Anne Köhler

Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus: die besten Bücher aus der „Schreibschule“ Hildesheim

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Von 2003 bis 2008 studierte ich Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim:

eine trostlose Stadt – aber ein gutes Studium.

Pro Jahr bestehen 10 bis 15 Studierende die Aufnahmeprüfung und kommen – oft direkt nach dem Abitur – in die Stadt. Etwa fünf Jahre später schreiben sie eine Abschlussarbeit: manchmal ein wissenschaftlicher oder journalistischer Text. In vielen Fällen aber: ein Debütroman. Viele dieser Titel werden später in Verlagen veröffentlicht – und ich lese vier, fünf von ihnen pro Jahr.

ab.hier.kultur, das Alumni-Netzwerk des Hildesheimer Fachbereichs Kulturwissenschaften, bat mich im Sommer 2016, persönliche Favorien und Empfehlungen auszusprechen: Bücher von (Ex-)Kommilitoninnen, die ich mochte und empfehlen kann. Die Texte erschienen in „Kultur 16!“, der Zeitschrift des Netzwerks. [Ein anderer Artikel von mir, ebenfalls fürs Netzwerk, von 2013: Link.]

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Hildesheimer Namen auf Buchcovern

Seit dem Ende der 90er Jahre sind über 50 Bücher von jungen Autorinnen und Autoren, die in Hildesheim studiert haben, in großen Verlagen erschienen. Literaturkritiker Stefan Mesch stellt fünf persönliche Favoriten vor.

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Nora Wicke: „Vierstromland“.

Roman, 320 Seiten, Müry Salzmann 2014.

Ein solcher Tonfall, ein solches Thema misslingt fast immer: Eliza zieht nach Berlin. Bisher lebte sie mit ihrer großen Schwester in einem Internat bei Amsterdam, ihre Mutter hat eine junge Geliebte in Paris, ihr Vater eine neue Frau und weitere Kinder. Zwei ältere Zwillingsbrüder leben in Rumänien, bei den Großeltern. Nora Wicke lässt eine heimatlose Frau aus einer oft abweisenden, verstreuten Großfamilie mit serbischen, rumänischen und deutschen Wurzeln durch Europa reisen, jahrelang: Nebenjobs, Kälte, vorsichtige Briefe und Annäherungen. Ein leiser, melodischer, manchmal schleppender Roman über Europa – schwermütig, klug, fast nie kitschig.

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Vierstromland

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Sabrina Janesch: „Tango für einen Hund“.

Roman, 303 Seiten, Berlin Verlag 2014.

Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ blieb mir lange im Gedächtnis – auch, weil so viele Szenen, Einzelteile wie spitzes, ungeschliffenes Metall aus den Kapiteln stechen. „Tango für einen Hund“ ist ein glatteres, schnittigeres Buch – etwas seichter und weniger markant. Doch dafür so stimmig und professionell wie nichts anderes, das ich von Hildesheimern kenne: ein prima Jugendbuch, charmante Unterhaltung, ein wunderbar rundes Ding! Es geht um Weichei Ernesto, der seine Sommerferien in der Lüneburger Heide verschwendet, bis sein etwas dementer, energischer Onkel aus Argentinien einen Roadtrip durch die Pampa Niedersachsens anzettelt. Warmherzig, witzig, mit überzeugendem Ich-Erzähler. Und, versprochen: keine „Tschick“-Kopie.

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Tango für einen Hund

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Jan Fischer: „Ready. Wie ich mit digitalen Spielen erwachsen wurde“.

Autobiografisches Essay, 52 Seiten, Hanser 2016. [nur als E-Book]

Jan gehört zu meinen besten Freunden. Doch richtig nah kommen wir uns selten: Er traut sich als Kulturjournalist oft an die schwersten oder absurdesten Themen. Nur über eigene Ängste spricht er kaum. Wie großartig, dass ausgerechnet hier – in einem 50-Seiten-E-Book über die Mainstream-PC- und Videospiele der 80er, 90er, 00er Jahre – kluge Erinnerungen und Emotionen so viel Raum einnehmen: Jan schreibt, was ihn als Kind an Spielen reizte. Wie sie helfen. Womit sie faszinieren. Experten und Hardcore-Gamer werden Vieles kennen. An einigen Stellen: zu viel Pathos. Doch selbst, wer kein Interesse an Spielen hat, liest Jans Erinnerungen mit Gewinn: kulturwissenschaftliche Beobachtungen – leidenschaftlich, nah, verständlich.

