Alexander Maksik

Underdog Literature, March 2013: 15 fresh or overlooked, off-the-wall titles

Underdog Literature March 2013 WordPress.

Here are 15 books that caught my interest lately.

Fresh, off-beat, quirky or curious titles that might deserve more attention:

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01: RUTH OZEKI, „A Tale for the Time being“, 432 pages, March 2013.

02: CHRISTINE SNEED, „Little-known Facts“, 304 pages, January 2013.

03: PETE WENTZ, „Gray“, 240 pages, January 2013. [Memoir of the „Fall Out Boy“ singer… and „One Tree Hill“ guest star.]

04: TY BURR, „Gods like us: On Movie Stardom and modern Fame“, 448 pages, 2012. [Cultural Studies]

05: SONALI DERANIYAGALA, „Wave“, 274 pages, March 2013. [Memoir about the 2004 tsunami]

06: KENT HARUF, „Benediction“, 272 pages, February 2013.

07: KATE SOUTHWOOD, „Falling to Earth“, 272 pages, February 2013.

08: MAY SARTON, „As we are now“, 144 pages, 1973.

09: JOHN GLASSCO, „Memiors of Montparnasse“, 296 pages, 1970. [Memoir about Paris in 1928]

10: DON CARPENTER, „Hard Rain Falling“, 308 pages, 1966. [Noir / Thriller]

11: CHLOE HOOPER, „Tall Man: The Death of Doomadgee“, 258 pages, 2008. [True Crime]

12: MICHAEL HAINEY, „After Visiting Friends“, 320 pages, February 2013. [Memoir]

13: ERNST-WILHELM HÄNDLER, „Der Überlebende“, 250 pages, 1992. [German, Sci-Fi / Philosophy, recommended by Thomas von Steinaecker]

14: DANIEL BROOK, „A History of Future Cities“, 352 pages, February 2013. [Cultural Studies, Architecture, Urban Planning]

15: VAHRAM MURATYAN, „Paris vs. New York“, 224 pages, 2011. [Cultural Studies, Graphic Design]

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Here are three books that made me curious enough to buy them:

01: GERMAN KRATOCHWIL, „Scherbengericht“, 400 pages, 2006. [German / Austrian novel about expats in Patagonia; Perlentaucher]

02: MATTHEW QUICK, „The Silver Linings Playbook“, 289 pages, 2008.

03: CORY DOCTOROW, „Homeland“, 384 pages, 2013. [YA Sci-Fi: I’m a fan of Doctorow’s writing and activism, and I liked the first book of this series, „Little Brother“]

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…and finally, here are three books that I read – and that were really good:

4 of 5 stars: T COOPER, „Real Man Adventures“, 272 pages, 2012. [Memoir / Cultural Studies about Female-to-Male transexuality. German edition here]

4 of 5 stars: MARIA DERMOUT, „The Ten Thousand Things“, 208 pages, 1955. [Dutch / Indonesian]

4 of 5 stars: ALEXANDER MAKSIK, „You deserve nothing“, 308 pages, 2011.

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Erzählen / Schreiben… mit „Lost“

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Wer erzählt, erzählt auch vom Erzählen. Exponiert sich als Instanz, die Information auswählt und gewichtet – zeichnet keine „Wirklichkeit“, sondern das Selbstbild eines Menschen, der glaubt, Wirklichkeit sei darstellbar, in Sprache, und erzählens-wert, in dieser / jener Auswahl, Form, Gewichtung:

Jedes Foto stellt die Frage: Wer hält die Kamera? Wer und was fehlt, im Bild?

Jeder Text stellt die Frage: Wer schreibt das – wem? Glaubt dieser Mensch („Knallkopf“? „Hochstapler“?), Sprache sei… eine Kamera?

Lost“ (ABC, 2004 bis 2010, sechs Staffeln, 121 Episoden) hat mir sehr kurz sehr viel bedeutet: als eine Ensemble-Serie und pointierte Charakterstudie über Zäsuren und „zweite Chancen“. Obwohl die Hauptfiguren im Dschungel hausten, als Überlebende eines Flugzeugabsturzes, blieben die „Wir müssen Obdach finden, bevor es dunkel wird!“-Konflikte zweitrangig. Stattdessen wurde – in cleveren Rückblenden, Parallelgeschichten, Motivketten – über die Geworfenheit des Einzelnen sinniert, Rettung, Tilgung, Sühne, Wiedergutmachung… „Redemption„.

