DIE ZEIT

„Der Journalismus ist kaputt“? Hass-Texte und Abdiss-Journalismus, ZEIT Online

Erika-Fuchs-Stiftung / Disney

Erika-Fuchs-Stiftung / Disney


Am 22. April (Mittwoch) schrieb ich auf ZEIT Online über polemische Texte und „Bullshit-Journalismus“:
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Debatten: „Die Hassknechte vom Abdiss-Dienst.

Feminismus, Ego und Debattedebattedebatte: Täglich platzt jemandem irgendwo der Kragen. Alles Neinsager und Rebellen? Oder doch nur Pseudohass?“ von Stefan Mesch

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Zum ersten Mal schrieb ich im März über das Thema. Diese erste Version sollte eigentlich nur redigiert / gekürzt werden; doch weil noch bis April jede Woche neue, umstrittene Texte über Debattenkultur, Wut und Ablehnung veröffentlicht wurden, schrieb ich den Text letzte Woche noch einmal (fast völlig) neu.

Hier im Blog, als Bonus: die frühe Version.

Wut im März!

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Junge Texte werden patzig, wütend, derb: Dem Journalismus platzt der Kragen. Neue Kritiker, Neinsager und Rebellen – oder nützliche Idioten?

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200 Dollar pro Woche, für drei lange Essays und Artikel: Schon lange vor dem Studium wollte M. Kulturkritiker werden. Als freier Journalist alle Kanten der Gegenwart ausmessen. Markante Ich-Texte schreiben wie Joan Didion, David Sedaris. Mit anderen jungen, eigensinnigen Denkern, Welterklärern, Spürhunden, Experten die großen US-Magazine erobern – Harper’s und Vogue, Salon und den New Yorker.

Mitte 20 war er unbezahlter Redakteur bei Worn, einem Indie-Magazin über Außenseitermode. Dann lockte ein erster bezahlter Job – fürs kommerzielle Online-Feuilleton, im Ressort „Style“: freie Themenwahl, drei Texte pro Woche. Kaum redaktionelle Vorgaben; doch auch kaum redaktionelle Betreuung. Hauptsache irgendwas mit Mode – „Content“, den Menschen in Massen klicken, teilen, kommentieren wollen.

M.s Eltern halfen weiterhin bei Essen und Miete. Fünf Tage pro Woche stand er als Barista im Café. Und sieben Nächte pro Woche lag er wach: „Was, wenn kein Mensch meine Artikel klickt? Bringe ich hier Umsatz, Reichweite, Reaktionen? Oder bleibe ich Risiko? Ballast?“ Über 130 Mal musste er entscheiden: Welche Themen hatten Dringlichkeit? Was bringt viele Menschen weiter – oder auf die Palme? Was wird geklickt auf Twitter und Facebook, zwischen 1000 anderen Angeboten – und mit Gewinn gelesen?

Er lud seinen Freundeskreis zum Brainstorming, immer wieder. Vor allem die Frauen sollten reden: Was stört, nervt und beschäftigt sie? Wo mischt sich Mode in ihr Leben? Freundin D., der einzige Single, kochte fast über: „Schreib über Brautjungfernkleider. Die sind totaler Bullshit. Oder über teure Babysachen. So ein Bullshit! Warum schreibt keiner, was für ein Bullshit Kleidergrößen sind? Mir fehlen Texte, die alles anprangern!“

Für D. stand fest: Die Modewelt, der Mode-Diskurs, die ganze Branche war Bullshit. Das Sprechen über Mode war kaputt. Sie wünschte sich Journalismus, der zum Kronzeugen für ihre Wut, zum Megafon für ihren Ärger wird – und alle Missstände täglich neu entlarvt. Ihr fehlten klare, laute Pranger- und Endlich-sagts-mal-einer-Texte, die ihren persönlichen Frust in Worte fassten, ihn online, öffentlich, plausibel teil- und like-bar machten: Shopping ist scheiße. Anpassen ist scheiße. „Sich hübschmachen“ für Dates und Arbeitgeber: Riesenscheiße!

Könnten nicht auch kommerzielle Plattformen jeden Tag an Hunderten Beispielen beweisen: Der Kaiser trägt keine Kleider? Warum zeigt Journalismus, als vierte Gewalt, so selten Zähne?

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Lästern, Haten, Bashen, Ranten

Ich klicke „gefällt mir“, wenn mir Texte aus dem Herzen sprechen. Ich teile, zitiere, poste, tweete Journalismus, der Worte findet für meine eigenen Fragen, Ängste: Wenn mir fremde Menschen neu bestätigen und spiegeln, was ich selbst dachte, irgendwie – nur eben bisher nie: so schön, so öffentlich, so laut und so präzise. Zeitungen sind Speaker’s Corners und Echokammern, Enthüller und Entblößer, Stimmungslabors und Meinungsmacher, Sturmgeschütze der Demokratie… und des Populismus. Ich bin froh, dass so viele und so verschieden wütende Stimmen in Feuilletons Position beziehen. „Ich“ sagen. Widerspruch einlegen. Oder auch mal: lästern, haten, bashen, ranten.

Doch reicht das? Texte feiern, weil sie mein Weltbild, meine Vorurteile stützen? Meinen Frust aufgreifen und genussvoll „Bullshit!“ rufen? Mir sagen, was ich eh schon weiß, zu wissen glaube… oder etwas attackieren und verhöhnen, das ich im Alltag selbst gern attackieren und verhöhnen würde? Ventil-Journalismus, verfasst von Hassknechten und Abdiss-Diensten? Wie viele „kontroverse“ Autorinnen und Autoren sind nur als „Querdenker“, „mutige Schimpfer“ getarnte Schmeichler, die ihrer Zielgruppe die jeweils passenden Ressentiments nachbeten?

Ronja Larissa von Rönne studiert Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim – zehn Jahre nach mir selbst, zehn Jahre jünger als ich und ähnlich aufgekratzt-genervt wie ich mit 22. Tief in den grauen, miefigen Semesterferien stieg sie ohne Hose aufs Bett und postete Selfies – zwischen Shirt und Schenkel, auf halber Hüfte: eine Packung Goudascheiben aus dem Supermarkt. Selfie-Strebertum oder Selfie-Schönheitsideale, sagen diese Scheißegal-Posen, sind Bullshit. Und 22-Sein in Hildesheim ist Käse.

Ich folge dem Ronjas Blog und Ronjas Facebook-Ich. Ihre strahlende, derbe Patzigkeit trifft einen Nerv. Während der halbe Studiengang für ein Literaturfestival putzt und dekoriert, schreibt sie auf jetzt.de: „Es geht darum, Jungautoren so sehr abzufüllen, dass man ihnen die Haare beim Kotzen halten wird.“ Als ich meine alten Schulfreunde zum Weihnachts-Raclette treffe, bloggt sie über ihre eigene Fahrt ins Dorf der Eltern: „Die Stufenschönste ist mittlerweile fett und der ehemalige Klassensprecher hat sich vor einen ICE 3 geworfen. […] Man stellt sich die zerfetzten Einzelteile dieses Arschlochs im Schnee glitzernd vor.“

Ronjas Zorn macht Spaß – in allen Übertreibungen. Sie schreibt, sie will mit einem Mann aus der Supermarktschlange ins Bett, weil „in dessen Einkaufskorb weder Ziegenkäse noch Avocadocreme, sondern ein Tetrapak Rotwein und eine TK Pizza lagen.“ Ich teile den Text auf Facebook. Ronja erhält ein Angebot, Redakteurin im Welt-Feuilleton zu werden.

Wie wütend wollen wir schreiben? Leben? Wie viel Entrüstung und Verweigerung braucht ein debattenstarker Kulturteil? Reinigen Wuttexte die Luft – wie ein Gewitter? Oder plustern sich Leser und Redaktionen gegenseitig in blinde Hysterie? Was kam zuerst: der Wutbürger – oder der Journalist, der mit solchen Texten Stimmung und Auflage machen will? Wie viele Kleider trägt der Kaiser wirklich? Sind Schreiber, die mit Brandreden Likes und Zuspruch sammeln… Brandstifter? Querdenker? Populisten?

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Jungmädchen-Blog im Feuilleton?

Vor fast zehn Jahren wischte Literaturkritiker Helmut Böttiger eine ganze literarische Generation ins Aus: „Warum die deutsche Gegenwartsliteratur so brav, ordentlich und monoton ist“, fragt sein pauschaler Schlag gegen damals junge Autoren. Böttigers Diagnose: Viele Schreiber an Instituten in Hildesheim und Leipzig feilen konforme, schnittige Texte – ohne Inhalt, Dringlichkeit und Aussage.

Letzten Januar fragte Ex-Schreibschüler Florian Kessler: „Warum ist die deutsche Gegenwartsliteratur so brav und konformistisch?“. Das selbe Ressentiment. Die selbe Pseudo-Wut. Schon in der Überschrift die alte, gleiche rhetorische Frage. Nur reicht die Diagnose bei Kessler um eine zusätzliche Ecke: Hildesheimer Texte sind so angepasst, schreibt er, weil viele erfolgreiche Schreibschüler saturierte Eltern haben – die weiterhin bei Essen und Miete helfen. Diese Kinder des Bildungsbürgertums schreiben blutleere Bildungsbürger-Texte.

Zwischen diesen Zuschreibungen, Vorwürfen und Rollen schreibt Ronja Larissa von Rönne – Schnöselname? Schnöselherkunft? Verwöhnte Tochter aus Bayern? – seit knapp sechs Wochen für die Welt: Ein Feuilleton-Aufmacher, in dem sie rät, Wut endlich auszuleben („Es muss weh tun!“) und einem alten Schulfeind unvermittelt ins Gesicht schlägt. Ein Berlinale-Text, der Berlinale-Parties als bodenlosen Bullshit entlarven will. Beide Texte sind patzig, derb. Viel diskutiert. Beide Texte bleiben selbstbewusst in der – im klassischen Feuilleton noch immer ungewohnten – Ich-Perspektive.

Ronja spielt mit Hassmädchen-Klischees. Lästert, hatet, basht und rantet. Ich rolle die Augen… doch habe Spaß: Ist das jetzt „brav und konformistisch“? Markant? Joan Didion 2015? Die vierte Gewalt? Populistischer Bullshit? Oder, wie viele Freunde über 30 bashen: ein Jungmädchen-Blog, der sich ins Feuilleton verirrt hat?

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Neoliberale Selbstdarstellungsschule?

Ich fürchte, zu viele aktuelle journalistischen Texte muss ich von unten her verstehen – aus ihren Leserkommentaren. Aus der Begeisterung, dem Widerspruch, den Klickzahlen und der Empörung, die sie abwerfen. Und abwerfen wollen. Schon seit 1996 ist die US-Kulturseite Slate geschickt auf größten Krawall gebürstet: Jede Schlagzeile dort klingt provokant verdreht. Jede These unerhört und frech. Slate ist gegen alle, aus Kalkül: Ich lese mich wütend. Ich lese zu viel. Jeder Satz regt mich nur weiter auf.

„Kommentare überholen Recherchen“, fasst auch die taz ihre Erfahrungen mit Wut-Autoren, Wut-Lesern und Endlich-sagts-mal-einer-Texten zusammen: „Kommentare, Polemiken und Satire-Artikel“ wurden 2014 zum ersten Mal deutlich häufiger geteilt als „harte Themen und aufwändige Recherchen.“ Auch in der SZ fragten Lars Weisbrod und Nadja Schlüter in knapp 30 Kolumnen bewusst polemisch: „Woher der Hass?“ und wollten enträtseln, weshalb bei Reizthemen wie Laubbläsern, Payback und Veronica Ferres fast jeder Leser „Bullshit!“ schreit.

„Tatsächlich ist das Ich zurückgekehrt in den deutschsprachigen Journalismus“, schreibt Hannah Lühmann, selbst oft gerne „Bullshit!“ polternde Autorin, nach deutlicher Kritik auf zwei kokettiert wütende Berlinale-Ich-Texte von Ronja von Rönne und Katharina Link: „Nun aber sind ein paar der neuen Ich-Schreibenden eben weiblich, und alle sind sich auf einmal sicher, dass die Ursache hierfür ein grassierender Narzissmus sein muss, herangewachsen in einer neoliberalen Selbstdarstellungsschule.“ [guter Text, mittlerweile auch online.]

Mode-Experte M. wollte keinen einzigen „Bullshit“-Wut-und-Mode-Text veröffentlichen. Er arbeitete 11 Monate lang gewissenhaft sein Pensum ab. Schrieb liebevolle, konfliktfreie Texte zu Dumping-Lohn und kellnerte weiter im Café. Gab danach – ausgebrannt, verunsichert und kaum beachtet – seine journalistische Karriere auf. Und macht heute ein Aufbaustudium: PR und Pressearbeit.

Und Florian Kesslers Beitrag schien mir später – ausgeruht – gelungener als beim ersten Lesen. Statt „Schreibschule ist Bullshit!“ fragt Kessler tatsächlich nüchterner: Wer kann sich einen Karriereversuch in Literaturbetrieb und Feuilleton noch leisten? Wie viele Talente, Stimmen blieben außen vor, weil ihre Familien keine Hilfe sein können während Ausbildung und jahrelangem Stottern im Kulturbetrieb? Kein Ranschmeißer-Text. Kein Bullshit-Populismus. Nichts, das kalkuliert größten Zuspruch sucht durch möglichst plakativen Widerspruch.

