Berlin

Thorsten Dönges – Künstlerische Leitung des queeren Literaturfestivals „Empfindlichkeiten“, Literarisches Colloquium Berlin

Thorsten Dönges, Literarisches Colloquium Berlin, Foto von Mandy Seidler

Thorsten Dönges, Literarisches Colloquium Berlin, Foto von Mandy Seidler

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In all times men have been in love with men, women with women.

As E.M. Forster wrote: „There always have been people like me and there always will be“.

Christopher Isherwood called EM Forster the great prophet of our tribe. So have these people really aways been forming one tribe? One community? Or is it much more complicated?

I am glad that so many writers, scientists, translators, friends are joining our festival „Empfindlichkeiten“. In our times, there is maybe something many [queer] people might have in common. It is the experience of what we call Coming Out – and usually you don´t tell your Mama: „Listen, Mama, I am hetero, but don´t be sad or angry…”

Maybe these people even in our days are the people who know how it feels to look different or to walk hand in hand with another person and to be afraid of hostile reactions. There still is homophobia and there is transphobia – in Africa, Russia and Orlando. And in Europe, Germany and Berlin.

We have asked the participants of this festival, writers and scientists, to write short essays on our subject. Many of the essays we received reflect on political questions, on history and they think about which writers could be part of a kind of queer literary tradition. And there is the discussion, how integrated and normalized – or how dissident, subversive and radical queer life should be these days.

…and let me celebrate those who have made this festival possible, with their work, their enthusiasm, their help:
Thank you Samanta Gorzelniak. Christine Wagner, Laura Ott. Mandy Seidler. Samuel Matzner. Yann Stutzig. Ronny Matthes. Christian Schmidt. Thank you Florian Höllerer. Thank you, dear colleagues. Thank you Siegessäule for being our media partner! Thank you: JAK Slovenian Book Agency, Pro Helvetia. Canadian Embassy. Antidiskriminierungsstelle des Bundes. S Fischer Stiftung. Kulturstiftung des Bundes

Thorsten Dönges‘ opening speech – shortened version

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin. Foto von Tobias Bohm.

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin. Foto von Tobias Bohm.

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Thorsten Dönges, geboren 1974 in Gießen, studierte Germanistik und Geschichte in Bamberg. Seit 2000 ist er Mitarbeiter des Literarischen Colloquiums Berlin, wo er im Programmbereich insbesondere für die neuere deutschsprachige Literatur zuständig ist.

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Ich habe das Literaturfestival „Empfindlichkeiten“ als Liveblogger begleitet; und sprach kurz vor Eröffnung mit Thorsten Dönges über Vorgeschichte und Ursprünge des Programms. Samanta Gorzelniak, Thorstens Partnerin in der Künstlerischen Leitung des Festivals, hat schriftlich auf meine Fragen geantwortet (Link hier). Mit Thorsten hatte ich ein zwangloses Gespräch. Hier ein – gekürztes – Protokoll/Transkript:

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Thorsten Dönges: Vor ein paar Jahren las ein Münchner Schriftsteller, Hans Pleschinski, hier am LCB aus seinem Thomas-Mann-Roman “Ludwigshöhe”. Es geht um alles Mögliche: Düsseldorf, die Aufarbeitung deutscher Vergangenheit… und eben auch: eine schwule Liebesgeschichte. Am nächsten Tag stand ich in der LCB-Küche. Und ein Kollege sagte, ganz freundlich: “Das war ja ein schwuler Abend, gestern.”

Da machte es Klack. Niemand würde nach einem Abend, bei dem ein Buch mit heterosexueller Liebesgeschichte vorgestellt wird, sagen: “Was für ein Hetero-Abend gestern. Schon spannend!” Mir wurde klar, dass die Rezeption einfach anders ist – und damit sicher auch der Schreibprozess. Autoren fragen sich: “Für wen schreibe ich das? Wer wäre vielleicht sogar dagegen, falls in meinem Roman ein Frauenpaar auftaucht?” Was macht das mit dem Text – mit der Produktion, und mit der Rezeption?

Es gab so viele Abstimmungen in den letzten Jahren: Ein Land führt die Ehe für alle ein. Andere lehnen sie ab. Schriftsteller beobachten das sehr wach. Sie nehmen daran teil – doch wie mischt man sich ein, als Autor? Dichter in Russland, deren Arbeit dann plötzlich als jugendgefährend gilt, als homosexuelle Propaganda… das sind so unterschiedliche Arbeits- und Schreib-Bedingungen…

„Autorentreffen“, das heißt: 20 oder 30 Leute sitzen um einen Tisch und sagen “Mir geht es folgendermaßen, als lesbische Autorin” – “Mir geht es anders. Ich will gar nicht so sehr als lesbische Autorin wahrgenommen werden.” – “Ich aber sehr wohl! Ich kämpfe total.” Das fand ich spannend – aber nicht spannend genug. Also sagten wir: Wir machen ein Festival. Wo dieser Austausch vorkommt. Aber eben auch: Performances, Musik, Lesungen – ein größerer Rahmen.

Hubert Fichte fragt in „Die zweite Schuld“: Gibt es einen Stil der homosexuellen Literatur? Henry James, dieses indirekte Sprechen… und das ist unser Aufhänger, als These und kleine Provokation. Klar, dass niemand antwortet „Zeig mir fünf Zeilen eines Schriftstellers und ich weiß: Sie ist lesbisch – oder eine Hetera mit acht Kindern.“ Doch als Gedankenspiel, um die Diskussion zu öffnen, fand ich Fichtes Frage interessant. Warum überhaupt Fichte? Ich weiß: Er wird selten übersetzt und hat international wenig Einfluss. Aber seine Geschichte mit dem LCB… in „Die zweite Schuld“ gibt es dieses große Interview mit Walter Höllerer. Er schreibt über die Anfänge des Hauses und die etwas niedliche Art, eine Schreibschule zu installieren.

Was mich herausforderte: Fichte liebt die Provokation – und denkt, die sind dort eigentlich alle… Fichte hatte überall diesen Homophobie-Verdacht: bei Grass und all den Lehrern hier. Er konfrontiert sie alle damit. „Wie haltet ihr es eigentlich so mit Arschfickern?“ Das wäre ein Satz, den er benutzt hätte, 1963. Und gerade das wieder hier ins Haus reinzubringen, fand ich sehr…

Ich hätte gern noch Alan Hollinghurst hier gehabt: Er schreibt an einem neuen Buch und sagte sehr britisch-freundlich ab. Genauso Ali Smith. Murathan Mungan, der wichtigste… ein enfant terrible in der Türkei. Meine Ko-Kuratorin Samanta Gorzelniak und ich haben uns gut ergänzt. Uns beiden lagen Autor*innen am Herzen, die der andere noch gar nicht kannte. Ich selbst mag Gunther Geltingers Bücher und freue mich sehr, dass er dabei ist. Antje Rávic Strubels aktuelles Buch, „In den Wäldern des menschlichen Herzens“, ist großartig. Aber das ist gemein: Wenn ich jetzt einzelne heraushebe.

Ich hatte noch nie vor einem Projekt so viel Respekt – denn irgendjemand fühlt sich immer ausgeschlossen. Oder alle sagen: „Kalter Kaffee: Wir haben doch schon Gleichgestellung.“ Doch die Reaktionen und die Essays und Statements der eingeladenen Autor*innen fand ich großartig – wie viel Herzblut. Und auch, 2016: wie viel Ratlosigkeit.

