Deutschlandfunk Kultur

HIV in den 80ern und 90ern: Buchtipps zum Welt-AIDS-Tag

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Promising people, who could have contributed much, dying young and dying unnecessarily. (Randy Shilts)

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Die AIDS-Krise ist 35 Jahre her. Ich bin 35. Die Menschen, die damals starben, forschten, aktivistisch arbeiteten, waren oft Mitte 30.

Im Juni 2018 las ich mehrere Sachbücher über HIV und AIDS in den 80er und 90er Jahren, für Deutschlandfunk Kultur.

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„Erst 1969 war Homosexualität im Rahmen der Großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger entkriminalisiert worden, nachdem über 50000 Bürger verurteilt worden waren.“

„Im Juli des Jahres 1979 fand der Homolulu-Kongress in Frankfurt am Main statt, das erste internationale Homosexuellentreffen, das zum Zündfunken für die Gründung vieler schwuler Initiativen in Westdeutschland wurde, darunter das Begegnungs- und Tagungshaus Waldschlösschen.“

„Christian von Maltzahn beteiligte sich an der Aktion »Wir sind schwul«, bei der sich im Oktober 1978 682 Männer im Stern outeten (angelehnt an die legendäre Aktion »Wir haben abgetrieben« von 1971). Daraufhin wurde er von der Familie verstoßen.“

„1980 zerschlug der Künstler und spätere Präsident des FC St. Pauli Corny Littmann einen Spiegel in der öffentlichen Toilette am Jungfernstieg, hinter dem sich ein Raum der Polizei befand. Von dort aus hatten Beamte bis dato durch ein Spezialglas die Urinale beobachtet, um Homosexuelle auf frischer Tat bei »sittenwidrigen Handlungen« ertappen zu können.“

„Die relative Freiheit, mit der sich Homosexuelle in der Bundesrepublik zu diesem Zeitpunkt bewegen konnten? In den Großstädten gab es eine ausdifferenzierte Szene, allein in Westberlin mehr als fünfzig Kneipen, zwei schwule Verlage und mehrere Saunen. Frank Ripplohs legendärer, auch international erfolgreicher »Film Taxi zum Klo« (1980) vermittelt etwas von der damaligen Atmosphäre.“

„Am Anfang war Aids nichts als ein »Schreck von drüben«, wie der Spiegel im Mai des Jahres 1982 schrieb.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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Ein wichtiges Buch.

Mit wuchtigem Titel: In „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“ will taz-Redakteur Martin Reichert 40 Jahre Krankheits-, Sozial-, Polit- und Kulturgeschichte bündeln, auf 270 knappen Seiten. Ein Buffet aus Fakten, Diskursen, offenen Fragen und persönlichen Anekdoten, das so viele Themen (und: Pioniere, Stimmen) streift, dass ich beim Lesen mehr Zeit bei Google, Wikipedia verbrachte als in Reicherts zugänglichem, doch oft kursorischem Text.

Das viel zu kurze Suhrkamp-Buch zeigt mir vor allem, wie vage und oberflächlich mein eigenes Verständnis und Wissen sind.

„Das Ende von AIDS haben sich die Vereinten Nationen fürs Jahr 2030 auf die Fahnen geschrieben, in Deutschland soll das Ziel schon 2020 erreicht sein. Bis dahin soll die Krankheit bei niemandem mehr ausbrechen. In Deutschland wird derzeit noch bei etwa tausend [HIV-positiven] Patienten jährlich das Vollbild diagnostiziert.“

Wie ausführlich, detailliert müssen Dokus und Sachbücher erzählen?

Wunderbare Graphic Novels wie Judd Winnicks „Pedro and me“ (2000, über Aktivist und MTV-Star Pedro Zamora) oder „Taking Turns“ (2017: ein „Graphic Medicine“-Doku-Comic der lesbischen Hospizpflegerin und Künstlerin M.K. Czweriec) bleiben bei engen Einzel-Aspekten der AIDS-Krise (Jugendkultur der 90er; Pflege und Hospiz): didaktisch, zugänglich, sympathisch.

Fehlt also immer noch ein großes Standard-, Grundsatzwerk über der Zeit von ca. 1978, als erste AIDS-Fälle dokumentiert wurden, und 1996 – seit HIV via „Medikamentencocktail“ meist gebändigt wird?

2017 erzählt David France in „How to survive a Plague“ auf über 600 holprigen Seiten, wie New Yorker Aktivistengruppen, z.B. ACT UP Ende der 80er gegen selbstsüchtige Forscher, korrupte Pharmafirmen und die Gleichgültigkeit der Presse und des Präsidenten, Ronald Reagan, agitierten. Ein verquastes, maßloses, oft provinzielles Buch. Tausend (oft interessante) Details. Ohne Gespür für Dramaturgie.

Hier stolpern auch Filme und Theaterstücke meist:

Tony Kushners unvergesslicher Broadway-Zweiteiler „Angels in America“ (1991) zeigt Stimmungen und Alpträume der New Yorker Community. Larry Kramers Lehrstück „The Normal Heart“ (1985) prangert das Polit-Versagen an, zusammen mit einer fiktiven, eher seichten Liebesgeschichte. Ryan Murphys HBO-Verfilmung von 2013 vermittelt kompakt, stilsicher, packend alle Oberflächen der Ära: Wie wurde vor 35 Jahren in Manhattan gesprochen, getanzt, gestritten? Gestorben?

Je mehr Sender und Portale im US-Serienmarkt auf Nischen setzen und eigensinnigen Ton – je mehr Produktionen nicht mehr allen, jeden vage gefallen, sondern lieber kleine, engere Zielgruppen komplett begeistern wollen – desto spezifischer, mutiger werden HIV und queerer Alltag erzählt. Zuletzt etwa in Ryan Murphys „Pose“ (2018). Ikonografie, die oft aufs Fremde und Vergangene setzt. Bilder, die zeigen: Das war eine ganz eigene Welt, zu einer ganz anderen Zeit.

Um die AIDS-Krise zu verstehen, brauche ich mehr als solche Momentaufnahmen – die immer wieder unterstreichen: “Das ist lange her. Das ist weit weg.”

Das für mich stärkste, wichtigste AIDS-Sachbuch stammt von Randy Shilts: einem der ersten offen schwulen Journalisten im Dienst großer US-Zeitungen.

“And the Band played on” erschien bereits 1987. Die deutsche Ausgabe, “Und das Leben geht weiter”, ist seit 25 Jahren vergriffen. Shilts stellt zwei große Fragen: “Was geschah?” Und, sobald klar wird, dass eine Geschichte von AIDS vor allem eine Geschichte von Versäumnissen, vermeidbarem Leid, sozialer Kälte, Hass, Homophobie ist: “Wie konnte das geschehen?”

Zeitlicher Abstand hilft beim Analysieren. Trotzdem bleibt “And the Band played on”, eines der frühesten und ältesten Bücher, eine Klasse für sich. Ein deutsches Pendant fehlt schmerzlich. Shilts selbst ließ sich während der Arbeit am Manuskript nicht auf HIV testen. Erst, als das Buch in Druck ging, sah er sich bereit, den eigenen Status zu erfragen. Er starb 1994, mit 43 Jahren, an AIDS.

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„Gab es damals in Hannover überhaupt Schwulenbars? »Natürlich, in der Nähe des Bahnhofs, eine sogar mit ›Dunkelraum‹«, erinnert Udo sich, »Klappen waren sowieso überall, in Paderborn sogar direkt unter dem Dom.« Man habe zu dieser Zeit nichts zu befürchten gehabt als schwuler Mann. Tripper, Syphilis und Filzläuse waren lästig, aber gut behandelbar.“

„Journalist Jan Feddersen, geboren 1957: »Aids ist ein Scheißdreck. Aids – da war ich so jung und lebenshungrig – so von wegen: Die Party namens Leben, die ich immer so ernst genommen habe, ging doch gerade erst los, nachdem ich den wesentlichen Schutt aus Kinder- und Jugendtagen weggeräumt hatte. Durch Aids konnte man seine Sexualität nicht mehr leben, und weil die ein zentraler Aspekt der schwulen Identität ist, konnte man auch die Identität nicht mehr leben.«“

„»In den achtziger Jahren war es nötig, eine andere Sprache zu finden – über Sexualität zu sprechen. Das Land hatte den Nationalsozialismus hinter sich, die fünfziger Jahre; es gab noch dieses Bild, dass die Menschen, die an Aids erkrankten, für ihre Sünden bestraft würden.« Die konservative, zutiefst christliche Politikerin Rita Süssmuth musste nun über Anal- und Oralverkehr sprechen – und vor allem über Kondome. Der Spiegel zeigte sie auf dem Titel, eingehüllt in ein Ganzkörperkondom.“

„Wir als Schwule haben uns gut geschlagen, die Gesellschaft hat – wenn man von Bayern absieht – einigermaßen fair reagiert. Aber eigentlich ging es eben nur darum, dass die Seuche nicht von der Randgruppe in die Mehrheitsgesellschaft dringt. Das, was Rita Süssmuth damals geleistet hat, hatte mehr mit merkelscher Pragmatik zu tun als mit Empathie.“

„Wie wurde noch der damalige Kurienkardinal Joseph Ratzinger in den achtziger Jahren zitiert, selbstverständlich im Spiegel: »Man muß nicht von einer Strafe Gottes sprechen. Es ist die Natur, die sich wehrt.«“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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Ich las & sah 2018:

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A (2018): Martin Reicherts „AIDS in der Bundesrepublik“, Suhrkamp

B (2016): David Frances‘ „How to survive a Plague. The Story of how Scientists and Activists tamed AIDS“, nicht auf Deutsch. 2014 drehte France eine gleichnamige Doku. Das 600-Seiten-Buch dokumentiert Networking, Politik und Widerstand, vor allem im New York der 80er.

C (2014): den Film „A Normal Heart“ (2014), nach Larry Kramers gleichnamigen Theaterstück von 1985, über Aktivismus in New York bis 1985. Kramer ist auch in (B) und (D) eine wichtige Figur.

D (1987): Randy Shilts „And the Band Played on. Politics, People and the AIDS Epidemic“ (dt. „Und das Leben geht weiter“, vergriffen), 800-Seiten-Doku darüber, warum alles so schleppend lief – behördlich, politisch, sozial etc.

E (2017): MK Czwerkieks Comic „Taking Turns. Stories from HIV/AIDS Care Unit 371“: autobiografischer Doku-Comic über Hospiz und Pflege ab 1994.

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Alle Titel sind empfehlenswert.

Doch man muss vorher entscheiden, was man selbst über HIV/AIDS wissen will – und erwartet:

Sortiert von „einsteigerfreundlich“ zu „großer Wurf“:

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E – Der Comic, „Taking Turns“: einfache Sprache, viele medizinisch und… sozialhistorische Infos, schöner Überblick. Das Buch, das ich am ehesten verschenken würde, falls jemand fragt: „Wie verläuft diese Krankheit, und warum war/ist sie gesellschaftlich eine große Sache?“

C – Ein 2-Stunden-Film, „The Normal Heart“, der in starken Bildern das Zeitgefühl der 80er vermittelt. Ich sah das mit Gewinn, doch finde unerträglich, dass Autor Larry Kramer sich selbst in jeder Szene als tollsten Hecht schildert / feiert. Ein narzisstischer und einseitiger Film, den man nur erträgt, wenn man ausklammert, dass hier ein super-umstrittener und ineffektiver Aktivist ein Denkmal für sich selbst baut, plump, arrogant und voll VIEL zu platter Monologe, die ich literarisch nicht ernst nehmen kann. Je weniger man über Kramer und die Realität weiß, desto sehenswerter ist der Film.

B – Wer sich für HIV interessiert und einen soliden, faktensatten und zeitgemäßen Überblick sucht: Bitte „How to survive a Plague“. Persönlich fand ich anstregend, dass der Autor mit vielen Aktivist*innen von damals befreundet zu sein scheint und sehr bauchpinselt. auf 600 Seiten in oft labbrigem, plapprigem Stil zu lesen, dass Harry ein toller Typ, Gary ein netter Kerl, Barry eine gute Seele ist – ohne, dass wir tief in diese Personen, ihre Psyche und Widersprüche steigen konnten… fand ich ermüdend. Und: journalistisch peinlich.

D – Wow. Schade, dass das beste Buch, auf das ich stieß, auch das älteste ist: „And the Band played on“

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1984: „Before AIDS, Paul had never believed that gays really were all that oppressed; now he was worrying about wholesale employment discrimination and quarantine camps.“

1983: „Czechoslovakia was the only communist nation to concede that AIDS could spread within socialist borders. Respresentatives of the Union of Soviet Socialist Republics stoically insisted that ‚We will not have any of these casis in the Soviet Union‘.“

1983: „Japan had reported its first two AIDS cases, making it the first Asian nation to be touched by the epidemic. The brothels, Turkish baths, and sex parlors in Tokyo’s famed Yushiwara District were refusing foreign visitors for fear that they might spread AIDS. Baths posted signs reading: ‚Japanese Men Only‘.“

1983: „The long incubation period for the virus had permitted it to spread for years before anyone even knew it existed. The mean period was 5.5. years. It appeared that some cases would take more than 11 years to incubate; although some people would come down with AIDS in as little as six months.“

1984, BRD: „In the second hardest-hit nation in Europe [after France], testing found that two-thirds of hemophiliacs, 20 percent of intravenous drug users and one-third of gay men carried HTLV-III antibodies. […] Under veneral disease laws, which were in force in nearly every northern European country, it was a crime for a person with a sexually transmitted disease to have sex.“

1983: „Nervous health officials and reporters had spent months talking about AIDS being spread through ‚bodily fluids‘. What they meant to say was semen and blood, but the term ’semen‘ is one that polite people don’t use in conversation, and blood banks still objected to the use of the term ‚blood‘. [So… public fears spread:] Saliva was a bodily fluid. Could AIDS be spread through coughing?“

[schreibt Randy Shilts in „And the Band Played On“]

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Warum genau jetzt / heute diese Bücher lesen?

– Weil die Bücher fragen „Wie konnte das passieren?“, und die Antworten interessant, komplex, lehrreich sind.

– Weil von 1980 bis ca. 1987 viele Dinge falsch liefen – politisch, sozial, psychologisch. AIDS war *eine* Herausforderung, auf die die Gesellschaft reagieren musste. ein guter Aufhänger für ein Sachbuch (weil: klare Chronologie, nicht zu viele handelnde Institutionen etc.)

– Wie schlecht, wie falsch, wie langsam die Gesellschaft reagiert hat und, wie wir daraus sehen, wie schlecht, langsam, falsch wir gesellschaftlich auf ALLES Neue immer wieder reagieren… diese Mechanismen werden in den Büchern erklärt. Deshalb für mich: eine Lektüre fürs Leben. Ich habe *sehr* viel gelernt.

– Weil in 35 Jahren ähnliche Bücher erscheinen werden über z.B. den Klimawandel oder die Diesel-Debatten. ich glaube nicht, dass man Bezug zu HIV oder Diesel braucht, um das mit Gewinn zu lesen.

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„Die Zeit der Aids-Krise von Mitte der achtziger bis Mitte der neunziger Jahre ist auch eine Zeit, in der sich die Kultur des Krankseins verändert. Damals hält das Leben paradoxerweise Einzug in die Krankenhäuser: »Auf einmal waren da jede Menge junge Leute – und die haben ja auch Besuch bekommen. Da wurde Musik gemacht und gelacht – das war eine neue Kultur. Vorher gab es nur streng geregelte Besuchszeiten und Blumenvasen.«“

„Bruno Gmünder hat viele Bekannte und Freunde sterben sehen. »Ein Freund von mir war positiv und hat sich noch Mitte der Neunziger umgebracht. Er war in der Modebranche tätig, in Süddeutschland – aber zur Behandlung ist er immer nach Berlin geflogen, seine Sekretärin durfte nichts davon wissen, niemand durfte etwas wissen. Dieser Druck, dieses Schweigen. Viele haben das mit Kokain überdeckt – eines Tages ist er dann vom Balkon gesprungen.«“

„Gmünder: »Aids, das hat eine ganze Generation verbogen. All diese deformierten, traumatisierten Menschen.«“

„Wieland Speck hat einen kleinen Altar aufgebaut, mit Bildern, Fotos, Erinnerungsstücken von Freunden, die er verloren hat, viele in den Jahren zwischen 1988 und 1996. »Zuvor hatte ich schon mehrere Sommer im Krankenhaus verbracht, bei sterbenden Freunden. Ich denke, Aids hat mich rund zehn Jahre meines Lebens gekostet. Und dann die Erschöpfung danach.«“

„Zum Zeitpunkt des Mauerfalls hatten sich offiziell 133 DDR-Bürger mit dem HI-Virus infiziert, bei 27 von ihnen war die Krankheit ausgebrochen. In der BRD waren damals 42000 Menschen HIV-positiv und mehr als 5000 an Aids erkrankt.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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„And the Band Played on“:

Shilts, Lokaljournalist in San Francisco, schrieb 1982 ein Buch über Harvey Milk, den schwulen Bürgermeister in San Francisco vor der AIDS-Krise: „The Mayor of Catro Street“. Die Verfilmung („Milk“) war 2009 für den Oscar nominiert, und ich fand Film und Buch 2009… solide und lokal. Nichts, das mir viel über die Welt erklärt – nur über ein (mich eher langweilendes) Milieu: oft biedere Lokalpolitik im San Francisco der 70er. Keine Empfehlung.

Doch ausgerechnet Shilts fragt in „And the Band Played on“ akribisch und umfassend „Wie konnte das passieren?“

Das Ergebnis ist wie… „Game of Thrones“: sehr kurze, pointierte Kapitel jeweils darüber, aus welchen Gründen EINE Person an EINEM Datum EINE strittige Entscheidung traf. Die Personen werden nicht ohne Wärme geschildert, doch Shilts spricht viel über Widersprüche, Neurosen, Unsicherheiten, persönliche Agenda. Es sind keine Sympathieträger*innen, sondern fast immer Leute, halb-informiert, nervös und mit dem Rücken zur Wand.

Ein Königreich wird von Frostzombies und ewigem Winter bedroht, die Herrschenden wissen davon… Doch niemand hat eine Strategie: Die Reihe lässt sich als Kommentar zum Klimawandel lesen oder zu sozialen, anderen Katastrophen – und zeigt die vielen politischen, psychologischen, wirtschaftlichen Verkettungen und Zahnräder, die dafür sorgen, dass ein großes Problem, das alle sehen, nicht gelöst wird. So, wie bei „A Song of Ice and Fire“ seit Band 1 klar ist: „Der Winter kommt“ …und trotzdem keiner auf die Bedrohung angemessen reagiert, zeigt „And the Band Played on“ nicht ohne Wärme und Empathie, doch eben SEHR kühl und klar: total überraschende… Kausalketten.

Auf die ich nie gekommen wäre.

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Dinge wie: Es gibt Herrensaunen / Gay Bathhouses – und Epidemologen ist früh klar, dass dort eine hohe Ansteckungsgefahr herrscht. gleichzeitig sind die Männer, die solche Saunen betreiben, oft die reichsten schwulen Unternehmer in jeder Stadt, und weil es ständig Probleme mit z.B. „Zoning Laws“ / Gewerberecht gibt, sind sie alle in der Lokalpolitik aktiv und vernetzt.

1983: „In Miami, Jack Campbell, owner of the Club baths chain of forty-two bathhouses, brushed of questions about the baths‘ role in the epidemic by insisting that most of Florida’s AIDS cases were Haitians, and it wasn’t a problem for gays. This was not accurate [but] most of the nation’s gay newspapers received substantial advertising revenue from the bathhouses and sex businesses. This assured that not only would few gay leaders support moving against the baths, but that the gay papers would unanimously support their advertisers. Potential bathhouse closure was not even to be discussed.“

Wie es dann – obwohl niemand was Böses will – von 1980 bis ca. 1984 braucht, bevor sich Politiker*innen und Aktivist*innen trauen, zu sagen „Die Saunen sind gefährlich“, weil niemand den politisch vernetzten Unternehmern das Wasser abgraben will, ist… entscheidend.

„And the Band Played on“ beschreibt NUR solche Mechanismen. Sehr elegant und überraschend – häppchenweise, Schritt für Schritt, ohne Überdramatisierung oder besserwisserische „DAS war fatal, und alle hätten es kommen sehen können!“-Wut: 1979 streitet sich eine Stadtteilinitiave. 1984 sterben Tausende von Menschen. Als direkte Folge.

Diese Kausalketten zu verstehen – zu begreifen, wie random und wie fragil sie sind, fand ich *immens* lesenswert.

Ich will nicht sagen „Dass es um AIDS geht, ist da fast egal“. Doch ich finde, jeder, der Politik verstehen will, oder die Haltung von Zeitungen, oder Gesetzesentwürfe, oder „die kollektive Psyche“ und diese oft bizarren Wechselwirkungen, Ursachen, Tabus und Konsequenzen, sollte 25 Stunden in dieses Buch investieren. Man muss sich nicht für die USA, Bürgerrechte, Medizin oder die 80er interessieren: Es ist völlig egal, wie nah oder fern man dem Thema „HIV in den 80ern“ steht.

„And the Band Played on“ zeigt aus… fünf Dutzend Perspektiven, wie sich diese Krankheit ausbreiten konnte.

Pointierte, ganz kurze, sehr klar formulierte… Vignetten / Episoden darüber, wie z.B. eine Tochter, deren Mutter nach einer Bluttransfusion krank wird, JAHRE braucht, um zu verstehen: „Meine fast 60jährige Mutter hat AIDS.“

Doch: Das beste Sachbuch, das ich kenne.

Weil es um Strukturen und Mechanismen geht – nicht um EIN Thema, das man „spannend“ oder „irrelevant“ finden kann.

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„Wie konnte man Menschen dazu bewegen, überhaupt Kondome zu benutzen? Hans Hütt: »Grauenhaft – die gab es unter dem Ladentisch und in seltsamen Automaten auf öffentlichen Toiletten. Man konnte sie nicht einfach im Drogeriemarkt kaufen. Auch kein Gleitgel, das machten die Leute damals selbst.«“

„Hans Hütt: »Es gab zwei einschlägige Hautarztpraxen in Berlin, dort ist man regelmäßig hingegangen. Das war einfach ein Teil der Libertinage, die Geschlechtskrankheiten. Ob man Feigwarzen hatte oder Syphilis, das wurde immer ganz offen kommuniziert. Das war in meiner Erinnerung ein verantwortungsbewusster Hedonismus. Und dann kam die Gegenaufklärung: Seit Aids ging man nicht mehr zum Arzt, man fürchtete, dass der ohne Absprache Bluttests macht.« Es gab Ärzte, die sich weigerten, Positive zu behandeln, und hysterisches Pflegepersonal. Man wusste nicht, wie man die Behandlungen verbuchen sollte, weil es noch keinen WHO-Schlüssel gab. »Die haben dann Krebs abgerechnet oder sonst was.«“

„Das Jahr 1985 aber war für schwule Männer von Angst und Unsicherheit im Umgang mit ihrer Sexualität geprägt, wie die Safer-Sex-Comics des Zeichners Ralf König illustrieren, die er in diesem Jahr erstmals für die AIDS-Hilfe zeichnete. Die Figuren mit den berühmten Knollennasen onanieren häufig gemeinsam zu Pornos – manchmal haben sie auch Analverkehr: mit Kondomen, deren Verwendung Ralf König seinen Lesern ans Herz zu legen versuchte.“

„1989: »Wir machten Werbung für Kondome – und weil die reißen können, wurden wir als Mörder beschimpft.« Gar keinen Sex mehr zu haben, das war eine Variante, die seinerzeit nicht nur konservative Politiker wie Peter Gauweiler propagierten; auch Schwulenaktivisten wie Rosa von Praunheim forderten angesichts des Sterbens zeitweilig sexuelle Abstinenz.“

„»Kondom« war gemeinsam mit »Aids« das Wort des Jahres 1987 in der Bundesrepublik – und es bedurfte einer Menge Arbeit, da – mit es so weit kommen konnte.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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Martin Reicherts „Die Kapsel“ braucht etwa 6 Stunden Lesezeit: ca. 10 Begegnungen mit Zeitzeugen, dazwischen kurze Grundsatz-Kapitel. Eine einsteigerfreundliche, süffige, doch etwas lose Sammlung von Eindrücken, Themenfeldern und Zeitgeschichte.

Auch hier fand ich die Ursache-Wirkungs-Ketten am interessantesten.

Zusammenhänge wie: Die deutsche Schwulenbewegung kam aus der Studentenbewegung und war deshalb eher konsum- und lustfeindlich, elitär; die US-Schwulenbewegung kam aus dem Civil-Rights-Movement, sah z.B. Leather Bars nicht als ‚oberflächlich‘ und hatte eher ein Hippie-Bild von Sex, Spiritualität, Selbstverwirklichung etc.

ca. 1979: „Die Trennung zwischen Politszene und der sogenannten Sub, also dem eher kommerziell und hedonistisch orientierten Teil der Schwulenszene, ist für Bruno Gmünder ein spezifisch deutsches Phänomen: »In Deutschland war die Schwulenbewegung an die Studentenbewegung angebunden, in den USA an die Bürgerrechtsbewegung.« Die Studenten seien eben verklemmt gewesen, während man in der Sub ungetrübt von Antiamerikanismus und voller Lebensfreude den Vorbildern aus San Francisco und New York nacheiferte.“

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In Reicherts Buch lernt man kompakt und flüssig alle wichtigen Namen, Stichpunkte, Debatten etc. kennen.

Martin Reichert ist taz-Redakteur und informiert über die gängigen queeren Diskurse seit den 80ern. „Die Kapsel“ handelt von einem Friedhof für Lesben in Berlin; Rosa von Praunheims Outings von u.a. Hape Kerkeling in der RTL-Sendung „Der heiße Stuhl“; der bundesweiten Präventionskampagne „Gib AIDS keine Chance“ und der Rolle, die Rita Süssmuths Engagement spielte, v.a. gegen Bemühungen von z.B. Peter Gauweiler in Bayern, HIV-Infizierte in Lagern zu sammeln. Ein kurzweiliges Buch, das viele Themen, von denen jede*r mal hörte, vertieft, pointiert nacherzählt, in Kontexte setzt.

Doch während Randy Shilts genau erklärt, wie alles passieren konnte und ineinander greift, kann ich nach der Lektüre von Reichert z.B. nicht beantworten, WARUM genau der „Spiegel“ ab 1983 sehr apokalyptische, hämische Artikel schrieb. Ich kann es mir zusammen reimen – „Ist halt der Spiegel“ -, doch es gibt zu viele Stellen in „Die Kapsel“, bei denen ich nur denke:

„Aha. Okay. Na ja. Ist halt Bayern. Ist halt Rosa von Praunheim. Ist halt Berlin. Waren halt die 80er“ usw.: Eine ferne Zeit, deren Mechanismen ich nicht mehr verstehe.

Eine Kleinigkeit: Der Titel, „Die Kapsel“, klingt groß und programmatisch. Geht es um eine Pille? Geht es darum, dass die BRD wie eine Kapsel funktionierte? Reichert sagt, viele Überlebende hätten sich nach 1996, als durch medizinische Durchbrüche klar war, dass HIV kein Todesurteil mehr ist, „abgekapselt“. Warum? Warum in Deutschland? Warum so? etc.

Das beantwortet das Buch nicht im Detail. Ich kann damit leben. Doch direkt nach der Shilts-Lektüre denke ich: „Und wo bleiben jetzt die 400 zusätzlichen Seiten, die alle URSACHEN und komplexen gesellschaftlichen Wechselwirkungen explizit beschreiben?“

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„Für die Aktivisten der ersten Stunde gab es bereits zu Beginn auch ganz konkrete Gründe, sich zu engagieren. Die wenigen Patienten waren einer diskriminierenden Behandlung ausgesetzt, zum Teil wurden sie regelrecht als Versuchskaninchen benutzt. So kam es bereits im Jahr 1983 zu einem Akt zivilen Widerstands, einer »Act-Up-Aktion ›avant la lettre‹« (Michael Bochow): Ein Aids-Patient, der in einem Berliner Universitätsklinikum im Sterben lag, sollte aus Gründen wissenschaftlicher Neugierde hirnoperiert werden – Aids-Aktivisten blockierten die Tür zum OP.“

„Zwar erklärt die Bundesregierung 1983 Aids in einer Pressemitteilung erstmals zu einem nationalen Problem […] Die Behörden blieben jedoch – aus heutiger Sicht – erstaunlich untätig, und das bis 1985.“

1983: „Manche glauben, sich vor der Erkrankung schützen zu können, indem sie sich von bestimmten Personengruppen fernhalten: In der New Yorker Szene misstraut man den Haitianern, in deutschen Großstadtszenen wähnt man sich sicher, wenn man Sex mit Amerikanern meidet.“

1986: In einem Ableger der linken Zeitschrift Konkret, der Sexualität konkret, war im Jahr zuvor ein offener Brief Martin Danneckers an den Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein erschienen, der mit den Worten endet: »Im ›Spiegel‹ wird seit nunmehr vier Jahren ein antihomosexueller und minderheitenfeindlicher Fortsetzungsroman veröffentlicht. Von diesem haben sich Abertausende in ihrem Selbstgefühl beleidigt und in ihrer Angst bestätigt gefühlt. Ein solches Stück, so haben Sie anläßlich der Diskussion um das Schauspiel von Fassbinder geschrieben, dürfe nicht gespielt werden. Bitte sorgen Sie in Ihrem eigenen Haus für das Absetzen der menschenfeindlichen Berichte über die von Aids so schrecklich gebeutelten sozialen Minderheiten.«“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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Georg Zipp empfahl mir im Juni via Twitter:

  • David Wojnarowiczs autobiographische Graphic Novel „7 Miles a Second“
  • Wojnarowiczs „Close to the Knives: A Memoir of Disintegration“ und „Waterfront Journals“
  • Allan Gurganus: „Plays Well With Others“
  • Pier Vittorio Tondelli: „Camere Separate“
  • Hervé Guibert: „À l’ami qui ne m’a pas sauvé la vie“ (fiktionalisierter Roman über Michel Foucault).
  • Norwegische Kurzserie aus dem Jahr 2012: „Don’t Ever Wipe Tears Without Gloves“
  • Subkultureller Kultroman: „Tim and Pete“ von James Robert Baker.
  • Kinderbuch aus dem Jahr 1989: „Losing Uncle Tim“
  • „Ich glaub, bei Hubert Fichte gab’s da auch was… Dazu dann noch vielleicht ein bisschen Susan Sontag…“
  • Aus der Perspektive, wie sich HIV und AIDS plötzlich in das Leben schlichen: Die komplette „Tales of the City“-Reihe von Armistead Maupin.
  • Für eine südafrikanische Post-Apartheid-Perspektive: Phaswane Mpe, „Welcome to Our Hillbrow“
  • Noch nicht gelesen: „Body Counts: A Memoir of Politics, Sex, AIDS, and Survival“ von Sean Strub.
  • Australien, und auch neulich als Film: „Holding the Man“ von Timothy Conigrave.
  • Versuch eines Mainstream-Autors, sich an das Thema zu wagen: Louis Begley, „As Max Saw It“.
  • Leo Bersanis großartiger Theorietext aus dem Jahr 1987, „Is the rectum a grave?“
  • und dann vielleicht noch als letztes ein Mainstream-Roman von letztem Jahr: „Tin Man“ von Sarah Winman

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„Laut der Epidemiologischen Kurzinformation des Robert Koch-Instituts, Stand Ende 2015, leben in Deutschland geschätzte 84 700 Menschen mit HIV/ Aids, 72000 davon mit Diagnose, 12 700 ohne. Die Infektion erfolgte in 54 100 Fällen durch Sex zwischen Männern, in 10700 durch heterosexuellen Kontakte, in 7700 durch Drogengebrauch und in 440 durch Blutprodukte. geschätzte Gesamtzahl der Neuinfektionen in Deutschland lag bei 3900. Im Jahr 2015 starben in Deutschland 460 Menschen an den Folgen von Aids,144 seit Beginn der Epidemie waren es insgesamt 28 100.“

„Dass die meisten Positiven, die in diesem Buch zu Wort kommen, ihren Namen nicht nennen möchten, spricht für sich.“

ca. 1985: „Die schwedische Regierungspolitik erlaubte im Folgenden auch die Absonderung – Positive, die sich »uneinsichtig« zeigten und sich weigerten, Kondome zu benutzen, konnten für mindestens drei Monate interniert werden. Nachdem zunächst einige (wenige) Infizierte per Gerichtsbeschluss in ein Hospital zwangseingewiesen worden waren, regte sich Widerstand in den Krankenhäusern, deren Mitarbeiter nicht ohne Weiteres bereit waren, polizeiliche mit therapeutischen Aufgaben zu vermengen. So kam es zur Einrichtung des berühmt-berüchtigten Stenby-Hofes auf der Schäreninsel Adelsö rund fünfundzwanzig Kilometer westlich von Stockholm. Das »Lager« erlangte weltweite Berühmtheit.“

1987: „Peter Gauweiler schaffte es mit dem Thema 1987 sogar auf den Titel des Spiegel: »Einer gegen Aids«, indem er unter anderem die »Absonderung« von Infizierten forderte. […] Ein gewisser Horst Seehofer, seinerzeit ein kleiner, aufstrebender CSU-Abgeordneter, forderte die Unterbringung Infizierter in »speziellen Heimen«. Der bayerische Kultusminister Hans Zehetmair bezeichnete 1987 Homosexualität im Bayerischen Fernsehen als »contra naturam«, es handle sich um ein naturwidriges und »im Grunde in krankhaftes Verhalten«; man müsse »endlich wieder den Schutz der vielen in der Bevölkerung als zentrales Ziel im Auge sehen«, statt sich zu fragen, »wer am Rand noch besser verstanden werden kann. Dieser Rand muss dünner gemacht, er muss ausgedünnt werden«.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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ich empfehle:

_Wer nichts über die medizinischen und sozialen Kontexte weiß, kriegt in der Graphic Novel „Taking Turns“ viele Grundlagen vermittelt, in sehr einfachen Bildern und klarer Sprache. MK Czerwiecz war (lesbische) Krankenschwester in einem AIDS-Hospiz in Chicago, Mitte der 90er Jahre. Ihre Zeichnungen sind oft unterkomplex, ZU schlicht. Die Figuren wirken durch ihre Playmobil-artigen Gesichter z.B. oft kindisch oder töricht. Doch in Sachen Tiefgang / Wissenschaft / Details hat der Comic genau die richtige Dichte, Länge – einen sehr angenehmen Schwierigkeitsgrad.

_Ryan Murphys Film „The Normal Heart“ (auch auf Deutsch, 2014) zeigt in toller Ausstattung und mit charismatischen Schauspieler*innen wie Mark Ruffalo (Hulk aus den „Avengers“) und Julia Roberts… wie sich all das ANFÜHLTE: die Oberflächen, die Mode, der Ton, die Farben, die Stimmung der 80er. Ich mag, in zwei Stunden, sehr konzentriert, diese Texturen vermittelt zu kriegen. Das Licht. Den Look. Ein kleineres Problem nur, wie gesagt: dass Autor Larry Kramer in „And the Band Played on“ und „How to survive a Plague“ ausführlichst beschrieben wird – als unsachlicher, aufbrausender, oft Dinge-schlechter-machender Schimpf-Aktivisit. Während sein Alter Ego hier im Film NUR die klügsten Dinge sagt. (Rein als Literatur / Theaterstück ist Tony Kushners AIDS-Stück „Angels in America“ viel besser… doch deutlich weniger dokumentarisch etc.)

_“How to survive a Plague“ erzählt auf den ersten 300 Seiten die exakt selbe Geschichte wie Randy Shilts, nur… a) viel labbriger, unfokussierter, langweilig-partikulärer, b) mit einem Fokus auf New York statt San Francisco, oft sehr provinziell („Kuckt! Wir haben AUCH tolle Leute!“): Kein schlechtes Buch. Doch 30 Jahre nach Shilts finde ich DAS zu wenig: enttäuschend.

_Die Graphic Novels „Pedro and me“ (großartig!) und „Blue Pills“ (solide) erzählen aus der Perspektive von (heterosexuellen) Angehörigen.

_Kenny Fries schreibt in „In the Province of the Gods“ über Behinderung & Krankheit in Japan und seine HIV-Diagnose Mitte der Nullerjahre. Auf Electric Literature empfiehlt er weitere Bücher (Link).

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„Taking Turns“

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„In Central Africa, AIDS was simply called ‚The horror sex disease‘.“

1984: „AIDS continued to embarass people. From the start, it had made people uncomfortable, whether they were in government or media, in public health or prominent universities. AIDS was about homosexuals and anal intercourse, and all kinds of things that were just plain embarrassing.“

1982: „There was a doctor from New York University who had written an extensive study on the apparent infection of the central nervous system, but he refused to tell the report from the American Medical Association journal about his work because he had submitted his paper to a neurological journal where it had been accepted for publication. The neurological journal might throw out the story if he publicly discussed his findings with the press, and that would hurt the doctor’s career in the publish-or-perish world of academic medicine. It was science as usual, and the Journal of the American Medical Association would just have to wait until the research was published in six months.”

1985: „In the strangest twist to Englisch AIDS history, the guide to British aristocracy, ‚Burke’s Peerage‘, announced that, in an effort to preserve ‚the purity of the human race‘, it would not list any family in which any member was known to have AIDS.“

1983: „Television actor Robert ‚Benson‘ Guillaume was about the only big name who would associate himself with AIDS. Most other stars, including many who had built their careers on their gay followings, were not inclined to get involved with a disease that was not… fashionable.“

[schreibt Randy Shilts in „And the Band Played On“]

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„Axel Schock: »Mein Freund wollte auf dem Alten St.-Matthäus-Friedhof in Berlin beerdigt werden, aber er wurde dann in seiner Heimatstadt in Norddeutschland beigesetzt.« Sobald er tot war, wurde die schwule Geschichte annulliert. »Ab jetzt ist Schluss«, hatte sein Vater verkündet und das Testament, in dem Axel berücksichtigt war, vernichtet. »›Wir haben kein Testament‹, sagte er lapidar.« […] »Zu der Beerdigung bin ich mit einer gemeinsamen Freundin gefahren. Der Pfarrer erweckte in seiner Trauerrede den Eindruck, als wäre sie seine Lebensgefährtin gewesen. Und dass er an Krebs gestorben sei.«“

„Selbst im liberalen Westberlin streikte 1990 das Personal eines öffentlichen Bades, weil dort ein Positivenschwimmen stattfinden sollte. Ein Fall, der damals auch medial für einiges Aufsehen sorgte. In der ganzen Republik weigerten sich Zahnärzte, positive Patienten zu behandeln. Gefängnisbeamte beantragten ihre Versetzung, um nicht mit positiven Häftlingen in Kontakt zu kommen, Kollegen forderten die Entlassung positiver Mitarbeiter.“

„Mehr als 90 Prozent der gemeldeten HIV-Positiven waren Männer. Einer Erhebung von 1987 zufolge waren zu diesem Zeitpunkt 15 bis 40 Prozent der Schwulen infiziert, allerdings sind solche Schätzungen schwierig, weil es aus guten Gründen keine genauen Zahlen zum Anteil der Homosexuellen in der Bevölkerung gab.“

ein Berliner Arzt, auf HIV spezialisiert, 2017: „»Ich habe Patienten aus Brandenburg, die bringen ihre leeren Pillendosen mit nach Berlin, damit die Nachbarn sie nicht im Müll finden. Die würden auch nie zu einer Apotheke bei sich zu Hause gehen. Das Risiko, dass einer quatscht, ist ihnen zu hoch.«“

„»Von den jährlich rund 3000 Neuinfektionen, die wir in Deutschland verzeichnen, sind etwa ein Drittel im Aids-Stadium. Das ist enorm.« Das Aids-Stadium, das Vollbild, es existiert noch immer, auch in der Bundesrepublik: »Gerade heute war ein Kameruner hier mit zerebraler Toxoplasmose – aber es sind auch viele über Sechzigjährige dabei, die sich vor Jahren angesteckt haben. Männer, die im Thailand-Urlaub waren, oder Frauen, die sich beim Trommel-Workshop in Kenia angesteckt haben.«“

„Hepatitis C ist dreihundertmal leichter übertragbar, anders als bei HIV ist sogar getrocknetes Blut noch infektiös – in Deutschland gibt es wahrscheinlich 200000 verborgene Hep-C-Träger.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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Ein kalifornischer Universitätsrektor, Mitte der 80er: „At least with AIDS, a lot of undesirable people will be eliminated.“

1983: „Nearly half of the AIDS casualties were men between the ages of 30 and 39. Another 22 percent were men in their twenties.“

1983: „Prisoners at a New York State prison in Auburn started a hunger strike because the cafeteria’s eating utensils had been used by an inmate who had died of AIDS a week earlier.“

1983: „All forty-four cases of AIDS reported in West Germany as of March 31, 1983, were either among people who had traveled to Haiti or Africa, or among gay men who recently had vacationed in Florida, California, or most commonly, New York.“

„Between June 1982 and June 1985, the San Francisco Chronicle printed 442 staff-written AIDS stories, of which 67 made the front page. In the same period, The New York Times ran 226 stories, only 7 of which were on page one. From mid-1983 on, the coverage of the Chronice focused on public policy aspects of the epidemic, while the Times covered AIDS almost exclusively as a medical event, with little emphasis on social impact or policy. [The Chronicle] helped sustain a lvel of political pressure on local government and health officials to respond to the AIDS crisis.“

1987: „Virtually every major newspaper in the country now had a full-time AIDS reporter. The New York Times was on the verge of announcing that, at long last, it would allow the adjective „gay“ to be used when describing homosexuals.

[schreibt Randy Shilts in „And the Band Played On“]

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„Spätestens Ende der neunziger Jahre hatte Aids jeden Sensationswert verloren. Matthias Frings spricht von Aids-Müdigkeit: Als er für die seinerzeit beliebte Fernsehsendung Liebe Sünde einen Beitrag zum Thema Aids anmoderierte, schalteten 200000 Zuschauer weg – am Ende des Beitrags hatte die Sendung mehr als eine halbe Million Zuschauer verloren.“

„Die nachfolgende Generation schwuler Männer reagierte auf ihre Weise auf das Erbe von Aids. Die Ästhetik der neunziger Jahre mit ihren in den Fitnessstudios trainierten und komplett rasierten Körpern spricht für sich. Es ging nun vor allem darum, Gesundheit darzustellen. Abzugrenzen galt es sich sowohl von den kranken Körpern der Positiven als auch von der Ästhetik der siebziger und achtziger Jahre, die von (Schnurr-)Bärten und Körperbehaarung geprägt war.“

„Es gibt in Deutschland keine Pflicht, Sexpartner oder -partnerinnen von der HIV-Infektion in Kenntnis zu setzen. […] Wer mit HIV infiziert ist und ungeschützten Geschlechtsverkehr betreibt, macht sich nach §§ 223 und 224 des Strafgesetzbuches der Körperverletzung schuldig. Strafbar ist bereits der Versuch. Seit 1987 wurden fünfunddreißig HIV-Positive wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Die Richter entscheiden höchst unterschiedlich und in jüngster Zeit immer häufiger unter Berücksichtigung der neuesten Erkenntnisse, nach denen eine Ansteckungsgefahr unter erfolgreicher Behandlung nicht mehr zwingend vorliegt.“

„Der letzte HIV-Test liegt bei 27 Prozent der Befragten mehr als ein Jahr zurück. 35 Prozent haben sich noch nie haben testen lassen.“

[schreibt Martin Reichert in „Die Kapsel. AIDS in der Bundesrepublik“]

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„Disenchantment“ (Netflix, Matt Groening): Kritik für Deutschlandfunk Kultur

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Am 17. August startet – nach „Den Simpsons“ (1989) und „Futurama“ (1999) – Matt Groenings dritte Animationsserie: „Disenchantment“.

Heute – 15. August, ab 14.30 Uhr – stelle ich die Serie bei Deutschlandfunk Kultur vor.

Im Blog: eine kurze Rezension und meine Notizen beim Schauen der ersten sieben Episoden.

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Ein Königreich für mehr Drama!

„Die Simpsons“ im Mittelalter?

In der zehnteiligen Märchen-Parodie „Disenchantment“ sucht Matt Groening neue künstlerische Freiheiten

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„Futurama“ ist eine Workplace Comedy: Kurierdienst-Alltag im New York des Jahres 3000. „Die Simpsons“ persifliert Familien-Sitcoms. Am 17. August startet Matt Groenings drittes Projekt: Die Netflix-Trickserie „Disenchantment“ ist blutiger, derber… und will komplexere Handlungsbögen schlagen. Mit nur einer Hauptfigur, gerahmt von Sidekicks: Noch keine Groening-Serie war so eingleisig, linear. Und schlicht gestrickt?

Tiabeanie ist 19 und einzige Prinzessin des trostlosen Märchen-Stadtstaats „Dreamland“. Ihre Mutter starb. Ihr Vater, bräsiger Mix aus Homer Simpson und Donald Trump, will sie verheiraten, für neue Adels-Allianzen. Der Thron aus Schwerten, an dem sich Beans Verlobter versehentlich ersticht, ist die bisher einzige große Hommage an „Game of Thrones“. Die Vorschauen und Trailer, die Beans Flucht in die Wildnis zeigen, trügen: Netflix bot sieben der ersten zehn Folgen für Rezensionen. Bisher ist „Disenchantment“ keine Heldenreise, Quest, Odyssee durch Zauberwelten. Und leider auch keine Coming-of-Age- oder Freundschafts-Serie:

Bean ist Alkoholikerin. Ihr fehlen Ziele, besonderes Talent. Und jedes Interesse am Elend der Dörfler und Diener um sie herum. Eine Slacker- und Fremdschäm-Figur wie aus Lena Dunhams „Girls“ oder „Broad City“. Beans geheimnisvollstes Hochzeitsgeschenk heißt Luci – ein katzenhafter Dämon im Stil von Stewie („Family Guy“), der Bean einredet, sie hätte Spaß, je mehr sie eskalieren lässt. Elfo – ein naiver 18jähriger, der das Pralinen-Förderband im Elfenreich verließ, weil er das wahre, bittere, blutige Leben kennen lernen will – beginnt als moralisches Gegengewicht zu Luci. Doch weil sich Elfo in Bean verliebt, kippt die Figurendynamik: ein nihilistischer Dämon. Eine desinteressierte Antiheldin. Und ein weinerlicher, notgeiler Elf – ebenfalls mehr Teufelchen als Engel.

Warum will diese kantige, feministisch angelegte Figur zwei kindliche Störer bemuttern? Warum spielt jede Episode im trostlosen Schloss? Und warum häuft Bean bei allem, was sie halbherzig versucht, versehentlich Leichenberge an? „Disenchantment“ nimmt Klischees aus „Shrek“, „Die Brautprinzessin“, Monty Python. Baut daraus zahnlose, beliebige Plots. Dass Episoden fünf Minuten länger dauern als in bisherigen Groening-Serien heißt leider: vielen Scherzen fehlen Tempo, Dichte, Schwung.

Comedies brauchen oft Routine: Autor*innen und Schauspieler*innen lernen sich kennen, spornen sich an. Matt Groening sagt, er zeichnete Elfo schon als Fünftklässler. Erste Pläne für „Disenchantment“ begannen 2007: Nach dem Erfolg des „Simpsons“-Kinofilms plante man eine „Herr der Ringe“-Parodie mit Homer als Märchenkönig. Bean und ihr Dreamland hätten genug Potenzial, um jahrelang zu fesseln. Bisher aber bleibt alles fade, verwaschen: Elfjährigen wird das Comedy-Gemetzel überraschend erwachsen scheinen. Bean spaltet Hänsel und Gretel (Kannibalen im Hexenhäuschen!) den Schädel. Jeder über 15 rollt die Augen. Gähnt.

Moralfragen mit Luci! Toxische Männlichkeit, Stalking, sexuelle Besitzansprüche mit Elfo! Und, ganz im Ernst: keine saloppe, etwas trinkfeste Girl-Power-Heldin. Sondern tatsächlich eine Süchtige, die sich ihr Leben zur Hölle macht. „Disenchantment“ heißt „Entzauberung“. Oder „Ernüchterung“. Sobald Humor, Figuren etwas tiefer dringen, kann das toll werden. Bisher bleibt es gestrig.

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Notizen:

„Disenchantment“ [„Entzauberung“/“Ernüchterung“] ist die dritte Trickserie von Matt Groening (geb. 1954), nach…

_den „Simpsons“, 1989 bis heute; 29 Staffeln
_“Futurama“, 1999 bis 2003, dann nochmal 2008 bis 2013; 7 Staffeln und mehrere TV-Filme

Staffel 1 von „Disenchantment“ hat 10 Episoden; Staffel 2 wird gerade schon produziert. Weltweit erscheinen die Episoden am 17. August auf Netflix, auf einen Schlag.

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Netflix stellt Journalist*innen die ersten 7 der 10 Episoden als Screener zur Verfügung; Reviews erscheinen seit dem 7. August, der Tenor ist gemischt:

Metacritic: 57 %

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meine Lieblings-Review: A.V. Club

persönlicherer Artikel über Groenings Familie, Groenings Arbeitsweise etc.: New York Times

ein lesenswerter Verriss: Vice.com

und: längerer Text über Potenzial und Schwierigkeiten von Hauptfigur Bean: Vanity Fair

Figurenbeschreibungen (mit ein paar Spoilern und interessanten Andeutungen), auch für Nebenfiguren: Indiewire

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ich tweetete, während ich die sieben Episoden sah, ein paar schnelle Gedanken auf Englisch:

Thread 1: Link
Thread 2: Link

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Sir Tuxford (Gummibärenbande); König Zog (Disenchantment)

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kulturell ist „Disenchantment“ wichtig, weil:

_Groening für die ersten ca. 11 „Simpsons“-Staffeln geliebt wird.
_“Futurama“ zwar, alles in allem, ne runde und sehenswerte Sache ist, doch weit entfernt vom Erfolg der „Simpsons“ blieb.
_Sender Fox wenig für „Futurama“ tat bis 2003 und Groenig jetzt, 2018, mit Netflix zum ersten Mal Leute im Rücken hat, die ihm große Freiheiten lassen.

_ damit könnte „Disenchantment“ also AUCH die Frage beantworten: Wie viel Schuld trägt TV-Sender Fox an der Mittelmäßigkeit der aktuellen „Simpsons“-Folgen? Mit mehr Freiheiten, längeren Episoden, kürzeren Staffeln und Raum für staffelübergreifende Handlungsbögen: Kann Groening viel besser, flotter erzählen/parodieren?

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zur Serie selbst:

_sehenswert? Bedingt. 3 von 5 Sternen.

_Comedy-Serien brauchen oft ein paar Folgen, um in Fahrt zu kommen: Erst, wenn die Schauspieler*innen ihre Figuren einsprechen, hören die Autor*innen die genauen Stärken/Charakterisierungen der Schauspieler*innen und können dann, in weiteren Episoden, auf diese Stärken, Färbungen hin schreiben. Bei nur 10 Folgen hat „Disenchantment“ dafür zu wenig Zeit: Es kann gut sein, dass Staffel 2 wesentlich besser wird.

_Der Pilotfilm dauert fast 40 Minuten; die weiteren Folgen ca. 27; also gut fünf Minuten mehr als eine aktuelle „Simpsons“-Folge. Das wirkt oft träge. Auch einzelnen Szenen und Gags geht die Luft aus.

_Grundidee war ca. 2007, einen zweiten „Simpsons“-Kinofilm zu machen, der „Herr der Ringe“ parodiert. Homer sollte inkompetenter König einer Fantasy-Welt sein. außerdem hat Matt Groening schon als Fünftklässler einen unbeholfenen Elfen (der aussieht wie Bart Simpson) gezeichnet. „Disenchantment“ hat einen Homer-artigen König und den Elfen in Bart-Optik…

_ …Hauptfigur aber ist Bean, eine gelangweilte, derbe, wütende und faule Alkoholikerin, einzige Prinzessin im Königreich (eine Stadt, dahinter finstere Märchenwälder) „Dreamland“. Ihr Vater will sie zwangsverheiraten, um einen politische Allianz zu schmieden, doch der Bräutigam stolpert auf der Hochzeit in einen Thron aus Schwerten (wie der „Iron Throne“ aus „Game of Thrones“). Der Bräutigam hat einen Bruder; also flüchtet Bean, um weiteren Hochzeiten zu entgehen.

_Elfo der Elf arbeitet in der süßlichen, geheimen Elfen-Dimension am Pralinen-Förderband, hat viel Sex mit der promisken Elfen-Kollegin Kissy, doch wünscht sich Realismus, Bitterkeit, Nuancen und verlässt Kissy und die Welt, bewusst und für immer. In Dreamland lernt er Krieg, Seuchen, Armut und Gewalt kennen und nimmt alles naiv, passiv-interessiert zur Kenntnis.

_Ein verfeindetes Königreich hetzt einen Dämon, Luci, auf Bean: eine zynische Figur, die von allen außer Bean und Elfo für eine sprechende schwarze Katze gehalten wird und sich verhält wie der nihilistische Roboter Bender aus „Futurama“ oder das soziopathische Kleinkind Stewie aus „Family Guy“: Bean ist Hauptfigur und wird von zwei recht eindimensionalen Sidekicks gerahmt: Elfo ist passiv und too dumb to live. Luci ist das Teufelchen auf Beans Schulter und stiftet sie an, alles immer schlimmer zu machen.

_Pilotfilm und Trailer wirken, als würde Bean ihrem Königreich entfliehen und mit zwei Gefährten auf eine Quest oder Sinnsuche gehen. Tatsächlich aber bleibt Bean am Hof ihres Vaters; Episoden haben zwar manchmal kleine Cliffhanger, doch bisher kann man problemlos Folgen vertauschen oder überspringen: Es bleibt bei in sich geschlossenen Sitcom-Plots wie „Der König verreist und Bean wirft eine Party“ oder „Bean will einen echten Job… und wird versehentlich Henkerin/Foltermeisterin“.

_“Disenchantment“ ist keine komplexe, bissige Tolkien- oder „Game of Thrones“-Parodie, sondern so erwachsen, komplex, deep wie z.B. „Shrek“, „Ritter der Kokosnuss“, „Die Braut des Prinzen“. Viele Nebenfiguren sterben oder werden dahin gemetzelt (vgl. mit „South Park“ oder den Simpsons-Halloween-Episoden), doch jeder ab ca. 12 dürfte alles an dieser Serie begreifen/durchschauen; und jeder ab ca. 16 wird sie etwas kindisch, bemüht, gestrig finden.

_Bean ist Alkoholikerin und ich hoffe, das kriegt noch etwas psychologische Tiefe. Und: es gibt ein, zwei Ansätze zu einem Spannungsbogen (Welche Agenda hat Luci? Ist Beans Mutter wirklich tot? Mit Elfos Blut können Menschen Körper tauschen: Wann trifft das Hauptfiguren?)

_Die Serie macht viele Seitenhiebe gegen Religion, Unterdrückung/Elend der einfachen Massen und Alltagssexismus. Dass Bean als Nonne, Prinzessin etc. nicht taugt, sorgt dauernd für Konflikte. Besonders kluge Dinge über strukturellen Sexismus wurden aber noch nicht gezeigt/erzählt.

_Zuletzt: obwohl Elfo als lebenshungriger Idealist eingeführt wird, der Sehnsucht nach authentischen Erfahrungen hat, ist er nach wenigen Folgen NUR NOCH scharf auf Bean. An vielen Stellen wirkt er wie ein Kind (oder wird sogar wie ein Baby behandelt, von einer Amme aus dem Dorf) – zugleich aber glaubt er, auf Augenhöhe mit Bean zu sein und sie als Partnerin zu verdienen. Die Serie scheint dabei auf Elfos Seite: Wir sollen hoffen, dass Bean ihre Ansprüche senkt und Elfo mit Sex belohnt. Für mich: eins der… trostlosesten und toxischsten Paare, die ich kenne. #maleentitlement

_Ich mag „Futurama“, und finde „Disenchantment“ als Zerstreuung… passabel. Das phlegmatische Erzähltempo, die vielen angestaubten Bild- und Wiederholungs-Witze, die oft unerträgliche Mittelalter-Musik, eine süchtige Hauptfigur, die kein Ziel und keine ebenbürtigen Gegner*innen hat, zu viele langweilige Verfolgungsjagden, abgegriffene Sitcom-Archetypen…

…Groening muss sich nicht schämen: Das ist solide, für 13jährige. Doch es ist kein Stück Avantgarde, Kunst, Zumutung. Naheliegende Scherze und Figuren. Alles wirkt gestrig, müde. Mir fehlt Schwung! (…den viele moderne Cartoons, z.B. „DuckTales“, im Überfluss haben.)

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das Alien Roger (American Dad); Königin Oona (Disenchantment)

Claudia Rankine: „Citizen“ [Lyrik / Essay, Empfehlung bei Deutschlandfunk Kultur]

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Nach einem kurzen Telefonat versprichst du dem Geschäftsführer am Apparat, vorbeizukommen und das Formular auszufüllen. Als du das Büro betrittst und dich vorstellst, platzt er heraus:

Aber Sie sind ja schwarz! Das wollte ich so nicht sagen, sagt er dann.

Laut, sagst du.

Bitte?, meint er.

Das wollten Sie nicht laut sagen.

Danach sind die Formalitäten schnell erledigt.

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Claudia Rankine findet auf 180 Seiten eine kluge, flexible Form, um sichtbar zu machen, wie Rassismus vergiftet und belastet, und sich immer weiter fort setzt.

Vieles an diesem Buch / Format ist überraschend, unkonventionell. Doch ich glaube, wir brauchen mehr von genau SOLCHEN Büchern:

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  • In „Citizen“ wird viel angeschnitten, aufgegriffen, zitiert – auch durch Bilder, Literaturzitate, Namedropping.
  • Ich sehe das Buch als Einladung, Google zu benutzen, sich tiefer zu informieren.
  • Solche Einladungen sind heute, in Zeiten von Google, Wikipedia etc., legitim.
  • Ich kann jeden verstehen, der ruft „Das ist doch vor allem Stückwerk“ oder „Warum erklärt Rankine nicht alles, von Anfang an?“…
  • …doch da drehen wir uns im Kreis:
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    Es hätte Möglichkeiten gegeben, dieses Buch noch viel kompakter, lyrischer, kürzer zu machen. Oder eben: 600 Seiten dick, fußnotengesättigt. Ob „Citizen“ „zu viel“ ist, „genug“ oder „nur die Spitze eines Eisbergs“ – das wird jeder Leser anders sehen. Ich selbst begreife die Fülle an Namen, Verweisen etc. als Einladung, mich danach eigenständig weiter zu informieren.

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Ich habe eine Handvoll Lieblings-Lyriker*innen: Andre Rudolph, Uljana Wolf, Daniel Falb.

Im Studium war ich Mitherausgeber von „BELLA triste“: einer Literaturzeitschrift, die junge Lyrik verlegte, und, immer wieder: ESSAYS über Lyrik, die ich sehr schätzte. Weil Gedichte so kurz sind und die Lyrikszene in Deutschland recht klein, kennen die meisten Lyriker*innen die meisten Arbeiten fast aller Kolleg*innen.

Deshalb können sich Lyriker*innen meist VIEL klüger verständigen, abgrenzen, positionieren, gegenseitig rezensieren etc. als deutschsprachige Prosa-Autor*innen… die oft zu wenig Zeit haben, um viele ihrer Rivalen, Kollegen, Contemporaries zu lesen.

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US-Lyrik steht für mich woanders. Weil sie meist viel narrativer ist. Oft wird auch wesentlich persönlicher erzählt. Klang/Rhythmus/Sprachkunst/ein präzises Versmaß… alles, wofür ich deutschsprachige Lyrik bewundere… ist selten die oberste Priorität. Im besten Fall heißt das: US-Lyrik ist lesbarer, zugänglicher, nah und dringlich, un-verkopft, politischer. Im schlimmsten Fall wirkt US-Lyrik „runtergeschrieben“, „distanz- und kunstlos“, „anfängerig“ etc.

Claudia Rankine, geboren 1963 auf Jamaika, kam 1970 nach New York.

Ihr erster Gedichtband erschien 1994. „Citizen“ (2014) ist ihr fünfter großer Band – und der erste auf Deutsch.

2016 erhielt Rankine die Yale-Poetikprofessur. Im selben Jahr erhielt sie ein McArthur-Stipendium über 625.000 Dollar – und spendete das Geld einem Critical-Whiteness-Forschungsprojekt (Link, Guardian).

Hörenswert? Rankines einstündige Keynote auf der AWP Conference 2016. (Link zum Kontext | Link zum Transcript)

Rankine war eine der wichtigsten, lautesten Kritikerinnen, als die US-Autorin Lionel Shriver 2016 eine (polemische, viel zu kurz gedachte, tumbe) Rede darüber hielt, dass sie, als weiße Autorin, ja heutzutage am besten nur noch über weiße Figuren schreiben sollte – weil ihr sonst kulturelle Aneignung vorgeworfen wird.

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„Rankine won’t initially talk about Shriver […] She is, however, interested in the views of “somebody like Jonathan Franzen,” as she acknowledges the seriousness of his writing. “He said something like ‘I can’t write about people I don’t know.’ That, to me, is more complex. So, why don’t you know these people? What choices have you made in your life to keep yourself segregated? How is it one is able to move through life with a level of sameness? Is that conscious? Is segregation forever really at the bottom of everything? When he says something like that, I find that really interesting as an admittance to white privilege: that he can get through his life without any meaningful interaction with people of color.” [Link]

Rankines „Citizen“ erschien 2014 im linken Indie-Verlag Graywolf Press. Es gewann den National Book Critics Circle Award in der Sparte „Poetry“ – doch war auch in der Sparte „Criticism“ nominiert. Das zeigt gut, was „Citizen“ besonders macht. Aus Rankines AWP-Keynote:

„By way of illustration, Rankine read out loud an email sent to her by an (anonymous) African-American student who was thinking of leaving his or her program because they were told that “certain life experiences are said to belong to sociology and not to poetry, and that to write beyond the imagination’s notion of normality is to write political poetry, sociology, identity politics poetry, protest poetry — many labels but none of them poetry. For in order for poetry to be poetry,” Rankine continued, “white readers must find it relatable, and only then can it transcend its unrelatable colored writer.”

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Auch bei „Citizen“ greift dieser Reflex: Ist das „vor allem“ Lyrik? Oder so sehr Essay, dass man kritisieren kann, es sei nicht „genug“ Lyrik? Keine sehr kunstvolle Lyrik etc.?

Der Untertitel der US-Ausgabe ist „An American Lyric“ (die deutsche Übersetzung von Uda Strätling hat keinen Untertitel).

Das verweist auf die Sparte „Lyric Essay“, „a contemporary creative nonfiction form which combines qualities of poetry, essay, memoir, and research writing“ (Wikipedia)

Ähnliche Mischformen benutzen u.a. Maggie Nelson, Joan Didion, Teju Cole; ich musste bei „Citizen“ auch an James Baldwins persönlichere Essays denken

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„Citizen“ hat knapp 180 Seiten und besteht aus einzelnen, oft ein bis vier Seiten langen Vignetten/Episoden – oft sehr straight/narrativ/in erzählender Prosa formuliert.

Gut ein Drittel des Buches sind Anekdoten, in denen ein schwarzes „Du“ im Alltag Rassismus Erfährt. Oft sind das ganz kleine, alltägliche Momente, in denen Freunde, Kollegen, Dienstleister, Menschen in der U-Bahn etc. plötzlich stolpern, stocken, zu erkennen geben: „Du und ich – wir zwei sind eben deutlich verschieden: Schließlich bist DU schwarz.“

Die Soziologie spricht von „Microaggressions“: kleine Szenen, Gesten, Abwertungen, in denen eine Mehrheit den Angehörigen einer Minderheit ihren Platz weisen will.

Indem „Citizen“ diese (oft tatsächlich: gar nicht „kleinen“!) Momente, Irritationen, Angriffe und Ausgrenzungen aneinander reiht, zeigt es eindringlich, wie belastend es ist, als Fremder, als „Other“ verstanden zu werden und dabei funktionieren zu müssen: freundlich zu bleiben, Würde zu bewahren, Systemen wie der Polizei ausgeliefert zu sein.

Beim Lesen dieser vielen Anekdoten / Entgleisungen / Ausgrenzungen zeigt sich gut, wie schwer es ist, solche Angriffe überhaupt zu fassen und zu verarbeiten: „WAS genau war jetzt schlimm? Wirklich SO schlimm? Ist das jetzt schon, beweisbar und objektiv, Rassismus? Was soll man in der Situation antworten? Wie soll man danach über die Situation sprechen?“ etc.

Ein narrativeres Buch, ein Ratgeber, eine politische Rede, ein Blogpost, würde meist versuchen, auf diese Fragen sehr konkrete Antworten oder Handlungsempfehlungen zu geben. Es bräuchte dezidiertere Positionierungen und Erklärungen („X ist passiert. X ist schrecklich, weil… Y. Ich fordere Umdenken, ich fordere Policy Changes!“)

Trotzdem habe ich an keinem Punkt den Eindruck, dass es sich „Citizen“ zu leicht macht, Dinge nur anschneidet. Ich finde die Form, die Kürze hier gelungen, weil ich sehe: Hätte man all diese Fragen und Aspekte über Abwertungen, Status, Rassismus in einem Blog aufgegriffen… alles wäre 600 Seiten lang und recht akademisch geworden. „Citizen“ bleibt viel zugänglicher.

Die Anekdoten werden ergänzt, kontrastiert von: u.a. einem längeren Text darüber, wie Tennisspielerin Serena Williams durch Schiedsentscheidungen 2004, 2009 und 2011 immer wieder mit dem Rücken zur Wand gedrängt wurde während entscheidender Spiele. Und wie oft sie sich anhören musste, ihre Wut sei „unwürdig“. Respectability Politics. Tone Policing.

Rassistische Linienrichterinnen maßen mit zweierlei Maß – doch trotzdem fragen bei Williams Medien vor allem: „Wirft sie ein schlechtes Licht auf unseren Sport? Ist ihr Verhalten ungebührlich?“ und „Wirft sie ein schlechtes Bild auf Schwarze – sobald sie Wut zeigt, aufbegehrt, ‚zickig‘ reagiert?“ Je weißer, homogener der Hintergrund, erklärt Rankine, desto sichtbarer, dominanter wird das eigene Schwarzsein. [Zora Neale Hurston: “I do not always feel colored”; “I feel most colored when I am thrown against a sharp white background.”]

In kurzen Textmontagen zeigt Rankine, welche Rolle Rassismus bei u.a. der Evakuierung nach Hurricane Katrina spielte, bei US-Polizeikontrollen im Verkehr, bei Zinedine Zidanes Kopfstoß bei der WM 2006, bei den London Riots 2011 (auch im Vergleich zu den Rodney-King-Unruhen in LA 1991).

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Erzähl mir eine Geschichte, sagt er und nimmt mich in die Arme.

Gestern, beginne ich, habe ich im Wagen gewartet, weil ich etwas früh dran war. Eine Frau bog ein und wollte frontal gegenüber parken. Unsere Blicke trafen sich, und was vorging, ging so schnell wie ein Wegsehen. Sie setzte zurück und parkte am anderen Ende des Platzes. Ich hätte ihr mit der Frage, die mich beschäftigte, nachgehen können, aber ich musste los, ich wurde zum Spiel erwartet, ich packte den Schläger.

Der Sonnenaufgang ist grau und träge, hat Licht im Schlepptau, aber nur so eben.

Hast du gewonnen?, fragt er.

Es war kein Match, sage ich. Es war eine Lektion.

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Mein Fazit?

Wo und wie wollen wir Erfahrungen, Ausgrenzungen, Diskurse sichtbar machen? und wie wollen wir sie literarisieren?

Ich merke, dass mir Rassismuskritik selten in großen Monografien etc. begegnet (James Baldwin, Franz Fanon, aktuell Ta-Nehisi Coates), sondern viel deutlicher und präsenter als Stückwerk, Mosaik:

In rassismuskritischen Tweets und Tumblr-Posts, in Facebook-Diskussionen, in Spoken-Word-Beiträgen oder Facebook-Rants, die viral gehen.

Vieles von dem, was Rankine in „Citizen“ bündelt, kann ich mir (…und das ist keine Kritik und kein Beleg dafür, dass sie „unliterarisch“ arbeitet!) sehr gut in meinen News Feeds online vorstellen.

Technik-Autor Cory Doctorow sagte vor fast 10 Jahren, er erklärt in seinen Romanen/Kurzgeschichten immer weniger Fachbegriffe – weil er weiß, dass heutzutage fast jeder Leser einfach alles, was ihm nichts sagt, aber dringend interessiert, googeln wird.

So ähnlich ist auch „Citizen“ für mich eine Einladung, Namen zu googeln, selbst zu recherchieren.

Im Buch gibt es etwa 20 Abbildungen – dokumentarische Fotos sowie Kunst – bei denen ich allesamt nicht sagen würde „Wow. Das ergänzt / kontrastiert Rankines Prosa/Sprache SO gut: Diese Abbildung MUSS hier sein“ oder „“Das wirkt so konsequent, passend, sinnvoll an dieser Stelle: Ich verstehe, warum hier DIESE Ikonografie zitiert wird, und keine andere.“

Aber: jede dieser Abbildungen hat einen Kontext, eine*n Künstler*in etc., die IRRSINNIG interessant sind:

Ich lese die Bilder als Links/Einladungen, die mir, sobald ich google, Wissen und Kontext vermitteln. Kontext, der „sich lohnt“.

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2016 erschien Beyoncés Musikvideo zu „Formation“. Je mehr man über schwarze Ikonografie, Kunstgeschichte, Rassismus und akademische Stimmen weiß, desto klüger, wichtiger, sehenswerter, spektakulärer scheint dieses Video. Ich selbst bin trotzdem etwas ratlos. Zum einen, weil ignorante Leute bequem sagen können: „Ach, Beyoncé. Überschätzt. Was soll das Gewese?“. Zum anderen, weil ich mir persönlich lieber ein… 600-Seiten-Buch wünsche, das mir solche Diskurse und Zusammenhänge vermittelt. Kein Musikvideo, bei dem klar ist: weiterbilden, informieren, verstehen-lernen, das muss ich alles selbst und eigenständig, non-linear, via Google und Essays, Wikipedia und aktivistischen Websites.

„Citizen“ ist kein Video. Sondern zwei Stunden gut genutzte Lesezeit, am besten mit einem Textmarker. Auch in deutscher Übersetzung ist das Buch sprachlich komplex, raffiniert, „lyrisch“ genug, dass ich es als Lyrik verstehen und empfehlen kann. Persönlich aber wähle ich, wenn ich die Wahl habe, z.B. lieber Rankines Keynote-Rede, oder Interviews und Essays von ihr, statt Verdichtungen wie „Citizen“.

Habe ich die Wahl zwischen kleinen, raffinierten Formen, die viel enthalten und anreißen… und großen, ausufernden, die sich immer weiter verzweigen und Raum nehmen, würde ich fast IMMER sagen: „Warum schreibt Rankine nicht lieber ein sechsbändiges autobiografisches Essay wie Karl-Ove Knausgaard?“

Doch das sind persönliche Präferenzen. Als Literaturkritiker kann ich sagen: Ich verstehe, was „Citizen“ sein will, in seinem Format.

Als das, was es sein will, ist „Citizen“ – in Länge, Tiefgang, Ton und Sprache – unbedingt lesenswert. Und, künstlerisch: gelungen.

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Sara Ahmed, in On Being Included: Racism and Diversity in Institutional Life, notes that “it is important to remember that whiteness is not reducible to white skin or even to something we can have or be, even if we pass through whiteness. When we talk about a ‘sea of whiteness’ or ‘white space,’ we talk about the repetition of passing by some bodies and not others. And yet nonwhite bodies do inhabit white spaces; we know this. Such bodies are made invisible when spaces appear white, at the same time they become hypervisible when they do not pass, which means they ‘stand out’ and ‘stand apart.’ You learn to fade in the background, but sometimes you can’t or you don’t.”

[…] For Robin DiAngelo, internalized dominance is defined in this way: “We know that we learn who we are as social beings largely by learning who we are not. For the dominant group, being socialized to see the minoritized group as inferior necessarily conveys that the dominant group is superior. This sense of superiority is often not explicit but internalized deep beneath the surface. Across their life span and in every aspect of life, dominant group members are affirmed, made visible, and represented in diverse and positive ways. This process causes members of the dominant group to see themselves as normal, real, correct, and more valuable than the minoritized group, and thus more entitled to the resources of society.” 

[…] I am often wondering why race acknowledgement remains absent from the writing of many mainstream white writers. All the people are presumed white in their work because they are simply people. This conscious or unconscious complicity with the idea that white life is a standard for “normal” life and the people in the white peoples’ writings are simply people who are motivated by anything but maintainence of their own whiteness remains a question for me. I often wonder why as a reader I am being made to join in and be complicit with the belief that white people are the people. It is an equation that rules journalistic, nonfiction, and creative writing. […] Even if people of color are present in the lives of whites they are wiped and rendered invisible in imagined works that fail to imagine beyond its segregationist orientation. Somewhere in the writing process it’s believed the imagined “universal” work, the imagined “trancendent” work, the work of prizes and mainstream magazines replicates the valued white spaces in our world. To recognize blacks especially, or other people of color in a work is to politicize the work, (thereby calling white out as an aggressor,) and remove it from its status as universal art.

[Quelle]

 


 

Schwarze Stimmen, entwertet

Essay trifft Lyrik: Claudia Rankines „Citizen“ zeigt die Gräben und Attacken gegen afroamerikanische Selbstbestimmung

Poesie lässt Leerstellen. Sie skizziert Räume, Verknüpfungen. Assoziiert. Essays spielen Gedanken oft viel gründlicher durch: Sie stellen klare Fragen – und klopfen Ideen gegen große und kleine Thesen. Claudia Rankine, geboren 1963 auf Jamaika, meistert beides: In bisher fünf Gedichtbänden schreibt die US-Amerikanerin lyrisch, analytisch, manchmal persönlich über Klassenschranken, Entwertungen, Identität und Würde.

Wo Lyrik sonst offen, vage, vieldeutig bleibt, wird Rankine wunderbar konkret. Doch wo Essays zu Predigt, Angeberei gerinnen, denkt sie offener, gelenkig. Mit „Citizen“ (2014) gewann sie den PEN Open Book Award – und zehn weitere große Preise. Seit 2016 doziert sie an der Yale University. Spector Books, ein anspruchsvoller Kleinverlag aus Leipzig, veröffentlicht „Citizen“ in der nüchtern-ruhigen Übersetzung von Uda Strätling: Ist das ein Gedichtband? Oder ein 180 Seiten langes Essay?

Rankine findet eine eingängige, flexible Form, um sichtbarer zu machen, wie Rassismus vergiftet, belastet, sich fort setzt. In längeren, recht journalistischen Passagen beschreibt sie, wie etwa Tennisspielerin Serena Williams mitten in entscheidenden Turnieren immer wieder von rassistischen Linienrichterinnen gebremst, abgewertet wurde – und, wie ihr Medien bei jeder Gefühlsregung vorwarfen, dem Ruf des Sports zu schaden.

„Citizen“ handelt von der Segregation während Hurricane Katrina in New Orleans, von Polizeigewalt und entwürdigenden Verkehrskontrollen. Von Räumen, die über Jahrhunderte Räume von und für Weiße waren – und den Mechanismen, mit denen Weiße noch immer zeigen: Mit dir haben wir hier nicht gerechnet. Wie kann jemand, der spricht und aussieht wie du, hierher gehören?

Etwa ein Drittel des Texts sind kurze Anekdoten in der „Du“-Form. Online-Aktivismus sammelt Ausgrenzungen, Entwertungen aktuell oft unter dem Label „Mikroaggression“: Wenn Gesten, Blicke weh tun. Im Alltag plötzlich Gräben klaffen. Oder Sprache verletzt. Leider klingt „Mikro-„, als ginge es um Subjektives, Kleinigkeiten. All die Beispiele in „Citizen“ und die Fragen, Thesen, die Rankine aus solchen Szenen zieht, zeigen, dass „Mikroaggressionen“ mehr sind: gezielte Gesten und Sprechakte, um andere Stimmen zu entwerten.

„Citizen“ ist kurz, offen, bezugsreich. Ein Buch, das man am besten mit Textmarker liest, und viel Zeit für Google, Wikipedia. Eine Einladung, sich über schwarze Diskurse und Geschichte fort zu bilden. Und eine Einladung, wie wir uns, als Kultur, schaden, sobald wir Stimmen von Menschen of Color als Gegenseite entwerten. An den Rand drängen. Als Nischen- und Minderheiten-Thema verstehen.

Elena Ferrante bei Deutschlandfunk Kultur: „Die Geschichte des verlorenen Kindes“

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Heute – 29. Januar 2018, gegen 17.40 Uhr – spreche ich bei Deutschlandfunk Kultur über Sog und Reiz von Elena Ferrantes Neapel-Romanen.

Ich las die vier Bücher auf Englisch, 2016 (die deutsche Übersetzung von Karen Krieger ist besser: Empfehlung!), und schrieb…

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Hier im Blog:

Neuigkeiten und Zitate, kurz vor Erscheinen von Band 4, „Die Geschichte des verlorenen Kindes“.

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1: Ab Mitte Januar schreibt Ferrante eine wöchentliche Kolumne im Wochenend-Magazin des Guardian:

„Ferrante will share her thoughts on a wide range of topics, including childhood, ageing, gender and, in her debut article, first love. After the Guardian approached her with the idea, Ferrante said she was “attracted to the possibility of testing myself” with a regular column, and called the experience “a bold, anxious exercise in writing”.

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2: Die Kolumnen sind recht kurz. Persönlich und offen – doch werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten. Zitate aus Nr. 1:

„He was 17, I 15. We saw each other every day at six in the afternoon. We went to a deserted alley behind the bus station. He spoke to me, but not much; kissed me, but not much; caressed me, but not much. What primarily interested him was that I should caress him. One evening – was it evening? – I kissed him as I would have liked him to kiss me. I did it with such an eager, shameless intensity that afterwards I decided not to see him again.

[… For this column,] I planned to describe my first times. I listed a certain number of them: the first time I saw the sea, the first time I flew in an aeroplane, the first time I got drunk, the first time I fell in love, the first time I made love. It was an exercise both arduous and pointless. For that matter, how could it be otherwise? We always look at first times with excessive indulgence. Even if by their nature they’re founded on inexperience, and so as a rule are not very successful, we recall them with sympathy, with regret. They’re swallowed up by all the times that have followed, by their transformation into habit.“

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3: Kolumne 2 lohnt sich mehr (und muss komplett gelesen werden).

„As a child, whenever it was necessary to appear fearless, I appeared fearless. […]  if someone threatens my daughters, or me, or any human being, or any harmless animal, I resist the desire to run away. […] Popular opinion has it that people who react as stubbornly as I’ve trained myself to have real courage, which consists precisely in overcoming fear. But I don’t agree. […] I’m learning, like a character in Conrad, to accept fear, even to exhibit it with self-mockery. I began to do this when I realised that my daughters got scared if I defended them from dangers – small, large or imaginary – with excessive ardour. What perhaps should be feared most is the fury of frightened people.“

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4: Kritiker Marc Reichwein besuchte im Sommer 2017 Ferrantes italienischen Verlag, edizione e/o. Interessanter als der Besuch selbst sind kleine Beobachtungen Reichweins:

„Auf Italienisch, Deutsch und in vielen weiteren, etwa den slawischen Sprachen, ist die Freundin „genial“. Auf Englisch ist sie „brillant“, auf Schwedisch „fantastisch“, auf Spanisch „verblüffend“. [Die Cover in Basilien zeigen] eine Girls-Reihe in knapper Bademode am Strand. China wiederum illustriert die Neapel-Saga mit einer erkennbar chinesisch aussehenden Frau. Interessant auch: Nicht in allen Ländern läuft Ferrante als Hardcover. In Frankreich etwa war das Hardcover ein Flop, anders kann man verkaufte 1800 Exemplare in einem Jahr nicht nennen. Erst eine Taschenbuchvariante mit neuem Cover brachte Galimard den international üblichen Erfolg.“

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5: aktuell schreibt Ferrante an neuer Prosa – sagt ihr Verleger.

„I know she is writing, but at the moment I cannot say anything more,” said Sandro Ferri, who heads the publishing house Edizioni E/O with his wife, Sandra Ozzola.
But Ferri said there were no plans for a new Ferrante novel to be published in 2018.“

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6: Acht erste Episoden einer TV-Serie werden gerade produziert. Details bei Variety.com:

  • Ferrante ist am Drehbuch beteiligt
  • Produktionssender: RAI (Italien) und HBO (die auch „The Young Pope“ in Italien produzierten)
  • 32 Episoden in vier Staffeln sind geplant

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7: tolles, langes Essay von GD Dess über Ferrantes feministische Einflüsse in der LA Review of Books:

„James Wood has suggested that Ferrante’s writing is influenced by second-wave feminist writers such as Margaret Drabble and Hélène Cixous, and Ferrante has acknowledged her familiarity with the work of Cixous, Luce Irigaray, and Julia Kristeva. In a 2015 interview, when asked what fiction or nonfiction has most affected her, Ferrante also names Donna J. Haraway and “an old book” by Adriana Cavarero, Relating Narratives: Storytelling and Selfhood (1997).

Against Lila’s wishes Elena writes and publishes a book about the two of them, which she titles A Friendship. It is — implausibly — only 80 pages long. The book is a success and revives Elena’s sagging career, but after its publication, the two women never speak again and Lila disappears. Thus, contrary to Cavarero’s contention, which invokes Ulysses listening to his own life-story, Lila doesn’t need a life-story written about her in order to affirm her “I.” If another were to write her life-story, she would be turned into “fiction,” taken possession of. And just as she never let anyone possess her throughout her life, she has no intention of allowing that to happen once she is gone. She won’t participate in a practice that reduces her ontological presence to words on a page, a fetishized object between covers. By vanishing, she asserts her right to live a “mere empirical existence.” It is a brilliant move on Ferrante’s part to allow her subject to refuse subjugation to the art of “story telling,” even as she (and Elena) tell her story in the very book we are reading.“

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8: Ich hatte Mühe mit Band 1 – und fand einen langen Ferien-in-Ischia-Exkurs in Band 2 noch träger, anstrengender, reizloser. Ich empfehle, bei Interesse lieber in Band 3 noch einmal neu einzusteigen. Andreas Fanizdaeh über Band 3, in der taz:

„Ferrantes Bände 1 und 2 bestechen durch ihre Kinder- und Jugendlichenperspektive, die neue Offenheit, als die kapitalistische Modernisierung im Nachkriegsitalien auch die Unterschichten erfasst und einigen neue Chancen eröffnen. Band 3 spricht von einem Backlash. […] Ferrantes dritter Band entfaltet über ein weit verzweigtes und psychologisch fein ausgestaltetes Personentableau ein bezeichnendes Panorama der 1970er-Jahre in Italien. Nicht ohne eine Brise Bitterkeit resümiert die Romanautorin die frühen Erwachsenenjahre ihrer Frauenfiguren, deren Emanzipation nach 1968 auf halbem Wege stecken bleibt. Ob Mafia/Camorra, linksradikale Bewegung oder Bildungsbürgertum: Haushalt und Kinder bleiben weiterhin zumeist an den Frauen kleben. Und das, obwohl viele gerade die am unabhängigsten erscheinenden Frauen am meisten begehren.“

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9: Kritikerin Irene Binal, ähnlich ambivalent wie ich – zu Band 3:

„Mal vermisst sie ihre Freundin schmerzlich, mal wünscht sie ihr klammheimlich den Tod, denn „ich ertrug die Leere nicht, die dadurch entstand, dass sie sich mir entzog“. Es ist eine nicht immer nachvollziehbare Beziehung, in der Liebe und Hass nah beieinanderliegen, und dieses an sich reizvolle Wechselspiel hat sich nach drei Romanen doch einigermaßen abgenutzt. Kraft und Farbe gewinnt der Text vor allem dann, wenn er die Stimmung im Italien der 70er einfängt, die von politischen Umbrüchen und strengen gesellschaftlichen Regeln geprägt ist. Abgesehen davon erweist sich „Die Geschichte der getrennten Wege“ als eines jener Bücher, die zwar nicht wirklich schlecht sind, aber auch nicht richtig begeistern können.“

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10: herablassender und sexistischer Artikel über die Idee, Domenico Starnone sei Haupt-Autor des Neapel-Quartetts:

„Then came Gatti’s well-documented claim that Ferrante was Anita Raja, who, unlike Ferrante, did not grow up in an impoverished Neapolitan neighborhood but rather left Naples at the age of three and lived in middle class comfort in Rome. Presumably, Raja had ready access to the educational opportunities that Ferrante’s characters struggled to obtain. […] I was troubled by Raja’s dishonesty and not convinced by her defenders who saw nothing problematic in Raja’s attempt to create the impression that her background was similar to that of her characters.

The powerfully rendered portrait of growing up in deep poverty in 1950’s Naples feels like it was written from first hand experience. Raja did not have this direct experience but Starnone, like the fictional Ferrante, was the son of a seamstress and did grow up in Naples. Also, Gatti reported that after analyzing Ferrante’s books with text analysis software, a group of physicists and mathematicians at La Sapienza University in Rome concluded that there was a “high probability” that Starnone was the principal author.

[…] When I read The Execution, Starnone’s first novel to be translated into English, I saw many stylistic similarities to Ferrante—sentences with clauses piled upon clauses, building to a dramatic climax; long stretches of dialogue without any of the usual markers to indicate the speaker, a dramatic opening and a conclusion which leaves much unresolved.“

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11: Ich kann Ferrantes Scheidungskriegs-Roman „Tage des Verlassenwerdens“ nicht empfehlen – interessant aber, dass der aktuellste Domenico-Starnone-Roman das Thema aufgreift und variiert. Rachel Donadio in der New York Times:

„‚Ties‘ puts the same plot elements through a kaleidoscope. […] I cannot think of two novelists writing today whose recent books are in such clever and complicit conversation as those of Starnone and Ferrante.“

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Die deutsche Ausgabe erscheint am 12. März 2018 bei DVA/Random House; der Schutzumschlag kopiert die deutschen Ferrante-Cover:

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Kranksein im Comic: Ausstellung „SICK! Reclaiming Illness through Comics“, Medizinhistorisches Museum der Charité Berlin

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Im Sommer 2016 fällt die Superheldin She-Hulk nach einem Kampf ins Koma. Ihr Hirn heilt rasch. Doch eine posttraumatische Belastungsstörung reißt ihr seitdem den Boden unter den Füßen weg – erzählt auf über 200 Seiten, im aktuellen Mainstream-Comic „Hulk“.

Oder stell dir vor, du kämpfst mit Behörden, bis dein autistischer Sohn auf inklusive Schulen darf. Mit 13 wird er geschlechtsreif: Tabuisierst du Selbstbefriedigung? Oder hilfst du, Rückzugsorte zu finden? Der Pädagogik-Ratgeber-Manga „With the Light“ von Keiko Tobe gibt feinfühlige Tipps. 3000 Seiten lang.

Was aber lässt sich schon auf EINER einzelnen Comic-Seite zeigen?

Noch bis März stellt das Medizinhistorische Museum der Charité Berlin 13 solcher einzelnen Seiten aus 13 – meist sehr kurzen – Comics aus:

10 Frauen und 3 Männer aus 8 Ländern finden hier ganz eigene Bilder, Metaphern und Haltungen. Zu Pflege und zu Heilung. Zu Trauma und zu Sterblichkeit. Was diese Bildsprachen – Ikonografien – neu, spannend oder künstlerisch besonders macht, erklären kuratorische Texte auf 12 großen Aufstellern. Und ein lese- und einsteigerfreundlicher Ausstellungskatalog.

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„Legen Sie sich hin und entspannen Sie sich!“ Jeden Morgen um 6 Uhr 45 lag ich zum Ultraschall und für die Blutuntersuchung in der Klinik. „Machen Sie sich frei. Legen Sie sich hin und entspannen Sie sich! LEGEN SIE SICH HIN UND ENTSPANNEN SIE SICH!“ Ich wurde zur Laborratte für Fruchtbarkeitsbehandlungen.“

Im Comic „Broken Eggs“ von 2014 zeigt Emily Steinberg in sarkastisch verzerrten, wilden Tableaus, wie ihr Wunsch, schwanger zu werden, von einer privaten Frage… zu einem medizinischen Hindernisparcours wurde, der ihr Leben beherrschte – auf knappen 67 Seiten.

Cartoonist Christoph Geiger nimmt sich nur EINE Seite für seinen Comic „Work to do that can’t wait“:

Ein Mann baut Wände aus blauem Stein. Sein Freund fragt: „Wollen wir essen?“ Doch dafür nimmt er sich keine Zeit. „Dann Frühstück?“ – „Nein. Keinen Hunger.“ Am Ende hat er sich selbst eingemauert. „Fertig jetzt?“ – „Ich weiß nicht. Gut, dass du kommst. Hilf mir hier raus.“

Ausgestellt werden diese – etwas schmalbrüstigen – kurzen Grafiken in der Sammlung von Dr. Rudulf Virchow. Ein langer, grauer Raum voller Regale mit Präparaten aus dem 19. Jahrhundert: Wasserköpfe, Embryos, in Glas versiegelte Tumore, tote Haut. Die Illustratorin Stef Lenk erklärt, wie die simplen Aufsteller mit 13 Comics neben den – beklemmenden – Exponaten wirken:

„Es war uns aber wichtig, dass wir die Comics zusammen mit dieser Sammlung präsentieren konnten. Diesen Kontrast zwischen – ich sag mal – der Wahrheit oder medizinischen Tatsache – mit Kunst und autobiografischer Erzählung. Damit die Leute das vergleichen können. Dass es eine Zusammenbrücke gibt. Man sieht einfach Organe, man denkt: Was ist das denn? Und im Vergleich mit diesen ganz einfachen Darstellungen oder Repräsentationen wird es klar – die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.“

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„Sick! Kranksein im Comic“ heißt die zweisprachige Ausstellung. Mangas und Superhelden bleiben ausgespart. An einer Literaturgeschichte oder einem Best-of ist die (wirklich: kleine!) Ausstellung nicht interessiert. Stattdessen geht es um zwei konkrete Fragen:

„Das emotionale und persönliche Erleben von Kranken, Angehörigen und medizinisch Tätigen kommt in der entpersonalisierten Sammlung des Pathologen Rudolf Virchow nicht vor. Wir stellen den Präparaten Comics gegenüber, die individuelle Geschichten erzählen.“ …schreibt Kuratorin Dr. Uta Kornmeier.

In allen 13 Werken werden Menschen von etwas Fremden, Unpersönlichem gerammt: Krankheit und Sterblichkeit. Dazu beziehen sie – sehr persönlich – künstlerische Position. Zufäliges Pech und Leid werden so zum selbstbestimmten Narrativ. Auch im englischen Untertitel der Ausstellung, „Reclaiming Illness through Comics“, schwingt so die Frage: Was setzt man Krankheiten entgegen? Persönlich? Und künstlerisch?

Der Arzt und Comiczeichner Ian Williams suchte 2012 einen Gattungsbegriff für Comics, die solche Fragen auch mit besonders medizinischem, psychologischem und didaktischem Anspruch weiter denken: „Graphic Medicine“. Als Gastredner eröffnete er nicht nur die Ausstellung, sondern auch einen begleitetenden „Graphic Medicine“-Kongress der FU Berlin.

„Sick! Kranksein im Comic“ wendet sich an Neulinge – auch durch den Ausstellungs-Katalog, der viele Comic-Grundregeln einfach erklärt. Die 250 Menschen, die zur Eröffnung den Vorträgen zeichnender Ärzte und Pflegekräfte applaudierten, sind aber auch: medizinisches Fachpublikum. Interessiert an neuen Perspektiven auf ihre Arbeitswelt. Bilder und Bildfolgen – erklärt Cartoonistin und Krankenpflegerin MK Czerwiek – können auf engstem Raum anschaulich, persönlich, subjektiv UND lehrreich sein:

„Mein Comic ‚Taking Turns‘ bündelt die Oral History der Krankenstation, auf der ich gearbeitet habe. Dazu mein persönlicher, autobiografischer Blick. Und Wissen über HIV und AIDS, von dem ich wünschte, es würde an Schulen gelehrt: Junge Leute an der Uni haben oft gar kein Bild der AIDS-Krise der 80er und 90er Jahre.“

Es gibt tolle, lange Graphic Novels zum Thema: „Stiche“ von David Small. Oder „Das große Durcheinander: Alzheimer, meine Mutter und ich“ von Sarah Leavitt.

Die „Sick!“-Veranstalter*innen kennen Kanon und Klassiker.

Doch sie haben ein anderes Ziel: Nachwuchs und Geheimtipps sichtbar machen. Immer: möglichst kurze Werke, die sich auf EINEN Blick vermitteln.

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zwölf Graphic Novels / Comics zum Thema, die ich las und empfehle:

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…und zwei Favoriten zu Sterblichkeit & Tod: „Daytripper“ (Fabio Moon, Gabriel Ba) und „Royal City“ (Jeff Lemire)

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Graphic Novels, die das „Sick!“-Team selbst empfiehlt – und die auch im Rahmen der Ausstellung zum Reinlesen bereit stehen sollen:

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HENRY BEAUMONT: „Hole in the Heart“  |  ALISON BECHDEL: „Fun Home“  |  GARRETH BROOKS: „A Thousand Coloured Castles“  |  ALLIE BROSH: „Hyperbole and a Half“  |  ROLAND BURKART: „Wirbelsturm“  |  IAN WILLIAMS u.a.: „Graphic Medicine Manifesto“  |  MK CZERWIEC: „Taking Turns“  |  PETER DUNLAP-SHOHL: „My Degeneration“  |  LIZA FUTTERMAN & EVI TAMPOLD: „Keeper of the Clouds“  |  MELANIE GERLAND: „Offene Arme“  |  PHOEBE GLOECKNER: „A Child’s Life“  |  RETO GLOOR: „Das Karma-Problem“  |  JUSTIN GREEN: „Blinky Brown meets the Holy Virgin Mary“  |  DAVID HAJDU: „The Ten-Cent Plague“  |  JENNIFER HAYDEN: „The Story of my Tits“  |  PAULA KNIGHT: „Facts of Life“  |  PAULA KNIGHT: „X-Utero“  |  MARISA MARCHETTO: „Cancer Vixen“  |  NATE POWELL: „Swallow me whole“  |  DANIELA SCHREITER: „Schattenspringer“  |  LORENZO SERVITJE u.a.: „The Walking Med“  |  DAVID SMALL: „Stitches“  |  ANNA SOMMER: „Eugen und der freche Wicht“  |  ANNA SOMMER: „Julie ist wieder da“  |  ART SPIEGELMAN: „Maus“  |  EVI TAMPOLD: „The Hallway Closet“  |  FABIEN TOULMÉ: „Dich hatte ich mir anders vorgestellt“  |  UNA: „Becoming, Unbecoming“  |  IAN WILLIAMS: „Bad Doctor“  | DAWN WING: „What you left behind“  |  JUTTA WINKELMANN: „Mein Leben ohne mich“  |  ANEURIN WRIGHT: Things to do in a Retirement Home Trailer Park when you’re 29 and unemployed“

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Mir selbst war die Ausstellung zu klein gehalten: wenige Stellwände, wenig zu sehen – fast kein Comic, das sich 200, 400 Seiten Zeit nimmt.

Ich mochte, 2016 im schwulen Museum Berlin – bunter, umfassender, origineller:

„Superqueeroes“, über queere Comics

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Selbsthilfe & Helden der Kindheit: „Die Winnetou-Strategie“, Frank Behrendt

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Am 23. Oktober bespreche ich im Kulturmagazin „Kompressor“ bei Deutschlandfunk Kultur das… vielleicht schlechteste Buch, das ich seit 10 Jahren las:

einen Lebenshilfe- und Management-Ratgeber von PR-Berater, „Winnetou“-Fan und Stern-Kolumnist Frank Behrendt:

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„Die Winnetou-Strategie. Werde zum Häuptling deines Lebens.“

Gütersloher Verlagshaus / Random House, Oktober 2017. 224 Seiten, 17.99 EUR

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„Frank Behrendt, »Guru der Gelassenheit«, ließ sich in vielen Lebenslagen von Karl Mays stolzem Apachen-Häuptling inspirieren. Auch von Persönlichkeiten im echten Leben lernte er viel. Ihre Haltung, Klugheit und Weisheit hat er übernommen und für seinen eigenen Weg erfolgreich adaptiert. Selbstbestimmt und selbst-entschieden zu leben: In unterhaltsamen Geschichten erzählt Behrendt an konkreten Beispielen, wie ihn die Helden seiner Kindheit nachhaltig beeinflussten. Eine Inspiration und ein flammender Appell, Ausschau zu halten nach den Helden am Wegesrand – den fiktionalen und den realen.“

[Klappentext, gekürzt.]

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Ich bin Diplom-Kulturwissenschaftler und hatte im Studium (Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus, Hildesheim) u.a. wöchentliche Seminare über Feminismus bei „Alien“ & „Akte X“ (2004), Fan-Fiction bei „Xena, die Kriegerprinzessin“ (2003) und, über Heroismus seit der Antike, „Das Leid der Superhelden“ (2003).

Der Idealismus, die Strahlkraft und die Inspiration durch Helden und Antihelden ist ein Thema, über das ich immer wieder spreche und schreibe:

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Entsprechend große Lust hatte ich auf Behrendts Ratgeber:

Wir sollten alle öfter und präziser darüber sprechen, welche Figuren, Rollen, Plots etc. uns inspirieren, Vorbild sind, überraschen.

Frank Behrendt, geboren 1963, verbrachte seine Kindheit in Rio de Janeiro und seine Jugend in Ottensen an der Nordsee. Er arbeitete in der PR- und Kommunikationsabteilung von u.a. Henkel und RTL, war Geschäftsführer von Karussell (Polygram) und aktuell Serviceplan (München), und berät z.B. Fußballer bei Social-Media-Auftritten.

2015 postete er zehn Tipps für gute Work-Life-Balance, die viral gingen (Link).

2016 wurde daraus ein Buch bei Random House, „Lebe dein Leben und nicht deinen Job. 10 Ratschläge für eine entspannte Haltung“

Er wohnt mit seiner zweiten Frau und mehreren Kindern in Köln, ist großer Karl-May-Fan und war u.a. Komparse im „Winnetou: Der Mythos lebt“-Remake (RTL, 2016) und Gast beim „Wer wird Millionär“-Winnetou-Special.

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  • „Gefragt sind heute Menschen, die teilen und vertrauen können.“
  • „Ein lockerer Spruch bricht den Bann.“
  • „Du musst ein Feeling für deine Mannschaft entwickeln.“
  • „Meine hohe Performance-Erwartung erwies sich als meine Achillesverse.“
  • „Ein guter Spirit ist keine Garantie für das Gelingen.“
  • „Der neue Impuls machte mich richtig happy.“
  • „Heute bin ich Fanboy Nummer 1 meines kleinen Gerätes mit dem angeknabberten Apfel.“
  • „Nach dem Säen darfst du das Ernten nicht vergessen.“
  • „Endlich checkte ich, dass der Sinn des Lebens nicht darin bestehen kann, pausenlos zu ackern.“
  • „Ein grandioses Finanzgenie lehrte mich, wie ein Plan aussehen muss, der in Amerika jeden happy macht.“
  • „Ob Oberboss oder mittleres Management: Als Häuptling schwebst du nicht irgendwo über den Wassern, sondern bis immer Teil des Ganzen.“
  • „Die Zeit arbeitet für die Frauen: Ihre stärksten Waffen – Empathie und Emotion – sind heute mehr denn je gefragt.“

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Behrendt schreibt: Freunde nennen ihn „Guru der Gelassenheit“, „Lord des Loslassens“, „Emir der Entspannung“. Er mag u.a. Paulo Coelho und spricht viel über persönliche Begeisterung, gegenseitige Achtung, Freundlichkeit.

„Ich bin ohnehin jemand, der sehr stark in seiner glücklichen Kindheit verankert ist und ich bin auch nie so richtig erwachsen geworden. Freundschaft, Ehrlichkeit, Respekt, Verlässlichkeit waren mir als Junge wichtig und sind es heute noch. Was sich verändert hat, ist das Umfeld. Früher ging es um Werte innerhalb einer Klassengemeinschaft oder im Ruderverein, heute in meiner eigenen Familie oder in einem Unternehmen. Aber am Ende geht es immer um das gleiche: Ein faires und wertschätzendes Miteinander. Die Welt könnte schöner und friedlicher sein, wenn jeder so ticken würde.“

[Interview mit Helga König, Link]

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Ich las „Die Winnetou-Strategie“ kurz nach der Buchmesse, twitterte „Das ist das, glaube ich, schlechteste Buch, das ich seit ca. 10 Jahren las. Wow.“

…und bekam eine – freundliche, respektvolle – Rückfrage von Frank Behrendt: Was hat mich enttäuscht? Habe ich Nachfragen?

Wir wechselten einige Mails – und ich freue mich, dass er meine Haltung, Arbeit, Kritik nicht wütend weg wischen will.

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Meine Kritikpunkte:

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Es wird magic | Macht und Leadership | die Company war inhabergeführt | das Ergebnis der Session war top | es war Stress pur | eiskaltes Power-Selling | Downloads killten die CD | ich hatte nicht gecheckt, wie kniffelig die Situation sein kann | „die Neue“ brachte einen ganz neuen Spirit in die Kommunikationsabteilung | die Audience war begeistert | bei wichtigen Reden ist ein Reheasel [sic], also eine Generalprobe üblich | als Interims-CEO war ein smarter, relativ junger Typ verpflichtet worden, mit Power und Köpfchen

Die Mischung aus onkelig-bildreicher Bla-Sprache („mein Filius“ usw.) und Manager-Sprech voller Anglizismen (Der neue Impuls macht uns super-happy und ist gut für Performance und Spirit) lassen mich an Manager-Kunstfiguren wie „Stromberg“ denken:

  • „Hol dir den Happiness-Kick von früher zurück.“
  • „Zum Lunch am besten gechillten Talk.“

Ich kann das nicht lesen, ohne, die Augen zu rollen, zu lachen. Versteht sich Behrendts Buch (auch) als Management-Ratgeber, Leitfaden für Führungskräfte?

Gut, dass ein PR-Berater Erfahrung, Anekdoten teilt. Lehren aus dem Feld zieht, in dem er Profi ist. Doch stilistisch klingt er dabei wie die Parodie, Karikatur eines Managers. Und: Brauchen Menschen, die bereits Führungspositionen füllen, Empfehlungen wie „Du musst ein Feeling für deine Mannschaft entwickeln“? Behrendt baut eine bodenständige, entspannte Persona auf. Und macht dann viel kaputt, mit Passagen wie:

„Meine bisher längste berufliche Station verbrachte ich bei der PR-Agentur Pleon. Ein stolzer Kommunikationsriese, entstanden aus der legendären KohtesKlewes-Kommunikationsagentur der beiden PR-Granden Paul J. Kohtes und Dr. Joachim Klewes. Pleon war der absolute Marktführer, wuchs jedes Jahr und beschäftigte die besten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Branche. Es war eine unglaubliche Truppe, wir arbeiteten hart, gewannen und feierten wild. Ich war stolz, später Anführer dieser ganz besonderen Elite-Einheit zu sein.“

Show, don’t tell: Was die „unglaubliche Truppe“ so „legendär“ und „besonders“ macht, führt Behrendt nie aus. Ich lese hier Hyperbole, Sich-selbst-auf-die-Schulter-Klopfen, Glorifizierung, Mystifizierung.

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  • „Ich habe heute noch vor Augen, wie ein Kollege aus Südamerika im Seminar mit Hilfe von zwei Kokosnüssen erklärte, wie ein perfektes Einstellungsgespräch abläuft. Das war so ein irres Bild!“ Aber WAS war, mit den Kokosnüssen?
  • „Alle paar Wochen bin ich für einen Abend im Altersheim bei mir um die Ecke zu Gast, wo ich auf einer kleinen Bühne zum Gespräch bitte. Gesprächspartner sind Bewohner des Altersheimes.“ Warum dieses Ehrenamt: Was hört, lernt, erfährt man genau dort?
  • „Selbst heute noch bin ich nicht davor gefeit, zu sehr auf andere, und zu wenig auf mich zu hören. […] Freunde und Bekannte hatten uns von den Super-Hotels und den tollen Stränden in Dubai vorgeschwärmt. Wir knickten ein und fuhren in die Stadt, die schon auf den Bildern aussah, als wäre sie eine einzige Filmkulisse. Es wurde der blanke Horror! Für uns die Nummer 1 auf der Liste der Places not to be.Weil es kulissenhaft wirkt? „Der blanke Horror“ klingt so dramatisch: Details!
  • „Seit 1972 ist in Bhutan nicht etwa die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts, sondern die Steigerung des Nationalglücks vorrangige Aufgabe des Staates. Dort am Himalaya gibt es einen Glücksminister. Ich finde diesen Ansatz hervorragend.“ Klappt das gut, für Bhutan? Was entscheidet der Minister konkret, und was bedeutet das gesellschaftspolitisch?

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Behrendt versucht bei fast jedem Beispiel, Anekdote, möglichst positiv zu bleiben: Seine (recht reichen?) Eltern sind streng und wollen die Kinder nie übervorteilen. Im Beruf gibt es viele „legendäre“ Mentoren, Förderer. Behrendt lernt von jüngeren Kolleg*innen, und wenn jemand Fehler macht oder scheitert, bleibt Behrendts Schilderung so anonym, ungefähr und harmlos-gutmütig wie möglich.

Ich bin 34, und mag Autor*innen und Memoirs, die tief blicken lassen, Widersprüche zum Thema machen, immer neu fragen, was sagbar ist. Karl-Ove Knausgard wird von Verwandten verklagt. Lena Dunham schreibt personal essays über schlechten Sex und Geschlechtskrankheiten. Mir imponiert, wenn öffentliche Personen Fehler teilen. Behrendt bleibt langweilig vage, enttäuschend neutral:

  • Im Ruderclub hörte er bei einem Wettkampf nicht auf die Trainer und verausgabte sich zu früh.
  • Seine erste Ehe scheiterte, weil er viel arbeitete.
  • Ein Kollege, der zotige Witze erzählt, verstand nicht, dass er damit alle abstieß.

Solche Momenten, Anekdoten KÖNNEN „teachable Moments“ sein. Doch hier im Buch bleiben das, was Behrendt als Beispiel hastig und vage skizziert und die Lehre, die er daraus zieht, viel zu weit auseinander, viel zu beliebig verknüpft.

  • Ruderclub: Wie genau haushaltet man also die eigenen Kräfte?
  • Ehe: Wie kann man exzellente Arbeit machen UND eine glückliche Ehe führen?
  • Witze: eine Zote nervt alle, doch „ein lockerer Spruch bricht den Bann“. Tiefer rein ins Thema, bitte!

Oft klaffen „Fehler“, Lerneffekt und konkrete Tipps so weit auseinander, dass ich aus ganzen Kapiteln vor allem mitnehme: „Ich habe alles richtig gemacht. Der Erfolg gibt mir Recht. Ich bin PR-Berater in legendären Teams. Alle sind happy.“

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„Nur wer ein selbstbestimmtes Leben führt, verfügt über die Freiheit, Verantwortung auch für andere zu übernehmen.“

Starke These… die an keiner Stelle tiefer durchdacht wird: Sind Menschen ohne „selbstbestimmtes“ Leben zu schwach, faul oder dumm? Wie viel Freiheit und Selbstbestimmung haben wir im Kapitalismus? Was ist mit z.B. arbeitslosen Müttern, die Verantwortung für ihre Kinder übernehmen? Ist (fehlende) Selbstbestimmung ein privater Makel – oder ein strukturelles Problem?

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Ich mailte Frank Behrendt (gekürzt):

Ich fand Ihr Buch tatsächlich sehr phrasenhaft, nichtssagend und… aufgeblasen. Vielleicht hatte ich falsche Erwartungen: mehr Winnetou, oder mehr, tiefere persönliche Erlebnisse. Oder ein Selbsthilfe-Modell, das dem Untertitel „Werde zum Häuptling deines Lebens“ gerechter wird.

Sie wirken nicht unsympathisch. Ich bin nur einfach… schockiert, wie Sie aus Allgemeinplätzen, Binsenweisheiten und SEHR dünner anecdotal evidence im Brustton der Überzeugung „Weisheiten“ raus hauen, die mir sehr… beliebig vorkommen.

Meine – wirklich: große! – Enttäuschung beim Lesen: Sie halten sich sehr bedeckt und bleiben dauernd im Ungefähren. Ich weiß jetzt, dass Frank Behrendt nette Eltern, nette Geschwister, nette Kinder hat, und dass er Fehler machte, die wir alle machten (Überarbeitung, vorschnelle Urteile, falsche Prioritäten)…

…doch in einer Welt, in der Autorinnen wie Lena Dunham in jedem personal Essay, das sie veröffentlichen, über Geschlechtskrankheiten sprechen oder private Super-GAUs, ist mir Ihr Buch zu ungefähr, ausweichend, harmlos.

Ich muss die ganze Zeit an TED-Talks denken: die Idee, dass jemand den Vortrag seines Lebens hält. Alles vermittelt, was er/sie zu sagen hat. Dringlichkeit!

Ich kann mir bei der „Winnetou-Strategie“ einfach nicht vorstellen, dass Sie z.B. dieses Buch als Vermächtnis für Ihre Kinder geschrieben haben. Alles bleibt so knapp, zurückhaltend, nett… da tun sich keine Abgründe auf. Meine Hoffnung ist, dass Ihr erstes Buch mehr Dringlichkeit hat, Substanz, schwerere Konflikte mit klügeren Fragen origineller und mutiger durchleuchtet… dass es einfach mehr klingt wie ein Buch, in dem Sie auch etwas von SICH teilen wollen.

Nach der „Winnetou-Strategie“ weiß ich nicht einmal, warum jetzt ausgerechnet „Winnetou“ so prägend für Sie war. Oder, warum Dubai Ihnen nicht gefiel. Warum Sie Menschen im Altersheim interviewen. Oder sich Bhutan aufs Nationalglück konzentriert. All das wird nur erwähnt, nie ausgeführt.

Stattdessen Sätze wie „Nach dem Säen darfst du das Ernten nicht vergessen“ und Weisheiten wie „Perfektion macht nicht glücklich“ – von denen ich hoffe, dass jeder Neunzehnjährige schon so weit dachte.

Das ist einfach zu dünn, für mich. Sie kennen, denke ich, Randy Pauschs „The Last Lecture“? Das fand ich so gut, dass ich es ca. 2011 zu Weihnachten sicher zehnmal verschenkte, an alle engen Freund*innen. Weil da Dringlichkeit war, und Pausch fast nur sagte und erzählte, was ihm erkennbar am Herzen lag – und originellere Erkenntnisse/Lehren mit persönlichen Geschichten verband, die tiefer gingen.

Ich denke auch an z.B. Ihre Stern-Kollegin Meike Winnemuth: ähnlich happy, ähnlich kurze und harmlose Sätze, ähnlich leicht verdaulich. Doch DIE nimmt sich die Zeit, um in einem Buch auf 40 Seiten zu erklären, warum sie von Indien enttäuscht war und sich ausgezehrt fühlte: IHR fühle ich mich nah, weil sie mehr von sich verrät und uns näher an sich ran lässt. Was Sie an Dubai stört, weiß ich nicht. Das ist schade – denn an solchen Stellen wirkt das Buch auf mich einfach irrsinnig beliebig, defensiv, ungefähr.“

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Ich erfahre nichts Profundes über Winnetou.

Die Ratschläge bleiben schwammig und nichtssagend („Mach auch mal eine Pause“, „Frauen in Führungspositionen sind oft eine Bereicherung, weil oft einfühlsamer und geschickter“ etc).

Es gibt keine konkrete „Winnetou-Strategie“: Behrendt verknüpft Allgemeinplätze mit recht beliebigen „bei Winnetou ist das so ähnlich“-Momenten. „Man muss auch mal über sich lachen können. Nebenfigur aus Sam Hawkins aus Winnetou weiß das auch.“

Das Buch bietet keine Antworten auf die Frage, warum wir überhaupt auf Kindheitsheld*innen, Literatur oder Geschichten/Figuren schauen sollten: Wie das ein Leben prägt.

Als Ratgeber, als Lebenshilfe, als Management-Anleitung… und auch als Weg, um einen erfolgreichen PR-Berater kennen zu lernen, bleibt das mangelhaft, misslungen, dürftig.

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Star Trek: Discovery – Empfehlung bei Deutschlandfunk Kultur

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Viel Liebe zu den Figuren. Schnelle Dialoge. Große Fragen.

Viele (aus 700 vorigen „Star Trek“-Episoden) bekannte Situationen und Konflikte… oft überraschend drastisch und originell neu gelöst.

Ich sah Episode 1 und 2 von „Star Trek: Discovery“ (Deutsch auf Netflix), der sechsten großen „Star Trek“-Serie seit 1966… und habe Lust, mehr zu sehen: Empfehlung!

Am Dienstag, den 28. Oktober spreche ich ab 14 Uhr als Studiogast im Kulturmagazin „Kompressor“ auf Deutschlandfunk Kultur über die Serie. Schon heute, hier: mein erster Eindruck.

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Mit zwölf (1995) wurde ich großer „Star Trek“-Fan: Bis ca. 1999 und dem Ende von „Deep Space Nine“ sah ich möglichst alle Episoden und Kinofilme, die damals im TV ausgestrahlt wurden, besuchte Fan-Conventions, schrieb in einem Fanzine und las jahrelang Romane, Bücher, Zeitschriften.

„Star Trek: The Next Generation“ ist die erste „erwachsene“ Serie, die ich komplett sah. Ich liebe die Figuren; und verbrachte meine Sommerferien vor der siebten Klasse mit einem Buch über logische Fehler, offene Fragen, Ungereimtheiten.

„Star Trek: Deep Space Nine“ (…und „Babylon 5“) ist mir noch heute sehr wichtig. „Voyager“ war mir oft zu bieder, und an der Kirk-Spock-Serie aus den 60ern nervte mich das Gegockel William Shatners, fehlende interessante Frauen und die meist eindimensionalen Alien-Kulturen.

Bei „Star Trek: Enterprise“ (2001) gab ich sofort nach dem Pilotfilm auf, und die drei „Star Trek“-Reboot-Kinofilme seit 2009 ignorierte ich wegen Regisseur J.J. Abrams („Alias“, „Lost“). (…wobei mich sein Star-Wars-Film 2015 dann doch überraschte und einnahm!)

Ich mag an „Star Trek“ die Politik und kulturelle Vielfalt (Bajor! Cardassia!). Die vielen Figuren und ihr oft sehr kollegiales, gutmütiges Miteinander. Die soziale Utopie der Föderation (kein Bargeld, keine Religion, wenige Vorurteile). Und ich liebe, dass zwar jederzeit die größten ethischen Fragen, die schlimmsten Kriege, Verluste und Entscheidungen, die existenziellsten Probleme auf sechs bis zwölf Figuren stürzen können… doch diese Leute trotzdem JEDE Fläche Boden ihrer Schiffe mit Teppich auslegen. Es geht um Kultur und Ideale – auch und besonders im schlimmsten Gegenwind.

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„Star Trek“ schafft einen Erzählraum, in dem eine aktuelle, zeitgemäße, komplex erzählte Serie viel Kluges zeigen könnte zu Kolonialismus und Utopien, Gender und Körperbildern, kultureller Vielfalt und Militär, menschlicher Leitkultur und menschlicher Selbstgerechtigkeit. „Star Trek: Discovery“ hat das Zeug, diese Serie zu sein: warmherzig, temporeich, ambitioniert.

Staffel 1 hat 15 Episoden: eine Hälfte wird noch bis Ende 2017 wöchentlich ausgestrahlt, das zweite „Kapitel“ von Staffel 1 dann ab Januar 2018. In Deutschland läuft die Serie auf Netflix, in den USA auf dem Pay-TV-Portal „CBS All Access“.

Serienschöpfer war Bryan Fuller („Pushing Daisies“, das hochgelobte „Hannibal“ mit Gillian Anderson, aktuell „American Gods“), der aber nach wenigen Monaten ausstieg.

Die Serie spielt ca. neun Jahre vor den Abenteuern von Kirk und Spock, wirkt aber viel dunkler, militärischer und… sleeker: Hologramme, Jetpacks, viele wilde Grafik-Interfaces auf dem Schiffs-Screens. Die Klingonen wurden (wie schon in den ersten Kinofilmen) noch einmal neu designt, und wirken jetzt weniger wie Russen/Wikinger als wie die plumpesten, billigsten Weltraum-Barbaren. Ein großer Schritt zurück.

Ansonsten aber wirkt die Serie – ich sah Episode 1 und 2 mit einem Freund, der noch nie „Star Trek“ sah – einladend und hochwertig, für Fans und Neueinsteiger: Hauptfigur ist eine Frau of Color, Michael Burnham, die bei Spocks Vater Sarek auf Vulkan aufwuchs und aktuell als erster Offizier auf der USS Shenzhou dient.

Das Mit- und Gegeneinander mit Captain Philippa Georgiou macht großen Spaß. Zwei (nicht-weiße, energische, unbedingt feministisch angelegte) Frauen streiten, debattieren auf einem sehr hohen Niveau. Ein schrulliges und steifes Alien, Saru, wirkt etwas einfallslos. Ab Episode 3 kommen dann noch das titelgebende Raumschiff, die USS Discovery, und ihr Captain, Gabriel Lorca (gespielt von Jascon Isaacs: Lucius Malfoy aus „Harry Potter“) hinzu.

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Nach zwei Folgen bleibe ich noch etwas unsicher, weil…

…die Klingonen noch nie so eindimensional waren und ihre langweiligen Dialoge (auf Klingonisch, mit Untertiteln) viel zu viel Raum einnehmen.

…“Star Trek“ von seinen Ensembles lebt, doch Episode 1 und 2 bisher erst zwei oder drei Hauptfiguren vorstellten: Die meisten wichtigen Crewmitglieder waren bisher nicht mal zu sehen.

…vor allem aber, weil ich die beiden Frauen in der Hauptrolle sehr mochte, und noch nicht absehen kann, welchen Raum Michelle Yeoh (Captain Georgiou) einnimmt und, ob Jason Isaacs sie ab Episode 3 nicht einfach nur ersetzen wird. Das wäre zum Heulen: Warum steht Yeoh als „Special Guest Star“ im Vorspann, nicht aus Hauptdarstellerin?

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Fan-Kommentare und -Kritik auf Reddit:

The characters face a complex situation with no easy answers, and ending up with a worst-case scenario despite doing everything right.

After over 12 years, Star Trek is back on television.

This is a throwaway crew. We’ve only seen two of the series regulars. The real show with the USS Discovery doesn’t start until Episode 3 next week.

I’ll admit that I was expecting the Discovery to show up right towards the end of the pilot, but I was pleasantly surprised by the decision to dedicate the two-parter solely to setting events in motion and providing Burnham’s backstory, rather than the episode being a quick rush to the Discovery.

I honestly wish Star Trek would’ve found a bit more of a Master and Commander groove regarding the question of being both a vessel of discovery and a warship. M&C was the only story that ever dialed in the sweet spot between those two imperatives.

The computer’s ethical protocols deserve an episode unto themselves.

All these characters are still Starfleet, they have morality, ethics, camaraderie, a sense of adventure, but I never in my life thought I’d see anything like this for television Star Trek.

It didn’t feel like Trek at all. Or at least it didn’t feel like Trek TV – there was more of a Star Trek VI vibe. As I’ve seen some other people say, it felt more like a Mass Effect TV show with a Trek theme sprayed over it. I agree that the one part that felt very Trek was the ethics debate with the computer. I like Burnham’s character, and I don’t really have anything too bad to say about the show as a good sci-fi war movie. But I totally understand why some Trek fans don’t like it too much. War movie is not really the genre most Trekkies were looking for.

I thought the part where Burnham said, „Don’t confuse race with culture“ to be quite interesting. The Admiral had criticised her for claiming the Klingons were an aggressive species. And that has always been an inherent contradiction in the Star Trek universe;they have evolved past racism, but seem to have no problems generalising about entire races (calling the Romulans devious, the Ferengi greedy, the Klingons violent).

My theory is that the Discovery is a Section 31 black-ship whose express purpose is to find new ways to defeat threats, especially the Klingons.

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Kritik an den Klingonen:

Basing the new show around Klingons is exactly what Star Trek didn’t need. They should have picked up after TNG and explored the fantastical science-fiction concepts that made the shows great. The Klingon have always been a one trick pony and often part of the weaker episodes. They are too exaggerated and predictable, basically a caricature of what would happen when you’d give a medieval culture spaceships.

My only problem with them speaking Klingon is the scenes started to drag. The idea that all these great Klingon houses would just change their opinion that quickly was also hard to buy. They did seem to speak awfully slowly, even if it is mostly hard syllables. They also sound almost exactly like humans who haven’t had enough practice with fake teeth.

It’s interesting that in TOS (and thereafter) the Klingons were the Russians. Intransigent, bellicose, etc. The Federation was the US (or an idealized UN of sorts). Now, at least from the stuff you see in those first two eps, the Klingons are obsessed with not being assimilated, having their quirks erased and being homogenized into a large panculture. Where have we heard that complaint before?

T’Kuvma’s critique of the Federation’s line „we come in peace“ gave me chills! This is how Klingons should be portrayed for modern times. They see all of the moral trappings of Federation life as a propagandistic lie, and have unified their Empire (and their ideology) around the internalization of that suspicion. This is the first time in a long time that a Star Trek antagonist has been given compelling reasons for their xenophobia and hatred.

The Klingons managed to become an interstellar great power that rivaled the Federation and exceeded lesser powers like the Cardassians in terms of strength. Presumably that did take some form of internal order. I’m fine with Klingons actually being competent from time to time, as opposed to just being biker gangs in space. I know that TOS Klingons have basically been retconned completely out of existence by this point, but it is worth noting that the Klingons in TOS were pretty competent and very orderly. They were militaristic, but in a more authoritarian, orderly sense, as opposed to the testosterone-pumped warriors they became in TNG.

Alan Sepinwall: „my goodness is every single scene on T’Kuvma’s ship at last twice as long as it needs to be. As a fan of The AmericansJane the Virgin, and other recent shows that have extended sequences in foreign languages, I’m not opposed to reading subtitles, but those shows benefit from actors who are able — through both talent and not being buried under several pounds of immobile makeup — to convey tons of emotional nuance with each line even if you have to read along with them, and they don’t turn the subtitled scenes into pure info dumps. Almost all of the Klingon stuff was literally monotonous: every line delivered in the same growl, with the same limited facial expression, reiterating the same two or three points about how much better their culture used to be.“

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Kleinigkeiten/Nitpicking:

All communication in both episodes is done using holograms. Holographic communication was first established in DS9, over a hundred years later, and was clearly a new technology.

Why exactly did both the Captain and First Officer beam over to the Klingon ship with no back-up? Where is the security team? Why beam in a 12 man assault team with assault rifles, when you can beam in the two most important people on the crew with nothing but phaser pistols?

How did Michael not get suspicious when the captain had them take bizarre 290 degree turns while walking in an open desert? That scene was a level of cheesy that felt out of place with the rest of the show.

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kurz, zu Episode 3:

  • Lorcas geschädigtes Auge in Nahaufnahme wiederholt das „Auge in Nahaufnahme“-Leitmotiv aus dem Pilotfilm und dem Vorspann.
  • Wie schon im Pilotfilm sagen Figuren in der deutschen ST-Synchronisation erstmals (?) „Ensign“ statt „Fähnrich“.
  • ein Tribble auf Lorcas Schreibtisch!
  • Pilze? Größer-und-kleiner-Werden? „Alice im Wunderland“-Motive? = „Super Mario“!
  • Romulus! Der Beta-Quardant! Ich wünschte, „Trek“ würde mehr Zeit dort im Quadrant verbringen.

Reddit-Zitate zu Episode 3:

  • „A ship that can transport anything anywhere. A Captain with an insane plan… and a Tribble… Discovery is actually the Klingon/Tribble war origins series.“
  • Discovery has a Klingon spy
  • Will Lorca’s pet tribble be the new Sisko’s baseball?
  • Do you think Lorca writes fortunes for his cookies in his off time? He crafts very specific „fortunes“ for his crew the he ensures they „randomly“ receive with their dinner meals just to fuck with their heads.
  • Did Saru fucking salt his tea? I thought it was sugar until I saw the matching black shaker on the table.
  • Lorca also mentions Romulus. Romulus is the homeworld of the Romulan Star Empire, the other primary antagonists of TOS who are fleshed out considerably in TNG and two of the films. At this point in the chronology, no one in the Federation has ever seen a Romulan (or at least lived to tell about it), so it is unlikely anyone knows what Romulus looks like.
  • „Context is for kings.“ As cheesy as it may have been, my favorite part of the episode was when Lorca breaks down the episode title for the viewers. Episodes 1 and 2 had these „title drop“ moments, too.
  • Note that the Klingon-Federation border displayed here would not necessarily be the location of the Neutral Zone in postwar TOS or the TNG-era border.
  • „Isn’t the site to site transport problematic for continuity?“ – „I would assume the technology will be found to be too dangerous for one reason or another.“
  • „That copy of Alice in Wonderland was pretty thicc. Must have been a large font.“ – „It would probably have to be heavily annotated for 23rd century people to understand much of it.“
  •  I’m REALLY hoping this isn’t attempting to explain the infamous Voyager „travelling past warp 10 turns humans into giant amphibians“ episode.
  • I think they’re going to stop using the magic spores when they figure out it attracts Lovecraftian terror dogs from the Warp.
  • I think it’s a tardigrade, made massive by the experiment on the ship. Tardigtades can survive damn near anything. It looks like a grotesquely large one, right down to the circular mouth.
  • Their research reminds me slightly of the TNG episode where they find the abandoned technology that allows for doorways to places in the universe: Iconians!
  • The premiere was classic Star Trek – this was something else entirely, full of assholes, maniacs, murderers, punching, militarism, monsters aboard USS Horrorshow and her sister ship … I’m taken aback and sad.

The attentive viewer will recall that we already knew that Amanda read Carroll to Spock as a child. From TAS Once Upon A Planet:

SPOCK: The Queen of Hearts and her cards are characters from Alice Through the Looking Glass, Captain.

KIRK: I read the book as a child, Mister Spock, but I wasn’t aware you indulged in the literature of fantasy.

SPOCK: Light reading is considered relaxing, Captain. My mother was particularly fond of Lewis Carroll’s work.

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AVClub: „While she’s crawling for her life, Michael starts reciting a bit from Alice In Wonderland. It’s utterly unexpected, and it hooked me good. The first three episodes feel cut to the bone at times, a sort of no-frills attempt to establish a serialized narrative and keep everything moving forward. So far the show has maintained its momentum, but at some point, it’s going to need to slow down a bit. That’s what moments like the Alice speech are important; these people need to be more than just moving pieces.“

AVClub: „I appreciate how immediately abrasive the new additions are. Captain Lorca is charming but untrustworthy; Tilly – a constant bundle of nervous energy – is dorky and too eager to please; and Stamets is just pissed off. That could be off-putting, but it helps to add to the sense of the Discovery as a ship where things aren’t quite right, and a crew under a lot of stress to produce. Tilly is especially interesting—I suspect her growing friendship with Michael is going to be important.

AVClub: „“Universal law is for lackeys. Context is for kings.” -Lorca (I feel like this is going to be a crucial thematic sticking point for the show. It relates to Michael’s actions in the pilot as well as Lorca’s more questionable decisions. Trying to decide how much principle can bend in times of crisis is something Trek has dealt with before, and I’m excited to see how they deal with it again.)“

Polygon: „At some point in their different series, Kirk, Picard, Sisko and Janeway all had to wrestle with the puzzle placed before them; even choosing to make unethical and reckless decisions because they believed it to be the only option at the time. One thing that always made Star Trek stand out from the plethora of sci-fi shows and movies was its ability to make its characters feel extraordinarily ordinary in the most eventful of times. They’re human, even if the world they exist in is so fantastical and absurd that we know it couldn’t possibly be real. The stories are grounded in human decisions and the complex emotions that come along with irrationality. It’s when Star Trek is in its most frenzied state that its characters feel like people we know or imagine we could become ourselves.“

IGN: „Did Lorca let that shuttle pilot die in order to divert the prison ship at the start of the episode? If so, then we already have our answer as to his true nature.“

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kurz, zu Episode 4:

  • keine Nahaufnahmen von Augen erstmals; und keine Figur, die den Episodentitel laut ausspricht.
  • eine weitere tote Frau (Security-Chief Landry)… und damit noch weniger weibliche Crew-Hauptfiguren.
  • ein kurzer Moment mit Michelle Yeoh, für den ich dankbar bin: mehr von ihr! Wurde sie wirklich gegessen? Keine Möglichkeit, sie zu retten – zum Beispiel durch eine Zeitreise am Ende der Staffel? Und Season 2 spielt dann in einer parallelen Timeline, in der Yeoh noch lebt?
  • die Klingonen-Szenen sind nach vor schleppend… aber mich freut, dass sie dieses Mal visuell VIEL interessanter ausfallen: Schwerelosigkeit! Goldene Sternkarten!
  • schöne Nahaufnahme im Replikator: ich mag, wie die Serie Makro- und Mikrokosmos gegeneinander stellt und immer wieder Parallelen sucht.
  • weil Bryan Fuller Halloween liebt, heißt das Schiff NCC-1031? Die Spukhaus-Momente an Bord gehen weiter.

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Reddit-Zitate zu Episode 4:

  • They ATE Georgiou!!
  • I got a very „Devil in the Dark“ vibe from this episode.
  • What did Lorca call the spore drive in the scene on the bridge? Displacement-Activated Spore Hub Drive: DASH Drive
  • I think that they’re obviously setting up the spore-travel to require the suffering of Ripper, which is an obvious reason why the DASH drive doesn’t exist in the future.
  • I must say, I didn’t like how Captain Gabriel Lorca motivated the crew: by playing shipwide the hail he got from the Federation colony. It was extremely manipulative and unnecessary. But even if I hated this, it fits and shapes Lorca’s character.
  • Lorca continues to be the ends justify the means captain.
  • Michael is really growing on me. Everything in her storyline related to the tardigrade was fantastic. It was great to see a character exemplifying the Starfleet ideals of reason, curiosity, and compassion. By extension, I really liked everything with Stamets who I was on the fence with prior. Lorca, while not a likable character, is shaping out to be a great one. The only thing I found myself actively disliking while watching the episode was the comically one-dimensional security officer so I was more than happy to see her go.
  • I wish we could have gotten a bit more into Landry’s character. She was the only member of the crew that I truly felt had no place in Star Fleet. I was hoping that we could see why, since even Klingon nobodies no-houses are getting backstory. I imagine that she wasn’t always so cynical, and that she was hurting from a really recent loss. Rather than have time to heal over it, Lorca fed her anger and her rage, because it kept her sharp but obedient. We may have found that in some ways, Landry’s suffering was the only way she could have connected with Burnham, and it could have helped them understand one another. Instead she was just a jerk for the sake of it, who died a stupid death.
  • Tasha Yar was killed defending her crew. Landry died provoking an animal into self-defense. Yar’s death was honorable, Landry’s death was deserved.
  • The character who was first introduced treating human beings like savage animals ended up dying because she treated another being like a savage animal (or worse, like a tool).
  • I think this is the best episode of the four so far. It clearly shows the „brains over brawn“ (aka, the death of the security officer vs. Michael figuring out the symbiosis between the tardigrade and the spores) that we’re used to seeing with Trek.
  • I actually didn’t care for the hull spinning. Sure, it looks cool, but I didn’t see any practical purpose behind it. Engineering is in the part of the ship that is not the saucer, so why were parts of the saucer spinning? It looked cool; it just doesn’t make sense.
  • To be fair, the only Klingons we saw until now were cult members. When Kor came over and got the crew to join him, that was our first glimpse of how normal Klingons behaved. Kor only paid lip service to T’Kuvma because he wanted the cloaking device. Once he had it, the facade was cast aside.
  • I wonder what Elon Musk’s life and the nature of his business would have been like seeing as the Eugenics Wars radically shaped the politics and economics of the planet in the 1990s and then later when World War III broke out in the 2020s.
  • At the end of the day, they managed to save the day for the entire colony, only at the expense of torturing one other being. In a classic episode, they’d resolve this within an hour. But from the looks of Burnham’s face, this is going to be something that is going to haunt her for a while. I’m cool with that. Most ethical dilemmas can’t be resolved in a weekly format.

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IGN: Oh, and we finally have met Wilson Cruz as Dr. Hugh Culber, who fixes Stamets’ seriously messed up nose injury. It’s funny how Discovery is teasing out its cast so slowly, but it works (Ash Tyler, played by Shazad Latif, won’t show up until episode five next week, and he’s been pushed as a main character by CBS).

The Nerd Stash: The key part of Georgious’s message sums up a big problem with Star Trek: Discovery, “The best way to know yourself is to know others,” but we don’t know anyone yet because of how the shows been written. Now I know the reason behind the fact that we don’t really know anyone yet is because Star Trek: Discovery has only been on the air for a few episodes, but the way they’ve paced things so far necessitates that we should already know them and care for their deaths.

Syfy Wire: Tilly and Michael have a few really nice moments in this episode. I absolutely love the way their friendship is developing, a sort of parallel to the Georgiou/Michael relationship. I’d love to see more interaction between the two of them. And of course, it was lovely to see Michelle Yeoh again, even if only in holographic form. The producers have assured us we’ll see more of her in Discovery, and those scenes can’t come soon enough.

AVClub: The story about “Ripper” (real name: tardigrade) could’ve worked. Its central theme, the importance of studying and learning from the unknown rather than immediately fearing it, is at the heart of Star Trek. But the execution is lousy, full of unsubtle, clunky dialogue and forced conflict. Landry’s urgency makes no sense, nor does Michael’s desperate measures to protect something that no one seems to care that much about. The fact that her discoveries can be used to navigate the spore drive (which is a stretch) helps to tie things together, but that knowledge doesn’t happen until the last fifteen minutes or so. Before then, we have people rushing and shouting at each other solely because if they didn’t, there wouldn’t be any conflict at all.

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kurz, zu Episode 5:

  • Doch wieder eine Nahaufnahme von Lorcas Auge; und ein Episodentitel, der mehrmals laut ausgesprochen und diskutiert wird.
  • Ich sah die Folge, wie schon Folge 3, mit meiner Mutter. Sie hatte erneut Spaß; doch ich hatte erneut „Oh! So viel Gewalt und Horror-Aspekte? Lässt sich Mama auf sowas ein?“-Momente.
  • Ich hatte vergessen, dass das „Daystrom-Institute“ eine feste Größte bei Star Trek ist… und dachte stattdessen an eine dubiose Rüstungs- oder Black-Ops-Firma.
  • Die Zahnbürsten musste ich googeln.
  • Ich bin großer Fan von „Willkommen im Leben“ / „My so-called Life“ mit Wilson Cruz und froh, dass seine Discovery-Rolle komplexer und größer wird.
  • Ich fand die Folge solide, überzeugend. Aber hatte dieses Mal VIEL mehr Lust, User-Kommentare und -Kritiken online zu lesen: Anderen Menschen fällt oft mehr auf als mir!

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Reddit-Zitate zu Episode 5:

  • Ash Tyler? I think he’s totally a spy.
  • Ash is Voq. Didn’t Ash say something about wanting to be free after everything L’Rell had put him through? We were supposed to think it was the torture, but it was actually the deklingonization.
  • T’Kuvma’s rallying call was „remain Klingon“, Voq has been trying to follow that. In Ep. 4 when L’Rell offered to take him to the matriarchs he asked what it would cost and she responded „everything“. I predict a storyline exploring what it means to be Klingon, genetically and culturally.
  • According to Memory alpha, the actor playing Voq is the same as Tyler, but credited under the pseudonym Javid Iqbal, a Pakastani serial killer.
  • We already know that Ash’s story is a fabrication. He claims that he was taken prisoner by the Klingon captain at the Battle of the Binaries, but we know that can’t be true since the Klingon captain is L’Rell.
  • When Saru meets with Ash the first time, I bet his scare tendrils will appear but Michael will be the only one to believe Saru when he says he doesn’t trust Ash.
  • The notable captains? Robert April (NCC-1701’s first captain before Pike. He showed up in the the animated series), Archer, Pike, Georgiou, Matthew Decker
  • It was a bit weird that every name was already familiar to us. You’d think they’d throw in a couple of previously unknowns. But then, it kinda makes sense as each show is really about the most legendary captain of their era.
  • I’m glad that Stamets had a lot of character revealed before they showed that he was gay, so people can’t complain „his whole character is that he is gay“ like always.
  • Culber: why have all of the major medical decisions been done through some random Lieutenant Commander doctor? He could be the head of the medical sciences department while the CMO is a regular physician. Discovery seems to have a huge science division so it would make sense if the medical department had a officer dedicated to working with them.
  • I liked that they used Michael as the key element of Saru’s plot without her being the protagonist. Their interactions were almost 100% about Saru, which was what this episode needed.
  • My respect for Saru initially dropped in this episode but went back up later on. I like that Saru addressed his feelings and the reasons for them, and accepted that while he was wrong he was doing what he had to do as standing captain. It’s a very adult way to process one’s own emotions and situation that is definitely befitting of a Starfleet officer.
  • I didn’t believe for a second that Mudd missed his wife. His plan was probably to marry Stella, then have her dad killed, and then, eventually, Stella, and use the combination of their fortune and the re-sale of the moon to pay back his creditors.
  • I can’t believe I lived to see someone say „fuck“ on Star Trek. What a time to be alive.
  • I’m positive Scotty cursed so much in engineering that the warp drive was powered by it. They just couldn’t show it on TV in the late 60s.
  • That ending was creepy as hell. It seems like they’re implying that, by traveling through the spore network, one can connect to the mirror universe. Did our Stamets come back, or another? Seemed like his reflection was out of time?Mirroring Stamets, but just a few seconds late.
  • Theory: Spore drive technology originated from the mirror universe, as did Lorca, who may have used it to escape where he’s from. Perhaps circumstances there were far more dire, and like episode 5 said, he’s a survivor. Upon his arrival, he destroyed the USS Buran, killing all hands, including prime universe Lorca, so he could assume his identity, using a Klingon attack as a cover story. He then secretly bargained with the very top level of Starfleet to offer the technology to win the prime universe war, providing he was given unparalleled freedom to captain the Discovery. We know he’s sensitive to light, but we may not yet know the true reason why. It’s almost certainly connected to his mirror universe background. We do know that he doesn’t want doctors to examine him, probably because it would uncover his true identity. If you’re still unconvinced Lorca from the mirror universe, there’s a massive clue in his very first scene: The first thing he says – „No matter how deep in space you are, always feels like you can see home.“ He’s not gazing out into space. He’s gazing into the window’s mirrored reflection!
  • Saru is going to mutiny. I don’t know how or why, I just have a hunch.
  • Star Trek has dealt with rape before, but usually phenomenally poorly. See TNG’s Violations and Voyager’s Retrospect. In A Matter of Perspective it also appears that Riker raped someone. In First Contact it seems that Riker is raped. Shinzon (mentally) sexually assaults Troi in Nemesis and it is very disturbing. Tasha Yar mentioned running from rape gangs growing up. Troi was getting mind raped half the time in TNG. ENT dealt with mind raping. T’Pol from Vulcan space hippies telepathically probing her. We also know that there was some sexual assult happening during the Cardassian occupation of Bajor. Wrongs Darker than Death or Night is the DS9 episode that deals with Bajoran “comfort women”, and that episode is probably most relevant to Lt. Tyler’s situation we see in this episode.
  • While the episode obviously fits into the larger Klingon war/Michael redemption arc, it also felt really self-contained. A 40-minute engagement with a tense situation and ethical dilemma. This episode was really Stamets’s, Saru’s, and Lorca’s show. It felt a lot more like other Treks where, while we have a „main character,“ any given episode might put other members of the cast into much greater focus.
  • Moral / ethical dilemma, badass Captain hand to hand combat, a parable for something bigger, and a slight pushing of the social envelope on TV. That was so totally Trek and I loved it.

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Slashfilm: The insinuation that Tyler has been raped repeatedly by the Klingon captain was so subtle in the dialogue between Tyler and Lorca that it’s easy to look past it, or even excuse it away as Tyler purposefully using his sex appeal to his advantage. But the way he swings at the Klingon captain tells a different story. He’s trying to throw back some of the pain she’s caused him.

Slashfilm: Seeing the crew abuse the tardigrade so much was quite painful. I won’t go into a “Would the original Star Trek have done this?” debate since the Discovery is a ship under duress in a myriad of ways. Honestly, it’s quite surprising and tone-deaf for the crew to not realize that this animal could have some form of sentience. Even Saru, who is prey on his planet, assumes the animal has no smarts. You’d think he of all people would understand what it’s like to be, well, preyed upon.

AV Club: The spore drive storyline moves so damn fast that it plays more like an outline than an actual plot. In three scant episodes it’s gone from “experimental” to “practical but costly” to “practical but costly in a different way.” It would be nice to have some time for any of this to sink in. Also, while I’m not asking for a lecture, a clearer understanding of just how much faster and easier the drive is to use than regular warp would be useful.

AV Club: Anyone disappointed by Star Trek: Discovery’s grim/dark view of the future past will likely leave “Choose Your Pain” still disappointed. The episode continues the trend of stark conflicts, bad vibes, and interpersonal squabbling. Even the introduction of one of the original Star Trek’s most memorably campy creations fails to lighten the mood. This might never be the sort of hopeful, life-affirming Trek so many are missing. But it has promise.

Den of Geek: The concept of „choosing your pain,“ i.e. choosing which of your cellmates will be tortured, is a good narrative device, but one that was underutilized. I didn’t care enough about any of the characters stuck in this Klingon cell for there to hold much dramatic tension. This would have been a good opportunity to nuance the Klingon culture in this show.

Den of Geek: The scene of Stamets and Culber brushing their teeth together was one of the first domestic moments (other than the adorable, hilarious Burnham/Tilly scenes) that we’ve seen on this show. I’d like to see more. I want to get a lived-in feeling from this starship. I also wouldn’t mind learning more about the relationships between the people who live there — not just romantically, but in all ways. The true heart of this show, of every Star Trek shows, lies with the story of a ship (or space station) and the chosen family who lives there. Discovery has yet to fully establish that vibe.

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star trek discovery wilson cruz

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…und, via IMDb:

At ComicCon 2016, then-showrunner Bryan Fuller said that the inspirations for centering the show around a female lead and a character of color were the actress Nichelle Nichols (who played Lieutenant Uhura, the only black character and the only woman in the main cast of the original series) and the astronaut Mae Jemison, the first African American woman in space.

All of Bryan Fuller’s shows have at least one female character with a traditionally male name: Chuck in “Pushing Daisies“, “George in Dead Like Me“, Freddie Lounds in “Hannibal“, Michael in „Star Trek: Discovery“.

The name of Jason Isaacs’s character, Captain Lorca, is a reference to the Spanish writer and poet Federico García Lorca.

The first gay main character, Paul Stamets, is named after real-life mycologist Paul Stamets.

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Auf Reddit kommentierten viele Nutzer (die meisten: junge weiße Männer), dass sie Hauptfigur Michael unreif, schroff, unsympathisch, unerträglich fanden, und empfahlen, lieber Episode 3 von „The Orville“ zu sehen – eine „Star Trek: The Next Generation“-Parodie von und mit „Family Guy“-Autor Seth MacFarlane. „Discovery“ hat sehr gute Kritiken, aber Netz-Jungs haben keine Lust. „The Orville“ hat vernichtende Kritiken – aber die „Family Guy“-Zielgruppe muss dort weniger starke, komplexe Frauen aushalten. Hmpf.

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