Jede Episode zeigt ein Mitglied des Ensembles als Perspektivträger: Alles, was ihm tagesaktuell, beim Überleben auf der Insel, widerfährt, wird konterkariert, ergänzt, in neues Licht gerückt durch Rückblenden ins Leben vor dem Absturz. Viele Taten, Ängste, Entscheidungen wirken paradox – bis parallel erzählte Rückblenden neue, überraschende Hintergründe öffnen: Er saß im Rollstuhl! Sie ist eine Kriminelle! Er hat gefoltert, beim Militär! etc.

„If there is a method of skewing the audience’s perception of events by rearranging the order of the scenes, LOST has used it“, erklärt TV Tropes. Doch verweist damit auch auf Probleme: In den banalsten, schlechtesten Zeiten erzählte „Lost“ keine Geschichte mehr… sondern häufte leere Andeutungen, Geraune, Taschenspielertricks zu einem möglichst hektischen Durcheinander in der Gegenwart – gespiegelt / gedoppelt durch neue, widersprüchliche Zusatz-Durcheinander in Rück-, Vor-, Seitwärts-Blenden:

Symbole, Figuren, Konflikte – so mehr-, viel-, doppeldeutig, dass sie bedeutungslos wurden. Komplexität als Selbstzweck. Vexierbilder. Beliebigkeit.

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Jedes „Zimmer voller Freunde“-Kapitel erzählt – räumlich begrenzt, recht linear – von einer Figur an einem Ort: Stefan steht im Wald, am Rand einer Grill- und Hüttenparty. Sassi hilft Fred, einen Getränkewagen voll Alkohol über Bordsteinkanten zu hieven. Frank verkauft Bier und Würstchen, auf dem Fußballplatz [Hörprobe]. Antje lauert an der Tür des IT-Raums und zweifelt, ob sie klopfen soll.

Fast immer sind diese szenischen, akuten Spannungsräume alltäglich, dörflich, jugendlich – eine Kragenweite, die u.a. „My so-called Life“ entspannt „realistisch“ wirken ließ: Wer holt uns ab? Wo fahren wir hin? Wen nehmen wir mit? Was denken die von mir? Wie komme ich heim? Figuren stehen auf der Schwelle und entscheiden, wie weit sie gehen wollen. Meine Aufgabe, als Erzähler? Für jede Szene so viele (im Zweifelsfall: gerade genug) Informationen liefern, dass die Tragweite ihrer Entscheidungen verständlich wird.

Zu viele Details? Geschwätzig, barock.

Zu wenige Eckdaten? Verwirrende Puzzles. Luftleerer Raum. Beliebigkeit.

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lost s2 main cast

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In Staffel 3 zeigt „Lost“ eine neue Figur – die überspannte Ärztin Juliet. Um ihre inneren Konflikte abzustecken, reichen 60 erste Sekunden: Juliet will Gäste empfangen, in ihrem kleinen Haus. Juliets Gesten und Routinen zeigen: Sie ist gewissenhaft und fleißig… aber unzufrieden mit sich selbst. Sie will das Richtige tun… doch handelt aus falschem Pflichtbewusstsein. Juliets Ansprüche, Wut und Energie laufen ins Leere.

Es braucht kein Vorwissen, um Spannung, Dringlichkeit dieses ersten Auftritts zu verstehen: Die Frau ist eine Ärztin? Unwichtig. Ihre Schwester hat Krebs? Egal. Das zählt erst später. (… aber: Ihr Lieblingsbuch ist „Carrie“, von Stephen King? Spannend! Eine mausige, überspannte Frau mag den Roman über ein mausiges, überspanntes Mädchen… das ihre gesamte High School tötet? Schlechtes Omen. Gutes Foreshadowing! Das darf gerne gezeigt / erzählt werden, in Juliets erster Szene…)

Erst sehr, sehr spät – Juliet ist als Figur gut positioniert, ihre inneren Konflikte sind klar (wenn auch, natürlich: lange nicht erklärt, benannt, ausgesprochen) – verlässt die Kamera Juliets enges, sauberes Häuschen. Und draußen, vor der Tür… beginnt der Dschungel. Juliet lebt auf der Insel! Sie gehört zur Gruppe der „Anderen“ – schweigsame, finstere Wilde, die in Staffel 1 und 2 in Lumpen und mit Kriegsbemalung durch die Büsche schlichen und Kinder entführten. Oh, the drama…!