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Ready

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Anne Köhler: „Nichts werden macht auch viel Arbeit. Mein Leben in Nebenjobs“.

Autobiografische Kolumen, 144 Seiten, Dumont 2010.

2015 veröffentlichte Anne Köhler einen Roman über eine junge, unglückliche Köchin in Hildesheim – der mich sehr langweilte: Mir war diese Hauptfigur zu zweifelnd, fade, flau. Besonders, weil Annes erstes Buch (2010) eine geisteiche, komplexe, viel liebenswertere Heldin hatte: Anne Köhler! Für jetzt.de schrieb Anne eine Kolumne über alle Nebenjobs, Praktika und bezahlten Projekte ihres Lebens. Wie viele Hildesheimer hatte sie Angst, alles nur oberflächlich zu wissen, zu wenig richtig zu beherrschen. Ihre Textsammlung hinterfragt diese Angst, bleibt aktuell, macht Mut – und empfiehlt sich besonders als Geschenk für Eltern oder Freunde, die nur geradere Lebenswege und Karrieren kennen. Leichte Texte. Schlaue Thesen!

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Nichts werden macht auch viel Arbeit : Mein Leben in Nebenjobs

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Funny van Money: „This is Niedersachsen und nicht Las Vegas, Honey. Auf Tabledance-Tour durch die Republik“.

Autobiografisches Sachbuch, 224 Seiten, Hanser Berlin 2012.

(Taschenbuch-Ausgabe 2014 bei Piper, mit neuem Titel: „Wie ich auszog, mich auszuziehen“.)

Um ihr Hildesheimer Kuwi-Studium zu finanzieren, tanzt Funny in einer Rotlicht-Bar in Hannover, nackt. Danach macht sie Diplom – mit einer kulturwissenschaftlichen, feministischen Selbstbeobachtung ihrer Rolle als Pole-Dance-Girl. Wer Spaß- und Comedy-Kolumnen sucht, wird hier enttäuscht: Funny schreibt auf hohem Niveau, häuft akademische Konzepte und Anglizismen. Stellenweise formuliert sie nerdy und verblasen wie ein Gender-Experte in der Spex. Trotzdem ist ihr Experiment so interessant, ihre Beobachtungen so originell, überraschend, kritisch, dass ich das Buch dauernd verschenken will. An jeden, der bei Sex-Workern nur an dümmliche Opfer denkt. Und bei Hildesheim nur an Bürgerlichkeit und Anpassung.

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This is Niedersachsen und nicht Las Vegas, Honey

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[Ich mochte auch Juan Guses „Lärm und Wälder“ und Leif Randts „Schimmernder Dunst über CobyCounty“]

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Stefan Mesch, geboren 1983 bei Heidelberg, studierte von 2003 bis 2008 Kreatives Schreiben in Hildesheim. Er lebt und arbeitet als Autor und freier Journalist für u.a. Deutschlandradio Kultur und ZEIT Online in Berlin und schreibt an seinem ersten Roman, „Zimmer voller Freunde“.

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Open Mike 2012 – Presse, Kritik, Diskurs (Vorjahre)

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Ich bin Finalist (und: Liveblogger) beim 20. open mike-Wettbewerb der Literaturwerkstatt Berlin, und lese am 10. und/oder 11. November aus meinem Roman „Zimmer voller Freunde“ (Link). (Heimathafen Neukölln, Eintritt frei – kommt vorbei! Details hier)

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Schon heute: Ein Pressespiegel / eine Montage über 20 Jahre „Open Mike“, und die großen Stärken, Schwächen, Probleme und Sternstunden des Wettbewerbs:

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“Alle waren sie da, und jedes Jahr werden es mehr. Für Verleger, Literaturagenten, Scouts und Medien gibt es im November einen denkbar effizienten Termin. Beim Lesewettstreit „Open Mike“ lässt sich in der Literaturwerkstatt […] an einem Wochenende ein repräsentativer Eindruck davon gewinnen, was landauf, landab gedacht und geschrieben wird.” Steffen Richter, Die Welt, 2001
„Sechs Lektoren aus renommierten deutschsprachigen Verlagen entschieden über die Finalisten, die an diesem Samstag und Sonntag in Berlin vor Jury und Publikum die Endrunde bestreiten. 15 Minuten hat jeder der 23 Autoren Zeit, seine Geschichte oder sein Gedicht vorzutragen.“ Maar, Lauterbacher Anzeiger, 2011
“Mitte der Neunziger begannen bei diesem Wettlesen die Karrieren von Karen Duve, Kathrin Röggla, Julia Franck oder Terézia Mora. 2001 war mit den Preisträgern Nico Bleutge und Tilman Rammstedt noch einmal ein großes Jahr. Danach aber blieb die Durchschlagskraft begrenzt […] Zum Teil mag es an der gesunkenen Nachfrage nach Debütanten liegen. Der Hype der jungen deutschen Literatur vor zehn Jahren war eben die Ausnahmesituation.” Wolfgang Schneider, FAZ, 2008
“Bei über 100.000 deutschsprachigen Neuerscheinungen jährlich ist die Konkurrenz beträchtlich, und so waren die diesjährigen Autoren vor allem darum bemüht, alles richtig zu machen. […] Beim literarischen Nachwuchs herrscht derzeit Innerlichkeit vor, die Beschäftigung mit der Vergangenheit und die Suche nach dem eigenen Weg. Gesellschaftskritik steht nur selten, politischer Protest leider gar nicht auf dem Programm.” Cornelius Wüllenkemper, Deutschlandradio, 2011
“Politische oder historische Themen vermisst man indes. Lektor Dirk Vaihinger würde das keinem der unter 35-jährigen vorwerfen: Die Jungautoren entwickeln noch ihren eigenen literarischen Ton. Die großen Themen kommen später.” Elena Phillipp, Die Welt, 2010
“Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – und der war hier spürbar. Man erlebte Talente, die noch keine Routinen ausgebildet haben, die ihr Formgefühl und Welt-Bild gerade erst entwickeln. Solche ersten Schwimmzüge sind etwas ganz Besonderes. Auch wenn den Beteiligten meist klar war: Das muss noch besser werden.” Wolfgang Schneider, FAZ, 2009
“In den besten Stunden des Open Mike kann man atemberaubend Zeuge werden, wie ein Schriftsteller die Welt betritt. Das sind 15 Minuten, die man nicht vergisst: als vor zwölf Jahren Karen Duve hier zum ersten Mal las, später Julia Franck oder Terézia Mora und zuletzt noch einmal fulminant, vor zwei Jahren, Kirsten Fuchs.” Jana Hensel, Die Welt, 2006

ZEIT online: Simon, ein Wort zu den anderen Teilnehmern: Konkurrenz oder Kollegen?

Simon Urban: Der Wettbewerb ist eine freundliche Angelegenheit. Natürlich befindet man sich in einer Konkurrenzsituation, aber es ist eine harmonische Konkurrenzsituation.

