Coming of Age

Till Lukat: „Kondensstreifen im Kopf“ (Coming-of-Age-Comic)

Am 23. August 2021 durfte ich bei Deutschlandfunk Kultur Till Lukats Comic „Kondenssteifen im Kopf“ vorstellen:

Gespräch mit mir: 5 Minuten, Audio (Link)

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Hulk Hogan klaut mir meine Freundin!

Till Lukats süß-bitterer Erinnerungs-Comic „Kondensstreifen im Kopf“

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Peter fällt mehrmals durch die Fahrprüfung. Zuletzt, weil er für einen Waschbären bremst, der auf die Fahrspur tapst. Der Fahrlehrer und die Prüferin wollen nichts gesehen haben: Sind Waschbären nicht nachtaktiv? Aus Wut schlägt Peter die Türscheibe eines Wohnblocks ein. „Kondensstreifen im Kopf“ ist das Gefühl, dass jede Tat und jeder Erklärungsversuch die Lage oft nur schlimmer machen. Achtzehn zu sein, doch noch fast nichts am eigenen Leben ändern zu können, ist schwer.

Autor und Zeichner/Illustrator Till Lukat studierte in Berlin und lebt auf einem Boot in Bristol. Er hat, wie seine Figur Peter, rotblondes langes Haar und war 2008, im Handlungsjahr des Comics, selbst um die 18. Auf Instagram und einer sehenswerten Website zeigt Lukat viele oft farbenfrohe, schwungvolle Kurz-Comics und Arbeitsproben. „Kondensstreifen im Kopf“ dagegen startet zerquält. Und, optisch: überraschend hässlich!

Der Fahrlehrer – manchmal fast Mentor, fast Verbündeter – blickt auf fast jedem Bild, als säße er gerade auf dem Klo und presst. Peters Mutter wirkt humorlos, streng, redet ins Leere, und Peters Vater bezahlt das Aktmodell Frau Machiewsky – für erfolglose abstrakte Gemälde? Oder doch nur, um sie fotografieren und anstarren zu dürfen? Kiana, Peters Klassenkameradin, nutzt einen Rollstuhl – und ihr Gesicht, während sie den Flugzeugen beim Abheben zusieht, scheint zu sagen: „Warum lebe ich in einer freudlosen Stadt? Und… in einem freudlosen, tristen Comic?!“

Durch den ruppigen Zeichenstil, Lukats Mut zur Hässlichkeit, ist lange nicht klar, ob „Kondensstreifen im Kopf“ sich über Teenager-Pleiten und Unbeholfenheit lustig machen will. Ob alles auf eine große Katastrophe zusteuert. Oder, ob hier wärmer, psychologisch erzählt wird – Empathie für gehemmte, frustrierte Pennäler im Jahr 2008, bei denen sogar die Sex-Tagträume so schief laufen, dass plötzlich Wrestler Hulk Hogan auftaucht, die Freundin fesselt und prahlt: „Du bist mir direkt in die Falle getappt!“ 

„Kondensstreifen im Kopf“ zeigt bekannte Stimmungen, Milieus und Archetypen in bekannten (und eben: hässlichen!) Bildern – und hält den Ball recht flach. Lukats Blick- oder „Kameraführung“ von Panel zu Panel ist elegant und klug, doch die Gesichter, Fratzen erinnern an 90er-Satiren wie „Beavis & Butt-Head“ oder „King of the Hill“, und aus blassen Jungs, die seitenlang tatenlos in Autos sitzen, holten zuletzt z.B. Martin Panchauds Comic-Groteske „Die Farbe der Dinge“ oder Joff Winterharts grandiose Comic-Dramedy „Driving Short Distances“ viel mehr heraus: „Kondensstreifen im Kopf“ versucht, genau wie Hauptfigur Peter selbst, keine großen, ambitionierten Würfe.

Ein großes Plus aber hat Lukats Comic im Vergleich: Mit 14, 16, vielleicht 18 noch hätte mich die überraschend menschliche, fein austarierte Geschichte – ganz ohne schnelle Lösungen, falsche Nostalgie oder Knalleffekte – lange beschäftigt: „Kondensstreifen im Kopf“ nimmt introvertierte Figuren und die Zwickmühlen, in die sie sich drucksen und hineinstammeln, wunderbar ernst. So hämisch die Gesichter der Figuren auch gezeichnet sind: Lukats hat keinen hämischen Blick. Sondern, zeigt sich gegen Ende der kurzen Geschichte, vor allem Wärme und Empathie. Gern mehr von diesen kleinen, großen Momenten!

Till Lukat: „Kondensstreifen im Kopf“
avant-verlag, Berlin
August 2021
152 Seiten, 25 Euro

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meine Notizen vor der Sendung:

Peter ist 18, geht noch zur Schule – und fällt immer wieder durch die Fahrprüfung. Zum Beispiel, weil ein Waschbär auf die Straße huscht – und Peter eine Vollbremsung macht. Doch Waschbären sind nachtaktiv – also denken alle, Peter sucht nur eine Ausrede.