Video 2: Fortsetzung der Szene: [Link öffnen – Einbetten ist leider deaktiviert]

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Als ich „Zimmer voller Freunde“ plante, fand ich drei Perspektivträger – Antje, Stefan, Frank –, sechs weitere Hauptfiguren… und glaubte, alles erzählen zu können – mit nur diesen neun Personen:

Ein Theaterstück, in dem neun Darsteller die Bühne betreten. Eine Welt, die keine Erwachsenen zeigt. Ein enger, diskreter Bildausschnitt – mit Leerstellen wie bei Charlie Brown: Die Kamera schwenkt nie bis vorne zur Tafel. Oder hinaus, zur Tür.

Wovon erzähle ich nicht?

Wo fängt mein „außen“ an?

Tatsächlich überraschte mich beim Schreiben des Romans immer wieder, wie schnell (und: endgültig) ich mich entscheiden muss – für Vorgeschichten, Details, feste Größen, Hintergründe – und wie verwirrend, leer, ambivalent jede Szene scheint, der solche Parameter / präzise Kontexte fehlen:

Jetzt, heute ist Freitag, der 20. Juni. Antje ist hier, in der Stadt. Sie kommt gerade…? Vom Schulhof. Sie will…? Zum Bus, der sie nach Hause bringt, ins Dorf. Zu ihrem Vater. Ihren Brüdern. Einem Kaninchen… namens Valentin. Und einem Hund. Doch der hat keinen Namen…

…weil in „Zimmer voller Freunde“ schon fünf andere Hunde wichtig sind – drei mit, zwei ohne Namen: Wer lebt in welchem Dorf? Wer hat Geschwister? Was arbeiten die Eltern? Kennt Stefan Helena seit Klasse 7 – oder seit Klasse 9? Wie heißt Franks Klassenlehrer? Wie viele Großeltern von Käthe sind am Leben? Nur zwei…?! Aha…! Wann und wie starben die übrigen…?!

„Es ist halb sieben, Sonntag Abend. Wir stehen vor Franks Sofa, wir stehen in diesem großartigen Haus, und durch die Gartentür leuchten die Scheiben des Terrariums durchs Laub. Herr Wagenmach fuhr eben nach Heilbronn, zum Nachtdienst. Franziska und Franks Mutter liegen oben auf der Couch, kucken „Charmed“. Und morgen früh ist wieder Schule. Es wird Zeit.“ („Zimmer voller Freunde“: Stefan, zu Beginn von Kapitel 9)

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  • Ein Romancier des 19. Jahrhunderts hätte solche Details / Verortungen / Vogelperspektiven-Fakten immer weiter abgespult – unfehlbar, altklug, selbstbewusst auktorial, als Herr seiner Erzählwelt.
  • Ein „Lost“-Autor hätte lange getrickst, verschwiegen, verschoben – Lücken, Fragen, Leerstellen ausgestellt, als Herr seiner Erzählwelt (Schock! Überraschung, nach 25 Kapiteln: Franks Vater ist Polizist!).
  • Mit 15, 16, in jährlich 200 Einträgen meines „Timers“, habe ich Briefe transkribiert, Freunde interviewt, Gasteinträge gesammelt, aus meiner Wirklichkeit, für eine (imaginäre) Leserschaft ein möglichst „dramatisches, tiefgründiges Ensemble-Drama“ montiert– als Herr meiner Erzählwelt.

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Erst heute, mit diesem Roman, muss ich entscheiden: Wollen wir – Autor und Leser, im Pakt, den wir für die Lektüre von „Zimmer voller Freunde“ eingehen – tun, als hätte ich alles hier im Griff… als virtuoser, kühler Autor?

Oder will ich Fehlbarkeiten, Bruchstellen, Beschränkungen ausstellen…?

„Das ist ja alles real…!“, schimpften Frauenrechtler über Alexander Maksiks Schul- und Parisroman „You deserve Nothing“ (2011): Ein eitler, selbstzogenener, narzisstischer US-Lehrer unterrichtet Philosophie in Paris, schläft mit einer 17jährigen Privatschülerin, unterstützt sie bei ihrer Abtreibung und wird gefeuert. Journalisten deckten auf, dass Maksik – als Lehrer in Paris – 2004 tatsächlich gefeuert wurde, weil er mit einer Schülerin schlief. Die junge Frau bereut die Affäre bis heute – und fühlt sich durch den Roman zusätzlich bloßgestellt.

„Das ist ja alles ganz verdreht…!“, schimpfte meine Mutter, als ich über meine Arbeit am Roman erzählte: „Du nennst den Berliner Ring im Buch ‚Südring‘? Der echte ‚Südring‘ liegt 200 Meter weiter südlich…! Du kannst das doch nicht einfach… biegen!“

„70 Prozent von ‚Feuchtgebiete‘ sind autobiografisch“, schnodderte Charlotte Roche (als blöde Reporter unbedingt „konkrete“ Zahlen hören wollten) – und ich stimme, für „Zimmer voller Freunde“, zu: Bisher erzählen 2 (!) von zwanzig Kapiteln von einem „echten“, realen biografischen Moment, der tatsächlich an genau diesem Tag, mit diesen Leuten „wirklich so geschah“: Tausend Details, Stimmungen, Konflikte (und: Wortwechsel / Tagebucheinträge) sind real. Doch jedes Mal wähle ich, im Zweifelsfall, die erzählerische Lösung, die meine „Wahrheit“ zeigt / erklärt – nicht die empirische, blanke, biografische Wirklichkeit.

„Lost“ sagt: DAS ist die Situation. Wir zeigen sie aus DIESER Perspektive.

Dann fährt die Kamera hinaus – und Juliets Häuschen steht im Dschungel.

Die Fahrt hinaus – die neue, erweiterte Perspektive – schafft neue Komplikationen.

Neuen Kontext. Neue Fragen. Komplexität.

Aber immer auch: Widersprüche. Durcheinander.

„Erzählen“ heißt, in solchen breiten, übervollen, latent unübersichtlichen Figuren- und Handlungsnetzen nicht, in eigener Sprache alles durchzupausen, das „es gab“. Sondern die besten Winkel, Perspektiven, Rhythmen, Schnittfolgen zu finden. Streichen. Auslassen. Strukturieren. Der echte Hund hieß „Ronja“ und gehörte im wahren Leben Antje – nicht ihrem kleinen Bruder. Für meinen Roman wäre das – erzählerisch – ein Fehlgriff: ein schiefes Motiv, ein schlechter Name.

Eine falsche Fährte. Totes Gewicht.



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Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.

Underdog Literature, January 2012: 15 fresh or amazing, off-the-wall titles

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Here are 15 books that caught my interest lately.

Fresh, off-beat, quirky or curious titles that might deserve more attention:

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01: MATTHEW NORMAN, ‚Domestic Violets‘, 352 pages, 2011.

02: PIERS BRENDON, „The Dark Valley: A Panorama of the 1930s“, 848 pages, 2000. [History]

03: JEANETTE WINTERSON, „Why be happy when you could be normal?“, 256 pages, 2011. [Memoir]

04: JORDAN ROSENFELD, „Make a Scene: Crafting a powerful Story one Scene at a Time“, 272 pages, 2007. [Creative Writing]

05: CAROLE MASO, „The Art Lover“, 176 pages, 1990.

06: JANE GARDAM, „Old Filth“, 289 pages, 2004.

07: BRIAN FARREY, ‚With or without you‘, 368 pages, 2011. [Young Adult]

08: ANDREW SMITH, ‚Stick‘, 292 pages, 2011. [Young Adult]

09: SUZETTE MAYR, ‚Monoceros‘, 280 pages, 2011.

10: ALEXANDER MAKSIK, „You deserve nothing“, 323 pages, 2011.

11: CAROLINE PRESTON, „The Scrapbook of Frankie Pratt“, 240 pages, 2011.

12: ANNA FUNDER, „All that I am“, 370 pages, 2011.

13: MICHAEL LESY, „Wisconsin Death Trip“, 261 pages, 1973. [Art / Photography.]

14: ALAN FLETCHER, „The Art of Looking Sideways“, 534 pages, 2001. [Art / Design / Neurology / Cultural Studies.]

15: EDEN ROBINSON, „Monkey Beach“, 384 pages, 1999.

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Here are five books that made me curious enough to buy them:

01: MARILYN FRENCH, „The Women’s Room“, 544 pages, 1977.

02: HANS FALLADA, „Wer einmal aus dem Blechnapf frißt“, [German pre-WW2 classic], 584 pages, 1934.

03: TUCKER SHAW, „Everything I ate: A Year in the History of my Mouth“, 496 pages, 2005.

04: NAOMI KLEIN, „The Shock Doctrine: The Rise of Disaster Capitalism“, 588 pages, 2007.

05: DOUGLAS KENNEDY, „The Pursuit of Happiness“, 656 pages, 2001.

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…and finally, here are three books that I read – and that were really good:

1: 4 of 5 stars: W.G. SEBALD, „Die Ausgewanderten“ [US: „The Emigrants“], 354 pages, 1996.

2: 4 of 5 stars: JERRY SPINELLI, „Milkweed“, YA Holocaust Novel, 208 pages, 2003.

3: 4 of 5 stars: ELIZABETH McCRACKEN, „An exact Replica of a Figment of my Imagination“, Memoir, 192 pages, 2008.

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