Kathrin Schadt, ZEIT Online, 2007

”Im Publikum drängten sich Lektoren, Literaturagenten und Talent-Scouts zu Dutzenden. Diejenigen, die ohne Preis nach Hause gehen mussten, können sich daher trotzdem zu den Gewinnern zählen. Im 19. Jahr seines Bestehens reicht oft schon die Teilnahme am „Open Mike“, um eine literarische Karriere zu beflügeln.” Vanja Budde, Deutschlandradio Kultur, 2011
Simon Urban: Der Open Mike ist natürlich ein Viehmarkt, aber es kann ja jeder selbst entscheiden, ob er zum Vieh gehören möchte oder nicht. Wer gelesen werden will, muss also auch mal das Vieh sein können. Außerdem macht das ja durchaus Spaß, vor so einer Kulisse. Kathrin Schadt, ZEIT Online, 2007
“Das Setting für die Lesungen ist hervorragend; das Bühnenlicht weich, das Publikum ist aufmerksam, klatscht sehr gerne und feiert – zu Recht – mehr Texte als es Preise gibt. Ich war ziemlich lange nicht mehr bei solchen Wettbewerben und wundere mich darüber, dass es keine Dissonanzen zu geben scheint, keine Fraktionierungen, keine Ablehnung des Betriebs etwa seitens der Autoren; dass das Etwas-toll-Finden nicht wie früher so oft von der entschiedenen Ablehnung eines anderen begleitet wird. Höchstens gibt es mal ein vorsichtiges Nichts-damit-anfangen-Können.” Detlef Kuhlbrodt, taz, 2011
“[Trichtert man etwa allen] Open-Mike-Teilnehmern [ein], dass man sich bei Wettbewerben keinesfalls bewegen darf, sondern seine Werke sitzend und in artigen, subtil intonierten Stimmlagen vorzutragen hat? […] Etwas mehr raumgreifende Rotzigkeit seitens der Lesenden wäre beim Publikum bestimmt prima ankommen.” Brigitte Preissler, Frankfurter Rundschau, 2010
“14 Uhr: Die letzten Lesenden stehen aufgeregt zwischen den Zuschauern, die wechselweise rauchen, herumstehen, Kaffee oder Wein trinken, diskutieren, Wetten abschließen. Dann wieder hinein ins Gedränge, der letzte Leseblock, überall schwappt das Adrenalin auf den Boden. Auf keinen der Vorträge kann ich mich richtig konzentrieren, ich verliere die Satzenden, stückele mir die Texte zusammen, nehme noch eine Schmerztablette, die Leute strömen nach der letzten Lesung wieder aus dem Saal, sibirische Kälte und Nieselregen setzen ein.” Anne Köhler, Süddeutsche Zeitung / jetzt.de, 2008
“Man muss es leider so konstatieren: Humor, Sprachgewalt, Mut und Bösartigkeit waren rar gesät im Teilnehmerfeld. […] Mut zum Risiko, experimentelle Schreibweisen, jede Form von Diskurswissen oder Weltgewandtheit, wie sie beispielsweise auf der Longlist zum diesjährigen Deutschen Buchpreis weithin vertreten war: Fehlanzeige. […] Wie das Publikum, so das Wettbewerberfeld: konzentriert, aufmerksam, brav und bieder. Jung und uninteressant.” René Hamann, taz, 2010
“Man könnte sagen, dass 20-jährige Deutsche noch nie auf einem breiten Niveau so gut schreiben konnten wie heute, aber so wenig mitzuteilen haben wie nie zuvor. Auch Maxim Biller klang im Schlusswort der Jury mutlos: „Es gab keine Geschichte, von der ich hätte wissen wollen, wie sie ausgeht.“” Jana Hensel, Die Welt, 2006
„Das muß wohl grausam sein: immer wieder Ich-Geschichten; offenbar ist die Bereitschaft, sich eine Figur auszudenken, bei den meisten Jungautoren nach wie vor gering ausgeprägt. Aber Lektoren lesen anders. Vor allem lesen sie mehr, als im Manuskript steht. Wo Kritiker nur die Mängel des fertigen Produkts sehen, nimmt der Lektor beglückt die Anfänge eines Autors wahr. Das Vergnügen des Lektors sind „Texte, die unterwegs sind“, wie Patricia Klobusiczky vom Rowohlt Verlag glaubhaft versicherte.“ Wolfgang Schneider, FAZ, 2004

mehr Infos:

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Teilnehmer 2012:

Verena Boos, Yevgeniy Breyger, Vera Buck, Thomas Dörschel, Sandra Gugic, Verena Güntner, Juan S. Guse, Ann-Christin Helmke, Alina Herbing, Joey Juschka, Sascha Kokot, Juliane Link, Nina Lörken, Stefan Mesch, Martin Piekar, Friederike Scheffler, Nadja Schlüter, Kerstin Schubert, Michael Spyra, Arne Vogelgesang, Linus Westheuser und Tristan Marquardt

„Nichts werden macht auch viel Arbeit“: Autorin Anne Köhler im Interview

frech vom Bildschirm abfotografiert: fünf Praktikantinnen des DuMont-Verlags mit Anne Köhlers Bericht/Sammlung „Nichts werden macht auch viel Arbeit“, 2010.

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Letzten Oktober interviewte ich meine Hildesheim-Kollegin, Autorin, Journalistin und passionierte Nebenjobberin Anne Köhler zu ihrem neuen Buch „Nichts werden macht auch viel Arbeit: Mein Leben in Nebenjobs“ für das Karriere-Ressort bei ZEIT Online.

Hier ist die (deutlich längere), erste Version unseres Gesprächs: weniger geschliffen – aber mit mehr Details zu Annes Methodik, Erfahrungen und eigenen Interessen.

Eine Art Director’s Cut. Viel Spaß!

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„Meine Interessen sind ärgerlich vielfältig.“

Seit fünfzehn Jahren wechselt die Autorin Anne Köhler ihre Jobs: Ein Interview über Selbstverwirklichung – und Existenzangst.

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Anne Köhler: ‚Nichts werden macht auch viel Arbeit. Mein Leben in Nebenjobs‘

DuMont Verlag, Köln 2010.