Wir wollten anfangs ein europäisches Festival. Asien, das wäre nochmal ein ganz anderes… das hätte mich überfordert. Aber dann weitete es sich aus: Wir wollten nach Russland schauen. So kam Masha Gessen ins Spiel – die aber in New York lebt. Dann Ricardo Domeneck – der aus Brasilien kommt, aber in Berlin lebt. Das waren finanzielle Grenzen. Am Anfang schrieben wir von „europäischen Autor*innen“. Jetzt sind wir international. Man könnte auch Michael Cunningham aus den USA einladen. Leute aus Vietnam, Thailand. Wäre sicher spannend – was Japaner zu unseren Fragestellungen sagen. Ob man überhaupt Leute findet, die gern kämen.“

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all my 2016 interviews on Queer Literature:

…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: “Empfindlichkeiten” Festival 2016:

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Queer Literature, 2016: Hilary McCollum

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Hilary McCollum, Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin – photo by Tobias Bohm.

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Hilary McCollum is an Irish writer, playwright and activist – and she’s both speaking and reading at the 2016 „Empfindlichkeiten“ Literature Festival in Berlin.

„In 2010 I returned to Ireland after living in England for 25 years. The move has given me more time to write, enabling me to begin writing for the stage with the support of Sole Purpose Productions, based at Derry Playhouse. This led to me writing my first play, Lesbian Style, which was performed as part of both the International Dublin Gay Theatre Festival 2014, Belfast Pride and the WOW Festival. It draws on interviews with lesbian and bi women in Ireland and England as well as incidents from my own life to explore the ups and downs of lesbian existence.“

Hilary’s web site  |  Hilary’s novel „Golddigger“

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01_Is there a link, a text, a piece of your work that gives a good introduction to the topics and issues you care about?

http://www.bellabooks.com/9781594934421-prod.html [„Golddigger“, Hillary’s novel.]

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02_If someone calls you „homosexual author“, you…

I’m happy with the term lesbian author

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03_A queer book that influenced you (how?)…

„Patience and Sarah“ by Isabel Miller because it gave me a sense of lesbian ancestors.

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04_If your work is shown/placed in book stores, THESE are the authors/artists that you’d feel most honored to be placed next to:

Isabel Miller, Emma Donoghue

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05_Too many people associate homosexuality with gay males first and foremost. Who should be more visible?

The relative invisibility of lesbian relationships is a problem. It reflects the misogyny of the culture.

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06_A queer moment you’ve had in Berlin (or anywhere in Germany) that you’ll remember for a long time:

Seeing the golden hat in Neues Museum. The commentary said it was designed for a male head but I think it would look great on me. I’ve just one a golden crown award for my novel Golddigger so I’d like to be pictured wearing the golden hat as my crown.

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07_Name some experts, authors, activists, places, institutions and discourses/debates that informed/influenced the way you see and understand queerness – and yourself:

Virginia Woolf, Martina Navratilova, Mark Ashton, Andrea Dworkin, greenham common, lesbian strength and gay pride marches

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08_Name some experts, authors, activists, places, institutions and debates/questions that deserve more recognition/need more love:

The women’s suffrage movement. Lesbian history in general.

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09_Is there a heterosexual ally that you like/value and who you’ve grateful for?

My mum

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10_Is there another guest/author at „Empfindlichkeiten“ you’re particularly looking forward to? (why?)

Saleem Haddad, because his novel sounds really interesting.

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11_Is there a queer figure/personality, a celebrity or a queer story/phenomenom that is very visible in mainstream culture – a visibility that makes you happy?

The films „Carol“ and „Pride“ were mainstream hits and I loved both of them. I knew Mark Ashton, the main character in Pride. He took me to my first pride and first gay bar.

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12_Is there a political or public figure that should be scrutinized or valued much more?

Mark Ashton.

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Hillary McCollum... and the golden hat of Berlin. (Montag: Stefan Mesch)

Hilary McCollum… and the golden hat of Berlin. (Montage: Stefan Mesch)

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all my 2016 interviews on Queer Literature:

…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: „Empfindlichkeiten“ Festival 2016:

Schwule und lesbische Superhelden: Graphic Novels zur Comic-Ausstellung „SuperQueeroes“ (Schwules Museum, Berlin)

Bara-Manga von Gengoroh Tagame, ausgestellt im Schwulen Museum

„My brother’s Husband“, Manga von Gengoroh Tagame, ausgestellt im Schwulen Museum

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Seit 2008 lese ich Graphic Novels und Superhelden-Sammelbände; gelegentlich auch Manga. Ich gebe aktuelle Empfehlungen, schreibe fürs Comic-Ressort des Berliner Tagesspiegel und spreche bei Deutschlandradio Kultur. Mich freut, dass ich 2008 nur zum Vergnügen, vor allem beim Bahnfahren, „Superman“-Comics las – doch heute die Feuilletons und Redaktionen, für die ich arbeite, immer wieder sagen: „Spannendes Thema! Mehr davon.“

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Wordpress Kate Kane Renee Montoya Greg Rucka The Question Batwoman

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vom 22. Januar bis zum 26. Juni 2016, im Schwulen Museum Berlin (Lützowstraße 73):

SuperQueeroes – Unsere LGBTI*-Comic-Held_innen

„Zum ersten Mal widmet sich in Deutschland ein Museum dem vergleichsweise neuen Thema „queere“ Comics: also Comics mit LGBTI*-Charakteren. Der Fokus liegt dabei auf „Superheld_innen“, womit nicht nur die gängigen Supermänner und -frauen gemeint sind, die im US-amerikanischen Mainstream-Comic in den letzten Jahren Coming-out-Geschichten erlebt haben. Vielmehr geht es auch darum zu zeigen, wie heroisch Alltags-Storys von LGBTI*-Menschen sein können, die sich in einer heteronormativen Welt – auch einer von Zensur und Codes dominierten Comic-Welt – durchsetzen mussten bzw. immer noch müssen.

[…die Ausstellung zeigt] sowohl in Europa bekannte Künstler_innen wie Tom of Finland, Alison Bechdel, Ralf König, Wolfgang Müller, Gengoroh Tagame, Nazario oder Howard Cruse, als auch Künstler_innen wie Megan Rose Gedris, Erika Moen und Kylie Summer Wu.

Kurator_innenteam: Michael Bregel, Kevin Clarke, Natasha Gross, Hannes Hacke, Justin Hall, Markus Pfalzgraf, Mario Russo.  Ausstellungsdesign: Matthias Panitz“

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Schwules Museum Berlin, lgbt comics

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Am Montag stellte Kurator und Politikjournalist Markus Pfalzgraf in einem knapp einstündigen Vortrag große Pioniere, persönlichere Fundstücke und internationale aktuellere Cartoons, Projekte und Reihen vor:

Pfalzgraf ist Autor von „Stripped: The Story of Gay Comics“ (Bruno Gmünder, 2012)

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Ein sympathischer, ausgewogener, gut präsentierter Querschnitt. Pfalzgraf sprach recht nüchtern-kuratorisch – als Literaturkritiker dachte ich an vielen Stellen: „Sag nochmal laut, wie toll, komplex oder blöd-sexistisch viele dieser Titel sind. Mehr Leidenschaft, mehr Wertung, mehr Kritik!“ Wir haben unterschiedliche… Betriebstemperaturen.