Doch spielen solchen Nuancen eine Rolle? Für erste bleibt Ronja von Rönne die Aggro-Redakteurin unter Nabelschau-Verdacht. Kesslers Text wird weiterhin ständig als Beleg zitiert, dass junge Texte Bullshit sind, alle Schreiber brav und monoton. Wer Ressentiments zum Thema macht, lockt Neinsager, Zyniker und Nihilisten. Menschen, die den Untergang verkünden – oder sich begeistern, dass eine Zeitung solche Untergänge prophezeit: „Der Journalismus ist kaputt“, versprachen die Krautreporter in ihrer Crowdfunding-Kampagne: „Wir kriegen das wieder hin.“

Bin ich der einzige, dem schon dieser wunderbare, derbe, apokalyptische erste Satz – „Der Journalismus ist kaputt“ – die 60 Euro Abo-Gebühr wert waren? Nicht selten tut es gruselig gut, an prominenter Stelle, patzig, wütend, derb zu lesen: „Hier hakt es. Das läuft schief. Das hier ist Bullshit. Achtung!“ Klar will man uns verführen – zur Wut, zur Angst, zum Tweeten, Teilen, Liken oder zum Widerspruch. Klar sind solche Texte oft unerhört kokett. Doch nach wie vor scheint mir ihre größte, wichtigste Provokation, dass sie aktuell geballt von jungen, lautstarken Frauen kommen. Selbstbewusst. Plakativ. Oft strahlend. Manchmal doof.

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tolle Reportagen, guter Journalismus: Empfehlungen, #textdestages 02

November Sunday Cherry Leaves Stefan Mesch WordPress.

ein Text pro Tag.

deutschsprachig, hintergründig, zeitlos:

seit Neujahr sammle ich Blogposts, Reportagen, Essays, Interviews unter dem Hashtag #textdestages auf meinen Facebook-Profil.

hier sind Texte 11 bis 20. große Empfehlung! markante Stimmen. interessante Thesen. Qualitätsjournalismus, den ich gerne las – und teilen will!

Teil 1, Text 01 bis 10, sind hier [Link]

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020. Schauspieler, Seifenopern, Arbeitslosigkeit:

„Der Serientäter: 14 Jahre Seifenoper – wie verändert das einen Menschen?“

Tobias Haberl portraitiert Sven Thiemann, der zwischen 23 und 37 in der ARD-Soap „Marienhof“ den gutmütigen Klempner Charly Kolbe spielte. Erst mit Ambitionen. Dann bald: resigniert und routiniert. Was tun, nachdem die Serie abgesetzt wird? (Portrait, Süddeutsche Zeitung 2012)

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019. Kulturindustrie, Weltekel, Kinderkanal:

„Bernd das Brot über schlechte Laune: ‚Ich glaube, ich hasse Sie'“

Maria Rossbauer interviewt Bernd das Brot, „Deutschland am schlechtesten gelaunte Fernsehfigur“. Tolles Misanthropen-Comedy-Gespräch im Stil Adornos und Thomas Berndhards. (Kulturkritik / Interview, taz 2014)

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018. Depressionen, Familiengründung, „Problemkinder“:

„Psychologe Andrew Solomon: Jeder vererbt etwas Schwäche“

Julia Prosinger interviewt den Autor und Psychologen Andrew Solomon: Für sein Buch „Weit vom Stamm“ sprach er mit 300 Familien, deren Kinder aus dem Rahmen fielen. Sprechen Depressionen, Behinderungen, Armut gegen die Gründung einer Familie? (Interview, Tagesspiegel 2015)

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017. Behinderung, Selbstbestimmung, Inklusion:

„Raul Krauthausen: Ich bringe der Volkswirtschaft mehr, als ich koste.“

Lea Hampel interviewt den Glasknochenbesitzer und „Sozialhelden“ Raul Krauthausen über das Leben mit Behinderung, seine erfolgreichen Initiativen, Startups und Buchprojekte… und sein Erwachsenwerden in Deutschland und Kolumbien. (Interview, Süddeutsche Zeitung 2014). Ein älteres Interview über Mobilität, von Annett Heide hier (Link, Berliner Zeitung 2014)

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016. Steuerschlupflöcher, US-Konzerne, Ausbeutung:

„Starbucks und die Steuer-Clique. Die großen Konzerne drücken ihre Steuerlast, wo es nur geht.“

Thorsten Schroeder erklärt, wie Starbucks, Apple, Amazon Steuern sparen – und warum Widerstände, Proteste und politischer Druck in Europa kaum helfen. (Wirtschaft, ZEIT 2014)

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015. China, Gewalt durch den Staat, Festnahmen:

„Pressefreiheit: Sie haben Miao“

Angela Köckritz‘ Assistentin Zhang Miao verschwindet nach einer Recherchereise zu Protesten in Hongkong: Chinesische Behörden haben sie fest genommen – und über Tage versucht Köckritz, ihrer Freundin zu helfen: Wie kann die ZEIT ihrer chinesischen Mitarbeiterin helfen? (Reportage, ZEIT 2015)

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014. Mütter, Landleben, Sackgassen:

„Alleinerzehende und Hartz IV: Alltagskampf bis zur Erschöpfung“

Wibke Bergemann portraitiert Mütter, aleinerziehend und im sozialen Abseits: Was macht Hartz IV aus einer Kleinfamilie? (Reportage / Portrait, Deutschlandradio Kultur 2014)

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013. Jobcenter, „Fördern und Fordern“, soziale Teilhabe:

„Zehn Jahre Hartz IV: Immer den Staat im Nacken. Die Teilnahme am normalen Leben ist für Millionen Betroffene fast unmöglich geworden“

Hans von der Hagen und Benjamin Romberg treffen eine studierte Chemikerin, die aus Altersgründen keine Anstellung mehr findet. Vom Jobcenter fühlt sie sich schikaniert, überwacht, entmündigt und entmutigt. Eine Hürde statt einer Hilfe? (Reportage / Portrait, Süddeutsche Zeitung 2015)

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012. Reichtum, Steuern, Abstiegsangst:

„Ab wann ist man reich? Ein Spitzenverdiener spricht.“

Mona Jaeger trifft einen jungen Familienvater im reichen Taunus, der sich selbst nicht reich fühlt: Wo fängt „Wohlstand“ an? Und wieso haben selbst Spitzenverdiener das Gefühl, ihre Familie habe wenig Spielraum? (Portrait, FAZ 2014)

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011. Verbrechen, Justiz, Nahtoderfahrung:

„Jugendgewalt: Der Überfall. Drei Jugendliche ziehen raubend und prügelnd durch die Großstadt. Unsere Autorin hat den Ausbruch der Gewalt knapp überlebt.“

Susanne Leinemann wird auf offener Straße überfallen und bewusstlos geschlagen. Zwölf Tage später werden die Täter gefasst – und Leinemann schreibt über den Prozess. (persönliche Reportage, ZEIT 2010)

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guter Journalismus, tolle Texte: Empfehlungen

Underdog Literature WordPress December 2013.

ein Text pro Tag.

deutschsprachig, hintergründig, zeitlos:

seit Neujahr sammle ich Blogposts, Reportagen, Essays, Interviews unter dem Hashtag #textdestages auf meinen Facebook-Profil.

hier sind die ersten zehn. große Empfehlung! markante Stimmen. interessante Thesen. Qualitätsjournalismus, den ich gerne las – und teilen will!

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010. Familie, Altersarmut, Väter:

„Altern und Würde. Bitte, Papa.“

Marlene Halser über ihren Vater, allein auf dem Land, verschuldet, trotzig und stolz. (persönliche Reportage, taz 2014)

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009. Depression, Trauerarbeit, Effizienz:

„Verlust eines lieben Menschen: Nach zwei Wochen Trauer ist aber bitte Schluss!“

Andrea Freund über Trauer als Krankheit, kollektive Bewältigung und die Ungeduld von Arbeitgebern und Nicht-Betroffenen. (Kulturkritik, FAZ 2014)

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008. Neukölln, Verdrängung, Widerstand:

„‚Freies Neukölln‘ muss schließen: ‚Das ist nicht mehr mein Berlin'“

Annett Heide und Susanne Lenz interviewen den Kneipier Matthias Merkle, dem Neukölln nach 8 Jahren zu teuer wird. (Interview, Berliner Zeitung 2014)

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007. Romantik, Ehe, Kitsch:

„Egoistische Zweisamkeit: Ersatzreligion Liebe“

Markus Günther über Paare, die romantische Liebe zum Lebenszweck überhöhen. (Essay / Kulturkritik, FAZ 2014)

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006. Muße, Abschalten, Inspiration:

„Hirnforschung. Warum Nichtstun uns die besten Ideen beschert“

Ulrich Schnabel erklärt neurologisch und kulturwissenschaftlich, woher gute Ideen kommen und wie Pausen dem Hirn nutzen. (Wissenschaft, ZEIT 2010)

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005. Nachtruhe, Reichtum, bürgerliches München:

„Spätkauf in der Innenstadt: München hat jetzt auch einen Späti“

Lena Schnabl trifft Franz Huemer – den Betreiber des ersten Nacht-Kiosk in Münchens Innenstadt. Ein toller Vergleich zwischen Kunden in München und Berlin. (Portrait, Berliner Zeitung, 2014)

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004. Rassismus, Identität, Kindergarten:

„Perspektivwechsel. Warum ich für meinen Sohn Weihnachtsfiguren mit dunkelbrauner Hautfarbe bestelle“

Tupoka Ogette wünscht sich, dass ihr Schwarzer Sohn empowernde Erfahrungen macht – auch im Kindergarten. (Essay / persönliche Kolumne, Migazin 2014)

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003. Big Data, Werbung, deutsche Provinz:

„Marktforschung in Haßloch. Das ist Deutschland“

In einer Kleinstadt in der Pfalz werden neue Produkte getestet: Ist Haßloch das „typisch“ deutsch? Wie wird dort gewohnt, konsumiert… und geforscht?, fragt Gerhard Waldherr. (Reportage, brand eins 2014)

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002. Behinderung, Freak Shows, deutsche Provinz:

„Besuch in der Kleinstadt. In einem Freizeitpark in Rheinland-Pfalz wurden kleinwüchsige Menschen bis in die Neunzigerjahre ausgestellt wie Märchenfiguren.“

Till Krause fragt sich, was aus den Bewohner*innen der „Liliputaner-Stadt“ im Holiday Park (Haßloch in der Pfalz) wurde, die er als Kind bestaunte. (Reportage / Portraits, Süddeutsche Zeitung 2013)

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001. Männlichkeit und Konsum – unfreiwillig komisch:

„Steak unter Würstchen. Prophet der Mannwerdung: Frank Hofmann, Chefredakteur von ‚Men’s Health'“

Lutz Kinkel schreibt ein grandios beobachtetes absurdes Portrait über die Männerzeitschrift ‚Men’s Health‘, ihre ‚Philosophie‘ und den damaligen Chefredakteur. (Portrait / Kulturkritik, ZEIT 2000)

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ich bin freier Journalist – und Literaturkritiker. Buchtipps und Empfehlungen u.a. hier (Link)

Buchtipps des Jahres: Stefan Mesch

2014 stefan mesch

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Seit 2009 schreibe ich für ZEIT Online.

Interviews, Texte über Bücher und Autoren.

Manchmal auch NetzkulturFilm und Feminismus.

Jeden Sommer empfehlen Mitglieder der Redaktion und freie Mitarbeiter ein Buch für den Urlaub. Jeden Winter einen Weihnachts-Geschenktipp oder ihr persönliches Buch des Jahres.

Mir macht dieses Büchersuchen und -empfehlen Spaß. Ich finde das ganze Jahr lang mögliche Kandidaten. Meine ideale Empfehlung: Literatur, die noch fast niemand kennt… aber die möglichst viele Leserinnen und Leser überzeugt.

Heute, hier gesammelt: meine ZEIT-Empfehlungstexte und Tipps seit 2009.

Im Sommer 2014 gaben zum ersten Mal keine Redaktionsmitglieder / Journalisten Empfehlungen, sondern Autorinnen und Autoren. [Memo an mich selbst: Schnell den Roman fertig machen!]

Ich selbst hatte zwei Bücher in der ersten Sommer-2014-Auswahl:

Meine privaten Bücher des Jahres stelle ich jedes Jahr Anfang Januar HIER vor.

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Stefan Mesch Buchtipps Zeit Online 2

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Weihnachten 2013:

[Original hier] In US-amerikanische Jugendbüchern tut sich stilistisch oft nicht viel: Stakkatosätze. Präsens. Sekundenrealismus, nah am Ich-Erzähler. Alles klingt gleich. Nichts irritiert. Eine Ausnahme ist David Levithan, der in zehn Jahren fast 20 Bücher über Paare, Selbstverwirklichung und Partnerschaft-als-Selbstverwirklichung schachtelte. Jedes klang anders. Allerdings ist Two Boys Kissing ist der erste Levithan-Roman, der mich überzeugt: Acht schwule Jugendliche auf dem Land, 50 Stunden persönlichste Katastrophen und Triumphe, brillante Perspektivwechsel, Schnitte. 200 Seiten nichts als Sätze, die Leser zum Weinen bringen wollen. Vor Wut. Freude. Begeisterung. Ein hoher Ton. (Stefan Mesch)

David Levithan: Two Boys Kissing. A Novel. Knopf Books for Young Readers, New York 2013. 208 Seiten, 11,40 Euro.

erhältlich u.a. hier.

Two Boys Kissing

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Sommer 2013:

[Original hier] Tote Kinder. Zerstörte Existenzen. Im März 1925, nach einem beispiellosen Tornado, steht jede Familie in Marah, Illinois vor verheerenden Lücken. Bis auf Familie Graves: Großmutter, Eltern, Tochter, Söhne, Haus, Auto und Sägewerk bleiben verschont. Falling to Earth, ein straffes Debüt, beginnt als Fabel oder alttestamentarisches Gleichnis. Sobald die Graves‘ aber verstehen, welches Neid- und Vorwurfspotenzial ihr Überleben wecken kann, wird aus der dunklen Mär um Anstand und Verlust ein atemloses, überraschend modernes Psychogramm. Ein Dorf, in Trauer verschnürt – gegen stolze Einzelgänger, die sich selbst zerreißen. Traumatisch gut! (Stefan Mesch)

Kate Southwood: Falling to Earth. Europa Editions, New York 2013. 272 Seiten, 12.99 Euro.

erhältlich u.a. hier.

Falling to Earth

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Weihnachten 2012:

[Original hier] Frauen werden alt – und bitter wie Mutti. Männer bleiben Tölpel – und mit 40 noch Jungs. In Gone Girl, dem erfolgreichsten US-Krimi 2012, spielt Gillian Flynn mit Zorn, Klischees und enttäuschten Erwartungen eines Paars, das von Manhattan aufs Land zieht und sich hassen lernt, als Träume, Jobs, Selbstbilder zerbrechen. In furiosem Zorn hetzt Flynn einen Frauenhasser auf eine Männerhasserin, schnürt ein Entlieben und die schleichend schlechten Kompromisse einer Ehe zu einem grellen, hanebüchenen Komplott: Frauen wollen Handschellen? Schmachtende Vampire? Nein. Ein Partner, geistig reifer als 15 Jahre, wäre hier schon genug. Jemand, der auch mal ungefragt die Küche wischt – ohne dabei zu träumen, dir den Schädel einzuschlagen. (Stefan Mesch)

Gillian Flynn: Gone Girl, Crown Books, New York 2012. 432 S., 12.95 Euro.

erhältlich u.a. hier.

Gone Girl
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Sommer 2012:

[Original hier] Stille Wiesen. Karge Dörfer. Ein Grüppchen Gänse und ein Fuchs, der nachts um die Ställe schleicht: Der Umweg, dritter Roman des niederländischen Gärtners, Schlittschuhlehrers und Erzählers Gerbrand Bakker, zeigt Kitsch- und Sehnsuchtsräume von Landlust-Lesern… in atemloser, neuer Perspektive. Ohne Warnung, Abschied und Begründung flieht eine Frau von Amsterdam nach Caernafon (Wales) und wartet auf den Winter. Ein neuer Alltag, ohne Zwänge? Freiheit? Oder dumpfe Isolation? In Schärfe und Bildkraft, die schaudern lassen, zeichnet Bakker einen Rückzug, ein Haus und eine drastische, faszinierende Entscheidung. Ein Kammerspiel? Ein Thriller? Beides! (Stefan Mesch)

Gerbrand Bakker: Der Umweg. Roman. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Suhrkamp, Berlin 2012, 230 Seiten, 19,95 Euro.

erhältlich u.a. hier.

De omweg
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Weihnachten 2011:

[Original hier] Drei Außenseiter, ein toter Mitschüler, ein Jahr auf einer High School im tristen Pittsburgh, 1991: Stephen Chboskys Jugendroman The Perks of Being a Wallflower erzählt entspannt und ohne falsche Dramatik vom Erwachsenwerden der Grunge- und Mixtape-Generation. Veröffentlicht im Jahr 2000 als vielleicht lieber morgen, doch schon seit Jahren vergriffen. So entschied sich Heyne in diesem Jahr für eine neue Übersetzung: Das also ist mein Leben folgt einer Gruppe hungriger, verletzter Teenager, auf Kollisionskurs mit der Welt. Mehr Herz als Der Fänger im Roggen, mehr Hirn als Virgin Suicides… und 2012 im Kino. Ein Kultroman – ohne schmachtende Vampire. (Stefan Mesch)

Stephen Chbosky: Das also ist mein Leben. Aus dem Englischen von Oliver Plaschka. Heyne 2011, 288 S., 12,99 Euro. 

erhältlich u.a. hier.

The Perks of Being a Wallflower
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Sommer 2011:

[Original hier] Egal, wie „wichtig“ oder „lohnenswert“ ein Buch sich liest – es bleibt ein kleiner Sarg, in dem ein Nachmittag oder ein Wochenende begraben liegt: Der Sommer ist halb vorbei. Die Tage werden kostbarer und kürzer. Wie viele Fehlstarts, Umwege und Sackgassen erträgt ein gutes Leben? Gabriel Bá und Fábio Moon, Zwillingsbrüder aus São Paulo, zeigen in Daytripper zehn End- und Wendepunkte im Leben des brasilianischen Journalisten Bras de Olivias Dominguez. Bras schreibt die Nachrufe der Tageszeitung. Doch seine eigenen Träume müssen warten, jahrelang. Auf Deutsch ist der zum Heulen kluge Comic vorerst nicht geplant. Dann also: Die US-Ausgabe! So brutal zärtlich, ernst und hoffnungsvoll brüllt kaum ein anderes Buch: „Du stirbst. Wach auf! Fang an, zu leben!“ (Stefan Mesch)

Gabriel Bá, Fábio Moon: Daytripper. Vertigo Verlag 2011, 256 S., 14 Euro.

mittlerweile auch auf Deutsch erhältlich, u.a. hier.

Daytripper

 

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Weihnachten 2010: 

[Original hier] Was sind BRIC-Staaten? Was geschah in Darfur? Wem gehört die Arktis? Seit 2003 veröffentlicht die französische Monatszeitschrift Le Monde Diplomatiquekurze, klug recherchierte Grundlagentexte zu Wirtschaft, Krieg und Krise: Der Atlas der Globalisierung ist ein Gemeinschaftskunde-Reader für Erwachsene, faktensatt, überraschend und angenehm differenziert. Globalisierung ist hier kein linker Kampfbegriff – sondern ein (toll visualisiertes) Netz aus Interessen, Konflikten und ihren weltweiten Folgen. Pflichtlektüre! (Stefan Mesch)

Le Monde Diplomatique (Hrsg.): Atlas der Globalisierung. Sehen und verstehen, was die Welt bewegt . taz Verlag, Paris/Berlin 2010, 216 S., 13 €

aktuelleres Update von 2012 erhältlich u.a. hier.

Atlas der Globalisierung: Die Welt von morgen
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Weihnachten 2009 [1]:

[Originale hier] Das erste eigene Haus, zwei hübsche Kinder und eine brave Ehe in der Vorstadt: 1955 merken Frank und April Wheeler, dass sie von ihrem Leben deutlich mehr wollen. Das Paar wagt einen letzten, großen Ausbruch aus der Mittelmäßigkeit. Sam Mendes’ Revolutionary Road, die Verfilmung des Romans, stieß letzten Frühling auf Preise und freundliche Kritiken – und machte Richard Yates’ Romanvorlage, erschienen 1961, zur Wieder-Entdeckung des Jahres: Ein scharfkantiges, wahres Buch, menschlich, modern und erwartet witzig.

Richard Yates: Zeiten des Aufruhrs. DVA, München 2008, 368 Seiten, 14,99 Euro

erhältlich u.a. hier..

 

Revolutionary Road

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Weihnachten 2009 [2]:

Facebook, Twitter, Google Books: 2009 wurden die Debatten um Datenschutz, Copyright und globale Information immer lauter und panischer. Der Romancier, Blogger und Aktivist Cory Doctorow geht den umgekehrten Weg: Visionen statt Verbote, Verstand statt Angst. In Content sammelt er 17 knackige Essays über die Zukunft der Medien und der globalen Kommunikation. Wie alle Bücher und Geschichten Doctorows gibt es Content als klassische Print-Ausgabe. Doch parallel dazu auch als offiziellen Gratis-Download im Internet – wenn auch vorerst nur auf Englisch.

Cory Doctorow: Content. Selected Essays on Technology, Creativity, Copyright, and the Future of the Future. Tachyon Publications, San Francisco 2008, 224 Seiten, 10.99 Euro

gratis hier.

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