Perlentaucher (Link) | Amazon.de (Link) | Goodreads.com (Link)

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Stefan Mesch: ‚Anne und ihre Jobs‘ hieß die Kolumne, für die du deine Arbeit in 21 Studiengängen, Praktika und Aushilfsjobs beschrieben hast. Jetzt sind die Texte als Buch erschienen, „Nichts werden macht auch viel Arbeit. Mein Leben in Nebenjobs.“ Womit begann deine Karriere?

Anne Köhler: Ernsthaft begann sie wohl, als ich verstand, wie enorm hilfreich es ist, fünf Jahre alt und süß zu sein: Ich konnte an den Haustüren im Dorf selbstgepflückte Blumensträuße verkaufen. Ich habe viel früh ausprobiert, als Schülerin in der Gärtnerei gejobbt, mich in der Jugendpolitik engagiert, in den Ferien als Kinder- und Jugendbetreuerin. Das waren erst Versuche, mit viel Spaß verbunden. Irgendwann ging es dann mehr darum, Geld verdienen zu müssen – und damit veränderten sich auch die Jobs.

Stefan Mesch: Ende der Neunziger, nach deinem Abitur, hast du Architektur und Kunstgeschichte in Berlin studiert und nebenher bei der Post und als Messehostess gearbeitet. Doch du hast alles abgebrochen: die Studiengänge und die Jobs.

Anne Köhler: Ich wusste, dass ich Kunst studieren will, aber dafür muss man Mappen füllen, für die Bewerbung und die Aufnahmeprüfungen. In jeder Mappe mussten Originale sein, und weil die Bewerbungsfristen oft in den gleichen Monaten lagen, waren nicht mehr als 1 bis 2 Bewerbung pro Jahr zu schaffen. Ich konnte mir für diese „Mappenphase“ nicht vorstellen, dass es für mich gut wäre, nur alleine mit mir zu arbeiten. Darum waren Architektur und Kunstgeschichte nahe liegende Fächer: Ich wollte möglichst viel lernen. Ich glaube auch, dass mich diese Zeit tatsächlich sehr im Positiven geprägt hat. Doch trotz drei Jahren Vorbereitung hat es dann nie zum Kunststudium gereicht – ich war immer ganz gut, aber nie gut genug. Keiner konnte mich richtig einordnen, denn ich habe schon damals sehr viel mit Texten gearbeitet.

Stefan Mesch: Früh morgens im Postzentrum Briefe zu sortieren war ein recht angenehmer Nebenjob für dich, aber das Kellnern auf der Messe fiel dir furchtbar schwer.

Anne Köhler: Wenn du für wenig Geld im Nadelstreifenkostüm und auf hohen Schuhen zwölf Stunden lang bis tief in die Nacht gekellnert hast, träumst du von einer Welt ohne Schmerzen in den Füßen. Aber das Deprimiendste ist wohl, wenn du so einen Job nur des Geldes wegen machen musst: Dann verliert man schnell die Lust und bringt immer weniger Energie dafür auf. Auf lange Sicht hat davon keiner etwas.

Stefan Mesch: Dein letztes Studium wolltest du beenden, Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. War es ein gutes Gefühl, 2006 Diplom zu machen?

Anne Köhler: Ich fing in Hildesheim erst im Studiengang Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis an – meine Schwerpunkte waren Malerei, Bildende Kunst und Fotografie; das Kreative Schreiben nur eines der vielen Zusatzfächer. Aber im Lauf der Zeit wurde es immer wichtiger. Man fühlt sich ja schon ein bisschen blöd, wenn man so viele Studiengangswechsel erklären muss. Aber heute denke ich, dass sich darin vielleicht einfach ankündigte, wie mein Leben später verlaufen wird: Meine Interessen sind ärgerlich vielfältig. Das Schreiben ist die Basis. Etwas, was immer da war und wohl auch immer bleibt. Ob dazu ein Diplom nötig ist, muss jeder selbst entscheiden. Aber für mich persönlich war es irgendwie schon wichtig, mal etwas zu Ende zu führen… auch, wenn bis heute nie jemand nach diesem Diplomzeugnis fragte!

Stefan Mesch: Jetzt jobbst du seit vier Jahren in Berlin. Wie läuft da ein typischer Tag ab? Was hast du heute gemacht?

