Comics

„Heartstopper“ [LGBTQ-Comic, Alice Oseman]

Am 18. Januar 2021 sprach ich auf Deutschlandfunk Kultur über Alice Osemans Jugend-Comic „Heartstopper“:

Gespräch mit mir im Link: Audio, 6 Minuten

.

Als Bonus im Blog: eine Kurz-Rezension – und meine Notizen zum Radio-Gespräch.

Ein schwules Traumpaar – für Frauen?
„Heartstopper“ ist der erfolgreichste queere Comic. Ein Erfolg für Schwule?

Als die Autorin Alice Oseman 16 war, boten Verlage sechsstellige Summen auf ihre Roman-Projekte. 2014 erschien das Jugendbuch „Solitaire“: Osemans Debüt mit 19. Drei weitere Romane und viele Novellen wurden Bestseller – doch der größte Erfolg der Britin ist ein Comic-Projekt, das sie seit fast sechs Jahren schreibt, zeichnet und gratis im Netz veröffentlicht: „Heartstopper“, die Liebesgeschichte zwischen den Schülern Nick und Charlie, ist der erfolgreichste und bekannteste Comic mit queeren Hauptfiguren weltweit.

Auf Englisch ist die Geschichte online zu lesen oder in bisher vier von fünf geplanten Sammelbänden. Weil 2021 auch eine Netflix-Serie produziert wurde, die bald erscheinen soll, liegt Band 1 jetzt in deutscher Übersetzung vor: „Heartstopper: Boy trifft Boy“. Ein softer, sehnsuchtsvoller, freundlicher Comic für Menschen ab 12, über die erste große Liebe und zunehmend auch die Frage, wie man in einer Partnerschaft respektvoll, gewaltfrei und stärkend miteinander spricht.

Die Hintergründe der Schwarzweiß-Zeichnungen sind oft lieblos rudimentär: Besonders Busse und Autos wirken hingeschludert, unfreiwillig komisch. Erst ab ca. Band 3 ist „Heartstopper“ zeichnerisch über Amateur-Niveau. Ob das Erzählte, die Figuren und der Plot gelungen sind, hängt von eigenen Präferenzen ab, von Vorurteilen und der Sozialisation:

Wer Romance-Romane und ihre Formeln und Strickmuster mag. Wer japanische Boys-Love-Mangas unterstützt, in denen Grenzen zwischen „Verliebtheit“ und Stalking verschwimmen. Wer Fan-Fiction mag, in der ein Schul-Sportler, den man für heterosexuell hält, die Hand des schwulen Außenseiters streift, ihn tröstet, ihm durchs Haar wuschelt, ihn vor Freude durch die Luft wirbelt und nach 280 Seiten sagt: „Ah, ich bin wohl bisexuell. Auch schön“. Pauschal: Wer Genres toleriert, in denen oft Autorinnen schwules Leben für ein vorwiegend weibliches Publikum stilisieren und verkürzen. Und wer versteht, hinter wie vielen Angriffen auf diese Genres trotzdem vor allem Sexismus und Frauenfeindlichkeit stehen:

Band 1 von „Heartstopper“ ist wie ein Kessel, in dem alte Klischees noch einmal lauwarm und wässrig blubbern. Charlie ist 14, nervös, scheu, still, und wurde vor einem Jahr unfreiwillig an der Schule als schwul geoutet. Nick ist 16, Rugbyspieler, treu und gutmütig wie ein Klischee-Hund. In Osemans Roman „Solitaire“ sind die zwei seit einem Jahr zusammen und spielen Nebenrollen. Der Comic „Heartstopper“ will auf ca. 1.500 Seiten das Vorjahr erzählen, im gemütlichen, herzerwärmenden Tonfall wohlig-kuscheliger „Cozy“- und „Cottagecore“-Romantik.

Ein recht ähnliches Jugendbuch über das Coming-Out eines soften und angepassten Schülers, „Love, Simon“ (2015, verfilmt 2018) stand vereinzelt in der Kritik, weil hier keine „Own Voices“-Stimme authentisch Literatur schöpfte aus der eigenen, gelebten Queerness, sondern – warf man Autorin Becky Albertalli vor – wohl eine Hetero-Autorin für ein Hetero-Publikum unpolitische Wohlfühl-Schwule in einem Wohlfühl-Tonfall inszenierte. Erst Jahre später sprach Albertalli darüber, dass sie beim Schreiben ihrer queeren Romane die eigene Queerness entdeckte.

Alice Oseman ist genderqueer: „Sie“ und „Autorin“ ist treffend, doch auch das englische Pronomen „they“. Osemans Roman „Loveless“ (im Februar 2022 auf Deutsch) über Georgia, die asexuell und aromantisch ist, hat autobiografische Momente. Auch Nebenfiguren in „Heartstopper“ sind queer, trans – und alle Gruppen- und Freundeskreis-Szenen machen überdeutlich, wie respektvoll und bemüht hier Vielfalt gefeiert, aber auch erklärt und didaktisch vermittelt werden soll.

Trotzdem bleibt eine Grundstimmung wie in z.B. Hanya Yanagiharas Kitsch- und Trauma-Bestseller „Ein wenig Leben“. Ein Buch, das platt herzensgute queere Männer ins unverdiente Unglück stieß. Charlie entschuldigt sich reflexhaft und zunehmend verzweifelt, und was sich in Band 3 von „Heartstopper“ noch liest wie ein Lern-Comic („Wie respektiert man die Grenzen eines scheuen, introvertierten Teenagers?“) wird bald konkreter, psychologischer: Alice Oseman erklärt Therapieformen und selbstverletzendes Verhalten, und will ein junges Publikum ermutigen, um Hilfe zu bitten und Hilfe anzunehmen.

Das macht den Comic trotz der Klischees, Flachheiten und des schludrigen Starts zunehmend lesenswerter, dringlicher. Gesehen, empowert, gestärkt aber fühle ich mich als bisexueller Leser nicht: Ein Bubi wie ein scheues Kätzchen. Ein Sportler wie ein treuer Hund. Zwei queere Jugendliche, an denen politisch und weltanschaulich fast gar nichts queer, provokant oder wütend ist. „Heartstopper“ ist eine muffige Flickendecke, die mich nicht wärmt – und die ich mit 14 nur hätte fortstoßen und zerreißen wollen. Wie brav, wie weich darf etwas sein – bevor es automatisch reaktionär wird?

Alice Oseman: „Heartstopper. Band 1: Boy trifft Boy“

aus dem Englischen von Vanessa Walder

Loewe, 288 Seiten, 15 EUR.

Das „Heartstopper“-Paar ist ganz rechts. In der Mitte: die schwulen „Young Avengers“-Figuren Hulkling und Wiccan; links: Mikey aus „Disneys Große Pause“ und Supermans Sohn Jonathan Kent

.

1) Nick und Charlie – das sind zwei Jugendliche auf einer Oberschule bei London.

Ja – das sind Allerwelts-Figuren; weiß, Mittelschicht, ganz freundliche, angepasste, normative Boys next Door. Auch ganz vereinfacht gezeichnet, in Schwarzweiß. Charlie ist 14 und Schlagzeuger. Vor einem Jahr hat er einem Kumpel anvertraut, dass er schwul ist – der Kumpel wiederholt das etwas zu laut auf dem Schulflur, und für ne Weile wird Charlie gemobbt. Nick ist 16, ein Rugby-Spieler, die zwei sind in der selben Lerngruppe, und weil Nick so gern Zeit mit Charlie verbringt, kapiert Nick: Auch gut – dann bin ich bisexuell. „Heartstopper“ zeigt dann auf 1200 Seiten bisher ein Jahr der Beziehung. Erzählt nach… allen klischeehaften 08/15-Regeln.

2) Das klingt jetzt nicht besonders.

Na ja: Geschichten über Liebe gibt es viele. Doch die Romanzen aus dem Genre „Romance“ – also: die kommerziellen Love Stories – haben oft klare Formeln. in „Heartstopper“ kommt GANZ viel zusammen, das immens erfolgreich, erprobt und erwartbar ist: wir haben zwei angepasste, freundliche Bubis. Charlie wie ein nervöses Kätzchen. Nick ist der Ruhepol – treu wie ein Golden Retriever. in ganz kurzen Kapiteln ist die Pointe, der Effekt IMMER, dass wir rufen: „Hach. Die zwei. Wie lieb die wieder sind!“ Spaziergänge, Herbstlaub, Kuschelpullis, Nick hat zwei putzige Hunde. ich denke an „Gilmore Girls“, Wohlfühl-Tage in der Provinz, „Cottagecore“ ist der Name dafür. das ist die Atmosphäre.

und der Aufbau, den kenne ich aus Fanfiction – dein Schwarm streift deinen Handrücken, und du zitterst dreieinhalb Kapitel vor Wonne. japanische „Boys love“-Mangas lieben das: Geschichten über Schul-Jungs, die zelebrieren, wie du vor Begehren zerfressen wirst, und DANN zelebrieren, wie sich dieses Begehren erfüllt. oft ist das schmierig. und obwohl das Strickmuster meist von Frauen ist und von Frauen gekauft und gehypt wird, finde ich es oft frauenfeindlich.

3) Frauenfeindlich, weil solche schwulen Geschichten auf Frauen verzichten?

So halb: Mit 14 oder 16 rauszufinden „Wie bin ich ein Mann, wie bin ich maskulin?“, das ist schwer – und wir BRAUCHEN mehr Kunst, in der Figuren damit hadern. doch ich glaube, „Weiblichkeit“ ist nochmal was, bei dem man VIEL schneller irritieren kann: es gibt KEINE Art, eine junge Frau zu sein – also: Weiblichkeit zu zeigen, zu leben, zu performen – bei der Leute nicht sagen: „Das ist eine Tussi.“ oder „Jetzt ist sie aber zu stark“ und dann gleich wieder „JETZT ist sie schwach. Stell dich nicht so an!“

männliche Normalo-Figuren in schwulen Liebesgeschichten, diese Allerwelts-Leute: DIE dürfen sich „anstellen“, 1000 Seiten lang, denn wir sind SO frauenfeindlich als Gesellschaft – mit diesen Jungs haben wir viel mehr Geduld. die nerven uns nicht so schnell. die dürfen auch weinen und klammern; und wenn die verletzt sind, werden sie oft bemuttert und fetischiert: schwule Bestseller-Romanzen sind zu oft wie ein Spielplatz, eine Projektionsfläche für Leute, die keine Frauen mögen. und darum war ich bei „Heartstopper“, auf diesen ersten 280 Seiten, Band 1, fast NUR wütend.

