but wasn’t yet comfortable with my identity. It was both a liberating and shameful experience. I grew up in a small Canadian town. My dad was so uncomfortable when Will & Grace came on he’d leave the room. My mom seemed to like Will, but was embarrassed by the more flamboyant character Jack. Early on it was in my head that it’s better to be a more “straight acting” gay guy like Will than to be effeminate like Jack, an idea which is still perpetuated today. So many gay guys on hookup apps are looking for “straight acting only” and “no fems”.

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05_In book stores, THESE are the authors/artists that you’d feel most honored to be placed next to:

Chuck Palahniuk, Ira Levin, Dennis Cooper, the Bible.

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06_A queer moment you’ve had in Berlin (or anywhere in Germany) that you’ll remember for a long time:

I spent this spring in Berlin, and during my first week here I attended the launch of Matt Lambert’s zine Vitium, which was published by my german publisher Bruno Gmünder. The launch was at Tom’s Bar which is rather infamous, and so I was introduced to the underground scene in Berlin and its artists while watching a live sex show. Quite memorable. I think I’ll have a live sex show at all my future launches!

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07_Name some experts, authors, activists, name some places, institutions and discourses/debates that formed/informed/influenced the way you see and understand queerness – and yourself:

During my youth Warhol’s factory was the first queer scene I became interested in. Warhol said, “In my movies, everyone’s in love with Joe Dallesandro” and everyone watching was too! I loved reading about all the Superstars and was emboldened by characters like Candy Darling and Holly Woodlawn. I felt like such a freak in my hometown, and they celebrated their freakiness — it’s what made them shine.

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08_Name some experts, authors, activists, places, institutions and debates/questions that deserve more recognition/need more love:

I recently read One-Man Show by Michael Schreiber which is composed of interviews with the 20th century New York artist Bernard Perlin. He was a fascinating personality and visionary, I enjoyed learning about his life very much. He was connected to many other queer figures like Paul Cadmus, Glenway Wescott, George Platt Lynes, Denham Fouts, and had interesting anecdotes to share about them all. Perlin is underrepresented. He evaved the AIDS plague while living in Greenwich Village when it first hit that community. His survival alone is heroic and worthy of investigation. I’m fascinated by tales from gay artists who lived through the epidemic. The amount of loss they’ve experienced, and the way it shaped them and their work is something which should always be honoured.

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09_Is there a queer figure/personality, a celebrity or a queer story/phenomenom that is very visible in the mainstream culture – and that makes you happy BECAUSE it is so visible?

James Franco is cool. He transcends sexual orientation which is very Hollywood, many people in the industry have fluid sexualities but they’re not all as open and willing to promote it the way he does out of fear of losing out on roles.

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10_If universities/academics talk about queer topics, you often think…

If only they had an imagination.

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11_A person (or, more general: an aspect of personality or appearance) that you find very sexy?

Gore Vidal because he stood up for what he believed in, and even when his beliefs were attacked or garnered him negative attention (as they often did), he didn’t back down. I admire his style.

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12_Are you queer? How does your queerness inform/relate to/energize your art? And, on the other hand: Has your queerness ever been in your way or be a difficulty for you?

I’m privileged to be from a progressive country, Canada – where my sexuality has helped propel my career forward. My first job as a writer was for a queer newspaper, my debut novel is an LGBT teen story and was originally published by a Canadian press known for its queer content and run by two gay men. My sexuality has served as a foundation for my literary work.

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13_There’s a video campaign that wants to prevent depressed queer teenagers from commiting suicide, „It gets better“. DOES it get better? How and for whom? When did it get better for you? What has to get better still?

“It” doesn’t get better. This world will always try to hurt you. What gets better is you. As you get older and find your footing you become wiser and more resilient.

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all my 2016 interviews on Queer Literature:

…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: „Empfindlichkeiten“ Festival 2016:

Thorsten Dönges – Künstlerische Leitung des queeren Literaturfestivals „Empfindlichkeiten“, Literarisches Colloquium Berlin

Thorsten Dönges, Literarisches Colloquium Berlin, Foto von Mandy Seidler

Thorsten Dönges, Literarisches Colloquium Berlin, Foto von Mandy Seidler

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In all times men have been in love with men, women with women.

As E.M. Forster wrote: „There always have been people like me and there always will be“.