Anne Köhler: Na, heute ist ja Sonntag! Nicht, dass das an meinem Rhythmus sehr viel ändert, aber ich hatte vor, heute nur Freizeit-Dinge zu tun. Aber jetzt führe ich ein Interview und feile am Exposé zu dem ‚Roman-Dings‘, an dem ich schon lange arbeite. Und morgen früh bin ich im Nachbarschaftsbüro: Das Büro ist im Wochenrhythmus abwechselnd bei mir im Arbeitszimmer und bei einem befreundeten Autor. Fünf Tage pro Woche sind wir bis mittags zu zweit, trinken viel guten Kaffee und sitzen bienenfleißig am selben Schreibtisch. Jeder arbeitet an seinem Text, doch manchmal schauen wir uns über die Bildschirme hinweg an und seufzen oder nicken verständnisvoll, strecken die Arme nach oben, machen Kaffeepause… Wir ringen nach Luft. Wir suchen nach Wörtern und Sätzen. Nachmittags ist dann Zeit für Nebenjobs. Im Moment halte ich auch nach Kneipen Ausschau, in denen ich kellnern kann.

Stefan Mesch: Die größte Mühe scheint oft, eine brauchbare Balance zu finden.

Anne Köhler: Am liebsten nutze ich die Zeit für meine Texte, aber sobald ich Geld brauche, schaue ich, was sich auftreiben lässt. Das kann beinahe alles sein – Sekretärin, Köchin, Journalistin, Küchenhilfe oder Kellnerin. Die Zeiträume, die ich allein mit Schreiben verbringe, dürfen gerne größer sein. Aber ich will die Abwechslung nicht missen, die meine Nebenjobs bringen: Man lernt etwas dazu, findet neue Menschen und Perspektiven…

Stefan Mesch: …und wird für wenig Lohn ausgenutzt.

Anne Köhler: Viele Jobs sind völlig unangemessen bezahlt. Wenn man für fünf Euro pro Stunde in der Silvesternacht alleine in der Kneipe schuftet, fragt man sich schon, warum man das überhaupt zulässt. Es ist auch anstrengend, sich Sorgen um die Miete machen zu müssen. Von Dingen wie Vorsorgen und Versicherungen ganz zu schweigen!

Stefan Mesch: Denkst du, Frauen laufen stärker Gefahr, als schlecht bezahlte Servicekraft ausgebeutet zu werden?

Anne Köhler: Das ist jetzt wohl so eine Gender-Frage. Ich habe keine Ahnung, denn ich bin ja immer als Frau unterwegs. Ich vermute aber, so lange es mehr Frauen in Service-Jobs gibt, werden sie dort auch stärker ausgebeutet. Bei meinen Nebenjobs gab es bisher nie Unterschiede in der Bezahlung – aber vielleicht haben es Männer auch schwerer, flexible Servicejobs zu finden?

Stefan Mesch: Oder sie stehen stärker unter Druck, „richtiges“ Geld zu verdienen, Versorger zu sein?

Anne Köhler: Ich wäre gerne Mitversorger! Ich könnte mir auch nicht vorstellen, mit dem Arbeiten aufzuhören, wenn ich mal Kinder bekommen sollte. Insofern müsste mein Mann heute keinen größeren Druck spüren, viel Geld zu verdienen, als ich selbst.

Stefan Mesch: Trotzdem könntest du im Moment keine Familie versorgen. Was heißt das für die Liebe? Genießt du diese Freiheit – oder fürchtest du dich auch?

Anne Köhler: Und ob ich die Freiheit genieße! Und klar fürchte ich mich! Aber nicht die ganze Zeit: Ein Kind würde viel verändern. Ich würde dann vielleicht auch mehr Kompromisse eingehen, was meine Jobs angeht. Aber ich glaube trotzdem, dass ich auch das hinkriege: Im Idealfall hat man ja auch noch einen Partner, für den dasselbe gilt. Dann muss man eben gut zusammenarbeiten und dafür sorgen, dass keiner zu kurz kommt. Eine Entscheidung für ein Kind wäre auch eine Entscheidung für eine Veränderung meiner Lebensumstände. Ich bräuchte einen festeren Job… und ob es einfach wäre, den zu finden, lasse ich mal dahingestellt.

Stefan Mesch: Eine der traurigsten Stellen im Buch ist der Moment, als du mit 30 merkst, wie viel Talent du zur Köchin hast… und dann bedauerst, dieses Talent nicht schon zum Abitur entdeckt zu haben. Hättest du, rückblickend, früher lieber noch viel mehr Dinge ausprobiert?

