Deutschlandradio Kultur

Superman: Rebirth – Dan Jurgens, Peter Tomasi, neu bei Panini

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am 10. Januar sprach ich über die neuesten “Superman”-Comics in Deutschland, als Studiogast bei Deutschlandradio Kultur:

Text von mir und Link zur Audio-Datei, Deutschlandradio Kultur

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Wer Comics auf Englisch kauft und liest:

Seit Juni 2016 sind die “Superman”-Reihen besser als seit Jahrzehnten.

Mein Tipp:

Erst “Lois & Clark” lesen (10 Hefte, ein US-Sammelband), dann die beiden parallelen Reihen “Action Comics” und “Superman” (erscheinen je zweimal im Monat). Auch “Trinity” und “Superwoman” (einmal im Monat) machen Spaß. Im Februar beginnt zudem “Super-Sons”.

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Wer Comics auf Deutsch lesen will:

“Lois & Clark” erscheint in zwei Bänden bei Panini Comics: Band 1 (Link), Band 2 (Link, 7. Februar).

Dann – 18. April 2017 – “Superman: Sonderband 1”.

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Immer wieder landen langjährige Heldencomics in erzählerischen Sackgassen – und räumen auf, indem ein komplizierter Zwischenfall (Zeitschleifen, Dimensionslöcher, parallele Welten) neue, simplere Zustände schaffen soll. 2011 hieß das: Superman und seine große Liebe Lois Lane werden ersetzt, durch jüngere Versionen, in einer neuen Welt. Jene Doppelgänger waren nie verheiratet, sind schroffer und pragmatischer; ein neuer Lex Luthor ist eher Antiheld als Schurke. 2015 strandete der vorige, ursprünglichere Superman in dieser neuen Gegenwart – in Dan Jurgens Reihe “Lois & Clark”: Er hat jetzt einen Sohn im Grundschulalter und lebt mit seiner Lois heimlich auf einer Farm.

2016, im nicht lesenswerten “The Final Days of Superman” starb der jüngere Superman. Seitdem übernimmt die ältere Version die Hauptrolle. In vier verknüpften, oft exzellenten Heftreihen – “Action Comics”, “Superman”, “Superwoman” und “Trinity” – wird dieses Durcheinander durchdacht, von allen Seiten. Es gibt zwei Lois Lanes. Kann man Lex Luthor trauen? Ein Fremder ohne Kräfte behauptet, Clark Kent zu sein. Supermans Sohn will selbst Held werden. Zu viele ermüdende Kämpfe, mittelmäßige Zeichnungen. Doch tolle Figurenarbeit, Rätsel, Ensembles und Intrigen.

Wirres Chaos? Nein: Ein Helden-Mosaik, so stimmig, herzlich, menschlich wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

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gut gezeichnet, aber keine Empfehlung: die Vorgeschichte "Die letzten Tage von Superman", ab 21. Februar 2017 bei Panini

gut gezeichnet, aber keine Empfehlung: die Vorgeschichte “Die letzten Tage von Superman”, ab 21. Februar 2017 bei Panini

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für die Deutschlandradio-Redaktion und meine Moderatorin fasste ich alles in folgenden Stichpunkten zusammen:

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Es geht um das Comic “Superman: Lois & Clark”, das am 3. Januar auf Deutsch bei Panini erschien.

…und es geht darum, wie der Verlag “DC Comics” seit 2011 mit der Figur Superman umging.

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Die Figur Superman hatte in den Comics drei große Phasen:

1) 1986 bis 2011
2) 2011 bis 2016
3) heute

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1) grundsätzlich (ab 1986):

– Es gibt zwei große Superhelden-Verlage in den USA: Marvel Comics und DC Comics. Beide veröffentlichen ca. 50 monatliche (oder, neu: zweiwöchentliche) ca. 20seitige Heftreihen über verschiedene Heldinnen und Helden. Fast alle Marvel-Heftreihen spielen im “Marvel-Universum”, fast alle DC-Heftreihen im “DC-Universum”.

– Fünf bis sechs monatliche Hefte werden danach meist als Sammelband veröffentlicht. Auf Deutsch erscheinen diese Sammelbände bei Panini Comics. “Superman: Lois & Clark” sammelt Hefte, die in den USA von Dezember 2015 bis Sommer 2016 veröffentlicht wurden.

– Die Figur Superman ist nicht nur Hauptfigur in einem alle zwei Wochen erscheinenden Comic namens “Superman”, sondern auch in einer parallelen Reihe namens “Action Comics”, in “Justice League”, in “Trinity” etc., und hat Gastauftritte in weiteren Reihen wie “Supergirl”, “Super-Sons” usw.: Wer will, kann monatlich fast 200 Seiten lesen über das Leben dieser Figur – verfasst von mehreren Autoren/Zeichnern, aber alle zusammenhängend/verknüpft.

– Von 1986 bis 2011 erzählten fast alle DC-Heftreihen eine große, zusammenhängende Geschichte: Batman und Superman wurden Freunde, Batman wurde Vater, The Flash hat geheiratet usw.: Figuren sind in ca. 25 Jahren ca. 10 Jahre gealtert. Einige haben Kinder bekommen, alle wurden etwas reifer, besonnener, bürgerlicher. Superman enttarnte sich vor Lois Lane und heiratete sie. Viele dieser Comics sind recht gut, die Figur ist überzeugend gewachsen.

– Bis 2011 aber wurden solche Hintergrund- und Vorgeschichten so lang und kompliziert, dass DC Comics sagte: “Niemand sollte ein Comic von 1986 kennen müssen, um ein Comic von 2011 verstehen zu können. Wir machen einen Neustart.” Dieser Neustart betraf alle Reihen: In einer Zeitreise-Geschichte verursachte der Superheld The Flash versehentlich ein Paradox… und plötzlich begann vieles von vorne, in 50 Heftreihen, in einem neuen Universum.

[dieser Reboot hieß “The New 52”. ich habe 2011 u.a. hier darüber geschrieben.]

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Superman Batman DC Helden

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2) Superman ab 2011: “The New 52”

– Seit 2011 erzählen alle DC-Heldencomics neue Geschichten… in einem neuen Erzähluniversum… mit den alten Heldinnen und Helden… die aber jetzt verjüngt sind und denen Teile ihrer Vorgeschichte fehlen:

– Superman und Lois Lane sind Redaktionskollegen beim “Daily Planet”, aber waren nie ein Paar. Superman ist jünger, ungestüm, fühlt sich missverstanden und macht viele Fehler. Er verliebt sich in Wonder Woman. Alles ist jugendlicher, frischer, weniger bürgerlich.

– Aber: viele Ehen wurden nie geschlossen, viele Kinder nie gezeugt, vielen Figuren fehlen Tiefe, Vorgeschichte, Erfahrung, Format: Statt den bekannten Helden, Mitte 30, liest man jetzt die Abenteuer von Figuren, die genau so aussehen – doch kaum Mitte 20 sind. Sie sind jünger, naiver, feindseliger, aggressiver. Viele Helden stehen am Anfang und sind einander sehr fremd. Misstrauen, Anfängerfehler, Aggression.

– Dieser 2011er-Neustart war umstritten. Heftreihen wie “Batman” und “Green Lantern” kamen gut zurecht. Doch der neue Superman wirkte wie ein traurig naiver Abklatsch der alten Figur: Kritiken, Auflage und Fan-Reaktionen waren schlecht.

– Von 2011 bis 2016 erschien fast kein “Superman”-Comic oder -Sammelband, den ich empfehlen würde. Mir persönlich fehlt auch die Liebesgeschichte mit Lois Lane sehr: Ich lernte Superman in den 90er Jahren kennen, durch die TV-Serie “Superman: Die Abenteuer von Lois & Clark”. Dort spielt der Redaktionsalltag im Daily Planet eine große Rolle, und Lois ist gleichwertige Hauptfigur. Dass sie in den Comics, besonders ab 2011, oft nur eine Randfigur mit Mini-Auftritten bleibt, missfällt mir.

– 2015, in einem (recht schlechten) Comic namens “Convergence”, wurde einigen neuen Helden klar, dass ihre Vorläufer (also: z.B. der Superman von 1986 bis 2011, ich nenne ihn fortan Superman86) entführt und gefangen gehalten wurden, auf einem Planeten: Zum ersten Mal seit vier Jahren sahen wir die alten Figuren wieder. Die “alte” Lois Lane war schwanger.

– Viele dieser alten Versionen konnten sich retten und befreien… und Superman86 strandete zusammen mit Lois Lane und dem Sohn Jon in der Welt der neuen Figur.

– Der Comic “Lois & Clark” zeigt diese beiden alten Figuren… die jetzt heimlich in der neuen Welt leben: Seit 2015 gibt es also zwei Lois Lanes, zwei Supermans. Die neuen Versionen wussten aber nichts von den alten: “Lois & Clark” erzählt, wie sich Superman86 in Kalifornien versteckt, heimlich den Menschen hilft, aber nicht vom neuen, jüngeren Superman entdeckt werden will.

– Dann, 2016, starb der neue Superman plötzlich (…in Geschichten, die ebenfalls gerade bei Panini erscheinen, 2017: “The Final Days of Superman”… die aber nicht besonders gut oder empfehlenswert sind), und DC Comics wagte einen neuen, zweiten Neustart:

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3) 2016: die alte Figur, gestrandet in der neuen Welt: “DC Rebirth”

– Das Sonderheft “DC Rebirth” erscheint am 28. Februar bei Panini. Es zeigt: Viele Figuren, die 2011 aus der Welt gefallen sind, kommen plötzlich zurück, auf mysteriöse Weise. Alte Geschichten (erschienen vor 2011) werden plötzlich wieder relevant. die neuen Comics, die alle ab diesem Frühling auf Deutsch erscheinen, sind optimistischer, oft besser verständlich, romantischer… Der Verlag versucht, nach dem düsteren Neustart von 2011, jetzt vieles wieder heller zu gestalten, und greift dabei auf alte Figuren und Vorgeschichten zurück.

– In Heftreihen wie “Batman” ist das gar kein richtiges Thema: Die Geschichten gehen, mehr oder weniger, ungefähr so weiter. Um “Batman” zu lesen, muss man nichts über diese Paralleluniversen, Zeitreisen, Paradoxien und Doppelgänger wissen. [Die Reihe “Batman” von Autor Tom King ist nicht besonders gelungen. Aber die Reihe “Detective Comics” von James Tynion. Empfehlung!]

– Die Superman-Heftreihen dagegen machen all das SEHR zum Thema; und bisher ist das ein großer Gewinn, erzählerisch: Es gibt zwei Lois Lanes. Die “alte” Hauptfigur trifft neue Versionen ihrer alten Bekannten und Bezugspersonen, die sie von 1986 bis 2011 gut kannte (Batman, Lex Luthor, Wonder Woman etc.) – doch diese Bezugspersonen kannten ihrerseits nur die jüngere (und: jetzt verstorbene) Version von 2011 bis 2016: Superman86 lernt viele Figuren neu kennen, die aussehen wie seine vertrauten Freunde und Gegner… doch andere Rollen spielen. Das Mit- und Gegeneinander mit z.B. dem neuen Lex Luthor ist aktuell ein großes erzählerisches Vergnügen, weil beide Figuren nur eine jeweils andere Version von sich kannten, bisher.

– Supermans Sohn Jon ist fast zehn Jahre alt und entwickelt eigene Kräfte. Von 2011 bis 2016 erzählten die Comics das Leben eines wütenden, unbeholfenen Single-Supermans. Jetzt, seit “Lois & Clark”, geht es um eine glückliche Familie – Superman86, Lois Lane86, Sohn Jon -, die in einer neuen Welt neu durchstartet. Auch diese Lois hat eine interessantere Rolle als seit Jahren – weil Lois86 Mutter ist, aber die jüngere Lois plötzlich Superkräfte entwickelt… und nichts von Lois86 weiß.

– So verwirrend und barock all das klingt: Aktuell sind die Superman-Heftreihen, die alle in den nächsten Monaten neu bei Panini erscheinen, auf Deutsch, ein toller Einstieg. schöne alte Figuren, desorientiert in einer neuen Welt… doch optimistisch und einsteigerfreundlich erzählt. “Lois & Clark” ist dabei der einfachste und süffigste Einstieg: Wir lernen Sohn Jon kennen, wir erfahren, was Superman86 heimlich/inkognito/undercover in der neuen Welt leistet, und mit dem Ende von “Lois & Clark” (zwei Sammelbände, Band 2 erscheint am 7. Februar) starten dann mehrere weitere Erzählstränge, in denen man diesen Figuren folgen kann:

– Weil die Heftreihen in den USA schon seit Juni 2016 laufen und ich die Originalcomics las, weiß ich: die Reihen “Superman”, “Action Comics”, “Trinity” und “Superwoman” sind einen Blick wert. Als nächstes startet in den USA dann “Super-Sons”, über Supermans Sohn Jon und Batmans Sohn Damian.

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– Verlegerisch und erzählerisch, auf einer Meta-Ebene, geht es hier um Tonfall, Zielgruppen und Zugänglichkeit:

2011 dachte DC Comics: Wir müssen jünger werden, einfacher, härter/jugendlicher/aggressiver – und junge Leser wollen sich nicht mit alten oder verheirateten Helden identifizieren. Weg mit den Vorgeschichten!

2016 wird das korrigiert: Superman und Lois Lane sind ca. 40 Jahre alt, glückliche Eltern, und die Wärme, Besonnenheit, das Miteinander und Vertrauen machen die Comics sympathischer (und: kinderfreundlicher) als seit Jahren.

Mich persönlich freut, dass der Verlag es sich hätte einfach machen können und durch eine WEITERE Zeitreise- und Paralleluniversums-Geschichte alles viel schneller oder sauberer hätte auflösen können. Stattdessen gibt es diesen großen Doppelgänger-Kuddelmuddel… und bisher sorgt der Kuddelmuddel für lesenswerte, aufregende Comics und Konflikte. Alles etwas barock und verwirrend. Aber: sonnig, trotz allem einsteigerfreundlich – und genuin spannend.

Wer die Figuren aus Filmen und Serien ein wenig kennt, doch sich bisher nicht an die Comics traute: “Lois & Clark” ist der ideale Einstieg.

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ebenfalls lesenswert, steht ganz für sich: “Superman: American Alien” von Max Landis

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meine Bilanz, bisher:

“Action Comics” wird ab Sammelband 2 besonders gut; “Superman” ist ebenfalls ab Sammelband 2 gelungen. “Trinity” (toll gezeichnet, aber nur ca. jede zweite Ausgabe) und “Superwoman” (langsam erzählt, etwas träge) sind keine Meisterwerke, aber machen mir Spaß. “New Super-Man” langweilt mich und spielt bisher keine große Rolle, auch die aktuelle “Supergirl”-Serie ist konventionell, langweilig, zweitklassig. Einen Blick wert: “Supergirl: Being Super” (keine Verknüpfungen zu den anderen Reihen). Die “Justice League”-Reihen ab “DC Rebirth” habe ich noch nicht angelesen. Und, wie gesagt: “Detective Comics” ist großartig.

 

Die besten Comics 2016: meine Empfehlungen bei Deutschlandradio Kultur

Deutschlandradio Kultur - Comic-Empfehlungen 2016, Stefan Mesch.PNG

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bei Deutschlandradio Kultur empfehle ich meine 20 Comics des Jahres:

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schon 2015 stellte ich 20 aktuelle Reihen vor, hier (Link).

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heute kurz im Blog, ergänzend: “Leseproben”, kurze Ausschnitte aus allen 20 Titeln.

Texte zu den 20 Titeln, wie gesagt: drüben bei Deutschlandradio Kultur.

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20. Black Magick
Autor: Greg Rucka, Zeichnerin: Nicola Scott
Image Comics, Oktober 2015 bis Februar 2016.
5+ Hefte in 1+ Sammelbänden, wird Mitte 2017 fortgesetzt.

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19. Arcadia
Autor: Alex Paknadel, Zeichner: Eric Scott Pfeiffer
Boom! Studios, Mai 2015 bis Februar 2016.
8 Hefte in einem Sammelband, abgeschlossen.

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18. The Violent
Autor: Ed Brisson, Zeichner: Adam Gorham
Image Comics, Dezember 2015 bis Juli 2016.
5 Hefte in einem Sammelband, in sich geschlossen – aber könnte fortgesetzt werden.

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17. Monstress
Autorin: Marjorie Liu, Zeichnerin: Sana Takeda
Image Comics, seit November 2015.
8+ Hefte, bisher ein Sammelband, wird fortgesetzt.

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16. Prez
Autor: Mark Russell, Zeichner: Ben Caldwell
DC Comics, Juni bis Dezember 2015.
Als zwölfteilige Heftreihe geplant, doch nach sechs Heften (in einem Sammelband) abgesetzt; sehr gute Kritiken, deshalb steht die Möglichkeit einer Fortsetzung im Raum.

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15. Action Comics
Autor: Dan Jurgens; wechselnde Zeichner, v.a. Patrick Zircher und Tyler Kirkham
DC Comics, erscheint seit Juni 2016 zweimal im Monat; Heft 1 heißt “Action Comics 957”.
14+ Hefte in 3+ Sammelbänden, wird fortgesetzt. Parallel lesen: die Reihen “Superman”, “Trinity” und “Superwoman”.

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14. Harrow County
Autor: Cullen Bunn, Zeichner: meist Tyler Crook
Dark Horse Comics, seit Mai 2015.
18+ Hefte in 4+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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13. Detective Comics
Autor: James Tynion IV, Zeichner: meist Eddie Barrows oder Alvaro Martinez
DC Comics, seit Juni 2016 zweimal im Monat; Heft 1 heißt “Detective Comics 934”.
13+ Hefte in 2+ Sammelbänden (und einem Crossover-Band namens “Night of the Monster Men”, der übersprungen werden kann), wird fortgesetzt.

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12. The Fix
Autor: Nick Spencer, Zeichner: Steve Lieber
Image Comics, seit April 2016.
6+ Hefte in mindestens 2 Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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11. Nailbiter
Autor: Joshua Williamson, Zeichner: Mike Henderson
Image Comics, seit Mai 2014.
27+ Hefte in 5+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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10. Gute Nacht, Punpun
Autor und Zeichner: Inio Asano.
Shogagukan, 2007 bis 2013.
147 monatliche Kapitel, gesammelt in 13 Sammelbänden, abgeschlossen (2016 auf Deutsch).

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9. Wonder Woman: The True Amazon
Autorin und Zeichnerin: Jill Thompson
DC Comics, September 2016
als Buch erschienene Graphic Novel, 128 Seiten; hat ein recht offenes Ende: Fortsetzung sehr wahrscheinlich.

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8. The Vision
Autor: Tom King, Zeichner: Gabriel Hernandez Walta
Marvel Comics, November 2015 bis November 2016.
12 Hefte in zwei Sammelbänden, abgeschlossen.

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7. Billy Bat
Autor und Zeichner: Naoki Urazawa
Kodansha, Oktober 2008 bis August 2016.
165 monatliche Kapitel, gesammelt in 20 Sammelbänden, abgeschlossen (auch auf Deutsch fast vollständig).

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6. Injection
Autor: Warren Ellis, Zeichner: Declan Shalvey
Image Comics, seit Mai 2015, nach jeweils 5 Heften längere Pause.
10+ Hefte in 2+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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5. Die Stadt, in der es mich nicht gibt
Text und Zeichnungen: Kei Sanbe
Kadokawa, Juni 2012 bis März 2016.
44 monatliche Kapitel, gesammelt in 8 Sammelbänden, abgeschlossen (auch bald auf Deutsch). Fünfteiliger Epilog im Dezember 2016 abgeschlossen.

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4. Darth Vader
Autor: Kieron Gillen, Zeichner: Salvador Larroca
Marvel Comics, Februar 2014 bis Oktober 2016.
26 Hefte (und das gelungene Crossover “Vader Down”), gesammelt in 4 (+1) Sammelbänden, wird mit der Spin-Off-Reihe “Doctor Aphra” fortgesetzt.

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3. The Fade Out
Autor: Ed Brubaker, Zeichner: Sean Phillips
Image Comics, August 2014 bis Januar 2016.
12 Hefte, gesammelt in 3 Sammelbänden, abgeschlossen.

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2. Invisible Republic
Text: Corinna Bechko und Gabriel Hardman, Zeichnungen: Gabriel Hardman
Image Comics, seit März 2015.
13+ monatliche Hefte in 2+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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1. Panter
Autor und Zeichner: Brecht Evens.
Deutsch bei Reprodukt.
120 Seiten, abgeschlossen.

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und:

Gefeierte US-Reihen wie “Saga”, “Lazarus”, “Ms. Marvel” und “Southern Bastards” veröffentlichten auch 2016 neue Hefte und Sammelbände, auf gewohnt hohem Niveau. Auch der Manga “I am Hero” überzeugt seit Jahren.

“Westworld”: Empfehlung & Kritik

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Vom 7. bis 12. Dezember 2016 sehe ich die erste Staffel von “Westworld”…

…und werde zu jeder Episode kurze Ideen, Anmerkungen, Fragen bloggen. Ich bin Kulturjournalist und schreibe meist über Literatur. Doch ich liebe gute Serien (Favoriten: “Six Feet Under”, “Willkommen im Leben”, “Mad Men”, “Girls”, “Neon Genesis Evangelion”) und blogge hin und wieder ausführlich über Serien und Filme, z.B.

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Über “Westworld” – Michael Crichtons Drehbuch/Grundidee, den Film von 1973 und Staffel 1 der HBO-Serie von 2016 – spreche ich auch am 15. Dezember auf Deutschlandradio Kultur, im Magazin “Lesart”.

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Links zur Serie:

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1_01: Solide Kulissen, tolle Landschaften, ruhige und übersichtliche Kamerafahrten, grandiose Lichtstimmung! Ich fühle mich in dieser Erzählwelt wohl. Nur der “Kampfstern Galactica”-Look hinter den Kulissen stört: Seit über 20 Jahren sehen futuristische Anlagen fast immer gleich aus. Wollen (oft kreative) Mitarbeiter*innen so arbeiten – in dunklen, sterilen, monotonen Labors? Und müssen die Lagerräume und Sublevels immer aussehen wie in “The Pretender” oder Michael Crichtons “Coma”: super-creepy?

1_02: Die Hosts sind mir bisher, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, sympathisch. Doch Tonfall und Stimmung in der Zentrale machen mich kirre: Zu viele fluchende, paranoide, grundlos gehässige Kollegenschweine, die aufeinander einhacken. Ich denke a) an “unReal”, eine Soap über gnadenlose, bitchy Produzent*innen eines Reality-Formats, aber b) auch an die vielen Berichte über den Stolz, Perfektionismus und die übertrieben gute Stimmung der Menschen, die Disney-Parks betreiben: “Imagineers”. Im “Westworld”-Team wird mir der Conflict Ball zu hart, hämisch geworfen. Jeder sägt am Ast von jedem anderen? Das wird schnell unfreiwillig komisch.

1_03: Mich freut, dass der einzige Mensch, bei dem Libido, Begehren, Sexualität wichtig sind, queer oder lesbisch sein könnte: Elsie (Shannon Woodward). Und ich mag, wie gemütvoll und versponnen Bernard denkt, arbeitet, reagiert. Ich kann mir vorstellen, dass er der größte Sympathieträger wird. Oder, interessanter: für immer mehr Schwierigkeiten sorgt, Menschen in Gefahr bringt.

1_04: Shakespeare-Zitate? Uff. Immerhin: Mal sehen, ob Gertrude Stein zitiert wird/wichtig bleibt, und, ob “Westworld”-Fans deren Bücher durchsuchen. Trotzdem ist mir das drei Nummern zu… gravitätisch. Bei “Lost” nervte mich schnell, wie sicher sich vor allem die beiden alten Männer Locke und Ben sind, Hauptfiguren in einem großen, metaphysischen Spiel zu sein. Anthony Hopkins (als Robert Ford) und Ed Harris (als Gunslinger) raunen, schmunzeln, spielen, monologisieren im selben Stil… und gehen mir schon im Pilotfilm auf die Nerven: Ich weiß nicht, wieso Harris glaubt, es gäbe ein tieferes Level, eine versteckte Spielebene. Ich weiß nicht, wieso Hopkins nur darauf wartet, dass die Hosts ihre Schöpfer überflügeln. Doch ich fände schöner, klüger, subversiver, falls die beiden Männer nicht Recht hätten, und ihr metaphysisches Gewäsch… Gewäsch bleibt. (Schön an Harris: In echten Bezahl-Spielen sind reiche Geldgeber, “Walfische”, sehr wichtig – und ich glaube, über das Entitlement und die Illusionen von alten Männern, die viel Geld ausgeben, um in einem Spiel zu Göttern zu werden, kann man interessante(re) Geschichten erzählen. Toller Text z.B. über den Spiele- “Walfisch” Stephen Barnes.)

1_05: Mir scheint, das Hinter-den-Kulissen-Team hat bisher ein, zwei Figuren mehr als nötig. Muss jemand sterben oder gehen? Wer sind die Cylons, Maulwürfe, Betrüger? #balance

1_06: Wie lange dauert ein Narrative Loop, ein Erzähl-Durchgang im Park? Im Pilotfilm sah es aus wie ein Tag – doch die meisten Besucher*innen sind, denke ich, viel länger zu Besuch, und gute Storylines brauchen viel mehr Zeit. Wer räumt auf, wäscht die Kostüme, repariert die Kulissen? Und: Wann? Müssen Besucher*innen z.B. nachts für ein paar Stunden bestimmte Sets verlassen? Oder wird immer nur am Ende jedes Loops geputzt?

1_07: Wer genug Geld hat, um sich von anderen tagelang bedienen zu lassen, ist oft grausam, distanziert oder überraschend ordinär. Mir gefällt, dass das Produktionsteam Westworld als einen Ort beschreibt, in dem reiche Menschen Indianer töten wollen – weil das viel über Feindbilder sagt, Klassenkampf, Rassismen, Klischees. Ich wünsche mir viel mehr Szenen mit Besuchern: Was wollen sie kompensieren? Funktioniert die Illusion, für sie? Sobald im echten Leben Leute erzählen, warum sie MMORPGs spielen, in Disney-Parks reisen, Kreuzfahrten buchen, lassen ihre Gründe tief blicken. Mehr davon hier, bitte: Wie banal, wie rassistisch, wie plump muss der Park sein, damit Menschen dort gern ihr Geld lassen? Bisher z.B. scheinen mir die Gangster/bösen Hosts flach, schlecht geschrieben – was aber zu meiner Befürchtung passt: Ich halte Lee Sizemore (der Brite, der einfallslos flucht und die Storyline der Hosts entwarf) für einen Stümper. Und ich glaube, die Zielgruppe des Parks will eine eher flache Geschichte.

1_08: Dolores ist programmiert, um keiner Fliege etwas zuleide zu tun. Sie tötet die Fliege – und der Pilotfilm endet. Freund M.: “Das hätte nebenher gezeigt werden müssen, in einer beiläufigen Geste. Nicht als finaler Schock. Die Serie erzählt zu langsam, plump.”

1_09: Ich denke an Liverollenspiele – in denen sich Spieler*innen treffen und gemeinsam verabreden, eine Illusion aufrecht zu halten – und wünsche mir, dass a) mehr Besucher*innen die Illusion des Parks als Herausforderung verstehen, daran rütteln, die Roboter und Erzählmechaniken bewusst trollen, sich verhalten wie in einem Luzidtraum; und b) die Serie selbst zeigt, wo die Park-Illusion an ihre Grenzen gerät und, ob extreme Nähe zur Wirklichkeit gut für den Spielspaß ist… oder eben: gerade nicht. Dass im Saloon “Paint it black” von den Rolling Stones läuft, halte ich für ein gutes Zeichen: Den Machern des Parks ging es offenbar nicht darum, Geschichte (History) nachzubauen… sondern um eine möglichst mitreißende Oberfläche, Spielmechanik. Grundsätzlich also: Alles, was bisher zu schmuddelig, düster, hart war, um in den Holodeck-Episoden von “Star Trek” thematisiert zu werden? Hier ist Platz! Bitte erzählen, bitte hinterfragen!

1_10: Der Vorspann langweilt mich schon beim ersten Ansehen. Es gibt kaum HBO-Intros, die ich gern mehrmals sehe (vielleicht “Game of Thrones”, weil je nach Episode neue, andere Locations gezeigt werden; vielleicht “True Blood”, wegen Sound/Tempo/Dynamik). Doch bei “Westworld” denke ich an “Six Feet Under”, 2001: Wenn man bei HBO lange Intros noch heute wichtig/sinnvoll findet… will ich bitte etwas sehen, das ich nicht bereits 2001 sah. (Aber: Das sind 3D-Drucker, oder? Ich bin gespannt, ob die Serie noch etwas Interessantes/mir Neues zeigen wird, über z.B. das Drucken von Fleisch und Fasern.)

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2_01: Zu viele Serien starten mit einem Neuankömmling und seinen ersten Schritten durch ein ihm fremdes System. Im Pilotfilm erschien Teddy kurz als diese Sorte Figur – ein Gast, unterwegs zu einem weiteren Urlaub mit Dolores? Mich freut, dass Folge 1 dann anders verlief; doch Folge 2 trotzdem zeigt, wie neue Besucher – William und Logan – den Park erleben. Auch Maeve (Thandie Newton) hatte im Pilotfilm kaum Raum. Gut, dass offenbar nicht jede Folge vor allem um Dolores, Ford, Bernard kreisen wird.

2_02: Ich bin gesichtsblind – aber kann die “Westworld”-Rollen recht gut unterscheiden, durch Kostüme und die Trennung Park/Zentrale. Ein kleineres Problem sind Stimmen: Spricht Bernard mit Dolores – oder hört sie auch Fragen von Ford? Ich brauche noch Zeit, um das treffsicher zu hören. Den nackten Teddy im Säuberungs-Glaskasten erkannte ich nicht. Die Köpfe in Fords Büro sagen mir so wenig wie die Halle der Gesichter bei “Game of Thrones”. Und ein Problem für mich als Deutscher: “Fackeln im Sturm” ist lange her. Jedes US-Kind erkennt eine Konföderierten-Uniform; weiß wohl bereits, welches Jahrzehnt der Park nachbildet, wie Mexikaner, Schwarze, Nord-, Südstaatler und Native Americans hier zu- und gegeneinander stehen. Ich weiß es nicht.

2_03: Weniger Panorama- und Luftaufnahmen: In Folge 2 wirkt alles enger, etwas billiger inszeniert. Doch ich bin froh um den modernen Shuttle-Bahnhof, und habe hoffentlich bald ein wenig Überblick, wie die (grundlos düstere) Zentrale aufgebaut ist. [Trotzdem erinnerte mich der Bahnhof an z.B. das tiefste Level des Berliner Hauptbahnhofs. Ich denke oft: Hätte Deutschland noch mehr Geld – alles sähe bald so aus. Nur: mit mehr gebürstetem Stahl.]

2_04: Ich mag, wie viele Handlungsstränge parallel ablaufen. Aber wünschte, alles würde sich schneller, interessanter überschneiden. Meist haben Serien drei Stränge pro Episode. Ab vier parallelen Storylines wird es oft etwas träge. “Westworld” bleibt langsam, einfach, eher schlicht erzählt – doch durch die sechs, sieben Stränge hatte ich angenehm viel zu denken. Mein Partner hätte Park und Zentrale dagegen lieber kennen gelernt, indem pro Folge nur eine Figur genau verfolgt wird: ein Host, ein Gast, eine Mitarbeiterin wie Elsie, dann Bernard oder Ford… doch mir gefallen die schnellen Brüche, Abwechslungen, Kontraste. Aber: Serien mit vielen Strängen haben oft besondere Episoden, in denen von Anfang an oder plötzlich, mittendrin nur noch eine einzelne Figur ins Zentrum tritt. Deshalb: Bleibt die Struktur? Wirklich in jeder Folge?

2_05: Bei Maeves Flucht durch die Zentrale dachte ich erneut an Michael Crichtons “Coma”. Body Horror (Körper, mit denen etwas *überhaupt* nicht stimmt) und Rape Culture (Frauen als Objekt, Sex als Machtspiel) sind in fast jeder Szene Thema (wie in vielen HBO-Serien, durchgängig) – doch bisher sehe ich nicht, dass “Westworld” daraus interessante Fragen zieht: Stumpfe ich ab, wenn alle 15 Minuten eine Frau/Maschine/Puppe vergewaltigt wird? Der ganze Park scheint auf Mord, sexuelle Gewalt, “Hier darfst du mit Unterlegenen, die sich nicht wehren können, ohne Angst vor Strafe alles tun”-Versprechen zu setzen: ein recht simples Menschen-, Kunden-, Spieler-Bild. Gibt es NUR Gäste, die Westworld als Western-GTA-Sandbox genießen – und keinen, der das sinn- oder trostlos findet? Und: Werden jetzt zehn Folgen lang einfach nur Tabus verletzt, Verkommenheit gezeigt? Gibt es z.B. Kinder-Roboter, die für Sex bereit stehen? (Nebenbei: Trotz so vieler geschundener, manipulierter Körper wird bisher nichts über Behinderung erzählt.)

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3_01: Online-Freund Gabriel Yoran las meine Fragen zu Folge 1 – und stutzte, warum ich nicht auch z.B. nach dem narrativen Raum frage: “Wo ist da eigentlich was?” Jetzt, während Folge 3, überlegte ich tatsächlich dauernd: Wie werden die Hosts – z.B. Dolores für ihre vielen Verhöre – hinter die Kulissen transportiert? Warum brauchen Elsie und Stubbs Stunden, um den verirrten Host zu finden? Ist die Zentrale so schlecht überwacht, dass Maeve minutenlang flüchten kann – ohne, dass Sensoren Alarm schlagen? Sobald sich alles weiter zuspitzt, werden wir bestimmt auch Hubschrauber, Hovercrafts, absurde Technik mitten im Park sehen – dramatische Anachronismen. Und was liegt außerhalb der Anlage? Wann spielt das? Bernard führt einen simplen Video-Chat mit seiner (Ex-)Frau – doch sagt (lügt? witzelt?): “You know how hard it is to get an open line out here.” Wir wissen nichts über die Welt jenseits des Parks – und solche Auslassungen sollen, denke ich, späte Überraschungen, Schockeffekte, möglich machen. Doch ich würde lieber jetzt schon sehen, wie sich Park, Zentrale und Außenwelt/politische Gegenwart gegenseitig bedingen.

3_02: Dolores’ Kleid, Frisur, Haarfarbe: Alice im Wunderland. Ford lässt sie holen – und sie ist nackt. Bernard lässt sie holen – und sie bleibt angezogen. Ich mag diese Verhöre/Diskussionen (und bin meist überrascht, wie lange solche Szenen dauern, ohne, langweilig zu werden), doch ich habe Angst, dass eine menschliche Figur unsterblich werden wollte/sollte, und jetzt als Virus in den Hosts steckt: Arnold? Oder Charlie, Bernards toter Sohn?

3_03: Schön, wie schnell “Westworld” Leitmotive, Arc Words, Grundfragen und Gegensatzpaare etabliert. Sprechende Ortsnamen – Escalanto, Pariah, Sweetwater, die “Ghost Nation”. Wiederkehrende Sätze wie “There’s a path for everyone” oder “Not much of a rind on you” (Body Horror!). Ich mag, dass übers Träumen gesprochen wird, doch überraschend selten übers Spielen oder über Schuld/Unschuld, oder über Kunst/Künstlichkeit – als Gegenteil zu Natur/Natürlichkeit. Ich mag, dass Ford eine Pyramide entwirft und die Spitze nicht kennt. Ich mag, dass das Labyrinth eine besonders interessante Mitte hat, doch der Park selbst nach außen hin komplexer, attraktiver, reicher wird… und, dass die Serie gern mit Kreisen arbeitet statt mit simpleren Modellen wie “oben vs. unten”, “innen vs. außen”, “hinten vs. vorne”. Beginnt jede einzelne Folge mit Dolores? [Spoiler: nö.] Und wiederholen sich bedeutungsschwangere Sätze nur, weil Menschen/Künstler den Hosts Skripte schrieben – oder gibt es (wie z.B. in “Lost”) auch Wiederholungen, die suggerieren: Das ganze Universum hat hier eine gewisse Symmetrie, Sinnhaftigkeit, höhere Ordnung – nicht bloß der künstliche Park? Mich würde freuen, wenn der Park voll literarischer Motivketten steckt – doch die Zentrale, die echte Welt gar nicht. #realismus #zufall

3_04: Zu viele Szenen im Park sind nur spannend, weil wir nicht wissen, wer Host ist, wer Besucher. Auch Dolores’ Pistole ist für mich v.a. interessant, weil unklar bleibt, ob sie auch Menschen verletzt. Ich dachte erst, Besucher lassen sich erkennen, weil Leute im 19. Jahrhundert anders fluchten – doch für mich klingen fast alle Figuren gleich (…albern): Der Ton in der Zentrale bleibt zickig, lächerlich überspannt. Und auch im Park wird ständig “Fuck” gesagt. Will “Westworld” zeigen: Reiche Menschen sind triebgesteuert, vulgär? Die Technik wird sophisticated – aber der Mensch bleibt plump? Ein fauler Gast mault: “We should have done the Riverboat thing” – und dieses “Riverboat Thing” klingt wie eines der fadesten, abgeschmacktesten Angebote im Park: Ich bin gespannt, ob wir die Flussfahrt später noch sehen. Überhaupt wünsche ich mir mehr Besucher, die alles behindern, aus der Rolle fallen, scheitern. Mehr Theme-Park-Kritik und -Parodie-Momente!

3_05: Ist “Buffy” eine gut geschriebene Serie? Um das zu wissen, achte ich lieber darauf, wie sorgfältig ein secondary character wie Cordelia gearbeitet ist – nicht Heldin Buffy selbst. Ich bin besonders glücklich, wenn selbst tertiary characters wie Anya sorgfältige, liebevolle, intelligente Charakter-Momente haben. In “Westworld” schaue ich deshalb gern und genau auf kleine Rollen wie Elsie, Stubbs, Clementine, vielleicht auch Teddy: dass Anthony Hopkins und Evan Rachel Wood hundert kluge Sätze sagen dürfen bis Folge 10, ist keine so große Autoren-Leistung. Bitte zeigt mir, dass auch die Randfiguren keine Pappkameraden, Klischees sind! Ich mochte die Meta-Gespräche über Nebenrollen, hier in Folge 3, und warte ab, ob es sich “Westworld” als Serie so leicht macht wie Sizemore als Autor und a) viele tragische doomed Sidekicks einbaut und b) Frauenfiguren wie Maeve stärker und attraktiver machen will, indem die Autoren beschließen: “So. Aggression und Bitchiness um 20 Punkte erhöhen.”

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4_01: “You think the grief will make you smaller inside, like your heart will collapse in on itself, but it doesn’t. I feel spaces opening up inside of me like a building with rooms I’ve never explored.” Schönes Bild – und sympathisch, wie schnell Bernard fragt, wer solche Sätze für Dolores geschrieben hat, mit welcher Absicht. Trotzdem: Bisher hat “Westworld” nichts besonders Kluges über Schmerz, Verlust, Trauma erzählt. Da muss mehr kommen! (Bitte auch zum Begriff “Freiheit”.)

4_02: Gehören alle Native Americans im Park zur “Ghost Nation”? Sind alle in Decken gehüllte Bankräuber, die Hector Escaton (Rodrigo Santoro) begleiten, Hosts? Hat Wyatt die Kontrolle über die als Büffel-Monster verkleideten Schlächter; oder treten auch Besucher seinem Todes-Kult bei? Was tat Lawrence, um am Galgen zu enden? Noch immer sind mir alle “bösen” Hosts zu eindimensional – und ich wünschte, es gäbe mehr Native Americans und mehr Gäste, die bei ihnen leben. (…was aber vielleicht daran liegt, dass in Deutschland Indianer fetischisiert werden. Ich glaube, vor allem Ostdeutsche würden tausendmal lieber einen “Der mit dem Wolf tanzt”-Freizeitpark besuchen als einen Cowboy-Park.)

4_03: Folge 4 [Update: und 5, und alles aus 6 bis auf die lange Szene mit Maeve und Radioheads “Motion Picture Soundtrack”] ist für mich der trägste, schleppendste Teil der Staffel; vor allem der Western-Stränge wegen: teuer inszeniert, doch mit seichten Hosts in simplen Abenteuer-Szenen, ohne besondere Dringlichkeit, Spannung. Die Erlebnisse von William/Logan und von Ed Harris’ Gunslinger wirken auf mich wie Sidequests, Holodeck-Lappalien. Für Folge 4 schrieb Ed Brubaker, einer meiner Lieblings-Comicautoren (große Empfehlung: “The Fade Out”, 3 Bände), am Drehbuch mit. Doch für mich kippt die Serie hier von “sehen!” zu “weniger frustrierend als ‘Lost’, ‘Galactica’, ’24’ – doch oft genauso halb-durchdacht und schleppend.” Oder, um Logan zu zitieren: “I don’t have time for this color-by-numbers bullshit.”

4_04: Arnolds Schnitzeljagd zum/durchs Labyrinth wirkt recht… konventionell, bisher. Mich verwirrt, dass Ford und die Parkleitung nichts über das Symbol zu wissen scheinen, obwohl es an mehreren Stellen offen auftaucht; und, dass Ed Harris erst nach 30 Jahren Urlaub im Park diesen Indizien folgt. Schade, dass Armistice – die Frau mit dem Schlangen-Tattoo, gespielt von Ingrid Bolso Berdal – ein Host zu sein scheint: Bisher haben wir keine Besucherin länger im Park erlebt. [Edit: Doch. Ich dachte, Armistice und Marti seien die selbe Rolle.]

4_05: Theresa wirkt steif, etwas humorlos (eine Sorte Frau, die Zuschauer meist ablehnen), und, in fast allen Gesprächen, überrumpelt (eine Sorte Figur, von der Zuschauer schnell sagen: “Wie sinnlos. Sie stört nur!”). Romantisch, dass Bernard ihr riet, die Arme nicht zu verschränken – doch etwas patronizing. Dramatisch, dass Ford sie auf der Hazienda bedrohte und einschüchterte – doch: super-patronizing. Ford wirkt cartoonhaft böse: Entweder, er ist übermächtig, kann alles kontrollieren, wissen (…bis runter zur Klapperschlange). Oder, er überschätzt sich, und die Figur ist – genau wie Sizemore – eine Kritik an Hochmut/Hybris. So oder so: Die Menschen der Zentrale werden greller, plumper, langweiliger, mit der Zeit. Nicht: interessanter.

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5_01: “Your mind is a walled garden.” Bisher überzeugen mich die Metaphern für Bewusstsein und Erinnerung, die Ford und Bernard so lieben, nicht – und auch die Umsetzung solcher Bewusstseins-Prozesse und -Glitches in filmische Bilder könnte mutiger, origineller sein. Beide Männer sprechen viel über Eleganz – doch betreiben eine Kunstwelt, in der “Eleganz” oft nur die plumpsten Ventile/Angebote für Gewalt und Sex maskieren, rechtfertigen, aufhübschen soll. Wie “elegant” ist “Westworld” als TV-Serie… und sollen wir “Eleganz” hier als echten Wert, Leistung verstehen (Kunst! Zivilisation!) oder als Kosmetik, Oberfläche, dekadente (Selbst-)Täuschung: eine Rechtfertigung/Ausrede, um Gewalt auszuüben…?

5_02: Sind Lawrence und El Lazo die selbe Figur, in zwei verschiedenen Loops? Oder nur der selbe Roboter, aber mit einem neu aufgesetzten/eingespielten Rollenprofil? Falls Host-Körper nur noch “Trägermedien” für ein digitales Bewusstsein sind: Könnte jemand (Arnold? Dolores?) durch andere Hosts huschen, in sie überspringen? Oder sie fernsteuern? Gibt es Hosts, die zeitgleich mehrere Körper kontrollieren? Kann man Bewusstsein kopieren, auf separate Roboter aufspielen, kann sich eine Host-Persönlichkeit zeitgleich in zwei Körpern entwickeln, spalten: digitale Zwillinge? Oder gibt es umgekehrt – wie bei den Borg – ein Hive-Mind, einen Schwarm?

5_03: Bei “Lost” nervten mich mysteriöse Tiere – weil dort jedes Wesen, das sich seltsam verhielt, sofort die Frage nach einer höheren Instanz (“Ist die Erzählwelt von ‘Lost’ übernatürlich?”) aufwarf, oder nach einem tieferen Sinn (“Sind den Autoren von ‘Lost’ Motivketten so wichtig, dass sie den Realismus der Erzählwelt opfern – um durch seltsame Tiere ein paar literarische Effekte zu setzen?”). “Westworld” dagegen darf das – denn wenn sich ein Tier im Park seltsam verhält, denke ich: “Was verrät das über das Design des Parks, die Agenda von Ford oder Arnold?”, nicht: “Zeigt sich in dieser Anomalie ein Gott innerhalb (Mystik!) oder außerhalb (Autoren!) der Erzählwelt?” Trotzdem: Fords Klapperschlange, Fords Windhund, Felix’ Vogel? Bisher wirken diese Tier-Spielereien beliebig. [Update nach Folge 7: Hat Ford gelogen – und die Katze und/oder den Hund als Kind selbst getötet?] #intelligentdesign

5_04: Ich mag, wie genussvoll sarkastisch Elsie den “necro-perv” Dustin in die Ecke treibt, und denke an Veronica Mars‘ Schwung (und Hass). Schlimm nur, dass fast alle Menschen (größte Ausnahmen: die zwei ungesunden Sentimentalos William und Bernard) die schmierigsten “Männer sind Schweine”-Klischees bedienen. Sieht jeder hier die Hosts als “Dolls” und “Fuck Puppets”? Will “Westworld” Sympathie für Hosts schaffen, indem die Menschen immer tiefer sinken? Und: Als Arnold vor 30 Jahren fast den Park zerstörte – war das ein Akt der Gewalt gegen Hosts? Oder gegen die Besucher und das Management? #roboterrechte #hostsalsbesseremenschen

5_05: “William doesn’t want to sexually engage with the hosts. How much of that is him being moral and how much of it is him being scared of his own desires?” Eine wichtige Frage, aus einem sympathischen Interview mit Darsteller Jimmy Simpson: Jede “Westworld”-Figur, die glaubt, das “Gute”, “Richtige” zu tun, wirkt dabei etwas… platt. Absichtlich? Sollen wir Dolores feiern, wenn sie sagt “People come here to change the story of their lives. I imagined a story where I didn’t have to be the damsel”? Ist es so leicht, sogar fürs Hosts – sich aus der Unmündigkeit zu befreien? Dass Dolores jetzt Hemd und Hose trägt, gibt mir noch kein “Yeah! Strong Female Characters!”-Hochgefühl. Als Zuschauer aber freut mich, wie unklar, ambivalent das bleibt. Ich will das mögen. Doch mag noch mehr, dass mich die Serie immer wieder daran erinnert, was genau ich da mögen will/soll: eine Kette von inszenierten, sentimentalen Erzähl-Effekten. 

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6_01: Es gibt zwei… Komplexitäts-Regler, an denen die Serie beliebig drehen kann. Die Autoren können psychologisch fragen: “Wozu ist jede Figur fähig? Wie tief, weit kann sie sich entwickeln, wie klug können Gegner ihr widersprechen, welche geheimen Absichten, Widersprüche lauern in ihr?” (Ford, Theresa, Logan – sogar Sizemore?) Oder die Autoren fragen nur technisch: “Welche Backdoors, Rätsel, Programme, Bewusstwerdungsprozesse schlummern in den Hosts?” (Dolores, Teddy, Maeve – sogar Clementine?) In beiden Fällen geht es um Figuren und ihr Potenzial. Doch Variante 1 braucht Psychologie, Debatten. Variante 2 vor allem Schocks, Science-Fiction-Bla, drastische Twists. Ich fürchte, das ist der Serie wichtiger. Statt “Huch: diese Figur hat viel mehr Tiefe als gedacht!” setzt jede Folge auf “Whoa: In diesem Host laufen noch drei, vier weitere geheime, unbewusste Sub-Routinen!” Buh!

6_02: Das für mich größte Problem der Serie: Wie wenig die Zentrale sieht, bemerkt. Ich verstehe, dass der Park weitläufig ist. Ich verstehe nicht, warum die Hosts keine Kamera im Auge haben. Warum Felix und Sylvester nicht überwacht werden. Warum keine Karte in der Zentrale live Alarm schlägt, sobald jeder Mensch und jeder Host in Park oder Zentrale atypische Bewegungen macht. Logan und der Gunslinger waren mehrmals in Gefahr, in Außenbereichen des Parks. Wie viel Gewalt Hosts ausüben dürfen und, wie schnell und effektiv jemand in der Zentrale darauf reagieren kann, scheinen die “Westworld”-Autoren von Fall zu Fall zu entscheiden – oder selbst nicht genau zu wissen. Buh!

6_03: Ich kann nicht fassen, dass ich noch immer sehnsüchtig an die Soap/Satire “unReal” denke, sobald in der Zentrale gestritten wird: Das ständige “Shit! What the fuck?” geht mir (besonders bei Elsie) auf die Nerven. Szenen wie zwischen Sizemore, Theresa und Charlotte Hale sah ich vor 20 Jahren in “Verbotene Liebe”. (Nochmal: Warum erfinden die eitlen, von sich selbst überzeugten “Westworld”-Schreiber einen so platten, eindimensional satirischen Autor?) Schwitzende Büromenschen, die erschreckt auf Bildschirme starren und in alle Richtungen lügen, sah ich vier Staffeln lang in “24” (…dann hatte ich genug). Das “gruselige” Theater und das “gruselige” Sublevel wirkten albern. Und ich verstehe Elsie, wenn sie zischt: “It’s like everybody around here has got some kind of fucking agenda except for me.” Statt Tiefgang: Gifteleien, Wassertreten, künstliches Drama, Scheinkomplexität. Shenanigans, unwürdig für eine scheinbar raffinierte, “elegante” Serie über raffinierte, hochintelligente Profis. Buh!

6_04: Ich schrieb im Tagesspiegel, wie viel Respekt ich vor Nacktszenen, öffentlicher Entblößung habe. Dolores sollen wir als Zuschauer, glaube ich, schwierig oder tragisch finden. Thandie Newton dagegen hat eine heroische, gewollt sympathische, schlichtere Rolle. Einfacher geschrieben – doch großartig gespielt: verletzlich-aber-bedrohlich, schnippisch-aber-ratlos, zynisch-aber-empathisch. Maeve als Heldin der Serie. Wow.

6_05: Vor knapp zehn Jahren wollte Autor Dwayne McDuffie mehrere schwarze Held*innen ins Ensemble des “Justice League”-Comics aufnehmen – doch wurde von seinen Vorgesetzten bei DC Comics an die “Rule of Three” erinnert: Zeigt ein Plakat, Heftcover o.ä. drei schwarze Figuren, glaubt das Mainstream-Publikum “Nichts für mich: Das ist ein Nischen-Produkt für Schwarze.” Mich freut, dass – trotz des Western-Settings – in fast jeder “Westworld”-Szene Figuren of Color wichtige Rollen spielen. Und, dass bisher kein Gegner ihre Hautfarbe als Vorwand nutzte, um sie herabzusetzen (…bis auf Arschloch Sylvester, als er seinen Kollegen Felix “Ding Dong” nennt).

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7_01: Für fast jede Szene in Folge 7 spricht eine Figur über ihre Vorgeschichte und/oder Sehnsüchte. Theresa fehlen leider solche Szenen. Und Dr. Ford wirkt eher noch eindimensionaler, mit der Zeit. Ich denke an Robert Loggia in einer meiner Lieblingsserien, “Wild Palms” (5 Folgen, 1992). An Dennis Hopper als Bowser im “Super Mario”-Kinofilm (1993). Und an mehrere – besser geschriebene – Walt-Disney-artige Theme-Park-Leiter in Naoki Urasawas Manga “Billy Bat”: Hopkins ist keine Katastrophe. Doch seine Mimik nervt, und Fords philosophische Fragen, Ideen scheinen mir immer zwei Levels weniger klug/verstörend, als sich die “Westworld”-Autoren das wohl vorstellten. #knappvorbei

7_02: Mir geht zwar nahe, wie Maeve oder Dolores mit ihren Sinnkrisen, ontologischen Brüchen, Bewusstseins-Problemen umgehen. Welche Haltung sie zur Welt, ihren Rollen und den anderen Figuren finden, in einer verwirrenden Gegenwart, nach einer traumatischen Vergangenheit (oder mehreren traumatischen Vergangenheiten!), als meist machtlose Frauen. Die recht flachen, schematischen Vorgeschichten von z.B. Ford (real), Bernard (erfunden) oder Teddy (erst idealistisch-aber-seicht, dann, mit seiner neuen Rolle in Wyatts Massaker, geändert zu zynisch-aber-seicht) sind mir dagegen zu Schema F, sentimental. Das ist wohl Absicht: Dass “Westworld” beim Effekte-Setzen immer auch zeigen will, wie leicht es sich viele Serien, Geschichten darin machen, Effekte zu setzen und Freudian Excuses für ihre Figuren zu bauen. Aber: Zugleich die Idee “Serien sind voller Kitsch, weil Menschen Kitsch brauchen!” zu behandeln UND fünfmal pro Folge Kitsch zu liefern, in der Hoffnung, dass wir Zuschauer rufen “Hach. Wie traurig und bewegend!”… ist eine Gratwanderung, die, finde ich, hier oft misslingt.

7_03: Delos will 30 Jahre Nutzer- und Besucherdaten aus dem Park schmuggeln. Ich bin gespannt, was solche Daten wichtig macht, wem Westworld heimlich nützt (oder nutzen sollte, gegen Fords Willen). Als Facebook-Nutzer denke ich, klar, erstmal an Persönlichkeitsprofile, Targeting. Als jemand, der sich bei Sci-Fi oft langweilt, an Supersoldaten oder “Matrix”-artige “Wie lässt sich Wahrnehmung manipulieren, um Menschen ruhig zu stellen?”-Pläne. Im Großen aber bin ich positiv überrascht, dass “Westworld” bisher niemals metaphysisch wurde: kein Roboter-Pinocchio, der endlich echter Junge werden will, kein toter Charlie als Geist in der Maschine, keine Replacement Goldfishes und – trotz Maeves Storyline – auch keine KI, die sich als besserer, reinerer Mensch versteht, oder nächste Stufe der Evolution. Alles, was bisher metaphysisch, religiös hätte wirken können – Dolores’ “Erwachen”, Arnolds Spiel, Bernards Reveries – passierte nur, weil Programmierer es absichtlich so programmierten. Kein Twist der Serie wollte bisher zeigen: Maschinen überflügeln uns durch spontanes, unerklärliches Eigenleben; Menschen waren Götter/Schöpfer, doch jetzt sind ihre Schöpfungen plötzlich bessere Schöpfer. Sondern nur: Niemand weiß genau, was Ford und Arnold diesen Maschinen erlauben, möglich machen. #keingottkitsch

7_04: Schön, dass Bernard am Krankenbett das selbe Outfit trägt wie in der Zentrale. Schnellere Menschen denken wohl gleich: “Eine gebaute Erinnerung. Bernard ist ein Cylon!” – doch ich sah es nicht kommen. Auch Theresas Tod überraschte, schüttelte mich – gute Arbeit! Nur, dass [Spoiler:] William und der Gunslinger/Man in Black identisch sind, weiß ich leider schon seit Folge 2 – weil ich Williams Namen googelte und sofort Schlagzeilen zum “Westworld”-Finale gezeigt bekam]. Ich bin träger, langsamer als viele Netz-Nerds und freue mich, wenn mich eine Serie austrickst, überrumpelt: Williams… Situation hätte ich aber frühestens hier, in Folge 7, in Betracht gezogen, während des Gesprächs im Zug: “[Logan] wanted to see what was at the end of all this. And yet, here you are. Your friend didn’t make it this far. Maybe you’ve got more of an appetite for this than you think.” (Wichtig nur, weiterhin: an den äußeren Rand zu gehen ist Roberts Vorstellung vom Ende der Westworld-Erfahrung. Arnolds Vorstellung sieht vor, in die Mitte zu gehen, ins Zentrum des Labyrinths. Das sind zwei verschiedene Ideen davon, was eine Geschichte und ein sinnerfülltes Leben ausmachen, und ich hoffe, beide werden von der Serie noch gut zu Ende gedacht und kontrastiert.)

7_05: Ist die große Lektion von “Westworld”: Das Leben hat keine Bedeutung – doch Bedeutung zu schaffen (wie Robert, als Schöpfer), lohnt sich…? (Falls ja: Warum ist Robert dann so fürchterlich, in jeder Hinsicht?) Wohl eher nicht: Das Leben hat keine Bedeutung – doch Geschichten durchaus, und sie bis zum Ende zu lesen, durchzuarbeiten (wie Ed Harris), lohnt sich…? Wohl leider auch nicht (obwohl ich das persönlich glaube): Das Leben hat keine Bedeutung – doch selbst mit läppischen “Spielfiguren” sollte man ordentlich umgehen (wie William – wobei ich mich frage, ob er Dolores noch als Figur sieht, oder wir als Zuschauer vor allem denken sollen: “Mist! Er projiziert. Was für ein Träumer, was für ein Tölpel”…?) Nachtrag, nach Folge 10: Die tatsächliche Lektion [Erst Leid macht uns zur vollständigen Persönlichkeit] war mir zu seicht – doch mich freut, wie klug und deutlich das “Westworld”-Finale alle Lektionen, die ich hier aufliste, als Fehlschlüsse/zu-kurz-gedacht zeigt.

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8_01: Theresas Geschichte scheint vorbei – und ich bin unzufrieden. Eine ältere, markante, vermeintlich kompetente Frau, die sieben Folgen lang nur reagieren konnte… doch kaum Kontrolle, keine Chance hatte, zu zeigen, wofür sie steht und, warum sie ein Gewinn ist, in ihrer Rolle/Position. Das ist für mich Captain-Janeway-Feminismus: Wer diese Sorte ältere, autoritäre, ‘kalte’ Frau respektiert, freut sich kurz. Doch wer solche Frauen nervig findet, hat keinen Grund, nach sieben Folgen zu sagen: “Doch – interessante Figur. Und gut, dass sie so nüchtern blieb und viel Verantwortung trug!” (Ich denke an Chefin Erin Driscoll in Staffel 4 von “24”: auf den ersten Blick stark – doch dramaturgisch ein Witz.)

8_02: Erst jetzt verstanden: Das schwarze Gebälk des Kirchturms in der Wüste ist der Turm, den Ford in Folge 2 “White Church” nannte; die Kirche war außen nur weiß verkleidet. Ich weiß nicht, ob “Westworld” hier clever mit Schwarz-gegen-Weiß- und Unter-Weiß-ist-Schwarz- und Weiß-und-Schwarz-nehmen-sich-nichts-Kontrasten spielt? [Und: Ist Arnold in diesem “Die Hosts lernen tanzen”-Dorf gestorben, damals?] Könnte man Figuren sogar paarweise anordnen, je zwei Rollen, die auf den selben Konflikt “hell” (idealistisches Menschenbild) oder “dunkel” (zynisches Menschenbild) reagieren? William und Logan, Arnold und Ford, Bernard und Theresa, Dolores und Maeve, Sylvester und Felix? Ist Stubbs ein Gegenpart zu Elsie? Wer vertritt die gegenteilige Weltanschauung von Charlotte? […erst später verstanden: Das Dorf mit der weißen Kirche war nicht nur ein namenloses “Testdorf”/Beta Village für den Park – sondern Escalante, aus Teddys/Wyatts Backstory.]

8_03: Ich hoffe, Williams’ und Dolores’ Reise an den Rand des Parks ist trotz Logans Rückkehr noch nicht um – und, dieses “Ende” des Park-Erlebnisses wird uns zeigen, wie Ford als Erzähler denkt: Wie er sich die Spitze, das Fazit, die schwerste Stufe, Quintessenz eines Parkbesuchs vorstellt. Glaubt auch Ford, der Park soll den Besuchern zeigen, “wer sie wirklich sind”? Ich mag den Rand der “Truman Show” und hoffe auf eine visuell interessante Lösung.

8_04: Schön auch Dolores’ Kohlezeichnung des Tals – die nur funktioniert, so lange das Leintuch NICHT glatt und gerade hängt. Ich weiß nicht, ob das als Metapher gedacht war und für welches Sinnbild das stünde – doch der Effekt wird mir lange im Gedächtnis bleiben: ein einfaches Gemälde, ‘schief’ auf eine völlig unebene Oberfläche aufgetragen, die irgendwelche unwichtigen (?) Gegenstände überdeckt, deren Form/Kanten trotzdem jeden Strich bestimmen. The past is never dead – it’s not even past? Man kann nur ‘gerade’ zeichnen, indem man völlig schief zeichnet und all das verdeckte Zeug untendrunter mitdenkt?

8_05: Ein großes Fass – vielleicht das größte der Serie – ist die Frage nach Gewalt als Agency. Ich schrieb schon weiter oben, dass ich als Besucher/Spieler im Park am liebsten gar keine Gewalt ausüben würde. Weil das ein Spiel, in dem ich selbst nicht sterben kann, interessanter, raffinierter macht. Und, weil ich – wie William, anfangs – glauben will, dass es sich lohnt, als Mensch das Richtige zu tun statt das Einfache/Bequeme. Mein Partner mag “Westworld”, doch ist angewidert, wie viele Messerwunden, zerschossene Köpfe, Gewaltorgien in jeder Folge gezeigt werden. “Das ist eben HBO. In fünf Jahren sehen wir Serien, in denen Frauen nur noch nackt durch Blut waten, 60 Minuten lang”, witzelte ich. Aber im Ernst: “Westworld” ist eine Serie, in der es dauernd Gewalt gibt – doch bisher habe ich (anders als in z.B. “24”, in vielen “Batman”-Filmen und -Comics, in den meisten Krimis) noch keine einzige “Westworld”-Szene gesehen, die mir zu vermitteln schien: “Gut so. Manchmal ist Gewalt nötig.” Ich bin gespannt, was mit Maeve und ihrer Armee passiert, und ob die Serie uns dazu verführen soll, sie als feministischen, kick-ass Terminator zu feiern, sobald sie zurück schlägt. Sylvesters Kehle durchzuschneiden kam mir nicht wie ein “Hurra! Die unterdrückte Frau hat Agency! SO sieht Stärke aus!”-Triumph-Moment vor. Niemand, der bisher irgendwen erschoss, erschlug, kalt stellte, schien von der Serie dafür als Held gelobt zu werden. #pazifismus #idealismus

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Bei Romanen weiß ich oft schon nach der Hälfte, ob sie funktionieren.

Bei Serien aber ist oft das (Staffel-)Finale entscheidend: Manchmal zeigt erst die letzte Folge, ob die Autor*innen wussten, was sie tun – oder einfach vor sich hin erzählten. Gleich sehe ich Folgen 9 und 10. Vorher noch: Fragen – an deren Antworten sich zeigen wird, ob “Westworld” eine Zwischendurch-Serie ist… oder ein (kleines) Must-See:

  • Gibt es “Geister” im Code der Hosts?
  • Machte sich Arnold unsterblich – lebt er in z.B. Dolores weiter?
  • Ist der heutige Arnold, die Stimme in z.B. Dolores’ Kopf, ein “echter” Mensch, der sein Bewusstsein digitalisieren konnte und jetzt als Programm lebt – oder nur der digitale Abdruck eines Menschen, angefertigt von ihm selbst, zu Lebzeiten?
  • Wie sehr werden Maeve und Dolores für ihre “Menschwerdung” gefeiert: Ist das Ziel, möglichst menschlich zu werden – oder sind Hosts die besseren Menschen?
  • Wie menschlich können Hosts, wie unsterblich können Menschen in “Westworld” werden?
  • Beneiden Hosts die Menschen… doch beneidet kein sterblicher Mensch stattdessen die Hosts – und wünscht/kauft sich digitale Upgrades?
  • Will die Serie (kitschig) zeigen: Geist, Herz, Liebe, Menschenwürde können aus einem biologischem oder aus einem künstlichen Bewusstsein entspringen – sie haben den selben Wert, sind gleich “echt”, gleich “tief”?
  • Die ersten Folgen zeigten viel Milch. Kommt da noch was?
  • Teddys Rolle blieb recht sinnlos: Wertet das Ende die Figur noch etwas auf?
  • War Sizemore nur eine harmlose Witzfigur?
  • Lebt Elsie noch? [Spoiler]
  • Und Stubbs?
  • Wo ist Maeves Tochter?
  • Und Lawrences’ Tochter – die das Labyrinth in den Staub zeichnete: Gehört sie, wie Dolores, zu einer Sorte Hosts, die von Arnold “erweckt” wurde?
  • Gibt es Hosts mit mehreren Körpern?
  • Wozu braucht Charlotte die Daten?
  • Sehen wir die Außenwelt – und wird diese Welt besser oder schlechter, falls es Charlotte gelingt, die Daten dort zu benutzen?
  • Sehen wir Fords neues Narrativ, und erzählt es (…auch: auf einer Meta-Ebene) davon, was am alten Narrativ nicht klappte?
  • Wird Staffel 2 grundsätzlich anders erzählen? Wird Staffel 2 so erzählen, wie sich Ford ein besseres Park-Narrativ vorstellt? (…oder, meta: Wird Ford erklären, was an der Erzählweise von Staffel 1 problematisch war?)
  • Wie spiegelt das Finale den Pilotfilm? Haben sich viele Storylines und Machtverhältnisse in der Zentrale am Ende nur im Kreis gedreht – will “Westworld” zeigen, dass auch echte Menschen oft in einem Loop leben, oder einem “Pfad” folgen müssen?
  • Gibt es eine Möglichkeit, den Park als Besucher besser, ganz anders durchzuspielen als William und der Gunslinger? Fragt Staffel 2 (und/oder: Fords neues Narrativ) nach anderen, positiveren Spielweisen anderer Besucher – oder sind Park und/oder Narrativ und/oder Hosts bis dahin eh kaputt, unspielbar?
  • am Wichtigsten:Sehen wir das Zentrum des Labyrinths, und hat es damit zu tun, wie Arnold starb? Teddy erklärte in Folge 5: “The maze is an old native myth. […] at the center, there’s a legendary man who had been killed over and over again countless times, but always clawed his way back to life. The man returned for the last time and vanquished all his oppressors in a tireless fury. He built a house. Around that house he built a maze so complicated, only he could navigate through it. I reckon he’d seen enough of fighting.”
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    Ich muss an Fords creepy Roboter-Familie denken und frage mich, ob wir im Zentrum des Labyrinths ein vergleichbares Haus von Arnold sehen – oder: eine abstraktere Idee davon, was sich Arnold unter “Zuhause”, “Heimkommen”, “Nicht-mehr-Kämpfen-Müssen” vorstellt.

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9_01: Zwei “Westworld”-Konzepte, zu denen ich mir Fanpages, Texte, Apps wünsche: Das 20-Punkte-Persönlichkeitsprofil der Hosts. Candor, Vivacity, Coordination, Meekness, Humility, Cruelty, Self-Preservation, Patience, Decisiveness, Imagination, Curiosity, Aggression, Loyalty, Empathy, Tenacity, Courage, Sensuality, Charm, Humor, Bulk Apperception. Und die Idee, dass jede Host-Persönlichkeit auf einer (traumatischen) “Cornerstone”-Erinnerung fußt. Was ist deine Cornerstone-Erinnerung? Die Szene, aus der sich alles weitere erklärt?

9_02: Jedes “Dr. Quinn”-TV-Westerndorf hat einen Arzt und einen Prieser. Dass solche Standardfiguren in Sweetwater keine Rolle spielten, freute mich – aber hätten Dolores und Maeve bei ihren ersten Zweifeln, Aussetzern die Ratgeber, Ansprechpartner gehabt, die echte Frauen in den 1880ern in ihren Städtchen hatten… hätten sie ihre Welt weniger schnell und grundsätzlich in Frage gestellt. Dass jetzt, kurz vor Schluss, plötzlich Kirche und Beichtstuhl wichtig werden, lässt mich nochmal grundsätzlicher fragen: Schön, dass fast alle Figuren Atheisten sind (oder ihr Vertrauen jedenfalls in andere Faktoren legen als in Gott). Doch “Gott” ist in “Westworld” nur noch Synonym für “Die Person, die am schnellsten denkt, am meisten Macht und Gestaltungsraum hat.” Das ist zu wenig.

9_03: “I want to love Westworld. I go into every episode of the show hoping that this will be the week the games get put aside so Nolan and Joy can start telling the real story, but with each passing week it feels like the games are the real story“, klagt Alan Sepinwall in seinem besten Text zur Serie – der Kritik zu Folge 9. Ich stimme zu…

9_04: …denn alles, was die Figuren und ihre Standpunkte ausmacht, kann/soll in dieser Erzählung dauernd geändert, verdreht, zurückgenommen werden, möglichst dramatisch. Bei den Hosts sowieso: Wer kann sagen, wer Teddy, Maeve, Dolores “wirklich” sind? Doch auch bei Logan, William, dem Gunslinger und den Figuren in der Zentrale: Charlottes Andeutungen, Fords beredtes Schweigen etc. machen mir keinen Spaß – denn auch nach neun Folgen weiß ich kaum, wofür diese Leute stehen, und fürchte auf weitere Enthüllungen, die wieder alles umwerfen. Am schlimmsten ist für mich Arnold. Eine Figur ohne Gesicht, deren Weltanschauung, Privatmythologie entscheidend ist für unser Verständnis vom Park, dem Menschenbild hinter den Hosts, Haltung und Philosophie der kompletten Serie. Bernard ist eine Marionette, Ford ein Rätsel, Arnold eine körperlose Stimme, Theresa tot, Sizemore ein schlechter Witz, William macht sich vermutlich etwas vor, der Gunslinger lässt sich nicht in die Karten sehen, und Maeve, Teddy, Dolores sind nur wandelnde Fragezeichen. Das sind keine Figuren, die kluge Standpunkte klug diskutieren. Sondern Chiffren, die hin- und hergeschoben werden können, nach Belieben.  

9_05: “Wer ist die Frau mit dem Ronja-von-Rönne-Gesicht?” …war alles, was mir zu Angela einfiel. Erst später, online, habe ich verstanden, dass ich den Host hätte erkennen müssen, dass Angela zu drei verschiedenen Momenten drei verschiedene Rollen spielt. Die Western-Storylines bleiben halbdurchdacht, leben von Vertröstungen: El Lazo, Teddys Rolle in Wyatts Massaker, die “Ghost Nation”… immer sind Hosts und Spieler unterwegs, stoßen dabei auf vielsagende Namen, bedrohliche Andeutungen – doch alles bleibt nur hastiger, lästiger, nichtssagender Zwischenschritt, und hinter jedem großen, vermeintlich wichtigem Namen verpufft die selbe Sorte Wegwerf-Bösewicht. Vielleicht ist das Methode – denn auch Hectors Safe ist leer und damit nur MacGuffin/Mittel, die Geschichte voran zu treiben. Als Zuschauer machen mir solche Szenen keinen Spaß, und je länger ich über sie nachdenke, desto ärgerlicher und unlogischer scheint mir alles. Warum z.B. glaubt Hector sofort, in einer Kunstwelt zu leben? Er weiß, dass Maeve die Safe-Kombination kennt und den Safe hätte leeren können. Der Sex im brennenden Zelt, am Ende: Trash.

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10_01: “We have now basically arrived at the plot of the original movie — theme park robots violently escape the shackles of their programming — only in a circumstance where we are rooting for the robots to wipe their tormentors from the face of the planet, is intriguing. That is a show I reckon I could have fun watching, provided it’s not the same overconfident, antiseptic puzzle box that too much of this season was — especially since it all seems to be a prologue for what the actual show will be about”, fasst Alan Sepinwall zusammen. Mich freut – immerhin – dass Staffel 2 ganz andere Konflikte und Hierarchien zeigen muss. Ein paar Ideen zu Season 2, bei TV Tropes.

10_02: Ich denke oft an “The Dark Knight Rises” von 2012. “The Dark Knight” (2008) fand ich großartig – doch die Fortsetzung steckte voll riesiger Sätze, Fragen, Konzepte, bei denen ich bis heute vermute: “Das sieht nur aus wie eine Idee. Das klingt nur wie ein großer Satz.” (z.B. die Bezüge zur Occupy-Bewegung.) Auch bei “Westworld” gibt es solche Nolan-Sätze, unvergesslich: “A metaphor.” – “You mean a lie.” – “Yeah.” Entweder, Jonathan Nolan hat sehr, sehr lang über solche Sätze und die riesigen Fässer, die sie öffnen, nachgedacht… oder doch: viel zu kurz.

10_03: Arnold trauert um seinen Sohn und bringt sich (mit Dolores’ Hilfe) um, damit die Investoren Roboter für eine Gefahr halten und den Park nicht öffnen. Ford sind alle Menschen egal – er bringt sich (mit Dolores’ Hilfe) um, um den Hosts Kontrolle über den Park zu schenken? Ich verstehe ungefähr, was beide Männer am Park stört. Doch ich verstehe nicht, was diese Selbstmorde dafür so zwingend macht – oder erzählerisch zu einem großen Gewinn. [Seltsam auch, wie steif, roboterhaft alle Delos-Aktionäre wirkten, am Strand und während der Gala.] #lapidarerabgang

10_04: Tessa Thompson spielt toll – und ich hoffe sehr, dass Charlotte Hale überlebt. Doch folgende Sätze glaube ich ihr nicht: “But for all of Ford’s obsessing with the hosts’ verbal tics and convoluted backstories, most of the guests just want a warm body to shoot or to fuck. They would be perfectly happy with something a little less baroque.” Hier lässt “Westworld” die Antagonistin (?) sagen: “Tiefgang/barocke Erzählwelten sind Ballast.” Als sollten wir als Zuschauer denken: “Nein! Barockes Erzählen ist großartig, und ‘Westworld’ beweist es!” Doch für mich ist die Serie als Serie kein überzeugendes Argument dafür – und mich stört, dass die Autoren hier so tun, als würde jeder, den “Westworld” nicht überzeugt, stattdessen einfach nur nach “a warm body to shoot or to fuck” verlangen. #strawmanargument

10_05: Das selbe Problem, deutlich größer: Ich hätte als Parkbesucher Mühe, mich zu motivieren. Denn wollen Gäste wirklich einen Park, in dem sie nie sterben, ihre Taten kaum Konsequenzen haben? Fast alle Gamer, die ich kenne, suchen herausfordernde Spielwelten. Folge 10 tut so, als hätte sich Delos geirrt, und Ford müsste der Park-Spielmechanik (bzw. den Hosts) ein überfälliges Geschenk machen: die Fähigkeit, zurück zu schlagen. Auf der “Menschenrechte für Roboter”-Ebene verstehe ich das. Doch so zu tun, als wollten alle Menschen alle Hosts 30 Jahre lang nur verlieren sehen – weil Menschen nunmal so sind? Ich glaube das nicht.

10_06: Das selbe Problem – so groß, dass es der ganzen Staffel schadet: Fords Pyramide und Arnolds Labyrinth sind das selbe System. Man wird in mehreren Stufen/Schritten zur Person: 1) Memory, 2) Improvisation, 3) Self-Interest, 4) Suffering. Wenn Maeve sagt, dass sie die Erinnerungen an ihrer Tochter behalten will, wenn Bernard von Cornerstones spricht, wenn Dolores ihre toten Eltern nicht hinter sich lassen will… sollen wir diese Figuren (Hosts!) reif und menschlich finden. Aber: Ich sehe keinen Grund, dieser (netten, aber flachen) Idee erst Strahlkraft zu geben, indem man behauptet Park-Besucher, normale Menschen etc. tun fast immer alles, um Leid oder Widerstände auszublenden. Die “Lösung” des Labyrinths wirkt groß, weil 08/15-Menschen in “Westworld” viel zu klein, schwach, unreif wirken.

10_07: Arnold ist Bernard. Arnolds Sohn ist Bernards Sohn. Dolores ist Wyatt. Dolores hört Arnolds Stimme. Doch eigentlich hört sich Dolores, im bicameral-mind-Modell, selbst: Dolores ist Arnold ist Dolores ist Dolores (…und, klar: William ist der Gunslinger; und Teddy fragte sich kurz, ob er selbst Wyatt war): Folge 9 und 10 tun so, als seien all das besondere, kluge dramaturgische Kniffe. Mir wären ein gut gespielter, präzise ausgearbeiter Arnold, ein Wyatt mit klarer Haltung, deutliche Unterschiede zwischen Arnold und Bernard etc. lieber gewesen statt eine Gleichung, bei der jede unbekannte Variable wurstig “erklärt” wird mit “X? Das ist ein Teil von Y. Und Y ist eigentlich Z. Und Z war mal X.”

10_08: Schön, dass das Finale – wie die ersten vier Folgen – mit Dolores begann. Schön, dass mehrere Bögen geschlossen wurden (z.B. das Foto von Julia, am Times Square). Trotzdem freut mich, dass “Westworld” keinen großen Loop erzählte und alle Figuren mit ganz neuen Konflikten und Rollen zurück lässt: Dolores als Tyrannin? Maeve als militanter Freedom Fighter? Empathiker Bernard, der sich die ganze zweite Staffel fragen kann, welche Rechte Menschen haben und, ob der Zweck die Mittel heiligt…?

10_09: James Marsden spielte in vielen Liebesfilmen den Romantic False Lead – ein netter Kerl, den die Hauptfigur später für Mr. Right verlässt. Ich hätte mir für Teddy eine bessere, halbwegs stimmige Geschichte oder Entwicklung gewünscht – doch freue mich, dass “Westworld” bei keiner Heldin zeigt: “Hier ist ein Mann – und er kann dich retten.” Besonders William erscheint mir (während der 30 Jahre zwischen “Ich suche Dolores” zu “Ich vergewaltige sie in der Scheune”) als selbstmitleidiger, schäbiger, nutzloser Fuckboy: eine narzisstische Knalltüte, die “Liebe” liebt – doch seine Partnerin hängen lässt.

10_10: “Die Serie hat ein plattes Menschenbild: Der Park soll zeigen, wer Leute wirklich sind – doch enthüllt bei William, dass er ein weinerlicher, leerer Soziopath ist? Warum sind alle Menschen in dieser Serie im Grunde ihres Herzens Müll?”, klagte ich nach dem Finale. “Nein”, widersprach mein Partner: “Ich glaube, Williams Storyline soll einfach zeigen: Der Park macht krank. Jeden.”

10_11: Elsie küsst Clementine. Besucherin Marti schläft mit Clementine. Logan liegt mit zwei weiblichen und einem männlichen Host im Bett. Nach drei, vier Folgen aber verschwinden alle queeren Momente. Besser als nichts? Oder, wie Buzzfeed findet: deprimierend wenig?

10_12: Toll inszenierte Szene – doch für mich Tiefpunkt, Widerspruch: Wir sollen den Ausbruch von Hector, Armistice, Felix und Maeve sexy, kathartisch, “Matrix”-mäßig großartig finden – oder? “Westworld” zeigte neun Folgen lang: Leere, selbstzufriedene Gaffer wie Logan lechzen nach Gewalt. Die Serie tat so viel, um mir jede Lust auf explodierende Köpfe zu nehmen. Wozu dieser Schritt zurück? Massaker sind okay, wenn die Hosts gewinnen? (Aber: Es gibt mehrere Parks? “Samurai World”? “Shogun World”? Vorfreude!)

10_13: Ich tue mich ähnlich schwer damit, zu klatschen, wenn Dolores den Gunslinger im Finale durch die Kirche schleift, wie er sie im Pilotfilm Richtung Scheune schleifte: Die Serie hat eindringlich und engagiert gezeigt, wie schnell Frauen, Minderheiten, Schwächere Gewalt erleben können und, wie machtlos sie sind. Aber der… recht billige “Your time is over, trauriger alter Mann!”-Feminismus im Finale langweilt mich – und ich habe Angst, dass Staffel 2 ähnlich plump nach Parallelen suchen wird zwischen Maeves Kampf und z.B. der schwarzen Bürgerrechtsbewegung.

10_14: Der größte “Autoren? Das ist nicht so gesellschafskritisch, clever, wie ihr hofft”-Moment (hier wirklich: “A metaphor? You mean a lie.”), schon in Folge 9: “We humans are alone in this world for a reason. We murdered and butchered anything that challenged our primacy. […] Do you know what happened to the Neanderthals, Bernard? We ate them. We destroyed and subjugated our world. And when we eventually ran out of creatures to dominate, we built this beautiful place.” …erklärt Dr. Ford – vor einem Indianer-Federschmuck, der vergessen in der Ecke hängt. 

10_15: Maeve sieht Mutter und Tochter im Zug – und steigt wieder aus. “Gut, dass sie umdreht”, sagt mein Partner: “Statt nur sich selbst in Sicherheit zu bringen, will sie den anderen Hosts helfen. Die Revolution muss von innen kommen! Draußen hätte sie sich verstellen müssen, um nicht als Host aufzufallen: Das selbe traurige Versteckspiel wie kurz davor im Park.” Das stimmt – doch falls es so gemeint war, hätte es klarer gezeigt werden müssen. Ich sah nur “Oh: Sogar bei Robo-Mamis bestimmen Muttergefühle alles.

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(Freund O. wirft ein: “Du hast bei Maeves Ende etwas übersehen: Bernard macht klar, dass Maeve eben nicht frei war – sondern nach einem Programm gehandelt hat, dessen nächster Schritt “outside infiltration”. Indem sie sich – getrieben von der Erinnerung an das Trauma, ihre Tochter zu verlieren – aber tatsächlich entscheidet, zu bleiben, bricht sie zum ersten Mal die Programmierung. Klar kann man sich darüber beschweren, dass es jetzt grade die “Muttergefühle” sind. Aber ich finde, es geht weiter als das.)

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  • Autor Michael Crichton schrieb 1990 den Roman “Jurassic Park” (verfilmt 1993) – über einen Vergnügungspark voller Saurier, die außer Kontrolle geraten. Schon 1973 schrieb er das Drebuch “Westworld” – über einen Vergnügungspark voller Roboter, die außer Kontrolle geraten.

 

  • “Westworld” ist ein charmanter, sehr geradliniger und simpler Actionfilm. Immerhin aber: trotzdem eine überraschend deutliche Kritik an Menschen, die bei einem Park voller Roboter zuerst denken “Toll: Marionetten, die ich töten oder sexuell missbrauchen kann!”

 

  • Crichton war kein sehr kunstfertiger Autor (oder Regisseur); er starb 2008. Trotzdem hatte er einen sehr genauen Blick auf Technik und Arbeitswelten, z.B. als Produzent von “Emergency Room”. Vor “Westworld” schrieb er v.a. Groschenromane unter Pseudonym; nach “Westworld” Klassiker wie “Coma” und “Jurassic Park”.

 

  • 1976 gab es einen zweiten Kinofilm, “Futureworld”, über den Versuch, Politiker durch Klone/Roboter zu ersetzen, und 1980 eine kurze, erfolglose TV-Serie, “Beyond Westworld”, über Undercover-Roboter, die Terrorakte begehen: beides entstand ohne Crichtons Beteiligung.
  • Ich dachte lange, “Westworld” sei eine Romanverfilmung. Aber:
“It [Westworld] didn’t work as a novel, and I think the reason for that is the rather special structure of this particular story. It’s about an amusement park built to represent three different sorts of worlds: a Western world, a Medieval world and a Roman world. The actual detailing of these three worlds—and also the kinds of fantasies that people experienced in them—were movie fantasies, and because they were movie fantasies, they got to be very strange-looking on the written page. They weren’t things that had literal antecedents, literary antecedents. They were things that had antecedents in John Ford and John Wayne and Errol Flynn—that sort of thing. In some ways, it’s a lot cleaner as a movie, because it’s a movie about people acting out movie fantasies. As a result, the film is intentionally structured around old movie cliche situations—the shoot-out in the saloon, the sword fight in the castle banquet hall—and we very much tried to play on an audience’s vague memory of having seen it before, and, in a way, wondering what it would be like to be an actor in an old movie”, schreibt Crichton auf seiner Website.
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“In that usual Michael Crichton fashion, he never wrote anything that was just a film-there was always a massive world behind it that could be mined.” – Jonathan Nolan [Showrunner der HBO-Serie]

“Crichton wrote this as an original screenplay and then directed it. There’s no book. What you feel in the film is there’s this larger world that he barely has time to explore. It leaves you breathless. Westworld goes from one f-king massive idea to the next. At one point in there, he references why the robots are misbehaving. He describes the concept of the computer virus. When they were shooting the film it was the same year, or the year before, the appearance of the first actual computer virus. This is why Crichton was so brilliant. He knew so much about the technologies that were about to emerge, spent so much time thinking about how they would actually work.” – nochmal Jonathan Nolan, Zitat ebenfalls via Michaelcrichton.com

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“Westworld” (1973) ist also weniger ein Film darüber, wie es sich anfühlen würde, im Wilden Westen zu leben – als darüber, wie es sich anfühlt, in einem (plötzlich, nach Fehlfunktion der Roboter: sehr brutalen und existentiellen) FILM zu stecken.
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“Westworld” (2016) tut das selbe – doch zieht stattdessen vor allem Videospiel- und Liverollenspiel-Vergleiche: Wie fühlt es sich an, in einem Action- oder (frauenfeindlichen) Sex-Spiel zu stecken?

Und: Wie fühlt es sich an, eine fremdgesteuerte Nebenfigur (ein Non-Player-Character) in einem solchen Spiel zu sein… und das allmählich zu begreifen?

Das Feuilleton vergleicht teure Serien oft mit Dickens etc.: ein modernes Epos, der Roman des 21. Jahrhunderts. “Westworld” zeigt eine Welt, in der statt Serien ein Western-Spiel diesen Rang einnimmt: Es gibt viele Diskussionen der Park-Macher, -Autoren, -Manager darüber, wie sich das “Narrativ” des Parks entwickeln soll.
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So wird “Westworld” zu einer Art… Meta-Kommentar darüber, was solche Serien heute mit ihren Zuschauern machen, was sie uns über uns selbst spiegeln.
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Trotz dieser vielen technischen Gespräche über Erzählkunst, Identifikation, sich-in-Fiktionen-Spiegeln, Empathie, Rollenmuster usw. ist “Westworld” aber auch eine konventionelle, typische HBO-Serie: krasse Gewalt, minutenlange Nacktszenen, alberne Cliffhanger, übertriebene Wendungen, allerlei abgeschmackte Sentimentalitäten. Die Serie versucht, gleichzeitig sentimental zu sein und zu zeigen: “Schau, wie sehr Menschen sich nach solchen sentimentalen Rollen sehnen!”

Das wirklich Neue daran wurde mir klar, als ich den Film von 1973 sah: viele Motive wurden von 1973 übernommen. Die FORM dagegen stammt komplett aus dem 21. Jahrhundert: ein… recht gnadenloses, enges Erzähl-Korsett, das wir erst seit ca. 15 Jahren kennen – aus Serien wie “Lost”, “Kampfstern Galactica”, “Game of Thrones”. Ich sah noch nie eine Serie, die mir die Erzählform “teure US-Prestige-Serie voller Wendungen, Sex und Gewalt” SO deutlich als Konstrukt/Schema vorführte. Zugleich als mitreißende, oft überzeugende Serie… und als Meta-Kommentar über solche Serien: “Schau, welche immer gleichen blöden Zahnräder ein Uhrwerk namens ‘anspruchsvolle Serie’ bilden.”

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In der Serie selbst sind alle Roboter-Persönlichkeiten jeweils um eine Verlusterfahrung, ein Trauma, eine wichtige Erinnerung herum gebaut – die “Cornerstone Memory”. Das heißt: es gibt EINE Geschichte, aus der heraus sich deine Persönlichkeit verstehen lässt – meist eine leidvolle Verlusterfahrung. “Westworld” erzählt dann…
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a), zynisch: …wie schnell und billig man mit solchen rührseligen Backstories überzeugende Figuren und Erzählungen bauen kann.
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aber auch b), etwas rührselig-buddhistisch… dass Leid eine Person erst zur Person macht – Menschen wie Roboter – und ein Leben ohne Prägung durch Leid und Widerstand kein Leben wäre: Wir werden erst durch Reibung zu Personen, und ich muss mir eine Narration über mich selbst erzählen, um mich selbst begreifen zu können.

Ich kenne keine Serie, in der so viel über das Erzählen (und Erinnern, und Spielen) gesprochen wird. aber: all das stammt aus dem 21. Jahrhundert, nicht aus Crichtons Ursprungs-Vision: eine TV-Serie aufgeschnitten/seziert als Erzählform über das Erzählen von Erzählformen. Erzählen… am offenen Herzen einer Erzählung. #meta
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Als Zuschauer fand ich den Pilotfilm großartig und die Welt des Parks und der Roboter sehr faszinierend. Insgesamt kann ich die Serie auch empfehlen. Aber: So vieles kennt man schon aus anderen Serien, und so viele abgeschmackte Elemente werden hier als abgeschmackte Elemente vorgestellt/ausgestellt, doch dann trotzdem in vollem Ernst benutzt, dass ich an zu vielen Stellen dachte:
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Boah… ja. Wie sentimental und kalkuliert. Typisch HBO-Serie!
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Elena Ferrante: “Meine geniale Freundin” & die “Neapolitanische Saga”

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Zwei Leben aus Kampf und Aufstieg

Die wichtigste Autorin Italiens bleibt anonym – hinter dem Pseudonym „Elena Ferrante“.

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Seit 1992 schreibt Elena Ferrante Romane über störrische, kluge, einsame Frauen. In Interviews, die sie nur schriftlich beantwortet, behauptet sie: Sie selbst ist eine Frau aus Neapel, hat Kinder und war verheiratet. Sie studierte klassische Philologie. Doziert an Unis. Und sie behauptet: Ein Roman steht für sich. Öffentlich über den Verfasser und seinen Hintergrund zu sprechen, lenkt nur ab.

2011 bis 2014 erschien ein Großroman Ferrantes in vier Bänden: das „Neapel-Quartett“ um die Freundinnen Elena, Tochter des Pförtners, und Lila, Tochter des Schuhmachers, beide geboren 1944, und ihre komplizierte, jahrzehntelange Freundschaft.

Fast 2000 Seiten, erzählt von einer melancholischen Streberin, die durch lebenslanges Pauken, Fleiß und Ambition in die gebildete Oberschicht wechseln will. Und über ihre noch klügere, impulsive Freundin und Rivalin Lila – die überraschend andere Chancen nutzt, um aus- und aufzusteigen.

Viel Mundpropaganda und die Begeisterung von James Wood, Kritiker beim New Yorker, machten die Bücher in den USA zu Bestsellern. Ab Herbst 2016 erscheint der Überraschungserfolg auf Deutsch, bei Suhrkamp; vier Bände in 12 Monaten. Buch 1, „Meine geniale Freundin“, erzählt die Grundschul- und Pubertätszeit von Elena und Lila: Armut, Frauenhass, das langsame Wirtschaftswunder der 50er Jahre.

„Wir Frauen sind ständig in Versuchung, aus der Deckung zu treten, weich zu werden“, erklärte Ferrante der New York Times, „aus Liebe oder aus Erschöpfung, aus Mitleid oder Güte. Doch wir sollten das nicht tun – denn von einem Moment auf den nächsten können wir so alles verlieren, das wir erreicht haben.“

Die Geschichte von Elena und Lila beginnt als recht simpler Bildungsroman. Eine schwierige Frauenfreundschaft, naiv und süffig erzählt. Ab Band 2 wird die Geschichte politischer, soziologischer, explizit feministisch. Ein Panorama der 60er, 70er und 80er Jahre mit einem Dutzend Figuren aus einem Arbeiterviertel – Mafiosi und Kommunisten, Handwerker und Frauen, zu schnell in eine Mutterrolle gedrängt: Lebenswege, so verschlungen (und manchmal: dusslig überkonstruiert) wie in der „Lindenstraße“.

Der Hype, wachsende Erfolg der vier Bücher hat mehrere Faktoren: Der Norweger Karl-Ove Knausgard schrieb seit 2009 in sechs persönlichen, autobiografischen Bänden über Männlichkeit und Scheitern. Ferrantes Romane machen zwei lange Frauenleben greifbar – in ähnlich simpler Sprache und ähnlich vielen intimen, mitunter hässlichen Details.

Die farbenfrohen, kitschigen Cover der US-Ausgabe versprechen: Hier geht es um Mütter, Töchter, das pralle Leben in Süditalien. Auch Suhrkamp setzt auf ein recht kitschiges Titelmotiv. Literarisch spielt Ferrante in einer ähnlichen Gewichtsklasse wie Suhrkamp-Autorin Isabel Allende: Die Chancen stehen gut, dass das Quartett ein Mainstream-Longseller wird wie Allendes „Geisterhaus“.

Ebenfalls im Herbst erscheint „Fragments“ in den USA, eine Sammlung von Ferrante-Essays und -Interviews. Ob die Autorin tatsächlich eine Frau ist? 1944 geboren, wie ihre Figur Elena – oder deutlich jünger? Eine ältere Feministin, Akademikerin aus einfachen Verhältnissen – oder ein Nachgeborener, der oder die Familiengeschichte literarisch auf- und umarbeitet?

Die vier Bände sind am besten, wenn sie nah und persönlich über Klassismus, Abstiegsangst und Aufstiegschancen, die vielen feinen Unterschiede in den Milieus Italiens erzählen. Ob „persönlich“ hier bedeutet: eins zu eins erlebt, vor mehreren Jahrzehnten? Egal. Besonders ab Band 2 klingen Wut, Hoffnung, feministischer Furor der Erzählerin nachvollziehbar – und authentisch.

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Band 1 bis 4 – meine Leseeindrücke:

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01_Welche Sprache? Die deutsche Übersetzung von Karin Krieger klingt sehr gut – doch ich kenne bisher nur die Leseprobe (Link). Die US-Version wirkt oft recht trocken, technisch, ohne besonderen Rhythmus: keine Empfehlung. Freunde von mir mochten das italienische Original… aber Stimmen im Netz klagen über Stilblüten und viele unnötig hakelige Formulierungen (auch mein Eindruck in der US-Übersetzung) und sagen, US-Übersetzerin Ann Goldstein habe das Buch auf ein anderes Niveau gehoben: “Elena Ferrante’s writing is better in English than in Italian”.

02_Wo anfangen? Band 1 erzählt Elenas und Lilas Kindheit und frühe Jugend, bis ca. 1961 (die Figuren sind 16); Band 2 die Jahre bis 22 (1966); Band 3 die Jahre bis 32 (1976), und Band 4 vor allem die Zeit von 1980 bis ca. 1986 – und, in einem Epilog, bis ca. 2010.

03_Band 1 ist der schlechteste Band. Ich-Erzählerin Elena und ihre mürrische, rebellische, zunehmend attraktive Freundin Lila wollen der Armut, ihren furchtbaren Arbeiterfamilien und dem von der Camorra kontrollierten Viertel entkommen: Elena mit guten Noten, einem Gymnasialabschluss (und viel Streber-Arroganz), Lila mit einem Mann (der, wie sich am Ende des Romans, bei einer großen Hochzeit herausstellt, Mafia-Connections nutzt und alles tun wird, um weiter aufzusteigen).

Der Roman ist unterhaltend, die Kapitel kurz und oft pointiert, mit überraschenden zwischenmenschlichen Cliffhangern: die Szenen selbst sind seicht, mit klar verständlichen Konflikten. Doch Ferrante springt oft mehrere Monate hin und her oder deutet Entwicklungen an, die erst 50 Seiten später auserzählt werden: die Timeline und die Vor- und Rückgriffe sorgen für eine gewisse erzählerische Komplexität und ein paar Spannungsmomente… wirken aber aufgesetzt, oft albern: Die Geschichte ist viel weniger kompliziert, als die vielen schein-komplexen Zeitsprünge suggerieren.

04_missglückte Enthüllungen: Es gibt über 20 wichtige Figuren – mit Namen wie Nino, Gino und Rino – und alle kommen in Band 1 zu kurz: Mitschüler, Eltern, Lehrer sind oft überraschend besser oder schlechter, als Ich-Erzählerin Elena bisher vermutete… was Ferrante jedes Mal für eine RIESENenthüllung hält. Doch als Leser bleibe ich teilnahmslos, weil diese Figuren kaum entwickelt sind, ich sie manchmal nicht auseinanderhalten kann: Antonio? Alfonso? Besonders die Mütter und älteren Frauenfiguren sind ein schlechter Witz: knorrige italienische Mama-Klischees, die nichts zu sagen haben – oder sich nie äußern.
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05_auch Lila wirkt recht blass: eine beste Freundin, deren Motivation man oft kaum versteht – und die mir ausgedacht scheint. Implusiv. Meist absurd unberechenbar. Die egoistische, kleinliche Elena dagegen funktioniert als Erzählerin recht gut: eine Figur, die mir plausibel ist und im Lauf von vier Büchern interessante, nachvollziehbare Entwicklungen macht. Lila dagegen sehe ich als plot device – um jede Ordnung zu stören, überraschend freche oder sentimentale Kommentare abzufeuern und Familien, Machtstrukturen etc. immer wieder neu durchzumischen. Keine Figur. Sondern ein (ausgedachtes) Hilfsmittel gegen den Stillstand.
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06_Schade, wie eng und ahnungslos die Grundschulzeit erzählt wird: Neapel liegt in einer Bucht – doch Elena war nie am Meer, kennt die U-Bahn nicht, bewegt sich ca. 12 Jahre lang nur durch ein paar Straßen und weiß auch mit 15 noch nicht, was z.B. ein Student ist. Das nehme ich Ferrante nicht ab.
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07_Am schlimmsten/ärgerlichsten: Die Bücher haben kaum Beschreibungen; deshalb fehlt den Zimmern, Straßen, Handlungsorten jede Atmosphäre (bis plötzlich, auf den letzten Seiten von Band 4, manisch verschiedene Neapel-Sehenswürdigkeiten und Straßennamen genannt werden: too little, too late). Ferrante jongliert mit zu vielen flüchtig bleibenden Nebenfiguren. Lässt sich viel Zeit, die Sympathie, Konkurrenz, Stimmungsschwankungen zwischen Lila und Elena auszuleuchten. Doch das Italien, Neapel, das beim Lesen in meinem Kopf entsteht, bleibt in Band 1 sehr dürftig: Erst mit Band 2 wird das Quartett zum halbwegs gelungenen Zeit- und Epochenroman. Band 1 wirkt, durch die Beschreibungsarmut, in der US-Version kaum literarisch – eher wie der Episodenführer einer unnötig komplizierten Telenovela-Storyline. Oder die technische Wikipedia-Zusammenfassung eines besseren Buchs. Lebenswege, die auf melodramatische Weise ständig wilde, aber uninteressant ausgedachte Kurven schlagen: Mal geht es Lila besser, mal Elena. Eigentlich… egal.
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08_Band 2 ist deutlich besser – bis auf die über 200 Seiten, in denen drei Mädchen und zwei Studenten, die sich kaum kennen, mögen, verstehen, sich nichts zu sagen haben und nichts geben können/wollen, einen zerquälten Badeurlaub absitzen. Wären die Strand-von-Ischia-Kapitel kürzer, Band 2 wäre mein Lieblingsband.
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09_In Band 3 werden Gewerkschaften, Kommunisten, Linksterroristen wichtig – doch viele Entwicklungen und politischen Hintergründe bleiben schwammig. Andererseits mag ich, wie Elena versucht, im Bildungsbürgertum anzukommen, ernst genommen zu werden… doch immer wieder an den feinen Unterschieden scheitert. Interessante Kapitel über Standesdünkel!
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10_Band 4 befriedigte und freute mich, über weite Strecken: Ich mag, dass sich hier keine Frauenfigur auf Männer verlassen kann, alle sich ihr Glück immer neu erkämpfen, selbst schaffen müssen. Und ich mag, dass Elena als Intellektuelle souveräner wird – zunehmend kluge, differenzierte Dinge sagt über Partnerschaften, Schreiben, Italien, Kinder: Erst gegen Ende dieser 2000 Seiten höre ich der Ich-Erzählerin wirklich gerne zu. Die Kinderfiguren in Band 4 und ihre Probleme und Verwicklungen dagegen blieben mir zu flach; und ich bin überrascht, wie viele Nebenfiguren sterben, eher lustlos von der Bühne gewischt werden. Besonders Tinas Geschichte überzeugt mich nicht: Lila rutscht immer weiter ins Abseits, durch beliebig wirkende Schicksalsschläge. Ich sehe da keinen Character-Arc, Figurenentwicklung. Sondern Tragödien, auf die Lila zunehmend beliebig und oberflächlich reagiert – eine Hauptfigur, reduziert zur flachen, traurigen Nebenrolle. Auch die große Rahmenhandlung um Lilas plötzliches Verschwinden mit fast 70 wird in Band 4 schlecht/kaum aufgelöst.
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11_2000 Seiten lang… immer das selbe: Ein Wohnviertel mit ca. 30 Figuren? Okay. Ein Großroman, der zwei Leben über fast 60 Jahre erzählt – doch in dem nur ca. 50 Figuren immer wieder Partner tauschen, zurückkehren, die Funktionen wechseln? Platt! Pro Buch gibt es sicher 10 Kapitel, die mit der… Möchtegern-Überraschung enden, dass eine Person, die wir bereits kennen, ein Zimmer, Büro, Fest etc. betritt und zeigt: Ich wohne jetzt hier. Oder: Ich bin der neue Partner. Erst wirkt das “Lindenstraße”-haft, konstruiert. Dann zunehmend albern, hilflos: Glaubt Ferrante, wir wären… geschockt? Begeistert? Ich rollte ab Band 2 meist nur die Augen.
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12_Freundinnen, die sich verweigern: Elena will unbedingt mit Lila sprechen – doch geht ihr aus dem Weg. Lila braucht Hilfe – doch meldet sich nicht. Elena hat wichtige Fragen – doch ignoriert sie, monatelang. Elena versteht, dass Lila Hilfe braucht – doch stellt sich tot. Verstanden: Es geht um Neid, Ambivalenz, Selbsthass und Hassliebe. Doch dreimal pro Kapitel die Ich-Erzählerin sagen zu hören: “Ich wollte unbedingt etwas sagen. Aber dann ging ich einfach weg und sagte gar nichts.” …wird sehr schnell trost- und witzlos..

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Bonus / mehr Details:

Am 15. Juni 2016 stellte ich die Bücher bei Deutschlandradio Kultur vor, im Magazin “Lesart”, im Gespräch mit der Italien-Expertin und Literaturkritikerin Maike Albath.

Den Beitrag kann man hier (Link) nachhören.

Vor jedem Deutschlandradio-Gespräch schicke ich der Redaktion und der Moderatorin ein paar Notizen, Stichworte.

Hier meine kurze Materialsammlung zu Ferrante:

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Elena Ferrante ist ein Pseudonym. Aus (schriftlichen) Interviews wissen wir, dass die Autorin ca. 70 ist, in Neapel aufwuchs, heute in Italien lehrt oder unterrichtet, mehrere Kinder hat, verheiratet war. Wahrscheinlich hat sie in Pisa studiert, klassische Philologie. Die Professorin Marcella Marmo, auf die all das zutrifft, streitet ab, Ferrante zu sein.
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Ferrante veröffentlicht seit 1992 – Prosa über unglückliche, aber störrisch-starke Frauen mit Abstiegsangst und Aufstiegs-Ambitionen in Italien, bisher ca. 5 Romane (je nach Zählweise: sie selbst sieht das Neapel-Quartett als EIN Buch in vier Bänden). Bei Veröffentlichung des ersten Romans, 1992, entschied sie sich für ein Pseudonym, um Personenkult zu entgehen und den Fokus auf den Text zu lenken:

“This choice created a small polemic in the media, whose logic is aimed at inventing protagonists while ignoring the quality of the work, so that it seems natural that bad or mediocre books by someone who has a reputation in the media deserve more attention than books that might be of higher quality but were written by someone who is no one. But today, what counts most for me is to preserve a creative space that seems full of possibilities, including technical ones. The structural absence of the author affects the writing in a way that I’d like to continue to explore.”

Die vier Neapel-Romane erschienen 2011 bis 2014 in Italien, 2012 bis 2015 in den USA. In Deutschland erscheinen alle vier Bücher in rascher Folge bei Suhrkamp, im September 2016, Februar 2017, Sommer (Juni?) 2017 und September 2017, übersetzt von Karin Krieger. Frühere Romane von Ferrante sind auf Deutsch erschienen, vor allem bei Ullstein/List und werden jetzt nochmal neu als Suhrkamp-Taschenbuch veröffentlicht. Die Rechte zur Neapel-Saga waren sehr gefragt, mehrere deutsche Verlage haben geboten, Suhrkamp setzt große Hoffnungen in die Bücher. Mehr dazu u.a. bei Jochen Kienbaum/Lustauflesen.de.
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Ich sehe vier große Faktoren für den Erfolg der Romane:
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Die Autorin: Die vier Neapel-Romane sind sehr persönliche Erinnerungs- und Entwicklungstexte über Armut, Ambition, Dreck und Gefälle/Konflikte in Neapel. Zwei Frauen und ihr schwieriges Coming-of-Age, ihre lebenslange schwierige Freundschaft, ihre Probleme mit Sexismus, Klassismus, der Camorra und Vergewaltigungen/Missbrauch. Die Bücher werden mit Karl-Ove Knausgards “Mein Kampf”-Zyklus verglichen und sind in den USA noch erfolgreicher. Eine Autorin, die sehr ungeschminkt und persönlich erzählt und oft die eigene Kleinlichkeit/das eigene Versagen ausleuchtet… aber eben, anders als Knausgard: dabei so anonym und geheimnisvoll bleibt wie z.B. Thomas Pynchon.
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Begeisterung in den USA: Eine Autorin des New Yorker, Ann Goldstein, hat die Bücher übersetzt, und Kritiker und Kollege James Wood hat Band 1 und 2 dann im New Yorker gefeiert, 2013, und damit erfolgreich gemacht (Woods Frau, Claire Messud, schreibt GANZ ähnliche, feministische Bücher über motzige US-Frauen).
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Und: Die Bücher erschienen im (italienischen, aber auf den nordamerikanischen Buchmarkt spezialisierten) Verlag “Europa Editions”, der sehr oft sehr gute mittel-anspruchsvolle Unterhaltungsromane aus Europa in den USA zum großen Erfolg macht. (Eine deutsche Autorin im Programm: Alina Bronsky) Ich vertraue “Europa Editions” sehr und weiß: wenn ich eine Strandlektüre mit Europa-Flair will, melancholisch und halbwegs klug, ist das der richtige Verlag.
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(…was aber auch heißt: Für Suhrkamp sind diese Bücher eigentlich zu süffig, zu mainstream. Die Autorin aus dem Suhrkamp-Programm, an die ich denken muss, ist Isabel Allende.)
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In Italien sind auch Ferrantes frühere Romane Erfolge, vor allem durch Verfilmungen. Auch eine über 30teilige Verfilmung des Quartetts ist geplant, doch Literaturpreise hat sie kaum gewonnen – vielleicht, weil sie anonym bleibt
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Ein Marketing-Push in Deutschland: Im Mai hat Suhrkamp 15 Literaturblogger nach Berlin eingeladen und das Buch dort verschenkt. Das Verlagshaus, berichten die Blogs, sei vom “Ferrante-Fieber” ergriffen und kämpfe darum, das Buch zum Erfolg zu machen. Ähnlich hat Dumont 2016 Anne Köhlers “Ich bin gleich da” unter Bloggern beworben, Kiepenheuer & Witsch JJ Abrams’ “Das Schiff des Theseus”.
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“Alle Mitarbeiter bei Suhrkamp sind angeblich heiß gemacht worden auf Elena Ferrante, alle mussten sie lesen und diskutieren. […] Sechs Seiten sind Ferrante in der Vorschau gewidmet, normal sind zwei. Das Buch ist der erste Teil einer Tetralogie, die weltweit bereits für höchstes Aufsehen und Aufregung gesorgt hat und nun auch in deutscher Sprache (übersetzt von Karin Krieger) erscheint. Nach einem, wie [Lektor Frank] Wegner betonte, dramatischen und heißen Wettrennen um die Rechte. 
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[…] Ich darf Ferrante schon jetzt lesen, aber noch nichts verraten. Nur soviel: trotz der Anmutung des Covers, es ist kein »Frauenbuch«. Dass verlagsintern alle Mitarbeiter, wirklich alle, so massiv auf einen Titel heiß gemacht und eingeschworen werden, ist selbst bei Suhrkamp eine Novum und sehr ungewöhnlich. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt, ob sich der große Einsatz lohnt, ob das Elena-Ferrante-Fieber auch die deutschen Leserinnen und Leser infiziert?”
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Journalisten schreiben viel über die (Nicht-)Person Ferrante – aber ein Leseexemplar des Buchs will mir der Verlag erst ab Ende Juni geben: Blogger sind in diesem Fall bevorzugt. Ich kenne bisher nur die Leseprobe der Übersetzung – durch Karin Krieger – und fand sie exzellent: Ich glaube, diese Bücher werden auf Deutsch VIEL besser klingen als die US-Version.
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Auch meine Buchhandelsfreunde lesen es gerade, als Vorab-Exemplar, und sind wohlwollend – doch eine Buchhändlerin in meinem Freundeskreis fragt sich z.B. auch, ob die Romane bei einem großen Konzern nicht noch besser aufgehoben wären – um im Stil von “Afterlove” oder “Shades of Grey” etc. noch breiter gepusht zu werden.
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Bleibt die Frage: Wollen wir das? Drei, vier sehr dominante “Bücher der Saison”, über die alle sprechen… und Ferrante jetzt um jeden Preis als großes Buch des Herbstes? Band 2 wäre dafür ein okayer Kandidat, weil die Figuren älter sind und (interessantere) eigene Entscheidungen treffen. Band 1 – süßliche Kinder in trostloser Umgebung, monoton erzählt – ist für mich eigentlich keine sehr gute Strandlektüre, kein Wohlfühlbuch… aber auch keine hohe Literatur.
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Thema und Figuren: ein feministischer Epochen- und Milieuroman. Es geht um Ich-Erzählerin Elena, Tochter des Pförtners, und ihre Kindheitsfreundin Lila, Tochter des Schuhmachers. Elena ist mollig, strebsam, unsicher und kämpft sich immer weiter nach oben, weg von ihrer Familie. Sie beneidet ihre Freundin Lila – störrisch, kalt, vielleicht bipolar – die besser schreiben kann, klüger ist, schöner… aber mit 12 von der Schule abgeht, früh einen neureichen Krämer heiratet und später als alleinerziehende Mutter in einer Salami-Fabrik betatscht und missbraucht wird – während Elena Autorin und Dozentin wird.
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Die Mädchen sind 1944 geboren, Band 1 erzählt die Schulzeit, Band 2 die Zeit bis ca. 22, Band 3 bis 32 und Band 4 bis ins Alter – durch eine Rahmenhandlung wissen wir, dass Lila mit fast 70 beschließt, spurlos zu verschwinden. Band 1 ist ein recht seichtes und einfaches Buch über Jugend und Armut. Ab Band 2 erinnern mich die Bücher an die Memoiren von Simone de Beauvoir (persönlich, aber recht soziologisch); mit Band 3 und den Studentenunruhen, der Arbeiterbewegung etc. Ende der 60er wird es politisch. Band 4 fand ich – trotz vieler Längen und Konstruiertheiten – am durchdachtesten: die meisten Storylines werden, nach viel melodramatischem Auf und Ab, halbwegs stimmig und befriedigend abgeschlossen.
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Ich denke beim Lesen der Bücher vor allem an deBeauvoir – und an die “Lindenstraße”: ca. 20 Figuren aus der selben Nachbarschaft, deren albern und übertrieben wechselhaftes Leben JEDEN Aspekt des Zeitgeists abbilden soll, oft sehr thesenhaft, didaktisch, überzeichnet und zu einfach. Die Sprache ist leicht – doch den Büchern fehlen Beschreibungen, Sinnlichkeit, Details und Beobachtungen, Lokalkolorit und Freude… Ein eher seichter Bericht über Mädchen, die lernen, um ihren (freudlosen, recht klischierten) Umständen zu entfliehen. Ich habe nicht das Gefühl, Neapel gut kennen zu lernen.
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Und, mit Blick auf die Anonymität Ferrantes: das langweilige, knorrige Strebermädchen Elena, vermutlich eine autobiografische Figur, erscheint mir halbwegs plausibel. Doch Lila – zu schön, zu feurig, zu unberechenbar, zu fremd, ein Leben voller melodramatischer Verwicklungen – kommt mir erfunden und blass vor.
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Zum Feminismus, aus der New York Times:
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“My women are strong, educated, self-aware and aware of their rights, just, but at the same time subject to unexpected breakdowns, to subservience of every kind, to mean feelings.” […]Q. What is the best thing that you hope readers could take away from your work?A. That even if we’re constantly tempted to lower our guard — out of love, or weariness, or sympathy or kindness — we women shouldn’t do it. We can lose from one moment to the next everything that we have achieved.”
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Ich fürchte, die Bücher kommen international so gut an, weil wir Neapel nicht kennen – und bei jeder seichten oder platten Wendung denken: “Na ja. Vielleicht war das eben so: vor fast 60 Jahren, in Süditalien.” Ein deutscher Zeitroman würde, hoffe ich, kritischer gelesen und verhandelt.
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Lieblingszitate – über Klassismus, Standesdünkel:
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“[The other students] knew how a newspaper or a journal was put together, how a publishing house was organized, what a radio or television office was, how a film originates, what the university hierarchies were, what there was beyond the borders of our towns or cities, beyond the Alps, beyond the sea. They knew the names of the people who counted, the people to be admired and those to be despised. I, on the other hand, knew nothing, to me anyone whose name was printed in a newspaper or a book was a god.
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[…] I didn’t know the map of prestige.
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[…] I was one of those who labored day and night, got excellent results, were even treated with congeniality and respect, but would never carry off with the proper manner the high level of those studies. I would always be afraid: afraid of saying the wrong thing, of using an exaggerated tone, of dressing unsuitably, of revealing petty feelings, of not having interesting thoughts.” [Band 2 – Elena im Studium, in Pisa.]
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“Make your own head masculine, so that it would be accepted by the culture of men: I had done it, I was doing it.” [Band 3 – Elena als Akademikerin.]
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“My entire life would be reduced merely to a petty battle to change my social class.” [Band 4 – Aufstieg kostet Kraft.]
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BookTube, Vlogs, Buchtipps auf Youtube – bei Deutschlandradio Kultur

Buchvlogs, Booktube Deutschlandradio. Herbert Grieshop, BrividoLibro, Leseeule Theresa, Andrea Kossi Koßmann

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Ich spreche am 12. Januar bei “Lesart”, dem Literaturmagazin von Deutschlandradio Kultur über Buch-Vlogger auf Youtube: ab kurz nach 10 Uhr, live im Radio und zum Nachhören.

Auf der Deutschlandradio-Website gebe ich ein paar begleitende Empfehlungen.

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Ich schreibe u.a.: Etwa 80 Deutsche stellen aktuell mehrmals im Monat Bücher in eigenen „BookTube“-Videos vor. Mit den Werbeeinnahmen und Karrieren der Schmink- und Mode-, Gaming- und Comedy-Stars lässt sich die kleine, vernetzte Nische nicht messen. Trotzdem sind viele Vlogger vor allem für Jugend- und Fantasy-Verlage wichtige Multiplikatoren. Und Vorbilder? Buch-Botschafter? Ansprechpartner?

„Ich weiß, dass wir ‘BookTuber’ von den ‘hohen Literaten’ oft schief angeschaut werden. Dazu gab es ja bereits mehrere Medienberichte“, erklärt Andrea „Kossi“ Koßmann, mit 15.000 Abonennten eine der erfolgreichsten deutschen Stimmen. „Mich bringen solche Berichte eher zum Schmunzeln. Ich weiß, dass ich kein Literaturkitiker bin und mich auch nicht so darstelle. Wie die anderen Booktuber eben auch.“


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„Blog“ ist die Kurzform von „Weblog“. Menschen wollten ihre Routen und Fundstücke durch ein Thema öffentlich festhalten – ein Fahrtenbuch durchs Internet. Dabei zeigen sie zwangsläufig auch ein Stück von sich. Bei Vlogs, Video-Blogs wird das verstärkt: Die BookTuber, die mich genug fesseln, um ihnen fünf, zehn Minuten meiner Zeit zu schenken, fielen mir nicht durch Buchauswahl, Argumente oder druckreife Sprache auf.

Sondern durch Witz, Tempo, Charisma, Verschrobenheit. Stimmen, die ich gern quasseln, schwärmen und erzählen höre. Menschen, die glauben, sie zeigen vor allem Bücher. Aber die – wie Elke Heidenreich, Irisch Radisch – dabei auch eine Menge von sich selbst verraten. Sechs Empfehlungen:

…und “Herbert liest”, Herbert Grieshop

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Es gibt Deutsche, die auf Youtube Geld verdienen; viele werden mittlerweile von deutschen TV-Studios oder professionellen Agenten/Agenturen vertreten und vermarktet. Sie sind keine Einzelkämpfer/Amateure mehr.

[toller Text über den Abschied von Y-Titty: Link]

Ein guter Text über Erfolg auf Youtube: “Famous and broke. The sad Economics of Internet Fame”

Die bekanntesten deutschen Booktuber sind Andrea Kossmann [ca. 3000 Views pro Video] und die Beauty-Bloggerin Sara Bow [ca. 5000 Views]. Bow wurde im Sommer 2015 auch kritisch in der SZ portraitiert; Buchblogger Thomas Brasch schrieb eine Untergang-des-Abendlandes-Polemik über ihren Erfolg als Symptom eines allgemeineren Kulturverfalls.

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Wie gesagt: “Blog” kommt von “Weblog”. Ein Reise-, Log- und Fahrtenbuch eines Menschen durch ein bestimmtes Thema. Deshalb denken wir bis heute, dass bei Blogs das THEMA im Vordergrund steht. Bei Vlogs/Videos aber sind Haltung, Duktus, Ausstrahlung des Menschen viel präsenter: Es geht VIEL weniger um “Was habe ich gelesen? Ist es gut oder schlecht?” als um “Wie sieht ein Mensch aus, der liest? Wie du, vielleicht? Erkennst du dich in mir?”

Booktuber geben solcher… Leseleidenschaft, Bücherfans und oft auch Jugendbuch- und Fantasy-Fangirls und -Boys ein Gesicht. Wir können uns auf Youtube mit Menschen gemein machen, die Bücher lieben. Können sie beobachten. Uns selbst in ihnen finden. Codes, Sprache dieser Bücher-Begeisterung üben. Lesen wird attraktiv, weil/falls wir die Lesenden attraktiv finden.

[Texte im Feuilleton sind oft ähnlich voll mit Jargon und Ausschlüssen; identitätsprägend fürs ältere Bildungsbürger-Publikum. Doch es gibt wenige Feuilleton-Figuren, die älteren Lesern immer wieder spiegeln: “Schaut! So sieht ein Buchliebhaber aus! Ganz ähnlich wie du. Leben mit Büchern ist attraktiv!” Elke Heidenreich? Christine Westermann? In der E-Literatur ist das ein Teilaspekt. Bei Booktube/Vloggern Dreh- und Angelpunkt.]

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Probleme/Kritik:

“Es geht nur ums Geldmachen”:

Nein. Fast niemand kann von BookTube-Videos leben. Wie Buchblogger sind auch Vlogger oft unkritischer als Feuilleton, schwärmen sehr – und freuen sich über fast jedes Leseexemplar, viele Marketingkampagnen eines Verlags. Viele BookTuber reden über Glitzer-Schriftarten, packen riesige Second-Hand-Buchpakete aus (“unboxing”-Videos), einiges wirkt irrsinnig unkritisch. Aber: das ist Fan-Verhalten. Keine Dauerwerbesendung. Die Dauer-Begeisterung ist anstrengend, einseitig, oft langweilig. Aber sie kommt von Herzen!

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“Es geht nicht um Literaturkritik”:

Andrea Kossmann: “Ich lese halt zum ‘Abschalten’ und zur Unterhaltung und nicht, um nach dem Lesen eines Buches eine Doktorarbeit zu schreiben. Deshalb halt auch immer nur der Griff zur Unterhaltungs- und nicht zur ‘hohen’ Literatur.”

Als Kritiker glaube ich, dass hier gerade etwas aus dem Ruder läuft: Vor etwa drei Jahren wurde eine Qualitätsdebatte um Literaturblogs (nicht -vlogs) geführt – und viele Blogger verteidigten sich mit: “Ich bin kein Kritiker – und will keiner sein. Kritiker haben Kriterien. Ich schreibe einfach auf, was ein Buch mit MIR macht.”

Dieses Argument ist mittlerweile in zu vielen Debatten mutiert zu: “Ich weiß nicht genau, was Kritiker sind. Im Feuilleton bewerten ältere Männer Bücher nach einem komplexen, objektiven Kriterien-Katalog, den ich nicht kenne, weil ich nicht Germanistik studiert habe. Kritiker sind immer objektiv. Ich rede über meinen Eindruck. Das ist völlig verschieden.”

Als Literaturkritiker wird man von Blog-Freunden behandelt, als sei man Mitglied einer geheimen Elite-Loge. Ein Druide mit okkultem Germanistenwissen. Mir sind die meisten BookTube-Videos zu langsam, schleppend, verplappert.  Vor allem vloggende Frauen wirken oft, als würden sie sich unwohl fühlen vor der Kamera. Viele benutzen – aus Unsicherheit? – zu viele Floskeln: Begrüßungen klingen oft wie bei Tanten, die fremde Kinder aufheitern wollen. Ein künstliches Lächeln. Phrasen und Worthülsen. “Huhu, meine Lieben. Heute gibt es wieder etwas gaaaaanz… Besonderes!”

Umgekehrt lasse ich mich immer wieder von Vloggern begeistern, weil ich ihnen gerne zuhör: laute, energische, manchmal boshaft-überspitze Menschen. Energiebündel. Leute, mit denen ich gern Zeit verbringen würde. Es sind nicht die Inhalte/Bücher, die mich fesseln. Sondern immer das Charisma und Tempo der Sprechenden.

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BookTube wächst, weil es immer mehr und bessere Kameras gibt und wir uns alle z.B. durch Skype daran gewöhnen, vor Kameras zu sprechen. Doch Vlogs über Videospiele, Drogerieprodukte oder Comedy wie “Ich frage meine Oma, was ‘Sexting’ und ‘Shitstorm’ bedeutet” können 200.000 Zuschauer erreichen. Buch-, Literatur- und Bestseller-Themen nicht.

Ich sehe wenig Wachstum: Einzelne BookTuber können Vertraute werden, glaubwürdige Empfehler, gefragte Testimonials. Falls ich Kossis Buchgeschmack liebe, liefert mir meine “Netz-Freundin” Kossi regelmäßig Tipps. Das wissen Verlage. Und Andrea Koßman. Doch das ist keine Industrie, kein Massenphänomen – sondern Empfehlungen, geteilte Begeisterung zwischen ein paar wenigen, gut vernetzten Liebhabern und Buchfreaks.

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Die Feuilleton- und E-Literatur-Menschen, die mit größerem Produktionsaufwand oder redaktioneller Vorbereitung online über Bücher sprechen wollen, merken schnell: Auf 3sat etc. erreicht das mehr Zuschauer. Aufwand und Ergebnis stehen in keinem Verhältnis: Warum “Kulturzeit”-ähnliche Fomate für Youtube produzieren… so lange es noch “Kulturzeit” gibt?

Manga, rechts außen: “Attack on Titan” bei Deutschlandradio Kultur

Attack on Titan DKultur Illustration 1

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Am 16. November (Montag) spreche ich bei Deutschlandradio Kultur ab kurz nach 10 Uhr über die aktuell erfolgreichste Comicreihe der Welt: “Attack on Titan”.

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“Attack on Titan” ist ein monatlich erscheinender japanischer Horror-/Fantasy-/Action-Manga für Jugendliche. Pro Monat erscheinen ca. 40 Seiten in einem Magazin; alle ca. 5 Monate erscheint ein Sammelband mit 4 bis 5 Kapiteln, seit 2009. Diese bisher 18 Sammelbände sind ein Bestseller in Japan, den USA und Deutschland. Die Reihe soll ca. 2017 enden.

2013 erschien eine Anime-Serie, die Band 1 bis 8 adaptiert, seit Oktober 2015 läuft eine zweite Staffel. Diese TV-Adaption ist handwerklich besser als der Manga, aber in erster Linie ist „Attack on Titan“ weiterhin ein Print-Erfolg. Im Sommer 2015 kam eine Realverfilmung in die Kinos – mit schlechten Kritiken/wenig Resonanz.

Ein 3-Minuten-Trailer zur TV-Version, der Figuren, Stimmung und Militarismus gut einfängt:

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6 Thesen, Eigenarten:

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„Attack on Titan“…

…ist amateurhaft: Hajime Isayama, geboren 1986, ist Zeichner und Autor. 2009 war er erst 22. Mangas sind oft SEHR virtuos gezeichnet. „Titan“ ist der zeichnerisch schlechteste, den ich kenne: Perspektive, Hintergründe, Charakterdesign… alles wirkt lieblos und anfängerig. Das ist toll, weil: Der Manga wirklich durch die Geschichte zum Erfolg wurde. Nicht durch Schauwerte oder Oberflächen. [Die TV-Version ist deutlich hochwertiger.]

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…ist „deutsch“: Der Manga spielt in der Zukunft oder auf einer parallelen Erde. Seit 107 Jahren verschanzt sich die Menschheit irgendwo in Zentral- oder Osteuropa hinter drei riesigen Mauern/Festungskreisen. Die ärmsten Menschen leben in den äußeren Gebieten, die Oberschicht im sicheren Zentrum. Es gibt keinen Strom und keine Motoren, die Architektur erinnert an deutsche Fachwerkstädte wie Nördlingen, im reichen Zentrum an die Gründerzeit in z.B. Berlin.

Die Figuren heißen „Eren Jäger“, „Annie Leonhardt“, „Christa Lenz“ oder, alberner, „Flegel Reeves“, „König Fritz“ usw., der japanische TV-Titelsong beginnt mit den deutschen Worten „Seid ihr das Essen? Wir sind die Jäger!“

Im März, auf der letzten Leipziger Buchmesse, sah ich MASSENWEISE Cosplayer/Fans in Uniformen. Die „Titans“-Welt ist preußisch/altdeutsch, germanophil, Soldatin Makisa Ackermann ist halb-Asiatin und damit vielleicht der letzte nicht-weiße Mensch. Denn hinter den Mauern warten Riesen/Titanen: 3 bis 50 Meter hohe Wesen, die Menschen verschlingen/fressen und nur durch einen Schwerthieb durch den Nacken getötet werden können.

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titan i wasn't free and...

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…ist Shonen: Es gibt vier Sorten Manga: Josei für erwachsene Frauen, Seinen für Männer, Shojo für Mädchen und Shonen – für Jungs. Wie fast alle in Deutschland erfolgreichen Manga ist “Attack on Titan” ein Shonen-Titel. Action, kaum interessanten Frauen, ein junger, ungestümer Held mit besonderen Fähigkeiten, von dessen Leistung das Schicksal der ganzen Welt abhängt. „Attack on Titan“ ist konventionell – aber eben ein zeitgemäßer, spannender, süffiger Einstieg ins Genre „Shonen“ oder ins Medium „Comics“. Und: die Reihe ist zynischer, blutiger, weniger idealistisch als bisherige Shonen-Erfolge („Dragonball“, „One Piece“). Ein Junge geht zum Militär, um Riesen zu zerstören – um jeden Preis.

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…ist eine Zombie-Geschichte ohne die Frage nach Werten: Die Titans sind wie Zombies – nur (sehr japanisch) groß wie Godzilla/Kaiju-Monster. In vielen Zombiegeschichten ist die Regierung passé, Figuren müssen sich als Gruppe organisieren und entscheiden, an welchen Werten sie festhalten. Bei „Attack on Titan“ dagegen gibt es ein Militär, dem man sich unterordnet: Gehorsam, Uniformen, Militarismus, Wir-gegen-die-Rhetorik. Der Comic ist halb „Harry Potter“ (zwei Jungs, ein Mädchen machen eine gefährliche Ausbildung), halb Militär-Werbung. Der sympathische „Titan“-General Pixis ist dem Kaiserlichen General Akiyama nachempfunden – der Invasionskriege gegen China und Korea führte. Auch deshalb wird „Attack on Titan“ in Korea und China boykottiert, der Autor erhielt Morddrohungen.

Der sympathischste Kommandant, Erwin Smith, hat… Erwin Rommel zum Vorbild.

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attack on titan rechts

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…ist ein ontologisches Rätsel: Ähnlich wie Mystery-Serien wie „Lost“ funktioniert „Titan“ auf zwei Ebenen. Abenteuer, Überlebenskampf, Verfolgungsjagden auf Pferden und durch Wälder… und, größer: die Frage, wie diese Welt funktioniert. Woher kommen die Titanen? Was liegt jenseits der Mauer? Spielt die Handlung ca. im Jahr 4000, nach einem riesigen Krieg – oder in einer Märchenversion des späten 19. Jahrhunderts? Immer neue Rätsel und Geheimnisse sind wichtiger als Figurenpsychologie oder Logik, und wie bei vielen ontologischen Rätseln kann man vor Ende nicht sicher sagen, ob die Geschichte „gut“ ist oder nicht. Bisher wird sie in 18 Bänden immer hanebüchener, aber auch immer packend-geheimnisvoller.

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…ist reaktionär: als die Titanen die äußerste Mauer durchbrechen, verliert die Menschheit ein Drittel ihres Landes. Alle flüchten sich hinter Mauer 2 – doch weil das Essen knapp wird, sperrt der König die Unterschicht (20 Prozent der Menschheit) aus und lässt sie von Titanen fressen. Sozialdarwinismus, sehr viel Gerede über „wertlose“ Menschen oder die „Verschwendung“, Schwachen zu helfen… „Attack on Titan“ erzählt eine zynische Geschichte und zeigt eine mitleidslose, fremdbestimmte Welt, die Teenager anspricht. Die Adligen sind dekadent, der Staat machthungrig, die Priester böse, Zivilisten dumm und nutzlos. Nur das Militär kann uns retten.

titan commander.

titan x

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attack on titan rechts 2

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  • „Jeder ist ein Sklave einer Sache oder Idee.“
  • „Es gibt keine guten und schlechten Menschen: Wer unbequem ist, wird ‘schlecht’ genannt“
  • „Wenn die Ressourcen knapp werden, muss sich jede Minderheit der Mehrheit anpassen.“
  • Nur, weil Soldaten sich opfern, „können die gewöhnlichen Menschen immer weiter leben, ohne etwas zu schaffen, bis sie irgendwann sterben.“

Zäune. Mauern. Opfer: „Attack on Titan“ zeigt eine grausame, existenziell beklemmende Welt – drastisch, ohne Empathie für Schwächere, jugendlich-pathetisch, wütend… und rechts. faschistoid?

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Attack on Titan DKultur Illustration 3

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Manga-Empfehlungen:

  • mein aktueller Lieblings-Manga ist “I am a Hero”
  • mein TV-Favorit: “Neon Genesis Evangelion”
  • mein Lieblings-Animefilm: “Nausicäa”
  • als Schüler mochte ich “Die Königin der 1000 Jahre”, “Lady Oscar”, “Sailor Moon”, “Wish” (Clamp) und “Dragonball” (nur die Mangas, nicht die Serie).
  • seitdem las und mochte ich u.a. “Yotsuba”, “Bakuman”, “Honey & Clover”, “Twin Spica”, “Sakamichi no Apollon”, “With the Light” und, mit gewissen Abstrichen, “Young Bride’s Story”, “Homunculus”, “Pluto”, “Planetes” und “Ooku: the Inner Chambers”.

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titan guter Mensch good Person

Die besten Romane 2015: Entdeckungen

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Einmal pro Monat stelle ich ca. 20 unbekannte oder neue Bücher vor.

heute: aktuelle Romane, neu auf Deutsch.

Literatur seit Anfang 2015 – angelesen, gemocht und vorgemerkt:

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01: CHIGOZIE OBIOMA, “Der dunkle Fluss” / “The Fishermen”

  • Nigeria: Als ihr Vater plötzlich verschwindet, wollen zwei Brüder vom Fischfang leben.
  • Literarischer Thriller aus Sicht eines Neunjährigen.
  • 313 Seiten, 13. Februar 2015, Aufbau Verlag [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Der dunkle Fluss

02: JAN HIMMELFARB, “Sterndeutung”

  • Arthur Segal, Jude und Überlebender des Holocaust, lebt als Autohändler in der Ukraine: Anfang der 90er Jahre blickt er zurück auf sein Leben.
  • 394 Seiten, 19. Januar 2015, C.H. Beck [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Sterndeutung

03: MARIA SEMPLE, “Wo steckst du, Bernadette?” / “Where did you go, Bernadette?”

  • Satrischer, überraschender, warmherziger und mutig konstruierter Familienroman zwischen David Foster Wallaces “Unendlicher Spaß” und… “Gilmore Girls”.
  • 384 Seiten, 12. Januar 2015, btb [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Wo steckst du, Bernadette?

04: MICHAEL FEHR, “Simeliberg”

  • Literarische Adaption eines Grimm-Märchens als Schweizer Hinterwäldler-Noir-Thriller in Versen und Mundart. (Wow.)
  • 144 Seiten, Februar 2015, Der gesunde Menschenverstand [Amazon | Leseprobe | Goodreads]

Simeliberg

05: PAMELA ERENS, “Die Unberührten” / “The Virgins”

  • Ein Mädchen und ihr Freund… beobachtet, manipuliert und beneidet von einem linkischen Mitschüler:
  • 297 Seiten, 19. Januar, C.H. Beck [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Die Unberührten

06: TERÉZIA MORA, “nicht sterben”

  • Poetikvorlesungen einer meiner deutschsprachigen Lieblingsautorinnen.
  • 160 Seiten, 23. Februar 2015, Luchthand [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Nicht sterben

07: MATTHEW THOMAS, “Wir sind nicht wir” / “We are not ourselves”

  • Roman über eine irische Familie in Queens, von den 1940ern bis ins Jahr 2000.
  • Jonathan Franzens “Die Korrekturen” in… nett / harmloser.
  • 896 Seiten, 16. Februar 2015, Berlin Verlag [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Wir sind nicht wir

08: FAVEL PARRETT: “Der Himmel über uns” / “When the Night Comes”

  • Atmosphärischer Mainstream-Roman über ein junges Mädchen in Hobart, Tasmanien, das sich mit einem Seefahrer befreundet.
  • (..die früheren Bücher Parretts haben noch bessere Kritiken.)
  • 220 Seiten, 14. Februar 2015, Hoffmann und Campe [Amazon | Ocelot | Goodreads]

When the Night Comes

09: TILMAN STRASSER, “Hasenmeister”

  • Ein Musikschüler und Geigenvirtuose schließt sich in der Übezelle ein und flüchtet vor der Welt und seiner Exfreundin.
  • Leseprobe hier (Link)
  • 240 Seiten, 23. Februar 2015, Salis Verlag [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Hasenmeister

10: NICOLAS BREUEL, “Schlossplatz, Berlin”

  • Ein nervöser, naiver (?) Bundestagsabgeordneter denkt während einer Zwangspause an der Nordsee neu über seine Ziele und Werte nach.
  • 280 Seiten, 1. März 2015, dtv [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Schlossplatz, Berlin

11: MARC DEGENS, “Fuckin’ Sushi”

  • Coming of Age in Bonn: eine Schülerband schafft den Durchbruch. Zu welchem Preis?
  • 320 Seiten, 18. Februar 2015, Galiani [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Fuckin Sushi

12: LINUS REICHLIN, “In einem anderen Leben”

  • Ein Kunstfälscher in Berlin trifft auf die Jahrzehnte alten Lebenslügen seiner Eltern und seiner Jugend. Dick aufgetragen – aber sympathisch.
  • 384 Seiten, 29. Januar 2015, Galiani [Amazon | Ocelot | Goodreads]

In einem anderen Leben

13: DIETMAR SOUS, “Roxy”

  • Außenseiter- und Schulversagerroman über die 70er Jahre. Trotz plattem Buchcover und Klappentext recht smart und schwungvoll.
  • 144 Seiten, 13. Februar 2015, Transit [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Roxy

14: TEJU COLE, “Jeder Tag gehört dem Dieb” / “Every Day is for the Thief”

  • Teju Cole, geboren 1975 als Sohn nigerianischer Einwanderer, reist von den USA aus zurück nach Nigeria, portraitiert und fotografiert dort Menschen und Orte.
  • 176 Seiten, 2. Februar 2015, Hanser Berlin [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Jeder Tag gehört dem Dieb

15: XIFAN YANG, “Als die Karpfen fliegen lernten: China am Beispiel meiner Familie”

  • Xifan Yang, in Deutschland aufgewachsen, schreibt über ihre Eltern und Großeltern.
  • 335 Seiten, 23. Februar 2015, Hanser Berlin [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Als die Karpfen fliegen lernten: China am Beispiel meiner Familie

16: BRENDAN I. KOERNER, “Der Himmel ist unser. Liebe und Terror im Goldenen Zeitalter der Flugzeugentführungen” / “The Skies belong to us: Love and Terror in the Golden Age of Hijacking”

  • US-Sachbuch: eine kleine Kulturgeschichte der Flugzeugentführung von 1968 bis 73.
  • 320 Seiten, 1. März 2015, Verlag André Thiele [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Der Himmel ist unser: Liebe und Terror im Goldenen Zeitalter der Flugzeugentführungen

17: DANIEL JAMES BROWN, “Das Wunder von Berlin: Wie neun Ruderer die Nazis in die Knie zwangen” / “The Boys in the Boat: Nine Americans and their epic Quest for Gold at the 1936 Berlin Olympics”

  • US-Sachbuch: der Olympiasieg des amerikanischen Ruder-Teams und der komplexe, toll recherchierte historische Rahmen.
  • 520 Seiten, 20. April, Riemann Verlag [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Das Wunder von Berlin: Wie neun Ruderer die Nazis in die Knie zwangen

18: BARBARA HONIGMANN, “Chronik meiner Straße”

Chronik meiner Straße

19: BENJAMIN PERCY, “Jemand wird dafür bezahlen müssen” / “Refresh, Refresh”

  • Short Stories aus Oregon. Provinziell, dunkel… vielleicht zu konventionell?
  • 320 Seiten, 23. März 2015, Luchterhand [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Jemand wird dafür bezahlen müssen: Stories

20: LÁSZLÓ KRASZNAHORKAI, “Die Welt voran”

  • Kurzgeschichten, Sprachexperimente, Verwirrspiele: experimentelle Prosastücke des ungarischen Avantgarde-Erzählers.
  • 416 Seiten, 19. Februar 2015, S. Fischer [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Die Welt voran

21: AYELET GUNDAR-GOSHEN, “Löwen wecken”

  • Ein israelischer Neurochirurg überfährt einen illegalen Arbeiter aus Eritrea und begeht Fahrerflucht. Am nächsten Tag erpresst ihn die Witwe: Er soll Flüchtlinge versorgen und behandeln, in einem Camp.
  • 432 Seiten, 1. Februar 2015, Kein & Aber [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Löwen wecken

22: KENNETH BONERT, “Der Löwensucher” / “The Lion Seeker”

  • Südafrika in den 30er Jahren: ein junger Jude als Litauen und die Geheimnisse und Verfehlungen seiner Familie.
  • 800 Seiten, 25. März 2015, Diogenes [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Der Löwensucher

23: SANDRA GUGIC, “Astronauten”

  • Stadtgeschichten, Einsamkeit, lose verknüpfte Alltagsaufnahmen.
  • 208 Seiten, 21. Januar 2015, C.H. Beck [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Astronauten

24: AMBER DERMONT, “In guten Kreisen” / “The Starboard Sea”

  • Unterhaltungsroman über Privatschul-Schnösel in den 60er Jahren, Gruppenzwang, Klassismus und vertuschte Verbrechen.
  • 444 Seiten, 10. Februar 2015, mare [Amazon | Ocelot | Goodreads]

In guten Kreisen

25: SIFISO MZOBE, “Young Blood”

  • Young-Adult-Literatur aus Südafrika: ein junger schwarzer Schulabbrecher wird zum Kriminellen.
  • 274 Seiten, 16. Februar 2015, Peter Hammer [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Young Blood

26: TOM DRURY, “Das stille Land” / “The driftless Area”

  • Eine Affäre in der Provinz, eine allein lebende Nachbarin und eine Kette aus Zufällen… oder geheimen Plänen?
  • 216 Seiten, 31. Januar 2015, Klett-Cotta [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Das stille Land

27: JOHN WILLIAMS, “Butcher’s Crossing”

Butcher's Crossing

28: ARNO GEIGER, “Selbstportrait mit Flusspferd”

  • Nach einer Trennung verbringt ein Veterinärsstudent einen Sommer mit der Pflege eines Zwergflusspferdes. Schönes Sommerbuch? Oder Kitsch?
  • 288 Seiten, 2. Februar 2015, Hanser [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Selbstporträt mit Flusspferd

29: DAGNY GIOULAMI, “Alle Geschichten, die ich kenne”

  • Schrulliger, leichter Südosteuropa-Roman über eine junge Frau aus Zürich, die spontan nach Griechenland reist.
  • 160 Seiten, Februar 2015, weissbooks [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Alle Geschichten, die ich kenne: Roman

30: SIBYLLE KNAUSS, “Das Liebesgedächtnis”

  • Eine Schriftstellerin wird im Alter dement… und schreibt gegen den eigenen Verfall an.
  • 192 Seiten, 9. Februar 2015, Verlag Klöpfer & Meyer [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Das Liebesgedächtnis

31: MIKLÓS BÁNFFY, “In Stücke gerissen” (US-Titel: “They were divided”)

In Stücke gerissen

32: MICHÉLE BERNSTEIN, “Alle Pferde des Königs”

  • Hipster-Literatur, im Original erschienen 1960:
  • Bernstein, eine junge Situationistin, parodiert den psychologischen Roman Frankreichs so geschickt und erfolreich, dass ihr (ironisches?) Buch als großer Jugend- und Beziehungsroman gefeiert wird.
  • 128 Seiten, 25. Februar 2015, Edition Nautilus [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Alle Pferde des Königs

33: PÉTER ESTERHÁZY, “Indirekt”

  • Literatur mit Links: Aus vielen literarischen Zitaten und eigener Handlung colaggiert Esterházy ein kurzes, charmantes erzählerisches Spiel.
  • 176 Seiten, 19. Januar 2015, Berlin Verlag [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Indirekt

34: SIRI HUSTVEDT, “Die gleißende Welt” / “The Blazing World”

  • New-York-Roman über eine Künstlerin, die ihre Arbeit hinter drei Männernamen versteckt, um Sexismus zu entgehen.
  • 512 Seiten, 24. April, Rowohlt [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Die gleißende Welt

35: KAREN JOY FOWLER, “Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke” / “We are all completely besides ourselves”

  • überraschender Familienroman über ein altes Trauma… und Forschung an Menschenaffen.
  • 368 Seiten, 11. Mai 2015, Manhattan [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Die fabelhaften Schwestern der Familie Cooke

36: SEMJON VOLKOV, “Idiotenbus”

  • der Alltag eines jungen Mannes mit geistiger Behinderung in einer Werkstatt.
  • Rollenprosa, ein bisschen gewollt-drollig / lesebühnenhaft.
  • 200 Seiten, 12. Januar 2015, Verlag tredition [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Idiotenbus

37: FLORIAN GANTNER, “Trockenschwimmer”

  • Ein junger, melancholischer Versager in Österreich blickt zurück auf seine Alltags-Niederlagen… und ein (kleines) Verbrechen.
  • 192 Seiten, 12. Februar 2015, Edition Laurin [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Trockenschwimmer

38: RICHARD McGUIRE, “Hier” / “Here”

  • der selbe Bildausschnitt, immer neu über ganze Epochen hinweg gezeigt:
  • Graphic Novel über Zeit und Wandel.
  • 300 Seiten, 10. Dezember 2014, Dumont [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Hier

39: MILJENKO JERGOVIC, “Vater”

  • autobiografisches Essay: der bosnische Schriftsteller erinnert sich an den Tod seines Vaters und ihr schwieriges Verhältnis.
  • 208 Seiten, 3. Februar 2015, Schöffling [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Vater

40: DASA DRNDIC, “Sonnenschein”

  • Kroatien im zweiten Weltkrieg: ein selbstbewusster, doch oft recht eitler und creative-writing-hafter Roman über eine jüdische Familie.
  • 400 Seiten, 14. Februar 2015, Hoffmann und Campe [Amazon | Ocelot | Goodreads]

Sonnenschein

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