Von solchem Alltags- und Coming-of-Age-Frust handelt „Kondensstreifen im Kopf“ – der erste längere Comic von Autor Till Lukat.

„Kondensstreifen im Kopf“ – das klingt wie „Honig im Kopf“, der Film über Alzheimer. Hat Peter ein besonderes psychologisches oder neurologisches Problem?

Nein – „Kondensstreifen im Kopf“ ist eine Alltagsgeschichte, schnell weg-gelesen. Es geht drum, eine Stimmung festzuhalten – die, glaube ich, auch jeder in dem Alter gut kennt: Soll man sich erklären? Soll man laut werden? Soll man dem Mädchen, mit dem man knutscht, durch die halbe Stadt hinterherrennen und rufen „Hey – gehst du mir grade aus dem Weg?“ Peter Hartmann hat längeres Haar, wie ein etwas ranziger Vorhang. Schlechte Haltung. Er kriegt den Mund nicht auf – und sagt er doch mal was, wird alles immer nur schlimmer. Also liegt er daheim rum, raucht, trinkt Eistee aus dem Tetra-Pak und kuckt Wrestling-Sendungen. Außerdem gibts einen Flughafen in seiner Stadt, und zusammen mit einer Schulkameradin, Kiana, schaut er gern wehmütig den Fliegern nach.

Was sticht hervor – die Zeichnungen oder die Erzählung?

Ich fand die Zeichnungen erstmal superhässlich: schwarzweiß mit rötlichen Schattierungen, Häuser und Tristesse in einem klaren, doch ziemlich langweiligen 08/15-Stil – und mittendrin Figuren, ganz oft mit verkniffenen Gesichtern, oder nem Mund, der sich beim Schimpfen oder Knutschen oder… beim Fressen, muss man sagen, besonders hässlich verzieht: ich denke an Figuren wie Beavis & Butt-Head manchmal, „King of the Hill“, diese… „dreckigen“ 90er-Jahre-Grunge-Fratzen. Der Comic spielt 2008 – doch könnte auch zehn Jahre vorher spielen, vielleicht 20 sogar: eine muffige, enge Welt, erzählt in sehr konventionellen Bildern. Till Lukat hat eine tolle Website mit vielen Arbeitsproben, einen Instagram-Kanal, er *kann* auch viel freundlicher, bunter, illustrativer. „Kondensstreifen im Kopf“, das SOLL so hässlich und beklemmend sein, und was er drauf hat – beim Erzählen in Bildern – sehe ich im Comic an der Bildführung, den „Kamerafahrten“ von Bild zu Bild: das ist schon sehr gekonnt. Nur halt: trist. Bewusst trist!

Ist das für Jugendliche heute – oder doch vor allem für nostalgische Jungs, die 2008 schon 18 waren?

Till Lukat war, glaube ich, 2008 selbst um die 18, und hat ne ganz ähnliche Frisur wie sein Held. Doch so „old school“ und gestrig ich die Figuren und den Ton und die Bilder erstmal finde – als Erwachsener oder mit einer Nostalgie-Brille kann ich dem Comic gar nicht so viel abgewinnen: Man kennt solchen Blick auf solche Figuren (z.B. aus dem 90er-Film „Willkommen im Tollhaus): Das ist kein innovativer Comic. Doch mit 14, 16 kommt einem Peter, glaube ich, sehr nah. Weil dieser Comic halt doch, unter all seiner Gestrigkeit, was Neues macht: Sehr genau eigentlich immer wieder die genau selbe Situation erzählen.

Die Situation: Die Figur ist passiv, und nichts geht voran?

Ich finde hier präzise und packend, wie schnell man versteht: Wenn Peter jetzt was MACHT, sich erklärt, laut wird, handelt… wirds vielleicht nur schlimmer. Und wenn er nichts tut… vielleicht auch. Ich glaube, viele Coming-of-Age-Geschichten zeigen dieses Problem: „Soll ich mich öffnen, soll ich was sagen, soll ich lauter werden? Oder ziehe ich mich raus, muss ich mich schützen?“ …doch sie haben oft eine klare Seite: „Sag was, sonst geht alles kaputt“ oder „Du hast dich überschätzt, und jetzt bricht alles zusammen“… und… ich las „Kondensstreifen im Kopf“ in der Erwartung, dass es auf eine große Befreiung hinausläuft… oder auf irgend eine läppische, tragikomische Katastrophe. Beides wäre typisch, und typisch seicht: Peters gesammelte Katastrophen. Doch am Ende – ich verrate keine Details – war ich einfach sehr glücklich, wie ernst der Comic die… Unlösbarkeit solcher Pubertätsprobleme nimmt. Die Figuren sehen aus wie Witzfiguren – doch sie sinds nicht. Mit 14 hätte ich es geliebt.

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