Anne Köhler: Ich fand das selbst sehr traurig. Aber was nützt das Grämen? Ich versuche jetzt, mich darüber zu freuen, dass ich mein Talent zur Köchin überhaupt fand. An sich selbst ein Talent zu entdecken, etwas, das einem leicht von der Hand geht und trotzdem enorm fordert, ist immer ein Glück, diese Dinge sind sehr selten – denn außer dem Schreiben war das Kochen wirklich der einzige Job, zu dem ich fast immer gern gegangen bin.

Stefan Mesch: Glaubst du, du hast so viele Jobs hinter dir, weil du dich fürchtest, zu viel auf eine Karte zu setzen? Du könntest ja auch heute noch eine Ausbildung zur Köchin machen, oder?

Anne Köhler: Es gibt Leute, die mit über dreißig noch einmal komplett neu anfangen, und ich bewundere das. Ich glaube nicht einmal, dass mir dazu der Mut fehlt. Aber es ist ja so: Wenn ich jetzt Köchin werde, könnte ich nicht mehr schreiben. Auf hohem Niveau zu kochen verlangt einem viel ab, körperlich und psychisch, und man muss unendlich viel Zeit investieren. Und wenn man nachts um eins von einer 12-Stunden-Schicht erschöpft nach Hause kommt und trotzdem noch zwei bis drei Stunden nicht schlafen kann, weil das Adrenalin durch die Adern pocht – da ist an Schreiben nicht zu denken.

Eine ernsthafte Arbeit anzunehmen, für die ich bereit bin, all meine Energie aufzubringen, würde bedeuten, das Schreiben in den Hobbybereich zu verfrachten. Dazu bin ich eben nicht bereit. Und darum ist auch Grämen sinnlos: Hätte ich mit 20 anders entschieden, wäre ich heute vielleicht eine sehr gute Köchin. Aber das Buch hätte ich dann nicht geschrieben, und vielleicht auch nie ein anderes.

Stefan Mesch: Denkst du, Berufung und Beruf finden oft gut zusammen? Bekommen Kinder genug Möglichkeiten, um sich auszuprobieren?

Anne Köhler: Ich glaube wirklich, dass viele Menschen leider nicht das Glück haben, ihre Talente zu entdecken. Die beste Schule ist die Praxis. Denn wie soll man sicher sein, dass man einen Beruf für sehr lange sehr gerne machen wird, wenn man nicht die Chance hat, ihn eine Weile auszuprobieren?

Stefan Mesch: Wie hat sich der Blick auf deine Lebensumstände in diesen fast 15 Jahren verändert? Bewundert oder bemitleidet man dich? Sind Leute neidisch?

Anne Köhler: Ich glaube, früher habe ich mich selbst manchmal viel zu bitterernst genommen. Da hat allem die Leichtigkeit gefehlt. Ich glaube, dass man fremde Lebensumstände zu oft im Vergleich zur eigenen Situation beurteilen will. Wenn gerade der Gerichtsvollzieher klingelt, kann man wenig Verständnis für den besten Freund aufbringen, der gerade jammert, dass er sich in diesem Jahr nur Urlaub in Italien statt in der Karibik leisten kann, doch wenn ich selbst gerade seit vier Wochen auf Bora Bora Drinks mit Schirmchen schlürfe, kann ich auch den besten Freund ein bisschen bedauern.

Stefan Mesch: Darum erscheinen schon seit Jahren Bücher über diese „Generation Praktikum“. Ein paar sind wütend und politisiert. Andere feiern einfach eine junge, prekäre Boheme und schildern Armut und Unsicherheit als Lifestyle.

Anne Köhler: Ich selbst erzähle von sehr persönlichen Arbeitssituationen, doch dabei schwingen immer Themen mit, die viele Leute meines Alters beschäftigt. Aber mir war wichtig, nicht in den Tonfall zu kippen, der nur anprangert und das eigene Leid beklagt. Die Hochs und Tiefs nicht schönen, aber mein Scheitern im Rückblick auch von der humorvollen Seite nehmen. Ich finde es völlig in Ordnung, mir nicht alles leisten zu können und auch mal zu verzichten. Aber jeden Euro drei Mal umdrehen zu müssen, nervt halt oft auch. Und was noch mehr belastet, ist das Gefühl, oft unterbezahlt zu werden. Generell aber will ich gern lernen, mich nicht so oft zu beschweren, denn die Künstlerförderung in Deutschland ist – verglichen mit vielen anderen Ländern – gar nicht so schlecht. Ich wollte immer Schreibzeit haben und die Möglichkeit, spontan Stipendien anzunehmen. Ein fester Job kam nie wirklich infrage. So viele Berufsgruppen sind unterbezahlt, und persönlich hoffe ich auch, irgendwann auf einer etwas festeren Basis zu stehen. Aber bis dahin genieße ich eben, dass ein Taxi spät in der Nacht durch halb Berlin ein seltener Luxus für mich ist.