4) Alice Oseman ist kein schwuler Mann – ist das Ihr Problem oder Ihr Vorwurf an den Comic?

Alice Oseman ist genderqueer… und sie ist aromantisch und asexuell: im Februar kommt auf Deutsch ihr Roman „Loveless“, über Georgia, der Sex und Romantik nichts geben. ich sage niemanden: du, sind deine Hauptfiguren queer, dann musst DU auf genau die selbe Art und Weise authentisch queer sein, sonst glaube ich dir deine Geschichte nicht. aber: ich war nie groß von Armut betroffen: vielleicht kann ich ne Teenie-Liebesgeschichte über arme Figuren schreiben. an manchen Stellen sagen meine Figuren dann: „DAS passiert mir, weil ich arm bin“ und an anderen „HIER spielt mein Armsein keine Rolle“ – doch ich weiß: ich läge da SO OFT daneben. und Alice Oseman liegt, finde ich als bisexueller Mann – für mich grotesk daneben: Wut, Abgrenzung, die Politisierung queerer Leute? das Bewusstsein mit 12, 14, 16: „HIER gehöre ich nicht dazu – und was bedeutet das, diese gesellschaftliche Abwertung, für den Rest meines Lebens in dieser Gesellschaft?“ dazu hat „Heartstopper“ nichts, finde ich, zu sagen. außer halt: seid alle nett zueinander. jeder ist gleich viel wert.

5) Trotzdem sagen Sie, der Comic sei „pädagogisch“.

ja – weil nach diesem lustlosen, anfängerigem Band 1 wird der Fokus enger, seichter – aber: didaktischer. man lernt rücksichtsvolle Kommunikation. es wird ein plakativer – aber recht guter! – sehr schematischer Lern-Comic: Nick und Charlie müssen in vielen kurzen Kapiteln immer neu ausloten, WAS man jetzt am besten sagt. sie geben sich Raum. lassen sich Zeit. respektieren Grenzen. es geht um Einvernehmen, Nachfragen – und die Zeichnungen werden besser: so ab Band 3 finde ich, ist das ein professioneller Comic.

6) Wenn dieser Comic so seicht beginnt… woher kommt dann die Tiefe, später?

Ich verrate eine Wendung, Achtung: Charlie hat eine Essstörung und verletzt sich selbst – in Band 4 wird plakativ, aber hilfreich gezeigt: was ist eine stationäre Therapie? was kannst du tun, als Freund? was müssen Profis übernehmen? ich sage nicht: „Ah, es wird tiefgründig, denn der Schwule hat ein Trauma“ – ich finde, der Bestseller „Ein wenig Leben“ ist so: Kitsch und Trauma und leidende, perfekte Schwule. oft geht sowas ins Auge. am Comic ist toll, wie sehr er später auf simple, primitive Lern-Kapitel setzt: „Was hilft nervösen und verunsicherten Leuten?“ ich finde das lieb und wichtig. jeder ab 12 nimmt da was mit!

nur keiner sollte „Heartstopper“ kaufen und sagen: „Jetzt verstehe ich queere Teenager ein Stück besser.“ ich verstehe da nur besser, was man, wenn man VIEL Geld verdienen will, für Romantik- und für Schnulzen-Fans hinwerfen muss, damit diese Fans rufen: „Oh, meine allerliebsten kleinen harmlosen kostbaren Normalo-Mäuse-Jungs.“ und ich hoffe sehr, es gibt keinen einzigen queeren 14jährigen, der glaubt, DIESE Rolle erfüllen zu müssen, um Wertschätzung und Applaus zu kriegen. denn: wie bedrohlich findest du queere Menschen – wenn dir SO wichtig ist, zu loben und zu feiern, wie HARMLOS manche queere Menschen sein können? Kuck mal, wie lieb die sind. Kuck mal, wie gut die rein passen!

die Moral hier ist: „Schwule, die ALLES tun, um niemanden zu stören, die sollten echt: niemanden mehr stören.“ das macht mir keinen Mut.

Comic-Salon Erlangen 2020: #csedigital

thomas wellmann

Thomas Wellmanns „Pimo & Rex: The Interdimensional Wedding“

.

am Montag, 13. Juli 2020, sprach ich als Gast bei Deutschlandfunk Kultur über den Comic-Salon Erlangen 2020: das Gespräch ist hier im Link (6 Minuten).

.

„Wie hier die Comic-Kultur hochgehalten wird!“

Der Comic-Salon Erlangen 2020 als Video-Dauerausstellung im Netz

.

Seit 1984 feiert Erlangen alle zwei Jahre den „Internationalen Comic-Salon“: ein Wochenende voller Panels, Künstler*innengesprächen, Lesungen für Fans und Fachbesucher*innen. Auch die wichtigste deutschsprachige Auszeichnung für Comics, der Max-und-Moritz-Preis, wird in zuletzt neun Kategorien vergeben.

Für Juni 2020 war der 19. Comic-Salon geplant. Statt die Preisverleihung und den Salon auf den Herbst oder auf 2021 zu schieben, wurde beides in Netz verlegt: Auf der offenen, dauerhaften Gratis-Plattform „Der Digitale Comic-Salon“ sammelt eine Redaktion Links, Kunst, Videos, Podcasts und Texte. Die Plattform versucht, statt Livestreams und Event-Charakter ein besonders nachhaltiges, zugängliches, niedrigschwelliges Portfolio zu schaffen – eine Schatztruhe der Comic-Kultur, ohne Schloss und auch nach Wochen, Monaten noch erweiter- und durchsuchbar.

.

max moritz brot

Eröffnet wurde die Plattform mit der Max-und-Moritz-Preisverleihung 2020, moderiert von Hella von Sinnen, als Live-Video (und jederzeit auf der Website oder auf Youtube nachholbar). Als bester internationaler Comic wurde Emil Ferris‘ „Am liebsten mag ich Monster“ ausgezeichnet, bestes deutschsprachiges Werk war Mikael Roes‘ Inklusions-Comic „Der Umfall“, viele feministische Arbeiten von u.a. Lisa Frühbeis, Julia Bernhard, Anna Haifisch überzeugten die Fachjury; der Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk ging an Anke Feuchtenberger. Erkennbar viel Arbeit floss in professionelle Einspiel-Filmen zu allen neun Preisträger*innen, kurze Interviews und viele Kurzvideos aller nominierten Werke, kompetent kommentiert.

.

.

Wer Programmpunkte und Live-Videos nachholen will, streift am besten – auch auf Youtube, Instagram, Twitter, Facebook – durch den Hashtag #csedigital . Via Zoom und Skype sprachen Expert*innen im Lauf des Wochenendes über u.a. Förderung marginalisierter Stimmen durch den GINCO-Award, Klein- und Großverlage in Zeiten von Corona, queere und kollaborative Cartoon-Projekte und – ein Dreiergespräch mit viel Biss und Schwung – feministische Comics. Auch die Diskussionsrunde „Comics gegen Rechts“ machte Expertise, Engagement und Leidenschaft sichtbar.

.

.

Sehenswerte kurze Videos über Arbeitsprozesse, Poetik und künstlerisches Handwerk sammelt der Instagram-Account „Art & Zines & Comics“, @artzicomics. Während die Kamera den Zeichentisch filmt, sprechen Barbara Yelin, Nino Paula Bulling und Nando von Arb über Umwege, Entscheidungen, Kreativität. Neben vielen Lesungen von Kindercomics (einzelne Bilder werden abgefilmt, vergrößert und zum Teil animiert; verstellte Stimmen arbeiten die Sprechblasen ab) machten mir vor allem drei „Comic-Lesungen“ und -Werkschauen Lust auf mehr:

.

Der Dokumentarcomic „Bruchlinien“ über die Morde und den Prozess gegen den NSU (Anne König, Nino Paula Bulling), die 600seitige Alltags-Graphic-Novel „Bei mir zuhause“ (Paulina Stulin) und der Kinder-Comic „Pimo & Rex: The interdimensional Wedding“, in dem eine gleichgeschlechtliche Hochzeit in einer Fantasy-Welt charmant alltäglich aus dem Ruder läuft (Thomas Wellmann, ab Minute 8).

.

.

Zum Schluss zwei sperrige Empfehlungen: David Füleki, Kleinverleger und Manga-Künstler aus dem Erzgebirge, spricht in einem flapsigen 2-Stunden-Podcast mit u.a. Künstlerin Lisa Rau über die deutsche Fan- und Messe-Szene und palavert sich charmant um Kopf und Kragen („Dann dachten alle, ich wollte eine Messe namens ‚Corona-Con‘ organisieren!“). Dass 2020 kein Comic-Salon in Erlangen stattfindet, trifft Füleki auch, weil „in Erlangen die Comic-Kultur besonders hochgehalten wird.“

Fürs Gastland Kanada spricht Journalist Lars von Törne mit SETH, einem Illustrator und Comickünstler Ende 50, der pointiert konservativ, knöchern, trocken auftritt. Erst nach der Hälfte des fast einstündigen Gesprächs wurde mir klar, mit welcher Begeisterung hier ein Ausnahmekünstler über seine Lebenswerke spricht – unter anderem über eine ganze fiktive Stadt, die er in Papp- und Karton-Modellen erbaut:

.

.

Trotz aller Euphorie, Idealismus und viel Solidarität sehe ich es als wichtiges Zeichen, dass Birte Förster direkt vor dem Comic-Salon im Tagesspiegel eine große Recherche veröffentlichte, in der Betroffene von sexueller Gewalt und Rassismen über die strukturelle Gewalt berichten, die ihnen in der deutschsprachigen Comic-Szene begegnete: „Ich dachte, ich darf das“.

.

#FridaysForFuture als Dystopie: Lukas Jüligers Comic „Unfollow“

Jüliger Unfollow

.

Bei Deutschlandfunk Kultur stelle ich ca. fünfmal im Jahr Comics vor – zuletzt Lukas Jüligers „Unfollow“. Im Link: ein 5-Minuten-Gespräch mit mir, zum Nachhören.

Im Blog: eine Kurzrezension.

.

Hipster gegen Greta Thunberg

Lukas Jüligers perfider Comic „Unfollow“ stellt Netz- und Öko-Utopien auf den Kopf

.

Elegant, detailverliebt, dräuend, hyper-stimmungsvoll: Lukas Jüliger, geboren 1988, gilt seit dem surrealen Debüt-Comic „Vakuum“ (2013, Empfehlung!) als Künstler, dessen Bild- und Erzählwelten als extra-frisch, smooth, zeitgemäß, entstaubt auffallen wollen.