Ich bin gewohnt, dass immer wieder „Wer will das lesen?“-Debatten ausbrechen um queere Figuren, Minderheiten, Repräsentation, Sichtbarkeit im Mainstream: Jede Woche lese ich neue Essays und Artikel über… einen schwarzen Spider-Man, eine muslimische Ms. Marvel, Frauen in Videospielen und „Star Wars“, transsexuelle Figuren in US-Serien, schwarze Preisträger*innen bei den Oscars. Immer wieder fragen Laien, Freunde, konservative Kritiker*innen: Was ändert das? Wem hilft das? Warum ist das wichtig?

Ich bin gewohnt, dass jede nicht-weiße, nicht-heterosexuelle Figur eine solche Grundsatzdebatte eröffnet – und war überrascht, dass Vortrag und Ausstellung im Schwulen Museum stattdessen recht nüchtern zeigen: Früher gab es kaum queere Figuren. Heute langsam immer mehr.

Die Hintergründe, Debatten, Marktmechanismen, Widerstände, die großen Sinnfragen – „Was ‚bringt‘ eine lesbische Batwoman?“, „Warum wandten sich Superhelden-Comics lange Zeit vor allem an weiße, junge, heterosexuelle Männer?“ etc. – sind für mich täglich so präsent… ich wünschte, die Ausstellung würde mehr über Protest und (Selbst-)Zensur, Angst und Widerstand, Verlage und Zielgruppen erzählen.

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Vielleicht passiert das während Führungen. Die nächsten Termine:

  • Samstag, 13. Februar um 16 Uhr Führung zu „Superqueeroes“
  • Donnerstag, 18. Februar um 18 Uhr
  • Samstag, 27. Februar um 16 Uhr Führung zu „Superqueeroes“

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schwules museum berlin, markus pfalzgraf

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Ich kenne das Schwule Museum seit letztem Sommer und einer Lesung von Freund, Autor, Disability-Experte Kenny Fries. Helle Räume, engagierte Mitarbeiter. Das „SuperQueeroes“-Veranstaltungsplakat stieß mich ab: amateurhafte Figuren, 90er-Jahre-Copy-Shop-Ästhetik. Doch die Ausstellung selbst ist einladend, professionell.

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Spielfiguren des Marvel-Superhelden-Teams "Alpha Flight"

Spielfiguren des Marvel-Superhelden-Teams „Alpha Flight“

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europäische LGBT-Graphic-Novels

europäische LGBT-Graphic-Novels

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Superheld*innen-Aufsteller von Imke Schmidt und Ka Schmitz

Superheld*innen-Aufsteller von Imke Schmidt und Ka Schmitz

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Text zum Mainstream-Superhelden-Bereich der Ausstellung

kuratorischer Text zum Mainstream-Superhelden-Bereich der Ausstellung […alle Schilder und Beschriftungen sind zweisprachig.]

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nur kurz, als Liste:

LGBT-Graphic-Novels, die ich empfehlen kann:

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ALISON BECHDEL: „Fun Home“ (autobiografische Graphic Novel, 2006)

HOWARD CRUSE: „Stuck Rubber Baby“ (autobiografische Graphic Novel, 1996)

JUDD WINNICK: „Pedro and Me“ (autobiografische Graphic Novel, 2000)

SARAH LEAVITT: „Tangles: A Story about Alzheimer’s, my Mother, and me“ (autobiografische Graphic Novel, 2010. Deutscher Titel „Das große Durcheinander“)

DAVID SMALL: „Stitches“ (autobiografische Graphic Novel, 2009)

Fun Home. A Family Tragicomic: Eine Familie von Gezeichneten  Stuck Rubber Baby  Pedro and Me: Friendship, Loss, and What I Learned  Tangles: A Story About Alzheimer's, My Mother, and Me  Stitches: A Memoir

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GREG RUCKA: „Gotham Central: Half a Life“ (Batman-Comic mit lesbischer Polizistin)

…und die „Batwoman“-Reihe: Band 1 bis 4 sind besonders gelungen. Band 0 war etwas hakelig/mühsam.

Gotham Central, Vol. 2: Half a Life  Batwoman, Vol. 1: Hydrology  Batwoman, Vol. 2: To Drown the World  Batwoman, Vol. 3: World's Finest  Batwoman, Vol. 4: This Blood Is Thick

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solide, aber mit deutlichen Schwächen:

NICOLE J. GEORGES: „Calling Dr. Laura“ (autobiografische Graphic Novel, 2013)

ELLEN FORNEY: „Marbles: Mania, Depression, Michelangelo and me“ (autobiografische Graphic Novel, 2012)

Calling Dr. Laura: A Graphic Memoir  Marbles: Mania, Depression, Michelangelo, and Me

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überbewertet, keine Empfehlung:

TERRY MOORE: „Strangers in Paradise“ (halb Thriller, halb Seifenoper, viel Comedy: zwei ungleiche Freundinnen und ihre ständig wechselnden Gefühle füreinander)

MATT FRACTION: „Sex Criminals“ (heterosexuelles Paar merkt, dass sie beim Sex die Zeit anhalten können: sympathischer Comedy-Thriller – doch nicht halb so alternativ, originell oder tiefgreifend, wie sich Autor Matt Fraction das wohl wünscht/vorstellt.)

JULIE MAROH: „Blue is the warmes Colour“ (platte Figuren, einfallslose Konflikte: wirkt wie aus den 80ern.)

NOELLE STEVENSON: „Lumberjanes“ (Kinder-Comic über junge, teils queere Pfadfinderinnen und allerlei Geheimnisse. Viele Fans, aber einfallsloser und oft sehr kitschiger magischer Realismus, viel seichtes „Girl Power“-Gerede)

Strangers in Paradise, Pocket Book 1  Sex Criminals, Vol. 1: One Weird Trick  Le bleu est une couleur chaude  Lumberjanes, Vol. 1: Beware the Kitten Holy

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heterosexuelle Figuren – aber ein recht queerer, alternativer Blick auf die Welt:

YUKI KODAMA: „Sakamichi no Apollon“ (Manga-Reihe, 10 Bände, 2008 bis 2012, längere Empfehlung hier)

DANIEL CLOWES: „Ghost World“ (Graphic Novel, 1998)

Sakamichi No Apollon: 1  Ghost World

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Snapshots der anderen aktuellen Ausstellungen im Schwulen Museum:

schwules Museum Berlin

„Naked Boys Reading“: Essay für edel&electric

Foto: Joachim Boepple

Foto: Joachim Boepple

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„Im Sommer 2008 streifte ich den Seitenspiegel eines Autos. Im Sommer 2001 fuhr ich beim Ausparken gegen einen Kleinwagen. Doch das waren meine einzigen Unfälle. Bis mich eine Freundin neulich in die Tiefgarage ihres Wohnblocks lotste: „Du kannst auf unseren Stellplatz!“

Alles war viel zu eng für den Kleintransporter meiner Mutter. Ich wendete. „Winkst du mich raus?“ – „Das klappt so. Fahr!“, sagte sie. Ich rammte einen Pfeiler.

Sie schämte sich. Ich schämte mich. Am meisten schämte sich meine Mutter. Wenn etwas bei mir schief geht, sagt mein Vater bis heute, das läge an ihrer Erziehung. Was ich vermassle, wird ihr zur Last gelegt. Als sie nach Tagen vor Verwandten wagt, den Schaden anzusprechen, lachen alle sie aus.

„Das wissen wir längst! Stefan hat das Auto neulich draußen geparkt: Uns wurde sofort von Freunden erzählt, dass da jetzt eine Schramme ist!“ Man lachte über meine Mutter, weil sie noch glaubte, kontrollieren zu können, wann Peinlichkeiten öffentlich werden. Dabei war alles schon publik: Man hatte nur schadenfroh ihr verschwiegen, dass alle längst darüber lachten, dass sie nicht gut verschweigen und vertuschen kann.

„Was hier am Tisch besprochen wird, geht niemanden was an!“, warnte uns mein Vater jahrelang. „Ich habe neulich ‘Stefan Mesch’ ins Google eingegeben. Aber dann gab es Ergebnisse!“, trumpfte ein Dorf-Rentner auf – als hätte er mich bei irgendwas ertappt. Im Dorf aufwachsen hieß für mich: Gebe ich mehr preis als unbedingt nötig, mache ich mich angreifbar, lächerlich, schwach. Weil alle denken, ich sei zu dumm, meine Geheimnisse zu hüten.

Funktioniert der Literaturbetrieb genauso?“

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Für edel&electric habe ich „Naked Boys Reading“ besucht – eine Nackt-Lesereihe in Berlin. 

Und über Entblößungen geschrieben.

Der vollständige Text ist hier: http://edelundelectric.de/index.php/2015/11/06/naked-boys-reading-eine-nackt-lesebuehne-in-berlin/

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Foto: Joachim Boepple

Foto: Joachim Boepple

LobbyControl: gegen Lobbyismus im Berliner Regierungsviertel

Lobbycontrol Führung Berlin Regierungsviertel

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Der Expertenstaat

LobbyControl will aufdecken, wie Konzerne, Verbände und Agenturen den Bundestag beeinflussen.

Ein Rundgang durch den „Lobbydschungel“ im Berliner Regierungsviertel.

von Stefan Mesch

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Es geht um Input von Expertise.“

Dietmar Jazbinsek steht zwischen Reichstagsufer und Bundespresseamt. Oktober, Sonntagnachmittag. Viel Wind. Viel Sonne. Ausflugswetter: Heute haben über 40 Aktivisten, Touristen, Interessierte eine zweistündige Führung durch Berlin-Mitte gebucht.

Und Sie schreiben mit. Für wen?“ – „Edition Büchergilde.“ – „Aha.“

Ich sage nicht, dass wir Texte zum Thema „Expertentum“ sammeln – zu Wirkung und Vermarktung des Begriffs „Experte“. Doch obwohl er mein Thema nicht kennt, spricht Lobby-Kritiker Jazbinsek auf seiner lobbykritischen LobbyControl-Führung durch die Lobby-Szene Berlins zwar viel von Lobbyisten – aber fast genauso viel, immer weiter, von Experten, Expertise, Expertenwissen. Als gehöre das zusammen: Experten als Lobbyisten. Lobbyisten als Experten.

Lobbyismus kommt von Lobby – dem alten englischen Ausdruck für die Vorhalle des Parlaments. Dort tummelten sich Vertreter/innen unterschiedlicher Interessen, um mit Abgeordneten ins Gespräch zu kommen. Lobbyisten werden manchmal mit schwarzen Koffern voller Geld assoziiert. Dabei sind medialer Druck oder Arbeitsplatzargumente meist wichtigere Mittel.*

Es geht uns nicht um Schwarzgeld, Korruption, Bestechung“, sagt Jazbinsek. „Das überwachen Vereine wie Transparency International.“ LobbyControl e.V. beobachtet seit 2005 Lobbyisten. Die „Initiative für Transparenz und Demokratie“ sitzt in Köln, hat zehn Mitarbeiter und ein kleines Büro in Berlin. Eine eigene Watchgroup – nur für legalen Lobbyismus? Kurz klingt das für mich zweitklassig. Nebensächlich.

Denn beim Wort „Lobbyist“ denke ich an Betteln, Nörgeln, Jammern, Buhlen. An einen schwitzigen Händedruck, gequältes Lächeln, an ängstliche Milchbauern, die von der CSU neue Subventionen erquängeln, an streikende Hebammen, denen niemand zuhört, oder an die Angst der Rechten vor einer dubiosen „Homolobby“: Berufs- oder Bevölkerungsgruppen, die Gefahr laufen, abgehängt zu werden – und laut um Einfluss flehen. Nervige Bittsteller. Zaungäste. Unterlegene.

Auf 622 Bundestagsabgeordnete kommen geschätzte 5.000 Lobbyisten, allein in Berlin. Sie wollen der Macht ganz nah sein, auch räumlich, und mieten ihre Büros zwischen Reichstag und S-Bahnhof Friedrichstraße, zwischen Gendarmenmarkt und Potsdamer Platz. PR-Agenturen, Verbände und sogenannte Denkfabriken, die gezielt Einfluss auf Politik und Gesetzgebung, Medien und Öffentlichkeit nehmen wollen. Um 736 Abgeordnete des Europäischen Parlaments in Brüssel kümmern sich bis zu 20.000 Lobbyisten; auf einen Volksvertreter kommen also mehr als 27, schreibt Evelyn Runge in der ZEIT.

Wir stehen vor der geschlossenen Tür eines Bürogebäudes, in dem u.a. der Deutsche Brauer-Bund für „Erhaltung und Förderung des guten Rufs des deutschen Bieres“ kämpft und wirbt. Wir sind 15 ernste Menschen in Turnschuhen und Übergangsjacken, zwei Drittel über 50, der Rest studentisch. Neben uns ein Hundehaufen. Teure Cafés. Der großen Nachfrage wegen finden heute zwei LobbyControl-Führungen parallel statt: Dietmar Jazbinsek hat das Konzept vor sieben Jahren entwickelt. Um vor Ort zu informieren. Und, um als Aktivist im Viertel der Lobbyisten Präsenz zu zeigen – nah an Empfangstresen, Bürotüren. Und Lobbys.

Tatsächlich passen Industrieverbände und Interessensgruppen wie der Brauer-Bund schlecht zu meinem Bild vom schwitzigen, bettelnden Lobbyisten: „Unternehmen und ganze Branchen suchen Nähe und Kontakt zum Parlament“, erklärt Jazbinsek, „um persönlich auf Gesetzesentwürfe und das politische Klima Einfluss zu nehmen.“ Sie laden auf Partys und Empfänge, schalten Anzeigen, geben Studien und Gutachten in Auftrag, wollen die öffentliche Meinung prägen, Appelle in Medien platzieren.

Seit 1969 kürt das Tabakforum einen prominenten „Pfeifenraucher des Jahres“, charmant, ohne offene Agenda. „2013 zum Beispiel den Herrn Lammert, CDU. Präsident des deutschen Bundestags.“ Der Brauer-Bund ernennt einen „Botschafter des Bieres“, zuletzt u.a. Cem Özdemir, Peter Altmaier, Volker Kauder.

Nichts davon ist verboten. Einiges davon ist anrüchig. Das Meiste ist profane, handwerklich gut umgesetzte Öffentlichkeitsarbeit. Aber zusammengenommen zeigen die Dokumente, wie Konzerne in Deutschland vorgehen, wenn sie Einfluss auf Medien, Politik und Öffentlichkeit nehmen, schreiben Sebastian Heiser und Martin Kaul 2011 in der taz über die „Geheimpapiere der Atom-Lobby“.

Heute, am geschlossenen Brauer-Bund-Büro, erinnert Jazbinsek an die Debatten um Alkopops und jugendliches „Komasaufen“ ab Mitte der Nuller Jahre: Um erst mehr Bier, bald härteren Alkohol bei jungen Frauen abzusetzen, brachten Spirituosenhersteller fruchtige und süße Mischgetränke auf den Markt und warben um junge Käufer. Der Drogen- und Suchtrat forderte Werbeverbote.

Der Brauer-Bund, der Profisport, die Industrie- und Handelskammer, die Werbewirtschaft… alle stellten sich gegen den Suchtrat und gaben eigene Gutachten in Auftrag.“ Von Brauern bezahlte Experten sollten belegen: Falls durch neue Steuern, Werbeverbote und staatliche Regulierung der Absatz und Profit von Brauereien sinkt, geht der deutsche Vereinssport kaputt – weil die Vereine von Brauereien gesponsert werden. Die Bundesliga ist in Gefahr. Das Privatfernsehen. Und: öffentliche Toiletten!

Ein Werbeverbot für vier Billboards [im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg] gilt als unwahrscheinlich. Die Firma Ströer durfte sie aufstellen, weil sie die Instandhaltung einiger Brunnen und öffentlicher Toiletten im Bezirk finanziert. Das ist Sponsoring im Wert von insgesamt 240.000 Euro im Jahr. Ein Betrag, der dem Bezirk fehlen würde – angesichts des erwarteten Haushaltsdefizits von 4,9 Millionen Euro für 2013, schreibt die taz 2013 über den Versuch einer Bürgerinitiative, Außenwerbung einzuschränken – und die unerwarteten Verstrickungen, finanziellen Abhängigkeiten zwischen Staat und Firmen, die solchem Widerstand im Weg stehen.

Lobbycontrol Führung Berlin 2

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Es geht um Vermarktung von Expertise: Interessenverbände geben Gutachten in Auftrag. Für viel Geld kann man bei Agenturen nachweisen lassen, dass z.B. die Erde eine Scheibe ist“, höhnt Jazbinsek. Dabei sind Gutachter, Studien, Experten für parlamentarische Entscheidungen unerlässlich. Denn bevor Abgeordnete über Gesetzesvorhaben abstimmen, müssen sie alle Risiken und Folgen abzusehen versuchen: Sie rufen Kommissionen ein. Kontaktieren Wissenschaftler, Aktivisten, NGOs. Und eben: Wirtschaftsvertreter.

Zu oft, behauptet Jazbinsek, finden solche von der Wirtschaft finanzierten Experten heraus: Was Konzernchefs gut tut, ist für alle gut. Nur, was die Wirtschaft stärkt, hat Zukunft. Je schwächer der Staat, desto stärker die Segnungen des freien Markts. Von Konzernen und Verbänden finanzierte Gutachten entwerfen einen „Himmel“ – oder eine „Hölle“: Überall, wo durch Gesetze und Kontrollen wirtschaftliche Hürden gesetzt oder die Rechte und Interessen Schwächerer über das Wohl von Arbeitgebern gestellt werden, sind Wachstum, Fortschritt, Freiheit in Gefahr. Die einzige Chance auf Zukunft… und auf saubere öffentliche WCs? Lobbyisten sagen: weniger Reglements. Mehr Raum für Unternehmen und Konzerne. Ein starker Staat tue allen weh. Nur eine starke Wirtschaft bringt Menschen weiter.

Fehlt dem Brauer-Bund Geld für Werbung, sehen die Experten des Brauer-Bundes das deutsche Qualitätsfernsehen in Gefahr: ProSieben und RTL II“, sagt Jazbinsek. Die Gruppe lacht – verbittert, überheblich. Die grauhaarige Krankenschwester mit dem Stop-CETA-Button. Die grauhaarige Lehrerin mit Jamie-Lee-Curtis-Frisur. Das Paar mit Trekkingrucksack, Pudelmützen. Keiner hier sieht aus, als könne er mehr als acht private Sender nennen. Oder zwei Serien aus dem aktuellen RTL-II-Programm.

Lobbyisten stellen sich gerne als Informationsdienstleister für die Politik dar. Mit zahlreichen Studien sollen die eigenen Positionen sachlich untermauert werden. Immer wieder fällt auf, dass der vermeintliche wirtschaftliche Nutzen überzogen dargestellt wird, wenn Unternehmen etwas politisch durchsetzen wollen. Ein Beispiel aus jüngster Zeit: die TTIP-Studien der Bertelsmann-Stiftung.*

Wir stehen noch immer auf dem Bürgersteig. Dietmar Jazbinseks Tour führt von einer Bürofassade zur nächsten: Er weist auf Firmenschilder aus Messing oder gebürstetem Stahl, zeigt auf die Eingangstüren und dunklen Lobbys. Doch zu sehen gibt es nichts. Alles hat geschlossen: Sonntag.

Unsere Tour ist ein Selbstläufer. 2014 hatten wir 150 Führungen.“ Gewöhnlich finden sie werktags statt – doch gestern war eine große Demo gegen TTIP, das US-Freihandelsabkommen. „Über Lobbyismus als solchen brauche ich Ihnen nicht viel zu erzählen. Oder? Sie waren gestern auch alle auf der Demo?“ Jeder nickt. 15 Leute, ohne Ausnahme. „Dazu möchte ich Ihnen gratulieren!“

Knapp die Hälfte der Teilnehmer lebt nicht in Berlin. Doch alle haben gestern protestiert – und lassen mit der 10 Euro teuren Führung ihr persönliches Protest- und Engagement-Weekend ausklingen. Spricht Jazbinsek von „Front Groups“ oder „Third Parties“, nicken die älteren Männer. Bei trockenen Witzen schnauben und seufzen die Frauen. Er spricht über „Frau Merkel“ und „den lieben Herrn Söder“, und irgendwer mit grauem Haar wirft allen bitteren Pointen ein süffisantes „Na: Das ist doch toll!“ hinterher.

Seit einigen Jahren schaffen sich Lobbyisten zudem (halb)öffentliche Orte: Flagship-Stores und Showrooms, Musterfilialen und öffentliche Cafés, bis hin zu großen repräsentativen Veranstaltungsräumen (Allianz, Telekom). Dort veranstalten Verbände und Unternehmen Diskussionsrunden und Events, zu denen auch die Politik regelmäßig eingeladen wird. Gerne werden diese neuen Orte auch als Form der Transparenz beschrieben. Allerdings bleibt diese „Transparenz“ oberflächlich.*

Wir stehen am Firmenschild der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, die für freie Wirtschaft und die Interessen der Arbeitgeber wirbt – indem sie eigenes Schul- und Lehrmaterial für den Unterricht anbietet. Dann stehen wir an der Tür der American Chamber of Commerce – deren Anwälte verhindern konnten, dass Togo abschreckende Fotos auf Zigarettenschachteln druckt. Im überdachten Zollernhof des ZDF stehen wir zum ersten Mal länger als zwei Minuten in einem Gebäude. „Manchmal werfen sie mich hier raus. Heute störe ich wohl gerade nicht?“

In mehreren Empfangshallen und Lobbys hat Jazbinsek Hausverbot, „wegen despektierlicher Äußerungen“. Manchmal, sagt er, kommen auch Lobbyisten an die Türschwellen und schimpfen – oder melden sich als Teilnehmer zu Führungen an, um mitzuhören. Er klingt stolz.

Kurz führt er uns in den Showroom von Daimler-Benz. Doch noch bevor er sprechen kann, fragen Anzugträger, was wir wollen. „Nur kucken“, sagt er, dreht sich um – grundlos triumphierend, als hätte er gerade etwas bewiesen. Eine Grauhaarige sagt ihrem Begleiter: „Er wollte uns nur zeigen, wie schnell er wieder gehen muss!“

Jazbinek lobt Sahra Wagenknechts „Impertinenz“ in Talkshows. Er freut sich über die aktuellen VW- und ADAC-Skandale. „Wie kindlich, eigentlich“, sagt mein Freund, als ich vom Nachmittag und all den Fußmatten, Schwellen, Türklinken erzähle: „Zwei Stunden lang im Kalten stehen, vor Firmen- und Klingelschildern? Im Grunde ist das lächerlich.“

Im 300 Seiten dicken „LobbyPlanet“, dem „Lobbyführer“ durch Berlin, zeigt LobbyControl in mehreren Routen, „wo zwischen touristischen Sehenswürdigkeiten und glitzernden Einkaufswelten Politik gemacht wird.“ Der Ton erinnert mich an Foodwatch, Thilo Bodes gut gemeinte und erfolgreiche – aber mir oft populistisch, patzig scheinende – Watchgroup zum Thema Ernährung und Etikettenschwindel:

Unseren Kindern wird in der Schule der Kopf verdreht mit Schulmaterialien und Kooperationsprojekten, die von Unternehmen wie RWE, VW oder Wirtschaftsverbänden angeboten werden: Mittlerweile beteiligen sich 16 der 20 umsatzstärksten Unternehmen in Deutschland an der Erstellung von Unterrichtsmaterialien* Fotos zeigen LobbyControl-Aktivisten mit Schildern: „Bildung statt Meinungsmache!“ Simple Slogans, Unterschriftenlisten. Viel Stolz und viel Empörung: Gestört wird das diskrete Beisammensein von Politikern und Interessenvertretern allenfalls durch die Stadtführungen von LobbyControl, die regelmäßig vor der Aufzugtür Station machen.*

LobbyControl hat einen Etat von 600.000 Euro. „Wenn man erstmal Tagesschau- und Heute-Journal-tauglich ist“, erklärt Jazbinsek, „wachsen auch die Spenden.“ Der Verein übt Kritik an Studien und Konzern-PR, will Gegengewicht und Korrektiv sein, kämpft um Deutungshoheit. Meldungen wie „Vom Ministerium zur Allianz-Lobbyistin: Ex-Staatssekretärin (FDP) wechselt die Seiten“ sollen aufrütteln. Politischen Druck aufbauen.

Lobbycontrol Führung Berlin 3

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Besonders die bezahlten Nebentätigkeiten von Abgeordneten sorgen für Debatten um Einflussnahme, Interessenkonflikte und Transparenz: LobbyControl „setzt sich für erweiterte Offenlegungspflichten ein.“ Oft geht es auch um Greenwashing: den Versuch von Unternehmen, sich durch PR-Aktionen besonders umweltfreundlich zu geben. Und um die „Drehtür“, mit der Lobbyisten in die Politik und Politiker in Lobby-Positionen wechseln und sich ihr Insiderwissen von Konzernen bezahlen lassen. Das „Lobbypedia“-Wiki dokumentiert Verstrickungen.

Lobbyismus zeigt sich deutlicher im öffentlichen Raum. So hängten im Wahlkampf 2013 nicht nur die Parteien Plakate auf, sondern auch Lobbyverbände wie ‚Die Familienunternehmen‘. Auch wenn sich Lobbykampagnen an die Öffentlichkeit wenden, sollen ihre eigentlichen Hintergründe und Ziele, manchmal auch Initiatoren und Geldgeber, nicht selten lieber unerkannt bleiben. Es bleibt für die Öffentlichkeit in vielen Fällen unbekannt, wer auf wichtige Entscheidungen maßgeblich Einfluss hatte.*

Wird wirklich nur, wer sich eigene Räume im Regierungsviertel leisten kann, zuverlässig gesehen und gehört? „Man muss nah an der Politik sein und Abgeordnete ‚positiv begleiten‘, mit viel persönlichem Kontakt. Freunde macht man sich am besten, wenn man sie noch nicht braucht. Erst schafft man Nähe durch Einladungen, gemeinsames Feiern, Preise wie ‚Pfeifenraucher des Jahres‘. Die ersten Forderungen kommen viel später“, erklärt Jazbinsek. So macht Kapital politische Einflussnahme leichter: Verbände behalten Jugend- und Nachwuchsorganisationen der Parteien im Auge wie Bundesliga-Scouts – um möglichst früh an Jungpolitiker zu treten.

Wer einen besseren Zugang und das bessere Kontaktnetzwerk hat, wer früher an Informationen kommt, ist klar im Vorteil. Im Vorteil gegenüber Wettbewerbern, aber auch allzu oft gegenüber schwächeren, am Allgemeinwohl ausgerichteten Interessen. Diese schwächer repräsentierten Interessen geraten leicht unter die Räder.*

Dietmar Jazbinsek ist Mitte 50. Er ist Gesundheitswissenschaftler und Journalist; arbeitet vor allem gegen Tabakkonzerne: die Zigarettenlobby. Während es kühler wird und er uns immer neue Empfangstresen und Fußmatten zeigt, veröffentlichen die ersten Zeitungen Analysen der TTIP-Demo vom Vortag: Was spricht gegen Freihandel? Lassen sich die Demonstranten von simplem Anti-Amerikanismus leiten? Warum marschierten so viele Rechte mit? „Die Proteste gegen TTIP bedienen vor allem rechtspopulistische Ressentiments“, fasst Spiegel Online zusammen.

Ich bin auch dagegen. Weil damit sozusagen die Wirtschaft quasi über die Politik gesiegt hätte und wir dann in allen möglichen Lebensbereichen kein Mitbestimmungsrecht mehr hätten“, erklärt eine Anti-TTIP-Demonstrantin dem Vlog-Reporter Tilo Jung: „Und das würde dann von den Konzernen hier strukturiert werden, das Leben hier, mehr oder weniger, in den sich jetzt noch demokratisch nennenden Ländern. Oder Deutschland. Das wäre schlimm!“

Das Kräfteverhältnis von Journalismus zu PR verschlechtert sich weiter, und auch die Grenzen verwischen häufiger. Vorgefertigte Informationen von Interessengruppen („PR-Material“) finden immer wieder ungefilterten Zugang zu den Medien. Vorproduzierte Beiträge, mediengerecht aufgemachte „Studien“ und attraktives Bildmaterial werden angesichts von Zeitdruck und Personalmangel teilweise ungeprüft übernommen. Über die Beeinflussung der Öffentlichkeit und spezifischer Zielgruppen wie Wissenschaftler/innen, Journalist/innen oder anderen Multiplikatoren üben „Public Affairs“-Agenturen indirekte Einflussnahme auf die Politik.*

LobbyControl will die „massiven Ungleichgewichte“ sichtbar machen – und inszeniert sich als mutiger, engagierter David im Kampf gegen Goliaths, die allesamt „in bester Lage“ Büros einrichten und Politiker hofieren können: „TTIP läuft auf eine Art Staatsstreich hinaus“, sagt Jazbinsek. Alle nicken. „US-Knast“, sagt Jazbinsek, wenn er „Gefängnis“ meint. Alle nicken. „Unsere liebe Frau Merkel“, „unser lieber Herr Kauder“… finden alle Zuhörer diesen „Heute Show“- Sarkasmus gewitzt?

Zu vieles hier klingt für mich harsch, polemisch, vage und pauschal – nach Buhlen, Jammern, Nörgeln, Quängeln: Die Anti-TTIP-Demonstranten gestern, die Anti-Lobby-Aktivisten heute haben den Ton von Bittstellern, Abgehängten, Unterlegenen. Genau so, wie ich mir Lobbyisten vorstellte, bisher: „Und hier ist noch ein teures Büro! In bester Lage!“, sagt Dietmar Jazbinsek triumphierend. Vor wie vielen Klingelschildern kann man stehen und entrüstet sein, in 120 Minuten?

Sobald Begriffe wie „US-Knast“ fallen, lege ich Zeitungsartikel fort. Schon bei „die Tabaklobby“, „die Atomlobby“ fragte ich mich bisher: Sind das nicht Kampfbegriffe? Schreckgespenster? Schubladen wie die „Homolobby“? Wenn Foodwatch den „Goldenen Windbeutel“ für „die dreisteste Werbelüge“ verleiht, klingt das für mich so populistisch, flach, bemüht und abstoßend wie die PR-Texte der Brauer zum „Botschafter des Bieres“. Ich war auf keiner TTIP-Demo. Ich klicke Online-Petitionen fort, deren Anliegen mir wichtig sind – statt meinen Namen unter Texte zu setzen und neben Rednern zu laufen, bei denen mir ein Satz, eine Wendung grell, böse, unpräzise, zu populistisch scheint. Egal, wie gut dieser Aktivismus gemeint scheint.

„In der U-Bahn wurde uns vorgeworfen, dass wir das Kind instrumentalisieren“, erzählt ein Elternpaar: An ihrem Kinderwagen steht auf großen, aber stümperhaft bemalten Pappquadraten „STOP TTIP“. Die Gruppe lacht über den Vorwurf. Ich denke: Doch. In meiner Kindheit war mein Vater CDU-Mitglied. Ich will nicht wissen, welche Schilder und Slogans er an meinen Kinderwagen geheftet hätte.

Deregulieruns- und Privatisierungsmaßnahmen verkleinern den demokratischen Raum. Die Entgrenzung der Märkte hat die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse zugunsten großer Unternehmen und der Kapitalseite verschoben. Produktionsstandorte werden verlegt, Gewinne steuersparend zwischen Tochtergesellschaften verschoben und Aktienkurse besser versorgt als die eigenen Angestellten.*

Sind Zuhörer so homogen, dass sich ein Redner kaum Mühe geben muss, sie noch zu überzeugen, sprechen Amerikaner von „preaching to the choir“: Kein Priester muss versuchen, mit seiner Predigt den Kirchenchor zu bekehren – denn der hängt eh schon an seinen Lippen. Und obwohl Jazbinsek ruhig, offen, einfach und, im Großen, überzeugend spricht… fehlt der Tour alle Spannung: Ist jeder hier, um sich erzählen zu lassen, was er eh schon weiß? Wollen wir uns als Protest- und Kapitalismuskritik-Experten fühlen – indem ein echter Experte unsere Ängste, Ahnungen, Ressentiments bestätigt? Und uns persönlich zum Demonstrieren gratuliert?

Lobyisten prägen mit, wie unsere Welt aussieht“, fasst Jazbinsek zusammen. Die Kommissionen im Bundestag laden „zu Experten ernannte Interessensvertreter ein. Vordergründig geht es um externen Sachverstand, Expertise.“ Aber, so „LobbyPlanet“: „Das Ideal einer ausgewogenen und gleichberechtigten Interessenvertretung, bei der sich das beste Argument durchsetzt, ist eine Illusion.“

Ich bin Journalist. Fakten müssen stimmen. Und ich bin Autor. Ich will, dass der Ton stimmt. Jazbinseks Anekdoten sind oft großartig – aufschlussreich, klar, mit überraschenden Zusammenhängen: „Taiwan und der Iran sind wichtige Märkte für US-Tabakkonzerne. Denn Rauchen gilt als patriarchal. Überall, wo Frauenrechte erst allmählich zum Thema werden, werden auch Zigaretten begehrter: Sie werden zum Symbol moderner, emanzipierter Frauen.“

Warum kommen mir Sätze wie „Verbände wollen die öffentliche Meinung prägen, Appelle in Medien platzieren“ grenzwertig vor: einen Tick zu grell, populistisch? Warum hätte ich einen Satz wie „Die Atomlobby will ihre Botschaften in Medien platzieren“ sofort als „paranoid“ verworfen?

Dazu kommen Stiftungen und sogenannte Denkfabriken (Think Tanks). Kampagnen sollen den Eindruck vermitteln, dass man eine mehrheitsfähige Meinung vertritt. Mit Slogans wie ‚Mehr Mut zum Markt‘ (Stiftung Marktwirtschaft) soll etwa der Rückbau des Sozialstaates in den Köpfen der Menschen als unumgänglich und zu ihrem eigenen Wohl geschehend verankert werden.*

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2011 entdeckten US-Wirtschaftspsychologen den „IKEA-Effekt“: Menschen falteten Origami-Tiere und sollten eine Summe festlegen, die sie für ihre fertigen Tiere zu zahlen bereit waren. Was sie selbst falteten, kam ihnen wertvoller vor als die Arbeit anderer. Scheinen uns IKEA-Möbel ein bisschen wertvoller – weil wir Mühe hatten, sie aufzubauen? Sind wir so stolz auf unsere Leistung, dass Dinge für uns kostbarer werden… die uns etwas abverlangen?

Ich gebe noch eine Liste herum“, sagt Dietmar Jazbinsek zum Abschied: „Tragen Sie Ihre Mailadressen ein, dann schicken wir weitere Informationen.“ – „Sie meinen aber nicht den LobbyControl-Newsletter?“, fragt eine Grauhaarige zurück. „Den haben wir doch schon lange!“ Wieder nicken alle. Preaching to the choir.

Nach Auskunft des Bundestags haben fast 1000 Lobbyisten dauerhaften Zugang zu Gebäude, [weil ihnen die parlamentarischen Geschäftsführer der Fraktionen Hausausweise ausstellen]. Sie können ihrer Tätigkeit im Verborgenen nachgehen. Der Bundestag weigert sich, die Namen der Einflüsterer bekannt zu geben. Es wird nicht einmal eine Liste ihrer Organisationen veröffentlicht, schreibt Robert Roßmann in der SZ.

So lange Büros im Regierungsviertel den Verbänden wichtig sind, um Nähe, Präsenz zu zeigen… sind Demonstrationen, Lobbyführungen, aus-dem-Haus-Gehen den Gegnern von Verbänden wohl genauso wichtig – aus den selben Gründen. Empfehlen kann ich den Spaziergang nicht – wenn alles auch ausführlicher, faktensatt im „LobbyPlanet“ steht und online. Doch vielleicht geht es weniger um meinen persönlichen Widerwillen, zuzuhören, wenn Menschen „unsere liebe Frau Merkel“ sagen, oder „sich jetzt noch demokratisch nennende Länder“.

Sondern darum, sich anzuziehen. Eine Tour zu buchen. Zu bezahlen. Auf Fußmatten und neben Hundehaufen zu stehen, zu frösteln und durch die Glasscheiben auf „die da drinnen“ zu schauen, die mit „denen da oben“ per du sind. Dass ich bisher bei Lobbyisten an schwitzige Schlipsfiguren dachte, die jeder ignoriert, und bei „die Tabaklobby“ an polemische Kampfbegriffe, zeigt, wie dringend es Gegengewichte braucht. Fakten und Kontexte, wie sie LobbyControl seit zehn Jahren sammelt, gewichtet, erklärt und verbreitet.

Abgeordnete sind nicht dumm“, sagt Jazbinsek. „Sie wissen, dass Wirtschaftsvertreter einseitig argumentieren – und hören bewusst auch Gegenstimmen an.“ Im besten Fall sind die Kommissionen Sammelbecken für jede Sorte Experte. Im schlechtesten Fall machen Lobbyisten Stimmung im Parlament. Und Anti-Lobbyismus-Lobbyisten Stimmung vor der Tür. Stimmungsmache gegen Stimmungsmacher. Feuer – bekämpft mit Feuer.

Mit * markierte Zitate: LobbyPlanet Berlin 2015, teilw. gekürzt

lobbycontrol berlin führung 2015

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Stefan Mesch, geboren 1983, ist Autor und Kulturjournalist. Er schreibt für ZEIT Online, der Freitag, Deutschlandradio Kultur und den Berliner Tagesspiegel und ist Experte für u.a. US-Literatur, Superheldencomics, die Seifenoper „Verbotene Liebe“ und das Entdecken vergessener Bücher.

mehr Infos zum „Experten“-Projekt der Edition Büchergilde: hier.

Bücher in Kreuzberg: Berliner Büchertisch

berliner büchertisch vorraum

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Jeden Monat finde ich 20 Bücher: Exoten, Geheimtipps, vergessene Klassiker.

Oft zu konkreten Themen, Genres oder möglichst aktuell.

Anfang Oktober war ich bei ocelot – not just another bookstore und fand im Sortiment 20 aktuelle Empfehlungen zur Buchmesse. Diese Woche – Samstag und Montag – war ich beim „Berliner Büchertisch“ und suchte in der Gneisenaustraße 7a nach unbekannter oder vergriffener Literatur.

Der Berliner Büchertisch hat drei Niederlassungen / Ladengeschäfte und nimmt Buchspenden an: Bücher werden u.a. an Schulen und Gefängnisbibliotheken weiter gegeben oder (recht billig) gebraucht verkauft. Die Titel in der Gneisenaustraße waren alle in sehr gutem Zustand. Jedes Hardcover, das ich aufschlug, kostete 4 Euro, jedes Taschenbuch 3.

Gut kuratierte, preiswerte Literatur in Räumen, in denen man auch zwei, drei Stunden lang ungestört lesen und z.B. Kaffee trinken kann. Schlimm nur: die Kunden. Vielleicht lag es an der Vorweihnachtszeit… doch ich habe selten so viele ergraute, gepflegte, komplett aufgelöste Menschen viel zu hektisch nach gebrauchten Taschenbüchern hasten sehen. Als wären sie morgen alle weg.

Falls eines mal wirklich fort ist: Keine 100 Meter weiter, am Mehringdamm 51, sind Büchertisch-Lager, -Büro und ein weiteres gut sortiertes Ladenlokal im zweiten Hinterhof.

Schönes Projekt. Tolle Buchauswahl!

Hier sind 20 Bücher, die aktuell noch in den Regalen in der Gneisenaustraße stehen.

Meine Favoriten, nach zwei Tagen Stöbern und Lesen:

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01: MORTEN RAMSLAND, „Hundsköpfe“

Hundsköpfe

02: MARIA BARBAL, „Wie ein Stein im Geröll“

  • 112 Seiten, Spanien 1984, bei Transit / Diana.
  • der zweite Weltkrieg erreicht ein Dorf in den Bergen – und die Familie einer jungen Frau.

Wie ein Stein im Geröll

03: ARTHUR MILLER, „Focus“ / „Brennpunkt“

  • ca. 280 Seiten, USA 1945, ehem. bei Rowohlt.
  • New York im zweiten Weltkrieg: Seit er eine neue Brille trägt, halten Fremde Lawrence Newman für einen Juden… und diskriminieren ihn.

Focus

04: SABINE FRIEDRICH, „Nachthaut“

Nachthaut

05: BARBARA SLAWIG, „Visby“

Visby

06: FERDINAND BORDEWIJK, „Charakter“

  • 368 Seiten, Niederlande 1936, bei CH Beck / dtv.
  • Rotterdamm: ein junger, aufstrebender Anwalt ringt mit seinem brutalen Vater.

Charakter Roman Von Sohn Und Vater

07: FRANCESC MIRALLES, „Samuel und die Liebe zu den kleinen Dingen“

  • 304 Seiten, Spanien 2006, bei List.
  • überraschend schrulliger Mainstream-Roman über einen Literaturwissenschaftler und seine Katze.

Samuel und die Liebe zu den kleinen Dingen

08: PATRICIA DUNCKER, „Die Germanistin“ / „Hallucinating Foucault“

  • 198 Seiten, Frankreich 1996, bei u.a. dtv.
  • Studenten / Literaturwissenschaftler spüren einen Autor in der Psychiatrie auf.

Die Germanistin

09: ASSAF GAVRON, „Ein schönes Attentat“ / „Almost Dead“

  • 352 Seiten, Israel 2006, bei u.a. btb.
  • schwarze Komödie über einen Israeli, der zu viele Anschläge überlebt – und zum Star wird.

Krokodil van de aanslagen

10: ALY CHA, „Schnee im April“

  • 427 Seiten, Deutschland 2011, bei Kein & Aber / Piper.
  • Famlienpanorama über die Spannung zwischen einer Großmutter, einer Mutter und einer Tochter in Japan.

Schnee im April

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Berliner Büchertisch, Gneisenaustraße

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11: NICHOLAS DRAYSON, „Confessing a Murder“ / „Der goldene Skarabäus“

  • 352 Seiten, Großbritannien 2002, bei Suhrkamp (Insel).
  • Zoologe und Schulfreund Darwins reist im 19. Jahrhundert zum Krakatau.

Confessing A Murder

12: A.J. CRONIN, „The Citadel“ / „Die Zitadelle“

  • 544 Seiten, Großbritannien 1937, bei u.a. dtv.
  • ein junger schottischer Arzt gerät in South Wales und London auf Abwege.

The Citadel

13: ASA LINDERBORG, „Ich gehöre keinem“

  • 284 Seiten, Schweden 2007, bei u.a. dtv.
  • junges Mädchen wächst bei ihrem alleinerziehenden Vater auf: einem Alkoholiker.

Mig äger ingen

14: EGINALD SCHLATTNER, „Der geköpfte Hahn“

  • 528 Seiten, Rumänien 2001, bei Zsolnay / dtv.
  • eine Kindheit unter den Nazis, in Siebenbürgen.

Der geköpfte Hahn.

15: EVELINE HASLER, „Die Vogelmacherin“

La strega bambina

16: YASUSHI INOUE, „Die Eiswand“

  • 415 Seiten, Japan 1956, bei Suhrkamp.
  • zwei beste Freunde, ein Bergunglück und seine Folgen.

Die Eiswand

17: GYÖRGI KONRÁD, „Glück“

  • 160 Seiten, Ungarn 2003, bei Suhrkamp.
  • eine jüdische Kindheit in Ungarn unter den Nazis, 1943 und 44.

Geluk

18: KARL HEINZ BITTEL, „Eine Art Verrat“

Eine Art Verrat: Roman

19: WILLIAM KOWALSKI, „Eddies Bastard“

  • 479 Seiten, USA 2000, bei Lübbe.
  • US-Kleinstadtroman über das Aufwachsen eines Findelkindes.

Eddies Bastard

20: PHILIPPE VIGAND, STÉPHANE VIGAND, „Verdammte Stille“

Verdammte Stille

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…mehr über den Berliner Büchertisch hier (Link) und hier (Interview mit Cornelia Temesvári, Link).

Berliner Büchertisch, Gneisenaustraße b

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