Stefan Mesch: Der größte Vorzug ist vielleicht die große Ungebundenheit: Du hast ein Praktikum in Israel gemacht und Schreibstipendien in Krakau und Rumänien, du könntest schon morgen ganz woanders leben. Andererseits buchen Bankangestellte in unserem Alter schon ihre ersten Kreuzfahrten. Diese Leute kennen, wenn sie wollen, Bora Bora und Italien!

Anne Köhler: Es tut schon gut, ganz woanders zu sein. Aber ohne das Gefühl, danach wieder „nach Hause“ zu kommen, würde mir etwas Wichtiges fehlen: Ich bin ein Mensch, der eine Basis braucht, meine Bücher, meine Küchenausstattung, all die Dinge, die ich mir über die Jahre hinweg zusammengefunden habe. Ich gehöre nicht zu den Minimalisten, die Wert darauf legen, dass alle Sachen in zwei Koffer passen! Du fragst, ob ich meine Freiheit auch genug nutze. Aber es ist nicht immer notwendig, alles in Anspruch zu nehmen, was an Möglichkeiten vor mir liegt: Manchmal reicht schon das Gefühl, dass diese Möglichkeiten da sind.

Das Dümmste ist, dass man nie richtig Urlaub, echte Ferien und Wochenenden, nie so richtig frei: Wenn das Schreiben ein Luxus ist, dann nutzt man dafür auch jede freie Minute. Und dann sind schnell vier Jahre vorbei und man weiß nicht mehr, wann man das letzte Mal ein paar Tage am Stück einfach nicht gearbeitet hat. Das macht auch nicht gerade umgänglicher: Das Schreiben ist eine ärgerliche Passion.

Stefan Mesch: Das Schreiben oder die vielen Nebenjobs?

Anne Köhler: Naja, wenn man oft die Nebenjobs wechselt, entwickelt sich in den einzelnen Bereichen natürlich relativ wenig weiter. Auf der Buchklappe wird das „die flachste Karriereleiter der Welt“ genannt. So lange ich mein Schreiben als das eigene Hauptanliegen empfinde, leidet darunter natürlich alles andere – auch die reine Spaß-Freizeit. Man kann einfach schlecht entspannen, weil man immer das Gefühl hat, die freie Zeit nutzen zu müssen. Das Schreiben braucht viel Zeit, Disziplin und Konzentration. Es lässt jeden Versuch scheitern, ein ganz normales Leben zu führen. Aber ach, es ist auch schön!

Stefan Mesch: Und rückblickend – lief dein Leben schief? Hast du ein Ziel gehabt und dann verfehlt? Oder dich unterwegs verlaufen?

Anne Köhler: Kennst Du den Turm von Pisa? Auch dort war ich, ehrlich gesagt, noch nie. Von unten sieht er wohl nicht sehr vertrauenerweckend aus. Aber wenn man erstmal oben ist, ist der Ausblick, denke ich, trotzdem ganz schön. Wenn nicht zu viel Gedrängel herrscht. Und wenn er nicht gerade einstürzt!

So ähnlich ist das mit dem Leben und den Zielen: Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass mein Leben nicht schief lief. Aber unterwegs habe ich das oft anders empfunden: An einigen Zielen bin ich gescheitert, aber dadurch gewachsen. Das war vielleicht am schönsten beim Schreiben dieses Buchs: Im Rückblick hat vieles doch einen Sinn ergeben – und wenn es nur der war, dass ich darüber lachen konnte.

Stefan Mesch: Und in zehn Jahren…?

Anne Köhler: Ich kann mir viel vorstellen! Vielleicht bin ich dann Köchin in einem kleinen Lokal in Hong Kong, das „Abendbrot“ heißt. Einmal im Jahr mache ich Urlaub in Biarritz. Oder ich bin Zahlenansagerin in einer noch kleineren Kaschemme auf Island. Oder ich habe einen Mann und drei Kinder und bin halb Hausfrau und halb Schreiberin. Ist es nicht schön, manche Dinge noch nicht ganz genau zu wissen?

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