Bei Jüliger wird gestreamt, gecodet. Verhashtagt! Und keine einzige der smart frisierten, hohläugig-kindlichen Figuren würde rufen: „Smooth? Hashtag? Sprachverfall! Geht das nicht besser in einer Sprache, wie sie vor 60 Jahren gesprochen wurde?“ Jüliger macht Comics fürs Jetzt, in denen Technik, Outfits, Architektur und Themen erkennbar modisch, gegenwärtig Eindruck machen. I like!

Als dunkle Utopie (oder cozy Dystopie?) fragt „Unfollow“ nach Visionen, Protest, Nachhaltigkeit, Macht… und nach der Vorbildfunktion von Bloggerinnen, Influencern: Können Youtube-Tutorials die Welt ändern? Retten? In einem Waisenhaus findet ein Junge, der sich „Earthboi“ nennt, eine erste Gefolgschaft. Seine Fans erzählen als recht gesichtsloses, kollektives „Wir“ auf 160 Seiten ohne Sprechblasen, in oft religiöser, salbungsvoll-satirischer Sprache vom Aufstieg und dem (schlimmen?) Ende einer globalen Öko- und Jugendbewegung. Earthboi züchtet Pilze und Sporen. Teilt Smoothie-Rezepte und Umwelt-Hacks. Wird als Selbstversorger zur messianischen Figur und versucht, die Menschheit zu lehren, wieder in Einklang mit der Natur zu leben.

Ist „Unfollow“ wirklich modern, gegenwärtig – oder doch vor allem eine satirische Überspitzung von allem, was Greenwashing- und Lifestyle-Kitsch-Kampagnen „modern“ verkaufen? Würde dem Comic das Ende fehlen, ich wäre fasziniert und eingenommen. Denn die abgeschmackten, ekelhaft phraselnden Worte von Earthbois Followern scheinen zunehmend ironisch gemeint. Wie „rebellisch“, innovativ soll ich eine Figur finden, die via Instagram empfiehlt „Geht in den Wald, riecht an Tieren und findet euer Spirit Animal“? Warum wird über die einzige (schnarchbanale) Frauenrolle geredet, wie sexistische Beatles-Fans vor 50 Jahren über Yoko Ono schimpften? „Die Verbindung zu Yuu nahm Earthbois ganzes Bewusstsein ein“, „Es war unerträglich“, „Ihre Liebe hatte seinen Geist geöffnet und zugleich eingesperrt“.

Die feinen Bleistiftzeichnungen, die liebevolle Ausstattung, die großen, stilsicheren Panels (meist dominiert ein einzige Grundfarbe, seitenlang) lassen mich staunen. Der Plot aber wird fast gehässig plump, eindimensional: eine zynische Sackgasse. Earthboi hat eine App, die maßlos erfolgreich wird. Doch er hat keine Antworten darauf, wie die Menschheit überleben kann, ohne, den Planeten auszubeuten: Je klarer wird, dass die Figur keine Lösung bietet, desto mehr fällt auf, wie viele ähnliche Geschichten schon seit Jahrzehnten in ähnlichen Bildern ähnlich eskalierten. Die Hippie-Kommune aus Alex Garlands „The Beach“, Tyler Durdens toxischer „Fight Club“-Nihilismus, Fortschritt-gegen-Ursprünglichkeits-Zwickmühlen wie aus „Prinzessin Mononoke“.

Earthboi selbst ist keine Person, sondern Beobachter und Projektionsfläche – die hipstergewordene Natur. Die Pointe, der müde Seufzer am Ende von „Unfollow“ („Oder muss die ganze Menschheit überwunden werden?“) wurde schon zigmal mit Aliens („Der Mann, der vom Himmel fiel“), künstlichen Intelligenzen („her“) und Nicole Kidman („Dogville“) durchgespielt. Nur wenig, das sich solche Mühen gibt, neu zu wirken, erinnert mich am Ende an so viel altes Zeug! Und während all der Zeit, als Greta Thunberg viel komplexere globale Dialoge, Politik los trat, saß Jüliger leider schon an finalen Zeichnungen: „Unfollow“ nahm Öko-Netz-Jugend-Bewegungen zwar vorweg. Doch leider, bei aller gewollten Trendiness: viel flacher, leerer, gestriger. Ein grantiger Comic – stilvoll, aber witzlos.

Lukas Jüliger: „Unfollow“

„Avengers: Endgame“: Fragen, Kritik, Probleme

.

Seit „Iron Man“ (2008) erzählen 22 Marvel-Kinofilme (und, eher nebensächlich: eine Handvoll TV-Serien, u.a. auf Netflix) eine große, oft zusammenhängende Geschichte. Viele der bekanntesten und/oder mächtigsten Helden (und, weniger: Heldinnen) sind Teil des Teams „The Avengers“.

Der Kinofilm „The Avengers“ (2012) bringt Figuren zusammen, die auch jeweils eigene Kinofilme hatten:

  • Captain America (bisher 3 Filme)
  • Iron Man (bisher 3 Filme)
  • Thor (bisher 3 Filme)
  • Hulk (ein nebensächlicher Film mit ganz anderer Besetzung)

…sowie Hawkeye (kriegt eine eigene TV-Serie) und, als anfangs einzige Frau, Black Widow (Kinofilm geplant).

Die meisten Verträge dieser sechs Schauspieler laufen 2019 aus.

Deshalb gab es, nach den Avengers-Filmen „The Avengers“ (12) und „Age of Ultron“ (15) jetzt, 2018 und 2019, einen Zweiteiler, der fast alle wichtigen Figuren aus den bisherigen 20 Filmen zusammen führt, im Kampf gegen den außerirdischen Thanos, der sechs mächtige Steine/Kristalle sucht und mit ihrer Macht die Hälfte des Lebens im gesamten Universum auslöschen will (…wegen Ressourcenknappheit, Überbevölkerung und den „Grenzen des Wachstums, es reicht nicht für alle“-Erfahrungen seiner Heimatwelt, Titan.)

.

Im Film „Avengers: Infinity War“ (2018) sammelt er alle 6 Steine, schnippt mit den Fingern und löscht die Hälfte alles Lebens aus. „Infinity War“ war ein rasanter, recht einstiegsfreundlicher Non-Stop-Kampf, den ich gern sah & empfehle: Ein Film über die Vielfalt und die Schrullen, Kräfte, Eigenheiten und das Mit- und Gegeneinander der vielen, vielen in vorigen Filmen etablierten Marvel-Figuren. Man muss nicht alle Figuren kennen: „Infinity War“ zieht schnell rein und zeigt: „Das ‘Marvel Cinematic Universe’, MCU, ist farbenfroh, dramatisch und hat viel schönes Pathos.“

Die direkte Fortsetzung, „Avengers: Endgame“, wird so heiß erwartet, weil:

  • Hier alles zusammen laufen soll.
  • Vieles enden wird: Welche Schauspieler*innen steigen aus? Welche Held*innen verschwinden oder sterben?
  • Der Film im Vorfeld mit einem Staffel- oder Serienfinale verglichen wurde: ein 22teiliges, komplexes, extrem erfolgeiches Erzähluniversum will für viele Figuren einen wichtigen Schlusspunkt setzen.

7 der 21 erfolgreichsten Kinofilme seit 2010 sind MCU-Filme.

Auch „Endgame“ wird erfolgreich sein. Die Frage bei ALLEN aktuellen Marvel-Filmen aber ist: erfolgreich genug?

Sind die Filme…

  • einsteigerfeundlich? (Infinity War: ja! Endgame: auf keinen Fall.)
  • für sich alleinstehend gelungen? (Es geht: beide Filme sind sehr ‘in medias res’)
  • ein wichtiger Baustein der größeren MCU-Erzählung. (Besonders ‘Endgame’: Ja, und wie. Eine Belohnung für Fans: Je besser man sich an Details aus früheren Filmen erinnert und je näher man den Figuren steht, desto mitreißender, dichter und befriedigender ist dieser Film.)
  • zeitgemäß: Gibt es interessante Heldinnen, Figuren of Color, LGBTQ-Content usw.? (Nein. Heldin Black Widow hat eine große, Heldinnen Nebula und Gamora kleinere Rollen. Der Rest nur eine Handvoll Sätze und Momente; und ein sprechender Waschbär kriegt mehr Raum & Tiefe als alle Figuren of Color.)

.

.

Das für mich Wichtigste und Schönste an „Endgame“ ist, dass (wussten wir vorher) das „Marvel Cinematic Universe“ nicht enden wird. „Endgame“ ist NUR emotionaler Höhepunkt und großes Finale für das Miteinander der sechs Original-Avengers: Zwei sterben den Heldentod, einer ist am Ende des Films durch eine Zeitreise verändert, die anderen drei könnten in zukünftigen „Avengers“-Filmen mühelos große Rollen spielen.

Das heißt auch: Nach 22 Filmen gibt es jetzt eine Art Machtvakuum: mehr Platz auf der Bühne. In den Comics passiert oft, dass eine Figur stirbt oder sich verändert und eine neue Figur die alte Heldenrolle übernimmt. Solche „Erben“ sind oft Frauen oder Figuren of Color, und „Endgame“ z.B. macht einen Schwarzen, Sam Wilson, zum offiziellen Nachfolger Captain Americas. (War auch in den Comic-Vorlagen so.)

Ich hatte gehofft, dass sich „Endgame“ mehr Zeit nimmt, solche Nachfolge-Figuren, „Legacy Characters“, zu positionieren: auch in den folgenden Jahren werden jährlich zwei bis drei Marvel-Kinofilme starten. Ob das Heldenteam „The Avengers“, bisher das Zentrum des MCU, weiter besteht, bleibt offen. Erstmal aber, wie gesagt: eine freiere Bühne.

Toll an „Endgame“ ist, dass die ganze Geschichte, das Mosaik aus 22 Filmen, ein wirklich stimmiges Finale bekommt: Das Experiment „Wollen Menschen die selben 40+ Figuren 12 Jahre lang in lose verknüpften Kinofilmen verfolgen: Lohnt sich das? Macht das Spaß?“ ist mit diesem Film, finde ich, tatsächlich voll geglückt.

Nur, wie gesagt: Während ich „Infinity War“ wirklich auch Neueinsteiger*innen empfehlen kann, weil man dort mit viel Tempo schräge Figuren, Duos und Kleingruppen kämpfen sieht (das macht auch noch Spaß, wenn man viele nicht kennt: Durch ihre Art, zu kämpfen und zu streiten, erklären sich diese Figuren recht gut)…

…ist der 3 Stunden lange „Endgame“ (u.a. durch eine ca. eine Stunde lange Zeitreise, in der u.a. Szenen aus den Filmen „Thor 2“, „The Avengers“ und „Captain America 2“ direkt zitiert und auf den Kopf gestellt werden; sowie durch viele Dialoge über früher, frühere Partnerschaften, verstorbene Familienmitglieder etc.) wirklich ein Film für Fans, ein Grande Finale, das man besser findet, je mehr andere, frühere Filme man kennt. Fragen wie „Wer ist wem wichtig, und warum?“ sind zentral, sowie „Was macht ein gutes Leben aus?“ und „Welche Sorte Bürger/Held will ich sein?“. Die Antworten, die Figuren jeweils wählen, erschließen sich VIEL besser, wenn man die Figuren schon möglichst gut kennt.

Wermutstropfen?

  • Einzelne Szenen (Kämpfe, Heldentode, Schlachten) sind klischeehaft und wurden schon in 10+ vorigen Marvel-Filmen ähnlich erzählt.
  • Die beiden erfolgreichsten und frischesten MCU-Figuren der letzten Jahre, Heldin Captain Marvel und König/Held Black Panther, spielen kaum eine Rolle.
  • Wie fast immer bei Marvel kriegen recht dümmliche und naive Figuren (hier: Ant-Man) viel Raum, tölpelhaft zu sein, im Stil von 80er-Jahre-Komödien. Unreife Jungs, erzählerisch langweilig. (In „Infinity War“ wars Peter Quill – der dort aber interessante Entscheidungen treffen musste. In „Endgame“ nimmt Ant-Man ermüdend viel Platz ein; auch Thor langweilt.)

Lange, akkurate Zusammenfassung (und interessante Kommentare): Link, Reddit

.

.

01__Länge? 181 Minuten. Trotzdem keine Längen: gutes Tempo/Dichte, passt. („Titanic“: 195 Minuten).

02_“Okay. Hold on, don’t shoot“, die erste Dialogzeile im Film, bedeutet nichts Tieferes, oder?

03_Schade, dass das Mädchen, mit dem Hawkeye am Bogen trainiert, „nur“ seine Tochter ist – nicht, wie nach dem „Endgame“-Trailer viele hofften, Kate Bishop: Clints junge Nachfolgerin-dann-gleichberechtigte-Kollegin aus den „Hawkeye“-Comics.

04_“Endgame“ will als Abschluss verstanden werden: Wie das Ende (oder, mindestens: Staffel-Finale) einer Serie. Der Film setzt einen schönen (vorläufigen) Schlussakkord. Aber, wirklich: Es ist kein Ende des MCU. Kein Ende der Avengers. Nichtmal ein Ende für die sechs zentralen Figuren. Sonern einfach: ein Finale fürs Miteinander dieser 6 Leute. Das einzige, das wir vermutlich nie wieder sehen, in den nächsten 22 Filmen, sind Cap, Thor, Tony, Natasha, Bruce und Clint, zusammen, routiniert.

05_Ich mag, wie viele Dialoge es gibt… und wie tief sie schneiden, wie oft, viel und detailliert Figuren-Historie und Vorgeschichte Thema ist in diesem Film: Momente, die sich die Figuren in JAHREN Vorgeschichte, Vorbereitung verdienten.

06_Befreiend und überraschend, dass „Endgame“ nicht v.a. von Thanos handelt. Thanos war (in Sachen Screentime) Mittelpunkt und Hauptfigur von „Infinity War“ und hatte noch viel Raum für Wachstum, Tiefe. Schön aber, dass er „Endgame“ nicht dominiert.

07_Ich war in der Hamburger Pressevorführung (Dienstag, 23. April, 9 Uhr morgens): etwa 60 Journalist*innen, fast alle weiß, fast alle Männer zwischen 25 bis 40. Viele trugen Fan-Shirts, Fan-Rucksäcke etc. Ich bin immer traurig, wenn ich bei Heldenfilmen v.a Männer im Publikum sehe und einzwei Paare. Fühlen sich Frauen (zu Recht) nicht angesprochen/repräsentiert?

08_Mein Verdacht, vor „Endgame“: Dass es besonders um Tony & Steve gehen wird und, dass, falls beide sterben, die Tode verschieden genug sein müssen, dass sie sich nicht überschneiden. Ich dachte, einer stirbt (Cap?) und einer endet anderswo (im All, oder z.B. als A.I.). Dass Natasha stirbt, hätte ich nie erwartet.

09_Wer alle sieben Dragonballs findet, hat einen Wunsch frei. Ist er erfüllt, versteinern die Dragonballs, zerstreuen sich in alle Winde und müssen neu gefunden werden. Der grundlegende „Endgame“-Plot ist super-ähnlich: „Thanos hat geschnippt, jetzt müssen wir alle Steine neu finden, um selbst schnippen zu können.“

10_Guter Fan-Slang für „Thanos schnippt die Finger“ (snap) und lässt, wie beim Jüngsten Gericht (rapture) einen Teil der Lebenden verschwinden: „Snapture“!

.

.

11_Auch im „Infinity Gauntlet“-Comic (1991) löscht Thanos die Hälfte alles Lebens aus… dort aber, weil er sich in den Tod persönlich verliebte (Tod = eine Gruftie-Diva, die Zeichner George Perez GENAU SO inszeniert wie Raven in den 80er-Jahre-“Teen Titans“-Comics, die er zuvor zeichnete). „Ressourcenknappheit“ wurde u.a. durch die „Die Grenzen des Wachstums“-Studie des „Club of Rome“ globales Thema: 1972. Obwohl „Kann das für alle reichen?“ also schon recht lange gefragt wird, finde ich das als Thanos’ Motivation zeitgemäßer und interessanter als „Ich liebe den Tod“.

12_Im Comic „Y: The Last Man“ sterben alle Männer (nein: alle Menschen mit Y-Chromosom, also die meisten cis Männer und trans Frauen) an einem Virus. Die Welt verändert das extrem. „The Leftovers“ (flauer Roman; doch TV-Serie mit euphorischen Kritiken) zeigt eine Welt, in der 2 Prozent der Weltbevölkerung plötzlich verschwanden. Auch dort ist alles grundsätzlich aus den Fugen.

13_Ich hätte SO gern eine Montage in „Endgame“ gesehen, die überraschende globale Folgen der „Snapture“ zeigt: soziale, biologische, kulturelle, religiöse. In der Comic-Vorlage verschwindet auch die Hälfte aller TIERE. Wie ändert das z.B. Viehzucht und Ökosysteme? [TV Tropes sagt, als Hulk schnippt, sieht Scott Lang Vögel: „The original snap got rid half of all life including animals, and Scott could see the restored birds coming down onto the tree.“]

14_Wer sind die unbestreitbaren Hauptfiguren dieses Films? Die ersten sechs Avengers. Es spricht *sehr* für das MCU und die vielen neueren Figuren, dass ich, als Thanos schnippte und immer mehr Figuren zu Staub zerfielen, dachte „Oha: Das hat ja echt auch sehr, sehr zentrale Figuren erwischt.“ Dass es die sechs zentralsten Figuren aussparte, fiel mir erst beim Listen-Durchsehen auf, später. Denn klar sind für mich Figuren wie Peter Parker, T’Challa und Stephen Strange super-zentral. Gute Arbeit!

15_Sympathisch, dass sich Tony und Nebula kurz nach Thanos‘ Schnippen die Zeit mit einem Spiel vertreiben, bei dem man… Spielfiguren schnippt!

16_Immer wieder klagt jemand, im MCU fehlen interessante Gegner/Villains. Das beinahe ERSTE, das wir im „Infinity Gauntlet“-Comic (1991) sehen, nachdem Thanos schnippte: Bösewicht Doctor Doom – gekränkt und wütend. Ich war mir sicher, dass „Endgame“ einen Avengers-Einsatz oder -Kampf zeigen würde, kurz nach dem Verschwinden der halben Menschheit… und einen Bösewicht, der das Machtvakuum zu einem „Power Grab“ nutzt. Stattdessen fällt mir nicht mal *ein* MCU-Bösewicht ein, der noch am Leben ist und eine Gefahr darstellt.

17_Ich bin 36 – und merke, wie absurd wichtig der Generation meiner Eltern Gartenarbeit, Gartenpflege, „Mein schöner Garten“-Abos etc. sind: Dass Thanos (mächtig, patriarchal, hält alle für unreif und unerfahren) sich auf „my Veranda“ zurückziehen will und sich auf ein Leben voller Gartenarbeit freut, passt hier, glaube ich, sehr gut: #altersfrage #generationenkonflikt

18_Doch dass Pepper Potts (Firmenchefin, Superheldin) Bücher übers Kompostieren liest, über die sich Tony lustig macht, nervt mich – so gut es auch zum Öko- und Achtsamkeits-Image von Schauspielerin Gwyneth Paltrow passt.

19_Heft 1 von „The Infinity Gauntlet“ fragt über Thanos: „Or will his fragile heart be his undoing?“ Ich war gespannt, welche Charakterschwäche oder Hybris Thanos zu Fall bringt. Doch bin froh, dass „Endgame“ die Zeit für anderes nutzt.

20_Ich dachte, sobald ich „Five Years Later“ las: Ich sehe jetzt einen Drei-Stunden-Film über Leerstellen, Verlust, Trauer. Stattdessen wurde der Zeitreise-Plot schnell zu einer schwungvollen, lockeren Zitate- und Easter-Egg-Suche für Fans. Schön, dass SO viele widersprüchliche Töne, Aspekte, Stimmungen ins MCU passen. Doch schade, wie brachial, plump und nervös Humor DAUERND als Gegengewicht oder Überzuckerung in MCU-Momenten auftaucht, die… gar keinen Humor/Zucker brauchen.

.

.

21_Der Plot von „Endgame“? Thanos heute (später: Thanos von 2014) und die Avengers kämpfen um einen großen Reset-Knopf. Ich bin froh, wie behutsam dieser Knopf am Ende gedrückt wird und, dass fast alles, was in vorigen Filmen geschah, weiterhin so erinnert werden kann / noch in Continuity ist. [Die DC-Heftreihen versuchen 2011 etwas ähnliches, durch Flashs Zeitreise in „Flashpoint“. Das Ergebnis: Ich weiß bei heute von vielen DC-Lieblingsfiguren nicht, was weiterhin zu ihrer Vergangenheit gehört… und was sich geändert haben muss, doch nie genau neu auserzählt wurde. Uff!]

22_“Etwa 80 Prozent“ von „Thor 3“ wurden improvisiert. Auch in „Infinity War“ gab es Spider-Man-, Doctor-Strange- und Guardians-Momente, die mir improvisiert schienen. In „Endgame“ aber würde mich das überraschen: Fast alle Dialoge wirken zwingend, dringlich und so, als zählt die exakte Wortwahl. Kein spontaner oder verspielter Film!

23_In vielen MCU-Filmen nervt Product Placement. Dieses Mal fiel mir nur eins auf: Audi – plump und penetrant.

24_Der Film beginnt mit einem Rock-Klassiker, den ich nicht namentlich erkannte… und endet mit einem Swing-Standard (40er?), den ich nicht kenne. Googelt gern, ob die Songs tiefere Aussagen haben oder Subtexte aufmachen. Ich finde, allen MCU-Soundtracks und -Original Scores fehlt Charakter. Solide – und schnell vergessen.

25_Scott Lang beschreibt den Zeitreise-Plan als „Time Heist“. „Heist Movies“ sind z.B. die Gangster- und Ganoven-Klassiker, die „Ocean’s Eleven“ aufgriff: Filme, in denen ein Team einen komplexen Plan spinnt, etwas zu stehlen und alle zu täuschen. Ich sah die beiden „Ant-Man“-Filme noch nicht – doch auch sie werden als „Heist Movies“ beschrieben. Kennt man das Wort im Deutschen – oder sagen wir noch 20 Jahre lang „Sowas wie ‚Ocean’s Eleven'“?

26_Wir sehen durch Scott Langs Augen […viel zu wenig davon], wie Thanos’ Snapture die Welt änderte. TV-Pilotfilme haben oft eine neue oder außenstehende Figur, durch deren Augen man z.B. ein Polizeirevier, ein Milieu oder einen Freundeskreis kennen lernt. Als Newcomer und Viewpoint Character macht Lang zwar viele Szenen zu Beginn des Films einfacher… doch mich deprimiert, wie trottelhaft, übereifrig etc. er inszeniert wird: Ich muss nicht alle drei Szenen einen totalen Trottel sehen. (Wie gesagt: In „Infinity War“ war Peter Quill der eher-störende-als-witzige Ignorant. In „Endgame“ sind es Scott Lang und (schade!) Thor.)

27_Die „Star Trek“-Folge „The Trouble with Tribbles“ macht Spaß. Nachfolger „Deep Space Nine“ nahm sich fast 30 Jahre später das Filmmaterial und fügte die eigenen, neuen Figuren ein: Die DS9-Helden machten eine Zeitreise und mussten, parallel zur Handlung von „Trouble with Tribbles“, ein eigenes Problem lösen – ohne, aufzufallen oder die Vergangenheit zu beeinflussen. Ich liebe die Folge und das Konzept. Doch dass ich aus „Infinity War“ (allergrößte Oper, Pathos!) zu „Scott Lang & Kumpels spielen ‘Trials and Tribble-ations’ mit alten, vorigen MCU-Filmen“ …schlitterte ist für mich… doch: ein Schlittern. Kein „Wow! Diese Filmreihe weiß, was sie tut!“

28_[Produzent] Kevin Feige mentioned that the Grand Finale of Star Trek: The Next Generation („All Good Things…“), which prominently featured characters jumping through time, was a key influence on „Endgame“. [Quelle]

29_Ich glaube jetzt, nach „Endgame“, alle MCU-Regisseure etc. verstehen Tony Stark als Hauptfigur des gesamten MCU. Kann man so sehen – doch dann hätte mir weitere „Iron Man“-Filme nach 2013 gewünscht: Tony redet zwar viel. Doch gewann für mich in den letzten Filmen, besonders in „Ultron“ und „Civil War“,nicht genug weitere Tiefe.

30_Spannend, wie dieser Artikel [Link] über die schrägen/interessanten/überraschenden Duos, Trios, Gruppen in „Infinity War“ direkt sagt: „Doctor Strange wird neben Tony gesetzt, damit TONY sich als Figur entwickelt.“ Ich halte Tony für so klar, konturiert, dass ich die Szenen nicht als Tonys Szenen las. Sondern als: ‚Schaut. Hier erklären wir, warum Stephen Strange kein bloßer Tony-Abklatsch ist.“

.

.

31_Weil das MCU offenbar viele witzige Trottel braucht, doch fast jeder MCU-Einzelfilm so wenige Frauenrollen hat, dass eine Trottel-FRAU als frauenfeindliches Klischee verstanden würde, sind die MCU-Frauen generell VIEL kompetenter und weiser als die MCU-Männer. Das heißt auch: Fast jede Szene in „Endgame“, in der ein Mann länger mit einer Frau spricht, zeigt mir einen schönen „Yeah! Mit SO einer deutlich schlaueren Frau wäre ich auch gern befreundet!“-Moment. Frigga und The Ancient One (Tilda Swinton) kommen deutlich schlauer rüber als ihre männlichen Dialogpartner. Nur Clint und Natasha sind, finde ich, auf Augenhöhe.

32_Meine Mutter sah nur „Iron Man 3“ und „Black Panther“. Sie mochte beide Filme… und sagte über die Gespräche zwischen Tony und Pepper, sie hätte sich alles viel martialischer vorgestellt. „Aber dass du Figuren magst, die SOLCHE tollen Gespräche führen. Das passt ja doch!“ Ich glaube, sie würde gern ne Serie sehen, in der sich Tilda Swinton und Mark Ruffalo 8 Stunden unterhalten. Schön, dass sowas zwischen all den Knalleffekten Raum kriegt, in „Endgame“.

33_Trotzdem hatte Bruce Banner (Hulk) im Film wenig zu tun und, im Rückblick, seit „Age of Ultron“ auch keinen richtigen Arc / Charakterbogen: Ich hätte gern gesehen, wie (genau, konkret!) Bruce es schafft, mit Hulk auf einen… grünen Zweig zu kommen.

34_Fans rätseln noch, ob die kurzen Szenen mit Jane Foster neu gefilmt wurden… oder Material aus dem „Thor 2“-Dreh sind. Natalie Portman (Jane) hatte keine Lust mehr, in weiteren Filmen mitzuspielen, als Regisseurin Patty Jenkins (später: „Wonder Woman“) aus „Thor 2“ ausstieg.

35_Mir ist Jane Foster wichtig, weil sie in den Comics Thors Hammer übernimmt für einige Jahre: Wie toll wären „Thor“-Filme mit Portman als Mittelpunkt?

36_Ich denke oft: Als TV-Serie(n), mit 10+ Stunden Figuren- und Dialogzeit pro Jahr, hätte ich mehr Spaß mit dem MCU. Über eine Figur wie Sharon Carter – die ich bisher in drei Filmen zusammengenommen ca. 11 Minuten sah – weiß ich im Grunde nichts. Besonders, sobald ich Wissen, das ich nur durch ihre Comic-Vorlage habe, ausklammere: WER ist Bucky? Für mich sind das Chiffren, Phantome, fast leere Flächen, die sich oft auch von Film zu Film extrem ändern. Wie kann man Fan einer solchen… Skizze, Vorläufigkeit sein? Ich sah „Ultron“ erst vor Kurzem. Davor wusste ich nichts darüber, dass Bruce und Natasha (die ich beide in späteren Filmen oft sah) über ein gemeinsames Leben nachdachten. Oder, wer Natasha eigentlich tiefer ist, sein will, früher war.

37_“Ultron“ erklärte, dass alle Agentinnen/Assassins, die wie Black Widow im „Red Room“ ausgebildet wurden, sterilisiert wurden. Für Clints Familie war Black Widow „Tante Natasha“, und dass ihr Clints‘ Verlust nahe geht, ist in „Endgame“ deutlich. Schade aber, dass sie zwar SAGT, sie gehe im Job auf (und: ihr Job sei ihre Familie), doch fünf Jahre lang weder a) Clints Alleingänge aufhalten kann noch b) besonders effizient und beherzt und „Ich habe einen Plan, wie alles gut wird“ rüber kommt. Die mutigen Pläne schmieden die Männer. Natasha heult, allein am Schreibtisch.

38_Die freudlose, langweilige, brutale und optisch klischeehafte Szene in Tokyo, in der Clint einen Yakuza-Gangster tötet, nervt mich besonders, weil Natasha offenbar eingreifen und den Tod hätte verhindern können. Mein Lieblingsheld ist Superman („No one dies today“), auch vor Batmans „Ich nutze keine Schusswaffen“ habe ich großen Respekt. Wie leichtfertig Held*innen im MCU DAUERND töten, macht mich müde und stößt mich ab.

39_Als Hawkeye in den Comics stirbt, taucht später eine Vigilanten-Figur auf: Ronin. Lange steht in Frage, ob Hawkeye Ronin ist (jein). Ich finde anstrengend, wie schnell Fans bei „Endgame“ schreiben: „Hawkeye ist jetzt Ronin“ oder „Statt Hawkeye geht es jetzt um Ronin“ – weil Clint für zwei (?) Szenen mehr Vigilant, Einzelkämpfer, Mörder ist als Held, und sein aktuelles MCU-Kostüm dem Ronin-Kostüm der Comics ähnlich wird.

40_Der dystopische (mittelprächtige, aber sehr beliebte) Comic „Old Man Logan“ zeigt Wolverine als alten Mann in einer postapokalyptischen „Mad Max“-Zukunft. Hawkeye wird, ebenso gealtert, zum besten Freund. 2019 startete die Comicreihe „Old Man Hawkeye“. Sie hat überraschend gute Kritiken. Jetzt, nach Jeremy Renners Leistung in „Endgame“, habe ich zum ersten Mal Lust auf das Konzept.

.

.

41_Dass ich, obwohl ich jeweils alle Filme beider Figuren sah, nicht sagen könnte, was Falcon und Rhodey charakterlich unterscheidet, ist ein RIESENproblem.

42_Jemand (Black Widow, in der Erdnussbutter-Sandwich-Szene?) liest J.G. Ballards SciFi-Kurzgeschichtensammlung „Terminal Beach“ (1964). Als Carol in „Captain Marvel“ bei Blockbuster die VHS zum Astronauten-Drama „The Right Stuff“ musterte, passte das gut. Ob „Endgame“ Parallelen hat zu Ballards Geschichten, weiß ich nicht.

43_Was tat Carol / Captain Marvel im All? Sich um zahllose Welten kümmern, die, als die Hälfte ihrer Bevölkerung verschwindet, “die selben Probleme haben wie wir auf der Erde“. Eine einzige und recht nichtsagende Zeile, die a) nicht erklärt, warum sie von 1995 bis jetzt nie zurück zur Erde kam und b) besser funktionieren würde, wenn „Endgame“ zeigen würde, WELCHE Probleme eine Erde hat, der die halbe Bevölkerung fehlt: In Scott Langs Nachbarschaft sind viele Häuser zugewachsen und Mülltüten stapeln sich am Straßenrand. Das ist alles?

44_Auch, warum Carol nicht sichtbar altert, wird in „Endgame“ nicht klar. Oder, was aus den Skrulls wurde.

45_2007 übersprangen alle DC-Heftreihen ein Jahr: „One Year Later“. Umzüge, neue Heldennamen, Schwangerschaften, ein veränderter Status Quo für alle. Die Aktion war durchwachsen – weil viele Veränderungen Monat für Monat erzählt spannender gewesen wären statt des plötzlichen „Schaut! ALLES ist anders.“ Das „Wie wurde es anders?“ wurde oft nur angerissen. „Five Years Later“ wirft diese Probleme fünf Mal so schlimm auf, in einem Film, der noch siebzehn andere Dinge erzählen will. Mir gibt der Sprung nichts, und mich gruselt davor, was er z.B. für den nächsten „Spider-Man“-Film, „Far from Home“ bedeutet: Hat Peter Parker, als Opfer Thanos’, tatsächlich grade fünf Jahre verloren? Sind viele seiner Bezugspersonen und Mitschüler*innen jetzt fünf Jahre älter und dachten, sie sähen Peter nie wieder?

46_Verstehe ich das richtig? Durch Hulks Snap sind alle durch Thanos verschwundenen Lebewesen wieder genau dort, wo sie vor fünf Jahren waren? Was ist mit den zurückgelassenen Menschen, die seitdem z.B. neu geheiratet haben? (Aber: Zivilist*innen, einfache Menschen sind im MCU eh egal meistens: Alles wird anhand von Held*innen und ihrer nahsten Umwelt erzählt.)

47_Was ist mit Leuten, die verstarben, als/weil plötzlich die halbe Weltbevölkerung fehlte, z.B. durch Flugzeugabstürze? Die snappte Hulk nicht zurück, und auch nicht Leute, die im Lauf der letzten fünf Jahre starben, mittendrin?

48_Alle Netflix-Serien mit Marvel-Figuren wurden 2019 plötzlich beendet oder abgesetzt. Ich hoffe, z.B. „Jessica Jones“ erhält eine zweite Chance auf der neuen Plattform Disney+; doch nach „Endgame“ verstehe ich besser, wie paradox Alltag im MCU plötzlich wurde, durch diesen „Die Welt drehte sich fünf Jahre lang weiter und die Hälfte der Menschheit lebte dort; doch die andere Hälfte kehrt JETZT zurück und ist auf dem Stand von vor fünf Jahren“-Sprung: Was heißt das für Serien, die weiter produziert werden, „Cloak & Dagger“, „Agents of SHIELD“, „Runaways“?

49_Ich verstehe nicht, wie Thor auf Zeitreise 2013 den Hammer rufen und mit in die Gegenwart nehmen kann, ohne, damit alles zu ändern.

50_Gut, dass Loki den Tesserakt in der neuen Timeline 2014 nicht sofort nutzte. Gut, dass Hydra in der neuen Timelin 2014 nicht mehr Ärger machte etc.: Ich bin nicht sicher, ob ich die Regeln für Zeitreisen im MCU verstehe – doch ich glaube, wenn man sie versteht, wie man sie verstehen soll, kuckt man auf die Zeitreise-Szenen und denkt „Alles egal. Hauptsache, die Zeitreisenden sterben nicht. Sonst ist alles erlaubt, und nichts hat Konsequenzen.“ Verstehe ich das richtig?

.

.

51_Verstehe ich das richtig: Captain America hat die Infinity-Steine *und* Mjölnir zurück in die Vergangenheit gebracht? Thor hat nach „Endgame“ erneut keinen Hammer mehr? [Edit: TV Tropes sagt „ja“: „Mjolnir is on the time platform when Cap returns the stones, so he presumably took that back to Asgard too and restored the original history.“]

52_Reddit-User*innen, genervt: „They state that time travel doesn’t work like Back to the Future. Killing your past self doesn’t make your future self disappear. It’s all a stable time loop where this is what always happened.“ Heißt das, eine Reise in die Vergangenheit hat KEINE Konsequenzen?

53_Tonys höchstens fünfjährige Tochter sagt “I love you 3000“ [deutsche Synchro: „Ich liebe dich mal 3000“] – und ich rechne damit, dass das Nerdspeak für „Ich liebe dich sehr“ wird. Ich denke auch an Dragonballs [His power rank is] „Over 9000“: Menschen benutzen „Over 9000“ für „Ich reagiere übertrieben auf einen übertrieben hohen Wert“.

54_Schön, dass Tony Peter Parker mag. Bitter und klug, dass Tony glaubt, zwischen seiner leiblichen Tochter und „Ziehsohn“ (will er das nur? Oder sind sie echt schon so eng?) Peter wählen zu müssen. Schade, wie sich der Film da rausmogelt am Ende.

54_Ich sah „Spider Man: Homecoming“ noch nicht und sah deshalb die Begeisterung zwischen Tony und Peter bisher nur in „Civil War“ und „Infinity War“ (Stehen sich Tony und Tante May in „Homecoming“ nahe? Auf Tonys Beerdigung steht sie SEHR weit vorne). Wer Tonys Miteinander & Ton hier mag: „Squirrel Girl“ von Ryan North, besonders den aktuellen Sammelband 10, „Life is too short, Squirrel“. Große Empfehlung!

55_Bucky hat fast nichts zu tun im Film. Falcon auch. Loki bleibt vorerst tot. Ich bin erleichtert, zu wissen, dass es bald TV-Serien über diese Figuren geben wird. Wäre das, was „Endgame“ mit ihnen tut, alles für die nächsten Jahre… wärs viel zu wenig.

56_Figuren, die in „Endgame“ starben, BEVOR Thanos die Finger schnippte, bleiben tot. Das gilt für Loki und The Vision. Für beide aber sind TV-Serien geplant. Auch ein „Black Widow“-Film ist in Vorbereitung.

57_Dass Gamora zwar weiter im MCU bleibt, doch in ihrer 2014er-Version, und ihr (sehr bewegender) Tod in „Endgame“ nicht rückgängig gemacht wird, gefällt mir.

58_Wütende Fans auf Reddit, über z.B. Natashas Tod: „There’s just so much here that just seems so disrespectful to soo many characters in this entire franchise.“ Ich mag die meisten Figuren, doch ich LIEBE keine einzige und bin nicht besonders… protective. Schön, dass Hawkeye nochmal deutlich Raum kriegte. Schön, dass Pepper überhaupt vorkam. Schön, dass Wanda nie „irre“ oder „hysterisch“ gezeichnet wird. „Disrespectful“ fand ich nichts.

59_Verständlich, dass Sam Wilson, als er Caps Schild hält, sagt: „It feels like it belongs to someone else.“ Gut, dass Steve sofort widerspricht. Schade, dass trotzdem viele rassistische Fanboys sagen werden: „Nö, es gibt nur EINEN wahren Captain America“. Es ist, glaube ich, echt einfach egal, wie sehr man eine Figur, die kein weißer cis Mann ist, als kompetent und legitim beschreibt: Im halben Netz wird stehen, die Figur sei falsch, aufgepropft, unnötig.

60_Ich weiß nicht, wie lange politisch „neutrale“ Filme wie „Endgame“ noch darin funktionieren werden, Rechte UND Progressive anzusprechen: „Star Wars“ ist seit dem (progressiven, tollen) „The Last Jedi“ so umkämpft, dass Rechte und Comicgate-Männerrechtler sagen: „Das ist nicht mehr mein ‘Star Wars’“. „Endgame“ hat keine großen Momente, die Rechte als „Pandering“ und „linkgsgrünversifft“ und „Mary-Sue-haft“ und „Feminist Agenda-driven“ beschimpfen können: Es ist kein feministischer oder progressiver Film – doch eben auch kein aggressiv reaktionärer. Vielleicht werden in fünf Jahren Menschen sagen: „Nein. Entscheidet euch! Ich will konservative Figuren und deutliche Messages gegen Feminismus.“ bzw.: „Gähn. Keine Queerness, wenig Vielfalt, Frauen sind unterrepräsentiert. Ich bin raus!“

.

.

61_Vor der „Endgame“-Premiere stand die Frage im Raum, ob „Endgame“ z.B. die „Young Avengers“ einführt: Scott Langs Tochter, Loki als wiedergeborener Teen, Prodigy als Schüler aus/in Wakanda, Kate Bishop als Hawkeyes Nachfolgerin. Tatsächlich kommen in „Endgame“ zwar Teenager vor. Eine große „Schaut: Dieses heroische Mädchen, das zweimal durchs Bild läuft, heißt übrigens Kamala Khan“ etc.-Szene fehlt.

62_Der Film besteht den Bechdel-Test: Black Widow spricht kurz mit Okoye. Gamora und Nebula haben mehrere Dialoge. Doch in fast jeder Szene sind Männer in der Überzahl oder unter sich. Captain Marvel hat mit niemandem besonders tiefe oder interessante Gespräche; Maria Hill kommt fast nicht vor; falls Sharon Carter vorkam, erkannte ich sie nicht.

63_Im Endkampf stehen acht, zehn Heldinnen zufällig im selben Bereich des Schlachtfelds: ein Kamerabild, das als Poster und .gif hervorragend funktionieren wird. Als Momentaufnahme während des Kampfs, erzählerisch, ergibt dieses Frauen-Tableau keinen Sinn. Doch ich glaube, darum ging’s auch nie. Sondern um ein „Seht her! Auch ohne Black Widow STROTZT das MCU vor Frauen.“ Das stimmt halbwegs. Nur haben all diese Frauen immer noch zu wenig zu tun, zu wenig zu sagen, zu wenig Tiefe.

64_“Gozie Agbo“ ist das Pseudonym von Joe Russo, Co-Regisseur des Films. Er hat eine kleine Szene im Film als trauernder Mann in Caps Selbsthilfegruppe. Ich bin gesichtsblind und dachte erst: „Ah, das ist Mark Ruffalo.“

65_Die Szene ist wichtig, weil sie, glaube ich, das erste Mal in den MCU-Filmen (…anders als in den Netflix-Serien) Queerness direkt thematisiert: Hörte ich richtig, sagt der trauernde Mann, dass er ein Date hatte zum ersten Mal seit der Snapture und verwendet für den Date-Partner das Pronomen „he“. [Mit Pech verhörte ich mich, und er sagte nicht sowas wie „After years, I finally saw a date“ sondern „After years, I finally saw my DAD.“ aber… nein. Es ging doch um Dates?!]

66_Die Szene lässt sich leicht rausschneiden oder neu synchronisieren: Man müsste „er“ nur durch „sie“ ersetzen. Ich bin gespannt, in welchen Ländern die Szene bleibt, wie sie ist.

67_Valkyrie ist offiziell bisexuell – eine entsprechende Szene wurde aus „Thor 3“ gestrichen. Ihre Szenen in „Endgame“ verraten nichts über ihre Sexualität. Das selbe gilt für Drax und Mantis. Produzent Kevin Feige sagt, dass a) es bereits jetzt queere Figuren im MCU gibt (…Loki auch?), b) in kommenden Filmen neue folgen werden.

68_Hawkeye ist weiterhin (wie in „Ultron“ und „Civil War“) Mentor / Bezugsperson für Scarlet Witch, und fragt sich am Ende des Films, ob Natasha [trotz ihres Todes] wohl weiß, dass die Avengers gewonnen haben. Scarlet Witch: „She knows. They both know.“ Ich musste fast weinen, weil ich dachte: Wie schön, respetkvoll und stimmig, dass Scarlet Witch an ihren Zwillingsbruder denkt, Quicksilver. Nach ein paar Stunden aber dachte ich: Was, wenn sie Vision meint, ihren Liebhaber? Beides würde passen – doch diesen Satz SO offen und vage zu lassen, dass unklar ist, wen sie meint, halte ich für lieblos – und damit das Gegenteil dieser „Wie schön! Tote Figuren werden erinnert!“-Absicht: I honestly can’t tell if she means Vision or Pietro.

69_Immer wieder zeigen Marvel-Filme, wie Hauptfiguren den Abwasch machen. Auch hier wieder (Tony, bei sich daheim). Mich ärgert, wie gleich alle „Hier ist unser schönes Zuhause“-Landhäuser in „Ultron“ (Hawkeye), „Captain Marvel“ (Maria Rambeau) und „Infinity War“ (Tony) ausehen. Und mich ärgert, wie undurchdacht der Film erst Clints Idylle zerstört, dann Tony eine viel zu ähnliche Idylle gibt. (Ich verstehe die Spiegelung. Doch sie bleibt flach/einfältig.)

70_Viel Rocket Raccoon. Wenig Okoye, Black Panther, Carol Danvers. Doctor Strange und Peter Parker haben zwar einige Momente – die aber nichts verraten/zeigen, das nicht „Infinity War“ bereits besser erzählte. Auch Peter Quinn tut und sagt das selbe wie in „Infinity War“, nur gekürzt/weniger.

.

.

71_Thor sagt Valkyrie, sie sei bereit, New Asgard anzuführen. Ich mag die Figur durch „Thor 3“ und freue mich, dass Thor viel von ihr hält. Doch dass sie fünf Jahre lang nur in Norwegen saß und zusah, wie sich Thor betrinkt, spricht nicht für sie. Und: Nicht für einen Film, der in 5 Jahren erzählter Zeit praktisch *nichts* von Belang mit dem Großteil seiner Figuren wagt, durchdenkt, zeigt. Zum Vergleich: Was geschah in den fünf Jahren zwischen 2012 und 2017, im MCU?

72_Ich verstehe, dass Fans von „Thor 3“ wütend auf den Start von „Infinity War“ sind: In „Alien 2“ tut Ripley alles, um ein Kind zu retten. Für „Alien 3“ wird das Kind schnell getötet/weg gewischt, um einen neuen Plot in Fahrt zu bringen. Reddit: „Half of Thor’s people die in Infinity War even though Thor Ragnarok said Asgard was about the people“.

73_Ich sah „Thor 3“ auf Deutsch, und war hingerissen von Korg. Auch, weil mich die Figur an einen lapidaren, gutmütigen Obdachlosen/Sidekick in einer Soap, die ich mag, erinnert: Hotte in „Alles oder nichts“. Dass Korg mich aber SO kriegt und SO nah an Hotte kommt, lag am deutschen Synchronsprecher: Im Original ist die Figur… good. Not great.

74_“Thor 3“ zeigte, wie witzig Chris Hemsworth sein kann. Dass „Endgame“ noch einen drauf setzt, tut der Figur nicht gut: Ich bin großer Fan von Jason Aarons „Thor“-Comics. Dort ist er trinkfreudig, selbstbezogen, oft naiv. Doch das Inkompetenz-, Big-Lebowski- und Homer-Simpson-Level in „Endgame“ deprimiert mich.

75_Schön aber, dass Thor trotzdem das lange und wichtigste (im Sinne von: Hier wird, glaube ich, ein Leitgedanke des ganzen MCUs klar benannt) Gespräch im Film hatte, mit seiner Mutter Frigga hatte: noch ein Moment, in dem ich fast weinte.

76_Frigga: „Everyone fails at who they are supposed to be.“ Wichtiger deshalb, als Held und Mann: „Suceed at who you are!“ [Vielleicht heißt das bei Comic-Verfilmungen und Adaptionen generell auch: Macht EUER Ding möglichst gut und konsequent. Filmfiguren sind nie das, was Fans der ursprünglichen Comics erhofften.]

77_In „Infinity War“ verliert Peter Quill die Nerven vor Thanos (Inkompetenz und ein taktischer Fehler; andererseits aber etwas, das für Doctor Strange passieren MUSS, damit die Timeline/Wahrscheinlichkeiten stimmen und alle das „Endgame“ erreichen). In „Endgame“ köpft Thor Thanos, bevor die anderen Figuren ihm wichtige Fragen stellen können. Mit beiden Momenten kann ich gut leben: Ich hasse Fans, die einen kurzen Moment jahrelang einer Figur (oft: einer Frau/Heldin) zum Vorwurf machen. Tony trägt Verantwortung für Ultron… und niemand nimmt es ihm RICHTIG übel. Für mich sind Ausraster und Affekthandlungen verzeihbar, und ich will keine Filmserien sehen, die ihren Held*innen Wut, Mitleid, Irrationales NICHT verzeiht.

78_Tonsberg (jetzt: New Asgard) ist ein realer Ort in Norwegen – doch viel größer, städtischer. Weil im Abspann Island als Drehort genannt wird, denke ich, es gibt keinen eins-zu-eins Ort in Norwegen.

79_Was wurde aus den norwegischen Einwohnern Tonsbergs? Sind die einfach noch da, neben den Asgardianer*innen, gleichberechtigt? Ich denke an die „Thor“-Comics, in denen Asgard eine Weile bei Broxton, Oklahoma liegt… und an „The Last Jedi“: Wo Luke ähnlich stoisch und unrasiert vor ähnlichen Natursteinwänden Trübsal bläst. (Schade, dass Thor nichts und niemanden molk: Leute wären SO sauer gewesen.)

80_Gibt es die „Peter Quill hört Walkman und tritt kleine Kröten“-Szene auch in den Guardian-Filmen [Twitter: „Ja. Die Starlord Walkman-Kröten-Szene ist die erste Einstellung ziemlich am Anfang von „Guardians of the Galaxy“ in der man Peter Quill als Erwachsenen sieht.]? Szenen (oft mit Gesangs- und Musikeinlagen), die absurd und beliebig wirken, aus der Handlung fallen und gekürzt werden könnten, heißen im TV Tropes „Big-Lipped Alligator Moment“. Für mich sind die kleinen Echsen eine gute Mischung aus „Jurassic World“-Verweis und „Alligator Moment“.

.

.

81_Ca. 2010 merkte ich, dass Leute, oft jünger als ich, Shirts und Poster von möglichst bunten, oft lila-stichigen Spiralnebeln und Sternenfeldern feiern. Bunter Galaxy-Kitsch. Ich bin kein Fan der Ästhethik – doch finde (auch durch Thanos’ lila Haut), besonders „Infinity War“ perfekt für… spacekitsch-verliebte Millennials.

82_Eine Lichtstimmung, die mich in „Endgame“ nervte: Die Chiaroscuro-Ästhethik (Wolken, Schatten, Cap in der Lichtsäule etc.) während der letzten Schlacht. Ich denke an Superman im DCU, der oft in solchen Bildern inszeniert wird. Und an ein Flashback in „Thor 3“, der das Ende der Walküren zeigt. Dass in „Infinity War“ eine lange, wichtige Sequenz (inklusive Walküren-Pegasus!) in einer so künstlichen Stilisierung gezeigt wird, wirkt auf mich videospielhaft, billig. Ich mag das MCU am meisten, wenn (ähnlich wie bei James Bond) drei, vier Metropolen oder Landschaften stimmungsvoll, aber realistisch einen ganzen Film tragen.

83_Atlanta, Georgie ist Drehort zunehmend vieler MCU-Filme. Manchmal passt dieser Look gut („Captain Marvel“), manchmal wirkt alles arg künstlich („Black Panther“). „Endgame“ zeigt wenig von der realen Welt und Landschaft: eine Klischee-Szene in einer Tokyo-Klischeekulisse. Ich liebe Sokovia aus „Ultron“: gedreht in Norditalien (Aosta). MCU-Filme, die das nutzen („Doctor Strange“) überzeugen mich oft mehr als Georgia-Computer-Orgien.

84_Die beliebteste Szene aus „Winter Soldier“ zeigt, wie Steve gegen eine Überzahl aus Shield/Hydra-Agenten kämpft, im Lift des Triskelion. Schön, wie originell und witzig „Endgame“ eine ähnliche Szene aufbaut… und dann auf den Kopf stellt.

85_Toll, dass Robert Redford (Bösewicht in „Winter Soldier“) eine kurze Szene hat. Doch Michelle Pfeiffer z.B. erkannte ich nichtmal. Und: war die Schwarze SHIELD-Mitarbeiterin 1970 eine Figur oder Schauspielerin, die ich kennen sollte? [Edit: Yvette Nicole Brown aus u.a. „Community“]

86_„Captain Marvel“ zeigte Samuel L. Jackson – 25 Jahre jünger. In „Endgame“ taucht Michael Douglas kurz auf – als Hank Pym, 1970. Ich bin gespannt, wann wir die ersten komplett neuen Filme sehen werden mit digitalen oder digital verjüngten Schauspieler*innen, die z.B. bereits gestorben sind.

87_Eine kurze Sequenz aus „Captain America“, bei der Steve in Jogginghose auf einen Boxsack schlägt, von hinten gefilmt, ging viral – weil viele Leute Chris Evans’ Hintern scharf fanden. Die erste „Endgame“-Szene mit Steve zeigt ihn sofort in Jogginghose, und ich dachte „Mal sehen, ob die Kamera die Hose in den Fokus nimmt.“ Sie tat es nicht (Überraschung!), doch kurz darauf begann ein Running Gag, der sich dazu steigerte, dass mehrere Leute UND Steve über den Hintern sagten: „That is America’s Ass.“ THAT escalated quickly!

88_Nebula (2019) hätte wissen müssen, dass sie verlinkt ist – und Nebula (2014) spüren wird, dass sich eine zweite Nebula in ihrer Zeit aufhält.

89_Ein solider Comic mit physikalisch absurdem Planet-stürzt-in-schwarzes-Loch-Plot, doch viel Gamora und etwas Nebula, den Fans der Filmfiguren mögen werden: „Gamora: Memento Mori“ (6 Hefte, 2016. Autorin: Nicole Perlman). 3 von 5 Sternen.

90_Ein Wortspiel… doch seit 2018 auch eine ernst gemeinte Marvel-Heftreihe: „Asgardians of the Galaxy“. Ich frage mich, ob a) Chris Hemsworth in „Guardians of the Galaxy 3“ einfach Teil des Teams ist (…und ob das okay ist für nen Schauspieler, der bisher immer Top Billing hatte / auf dem Kinoplakat der eindeutige Star war in den „Thor“-Filmen); b) dieses Wortspiel irgendwo fällt im MCU.

.

.

91_Mark Zuckerberg, Elon Musk, Jeff Bezos… es gibt SO viele arrogante „Disruptors“, die glauben, mit ihren Millionen die Welt verändern zu können – ohne, die Folgen durchzudenken oder um Erlaubnis zu fragen. Dass Tony sagt, er wollt „a Suit of Armor around the World“ bauen, aber Menschen heulten, weil das ihre „precious freedom“ gefährde, finde ich… a) tagesaktuell superwichtig und passend, b) toll in Character und der Grund, warum ich gern noch jahrelang gesehen hätte, wie Tony länger, härter, tiefer in Frage gestellt wird.

92_Eine Hauptfigur nennt SHIELD in „Endgame“ „quasi-fascist intelligence Organiziation“? Wunderbar, danke. Ich denke das seit Jahren – und kann deshalb Figuren wie Nick Fury, Captain America und Black Widow nicht abfeiern. Die MCU-Filme sind oft krass militaristisch – und dass es SHIELD gibt, ist ein Problem. Keine Lösung.

93_Ich kann mit „Winter Soldier“ leben. Doch v.a. „Civil War“ enttäuschte mich: Ich habe nicht den Eindruck, dass die „Freiheit vs. Sicherheit“-Debatten, die Steve und Tony führen, tatsächlich durchdacht sind. Und: Am Ende von 22 Filmen mal kurz „faschistoid“ sagen reicht halt nicht, um meine… Verachtung dafür wegzuspülen, wie kritiklos alle Held*innen immer wieder auf Militär, Überwachung, Helicarrier, Lenkraketen und Gegner-Erschießen setzen.

94_Ich habe keine Ahnung, ob die Person im Smoking auf Tonys Trauerfeier, die hinter dem Wakanda-Trio steht, Maria Hill ist… oder Harvey Keener (der Junge aus „Iron Man 3“).

95_Wonder Woman, Batman und Superman gelten als DCs „Trinity“. Im selben Stil kämpfen im „Endgame“-Finale Thor, Cap und Tony gegen Thanos. Auch, dass Cap worthy ist, Thors Hammer zu heben (Tony nicht, zeigte „Age of Ultron“), lese ich als „Schaut: Die sind sich ebenbürtig und allererste Liga“-Signal. Bezeichnend aber, dass diese Trinity nur aus Männern besteht.

96_Mal sehen, ob das „angeknabberte“ [von Thanos’ Schwert zerteilte] Vibranium-Schild nochmal in Comics oder in Fan-Art als Symbol für „Amerika hat ein Problem“ oder „Die besten Zeiten sind vorbei“ verwendet wird.

97_In „Endgame“ hat Stan Lee ein letztes Cameo: ein hippyesker Playboy in einem Straßenkreuzer, 1970 auf dem Highway, der sich Liebe statt Krieg wünscht. Nicht furchtbar – doch auch nicht besonders clever oder markant.

98_Stan Lee spielt in all diesen Filmen die selbe Figur: einen außerirdischen „Watcher“, der sich als Erdenmensch tarnt und die Held*innen beobachtet. Ich hätte mir gewünscht, dass „Endgame“ das on-screen zum Thema macht und nochmal sagt: „DAS hier tat ‘Stan Lee’ als MCU-Figur, DAS war seine Mission.“ (Vielleicht gibts ab MCU-Film Nr. 23 jetzt Cameos von… Robert Downey jr.?)

99_Es gibt keine Post-Credit-Scene.

.Endgame 13

.

Helden-Kino als Sackgasse

Wäre dies das Ende: alles wäre schlimm. Marvels „Endgame“ ist eine TV-Soap im Kino.

Wer einer Seifenoper, einer Wrestling-Liga oder Superheldencomics über Jahre treu bleibt, will meist nicht wegen der Handlung, den tagesaktuellen Wendungen immer mehr. Sondern der Figuren wegen: Nach 22 Marvel-Kinofilmen seit 2008 mit über 40 wichtigen, immer wiederkehrenden Heldinnen und Helden wird jeder, der zwei, drei Filme sah, erklären können, warum er persönlich Lust hat, einen vierten, fünften, zwanzigsten zu sehen:

Weil Tony Stark (Iron Man) kluge Fragen stellt zu Freiheit, Sicherheit, Disruption? Weil mit Black Panther und Captain Marvel endlich auch Frauen und Menschen of Color in einzelnen Filmen die größte Haupt- und Titelrolle spielen? Oder doch, weil viele Figuren Potenzial haben – das noch nicht eingelöst wurde, und jeder weitere Film ein paar kostbare Minuten Dialog- und Bildzeit verspricht für Rollen, die seit Jahren am Rand bleiben? Agentin Black Widow, Kriegerin Okoye?

Ein paar der besten Marvel-Filme seit 2016 brauchten kein Vorwissen: „Black Panther“, „Captain Marvel“, „Doctor Strange“ sind schwungvolles, einsteigerfreundliches Popkorn-Kino. Überraschend aber, dass auch „Avengers: Infinity War“ (2018) den Quereinstieg leicht macht: Eroberer Thanos überlebte die Verteilungskämpfe, Hunger- und Überbevölkerungs-Katastrophen seiner Heimatwelt, Titan. Er denkt, das Leben im Universum hätte nur eine Chance, falls jemand die Hälfte aller Personen auslöscht. Sammelt er erfolgreich alle sechs Infinity-Steine, müsste er dazu nur mit dem Finger schnippen.

„Infinity War“ stellt den arroganten Doctor Strange neben den arroganten Tony Stark. Den brachialen Thor neben den brachialen Rocket Racoon: Figuren, die bisher gedoppelt, redundant schienen, entwickeln in toller Zweier- und Gruppendynamik Kontraste. „Infinity War“ ist ein erbarmungslos packender Film über 40 verzweifelte, aus 20 vorigen Filmen bekannte Figuren, die in neuen Teams und Kleingruppen versuchen, den übermächtigen Thanos am Steine-Sammeln zu hindern. Dringlich, tragisch, warmherzig.

„Endgame“ (2019) ist die direkte Fortsetzung von „Infinity War“: Thanos löschte die Hälfte allen Lebens aus, und die verbleibenden Figuren (vor allem: die aus „The Avengers“ (2012) bekannten fünf Männer und Heldin Black Widow) machen Zeitreisen nach 1970, 2012 und 2014, um die Steine neu zu sammeln und damit alle Ausgelöschten zurück ins Leben zu schnipsen: „Endgame“ ist ein Zeitreise-Abenteuer, nach dem atemlosen „Infinity War“ überraschend verspielt. Ein ambitionierter, komplexer, übervoller Film, in dem fast alle Fäden zusammen laufen – doch der Spaß macht, je mehr frühere Marvel-Filme man kennt und, an je mehr Figuren man hängt. „Infinity War“ war offen, packend. „Endgame“ belohnt vor allem die treuesten Fans.

Doch wie „belohnt“ fühlt man sich, sobald viele Lieblingsfiguren sterben, verschwinden, sich zur Ruhe setzen? Vertraute Teams und Freundschaften enden? Und klar ist: Auch die überlebenden Held*innen werden erst in zwei, drei Jahren wieder zwei, drei Sätze von Substanz sagen dürfen, in folgenden Filmen?

„Endgame“ ist kein Endpunkt. Auch 2020 erscheinen bis zu drei neue Filme, und für die Netflix-Konkurrenzplattform „Disney+“ sind Serien zu Loki, Falcon/Winter Soldier, Vision/Scarlet Witch und Hawkeye in Arbeit. Sogar für eine Figur, die in „Endgame“ stirbt, ist ein weiterer Kinofilm geplant.

Nur das macht „Endgame“ erträglich: Wäre dies das Ende, würde es vor allem zeigen, wer als Neben- und Randfigur nie wirklich Tiefe erlangte, erlangen sollte, erlangen durfte. Noch immer sind Frauen deutlich in der Unterzahl. Menschen of Color sind in „Endgame“ auf Nebenrollen beschränkt. Offen queere Held*innen fehlen weiterhin. Bei „Infinity War“ zählten Fans akribisch nach, wer wie viel Sprechzeit bekam. Mit 29 Minuten war Thanos die klare Hauptrolle. „Endgame“ ist als Film, für sich, schwer zu genießen. Weil so viele Figuren für Sekunden auf einer Bühne drängen, dass Fans zurecht fragen: „Jane Foster? Pepper Potts? Shuri? Valkyrie? Ist sinnvoll, mein Herz an solche Rollen zu hängen? Wenn fast alle, die keine weißen Männer sind, selbst nach 10+ Jahren vor allem Chiffren, Schablonen, Skizzen bleiben?“

„Endgame“ ist ein hochkomplexes Mosaik, das zahllose Einzelteile überraschend und ambitioniert jongliert und neu ordnet und, wie immer, vor allem Lust auf Fortsetzungen macht. Vielleicht aber sollten Heldinnen und Helden schnell wieder vor allem in monatliche Comic-Heftreihen und lange TV-Serien.

Denn wer Captain Marvel oder Black Widow über Jahre die Treue hält, muss sich nach „Endgame“ fragen: Wie viel wissen wir über diese Frauen? Wie viel können wir je von ihnen erfahren – bevor die Verträge der Schauspielerinnen auslaufen? Sogar Entscheidungen, die zentralste Figuren wie Thor und Captain America in „Endgame“ treffen, zeigen vor allem, wie wenig man über 40+ Figuren erfuhr, im Lauf von 22 langen, am Ende aber doch: viel zu kurzen Filmen.

.
ein Zeitreise- und Timeline-Diagramm von Reddit-User E_Byron_Nelson:
.
Zeitreisen Endgame Marvel Avengers