Barbara Yelin

Comic-Salon Erlangen 2020: #csedigital

thomas wellmann

Thomas Wellmanns „Pimo & Rex: The Interdimensional Wedding“

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am Montag, 13. Juli 2020, sprach ich als Gast bei Deutschlandfunk Kultur über den Comic-Salon Erlangen 2020: das Gespräch ist hier im Link (6 Minuten).

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„Wie hier die Comic-Kultur hochgehalten wird!“

Der Comic-Salon Erlangen 2020 als Video-Dauerausstellung im Netz

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Seit 1984 feiert Erlangen alle zwei Jahre den „Internationalen Comic-Salon“: ein Wochenende voller Panels, Künstler*innengesprächen, Lesungen für Fans und Fachbesucher*innen. Auch die wichtigste deutschsprachige Auszeichnung für Comics, der Max-und-Moritz-Preis, wird in zuletzt neun Kategorien vergeben.

Für Juni 2020 war der 19. Comic-Salon geplant. Statt die Preisverleihung und den Salon auf den Herbst oder auf 2021 zu schieben, wurde beides in Netz verlegt: Auf der offenen, dauerhaften Gratis-Plattform „Der Digitale Comic-Salon“ sammelt eine Redaktion Links, Kunst, Videos, Podcasts und Texte. Die Plattform versucht, statt Livestreams und Event-Charakter ein besonders nachhaltiges, zugängliches, niedrigschwelliges Portfolio zu schaffen – eine Schatztruhe der Comic-Kultur, ohne Schloss und auch nach Wochen, Monaten noch erweiter- und durchsuchbar.

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max moritz brot

Eröffnet wurde die Plattform mit der Max-und-Moritz-Preisverleihung 2020, moderiert von Hella von Sinnen, als Live-Video (und jederzeit auf der Website oder auf Youtube nachholbar). Als bester internationaler Comic wurde Emil Ferris‘ „Am liebsten mag ich Monster“ ausgezeichnet, bestes deutschsprachiges Werk war Mikael Roes‘ Inklusions-Comic „Der Umfall“, viele feministische Arbeiten von u.a. Lisa Frühbeis, Julia Bernhard, Anna Haifisch überzeugten die Fachjury; der Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk ging an Anke Feuchtenberger. Erkennbar viel Arbeit floss in professionelle Einspiel-Filmen zu allen neun Preisträger*innen, kurze Interviews und viele Kurzvideos aller nominierten Werke, kompetent kommentiert.

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Wer Programmpunkte und Live-Videos nachholen will, streift am besten – auch auf Youtube, Instagram, Twitter, Facebook – durch den Hashtag #csedigital . Via Zoom und Skype sprachen Expert*innen im Lauf des Wochenendes über u.a. Förderung marginalisierter Stimmen durch den GINCO-Award, Klein- und Großverlage in Zeiten von Corona, queere und kollaborative Cartoon-Projekte und – ein Dreiergespräch mit viel Biss und Schwung – feministische Comics. Auch die Diskussionsrunde „Comics gegen Rechts“ machte Expertise, Engagement und Leidenschaft sichtbar.

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Sehenswerte kurze Videos über Arbeitsprozesse, Poetik und künstlerisches Handwerk sammelt der Instagram-Account „Art & Zines & Comics“, @artzicomics. Während die Kamera den Zeichentisch filmt, sprechen Barbara Yelin, Nino Paula Bulling und Nando von Arb über Umwege, Entscheidungen, Kreativität. Neben vielen Lesungen von Kindercomics (einzelne Bilder werden abgefilmt, vergrößert und zum Teil animiert; verstellte Stimmen arbeiten die Sprechblasen ab) machten mir vor allem drei „Comic-Lesungen“ und -Werkschauen Lust auf mehr:

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Der Dokumentarcomic „Bruchlinien“ über die Morde und den Prozess gegen den NSU (Anne König, Nino Paula Bulling), die 600seitige Alltags-Graphic-Novel „Bei mir zuhause“ (Paulina Stulin) und der Kinder-Comic „Pimo & Rex: The interdimensional Wedding“, in dem eine gleichgeschlechtliche Hochzeit in einer Fantasy-Welt charmant alltäglich aus dem Ruder läuft (Thomas Wellmann, ab Minute 8).

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Zum Schluss zwei sperrige Empfehlungen: David Füleki, Kleinverleger und Manga-Künstler aus dem Erzgebirge, spricht in einem flapsigen 2-Stunden-Podcast mit u.a. Künstlerin Lisa Rau über die deutsche Fan- und Messe-Szene und palavert sich charmant um Kopf und Kragen („Dann dachten alle, ich wollte eine Messe namens ‚Corona-Con‘ organisieren!“). Dass 2020 kein Comic-Salon in Erlangen stattfindet, trifft Füleki auch, weil „in Erlangen die Comic-Kultur besonders hochgehalten wird.“

Fürs Gastland Kanada spricht Journalist Lars von Törne mit SETH, einem Illustrator und Comickünstler Ende 50, der pointiert konservativ, knöchern, trocken auftritt. Erst nach der Hälfte des fast einstündigen Gesprächs wurde mir klar, mit welcher Begeisterung hier ein Ausnahmekünstler über seine Lebenswerke spricht – unter anderem über eine ganze fiktive Stadt, die er in Papp- und Karton-Modellen erbaut:

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Trotz aller Euphorie, Idealismus und viel Solidarität sehe ich es als wichtiges Zeichen, dass Birte Förster direkt vor dem Comic-Salon im Tagesspiegel eine große Recherche veröffentlichte, in der Betroffene von sexueller Gewalt und Rassismen über die strukturelle Gewalt berichten, die ihnen in der deutschsprachigen Comic-Szene begegnete: „Ich dachte, ich darf das“.

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