Christopher Isherwood called EM Forster the great prophet of our tribe. So have these people really aways been forming one tribe? One community? Or is it much more complicated?

I am glad that so many writers, scientists, translators, friends are joining our festival „Empfindlichkeiten“. In our times, there is maybe something many [queer] people might have in common. It is the experience of what we call Coming Out – and usually you don´t tell your Mama: „Listen, Mama, I am hetero, but don´t be sad or angry…”

Maybe these people even in our days are the people who know how it feels to look different or to walk hand in hand with another person and to be afraid of hostile reactions. There still is homophobia and there is transphobia – in Africa, Russia and Orlando. And in Europe, Germany and Berlin.

We have asked the participants of this festival, writers and scientists, to write short essays on our subject. Many of the essays we received reflect on political questions, on history and they think about which writers could be part of a kind of queer literary tradition. And there is the discussion, how integrated and normalized – or how dissident, subversive and radical queer life should be these days.

…and let me celebrate those who have made this festival possible, with their work, their enthusiasm, their help:
Thank you Samanta Gorzelniak. Christine Wagner, Laura Ott. Mandy Seidler. Samuel Matzner. Yann Stutzig. Ronny Matthes. Christian Schmidt. Thank you Florian Höllerer. Thank you, dear colleagues. Thank you Siegessäule for being our media partner! Thank you: JAK Slovenian Book Agency, Pro Helvetia. Canadian Embassy. Antidiskriminierungsstelle des Bundes. S Fischer Stiftung. Kulturstiftung des Bundes

Thorsten Dönges‘ opening speech – shortened version

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin. Foto von Tobias Bohm.

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin. Foto von Tobias Bohm.

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Thorsten Dönges, geboren 1974 in Gießen, studierte Germanistik und Geschichte in Bamberg. Seit 2000 ist er Mitarbeiter des Literarischen Colloquiums Berlin, wo er im Programmbereich insbesondere für die neuere deutschsprachige Literatur zuständig ist.

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Ich habe das Literaturfestival „Empfindlichkeiten“ als Liveblogger begleitet; und sprach kurz vor Eröffnung mit Thorsten Dönges über Vorgeschichte und Ursprünge des Programms. Samanta Gorzelniak, Thorstens Partnerin in der Künstlerischen Leitung des Festivals, hat schriftlich auf meine Fragen geantwortet (Link hier). Mit Thorsten hatte ich ein zwangloses Gespräch. Hier ein – gekürztes – Protokoll/Transkript:

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Thorsten Dönges: Vor ein paar Jahren las ein Münchner Schriftsteller, Hans Pleschinski, hier am LCB aus seinem Thomas-Mann-Roman “Ludwigshöhe”. Es geht um alles Mögliche: Düsseldorf, die Aufarbeitung deutscher Vergangenheit… und eben auch: eine schwule Liebesgeschichte. Am nächsten Tag stand ich in der LCB-Küche. Und ein Kollege sagte, ganz freundlich: “Das war ja ein schwuler Abend, gestern.”

Da machte es Klack. Niemand würde nach einem Abend, bei dem ein Buch mit heterosexueller Liebesgeschichte vorgestellt wird, sagen: “Was für ein Hetero-Abend gestern. Schon spannend!” Mir wurde klar, dass die Rezeption einfach anders ist – und damit sicher auch der Schreibprozess. Autoren fragen sich: “Für wen schreibe ich das? Wer wäre vielleicht sogar dagegen, falls in meinem Roman ein Frauenpaar auftaucht?” Was macht das mit dem Text – mit der Produktion, und mit der Rezeption?

Es gab so viele Abstimmungen in den letzten Jahren: Ein Land führt die Ehe für alle ein. Andere lehnen sie ab. Schriftsteller beobachten das sehr wach. Sie nehmen daran teil – doch wie mischt man sich ein, als Autor? Dichter in Russland, deren Arbeit dann plötzlich als jugendgefährend gilt, als homosexuelle Propaganda… das sind so unterschiedliche Arbeits- und Schreib-Bedingungen…

„Autorentreffen“, das heißt: 20 oder 30 Leute sitzen um einen Tisch und sagen “Mir geht es folgendermaßen, als lesbische Autorin” – “Mir geht es anders. Ich will gar nicht so sehr als lesbische Autorin wahrgenommen werden.” – “Ich aber sehr wohl! Ich kämpfe total.” Das fand ich spannend – aber nicht spannend genug. Also sagten wir: Wir machen ein Festival. Wo dieser Austausch vorkommt. Aber eben auch: Performances, Musik, Lesungen – ein größerer Rahmen.

Hubert Fichte fragt in „Die zweite Schuld“: Gibt es einen Stil der homosexuellen Literatur? Henry James, dieses indirekte Sprechen… und das ist unser Aufhänger, als These und kleine Provokation. Klar, dass niemand antwortet „Zeig mir fünf Zeilen eines Schriftstellers und ich weiß: Sie ist lesbisch – oder eine Hetera mit acht Kindern.“ Doch als Gedankenspiel, um die Diskussion zu öffnen, fand ich Fichtes Frage interessant. Warum überhaupt Fichte? Ich weiß: Er wird selten übersetzt und hat international wenig Einfluss. Aber seine Geschichte mit dem LCB… in „Die zweite Schuld“ gibt es dieses große Interview mit Walter Höllerer. Er schreibt über die Anfänge des Hauses und die etwas niedliche Art, eine Schreibschule zu installieren.

Was mich herausforderte: Fichte liebt die Provokation – und denkt, die sind dort eigentlich alle… Fichte hatte überall diesen Homophobie-Verdacht: bei Grass und all den Lehrern hier. Er konfrontiert sie alle damit. „Wie haltet ihr es eigentlich so mit Arschfickern?“ Das wäre ein Satz, den er benutzt hätte, 1963. Und gerade das wieder hier ins Haus reinzubringen, fand ich sehr…

Ich hätte gern noch Alan Hollinghurst hier gehabt: Er schreibt an einem neuen Buch und sagte sehr britisch-freundlich ab. Genauso Ali Smith. Murathan Mungan, der wichtigste… ein enfant terrible in der Türkei. Meine Ko-Kuratorin Samanta Gorzelniak und ich haben uns gut ergänzt. Uns beiden lagen Autor*innen am Herzen, die der andere noch gar nicht kannte. Ich selbst mag Gunther Geltingers Bücher und freue mich sehr, dass er dabei ist. Antje Rávic Strubels aktuelles Buch, „In den Wäldern des menschlichen Herzens“, ist großartig. Aber das ist gemein: Wenn ich jetzt einzelne heraushebe.

Ich hatte noch nie vor einem Projekt so viel Respekt – denn irgendjemand fühlt sich immer ausgeschlossen. Oder alle sagen: „Kalter Kaffee: Wir haben doch schon Gleichgestellung.“ Doch die Reaktionen und die Essays und Statements der eingeladenen Autor*innen fand ich großartig – wie viel Herzblut. Und auch, 2016: wie viel Ratlosigkeit.

Wir wollten anfangs ein europäisches Festival. Asien, das wäre nochmal ein ganz anderes… das hätte mich überfordert. Aber dann weitete es sich aus: Wir wollten nach Russland schauen. So kam Masha Gessen ins Spiel – die aber in New York lebt. Dann Ricardo Domeneck – der aus Brasilien kommt, aber in Berlin lebt. Das waren finanzielle Grenzen. Am Anfang schrieben wir von „europäischen Autor*innen“. Jetzt sind wir international. Man könnte auch Michael Cunningham aus den USA einladen. Leute aus Vietnam, Thailand. Wäre sicher spannend – was Japaner zu unseren Fragestellungen sagen. Ob man überhaupt Leute findet, die gern kämen.“

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all my 2016 interviews on Queer Literature:

…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: “Empfindlichkeiten” Festival 2016:

Samanta Gorzelniak – Künstlerische Leitung des queeren Literaturfestivals „Empfindlichkeiten“, Literarisches Colloquium Berlin

ein schnelles Selfie von Samanta Gorzelniak am LCB

ein schnelles Selfie von Samanta Gorzelniak am LCB

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Queere Literatur – aus Europa und der Welt: Vom 14. bis 16. Juli 2016 veranstaltet das Literarische Colloquium Berlin (LCB, am Wannsee) ein Festival zu Homosexualitäten – “Empfindlichkeiten” (mehr Infos in der Spex und auf der LCB-Website).

Ich begleite das Festival als Liveblogger… und stelle bis Sonntag mehreren Künstler*innen, Autor*innen und interessierten Besuchern kurze Fragen zu Queerness, Widerstand und dem Potenzial homosexueller Literatur.

bisher erschienen Interviews mit…

Katy Derbyshire (Link)  |  Kristof Magnusson (Link)  |  Angela Steidele (Link)  |  Hans Hütt (Link)  |  Hilary McCollum (Link)  |  Saleem Haddad (Link)  |  Luisgé Martin (Link)

…und, aus dem LCB-Team, Ronny Matthes (Link).

Samanta Gorzelniak und Thorsten Dönges sind die Künstlerische Leistung des Festivals.

Samanta Gorzelniak, geboren 1978 in Leipzig, ist promovierte Philologin. Sie übersetzt aus dem Polnischen und forscht über Autorinnen der polnischen Romantik. Samantas Website (Link)

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01_Seit wann planst du – zusammen von mit Thorsten Dönges – das Festival?

Letztes Jahr fragte Thorsten, ob ich an der Konzeption usw. beteiligt sein will. Natürlich wollte ich! Thorsten als… ich sag mal: Buchmensch hat einen etwas anderen Zugang zum Thema als ich – ich habe eine literaturwissenschaftliche Sozialisierung und bin in einer anderen queeren Szene unterwegs, in anderen, sagen wir: Zusammenhängen. Aber unsere Schnittpunkte sind die Literatur – und das Nicht-Heteronormative. Und das ist eine gute Mischung!

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02_Was war Grundidee und -Konzept?

Menschen aus möglichst verschiedenen Kontexten, die schreiben, intensiv lesen und Berührungspunkte / Erfahrungen mit queeren Themen haben, zusammenbringen – und sie miteinander reden, einander kennen lernen zu lassen. Die Gemeinsamkeiten ausloten und sich an Differenzen freuen. Vernetzung. Ich glaube, dass unsere Gäste sich verschiedene Fragen stellen und unterschiedliche Dinge für überholt, aktuell, interessant usw. erachten… das liegt ganz klar am Kontext. Und am Grad der Vernetzung, des Austausches, der Solidarisierung.

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03_Wie hat sich das im Lauf der Planung geändert? Musstet ihr irgendwas umschmeißen oder neu denken?

Als uns das Treffen von AutorInnen zu langweilig erschien und wir über Performances, Musik usw. nachdachten, wurde klar: Es wird einfach öffentlich fett eingeladen, Werbung gemacht – viel Publikum ist willkommen!!

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04_Worauf / worüber freust du dich besonders?

Mit Menschen zu sprechen, deren Texte ich seit Jahren kenne und verehre. Diese widerum miteinander in Kontakt gehen zu sehen. Über viele einander zugewandte, aneinander interessierte, liebevolle Menschen. Über Msoke habe ich mich mächtig gefreut und Hilary McCollum [Q&A hier: Link] – sie haben ihren eigenen positiven Wind in die Veranstaltungen gebracht. Aber hey: alle sind toll!

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05_Warum Hubert Fichte, immer noch? Ist er – nach 50 Jahren – noch immer der prominenteste progressiv queere deutschsprachige Autor? Ist das nicht… traurig/schade? [Das Festival ist nach Fichtes „Geschichte der Empfindlichkeit“ benannt und wurde mit einer Ausstellung der Fotos von Fichtes Partnerin Leonore Mau eröffnet.]

Fichte ist für mich eine Art Aufhänger – und seine Geschichte ist mit der des LCB verwoben, das bietet sich natürlich an. Außerdem hat er kluge Fragen gestellt, die uns auch immer noch bewegen, tatsächlich. Das bedeutet nicht, dass nichts passiert im Laufe der Zeit.

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06_Ein queeres Buch, das dich beeinflusst hat?

Alma von Izabela Morska (damals hieß sie Izabela Filipiak). Es ist nicht ins Deutsche übersetzt. Aber ich bin dran 🙂

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07_Zu viele Menschen denken bei „Homosexualität“ zuerst oder fast nur an schwule Männer. Ich wünschte, stärker in den Fokus rücken…

Transmenschen!

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Queer Literature: “Empfindlichkeiten” Festival 2016: