Berlin

Berlin – als literarische Stadt

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Im Frühling 2018 wurde ich eingeladen, einen kurzen Text zu schreiben, was mir Berlin als Literatur-Ort bwz. als „Das kenne ich aus Büchern!“-Ort bedeutet.

Im Januar 2020 erklärten die Herausgeberinnen, dass sie das Projekt nicht drucken, verwirklichen konnten – deshalb hier, kurz im Blog:

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Psychogeografie: Berlin

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1_Fast alle Orte, an denen ich eine Weile leben will, wurden für mich zu solchen Orten, als ich Texte, Filme, Serien, Geschichten fand, die mir den Alltag dort zeigten.

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2_Psychogeografie heißt: Geschichte und Orte verbinden; Geschichten über Landkarten, Fußwege, Routen legen. Flanieren, Städte lesen, im Gehen Neues knüpfen. Aufschreiben, festhalten, wem welche Wege was bedeuten. Wo sich Plätze mit persönlichen Bedeutungen aufladen. An welchen Punkten eines Orts sich Lesarten, Privatmythologien überlagern, widersprechen.

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3_Im Jahr, als ich mir eine Stadt fürs Studium suchte (2003), war Berlin für mich:

„Berlin Alexanderplatz“ | „Lola rennt“ | „Helden wie wir“ | „Shadowrun: Deutschland in den Schatten“ | „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ | „Berlin, Berlin“ | „Götterdämmerung: Morgen stirbt Berlin“ | „Sonnenallee“ | „Confessions of a dangerous Mind“ | „Wie ein Licht in dunkler Nacht“ | John Harris‘ „Vaterland“ | „Aimee & Jaguar“ | „Good Bye, Lenin!“ | „Edel & Starck“

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4_Mit 13 (1996) war ich auf einer Star-Trek-Convention im Neuköllner Hotel Estrel. Ich erinnere mich an den Flughafen Tegel; den Alexanderplatz; eine grelle, schäbige Revue im Friedrichstadtpalast; Baustellen. Nach der Schule bewarb ich mich an der HFF Potsdam, doch fiel durchs Eignungsgespräch. Eine etwas hämische Freundin sammelte mir nach der Absage Berlin-Fotos und schenkte eine Collage namens „Zimmer-Berlin“: „Wie bei Zimmer-Pflanze! So siehst du Berlin trotzdem.“

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5_Ich studierte in Hildesheim: zweieinhalb Stunden westlich. Für Lesungen, Seminare, Verlagsbesuche musste ich hin und wieder nach Berlin. 2012 sagte ich: „Ich werde mit der Stadt nicht warm.“ Ein Freund warf ein: „Vielleicht kennst du sie nur noch nicht?“ Ich stimmte zu: „Ich war erst 13 oder 14 Mal da.“ Dann merkte ich: 13, 14 Wochenenden? Reicht das nicht, um zu sagen: Berlin ist nichts für mich?

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6_Für mich heißt jeder neue Ort: Romane, Filme, Serien finden, die dort spielen. Weil ich ein Gefühl für Stimmungen, Städte, Orte brauche. Viel mehr aber, weil ich die Stadt ernst nehme, ganz anders genieße, sobald ich das Gefühl, die Stimmungen, die mir solche Geschichten vermitteln, im Alltag mitdenken, über alle Routen legen kann.

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7_Seit 2014 lebe ich in Berlin. Berlin ist heute für mich:

Stephanie Barts „Deutscher Meister“ | Anna Funders „Stasiland“ |  „Das Leben der anderen“ | Erich Kästners „Emil und die Detektive“ | Tim Staffels „Rauhfaser“ | Katrin Bongards „Subway Sound“ | Christopher Isherwoods autobiografische Texte | Anonymas „Eine Frau in Berlin“ | Terézia Moras „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ | „Die Bourne Verschwörung“ | Sven Regeners „Herr Lehmann“ |  „Eichwald MdB“ | Ariel Magnus‘ „Zwei lange Unterhosen der Marke Hering“ | Kirsten Fuchs‘ „Die Titanic und Herr Berg“ | William Gibsons „Arkangel“ | Jenny Erpenbecks „Heimsuchung“ | Sebastian Haffners „Die Geschichte eines Deutschen“ | Mawils „Kinderland“ | Christian Kracht u.a.s „Tristesse Royale“ | OLs „Die Mütter vom Kollwitzplatz“ | „Verliebt in Berlin“ | Anke Stellings „Bodentiefe Fenster“ und Stellings noch-viel-besseres „Erna und die drei Wahrheiten“ […und, Ende 2018: die tolle Daily Soap „Alles oder Nichts“]

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8_Viele Orte wurden nur Sehnsuchtsorte für mich, weil ich Geschichten las oder sah, die dort spielten: New York, Tokio, Hong Kong. Nizza, Glastonbury, Wilmington. Pforzheim sogar, seit einem Übersetzungsprojekt. Ich denke bei Düsseldorf an „Verbotene Liebe“. Ich hasse in Essen, dass dort zwar „Alles was zählt“ spielen soll, doch durch die Drehs in Köln kaum was zu Essen vermittelt. Ich war enttäuscht, als ich einen Bekannten aus Darmstadt, Mitte 20, fragte, wie prägend für ihn „Diese Drombuschs“ waren… und er die Serie (1983 bis 94) nicht kannte.

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9_2009 bis 2013 lebte ich drei Monate pro Jahr in Toronto. Mir half jeder Schnipsel Narration, Geschichte, die Stadt als etwas Besonderes zu sehen: Comics von Jeff Lemire; „Scott Pilgrim“. Romane von Margaret Atwood, Nino Ricci, Cory Doctorow. Ich suchte „Toronto“ unter den Keywords und Filming Locations der IMdB. Als Amazon-Tag und als Ortsangabe bei Goodreads. In Städten schlage ich bei Wikipedia nach, wer dort geboren wurde, schrieb, erzählte. Ich erklärte mir Toronto, indem ich mit- und nachlas, wie Torontos Stadtplanungs-, Zoning- und Flaneur-Expert*innen auf Reddit, Flickr, Twitter und in eigenen Magazinen wie „Spacing“ darüber stritten, wer die Stadt erzählt.

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10_Lebenswerte Städte, schreibt Shawn Micallef in „Stroll. Psychogeographic Walking Tours of Toronto“ (2010), brauchen Density: Dichte. Interessante, abwechslungsreiche Ziele und Soziotope in der Stadt müssen so fußläufig wie möglich erreichbar und verknüpft sein. Darum liebe ich Venedig – eine Stadt, so eng und schnell wie in einem Videospiel. Und darum schwächt, nervt und ermüdet mich Berlin: Jede Strecke hier kostet mich 40 Minuten. Wurden die Alleen im Berliner Osten, perfekt für Panzer und sozialistische Paraden, entworfen, damit sich einzelne Fußgänger möglichst verloren, klein, unwichtig fühlen?

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11_Auf meiner Bald-Sehen-, Bald-Lesen-Liste für Berlin stehen:

Walter Benjamins „Berliner Kindheit um 1900“ |  „Berlin Station“ | „Im Angesicht der Verbrechens“ | Hans Falladas Romane | Christiane F. | „Eins, zwei, drei“ | „Menschen am Sonntag“ | „Der Tunnel“ | „Cabaret“ | „Homeland“ | „Sense8“ | „Victoria“ | Susanne Gogas „Es geschah in Schöneberg“ | John Henry Mackays „The Hustler“ | „Taxi zum Klo“ | „Atomic Blonde“ | I.J. Singers „Die Familie Karnovski“ | „Sommersturm“ | „Sommer vorm Balkon“ | „Nix Festes“ | Klaus Kordons „Krokodil im Nacken“ | Erich Maria Remarques „Drei Kameraden“ | William L. Shirers Tagebuch | Erich Kästners „Fabian“ | „Bridge of Spies“ | Deniz Utlus „Die Ungehaltenen“ | Alexandra Richies „Faust’s Metropolis“ | Jason Lutes‘ „Berlin“ | Lion Feuchtwangers „Die Geschwister Oppermann“ | „Dogs of Berlin“ | Felix Denks „Der Klang der Familie“ | Charlotte von Mahlsdorfs „Ich bin meine eigene Frau“

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12_Kanadischen Bekannten, fasziniert von Berlin, schenke ich Anna Funders „Stasiland“ oder die Alltags-Doku „24 h Berlin: Ein Tag im Leben“. Deutschen Teenagern, die Klassenfahrten planen, Katrin Bongards „Subway Sound“.

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13_Fast alle frühen Romane Nabokovs spielen in Berlin: In den 1920ern lebten russische Emigrant*innen meist um den Nollendorfplatz. 2006 fuhr ich an die Cornell University, an der Nabokov später unterrichtete, „Lolita“ schrieb. Cornell und die Romane brachte ich im Kopf gut zusammen. Beim Nollendorfplatz aber scheitere ich: Ich sehe heute nur ein reiches Viertel für ältere Schwule. Ich sehe kaum Bezug zu 1920.

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14_Die Ecken Berlins, mit denen ich am meisten assoziiere, stammen heute nicht mehr aus Filmen, Büchern. Sondern aus Instagram- und Facebook-Accounts: „Britz? Da steht Johannes‘ Reihenhaus!“, „Bürgerpark Pankow? Christians Viertel!“ Berlin setzt sich für mich aus Texten, Gescichten zusammen. Viel mehr aber aus Social-Media-Splittern. Pokemon-Go-Spaziergängen. Restaurants, gefunden auf Yelp.

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15_Und Buchläden – die ich weniger zum Bücherkauf brauche. Als dazu, selbst Fotos zu machen, für meine eigenen Social-Media-Accounts: Die digitalen Orte, an denen wir uns gegenseitig erzählen, was uns welche Orte und Städte bedeuten.

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Kranksein im Comic: Ausstellung „SICK! Reclaiming Illness through Comics“, Medizinhistorisches Museum der Charité Berlin

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Im Sommer 2016 fällt die Superheldin She-Hulk nach einem Kampf ins Koma. Ihr Hirn heilt rasch. Doch eine posttraumatische Belastungsstörung reißt ihr seitdem den Boden unter den Füßen weg – erzählt auf über 200 Seiten, im aktuellen Mainstream-Comic „Hulk“.

Oder stell dir vor, du kämpfst mit Behörden, bis dein autistischer Sohn auf inklusive Schulen darf. Mit 13 wird er geschlechtsreif: Tabuisierst du Selbstbefriedigung? Oder hilfst du, Rückzugsorte zu finden? Der Pädagogik-Ratgeber-Manga „With the Light“ von Keiko Tobe gibt feinfühlige Tipps. 3000 Seiten lang.

Was aber lässt sich schon auf EINER einzelnen Comic-Seite zeigen?

Noch bis März stellt das Medizinhistorische Museum der Charité Berlin 13 solcher einzelnen Seiten aus 13 – meist sehr kurzen – Comics aus:

10 Frauen und 3 Männer aus 8 Ländern finden hier ganz eigene Bilder, Metaphern und Haltungen. Zu Pflege und zu Heilung. Zu Trauma und zu Sterblichkeit. Was diese Bildsprachen – Ikonografien – neu, spannend oder künstlerisch besonders macht, erklären kuratorische Texte auf 12 großen Aufstellern. Und ein lese- und einsteigerfreundlicher Ausstellungskatalog.

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„Legen Sie sich hin und entspannen Sie sich!“ Jeden Morgen um 6 Uhr 45 lag ich zum Ultraschall und für die Blutuntersuchung in der Klinik. „Machen Sie sich frei. Legen Sie sich hin und entspannen Sie sich! LEGEN SIE SICH HIN UND ENTSPANNEN SIE SICH!“ Ich wurde zur Laborratte für Fruchtbarkeitsbehandlungen.“

Im Comic „Broken Eggs“ von 2014 zeigt Emily Steinberg in sarkastisch verzerrten, wilden Tableaus, wie ihr Wunsch, schwanger zu werden, von einer privaten Frage… zu einem medizinischen Hindernisparcours wurde, der ihr Leben beherrschte – auf knappen 67 Seiten.

Cartoonist Christoph Geiger nimmt sich nur EINE Seite für seinen Comic „Work to do that can’t wait“:

Ein Mann baut Wände aus blauem Stein. Sein Freund fragt: „Wollen wir essen?“ Doch dafür nimmt er sich keine Zeit. „Dann Frühstück?“ – „Nein. Keinen Hunger.“ Am Ende hat er sich selbst eingemauert. „Fertig jetzt?“ – „Ich weiß nicht. Gut, dass du kommst. Hilf mir hier raus.“

Ausgestellt werden diese – etwas schmalbrüstigen – kurzen Grafiken in der Sammlung von Dr. Rudulf Virchow. Ein langer, grauer Raum voller Regale mit Präparaten aus dem 19. Jahrhundert: Wasserköpfe, Embryos, in Glas versiegelte Tumore, tote Haut. Die Illustratorin Stef Lenk erklärt, wie die simplen Aufsteller mit 13 Comics neben den – beklemmenden – Exponaten wirken:

„Es war uns aber wichtig, dass wir die Comics zusammen mit dieser Sammlung präsentieren konnten. Diesen Kontrast zwischen – ich sag mal – der Wahrheit oder medizinischen Tatsache – mit Kunst und autobiografischer Erzählung. Damit die Leute das vergleichen können. Dass es eine Zusammenbrücke gibt. Man sieht einfach Organe, man denkt: Was ist das denn? Und im Vergleich mit diesen ganz einfachen Darstellungen oder Repräsentationen wird es klar – die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.“

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„Sick! Kranksein im Comic“ heißt die zweisprachige Ausstellung. Mangas und Superhelden bleiben ausgespart. An einer Literaturgeschichte oder einem Best-of ist die (wirklich: kleine!) Ausstellung nicht interessiert. Stattdessen geht es um zwei konkrete Fragen:

„Das emotionale und persönliche Erleben von Kranken, Angehörigen und medizinisch Tätigen kommt in der entpersonalisierten Sammlung des Pathologen Rudolf Virchow nicht vor. Wir stellen den Präparaten Comics gegenüber, die individuelle Geschichten erzählen.“ …schreibt Kuratorin Dr. Uta Kornmeier.

In allen 13 Werken werden Menschen von etwas Fremden, Unpersönlichem gerammt: Krankheit und Sterblichkeit. Dazu beziehen sie – sehr persönlich – künstlerische Position. Zufäliges Pech und Leid werden so zum selbstbestimmten Narrativ. Auch im englischen Untertitel der Ausstellung, „Reclaiming Illness through Comics“, schwingt so die Frage: Was setzt man Krankheiten entgegen? Persönlich? Und künstlerisch?

Der Arzt und Comiczeichner Ian Williams suchte 2012 einen Gattungsbegriff für Comics, die solche Fragen auch mit besonders medizinischem, psychologischem und didaktischem Anspruch weiter denken: „Graphic Medicine“. Als Gastredner eröffnete er nicht nur die Ausstellung, sondern auch einen begleitetenden „Graphic Medicine“-Kongress der FU Berlin.

„Sick! Kranksein im Comic“ wendet sich an Neulinge – auch durch den Ausstellungs-Katalog, der viele Comic-Grundregeln einfach erklärt. Die 250 Menschen, die zur Eröffnung den Vorträgen zeichnender Ärzte und Pflegekräfte applaudierten, sind aber auch: medizinisches Fachpublikum. Interessiert an neuen Perspektiven auf ihre Arbeitswelt. Bilder und Bildfolgen – erklärt Cartoonistin und Krankenpflegerin MK Czerwiek – können auf engstem Raum anschaulich, persönlich, subjektiv UND lehrreich sein:

„Mein Comic ‚Taking Turns‘ bündelt die Oral History der Krankenstation, auf der ich gearbeitet habe. Dazu mein persönlicher, autobiografischer Blick. Und Wissen über HIV und AIDS, von dem ich wünschte, es würde an Schulen gelehrt: Junge Leute an der Uni haben oft gar kein Bild der AIDS-Krise der 80er und 90er Jahre.“

Es gibt tolle, lange Graphic Novels zum Thema: „Stiche“ von David Small. Oder „Das große Durcheinander: Alzheimer, meine Mutter und ich“ von Sarah Leavitt.

Die „Sick!“-Veranstalter*innen kennen Kanon und Klassiker.

Doch sie haben ein anderes Ziel: Nachwuchs und Geheimtipps sichtbar machen. Immer: möglichst kurze Werke, die sich auf EINEN Blick vermitteln.

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zwölf Graphic Novels / Comics zum Thema, die ich las und empfehle:

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…und zwei Favoriten zu Sterblichkeit & Tod: „Daytripper“ (Fabio Moon, Gabriel Ba) und „Royal City“ (Jeff Lemire)

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Graphic Novels, die das „Sick!“-Team selbst empfiehlt – und die auch im Rahmen der Ausstellung zum Reinlesen bereit stehen sollen:

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HENRY BEAUMONT: „Hole in the Heart“  |  ALISON BECHDEL: „Fun Home“  |  GARRETH BROOKS: „A Thousand Coloured Castles“  |  ALLIE BROSH: „Hyperbole and a Half“  |  ROLAND BURKART: „Wirbelsturm“  |  IAN WILLIAMS u.a.: „Graphic Medicine Manifesto“  |  MK CZERWIEC: „Taking Turns“  |  PETER DUNLAP-SHOHL: „My Degeneration“  |  LIZA FUTTERMAN & EVI TAMPOLD: „Keeper of the Clouds“  |  MELANIE GERLAND: „Offene Arme“  |  PHOEBE GLOECKNER: „A Child’s Life“  |  RETO GLOOR: „Das Karma-Problem“  |  JUSTIN GREEN: „Blinky Brown meets the Holy Virgin Mary“  |  DAVID HAJDU: „The Ten-Cent Plague“  |  JENNIFER HAYDEN: „The Story of my Tits“  |  PAULA KNIGHT: „Facts of Life“  |  PAULA KNIGHT: „X-Utero“  |  MARISA MARCHETTO: „Cancer Vixen“  |  NATE POWELL: „Swallow me whole“  |  DANIELA SCHREITER: „Schattenspringer“  |  LORENZO SERVITJE u.a.: „The Walking Med“  |  DAVID SMALL: „Stitches“  |  ANNA SOMMER: „Eugen und der freche Wicht“  |  ANNA SOMMER: „Julie ist wieder da“  |  ART SPIEGELMAN: „Maus“  |  EVI TAMPOLD: „The Hallway Closet“  |  FABIEN TOULMÉ: „Dich hatte ich mir anders vorgestellt“  |  UNA: „Becoming, Unbecoming“  |  IAN WILLIAMS: „Bad Doctor“  | DAWN WING: „What you left behind“  |  JUTTA WINKELMANN: „Mein Leben ohne mich“  |  ANEURIN WRIGHT: Things to do in a Retirement Home Trailer Park when you’re 29 and unemployed“

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Mir selbst war die Ausstellung zu klein gehalten: wenige Stellwände, wenig zu sehen – fast kein Comic, das sich 200, 400 Seiten Zeit nimmt.

Ich mochte, 2016 im schwulen Museum Berlin – bunter, umfassender, origineller:

„Superqueeroes“, über queere Comics

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Thorsten Dönges – Künstlerische Leitung des queeren Literaturfestivals „Empfindlichkeiten“, Literarisches Colloquium Berlin

Thorsten Dönges, Literarisches Colloquium Berlin, Foto von Mandy Seidler

Thorsten Dönges, Literarisches Colloquium Berlin, Foto von Mandy Seidler

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In all times men have been in love with men, women with women.

As E.M. Forster wrote: „There always have been people like me and there always will be“.

Christopher Isherwood called EM Forster the great prophet of our tribe. So have these people really aways been forming one tribe? One community? Or is it much more complicated?

I am glad that so many writers, scientists, translators, friends are joining our festival „Empfindlichkeiten“. In our times, there is maybe something many [queer] people might have in common. It is the experience of what we call Coming Out – and usually you don´t tell your Mama: „Listen, Mama, I am hetero, but don´t be sad or angry…”

Maybe these people even in our days are the people who know how it feels to look different or to walk hand in hand with another person and to be afraid of hostile reactions. There still is homophobia and there is transphobia – in Africa, Russia and Orlando. And in Europe, Germany and Berlin.

We have asked the participants of this festival, writers and scientists, to write short essays on our subject. Many of the essays we received reflect on political questions, on history and they think about which writers could be part of a kind of queer literary tradition. And there is the discussion, how integrated and normalized – or how dissident, subversive and radical queer life should be these days.

…and let me celebrate those who have made this festival possible, with their work, their enthusiasm, their help:
Thank you Samanta Gorzelniak. Christine Wagner, Laura Ott. Mandy Seidler. Samuel Matzner. Yann Stutzig. Ronny Matthes. Christian Schmidt. Thank you Florian Höllerer. Thank you, dear colleagues. Thank you Siegessäule for being our media partner! Thank you: JAK Slovenian Book Agency, Pro Helvetia. Canadian Embassy. Antidiskriminierungsstelle des Bundes. S Fischer Stiftung. Kulturstiftung des Bundes

Thorsten Dönges‘ opening speech – shortened version

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Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin. Foto von Tobias Bohm.

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 16.07.2016, Berlin. Foto von Tobias Bohm.

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Thorsten Dönges, geboren 1974 in Gießen, studierte Germanistik und Geschichte in Bamberg. Seit 2000 ist er Mitarbeiter des Literarischen Colloquiums Berlin, wo er im Programmbereich insbesondere für die neuere deutschsprachige Literatur zuständig ist.

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Ich habe das Literaturfestival „Empfindlichkeiten“ als Liveblogger begleitet; und sprach kurz vor Eröffnung mit Thorsten Dönges über Vorgeschichte und Ursprünge des Programms. Samanta Gorzelniak, Thorstens Partnerin in der Künstlerischen Leitung des Festivals, hat schriftlich auf meine Fragen geantwortet (Link hier). Mit Thorsten hatte ich ein zwangloses Gespräch. Hier ein – gekürztes – Protokoll/Transkript:

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Thorsten Dönges: Vor ein paar Jahren las ein Münchner Schriftsteller, Hans Pleschinski, hier am LCB aus seinem Thomas-Mann-Roman “Ludwigshöhe”. Es geht um alles Mögliche: Düsseldorf, die Aufarbeitung deutscher Vergangenheit… und eben auch: eine schwule Liebesgeschichte. Am nächsten Tag stand ich in der LCB-Küche. Und ein Kollege sagte, ganz freundlich: “Das war ja ein schwuler Abend, gestern.”

Da machte es Klack. Niemand würde nach einem Abend, bei dem ein Buch mit heterosexueller Liebesgeschichte vorgestellt wird, sagen: “Was für ein Hetero-Abend gestern. Schon spannend!” Mir wurde klar, dass die Rezeption einfach anders ist – und damit sicher auch der Schreibprozess. Autoren fragen sich: “Für wen schreibe ich das? Wer wäre vielleicht sogar dagegen, falls in meinem Roman ein Frauenpaar auftaucht?” Was macht das mit dem Text – mit der Produktion, und mit der Rezeption?

Es gab so viele Abstimmungen in den letzten Jahren: Ein Land führt die Ehe für alle ein. Andere lehnen sie ab. Schriftsteller beobachten das sehr wach. Sie nehmen daran teil – doch wie mischt man sich ein, als Autor? Dichter in Russland, deren Arbeit dann plötzlich als jugendgefährend gilt, als homosexuelle Propaganda… das sind so unterschiedliche Arbeits- und Schreib-Bedingungen…

„Autorentreffen“, das heißt: 20 oder 30 Leute sitzen um einen Tisch und sagen “Mir geht es folgendermaßen, als lesbische Autorin” – “Mir geht es anders. Ich will gar nicht so sehr als lesbische Autorin wahrgenommen werden.” – “Ich aber sehr wohl! Ich kämpfe total.” Das fand ich spannend – aber nicht spannend genug. Also sagten wir: Wir machen ein Festival. Wo dieser Austausch vorkommt. Aber eben auch: Performances, Musik, Lesungen – ein größerer Rahmen.

Hubert Fichte fragt in „Die zweite Schuld“: Gibt es einen Stil der homosexuellen Literatur? Henry James, dieses indirekte Sprechen… und das ist unser Aufhänger, als These und kleine Provokation. Klar, dass niemand antwortet „Zeig mir fünf Zeilen eines Schriftstellers und ich weiß: Sie ist lesbisch – oder eine Hetera mit acht Kindern.“ Doch als Gedankenspiel, um die Diskussion zu öffnen, fand ich Fichtes Frage interessant. Warum überhaupt Fichte? Ich weiß: Er wird selten übersetzt und hat international wenig Einfluss. Aber seine Geschichte mit dem LCB… in „Die zweite Schuld“ gibt es dieses große Interview mit Walter Höllerer. Er schreibt über die Anfänge des Hauses und die etwas niedliche Art, eine Schreibschule zu installieren.

Was mich herausforderte: Fichte liebt die Provokation – und denkt, die sind dort eigentlich alle… Fichte hatte überall diesen Homophobie-Verdacht: bei Grass und all den Lehrern hier. Er konfrontiert sie alle damit. „Wie haltet ihr es eigentlich so mit Arschfickern?“ Das wäre ein Satz, den er benutzt hätte, 1963. Und gerade das wieder hier ins Haus reinzubringen, fand ich sehr…

Ich hätte gern noch Alan Hollinghurst hier gehabt: Er schreibt an einem neuen Buch und sagte sehr britisch-freundlich ab. Genauso Ali Smith. Murathan Mungan, der wichtigste… ein enfant terrible in der Türkei. Meine Ko-Kuratorin Samanta Gorzelniak und ich haben uns gut ergänzt. Uns beiden lagen Autor*innen am Herzen, die der andere noch gar nicht kannte. Ich selbst mag Gunther Geltingers Bücher und freue mich sehr, dass er dabei ist. Antje Rávic Strubels aktuelles Buch, „In den Wäldern des menschlichen Herzens“, ist großartig. Aber das ist gemein: Wenn ich jetzt einzelne heraushebe.

Ich hatte noch nie vor einem Projekt so viel Respekt – denn irgendjemand fühlt sich immer ausgeschlossen. Oder alle sagen: „Kalter Kaffee: Wir haben doch schon Gleichgestellung.“ Doch die Reaktionen und die Essays und Statements der eingeladenen Autor*innen fand ich großartig – wie viel Herzblut. Und auch, 2016: wie viel Ratlosigkeit.

Wir wollten anfangs ein europäisches Festival. Asien, das wäre nochmal ein ganz anderes… das hätte mich überfordert. Aber dann weitete es sich aus: Wir wollten nach Russland schauen. So kam Masha Gessen ins Spiel – die aber in New York lebt. Dann Ricardo Domeneck – der aus Brasilien kommt, aber in Berlin lebt. Das waren finanzielle Grenzen. Am Anfang schrieben wir von „europäischen Autor*innen“. Jetzt sind wir international. Man könnte auch Michael Cunningham aus den USA einladen. Leute aus Vietnam, Thailand. Wäre sicher spannend – was Japaner zu unseren Fragestellungen sagen. Ob man überhaupt Leute findet, die gern kämen.“

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all my 2016 interviews on Queer Literature:

…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: “Empfindlichkeiten” Festival 2016:

Queer Literature, 2016: Hilary McCollum

Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin

Hilary McCollum, Empfindlichkeiten-Festival, LCB, 15.07.2016, Berlin – photo by Tobias Bohm.

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Hilary McCollum is an Irish writer, playwright and activist – and she’s both speaking and reading at the 2016 „Empfindlichkeiten“ Literature Festival in Berlin.

„In 2010 I returned to Ireland after living in England for 25 years. The move has given me more time to write, enabling me to begin writing for the stage with the support of Sole Purpose Productions, based at Derry Playhouse. This led to me writing my first play, Lesbian Style, which was performed as part of both the International Dublin Gay Theatre Festival 2014, Belfast Pride and the WOW Festival. It draws on interviews with lesbian and bi women in Ireland and England as well as incidents from my own life to explore the ups and downs of lesbian existence.“

Hilary’s web site  |  Hilary’s novel „Golddigger“

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01_Is there a link, a text, a piece of your work that gives a good introduction to the topics and issues you care about?

http://www.bellabooks.com/9781594934421-prod.html [„Golddigger“, Hillary’s novel.]

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02_If someone calls you „homosexual author“, you…

I’m happy with the term lesbian author

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03_A queer book that influenced you (how?)…

„Patience and Sarah“ by Isabel Miller because it gave me a sense of lesbian ancestors.

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04_If your work is shown/placed in book stores, THESE are the authors/artists that you’d feel most honored to be placed next to:

Isabel Miller, Emma Donoghue

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05_Too many people associate homosexuality with gay males first and foremost. Who should be more visible?

The relative invisibility of lesbian relationships is a problem. It reflects the misogyny of the culture.

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06_A queer moment you’ve had in Berlin (or anywhere in Germany) that you’ll remember for a long time:

Seeing the golden hat in Neues Museum. The commentary said it was designed for a male head but I think it would look great on me. I’ve just one a golden crown award for my novel Golddigger so I’d like to be pictured wearing the golden hat as my crown.

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07_Name some experts, authors, activists, places, institutions and discourses/debates that informed/influenced the way you see and understand queerness – and yourself:

Virginia Woolf, Martina Navratilova, Mark Ashton, Andrea Dworkin, greenham common, lesbian strength and gay pride marches

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08_Name some experts, authors, activists, places, institutions and debates/questions that deserve more recognition/need more love:

The women’s suffrage movement. Lesbian history in general.

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09_Is there a heterosexual ally that you like/value and who you’ve grateful for?

My mum

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10_Is there another guest/author at „Empfindlichkeiten“ you’re particularly looking forward to? (why?)

Saleem Haddad, because his novel sounds really interesting.

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11_Is there a queer figure/personality, a celebrity or a queer story/phenomenom that is very visible in mainstream culture – a visibility that makes you happy?

The films „Carol“ and „Pride“ were mainstream hits and I loved both of them. I knew Mark Ashton, the main character in Pride. He took me to my first pride and first gay bar.

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12_Is there a political or public figure that should be scrutinized or valued much more?

Mark Ashton.

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Hillary McCollum... and the golden hat of Berlin. (Montag: Stefan Mesch)

Hilary McCollum… and the golden hat of Berlin. (Montage: Stefan Mesch)

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all my 2016 interviews on Queer Literature:

…and, in German:

Kuratoren & Experten am Literarischen Colloquium Berlin: 

Queer Literature: „Empfindlichkeiten“ Festival 2016: